Montag, 18. Juni 2007

Avantgarde

In einem früheren Beitrag (Stud. gen.) wurde auf die Lebensreform-Bewegungen am Anfang des 20. Jahrhunderts, wurde überhaupt auf die kulturelle Aufbruchstimmung in der damaligen Zeit hingewiesen. Das ist ein unerschöpfliches Thema, das man noch heute für wichtig halten kann. Viele damals angedachte Gedanken und gesellschaftsreformerischen Forderungen sind in der nachherigen Zeit unterdrückt worden oder "versandeten", ohne daß sie ihren Anspruch auf geschichtliche Geltendmachung jemals in befriedigender Weise eingelöst hätten. Würde sich eine heutige Anknüpfung an damalige Bestrebungen lohnen? Und wie könnte sie erfolgen? Praktisch umgesetzt werden?

Wer würde nicht gerne Hermann Hesse lesen oder Henrik Ibsen und sich dabei gerne von dem unruhigen aber zugleich auch lebens-optimistischen, hoffnungsfrohen Geist der damaligen Zeit anstecken lassen? Wer hätte sich nicht gern befaßt mit all den damaligen Malern des Expressionismus und der "Neuen Sachlichkeit"? Wieviele Künstler und Schriftsteller waren von dem damaligen kulturellen Aufbruch getragen, haben ihn mitgeformt und sind für unser heutiges kulturelles Selbstverständnis immer noch prägend, leitend? Aber sind wir nicht oft heute müde geworden, ihren damaligen hehren Zielen und emanzipatorischen Bestrebungen weiter nachzufolgen? Viele damalige Forderungen sind ja heute längst eingelöst? - Aber sind wirklich alle eingelöst worden? Oder sind nicht auch ganz neue Mißstände hinzugekommen, mit denen damals noch niemand in vollem Ausmaß überhaupt rechnen konnte?

Ist "Ikea" alles, was von der Avantgarde übrig geblieben ist? - Der Rückzug ins Private?

Haben die Menschen vor 1914 weniger an Krieg gedacht als wir heute? Und hat nicht auch das Erlebnis des Ersten Weltkrieges insgesamt gesehen eher zu neuer kultureller Lebendigkeit geführt als zu - - - Müdigkeit und - - - Autismus?

Oder ist es etwa nicht Müdigkeit, wenn selbst die fröhlichsten kulturellen Leitworte und Schlagworte einer Gesellschaft nicht mehr aus einem wildwuchernden, jugendlichen Kulturleben "hervortreiben", sondern durch Werbeagenturen "gestylt" werden? "Wohnst du noch oder lebst du schon?" - Das hätte sicher auch eine fröhliche Frage um 1900 sein können, als der Jugendstil neben ganz neuen Lebens- auch ganz neue Wohnformen ausprobierte, als auch überhaupt "Skandinavien" sehr "modern" war. (Man denke an den Maler Carl Larsson.) Aber heute? Alles - alles: ökonomisiert.

Es ist also wohl die damalige kulturelle Lebendigkeit, der Aufbruch, der auch für heutige Zeiten noch ein Leitbild sein könnte. Und um davon einmal einen Eindruck zu bekommen, hier einmal einige Auszüge aus einem Buch, das den Geist der damaligen Bestrebungen zum Teil vielleicht recht gut erfaßt. Sein Titel heißt schlicht "Avantgarde". (1) (Amazon)

"Mehr gemeinsam gefühlt als gedacht ..."

"Wenn es stimmt, daß innerhalb einer Generation weit mehr gemeinsam gefühlt als gedacht wird, und wenn es weiter stimmt, daß nie stärker gefühlt wurde als zu Beginn des 20. Jahrhunderts ...", dann so glaubt die Autorin, könnte uns die damalige Zeit noch heute viel zu sagen haben. (1, S. 179) Aber es mischt sich bei ihr auch viel Skepsis und Pessimismus mit hinein: "Seit Auschwitz und Hiroshima geschehen sind, seit wir 'weit mehr herstellen als vorstellen können', ist Utopie hoffnungslos geworden." "Unsere Großeltern um 1910 dürfen eines glückverlorenen Stammes ernüchterter Enkel sicher sein." (1, S. 179) Doch das ist resümierende Reflektion auf sich selbst und unsere heutige Gegenwart am Ende des Buches. Der Inhalt des Buches selbst ist ja ein anderer:

"Mit den vielfach stilisierten, in Wahrheit schlichten Anfängen der Wandervogel-Bewegung beginnt dieses Buch, mit der Diskriminierung des Bauhauses in der Spätphase der Weimarer Zeit endet es. Um der Transparenz willen sind der Darstellung interpretierende Schlüsselworte und Zwischenüberschriften eingefügt, zusammenfassende Urteile jedoch vermieden worden. Der ganz andere, eher pragmatische Grundzug unserer Zeit läßt den Rückschauenden das Bizarre, jugendlich Utopische, subjetkivistisch Pathetische des Aufbruchs nach der Jahrhundertwende verstärkt empfinden. Welche spezifisch deutschen Defizite diese Avantgarde auch motivierten - sicher ist, daß sie in ihrer Vielfalt und Intensität eine weit über Deutschland hinausreichende Bedeutung erlangt hat." (1, S. 8)

"Ein neuer Zustand des Fühlens und Denkens"

"Um die Jahrhundertwende geriet die junge Generation der deutschen bürgerlichen Gesellschaft in einen neuen Zustand des Fühlens und Denkens. Es entstanden heftige kulturrevolutionäre, zivilisationskritische und lebensreformerische Wirbel und Strömungen: vom Jugendstil bis zum Expressionismus, von der Wandervogel- und Siedlungsbewegung bis zur Reformpädagogik, von der Programmatik des Werkbundes bis zum Modell des Bauhauses. Die Gründe, die, in Deutschland mehr als in den benachbarten, vergleichbaren Industrienationen, zu solchen Protest- und Reformbewegungen führten, entziehen sich einer einfachen Deutung. Zu unterschiedlich waren Motive und Habitus im Spannungsfeld zwischen der revolutionären Linken und der konservativen Rechten. Die ideologische und politische Ambivalenz etwa des Expressionismus oder der Jugendbewegung blieb bis in die Weimarer Zeit erhalten. Sie erschwert noch heute eine schlüssige Bilanz. Eher läßt sich diese 'Aufbruchsstimmung' von ihren Negationen her erfassen, ihrer pathetischen Kritik am Epigonentum, an eklektizistischer Kunst und Literatur, an der Überfremdung des Lebens durch die 'Segnungen' der technischen Zivilisation, an bürgerlicher Vernunft und Rationalität, an der traditionellen Dominanz einer Kultur der 'Erwachsenen'. Die Suche und Sucht nach neuer Einfachheit und Natürlichkeit, nach Kreativität und Originalität bis hin zur Jugendtümelei fast um jeden Preis waren Projektionen des Überdrusses an den Normen der bürgerlichen Bildungsgesellschaft und des wilhelminischen Hurrapatriotismus." (1, S. 7)

Eines ist sicher. Was damals vorherrschte, war Leben, war ein großes, buntes, ausgeschüttetes Füllhorn des Lebens.
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1. Hepp, Corona: Avantgarde. Moderne Kunst, Kulturkritik und Reformbewegungen nach der Jahrhundertwende. dtv, München 1992 (1987)

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