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Sonntag, 24. Juni 2007

Pro Kind und Jahr 10.000 Euro fordert Paul Kirchhof

Als TAZ-Leser ist man, glaube ich besser informiert. Deshalb mal einige Auszüge (TAZ, März 2006):

Geradezu rührend einfach das Rezept von Exverfassungsrichter Paul Kirchhof: Frauen sollten pro Kind und Jahr 10.000 Euro erhalten, "und zwar weil sie Großes geleistet haben". (...) Da könnte sich sogar Familienministerin von der Leyen eine Karriereauszeit erlauben und sich ganztags ihren sieben Kindern widmen. (...)

Die "innerlich kaputte Gesellschaft" hat sich "irgendwann Ende der Sechzigerjahre dazu entschlossen, den Nachwuchs auf ein Minimum zu drosseln", jammert Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek in einem breit angelegten Jubelartikel zu "Minimum", dem neuen Buch von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Deutschland versündige sich gegen eine "Urverfassung der menschlichen Natur", nämlich die Familie. (...) Vorstellungen von Versorgung und Solidargemeinschaft lernt man nur in der Blutsgemeinschaft, so Matussek. Denn Wahlverwandtschaften sind zu unverbindlich. Die Stammtischweisheit "Blut ist dicker als Wasser" wird bei Matussek zur Stammhirnwahrheit: "Das Stammhirn sagt: Rette deine eigenen Leute." Beweis: das von Familienfrauen organisierte Überleben eines amerikanischen Siedlertrecks im 19. Jahrhundert, um das herum Schirrmacher seine Thesen aufbaut. (...)

Allenthalben werden der angebliche Verlust von Bindungen und Verbindlichkeit in der Gesellschaft beklagt, einzig und allein festgemacht an steigenden Scheidungsziffern und fallenden Geburtenraten.

Soweit ich sehe: Die TAZ konstatiert die Meinungen und Entwicklungen ganz gut, weiß aber nicht wirklich eigene Lösungen. Denn dies ist kein Beitrag zur Lösung, sondern eines der besten Charakteristika der Probleme, mit denen wir leben und schlicht nur eine Verlängerung derselben:

Ganz allmählich macht sich bei den politisch Verantwortlichen die Erkenntnis breit, dass noch am ehesten zur Fortpflanzung animiert werden kann (!!!), wenn die vielen Milliarden, die durch Steuersplitting, Kinderfreibeträge und Kindergeld in die Familien gepumpt werden (!!! - schlechter sprachlicher Stil, sehr schlechter), in Krippen und Kitas mit gut ausgebildetem Fachpersonal umgelenkt würden.

"Gut ausgebildetem Fachpersonal". Warum fordert man nicht, wie schon 1994 im 5. Familienbericht geschehen, daß dieses "gut ausgebildete Fachpersonal" in der Schule ausgebildet wird? Daß dort neben Fach- auch Daseinskompetenzen erworben werden? - Aber insgesamt: Dieser Satz zeugt von einer familienpolitischen Ahnungslosigkeit, die grenzenlos ist. Es sind nicht "viele" Milliarden, sondern es sind nach der Einschätzung der großen Mehrzahl der familien- und sozialpolitischen Experten seit Jahrzehnten (!!!) viel zu wenige Milliarden, die zu den Familien gelangen. Das kriegen wir alles noch genauer heraus, keine Sorge.

Mittwoch, 20. Juni 2007

Die Pille - schafft sie ein "Klima seelischer Verhütung"?

Die "Zeit" berichtet über die neuesten Entwicklungen auf dem Gebiet der hormonellen Empfängnis-Verhütung von Frauen. (Zeit) In dem Artikel sind wesentliche Aspekte und gesellschaftliche Folgen was Pillen-Einnahme betrifft, nicht genannt.

Das "Berlin-Institut" berichtet Anfang des Jahres, daß die Pille ein sehr konkretes "Klima der seelischen Verhütung" in Paarbeziehungen und in unserer Gesellschaft allgemein schaffen könnte. (Studium generale)

Dienstag, 19. Juni 2007

Aufbruch in der Familienpolitik - Die große Tagung des Familiennetzwerks im Mai

Ich habe mir die Tagungsberichte von der Tagung des Familiennetzwerkes im Mai in Frankfurt am Main noch einmal genauer angeschaut. Hier mal einige wichtige, mich überzeugende Passagen, von einer Tagung, die ja doch sehr hochkarätig besetzt war. Wie man über so viele Koryphäen der Wissenschaft so oberflächlich-ideologisch hinweggehen kann, wie das der "Spiegel" tat, ist mir ein Rätsel. Das war nicht nur eine politische, sondern vor allem eine wissenschaftliche Tagung. Und über diese hätte zunächst sachlich wie über jede wissenschaftliche Tagung berichtet werden müssen. Das kann auch der "Spiegel".

Krippenkinder: "Flucht nach innen"

Sir Richard Bowlby betonte (Tagungbericht)

dass Säuglinge und Kleinkinder, die die vertraute Bezugspersonen nicht erreichen können, nach einer Anfangsphase des Protests in einer für dieses Alter typischen Weise mit „Flucht nach innen“ reagierten. Dieses Verhalten entspräche einem „Erstarren und Aufgeben“, von unkundigen Erwachsenen fälschlich interpretiert als „Beruhigung und Gewöhnung“. Dass diese Kinder dennoch unter deutlichem Stress stünden, sei inzwischen beweisbar, und zwar anhand des Stresshormons Cortison, welches im Speichel gemessen werden könne. Kinder in Tagesstätten, so Bowlby, hätten großenteils erhöhte Cortisolwerte, die bei manchen Kindern abends, wenn sie zu Hause sind, wieder absinken, bei anderen aber sogar dauerhaft erhöht bliebe. Wir wissen nicht, so Bowlby, wie sich diese erhöhten Cortisolspiegel auf das sich entwickelnde Gehirn auswirken, da stehe die Forschung noch am Anfang. Es gäbe jedoch absolut keinen Anlass zu sorglosem Umgang, vielmehr müsse die primäre Bindung gesichert werden.

Und schon zuvor hieß es: In Notfallreaktionen würden Babys und Kleinkinder – oft nach anfänglicher Weinens- oder Protestphase – äußerlich ruhig. Erwachsene dächten dann, dass die Babys und Kleinkinder sich beruhigt hätten und ihre neue Umgebung nun akzeptieren würden, aber es handele sich keineswegs um normales Verhalten sondern eher um einen Abschottungsprozess, und ihr Cortisolspiegel sei messbar höher als zu Hause.

Wiederholte Trennung, z.B. wochentäglicher Krippenbesuch, könne sich in subtilen Verhaltensänderungen äußern, aber die viele Eltern und Betreuer bekämen diese entweder nicht mit oder brächten diese nicht mit der Fremdbetreuung in Zusammenhang. Damit aber erkennten Erwachsene nicht, dass die Fremdbetreuung ein signifikanter Risikofaktor sei, welcher die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Kinder später emotionale Probleme entwickeln. Manche Kinder seien dadurch überfordert und entwickelten in der Kindheit und Jugend psychische Probleme, Schwererziehbarkeit und unsoziales Verhalten.

Sir Richard wies auf die Überbewertung kognitiver Prozesse hin: Wir konzentrieren uns sehr stark auf Bildungserfolge und sind in Gefahr, das emotionale Wohlbefinden und von Babys und Kleinkindern aus den Augen zu verlieren. (...)

Eine große Gesellschaftsrevolution wird benötigt

Anna Wahlgren beklagt, Eltern besuchten heute Kinder in deren Welt, wenn sie gerade Zeit und Lust dazu hätten anstatt die Kinder schrittweise in ihre Welt mitzunehmen, wenn Kinder sich bereit dazu fühlten und Interesse daran zeigten.

Anna Wahlgren schilderte dem entzückten Publikum ein konkretes Beispiel, die Geschichte einen kleinen unglücklich in seinen teuren Spielsachen quengelnden Knirpses, den seine Mutter, weil sie gerade das Mittagessen kocht, neben dem Herd auf die Arbeitsplatte setzt und ihm eine Wurst in die Hand drückt, so dass er sie in die Pfanne plumpsen lassen kann. Der Kleine strahlt in stolzer Gewissheit, seiner Mutter beim Kochen eine unentbehrliche Hilfe gewesen zu sein, um dann - nach getaner Arbeit in seiner Freizeit (!) – zufrieden zu seinem Spielzeug zurückzukehren. Der spontane Applaus zeigte, dass dieses Beispiel verstanden worden war.

Anschließend wurde Wahlgren wieder ernst. Sie bezeichnete Kindertagesstätten als "Kinderparkplätze" und forderte eine „große Gesellschaftsrevolution“, die Arbeit müsse wieder in die Familien zurückkehren, damit Kinder sich als wertvolle und nützliche Mitglieder der Gemeinschaft und ihr Dasein als sinnhaft erleben könnten. (...)

Gordon Neufeld aus Kanada. Der kanadische Entwicklungspsychologe, selbst 5facher Vater und 3facher Großvater, arbeitet seit über dreißig Jahren mit Kindern und den für sie verantwortlichen Erwachsenen. Neufeld ist vor allem durch seine bahnbrechenden Einsichten über Bindung und Aggression bekannt geworden, und sein Modell der kindlichen Entwicklung hilft weltweit Eltern und professionell mit Kindern Tätigen weiter. (...)

Gordon bediente sich deutlicher Worte: (...) Erziehung durch eine Fremde, z.B. einer Tageskrippenerzieherin, sei eine Verletzung der kindlichen Intimsphäre – ein unzulässiger Übergriff. (...) Prof. Johannes Pechstein aus Mainz sprach von der „Bundeskrippenministerin“.

Teilnehmer fühlten sich an die Anfänge der Grünen erinnert

Und der Tagungsbericht schließt mit den Worten: Mancher Ältere fühlte sich an die Anfänge der Grünen erinnert, die just hier, in der Johann-Goethe-Universität, einst als kleine Ansammlung Unbeugsamer gestartet waren. Anfangs belächelt, dann bekämpft, hätten sie schließlich zu entscheidenden Veränderungen in der Politik aller Parteien beigetragen. Dem Familiennetzwerk könnte, man wünscht es den Kindern und Eltern, ein ähnlicher Weg bevorstehen.

Einem weiteren Tagungsbericht entnehmen wir: Anna Wahlgreen ist überzeugt: Große und kleine Menschen brauchen das Gefühl, gebraucht zu werden, Teil eines größeren Zusammenhangs zu sein, eine Aufgabe zu haben, einen Beitrag leisten zu wollen für andere. "Wir aber haben eine Gesellschaft aufgebaut, die Kinder nicht braucht und ihren Beitrag nicht haben möchte. (...)

"Anstatt unsere Kinder in unsere Welt mit ein zu beziehen, besuchen wir sie hin und wieder in ihrer Welt, falls oder wenn wir gerade mal Zeit dazu haben." Wahlgreen beschreibt, wie glücklich das Kleinkind ist, wenn es Mama mithelfen darf in der Küche. Wie wenig es sich interessiert für sein Spielzeug, wenn Papa den Rasen mäht oder Mama die Fenster putzt. Sie plädiert dafür, Kinder zu Hause mehr mit ein zu beziehen in alle Arbeitsabläufe, sie nicht überzubetreuen und "zu Tode zu schonen".

Zusammenfassend postulierte Anna Wahlgreen, dass eine wirkliche Revolution unserer Gesellschaft die Frauen nicht vor die Alternative stellen würde entweder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen oder zu Hause zu bleiben, sondern die Arbeit wieder an die ganze Familie nach Hause zurückzugeben.

"Ihr Kind hat Sie heute 20 mal gebraucht ..."

Eva Herrman sprach über den verbreiteten Satz, den Eltern, die beide außer Haus arbeiten gehen, oft anführen: "Es kommt auf die Qualität der Beziehung an, nicht auf die Quantität". Sie habe oft darüber nachgedacht, wo hier der Denkfehler liege. In einer Talkshow zusammen mit Christa Meves und einer jungen Unternehmerin mit Kind habe sie dann die Antwort bekommen: Die junge Unternehmerin habe genau diesen Satz angeführt, um zu erklären, warum sie den ganzen Tag in ihrem Unternehmen arbeiten kann und es abends voll auf genüge noch ein zwei gute Stunden mit dem Baby zu verbringen. Christa Meves habe damals versucht, den Blickwinkel einmal auf das Erlebnis des Kindes zu verändern. "Ihr Kind hat sie heute mindestens 20 mal gebraucht während des Tages und sie waren nicht da. Und jetzt soll es sich plötzlich freuen auf seine Mutter, die ihm jetzt die ganze Liebe des Tages überstülpen möchte, die sie jetzt für es übrig hat. Vielleicht hat das Baby gerade gar keine Lust auf Mutter, vielleicht spielt es gerade oder ist böse, weil Mutter nicht da war." Eva Herrmann: "Es gibt keine Qualitätsbeziehung ohne dass Mutter und Kind viel Zeit miteinander verbringen."

Meiner Meinung nach könnte hier überall auch noch mal ein bischen mehr über Männer und Väter die Rede sein. Aber sei's drum. Das renkt sich von selbst ein.

Gefühle können aussterben (weibliche) oder abgedämpft werden (kindliche)

damit Engagiert meinte Frau Herrman: Es seien nicht die demographischen Erwägungen, die ihr Angst machten, wenn Frauen sich gegen Kinder entscheiden. Was ihr Angst mache sei, dassbald die weiblichen Gefühle aussterben. Schwangerschaft und Geburt lösten in Frauen viele neue Gefühle aus, bewirkten Weiblichkeit. "Wenn immer mehr Frauen sich gegen Kinder entscheiden, sterben auch die weiblichen Gefühle wie trösten, helfen, fördern, usw. mit der Zeit aus." (...)

Bolwby berichtete von weiteren wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen hinsichtlich der emotionalen Entwicklung beim Kleinkind: Trennungsschmerz löse beim Kleinkind Stress aus. Das könne inzwischen nachgewiesen werden durch einen erhöhten Cortisolspiegel, das Hormon, das bei Stress ausgeschüttet wird. Normalerweise habe jeder Mensch morgens einen hohen Cortisolspiegel, der über den Tag kontinuierlich abnehme. Bei Babys, die abgegeben werden, und die diese Trennung nun verarbeiten müssten, bliebe der Cortisolspiegel - durch einen Speicheltest heute leicht nachzuweisen – dauerhaft hoch. Wenn das Gehirn sich nun an diesen dauernd hochbleibenden Spiegel gewöhnt, nähme dadurch die Steuerungsfähigkeit der Emotionen des Kind immer mehr ab. Kurz könne man das so ausdrücken: Mama weg – Gehirn meldet: Gefahr, Angst (Cortisolspiegel bleibt hoch) - Antwort auf Angst ist entweder Kampf oder Flucht. Beide Möglichkeiten sind dem Baby verwehrt. Um mit der Situation zurecht zu kommen könne es nur versuchen, seine normale Gefühlswelt zu dämpfen. (...)

Die bei der Tagung anwesenden Fachleute waren sich hinsichtlich eventuell notwendiger Fremdbetreuung einig. Allen voran Steve Biddulph, in Deutschland als Buchautor bekannt, brachte es zum Ausdruck: Am ehesten erträgt es ein Kind, wenn es weg von der Mutter ist, stundenweise (nicht ganztags) bei einer Person zu sein, die von Geburt an eine Beziehung zu ihm hat (Großeltern, Nachbarin, ...) und ihm viel Aufmerksamkeit zukommen lässt. (...)

Schaffung einer allgemein verbreiteten Volksmeinung, dass Kinder klasse sind

Prof. Dr. med. Johannes Pechsten, Kinderarzt und Kinderpsychiater, führend in der Forschung zur frühkindlichen Entwicklung brachte es auf den Punkt: "Wir haben unsere Kinder nicht geboren, damit andere sie großziehen und seien diese anderen noch so lieb".

Pechstein forderte: Anstatt viel Geld in die Neuschaffung Tausender von Krippenplätzen zu investieren, (...) sei das Geld besser investiert in:

- einen familiengerechten Lastenausgleich und die Anerkennung der häuslichen Erziehungsarbeit woraus rentenfähige Leistungen für Mütter erstehen

- differenzierte Mütterakademien zu einer qualitativ guten und schnellen Wiedereingliederung in den Beruf nach den Jahren, die die Mutter bewusst zu Hause bei den Kindern verbringt

- Schluss mit der Panikmache, dass Mütter später sowieso nie mehr in ihren Beruf hinein kommen könnten.

- Die Schaffung einer allgemein verbreiteten Volksmeinung, dass Kinder klasse sind und Familien alle Unterstützung bekommen, um nach ihrer inneren Stimme und Regungen entscheiden zu können. (...)


Auch hier spricht mir Pechstein zu wenig von Vätern. Kann man das nicht "Eltern-Akademien" nennen? Aber ansonsten: Volle Zustimmung.

Sonntag, 17. Juni 2007

"Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter"

"Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter" - diesen Spruch muß man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter". Noch einmal: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter".

Oh, ich versuche zurückhaltend zu bleiben. Und nicht in blasphemische Zornausbrüche zu geraten. Ok ... ruhig bleiben. Ganz ruhig.

Mir liegt vor:

Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002

Ein vielgelesener Schinken aus der UB - viele Bleistift-Anmerkungen in den letzten fünf Jahren. Sehr lobenswert. Zeugt von großem Fleiß. Zum Beispiel steht da auf Seite 214 an den Rand geschrieben nebem dem Buchtext "Es wird eine klare und leicht handhabbare Lösung empfohlen: ein ausreichendes Erziehungsgehalt oder -entgelt soll - zahlbar bis zum Ende der Schulpflicht von Kindern - die Bereitschaft zur Übernahme von Erziehungsverantwortung stärken und Eltern eine Alternative zur Erwerbsarbeit und außerhäuslichen Kinderbetreuung erschließen." Zu diesem Buchtext also hat eine freundliche Leserin oder ein freundlicher Leser (die Schrift sieht eher weiblich aus) geschrieben: "aber: Förderung des Hausfrauendaseins". Na. Da wird ja in den Soziologie-Seminaren sehr altklug diskutiert worden sein.

Zwei Beiträge sind es jedenfalls, die in diesem Band zunächst besondere Aufmerksamkeit erregen:

Ebert, Thomas: Beutet der Sozialstaat die Familien aus? - Darstellung und Kritik einer politisch einflußreichen Ideologie (S. 99ff) und:

Stolz-Willig, Brigitte: Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit oder:Familienarbeit neu bewerten - aber wie? (S. 213ff)

Nachdem ich beide Artikel (an-)gelesen habe, wird mir klar, daß es gegen ein Elterngehalt im Grunde keine vernünftigen Argumente gibt. Die genannte Bleistift-Anmerkung ist eigentlich alles, was dagegen vorgebracht wird. Und ist das ein Argument? Oder ist es Ideologie? - Man muß sich nur erst einmal die Argumente angesehen haben, und erkennt sofort, wie schwach und ärmlich sie sind, auf welchen dünnen, ja absurden Füßen sie stehen.

Das wichtigste Stichwort: "Erziehungsgehalt"

Das Schöne an den Beiträgen ist aber, daß sie die Literatur und die Stichworte nennen, die man konsultieren muß, wenn man sich über die Diskussion zu dieser Thematik auf dem Laufenden halten will. Das wichtigste Stichwort lautet "Erziehungsgehalt". Unter diesem Stichwort läuft die Diskussion. (Wikipedia) Ich würde es lieber Elterngehalt nennen. Denn es soll deutlich werden, daß es Müttern wie Vätern gleichermaßen zusteht. Außerdem ist Erziehung nicht das Einzige - vielleicht noch nicht einmal das Vorwiegende, was geschieht, wenn man Kinder aufzieht. Sie müssen gewickelt werden, gebadet werden, getröstet werden, man muß ihnen Einschlaflieder singen, sie wollen etwas vorgelesen bekommen, man muß ihnen Essen zu bereiten, man muß mit ihnen spazieren gehen, man muß - im Grunde meist - "nur" aufpassen, daß sie keinen Blödsinn anstellen, nicht sich und andere gefährden. "Erziehung" im engeren Sinne ist wohl bei all dem noch das Allergeringste. Im Grunde ist eine solche Benennung wiederum ein Ausfluß, ein Kennzeichen von "Verkopfung" unserer Gesellschaft, die gar nicht mehr realisiert - wie das schon Friedrich Hölderlin wußte -, daß Kinder im wesentlichen wie Pflanzen aufwachsen. Man muß sie begießen, sie brauchen Licht und Sonne. Aber wenn sie das haben, können sie von allein wachsen. Man soll ihre zarten Blätter nicht dauernd betasten und befühlen. Deshalb bleibe ich bei meinem Wort Elterngehalt. Es ist - quasi - im Wesentlichen ein "Gärtner-Gehalt". (Das Wort steckt ja auch im Wort Kindergarten drin, merke ich grade ... ;-) )

Ruhig bleiben, ganz ruhig bleiben ...

Wikipedia ist nun schon etwas einseitig ideologisch vorprogrammiert, was diesen Eintrag zu "Erzieungsgehalt" betrifft. Aber es bringt halt doch sehr aktuelle Literaturverweise. Und da entdecke ich als erstes die Überschrift: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter". Ok. Also ... Weiter versuchen, ruhig zu bleiben. Ganz ruhig. Was steht denn in dem Artikel drin, einem Artikel vom renommierten "idw - Informationsdienst Wissenschaft"? (idw) "Erwerbswillige Zweitverdiener", "Fachkräftemangel", Reduktion der "Einnahmeeffekte für die öffentliche Hand" (wenn Eltern bei Kindern bleiben). "Verringerung des Fachkräftemangels im demografischen Wandel". Die Formulierung, die mir die Zornader schwillen läßt, stammt von "Bildungsökonom Dr. Dieter Dohmen". Ok. Lieber Herr Dr. Dohmen. Ok. ... Ruhig bleiben. Ruhig. Abschließend wird er zitiert mit den Worten:

"Das von den Befürwortern des Erziehungsbonus' dafür ins Feld geführte Gerechtigkeitsargument ist vorgeschoben. Nicht erwerbstätige Ehefrauen werden in beträchtlichem Umfang auch heute schon durch indirekte staatliche Leistungen unterstützt. Der Erziehungsbonus verstärkt die bestehende Subventionierung nur noch."

Ja. Und dazu schlage ich vor, daß man einfach allen staatlichen Familien-Förderungs-Wirrwarr streicht und dann
1. den reinen materiellen Unterhalt der Kinder staatlich sicherstellt (was heute wohl schon sowieso in weiten Teilen sichergestellt ist - halt durch "Wirrwarr") und
2. zusätzlich ein vollkommen reguläres Elterngehalt einführt.
Wir werden ja dann sehen, ob die derzeitige Lösung gerecht ist oder ob die dann eingeführte Lösung nicht um einiges gerechter ist.

Das "Gerechtigkeitsargument" - vorgeschoben?

Derzeit ist die Gerechtigkeitsfrage - offenbar - gar nicht so schnell zu klären, weil all die "Ökonomen" völlig den Überblick verloren haben, bzw. noch nie richtig versucht haben, ihn zu gewinnen, sich auf einen gemeinschaftlichen Überblick zu einigen. (Siehe frühere St. g.-Beiträge.)

Soweit ich sehe, wird jeder moderne Arbeitsmarkt durch Lohne und ihre Höhe reguliert. Das ist Thema fast jeder zweiten oder dritten Nachricht in Presse und Rundfunk. Also. Dann wendet das für die Mütter und Väter an, die ihr auf dem Arbeitsmarkt braucht. Was mich aber eben immer wieder am meisten ekelt, ja ekelt, an all den Äußerungen von "Bildungsökonomen" das ist, daß eben - und hier nur wieder allzu kraß - mit dem augenblicklichen ökonomischen Nutzen argumentiert wird. Weder wird auf die langfristige Stabilität einer hochkomplexen arbeitsteiligen Gesellschaft Rücksicht genommen, ausreichend Rücksicht genommen (die eben nur durch Kinderzahlen zu sichern ist), noch aber - was im Grunde viel schlimmer ist - auf irgendein Kindeswohl, auf irgendeinen Kinderwillen. Das taucht überhaupt nicht auf!

Kinder wollen nicht Eltern, die arbeiten. Kinder wollen Eltern. Und sie allein, diese Kinder werden die Eltern und Großeltern künftiger Facharbeiterinnen und Facharbeiter sein. Sie sollen mit Freude in das Leben hineingehen. Sie sollen Urvertrauen dem Leben gegenüber gewinnen. Sie sollen bindungsfreudige, bindungsfähige, nicht bindungsängstliche und bindungsunfähige Menschen werden. Sie sollen mutig sein. Sie sollen später "Männer- und Frauenstolz vor Königsthronen" (Schiller) beweisen. Sie sollen also in ihrer Kindheit möglichst wenig beunruhigt werden durch die Bedingungen, in denen sie aufwachsen. Sie brauchen Ruhe und streßfreie Zonen. Sie brauchen: liebende, verständnisvolle Eltern.

"Kinder vor dem Fernseher"

Oh ja, das Kindeswohl taucht dann auf, wenn man Geld sparen und Eltern verunglimpfen will. Das bei Wikipedia zitierte Handelsblatt läßt den CDU-Familienminister von Nordrhein-Westfalen, Herrn Armin Laschet, in die gleiche Kerbe hauen wie seine Bundesfamilienministerin: „Da droht die Gefahr, dass Eltern aus sozial schwachen Schichten und Eltern mit Migrationshintergrund das Geld behalten, um ihr Einkommen aufzubessern, und ihre Kinder vor den Fernseher setzen.“

Frau von der Leyen hat es mit Zigarettenautomaten und Kneipen, Herr Laschet hat es mit dem Fernseher. Wie toll! - Wenn der Staat seine Bürger im Bildungssystem auch nicht auf Elternschaft vorbereitet, wenn er nicht Verantwortungsbewußtsein fördert, wenn er den Menschen nicht "Daseinskompetenzen" vermittelt, die das klare Wissen beinhalten, daß Fernsehen nichts für Kinder ist, wenn er überhaupt eine Medienpolitik betreibt, die unter aller Sau ist - mit Verlaub gesagt - ja, dann muß er Eltern so "infantilisieren", wie er es mit einer solchen Argumentation tut. Aber mal ganz andere Frage: Wenn der Staat den Eltern nicht mehr zutraut, Kinder richtig aufzuziehen, wie will er ihnen dann zutrauen, die richtigen Politiker zu wählen? Sollte er dann nicht auch das allgemeine Wahlrecht abschaffen? Kein Wahlrecht für Eltern! Es besteht Gefahr, daß sie die falschen Parteien wählen. - Mit Verlaub gefragt. Das sind also ganz und gar undemokratische, bevormundende Argumentationsweisen.

Der Staat kann von jenen Menschen, denen er ein Erziehungsgehalt, ein Elterngehalt bezahlt, verlangen, daß sie ihre Befähigungen vorweisen und sich auf diese immer wieder prüfen lassen. Wie das in jeder sozialen Einrichtung geschieht. Er kann verlangen, daß die Eltern ihrer Erziehungspflicht in ordentlicher Weise nachkommen. Er kann das aber nur tun, wenn er auch selbst seinen Pflichten zum Schutz der Kinder vor Kinder- und Jugendgefährdung nachkommt. Solange der Staat selbst hier seine Pflichten nicht erfüllt, hat er keinerlei Recht, bevormundend gegenüber Eltern aufzutreten.

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1. Ebert, Thomas: Beutet der Sozialstaat die Familien aus? - Darstellung und Kritik einer politisch einflußreichen Ideologie. In: Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002, S. 99ff
2. Stolz-Willig, Brigitte: Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit oder:Familienarbeit neu bewerten - aber wie? In: Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002, S. 213ff

Samstag, 16. Juni 2007

Kindergeschichten ...

"Kindergeschichten" in deutschen Tages- und Wochenzeitungen werden "trendy". Und sie werden auch immer realistischer. Und dadurch wird erkennbar, daß man für Kinder und für das Kinder-Betreuen Humor braucht. Viel Humor. Man muß vor allem über sich selbst lachen können. Und dadurch auch - automatisch - noch mehr über die Eitelkeiten anderer Leute. - Das alles ist im Grunde eine gute Entwicklung. Hier also jetzt einmal die "Zeit", in der eine kinderlose Studentin darüber berichtet, wie sie einen Tag lang das Kind ihrer Kommilitonin (einen zweieinhalb Jahre alten Jungen) einen Tag lang mit in die Uni nimmt und sich als dessen Mutter ausgibt - im "Selbstversuch". Das sollten mal andere Studentinnen und Studenten auch tun! Der Augenöffner pur. Hier nur ein paar Ausschnitte:

(...) "Uni gehen", ruft er laut, legt den kleinen blonden Kopf in den Nacken und strahlt die Professorin, Anfang 50, mit seinen roten Kinderbäckchen an. Die gibt sich unbeeindruckt von dem Kind mit den großen, blauen Augen. (...) Nur zwei Prozent der studierenden Eltern nehmen ihre Kinder regelmäßig in Vorlesungen mit. Mir wird jetzt klar, warum. Es ist total anstrengend. (...) Später beim Mittagessen in der Mensa ist es ähnlich. Einigen steht das Mitleid für mich, die junge Mutter, ins Gesicht geschrieben, andere wiederum versuchen politisch korrekt zu sein nach dem Motto: "Bloß nicht hingucken, ist doch nichts Besonderes." Da kann Keno noch so renitent die Nahrungsaufnahme verweigern und jeden Versuch dazu mit einem durchdringenden Schrei quittieren. (...)

Das Fazit des Tages: Noch nie habe ich so wenig vom Unterrichtsstoff mitbekommen, noch nie in der Mensa so wenig gegessen, noch nie habe ich vor lauter Stress vergessen, einen Kaffee zu trinken. Mit den Kommilitonen habe ich kaum gesprochen, weil die entweder das Mutter-Kind-Gespann nicht stören wollten oder nur mit dem blonden Keno geflirtet haben. Und von all den Gleichaltrigen nur noch als Mutter wahrgenommen zu werden, ist auch etwas gewöhnungsbedürftig. Selbst wenn ich sonst zusammen mit Keno auf dem Spielplatz oder beim Bauklötzestapeln schon mal an ein eigenes Kind denke - heute in der Uni überkam mich dieser Wunsch nicht. Im Gegenteil, ich bin, zugegeben, erleichtert, dass auf den langen Tag nicht noch ein kinderreicher Abend folgt. Gegen sechs Uhr entlasse ich Keno in die Arme seiner Eltern. Gegen halb zehn piept mein Handy. Eine SMS von Bianca: "Keno ist noch im Buggy eingeschlafen. War ein harter Tag für ihn." Ich sehe die Nachricht erst am nächsten Morgen. Ich schlafe zu diesem Zeitpunkt schon.

Daß alles in unserer Gesellschaft bezahlt wird, aber solche Heldentaten, nämlich das Aufziehen von Kinder nicht, seit über 50 Jahren nicht, wie so etwas möglich gewesen ist, das wird man künftigen Generationen nur schwer erklären können - wenn es sie noch geben sollte. Gibt es sie aber, dann ist ihnen ein Elterngehalt sicherlich das Allerselbstverständlichste von der Welt.

Freitag, 15. Juni 2007

Junge Eltern - die Alkohol-Industrie hat eine neue Zielgruppe

Die Familienministerin macht sozial schwachen Müttern und Vätern zum Vorwurf, daß mehr an sie gezahltes Geld für den Kauf von Zigaretten und Alkohol verwendet würde. Und deshalb will sie erzieherisch wirken und nur "Betreuungsgutscheine" ausgeben. Sollte sie mal nicht lieber die Werbung der Tabakindustrie und der Alkohlindustrie "erziehen" - statt freie Bürger? Wer ist Schuld an sozialer Verwahrlosung? Niemand. Klar. Die Betroffenen selbst. Sonst niemand. Aber auf keinen Fall die Alkohol-Industrie, die eine neue Vermarktungsgruppe gefunden hat: Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren, also jene, die in diesem Lebenalter anfangen, Familien zu gründen. - Und die Familienministerin? Sie tut ... ? - Etwas? - Aber nicht doch ... Sie ist doch eine "liebe", eine ganz liebe ...

Die "Zeit" berichtet:

Cool und krank

Die Werbeschaffenden zielen mit ihren Spots und Bildern für Alkoholika besonders auf junge Menschen. Ihre neueste Zielgruppe sind die Mädchen, da sind die besten Steigerungsraten im Konsum zu erwarten - die Jungs sind schon voll. (...)

Das zunehmende »Koma-Saufen« junger Menschen schlägt sich in der Krankenhausstatistik nieder: Im Jahr 2005 wurden rund 19.400 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und 20 Jahren volltrunken in Kliniken gebracht – doppelt so viele wie noch fünf Jahre zuvor. (...)

Rund 160.000 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene von 10 bis 25 Jahren sind alkoholabhängig oder stark alkoholgefährdet. (...)

Von 1973 bis 2000 steigt der Alkoholkonsum von Jugendlichen in Deutschland kontinuierlich. (...) Seit 2007 steigt er weiter. (...)

Vor allem Mädchen zwischen 16 und 17 Jahren haben Geschmack an Bier gefunden: Mehr als die Hälfte (52 Prozent) von ihnen gab an, mindestens einmal im Monat Bier zu trinken. 2004 waren es noch 32 Prozent gewesen.

Eine Familienministerin, die statt eine enthemmte Werbe-Industrie Familien "gängeln" will, eine solche Familienministerin gehört auf den Mond geschossen. Ganz persönlich meine Meinung. Und die Computer für ihre "Raumstation" können ruhig in Rußland hergestellt werden.

Montag, 11. Juni 2007

Vom Umweltschutz zum Menschenschutz

Der bekannte amerikanische Biologe und Soziobiologe Edward O. Wilson hat um effektiverer Erfolge auf dem Gebiet des Umweltschutzes eine Zusammenarbeit gefordert zwischen Atheisten und bibelgläubigen Menschen und hat dafür mit seinem letzten Buch geworben. Der deutsche Philosoph Jürgen Habermas hat wegen der Pathologien moderner Gesellschaften eine Revitalisierung des Religiösen gefordert. So wie die Umweltschützer sehen, daß die moderne Gesellschaft Ressourcen verbraucht, die sie nicht geschaffen und nicht wiederherstellen kann, so sehen ganz genauso Menschen wie Jürgen Habermas und viele andere, daß die moderne Gesellschaft moralische, religiöse, humane Ressourcen verbraucht, die sie nicht geschaffen hat und aus sich selbst heraus nicht wiederherstellen kann. Nun gibt es in Deutschland - ähnlich wie auf dem Gebiet des Umweltschutzes in den USA - auf dem Gebiet des von Jürgen Habermas geforderten "Menschenschutzes" einen Zwiespalt zwischen Atheisten und Bibelgläubigen.

Und man könnte sich überlegen, ob man nicht auch auf diesem Gebiet wie Edward O. Wilson auf dem Gebiet des Umweltschutzes versuchen sollte, vermittelnde Positionen zu formulieren. Gibt es gemeinsame Grundlagen zwischen Atheisten und Bibelgläubigen was Menschenschutz betrifft? Ehrfurcht vor dem Leben, vor der "sublimen Großartigkeit der wirklichen Welt" (Richard Dawkins) haben - so darf angenommen werden - Anhänger beider Denkrichtungen.

Ich möchte nun noch einen Schritt weiter gehen. Auf diesen Gedanken hat mich das neue Buch der Primatologin Barbara King gebracht. Ist nicht auch Atheisten und Bibelgläubigen gemeinsam, was sie sagt: daß Empathie und das Sich-Zugehörig-Fühlen zu den nächsten Mitmenschen, zu den Gemeinschaften, in denen man lebt, die Grundlage aller Humanität (Atheisten), bzw. aller Religiosität (religiöse Menschen) ist?

Sollte es nicht möglich sein, von einer solchen Ausgangsposition aus schlüssige gemeinschaftliche Forderungen in Hinsicht auf einen umfassenden Menschenschutz, in Hinsicht auf einen umfassenden Schutz des Weiterbestandes humaner menschlicher Beziehungen in einer Gesellschaft aufzustellen und abzuleiten?

Aber so lange allgemeine Floskeln aufgestellt werden, nützt es nichts. Der "5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" argumentierte genau auf der soeben skizzierten Linie. Er sagte, moderne Gesellschaften verbrauchen in ihrer "strukturellen Rücksichtslosigkeit gegen Familien" Ressourcen - in diesem Falle den Willen, die Fähigkeit und die Möglichkeit, Nachkommen aufzuziehen - , die sie aus sich selbst heraus nicht wiederherstellen, nicht neu erzeugen können.

Dieser Menschenschutz, der Schutz humaner familiärer Beziehungen zwischen Menschen muß oberstes Ziel aller staatlichen Bemühungen nicht sein, sondern erst wieder: werden. (Denn er ist es doch ganz offensichtlich nicht.) Es sollten nicht nur Klimagipfel, Umweltschutz-Gipfel stattfinden. Es sollten auch Menschenschutz-Gipfel stattfinden. Und diese müssen per se auch Familienschutz-Gipfel sein.

Sonntag, 10. Juni 2007

Alte Ehepaare lassen sich scheiden

Super-Gau in Tschernobyl ... und Super-Gau in deutschen Wohnzimmern (Welt):

"Immer mehr ältere Paare lassen sich scheiden - (...) Die hannoversche Landesbischöfin liegt mit ihrer Ehescheidung voll im Trend. (...) "Seit 1975 hat sich die Zahl der Ehescheidungen nach der Silberhochzeit verdoppelt", berichtet Michael Vogt, Eheberater am bischöflichen Generalvikariat in Essen. Professor Insa Fooken von der Universität Siegen ermittelte, dass gerade in letzter Zeit die Zahl der späten Trennungen regelrecht explodiert. "Lag ihr Anteil im Jahr 2001 noch knapp unter zehn, steuert er inzwischen auf 20 Prozent aller Scheidungen zu", sagt die Psychologin.

Die Leser-Kommentare bei der "Welt" zu diesem Bericht sind ein Spiegel unserer Gesellschaft:

Peter Kunde meint:
10-06-2007, 09:27 Uhr
Der Artikel gibt genau den Zeitgeist wieder: Die Männer sind an der ganze Misere Schuld. Was soll man dazu noch sagen ? Beifall, und macht doch euren Dreck alleine, wenn ihr alles besser könnt. Aber kommt bitte nicht immer wieder mit finanziellen Forderungen, sondern sorgt selbst für euch. Und wir dürfen endlich, endlich frei sein.....

Petra Kundin meint:
10-06-2007, 15:27 Uhr
Ist wohl eher so, dass manche Ehefrau es immernoch nicht wagt, ihrem Ehemann schon während der Ehe auf gleicher Augenhöhe gegenüberzutreten.

Wieso heiraten Männer bloß unterwürfige, unselbstbewußte und gehorsame Frauchen und fragen die dann auch nie, wie sie sich fühlen???

Wieso überlassen Männer immer ihren Frauen die ganze Pflege des sozialen Netzwerkes, wie: Geburtstagsgeschenke für Verwandte und Freunde organisieren, Einladungen aussprechen, Einladungen annehmen, telefonische Beziehungspflege, das Ausgehen organisieren...

Solange nach der Arbeit das Essen auf dem Tisch steht, ist alles ok, oder wie???

Und was meint "Ingo Kunde"? Er hält jetzt mal die Schnauze. Er ist ja noch nicht 65. Er sagt nur: "Super-Gau in deutschen Wohnzimmern." - Volk ohne Seele.

Mittwoch, 6. Juni 2007

Weg vom Bildschirm!

Es sind nur Hilfsmittel, der Computer und das Internet. Mehr nicht. Viele, vor allem jüngere, die von den Möglichkeiten dieser neuen Techniken fasziniert sind, vergessen das. Da mir das auch aus Rückmeldungen erkennbar wird, die ich von regelmäßigeren Lesern von "Studium generale" bekomme, nun dieser Beitrag.

Internet ist kein Lebensersatz. Im Gegenteil, es verstärkt die Gefahr, daß man sich noch stärker vom Leben entfernt als dies oft sowieso schon vorher der Fall ist bei akademischen Tätigkeiten. Auch früher gab es "Freaks", die waren quasi "mit der Wissenschaft verheiratet", waren in Bücher, Zeitschriften, im Verfassen von Manuskripten, in Laborarbeit und ähnlichen Dingen "vergraben". Oft kam dabei sogar etwas sehr Nützliches heraus. (Sehr oft!) Heute findet jedoch noch erheblich mehr Kommunikation als früher über "abstrakte Medien" statt. Und da ist man oft vor vielen Gefahren keineswegs gefeit.

Aber wie sieht es mit Studenten aus?

Eltern müssen - klar - darauf achten, daß ihre Kinder jenseits des Grundschul-Alters nicht der "Bildschirm-Welt" anheim fallen. Sie müssen die tägliche Zeit der Nutzung festlegen und sorgfältig auf die Art der Nutzung achten. - Aber wie sieht es mit Studenten aus? Ich bin - ehrlich gesagt - froh, daß es während meiner Studienzeit noch kein Internet gab. Ich bin sicher, daß es mich zu jener Zeit viel zu stark vom Studium - und auch vom Leben - abgelenkt hätte und zum unsachlichen, intellektuell undisziplinierten Herumsurfen von einem "tollen" Gedanken, von einer "tollen" Idee zur nächsten.

Das Internet ist für Wissenschaftler und Wissenschafts-Autoren, die gelernt haben, diszipliniert zu arbeiten und streng bei der Sache zu bleiben, ein eng umgrenztes Ziel zu verfolgen, eine ganz und gar hervorragende Angelegenheit. Da man viel schneller viele Arbeitsgänge fast parallel vollziehen kann, für die früher zahlreiche Arbeitsstunden von Sekretärinnen, studentischen Hilfskräften, Lektoren und anderen mehr verbraucht wurden. Da ist inzwischen viel wegrationalisiert worden, konnten viele Einsparungen vorgenommen werden, von denen wir alle profitieren - auch im wissenschaftlichen Bereich und bei der Vermittlung neuen Wissens an die Öffentlichkeit. Aber selbst viele disziplinierter arbeitende Menschen in diesen Bereichen spüren an sich selbst, daß aus den faszinierenden Möglichkeiten des Internets auch viele Gefahren sogar für sie selbst und ihre eigene Arbeit entstehen.

Mir scheint es fast so, daß die Regel, daß Studenten nicht mehr als eine oder eineinhalb Stunden täglich im Internet verbringen sollten, eine sehr nützliche ist. Der Rest gehört Büchern, Lehrbüchern, Seminaren, Vorlesungen, also insgesamt dem studentischen Leben außerhalb des Netzes. Das muß ich als Betreiber eines Wissenschafts-Blogs, der ja gerade auch diese Lesergruppe anspricht, mal so deutlich wie möglich zum Ausdruck bringen.

Nur als Beispiel: Auch der Besuch von Buchhandlungen, Antiquariaten und von (nicht-digitalen) Bibliothken ist für mich heute immer noch genauso wichtig wie vor der Zeit des Internets. Ich stoße da - heute wie früher - auf viele Dinge, auf die ich im Internet nie gestoßen wäre. Unmittelbar ein Buch, eine Zeitschrift in die Hand zu nehmen und in ihnen zu blättern, ist etwas ganz anderes und vermittelt sofort erheblich mehr Informationen, als nur die Beschreibung eines Buches (im Netz) zu lesen. Und mit wievielen anderen Dingen ist es nicht ganz genauso?

In dem Augenblick, wo ich merke, daß (auch) "Studium generale" vornehmlich der Vermehrung "digitaler Kommunikations-Muffel" und "Autisten" dient - und das geschieht fast zwangsläufig -, sehe ich dringend Notwendigkeiten, "Gegenstrategien" zu entwickeln. Deshalb jetzt, hier und heute die erste Forderung an alle Leser: Weg vom Bildschirm!

Wikipedianer verabreden sich zu regionalen Treffen ...

Aber es erscheint mir sinnvoll, dann auch folgerichtig zu sein, und diesen Gedanken weiterzuverfolgen: Auch andere Internet-Nutzer-Gruppen haben längst die Notwendigkeit von persönlichen Treffen außerhalb des Netzes erkannt. Die Wikipedianer verabreden sich zu regionalen Treffen. Ebay organisiert solche (wenn ich nicht irre). Und viele andere tun das - in höchstgradig sinnvollerweise - auch. Solche Gegenstrategien erscheinen mir außerordentlich wichtig. Und um nicht unglaubwürdig zu werden, muß "Studium generale" über kurz oder lang derartige Dinge auch ins Auge fassen.

Das würde also, soweit ich sehe, darauf hinauslaufen, daß sich regelmäßigere Leser an Wochenenden in größerer oder kleinerer Runde treffen, um sich persönlich austauschen zu können, Themen durch Teilnehmer-Referate und anschließende Diskussionen vertiefen zu können, vielleicht Referenten einladen und - möglicherweise (warum nicht?) - eine neue Kultur der "Lebensreform" auch praktisch verwirklichen und weiterentwickeln. Denn was kann Beschäftigung mit Wissenschaft denn anderes bedeuten als eine Lebensreform zu erstreben? Aus neuem Wissen, aus neuer Technik ergeben sich zwangsläufig Schlußfolgerungen für die Neugestaltung des Lebensalltags. Erste Vorbilder für mich wären etwa Wissenschaftler wie Werner Heisenberg, Nils Bohr, Max Delbrück, die mit ihren Familien, Studenten und Kollegen eine akademische Lebenskultur auch jenseits des fachwissenschaftlichen Austausches aufgebaut haben, die faszinierend ist.

Werner Heisenberg etwa war aus der Jugendbewegung hervorgegangen und hat bis an sein Lebensende - etwa mit Nils Bohr, seinen Studenten, seiner Familie, Kollegen - Wanderungen unternommen, Skitouren, Tischtennis gespielt, gemeinsame Konzerte veranstaltet oder besucht und vieles andere mehr. Max Delbrück hat Theaterstücke einstudiert. Es muß also nicht unbedingt gerade nur allein im Stil von Fischblog's Freizeit-Veranstaltungen zugehen ;-). (Kleiner Scherz am Rande. Ist nicht so gemeint! Der Möglichkeiten gibt es viele - warum nicht auch diese?!)

... und wie sieht es aus mit Wochenendtreffen von "Studium generale"-Lesern?

Da man sich sowieso mit dem Freundeskreis von (früheren) Kommilitonen und ihren Familien ab und an trifft und irgend etwas unternimmt - warum derartiges nicht erweitern zu Wochenend-Treffen eines "Studium generale"? Diese sprechen dann natürlich nicht nur Akademiker und Studenten an, sondern - wie die Volkshochschulen - alle Menschen. Die Idee der Volkshochschule ist ja übrigens genauso aus den vielfältigen, kulturellen Bestrebungen am Anfang des 20. Jahrhunderts hervorgegangen wie beispielsweise die Idee der Jugendherbergen. Warum also nicht an diese Traditionen anknüpfen, sie weiterführen, wiederbeleben?

Oft verstauben derzeit solche Bemühungen nur in Archiven oder wenig bekannten Historikergruppen. So beispielsweise in der meiner Meinung nach sehr wertvollen Arbeit des "Archivs der deutschen Jugendbewegung" auf Burg Ludwigstein. (1) Meine beiden Omas waren sangesfrohe Wandervögel, deren Zukunftshoffnungen und -bestrebungen derzeit in diesen Archiven und wenigen "historischen Studien" verstauben und vergammeln. Warum so etwas nicht wiederbeleben, wie es ausdrücklich das Anliegen auch der genannten historischen Forschungen ist? (1) Eine Alternative zu den autistischen Tripps von derzeitigen deutschen Bestseller-Autoren, die einem - obwohl jenseits der digitalen Welt - immer noch ziemlich autistisch vorkommen, wäre es auf jeden Fall.


1. Diethart Kerbs/Jürgen Reulecke: Handbuch der deutschen Reformbewegungen 1880 bis 1933, Verlag Hammer, 1998 (Amazon)

Montag, 4. Juni 2007

"Autokäufe brechen erneut um 11 Prozent ein."

... und Eltern, die ihre Kinder nicht in die Kinderkrippe bringen, sind dran schuld. Das scheint ein neuer Artikel in der "Zeit" den Lesern einflößen zu wollen, der darüber schwärmt, wie friedlich und lieblich und schön und geduldig und frei es doch mit und für Kinder zugehen kann. Klar. Aber warum ist dabei nur, ich betone nur von Kinderkrippen die Rede und kein einziges mal von der Familie? Das ist ja schon geradezu grotesk. Nein, lieber Leser, in diesem Beitrag geht's wirklich nicht um Autos, es geht um - - - Kinderkrippen!!!! - Genauso friedlich, lieblich, schön, geduldig, frei wie in diesem "Zeit"-Artikel beschrieben, kann es doch auch auf einem Familienspaziergang oder in einer familiären Gartenszene zugehen? Genauso ist es doch schon seit Jahrtausenden zugegangen in menschlichen Familien, wie man getrost annehmen darf. Was ist daran neu? Und warum wird so getan, als wäre das gerade in der Kinderkrippe besonders gut zu verwirklichen? Und warum wird gar keine andere Möglichkeit der Verwirklichung in Erwägung gezogen? Weil die Eltern Geld verdienen müssen? Autos kaufen müssen? - Da muß wohl kräftig gegen ein schlechtes Gewissen angearbeitet werden!

Ein Verdacht macht sich schon deshalb breit, weil mit gar allerhöchsten Autoritäten argumentiert wird, die doch bisher gar nicht ausgerechnet als Experten für Kinderpsychologie galten. Zunächst Manege frei für Wolf Singer:

... "Wir haben dafür ein Wort", sagt er, "Neugier oder Spieltrieb".

Aha!!! Und - siehe da - dann werden Eltern und Erziehern nicht freundliche Ratschläge gegeben, nein, sie werden von der "Zeit" gemaßregelt:

Wie lange galt doch Eltern und Erziehern diese Lust der Kinder (gemeint am selbstgestalteten Waldspaziergang und Spielalltag) als verdächtig und der Widerstand als Herausforderung an die Erzieher, ihn zu brechen?

- Was soll denn diese Frage? Kann ich nicht verstehen. Mir ist wirklich keine Mutter oder kein Vater bekannt, dem das Spielverhalten von Kindern "verdächtig" vorkommt. Was soll denn das? Wie schlecht ist denn da eigentlich ein schlechtes Gewissen, wenn man "nur"-elterliches , familiäres Erziehungsverhalten erst einmal so schlechtreden muß, damit dann die Kinderkrippen im allerhöchsten Himmel der Beweihräucherung schweben?

Dies sind dann Worte, denen ich folgen kann:

... Kindheitsforscher Gerd Schäfer wird zornig, wenn er in Kindergärten hört, na ja, nun müssten die Kinder etwas Naturwissenschaft lernen, dann machen wir es halt spielerisch. "Das finde ich eine Entwürdigung des Spiels, weil es nämlich den ganzen Ernst des Spieles missachtet und es als trojanisches Pferd missbraucht." Die Kinder spürten diesen Betrug. ...

"Den ganzen Ernst des Spieles ..." Oh, wie verkopft!!! Auch das. Oh, wir verkopft. Ihr lieben Leute! Und noch mit einer anderen Autorität, die selbst keine Kinder hat und in der Wissenschaft Zellbiologie betreibt - nicht Kinderpsychologie - wird der Artikel hochtrabend garniert, geschmückt, damit auch ja nicht der geringste Zweifel bleibt.

Ring frei für: Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard, Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie. - - - Sie: ... stimmt zu. Naturwissenschaftliche Curricula im Kindergarten hält sie schlicht für Quatsch.

Natürlich. Schlicht Quatsch! Aber hallo! Oder ist das etwa eine banale Wahrheit? Das weiß man heute alles gar nicht mehr so genau in der neuen "Unübersichtlichkeit". - Christiane Nüsslein-Volhard? Hauptsache Nobelpreisträgerin, oder wie? Aber Quatsch hin oder her. Auch Christiane Nüsslein-Volhard will den Kindern im Kindergarten etwas beibringen: "Bei mir gingen viele der Erkenntnisse, die mich zur Wissenschaft führten" - bitte Ernst bleiben, liebe Herrschaften: "übers Essen." !!!! Also, wer sagt's denn? Auch sie will Kindergarten-Kinder zur Wissenschaft bringen. Aber ja doch! Wohin denn sonst? Ganz gewiß zu nichts geringerem. Der Wirtschaftsstandort Deutschland hängt davon ab!!! In jedem von uns steckt ein Nobelpreisträger, das wußten wir schon immer. ("... Nur Kinder spüren den Betrug ...") Naturwissenschaftliche Curricula im Kindergarten hält sie schlicht für Quatsch. Einfach kochen und schon hat man die ganze Chemie!!! Dazu muß man natürlich in den Kindergarten. Denn kochende Mütter und Väter - wo kommen wir denn da hin! In der Zeit können fünf neue Autos produziert und verkauft werden. (Daß diese Autos jeden spielerischen Kinderalltag wiederum jedes mal aufs Neue einengen - und Eltern nervös machen, wenn sie mit ihren Kindern "auf die Straße gehen" - ach je: wen stört's ...) (Nicht so zimperlich sein.)

Groteske Verwirrung, wenn man den Egoismus von Eltern und einer Gesellschaft, für die das Kindeswohl nicht mehr an erster Stelle steht, sondern persönliche Selbstverwirklichung und Autoproduktion, zu allertollstem "Altruismus" umdeutet. Um was anderes handelt es sich hier nicht. Ich bin ein Kind. Ich merke den Betrug. Es geht ja alles so prima. Schaut doch nur, wie die Kinder friedlich spielen! Daß sich offenbar alle an diesem Spielen erfreuen, nur die eigenen Eltern nicht - wen stört's. Eltern müssen Geld verdienen und Autos kaufen, die Umsatzrate ist zum Vorjahr schon wieder um 11 Prozent eingebrochen: "Autokäufe brechen erneut um 11 Prozent ein." (Yahoo Nachrichten) Aber hallo, wir müssen noch mehr Nobelpreisträger interviewen. Der nächste sollte aus dem Bereich Festkörper-Physik stammen und davon sprechen, wie die Bauklötze seines Kindergartens ihm den Weg zum Nobelpreis ebneten ...

Freitag, 1. Juni 2007

Krippen und ADHS - (k)ein Zusammenhang?

Daß ADHS so viel häufiger in den neuen als in den alten Bundesländern vorkommt, muß nicht unbedingt oder vorwiegend etwas mit einer dortigen weitaus häufigeren Krippen-Kinderzeit zu tun haben. Aber wer wollte so frischweg behaupten, daß es damit überhaupt nichts zu tun hätte? Ganz bestimmt niemand. - Merkwürdig deshalb schon, daß das niemand bei den möglichen Ursachen mit aufzählt. (Welt, Berliner Zeitung) - In jedem Fall zeigt es, daß es noch mehr als nur genetische Ursachen geben muß, denn so stark genetisch unterschiedlich werden Kinder östlich und westlich der Elbe nicht sein.

.... Der Studie zufolge werden Jungs im Osten fünfmal so häufig wegen ADHS stationär behandelt als Mädchen. Gegenüber den Jungs in den westlichen Ländern liegt die Rate bei den ostdeutschen Jungs insgesamt dreimal so hoch: Kommen im Osten auf 100 000 Einwohner statistisch gesehen 25,3 ADHS-Jungs, so sind es im Westen nur 8,7. Die höchste Rate wurde in Brandenburg verzeichnet, gefolgt von Thüringen und Sachsen-Anhalt. Den niedrigsten Wert ermittelte Studienleiter Professor Andreas Stang, Leiter der Medizinischen Epidemiologie der Universität Halle, in Hamburg. Er hat die bundesweite Krankenhausdiagnosestatistik ausgewertet. (...)

Stang spricht von "umweltbedingten Faktoren" als möglicher Ursache: "Beispielsweise könnten soziale Risikofaktoren für ADHS wie niedrige soziale Schicht, insbesondere der Mutter, Alkoholprobleme beim Vater sowie weitere psychosoziale Faktoren in Ostdeutschland als Folge der deutlich höheren Arbeitslosigkeit und möglicherweise auch häufigeren sozialen Entwurzelung nach der Wiedervereinigung häufiger vorkommen als in Westdeutschland." Denn auch bei anderen Erkrankungen, die auf diese Faktoren zurückzuführen seien, habe sich gezeigt, so Stang, dass diese in Ostdeutschland häufiger auftreten als in den westlichen Bundesländern.

ADHS-Kinder sind unkonzentriert, wirken überdreht und sind leicht ablenkbar, sie handeln unüberlegt, unorganisiert und haben eine niedrige Frustrationstoleranz. Zudem tragen sie ein höheres Risiko für andere psychiatrische Erkrankungen. Auch die Gefahr des Drogenmissbrauchs ist bei diesen Kindern deutlich erhöht. (...)

Was den meisten Kindern fehle, seien "feste Strukturen", sagt er. Hüther rät daher: "Es ist zum Beispiel schon eine strukturgebende Maßnahme, das Kind anzuschauen, vielleicht sogar anzufassen, wenn man mit ihm spricht. Dadurch merkt das Kind, dass es bedeutsam ist. Und Bedeutsamkeit ist eine Struktur. Man sollte im Familienleben auf feste Strukturen achten. Gibt es gemeinsame Mahlzeiten, Einschlafrituale? Rituale sind für Kinder extrem wichtig, sie sind strukturbildend."


Feste Strukturen? Die festeste Struktur wäre, so möchte man meinen, zunächst schon einmal eine gute Mutter-Kind-Bindung, bzw. Vater-Kind-Bindung. Auch über die Einflüsse von "Bildschirmen" (Fernsehen etc.) wird hier nichts gesagt. Es scheint jedenfalls, als ob eine innere Ruhe, ein inneres Gleichgewicht gänzlich verloren gegangen ist.

Donnerstag, 24. Mai 2007

Milch vom Bauernhof ...

Baldrian hilft beim Schlafen, wissenschaftlich nachgewiesen - aber mehr noch: Milch vom Bauernhof (also nicht pasteurisierte) schützt vor allergischen Krankheiten wie Heuschnupfen und Asthma. (Berliner Morgenpost 1, 2) - Allerdings nicht immer (wie Studien in der eigenen Familie ergeben haben ...).
.... Kinder, die regelmäßig Milch vom Bauernhof trinken, leiden seltener an Heuschnupfen und Asthma. Das gilt auch für alle Milchprodukte, die direkt auf einem landwirtschaftlichen Betrieb produziert werden. Auch der Verzehr von Freilandeiern kann demnach Heuschnupfen vorbeugen. Bemerkenswert finden die Experten, dass die Schutzwirkung nicht davon abhängt, ob die Kinder auf einem Bauernhof leben. Dies sei insofern eine wichtige Erkenntnis, als sie andere mögliche Schutzfaktoren des Landlebens ausschließe. ...
Und, nicht vergessen: Mutter hat immer recht, wenn sie mal nicht recht hat, tritt Paragraph 1 in Kraft (Berliner Morgenpost 3). - Und: Ihr steht mehr als 150 Euro Betreuungsgeld zu.

Anmerkung (2009): Die hier referierten Erkenntnisse sind inzwischen noch deutlich erweitert worden: siehe --> St. gen.. Es wird wohl so sein, daß Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft auf dem Bauernhof lebten, auch häufiger nicht pasteurisierte Milch vom Bauernhof trinken. Die Milch selbst wird da also nicht die Hauptrolle spielen, sondern die ---> "Schmutzimpfung" während der Schwangerschaft.

Donnerstag, 10. Mai 2007

"Fernsehen ist für Kleinkinder Folter"

In Bremen fand die erste Kinderschutzkonferenz statt. (Berliner Morgenpost) Die hier diskutierten Themen sind zum Teil erschütternde. "Hinschauen" allein würde nicht reichen. Einige Auszüge aus einer Berichterstattung, die viele Emotionen weckt.

"Fernsehen ist für Kleinkinder Folter"
Kinderschutz-Konferenz: Aktive und passive Vernachlässigung angeprangert
Von Birgitta vom Lehn

Bremen - (...) Warum haben die Nachbarn (...) nicht geholfen? Zum Beispiel der Mutter angeboten, mal auf die Kleinen aufzupassen? Das hätte ihr gut getan, sie hätte sich als Mutter ernst genommen gefühlt." Professor Hans-Iko Huppertz, Chefarzt der Bremer Professor-Hess-Kinderklinik, schilderte bei der 1. Bremer Kinderschutzkonferenz dramatische Fälle und forderte: "Kinderschutz ist nicht allein durch staatliche Maßnahmen zu regeln. Unsere Gesellschaft muss kinderfreundlicher werden." (...)

Eberhard Motzkau, Kinder- und Jugendpsychiater und Leiter der Ärztlichen Kinderschutzambulanz Düsseldorf, betonte ebenfalls, dass es mit Hinschauen nicht getan sei: "Es müssen soziale Kompetenzen hinzukommen." Aktive wie passive Vernachlässigung seien anzuprangern. Als Beispiel nannte Motzkau, Kindern einen Fernseher ins Zimmer zu stellen: "Bei größeren Kindern ist das Vernachlässigung, bei kleinen Folter." (...)

Vielen Eltern fehle die Fähigkeit, Gefühle zu kommunizieren. "Dabei ist das für den Säugling existenziell", betonte Motzkau.

Hilfe wird zu früh eingestellt

Besonders gefährdet sind aus Sicht von Experten Säuglinge und Kleinkinder mit niedrigem Geburtsgewicht und Babys von depressiven, drogenkranken oder sehr jungen Müttern. Auch unerwünschte Schwangerschaften und eigene elterliche Erfahrungen mit Heim oder Missbrauch wirken sich negativ aus. Motzkau: "Die Hilfen in den Familien werden nach meiner Erfahrung stets zu früh eingestellt. Dadurch werden sie sinnlos." Sie müssten mindestens fünf Jahre als Aufgabe des Jugendamtes bestehen bleiben.

Es fehlen einem Worte. - Aber um konkret zu bleiben: Ich zweifle, ob eine Mutter gar so leicht jedem beliebigen Hausmitbewohner - wie oben vorgeschlagen - mal für ein oder zwei Stunden ihre Kinder anvertraut. Auch da haben die zitierten Fachleute wieder mal nicht konkret genug gedacht, bevor sie mit ihrem Mercedes nach Hause gefahren sind in ihre Einfamlien-Wohnung mit Au pair-Mädchen. Man kann nicht einfach immer nur fordern "Unsere Gesellschaft muß kinderfreundlicher werden", man muß sehr konkret aufzeigen, wie das vor sich gehen könnte und wie sich vor allem auch diejenigen einbringen können, die keine Kinder haben. Denn die allweihnachtlichen Geld-Überweisungen an irgendwelche Organisationen sind nicht ausreichend ...

Montag, 7. Mai 2007

Schreibabys - AUCH ein Problem der Single-Generation

Brigitta vom Lehn hat wieder einen wichtigen Beitrag unter dem Titel "Schreibabys sind typisch deutsch". (Welt - mit Literaturangaben!) (leider nur gekürzter Auszug in: Berliner Morgenpost)

... Das "Schreibaby" ist vor allem ein Kulturphänomen. "Primitivere" Völker besitzen in dieser Hinsicht eine "größere Weisheit", meint Karp. ... "In Südamerika oder Asien gibt es kaum Schreibabys", bestätigt Karl-Heinz Brisch, Leiter der Abteilung für Pädiatrische Psychosomatik und Psychotherapie am Kinderspital der Universität München. Das natürliche Zusammenspiel zwischen Mutter und Kind funktioniere dort viel selbstverständlicher. Auch bezeichnet er die Sorge, ein Baby "verwöhnen" zu können, als "typisch deutsch": "Verwöhnung entsteht, wenn Kinder auf Signale die falsche Antwort bekommen. Statt bei ängstlichem Weinen mit Körperkontakt beruhigt zu werden, erhalten sie Spielsachen und Essen."

... Schreien sei nun mal ein Überlebenssignal. Für welche Not des Babys müssen die Eltern herausfinden. Das Lesenkönnen der Signale ist entscheidend. „Sicher gebundene Eltern können das intuitiv gut, unsicher gebundene weniger und bindungsgestörte gar nicht gut.“ Als gebunden bezeichnet Brisch diejenigen Erwachsenen, die in ihrer eigenen Kindheit eine sichere Bindung an die Eltern erlebt, diese verinnerlicht haben und quasi lebenslang abrufen können. ...


„Viele Mütter fühlen sich auch gedrängt, in den Beruf zurückzukehren, und geraten unter Druck, wenn beim Kind nicht alles planmäßig verläuft.“ Brisch ergänzt: „Babys müssen heute funktionieren, aber so sind Babys nun mal nicht gemacht. Sie haben ihre eigenen Bedürfnisse, und die ändern sich ständig.“ ...

... Wie Brisch stellt auch Harms fest: „Oft sind unruhige Kinder nur Symptomträger. Meist hapert es in der Paarbeziehung, oder es existieren Ängste oder andere Störungen seitens der Eltern.“

Auch Harms sagt: „Es ist erschreckend, wie das Vermögen der Eltern für den spontanen Umgang mit dem Kind in allen westlichen Industriestaaten schwindet. Die Grundfertigkeit, mit dem Baby zu kommunizieren, scheint aus dem Ruder zu laufen.“ Harms macht „Leistungserwartungen“ verantwortlich, die an Eltern heute gestellt werden. „Dadurch haben sie keinen intuitiven Zugang mehr, sie verlernen, ihre Körperintelligenz zu nutzen.“ ... Für den Säugling kann die externe Hilfe überlebenswichtig sein. Fries: „Wir erklären Eltern behutsam, dass Wut normal ist. Aber sie müssen ihre Wut kontrollieren lernen.“ Damit es nicht zu dem kommt, wofür Schreien ein Risikofaktor ist: Kindesmisshandlung.

Man wird den heutigen sozialen Problemen nicht gerecht, wenn man, wie z. B. Frau Ursula von der Leyen, immer nur einzelne Aspekte in den Vordergrund der Aufmerksamkeit stellt, wenn man hauptsächlich "konservativen Feminismus" propagiert, wenn man also (immer noch) hauptsächlich das Leben und die Selbstverwirklichung von Männern oder Frauen in den Vordergrund stellt. Es kommt alles nur ins "rechte Lot", wenn man die Interessen und Lebensnotwendigkeiten von Kindern in den Mittelpunkt des Nachdenkens und Reformierens dieser unserer Gesellschaft stellt. Deshalb legt "Studium generale" auch ein Schwergewicht auf dieses Thema, das von anderen naturwissenschaftlich (oder politisch) interessierten Blogs und Menschen meist gar nicht beachtet wird - oder (wie so typisch in der "Blogosphäre") meist nur zynisch behandelt wird.

Man muß sich einfach klar machen: Für Schreibabys sind auch diejenigen verantwortlich, die gar keine Kinder haben. Denn sie hätten ja die Umgebung abgeben können, in der unerfahrene Eltern und Jugendliche den Umgang mit Kindern hätten üben und lernen können. Aber schon in den Kinderkrippen (!) wird ganz und gar unnatürlich nach Altersgruppen getrennt (!), so daß schon hier das fürsorgliche Verhalten, das schon kleinen Kindern angeboren ist, und das sie an jüngeren Geschwistern und Spielkameraden mit großer Hingabe "üben", gar nicht üben können. Und das setzt sich durch die ganze Schulzeit fort. Man kann den Ausruf einfach nicht unterdrücken, was das überall für ein ELEND ist.

(Übrigens dürfte die größere Neigung zur Unruhe und zum Schreien - nach den Forschungen Daniel G. Freedmans - bei europäischen Babies auch auf angeborene Komponenten zurückzuführen sein, die bei asiatischen und afrikanischen Babies nicht vorliegen. Das heißt nicht, daß Schreien bei europäischen Babies kein Notsignal wäre. Im Gegenteil. Ich führte ebenfalls schon vor einigen Tagen aus, daß europäische Kinder aufgrund ihrer erblichen Dispositionen wahrscheinlich mehr individuelle Zuwendung und "Umhegung" brauchen als Kinder anderer Kontinente, nicht weniger.)

Sonntag, 6. Mai 2007

Eltern sollten sich nicht auf Diskussionen einlassen

Nach dem Jahrzehnte lang empfohlenen Erziehungsrat "Laßt uns diskutieren!" wird offenbar angesichts der steigenden Schwierigkeiten in der Kinderpsychiatrie neuerdings auch auf den gegenteiligen Erziehungsratschlag zurückgegriffen (Berliner Morgenpost) (Hervorhebungen durch mich):

Aggressive Kinder brauchen klare Regeln
Eltern sollten sich nicht auf Diskussionen einlassen

Auf aggressives Verhalten ihrer Kinder sollten Eltern ruhig, bestimmt und mit klaren Regeln reagieren. Auf keinen Fall sollten sie sich auf Diskussionen einlassen oder selbst zu viel reden, warnt die Vorsitzende des Berufsverbandes für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Christa Schaff. Wenn Eltern die Situation sofort mit Ermahnungen oder Sanktionen in den Griff bekommen wollten, erreichten sie oft das Gegenteil, nämlich eine Eskalation der Wut im Kind.

Viel besser sei es, sich zunächst zu trennen, also das Kind in sein Zimmer zu schicken, zu einem Boxsack oder in eine eigens dafür eingerichtete "Wutecke" in der Wohnung. "Wenn sich dann alle wieder beruhigt haben, sollte darüber geredet werden und jeder aus seiner Sicht die Situation und sein Erleben schildern", rät die Expertin. Um Aggressionsanfällen vorzubeugen und das Kind nicht zu überfordern, sollten Aufforderungen immer klar formuliert werden: "Achten Sie darauf, dass Ihr Kind Ihnen dabei aufmerksam zuhört. Kündigen Sie nur Konsequenzen an, die Sie einhalten."

Eltern sollten als Vorbild fungieren und das Gespräch mit Sohn oder Tochter suchen. Sie sollten dem Nachwuchs dabei helfen, mit Konflikten umzugehen und ihm Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. "Verstärken Sie gewünschtes Verhalten, ermuntern und loben Sie das Kind", so die Psychiaterin. Anhaltendes aggressives Verhalten sei immer ein Alarmsignal. Dann sollte ein Kinder- und Jugendpsychiater aufgesucht werden, der klären könne, ob eventuell eine Wahrnehmungs-, eine Angst- oder eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung vorliege. AP Mehr im Internet:

www.kinderpsychiater-im-netz.de

Wie deutlich wird, soll also auf das Sprechen (und Erörtern) mit den Kinder keineswegs verzichtet werden - nur in der unmittelbar spannungsgeladenen Situation wird es als nicht sinnvoll angesehen.

Samstag, 21. April 2007

Was sind Daseinskompetenzen? - Wie kann Zusammenhalt in der Familie gelingen?

Wikipedia - Der Artikel zu einem wichtigen Begriff wurde schon 2007 gelöscht

Der Bloginhaber hat im Jahr 2007 seinen ersten Wikipedia-Artikel geschrieben zu dem Begriff "Daseinskompetenzen". Er schrieb ihn, nachdem er festgestellt hatte, daß der vorliegende Blog "Studium generale" als erster Treffer bei Google angezeigt wird, wenn man nach dem Begriff "Daseinskompetenzen" sucht. (Dies hat sich bis zum Jahr 2019 nicht geändert.) Mit dieser Erkenntnis mag man dann als Bloginhaber eine gewisse Verantwortung verbinden, da dieser Begriff bisher offenbar noch nirgendwo im Internet ausführlicher erläutert worden ist. Und das, obwohl dieser Begriff auch im Jahr 2007 schon über zehn Jahre alt ist.

Abb. 1: Mutter mit Kind

Der Bloginhaber erstellte also in einem ersten Entwurf einen Wikipedia-Eintrag zu dem Begriff "Daseinskompetenz" (Wikipedia). Er bedarf noch vieler Präzisierungen und Ergänzungen. Er lautete (Hervorhebungen im folgenden nicht im Original):

Daseinskompetenz ist ein Begriff, der von der Gießener Haushaltswissenschaftlerin Prof. Dr. Rosemarie von Schweitzer (Wiki) in die Diskussion eingebracht worden ist. Dies geschah vor allem in dem unter ihrer Federführung erstellten 5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland von 1994 (fertiggestellt im Oktober 1993) (Wiki). Im gleichen Bericht wurde auch ein Schwerpunkt auf das Konzept "Humanvermögen" gelegt (Humankapital). Dafür ist ihr im Jahr 2003 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse verliehen worden. Größere Diskussionen scheint der Begriff Daseinskompetenz allerdings bisher nur in der Schweiz ausgelöst zu haben.
Der 5. Familienbericht kritisiert, daß im westlichen Bildungssystem nur Fachkompetenzen vermittelt werden für den jeweiligen beruflichen Lebensweg. Vermittelt werden aber keine Daseinskompetenzen für den privaten und familiären Lebensweg des einzelnen Menschen. Die Familienberichtskommission bezeichnet Daseinskompetenzen als die "Fähigkeit, sich selbst in komplexe Felder sozialer Beziehungen einzuordnen und mit diesen gestaltend umzugehen".
Er führt aus: Frauen und Männer "werden durch keinerlei kompetent und pflichtmässig angebotene Bildungsgüter auf die Gestaltung des Familienalltags vorbereitet. Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an die Gestaltungsaufgaben rasant zu, bedingt durch die Pluralisierung der Lebensformen, der Erweiterung der Handlungs- und Entscheidungsspielräume und der hohen Glücks- und Zufriedenheitserwartungen an das Zusammenleben in Partnerschaft sowie mit Kindern. Probleme der Trennung und Scheidung, der Unterhalts- und Vermögenssicherung sowie der Begründung neuer Partner- und Elternschaften und neuer Lebenskonzeptionen werden durch Anwälte, Gerichtsentscheidungen, Sozialämter und Steuerberater begleitet. Eine Instanz zur Unterstützung der familialen Gestaltungskompetenz gibt es nicht. Hier muß jeder sehen, wie er zurecht kommt mit den Krisen und möglichen Katastrophen. Nicht unerhebliche Kranken- und soziale Kosten, Delinquenz, Drogen- und Medikamentenmißbrauch sowie gestörte Biographien dürften hier ihren Ursprung haben." (S. 115) "Fachkompetenzen sind für die Erfüllung bestimmter, in der Regel beruflicher Aufgaben erforderlich, Daseinskompetenzen dagegen betreffen die Lebensführung als Ganzes."
Im einzelnen werden genannt (S. 244):
  • "Die Kompetenz des Aktivierens der eigenen Kräfte und Anlagen, um den eigenen Lebensentwurf in jeder Lebensphase zu verwirklichen und dadurch den Trend selbst mitzubestimmen (partnerschaftliche eheliche Bindung, Weitergabe des Lebens).
  • Die Kompetenzen des Alleinlebens und des Zusammenlebens (Sozialkunde schließt Gemeinschaftskunde und Alleinseinkunde ein).
  • Die Kompetenz, wegen der Unterschiedlichkeit der Entscheidungen und der Entwicklungsspielräume in sozialer Vielfalt zu leben (Pluralität der Lebensweisen in der eigenen - erweiterten - Familie und im Gemeinwesen).
  • Die Kompetenz der Unterscheidung zwischen Selbstverwirklichung zugunsten anderer oder auf Kosten anderer (Egoismus oder partnerschaftliche Solidarität? Dienen und Teilen als Schlüsselkompetenzen der Daseinsbewältigung).
  • Die Kompetenz des Denkens in Wirkungsketten, um die möglichen Folgen von Handlungen und Unterlassungen für sich selbst, für die Lebensgemeinschaft, für das Gemeinwesen abschätzen zu können (Folgen der Übernahme von Elternverantwortung oder von Kinderlosigkeit).
  • Die Kompetenz der Unterscheidung von Planbarem und Unplanbarem, da das menschliche Leben zwar unplanbar, die Rahmenbedingungen jedoch planbar sind (Stabilität der Ehe, Nutzungsmöglichkeiten der Wohnung im Familienzyklus, Alterssicherung).
  • Die Kompetenz der Integration von ökonomischem, ökologischem und anthropologischem Wissen, damit das Leben und die Lebensgrundlagen in ihrer Ganzheit gesehen, gepflegt und geschützt werden (Pflege der Gesundheit und der Netzwerke, Leben in ethnischer, religiöser und kultureller Vielfalt).
  • Die duale Kompetenz der Kritik- und Lobfähigkeit, um das gegenseitige Verdecken von Glück und Unglück zu vermeiden (alltäglicher Kritiküberschuß und alltägliches Lobdefizit).
  • Die Kompetenz, mit Krankheit, Schmerzen und Sterben, mit Gebrechen, chronischen Krankheiten und Behinderungen in Würde umzugehen (Gesundheitserziehung schließt Krankheitslehre ein, Gesundheit ist keine Bringschuld anderer Personen oder Institutionen).
  • Die Kompetenz der eigenverantwortlichen und partnerschaftlichen Lebensführung in den verschiedenen Lebensaltern des Jungseins, Älterwerdens und Altseins (Gemeinsames Altwerden, Integration von Neuwissen und Erfahrungswissen, Leistungsausgleich der Generationen).
  • Die Kompetenz, durch Veränderungsdenken dem Wandel die gewünschte Richtung und Prägung zu geben. Besitzstandsdenken dagegen blockiert die Gestaltung des Wandels. (Jede Familie, jedes Unternehmen, jeder Verband, jedes Gemeinwesen unterliegt Veränderungsdynamik.)
  • Die Kompetenz des Vereinbarens langfristigen Denkens zugunsten der Zukunft sowie langfristig bindender biographischer Entscheidungen mit kurzfristiger Optimierung der eigenen Lebensverhältnisse und des gemeinschaftlichen Lebens unter Unsicherheitskonstellationen (Ehe und Kinder, Lebensunterhalt und Alterssicherheit)."
Quellen:
- 5. Familienbericht der Bundesrepbulik Deutschland (1994) (pdf.) (html)

Nachtrag I (10. Mai 2007): Zack, der erstellte Wikipedia-Artikel ist gleich zur Löschung vorgeschlagen worden. So kann man zumindest lernen, daß es in diesem Bereich auch noch die Begriffe "Humankompetenz", "Alltagskompetenz" und "Sozialkompetenz" gibt. Alle noch wenig ausgearbeitet auf Wikipedia. Das sollte einmal genauer vergleichend angeschaut werden.

Abb. 2: Daseinskompetenzen: Urvertrauen geben

Nachtrag II (15. Mai 2007): Zack, er ist gelöscht. ... Wikipedianerin "Carolin2006" hat sich auf unseren Einspruch hin noch einmal Arbeit gemacht und etwas zur Erkenntniserweiterung beigetragen. Sie schreibt im letzten Eintrag zur "Lösch-Diskussion":

Soweit ich es sehen kann, geht es gar nicht so sehr um diesen einen Artikel, sondern ums Gesamtprinzip: auch um zu vermeiden, dass Leute Wikipedia dazu missbrauchen, ihre persönlichen Meinungen und Wortschöpfungen an die Leute zu bringen, wird auf "Relevanz" gepocht. Bei "Daseinskompetenz" käme es m.E. auf historische_Relevanz und Statistische Relevanz bzw. öffentlicher Bekanntheitsgrad an. - Unter den ca. 300 Google-Einträgen habe ich jetzt mal gesucht und einen recht schönen gefunden, im Online-Familienhandbuch: http://www.familienhandbuch.de/cmain/f_Programme/a_Familienpolitik/s_266.html . In http://www.ph-heidelberg.de/wp/methfess/Soziooekonomie/HuG_script_11_04.pdf wird es offenbar auch gleichgesetzt mit "Vitalvermögen" (das hat aber erst recht wenig Google-Hits, nur 38). Auch "Vitalkompetenz" gibt's, hat aber offenbar mehr mit Rehabilitation zu tun. Als besten Artikel zu Daseinskompetenz, der nicht in ausschließlich in Bezug zum 5. Familienbericht steht, fand ich unter http://www.hss.de/downloads/argumente_materialien_30.pdf , eine Veröffentlichung der Hanns-Seidel-Stiftung von 2001. Einen Bezug zum Unterricht in der Schule stellt http://www.gymnasium-blomberg.de/wiki/FruehkindlicheEntwicklung/StartSeite dar; es stellt außerdem "Daseinskompetenz als Bildungsziel" und zitiert Krappmann (vermutlich ist Lothar Krappmann gemeint), dessen Dissertation wohl als soziologisches Standardwerk gilt. - "Daseinskompetenz" bezieht sich offenbar mehr auf die gesamte Lebensführung (über den gesamten Lebenslauf hinweg), und "Alltagskompetenz" wohl mehr auf unmittelbare, eben alltägliche, Situationen. - Aber jetzt viel mehr Zeit in einen Artikel zu stecken, der schon vom Löschungsantrag bedroht ist, lohnt ja auch nicht... nachdem ich das alles gesehen habe, ändere ich meine Meinung insofern, als dass ich mich enthalte. --Carolin2006 19:00, 10. Mai 2007 (CEST)

Carolin's Enthaltung hat offenbar nichts genutzt. Sicherlich ein erneuter Beleg, daß einen die Mitarbeit bei Wikipedia in mitunter zu kleinliche Diskussionen hineinziehen kann.

Abb. 3: So entstand das Urvertrauen des Bloginhabers - Fotograf: Der Vater. Und der Bloginhaber war auch dabei. - - - Wow. "Power to the Bauer!"

Da Familienberichte breite gesellschaftliche Relevanz haben, von der deutschen Regierung quasi "autorisiert" sind und Gemeinschaftswerke von interdisziplinär zusammenarbeitenden Wissenschaftlern und Ministerialbeamten sind, hätte man meinen sollen, daß sichergestellt ist, daß es sich hier nicht um eine einzelne "persönliche Meinung" handelt.

Und ohne das jetzt weiter nachprüfen zu können, ist doch der Eindruck vorhanden, daß der von Rosemarie von Schweitzer in die Diskussion eingebrachte Begriff "Daseinskompetenz" der beste und am schärfsten umrissene Begriff für allgemeinere Erörterungen in diesem Bereich darstellt. Darin wurden wir auch von Carolin bestätigt. Man sollte den Begriff kennen. Deshalb hätte er - unsere Meinung - auf Wikipedia nicht gelöscht werden dürfen. Aber Wikipedia, zumal das deutsche, scheint so seine eigenen Gesetzmäßigkeiten zu haben.

Nachtrag III, 26. Juni 2016: Der Hauptgrund für die Löschung des Artikels auf Wikipedia liegt darin, daß weder die Bundesregierung, noch die großen Parteien des Bundestages, noch die gesellschaftliche, noch die innerwissenschaftliche Debatte die sehr wegweisenden, zukunftsweisenden Gedanken des 5. Familienberichts auch nur in irgendeiner konkreteren Weise aufgenommen haben und weitergeführt haben. Das könnte höchstens von einer solchen Kleinpartei gesagt werden wie der "Familienpartei Deutschlands". Aber warum ist das so? Das liegt natürlich vor allem daran, was die großen Medien in die Berichterstattung aufnehmen und zum Thema machen - und was nicht. Bekanntlich sind die großen Medien mit anderen Themen beschäftigt und der Eindruck hat sich schon längst verflüchtigt, als ob es den großen Tonangebern in den Medien darum ginge, unsere Gesellschaft sozial nachhaltig gesund und zukunftsfähig zu gestalten. (Siehe zu letzterer Thematik - kurz gesagt zur Thematik "Zombifizierung der Politik durch Okkultlogen" - inzwischen zahlreiche Artikel auf unserem Parallelblog "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!")

Für unseren Teil halten wir an der Meinung fest, daß der Begriff Daseinskompetenzen und die mit ihm durch Rosemarie von Schweitzer verbundenen Inhalte einen wesentlichen Beitrag darstellen zur nachhaltigen Zukunftssicherung fortgeschrittener Gesellschaften auf der Nordhalbkugel.

Zur Bebilderung [6.11.2019]: Die Madonna mit Kind (Wiki) gehört zu dem häufigsten Motiv der europäischen Kunst des Mittelalters, der Renaissance und auch noch nachfolgender Jahrhunderte. Schon der Umstand, daß dieses Bildmotiv von der Kunstwissenschaft in zahlreiche Unterkategorien aufgeteilt worden ist, zeigt, wie umfangreich und differenziert der Motivkanon hier gewesen ist: die "Jungfrau Maria mit Kind", das "Marienbildnis" (Wiki), die "Schöne Madonna" (Wiki), die "Thronende Maria" (Wiki), die "Stillende Maria" (Wiki), die "Maria im Ährenkleid" (Wiki) und viele andere mehr. Mit Andacht und Verehrung blickten die Menschen zur Gottesmutter auf. Fast dasselbe Motiv liegt dem bedeutendsten jahreszeitlichen Fest in Europa, dem Weihnachtsfest zugrunde.

Es darf vermutet werden, daß diese Kulturelemente mit dazu beitrugen, Daseinskompetenzen der Menschen zu stärken, die Freude am Leben zu erhöhen, auch die Freude an der Weitergabe des Lebens.


/Überarbeitungen und Ergänzungen:
26.6.2016, 3.7.2019;
Fotos hinzugefügt: 29.10.2019/
____________________________________________
  1. Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens. Fünfter Familienbericht. Drucksache Deutscher Bundestag - Unterrichtung durch die Bundesregierung. Erstellt von der Familienberichts-Kommission unter der Leitung von Rosemarie von Schweitzer 1993/1994, http://www.gerechtigkeit-fuer-familien.de/start/bmfsfj_5_familienbericht.htm, https://archive.org/details/ger-bt-drucksache-12-7560 oder http://dipbt.bundestag.de/doc/btd/12/075/1207560.pdf

Kinderbetreuung und Intelligenz-Evolution II

Das neueste Heft von "Geo" hat ein außerordentlich spannendes Titelthema: "Was ist eine gute Mutter?" (Geo) Die Einleitung macht schon gut deutlich, worauf der Inhalt dieses Artikels hinausläuft:

Gesellschaft: Was ist Mutterliebe?

Was für eine Frage! Mutterliebe - das ist die naturgewollte bedingungslose Hingabe ans Kind. So das Ideal, wie es hierzulande gern beschworen wird. Doch ein Blick auf andere Kulturen zeigt, dass es unterschiedliche Wege gibt, eine "gute Mutter" zu sein. Etwa jenen, das Kind früh der Gemeinschaft anzuvertrauen. Eine Erkenntnis, die Frauen in westlichen Ländern helfen kann, sich von der traditionellen Mutterrolle zu lösen. Und dennoch für das Glück des Kindes zu sorgen.

- Da wird sofort und unmittelbar deutlich, wie wichtig und aktuell unser Beitrag "Kinderbetreuung und Intelligenz-Evolution" war (Studium generale), ja wie wichtig es überhaupt ist, die Möglichkeit zur Kenntnis zu nehmen, daß aufgrund "jüngster Humanevolution" allein schon von der genetischen Veranlagung von Mutter und Kind her gesehen eine gute Mutter in jeder Kultur, in jedem Volk eine andere sein kann. (Über neue Erkenntnisse zu "jüngster Humanevolution" versucht "Studium generale" ja ständig zu berichten.) Es könnte sogar so sein, das die Häufigkeit bestimmter Verhaltenshormon-Gene in europäischen Völkern gut abgestimmt ist auf den emotionalen Gehalt der Muttersprachen, die in den jeweiligen Völkern gesprochen werden. Denn da wir wissen, daß Muttersprache sehr grundlegend Verhalten und Wahrnehmung prägt, somit einen Selektionsfaktor für Gene darstellt, wird damit auch deutlich, daß es nicht nur genetische, sondern auch kulturelle Unterschiede geben könnte, die außerordentlich bedeutsam sein könnten bei der Frage, was eine gute Mutter in einer bestimmten Kultur ist. Wenn sich in dieser Frage bekanntermaßen allein schon das französische und das deutsche Volk unterscheiden, wie groß müssen die Unterschiede dann erst zwischen weiter entfernt lebenden Völkern sein? Und müssen wir uns dann wirklich auch - und gerade - auf diesem Gebiet - "globalisieren"?

Es könnte sich durchaus künftig um das genaue Gegenteil handeln. Es könnte sich um Erkenntnisse handeln, die Frauen in den westlichen Ländern helfen, die "traditionelle Mutterrolle", die die westliche Kultur und ihre Intelligenz-Evolution wahrscheinlich erst hervorgebracht haben, noch bewußter und intensiver zu leben. Zumindest diese Möglichkeiten beim derzeitigen Kenntnisstand gar nicht mit in Rechnung zu stellen, muß künftig jedem Wissenschaftler, Journalisten und damit auch Politiker angekreidet werden. Denn der Wissensstand ist inzwischen einfach schon weiter. Und es handelt sich hier um sehr grundlegende Fragen der Gestaltung und Fortexistenz von Kulturen.

Mittwoch, 18. April 2007

Sei wach und diszipliniert - Intelligenz-verbessernde Mittel

Neulich berichteten wir über Verhaltenshormone, die den Schlaf steuern. (Studium generale) Gegenteilige Verhaltenshormone halten wach und geben mehr Selbstdisziplin. Und größere Wachheit und Selbstdisziplin führen auch zu höheren Intelligenz-Leistungen. Wie Intelligenz-Genetiker Gregory Cochran auf "Gene Expression" einmal berichtete, experimentiert er viel mit Intelligenz-verbessernden Mitteln. Natürlich gehören dazu zunächst einmal Mittel wie Kaffee, Traubenzucker und ähnliche Dinge mehr. Ob diesbezüglich neue Medikamente, die derzeit in den USA und England für eine Neuzulassung geprüft werden, wesentlich anders wirken als Kaffee, ist noch nicht geklärt. Aber auffällig ist aber doch schon: Kaffee erhöht ja in gewissen Maßen auch die "Nervosität", während - wie unten ausgeführt - die neuen Mittel auch bei Hyperaktivität eingesetzt werden und weniger "unkontrolliert-leidenschaftlich" (impulsiv) machen. Zunächst ein deutschsprachiger Bericht (Berliner Morgenpost) (alle Hervorhebungen im folgenden nicht im Original):

Eine Pille macht klug. Untersuchungen im Auftrag der US-Regierung bestätigten, dass die künstlich hergestellten Wirkstoffe Modafinil und Ampakine das Denkvermögen und die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns steigern können. Danielle Turner von der Universität Cambridge hat die Wirkung von Modafinil an 60 Probanden getestet. Ergebnis: Das Denkvermögen und die Leistungsfähigkeit stiegen proportional zum Schwierigkeitsgrad der gestellten Aufgaben. Eine andere Studie an der Universität von Kalifornien zeigte, dass der Wirkstoff Ampakine zudem zu einer Verbesserung der Wahrnehmung und des Gedächtnisses führt. Die Forscher stellten bei Mäusen fest. Wie genau die Pharmaka wirken, ist allerdings noch nicht klar. Bisher wurden sie bei der Behandlung von Narkolepsie, Hyperaktivität oder Alzheimer eingesetzt. Als Nebenwirkungen können Schlafstörungen und Unwohlsein auftreten. H.M.

In der englischsprachigen Berichterstattung erfährt man mehr (BBC):

One of these drugs, Modafinil, was developed to treat people who involuntarily fall asleep. Dr Danielle Turner, of the Department of Clinical Neurosciences at Cambridge University, tested the drug out on 60 healthy volunteers.

It did not just keep them awake. She found that the effects on their brains were much more dramatic. "We tested them two hours after they had taken a single dose of Modafinil and found quite strong improvements in performance, particularly when things got difficult," she said. "That was interesting - as problems got harder, their performance seemed to improve. With Modafinil they seemed to think a bit longer and they were more accurate."

Bjorn Stenger was one of the volunteers in Dr Turner's study. He told us how the drug affected him. "During the test I felt very alert (= wach[sam], munter) and I could focus very well on the problems at hand. I had no problems memorising rows of numbers. I felt pretty much that I was on top of my game."

Modafinil is in common use in the US, officially for treating sleeping disorders. But according to internet chat rooms, it is also widely used by students and busy professionals to give their brains a boost.

Hier noch der Auszug aus einem Interview mit Danielle Turner (siehe auch Bild) (ABC):

... DANIELLE TURNER: .... About two hours after they had the dose, they were better at remembering strings of numbers, they were better at planning, they were less impulsive (= leidenschaftlich), they were better at inhibiting impulsive actions that they were making. They remembered longer strings of numbers, their short term memory was improved, and that might help you if you were for example a receptionist or something, where somebody tells you, you know, this is my phone number, can you actually write, down the phone number ...

Q: Are you saying that you just think it's like a lot of good coffee or is it something more than that?

DANIELLE TURNER: Well, that's what we don't know and, you know, is it just because it's a pharmaceutical drug that they're concerned about it. We don't know yet what the long term effects are, we don't really have a good idea of what happens if you take it every day for several years.

Drugs like this work by boosting the activity of glutamate, a key neurotransmitter that makes it easier to learn and encode memory. The drugs could change the rules about what it takes to create a memory, and how strong those memories can be.

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