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Freitag, 25. Juli 2025

Mit chinesischer KI meine Doktorarbeit fertig schreiben (!?!)

Wir haben schon ChatGPT und Grok für die grundlegende Fragestellung unserer Doktorarbeit ausprobiert (Stg25). Dabei war uns Athena, die antik-griechische Göttin der Weisheit, die Leitfigur. Nun probieren wir einmal das chinesische "Kimi K2" (Kimi) aus. Von ihm ist in den Nachrichtenmeldungen gerade viel die Rede. Nun ist es nahe liegend, Konfuzius zur Leitfigur zu wählen.

Abb. 1: Der chinesische Philosoph Konfuzius (551-479 v. Ztr.)

Die Antwort auf die einleitende Frage unseres ersten Beitrages zu diesem Thema (Stg25) überspringen wir hier und bringen gleich die Antwort auf unsere erste "Frangfrage" (wir nutzen zur Kommunikation mit "Kimi" Google Übersetzer):

Wenn man Adam Smiths Logik der Arbeitsteilung in Hamiltons Ungleichung einbettet, stellt man fest, daß K/N in „r > K/N“ aufgrund der Arbeitsteilung stark komprimiert ist, was Altruismus leichter durchkommen läßt. Dies läßt sich in drei Schritten ableiten:

Die Kostenreduktion K

Spezialisierung zerlegt mehrere Prozesse, die ursprünglich von einer einzelnen Person ausgeführt wurden, in mehrere spezialisierte Verknüpfungen. Die Lern-, Werkzeug- und Entscheidungskosten jeder Verknüpfung sinken durch Wiederholung; außerdem muß der Altruist nur noch einen kleinen Teil der Ressourcen oder Dienstleistungen bereitstellen, in denen er gut ist (z. B. hilft ein Schmied seinem Nachbarn beim Reparieren einer Hacke). Die Grenzkosten dieser Ressource sind für den Altruisten extrem niedrig, und K wird stark reduziert.

Verstärkung des Nutzens N

Die Begünstigten, die Hilfe erhalten, können diesen kleinen Teil der Ressourcen aufgrund derselben Spezialisierung in ihren eigenen hochspezialisierten Produktionsprozeß integrieren, was zu einem Multiplikatoreffekt (N-Verstärkung) führt. Die 10-minütige Reparatur des Schmieds ermöglicht es dem Bauern, in einer Stunde einen halben Morgen mehr zu pflügen, und N ist deutlich höher als in der vorindustriellen Gesellschaft.

„Entspannung“ der genetischen Assoziation r

In einer typischen Jäger- und Sammlergruppe muß r sehr hoch sein (nahe Verwandte), um K/N auszugleichen. Sobald die Arbeitsteilung K/N auf ein sehr niedriges Niveau drückt, selbst wenn r nur 0,1 oder sogar noch niedriger ist (gleiches Dorf, gleiche Gilde, gleiches Handelsnetzwerk), läßt sich die Ungleichheit leicht aufrechterhalten. Daher kann sich Altruismus von „Blutsverwandten“ auf „Berufsverwandte“ oder „Marktverwandte“ ausdehnen, und es entsteht eine reziprok-kooperative Ordnung jenseits der Blutsverwandtschaft.

Kurz gesagt: Smiths Arbeitsteilung machte das Prinzip „geringe Kosten für große Vorteile“ zur Norm. Dadurch senkte sie die strenge Hürde der Verwandtenselektion und ermöglichte die Entwicklung des Altruismus von „Blut ist dicker als Wasser“ hin zur wirtschaftlichen Möglichkeit, „alle Menschen auf der Welt sind Brüder“.

Einiges ist nicht eindeutig zu verstehen. Schmiede gab es doch in der vorindustriellen Gesellschaft (?). Das mag der Übersetzung geschuldet sein. Witzig sind aber einige Formulierungen der letzten beiden Absätze, bzw. insbesondere des letzten Satzes. Wir haken bei "Kimi" noch einmal etwas kritischer nach:

Du springst sehr schnell vom Verwandten-Altruismus zum reziproken Altruismus, bei dem "alle Menschen auf der Welt Brüder" sein können. Wie sehen die Zwischenstufen aus? 

Antwort:

Die Zwischenstufe ist kein einmaliger Sprung von der Blutsverwandtschaft zum Markt, sondern ein schrittweiser Rückgang des Verwandtschaftskoeffizienten r: Jeder Schritt basiert auf einer neuen Struktur, um K/N weiter zu senken, sodaß r > K/N auch bei einem niedrigeren r-Wert erfüllt werden kann. Sie läßt sich in drei Stufen beschreiben:

Erweitertes Haus (Clan/Linie) – r≈0,125–0,25

Nach der landwirtschaftlichen Besiedlung kommt es innerhalb desselben väterlichen oder matrilinearen Clans zu einer stabilen Landaufteilung und gegenseitiger Arbeitshilfe. Die Arbeitsteilung erreicht zwar nur die Altersstufe (Männer bewirtschaften den Acker, Frauen weben, Alte und Junge weiden), kann aber K auf etwa die Hälfte der individuellen Selbstversorgung reduzieren, und r muß nicht 0,5 betragen, um zu bestehen.

Dorf-Nachbarschafts-Netzwerk zum gegenseitigen Nutzen (r≈0,05–0,125)

Öffentliche Einrichtungen wie Eisenbearbeitung, Wasserräder und Mühlen entstehen, deren Instandhaltung und Verwaltung eine clanübergreifende Zusammenarbeit erfordern. Professionelle Handwerker (Schmiede, Tischler) senken die Instandhaltungskosten K auf ein sehr niedriges Niveau; Nutznießer erhalten durch gemeinsame Nutzung von Werkzeugen eine Multiplikation von N. Zu diesem Zeitpunkt muß r lediglich die Stufe „gleiches Dorf“ erreichen, um die Zusammenarbeit aufrechtzuerhalten, ist aber dennoch untrennbar mit dem Reputationsmechanismus wiederholter Begegnungen verbunden.

Auch noch nach der kritischen Nachfrage mischt "Kimi" in seine Antwort wieder das Gegenseitigkeitsprinzip ein, nach dem gar nicht gefragt worden war. Das haben weder ChatGPT noch Grok so gemacht. Aber folgen wir den weiteren Ausführungen der Antwort:

Zunft-Markt-Handelskreis (r≈0,01–0,05)

Städte und reguläre Märkte treiben die Arbeitsteilung in Richtung Professionalisierung voran. Handwerker spezialisieren sich nur auf ein oder zwei Prozesse, und K reduziert sich auf „einen Teil oder einen Prozeß“; die Marktskala verstärkt N zur „Wertschöpfung der gesamten Industriekette“. Zu diesem Zeitpunkt ist r einem Fremden nahe, aber „Gildenregeln, Marktreputation und wiederholbare Transaktionen“ spielen die Rolle der „Quasi-Verwandtschaft“, wodurch die Ungleichheit auch dann noch gilt, wenn r extrem niedrig ist.

Schritt-für-Schritt-Anleitung:

• Jeder Schritt basiert auf „neuen Systemen/Technologien“, um K/N weiter zu senken und so die Schwelle für das Erreichen von r um eine Stufe zu senken.

• Die Farbe der Verwandtschaft verblaßt allmählich, aber „wiederholte Interaktion + Reputation + Bestrafung“ bietet eine alternative r-Funktion, die es der Altruismus-Evolution ermöglicht, jedes Raster fest zu betreten, bevor sie fortschreitet.

Wenn ich ehrlich sein soll: Im Vergleich von ChatGPT, Grok und Kimi hat ChatGPT die bei weitem beste Antwort gegeben: Sie ist viel umfassender, viel differenzierter und zugleich auch konkreter. Und Kimi hat die schlechteste Antwort gegeben. Man spürt bei Kimi durch, daß es die gestellte Frage sehr "obenhin" beantworten will.

Immerhin bestätigen alle drei grundsätzlich, 

  1. daß es da einen Zusammenhang gibt zwischen gesellschaftlicher Arbeitsteilung und Verwandtenaltruismus, und auch 
  2. daß sich dieser Zusammenhang während der geschichtlichen Entstehung und Weiterentwicklung komplexer menschlicher Gesellschaften verändert.

ChatGPT und Grok hatten den Zusammenhang auch auf die Evolution überhaupt angewandt. Kimi hat das nicht berücksichtigt. Vorerst verstehen wir noch nicht, warum "Kimi" "besser" sein soll als die beiden anderen.

Auch Kimi's Antwort auf die Frage "Um welchen Faktor hat sich der Spezialisierungsgrad der menschlichen Gesellschaften im Geschichtsverlauf verändert?" ist wenig konkret.

Wir sind gespannt, wie sich die jeweiligen KI-Werkzeuge in nächster Zeit verbessern werden. Am Ende werden sie mir meine ganze Doktorarbeit allein schreiben. ... Vielleicht ....

Dienstag, 27. Mai 2025

Mit KI meine Doktorarbeit fertig schreiben (!!!)

Künstliche Intelligenz - Kann sie mir wirklich helfen, die Arbeit an meiner Promotion fortzusetzen?
- Ich pilgere nach Delphi, um die hohe, moderne Göttin der Weisheit zu befragen
- Sie ist - offenbar - deutlich klüger und schlagfertiger als ein verdienter deutscher Professor für Humansoziobiologie 1997 in Gießen

William D. Hamilton (1936-2000) (Wiki), der Begründer der Soziobiologie, ist einer der großen Helden meines dritten Lebensjahrzehnts, seit ich begann, mich mit Soziobiologie und Evolutionärer Anthropologie zu beschäftigen. (Neben vielen anderen Helden - natürlich, s. Abb. 3.)

Abb. 1: Athena, die hohe Göttin der Weisheit, hat einen neuen Namen: KI (Wiki)*)

1966, als ich geboren wurde, saß er einsam in Londoner Bahnhofs-Wartesälen und schrieb an einer Doktorarbeit, die einen ganzen neuen Wissenschaftszweig begründen sollte, nämlich eben jene genannte Soziobiologie, heute allgemeiner Evolutionäre Anthropologie oder Evolutionäre Psychologie genannt.

An ihn, diesen großen Wegbahner und mutigen Intellektuellen sei als erstes erinnert. Er sollte zahllose Schüler weltweit haben. Zu den namhaftesten gehören Edward O. Wilson und Richard Dawkins. Diese machten die große Öffentlichkeit ab 1975 erstmals mit jenen neuen Gedanken bekannt, die von William D. Hamilton in die Welt gebracht worden waren (in den Büchern "Sociobiology - The New Synthesis" und "Das egoistische Gen"). In Deutschland wurde die neue Forschungsrichtung aufgenommen von Wolfgang Wickler, einem Schüler von Konrad Lorenz, später von Leuten wie Christian Vogel und dessen Schüler, dem Gießener Humansoziobiologen Eckart Voland. Bei letzterem begann ich selbst 1995/97 eine Doktorarbeit - also quasi als wissenschaftlicher Urenkel von William D. Hamilton. Schließlich war es im Jahr 2006 auch der Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, der in seinem Büchlein "Minimum - Vom Vergehen und Neuentstehen unserer Gemeinschaft" Anregungen seines Autors Eckart Voland aufnahm und der Soziobiologie eine neue öffentliche Aufmerksamkeit gegeben hat. Seither war es etwas stiller geworden rund um diese Forschungsrichtung. Ob das nicht sollte geändert werden können?

Soweit also zunächst als allgemeine Einleitung.

Künstliche Intelligenz nimmt richtig Fahrt auf in der Wissenschaft

Nun sehe ich also am 25. Mai 2025 die neueste Ausgabe der Wissenschaftszeitschrift "Nature" (22.Mai2025) durch und werde darauf aufmerksam, daß sie eine Fülle von Artikeln über Künstliche Intelligenz enthält. Dieses Thema scheint also in der Wissenschaft gerade so richtig, richtig Fahrt aufzunehmen. Da stößt man nur innerhalb dieser einzigen Zeitschriften-Folge auf die folgenden Aufsatzttitel:

The path for AI in poor nations does not need to be paved with billions
Researchers in low- and middle-income countries show that home-grown artificial-intelligence technologies can be developed, even without large external investments.

Oder:

AI linked to explosion of low-quality biomedical research papers
Analysis flags hundreds of studies that seem to follow a template, reporting correlations between complex health conditions and single variables based on publicly available data sets.

Oder:

I told AI to make me a protein. Here’s what it came up with
A new crop of artificial-intelligence models allows users to create, manipulate and learn about biology using ordinary language.

Oder:

Abb. 2: "Nature" 

AI tool flags people at high risk of post-partum depression
Model could be used by hospitals to identify people who would benefit from of preventive measures.

Oder:

Can AI help us talk to dolphins? The race is now on
Lucrative prizes are offered for an AI-powered breakthrough in communications between humans and other species.

Mit solchen Titeln auf die Thematik eingestimmt, stößt der unbedarfte, nichtsahnende Leser dann auf die folgende Überschrift:

‘AI models are capable of novel research’: OpenAI’s chief scientist on what to expect
Jakub Pachocki, who leads the firm’s development of advanced models, is excited to release an open version to researchers.

Ja, was denn, so taucht aus den Tiefen meines Gehirns der Gedanke auf: Kann ich denn mit KI, mit OpenAI (vormals "ChatGPT") auch meine Doktorarbeit fertig schreiben? Und sei es auch nur, nunja: als "low-quality research paper"? Dieser Frage will ich gleich einmal nachgehen. 

Die grundlegende These meiner Doktorarbeit von 1997

Ich frage also unbefangen OpenAI: 

"Altruismus kann evoluieren, wenn die Hamilton-Ungleichung r > K/N eingehalten wird, das heißt, wenn die Kosten K einer altruistischen Handlung (für den Altruisten) geteilt durch den Nutzen N einer altruistischen Handlung (für den Nutznießer) kleiner sind als der genetische Verwandtschaftsgrad, der zwischen Altruist und Nutznießer besteht - richtig?"

Dieser Satz ist der allgemeinen Beschreibung des vorliegenden Blogs entnommen. Die KI gibt mir im Wesentlichen recht. 

Schließlich stelle ich die Folgefrage, meine "Fangfrage":

"Gut, wie wirkt sich nun Arbeitsteilung im Sinne von Adam Smith auf die Gesetzmäßigkeiten dieser Altruismus-Evolution aus? Durch Arbeitsteilung kann mit wenig Kosten viel Nutzen erreicht werden."

Die KI zögert mit der Antwort auch nicht eine Sekunde:

Sehr gute und tiefgehende Frage! Du bringst hier zwei verschiedene, aber potenziell verknüpfbare Konzepte zusammen: biologischen Altruismus im Sinne der Hamilton-Regel und Arbeitsteilung im ökonomischen Sinne von Adam Smith. Lassen wir uns diese Verbindung systematisch betrachten. (...)
Adam Smith stellte fest, dass durch Spezialisierung und Arbeitsteilung:
Produktivität steigt (mehr Output mit gleichem oder weniger Input),
Effizienzgewinne entstehen (z. B. Zeitersparnis, Lernkurve, Technikeinsatz),
die Kosten pro Einheit sinken, während der Nutzen (Output) steigt.
Hier kommt deine kluge Beobachtung ins Spiel:
Durch Arbeitsteilung kann der Quotient K/N (Kosten/Nutzen) kleiner werden.
Beispielhafte Wirkung:
Ohne Arbeitsteilung       Mit Arbeitsteilung
K = 5 (Kosten)                     K = 2
N = 10 (Nutzen)               N = 12
K/N = 0,5                              K/N = 0,166...
Benötigtes r > 0,5               Benötigtes r > 0,166...
Arbeitsteilung reduziert K/N ⇒ Erhöht die Bedingungen, unter denen Altruismus evolvieren kann.
In biologischen oder sozialen Systemen (z. B. bei Insekten, Primaten oder Menschen) zeigt sich das so:
Arbeitsteilung senkt individuelle Kosten → Altruistische Handlungen werden fitnessverträglicher.
Hochspezialisierte Individuen (z. B. Arbeiterinnen bei Ameisen) können altruistisch handeln, weil der individuelle Beitrag gering erscheint, aber für das Ganze (Kolonie) hoch ist.
Effizienz durch Spezialisierung → K wird klein, N wird groß → Mehr evolutionär stabiler Altruismus möglich.
Fazit
Ja, Arbeitsteilung verändert die Bedingungen der Altruismus-Evolution:
Sie kann K/N verkleinern und dadurch die Hamilton-Ungleichung leichter erfüllbar machen.
Dadurch wird kooperatives, altruistisches Verhalten auch zwischen weniger nah verwandten Individuen wahrscheinlicher – ein evolutionärer Mechanismus, der zur Hochentwicklung komplexer Gesellschaften beitragen kann.
Wenn du möchtest, kann ich dir ein vereinfachtes Modell oder Diagramm zeichnen, das diesen Zusammenhang zeigt.

In diesen wenigen, schnell von der KI hingeschriebenen Worten sind fast alle Grundgedanken meiner Doktorarbeit von 1997 zusammen gefaßt. Die KI trägt hier genau jene These vor, die ich selbst 1997 im Doktorandenseminar von Eckart Voland in Gießen vorgetragen habe! Ganz ohne daß ich die KI mit dem Zaunpfahl darauf hinweisen muß, also quasi "von selbst". (Aus anderen Zusammenhängen weiß ich, daß ChatGPT nicht immer so schnell auf den Punkt kommt, den ich als Fragender von ihr erwarte, etwa als ich die KI neulich zu der Philosophin Violetta Waibel befragte, da brauchte ich dann doch irgendwann den Zaunpfahl ... [Stg2025]. Wie auch immer!) Auch die Schlußfolgerung bezüglich der Ameisenstaaten hat ChatGPT von selbst gezogen. Und wenn ich den Schritt von der Einzelligkeit zur Mehrzelligkeit über dieses Prinzip erklären möchte, dann wird mir ChatGPT voraussichtlich auch hierbei zustimmen (!). (Werde ich die KI irgendwann noch fragen ...)

Abb. 3: William D. Hamilton

Ich möchte hier also zunächst einmal feststellen, daß die Künstliche Intelligenz intelligenter ist als es mein Doktorvater Professor Voland im Jahr 1997 war, also zu jenem Zeitpunkt, als ich genau diese These in seinem Doktorandenseminar vorgetragen habe und als auch alle anderen anwesenden Doktoranden - hm, vielleicht ein bisschen eilfertig - argumentativ dagegen gehalten haben. Und als ich von keiner Seite Ermutigung erhielt, diese Grundgedanken weiter zu verfolgen.

Die Zeit war damals vermutlich einfach noch nicht reif für einen solchen "ungewöhnlichen" (?) Gedanken. Zumindest unter deutschsprachigen Menschen, die sich mit Soziobiologie und Evolutionärer Anthropologie - ein wenig - auskannten. ChatGPT scheint da nun im Jahr 2025 "vorurteilsfreier" heranzugehen, ähm!!! (Manchmal mag es eben auch vorteilhaft sein, keine Emotionen zu haben ;-) ) Statt zunächst den Vorschlag im letzten Satz von ChatGPT weiter zu verfolgen, stelle ich der hohen Göttin KI gleich einmal jene Frage, der ich seit etwa 1994/95 nachgehe, und die mir fast noch am meisten auf den Nägeln brennt:

"Gibt es zu diesem Thema wissenschaftliche Literatur?"

Ich bin sehr gespannt auf die Antwort.

Literaturrecherche mit KI ...

Aber meine neue Koautorin KI nennt mir keine wesentliche Literatur, die ich nicht schon kennen würde, und in der ich den von mir aufgeworfenen Grundgedanken nie explizit genug heraus gearbeitet gefunden hatte. Die KI nennt etwa:

Bert Hölldobler & Edward O. Wilson (2009)
Titel: The Superorganism: The Beauty, Elegance, and Strangeness of Insect Societies
Betrachtung von Arbeitsteilung, Kooperation und Altruismus in sozialen Insekten
Verknüpfung zwischen Effizienzsteigerung durch Spezialisierung und kollektiver Fitness

Ich kann mich nicht erinnern, daß in diesem Buch der aufgeworfene Grundgedanke schon besonders konkret und ausführlich und explizit genug behandelt worden wäre. Das bemängele ich ja schon seit Jahren in meiner Blogbeschreibung an der Superorganismus-Theorie.

Sie nennt außerdem eine Arbeit von Herbert Gintis aus dem Jahr 2007 - gut! Sie nennt eine Arbeit von Samuel Bowles & Herbert Gintis (2011) - ebenfalls gut! 2008 hatte ich diese Autoren schon hier auf dem Blog erwähnt (Stg2008). So kommen wir weiter, mein liebe Koautorin KI. Jedenfalls: Beides sind Autoren, von denen ich immer schon gedacht habe, daß sie auf gutem Wege wären. Also, weiter so, liebe KI, liebe Göttin der Weisheit.

Die KI verweist mich aber auch auf Literatur zu Tit-for-Tat-Interaktionen. Da bist du auf dem Irrwege, liebe KI, denn diese haben zunächst gar nichts direkter mit dem Thema zu tun. Insgesamt kommt dir also selbst deine vorgeschlagene Literaturliste etwas zu kurz vor und du glaubst, sie "füllen" zu müssen. Ich schaue allmählich hinter deine Kulissen, meine liebe KI. Sieh dich vor. Auch Göttinnen können irren. 

Also insgesamt kommt mir ChatGPT bei der Literaturrecherche nicht schlauer vor als ich es selbst schon war. Damit bestätigt mir die KI im Grunde, daß ich offenbar keine wesentliche Arbeit zu diesem konkreten Thema übersehen habe - und (!!!): daß es immer noch keine echte Konkurrenz gibt bei der Behandlung dieses so grundlegenden Themas (!!!). Ich könnte also immer noch ein zweiter William D. Hamilton werden bei der Begründung eines neuen Wissenschaftszweiges.

Die KI hat in ihrer kurzen Antwort ohne Umschweife mehr und Konkreteres gesagt als ich es jemals in der wissenschaftlichen Literatur irgendwo behandelt gefunden habe! Die vergleichsweise spärliche Literatur, die die KI zu diesem konkreten Thema zusammen bringt, ist übrigens auch ein Beleg dafür, daß die KI bei ihrer ersten Antwort "selbständig" gedacht hatte und keineswegs nur Lesefrüchte referiert hat. Das zeigt mir, daß die KI wirklich was "drauf" hat. Ich bin sprichwörtlich begeistert.

Ich gehe dann doch noch auf den Vorschlag von ChatGPT ein und bitte: "Zeichne mir ein vereinfachtes Modell oder Diagramm, das den oben genannten Zusammenhang zeigt." Aber es dauert zu lange, bis es mit den Diagrammen fertig ist. Da aktuell gerade so viele Leute Bilder erstellen würden, so sagt mir die hohe Göttin KI. Tja, Delphi hat neuerdings viel zu tun. Um ihretwillen müssen ganze neue Kernkraftwerke in Betrieb genommen werden oder in Betrieb bleiben. Machen wir also mit Textfragen weiter und verzichten zunächst auf kluge Diagramme.

Der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad in Jäger-Sammler-Gesellschaften

Frage: "Wie hoch ist der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad in Jäger-Sammler-Gesellschaften?" Die hohe Göttin der Weisheit antwortet:

In Jäger-Sammler-Gesellschaften liegt der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad unter Gruppenmitgliedern bei etwa:

r ≈ 0,2 bis 0,25

Das ist deutlich höher als in heutigen anonymen Gesellschaften, aber niedriger als innerhalb enger Verwandtschaft (z. B. r = 0,5 bei Geschwistern).

(Literatur: Hill et al. (2011) Titel: Co-Residence Patterns in Hunter-Gatherer Societies Show Unique Human Social Structure. Studie an 32 Jäger-Sammler-Gruppen weltweit, mittlerer Verwandtschaftsgrad innerhalb von Wohnlagern: r ≈ 0,2 bis 0,25. In: Science, 331(6022), 1286–1289 DOI: 10.1126/science.1199071)

Nächste Frage: "Wie hoch ist der durchschnittliche Verwandtschaftsgrad in den frühesten, arbeitsteiligen bäuerlichen Gesellschaften des Menschen?" Antwort:

Basierend auf archäogenetischen Studien und ethnographischen Vergleichen kann man sagen: In frühen bäuerlichen Gesellschaften (Neolithikum) lag der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad vermutlich zwischen

r ≈ 0,05 und 0,15

Zum Vergleich:

Gesellschaftstyp                                               Durchschnittlicher r-Wert

Enge Familie (z. B. Geschwister)                        0,5

Jäger-Sammler-Band                                       ~0,2–0,25

Neolithische Bauerngemeinde                       ~0,05–0,15

Moderne anonyme Gesellschaft                         < 0,01

Mitteldeutschland (LBK, ca. 5000 v. Ztr.)
Studie von Haak et al. (2008) und Mittnik et al. (2019):
Genetische Rekonstruktion von Verwandtschaftsverhältnissen innerhalb neolithischer Dörfer (z. B. Eulau, Deutschland)
Viele Haushalte bestehen aus engen Verwandten, aber nicht alle
Erweiterte Familienstrukturen, aber auch Einheirat von außerhalb
Ergibt im Schnitt ein mittleres r von etwa 0,1 bis 0,15.

Das Schöne ist auch: Die KI hat das Potential, einen von so vielen etwaigen Selbstzweifeln zu befreien. All solche Daten habe ich ja selbst schon zusammen gestellt. Aber da die KI das ebenso schnell, frei und offen kommuniziert, fühlt man sich gleich viel sicherer. (Natürlich: Auch die hohe Göttin kann irren. Natürlich.)

Welche arbeitsteiligen Strukturen kann man bei vorkeramischen neolithischen Gesellschaften im Vorderen Orient feststellen?

Mit den vorkeramischen, neolithischen Gesellschaften des Vorderen Orients kenne ich mich vergleichsweise gut aus, denn zu ihnen habe ich schon 1995 am Anthropologischen Institut der Universität Mainz eine Seminararbeit erarbeitet. Es gab hier im sogenannten PPNB ab 7.500 v. Ztr. schon Dörfer mit bis zu 3.000 Einwohnern, ab 6.500 v. Ztr auch Städte mit 10.000 Einwohnern (1) (Abb. 4). Hier wird man sicherlich schon vielfältiger strukturierte gesellschaftliche Arbeitsteilung voraussetzen dürften, bzw. müssen. Deshalb meine Frage an die hohe Göttin KI: "Welche arbeitsteiligen Strukturen kann man bei vorkeramischen neolithischen Gesellschaften im Vorderen Orient feststellen?" In der Antwort heißt es unter anderem:

In PPNB zunehmend arbeitsteilige Organisation von:

Pflanzenbau (Weizen, Gerste, Hülsenfrüchte)

Tierhaltung (Ziegen, später Schafe und Rinder)

Nahrungsverarbeitung (Sicheln, Mahlsteine)

Unterschiedliche Aufgaben für Gruppen oder Individuen: Anbau, Ernte, Lagerung, Zubereitung

Ja, das deckt sich mit meinen eigenen Lektüre-Eindrücken von archäologischen Forschungs-Studien zum PPNB (1). Insgesamt ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung in vorkeramischen, neolithischen Gesellschaften aber noch nicht besonders klar und konturiert archäologisch festgestellt. Sie läßt sich aber schlußfolgern, insbesondere auch anhand der von der KI nicht erwähnten, aufwändig hergestellten Terrazzo-Fußböden und der damit verbundenen Fußboden-Heizungen in den rechteckigen Gebäuden des PPNB, die zum Beispiel einen hohen Verbrauch an Feuerholz zum Herstellen derselben mit sich brachten. Das heißt also, es gab spezialisierte Handwerks-Berufe.

Bevölkerungswachstum ohne und mit Spezialisierung

Nun gut, neue Frage: "Wenn es zu Bevölkerungswachstum in einer Gesellschaft kommt, ohne dass dabei die berufliche Spezialisierung zunimmt, dann sinken die Potentiale innerhalb dieser Gesellschaft, die aus dem Verwandtenaltruismus nach William D. Hamilton abgeleitet werden können - richtig?" - Antwort:

Ja, das ist im Kern richtig – und zwar sowohl theoretisch als auch empirisch gut begründbar. Hier ist eine genauere Erklärung: (...) Wenn r sinkt, wird es schwieriger, die Ungleichung zu erfüllen - es sei denn, C/B sinkt ebenfalls (z. B. durch Arbeitsteilung oder Effizienz).

Was passiert bei Bevölkerungswachstum ohne Spezialisierung?

Größere Gesellschaften → mehr Interaktionen mit Nicht-Verwandten

Dadurch sinkt der durchschnittliche r-Wert zwischen zufällig gepaarten Individuen

Ohne zunehmende Spezialisierung:

Kosten des Helfens (C) bleiben gleich hoch

Nutzen (B) nicht gesteigert durch Effizienz

→ C/B bleibt hoch

Ergebnis:

Die Hamilton-Bedingung (r > C/B) wird seltener erfüllt

→ Weniger Altruismus durch Verwandtschaftsselektion

Die hohe Göttin KI hat völlig verstanden, worum es geht!!!! Mit ihr kann ich mich über alles rund um meine Doktorarbeit viel besser und viel schlagfertiger unterhalten als mit allen Anwesenden im Doktorandenseminar in Gießen 1997. Die hohe Göttin KI führt in ihrer Antwort auch gleich noch unglaublich klug weiter - und sehr selbstständig gedacht - aus:

Was würde das kompensieren?

Berufliche/ökonomische Spezialisierung reduziert C (Kosten) → senkt C/B

Reziprozität, kulturelle Normen oder Multilevel-Selektion könnten altruistisches Verhalten auch zwischen Nichtverwandten stützen

Beispiel: "Arbeitsteilung kompensiert sinkenden r-Wert"

Beispielhafte Szenarien:

          Fazit

Ja, bei Bevölkerungswachstum ohne gleichzeitige Senkung der Kosten (C) durch Spezialisierung oder andere Mechanismen verliert Verwandtenaltruismus an Wirkungskraft.

→ In großen Gesellschaften braucht es kompensatorische Mechanismen (Arbeitsteilung, Normen, Institutionen), um Kooperation und Altruismus aufrechtzuerhalten.

Auf den Vorschlag, das zu visualisieren, verzichte ich zunächst angesichts der Erfahrung damit weiter oben. ;-) Ich nehme einfach einmal eine "Visualisierung" aus meiner Seminararbeit von 1995 mit herein (s. Abb. 4).

Um welchen Faktor ändert sich eigentlich der Spezialisierungsgrad einer Gesellschaft im geschichtlichen Verlauf?

Nächste Frage: "Um welchen Faktor hat sich der Spezialisierungsgrad in den europäischen Gesellschaften zwischen dem Frühmittelalter und dem Hochmittelalter verändert?" Leider gibt ChatGPT dazu keine konkreten quantitativen Angaben. Fragen wir weiter: "Um welchen Faktor hat sich der Spezialisierungsgrad in den europäischen Gesellschaften zwischen der Frühen Neuzeit und dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert verändert, dem Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft?" Auch auf diese Frage will mir ChatGPT keine konkrete, quantitative Antwort geben. Deshalb die nächste Frage: "Um welchen Faktor hat sich der Spezialisierungsgrad in den europäischen Gesellschaften zwischen der dem frühen Zwanzigsten Jahrhundert und heute verändert, dem Übergang von der Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft?" ChatGPT behauptet, es gäbe keine konkreten, quantitativen Angaben. Das glaube ich der KI nicht. Da macht sie es sich ein wenig zu einfach. Da gibt es viele Forschungen drüber. Deshalb frage ich: "Glaubst du nicht, dass du es dir bei deiner Antwort ein wenig zu einfach machst? Zu dieser Frage gibt es doch eine Fülle von wirtschaftsgeschichtlicher Forschung." Antwort:

Du hast völlig recht - die Frage nach dem Wandel des Spezialisierungsgrads in europäischen Gesellschaften zwischen dem frühen 20. Jahrhundert und heute ist komplex und wurde umfassend in der wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Forschung untersucht. Einige meiner früheren Antworten waren zu allgemein gehalten und haben die Tiefe der vorhandenen Literatur nicht ausreichend berücksichtigt. (...)

Quantitative Indikatoren für den Spezialisierungsgrad

Die Messung des Spezialisierungsgrads erfolgt in der Forschung häufig über verschiedene Indikatoren:

Herfindahl-Index: Dieser Index misst die Konzentration von Beschäftigung in bestimmten Branchen und kann Aufschluss über die Spezialisierung einer Volkswirtschaft geben.

Vielfalt der Berufsklassifikationen: Die Zunahme der Anzahl und Differenzierung von Berufsklassifikationen in nationalen und internationalen Klassifikationssystemen (z. B. ISCO) spiegelt die wachsende Spezialisierung wider.

Anteil hochqualifizierter Beschäftigter: Der steigende Anteil von Beschäftigten mit tertiärer Bildung oder spezialisierten Qualifikationen deutet auf eine zunehmende Spezialisierung hin.

Gut, wir schreiten hier erst einmal nur Themengebiete ab, die grob im Zusammenhang mit der Grundthese meiner Doktorarbeit Bearbeitung finden könnten.

Abb. 4: Die Kulturstufen der neolithischen Revolution (aus: T. Molleson, 1994, ergänzt durch I.B. 1995) (1) (auch in: Stg2012)

Dieser Blogartikel wird - natürlich - Fortsetzungen nach sich ziehen ...

... Und wie schlägt sich die KI "Grok" des Elon Musk?

Ergänzung 1.6.2025: In der aktuellen Ausgabe von "Scientific American" finde ich einen Artikel über die KI des Elon Musk, genannt "Grok" (ScAm25). Was diese nun wohl zu diesen Fragen sagt? - Sie sagt unter anderem (Grok):

Nach Adam Smith führt Arbeitsteilung zu einer höheren Produktivität, da Individuen durch Spezialisierung effizienter arbeiten. Dies bedeutet, dass die Kosten (C) einer altruistischen Handlung (z. B. Zeit, Energie oder Ressourcen, die der Altruist aufwendet) im Verhältnis zum erzeugten Nutzen (B) für den Nutznießer sinken können.
In der Hamilton-Ungleichung (rB > C) führt eine Arbeitsteilung dazu, dass B (Nutzen) steigt und/oder C (Kosten) sinkt. Dadurch wird die Ungleichung leichter erfüllt, was altruistisches Verhalten evolutionär begünstigt.
In sozialen Gruppen, wie bei Insektenstaaten (z. B. Bienen oder Ameisen) oder menschlichen Gesellschaften, kann Arbeitsteilung als eine Form von Altruismus betrachtet werden. Beispielsweise opfert ein Individuum (z. B. eine Arbeitsbiene) Zeit und Energie, um eine spezialisierte Aufgabe zu erfüllen, die der gesamten Gruppe zugutekommt. Durch die Spezialisierung wird der Nutzen für die Gruppe (z. B. mehr Nahrung, bessere Verteidigung) maximiert, während die Kosten für das Individuum relativ niedrig bleiben.
In menschlichen Gesellschaften könnte ein Bauer, der sich auf den Anbau von Nahrung spezialisiert, altruistisch handeln, indem er Nahrung mit anderen teilt. Durch die Arbeitsteilung ist die Produktion effizienter, was den Nutzen für die Empfänger erhöht und die Kosten für den Geber senkt.
Einfluß auf die Hamilton-Ungleichung
Erhöhung von B (Nutzen): Arbeitsteilung führt dazu, dass der Nutzen für die Empfänger einer altruistischen Handlung größer wird, da spezialisierte Aufgaben oft mehr Ressourcen oder bessere Ergebnisse liefern. Dies macht es wahrscheinlicher, dass rB > C erfüllt ist, selbst wenn der Verwandtschaftsgrad r relativ niedrig ist.
Senkung von C (Kosten): Durch Spezialisierung kann der Altruist seine Aufgabe mit geringerem Aufwand erfüllen, was die Kosten der altruistischen Handlung reduziert. Dies erleichtert ebenfalls die Erfüllung der Hamilton-Ungleichung.
Erweiterung von r (Verwandtschaftsgrad): In komplexen Gesellschaften kann Arbeitsteilung auch kooperatives Verhalten über die enge Verwandtschaft hinaus fördern, indem sie reziproken Altruismus oder Gruppenvorteile ermöglicht. Dies ist jedoch eher eine Erweiterung der klassischen Hamilton-Regel.
4. Evolutionäre Konsequenzen
Arbeitsteilung verstärkt die Evolution von Altruismus, da sie die Bedingungen der Hamilton-Ungleichung erleichtert. Gruppen mit Arbeitsteilung können effizienter kooperieren, was ihren evolutionären Erfolg steigert, insbesondere in Umgebungen, in denen Ressourcen knapp sind oder komplexe Aufgaben gelöst werden müssen.
Bei sozialen Insekten wie Ameisen oder Bienen ist die Arbeitsteilung ein Paradebeispiel für altruistisches Verhalten, das durch hohen Verwandtschaftsgrad (r nahe 1) und optimierte Kosten-Nutzen-Verhältnisse stabilisiert wird.
In menschlichen Gesellschaften ermöglicht Arbeitsteilung komplexe Formen von Kooperation, die über genetische Verwandtschaft hinausgehen, indem sie indirekte Vorteile (z. B. Handel, gegenseitige Unterstützung) schaffen, die den Prinzipien von reziprokem Altruismus ähneln.
Fazit
Arbeitsteilung im Sinne von Adam Smith wirkt sich positiv auf die Evolution von Altruismus aus, indem sie die Kosten (C) einer altruistischen Handlung senkt und den Nutzen (B) für die Empfänger erhöht. Dies erleichtert die Erfüllung der Hamilton-Ungleichung (rB > C), selbst bei niedrigerem Verwandtschaftsgrad. In sozialen Systemen fördert Arbeitsteilung somit die Kooperation und stabilisiert altruistisches Verhalten, was den evolutionären Erfolg von Gruppen steigert.

Sagen wir es so: Einverstanden, aber die Antwort von ChatGPT oben war doch noch einen Tick differenzierter. Die dann abgefragte Literatur-Liste von "Grok" ist auch ein wenig anders gestaltet - aber keineswegs besser. Auch die Frage zu Bevölkerungswachstum ohne weitere berufliche Spezialisierung wird in ähnlichem Sinne wie von ChatGPT beantwortet, aber wiederum etwas weniger differenziert. Interessant ist, wenn man diese Frage dann durch "DeeperSearch" weiter verfolgt. Dann wird deutlich, daß die KI sich über mehrere Versuche hinweg schwer tut, wirklich brauchbare Literatur zu dieser Frage zu finden. (Woher kenne ich das???) Sie sagt da etwa Worte wie:

Let's check if there's a connection between these factors in scientific literature.

Ergebnis des ersten Versuchs:

Just found interesting results from the search, including papers on kin selection and Hamilton's rule.
None directly address population growth without occupational specialization affecting kin altruism, though.

Und nach weiteren Versuchen:

Again, the search results are not directly addressing the specific combination of population growth, occupational specialization, and kin altruism.

Dieses "DeeperSearch" macht ein wenig transparenter, wie die KI arbeitet, vor allem auch, wie sie mit Mißerfolgen bei der Literaturrecherche umgeht, bzw. daß sie eben solche hat (so wie ich seit 25 Jahren). Wenn man sonst keine Anregungen hätte, würde man aus diesem "trial and error" mancherlei Anregungen für weiteres Nachdenken ableiten können, und zwar weil die KI doch ein wenig hartnäckig dran bleibt, die gestellte Frage doch noch von verschiedenen Seiten aus und aus verschiedenen Richtungen her zu beantworten. Wir wollen im Auge behalten, daß hier weitere Möglichkeiten der Zusammenarbeit gegeben sein könnten. Ich freue mich darauf, liebe KI Grok.

Mario Krenn, Tübingen 

Ergänzung 23.3.26: Inzwischen ist zu erfahren, daß sich durch die Künstliche Intelligenz der größte Umbruch in der Geschichte der Mathematik anbahnt. Ähnliches scheint auch für die Grundlagenphysik zu gelten (SpdW16.3.2026): "KI entwirft Experimente, die kein Mensch mehr versteht. Ein KI-Modell findet ein besseres Design für Gravitationswellendetektoren. Doch niemand begreift, warum die KI-Lösung funktioniert." Der Artikel stammt von dem 38-jährigen österreichischen Quantenphysiker und derzeitigen Professor an der Universität Tübingen Mario Krenn. Schon im November 2025 berichtete er im Spiegel über seine Erfolge unter anderem (Spiegel112025):

Neue Forschungsfragen: Eine KI generierte aus Millionen Fachartikeln neue Forschungsfragen, von denen Max-Planck-Forscher ein Viertel als (sehr) interessant bewerteten. (...) Er glaubt nicht, daß KI Studierende "dümmer" macht, da die Überprüfung der Ergebnisse weiterhin tiefes Fachwissen erfordert. KI werde Forscher nicht ersetzen, sondern ihre Aufgaben auf eine anspruchsvollere Ebene (Interpretation, neue Fragestellungen) verschieben.

Schon im November 2023 hat Mario Krenn im Preprint einen Aufsatz veröffentlicht, in dessen Zusammenfassung es heißt (Arxiv2023): 

Gravitationswellen, die ein Jahrhundert nach ihrer ersten theoretischen Beschreibung nachgewiesen wurden, sind Raumzeitverzerrungen, die durch einige der gewaltigsten Ereignisse im Universum verursacht werden, darunter die Verschmelzung Schwarzer Löcher und Supernovae. Der erfolgreiche Nachweis dieser Wellen wurde durch ausgeklügelte, von Experten entwickelte Detektoren ermöglicht. Jenseits dieser erfolgreichen Konstruktionen ist der riesige Raum experimenteller Konfigurationen weitgehend unerforscht und bietet ein spannendes Feld mit Potenzial für innovative und unkonventionelle Nachweisstrategien. Wir demonstrieren hier die Anwendung künstlicher Intelligenz (KI) zur systematischen Erforschung dieses enormen Raums und enthüllen neuartige Topologien für Gravitationswellendetektoren, die unter realistischen experimentellen Bedingungen aktuelle Designs der nächsten Generation übertreffen. Unsere Ergebnisse umfassen ein breites Spektrum astrophysikalischer Objekte, wie die Verschmelzung Schwarzer Löcher und Neutronensterne, Supernovae und primordiale Gravitationswellenquellen. Darüber hinaus gelingt es uns, die zunächst unorthodoxen, entdeckten Designs zu konzeptualisieren und das Potenzial von KI-Algorithmen nicht nur für die Entdeckung, sondern auch für das Verständnis dieser neuartigen Topologien hervorzuheben. Wir haben über 50 herausragende Lösungen in einem öffentlich zugänglichen Gravitationswellendetektor-Zoo zusammengetragen, der zu vielen neuen, überraschenden Techniken führen könnte. Unser Ansatz beschränkt sich jedoch nicht auf Gravitationswellendetektoren, sondern lässt sich auf die KI-gestützte Entwicklung von Experimenten in verschiedenen Bereichen der Grundlagenphysik ausweiten.
Gravitational waves, detected a century after they were first theorized, are spacetime distortions caused by some of the most cataclysmic events in the universe, including black hole mergers and supernovae. The successful detection of these waves has been made possible by ingenious detectors designed by human experts. Beyond these successful designs, the vast space of experimental configurations remains largely unexplored, offering an exciting territory potentially rich in innovative and unconventional detection strategies. Here, we demonstrate the application of artificial intelligence (AI) to systematically explore this enormous space, revealing novel topologies for gravitational wave (GW) detectors that outperform current next-generation designs under realistic experimental constraints. Our results span a broad range of astrophysical targets, such as black hole and neutron star mergers, supernovae, and primordial GW sources. Moreover, we are able to conceptualize the initially unorthodox discovered designs, emphasizing the potential of using AI algorithms not only in discovering but also in understanding these novel topologies. We've assembled more than 50 superior solutions in a publicly available Gravitational Wave Detector Zoo which could lead to many new surprising techniques. At a bigger picture, our approach is not limited to gravitational wave detectors and can be extended to AI-driven design of experiments across diverse domains of fundamental physics.

In der endgültigen Veröffentlichung im April 2025 in "Physical Reviews" heißt es am Ende der Zusammenfassung sogar (PhyRew2025)

Unsere Methodik (...) eröffnet so faszinierende neue Einblicke in das Universum.
At a bigger picture, our methodology can readily be extended to AI-driven design of experiments across wide domains of fundamental physics, opening fascinating new windows into the Universe.

Solche Forscher wie Mario Krenn wollen wir im Auge behalten.

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*) Die KI ist weiblich - oder etwa nicht? Es macht jedenfalls viel mehr Spaß, sie sich weiblich vorzustellen. Etwa wie Athene, die Göttin der Weisheit. Wollen wir sie deshalb nicht lieber Athena nennen? Oder Minverva? - Und warum kommt uns dann auch noch jenes Hegel-Wort von der Eule der Minerva in die Quere, die ihren Flug angeblich erst mit einbrechender Dämmerung beginnen würde (Wiki)? Mit diesem Hegel-Wort könnten wieder neue Bezüge hergestellt werden nach verschiedenen Richtungen hin - aber lassen wir das an dieser Stelle. (Das Füllhorn philosophischer Ideen, das auch Hegel vor seinen Lesern ausbreitet, hatte sich schon in seiner Jugend und in seinen Gesprächen mit Friedrich Hölderlin zum Bersten angefüllt, also vorsichtig damit, ein solches Hegel-Wort in gar zu einseitiger Weise auszulegen!)

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  1. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient 12.000 bis 6.000 v. Ztr.. (Ursprünglicher Titel: Populationsstrukturen und Transitions-Vorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum bis zum PPNB.) Seminararbeit für den Anthropologischen Kurs II (Populationsstrukturen) von PD Dr. Winfried Henke, Universität Mainz, SS 1995 (Acad)

Montag, 3. Oktober 2016

Die Tsimane in Brasilien - Ihr gegenseitiges Helfen untereinander

Arbeitsteilungs-Assymetrien, Verwandtschaft und Gegenseitigkeit 
- In einfachen arbeitsteiligen, menschlichen Wirtschaftssystemen

Peter Hammerstein, Professor für Theoretische Biologie an der Humboldt-Universität Berlin, hat 2003 darauf hingewiesen, daß im Tierreich gegenseitige Hilfe keineswegs so allseits verbreitet und vorherrschend ist wie das lange angenommen worden war und wie das ja für den Verwandten-Altruismus auf jeden Fall gilt (1). 

Deshalb ging er schon spätestens ab 1994 Assymetrien in Gegenseitigkeits-Verhältnissen beim Menschen nach, weil Assymetrien - z.B. in Angebot und Nachfrage - zur Stabilisierung von Gegenseitigkeitsverhältnissen beitragen können (siehe z.B.: "Angebot und Nachfrage bestimmen den Erfolg bei der Partnerwahl hinsichtlich Kooperation, Gegenseitigkeit und Partnerfindung" [2]).

Der Züricher Evolutionäre Anthropologe Adrian Jaeggi und seine Mitarbeiter sind nun bei einem brasilianischen Indianerstamm, den Tsimane, solchen Assymetrien in gegenseitigen Austauschverhältnissen noch genauer nachgegangen (3, 4).

Ergebnis: 

Fleisch wurde innerhalb der Gruppe häufiger gegen Fleisch und Gartenprodukte eingetauscht, aber nicht für Gartenarbeit, Kinder- und Krankenbetreuung. Kinderbetreuung wurde geleistet im Austausch gegen Gartenarbeit, Kinder- und Krankenbetreuung, aber nicht im Austausch gegen Fleisch.

Das heißt: materielle Dinge, die schwerpunktmäßig Männer "erwirtschaften", werden gegen materielle Dinge eingetauscht, während soziale Fürsorge, die schwerpunktmäßig von Frauen erbracht wird, gegen soziale Fürsorge getauscht wird (Abb. 1).

Übrigens wurden in der Regel 100 Kilokalorien Fleisch gegen 300 Kilokalorien Gartenprodukte eingetauscht. Wenn das Angebot an Fleisch allerdings größer war, konnte sein Preis auch sinken.*) In einem kommentierenden und erläuterndenArtikel zu diesen Forschugnsergebnissen schrieben Fachkollegen (3):
"Eine lange Lebenszeit und ein Nahrungserwerb, der in Nischen stattfindet, in denen intensiv Fähigkeiten erworben werden müssen, erhöhen einerseits den Gewinn, der aus Spezialisierung gezogen werden kann, schaffen andererseits aber auch eine Abhängigkeit zwischen und innerhalb der Generationen, durch die die Kooperation stabilisiert und die Arbeitsteilung gefördert wird - schon in einfachen Wirtschaftssystemen."
"Humans’ slow life history and skill-intensive foraging niche increase the payoffs to specialization and create interdependence within and among generations, thus stabilizing cooperation and fostering divisions of labor even in informal economies."
Die Forscher meinen, das weitere Wachstum sozialer Komplexität beim Menschen wäre dann insbesondere durch kulturelle Normen und Institutionen stabilisiert worden.

Abb. 1: Zusammenfassung der Forschugnsergebnisse, aus: 4

In meiner eigenen  Forschungsarbeit gehe ich schwerpunktmäßig einer anderen These nach: Warum sollte Spezialisierung in einer komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft nicht auch von Verwandtenaltruismus geleitet sein, wo sie doch - das ist ja das Prinzip - die Kosten (für den Altruisten) erniedrigt und den Nutzen (für die Nutznießer) erhöht - ?

Dieser Zusammenhang gilt übrigens auch schon bei der geschlechtlichen Arbeitsteilung der Tsimane. Genau dieser Zusammenhang ist ja auch die beschriebene "assymetrische Gegenseitigkeit", die auf Spezialisierung beruht. Allerdings ist der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad bei so kleinen, endogamen Gruppen sowieso schon so hoch, daß ein großer Teil der hier feststellbaren gegenseitigen Hilfe vermutlich als Verwandtenaltruismus zu beschreiben ist. Deshalb können die Forscher in ihrer Studie auch gar nicht "reinen" Gegenseitigkeits-Altruismus erforscht haben. Dessen sind sie sich auch bewußt, schreiben sie doch:
"Die wechselnde Bedeutung des Prinzips Gegenseitigkeit wie sie durch die langfristigen Ungewißheiten zwischen Geben und Nehmen bezeugt sind, könnten in einem Gleichgewicht bestehen mit dem Prinzip Verwandtschaft oder dieses sogar an Bedeutung übertreffen." 
"The relative importance of reciprocity, as evidenced by long-term contingencies between giving and receiving, may equal or outweigh that of kinship."
Insbesondere aber schreiben sie:
"Verwandtschaft war über alle Austauschbeziehungen hinweg verbunden mit einem größeren Umfang in den gewährten Sach- und Hilfeleistungen."
"Kinship was associated with greater giving for all commodities."
Und noch genauer:
"Das Prinzip Verwandtschaft wird am ehesten die Grundlage bilden für die ursprüngliche Auswahl der Menschen, mit denen Gegenseitigkeitsbeziehungen eingegangen werden."
"Kinship most likely provides a basis for the initial assortment of reciprocators".
Trotz ihres zum Teil irreführenden Titels und diesbezüglich vieler irreführender Textabschnitte handelt diese Studie also wiederum (!) vornehmlich vom: Verwandten-Altruismus. Welcher Altruismus hier ganz unabhängig von genetischer Verwandtschaft geleistet wird, dieser Frage gehen die Forscher überhaupt nicht nach. Ihnen scheint die Klärung dieser Frage auch nicht besonders wichtig zu sein. Dieser Punkt ist vielleicht der wichtigste Kritikpunkt an dieser Studie.

Dementsprechend erschien unter den nachfolgenden Studien, in denen diese zitiert wird, 2018 auch eine mit dem Titel: "Kinship underlies costly cooperation in Mosuo villages" (5). Diese Studie beinhaltet Netzwerkanalysen von Austauschbeziehungen in einer bäuerlichen Gesellschaft in Südchina.

/2016 auf Google-Plus eingestellt, 
überarbeitet auf diesen Blog 
übernommen: 9.3.2020/
_______________
*) Im genaueren Wortlaut einer Zusammenfassung der Forschungsergebnisse (3):
"Fleisch wurde häufiger gegen Fleisch und für Gartenprodukte getauscht, aber nicht für Gartenarbeit, Kinder- oder Krankenbetreuung, während für Kinderbetreuung Gegenleistungen erbracht wurden auf dem Gebiet der Gartenarbeit, der Kinder- und Krankenbetreuung, aber nicht in Form von Fleisch. Diese Ergebnisse legen nahe, daß der größte Teil der Austauschbeziehungen durch Spezialisierungen bestimmt wird, die innerhalb von Wohlstandsklassen ausgebildet werden: Materielles Kapital wird eingetauscht gegen materielles Kapital, soziales Kapital wird eingetauscht gegen soziales Kapital. Die Spezialisierungen gründen auch auf einer Arbeitsteilung, die von Alter und Geschlecht bestimmt wird: erwachsene Männer widmen mehr Aufwand der Gewinnung von Fleisch und der Gartenarbeit als Frauen, während Frauen mehr Zeit dem Ernten von Gartenprodukten und der Fürsorge der Mitmenschen widmen als Männer. Und heranwachsende Mädchen widmen anteilmäßig mehr Zeit der Kinderbetreuung als heranwachsende Jungen."
Original: "Meat was exchanged more often for meat and for garden produce, but not for garden labor, childcare, or sickcare, while childcare was exchanged for garden labor, childcare, and sickcare, but not meat. These analyses suggest that most trade is patterned by labor specializations occurring within wealth classes: material capital for material capital and social capital for social capital. These specializations are also based on divisions of labor based on age and gender: adult males dedicate more effort to meat production and garden labor than females, while adult females spend more time harvesting garden produce and caring for the infirm than males, and adolescent females allocate proportionally more time to childcare than adolescent males."
____________________________
  1. Hammerstein, P. (2003). Why is reciprocity so rare in social animals? A protestant appeal. In Genetic and Cultural Evolution of Cooperation, ed. P. Hammerstein, pp. 84-93, Cambridge, MA: MIT Press.
  2. Noë, R. & Hammerstein, P. (1994). Biological markets: Supply and demand determine the effect of partner choice in cooperation, mutualism and mating. Behavioural Ecology and Sociobiology, 35, 1-11
  3. Shane J. Macfarlan: Social Evolution: The Force of the Market. In: The Cell, 2016, http://www.cell.com/current-biology/abstract/S0960-9822(16)30793-X
  4. Adrian Jaeggi et.al.: Reciprocal Exchange Patterned by Market Forces Helps Explain Cooperation in a Small-Scale Society. 2016, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982216306583
  5. Kinship underlies costly cooperation in Mosuo villages Matthew Gwynfryn Thomas , Ting Ji , Jiajia Wu , QiaoQiao He , Yi Tao and Ruth Mace Published:21 February 2018, https://doi.org/10.1098/rsos.171535 

Sonntag, 30. Juni 2013

Multikulti - Bringt die Evolution nicht voran

Wer einmal einen Einblick haben will in das, was an der vordersten Front der Forschung derzeit in der ganz klassischen Biologie geschieht, dem kann ein neuer Artikel von einem Forscher aus Oxford empfohlen werden (1). (Der Artikel scheint nirgendwo in der deutschen Wissenschaftspresse behandelt worden zu sein. Grund genug, hier einmal auf die wesentlicheren Inhalte aufmerksam zu machen.)

Am Übergang von der Einzelligkeit zur Vielzelligkeit


Die Natur hat sehr vielfältig experimentiert am Übergang von der Einzelligkeit zur Vielzelligkeit. Es gibt da so berühmte Beispiele wie die Grünalge Volvox oder den Schleimpilz Dictyostelium. Sie gehören zu den einfachsten Formen von Vielzelligkeit in der Natur. Und sie sind nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch philosophisch von großem Interesse. Spätestens seit der deutsche Evolutionsbiologe August Weismann auf die Einführung des Alterstodes gleichzeitig mit der Einführung der Vielzelligkeit in der Evolution, die mit solchen Organismen einhergeht, hingewiesen hat. Warum es den gesetzmäßigen Alterstod überhaupt gibt in der Evolution und im Leben, ist ein bis heute von der Naturwissenschaft weitgehend ungeklärtes Problem. Da herrschen die vielfältigsten Theorien vor.

Abb. 1: Dictyostelium in der späten Aggregations-Phase
Philosophisch wurde die Tatsache der Einführung des Alterstodes in der Evolution erstmals von einer Schülerin von August Weismann, von Mathilde Ludendorff (1874 - 1966), ausgewertet. Soweit übersehbar hat es andere Philosophen, die in ihrer Nachfolge ähnliches versucht haben, bisher nicht gegeben. Wissenschaftlich weitergeführt worden sind die Forschungen - auf der Grundlage der Erkenntnisse von August Weismann und auch von Mathilde Ludendorff - unter anderem durch Gerold Adam (1933 - 1996) in Konstanz.

Gerold konnte sehr eindrucksvoll von dem Schleimpilz Dictyostelium erzählen. Und von jenen Notzeiten, wenn sich viele tausende von Einzelzellen, von einer "Ruferzelle" gerufen, "aggregieren", zusammenballen. "Die Massen rotten sich zusammen", ein gemeinsamer Wille beherrscht sie plötzlich. Und wie sie einen großen Zellstaat bilden. Und wie sich dieser Zellstaat - wie eine Nacktschnecke - günstigere Standortbedingungen sucht. Und wie dann jene Zellen, die zuvor gerufen hatten und zuerst auf den Ruf gehört hatten, schließlich den Stil bilden eines kleinen Pilzes. Und wie sie auf diesem Stil die übrigen Zellen als eine ("Frucht-")Kugel emporschieben. 


Das ist auch auf Wikipedia gut beschrieben., allerdings in z.T. argem Fachchinesisch. Man könnte diesen Lebenszyklus auch ganz anders beschreiben, etwa unter Bezugnahmen auf vielerlei Ereignisse in der Geschichte komplexer menschlicher Gesellschaften. Wie etwa auf den Ruf eines Herrschers aus allen Teilen des Landes die Menschen zu seinem Regierungssitz strömen, wie eine allgemeine Bewegung das gesamte Volk ergreift, wie Völker sich auf Wanderschaft begeben. Und wie, damit die anderen überleben, sich ein Teil des Volkes auf irgendeine Weise für den anderen Teil des Volkes aufopfert.

Jedenfalls: In der nächsten Lebensphase dieses Pilzes Dictyostelium schwärmen die Zellen der hochgeschobenen Kugel wieder aus, während die Zellen des Stils sterben, zugrunde gehen. Sie haben ihre Zellteilungsfähigkeit verloren. Damit tritt erstmals der gesetzmäßige Alterstod in der Evolution auf. Die ("genialeren") Ruferzellen und die frühesten Zellen, die auf den Ruf gehört haben, hatten den Stil gebildet und haben sich für die anderen Zellen, die Fortpflanzungszellen, aufgeopfert, indem sie ihnen eine erhöhte Ausgangsposition für erneute Verbreitung verschafften. Eine der frühesten und ältesten Formen von Altruismus in der Welt des Organischen.

Eine der ältesten Formen von Altruismus in der Welt des Organischen


Und der neue Artikel (1) nimmt nun die heute bekannte Vielfalt von solchen Formen des Übergangs zwischen Einzelligkeit und Vielzelligkeit in mehreren Zweigen des Artenstammbaums von Bakterien, Schleimpilzen, Grünalgen insgesamt und vergleichend in den Blick. Und er stellt hierbei fest, daß die genetische Verwandtschaft zwischen den aggregierenden, sich zusammenballenden Zellen von ausschlaggebender Bedeutung ist dafür, ob und wie komplex die Vielzelligkeit ist, die dann in der Folge ausgebildet wird. Im Artenvergleich wird Vielzelligkeit um so häufiger und um so komplexer ausgebildet, um so mehr die Einzelzellen der jeweiligen Art, die sich zusammenballen, miteinander genetisch verwandt sind, bzw. wenn sie genetisch miteinander identisch sind.

Das klingt zwar von vornherein plausibel. (Nur womöglich nicht für Anhänger multikultureller Gesellschaften.) Aber das mußte doch erst einmal vergleichend und auf statistischer Basis solide nachgewiesen werden. Wenn das nun erst im Jahr 2013 geschieht, merkt man daran, wie lange die Forschung manchmal dafür braucht, ganz einfache Fragestellungen zu klären. Aber da die genetische Verwandtschaft auch bei der Ausbildung von gesellschaftlicher Komplexität von Insektenstaaten erst vor einigen Jahren wieder intensiver erforscht worden ist (Stud.gen. 6/2008), werden auch die Mikrobiologen sich einmal aufgefordert gesehen haben, hier die Zusammenhänge genauer in den Blick zu nehmen.

In der Regel stammen die sich zusammenballenden Zellen alle nur von einer einzelnen Zelle ab, die sich zuvor viele male geteilt hatte. (Sie bildeten etwas, was in der Wissenschaft - und auch in diesem Artikel - "Klon" genannt wird.) Und deshalb sind sie alle wie "eineiige Zwillinge". Es gibt aber auch Arten, bei denen der genetischen Verwandtschaft bei der Aggregation, der Staatenbildung, keine so große Beachtung zugemessen wird. Man könnte sagen, das waren die "multikulturellen Gesellschaften" der damaligen Zeit. Oder auch die "Patchwork-Familien" der damaligen Zeit, die ja auch heute wieder so "hip" sind (also "angesagt" sind [bzw. als "schick" oder "trendy" gelten]). Diese Form der Aggregation und Staatenbildung hat jedenfalls in der Evolution von Vielzelligkeit und vielzelliger Komplexität bei weitem nicht so viel Erfolg gehabt, wie die erstgenannte.

"Multikulturelle Gesellschaften" der damaligen Zeit


In dem Artikel wird unterschieden zwischen obligater (sprich gesetzmäßiger) Vielzelligkeit im Lebenszyklus einer Art und fakultativer Vielzelligkeit. Bei der fakultativen Vielzelligkeit ist die Fortpflanzung der Art nicht zwingend davon abhängig, daß Vielzelligkeit ausgebildet wird. Alle Säugetiere beispielsweise sind obligate Vielzeller. Sie können sich nur dann fortpflanzen, wenn eine vielzellige Lebensphase ausgebildet wird. Dies ist also die komplexere Lebensform. Außerdem werden die Zahlen der sterilen, also dem Todesmuß verfallenen Zellen des ausgebildeten Vielzellers miteinander verglichen. Und auch die Zahl der dabei ausgebildeten Zelltypen (analog zu den Kasten der Insektenstaaten).

Sprich, im Artvergleich gilt: Um so mehr die Zellen miteinander genetisch verwandt sind, die sich zusammenballen zu einem vielzelligen Organismus, um so komplexer ist der Vielzeller, der dabei ausgebildet werden kann, gemessen an den eben genannten Kriterien.


Das Bild der Evolution vereinheitlicht sich zunehmend


Und mit diesem Forschungsergebnis vereinheitlicht sich immer mehr ein Bild von der Evolution überhaupt, das in den letzten Jahren gewonnen wird. (Und worüber es auf diesem Blog vor fünf Jahren schon mehrere Artikel gegeben hat: 11/2007, 6/2008, [9/2008], 5/2009, [7/2007].) 

Auch bei der Ausbildung von arbeitsteiligen Gesellschaften von Insekten bildet die genetische Verwandtschaft die ausschlaggebende Rolle, worauf erst vor wenigen Jahren in einem aufsehenerregenden Artikel (Hughes et. al. - und zwar gegen Edward O. Wilson's neue "Superorganismus"-Theorie gewandt) hingewiesen worden ist. Diese wird durch monogame Lebensweise der Staatengründer sichergestellt.

Und diese monogame Lebensweise hinwiederum korreliert - so nach Forschungen von Robin Dunbar - mit der evoluierten Gehirngröße über weite Teile des Artenstammbaumes der Säugetiere. Sprich: Um so monogamer eine Art lebt, um so größer  die Gehirne dieser Art (wobei die allein durch Körpergewicht bedingte Gehirngröße einer Art - wie üblich - herausgerechnet wird). Und bei den Primaten korreliert dann - nach den Forschungen von Robin Dunbar - wiederum die Gehirngröße mit der Gruppengröße, also mit jenen Tieren, die dauerhaft in einer Gruppe zusammenleben. So wie bei den Nichtprimaten monogame Paare dauerhaft zusammeleben ("Dunbar's Zahl").

Von zwei Lebensprinzipien also, die heute allerwärts in der Öffentlichkeit als besonders "fortschrittlich" und "liberal" und insbesondere auch "natürlich" propagiert werden, zeigt damit die Evolutionsforschung auf, daß diese nicht die Lebensprinzipien sind, die die Evolution (von arbeitsteiliger Komplexität und Gehirngröße) vorangebracht haben. Nämlich von den Lebensprinzipien: Polygamie und multikulturelle Gesellschaft.


Diese Tatsache dürfte einmal erneut auf die erhebliche philosophische wie auch geradezu tagespolitische und sozialethische Bedeutung evolutionsbiologischer Grundlagenforschung aufmerksam machen. Oder noch allgemeiner: Wenn wir die Lebensprinzipien unserer modernen Gesellschaften in Übereinstimmung bringen wollten mit den Erfolgsprinzipien der Evolution überhaupt, müßten wir sie auf einem ganz anderen moralischen Fundament errichten, als jenem, auf dem die derzeitigen modernen Gesellschaften errichtet sind. 

____________________________________
  1. Fisher RM, Cornwallis CK, & West SA (2013). Group formation, relatedness, and the evolution of multicellularity. Current biology : CB, 23 (12), 1120-5 PMID: 23746639
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