Mittwoch, 31. März 2021

Die philipinischen Kordilleren

Fünf zeitlich versetzte Zuwanderungen der Völker der Philippinen 
- Schon vor dem Neolithikum (50.000 bis 5.000 v. Ztr. )

Die philippinischen Kordilleren (Wiki) liegen auf der nördlichsten und zugleich größten Insel der Philippinen, nämlich auf der Insel Luzon (Wiki). Luzon ist die nächstgelegene Insel südlich von Taiwan (s. Abb. 1). Bei den philippinischen Kordilleren handelt es sich um mindestens drei Gebirgszüge auf dieser Insel Luzon, nämlich um einen westlichen, einen mittleren und einen östlichen. Diese Umstände müssen vorausgeschickt werden, um zu verstehen, was das bedeuten soll, wenn im folgenden von einer sehr ursprünglichen Herkunftsgruppe der Menschen auf den Philippinen die Rede ist, die von den Forschern in einer gerade neu erschienenen archäogenetischen Studie (1) die "Kordillerer" ("Cordillerians") genannt werden.

Abb. 1: Genetische Geschichte der philippinischen Völker, Stand 2014 (Wiki) (Lipson, Mark; ... Stoneking, Mark; ... Reich, David (2014). "Reconstructing Austronesian population history in Island Southeast Asia". Nature Communications. 5 (1): 1–21. doi:10.1038/ncomms5689) (Wiki)
 

Die Genetik dieser Herkunftsgruppe hat sich nämlich am besten gehalten in Völkern, die heute noch in dem zentralen Gebirgszug der Kordilleren leben. Die Insel Luzon ist geprägt von tropischem Regenwald. Es wird deutlich, daß sie wichtig ist zum Verständnis der genetischen Geschichte der Philippinen (1).

Auf den Philippinen leben heute mehr als 175 Ethnien, also: Sprachgemeinschaften, Stämme und Völker (Wiki). Die meisten dieser Ethnien sprechen austronesische Sprachen (Wiki) ("Out of Taiwan"). Die "Negrito" (Wiki) gelten als die Ureinwohner der Philippinen. Sie stellen auf den Philippinen etwa 25 Völker. Sie gelten als verwandt mit den Andamanen und mit den Pygmäen in Afrika. Während die Andamanen ihre ursprüngliche Sprache behalten haben, sprechen die Negrito-Völker auf den Philippinen alle eigene austronesische Sprachen, sie haben sich also kulturell an Zuwanderer während des Neolithikums und/oder nachfolgenden Zeitepochen angepaßt.

Es mag sinnvoll sein, sich anhand von Abbildung 1 zunächst den Forschungsstand zur genetischen Geschichte der Völker der Philippinen von 2014 klar zu machen. Auch hier schon wird sehr deutlich - und auch farblich - die Herkunftskomponente der Negrito (rot) von der Herkunftskomponente der Papua, der Ureinwohner auf Neuguinea (orange) unterschieden. (Letztere werden auch "Melanesier" genannt.) Genetisch gesehen, findet sich die Negrito-Herkunftskomponente bis heute nur auf den Philippinen, nicht aber auf Neuguinea. Und umgekehrt findet sich die Papua-Herkunftskomponente auch heute noch nur auf Papua-Neuguinea, nicht aber auf den Philippinen.

Diese beiden Herkunftskomponenten haben sich also sehr früh voneinander getrennt, vermutlich gleich während der ersten Besiedlung dieser Inseln durch anatomisch moderne Menschen vor etwa 50.000 Jahren. (Zum Verständnis sei noch bemerkt: Die grüne südchinesische Herkunftskomponente und die blaue austronesische Herkunftskomponente ("Out of Taiwan" [Wiki]) in Abb. 1 repräsentieren neolithische oder nachneolithische Zuwanderungen nach den Philippinen, um die es in der neuen Studie und damit in diesem Beitrag weniger geht.)

Abb. 2: Die Abfolge der Völkerbewegungen auf den Philippinen seit 50.000 vor heute (aus: 1)

In der neuen archäogenetischen Studie wird nun unter anderem die lange Geschichte der Negrito-Völker auf den Philippinen genauer unter die Lupe genommen. Nach 50.000 vor heute besiedelten sie die Philippinischen Inseln und teilten sich dabei in eine Nord- und eine Südgruppe auf (Abb. 2, A). Aus derselben Ausbreitungsbewegung gingen weiterhin hervor

  • a) die ursprünglichsten Ostasiaten ("Basal East Asian")
  • b) die Negritos auf den Nördlichen Philippinen
  • c) die Negritos auf den Südlichen Philippinen
  • d) die Papua auf Neuguinea und
  • e) die australischen Ureinwohner.

Da sich diese Gruppierungen seither nicht mehr miteinander vermischt haben, gibt es heute zwischen ihnen sehr große genetische Unterschiede. 

Aus den ursprünglichsten Ostasiaten gliederten sich nun nach dieser neuen Studie - scheinbar noch auf dem asiatischen Festland - als nächstes aus (Abb. 2, B)

  • a) die schon bekannten Austroasiaten (einschließlich der Südchinesen) (in Abb. 1 grün)
  • b) "MANOBO-ähnliche" Gruppen und
  • c) die neu entdeckte Herkunftsgruppe der "ursprünglichen Kordillerer"

Diese "MANOBO-ähnlichen Gruppen" sind vor 12.000 vor heute (allein) auf die südlichen Philippinen gekommen.

Zwischen 10.000 und 6.000 v. Ztr. kam es dann zur Ausbreitungsbewegung der Austroasiaten (der südchinesischen Herkunftskomponente) bis auf die Philippinen (Abb 2, C). Und vor 5.000 v. Ztr. kamen dann die "Kordillerer" auf die Insel Luzon.

Da darf wirklich von einer komplexen genetischen Geschichte der Völker auf den Philippinen gesprochen werden. Um das alles noch einmal anhand des Originaltextes zusammen zu fassen, es werden dort als Ergebnis referiert (1) ...:

... mindestens fünf große menschliche Völkerbewegungen: ein nördlicher und ein südlicher Negrito-Zweig, die sich von einer basalen australasiatischen Herkunftsgruppe ableiten, und die sich vielleicht unabhängig voneinander innerhalb der Philippinen mit einheimischen Denisova-Menschen vermischt haben, sowie Papua-verwandte Gruppen, sowie Manobo, Sama und Kordilleren-Zweige der basalen Ost-Asiaten. Die Kordillerer, der am wenigsten vermischte Zweig der basalen Ost-Asiaten, gelangten in die Philippinen bevor der Ackerbau dort hin gelangte und brachten mit sich eine genetische Herkunft, die innerhalb aller Austronesisch-sprechenden Populationen weit verbreitet ist. Diese komplexe demographische Geschichte unterstreicht die Bedeutung der Philippinen als Einfallstor, das sehr grundlegend die genetische Herkunft der Populationen im asiatisch-pazifischen Raum bestimmte.
... at least five major human migrations: Northern and Southern Negrito branches of a Basal Australasian group, who likely admixed independently with local Denisovans within the Philippines, plus Papuan-related groups, as well as Manobo, Sama, and Cordilleran branches of Basal East Asians. Cordillerans, who remain the least admixed branch of Basal East Asians, likely entered the Philippines prior to established dates for the agricultural transition and carried with them a genetic ancestry that is widespread among all Austronesian (AN)-speaking populations. This complex demographic history underscores the importance of the Philippines as a migration gateway that profoundly influenced the genetic makeup of populations in the Asia-Pacific region.

Damit sollen hier nur einige der wichtigsten Ergebnisse der neuen Studie referiert werden. Im Text finden sich noch viele Details, auf die hier zunächst nicht weiter eingegangen werden soll. Es scheint hier noch manches der Klärung zu harren, zumal die Daten der Archäogenetik für diesen Raum noch nicht sehr dicht sind. Abschließend noch, was einer der Forscher zu dieser Studie sagt (2):

“Our study debunks a view that has dominated research on human history: that language, ways of life, culture, and people move together as a single unit - a ‘Neolithic package’, as it’s often called. We’re able to show that new groups of people migrated to the Philippines more than seven millennia ago, and it was these groups that took the Austronesian languages with them. It wasn’t until three thousand years later that agriculture was taken there, probably by related groups. So that happened a long time afterwards,” says Professor Mattias Jakobsson, senior author of the study.

Da dürften die Ergebnisse rhetorisch etwas überinterpretiert sein. Auch für Europa ist längst bekannt, daß es vor dem Neolithikum vielfältige Völkerbewegungen - z.B. in den Rhythmen der letzten Eiszeit - gegeben hat. Wenn eine solche vorneolithische Geschichte nun auch für die Philippinen aufgezeigt werden kann, schränkt das nicht die Bedeutung ein, die auch die Völkerbewegungen des Neolithikums mit sich gebracht haben. 

Insgesamt wird man auch gespannt sein dürfen, ob sich die Forschungsergebnisse, die sich hier heraus geschält haben, in dieser Form halten werden, insbesondere was die Geschichte der austronesischen Sprachen betrifft. 

Nachtrag: Soeben ist eine Studie erschienen, nach der die ersten Ureinwohner insbesondere Südamerikas, die dort ab 15.000 v. h. gelebt haben, viele genetische Ähnlichkeiten mit den australischen Ureinwohnern haben. Sie haben sich offenbar von Sibirien aus über Amerika verbreitet in einer ersten Einwanderungswelle. Somit wäre diese Abspaltung noch zu den oben referierten Abspaltungen von den ältesten Ost-Asiaten hinzuzufügen.

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  1. Multiple migrations to the Philippines during the last 50,000 years. By Maximilian Larena, Federico Sanchez-Quinto, ... Helena Malmström, Carina Schlebusch, Kurt Lambeck, Phillip Endicott, Mattias Jakobsson. In: PNAS, Mar 2021, 118 (13) e2026132118; DOI: 10.1073/pnas.2026132118 (zugänglich z.B. auf Researchgate)
  2. https://scitechdaily.com/largest-ever-dna-mapping-of-the-philippines-shows-5-major-immigration-waves-over-50-millennia/

Montag, 29. März 2021

Die mächtigen Völkerburgen Mitteleuropas 1200 bis 30 v. Ztr.

Einige stichprobenartige Einblicke in die Geschichte der Kelten

In Griechenland spielte sich ab 500 v. Ztr. ein bedeutungsvoller Zeitabschnitt der Weltgeschichte ab. Er wurde eingeleitet ab etwa 800 v. Ztr. mit der Niederschrift der "Ilias" von Homer. Die europäischen Völkerbewegungen, die diesem klassischen Griechenland voraus- und parallel gingen, vollzogen sich weitgehend im "Schatten der Weltgeschichte", sprich, im Schatten der Geschichtsschreibung und der schriftlichen Überlieferung. Deshalb haben wir nur wenig konkrete Vorstellungen von diesen Völkerbewegungen. Sie sind uns kaum im Bewußtsein. Und wir kennen nur wenige Stämme und Völker, bzw. ihre Könige beim Namen, die diese Völkerbewegungen getragen haben. Denn selbst die wachen griechischen Historiker haben nur wenig von ihnen berichtet.


       Abb. 1: Völker-Ausbreitungen von den Urnenfelder-Proto-Kelten (1000 v. Ztr.) bis zu den vorrömischen Eroberungen des letzten Jahrhunderts vor der Zeitrechung (Herkunft: Megistias [Wiki])

Doch die archäologische Forschung kann uns Einblicke geben. Das Zentrum des Unruheraumes der europäischen Völkerbewegungen zwischen Spätbronze- und Eisenzeit lag in Süddeutschland zwischen Thüringer Wald und Voralpen. (Abb. 1) (Wiki). Das ist diesselbe Region, die wir auch schon als Unruhe-Raum des Seevölkersturms um 1200 v. Ztr. hier auf dem Blog ausmachten, aus dem heraus die Teilnehmer an der Schlacht an der Tollense in Mecklenburg hervorgingen nach den Begleitfunden, die gemacht wurden (25).

Die kontinuierliche Entwicklung aus den ansässigen bronzezeitlichen Vorgängerkulturen Mitteleuropas, insbesondere der spätbronzezeitlichen Urnenfelderkultur, bis hin zu den aus historischer Zeit bezeugten Kelten ist heute zweifelsfrei belegt (Wiki).

Wie man sich die damaligen Völkerbewegungen vorstellen kann, davon gibt Caesar in seinem Bericht "Bellum gallicum", "Gallischer Krieg" sehr konkrete Vorstellungen: Große Stämme besiedelten damals einzelne mächtige Völkerburgen, gut zu verteidigende Großsiedlungen auf Bergen, "Oppida". Und diese Stämme führten Krieg miteinander und wanderten geschlossen ab, suchten neue Siedlungsregionen auf je nach dem, was religiöse und politische Berater wie Druiden oder weise Frauen diesen Stämmen jeweils rieten. Die Entscheidungen konnten oft zumindest für Außenstehende recht willkürlich anmuten.

Wenn man heute in Oberfranken wandert, begegnet man den Hinterlassenschaften dieser Stämme geradezu auf "Schritt und Tritt". Überall Terrassierungen, die schon Thema hier auf dem Blog waren. Immer wieder tief eingeschnittene, historische Wege, die schon aufgrund des Umstandes, daß sie so tief in die Umgebung eingeschnitten sind, aufzeigen, über wie viele Jahrzehnte und Jahrhunderte sie benutzt worden sein müssen.

Aus den historischen Berichten wissen wir: Die Stämme handelten geschlossen, sie siegten gemeinsam, sie gingen gemeinsam zugrunde. Wurde ein Stamm besiegt, wurden die besiegten Menschen vom siegreichen Stamm ermordet oder versklavt. Die Leichen besiegter Krieger oder ermordeter Kriegsgefangener präsentierte man zur Abschreckung auf den Mauern oder in den Tempeln der Stadt (Viereckschanzen).

Man wundert sich, daß trotz solcher grausamer kriegerischer Vorgänge, die immer wieder als gegeben vorausgesetzt werden müssen, dennoch ein so reichhaltiges und blühendes Wirtschaftsleben, ein reichhaltiges politisches und kulturelles Leben sich entfalten konnte. Aber dasselbe sehen wir ja auch für das mykenische und nach-mykenische Griechenland. Es ist also nichts Besonderes.

2.500 bis 500 v. Ztr. finden sich auch im südlichen Kaukasus Höhenburgen wie neuerdings bekannt geworden ist (Erb-Satullo 2019).

Die Burgenforschung für die Zeit der Spätbronzezeit um 1000 v. Ztr. stellt ähnliche Erscheinungen auch schon tausend Jahre - früher wie tausend Jahre später - in Mitteleuropa fest. Und genau diese Burgenforschung stellt bis heute ein Desiderat der Forschung dar. So hat es der deutsche Archäologe Svend Hansen (geb. 1962) (Wiki) erst kürzlich in einem Vortrag geäußert (1) (ab 30. Minute).




Die ost- und mitteleuropäischen Höhenburgen, so führte er aus, würden in Mitteleuropa ab 1700 v. Ztr. errichtet worden sein, zu einer Zeit, in der es solche Burgen im Mittelmeer-Raum eigentlich nicht gegeben habe, außer rund um die Adria herum. (Das war im Mittelmeerraum die Palastkultur der Minoer. Auch diese siedelten auf Bergen, aber ohne Verteidigungsmauern.) Vor 1700 v. Ztr. findet man metallene Schwerter und Lanzenspitzen nur im Vorderen Orient und im Kaukasus-Raum, so sagt er. Nach 1700 v. Ztr. findet man sie nur in West- und Mitteleuropa. 

Wir meinen, daß das letztlich auch etwas zu tun haben könnte mit der vorhergehenden Ausbreitung der Indogermanen als Glockenbecher- und Streitaxtkulturen, wobei diese anfangs nicht weniger kriegerisch gewesen sein muß, wenn sie eben statt mit Metallwaffen mit Steinäxten, Holzkeulen, sowie mit Pfeil und Bogen gekämpft haben. Es überzeugt keineswegs, daß ein sonderlich zusätzliches kriegerisches Zeitalter in Mitteleuropa erst ab 1700 v. Ztr. in Europa angebrochen sein soll.

Zu kritisieren scheint uns an diesem Vortrag auch, daß die Fokussierung auf das Thema "Konfliktforschung" aus dem Blick geraten läßt, daß die vorliegende Komplexität einer Gesellschaft nicht davon abhängig ist, ob man in ihr Waffen oder Befestigungsanlagen findet oder nicht, sondern eher, wie intensiv die Wirtschaftstätigkeit war und der wirtschaftliche Austausch, sprich Fernhandel, bzw. welcher kulturelle Reichtum vorliegt. Mit der Fokussierung auf das Thema Konfliktforschung wird der Blick auf die Thematik bronzezeitliche Höhensiedlungen unseres Erachtens zu sehr verengt. Auch mutet es sonderbar an, daß die mitteleuropäischen Gesellschaften erst um 1700 v. Ztr. so konfliktreich geworden sein sollen, wo doch vermutlich schon die Ausbreitung der indogermanischen Kulturen zuvor in Mitteleuropa nicht unbedingt nur besonders friedlich verlaufen sein muß, bzw. wird. Dafür liefert ja insbesondere die Erforschung der Genreste dieser Bevölkerungen recht deutliche Hinweise (sehr deutliches Aussterben der mittelneolithischen Völker, insbesondere der Männer und ihrer Y-Chromosomen).

Eine zweite Phase der Verbreitung von Höhenburgen habe es dann, so Hansen, zwischen 1300 und 900 v. Ztr. zur Zeit der Urnenfeldkultur gegeben, also in der Spätbronzezeit (36. Minute). Gegenwärtig werden Burganlagen dieser Zeitstellung in Hessen zwischen Taunus und Rhön erforscht. Im folgenden nur einige stichprobenartige Einblicke in den gegenwärtigen Forschungsstand.

Die Ehrenbürg (südlich von Bamberg) - Zentralsiedlung um 1250 v. Ztr.

An der Jahrtauende alten Straße von der Donau hinauf ins Thüringer Becken reihten sich in keltischer Zeit quer durch Franken die Oppida, bzw. Großsiedlungen auf prägnanten Bergen wie an einer Perlenkette auf: Staffelstein, Ehrenbürg, Haubürg, Buchberg, Schellenberg und viele andere mehr. Zwischen Bamberg und Nürnberg liegt in Oberfranken die Ehrenbürg. Über sie ist zu erfahren (Wiki):

Während des 13. vorchristlichen Jahrhunderts war der Berg mit einer spätbronzezeitlichen Steinmauer zu einer stark befestigten, großen Zentralsiedlung ausgebaut worden. (...) Der von Schlaifhausen zum antiken Tor heraufführende Weg diente als Zufahrt zu der Befestigung (...) und ist somit wahrscheinlich die älteste Fahrstraße Oberfrankens. Bei dem zusätzlich befestigten südlichen Teil Rodenstein handelte es sich wohl um die Akropolis dieser Siedlung.

Es ist so unglaublich aufwühlend, wenn man von einer Akropolis um 1200 v. Ztr. in einer Region südlich von Bamberg liest. Ist denn schon in das Geschichtsbewußtsein der Menschen vor Ort eingesickert, was damit alles verbunden sein muß? Ein heiliger Berg, eine heilige Stadt im Herzen Frankens um 1200 v. Ztr., besiedelt von einem heute dahin gegangenen Volk. Die Sprache, die dieses Volk gesprochen hat, die Kultur, die dieses Volk gelebt hat, sie alle sind dahin gegangen. Wohin? Wir werden es weiter unten noch sehen.

Der Bullenheimer Berg östlich von Würzburg (1.000 bis 900 v. Ztr.)

Dann gibt es den Bullenheimer Berg zwischen Würzburg, Fürth und Rothenburg ob der Tauber. Die früheste nachgewiesene Besiedlung der Wohnterrassierung erfolgte wohl etwa zwischen 1.000 und 800 v. Ztr.:

Zur Anlage der Terrasse wurde vom Mittelhangbereich aus hangaufwärts auf einer Breite von ungefähr 18 m flächig Material abgetragen. (...) Während der Lehm offensichtlich abtransportiert wurde, hat man mit dem Steinmaterial Unebenheiten auf der Terrasse - besonders im anschließend bebauten Bereich - ausgeglichen. (...) Die Neubesiedlung des Areals erfolgte dann unmittelbar auf der künstlich geschaffenen Oberfläche.

Im Bereich des Hauses, bzw. im Umfeld fanden sich Hinweise auf Keramikproduktion, auf Webstühle, auf Spinnwirtel, auf Verarbeitung von Pech. Auch die Niederlegung einer späturnenfelderzeitlichen Tasse findet sich auf der Terrasse, es wird ein Bauopfer vermutet. All das scheint um 900 v. Ztr. beendet worden zu sein durch einen Brand, der Brandschutt zurück ließ. Ein lebensvolles Volk, ein lebenskräftiger Stamm - untergegangen oder abgewandert (vermutlich) und schließlich in den Stürmen der Weltgeschichte "verronnen".

Die Heunischenburg bei Kronach (1.000 v. Ztr.)

Nahe der oberfränkischen Stadt Kronach befindet sich die Heunischenburg, die 1000 bis 800 v. Ztr. besiedelt und befestigt war, also in jener Zeit, in der in Griechenland die "Ilias" niedergeschrieben worden ist, und in der jene in der Ilias beschriebenen "Homerischen Heroengräber" sich von der Ägäis bis nach Dänemark und bis nach Westpreußen finden (siehe frühere Beiträge hier auf dem Blog), in der also vermutlich auch der Geist der Ilias in demselben Verbreitungsgebiet gelebt worden ist. Auf dieser Burg wurden sehr viele bronzene Pfeilspitzen und Waffen gefunden. Und wir erfahren (Wiki):

Eine typische Konstruktion von Zangentor und Ausfallpforte läßt spätmykenischen Einfluß erkennen, sodaß auf Kontakte zur mediterranen Zivilisation geschlossen werden kann. Die mächtige, jedoch kleinräumige Befestigung und die vielen gefundenen Waffen heben die Heunischenburg deutlich ab von den großen spätbronzezeitlichen Mittelpunktsiedlungen wie der Ehrenbürg bei Forchheim und dem Großen Gleichberg in Thüringen.

Wiederum ein Stamm, ein Volk, dessen Namen wir kaum kennen, und dessen Schicksale im weiteren Verlauf der Weltgeschichte "verronnen" sind.

Der Hohenberg in der Südpfalz (1.000 v. Ztr.)

Die deutsche Bronzezeit-Forschung  wird immer mehr aufmerksam auf die Notwendigkeit, sich dem Thema Höhensiedlungen der Bronzezeit zuzuwenden, so etwa auch für das Gebiet der Südpfalz (6):

Eine hohe Dichte bronzezeitlicher Fundplätze zwischen Pfälzerwald und Rheinlauf mit spektakulären Funden - wie dem Goldhut von Schifferstadt, den Bronzerädern von Haßloch und den Flußfunden von Bobenheim-Roxheim - ließen erwarten, daß das vermeintliche Fehlen von Höhensiedlungen eine Forschungslücke darstellt. Tatsächlich gelang es mit den Entdeckungen auf dem Hohenberg, am Rande des Pfälzerwaldes im Jahr 2014 erstmals, eine befestigte Höhensiedlung der Urnenfelderzeit in der Südpfalz nachzuweisen.

Ähnliche Zusammenhänge werden gegenwärtig und zukünftig sicher für viele weitere Regionen aufgezeigt werden können.

Die Burg an der Dömnitz bei Pritzwalk (800 v. Ztr.)

Zur Zeit der vielen Hügelgräber rund um das Königsgrab von Seddin (Wiki) in der Prignitz (zwischen Berlin und Hamburg) gab es sieben Kilometer östlich davon, flußaufwärts des Elbe-Nebenflusses Dömnitz - und von diesem umschlungen - eine bronzezeitliche Befestigungsanlage mit Zangentor.



Abb. 2: Die Wanderungen des Volkes der Volker im 3. Jhdt. v. Ztr.

Das keltische Volk der "Volker"

Das keltische Volk der "Volker" (Wiki)  ist den griechischen und römischen Historikern und Schriftstellern bekannt geworden, nachdem es ab etwa 300 v. Ztr. in den Einflußbreich dieser Kulturräume gewandert war, also einerseits nach Griechenland und Kleinasien im Osten, andererseits in die Schweiz, in das Rhonetal, nach Toulouse und bis zu den Pyrenäen im Westen. Ihre Heimat lag aber in den deutschen Mittelgebirgen, in Hessen, Thüringen und Franken, wo auch Teile des Volkes bis zur Eroberung durch die Römer von Süden und durch die Germanen von Norden seßhaft geblieben sind.

Auf ihren Volksnamen "Volker" wird auch die germanische Volksbezeichnung "Welsche" zurückgeführt, wobei diese Bezeichnung wohl alles "Nicht-Germanische" umfassen wird, und wobei auch schon die Wahrnehmung der romanisierten "Volker", bzw. von deren Unterschichten mitgeschwungen haben kann, also der "gallo-romanischen" Bevölkerung. Durch die Zuwanderungen von Teilen der Volker in den griechisch-römischen Kulturraum lernten die dortigen Schriftsteller die Sitten und Bräuche dieses Volkes besser kennen.

Die Galater in Kleinasien

Im Jahr 280 v. Ztr. fielen zwei keltische Heere in Nordgriechenland ein. Eines stand unter der Führung des Heerführers "Brennus". Aber vielleicht handelte es sich bei diesem Namen auch einfach nur um eine keltische Bezeichnung für "Heerführer". Griechenland war damals innerlich zerstritten durch die Diadochenkämpfe. Das keltische Heer plünderte Delphi und gewann dabei einen berühmten Goldschatz, der nachmals als "Gold von Tolosa", sprich Toulouse, bekannt geworden ist. Denn die Kelten transportierten diesen Schatz bis Toulouse im Westen (Wiki). 279 v. Ztr. konnten sie dann aber in der Nähe von Delphi geschlagen werden. Brennus starb nach der Schlacht, vielleicht an seinen Wunden, vielleicht an Selbstmord.

Die nach Griechenland eingedrungenen Kelten gründeten unter der Führung ihres neuen Herrschers Komontorios in Thrakien ein Fürstentum. Seine Hauptstadt war Tylis.

278 v. Ztr. gingen dann 20.000 Kelten, davon die Hälfte Krieger, als Söldner nach Kleinasien. Hier waren sie von einem König angeworben worden, der sie im Krieg gegen seinen Bruder benötigte. Er siedelte sie in der Gegend des heutigen Ankara an. Der Stamm bezeichnete sich als Galater (Wiki). Die Galater teilten sich nach den zeitgenössischen Berichten in drei Stämme, nämlich:

  • die Tolistobogier
  • die Tektosagen (mit ihren Teilstämmen: Ambitouti, Toutobodiaci und Voturi)
  • die Trokmer.

Vielleicht ist es naheliegend anzunehmen, daß jeder dieser Teilstämme einstmals eine mächtige Völkerburg im europäische Mittelgebirge besiedelt hat. Jeder Stamm war in vier Gruppen gegliedert, denen je ein Tetrarch obstand. Jedem dieser zwölf Tetrarchen unterstanden ein Priester und ein Feldherr, dem zudem noch zwei Befehlshaber untergeordnet waren. Der Gesamtrat der Galater bestand aus 300 Männern, die im gemeinsamen Versammlungsplatz Drunemeton („Heiliger Eichenhain“) zusammen kamen.

Antike Schriftsteller berichten, daß die Galater Kriegsgefangene geopfert haben. Dies kann durch die Archäologie bestätigt werden. Neben Menschenopfern wurden auch Pferde, Rinder und Hunde geopfert. Die Angabe, daß die Galater 189 v. Chr. völlig nackt in den Kampf gezogen seien, ist glaubhaft, da dies als alter gallischer Brauch bezeugt ist.

Diese Galater gingen in Kleinasien auf Plünderungszüge und wurden 268 v. Ztr. durch ein Heer mit Kriegselefanten geschlagen. Ihnen wurde daraufhin eine "Keltensteuer" auferlegt.

196 v. Ztr. mußten sie ein weiteres mal geschlagen werden. Die Galater wurden jedoch weiterhin von eigenen Herrschern regiert. 86 v. Ztr. wurden aber sämtliche galatische Adlige ermordet.  Noch im Jahr 400 n. Chr. bezeugte aber der Kirchenvater Hieronymus die Existenz keltisch sprechender Völker in der Gegend um das heutige Ankara.

Das Gold von Tolosa

Das eben schon genannte Gold von Tolosa (Wiki) führten die Kelten nach dem heutigen Toulouse mit. Dort lagerten sie es in einem Teich des keltischen Apollon-Heiligtums. 106 v. Ztr. wurde Tolosa bei der Rückeroberung von den Römern nach einem Aufstand geplündert. Dabei entdeckte der Konsul Quintus Servilius Caepio den Schatz. Er ließ ihn nach Massalia schicken. Der Schatz kam dort jedoch nie an, weil Caepios Männer ihn illegal für ihren Herrn in Besitz nahmen.

Caepio, der die Volcae-Koalition im Jahr 105 v. Chr. zermalmte, wurde der Sage nach von den Göttern mit einer Niederlage in einer Schlacht gegen die Kimbern gestraft. Das Wort aurum Tolosanum wurde deshalb bei den Römern zu einem Synonym für einen Unglück bringenden Gegenstand.

Der Keltenfürst vom Glauberg (550 bis 450 v. Ztr.)

In diese Zusammenhänge ist auch der berühmte Keltenfürst vom Glauberg (Wiki) in der Wetterau nördlich von Frankfurt am Main einzuordnen (26).

Die Ehrenburg - Völkerwanderung in der Latènezeit (480-380 v. Chr.)

Über die Ehrenbürg in Oberfranken zwischen Bamberg und Nürnberg zu erfahren (Wiki):

In der Frühlatènezeit (480-380 v. Chr.) wurde auf dem Hochplateau abermals eine 36 ha große, stadtähnliche Anlage mit einer mächtigen Steinmauer (Rekonstruktion vor Ort) errichtet. Durch Ausgrabungen und Magnetometerprospektionen konnten etwa 20.000 Kellergruben nachgewiesen werden, die auf eine dichte Besiedlung dieser frühen Stadt schließen lassen. (...) Archäologische Funde belegen, daß die frühkeltische Zentralsiedlung Kontakte bis in den mediterranen Raum hatte (Ausstellung im Pfalzmuseum Forchheim). Die Ehrenbürg war zu dieser Zeit ein politisches und wirtschaftliches Zentrum, dessen Einfluß weit über die Region hinausreichte. Die mächtige Siedlung wurde zu Anfang des 4. vorchristlichen Jahrhunderts wie alle anderen gleichzeitigen Befestigungen Oberfrankens verlassen. Das hängt sehr wahrscheinlich mit den historisch belegten Keltenwanderungen gen Süden in Zusammenhang, die wohl von Klimaveränderungen verursacht wurden.

Darüber ist unter "Kelten" (Wiki), "Keltische Südwanderungen" (Wiki) und "Volker" (Wiki) mehr zu erfahren. Und Einzelheiten dazu hatten wir gerade referiert.

Abb. 3: In diesen Ausmaßen wird sich laut dem Archäologen Markus Schußmann die keltische Stadt Menosgada vor mehr als 2000 Jahren auf dem Staffelberg etwa erstreckt haben. (Foto: Ronald Rinklef/Grafik: Michael Haller) (InFranken)

Der Staffelberg (120 bis 30 v. Ztr.) - Keltisches Zangentor

Auf dem Staffelberg bei Bad Staffelstein im Obermaintal nördlich von Bamberg, bzw. zwischen Bamberg und Coburg wird gerade archäologisch gegraben. Grabungsleiter ist Markus Schußmann. Der eindrucksvolle Staffelberg am Rande des Obermaintales in Franken (im "Gottesgarten") zwischen Coburg und Bamberg war schon in der Spätbronzezeit (ab der frühen Urnenfelderzeit) besiedelt (ab 1300 v. Ztr.). Dies bezeugen Waffen- und Schmuckfunde aus Bronze (Wiki):

Ob die Siedlung in diesen frühen Zeiten befestigt war, wie es etwa für die Ehrenbürg und die Heunischenburg zutrifft, ist unklar.
Nach Schußmann gibt es Nachweise für Siedlungen unterhalb der Akropolis bislang nur für die keltische Zeit (120 v. Ztr.).

Auch die Hänge unterhalb des dem Staffelberg gegenüber liegenden Dornig sind fast bis hinunter nach Loffeld auffallend terrassiert. Es ist zu erfahren (InFranken 2018):
Das Gräberfeld auf dem Dornig umfasse insgesamt 84 Grabhügel, von denen die meisten schon im 19. Jahrhundert unter anderen von Pfarrer Lukas Hermann angegraben worden sind und Funde aus der Bronze- und Hallstattzeit enthielten. 

Dieser Berg war also ebenfalls in der Urnenfeldzeit besiedelt. Dort festgestellte Befestigungsanlagen werden aber erst der Völkerwanderung und dem Frühmittelalter zugewiesen (Wiki).

Dieser Überblick soll gegebenenfalls künftig noch weiter vervollständigt werden.

 
[Entwurf:
2.8.2019]

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  1. Hansen, Svend: Prähistorische Konfliktforschung - Bronzezeitliche Burgen zwischen Taunus und Karpaten. Exzellenzcluster Topoi, 3.9.2018, https://youtu.be/cJ75oIZR_yc (der archäologische Teil beginnt erst ab Minute 21.30)
  2. Falkenstein, Frank: Bronzezeitliche Höhen- und Burgensiedlungen in der nördlichen Mittelgebirgszone. 2013, https://www.academia.edu/5848714/Bronzezeitliche_H%C3%B6hen-_und_Burgsiedlungen_in_der_n%C3%B6rdlichen_Mittelgebirgszone
  3. Schinkel, Philipp: Eine vergessene Stadt auf dem Muppberg um 1200 v. Ztr.. Vortrag im Deutschen Spielmuseum. 2016, Erörtert in siehe 2.
  4. Heß, Achim: Der Muppberg bei Neustadt bei Coburg, 21.6.2016, https://youtu.be/6l2evfxrGbo.
  5. Heß, Achim: Der Hexenhügel - größter ungeöffneter Grabhügel Europas? 06.09.2017, https://youtu.be/vWstJmoG9Hs.
  6. Bentz, Marc: Die urnenfelderzeitliche Höhensiedlung auf dem Hohenberg bei Annweiler, Rheinland-Pfalz.  Veröffentlicht etwa 2017, http://www.vfg.uni-wuerzburg.de/forschung/projekte/die-urnenfelderzeitliche-hoehensiedlung-hohenberg-bei-annweiler-rheinland-pfalz/
  7. Schußmann, Markus: Urnenfelderzeitliche Wohnterrassierungen auf dem Bullenheimer Berg. In: Das Archäologische Jahr in Bayern 2013, 57-59, https://www.academia.edu/34154855/Urnenfelderzeitliche_Wohnterr assierungen_auf_dem_Bullenheimer_Berg._Das_Arch%C3%A4ologische _Jahr_in_Bayern_2013_57-59
  8. Großmann, Stephan: Staffelberg - Archäologen sind den Kelten auf der Spur, 2.7.2018, https://www.infranken.de/regional/lichtenfels/staffelberg-archaeologen-sind-den-kelten-auf-der-spur;art220,3510470
  9. Faber, Annelie: Archäologische Ausgrabungen am Staffelberg - Einblicke in das Leben der Kelten. 12.9.2018, https://www.tvo.de/mediathek/video/archaeologische-ausgrabungen-am-staffelberg-einblicke-in-das-leben-der-kelten/
  10. https://de.wikipedia.org/wiki/Staffelberg, https://de.wikipedia.org/wiki/Menosgada
  11. https://de.wikipedia.org/wiki/Oppidum_(Kelten)
  12. https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%B6hensiedlung
  13. https://de.wikipedia.org/wiki/V%C3%B6lkerwanderungszeitlich e_H%C3%B6hensiedlung
  14. https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichberge
  15. Schrickel, Marco: Steinsburg bei Römhild, http://www.oppida.org/page.php?lg=fr&rub=00&id_oppidum=83
  16. https://de.wikipedia.org/wiki/Kelten
  17. https://de.wikipedia.org/wiki/Keltische_S%C3%BCdwanderungen
  18. hinz kunz: Europäische Feldterrassen 2000 Jahre älter als gedacht?, 25.1.2018,   http://atlantischeseuropa.blogspot.com/2018/01/europaische-terrassenfelder-schon-3000.html
  19. Bading, Ingo: Die bronzezeitliche Stadtgeschichte Mitteleuropas, in mehreren Teilen 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/01/zur-religions-und-stadtgeschichte-des.html, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/05/2200-1600-v-ztr-zu-einigen.html, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/05/2200-1600-v-ztr-zu-einigen.html, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/01/2200-1600-v-ztr-die-stadte-der.html, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/05/2200-v-ztr-erste-stadte-zwischen.html, https://studgendeutsch.blogspot.com/2011/05/1400-800-v-ztr-hochhutige.html, https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/09/die-stadte-der-indogermanen-und-ihre.html
  20. hinz kunz: Initialzündung für diesen Blog, 2014, http://atlantischeseuropa.blogspot.com/2014/07/2_13.html
  21. Bading, Ingo: https://youtu.be/mFpq1XBbUzw
  22. Heß, Achim (Filmemacher): La Mutta in Thüringen? Vergessene urzeitliche Höhensiedlungen um den Thüringer Wald, 21.01.2019, https://youtu.be/go_jRiOqlq0.
  23. Noelle, Hermann: Geh von deinem Acker, Kelte. Eine Roman vom Kampf der Kelten, Germanen und Römer. Hohenstaufen, 1963 
  24. Erb-Satullo, N. L., Jachvliani, D., Kalayci, T., Puturidze, M., & Simon, K. (2019). Investigating the spatial organisation of Bronze and Iron Age fortress complexes in the South Caucasus. Antiquity, 93(368), 412–431. doi:10.15184/aqy.2018.191, url to share this paper: 
  25. sci-hub.tw/10.15184/aqy.2018.191
  26. sci-hub.tw/10.15184/aqy.2018.191sci-hub.tw/10.15184/aqy.2018.191

Donnerstag, 25. März 2021

Die Somalier - Sie kam um 800 n. Ztr. nach Südafrika

Sie kamen früher dort an als die Bantu-Völker 

Aus dem Haar eines Mannes, der vor 200 Jahren an der Südküste Afrikas lebte, sind Gene gewonnen und sequenziert worden. Sie weisen zu einem Drittel ostafrikanische genetische Herkunft auf (Abb. 1: Hellblau), zu zwei Dritteln San-Buschleute-Herkunft (Abb. 1: Braun). Der Mann wird als der "Vaalkrans-Mann"bezeichnet (1).

Abb. 1: Herkunftskomponenten in südafrikanischen und ostafrikanischen Völkern heute (links) und bis vor 2000 Jahren (rechts) - Braun=San-Buschleute-Komponente, Hellblau=Somali-Herkunftsomponente, Grün=Bantu-Herkunftskomponente, Lila=Kung-Buschleute-Herkunftskomponente (nordwestliche Buschleute)

Eine etwas größere, solche ostafrikanische Herkunftskomponente war auch schon bei dem sogenannten "Kasteelberg-Mann" gefunden worden, der um 800 n. Ztr. an der Südwestküste von Südafrika als Herden-Halter lebte (1) (Abb. 1). Im heutigen Südafrika findet sich diese Herkunftskomponente zu kleineren Anteilen immer noch bei dem Volk der Nama und einigen anderen (Abb. 1).

Diese ostafrikanische Herkunftskomponente hat sich bis heute bei den Somaliern (Wiki) in Somalia am unvermischtesten gehalten (Abb. 1). Die Somali sind auch heute noch Herdenhalter und halten Kamele, Ziegen, Schafe und Rinder. Mit dieser ostafrikanischen Herkunftskomponente ist auch die Fähigkeit verbunden, als Erwachsener rohe Milch verdauen zu können.

Die Kung!-Buschleute (Wiki), bzw. Juǀʼhoan (Wiki) leben im nordwestlichen Südafrika (Lila in Abb. 1). Zu einigen ihrer Stämme gelangte die ostafrikanische Herkunftskomponente bis heute so gut wie nicht. Ihre Herkunfts-Komponente (Lila) wird in Abbildung 1 durch die Farbgebung sehr deutlich von der der San-Buschleute-Herkunftskomponente unterschieden. Beide Gruppen weisen aber - im Vergleich zu den anderen Herkunftskomponenten - genetisch doch weitaus mehr Übereinstimmung auf als in dieser Grafik zur Darstellung kommt. Ebenso gibt es kulturell viele Ähnlichkeiten.

Insgesamt gesehen, kann gesagt werden: Bislang dachte man, wenn man an "Schwarz-Afrika" dachte, fast immer nur an die große Völkergruppe der Bantu-Völker, ihre Entstehung und ihre Ausbreitung. Es scheint aber doch Sinn zu machen, an die große ostafrikanische Völkergruppe der Somali ganz ebenso zu denken.

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  1. Later Stone Age human hair from Vaalkrans Shelter, Cape Floristic Region of South Africa, reveals genetic affinity to Khoe groups Alexandra Coutinho Helena Malmström Hanna Edlund Christopher S. Henshilwood Karen L. van Niekerk Marlize Lombard Carina M. Schlebusch Mattias Jakobsson. American Journal of Physical Anthropology, First published: 04 February 2021 https://doi.org/10.1002/ajpa.24236

Montag, 22. März 2021

Vanuatu - Größte Sprachvielfalt auf kleinstem Raum

Drei Besiedlungswellen in den letzten zweitausend Jahren 
- Sie nahmen Einfluß auf die Ausgestaltung der sprachlichen Vielfalt

Die kühne Ausbreitung des Volkes der Lapita-Kultur (Wiki, engl), der Mikronesier und Polynesier und der damit verbundenen austronesischen Sprachgruppe (Wiki) von Südtaiwan aus in der südostasiatischen und pazifischen Inselwelt, in der "Südsee" 3.000 v. Ztr. bis 1.000 n. Ztr. mit Auslegerbooten ist ein Thema, das von Seiten der Forschung in den letzten Jahrzehnten eine immer bessere Aufklärung gefunden hat. Es war deshalb auch immer einmal wieder Thema auf unseren Blogs (1-4).

Abb. 1: Ausbreitung des Volkes der Lapita-Kultur in Südostasien 3.000 bis 1.000 v. Ztr. (Wiki)

Bis 1.500 v. Ztr. breitete sich des Volk der Austronesier über die Inselwelt Indonesiens und Borneos aus ("Rötlich" in Abb. 1). Bis 1.200 v. Ztr. breitete es sich entlang des Bismarck-Achipels und der Küste Papua Neuguineas bis hin zu den Salomon-Inseln, bis zu den Inseln von Vanuatu, bis zu den neukaledonischen Inseln und bis zu den Fitschi-Inseln aus ("Lila" in Abb. 1). Um 900 v. Ztr. breitete es sich bis nach Tonga aus, um 800 v. Ztr. bis nach Samoa und um 700 n. Ztr. bis nach Tahiti, um 1.000 n. Ztr. bis zu den Osterinseln ("Grün" in Abb. 1). Was für ein verrückter, Jahrtausende übergreifender Besiedlungsvorgang! (Siehe auch Anhang.)

Wir hatten auch schon die Erkenntnis der letzten Jahre behandelt, daß es nach der Erstbesiedlung von vielen Inseln insbesondere im heutigen Melanesien ("Lila" in Abb. 1) noch ein "genetic replacement" gegeben hat, einen Bevölkerungsaustausch, gerne auch unter scheinbarer Beibehaltung der ursprünglichen austronesischen Muttersprache, und zwar durch Menschen von melanesischer Papua-Guinea-Herkunft. Und genau dieses Geschehen wird durch neuere Forschungen nun immer differenzierter faßbar (5-7). Es wird deutlich, daß es nicht nur ein erstes "genetic replacment" gegeben hat, sondern auch ein zweites gegenläufiges von Polynesien aus sozusagen "rückwärts". 

Im Dezember 2020 war ein - etwas langatmig anzusehendes - Video über die aktuellen Bemühungen der Sprachforscher erschienen, die sich für die Inselwelt von Vanuatu interessieren, weil es dort auf kleinstem Raum die größte Sprachvielfalt weltweit gibt (5). Die Forscher fragen, wie diese Sprachvielfalt - und die damit verbundene kulturelle Vielfalt - zustande gekommen sein mag und wie sie sich stabil erhalten konnte über die Jahrhunderte. Antworten werden in dem Video aber noch so gut wie gar nicht gegeben, noch nicht einmal Hinweise auf sich andeutende Antworten.

Was in ihrem Video nun - womöglich sträflicherweise - gar nicht erwähnt wird (soweit wir das mitbekommen), ist die Tatsache, daß etwa zeitgleich von Seiten der Ancient-DNA-Forschung aufgezeigt wird, daß diese Sprachvielfalt mit einer dreifachen Schichtung der genetischen Herkunftsanteile in den jeweiligen Sprachgruppen einhergeht (6) (s. Abb. 2).

 

Abb. 2: Die genetischen Herkunftsgruppen in der Inselwelt des Südpazifik (aus: 6) - Grün: Lapita-Kultur (von Taiwan aus) (Polynesier), Blau: Papua-Neuguina (Melanesier)

Die diesbezüglichen Forschungsergebnisse finden sich zunächst zusammen gefaßt in Abb. 2: Die Inseln Atayal und Kankanaey sind heute allein von Menschen mit der Herkunftsgruppe der Lapita-Kultur besiedelt. Sie haben sich entweder seit der Erstbesiedlung nicht mit hinterher kommenden Melanesiern (blaue Herkunftsgruppe) vermischt oder aber dieser Herkunftsanteil ist in späteren Epochen wieder verschwunden. Auf der Insel Tonga kam es zur Einmischung mit Melanesiern, ebenso auf weiteren angezeigten Inseln. Diese Einmischung scheint durch Menschen erfolgt zu sein, deren Vorfahren ursprünglich auf der Insel Neupommern (Neubritannien; New Britain) wohnten, und deren Vorfahren hinwiederum selbst schon sich mit Angehörigen des Volkes der Lapita-Kultur vermischt hatten. In einer Kurzzusammenfassung heißt es (6):

Eine einmalige Ausbreitung von Neupommern her kann den größten Anteil der Herkunft der späteren Gruppen (auf Vanuatu) erklären. Polynesische Ausbreitungen aus jüngerer Zeit trugen (später) ebenso sowohl zum kulturellen wie genetischen Erbe derselben bei.
A single spread from New Britain can explain most of the ancestry of later groups. More recent Polynesian migrations contributed both cultural and genetic legacies.

Es hat nach dieser Studie in den letzten tausend Jahren noch einmal eine eine Rück-Ausbreitung der Genetik der austronesischen Sprachgruppe gegeben in Teilbereiche von Vanuatu hinein. In der Zusammenfassung der Studie heißt es demgemäß (6): 

Unsere Ergebnisse zeigen drei zeitlich unterschiedliche Bevölkerungsumbrüche auf.
Our results outline three distinct periods of population transformations.

Zunächst erfolgte die oben schon beschriebene Besiedlung durch das Volk der Lapita-Kultur.

Abb. 3: Fischer in Simpsonhafen, Neu Pommern, 1905 (Postkarte)

Über einen zweiten Bevölkerungsumbruch ab etwa 800 v. Ztr. heißt es (6):

Zum zweiten können sowohl die Papua-Herkunft, die in Vanuatu seit 2.500 Jahren vorherrscht und die kleinere Papua-Herkunftskomponente der Polynesier modelliert werden als herstammend von einer einzigen Ausgangspopulation, die sich höchstwahrscheinlich auf der Insel Neupommern befand, was die Ausbreitung von Menschen nahelegt, die diese Herkunft in die pazifische Inselwelt brachten, zeitlich und räumlich im Gefolge der Ersten Ausbreitungsbewegung.
Second, both the Papuan ancestry predominating in Vanuatu for the past 2,500 years and the smaller component of Papuan ancestry found in Polynesians can be modeled as deriving from a single source most likely originating in New Britain, suggesting that the movement of people carrying this ancestry to Remote Oceania closely followed that of the First Remote Oceanians in time and space.

Damit wäre die Insel Neupommern (heute: Neubritannien) (Wiki) im Bismarck-Archipel ein wichtiger Ausgangspunkt der zweiten Ausbreitungsbewegung gewesen. Neupommern war - als Teil von Deutsch-Neuguinea (Wiki) - bis 1914 deutsche Kolonie. Nach dem 11. September 1914 und nach dem Gefecht bei Pita Paka (Wiki) wurde Neupommern von Australien besetzt, um den deutschen Kreuzern Anlaufpunkte in Häfen wegzunehmen. Der deutsche Maler Emil Nolde hat 1913/14 wichtige Jahre auf Deutsch-Neuguinea verbracht zur gleichen Zeit wie der Maler Max Pechstein auf anderen Südsee-Inseln. Auf Neupommern wird auch heute noch die einzige kreolendeutsche Sprache "Unserdeutsch" gesprochen. In der neuen Studie heißt es weiter (6):

Zum dritten stammen die (archäogenetisch untersuchten) Chief Roi Mata-Individuen ab von einer Vermischung von Vanuatu- und polynesischer Herkunft und sie stehen in Beziehung zu polynesisch-beeinflußten heutigen Gemeinschaften im zentralen, nicht aber im südlichen Vanuatu, womit aufgezeigt wird, daß sich der polynesische genetische Einfluß in verschiedenen Gruppe aufgrund unabhängiger geschichtlicher Ereignisse vollzogen hat.
The Chief Roi Mata’s Domain individuals descend from a mixture of Vanuatu- and Polynesian-derived ancestry and are related to Polynesian-influenced communities today in central, but not southern, Vanuatu, demonstrating Polynesian genetic input in multiple groups with independent histories.

Soweit wir es verstehen, hat es also auch noch nach der Einmischung der Papua-Genetik erneut eine Einmischung von polynesischer Genetik gegeben, wie es ja schon in der Kurzzusammenfassung hieß:

Jüngere polynesische Ausbreitungen trugen sowohl zum kulturellen wie genetischen Erbe (der Sprachgruppen auf Vanuatu) bei.
More recent Polynesian migrations contributed both cultural and genetic legacies.

Dazu wird noch ausgeführt (6):

Eine dritte Ausbreitungsbewegung (M3) ist während des letzten Jahrtausends festzustellen, verbunden mit der Begründung von "polynesischen Ausreißer"-Gemeinschaften in Vanuatu (wie in anderen Gebieten von Melanesien und Mikronesien): das heißt, Inseln, auf denen Untergruppen der polynesischen Sprachfamilie gesprochen werden und wo Elemente der polynesischen materiellen und nichtmateriellen Kultur gepflegt werden. Polynesische Einflüsse erstecken sich in Vanuatu auch über eine Zahl von Inseln, die benachbart liegen zu den Ausreißer-Gemeinschaften, und die polynesischen Einfluß zeigen ohne daß es zu einem vollständigen Austausch der Muttersprache gekommen wäre. Allerdings ist wenig bekannt über das Ausmaß der Bevölkerungsbewegung, die mit diesen von Polynesien abgeleiteten kulturellen und sprachlichen Veränderungen verbunden gewesen sind.
A third distinct migration stream (M3) occurring within the last millennium and associated with the establishment of ‘‘Polynesian Outlier’’ communities in Vanuatu (as in other areas of Melanesia and Micronesia): that is, islands where Polynesian sub-group languages are spoken and where elements of Polynesian material and non-material culture are practiced [12, 13]. Polynesian impacts in Vanuatu also extend to a number of islands neighboring the Outlier communities showing Polynesian influence but without full language replacement. Little is known, however, about the degree of population movement accompanying these Polynesian-derived cultural and linguistic changes.

Und (6):

Eine dieser von Polynesien aus beeinflußten Inseln ist Efate im zentralen Vanuatu, wo heute zwei polynesisch-sprachige Gemeinschaften existieren, eine auf der kleinen Insel Ifira vor der Küste und eine in Mele, im Südwesten der Insel. Auf Efate und den kleinen benachbarten Inseln Eretok und Lelepa befindet sich "Chief Roi Mata's Domain", die 2008 in das Verzeichnis der UNESCO-Weltkulturerbe-Gebiete aufgenommen wurde angesichts des engen Zusammenhangs von mündlichen Traditionen  und einem spektakulären Begräbnisort, der in den 1960er Jahren ausgegraben wurde.
One such Polynesian-influenced island is Efate in central Vanuatu, where two Polynesian-language-speaking communities exist today, one on the small off-shore island of Ifira and one at Mele on the southwest of the island. Also located on Efate and the adjacent small islands of Eretok and Lelepa is ‘‘Chief Roi Mata’s Domain,’’ which was inscribed on the UNESCO World Heritage Area list in 2008 on the basis of strong links between oral traditions and a spectacular mortuary site excavated in the 1960s.

Mit all dem deutet sich die Möglichkeit an, daß die Sprachvielfalt auf Vanuatu vor allem erst einmal in Verbindung betrachtet werden muß mit der Vielfalt der genetischen Herkunftsanteile, die in der jeweiligen Sprachgruppe vorliegen und die mit der zeitlichen "Schichtung" der jeweiligen Genetik und Kultur in Abgleich zu bringen sind.

Es ist ja insgesamt keineswegs auszuschließen, daß die Wahrnehmung unterschiedlicher genetischer Anteile hinsichtlich der Herkunftsgruppen - etwa über Hautfarbe, Beschaffenheit der Haare etc. - auch zu "kinship recognition", zur Wahrnehmung des genetischen Verwandtschaftsgrades beiträgt und damit zu unterbewußteren oder bewußteren Sprach- und Heiratsschranken.

Aufgrund all solcher Zusammenhänge und Möglichkeiten darf man auf weitere Ergebnisse der Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte Melanesiens, Polynesiens und Vanuatus gespannt sein.

Anhang: Die Hochwertung der Polynesier im Deutschland der 1930er Jahre

Geistes-, wissenschafts- und philosophiegeschichtlich ist bezüglich dieses Themas nicht uninteressant die Auseinandersetzung, die es in den 1930er Jahren in Deutschland mit der Kultur und Religion der Austronesier gegeben hat. Dies kann etwa aufgezeigt werden anhand der weit verbreiteten Schriften des Autors Erich Scheurmann (1878-1957) (Wiki), des Verfassers des noch heute vielfach gelesenen "Papalangi". Es kann das auch aufgezeigt werden anhand der Ausdeutung mancher Inhalte solcher Schriften von Seiten der damaligen Philosophie (8).

Es könnte in diesem Zusammenhang auch auf den bis heute unbekannt gebliebenen Umstand verwiesen werden, daß ein so prominenter Vertreter des - als geistig oft außerordentlich beschränkt angesehenen - "preußischen Militarismus", nämlich Erich Ludendorff, im April 1927 von einem Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges und zugleich eines seiner "Verehrer" zu seinem 72. Geburtstag einen Bildband geschenkt erhalten hat über Bali (9). Dieser Bildband hat sich im Buchnachlaß Erich Ludendorffs - im Ludendorff-Archiv in Tutzing - erhalten. Er scheint also auf Seiten des Empfängers des Geschenkes Wertschätzung erfahren zu haben. Dieser Band enthält eine Fülle von Fotografien der Menschen von Bali, aufgenommen von dem Fotografen Georg Krause (erste Eindrücke hier: Catawiki). Auf der Rückseite der Titelseite steht als handschriftliche Widmung:

Bali! Wie ich es auch sah!
Meinem Feldherrn 1914/18
zu seinem 72. Geburtstag
gewidmet
Hugo Kleber
Blankenese - Hamburg

Der Schenkende war also offenbar auch selbst auf Bali, vielleicht als Angehöriger der Handelsmarine, vielleicht als Kaufmann oder sonst im Auftrag einer Firma.

Um sich übrigens einen Eindruck von dem Aufenthalt des Entdeckers James Cook auf der Insel Tahiti zu verschaffen, kann womöglich auch gut ein Spielfilm aus dem Jahr 1987 empfohlen werden (10). Als sehr sehenswert kann auch die Facebook-Seite der Abteilung Kultur der Osterinseln empfohlen werden (11), auf der die heutige Pflege der Kultur und des Gemeinschaftslebens auf der Osterinsel sehr eindrucksvoll zur Darstellung kommt.

_________________

  1. Bading, Ingo: Studium generale: Jade-Handel in Südostasien 2.500 Jahre lang von Taiwan aus (studgendeutsch.blogspot.com), 2007
  2. Bading, Ingo: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt?: Dienen Menschenopfer der Stabilisierung menschlicher Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden? (studgenpol.blogspot.com), 2017
  3. Bading, Ingo: Studium generale - Kurzbeiträge: Warum bevorzugten die Frauen Austronesiens nach 2000 v. (ibading.blogspot.com), 2-2018
  4. Bading, Ingo: Studium generale: Philippinen besiedeln die Marianen-Inseln (2.300 v. Ztr.) (studgendeutsch.blogspot.com), 2020
  5. Evolution of Cultural Diversity in Vanuatu - Research Project on Vimeo, MPI-SHH / Scientific Services, 3.12.2020
  6. Mark Lipson, Matthew Spriggs, Frederique Valentin, Stuart Bedford, Richard Shing, Wanda Zinger, Hallie Buckley, Fiona Petchey, Richard Matanik, Olivia Cheronet, Nadin Rohland, Ron Pinhasi, David Reich: Three Phases of Ancient Migration Shaped the Ancestry of Human Populations in Vanuatu. Current Biology, Volume 30, Issue 24, 21 December 2020, Pages 4846-4856.e6, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S096098222031366X, (freies pdf)
  7. Jonathan S. Friedlaender, Serena Tucci: Human Migrations: Tales of the Pacific. Current Biology, Volume 30, Issue 24, 21 December 2020, Pages R1478-R1481, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S096098222031366X.
  8. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. Ludendorffs Verlag, München 1936 
  9. Krause, Gregor (Fotograf); With, Karl: Bali. 2. Auflage in einem Band. Mit 207 Abbildungen und ungekürztem Text. Folkwang-Verlag GmbH, Hagen i.W., 1922 [Schriften-Serie Geist, Kunst und Leben Asiens. Hrsg. von Karl With. Band II u. III, Insel Bali Ausgabe in einem Band]
  10. Wind und Sterne. James Cook. 1987, https://youtu.be/ocRnS2jpUEM
  11. Osterinsel, https://www.facebook.com/TapatiRapaNuiOficial/ 

Freitag, 19. März 2021

Die "rosenfingrige Eos" ...

Eine der wichtigsten Göttinnen der Urindogermanen 
- Sie haben ihre Verehrung bis nach Japan, China, Indien und über ganz Europa verbreitet

Inzwischen ist gut bezeugt, daß spätestens am Beginn der Bronzezeit unsere Vorfahren ähnlich empfunden haben wie offenbar noch viele Jahrtausende später Dichter und Künstler (Abb. 1).


Abb. 1: Honoré Fragonard (1732-1806) - Die Göttin Aurora triumphiert über die Nacht (1755)

Laut einer Forschungsstudie aus dem Jahr 2018 haben sie Weihgaben für die Sonnen-Gottheit in der freien Natur abgelegt. Sie haben das offenbar am liebsten getan an Orten mit freiem Blick zum Sonnenaufgang, insbesondere am Tag der Sommer- oder der Wintersonnenwende (1).

Sorgfältig ausgewählte Bronze-Gegenstände wurden in der Frühen Bronzezeit in Schottland an auffallenden Orten innerhalb der Landschaft als Weihgaben für die Gottheit niedergelegt. Mehr als die Hälfte dieser Orte hatten direkte Sicht auf den Punkt des Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs zur Winter- oder Sommersonnenwende (1). Diese Forschungsergebnisse erinnern daran, daß die Beobachtung von Sonnenauf- und -untergang an markanten Punkten in der Landschaft auch eine Rolle spielt etwa bei der Himmelsscheibe von Nebra (2).

Der Schwerpunkt scheint auf der Wintersonnenwende gelegen zu haben.

In einer früheren archäologischen Studie war schon dargelegt worden, daß diese Bronzegegenstände immer an hervorgehobenen Punkten der Landschaft niedergelegt worden waren, an landschaftlich schönen Punkten, auch in Grenzbereichen von Landschaften. Das heißt, etwa am Übergang von Ackerland zu Weideland (3). Das wären alles Umstände, die bezeugen, daß unsere Vorfahren in der Bronzezeit Sinn für die Schönheiten der Landschaft hatten. 

Wenn es solche Sitten von Sachsen-Anhalt bis hinauf nach Schottland gegeben hat in der Frühen Bronzezeit, dann wird deutlich, von welcher Sehnsucht nach der Sonne die Menschen dieser Zeit beseelt gewesen sind, welche Verehrung sie ihr zugedacht haben.

In diese Verehrung reiht sich ja auch der "Sonnenwagen von Trundholm" (4) ein.

Die "rosenfingrige Eos"

Es wäre das eine Verehrung, wie sie sich auch noch in der "Ilias" des Homer wiederfindet, wenn er etwa Eos, die Göttin der Morgenröte (Wiki) als „rosenfingrige Eos“ (ῥοδοδάκτυλος Ἠώς rhododaktylos Ēōs) besingt.

Diese Sehnsucht nach der Sonne gab es in Mitteleuropa schon vor dem Eintreffen der Indogermanen. In zahlreichen Kreisgrabenanlagen - wie der von Goseck aus dem Mittelneolithikum - kann man am Tag der längsten Nacht beobachten, wie im Südwesttor die Sonne untergeht. Am Morgen danach geht die Sonne im Südosttor wieder auf (Wiki). Vermutlich haben die Indogermanen die Verehrung der Sonne in Mitteleuropa von den Vorgängerkulturen übernommen.

Ob sich Homer und/oder unsere bronzezeitlichen Vorfahren die Sonne und die Morgenröte so vorgestellt haben wie dies zur Darstellung gebracht worden ist im 18. Jahrhundert von dem französischen Maler Honoré Fragonard (Abb. 1), bleibe natürlich dahingestellt. 

Aber eine "rosenfingrige" Gottheit darf man sich so schon vorstellen, als Weib im Licht, während im Dunkel auf dem Boden noch die Nacht in letzten Träumen liegt - mit glühenden Bäckchen. Und dabei so viel rosiger Duft ausgebreitet über das gesamte Geschehen hinweg. Dunkle, stille, verhaltene Morgenstimmung eben.

Abb. 2:  Honoré Fragonard (1732-1806) - Diana verliebt sich in den schlafenden Schäfer Endymion, um 1755 (Wiki) - Entstanden als Pendant zu Abb. 1 (NGA)

Noch ein Blick in die Forschung

[Ergänzung, 21.2.2021] In der Besprechung zu einer Buchveröffentlichung zu dem Thema Metalldeponierungen in der Bronzezeit (5) wird deutlich, daß die Wissenschaft sich noch schwer tut, solche Deponierungen allein - oder vor allem - als Weihgaben an die Gottheit anzusehen. Es fällt ihr schwer, die Bronzezeit als eine Art Traumzeit anzusehen, als eine Art Märchen-Zeitalter, in der auch landschaftliche Schönheit und Poesie im Alltagsleben und religiösen Leben eine große Bedeutung gespielt haben können. 

[Ergänzung 29.3.2021] Aber der bedeutende Bronzezeit-Archäologe Svend Hansen sagt klar (6): 

daß es sich in der großen Mehrheit dieser Funde um Weihgaben an die imaginären Mächte handelt.

Liest man die Abhandlung von Svend Hansen, kommen einem die vielen Weihgaben an die Gottheit in Erinnerung, die zum Beispiel dem Orakel von Delphi gewidmet worden sind. Von einem Hortfund östlich des Ural, der Fragmente von Gegenständen und Waffen enthielt, mein Hansen, es sei (6)

besser von einem Fragmenthort sprechen. Die Bronzen wurden als pars pro toto  deponiert, vergleichbar der Praxis in den jüngeren griechischen Heiligtümern. Ein oder zwei Fragmente der großen und wertvollen Dreifußkessel blieben, deponiert in Brunnen oder unter Auschüttungen, im Besitz der Gottheit, der Rest wurde wieder eingeschmolzen und für andere Zwecke im Heiligtum verwendet.
Von vielen Hort-Orten kann inzwischen nachgewiesen werden, daß sie über mehrere Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte immer wieder neu genutzt wurden, und zwar nicht selten auch von einer "sozial gehobenen Führungsschicht". Hansen führt mit Bezug zu den bislang größten bronzezeitlichen Depotfund Europas in Moosbruckschrofen in Nordtirol (Wiki) aus (6):

Die lange Kollektionierungszeit sagt viel über die Stabilität der sozialen Ordnung. Mit seinen Überlegungen zur Sozialstruktur der hinter dem Hort stehenden Gemeinschaft hat Tomedi einen willkommenen Anstoß gegeben, aus der ethnologischen Zwickmühle von Big Man  und Chief  herauszukommen und stärker z. B. altitalische Überlieferungen politischer Organisation zu berücksichtigen. Es bleibt eine wichtige Aufgabe, die sozialen Hintergründe der Deponierung weiter aufzuhellen.

Mit "altitalische Überlieferungen politischer Organisation" wird wohl auf die Verfassung der Römischen Königszeit (Wiki) angespielt sein, in der es schon eine Gliederung der Gesellschaft in Adlige, Patrizier und Plebs gegeben hat, bzw. auf die Gesellschaftsordnung der Etrusker (Wiki) und ihrer Nachbarstämme. Hansen referiert auch die vielen Metallhortfunde, die inzwischen der Glockenbecher-Kultur zugesprochen werden können, insbesondere auch aus Spanien, wo zum Beispiel vier Metalllanzenspitzen, zusammen gebunden durch ein Golddiadem niedergelegt gefunden worden sind.

Eine der wichtigsten Göttinnen der Urindogermanen 

[Ergänzung 19.3.2021] Die oben erwähnte Göttin der Morgenröte gehörte nach sprachwissenschaftlichen Befunden offenbar schon im Urindogermanischen zu den wichtigsten Göttinnen (Wiki):

h2éwsōs or Haéusōs (PIE: *h2éusōs, *haéusōs in anderen Varianten; lit. "die Dämmerung") ist der rekonstruierte urindogermanische Name der Göttin der Morgenröte in der urindogermanischen Mythologie. Es wird angenommen, daß h2éwsōs eine der wichtigsten Gottheiten gewesen ist, die von den Sprechern des Urindogermanischen verehrt worden ist, abzulesen an der Stetigkeit ihrer Bedeutung in nachfolgenden kulturellen Traditionen wie auch in der Bedeutung der Göttin Usas in der Rigveda. Ihre Merkmale sind in späteren Traditionen nicht nur vermischt worden mit denen der Sonnengöttin, sondern haben auch weibliche Gottheiten in anderen Mythologien beeinflußt. (...) h2éwsōs leitet sich ab von dem Wurzelverb *h2(e)wes- ("scheinen, rot glühen, eine Flamme"), das mit dem Suffix -os erweitert wird. Aus dieser Wurzel ergibt sich auch das Wort für "Gold" (...) Lateinisch aurum, Altprussisch ausis, Litauisch Dausos "die Himmelshöhen"; ausas Gold.
h2éwsōs or Haéusōs (PIE: *h2éusōs, *haéusōs and other variants; lit. "the dawn") is the reconstructed Proto-Indo-European name of the dawn goddess in the Proto-Indo-European mythology. h2éwsōs is believed to have been one of the most important deities worshipped by Proto-Indo-European speakers due to the consistency of her characterization in subsequent traditions as well as the importance of the goddess Uṣas in the Rigveda. Her attributes have not only been mixed with those of solar goddesses in some later traditions, but have subsequently expanded and influenced female deities in other mythologies. (...) *h2éwsōs, derives the verbal root *h2(e)wes- ('to shine, glow red, a flame') extended by the suffix -ós-. The root also underlies the word for 'gold', *h2ews-om ('glow'; cf. Latin aurum, Old Prussian ausis, Lithuanian Dausos 'the skies, heavens'; áusas 'gold').

Offenbar leitet sich daraus in germanischen Sprachen auch das Wort für Osten ab.

Ushas

In der vedischen Mythologie ist Ushas die bedeutendste aller Göttinnen. Und indem wir hören, von welcher Poesie ihre Verehrung umgeben ist, werden wir vielleicht mit der Rigveda - neben der "Ilias" - den besten Blick erhalten hinein in den Geist der Bronzezeit und auch schon des Mittel- und Spätneolithikums, die Zeit, in der sich Volk der Indogermanen bildete und ausbreitete (Wiki): 

Zwanzig der 1028 Hymnen des Rigveda sind der Morgenröte gewidmet, die als reich geschmückte schöne junge, aber arrogante (IV.30.8–11) Frau erscheint und als Bringerin des täglichen Lichts gepriesen wird (RV 7.78; 6.64: 10,172). Den Menschen gegenüber ist sie im Allgemeinen freundlich gesinnt, sie ist eine wohlwollende Göttin. Sie wird auch als Braut im rosa Gewand und mit goldenem Schleier beschrieben, manchmal auch als Tänzerin mit nackten Brüsten und reichhaltigem Juwelenschmuck oder als schöne, aus dem Bade kommende Frau vorgestellt. Sie wird im Dual angerufen.
Sie weckt die zusammengerollten Schläfer, damit sie ihre Opfer darbringen und erweist somit den anderen Göttern einen Dienst (RV 1.113). Ushas gibt Stärke und Ruhm (RV 1.44). Sie ist das, was das Leben antreibt, Dinge in Bewegung setzt, die Dunkelheit vertreibt und damit alle darin verborgenen Dinge aufdeckt und sie wird mit dem Atem und Leben aller lebendigen Kreaturen assoziiert (RV 1.48). Sie ist ferner eng mit rta verbunden und bewegt sich mit ihm (RV 3.61; 7.75). Oft wird sie mit einer Kuh verglichen. In Rigveda 1.92 wird sie die Mutter der Kühe genannt und wie eine Kuh, die ihren Euter zum Wohle der Menschen darreicht, so entblößt Ushas ihre Brüste, um zum Wohle der Menschheit das Licht zu bringen (RV 3.58; 4.5). Obwohl Ushas gewöhnlich als ein junges und schönes Mädchen beschrieben wird, wird sie auch Mutter (RV 1.113.12) der Götter und der Ashvins (RV 3.39.3) genannt. Sie wird von ihren Bittstellern als Mutter angerufen, die sich wie eine gute Hausvorsteherin um alle Dinge kümmert (RV 1.48). Sie ist zugleich die Göttin des Herdes (RV 6.64). Von Ushas heißt es sie sei das Auge der Götter (RV 7.75). Sie wird auch als geschickte Jägerin beschrieben, die das Leben der Menschen dahinschwinden lässt (RV 1.92). Ihre Aufgabe ist es die Menschen zu wecken, um sie zur Arbeit und Pflichterfüllung zu rufen (RV 148,92), doch sie stört nicht die im Todesschlaf versunkenen Wesen. Oft wird sie um die Vernichtung, Bestrafung und Fortjagen von Feinden gebeten, die sie in weite Ferne schicken soll. Sie erscheint als Feindin der chaotischen Mächte, welche die Welt in Schrecken versetzen (RV 1.113.12). Die Götter flehen sie an, nur die guten Menschen zu wecken. Auch erscheint sie als Göttin, welche die Jugend vergehen lässt (RV 7.75). Sie kann alles sehen, wird aber nur selten um Vergebung von Sünden gebeten. Sie ist die Herrin und Zeichen der Zeit und wird oft darum gebeten ein langes Leben zu gewähren (RV 7.77). Sie erinnert Menschen an ihre Sterblichkeit.

Es wäre wohl noch viel stärker herauszuarbeiten, von wie viel Poesie das Leben der vorgeschichtlichen Völker erfüllt gewesen ist.

/ hier auf dem Blog 
zuerst: 24.2.2021 /

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  1. The Placing of Early Bronze Age Metalwork Deposits: New Evidence from Scotland. By Richard Bradley, Chris Green, Aaron Watson. First published: 01 February 2018, Oxford Journal of Archaeology, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ojoa.12135?campaign=woletoc& 
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra 
  3. Bading, Ingo: Menschen aus der Bronzezeit hatten ein Auge für die Landschaft. 13.2.2018, https://plus.google.com/+IngoBading/posts/LzyU4J9NFgR 
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwagen_von_Trundholm
  5. Augstein, Melanie (2020). Rezension zu: Fontijn, D. (2020). Economies of destruction: How the systematic destruction of valuables created value in Bronze Age Europe, c. 2300-500 BC. Abingdon: Routledge. Archäologische Informationen 43, Early View, online publiziert 12. Jan. 2021
  6. Hansen, Svend:    Metalldeponierungen in Eurasien. Ein Phänomen der Langen Dauer, der Konjunkturen und der Ereignisse, 2021 (Academia)

Donnerstag, 18. März 2021

Nur die Hälfte aller Männer des Urvolks der Indogermanen hatte über die Jahrhunderte hinweg Nachkommen

Genetische Selektion in der Frühgeschichte der Indogermanen
Der Übergang von der Khvalynsk- zur Repin- und zur Yamnaya-Kultur (4.700 bis 3.500 v. Ztr.)

Neue Forschungsergebnisse zur Frühgeschichte der Indogermanen sind zwar noch nicht offiziell veröffentlicht, werden aber unter den Wissenschaftlern schon erörtert und sammeln sich gegenwärtig innerhalb des Elfenbeinturmes an. Sie werden (wohl) auch bald "offiziell" veröffentlicht werden. Der hier auf dem Blog schon als sehr hilfreich wahrgenommene spanische Hobby-Archäogenetiker Carlos Quiles hat ein wachsames Auge auf die Vorgänge in der Wissenschaft, weshalb man in verschiedenen seiner Blogbeiträgen (1-5) einige erste Ahnungen von den Dingen bekommen kann, die wohl künftig noch genauer und offizieller von Seite der Forscher selbst mitgeteilt werden.


Abb. 1: Der Flaschenhals der Y-Chronomsomen in der Frühgeschichte der Indogermanen an der Wolga, der seither die Genetik von uns europäischen Indogermanen beträchtlich bestimmte - Hier fand offenbar allerhand "Selektion" statt (aus: 1)

 

Zunächst scheint uns diesbezüglich Abbildung 1 sehr lehrreich zu sein (1). Der Zeitstrahl ganz links (Y-Achse) ermöglicht ein Verständnis dessen, was hier zum Ausdruck gebracht werden soll: Das Urvolk der Indogermanen, die Khvalynsk-Kultur, die grob um 4.700 v. Ztr. an der Mittleren Wolga entstanden ist und sich von dort aus bis zu den Nordhängen des Kaukasus ausbreitete (6-8), hatte eine vergleichsweise große Vielfalt an Y-Chromosomen (aufgetragen auf der X-Achse). Diese große Vielfalt ist der zeitliche Ausgangspunkt in dieser Grafik, obwohl der Begriff "Khvalynsk" - mißverständlicherweise - in ihr (oben links) fehlt.

Nur die Hälfte aller Männer des Urvolks der Indogermanen hatte über die Jahrhunderte hinweg Nachkommen

Während des Anwachsens und der Ausbreitung dieses Volkes nach Süden kam es zur zunehmenden Vermischung vorwiegend männlicher osteuropäischer Jäger und Sammler mit vorwiegend weiblichen iranisch-neolithischen Bäuerinnen. Das haben wir in früheren Beiträgen hier auf unserem Blog und in Videobeiträgen schon behandelt (6-8). (Das ist aber nicht Thema dieser Grafik.)

Jedenfalls ging die im Urvolk der Indogermanen vorherrschende Vielfalt der Y-Chromosomen im Verlauf der folgenden Jahrhunderte allmählich recht deutlich zurück (Abb. 1). Auch darauf hatten wir schon hingewiesen. Es wird dies aber hier noch einmal sehr schön in einer Grafik erläutert. Quiles schreibt dazu (1):

Diese Dominanz elitärer Familien, die durch hg. R1b-pre-V1636 markiert wird, endet augenscheinlich mit der Auflösung der Khvalynsk-Kultur am Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. und mit dem Auftreten der nachfolgenden Repin-Kultur, einer herdenhaltenden Gesellschaft in der Don-Wolga-Region.
Original: This elite family dominance marked by hg. R1b-pre-V1636 ended apparently with the dissolution of the Khvalynsk community at the end of the 5th millennium BC, and the emergence of the succeeding Repin pastoralist society in the Don-Volga region.

In dieser Repin-Kultur, die um 3.800 v. Ztr. aus der Khvalynsk-Kultur heraus entsteht, gibt es nur noch die Hälfte der Y-Chromosom-Vielfalt, die es am Anfang in der Khvalynsk-Kultur gegeben hatte, also im Urvolk der Indogermanen. Im Übergang zur frühen Yamnaja-Kultur geht diese Y-Chromosomen-Vielfalt noch weiter zurück (Abb. 1). Dann aber ist die engste Stelle dieses genetischen "Flaschenhalses" erreicht.

Aus einer zusammengeschmolzenen Y-Chromosomen-Vielfalt, also aus einer größeren genetischen Einheitlichkeit heraus entsteht nun das große Volk der Yamnaja-Kultur, in dem 

  • a) einerseits auch weiterhin noch genetische Vielfalt der Y-Chromosomen zurückgeht, in dem
  • b) andererseits aber die bis dahin viel einheitlicher gewordene Y-Chromomen-Vielfalt zu einem großen Volk heranwächst,

aus dem dann die Glockenbecher-Kultur hervorgeht, die sich - bekanntermaßen - über ganz Europa bis nach Spanien und England verbreitet (vielleicht sogar bis nach Westafrika wie wir jüngst hier auf dem Blog vermutetet haben).

 

Abb. 2: Es wird nun sicherer: Die Schnurkeramiker entstanden aus einer Vermischung von Yamnaya-Kultur mit der Kugelamphoren-Kultur (in der Grafik "GAC"= Globular Amphora Culture) (aus: 2, 3)

 

Eine weitere neue Einsicht entnimmt Carlos Quiles einem neuen Video-Vortrag des Archäogenetikers David Reich (ein Vortrag, der aber ansonsten mit nicht gar zu viel neuen Erkenntnissen aufwartet*)) (2, 3).

"23andme" für die Vorgeschichte

David Reich sagt, es wären jetzt in der Archäogenetik ähnliche Verwandtschaftsabschätzungen möglich geworden wie sie "23andme" und andere Consumer-Genetics-Firmen für uns heutige Menschen vornehmen. Da bekommt man ja inzwischen allerhand entfernt Verwandte angezeigt, also Menschen, mit denen man höchstens 0,5% DNA oder weniger gemeinsam hat (aufgrund gemeinsamer Herkunft). 

Und auf der Grundlage solcher Verwandtschafts-Abschätzungen postuliert er, daß die Schnurkeramik ("Corded Ware Culture") hervorgegangen sei aus einer Vermischung der Yamnaja-Kultur mit der Kugelamphoren-Kultur (Globular Amphora Culture). Nun, das hatte man ja schon vermuten können. Aber auf den Umstand, daß hier neue Methoden zum Einsatz kommen, darf man doch sehr gespannt sein.

Anfangs wurden verwandte Männer oft gemeinsam bestattet, später nicht mehr

Außerdem zitiert Quiles (4) aus dem Abstract einer Vortragsankündigung von David Anthony in einer Online-Konferenz Ende März 2021 (5):

Neue ancient-DNA-Daten zu Familienbeziehungen innerhalb der spätneolithischen und Yamnaya-Gräberfelder, die in Zusammenhang stehen mit dem archaischen Proto-Indoeuropäisch und dem späten Proto-Indoeuropäisch legen nahe, daß die Familienbeziehungen innerhalb und zwischen den Gräberfeldern sich deutlich verändert haben zwischen Spätneolithikum und Yamnaja-Zeit. Eng verwandte Männer sind in spätneolithischen Grabfeldern zusammen begraben worden aber nicht mehr in Yamnaja-Grabfeldern. Die Frauen waren in beiden Kontexten mit den Männern nicht zu einem Verwandtschaftsgrad des 3. Grades oder näher verwandt. Das heißt, daß keine Cousinen-Heiraten vorgekommen sind. ....
New data from ancient DNA on family relationships within Eneolithic and Yamnaya cemeteries, arguably linked to archaic PIE and late PIE, suggests that family relationships within and between cemeteries changed significantly between the Eneolithic and Yamnaya periods. Closely related males were buried together in Eneolithic cemeteries, but not in Yamnaya cemeteries. Females were unrelated to males within 3 degrees in both contexts, eliminating cousin marriage as a possibility and suggesting a virilocal system with required female exogamy. Genetic diversity in maternal descent was high across both periods, but genetic diversity in paternal descent collapsed in Yamnaya males, producing a surprisingly homogeneous set of Yamnaya men who nevertheless rarely were related to each other within 1st, 2nd or 3rd degrees, but instead shared a small group of male ancestors 4-7 generations before.

Weiterhin wird ausgeführt, was oben schon anhand Abbildung 1 erläutert worden ist, nämlich ein "Kollaps" in der Vielfalt der Y-Chromosomen.

Vielleicht kann ansonsten der hier dargestellte Befund damit erklärt werden, daß sich die Elite des Urvolkes der Indogermanen so weit verbreitet hat zwischen Wolga, Kaukasus und Nordrand des Schwarzen Meeres, daß die Familien nicht mehr so eng beieinander gewohnt haben wie zuvor. Aber das ist nur eine sehr vage Vermutung.

Keine Sklaverei beim Urvolk der Indogermanen

Von Interesse dürfte auch noch der angekündigte Vortrag von Benedicte Nielsen Whitehead  sein zum "Fehlen einer Sklaverei-Terminologie beim Urvolk der Indogermanen" ( "The (Lack of a) Terminology of Slavery in  Proto-Indo-European"). Da lesen wir (5):

Es hat sich herausgestellt, daß es sehr schwer ist, archäologisch Hinweise auf Sklaverei bei den Proto-Indoeuropäern zu finden. Und auch in der Begriffswelt des Proto-Indoeuropäischen läßt sich (die Existenz von) Sklaverei ähnlich unmöglich rekonstruieren.
Slavery among the Proto-Indo-Europeans has proven difficult to document in the archaeological record, and a Proto-Indo-European terminology of slavery is similarly impossible to reconstruct.

Damit wäre einstweilen klar, daß es Sklaverei bei den Urindogermanen schlichtweg nicht gegeben hat. Das macht durchaus Sinn, da eine stärkere soziale Schichtung erst in komplex-arbeitsteiligen Gesellschaften plausibel sein könnte, die ja in dem Umfang nicht zwangsläufig für die Urindogermanen angenommen werden muß. Sprich, es mag Hirten, Bauern und Adel gegeben haben. Aber eben noch keine Unfreien, noch keine Sklaven.

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*) Als spannend wäre womöglich noch zu nennen die Forschung zum Übergang vom Schimpansen zum modernen Menschen, die David Reich im vorderen Teil erwähnt, wonach es nach längerer Trennung beider genetischer Linien noch einmal zu einer Vermischung gekommen sei, nach der sich beide Linien aber endgültig getrennt haben. Das dürfte die frühen Australopithecinen in Süd- oder Ostafrika betreffen.

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  1. Quiles, Carlos: Proto-Indo-Europeans: A family business, February 4, 2021, https://indo-european.eu/2021/02/proto-indo-europeans-a-family-business/.
  2. Quiles, Carlos: IBD sharing between Corded Ware and Yamnaya-related populations, March 5, 2021, https://indo-european.eu/2021/03/ibd-sharing-between-corded-ware-and-yamnaya-related-populations/.
  3. Reich, David: Ancient DNA and the New Science of the Human Past, 3.3.2021, https://www.youtube.com/watch?v=QoGmPJJS3X8.
  4. Quiles, Carlos: Another “Pre-Yamnaya” sample from the Northern Caucasus? 13.3.2021, https://indo-european.eu/2021/03/another-pre-yamnaya-sample-from-the-northern-caucasus/
  5. Upcoming online conference (free registration) Power, Gender and Mobility – Features of Indo-European Society by the University of Copenhagen March 26–27, 2021, https://sites.google.com/view/indoeuropeansociety/home
  6. Bading, Ingo: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/es-ist-amtlich-das-urvolk-der.html
  7. Bading, Ingo: 7-2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/07/einheimische-manner-sie-vermischen-sich.html
  8. Bading, Ingo: 10-2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/10/die-urindogermanen-allem-anfang-wohnt.html
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