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Freitag, 19. März 2021

Die "rosenfingrige Eos" ...

Eine der wichtigsten Göttinnen der Urindogermanen 
- Sie haben ihre Verehrung bis nach Japan, China, Indien und über ganz Europa verbreitet

Gut bezeugt ist inzwischen, daß spätestens am Beginn der Bronzezeit unsere Vorfahren in Bezug auf Naturschönheit ähnlich empfunden haben wie noch viele Jahrtausende später ihre Nachfahren als Dichter und Künstler (Abb. 1).

Abb. 1: Honoré Fragonard (1732-1806) - Die Göttin Aurora triumphiert über die Nacht (1755)

Laut einer Forschungsstudie aus dem Jahr 2018 haben die Menschen der Frühbronzezeit Weihgaben für die Sonnen-Gottheit in der freien Natur abgelegt. Das geschah am liebsten an Orten mit freiem Blick auf den Sonnenaufgang, insbesondere am Tag der Sommer- oder der Wintersonnenwende (1).

Sorgfältig ausgewählte Bronze-Gegenstände wurden in der Frühen Bronzezeit in Schottland an auffallenden Orten innerhalb der Landschaft als Weihgaben für die Gottheit niedergelegt. Mehr als die Hälfte dieser Orte hatten direkte Sicht auf den Punkt des Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs zur Winter- oder Sommersonnenwende (1). Diese Forschungsergebnisse erinnern daran, daß die Beobachtung von Sonnenauf- und -untergang an markanten Punkten in der Landschaft auch eine Rolle spielt etwa bei der Himmelsscheibe von Nebra (2).

Der Schwerpunkt scheint auf der Wintersonnenwende gelegen zu haben.

In einer früheren archäologischen Studie war schon dargelegt worden, daß diese Bronzegegenstände immer an hervorgehobenen Punkten der Landschaft niedergelegt worden waren, an landschaftlich schönen Orten, auch in Grenzbereichen von Landschaften. Das heißt, etwa am Übergang von Ackerland zu Weideland (3). Es sind das alles Umstände, die gut bezeugen, welchen Sinn unsere Vorfahren in der Bronzezeit für die Schönheiten der Landschaft hatten. 

Wenn es solche Sitten von Sachsen-Anhalt bis hinauf nach Schottland gegeben hat in der Frühen Bronzezeit, dann wird deutlich, von welcher Sehnsucht nach der Sonne die Menschen dieser Zeit beseelt gewesen sind, welche Verehrung sie ihr zugedacht haben.

Diese Verehrung spiegelt sich ja auch im "Sonnenwagen von Trundholm" (4) wider.

Die "rosenfingrige Eos"

Es ist das eine Verehrung, die sich in der "Ilias" des Homer erneut findet, etwa wenn er Eos, die Göttin der Morgenröte (Wiki) besingt als „rosenfingrige Eos“ (ῥοδοδάκτυλος Ἠώς rhododaktylos Ēōs).

Die Sehnsucht nach der Sonne gab es in Mitteleuropa schon vor dem Eintreffen der Indogermanen. In zahlreichen "Kreisgrabenanlagen" - wie der von Goseck aus dem Mittelneolithikum - kann man am Tag der längsten Nacht beobachten, wie im Südwesttor die Sonne untergeht. Am Morgen danach geht die Sonne im Südosttor wieder auf (Wiki). Die Späten Urindogermanen am Unteren Dnjepr haben auf Kurganen, die oben eine Plattform besaßen, vermutlich auch die Sonne verehrt. Sie haben aber die Verehrung der Sonne in Mitteleuropa sicher auch von den Vorgängerkulturen übernommen - so wie vieles andere.

Ob sich Homer und/oder unsere bronzezeitlichen Vorfahren die Sonne und die Morgenröte so vorgestellt haben wie dies im 18. Jahrhundert zur Darstellung gebracht worden ist etwa von dem französischen Maler Honoré Fragonard (Abb. 1), muß natürlich dahingestellt bleiben. 

Aber eine "rosenfingrige" Gottheit darf man sich so schon vorstellen, als Frau im Licht, während im Dunkel auf dem Boden noch die Nacht in letzten Träumen liegt - gegebenenfalls mit glühenden Bäckchen. Und dabei mag durchaus viel rosiger Duft ausgebreitet sein über das gesamte Geschehen. Dunkle, stille, verhaltene Morgenstimmung.

Abb. 2:  Honoré Fragonard (1732-1806) - Diana verliebt sich in den schlafenden Schäfer Endymion, um 1755 (Wiki) - Entstanden als Pendant zu Abb. 1 (NGA)

[Ergänzung, 21.2.2021] In der Besprechung zu einer Buchveröffentlichung zu dem Thema Metalldeponierungen in der Bronzezeit (5) wird deutlich, daß die Wissenschaft sich noch schwer tut, solche Deponierungen allein - oder vor allem - als Weihgaben an die Gottheit anzusehen.

Noch ein Blick in die Forschung

Es fällt ihr schwer, die Bronzezeit als eine Art Traumzeit anzusehen, als eine Art Märchen-Zeitalter, in der auch landschaftliche Schönheit und Poesie im Alltagsleben und religiösen Leben eine große Bedeutung gespielt haben können. 

[Ergänzung 29.3.2021] Der Bronzezeit-Archäologe Svend Hansen sagt jedoch klar (6) ... 

... daß es sich in der großen Mehrheit dieser Funde um Weihgaben an die imaginären Mächte handelt.

Liest man die Abhandlung von Svend Hansen, kommen einem die vielen Weihgaben an die Gottheit in Erinnerung, die zum Beispiel dem Orakel von Delphi gewidmet worden sind. - Diesem Gedanken war Svend Hansen schon 2016 nachgegangen (7). - Von einem Hortfund östlich des Ural, der Fragmente von Gegenständen und Waffen enthielt, mein Hansen, es sei (6) ...

... besser von einem Fragmenthort sprechen. Die Bronzen wurden als pars pro toto  deponiert, vergleichbar der Praxis in den jüngeren griechischen Heiligtümern. Ein oder zwei Fragmente der großen und wertvollen Dreifußkessel blieben, deponiert in Brunnen oder unter Ausschüttungen, im Besitz der Gottheit, der Rest wurde wieder eingeschmolzen und für andere Zwecke im Heiligtum verwendet.
Von vielen Hort-Orten kann inzwischen nachgewiesen werden, daß sie über mehrere Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte immer wieder neu genutzt wurden, und zwar nicht selten auch von einer "sozial gehobenen Führungsschicht". Hansen führt mit Bezug zu den bislang größten bronzezeitlichen Depotfund Europas in Moosbruckschrofen in Nordtirol (Wiki) aus (6):

Die lange Kollektionierungszeit sagt viel über die Stabilität der sozialen Ordnung. Mit seinen Überlegungen zur Sozialstruktur der hinter dem Hort stehenden Gemeinschaft hat Tomedi einen willkommenen Anstoß gegeben, aus der ethnologischen Zwickmühle von Big Man  und Chief  herauszukommen und stärker z. B. altitalische Überlieferungen politischer Organisation zu berücksichtigen. Es bleibt eine wichtige Aufgabe, die sozialen Hintergründe der Deponierung weiter aufzuhellen.

Mit "altitalische Überlieferungen politischer Organisation" wird wohl auf die Verfassung der Römischen Königszeit (Wiki) angespielt sein. In dieser gab es schon eine Gliederung der Gesellschaft in Adlige, Patrizier und Plebs. Bzw. wird auf die Gesellschaftsordnung der Etrusker (Wiki) und ihrer Nachbarstämme angespielt sein.

Abb. 3: Sonnenaufgang in der Ägäis, am Westufer des Thermaischen Golfes, am Fuße des Olymp, bei Platamonas (am 24. Oktober 2025 um 7:27 Uhr) 

Hansen referiert auch die vielen Metallhortfunde, die inzwischen der Glockenbecher-Kultur zugesprochen werden können, insbesondere auch aus Spanien, wo zum Beispiel vier Metalllanzenspitzen, zusammen gebunden durch ein Golddiadem niedergelegt gefunden worden sind.

Eine der wichtigsten Göttinnen der Urindogermanen 

[Ergänzung 19.3.2021] Die oben erwähnte Göttin der Morgenröte gehörte nach sprachwissenschaftlichen Befunden offenbar schon im Urindogermanischen zu den wichtigsten Göttinnen (Wiki):

h2éwsōs or Haéusōs (PIE: *h2éusōs, *haéusōs in anderen Varianten; lit. "die Dämmerung") ist der rekonstruierte urindogermanische Name der Göttin der Morgenröte in der urindogermanischen Mythologie. Es wird angenommen, daß h2éwsōs eine der wichtigsten Gottheiten gewesen ist, die von den Sprechern des Urindogermanischen verehrt worden ist, abzulesen an der Stetigkeit ihrer Bedeutung in nachfolgenden kulturellen Traditionen wie auch in der Bedeutung der Göttin Usas in der Rigveda. Ihre Merkmale sind in späteren Traditionen nicht nur vermischt worden mit denen der Sonnengöttin, sondern haben auch weibliche Gottheiten in anderen Mythologien beeinflußt. (...) h2éwsōs leitet sich ab von dem Wurzelverb *h2(e)wes- ("scheinen, rot glühen, eine Flamme"), das mit dem Suffix -os erweitert wird. Aus dieser Wurzel ergibt sich auch das Wort für "Gold" (...) Lateinisch aurum, Altprussisch ausis, Litauisch Dausos "die Himmelshöhen"; ausas Gold.
h2éwsōs or Haéusōs (PIE: *h2éusōs, *haéusōs and other variants; lit. "the dawn") is the reconstructed Proto-Indo-European name of the dawn goddess in the Proto-Indo-European mythology. h2éwsōs is believed to have been one of the most important deities worshipped by Proto-Indo-European speakers due to the consistency of her characterization in subsequent traditions as well as the importance of the goddess Uṣas in the Rigveda. Her attributes have not only been mixed with those of solar goddesses in some later traditions, but have subsequently expanded and influenced female deities in other mythologies. (...) *h2éwsōs, derives the verbal root *h2(e)wes- ('to shine, glow red, a flame') extended by the suffix -ós-. The root also underlies the word for 'gold', *h2ews-om ('glow'; cf. Latin aurum, Old Prussian ausis, Lithuanian Dausos 'the skies, heavens'; áusas 'gold').

Offenbar leiten sich daraus in germanischen Sprachen auch die Worte für Osten und Ostern ab. Wir lesen (Wiki):

Das neuhochdeutsche Ostern und das englische Easter haben die gleiche sprachliche Wurzel, zu deren Etymologie es verschiedene Lösungsansätze gibt. Das Herkunftswörterbuch des Dudenverlags leitet das Wort vom altgermanischen austrō > ausro „Morgenröte“ ab, das eventuell ein germanisches Frühlingsfest bezeichnet und sich im Altenglischen zu Ēostre, Ēastre, im Althochdeutschen zu ōst(a)ra, Plural ōstarun fortgebildet habe. Der Wortstamm sei mit dem altgriechischen Namen der vergöttlichten Morgenröte Ēōs und dem lateinischen aurora „Morgenröte“ verwandt, die ihrerseits weitere Sprachen beeinflußt hätten. Die zugrunde liegende indogermanische Wurzel ist das Substantiv *h₂au̯s-os „Morgenröte“, abgeleitet von einer indogermanischen Verbalwurzel *h₂u̯es- „(morgens) hell werden“[3] oder *h₂au̯s- „(aus dem Wasser) schöpfen, Feuer holen“.
Ēostra ist erstmals 738 bei Beda Venerabilis (De temporum ratione 15) belegt. Auf ihn geht die Vermutung zurück, das Wort habe eine angelsächsische Lichtgöttin bezeichnet, nach der der Monat April auf angelsächsisch Ēosturmanoth benannt war. (...) Wahrscheinlicher ist, daß Beda Volkstraditionen aufgriff, die im Rahmen frühjährlicher Vegetationsriten gepflegt wurden und mit den Matronen- und Disenkulten in Verbindung standen und darüber hinaus im damaligen paganen germanischen Raum üblich waren und teilweise heute noch tradiert werden.

In der vedischen Mythologie ist Ushas die bedeutendste aller Göttinnen.

Ushas

Und indem wir hören, von welcher Poesie ihre Verehrung umgeben ist, werden wir vielleicht mit der Rigveda - neben der "Ilias" - den besten Blick erhalten hinein in den Geist der Bronzezeit und auch schon des Mittel- und Spätneolithikums, die Zeit, in der sich Volk der Indogermanen bildete und ausbreitete (Wiki): 

Zwanzig der 1028 Hymnen des Rigveda sind der Morgenröte gewidmet, die als reich geschmückte schöne junge, aber arrogante (IV.30.8–11) Frau erscheint und als Bringerin des täglichen Lichts gepriesen wird (RV 7.78; 6.64: 10,172). Den Menschen gegenüber ist sie im Allgemeinen freundlich gesinnt, sie ist eine wohlwollende Göttin. Sie wird auch als Braut im rosa Gewand und mit goldenem Schleier beschrieben, manchmal auch als Tänzerin mit nackten Brüsten und reichhaltigem Juwelenschmuck oder als schöne, aus dem Bade kommende Frau vorgestellt. Sie wird im Dual angerufen.
Sie weckt die zusammengerollten Schläfer, damit sie ihre Opfer darbringen und erweist somit den anderen Göttern einen Dienst (RV 1.113). Ushas gibt Stärke und Ruhm (RV 1.44). Sie ist das, was das Leben antreibt, Dinge in Bewegung setzt, die Dunkelheit vertreibt und damit alle darin verborgenen Dinge aufdeckt und sie wird mit dem Atem und Leben aller lebendigen Kreaturen assoziiert (RV 1.48). Sie ist ferner eng mit rta verbunden und bewegt sich mit ihm (RV 3.61; 7.75). Oft wird sie mit einer Kuh verglichen. In Rigveda 1.92 wird sie die Mutter der Kühe genannt und wie eine Kuh, die ihren Euter zum Wohle der Menschen darreicht, so entblößt Ushas ihre Brüste, um zum Wohle der Menschheit das Licht zu bringen (RV 3.58; 4.5). Obwohl Ushas gewöhnlich als ein junges und schönes Mädchen beschrieben wird, wird sie auch Mutter (RV 1.113.12) der Götter und der Ashvins (RV 3.39.3) genannt. Sie wird von ihren Bittstellern als Mutter angerufen, die sich wie eine gute Hausvorsteherin um alle Dinge kümmert (RV 1.48). Sie ist zugleich die Göttin des Herdes (RV 6.64). Von Ushas heißt es sie sei das Auge der Götter (RV 7.75). Sie wird auch als geschickte Jägerin beschrieben, die das Leben der Menschen dahinschwinden lässt (RV 1.92). Ihre Aufgabe ist es die Menschen zu wecken, um sie zur Arbeit und Pflichterfüllung zu rufen (RV 148,92), doch sie stört nicht die im Todesschlaf versunkenen Wesen. Oft wird sie um die Vernichtung, Bestrafung und Fortjagen von Feinden gebeten, die sie in weite Ferne schicken soll. Sie erscheint als Feindin der chaotischen Mächte, welche die Welt in Schrecken versetzen (RV 1.113.12). Die Götter flehen sie an, nur die guten Menschen zu wecken. Auch erscheint sie als Göttin, welche die Jugend vergehen lässt (RV 7.75). Sie kann alles sehen, wird aber nur selten um Vergebung von Sünden gebeten. Sie ist die Herrin und Zeichen der Zeit und wird oft darum gebeten ein langes Leben zu gewähren (RV 7.77). Sie erinnert Menschen an ihre Sterblichkeit.

Die hier zusammen gestellten Beobachtungen wären es wohl wert, daß in Anknüpfung an diese noch viel umfassender herausgearbeitet würde, von wie viel Poesie, erhabenen Gefühlen, Innerlichkeit, innerer Erhobenheit das Leben vorgeschichtlicher Völker erfüllt gewesen sein kann.

/ hier auf dem Blog 
zuerst: 24.2.2021 /

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  1. The Placing of Early Bronze Age Metalwork Deposits: New Evidence from Scotland. By Richard Bradley, Chris Green, Aaron Watson. First published: 01 February 2018, Oxford Journal of Archaeology, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ojoa.12135?campaign=woletoc& 
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Himmelsscheibe_von_Nebra 
  3. Bading, Ingo: Menschen aus der Bronzezeit hatten ein Auge für die Landschaft. 13.2.2018, https://plus.google.com/+IngoBading/posts/LzyU4J9NFgR 
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwagen_von_Trundholm
  5. Augstein, Melanie (2020). Rezension zu: Fontijn, D. (2020). Economies of destruction: How the systematic destruction of valuables created value in Bronze Age Europe, c. 2300-500 BC. Abingdon: Routledge. Archäologische Informationen 43, Early View, online publiziert 12. Jan. 2021
  6. Hansen, Svend:    Metalldeponierungen in Eurasien. Ein Phänomen der Langen Dauer, der Konjunkturen und der Ereignisse, 2021 (Acad)
  7. Hansen, Svend: Gabe und Erinnerung - Heiligtum und Opfer. 2016, Humboldt-Universität zu Berlin, Exzellenzcluster Topoi (Acad)

Mittwoch, 20. Mai 2020

An das Leben in einer - einheitlichen - Rasse angepaßt: Der Mensch

Gesichter anderer Rassen werden vom Gehirn nicht als individuelle Gesichter verarbeitet

Dieser Umstand wird aufgezeigt durch aktuelle Studien im Bereich der Hirnforschungen (1, 2): Das Gehirn strengt sich von sich aus an, Menschen (Gesichter) der eigenen Rasse individuell zu erkennen. Sieht es ein Gesicht aus der eigenen Rasse ein zweites mal, aktiviert es nur noch Hirnareale zur "Wiedererkennung", nicht mehr zur erstmaligen Neuerkennung eines individuellen Gesichtes.

Abb. 1: Menschliche Gesichter unterschiedlicher Rassen: Hausa man from Northern Nigeria ; man of Asian descent; Yali tribesman in the Baliem Valley; shaman in the Amazon rainforest; Icelander; San man (Wiki)

Anders ist es, wenn das Gehirn Menschen einer anderen Rasse sieht. Es ordnet die Gesichter derselben dann von vornherein unter "Wiedererkennung" ein - nämlich eben dieser Rasse. Und es bemüht sich - von sich aus - erst einmal nicht weiter um individuelle Unterscheidungen (nämlich ob es sich um das Gesicht dieses oder jenes Menschen innerhalb einer anderen Rasse handelt).

Ein wenig auffällig ist, daß in einem deutschsprachigen Artikel über diese Forschungen anstelle des Begriffes "Rasse" - wie in der Originalstudie - der Begriff "Ethnie" verwendet wird. Diese Begriffsverwendung ist aber ganz klar so unscharf, daß man sich wundert, daß das so gemacht wird. Denn in der Studie geht es ja eben nicht um Menschen unterschiedliche Ethnien, die einer einzigen Rasse angehören (zum Beispiel um Tschechen, Franzosen und Deutsche), sondern um Menschen unterschiedlicher Rassen.

Es dürfte sehr unwahrscheinlich sein, daß das Gehirn auf der Ebene sehr subtilen Gesichtsunterschiede zwischen Ethnien ebenso arbeitet wie auf der Ebene der Gesichtsunterscheidungen zwischen Rassen, die ja auf sehr grober Ebene stattfinden können.

Aber "Neusprech" ist offenbar der Redaktion von "Spektrum der Wissenschaft" so wichtig, daß dies offenbar auch gerne einmal auf Kosten der wissenschaftlichen Korrektheit geschehen kann.

Die Tatsache, daß Altruismus (Hilfsbereitschaft) und sozialer Zusammenhalt in multikulturellen Wohnumfeldern geringer ausgeprägt ist als in einheitlichen kulturellen Wohnumfeldern ist ja von Seiten der Soziologie schon gut erforscht worden (etwa von Seiten Robert Putnam, dargestellt in seinem Buch "Bowling alone"). Mit diesen neuen Studien gibt es einige - von vielen denkbaren - neue Daten zur evolutionären Erklärung dieser Sachverhalte.

Damit gibt es weitere Hinwiese dafür, daß Menschen und Gehirne im allgemeinen mit einem Zusammenleben unterschiedlicher Rassen innerhalb derselben Gesellschaft mehr gefordert sind als in Gesellschaften, in denen die Menschen alle derselben Rasse angehören. Und das Gehirn ist darauf ausgelegt, es sich möglichst "einfach" und "sparsam" zu machen im sozialen Zusammenleben.
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  1. Human face-selective cortex does not distinguish between members of a racial outgroup Niv Reggev, Kirstan Brodie, Mina Cikara, Jason P. Mitchell eNeuro 18 May 2020, ENEURO.0431-19.2020; DOI: 10.1523/ENEURO.0431-19.2020, https://www.eneuro.org/content/early/2020/05/18/ENEURO.0431-19.2020
  2. Janosch Deeg: Gesichter unterscheiden: Dem Gehirn erscheinen fremde Ethnien "bekannter", 19.05.2020, https://www.spektrum.de/news/dem-gehirn-erscheinen-fremde-ethnien-bekannter/1735892

Samstag, 31. Januar 2009

Sehnsucht - ein psychologisches Konzept wird erforscht

Im Forschungs-Magazin der Max-Planck-Gesellschaft (3/2008) findet sich ein Artikel über die Erforschung der Sehnsucht (MPG-html, MPG-pdf.). Sie wird insbesondere dem psychologischen Konzept des Bedauerns ("regret") an die Seite gestellt und von ihm unterschieden. Das Konzept des Bedauerns und das damit verbundene Konzept der Verantwortung ist ja auf diesem Blog schon behandelt worden. (7.9.08) Bedauern stellt sich ein, wenn ein Ziel nicht erreicht worden ist. Sehnsucht ist diffuser: "Niemand würde sagen, ich sehne mich nach einem Doktortitel," wird eine der Erforscherinnen der Sehnsucht zitiert. Und man möchte anfügen: Allerdings. Aber man sehnt sich - mitunter - nach wissenschaftlicher Erkenntnis.


Abb.: ... Mancher Städter sehnt sich danach, auf dem Land leben zu können ...
Der Rhin - Wasserperle im Land Brandenburg
Blick auf das Dorf Molchow

Susanne E. Scheibe und Alexandra M. Freund erforschen die menschliche Sehnsucht auf den vorgegebenen Linien ihres 2006 verstorbenen Doktorvaters Paul B. Baltes. Forschungsliteratur ist dem MPG-Artikel nicht angefügt. Aber man findet zum Einstieg wohl einiges Wichtige ---> hier oder hier, insbesondere ein Review-Artikel im Gedenken an Paul B. Baltes (1, frei zugänglich ---> hier, pdf.) Einleitend schreiben darin die Forscherinnen, was ziemlich exakt so auch in den MPG-Artikel übernommen wurde (und dort auf deutsch gelesen werden kann):
The concept of Sehnsucht is strongly rooted in German culture and history. It has a central place in romantic literature and art, and a strong presence in contemporary media. In their writings and paintings, romantic poets such as Novalis or painters such as Caspar David Friedrich often expressed longing or yearning for something that is remote and often rather vague. The things longed for were perceived as unattainable but still created a want that guided passionate striving towards it. Symbolizing this quest, in Novalis’ (1876/ 1990) Heinrich Von Ofterdingen, a young medieval poet seeks the mysterious Blue Flower, the romantic movement’s symbol of the quest for the perfect yet unattainable. As the hero states, "It is not the treasures which have awakened such an inexpressible longing in me. There is no greed in my heart; but I yearn to get a glimpse of the blue flower." In its full sense, the German concept of Sehnsucht is difficult to translate into English. Yet, the basic components, such as fantasizing about and striving for ideal conditions that cannot be reached or only with high uncertainty, represent key aspects of lifespan development and should apply widely across cultures, including English speaking countries such as the U.S.A..
Und am Ende:
The research presented here is but the beginning of a psychology of Sehnsucht and many questions remain open. One is the generality of findings in cultural contexts other than Germany. As noted at the outset, the concept of “Sehnsucht” is salient in German culture, and its core connotations have evolved during the cultural era of Romanticism. The German word "Sehnsucht" is difficult to translate into most other languages. Does this suggest that Sehnsucht does not exist in other cultures? As its structural characteristics and developmental functions are assumed to reflect basic, universal aspects of lifespan development, they are theoretically expected to be universal, although cultural differences may produce some variation in their manifestation.
Und im MPG-Journal heißt es dazu noch konkreter:
Im amerikanischen Kulturkreis berichten die Menschen von ähnlichen Sehnsüchten wie Deutsche, obwohl ihnen das Konzept in seiner ganzen Breite unbekannt ist. Sehnsucht speist sich aus sechs Komponenten, die verankert sind in der Lebensspannen-Psychologie und der deutschen Kulturgeschichte, etwa in Malerei und Literatur.
Merkwürdig mutet die Behauptung der Forscherinnen an, daß erst 15- bis 16-Jährige konkrete Sehnsüchte würden benennen können. Aber was soll damit gesagt sein? Kinder haben doch auch dann Sehnsüchte, Wünsche, wenn diese nicht konkret in Fragebogen-Form abgefragt werden können? Das ist doch nur allzu offensichtlich. Überhaupt mutet es einem sonderbar an, falls ein solches Konzept wie Sehnsucht in der Psychologie nicht schon unter einer solchen breiteren Rubrik wie der des "Wünschens" ("desire") erforscht worden sein sollte. Es wird zwar eine Abgrenzung zum Konzept des Bedauerns und dem damit verbundenen Konzept des Anstrebens von konkreten Zielen vorgenommen. Nirgends aber wird - soweit übersehbar - eine Abgrenzung des Konzeptes Sehnsucht von dem noch breiteren Konzept des Wünschens diskutiert. Auch Suchterscheinungen wie Liebe wären hier zu diskutieren auf der Linie von Joachim Bauer. (---> Bücher)

Evolutionäre Wurzel der Sehnsucht: die Sucht

Und wie elementar, ja überlebenswichtig die Sehnsüchte und Wünsche ja schon bei Tieren sein können - etwa auf sozialem Gebiet (Mutter-Kind-Bindung, Gruppenzugehörigkeit) - das kann ein Blick in die Bindungsforschung, ein Blick in die Verhaltensforschung überhaupt schnell lehren. Man nehme nur die Nachfolgeprägung der Gänseküken in den Blick, diese unglaubliche Sehnsucht, der Nähe des Muttertieres versichert zu sein: "Hier bin ich - wo bist du?" Auch könnten sich Anknüpfungspunkte ergeben zu dem Konzept des "Sich-zugehörig-Fühlens-zu", das die amerikanische Primatologin Barbara J. King als die evolutionspsychologische Grundlage der menschlichen Religiosität benannt hat. (---> Bücher)

Die verhaltensphysiologischen Grundlagen von Hunger, Sucht und Sehnsucht sind übrigens auch schon in sehr weitgehendem Maße von Konrad Lorenz und seinen Nachfolgern erforscht worden. Auch hier gäbe es viele Anknüpfungspunkte: Appetenzverhalten, Schlüsselreize, Schwellenwerte und vieles andere mehr.

Hier scheint einem überall noch viel Forschungspotential vorhanden zu sein und auch Klärungs- und Abgrenzungsbedarf in den Begrifflichkeiten und Konzepten. Aber daß überhaupt das Konzept der Sehnsucht thematisiert wird, kann man für sehr wichtig erachten. Setzt es doch - um nur einen und zugleich auch schon sehr grundlegenden Aspekt zu nennen - der monotheistischen Religiosität mit ihrer mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch (Jan Assmann) ein ganz anderes - vielleicht seelenvolleres - Konzept entgegen, das dem seelischen und kulturellen Spielraum viel mehr Freiheit gewährt, als die eng umgrenzten Handlungsanweisungen eines monotheistischen Gottes wie: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß ..." etc. pp.. Solche Befehle weitab aller spontanen Sehnsucht kann alle (freiwillig empfundene) Sehnsucht und daraus abgeleitetes Handeln abtöten und vernichten. Und das haben sie wohl zu weiten Teilen auch schon in westlichen Gesellschaften über viele Jahrhunderte hinweg getan. - Übrigens kann man das für einen ganz wesentlichen Aspekt von Sehnsucht überhaupt halten: Sehnsucht kann - wohl - nur freiwillig empfunden werden, sie kann nicht befohlen werden. (Höchstens könnte sie durch das Anbieten von Schlüsselreizen gesteigert werden, wobei dann der Übergang von Sehnsucht zur Sucht schnell fließend wird ...).

Und nicht umsonst entstand das deutsche, "romantische" Konzept der Sehnsucht im Zusammenhang mit dem Aufschwung der deutschen, bürgerlichen Philosophie nach Immanuel Kant, ihm, dem Henker des monotheistischen Gottes - um im Bild von H. Heine zu bleiben, und um einige geistes- und weltgeschichtliche Aspekte zu benennen, um derentwillen Sehnsucht auch etwas mit Geschichtsphilosophie zu tun haben könnte und mit der Frage nach einem etwaigen (noch nicht erreichten) Ziel der Geschichte. (Man vgl. dazu etwa ---> F. Schiller)

ResearchBlogging.org



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  1. Susanne Scheibe, Alexandra Freund (2008). Approaching Sehnsucht (Life Longings) from a Life-Span Perspective: The Role of Personal Utopias in Development Research in Human Development, 5 (2), 121-133 DOI: 10.1080/15427600802034868

Donnerstag, 31. Januar 2008

Die Natur als Künstlerin

"Making things special", also das "Herausstellen von Dingen als etwas Besonderes" ist eine unter Soziobiologen und Kunstwissenschaftlern weit verbreitete Bestimmung von menschlicher künstlerischer Tätigkeit, wozu auch alle Tätigkeit auf religiösem Gebiet gerechnet werden könnte. Dieser Gedanke stammt (wenn mich nicht alles täuscht) von Ellen Dissanayake (s. auch St. gen.).

Aber die Natur selbst stellt manchmal auch schon allerhand Dinge als sehr "besonders" heraus. Oder ist es wirklich nur unser menschliches Auge (- wieder etwas von der Natur Geschaffenes), das bestimmte Dinge in der Natur als "besonders", als bemerkenswerter erscheinen läßt als sie vielleicht tatsächlich sind?

Warum empfinden wir Sonnenaufgänge und -untergänge als schön? Etwa weil dort, wo es schöne Sonnenauf- und -untergänge gibt, die Überlebensbedingungen besonders gut sind (- die "Savannen-Hypothese")? - Wenig plausibel! Denn den schönsten Sonnenaufgang meines Lebens habe ich einmal im Winter auf 1800 Meter Höhe in den Bayerischen Alpen erlebt. Ein einziges Farbenmeer, eine Farbensymphonie, wie ich sie vorher und nachher nie wieder erlebt habe.

Auch die Schönheit, die die Unterwasser-Fotographie uns nahe bringen kann, wäre damit wohl noch in keiner Weise erklärt.










Sonnenaufgang in Kassel - Januar 2008






Warum man Sonnenaufgänge als schön empfindet, muß also wohl einstweilen offen bleiben.

Sonntag, 20. Januar 2008

Die letzten Naturvölker auf der Erde - ihr Schutz, ihre Erforschung ist ein großes Abenteuer

Ein unglaubliches Buch! Über 500 Seiten hat es. Und man denkt etwa nach den ersten hundert Seiten, nun hätte man aber bestimmt schon die spektakulärsten Inhalte dieses Lebensberichtes gelesen, noch Spannenderes kann ja nun wohl nicht mehr kommen. Nun muß es ja doch - irgendwann - einmal etwas "gewöhnlicher" werden in diesem Buch. Aber weit gefehlt. Ein Buch voller Abenteuer, voller Überraschungen, voller unterschiedlicher Erlebnisse und menschlicher Begegnungen. Die Spannung erreicht noch Höhepunkte, wenn man sich dem Ende dieses Bandes nähert.

Autor Roland Garve

Die Rede ist von "Kirahe - Der weiße Fremde", dem im letzten Jahr erschienenen Lebensbericht des 52-jährigen Zahnarztes, Völkerkundlers und Filmemachers Roland Garve, über das an früherer Stelle (9.12.07) schon einmal berichtet worden war, nachdem die ersten hundert Seiten gründlich gelesen waren. Aber wie wenig hatte man damit erst von diesem Buch gelesen. Nun aber bin ich mit dem gründlichen Lesen ganz durch. Und immer noch ganz gefangen, gefesselt von diesem "Abenteuer"-Bericht.

Der Selbstmörder-Stamm der Suruaha

Zum Schluß wird es noch einmal kraß dramatisch. Da reist Roland Garve zu dem südamerikanischen "Selbstmörder-Stamm" der Suruaha (auch Zuruaha) - einer ethnischen Ausnahme-Erscheinung, von der man absolut nicht glauben sollte, daß es etwas derartiges gibt: Ein Stamm, in dem fast alle Stammesmitglieder zumeist schon in frühen Jahren Selbstmord begehen. Da genug Kinder geboren werden, ist er mindestens in den letzten hundert Jahren nicht vom Aussterben bedroht gewesen und so auch nicht in der Gegenwart. Sie nehmen eine Selbstmord-Droge - oft aus ganz nichtigen Anlässen oder aus einer flüchtigen, alltäglichen Enttäuschung heraus. Und sie überlassen es dem Zufall, der Dosis, den anderen, helfenden oder nicht helfenden Stammesangehörigen, ob sie die jeweilige Dosis überleben werden, oder ob sie "hinüber" gehen werden zu den Verwandten, zu den schon Voraus-Gegangenen. Denn sie sind fest davon überzeugt, daß alle Selbstmörder in einem "Jenseits" weiterleben werden. Alle jene aber, die sich nicht selbst umbringen, werden auch nicht im Jenseits weiterleben.

Typische Gesichter des Stammes der Suruaha
(Titelfoto eines anderen Buches über die Suruaha von Gernot Schley)

Das, was man - mehr aus Spaß - immer zu Christen und anderen Menschen gesagt hat, die an ein Weiterleben nach dem Tod glauben - nämlich, daß ihnen doch der Tod das erfreulichste Ereignis ihres Lebens sein müßte, da sie doch dann in das Paradies kommen würden, das leben diese Amazonas-Indianer tatsächlich mit einer derartigen schlichten und einfachen Konsequenz, die aber zugleich vollkommen erschreckend und erschütternd ist. Die bringen sich tatsächlich selber um. Und derjenige, der es nicht schafft, die alten Leute also, sind sozial massiv geächtet in diesem Stamm, werden gehänselt und ausgelacht bei jeder sich bietenden Gelegenheit - und zwar oft am meisten von den eigenen Kindern! - Diesen Bericht auf den Seiten 496 bis 518 muß man erst einmal verdauen. ... Ich habe das noch nicht. Ich glaube, dazu braucht man eine ganze Weile. Und dieser Bericht ist wirklich geeignet, manches am eigenen Weltbild zu verändern. Man möchte glauben, daß er ein starkes Argument sein könnte in religiösen oder philosophischen Grundsatz- und Weltbild-Debatten.

Man möchte fast vermuten, daß unter allen Menschen, die an ein Weiterleben nach dem Tod wirklich glauben, die Suruaha die ehrlichsten, wahrhaftigsten und konsequentesten sind. Aber von wieviel schriller Wildheit ist eine solche "Glaubenspraxis" im Alltag begleitet! (Nachtrag Juli 2009: Der begeisternde, halbstündige Film von Roland Garve über seine Reise zu den Suruaha ist für nur 99 Cent hier zu sehen.)

- - - Dabei hatte man zuvor schon zu "knabbern" genug gehabt an dem Bericht, der von der Erst-Kontaktierung eines (nach außen hin) sehr gewalttätigen Indianer-Stammes handelte, der noch niemals zuvor friedliche Kontakte zur nicht-indianischen Außenwelt hatte, nämlich der Korubo (Seiten 428 bis 480). Und davor der Bericht über die Besuche bei den Zoe, dem Lieblingsstamm Roland Garves. Und dann so viele anderen Berichte mehr. Etwa über einige der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte und Gegenwart der Erforschung und des Schutzes der Indianer-Stämmer Brasiliens, unter denen sich viele Deutsche befinden, von denen man aber noch nie etwas zuvor gehört hatte. Etwa der jüngst verstorbene Deutsche Jesco von Puttkammer, ein Neffe des letzten Gouverneurs der deutschen ostafrikanischen Kolonie Kamerun, selbst nun Zeit seines Lebens der bedeutendste Fotograph der Indianer-Stämme Südamerikas. Aber noch so viele andere Dinge mehr.

Ein "Selfmade"-Mann auf dem Gebiet der Völkerkunde

Und dann über die Arbeit der brasilianischen Indianer- und Regenwald-Schutzbehörde, mit der Roland Garve und seine sächsischen Völkerkunde-Freunde in enge Zusammenarbeit kamen. Und dann über die in Brasilien offenbar so wertvolle Arbeit der deutschen GTZ, der deutschen "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit", die Wertvolles leistet bei der Erhaltung der südamerikanischen Regenwälder. Und über so vieles andere mehr.

Ich wiederhole: Dies ist ein ganz unglaubliches Buch. Ein ganz und gar unglaubliches Buch. Von diesem Roland Garve muß man sich auch alle anderen Bücher besorgen, die von ihm bisher schon erschienen sind, und die zumindest in Südamerika weit verbreitet sind, auch unter den besuchten Indianer-Stämmen selbst, wie Garve immer wieder berichtet. Dort gelten sie nämlich als eine Art "Totenbücher", die sich die Stammesangehörigen immer wieder gern ansehen, weil sie dort inzwischen schon gestorbene Stammesangehörige abgebildet finden. (1, 2, 3, 4) Und auch all die Filme, die schon in deutschen Fernseh-Sendern von Garve ausgestrahlt worden sind, von deren Produktion er hier berichtet, würde man gerne sehen. Von einem Zahnarzt und "Selfmade"-Mann auf dem Gebiet der Völkerkunde und des Filmemachens. Ganz und gar unerwartet. - Noch einmal: Ein ganz und gar unglaubliches Buch.

Roland Garve

Man darf wohl sagen, daß hier ein Erforscher ursprünglicher Völker wie der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt in Roland Garve (und manchen seiner Kollegen) würdige Nachfolger gefunden hat. Es ist auch ein wenig erhebend zu sehen, daß es doch auch viele Deutsche in der Welt waren und sind, die sich für die Erforschung und die Erhaltung der Ureinwohner-Völker weltweit eingesetzt haben und einsetzen, und daß auch heute noch allein eine "heute Journal-Sendung" und der internationale Druck, der durch sie auf die brasilianische Regierung ausgeübt werden kann, einen Indianer-Stamm in Brasilien (die Zoe) vor der kulturellen Vernichtung bewahren kann!

Dies ist ein Buch, das einem viel Mut und auch Vertrauen in die Zukunft geben kann - bei all dem Deprimierenden, das es auch zu schildern weiß. (Etwa die Slums, in denen "christianisierte", "zivilisierte" Indianer-Stämme meistens enden ...)

Zerstörung indigener Kulturen

Ein Buch, auch z.B. deshalb so ungewöhnlich, weil es in scharfen Worten und deutlichen Kennzeichnungen die Arbeit christlicher, zumeist US-amerikanischer, sehr aggressiver Missions-Sekten verurteilt, die die Kultur unglaublich vieler Ureinwohner-Völker auf der Welt schon ganz gezielt und bewußt und mit unglaublicher Hartnäckigkeit, Energie und starkem finanziellem Hintergrund zerstört haben. Das Christentum scheint weltweit und Jahrhunderte lang immer mit den gleichen Methoden gearbeitet zu haben, von denen Garve nun auch in Brasilien erfährt (S. 363):
"Sie haben ein ausgeklügeltes System, sich den Naturvölkern zu nähern, sie zu manipulieren und dann umzudrehen. (...) Dabei würden die Missionare geschult, in die Seelenwelt der Eingeborenen einzudringen, um deren 'Knackpunkte' zu finden: Was ist identisch mit dem Christentum? Wo kann man ansetzen? Was entspricht in ihrer Kultur dem Teufel und was könnte mit Jesus identifiziert werden? Anschließend werde zunächst das christliche Universum quasi in die einheimische Kultur 'übersetzt', um die 'heidnische' Identität zu überlagern und auszulöschen. Mit dem ständigen 'Wort Gottes' im Nacken sollten sodann indigene Wertvorstellungen und religiöse Denkinhalte systematisch verändert werden. (...) Diese Missionare machten vielerorts stolze Waldbewohner zu gebrochenen Almosenempfängern."
- Aber allein dieses Thema wäre mehrere neue Blog-Einträge wert - wie so viele andere in diesem Buch angesprochene Themen. Roland Garve eröffnet dem Leser einen völlig neuen Blick in die Welt des Schutzes der menschlichen kulturellen Vielfalt weltweit.

Man wird ihm dafür ein tief empfundenes Wort des Dankes sagen müssen. Und man kann nur hoffen, daß er noch viel auf dieser Linie künftig wird berichten, erforschen und dokumentieren können. Wenn man weiß, daß sich solche Menschen wie Roland Garve des Schutzes des kulturellen Erbes und der kulturellen Vielfalt der Menschheit annehmen, dann meint man, dieselben in guten Händen zu wissen.

(Der Text dieses Beitrages wurde nach der Erstveröffentlichung hier auf dem Blog noch leicht überarbeitet und verändert.)

Freitag, 30. November 2007

Ist die Kunst der Mutter die Mutter der Kunst?


Liegen die evolutionären Wurzeln der Kunst in der Mutter-Kind-Bindung?

Eine bestechende These hat Ellen Dissanayake aufgestellt, zuletzt in ihrem Buch "Art and Intimacy: How the Arts Began".

"Her books are considered classics among Darwinian theorists and art historians alike," las man vor drei Tagen in der New York Times.

Ihre These erinnert wieder einmal an die hier auf dem Blog schon behandelte These der Anthropologin Barbara King, nach der die tiefste evolutionäre Wurzel menschlicher Religiosität im "Zugehörigkeitsgefühl", im Gefühl der Verbundenheit mit den Mitmenschen liegen sollte. Das sagt Ellen Dissanayake auch über die Kunst - aber sie geht noch weiter (NYT):
After studying hundreds of hours of interactions between infants and mothers from many different cultures, Ms. Dissanayake and her collaborators have identified universal operations that characterize the mother-infant bond. They are visual, gestural and vocal cues that arise spontaneously and unconsciously between mothers and infants, but that nevertheless abide by a formalized code: the calls and responses, the swooping bell tones of motherese, the widening of the eyes, the exaggerated smile, the repetitions and variations, the laughter of the baby met by the mother’s emphatic refrain. The rules of engagement have a pace and a set of expected responses, and should the rules be violated, the pitch prove too jarring, the delays between coos and head waggles too long or too short, mother or baby may grow fretful or bored.

To Ms. Dissanayake, the tightly choreographed rituals that bond mother and child look a lot like the techniques and constructs at the heart of much of our art. “These operations of ritualization, these affiliative signals between mother and infant, are aesthetic operations, too,” she said in an interview. “And aesthetic operations are what artists do. Knowingly or not, when you are choreographing a dance or composing a piece of music, you are formalizing, exaggerating, repeating, manipulating expectation and dynamically varying your theme.” You are using the tools that mothers everywhere have used for hundreds of thousands of generations.
Die gelungene Kommunikation zwischen Mutter und Kind ist also eine Kunst. Und alles, was der Mensch seither gemacht hat, ist eine Imitation dieser frühen Kommunikation mit seiner Mutter. Klar! Wie sollte es denn auch sonst sein?

Auf geht's also, Ihr Mütter und Väter und Ihr, die Ihr's werden wollt! Werdet wieder Künstler! Werden Euch Eurer Künstlerschaft bewußt. Das ist jene Vereinigung von Kunst und Leben, von der so viele Menschen träumen oder geträumt haben:
.... Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes
Ihre Seele der Laut des Volks!

(Friedrich Hölderlin, Die Liebe)

Freitag, 26. Oktober 2007

Eckart Voland - Nachdenken über Altruismus und Gruppenmoral

Auf das Buch von Eckart Voland "Die Natur des Menschen - Grundkurs Soziobiologie", wurde man erneut hingewiesen durch Michael Blume's begeisterten Hinweis. - Und das ist tatsächlich ein ganz hervorragendes Buch, das leicht unterschätzt werden kann. Denn es sind nicht nur "alte Gedanken neu aufgewärmt" (wie man hätte erwarten können), sondern auch neue Gedanken eingestreut. Nicht nur an sich neue, sondern auch gegenüber den ursprünglichen FAZ-Essay's (aus denen dieses Buch hervorgegangen ist) neue Gedanken. (s. FAZ - jetzt leider kostenpflichtig)

Die "evolutionär in Zwischengruppenkonflikten geformten Psyche" des Menschen

So ist das Kapitel "Das Doppelgesicht der Moral" gegenüber dem ursprünglichen FAZ-Essay deutlich umgeschrieben und erweitert worden. Ich finde die mir sehr treffend und gelungen erschienene Phrase von der "evolutionär in Zwischengruppenkonflikten geformten Psyche" des Menschen im Buch-Essay nicht mehr. Diese Phrase hatte deutlicher als alle anderen Ausführungen gemacht, daß es auch "Gruppenselektion" gewesen sein könnte, die menschlichen Altruismus hervorgebracht hat. Dies wird ja von vielen soziobiologischen Denkern angenommen, etwa von William D. Hamilton, Richard Alexander, David Sloan Wilson, Edward O. Wilson, Kevin MacDonald und vielen anderen.

Dafür formuliert Voland dann aber auf den Seiten 28 bis 32 eine mehr oder weniger neue Theorie zur "Evolution persönlicher Opferbereitschaft" und - damit verbunden - "des Gewissens", die sicherlich noch mancherlei Diskussionbedarf mit sich bringt. Offenbar wird auf diese Weise versucht, Altruismus gegenüber größeren Gruppen (d.h. in komplexen Gesellschaften) anders zu erklären als durch Gruppenselektion. Voland beruft sich dabei insbesondere auf einen "Science"-Aufsatz von Herbert A. Simon (1990) "A mechanism for social selection and successfull altruism", dessen Inhalt er folgendermaßen wiedergibt:
"... Man könnte es das 'Steuer-Modell' nennen. Es basiert auf der simplen Überlegung, daß es im Fitneßinteresse einer Familie liegen könnte, einen Teil der Nachkommenschaft zu wahrhaften Altruisten zu erziehen, die möglicherweise ihr Leben für die Gemeinschaft einsetzen, unter der Voraussetzung, daß sich auf diese Weise der Bestand der eigenen familiären Linie sichern läßt." (S. 32)
Voland geht von einer deutlichen und langfristigen Beeinflussung des Gewissens der Kinder durch die Eltern aus (was, soweit ich sehe, in Widerspruch steht zu den Thesen von Judith Rich Harris), und vernachlässigt dabei meiner Meinung nach die Beeinflussung des Gewissens durch die weitere Gesellschaft (bzw. die Gruppe der Gleichaltrigen). Aber trotzdem ist die These es wert, bedacht zu werden. Sie zeigt wieder einmal, wie sehr sich die Soziobiologie immer noch unter Erklärungsdruck fühlt, den Altruismus gegenüber größeren Gesellschaften (die über 500 Personen hinausgehen) zu erklären, und zwar jenen Altruismus, der nicht mit besonders einfachen tit-for-tat-Modellen erklärt werden kann und ebensowenig mit einfachen Verwandten-Altruismus-Modellen.

Heldentum in komplexen Gesellschaften - zur Sicherung der eigenen Familien-Linie?

Aber ob die Evolution tatsächlich so arbeitet und mit einem "Gewissen-Steuer-Modell" Evolutionsstabilität für (genetisch oder nur "memetisch" mitmotivierte?) Opferbereitschaft erreicht? Könnte man sich nicht auch überlegen, ob überdurchschnittliche Opferbereitschaft für eine größere Gesellschaft ganze Familienlinien innerhalb dieser Gesellschaft aussterben läßt, womit ihre - Altruismus und Opferbereitschaft veranlassenden (und mitbeeinflussenden) Gene oder Meme ebenfalls ausgestorben wären?

Man denke doch nur an die hohen Kriegsverluste seit Jahrhunderten in vielen adligen - etwa preußischen oder russischen - Familien, in denen es üblich war, daß die Söhne Offiziere wurden und Kriegsdienst leisteten. Das muß wohl noch genauer durchdacht und empirisch überprüft werden. Diese Überprüfung muß nicht so schwer sein: Es ist einfach zu fragen, ob die Adelsfamilien durch Kinderreichtum langfristig die Kriegsverluste kompensiert haben. Aber ob die Möglichkeit zum Kinderreichtum tatsächlich vor allem durch den Kriegsdienst der Söhne sichergestellt wurde oder nicht doch eher durch disziplinierte Bewirtschaftung der Familiengüter, bzw. durch eine Beamtenlaufbahn? Und warum mußten im 19. Jahrhundert immer mehr "Bürgerliche" zugelassen werden für die Offizierslaufbahn? Waren etwa in der unter starkem Bevölkerungswachstum stehenden Gesellschaft nicht mehr genügend Adelsfamilien dafür vorhanden? Oder zog der Adel beim Bevölkerungswachstum anteilmäßig parallel? Fragen, Fragen, Fragen ...

Das Wir-Gefühl ...

Im nächsten Kapitel findet sich der folgende Gedankengang über die langfristigen Entwicklungen im neuzeitlichen Europa:
"... In der zentralen Tendenz nimmt die Präferenz des Ich über das Wir zu. Kollektive zerfallen zu Einzelkämpfern. Das Gefühl und das Wissen um das 'Wir' gehen zunehmend verloren. Dieser Verlust wird offensichtlich nicht gut verkraftet. Die neuronalen Schaltkreise - Experten sprechen auch gern von 'darwinischen Algorithmen', um das etwas altbackene Wort 'Instinkt' zu vermeiden -, die neuronalen Schaltkreise also für das Wir-Gefühl suchen Input. Das Gehirn braucht ganz offensichtlich Selbstvergewisserung über das Wir, braucht zumindest einen Hauch kollektivistischer Ich-Entgrenzung. Und dies nicht etwa, weil es in der Moderne immer noch funktional wäre, im Wir auf- und unterzugehen, nein, der Bedarf entsteht einfach nur deshalb, weil es die entsprechenden Programme des Gehirns gibt, die bedient werden wollen."
Man könnte zu dem letzteren Satz viele Einwände bringen, etwa den, daß das Wir-Gefühl des aschkenasischen Judentums noch in den letzten 1.000 Jahren möglicherweise evolutionäre Weiterentwicklung bewirkt hat (z.B. im IQ). Warum also sollte das gegenwärtig und künftig nicht ähnlich funktionieren? Aber das ist ein langes Thema.

Prägungsähnliches Lernen von Aspekten der Gruppenmoral, der Heimatliebe und vielem anderem

Außerdem bringt dann das letzte Kapitel "Lernfähig aber nicht belehrbar" endlich die Literatur-Nachweise, auf die ich schon lange gewartet habe, für jene spannende These des Essay's, die folgendermaßen formuliert ist:
"... Wie neuere Untersuchungen vermuten lassen, werden neben der Sprache auch Aspekte der Gruppenmoral, Nahrungspräferenzen, der Umgang mit Zeit und Risiken, Landschafts- und Heimatliebe, Kinderliebe, Einstellungen zum Inzest und anderes mehr auf eine vergleichbare, prägungsähnliche Art und Weise gelernt."
Die im FAZ-Essay in dieser Aufzählung noch mit aufgeführten Phänomene Sexualmoral und Geschlechtsstereotypen sind im Buch - erst mal noch? - weggelassen worden. Schienen Voland die Belege dafür noch nicht sicher genug?

Ich habe mir nun den Literaturnachweis für die Landschafts- und Heimatliebe genauer angeschaut (im Buch "Evolutionary Aesthetics", hrsg. von E. Voland, 2003) und vermute, daß diese Aussage tatsächlich zunächst nur eine "Vermutung" von Herrn Voland ist, die nur andeutungsweise durch die angeführte Literatur schon sicher belegt würde. Zum Beispiel wird dort aufgeführt, daß Kinder eindeutig Savannen-Landschaften als Lieblings-Landschaften bewerten (und zwar - offenbar - kulturunabhängig!!!), daß aber nach der Pubertät zum Beispiel Getreide-Bauern stattdessen jene Landschaft bevorzugen, in der sie arbeiten, ebenso wie Rinder-Bauern und Förster die ihre (alle im Westen der USA befragt). Ob es sich hier tatsächlich um ein "prägungsähnliches Lernen" handelt, scheint mir noch nicht sehr sicher belegt und tiefgehend behandelt - aber gewiß auch nicht ausgeschlossen.

Prägungsähnliches Lernen von Kinderliebe?

Auf jeden Fall weiterhin eine spannende, weiter zu verfolgende These. Der Literaturnachweis für das prägungsähnliche Lernen von Kinderliebe "When does Liking Children Lead to Parenthood?" (Athanasios Chasiotis u.a. in Journal of Cultural and Evolutionary Psychology, 2006) vertritt die These:
"The model assumes that the interactional context of having younger siblings during childhood shapes the development of implicit prosocial motivation which in turn influences the verbalized, explicit articulation of parenting attitudes finally leading to becoming a parent. After examining the data for comparability across three selected cultures from Latin-America, Africa, and Europe, the model was tested via structural equation modelling. Results showed that the model is valid for males as well as females and can be applied in all three cultural samples. These findings point at a universal developmental pathway by specifying contextual and motivational factors leading to parenting behavior."
Grob gesagt wird also empirisch belegt (was hier auf dem Blog schon behandelt wurde), daß Menschen, die mit jüngeren Geschwistern aufwachsen auch selbst mehr Kinder haben. Wieder die Frage: Ist das prägungsähnliches Lernen? - Aber warum eigentlich nicht? So etwas ähnliches doch bestimmt?

Für das prägungsähnliche Lernen von Aspekten der Gruppenmoral ist als Buch-Verweis Marc Hauser "Moral Minds" (2006) angegeben. Das wird man sich daraufhin noch anschauen müssen. Man könnte sich ja tatsächlich vorstellen, daß Aspekte der Sexualmoral und Geschlechtsstereotypen, also z.B. das Vorherrschen von Monogamie (Ostasien, Europa), bzw. von Polygamie (Afrika) von solchen frühkindlichen Prägungen mitbeieinflußt sein könnte. Das prägungsähnliche Lernen all dieser Dinge ist sicherlich von der psychologischen und evolutionspsychologischen Forschung bislang noch allzu stiefmütterlich behandelt worden.

Jüngste Humanevolution nicht berücksichtigt

Was an dem Buch zu bemängeln ist, ist sicherlich, daß immer noch durchgängig in jedem Raisonement jüngste Humanevolution in den letzten 10.000 Jahren gar nicht vor Augen steht und darum auch gar nicht in Erwägung gezogen wird bei der Erklärung des Verhaltens des heutigen Menschen. Hier hat die gesamte Soziobiologie erhebliches Nachhol-Bedürfnis, denn damit hatte ja die "alte Schule" seit Konrad Lorenz und auch seit William D. Hamilton niemals in dem Ausmaß und der Konkretheit gerechnet wie uns dies derzeit von der Humangenom-Forschung vorexerziert wird. (Am ehesten noch all jene, die - meist noch sehr theoretisch - "Gen-Kultur-Koevolution" als Rückkoppelungs-Prozeß durchdacht haben wie: Edward O. Wilson, Charles Lumbsden oder William Durham.)

Die ganze von Voland ebenfalls behandelte Soziobiologie der Geschlecher, der Familie, der Religion und der "teuren Signale" (des "Übermut-Prinzips", wie ich es für mich immer gerne nenne), muß an dieser Stelle noch ausgeklammert bleiben. Und dennoch schon so überreichlich viel Stoff zum eigenen Nach- und Weiterdenken, sowie Forschen. So muß Wissenschaft sein.

Donnerstag, 12. Juli 2007

Die "Jungen Pioniere" auf dem Weg zur Weltrevolution

"Fröhlich sein und singen", so heißt eine in den neuen Bundesländern viel verkaufte CD, auf der die "schönsten Lieder" der "Jungen Pioniere" drauf sind, der Jugend-Organisation der DDR. Davon kann man sich auch im Netz einen Eindruck verschaffen. (Superillu) Zum Beispiel das "Lied vom kleinen Trompeter". Er fiel. "Mit einem mutigen Lächeln." Im Kampf für die Weltrevolution. Und die Kinder sind traurig.

Es geht so viel Optimismus und Kampfbereitschaft und Opferbereitschaft und Gemeinschaftssinn von diesen Liedern aus, daß man sich wundert und fragt: Wie konnte da trotzdem alles so schief gehen in der DDR? Wahrscheinlich einfach, weil das Grundkonzept - Aufhebung des Privateigentums - Mist war.

Da nützt dann auch der beste Idealismus und Gemeinschaftsgeist nichts mehr. Man muß die Menschen terrorisieren und einsperren, damit sie nicht aufbegehren. Schade. - Aber die Lieder sind trotzdem schön. Denn: "Jung sein" und Optimismus haben ist doch eigentlich gleichbedeutend. Aber "Jung sein" und leichter verführt werden können, manipulierbar zu sein, ist auch gleichbedeutend. Und dennoch: Die Lieder - und Texte - sind schön. Mit dem geschichtlichen Abstand tritt in den Hintergrund, daß diese Lieder auch dazu dienten, schlechte und böse Absichten zu verbrämen und die Menschen dazu zu befähigen, solche zu haben. (Superillu)

Freitag, 29. Juni 2007

Asiaten achten mehr auf Kontext

Was ist interessanter: Hund, Gans oder Katze vorne – oder doch die Laube dahinter? Der Hund und die Katze natürlich! Und die Gans. Aber nein: Der Hintergrund scheint für einige Asiaten spannender zu sein. (Gesundheitpro)

Frühere Untersuchungen über Augenbewegungen hatten schon ergeben, dass Ostasiaten dem Hintergrund eines Bildes mehr Aufmerksamkeit schenken als Abendländer. Denise Park zufolge zeigen die aktuellen Erkenntnisse aus ihrer Studie, zusammen mit früheren, bei denen sie Gehirnaktivitäten älterer Probanden aufgezeichnet hatte, jedoch erstmalig, „wie Kultur das Gehirn formt.“

Allerdings gibt es auch Experten, die dem entgegenhalten, dass es noch eine ganze Reihe anderer Faktoren neben den kulturellen Einflüssen gibt, die diese Unterschiede erklären könnten.

So endet der Artikel. War zum Schluß von genetischen Faktoren die Rede? Auf jeden Fall hatten andere Studien schon gezeigt, daß die Muttersprache sehr stark die Wahrnehmung (und wahrscheinlich auch die emotionalen Reaktionen auf Umweltreize) konfiguriert.

Sonntag, 24. Juni 2007

Las Vegas im Dschungel ...

Ich liebe den "Spiegel" einmal wieder aufs Neue für seine wunderschönen naturwissenschaftlichen Reportagen. Schon vor einigen Monaten über die Raben (siehe St. gen.), heute über die Paradiesvögel auf Neu-Guinea. (Spiegel) Ein herrlich geschriebener Bericht einer Forscherin, Auszüge:

(...) Hier im feuchten Rankendickicht des Dschungels von Neuguinea läuft ein verblüffendes Schauspiel der Natur: der Balztanz der Paradiesvögel. Nirgendwo sonst auf der Welt werben Männchen so aufwendig um die Weibchen. Sie stolzieren in Kostümen umher, die gut auf eine Bühne in Las Vegas oder Paris passen würden; Umhänge aus kurzen Federn, schillernde Brustschilde, Kopfbänder, Hauben, Bärte, Kehllappen und Federn wie gezwirbelte Schnauzbärte. Knallige Rot-, Blau- und Gelbtöne heben sich leuchtend vom Grün des Waldes ab. Was die Weibchen an dieser Mischung aus Kostüm und Choreografie am meisten erregt? Je ausgefallener, desto besser, so scheint's. (...)

Noch mehr staunten die ersten Reisenden beim Anblick der Vögel in der Wildnis: "Ich hielt das Gewehr nur schlaff in der Hand; ich war zu verwundert, um zu schießen", gestand der Naturforscher René Lesson, der Neuguinea 1824 besuchte und von dem der erste Augenzeugenbericht stammt. "Der Vogel war wie ein Meteor. Während sein Körper vorbeiflog, schien er eine Spur aus Licht hinter sich herzuziehen."

Prachtparadiesvogel, Königsparadiesvogel, Kaiserparadiesvogel, Göttervogel: Die westlichen Entdecker überboten sich bei der Benennung der wundersamen Arten. (...) "Wir lieben diese Vögel", sagt ein Einheimischer zu mir. "Die Menschen in meiner Familie sind Paradiesvögel." (...) "Auf Neuguinea zeigt sich die Natur nicht mit Zähnen und Klauen, sondern in bunten Kostümen ", sagt der Biologe Ed Scholes vom Museum für Naturgeschichte in New York. (...)

Die Menschen auf Neuguinea beobachten diese Tänze seit Jahrhunderten. "Die Einheimischen erzählen, dass sie ihre Rituale den Vögeln abgeschaut haben", sagt Gillison. Auf Stammesfesten im Hochland kopieren die Männer mit ihren Bewegungen und prachtvollen Kostümen die Vögel. (...) Mancher Kopfschmuck ist so ausladend und schwer, dass man um das Genick des Trägers fürchtet. Ganze Federwälder sind daran befestigt und vollständige, präparierte Vögel. Lange, schwarze Schwanzfedern der Paradieselster ragen zwischen den Federn kleinerer Vögel heraus. Der schillernde Brustschild des Blauparadiesvogels leuchtet zwischen Papageienbälgen. Eine junge Frau hat sich die lange, schwarz-weiße Kopfschmuckfeder des Wimpelträgers durch die Nasenscheidewand gezogen. Sie wippt beim Tanzen auf und ab, ganz wie beim lebenden Vogel, der damit eine Partnerin anlocken will.

Montag, 4. Juni 2007

Frauen - mit Seele


Dieser Film könnte auch ruhig noch ein bischen langsamer ablaufen. Auch hier oder hier. Auch von Sinhue's Blog. (Sie hat dort auch einige aussagevolle selbst gemachte über Feminismus und über den Weg vom Kind zum Evolutionären Humanisten!!! Sinhue's Blog wird gleich in meine Linkliste übernommen!)

Sonntag, 3. Juni 2007

Neue Forschungen zur Evolution der Religiosität

"Lauter dritte Wege" möchte man den folgenden Beitrag nennen. Oder auch: "Naturpsychologen". Diesen letzteren Begriff kannte ich nämlich noch gar nicht. (Frankfurter Rundschau) Aber ein wunderschöner Artikel über sie fängt folgendermaßen an:

"Das ist die schönste Bank in der ganzen Eifel", sagt die Wanderin, die nach der feuchten Kühle des Waldes nun die warme Frühlingssonne genießt. Aus dünnen, ungeschälten Fichtenstämmchen hat jemand die Bank ziemlich krumm zusammengezimmert und auf die Höhe zwischen Ahrtal und dem Kesselinger-Bachtal gestellt. Weit kann der Blick über die Eifelhöhen schweifen.

Wiesen, dunkle Nadelwälder und Mischwald in allen Grüntönen wechseln sich ab. Meist hat man den stillen Ort abseits der markierten Wanderwege für sich alleine. Der Erbauer der Bank fand wahrscheinlich einfach die Stelle und die Aussicht schön.

Egal wird es ihm wohl sein, dass die Szenerie hier exakt die allgemein gültigen Kriterien erfüllt, die laut Naturpsychologen weltweit Menschen eine Landschaft als schön empfinden lassen: federnder Boden, geschwungene Linien von Weg, Waldrändern oder Gewässern, naturnahe, abwechslungsreiche Landschaft, sanft bergiges Gelände, natürliche Stille, jede Menge Aussicht und ein spannungsreicher Wechsel im Raumeindruck. "Deutsche Mittelgebirge gehören zu den objektiv schönsten Landschaften der Welt", erklärt Rainer Brämer, Natur-Soziologe an der Uni Marburg. ...

Hier ist sicher von einem "dritten Weg" die Rede jenseits von Kirchen- und Schulmauern ... ;-) Aber - im Grunde mal ernsthaft: Wird hier nicht auch Religiosität, die Evolution von Religiosität erforscht? Also mal gleich weiterlesen:

Ob zu Fuß an einem gurgelnden Bach der Schwäbischen Alp, Paddeln auf der kurvenreichen Lahn, Wandern mit faszinierenden Fernsichten im Hoch- oder Mittelgebirge - jeder, der sich mit seinen Sinnen einlässt auf die Naturerlebnisse, kennt wahrscheinlich das Gefühl, dass einem vor Freude plötzlich "das Herz aufgeht", sich im Körper Ruhe und Entspannung ausbreiten.

"Nach Erkenntnissen der Naturpsychologie übt bereits eine Naturlandschaft als solche, insbesondere aber eine ästhetisch schöne Landschaft einen Effekt auf die Stimmung und geistige Frische von stressgeschädigten Personen aus", sagt Brämer.

Silvia Schäffer von der Universität Bonn bestätigt das: "Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Blick über eine weiche, hügelige Landschaft Herzschlag und Blutdruck messbar senkt und damit zum Wohlbefinden beiträgt." Krankenhaus-Studien zeigten, dass "schon der Blick auf einen Baum vor dem Zimmer der Patienten ihren Bedarf an Schmerzmitteln senkt und ihre Verweildauer verkürzt", sagt Schäffer.

Bewegt man sich durch die Natur aus eigener Körperkraft und mit niedriger Intensität, aber regelmäßig und ausdauernd, stellen sich zahlreiche positive physische und psychische Effekte ein. Eine in Österreich durchgeführte Studie an Personen mit metabolischem Syndrom - also Übergewicht, Diabetes, erhöhten Blutfetten und Bluthochdruck - belegte beispielsweise nach einem dreiwöchigen Wanderurlaub sowohl im Berg- als auch im Flachland, dass Gewicht, Blutdruck und Puls sanken, die "schlechten" LDL-Blutfette zurückgingen und die "guten" HDL-Werte anstiegen, sich der Blutzucker-Stoffwechsel und die Sauerstoff-Abgabe an das Gewebe verbesserte, der oxidative Stress sank und Schlafqualität und Stimmung stiegen.

Wenn man seinen Blick baumeln lässt bei der Bewegung durch eine Naturlandschaft bis einem das Herz weit wird, hat das ganz handfeste hirnchemische Gründe. Laut dem US-Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi liegt der "Flow", das Wesen des Glücks, im Einswerden mit seiner Umwelt und dem Versinken in sein konzentriertes Tun. Was, wenn nicht das harmonische Bewegen in der Natur zu Lande oder zu Wasser, kommt diesem Gefühl des Fließens näher.

Denn bei Ausdauerbelastung ab rund 30 Minuten sinkt der Stresshormon- und steigt der Serotoninspiegel im Gehirn. Der Gute-Laune-Botenstoff sorgt für innere Ausgeglichenheit, Optimismus und Ruhe. "Ausdauernde körperliche Bewegung stimuliert die Neubildung von Nervenzellen und fördert die für Lernvorgänge wichtige Bildung von Synapsen", erklärt Sabine Kubesch vom Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universität Ulm.

Laut Brämer zeigen jüngste medizinische Daten, dass allein der Anblick einer schönen Naturszenerie stimmungsaufhellend unsere Hirnströme, Hormone und Botenstoffe beeinflusst. Unter dem Begriff "Therapeutische Landschaften" werden diese gesundheitsfördernden und heilenden Effekte, die das Erleben der Natur mit allen Sinnen auslöst, verstärkt bei begleitender Behandlung, Prävention oder Rehabilitation der unterschiedlichsten Erkrankungen eingesetzt - sei es Nordic Walking im traditionellen Kurpark, die Arbeit im "Heilenden Garten" oder "Therapeutisches Wandern".

"Indikationen sind unter anderem Stoffwechselstörungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, rheumatische Beschwerden, Venenerkrankungen, Fettleibigkeit, orthopädische Beschwerden, Neurodermitis, Tinnitus, Depressionen, Suchterkrankungen, Angststörungen sowie weitere psychosomatische Erkrankungen", erklärt Brämer.

"Natur wirkt auf die Psyche wie eine Bremse", sagt der Psychoanalytiker Professor Rolf Haubl vom Sigmund-Freud-Institut. "Wenn sich der Mensch in der Natur aufhält, erdet er sich, die Wirklichkeit wird wieder fassbar." Der Mensch vergewissere sich seiner selbst und könne in einer Welt ohne feste Werte neue Sicherheit finden. "In der Natur schrumpfen unsere Allmachtsgefühle", meint Haubl. "Man erkennt, dass natürliche Ordnung größer ist als die kulturelle. Auch das kann eine tiefe Sehnsucht befriedigen, mit einem übergeordneten Ganzen eins zu werden. Das kann Trost und Geborgenheit spenden."

Vielen Dank, Margit Mertens, für diesen schönen Artikel! Einmal mehr läßt er einen über die Tatsache nachdenken, daß Religiosität eine Ganzkörper-Erfahrung ist, nein vielleicht sogar eine ganzheitlichere Lebenserfahrung.

Samstag, 19. Mai 2007

"Gender Studies"

Schon neulich hatten wir es hier über den unterschiedlichen Humor bei den Geschlechtern und über das "perlende Lachen der Frauen". Nun hat das Thema auch "Neon" aufgegriffen, dabei sieht aber der männliche Autor nicht so sehr auch all die "Vorteile", die sich daraus ergeben, daß Frauen über die Witze der Männer lachen und - meist - nicht umgekehrt. Wenn man sich bewußt macht, daß da angeborene Komponenten ebenfalls eine Rolle spielen, fällt es einem vielleicht leichter, die positiven Seiten der ganzen Sache zu sehen?

Unser Autor sagt: Frauen sind von Natur aus nicht komisch.

Wann hast du zuletzt wegen einer Frau gelacht? Eben. Humor ist Männersache, Komikerinnen haben Seltenheitswert. Schade eigentlich. Mit einer Frau kann man es schön haben. Einen Abend in weiblicher Begleitung zu verbringen, ist prächtig. Interessant, spannend, unterhaltsam. Aber eines muss gesagt sein: Mit Frauen kann man – sexuelle Aktivitäten aus genommen – nie so viel Spaß haben wie mit Männern. Auch wenn Frauen wirklich super Menschen sind, unter Männern ist es einfach amüsanter. Denn Frauen sind nicht lustig. Jeder kennt doch die Situation: Befreundete Pärchen treffen sich zum Essen. Reden stundenlang. Fabelhafter Abend. Danach lässt man das Essen Revue passieren. Zwar haben alle mitdiskutiert, alle etwas zum gelungenen Beisammensein beigetragen, aber – mal ehrlich – worüber haben wir gelacht? Über die Sprüche der Männer. Frauen mögen eine heikle Gesprächspause überbrückt, einen Zwist geschlichtet und den Abend zu einem Ganzen gefügt haben; alle zum Lachen gebracht haben die Männer. Wahrscheinlich waren sie sogar vorlaut und haben jemanden vor den Kopf gestoßen. Frauen machen so was nicht. Leider…


Ich habe das Gefühl, der Autor, der das schreibt, ist sehr unreif. Ich ziehe die Gesellschaft einer gefühlvollen, verständnisvollen Frau, die ich mit einem gewissen männlichen Macho-Gehabe, was spannendes, lustiges Erzählen betrifft, unterhalten "muß", tausend mal all den "lächerlichen" Gesprächen und Unternehmungen mit oberflächlichen Männern vor. Aber solche gefühlvollen, verständnisvollen Frauen gibt's vielleicht gar nicht so oft?

Die weibliche Autorin von Neon übrigens ist der Meinung, daß es in Deutschland nicht genug wirklich "lustige" Männer gibt ...

Hübsch noch ein paar Kommentare dort:

Naja das ist mir wieder mal alles etwas zu viel über einen Kamm geschert...
Ich und meine Mutter lachen gerne zusammen und übereinander und Sie kann durchaus sehr witzig sein.

... Obwohl es super schön ist, wenn man mit einem Mann den gleichen Sinn für Humor hat, dann ist´s manchmal doppelt lustig.

... OK, es gibt tatsächlich Männer, die ihre Witze nur dazu benutzen, um zu gefallen. Aber ich lass mir ungern unterstellen, ich würde meinen Humor nur als Imponiergehabe benutzen.

Grins. Imponiergehabe ist doch schön!? Es kommt drauf an, was "mann" draus macht.

Samstag, 24. März 2007

Das perlende Lachen der Frauen

Unterschiede im Lachen gibt es zwischen Männern und Frauen offenbar schon ab dem dritten Lebensjahr:

„... So fand der amerikanische Soziologe Paul McGhee heraus ... die Jungen brillieren schon ab dem Alter von drei Jahren häufiger in der Rolle des Spaßmachers, während Mädchen in erster Linie darüber lachen. Die Jungen machen die Witze, Albereien und Clownereien, und die Mädchen lachen“, erklärt McGhee. Und an dieser Aktiv-Passiv-Verteilung würde sich im Wesentlichen auch nichts ändern, bis sie erwachsen sind."

"Forscher haben zudem herausgefunden, dass Frauen nicht nur über andere Dinge lachen als Männer, sondern dass ihr Lachen auch anders abläuft. Während Männer beim Lachen die Luft mit durchschnittlich 280 Schwingungen pro Sekunde entweichen lassen, kommt es aus weiblichen Kehlen mit doppelter Frequenz. Die Folge: Die Frauenstimme klingt beim Lachen noch höher, als sie ohnehin schon ist."

... Das perlende, erfrischende Lachen der Frauen ... Wohl wieder einmal ein "angeborener Auslösemechanismus". Da versteht man allmählich, worum es seit dem dritten Lebensjahr eigentlich in der zwischengeschlechtlichen Kommunikation dauernd geht.

Freitag, 23. März 2007

Religiosität und die Fähigkeit ... zu täuschen (sich und andere)

Der schottisch-amerikanische Musiker David Byrne sagt mit so wenig Worten so viele kluge Dinge auf einmal, wie man dies selten so komprimiert und klug hört, so daß ich mich veranlaßt fühle, das doch auch einmal ins Deutsche zu übersetzen. - Offenbar haben Musiker manchmal die Fähigkeit, Dinge zu sehen und zu berücksichtigen, die vorwiegend sich im rationalen Bereich bewegende Naturwissenschaftler eher geneigt sind herunterzuspielen. Das folgende ist vielleicht einer der besten Kommentare zu dem neuen Buch von Richard Dawkins "God Delusion". Nach David Byrne unterliegen höchstwahrscheinlich nicht nur intelligente Menschen, die an einen monotheistischen Gott glauben, einer Täuschung (einem "Wahn"), sondern auch andere intelligente Menschen - wie Richard Dawkins -, die etwas ableugnen, was sie eigentlich besser wissen könnten oder gar sollten. - Doch hören wir, wie David Byrne sich selbst ausdrückt:

"Es scheint manchmal, daß ein Mensch sich um so besser täuschen kann, um so klüger er ist - sich selbst und ... natürlich auch andere. Intelligenz, verbunden mit einem Willen gibt einem die Fähigkeit zu analysieren und nachzudenken - aber gleichzeitig gibt es einem auch die Fähigkeit zu lügen und abzuleugnen, zu ignorieren und zu täuschen. Man kombiniere das alles mit ein bischen Charisma und schon ist das Menü fertig.

Das wird der Grund sein, warum intelligente Menschen religiös sein können. Ja, das ist eine arrogante Behauptung - sie setzt voraus, daß Religion und Intelligenz inkompatibel sind, daß niemand mit klaren Sinnen an unbewiesene, übernatürliche, glaubens-basierte Szenarien glauben kann. Aber das ist natürlich nicht der Fall. Ich mag persönlich glauben (glauben!), daß viele religiöse Annahmen irrational sind und an Irrsinn grenzen - aber ich kann sowohl ihre Effizienz sehen - ihre Anziehungskraft und Nützlichkeit - als auch ihre Schönheit empfinden. Man muß sicherlich kein Katholik sein, um in Ehrfurcht unter dem Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle zu stehen; kein Muslim, um die Verlockung des seelenvollen Rufes des Muezzins zu hören und die Energie der Massentänze der Gläubigen im Gebet zu empfinden; kein Hindu oder Jude, um einen Text zu lesen und sich an ihm zu erfreuen, der vollgefüllt ist mit erstaunlichen und überraschenden Metaphern (Bildern) und Analogien. Diese Tänze, Musik, Bilder, Metaphern sind, so scheint es mir doch, tief verwurzelt - sie sind wie die angeborenen nervlichen Verschaltungen für grammatikalische Strukturen, über die (Noam) Chomsky spricht - und sie sind deshalb ähnlich genetisch vererbt. Der Tanz, der Religion ist, ist in uns evoluiert, um freigesetzt zu werden und ausgedrückt zu werden in tausend verschiedenen Formen, von denen keine irgend einen logischen Sinn ergibt, und von denen alle, wenn wir auf sie buchstäblich schauten, eine große Hilfe in der Ableugnung notwendig machen. Gott ist in der Verschaltung selbst, vererbt in den Genen.

Das ist - soweit ich sehe - der Grund, warum die gegenwärtige (kleine) Welle von Atheismus ebenfalls ableugnet - die jüngsten Bücher von (Richard) Dawkins, (Daniel C.) Dennett und Harris zum Beispiel. Sie leugnen ab, daß diese Fähigkeit der Menschen zu glauben, angeboren ist. Ja, sie geben zu, daß Religion viele Annehmlichkeiten bietet und Sicherheit, Stabilität und Gemeinschaft - sehr anziehend und verführerisch - aber sie stoppen kurz davor zuzugeben, daß wir genetisch veranlagt sind zu glauben, daß es in unserer ganz besonderen Natur liegt, daß es ein Teil von dem ist, was es heißt, Mensch zu sein. Vielleicht ein unlogischer Teil, aber all unsere angeborenen Charakteristika sind nicht für immer angepaßt (der Kontext ändert sich, die Welt ändert sich) oder auch nur rational von einer bestimmten Sicht der Dinge aus (muß der Pfauenschwanz tatsächlich SO groß sein? Ist das nicht ein klein wenig zu verschwenderisch im Verbrauch von Ressourcen?).

(...)

Ich glaube, diese verrückten unlogischen Anleihen - Glaube, Leugnung, Religion - sind nicht Neurosen (so lange man nicht der einzige ist, der solche Empfindungen hat), sondern sind Überlebens-Mechanismen, die in uns evoluiert sind. Sie mögen ihren praktischen Nutzen überlebt haben - wie ein Anhang mögen sie 'Organe' sein, deren Nützlichkeit fragwürdig und marginal geworden ist, aber sie begleiten uns immer noch, werden immer noch benutzt und - benutzen uns."

Ich empfinde diesen Text als einen ganz hervorragenden, weil er etwas klar macht, was auch Konrad Lorenz versuchte, klar zu machen (siehe früherer Beitrag). Nämlich die Tatsache, daß wir von Nicht-Rationalität umgeben sind (also von Erscheinungen, die nicht rational erklärbar sind oder zumindest nicht vollständig rational erklärbar sind), und daß es deshalb nicht nur erstaunlich ist, daß ein kleiner (immer größer werdender) Teil dessen, was wir sehen und erfahren, rational erklärbar ist, sondern mindestens ebenso erstaunlich, daß ein großer Rest verbleibt, der sich einer vollständig rationalen Erklärung, einem vollständig rationalen Begreifen entzieht. Daß es sich bei diesem Rest zum Teil um etwas prinzipiell nicht vollständig rational Erklärbares und Begreifbares handelt, kann man sich an den Erkenntnissen der modernen Astronomie und Atomphysik ebenso klar machen, wie an den Erkenntnissen der modernen System- und Chaostheorie (Theorie von Nichtgleichgewichts-Schwankungen).
Und der gebrachte Text macht ebenso klar, daß auch unsere rationalen Annäherungen an diese vielen nichtrationalen Dinge in der Welt viel Nicht-Rationales oder nicht vollständig Rationales, viel Täuschung und Selbsttäuschung beinhalten können und beinhalten. Und zwar - und das ergibt sich doch offenbar auch aus der Natur der Sache - bei denen, die intelligenter sind und viel wissen, oft noch viel mehr als bei denen, die weniger intelligent sind und weniger viel wissen. (Nun, je nachdem ...)

Samstag, 17. März 2007

Naturwissenschaft GEGEN die "Entzauberung" unserer Welt

In gegenwärtigen Diskussionen und Forschungen in Grenzbereichen zwischen Philosophie, Religionswissenschaft und Naturwissenschaft - vor allem rund um die sogenannte "Naturalisierung" unseres Menschenbildes - fällt auf, wie wenig dabei auf Denker und Forscher wie Konrad Lorenz (1903 - 1989) und die von ihm begründete Klassische Verhaltenswissenschaft Bezug genommen wird.

Abb. 1: Der Begründer der Verhaltenswissenschaften

Und doch war es gerade diese von Konrad Lorenz begründete Wissenschaftsrichtung, die den Durchbruch in der "Naturalisierung" unseres Menschenbildes herbeigeführt hat.

Eine Durchsicht beispielsweise des von Thomas Metzinger (Mainz) 2006 herausgegebenen Bandes "Grundkurs Philosophie des Geistes", der viele wichtige Texte zu gegenwärtigen Debatten rund um die Hirnphysiologie und Bewußtseins-Philosophie zusammen stellt, macht geradezu schmerzlich deutlich, wie viel gewonnen sein könnte, wenn man das Denken von Konrad Lorenz mehr in gegenwärtige Erörterungen mit einbeziehen würde. Ich fand Lorenz in diesem ganzen Buch, eigens zusammen gestellt für Philosophie-Studenten und -Doktoranden nirgends erwähnt, auch nicht in den dort gebrachten reichhaltigen Literatur-Verzeichnissen. Etwa der Hirnphysiologe Wolf Singer (Frankfurt/Main) ist sich der Bedeutung der Klassischen Verhaltensforschung für die Geschichte seiner Wissenschaftsrichtung - unter anderem innerhalb der Geschichte Max-Planck-Gesellschaft - bewußt und stellt sie heraus. Aber auch bei ihm werden selten konkretere Bezüge zum Denken von Konrad Lorenz hergestellt.

Dabei enthalten die Bücher von Konrad Lorenz eine Fülle von Einsichten, angefangen von einfachsten Alltags-Beobachtungen bis hin zu komplexester Theorie-Bildung - und zwar immer anhand anschaulichster Empirie (was einen deutlichen Unterschied darstellt zu den meist anglo-amerikanischen Denkern, auf die sich Metzinger vor allem bezieht).

Wichtige Bücher von Lorenz sind - auch heute noch - "Die acht Totsünden der zivilisierten Menschheit", "Die Rückseite des Spiegels" und besonders: "Der Abbau des Menschlichen". Der letztere Buchtitel hat wohl noch am wenigsten Beachtung gefunden, obwohl er ausdrücklich als zweiter Teil des Klassikers "Die Rückseite des Spiegels" gedacht war. Ich möchte nur einiges aus dem letzten der drei genannten Buchtitel hier aufgreifen. Denn hier kommt Lorenz eindeutig auch auf Religiosität zu sprechen, die für ihn KEINE Nebensache war, sondern hier geradezu im Mittelpunkt jenes "Menschlichen" steht, das besonders im 20. Jahrhundert so überdeutlich und rasch "abgebaut" wird.

Die "schöpferischen" Aspekte der Evolution 

Im ersten Teil dieses Werkes kommt es ihm darauf an, so überzeugend wie möglich aus den naturwissenschaftlichen Tatsachen die "schöpferischen" Aspekte der Evolution herauszuarbeiten, ihre "Freiheitsgrade", ihre "Ungeplantheit", aus der er vor allem die Verantwortlichkeit des Menschen ableitet, der sich nicht darauf verlassen könne und dürfe, daß alles schon "vorherbestimmt" sei und determiniert sei, daß also tatsächlich die Zukunft "offen" sei. Eine ganz wichtige Frage für alle moderne Philosophie und Religiösität, die selten so klar und wissenschaftlich umsonnen wird wie hier bei Konrad Lorenz. Lorenz zeigt eben auf, daß ein "naturalistisches" Weltbild keine Einbahnstraße ist hin zu einer sogenannten "Entzauberung" unserer Welt, sondern ganz im Gegenteil.

Das arbeitet er dann im zweiten Teil noch stärker heraus. Hier geht es ihm unter anderem um eine Kritik des "Szientismus", also der Weltsicht, "daß nur das Realität besitzt, was in der Terminologie der exakten Naturwissenschaften ausgedrückt und durch Quantifizierung bewiesen werden kann". Zum Beispiel finden sich hier solche Sätze wie der folgende: "Wer die Wahrheit in sich aufgenommen hat, daß der menschliche Erkenntnisapparat ein im Laufe der Evolution entstandenes System ist, empfindet es nicht (...) als Widerspruch gegen das Prinzip der Naturwissenschaft, daß wir von 'unbegreiflichen Geheimnissen' umgeben sind. Für ihn ist 'unbegreiflich' nicht 'über-' oder 'außernatürlich'."

Im Zentrum steht das Gebiet der "Wertempfindungen", der "emotionalen Erlebnisse", die Wirklichkeit des "nur Subjektiven". Lorenz stellt die Frage: "Gibt es an sich Schönes?" Und er antwortet:

"Wir empfinden die Unvoraussagbarkeit des organischen Geschehens als Freiheit, wir empfinden die Schöpfung als Wert, weil wir selbst schöpferisch sind. In unserem begrifflichen Denken sind Vorgänge am Werk, die denen der Evolution zumindest weitgehend analog, wahrscheinlich aber nur ein spezieller Fall von ihnen sind. Im Geiste des Menschen gibt es gedankliche Einheiten, Ideen, Traditionen, Hypothesen, Dogmen usw., deren jede in sich genügende Geschlossenheit und Einheitlichkeit besitzt, um mit einer anderen in Wechselwirkung zu treten - nicht viel anders, als dies die verschiedenen Arten der Lebewesen im Verlauf der Evolution getan haben."

Und einige Sätze später noch deutlicher:

"Zur Zeit sind diese, in unseren Wertempfindungen sich abspielenden Schöpfungsvorgänge die einzigen, die auf unserem Planeten noch eine wesentliche Rolle spielen. Es ist unsere Pflicht, ihnen Wirklichkeit zuzuerkennen und den im wahrsten Sinne kategorischen Befehlen zu folgen, die sie an uns richten."

Im dritten und vierten Teil behandelt er dann eine Vielzahl von Fehlentwicklungen in modernen Gesellschaften (Themen sind etwa: "Werbung", "Indoktrinierung", "nationaler Haß", "Sinnentleerung" und vieles andere mehr.) Und im Nachwort gibt er dann "Das Credo des Naturforschers", in dem es unter anderem heißt:

"Ich fühle mich gedrängt, ein Nachwort zu schreiben, das sich an alle jene richtet, die den Vertreter der evolutionären Erkenntnistheorie für einen krassen Materialisten halten, weil er das Wort 'Gott' nicht ausspricht. (...) Es scheint unmöglich zu sein, dem esoterischen Ideisten beizubringen, daß unser Bestreben, diese Welt in all ihrer säkularen Dieseitigkeit, so weit es uns möglich ist, zu erkennen, daß dies kein Verzicht auf alles Transzendente bedeutet." "Wer an einen Gott glaubt (...) weiß (...) mehr über das Wesen des Kosmos als jeder ontologische Reduktionist. Auch der naivste Monotheist (...) ist gegen Wertblindheit gefeit."
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