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Donnerstag, 11. September 2008

Gruppenselektion - ein neuer Beitrag aus der empirischen Forschung

Die Vogelart der Baumhopfe (engl. "green woodhoopoe", lat. "Phoeniculus purpureus") lebt in Wäldern von fast ganz Afrika südlich der Sahara. 

Abb. 1: Das prächtige Gefieder eines Baumhopfes (Wiki)

Sie ist entfernt mit den europäischen Wiedehopfen verwandt.

Baumhopfe sind ein beliebtes Briefmarken-Motiv afrikanischer Staaten. Sie leben in Gruppen mit 2 bis 8 Individuen. Aber nur jeweils ein Paar pflanzt sich innerhalb der Gruppe fort. Baumhopfe sind bei der Nahrungssuche in der Baumrinde ständig in Bewegung und deshalb sehr schwer zu fotografieren. Ihr Territorium verteidigen sie das ganze Jahr über nach außen. Innerhalb der Gruppen gibt es aber wenig Auseinandersetzungen zwischen den Gruppenangehörigen.

Fast 60 % der Gruppen bestehen aus mehr Individuen als dem sich fortpflanzenden Paar. Die "Helfer am Nest" sind zu 90 % mit mindestens einem der beiden sich fortpflanzenden Individuen familiär verwandt (also z.B. Geschwister oder erwachsene Nachkommen des sich fortpflanzenden Paares). Die erwachsenen Tiere der Gruppe pflegen sich das ganze Jahr über mit der gleichen Regelmäßigkeit das Kopf- und Nackengefieder aus hygienischen Gründen. Das Pflegen des übrigen Gefieders hat wie das Fellausen bei den Primaten soziale Funktion. Seine Häufigkeit schwankt mit der Jahreszeit und es ist häufiger in größeren Gruppen.

In der östlichen Kap-Provinz Südafrikas hat der Vogel-Verhaltensforscher Andrew Radford in den waldreichen Flußtälern sechs Monate lang (zwischen November 2000 und Mai 2001) 12 solcher Gruppen beobachtet (1). Die Größe der Territorien ändert sich offenbar in den Auseinandersetzungen zwischen Gruppen so gut wie nie.

Gruppenauseinandesetzungen ...

In der Regel verlaufen nun Gruppenauseinandersetzungen bei den Baumhopfen in der Weise, daß eine Gruppe in das Territorium der Nachbargruppe eindringt. Nur sehr selten kommt es zu physischen Auseinandersetzungen. Vielmehr beugen sich die Vögel auf und nieder und "skandieren" "chorweise" gegeneinander und gruppenweise abwechselnd ihre "Schlachtrufe". Die sich nicht fortpflanzenden Gruppenmitglieder tragen dazu mehr bei als das jeweils sich fortpflanzende Paar. Radford sagt, es geschehe das wie bei "Fußball-Fans", die die Fans der gegnerischen Mannschaft zu "überstimmen" suchen.

Die in Südafrika einheimischen Buschleute benennen diese Vögel nach diesem "Skandieren" mit dem Namen "Das schnatternde (oder gackerende) Lachen der Frauen".

Diese Konflikte können bis zu 45 Minuten dauern und auf dem Höhepunkt wird oft eine Blume oder eine Baumflechte in den Schnabel genommen und von einem Gruppenmitglied zum nächsten weitergereicht, "wie das Schwenken einer Fahne oder eines Schals während eines Fußballspiels" (so wiederum Andrew Radford laut "Telegraph" und "Times").

Wenn die eindringende Gruppe dieses Skandieren gewinnt, bleibt sie bis zu einer Stunde in dem Territorium, sucht hier nach Nahrung und untersucht Nestlöcher, während sich die einheimische Gruppe tiefer in dasselbe zurückzieht. In der Regel kehrt die eindringende Gruppe dann in ihr eigenes Territorium zurück. Verliert die eindringende Gruppe, kehrt sie sofort in ihr Territorium zurück.

... und das psychische "Wundenlecken"

Während der Stunde nach dem Konflikt putzten sich die erwachsenen Gruppenmitglieder nun mehr als doppelt so häufig das Körpergefieder als in der sonstigen Zeit, laut Radford's Studie 2,45 mal pro Stunde im Gegensatz zu den sonstigen 0,86 mal pro Stunde. Und zwar besonders die beiden sich fortpflanzenden Tiere den sich nicht-fortpflanzenden. - Geradezu wie aus "Dankbarkeit", bzw. um sie bei künftigen Auseinandersetzungen zu ähnlichem tapferen Verhalten zu ermutigen. Besonders ausgesprägt war dieses Putzen nämlich bei jenen Gruppen, die verloren hatten - und zwar nach langen Auseinandersetzungen, nicht nur kurzen. "Der volle Einsatz der Gruppenmitglieder ist wichtig, denn die Gruppengröße bestimmt oftmals den Ausgang der Auseinandersetzungen," schreibt Radford.

Gruppenselektion?

Diese Studie und ihr Ergebnis ist für sich selbst sehr schön und anschaulich. Zu fragen bleibt, ob der theoretische Rahmen, in den diese Studie gestellt wird - nämlich dem der Gruppenselektion - besonders deutlich durch diese Studie bestätigt wird. Konkret: Würde der Zusammenhalt in den Gruppen und die Unterstützung innerhalb der Gruppe geringer sein, wenn der äußere Druck durch andere Gruppen nicht vorhanden wäre? So lautet ja die These dieser Studie:


that the amount of intergroup conflict in which a group is involved could influence the amount of cooperation.

daß also das Ausmaß der Zwischengruppen-Konfliktes das Ausmaß der Kooperation beeinflußten könnte.

Nach dem Motto: In Zeiten außenpolitischer Bedrohungen, in Kriegszeiten sind Gruppen oft zu größeren innenpolitischen Kompromissen bereit. Ein viel benutztes und mißbrauchtes Instrument in der menschlichen Politik.Um das in diesem Fall plausibel machen zu können, müßten wohl noch viele von den in der Studie vorgeschlagenen Nachfolge-Studien unternommen werden. Sie werden wahrscheinlich ein recht differenziertes Bild und keineswegs ein so plattes Bild ergeben wie das vielleicht manche heutige Politiker gern hätten.ResearchBlogging.orgOffensichtlich ist aber schon jetzt, daß bei 90 % familiärer Verwandtschaft innerhalb der Gruppe besondere gruppenselektionistische Mechanismen gar nicht herangezogen werden müssen, um das altruistische Verhalten der "Helfer am Nest" zu erklären. Die hier beschriebenen Mechanismen könnten aber dennoch einen typischen gruppenpsychischen Mechanismus kennzeichnen, der auch das Verhalten von Gruppen mit weniger durchschnittlichem Verwandtschaftsgrad kennzeichnet. Aber ob ein solches Verhalten ganz ohne genetische Verwandtschaft langfristig evolutionsstabil wäre, ist doch stark infrage zu stellen und kann auch an dieser Tierart wohl gar nicht nachgewiesen werden.
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(Ergänzende Auskünfte und auch Abbildungen auf dem Ergänzungsblog.)


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  1. Andrew N. Radford (2008). Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0787

Sonntag, 21. Oktober 2007

Waldrapp-Projekt meldet Erfolge

Ganz in den Fußstapfen des großen Verhaltensforschers Konrad Lorenz wird in Österreich das Waldrapp-Projekt verfolgt. Diesen vor 350 Jahren in Europa ausgestorbenen Zugvögeln ist in den letzten Jahren, nachdem sie mit der Hand aufgezogen worden waren, also jetzt auf den Menschen geprägt sind, mit Ultra-Leichtflugzeugen eine neue Flugroute von Oberösterreich in die Toskana beigebracht worden. Die FAZ berichtete:
Sie waren im Frühjahr dieses Jahres zum ersten Mal von der Toskana allein über die Alpen in ihr eigentliches Brutgebiet in Oberösterreich geflogen. (...) Am Donnerstag (Mitte September) kehrten die ersten vier Vögel zusammen mit ihrem in Österreich gebrüteten und aufgezogenen Nachwuchs ohne fremde Hilfe in ihr Winterquartier zurück. (...) Nach einem knapp 900 Kilometer langen Alleinflug.

Sonntag, 24. Juni 2007

Las Vegas im Dschungel ...

Ich liebe den "Spiegel" einmal wieder aufs Neue für seine wunderschönen naturwissenschaftlichen Reportagen. Schon vor einigen Monaten über die Raben (siehe St. gen.), heute über die Paradiesvögel auf Neu-Guinea. (Spiegel) Ein herrlich geschriebener Bericht einer Forscherin, Auszüge:

(...) Hier im feuchten Rankendickicht des Dschungels von Neuguinea läuft ein verblüffendes Schauspiel der Natur: der Balztanz der Paradiesvögel. Nirgendwo sonst auf der Welt werben Männchen so aufwendig um die Weibchen. Sie stolzieren in Kostümen umher, die gut auf eine Bühne in Las Vegas oder Paris passen würden; Umhänge aus kurzen Federn, schillernde Brustschilde, Kopfbänder, Hauben, Bärte, Kehllappen und Federn wie gezwirbelte Schnauzbärte. Knallige Rot-, Blau- und Gelbtöne heben sich leuchtend vom Grün des Waldes ab. Was die Weibchen an dieser Mischung aus Kostüm und Choreografie am meisten erregt? Je ausgefallener, desto besser, so scheint's. (...)

Noch mehr staunten die ersten Reisenden beim Anblick der Vögel in der Wildnis: "Ich hielt das Gewehr nur schlaff in der Hand; ich war zu verwundert, um zu schießen", gestand der Naturforscher René Lesson, der Neuguinea 1824 besuchte und von dem der erste Augenzeugenbericht stammt. "Der Vogel war wie ein Meteor. Während sein Körper vorbeiflog, schien er eine Spur aus Licht hinter sich herzuziehen."

Prachtparadiesvogel, Königsparadiesvogel, Kaiserparadiesvogel, Göttervogel: Die westlichen Entdecker überboten sich bei der Benennung der wundersamen Arten. (...) "Wir lieben diese Vögel", sagt ein Einheimischer zu mir. "Die Menschen in meiner Familie sind Paradiesvögel." (...) "Auf Neuguinea zeigt sich die Natur nicht mit Zähnen und Klauen, sondern in bunten Kostümen ", sagt der Biologe Ed Scholes vom Museum für Naturgeschichte in New York. (...)

Die Menschen auf Neuguinea beobachten diese Tänze seit Jahrhunderten. "Die Einheimischen erzählen, dass sie ihre Rituale den Vögeln abgeschaut haben", sagt Gillison. Auf Stammesfesten im Hochland kopieren die Männer mit ihren Bewegungen und prachtvollen Kostümen die Vögel. (...) Mancher Kopfschmuck ist so ausladend und schwer, dass man um das Genick des Trägers fürchtet. Ganze Federwälder sind daran befestigt und vollständige, präparierte Vögel. Lange, schwarze Schwanzfedern der Paradieselster ragen zwischen den Federn kleinerer Vögel heraus. Der schillernde Brustschild des Blauparadiesvogels leuchtet zwischen Papageienbälgen. Eine junge Frau hat sich die lange, schwarz-weiße Kopfschmuckfeder des Wimpelträgers durch die Nasenscheidewand gezogen. Sie wippt beim Tanzen auf und ab, ganz wie beim lebenden Vogel, der damit eine Partnerin anlocken will.

Sonntag, 10. Juni 2007

Tschernobyl heute

"... Bei rund einem Drittel von etwa 250 Jungvögeln stellten der Biologe Timothy Mousseau von der Universität South Carolina und seine Kollegen verformte Schnäbel, Albinogefieder, verbogene Schwanzfedern oder andere Missbildungen fest. In einem Bericht in der Zeitschrift "Biology Letters" im März wiesen die Forscher auf elf seltene Missbildungen hin, die ihnen bei den Schwalben von Tschernobyl aufgefallen waren. Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die verstrahlte Zone als Rückzugsgebiet dient, in dem die Tiere aber schnell wieder aussterben, erklärte Mousseau. "Bei jedem Stein, den wir umdrehen, stoßen wir auf die Folgen der Katastrophe", sagt der Biologe." (Süddt.; identisch: Stern)

Weiter sagt er, daß Forscher, die von einem "aufblühenden" Ökosystem rund um Tschernobyl sprechen, die Situation verharmlosen

Samstag, 19. Mai 2007

Macho's in München - und: Hormone, Hormone, Hormone

Die genetischen Folgen der Verstädterung bei - Amsel-MÄNNCHEN

Als vor wenigen Wochen, Anfang April, der Frühling "aus allen Poren" blühte, waren wir alle ein wenig verstört. Was, schon wieder Frühling? Und damals fand ich den Beitrag vom "Betonblog" so schön über "Liebestolle Amseln" (zitiert bei den "Kulturellen Welten" von Joern Borchert unter dem ebenso schönen Titel "Betonblogs Frühling"):

Also man kann das nicht anders sagen: die Amseln sind liebestoll und jagen sich durch die Forsythien (...), als gäbe es kein Morgen und als bestünde die Welt nur aus Zweigen für Amseln. Hitchock muß auf “Die Vögel” gekommen sein, als er, ähnlich ängstlich wie ich, liebestolle Amseln bei ihren Verfolgungsjagden beobachtete. Man bekommt beim gepflegten Vorbeispazieren regelrecht Angst ob solch heftiger hormongesteuerter Wildheit.

Ich will jetzt nicht der Frage nachgehen, ob der "Betonblog" in München zu Hause ist. Wenn er es wäre, hätte man sogar sehr spezielle neue Nachrichten für ihn. (Obwohl nach den ersten frühlingshaften Verunsicherungen bei der Spezies Mensch wohl schon wieder Gewöhnungsphasen eingesetzt haben. -?) Denn:

Wow, wow, wow. Die Singvögel (auch hier wieder die Amseln) schlagen als Forschungsobjekt uns Menschen einmal aufs Neue um Längen bei der Erforschung nicht nur der - - - verhaltensmäßigen Folgen von Verstädterung (!) (1.), sondern zusätzlich auch noch der (verhaltens-)GENETISCHEN (!) Folgen der Verstädterung (2.). (Science Now, Razib Khan) Nein, und auch damit ist es noch nicht zu Ende, sondern auch noch gleich bei der Erforschung der geschlechts-unterschiedlichen Evolution in derselben Art - also von "sexueller Selektion" in Zusammenhang mit Verstädterung und "jüngsten Evolutionsereignissen" in der Amselevolution. (3.) Ich glaube, auf das letztere Forschungsthema ist noch so gut wie kein Humanbiologe oder Anthropologe oder Evolutionärer Psychologe gekommen. Und auch die anderen haben sich noch nicht so arg herumgesprochen.

Aber die Parallelen, die man zum Menschen ziehen kann, sind beim heutigen Forschungsstand schon so deutlich und so augenfällig, daß einem das Forschungsobjekt "Amsel" da wieder einmal einen neuen, wahnsinnigen Motivationskick geben könnte, diesen Parallelen beim Menschen genauer nachzugehen. - Nun, Betonblog hat das ja schon früher ansatzweise - und etwas verängstigt! - getan. (Es ist das übrigens wieder irgendwie so etwas wie "konvergente Evolution" ...)

... "It's a very cool study, with a simple message: Urbanization is an important evolutionary force," says Roarke Donnelly, an ornithologist at Oglethorpe University in Atlanta, Georgia. "We've been thinking about this stuff for a long time, but it isn't easy to test. And they've done it with a simple but elegant experiment."

Jesko Partecke, an ornithologist at the Max Planck Institute for Ornithology in Erling, Germany, knew that European blackbirds (Turdus merula) in Munich stayed put in winter while ones living nearby forests still migrated. To see if the urbanized birds had evolved, Partecke and Eberhard Gwinner (now deceased) collected chicks from the two settings in the spring of 1998. They raised them in their lab in individual cages with light and temperatures mimicking Munich's. As summer gave way to fall, and winter to spring, they recorded the birds' nocturnal activity; this "migratory restlessness" is inherited and correlates with the distance a bird travels on its migrations.

The urban males were the least active of all the birds, preferring to sit quietly in their cages while other birds hopped about. In contrast, the urban females were just as active at night as their forest counterparts, indicating that the Munich females continue to migrate. "We were completely surprised by the females," says Partecke. "We naturally assumed that both males and females had changed." The difference may be bullying; males, which are larger, are known to drive the females away from food and warmth, says Partecke. As a result, he speculates, city-females who try to stay in town through winter may end up dying.

Another benefit of city life for males is that they reach sexual maturity earlier there than in the forest. Because blackbirds have multiple broods, this means they may have more offspring. "The shift to being sedentary seems to be adaptive in urban habitats," the authors say.

The findings are described in this month's Ecology. "It's good to see a study that's looking at the evolutionary pressures caused by these pseudotropical bubbles, our cities," says Eyal Shochat, an urban ecologist at Arizona State University in Tempe.

Die Mikro-Evolution des Zeitpunkts und der Dauer der angeborenen Wander-Unruhe und Wanderungs-Richtung erforscht ja schon seit Jahrzehnten der Vogelforscher Peter Berthold an der Vogelwarte Radolfzell. Nun also absolut Überraschendes und Neues aus München. Denn von erblicher "Verstädterung" von Vogelmännchen bei gleichzeitiger erblicher Nicht-Verstädterung von Vogelweibchen hab ich ja bei Peter Berthold - und auch sonst - noch nie (!) etwas gehört. Und dann auch noch dieses wahnsinnige unchevalereske Macho-Gehabe der Münchner Amselmännchen. Ich hoffe ja sehr, daß die "lokale Evolution" auf diesem Gebiet in Frankfurt andere Ergebnisse hervorgebracht hat. Ist ja direkt eine Schande für München! So unhöfliche Amselmännchen. Pfui Teufel!

- Mich würde außerdem mal interessieren, an welchem Gen eigentlich die Wanderunruhe verschaltet ist? Doch wohl nicht etwa auch am ADHS-Gen? Wenn das gleiche Gen die Meisen haben (wie vor ein paar Wochen berichtet)??? - Ach, und übrigens, die Meisen: Die "konvergente Evolution der Milchverdauung bei stadtlebenden Meisen" (wäre auch eine schöne Ergänzung für Conway Morris) ist ja schon seit Jahrzehnten ein Standardbeispiel für Verhaltens-Mikro-Evolution gewesen. Das heißt, auch jene Meisen wurden in England vor einigen Jahrzehnten im Winter in Städten seßhaft, die so klug waren, dort die Aluminiumfolien der morgens vor die Türen gestellten Milchflaschen zu öffnen ...

Sonntag, 13. Mai 2007

Aus ungeliebten Kindern werden leicht herzlose Eltern - und natürlich: Kinderlose

Glückliches Kind (1967)

In der Wissenschafts-Berichterstattung über "Mutterliebe" machen sich wirklich merkwürdige Tendenzen breit. Die "Welt" bietet ein neues Beispiel (Welt2007). Während die Wissenschaft selbst nur immer wieder von Neuem die ungeheuer prägende Bedeutung einer wertvollen Mutter-Kind- und Vater-Kind-Bindung für das ganze künftige Leben eines Kindes unter Beweis stellt, wird die Darstellung dieser wichtigen Tatsachen mit einer "flachsigen" Rhetorik umgeben, die einem - sozusagen - dann nur wieder nahelegen soll: Naja, Entschuldigung! Alles nicht so schlimm. Nur kein schlechtes Gewissen kriegen. Schön seelisch gepolstert bleiben. Rabeneltern gibt es doch gar nicht.

Wahrscheinlich wird es bald als diskriminierend empfunden werden, überhaupt von Rabeneltern zu sprechen. Auf der anderen Seite aber steigen die Zahlen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie und bei der Kindesvernachlässigung und beim Kindesmißbrauch. Aber die größten "Rabeneltern" sind natürlich immer die, die gar keine Kinder haben und sich "das alles" gar nicht antun. Aber auch sie würde ich nicht als die Hauptschuldigen benennen. Der Hauptschuldige ist eine gesellschaftliche Atmosphäre, die unter einem heuchlerischen Glimmer von ständiger Vitalität und Jugendlichkeit auf einer tieferen psychologischen Ebene schlicht und einfach Lebens-, Familien-, Bindungs- und damit "Fortpflanzungs-" und Kinder-verneinend ist. Im Mittelpunkt der Argumentation von Leuten wie Frau von der Leyen steht die Selbstverwirklichung von Männern und Frauen, nicht die Bedürfnisse von Kindern. In dem Artikel erläutert Jutta Beiner-Lehner (1),

warum leicht aus ungeliebten Töchtern (und Söhnen) "herzlose" Mütter (und Väter) werden können

In einem Kommentar heißt es dazu ganz richtig:

Tja, auch und gerade weil Mutterliebe kein Instinkt ist, sollte in der Liste relevanter Berichte ein Link auf U. v. d. Leyen nicht fehlen. Spätfolgen einer frühkindlichen Störung der Beziehung von Mutter und Kind werden zwar ausdrücklich als nicht zwingend schädlich dargestellt, aber Schäden auch nicht ausgeschlossen. Unter diesem Gesichtspunkt sollte man sich wirklich überlegen, ob eine Frau Familienministerin sein darf, wenn sie die Kinder weg von den Eltern und in Kitas zwingen will.
Nun, "zwingen" mag hier ein übertriebenes Wort sein ... (Aktualisierung 2015: Nein, es ist kein übertriebenes Wort. Aktualisierung 2024: Immer noch: nein, nicht übertrieben.) Und nun die genannten Fakten selbst (1):
... War Mutterliebe stets schon vorher da, um ihre Spuren zu hinterlassen? Zärtlichkeit unter Erwachsenen beispielsweise soll es nur bei den (Tier-)Arten geben, bei denen der Nachwuchs bemuttert wird, glaubt der österreichische Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Die Mutter-Kind-Symbiose würde bei jeglichem Geturtel als unterschwellige Vorlage dienen. „Selbst der Spatz, der um ein Weibchen wirbt und dabei zitternd mit den Flügeln schlägt, genau wie ein bettelndes Küken, beweist das“, so Eibl-Eibesfeldt.
Kann man spannend finden, diese These, ja, fast gewagt. Aber Eibl-Eibesfeldt wird es ja wohl wissen, wovon er spricht. Das hat man dann in seinen Büchern ganz überlesen oder das ist ein neuer Gedanken von ihm. Und weiter (1):
Auch was körperlich dabei so alles passiert, versuchen Wissenschaftler seit Langem zu ergründen - nicht nur unter Müttern, sondern ebenso bei Vätern und Kindern. „Frühe Bindung oder nachhaltige Bindung prägt nachhaltig das Gehirn auf Liebesfähigkeit“, sagt etwa Professor Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg. Mittels Kernspintomograf verglich er die Hirnaktivität von Müttern und Vätern mit der von kinderlosen Frauen und Männern und spielte ihnen dabei Aufnahmen von fröhlich gurrenden sowie weinenden Säuglingen vor. Die auffallenden Unterschiede der gemessenen Reaktionen verwunderten nicht: Wer Erfahrung mit Nachwuchs hatte, dessen Nervenzellen reagierten gezielter und wesentlich effektiver auf Babys Laute als die unerfahrenere Vergleichsgruppe.
Es ist ja festzustellen, dass dies nicht nur Glück bedeuten muß. Wird eine Elternteil - etwa durch Scheidung - von seinen Kindern getrennt, kann dies auch ganz etwas anderes bedeuten. Und wer damit Erfahrung hat, der weiß, daß Kinderlose diejenigen sind, die von all diesen Dingen am wenigsten "Ahnung" haben. Das sind - offenbar - wirklich Dinge, die man selbst erlebt haben mu? (1):
... Bei mütterlich gut versorgten Kindern steigt ebenfalls der Oxytocin-Spiegel, wie Seth Pollack von der University of Wisconsin bewies: Er untersuchte Vierjährige, die sofort nach der Geburt von ihren Müttern getrennt und in einem russischen oder rumänischen Waisenhaus gelebt hatten, mit denen, die bei ihren Eltern aufwuchsen, daraufhin, wie sie auf liebevolles Schmusen reagierten. Nach einer halben Stunde verglich er bei beiden Gruppen den Oxytocingehalt des Urins. Es zeigte sich, dass bei den leiblichen Kindern nach einer halben Stunde ausgiebigen Gekuschels das auch als Bindungshormon bezeichnete Oxytocin stark angestiegen war, ein Garant für angenehme Gefühle. Die Waisenkinder blieben trotz Nähe vergleichsweise cool, ihr Oxytocin-Gehalt niedrig. Auf diese Weise lässt sich schon biochemisch erklären, warum leicht aus ungeliebten Töchtern (und Söhnen) „herzlose“ Mütter (und Väter) werden können.

Bekanntermaßen waren es oft Waisenkinder, die - beispielsweise in der russischen Armee der Tschetschenien-Kriege - zu den schlimmsten Brutalitäten fähig waren und sind.

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  1. Jutta Beiner-Lehner: Frühe Bindung trimmt das Gehirn auf Liebe. 12.05.2007 (Welt2007)

Dienstag, 8. Mai 2007

Kraniche - Fotoserie

Eine wunderbare Fotoserie zu Kranichen bei Geo.
Bild von: Klaus Nigge
© Klaus Nigge
Dicht gedrängt stehen die Kraniche auf einem Stoppelfeld bei Groß Mohrdorf in Vorpommern.

Mittwoch, 2. Mai 2007

Auch Meisen haben ADHS

Die erbliche Neigung zum Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) wird durch ein "Neugier"-Gen hervorgerufen, das offenbar auch Meisen individuell unterschiedlich besitzen (Yahoo Nachrichten, Proc B, Scienceticker, Süddeutsche). Seit langem macht damit wieder einmal erfreulicherweise das Konrad-Lorenz-Institut für Verhaltenswissenschaften in Seewiesen von sich reden. Den Forschungsartikel muß man sich noch genauer anschauen.

Seewiesen/London (dpa) - Max-Planck-Wissenschaftler haben bei Kohlmeisen ein Neugier-Gen nachgewiesen. Das Gen mit der Bezeichnung Drd4 enthalte die Bauanleitung für einen Rezeptor, der im Gehirn Andockstelle für den Botenstoff Dopamin ist, berichtete die Max-Planck-Gesellschaft in München.

Bei Vögeln mit einer bestimmten Variante dieses Rezeptors beobachteten die Wissenschaftler ein deutlich ausgeprägteres Erkundungsverhalten als bei Vögeln mit anderen Formen des Gens. Die Wissenschaftler stellen ihre Ergebnisse in den «Proceedings B» der britischen Royal Society vor (online vorab veröffentlicht).

Eine Verbindung zwischen dem gefundenen Gen und der Neugier galt bereits seit zehn Jahren als wahrscheinlich. Die Forscher des Max- Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen konnten jetzt den Beweis dafür erbringen, gemeinsam mit ihren Kollegen vom neuseeländischen Cawthron Institute in Nelson und dem niederländischen Ökologie-Institut in Heteren.

In Gentests beobachteten die Forscher deutliche Unterschiede zwischen zwei Kohlmeisenlinien, die sie über vier Generationen nach dem Grad ihrer Neugier ausgewählt hatten. Als Maß diente den Forschern dabei das Erkundungsverhalten der Tiere, sobald sie flügge geworden waren. Die Forscher fanden eine signifikante Verknüpfung zwischen der Genvariante SNP830 und den unterschiedlichen Ausprägungen von Neugier.

Samstag, 7. April 2007

Hühner sind in Nordeuropa "christliche" Tiere

Die Hähne krähen hier erst seit dem Frühmittelalter ...

Ein schöner Artikel über die Herkunft des Haushuhns (Berliner Zeitung) von Monika Offenberger (Auszug):

... Heute gibt es 14 Milliarden Hühner weltweit ... Sie alle sind durch gezielte Auslese aus einer einzigen Vogelart hervorgegangen: dem Bankivahuhn oder Roten Dschungelhuhn (Gallus gallus).

Noch heute findet man den scheuen Vogel in den Wäldern Südostasiens: von Kaschmir über Hinterindien, Südchina bis nach Malaysia und Sumatra. Die braunen Wildhennen sind im Unterholz gut getarnt. Auch der Hahn hat den Sommer über ein schlichtes Kleid und schmückt sich erst im Winter mit einem mehrfarbigen Prachtgefieder. Das ist bei seinem zahmen Urenkel namens Brauner Italiener immer noch so, der heutzutage auf Bauernhöfen überall in Europa lebt. Wenn mit dem Frühling die Balzzeit im Dschungel anbricht, beginnen die Hähne zu kämpfen. Sie wollen ihr Revier verteidigen und eine Hand voll Hennen erobern.

Biologen vermuten, dass diese spektakulären Zweikämpfe der Grund für die Domestikation von Gallus gallus waren. Zumindest bewegen Hahnenkämpfe seit jeher die Gemüter. Im antiken Babylonien waren sie beliebt, ebenso bei den alten Chinesen und Griechen. Noch heute sind die streitenden Gockel eine Attraktion - besonders in Regionen wie Borneo, Java, Sumatra, Bali und Malaysia sowie auf den Philippinen, also nahe der Heimat des Bankivahuhns.

Wie das Gackern nach Europa kam, versuchen Forscher anhand von Münzen und Malereien, Tonfiguren und Schriftstücken zu ergründen. Wo solche kulturellen Hinterlassenschaften fehlen, da helfen alte Knochen weiter, die zwischen den Scherben längst verlassener Siedlungen zu finden sind. Ihre Form und Größe verraten, ob sie von Wild- oder Haushühnern stammen, von Hennen oder Hähnen - ja sogar, ob die Hähne kastriert waren und wie man sie zubereitete.

Funde aus dem dritten Jahrtausend vor Ztr. belegen, da die Menschen, die damals an den fruchtbaren Ufern des Indus im heutigen Pakistan lebten, bereits Haushühner kannten. In Mohenjo-Daro, einer der großen Städte der Industal-Kultur, hielt man Hühner, die deutlich größer waren als ihre wilden Verwandten. Vom Indus brachten die Menschen ihr Federvieh spätestens gegen Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends Richtung Westen nach Mesopotamien und weiter über Anatolien nach Griechenland.

In Ägypten wird das Haushuhn erstmals um die Mitte des zweiten Jahrtausends vor Christus erwähnt, in den Annalen von Thutmosis III. Darin werden Vögel geschildert, die als Mitbringsel aus einem nordöstlichen Land kamen und "täglich gebären", also jeden Tag Eier legen. Das ist ein Indiz dafür, dass die damaligen Haushühner schon bedeutend produktiver waren als ihre wilden Großmütter. Bankivahennen bringen es nur auf ein bis zwei Dutzend Eier im Jahr.

Die Spur der Hühner führt von Griechenland nach Italien und von dort gen Norden. Über die Alpen schaffte es der Vogel irgendwann im siebten Jahrhundert vor Christus. Archäologen fanden Hühnerknochen aus dieser Zeit in einem frühkeltischen Herrensitz an der oberen Donau sowie in einem etwa ebenso alten Hügelgrab bei Schirndorf in der Oberpfalz. In der Slowakei gehörten Hühnerknochen in der Latènezeit, also 600 bis 100 Jahre vor Christus, zu den regelmäßigen Grabbeigaben. Sie dienten als Wegzehrung und als Garant für neues Leben.

Die Römer und das Federvieh

Als die Römerzeit zu Ende ging, hätte es eines Vereins zu Erhaltung der Hühner-Artenvielfalt bedurft. Denn in der Blütezeit des Römischen Reichs hatte sich zwar bereits reiches Wissen über Hühnerhaltung und -züchtung angesammelt: Es gab mehrere Hühnerrassen, darunter auch Zwerg- und Haubenhühner, die aus Liebhaberei gezüchtet wurden. Doch mit dem Untergang des Imperiums ging diese Expertise verloren. Im frühen Mittelalter nahm die Formenvielfalt ab und die Hühner wurden mickeriger. Erst im Spätmittelalter bemühte man sich um die Züchtung neuer Landhuhnrassen, von denen einige bis heute existieren - zum Beispiel Thüringer Barthühner, Rheinländer, Hamburger, Altsteirer und Paduaner.

Monopol der Legehennen

Eine regelrechte Zuchtwut brach Anfang des 19. Jahrhunderts aus - zuerst in England ... 

Ergänzung 6./13.7.2022: Zwei neue Studien grenzen Ort und Zeit der Domestikation der Hühner genauer ein (Thailand, 1650 v. Ztr. - zusammen mit der Einführung des Reisanbaus) (1), ebenso ihre Ankunft in Europa (2).

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  1. Peters, J., Lebrasseur, O., Irving-Pease, E. K., Paxinos, P. D., Best, J., Smallman, R., ... & Larson, G. (2022). The biocultural origins and dispersal of domestic chickens. Proceedings of the National Academy of Sciences, 119(24), e2121978119, https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2121978119
  2. Best, J., Doherty, S., Armit, I., Boev, Z., Buster, L., Cunliffe, B., ... & Sykes, N. (2022). Redefining the timing and circumstances of the chicken's introduction to Europe and north-west Africa. Antiquity, 7.6.2022 (Antiquity)

Montag, 12. März 2007

Altern: Die Evolution der Lebensdauer bei 271 Vogelarten

Die Lebensdauer korreliert bei 271 Vogelarten nicht mit der sozialen Komplexität ihrer Lebensweise aber mit ihrem durchschnittlichen Lebensalter zur Zeit der ersten Elternschaft (oder Fortpflanzung).

Auch der Mensch kommt ja - im Vergleich zum Schimpansen - später in die Pubertät und hat eine längere physiologische Lebensdauer. Lange Kindheit und langes Lebensalter sind also etwas, was den Menschen zum Menschen macht und ihn vom Schimpansen unterscheidet. Verkürzung der Kindheit, so kann man weiter sagen, ist also aus dieser Sichtweise etwas, was den Menschen wieder näher an den Schimpansen (oder den Homo erectus) heranführt.

Es wäre interessant zu schauen, ob auch Gehirngröße und Lebensdauer (wie bei den Primaten?) bei Vögeln miteinander korreliert sind, so wie ja auch Gehirngröße und Nesthockertum bei Vögeln (und Primaten) miteinander korrelieren. (Siehe die Forschungen von Adolf Portmann und anderen.)

Dienstag, 6. März 2007

Die Evolution der Boshaftigkeit


Die Theoretiker der Verhaltensforschung und der Soziobiologie haben sich ja nicht nur mit moralisch "gutem" Verhalten beschäftigt (Altruismus), sondern auch mit der Evolution der Boshaftigkeit (englisch: spite). Und tatsächlich muß ja auch solch ein Verhalten Evolutionsstabilität aufweisen, sonst würden wir es nicht täglich erfahren und - - - (natürlich auch) ausüben. (Denn nur sehr unreife Leser werden doch wohl von sich selbst behaupten, sie wären - schon - vollkommen gute Menschen! - ?)

Daß die Natur tatsächlich ganz schön große Boshaftigkeit mit sich bringen kann, wird einem in einem heutigen Artikel von "Spektrum der Wissenschaft" ziemlich krass vor Augen geführt. Man traut so etwas so kleinen Singvögeln gar nicht zu ...

Nordamerikanische Braunkopf-Kuhstärlinge (Täterbild ganz oben), die in keiner Weise mit diesem miesen europäischen Kuckuck verwandt sind (der aber trotz seiner Miesigkeit Frühlingsgefühle bei Menschen hervorrufen kann zu gewissen Jahreszeiten), legen ihre Eier in Nester anderer Vögel, beispielsweise von Zitronenwaldsängern oder Michigan-Waldsängern. Entdecken diese Vögel die bösen Absichten und werfen die fremden Eier aus dem Nest, kommen die Braunkopf-Kuhstärlinge (Täterbild ganz oben) zurück und zerstören das ganze Nest. So daß die - klüger gewordenen - Opfer in einer zweiten Brutsaison des Jahres meist die fremden Eier dulden, weil sie dann selbst mehr Fortpflanzungs-Erfolg haben.

Wenn DAS nicht alles böse und mies ist.

Und hier noch ein Zitronenwaldsänger, den keine Tier-Polizei schützt:

Dienstag, 13. Februar 2007

Durch Gesang sein Revier verteidigen

Was für ein schöner Gedanke, daß Vögel durch Gesang ihr Revier verteidigen. Man stelle sich einmal vor, (menschliche) Staaten, Völker und Volksgruppen würden durch Gesang ihr "Revier", ihr Territorium verteidigen (können). Dann wäre - wahrscheinlich - eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen. Warum also immer und ausschließlich zu den (gewalttätigen) Schimpansen schauen, wenn es um die evolutionären Wurzeln des Territorialverhaltens des Menschen und seiner Gruppen geht? So schreibt heute (13.2.07) Kerstin Viering in der "Berliner Zeitung":

So richtig nach Winter klingt das nicht mehr. Amseln und Meisen scheinen sich in diesen Tagen schon auf Partnersuche und Fortpflanzung eingestellt zu haben und zwitschern in den höchsten Tönen. Sogar eine Feldlerche hat Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland schon gehört. Dabei kehren diese Vögel normalerweise erst Ende Februar oder Anfang März aus ihren Winterquartieren am Mittelmeer zurück. Haben die milden Temperaturen die Vogelwelt aus dem Konzept gebracht? "Nicht jeder Gesang im Winter ist ungewöhnlich", sagt Nipkow. Bei Rotkehlchen etwa ist es üblich, auch in der kalten Jahreszeit ein Revier zu verteidigen. Da brauchen sie ihr Gezwitscher, um möglichen Rivalen Respekt einzuflößen. ...

- Oder sollte das etwa auch in Beziehung gesetzt werden können zu der These, daß Sprachevolution Humanevolution gewesen ist und ist (siehe zum Beispiel der britische Anthropologe Robin Dunbar in seinem Buch "Klatsch und Tratsch")? Vielleicht stellt ja menschlicher Gesang, menschliche Tratscherei, menschliches Kulturleben und seine Äußerungen, seine Reichhaltigkeit und Buntheit tatsächlich einen Faktor dar, der andere menschliche Gruppen davon abhält, das Kulturleben dieser Gruppe zu beeinträchtigen? Man denke etwa an die "singende Revolution" des lettischen Volkes vor einigen Jahren (1987 - 1992). Vielleicht flößt die Kultur eines Volkes, eines Volksstammes ja bei einem anderen Volk oder Volksstamm (und seinen regierenden Kreisen) tatsächlich ab und an auch einmal Respekt ein gegenüber dem Leben und der kulturellen Entfaltung derselben?

Es ist wahrscheinlich sowieso gefährlich, von den deprimierendsten menschlichen politischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts GAR zu allgemeingültig auf andere Epochen der Humanevolution der Vergangenheit und Zukunft zu schließen und ganz andere Formen, Möglichkeiten und Wege von Humanevolution dabei ganz unberücksichtigt zu lassen.

Auch an die alten "männlichen-festen, trotzigen" Kirchenlieder könnte man sich erinnert fühlen, beispielsweise an Luthers "Eine feste Burg ist unser Gott". Oder auch Protestlieder gesellschaftlicher Bewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Lieder also, die zum trotzigen Ausharren auffordern, zum Festhalten an für wertvoll erkannten kulturellen Gütern oder Standpunkten, wie "ernst er's jetzt (auch) meint", der "altböse Feind". Man singt sich dadurch ja auch Mut zu - so wie das kleine Rotkehlchen im tiefsten Winter.

Auf dem Wikipedia-Eintrag zu Luthers Lied heißt es, daß Heinrich Heine Luthers Protestlied als die "Marseillaise der Reformation" bezeichnet hat. Es hat auch wirklich mitreißenden Klang:
... Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.


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Aktualisierung - 5.9.2008 hier:

http://studgenpol.blogspot.com/2008/09/durch-gesang-sein-revier-verteidigen-ii.html
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