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Donnerstag, 28. August 2008

Hoimar von Ditfurth - vor 20 Jahren

Hoimar von Ditfurth hat glaubwürdig Religiosität mit einem naturalistischen Weltbild verbunden. Von Menschen wie ihm bräuchten wir heute mehr.



Ditfurth 1988, ein Jahr vor seinem Tod: "Sie meinen, ob ich Angst vor dem Tode habe? Ich glaube, daß ich das ehrlich verneinen kann ..."

(Das Video braucht lange zum Herunterladen - am besten leise stellen und zwischendurch was anderes machen und ansehen, wenn es fertig heruntergeladen ist.)

Hoimar von Ditfurth würde sich heute für viele ähnliche Dinge interessieren, für die sich "Studium generale" interessiert. In seinem letzten Buch "Innenansichten eines Artgenossen - Meine Bilanz" findet sich auch viel von seinen persönlichen Lebenserfahrungen. Während des Zweiten Weltkrieges hat er Medizin studiert. Er analysiert vieles sehr nüchtern und ganz ehrlich.Lesenswert zum Beispiel das Kapitel "Die Paläontologie des Gehirns" (S. 141ff) und andere.

Dienstag, 19. August 2008

Die christlichen Völker "mußten einen Glaubenswechsel verkraften"

Die "Evangelische Zentrale für  Weltanschauungsfragen" in Berlin (EZW) behandelt immer wieder einmal interessante Themen. Im gerade erschienen August-Heft ihres "Materialdienstes" findet sich ein augenscheinlich sehr überlegter Beitrag von Ingo Wiwjorra zum Thema "Was  wissen wir über die Religionen 'unserer Ahnen'?" (EZW2008). 

2003
Leider gibt es eine Bezahlschranke und nur der Anfang des Beitrages ist zugänglich. Aber er klingt wirklich schon sehr vielversprechend und erinnert - zufälligerweise! - auch an das Thema des vorletzten Beitrages hier auf dem Blog über die historische Stabilität und den Wandel von Kulturen und Gesellschaften (s. Stud. gen.). Ingo Wiwjorra schreibt zum Beispiel ganz ebenso von einer "kaum zu begreifenden Kulturkontinuität" in Australien, wobei religiöse Kontinuität mit inbegriffen ist:

Zur Überlieferung der Ureinwohner Australiens gehören Felszeichnungen, die zum Teil bis zu 40.000 Jahre alt sein sollen. Die Sitte, mythologische Bilder auf Felswänden festzuhalten, wird in Australien stellenweise noch bis in unsere Zeit geübt. Es heißt, daß die Bildwerke sowie eine lange Kette mündlicher Überlieferung eine für heutige Vorstellungen kaum zu begreifende Kulturkontinuität widerspiegeln. Die „Aborigines“ begreifen diese Zeitspanne als „Traumzeit“, in der sie sich in einer ewigen Verbindung zwischen den Ahnen und den zukünftigen Geschlechtern eingereiht sehen.
Auch das Beispiel der Juden verweist auf eine ungebrochene Weitergabe von Religion und Kultur über immerhin etwa 3000 Jahre. Allerdings ist die historische Verifizierung der mythischen Entstehung des jüdischen Volkes und seines Glaubens vor dem Hintergrund neuerer archäologischer Studien nicht unproblematisch.
Derartig lange Wege der Religions- und Kulturweitergabe haben eine große Anziehungskraft für viele Menschen unserer Zeit, die teils Bewunderung, teils Neid erkennen lassen. Die Anteilnahme bezieht sich weniger auf die Religionsinhalte, sondern schlicht auf die Attraktion des Alters und die Faszination der langen Kontinuität, die im Kontrast zur Kurzlebigkeit und Bindungslosigkeit unserer Gegenwart steht. Daß die Überlieferungen ethnisch bzw. an strenge Zugehörigkeitsregeln gebunden sind, verstärkt die Faszination eher noch, wirken sie in diesen Gruppen doch in erheblichem Maße identitätsprägend. Zwar hat bei den australischen Ureinwohnern der erzwungene und nahezu vollständige Traditionsabriß deren Existenz massiv in Frage gestellt, dennoch sehen manche von ihnen im Aufgreifen der Überlieferungen die essentielle Voraussetzung ihres ethnischen und kulturellen Fortbestehens. Auch für die Juden war das Wissen um die uralte religiöse und kulturelle Überlieferung stets ein Anlaß zur Selbstvergewisserung als Schicksalsgemeinschaft oder sogar als Nation und half, antisemitischen Ressentiments zu widerstehen.

Und dann kommt Wiwjorra auf die christianisierten Völker der Welt zu sprechen. Er sagt unter anderem wohl sehr richtig: "Aufgrund ihres Universalitätsanspruchs sieht sich die christliche Weltreligion nicht dazu berufen, das Bewußtsein ethnischer Identität hervorzukehren." Im Zusammenhang sagt er dazu:

Anders als die Juden und ähnlich wie die australischen Ureinwohner mußten die christianisierten Völker Europas (und der übrigen Welt) einen Glaubenswechsel verkraften. Die klischeehafte Vorstellung von der abrupten und nur gewaltsamen Missionierung „mit Feuer und Schwert“ verstellt jedoch den Blick auf die vielschichtigen historischen Prozesse, die in Mittel- und Nordeuropa etwa zwischen dem 8. und dem 13. Jahrhundert mit der Christianisierung verbunden waren. Aufgrund ihres Universalitätsanspruchs sieht sich die christliche Weltreligion nicht dazu berufen, das Bewußtsein ethnischer Identität hervorzukehren. Andererseits ist zu konstatieren, daß sich die europäischen Nationsvorstellungen gerade im Anschluß an das christliche Mittelalter herausbildeten. Die Frage, ob dies so auch ohne den Glaubenswechsel geschehen wäre, bleibt fiktional. Aber ebenso konstruiert und vor allem politisch motiviert ist die von radikalen Anhängern einer neuheidnischen Glaubensrenaissance unterstellte Behauptung, die Christianisierung hätte bewußt auf eine Identitätsabschneidung hingearbeitet.
Mit der unter antiklerikalen Vorzeichen stehenden Diskreditierung der Christianisierung zu einem moralisch nicht zu rechtfertigenden Gewaltakt wurde häufig die Annahme verknüpft, das Heidentum habe sich in bestimmten gesellschaftlichen Nischen über Jahrhunderte zumindest bruchstückhaft erhalten. Denkbar ist wohl, daß zum Teil Generationen vergingen, bis sich der christliche Glaube nicht nur in den Eliten, sondern auch in den unteren Volksschichten festigte, zumal die lateinische Liturgie einem individuellen Verständnis der Glaubensinhalte über Jahrhunderte hinderlich war. Dies mag zur Bildung synkretistischer Traditionen beigetragen haben. Inwieweit christliche Glaubensinhalte und noch gegenwärtiges heidnisches Brauchtum miteinander verschmolzen, war und ist eine von christlichen Theologen wie neuheidnischen Autoren leidenschaftlich diskutierte Frage. Bis heute wird darüber gestritten, ob Weihnachten und Ostern originär christlich sind oder ob die Bräuche dieser Jahresfeste auch Relikte heidnischer Glaubensformen enthalten.

Auf welch komplizierten Wegen sich die christlichen Nationen und Völker des Abendlandes herausbildeten und definierten, ist ja auch Thema des derzeitigen Wiener Forschungsprojektes um Walter Pohl (s. Stud. gen., siehe auch Schlagwort "Frühmittelalter" insgesamt). 

"Unvereinbarkeit von moderner Naturwissenschaft und Bibel"

Weiter Wiwjorra:

Das hier unter dem Begriff des Neuheidentums zusammengefaßte Spektrum einer rückwärtsgewandten Religionssuche ist von den gleichzeitig spürbar werdenden Krisenerscheinungen der Moderne nicht zu trennen. Diese vor allem milieubedingt und dort vorwiegend subjektiv empfundene „Krise der Moderne“ läßt sich mit drei Beispielen illustrieren: Erstens sind soziale Verwerfungen zu verzeichnen, die (...) als Reaktion eine facettenreiche Reformkultur hervorbrachte. Zweitens (...) eine Radikalisierung des politischen Denkens (...). Drittens läßt sich die Zuspitzung einer Glaubenskrise konstatieren, die aus der Unvereinbarkeit von moderner Naturwissenschaft und Bibel resultierte. Schöpfungsglaube und Evolutionstheorie traten in einen unversöhnlichen Gegensatz, der Formen eines massenmedial ausgetragenen Kulturkampfes annahm. Einzelne Inhalte und Formen der Krisenphänomene des ausgehenden 19. Jahrhunderts haben noch immer Aktualität. Das in dieser Zeit aufkommende Neuheidentum existiert bis heute und spiegelt die Identitäts- und Modernitätskrise in besonderem Maße wider.
Bei dem Versuch, die Frage zu beantworten „Was wissen wir über die Religionen ‚unserer Ahnen’?“, müssen die aus der umrissenen Modernitätskrise handlungsleitenden Motivationen berücksichtigt werden, weil diese die im 19. und 20. Jahrhundert gegebenen Antworten maßgeblich mitprägten und zum Teil noch heute relevant sind. Die mit der Frage verbundenen Erwartungshaltungen und Erkenntnisinteressen zwingen aber zu einer Präzisierung der Aufgabenstellung: Was meinen Neuheiden heute über die Religionen „unserer Ahnen“ zu wissen, und welchen methodischen Problemen und wissenschaftlichen Erkenntnismöglichkeiten stehen sie gegenüber?

Schade, daß der Weltnetz-Auszug hier endet. Aber natürlich ist schon absehbar, wie die Antwort lauten wird: Mit dem heutigen Stand des naturwissenschaftlichen Wissens sind auch die personalen Göttermythen "unserer Ahnen" nicht zu vereinbaren. Aber interessant ist immerhin, daß sich "unsere Ahnen" in der Bronzezeit, ja, schon in der Jungsteinzeit, offenbar so intensiv mit der Astronomie beschäftigt haben wie an den vielen Kreisgrabenanlagen, die sicherlich als "Volkssternwarten" gedeutet werden müssen, und manchem anderen ("Himmelsscheibe von Nebra") abzulesen ist.

Außerdem dürften sich in den "erzählten Geschichten" unserer Ahnen (siehe auch voriger Beitrag) viele Arten von Zugängen zum religiösen Bereich finden, die sich so in den erzählten Geschichten anderer Kulturen nicht finden. Darin wohl vor allem wird die Faszination, das dieses Thema ausübt, heute immer noch zu suchen sein. Jede Kultur auf dieser Erde ist einzigartig und universalistische Religionen neigen sehr stark dazu, diese Einzigartigkeit infrage zu stellen.

Montag, 28. Juli 2008

Gott - ein "Tüftler"?

Es ist viel die Rede von einem "Multiversum". Das ist ja zunächst einmal ja nur ein gigantisches, wenn nicht groteskes Gedanken-Konstrukt. Über den Astrophysiker Heinz Oberhummer, der Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Giordano Bruno-Stiftung geworden ist, und über sein neues Buch "Kann das alles Zufall sein?" kann man ein neues Argument "Pro Multiversum" kennenlernen (1):
... Heinz Oberhummer unterfüttert diese physikalische Spekulation noch mit einem theologischen Argument, das an Giordano Bruno erinnert: Ein Gott, der nur ein Universum erschafft, ja geradezu austüffelt, erscheint ihm zu begrenzt. Warum sollte Gott nur einmal tun, was er unendlich oft tun könnte?

Hier spiegelt sich auch das Credo des Autors wider, daß schon früh im Buch anklingt: "Mir persönlich erscheint es jedoch absurd, daß das "Warum" und "Wie" der grundlegenden Fragen der Menschen nicht irgendwo und irgendwie zusammenhängen sollen, um nicht zu sagen, müssen." Heinz Oberhummer sucht also nach einer Diskussionsbasis von Theologie und Naturwissenschaft.
Wenn wir diese Diskussionsbasis zum Ausgangspunkt nehmen, würde ich sagen, daß man die Frage des ersten gebrachten Absatzes wohl mit der gleichen oder sogar mit größerer Berechtigung umkehren kann: Warum sollte Gott etwas beliebig oft "ausprobieren", was er, da er ja nun einmal "Gott" ist, mit einem mal, auf den ersten Wurf hin tun kann? Diese letztere Auffassung, Deutung eines "Gottes", bzw. eines "Genies" könnte einem doch noch angemessener vorkommen.

Aber ist Gott überhaupt ein Tüftler? Er ist doch ein Genie. Das sieht man doch überall.
_______________
  1. Stefan Taube: Ein Universum ist nicht genug. Rezension von Heinz Oberhummer's "Kann das alles Zufall sein?", 22.07.2008, http://www.wissenschaft-online.de/artikel/962637

Mittwoch, 28. Mai 2008

Religiosität als Faktor der menschlichen Intelligenz-Evolution

Religionswissenschaftler Michael Blume hat inzwischen viele schöne Grafiken zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" gebracht. Und auch auf diesem Blog sind hierzu schon einige Zusammenstellungen gemacht worden. (siehe frühere Beiträge) An diese mußte ich denken, als ich auf dem Blog des Humangenetikers Razib Khan die folgende Daten-Zusammenstellung fand (von "Inductivist"):

Mean IQ of whites from General Social Survey by religious affiliation

Episcopalian 109.9
Lutheran 107.4
Mormon 105.7
Presbyterian 102.3
United Methodist 101.8
Southern Baptist 98.0
Assembly of God 94.5
Pentecostal 92.2
Hier bahnt sich also zusätzlich zu einer "Vergleichenden Religionsdemographie" noch etwas an, das man eine "Vergleichende Religions-Intelligenz"-Forschung nennen könnte. Über die Ursachen und Folgen dieser Gruppen-IQ-Unterschiede zu diskutieren, die größtenteils erblich sind, und sie in Beziehung zu setzen zu der jeweiligen Demographie, dürfte doch alles ziemlich spannend sein.

Ich war schon überrascht, als ich einmal las, daß die wiedertäuferischen Amischen in Nordamerika einen leicht unterdurchschnittlichen IQ haben. (Das wird auch durch die von Khan gegebenen Daten bestätigt, siehe dort "Mennoniten" und andere.) Man könnte vermuten, daß hier die "Abtrünnigen" in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten zu einer "Negativ-Auslese" geführt haben bezüglich IQ bei den verbleibenden Amischen und Mennoniten. Und derartige "Siebeprozesse" werden auch für alle anderen Gruppen vorliegen. Razib Khan gibt noch mehr Daten:

Surprised? I hope you're not so ignorant that you are! Here are the top 10 religious groups in SAT score from 2002:

Average SAT score by religion for 2002, average ~1000, about 40% of each students take it
Unitarian-Universalists 1209
Judaism 1161
Quakers 1153
Hinduism 1110
Mennonite 1097
Reformed Church of America 1097
Episcopal 1096
Evangelical Lutheran Church 1094
Presbyterian Church (USA) 1092
Baha'i 1073
Daß die amerikanischen Unitarier ganz oben stehen (noch über den Jüdisch-Gläubigen, Quäkern und Hindu's), läßt sich gut parallel zu der Tatsache stellen, daß auch bei den deutschen Anthroposophen die höheren Bildungsschichten überrepräsentiert sind.

Glauben "dümmere" Menschen an "dümmere" Religionen?

Und dann spricht R. Khan noch einen interessanten Gedanken aus:
It is easy to say that simple stupid religions and simple stupid people go together. I think there's something to this, but the effect is highly amplified by the correlates of stupidity. As rational actors the wealthy and the poor may need radically different services from their religion of choice.
In einem weiteren Beitrag bringt Khan eine klare Korrelation zwischen IQ und dem Wörtlich-Nehmen der Bibel ("Biblical literalism"). Der durchschnittliche IQ ist um so niedriger, um so buchstabengenauer man das "Wort Gottes" jeweils zu leben versucht.

Welche Schlußfolgerung kann man aus solchen Daten ziehen? Für intelligente Menschen ist im Durchschnitt offenbar der Lebensentwurf etwa der Amischen, der Hutterer oder der Pfingstkirchen, der evangelischen Freikirchen keine wirkliche Alternative, da sie dafür eben schlicht "zu intelligent" sind. Dies war auch das Resume des "Zeit"-Journalisten Michael Holzach, der ein Jahr bei den Hutterern in Kanada lebte und gern dort geblieben wäre, wenn er mit ihrer Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit zurecht gekommen wäre.

Um dieses Hungers nach Wissen willen gab er die geborgene religiöse Gemeinschaft der Hutterer wieder auf und begab sich in die "sündige Welt" zurück.

Ist Wissen Sünde?

- Offensichtlich sind stattdessen solche Dinge wie ein "anthroposophischer Lebensstil" oder sogenannte "unitarische" Glaubenshaltungen eher eine Alternative für intelligente Menschen, die im 20. Jahrhundert Anschluß an eine religiöse Gemeinschaftsform suchen, weil sie - vielleicht wie Jürgen Habermas und andere Atheisten inzwischen - merken, daß es ohne Religion, bzw. Religiosität nicht geht.

Man beachte bei all dem: Es handelt sich immer nur um Durchschnittswerte. Und diese sind nicht geeignet, den jeweiligen Einzelfall zu beurteilen. Durchschnittswerte zeigen nur allgemeinere "Trends" auf.

Man könnte also sagen: Die Aufklärung hat ein neues "selektives Regime" auch für die Intelligenz-Evolution geschaffen. Nur noch kleine Minderheiten der alten Religiosität haben heute evolutionsstabile Geburtenzahlen (auf der Nordhalbkugel). Auch Areligiöse und Atheisten haben keine evolutionsstabilen Geburtenzahlen. Alles deutet darauf hin, daß es künftig irgend eine Form von "Neuer Religiosität" sein wird, die evolutionsstabile Geburtenzahlen im Zeitalter nach der Aufklärung sicherstellt, wenn die Evolution weitergehen soll und nicht rückläufig werden soll. Ich meine natürlich: die Humanevolution.

Mittwoch, 5. März 2008

Giordano Bruno-Denkmal in der Mitte Berlins

Der Potsdamer Platz liegt im Zentrum Berlins und ihm wird traditionell eine große Bedeutung zugesprochen. Seit der Wiedervereinigung ist er mit moderner Architektur neu aufgebaut worden. Dabei bildete er zeitweise die größte Baustelle Europas. Man muß nicht unbedingt mit der dort heute gebotenen Architektur etwas anfangen können. Ob der neue Platz irgendwie "individuell" geworden ist oder ob er wieder nur das "Dutzend-Gesicht" von hunderten von modernen Großstadt-Plätzen heute auf dem Erdball zeigt, kann hier dahingestellt bleiben. Nachdem der "Rausch der Neuheit" vergangen sein wird, wird sich, wie man vermuten kann, allmählich auch diesbezüglich sehr bald eine Mehrheitsmeinung in der Bevölkerung herausbilden. Und wenn es in einigen Jahrzehnten um Abbruchgenehmigungen gehen wird, werden die "berühmten" Architekten wieder der Tatsache hinterhertrauern, daß man ihre Gebäude nicht unter Denkmalschutz stellt - was ein gültigeres Kriterium dafür wäre, daß es sich um eher "überzeitliche" Architektur handelt.

Am 2. März ist nun auf diesem Platz ein Giordano Bruno-Denkmal enthüllt worden. Über die Ästhetik der kopfüber dargestellten Giordano Bruno-Statue neben einer Rolltreppe wird man sicherlich ebenfalls geteilter Meinung sein dürfen. Das Denkmal soll nicht nur an das Leiden eines einzelnen Denkers, sondern an das aller religiös Verfolgten erinnern.

"Heldenverehrung" im Sinne des 19. Jahrhunderts wird hier bestimmt nicht betrieben. Was man nicht will, wird deutlich. Was man will, nicht wirklich ... Eine neue Art "Jesus-Kult"? Anbetung des Leidens einer - nun auf wissenschaftlich-philosophischem Wege - die Menschheit "erlösenden" Kreatur? Es kann sich einem auch die Frage stellen, warum ein solches Denkmal vertieft stehen muß und warum eine Statue, die an einen solchen Feuergeist wie Giordano Bruno erinnern will, ein Dach über dem Kopf tragen muß. Erinnerung an seinen Kerker?

Und warum gerade Berlin?

Ein sicherlich beabsichtigter Symbolgehalt eines solchen Denkmals ist also nicht übersehbar. Er wird insbesondere durch seine Nähe zu dem nur wenige hundert Meter entfernten Holocaust-Mahnmal, zum Bundeskanzleramt (wo auch oft "leidende" Mienen aufgesetzt werden und man gerne mal - sinnbildlich gesprochen - "Kopf steht"), zum Reichstagsgebäude und zum Brandenburger Tor unterstrichen. Sowie zu zahlreichen sonstigen bedeutungsvolleren "Institutionen" und Erinnerungsstätten im Zentrum der deutschen - und früheren preußischen - Hauptstadt.

Aber: Giordano Bruno in Berlin? Ausgerechnet in Berlin? Ist er dort nicht immer noch "irgendwie" ein Fremdkörper? Giordano Bruno weilte, bevor er in die Kerker der römischen Inquistition geriet, in Deutschland, an den damals protestantischen Universitäten Marburg, Wittenberg, Prag, Helmstedt und Frankfurt am Main. Nicht jedoch in dem damals noch ganz unbedeutenden Berlin. Wären da nicht jene genannten Orte zur Aufstellung eines solchen Denkmales viel naheliegender gewesen? Und besonders in Wittenberg, der Kernstadt des Protestantismus weltweit, jener Stadt, die mit dem "Intercity" nur eine halbe Stunde vor der preußisch-protestantischen Stadt Berlin gelegen ist? (Stud. gen.) Hätte man dort ein Giordano-Bruno-Denkmal aufgestellt, hätte man zugleich bewußt gemacht, daß die europäische Aufklärung gar nicht möglich war ohne die vormalige Reformation.

Hat man sich denn gar nicht klar gemacht, daß gerade auf kulturellem Gebiet Deutschland nicht dadurch geprägt ist, daß es - wie etwa Frankreich - eine einzelne, besondere Hauptstadt hat, sondern viele kleinere kulturelle Zentren? So würde man es doch als bedeutende Aufwertung jeder einzelnen dieser "kleineren" genannten Städte empfinden, wenn in diesen daran erinnert würde, daß hier Giordano Bruno, einer der bedeutensten Denker der europäischen Geschichte auf seinem schweren Lebensweg Zuflucht gefunden hatte - und sei es auch nur für einige Monate. Es kostet Mühe, sich einen solchen Feuerkopf selbst heute noch in einer unserer modernen Städte vorzustellen. Feuerköpfe passen hier irgendwie gar nicht mehr hin. Und schon gar nicht in akademische Zirkel ...

Aus Anlaß der Denkmal-Enthüllung wurde aber auch eine ganz nützliche Internet-Seite eingerichtet, der man mancherlei Auskünfte entnehmen kann: www.bruno-denkmal.de.

Nützliche Auskünfte über Giordano Bruno

Giordano Bruno ist ja nicht eine Geistesgröße, die uns Heutigen noch besonders leicht zugänglich wäre. Seine Werke lesen sich nicht einfach. Sie sind aus einem ganz anderen Zeitgeist heraus entstanden, auch aus einem ganz anderen akademischen Zeitgeist. Zudem sind sie original in Italienisch und Latein erschienen und Standard-Übersetzungen ins Deutsche haben sich bis heute nicht durchgesetzt. Man erfährt auf der angegebenen Seite, daß der Meiner-Verlag eine Gesamtausgabe in deutscher Sprache vorbereitet.

Der Lebensweg von Giordano Bruno wird dort ebenfalls skizziert, sowie seine Hauptwerke genannt. Auch wird eine offenbar gut ausgewählte Liste von jüngst erschienener Literatur über Giordano Bruno geboten. Erstaunlich viele Neuerscheinungen in den letzten zehn Jahren.

Die auf der Seite gebrachten Zitate aus den Werken Bruno's sind nicht alle selbsterklärend. Aber auch in ihnen wird besonders deutlich, wie sehr Giordano Bruno Zeit seines Lebens damit beschäftigt war - und offenbar damit beschäftigt sein mußte -, sich zunächst einmal nur die bombastische ("barocke") Dummheit seiner Zeitgenossen vom Leibe zu halten. Schön auch ein gebrachtes Zitat des deutschen Philosophen Georg Friedrich Wilhelm Hegel über Bruno:
... seine Philosophie zeugt von einem eigentümlichen, überlebendigen und sehr originellen Geist. Der Inhalt seiner allgemeinen Gedanken ist die Begeisterung für die schon erwähnte Lebendigkeit der Natur, Göttlichkeit, Gegenwart der Vernunft in der Natur.

Viele Phrasen und Urteile in den Werken Hegels wird man sich als entstanden vorstellen müssen in den langen philosophischen Gesprächen mit seinem Freund Friedrich Hölderlin, der selbst von allen Deutschen sicherlich noch am ehesten als ein Geistesverwandter Giordano Bruno's angesprochen werden kann. (Jedenfalls gewiß nicht Hegel selbst ...)

Auch ein Zitat von Friedrich Nietzsche ist schön - Giordano Bruno hat auch Gedichte geschrieben, die er unter dem Titel "Heroische Leidenschaften" herausgebracht hat:
Mein lieber Herr Doktor, diese Gedichte von Giordano Bruno sind ein Geschenk, für welches ich Ihnen von ganzem Herzen dankbar bin. Ich habe mir erlaubt, sie mir zuzueignen, wie als ob ich sie gemacht hätte und für mich - und sie als stärkende Tropfen „eingenommen“. Ja. wenn Sie wüssten, wie selten noch etwas Stärkendes von außen zu mir kommt!
- - - Merkwürdig überhaupt: Die Giordano Bruno-Stiftung, die maßgeblich an der Errichtung dieses Denkmales beteiligt war, "verwaltet" ein breites geistesgeschichtliches europäisches Erbe, für das sich außer ihr kaum noch eine andere gesellschaftliche Gruppierung heute in größerem Umfang und fokussierterer Weise verantwortlich fühlen würde. Und doch könnte es sich dabei um zentralste Bestandteile der abendländischen Kultur handeln. Beispielsweise die Werke eines Hegel, eines Nietzsche waren von Anliegen erfüllt, von Anliegen, deren gesellschaftliche Verwirklichung auch heute noch aussteht.

Dienstag, 26. Februar 2008

Der "anthroposophische Lebensstil" als demographischer Faktor

Zusammenfassung

Statistische Daten zu Menschen, die einen „anthroposophischen Lebensstil“ leben, machen auf einen Fall aufmerksam, der in der "Evolutionären Religionswissenschaft" und in der Religionsdemographie noch nicht erforscht worden ist: Überdurchschnittliche Geburtenrate bei gleichzeitiger überdurchschnittlicher Konfessionslosigkeit. An diesem ersten exemplarischen Fall wird aufgezeigt, dass auch Konfessionslose mit moderner, philosophisch und naturwissenschaftlich zumindest partiell aufgeklärter Religiosität - insofern ihr Lebensstil in eine solche Gemeinschaftsbildung eingebettet ist, wie sie der "anthroposophische Lebensstil" aufweist - zur Erhöhung von Geburtenraten und offenbar auch zur Erhöhung von gesellschaftlicher Solidarität beitragen können.

Abstract
Scientific data about people following an "anthroposophic lifestyle" show that new forms of religiosity developed mainly in the 20th century are able to enhance social solidarity and birth rates of people, also of those who have left the traditional christian churches.
An english version of this article is also available (1).

Einleitung

Die junge Wissenschaftsdisziplin der "Evolutionären Religionswissenschaft", bzw. Religionsbiologie (auch „Religionswissenschaftliche Studien aus evolutionärer Perspektive“ genannt, engl. "Evolutionary Religious Studies" [s. Binghamton]), und darin spezieller die Religionsdemographie hat in den letzten Jahren zahlreiche Erkenntnisfortschritte mit sich gebracht.*) Als einige wesentlichere seien benannt: Religiosität steht in Wechselbeziehung zur Humangenetik und wurzelt in angeborenen Komponenten (2). Religiosität nimmt weltweit ausgeprägter und universeller auf das Fortpflanzungsverhalten von Menschen Einfluss, als jedes andere kulturelle Merkmal. Religiöse, menschliche Gemeinschaften sind kulturell stabiler als nicht-religiöse (3-5). Religiöse Menschen haben mehr Kinder als atheistische (5).

Der Fokus der jungen Disziplin lag zu Anfang auf den traditionellen Großkirchen oder auf jener stammesorientierten Vorgänger-Religion, aus der diese hervorgegangen sind (der jüdischen Religion).

Es existiert derzeit in der wissenschaftlichen Literatur - soweit übersehbar - noch kein wissenschaftlicher Nachweis oder auch nur Hinweis darauf, dass auch moderne, erst im 20. Jahrhundert entstandene Formen von Religiosität eine Erhöhung der Geburtenrate von Menschen mit sich bringen können. Auf diese Thematik macht die  vorliegende Studie aufmerksam, indem sie in einem ersten Schritt empirische Daten auswertet zum sogenannten "anthropophischen Lebensstil". Er soll hier als ein erster exemplarischer Fall zumindest partiell "modernerer", im 20. Jahrhundert entstandener Religiosität in dieser Hinsicht behandelt werden.  

Dabei ist natürlich gleich einzuschränken, daß der Gründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner (1861-1925) (Wiki), seinen Anhängern sozusagen einen "tollen Mix" aus außerordentlich archaischen Formen von Religiosität verbunden mit moderneren, philosophisch und wissenschaftlich aufgeklärten Formen von Religiosität angeboten hat. Der "anthroposophische Lebensstil" ist aber insgesamt weniger explizit an die eigentlichen Lehren von Rudolf Steiner gebunden, sondern mehrheitlich von diesen heute eher abgekoppelt (siehe unten). Rudolf Steiner war sowohl ein Vertreter des Geistesgutes solcher Christentums-feindlichen Denker wie Friedrich Nietzsche und Johann Wolfgang von Goethe (10), wie er Verehrer von Jesus oder Buddha war. Er steht dabei in der Tradition der theosophischen Bewegung, in der Okkultismus, esoterisches und magisches Denken aller Art blühten, also sehr archaische Formen menschlicher Religiosität und Vergemeinschaftung (etwa: Freimaurerei). Er glaubte an die Reinkarnation und er und seine engsten Anhänger ließen offen, ob er nicht selbst eine Reinkarnation von Buddha, Jesus oder Goethe wäre (oder gar von allen dreien zusammen). 

Menschen, die einen „anthroposophischen Lebensstil" leben, finden sich heute vor allem in Westeuropa. Hier insbesondere in Westdeutschland, in den Niederlanden, der Schweiz, Schweden und Großbritannien. Außerdem in Nordamerika und Australien. In Deutschland bilden sie jene gesellschaftliche Gruppierung mit den meisten Privat-Schulen. Hier betreiben sie 200 Waldorf-Schulen mit nicht weniger als 80.000 Schülern.

Abb. 1: "Badging" - Ein gruppenspezifisches
Erkennungsmerkmal (Wiki)

Außerdem betreiben sie Kindergärten. Es gibt anthroposophisch orientierte Ärzte, die gemäß "anthroposophischer Medizin" behandeln. Es gibt Krankenhäuser, Altersheime und Universitäten, die vornehmlich von der gesellschaftlichen Gruppierung der Anthroposophen getragen werden. All das sind deutliche Indikatoren eines überdurchschnittlichen sozialen Engagements und des Gefühls überdurchschnittlicher sozialer Verantwortlichkeit und Solidarität, die mit einem solchen Lebensstil verbunden zu sein scheinen. Es ist sozusagen eine eigene Infrastruktur aufgebaut worden, innerhalb sich Menschen, die sich diesem Lebensstil verbunden fühlen, bewegen können und beheimatet fühlen können.

Es handelt sich bei den genannten Bereichen zudem um soziale Lebensbereiche, die evolutionspsychologisch und traditionell immer auch das besondere Interesse von Frauen angesprochen haben und ansprechen. Von Frauen ist bekannt, dass sie sich im Durchschnitt mehr für Religiosität und Spiritualität interessieren als Männer. Dementsprechend befinden sich beispielsweise auch mehr Frauen als Männer unter den Patienten von anthroposophisch orientierten Ärzten. Im Gegensatz dazu ist von Atheisten bekannt, dass Frauen unter ihnen oft nur kleine Minderheiten bilden. In der vor einigen Jahren neu gegründeten Giordano-Bruno-Stiftung etwa machen sie derzeit nur 20 % der Stiftungsmitglieder aus (11, 12). Ähnliches gilt für die atheistische "Brights"-Bewegung in den angloamerikanischen Ländern.

Methoden

Als exemplarisches Beispiel, um moderere Religiosität als demographischen Faktor einschätzen zu können, wird in der vorliegenden Studie wissenschaftliche Literatur über Menschen ausgewertet, die einem "anthroposophischen Lebensstil" folgen.

Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, arbeiten, wie schon erwähnt, auch an Universitäten, unter anderem in der medizinischen und in der pädagogischen Forschung. Sie betreiben eigene Forschungsprogramme und wissenschaftliche Journale. Deshalb sind sie auch schon häufig Gegenstand wissenschaftlicher Studien und Meta-Studien geworden, häufiger als viele andere, religiös vielleicht vergleichbare Gruppierungen. So unter anderem in der Medizin und in der Pädagogik (13-19). Es geht in diesen Studien z.B. um die Anerkennung der Effizienz anthroposophischer Medizin durch die Krankenkassen oder um die Folgewirkungen anthroposophischer Pädagogik (19, 20). Auch religionswissenschaftliche Studien zu ihnen liegen vor (10, 21-25).

Ergebnisse

Ein Literatur-Überblick ergibt: Tausende von Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, sind in den letzten Jahren Gegenstand von wissenschaftlichen Studien gewesen (13-25).

a. Allgemeines Bild

Menschen, die einen "anthroposophischen Lebensstil" leben, zählen wesentlich mehr Akademiker unter ihre Reihen als die Durchschnittsbevölkerung. Allein lebende Menschen gibt es unter ihnen weniger als in Kontrollgruppen. Waldorf-Schüler haben im Durchschnitt etwas mehr Geschwister als Nicht-Waldorf-Schüler, Familiengröße und Haushaltsgröße liegen leicht über dem Durchschnitt von Kontrollgruppen, bzw. der Durchschnittsbevölkerung. Es gibt weniger Raucher und Übergewichtige unter ihnen.

b. Haltung gegenüber der Lehre von Rudolf Steiner und gegenüber der Waldorf-Pädagogik

1.124 ehemalige Waldorf-Schüler, geboren zwischen den 1930er und den 1970er Jahren, haben im Winter 2004/05 an einer Fragebogen-Erhebung teilgenommen, bei der sie über ihr Leben und Denken befragt worden sind (19 - 21). Die Mehrheit dieser befragten ehemaligen Waldorf-Schüler (60 %) steht der Lehre von Rudolf Steiner indifferent oder ablehnend gegenüber. Nur eine Minderheit steht ihr positiv gegenüber. Aber 80 % von ihnen würden wieder auf eine Waldorf-Schule gehen. – Hier deutet sich eine für diese Gruppierung sehr typische hohe Identifikation mit praktischen Anwendungen ihrer zugrundeliegenden Lehre an, nicht aber mit der Lehre selbst. Es ist aber davon auszugehen, dass ein "innerer Kern" von Anhängern der Lehre von Rudolf Steiner existiert, der die Existenz, den Zusammenhalt und das zahlenmäßige Wachstum dieser gesellschaftlichen Gruppierung in den letzten 80 Jahren stabilisiert hat.

c. Politische Orientierung

Die Hälfte der erwähnten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schüler sympathisieren mit politischen Parteien. Von dieser Hälfte sympathisiert wiederum die Hälfte mit der Partei "Bündnis 90/Die Grünen". Die Hälfte der anderen mit politischen Parteien sympathisierenden ehemaligen Waldorf-Schüler nennen die SPD als jene Partei, mit der sie sympathisieren.

d. Geburtenrate

Von den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern hatten 692 Kinder (61 %) und 352 (noch) keine (30 %). 50 % von ihnen waren unter 37 Jahre alt, viele werden also künftig noch Kinder bekommen. 253 waren zwischen 64 und 68 Jahre alt und hatten durchschnittlich 2,2 Kinder pro Person. 236 waren zwischen 50 und 64 Jahre alt und hatten 2,0 Kinder pro Person. 542 waren zwischen 30 und 37 Jahre alt und hatten 0,9 Kinder pro Person (20, S. 6). Wenn diese 542 am Ende ihres Lebens doppelt so viele Kinder haben wie zum Zeitpunkt der Studie, was nicht sehr unwahrscheinlich sein dürfte, dann werden sie durchschnittlich 1,8 Kinder pro Person haben. Die Gruppe insgesamt hat dann – über die drei letzten Generationen hinweg - eine Geburtenrate von 1,9 Kindern pro Person. (26) All diese Werte liegen deutlich über der gegenwärtigen durchschnittlichen Geburtenrate in Deutschland, die bekanntlich 1,3 Kinder pro Frau beträgt.

e. Konfessionszugehörigkeit

In Westdeutschland waren im Jahr 2004

19 % der Menschen nicht Mitglied einer Religionsgemeinschaft und 74 % Mitglied einer christlichen Kirche.

(In Deutschland insgesamt waren 2005
32 % der Menschen konfessionslos und 65 % Kirchenmitglieder,
da es in den ehemaligen atheistischen neuen Bundesländern schon seit Jahrzehnten
70 % Konfessionslose und nur 27 % Kirchenmitglieder gibt.)

Von den 1.124 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern (die alle in Westdeutschland aufgewachsen sind), waren

43 % nicht Mitglied einer Kirche oder Religionsgemeinschaft und 57 % waren Mitglied einer Kirche oder Religionsgemeinschaft.

Die Nichtkirchlichkeits-Rate der ehemaligen Waldorf-Schüler ist also mehr als doppelt so hoch wie die Nichtkirchlichkeits-Rate der mit ihnen zu vergleichenden Durchschnittsbevölkerung in Westdeutschland. Überdurchschnittliche Nichtkirchlichkeits-Raten finden sich bei ihnen schon in den älteren, in den 1930er Jahren geborenen Jahrgängen. In den jüngeren Jahrgängen werden sie noch ausgeprägter.

Somit liegt ein Fall vor, der noch wenig oder gar nicht in "Religionswissenschaftlichen Studien aus evolutionärer Perspektive" ("Evolutionary Religious Studies") thematisiert und erforscht worden ist: Überdurchschnittliche Geburtenrate bei gleichzeitig (gegenüber dem Durchschnitt) doppelt so häufiger Konfessionslosigkeit.

f. Beruht der gesamtdemographische Effekt vorwiegend auf den konfessionell Gebundenen?

Im folgenden ist noch kritisch die Frage zu überprüfen, ob die Geburtenrate der kirchlich Gebundenen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern so stark überdurchschnittlich ist, dass eine Geburtenrate der Konfessionslosen unter ihnen, die mit der Geburtenrate sonstiger Konfessionsloser in Deutschland übereinstimmen könnte, "verdeckt" sein könnte. Jedoch scheint auch dies nicht in besonders ausgeprägtem Maße der Fall zu sein. Dies soll anhand der weiteren Daten gezeigt werden. 

Von den 57 % Mitgliedern einer Kirche oder Religionsgemeinschaft unter den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern befanden sich:

55 % Mitglieder protestantischer Kirchen,
17 % Mitglieder der katholischen Kirche,
17 % Mitglieder der anthroposophischen "Christengemeinschaft" (gegründet 1922 zusammen mit Rudolf Steiner, ohne dass dieser selbst Mitglied wurde; nicht anerkannt von den offiziellen christlichen Kirchen in Deutschland),
10 % Mitglieder der jüdischen, buddhistischen und anderer Religionsgemeinschaften.

In den letzten Jahrzehnten hat es dabei einen Anstieg des zahlenmäßigen Anteils der Mitglieder der katholischen Kirche gegeben (jüngste Jahrgangsgruppe: 27 %) und einen Rückgang des zahlenmäßigen Anteils der "Christengemeinschaft" (jüngste Jahrgangsgruppe: 12 %).

g. Kirchenzugehörigkeit und positive Einstellung gegenüber der Lehre von Rudolf Steiner als demographisch vorteilhafte Faktoren

Es scheint keine ausgeprägten Unterschiede in der Identifikation mit der Lehre von Rudolf Steiner zu geben zwischen Kirchenmitgliedern und Konfessionslosen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern. Nur Mitglieder der "Christengemeinschaft" weisen eine auffällig höhere Identifikation mit der Lehre von Rudolf Steiner auf.

Von den 692 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern mit Kindern waren 60 % Kirchenmitglieder und 40 % konfessionslos. Von den 352 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern ohne Kinder waren 50 % Kirchenmitglieder und 50 % konfessionslos (20, S. 193). Leider erlauben es die bisher veröffentlichten Daten nicht, danach zu fragen, ob es unter den Konfessionslosen - bspw. - mehr Eltern mit Einzelkindern gibt als unter den Kirchenmitgliedern und ob - bspw. - "Christengemeinschafts"-Mitglieder deutlich stärker zu Mehrkind-Familien neigen als andere Gruppierungen. Durch solche Daten könnten die bislang schon aufzeigbaren Unterschiede, was Korrelation zwischen Elternschaft und Kirchenzugehörigkeit betrifft, noch prononcierter hervortreten. Gegenwärtig kann dazu aber nichts gesagt werden.

Von den 692 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern mit Kindern standen 43 % der Lehre von Rudolf Steiner positiv gegenüber und 56 % nicht. Von den 352 befragten ehemaligen Waldorf-Schülern ohne Kinder standen 34 % der Lehre von Rudolf Steiner positiv gegenüber und 65 % nicht.

Das heißt: Sowohl Kirchenzugehörigkeit wie positive Einstellung gegenüber der Philosophie von Rudolf Steiner haben positive Effekte auf die Geburtenrate. Aber Kirchenzugehörigkeit hat immer noch mehr positive Effekte als die positive Einstellung gegenüber der Philosophie von Rudolf Steiner.

h. Religiöse Orientierung im allgemeinen Sinn

Auf den Satz „Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben." antworteten im Fragebogen von den befragten 1.124 ehemaligen Waldorf-Schülern 58 % mit "Ja".

Diskussion

Die Geburtenrate von Kirchenmitgliedern unter den ehemaligen Waldorf-Schülern liegt über derjenigen von Kirchenmitgliedern unter ehemaligen Nicht-Waldorf-Schülern, und ist ebenso überdurchschnittlich bezogen auf die Gesamt-Geburtenrate in Deutschland. (Für Mitglieder der "Christengemeinschaft" könnten noch deutlich höhere überdurchschnittliche Geburtenzahlen angenommen werden.)

Jenes Ergebnis jedoch, das am meisten überrascht, ist das bezüglich der Konfessionslosen unter den ehemaligen Waldorf-Schülern. Sie scheinen nach den bisher veröffentlichten Zahlen eine Geburtenrate zu haben, die nur wenig unter der von kirchlich gebundenen ehemaligen Waldorf-Schülern liegt, und die damit ebenfalls nicht nur deutlich über der Geburtenrate von Konfessionslosen in der Normalbevölkerung liegt, sondern auch gegenüber der durchschnittlichen Geburtenrate von konfessionell Gebundenen unter der Normalbevölkerung.

Anders ausgedrückt: Die überdurchschnittliche Geburtenrate von anthroposophisch orientierten Menschen kann bei einem überdurchschnittlichen Anteil von Konfessionslosen unter ihnen nicht allein auf einer überdurchschnittlichen Geburtenrate der konfessionell Gebundenen unter ihnen beruhen, zumal die anteilmäßigen Unterschiede zwischen denen, die Kinder haben, zu denen die keine haben, in Bezug auf konfessionelle Einordnung nur um 10 % unterschieden sind, und zumal auch nur allein schon eine positive Einstellung zur Lehre von Rudolf Steiner positive Auswirkung auf die Geburtenrate hat.

Religionswissenschaftler Michael Ebertz hat die Befragung der ehemaligen Waldorf-Schüler auf ihre religiösen Aspekte hin ausgewertet. Seine Interpretation der Ergebnisse geht in die Richtung, dass er sagt (21), dass moderne Menschen zweierlei Formen von Religiosität kennen und leben (27). Die eine ist die institutionalisierte: Menschen sind Mitglieder von Kirchen. Die andere ist die so genannte „universelle Religion“ in dem Sinne des abgefragten „Glaubens an eine höhere kosmische Ordnung“. Er nennt letztere Form der Religiosität auch eine "vitalistische" Weltsicht, vielleicht in der geistigen Nähe von Ernst Haeckel's "Monismus" angesiedelt. Und Ebertz vermutet, dass die ältere Form der Religiosität (die institutionalisierte) heute oft überlagert ist von der zweiten Form der Religiosität, die sich in vielerlei Hinsicht von der ersten Form unterscheidet. Und die hier präsentierten Daten zeigen, dass offenbar auch diese zweite Form der Religiosität im Prinzip Auswirkungen hinsichtlich einer positiven Beeinflussung der Geburtenrate haben kann, zumal in einem solchen sozialen Umfeld, "Setting" wie desjenigen eines „anthroposophischen Lebensstils“.

Es könnte wichtig sein, auf den Umstand hinzuweisen, dass im Prinzip auch solche Formen von Religiosität wie sie etwa von Albert Einstein vertreten worden sind - und denen auch Atheisten wie Richard Dawkins aufgeschlossen gegenüber stehen (28) -, dass solche Formen von Religiosität im Prinzip auch künftig dazu befähigt sein können, solche "reproduktiven Regime" zu etablieren, wie sie notwendig sind, wenn das demographische - und damit kulturelle - Überleben der westlichen Welt und aller seiner emanzipatorischen Werte sichergestellt sein soll.


Ingo Bading, M.A., Berlin

(überarbeitet: 10.9.2011)

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*) Veranlassung und Motivation, sich auf die inhaltlichen Fragestellungen dieser Arbeit einzulassen, gaben vor allem Diskussionen mit Religionswissenschaftler Dr. Michael Blume, Tübingen, sowie weiterführende Diskussionsbeiträge um die Jahreswende 2007/08 innerhalb eines sich um ihn bildenden, bislang nur informellen, an religionsbiologischen Fragen interessierten Diskussionskreises (Lars Fischer, Edgar Dahl, Ingo-Wolf Kittel und andere).


________________
Zitierte Literatur:

  1. Bading, Ingo: The reproductive benefits of an anthroposophic lifestyle. Auf: http://studgen.blogspot.com/2008/02/reproductive-benefits-of-anthroposophic.html ; die jeweils aktuelle deutsche Version auf: http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/02/der-anthroposophische-lebensstil-als.html ; als pdf. hier: http://stores.lulu.com/Studium_generale
  2. Hamer, Dean: Das Gottes-Gen. 2007
  3. Wilson, David Sloan: Darwin's Cathedral. Evolution, Religion, and the Nature of Society. University of Chicago Press 2002
  4. Sosis, Richard: Teure Rituale. In: Gehirn & Geist, 10.12.2004, http://www.spektrum.de/magazin/teure-rituale/838840; siehe auch seine Publikationsliste: http://www.anth.uconn.edu/faculty/sosis/publications.html
  5. Blume, Michael; Ramsel, Carsten; Graupner, Sven: Religiosität als demographischer Faktor. Ein unterschätzter Zusammenhang? Marburg Journal of Religion, Vol. 11, No. 1, (June 2006) (freier Download im Netz)
  6. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin 1953
  7. Assmann, Jan: Die Mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus. Carl Hanser Verlag, München 2003
  8. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, Berlin 2008. (engl. Untertitel genauer: Inevitable Humans in a Lonely Universe. Cambridge University Press 2003)
  9. Bading, Ingo: Vorstudien zu einer Vergleichenden Religionsdemographie. Auf Wissenschaftsblog „Studium generale“
  10. Blume, Michael: Anthroposophie - Religionsdemographische Betrachtungen von Ingo Bading. At: "Religionswissenschaft aus Freude", Wissenschaftsblog von Michael Blume, 20.02.2008, see here.
  11. Bading, Ingo: Die Atheisten in Deutschland sind stark "Männer-lastig". At: Scienceblog "Studium generale", 20.11.2007 (---> here)
  12. Salcher, Ernst: Ergebnisse der Befragung der Förderkreismitglieder der Giordano Bruno-Stiftung (Juli-September 2007) (pdf.) (free download: ---> here)
  13. Roland Unkelbach u.a.: Unterschiede zwischen Patienten schulmedizinischer und anthroposophischer Hausärzte. In: Forsch Komplementärmed 2006; 13:349–355, Published online: November 3, 2006
  14. Gunver S. Kienlea u.a.: Anthroposophische Medizin: Health Technology Assessment Bericht – Kurzfassung. In: Forsch Komplementärmed 2006; 13 (suppl 2):7–18
  15. Helen Flöistrup u.a.: Allergic disease and sensitization in Steiner school children. In: J Allergy Clin Immunol, January 2006, Available online November 29, 2005
  16. Harald J. Hamre u.a.: Anthroposophic vs. conventional therapy of acute respiratory and ear infections: a prospective outcomes study. In: Wien Klin Wochenschr (2005) 117/7–8: 256–268
  17. H. J. Hamre u.a: Anthroposophic therapies in chronic disease: the anthroposophic medicine outcomes study (AMOS). In: Eur J Med Res (2004) 9: 351-360
  18. Johan S Alm u.a.: Atopy in children of families with an anthroposophic lifestyle. In: Lancet 1999; 353: 1485 – 88
  19. Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Bookshop) [important parts of the text, introduction and formulars - all in german - can bee found at: http://www.hhu.de/waldorfabsolventen/]
  20. Randoll, Dirk; Barz, Heiner: Absolventenstudie zur Waldorf-Pädagogik (Deutschland). Tabellenband 1. (free download - pdf. ---> here.)
  21. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? (= What do believe people that have experienced Waldorf-education?) In: see 14., p. 133 – 160
  22. Hörtreiter, F.: Anthroposophie und christlicher Glaube. Eine Erwiderung auf Bernhard Grom SJ. In: Materialdienst der EZW 68/2005, S. 251 - 255 (---> here)
  23. Bading, Ingo: Anthroposophen: Akademiker-lastige Gruppierung mit leicht überdurchschnittlicher Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 22.01.2008 (---> here)
  24. Bading, Ingo: Anthroposophen: Auch Neue (nicht-monotheistische) Religiosität in westlichen Gesellschaften erhöht Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 15.2.2008 (---> here)
  25. Bading, Ingo: Auch die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten haben eine überdurchschnittliche Geburtenrate. At: Scienceblog "Studium generale", 17.2.2008 (---> here)
  26. Bading, Ingo: Die positiven demographischen Auswirkungen eines anthroposophischen Lebensstils - Diskussion weiterer Details. At: Scienceblog "Studium generale", 26.2.2008 (---> here)
  27. Campiche, Roland J.: Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung. Zürich 2004
  28. Dawkins, Richard: Der Gotteswahn. 2007

Sonntag, 24. Februar 2008

Die positiven demographischen Auswirkungen eines "anthroposophischen Lebensstils" - Diskussion weiterer Details

Der Anteil der Konfessionslosen an der Wohnbevölkerung in Westdeutschland (alte Bundesländer) betrug im Jahr 2004 19 %. 74 % der Wohnbevölkerung Westdeutschlands gehörten einer christlichen Kirche an. Das bedeutet, daß die Nichtkirchlichkeits-Rate der ehemaligen (westdeutschen) Waldorf-Schüler in der von mir behandelten Studie (siehe frühere Beiträge) doppelt so hoch ist wie die mit ihr zu vergleichende Nichtkirchlichkeits-Rate der sonstigen westdeutschen Durchschnittsbevölkerung. Das mußte noch nachgetragen werden.

Im Netz findet sich auch eine Grafik, die die konfessionelle Zugehörigkeit der Waldorf-Schüler in Nordrhein-Westfalen des Schuljahres 2006/2007 mit derjenigen der übrigen dortigen Schüler vergleicht. (Duisburgweb.de)

Überraschenderweise sind hier nicht - wie in der von mir behandelten Studie - 43 % der Waldorf-Schüler, sondern nur:
etwa 28 % konfessionslos. Und weiterhin:
etwa 30 % evangelisch
etwa 25 % katholisch und
etwa 17 % sonstige (anzunehmenderweise
inklusive Christengemeinschafts-Mitgliedern).
Also grob stimmt das Bild mit der von mir behandelten Waldorf-Absolventen-Studie überein. Daß hier die Konfessionslosen 15 % weniger Anteil haben, könnte ein Hinweis darauf sein, daß auch die "Ehemaligen" zu höheren Anteilen erst nach dem Verlassen der Schule aus der Kirche ausgetreten sind. Auf jeden Fall unterscheidet sich die konfessionelle Zusammensetzung der privaten Waldorf-Schulen auch noch ohne das zu erwartende künftige Austreten vieler derzeitiger Waldorf-Schüler deutlich von der aller anderen Schulen in Nordrhein-Westfalen.

Im Begleittext steht:
"Jede(r) Zehnte der rund 2 257 000 Schülerinnen und Schüler an den allgemein bildenden Schulen NRWs ist im derzeit laufenden Schuljahr konfessionslos. Wie das Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik mitteilt, ist rund jede(r) Zweite katholisch, jede(r) Dritte evangelisch und jede(r) Neunte islamisch."
Auch hier dürfte die niedrigere Konfessionslosigkeits-Rate darauf zurückzuführen sein, daß die Entscheidung zum Kirchenaustritt meistens erst in einem späteren Lebensalter getroffen wird. Aber all das gab noch einmal Anregung, die Angaben im diesbezüglichen Beitrag von Michael Blume zu überprüfen. Dabei ergaben sich noch einige Korrekturen im Detail. - Das folgende ist im wesentlichen nur für "Pfennigfuchser".

Zunächst haben nur 61,6 %, nicht 66 % der Befragten Kinder. 31,3 % haben keine und 7,1 % haben dazu keine Angaben gemacht. (pdf.-Tabelle 1, S. 6)

Und wenn ich die hier zu konsultierende Tabelle richtig lese und noch einmal rechnerisch überprüfe, was doch ganz interessant ist, wie man dabei feststellen könnte, dann haben die 253 älter als 64-Jährigen unter den Befragten durchschnittlich 2,2 Kinder (also 39 + 174 + 174 + 60 + >70 / 253 - 8 = >2,11 ).

Die 236 älter als 50-Jährigen unter den Befragten haben durchschnittlich 2,0 Kinder.
(Also 40 + 188 + 90 + 68 + >60 / 236 - 9 = >1,96 )

Die 542 älter als 30-Jährigen haben durchschnittlich 0,9 Kinder.
(100 + 216 + 90 + 32 + >10 / 542 - 50 = 448/>492 = >0,9)
Aber diese 448 Kinder, bzw. 0,9 Kinder pro Person der über 30-Jährigen wird man doch wohl noch gut und gerne verdoppeln dürfen auf 896, also, sagen wir, auf 1,8 Kinder pro Person, wenn man grob abgeschätzt die hinzunimmt, die in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren noch geboren werden dürften.

Für die hier untersuchte Gruppe ergeben sich also insgesamt - bis zum Jahr 2004 - zwar "nur" 1,5 Kinder pro Person. (189 + 606 + 384 + 172 + >145 / 1.124 - 80 = >1.496/1.044 = >1,43)

Aber wenn man noch einmal 448 Kinder für die über-30-Jährigen zur Gesamtgruppe hinzuzählt, erhält man folgende Rechnung:

>1.496 + 448 / 1.044 = 1,9 Kinder pro Person.

(Wobei man ja wohl hoffen dürfte, daß der Fragebogen nicht zu häufig gleichzeitig an Eltern von den gleichen Kindern versendet worden ist, wodurch es natürlich zu Doppelzählungen von Kindern hätte kommen können.)

Diese Angaben von Michael stimmen:
Von den 106 befragten (oft älteren) Christengemeinschafts-Mitgliedern haben 78 % Kinder,
von den 352 befragten Protestanten haben 68 % Kinder,
von den 106 befragten (oft jüngeren) Katholiken haben 46 % Kinder.
Hat er aber daraus nun einen Mittelwert gebildet, um zu sagen, daß 70 % derjenigen, die einer Religionsgemeinschaft angehören, Kinder hätten und nur 60 % der Konfessionslosen? Oder welcher Tabelle und welchen Spalten auf den Seiten 193/194 entnimmt er diese Zahlen? Man kann es - soweit ich sehe - nach den dortigen Angaben nur umgekehrt formulieren (- so wie ich das auch getan hatte), man kann nur sagen: von denen, die Kinder oder keine Kinder haben, sind soundsoviel konfessionell gebunden und soundsoviel nicht.

Aber grob könnte natürlich auch diese 70%/60%-Angabe stimmen.

Sonntag, 17. Februar 2008

Auch die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten haben eine überdurchschnittliche Geburtenrate

Ich hatte ausgeführt und dargelegt, daß die Absolventen von Waldorf-Schulen eine (gegenüber der Restbevölkerung) leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei (gegenüber der "Normalbevökerung") deutlich unterdurchschnittlicher Kirchlichkeitsrate aufweisen. (Stud. gen. 1, 2) Religionswissenschaftler Michael Blume aber will es noch einmal genau wissen und fragt in Kommentaren - hier und auf seinem Blog -, ob die überdurchschnittliche Geburtenrate nicht doch daran liegen könnte, daß eben der kirchlich noch gebundene Teil unter den befragten Waldorf-Schul-Absolventen eine etwaig bloß durchschnittliche oder unterdurchschnittliche Geburtenrate der Konfessionslosen unter ihnen durch noch deutlich überdurchschnittlichere Geburtenrate kompensieren würde, so daß das Endergebnis doch - vornehmlich oder allein - auf sie, die kirchlich Gebundenen, zurückzuführen wäre.

Michael Blume fragt also (Relig.wiss.):
Gibt es z.B. demografische Unterschiede zwischen Ex-Waldorfschülern, die heute Mitglieder der Christengemeinschaft, einer anderen Kirche, des Islam oder konfessionslos sind?
Diese These müßte einen sehr deutlichen Unterschied voraussetzen zwischen dem Geburtenverhalten von anthroposophisch orientierten Konfessionslosen und Konfessionsgebundenen. Ich werde gleich zeigen, daß ein solcher nicht gar so besonders ausgeprägt vorzuliegen scheint. Aber Michael, Danke erst einmal für diese doch auch noch einmal sehr spannende und weiterführende Fragestellung.

60 % der Befragten haben Kinder

Wenn man sich die Daten daraufhin genauer anschaut und durchdenkt, werden einem die hier vorliegenden Verhältnisse noch ein bischen klarer. Die 5. Frage auf dem Fragebogen (pdf.) lautete:
"Wie viele Kinder haben Sie?"
Von den 1.124 Befragten haben 692 Befragte Kinder und 352 Befragte keine. (1, S. 6) Also 61 % haben Kinder, 30 % haben - z. T. noch - keine. Dabei ist nämlich beachten, daß 50 % der Befragten unter 40 Jahre alt waren (1, S. 2), also viele von den Jüngeren künftig noch Kinder haben werden. Und weiterhin ist zu beachten, daß in den jüngeren Jahrgängen - wie schon früher erwähnt - sich der Anteil der Religionszugehörigkeiten etwas verschoben hat, es sind mehr Katholiken geworden und (noch) weniger geworden, die der Christengemeinschaft angehören.

Zunächst nun der erste Befund: In ihrer Verbundenheit gegenüber der Anthroposophie unterscheiden sich konfessionslose Ex-Waldorf-Schüler und christliche Ex-Waldorf-Schüler kaum. (1, S. 137) Aber die Daten dazu scheinen nicht sehr genau ausgebreitet zu sein. Einzige deutlichere Ausnahme: Die Mitglieder der Christengemeinschaft, die in der Regel eine hohe Verbundenheit mit der Anthroposophie aufweisen. Es muß also derzeit für mich noch ungeklärt bleiben, ob gerade diese Gruppierung - im Vergleich zu allen anderen Ex-Waldorf-Schülern - noch einmal besonders betont Christen oder nicht doch viel eher besonders betont Anthroposophen sind. Das kann ein deutlicher Unterschied sein. Dazu weiter unten noch mehr. Jedoch zunächst weiter bei den Daten.

60 % der Eltern und 50 % der Kinderlosen sind konfessionell gebunden

Von den 692, die Kinder haben, gehören 60 % einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an und 40 % keiner. (1, S. 193) (Wir erinnern uns, von den Absolventen insgesamt gehörten 57 % einer an und 43 % keiner.) Von den 352, die keine Kinder haben, gehören umgekehrt 50 % einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an und 50 % keiner. (1, S. 193)

Noch ein weiterer, in unserem Zusammenhang weniger wichtiger Befund: Von den 692 Befragten mit Kindern stehen 43 % der Anthroposophie positiv bejahend gegenüber, 56 % indifferent und ablehnend. (1, S. 8) Von den 352 Befragten ohne Kinder stehen 34 % der Anthroposophie positiv bejahend gegenüber, 65 % jedoch indifferent und ablehnend. (1, S. 8) Das heißt also, daß auch die Bejahung der Anthroposophie sich positiv auf Kinderzahlen auswirkt, aber insgesamt nicht so eindeutig wie Kirchenmitgliedschaft. Auf letztere soll im weiteren vor allem eingegangen werden.

Alles, was man über anthroposophisch Orientierte liest und von ihnen sonst im Alltagsleben so erfährt, weist in die Richtung, daß auch für die (noch) kirchlich Gebundenen unter den Anthroposophen diese Kirchenzugehörigkeit selbst zumindest keine überdurchschnittliche Rolle spielt verglichen mit sonstigen (nicht anthroposophisch orientierten) kirchlich Gebundenen. (2) Aber diese letzteren weisen ja auch schon eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate auf.

Auch die Geburtenrate der Konfessionslosen unter den Anthroposophen ist untypisch für Konfessionslose an sich

Eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate insgesamt jedoch bei einem so überdurchschnittlich großen Anteil von Konfessionslosen muß mehr oder weniger zwangsläufig heißen, daß auch die Konfessionslosen unter den Waldorf-Schul-Absolventen eine Geburtenrate aufweisen, die deutlich über der sonstiger Konfessionsloser liegt und sich fast an konfessionell Gebundene annähert - - - wenn nicht die konfessionell Gebundenen unter den anthroposophisch Orientierten eine sich an die Geburtenrate von sonstigen Konfessionslosen annähernde Geburtenrate der Konfessionslosen durch überdeutlich starke Geburtenrate kompensieren würden. Genau das ist aber nun doch nur sehr wenig ausgeprägt der Fall wie man den oben angebenen Daten entnehmen kann. Eine so deutliche Scheidung in den Lebensstilen zwischen Konfessionslosen und Konfessionsgebundenen wie man sie dann voraussetzen müßte, findet man auch sonst wohl nirgends im Alltagsleben bei anthroposophisch orientierten Menschen vor.

(Leider kann man den bisher veröffentlichten Daten nicht auch noch entnehmen, ob etwa Konfessionslose mehr zu Einzelkindern und konfessionell Gebundene mehr zu mehreren Kinder neigen. Man muß sich zunächst mit den Daten begnügen, die veröffentlicht sind.)

Wie sind die Zahlen zu bewerten?

Also die Kirchenzugehörigkeit ist zwischen Ex-Waldorf-Schülern mit Kindern und ohne Kinder um 10 % verschoben. Ist das eine leichte oder eine deutliche Tendenz dahingehend, daß konfessionslose Waldorf-Absolventen weniger Kinder haben als konfessionell gebundene? Ich neige dazu, diese Tendenz als nicht sehr ausgeprägt zu beurteilen. Kann man aus dieser Tatsache also etwas Zuverlässiges ableiten? Soweit ich sehe nur die Tatsache, daß für das Geburtenverhalten bei anthroposophisch Orientierten Menschen insgesamt das Geburtenverhalten der konfessionell Gebundenen typischer ist als das der nicht konfessionell Gebundenen.

Man wird wohl so sagen können: Wenn die kirchlich Gebundenen unter den anthroposophisch Orientierten ähnliche Geburtenraten aufweisen wie auch nicht anthroposophisch orientierte kirchlich Gebundene, so haben zumindest die konfessionslosen anthroposophisch Orientierten eine Geburtenrate, die deutlich über sonstigen Konfessionslosen liegt. Das ist wohl die entscheidendere Erkenntnis dieses Beitrages. Sie haben ihren Anteil an der überdurchschnittlichen Geburtenrate der anthroposophisch Orientierten insgesamt zu großen Teilen nicht auf die konfessionell Gebundenen unter ihnen "abgewälzt". Und letzterer Umstand allein ist es wohl so mehr oder weniger, auf den es hier ankommt und um dessentwillen einem die Anthroposophen aus religionsdemographischer Sicht wichtig sein könnten.

Die merkwürdige "Christengemeinschaft"

Noch einige Angaben, die man den Tabellen zu Michael Blumes Fragestellung entnehmen kann: Von den 106 Katholiken haben 50 % Kinder und 50 % nicht. (1, S. 194) Der Anteil der Katholiken ist aber in den jüngeren Jahrgängen höher, wodurch man diese Zahlen als nicht sehr aussagekräftig einschätzen kann. Von den 352 Protestanten haben 68 % Kinder und 32 % keine.

Aber nun: Von den 106 zur Christengemeinschaft Gehörigen haben sogar 84 Kinder und 19 keine. (1, S. 194) Diese letztere Tatsache finde ich doch recht bemerkenswert und aussagekräftig. Sie widerlegt meiner Meinung nach mehr oder weniger deutlich die von mir im früheren Beitrag zitierte Vermutung von Michael Ebertz, daß die Christengemeinschaft "Nachwuchsprobleme" hätte. Vielleicht entscheiden sich von diesen aus irgendwelchen Gründen heute nur weniger als früher für den Besuch von Waldorf-Schulen? - Da stochert man bei den bisherigen Zahlen wohl noch im Nebel herum. (Auch hier wiederum ist zu berücksichtigen, daß die zur Christengemeinschaft Gehörigen mehr den älteren als den jüngeren Jahrgangs-Stufen angehören.)

Mehr kann man zur Zeit aus den veröffentlichten Daten dieser Studie, soweit ich sehe, für die hier interessierenden Fragestellungen nicht ableiten. Viele abgefragte Eigenschaften werden in der tabellarischen Aufschlüsselung nicht mit Kinderzahl abgeglichen, wodurch wichtige Erkenntnismöglichkeiten versperrt bleiben.

Aber das, was man eben hier schon sehen kann, schwächt meine bisherige These nicht sehr deutlich ab, sondern präzisiert sie noch. Vielleicht tragen die Konfessionslosen unter den anthroposophisch Orientierten weniger zur überdurchschnittlichen Geburtenrate derselben bei als die konfessionell Gebundenen. Aber sie tragen doch wohl ziemlich eindeutig zu ihr bei. Und das ist ein Umstand, der sonst wohl noch nicht für Konfessionslose hat nachgewiesen werden können.

Noch einmal allgemeiner zu Michael Blumes Überlegungen

Michael Blume schrieb auch (Relig.wiss.):
Ein muslimisches oder buddhistisches Kind wird durch den Besuch eines evangelischen Kindergartens doch auch nicht automatisch evangelisch.
Auch von dem - bislang wohl noch sehr unwahrscheinlichen - Fall eines muslimischen oder buddhistischen Kindes, das einen Waldorf-Kindergarten besucht, auch von diesem wird man, wie ich denke, schon von vornherein bestimmte Eigenschaften annehmen, die man auch bei Kindern dieser Herkunft allgemein nicht annehmen wird, wenn sie beliebige andere Kindergärten besuchen. Will heißen: Interesse für Waldorf-Schulen oder -Kindergärten ist eben bisher doch ein sehr starker "Selektionsfaktor" auf bestimmte Eigenschaften hin, und zwar auf solche, die auch mit Religiosität und Spiritualität zu tun haben, wie ja die Studie aufgezeigt hat. Nur eben sehr viel weniger mit "traditionellen" Formen derselben.

Weniger "Lehrgebäude" als "Lebensgefühl"

Alle Daten deuten darauf hin, daß diese Menschengruppe der der Anthroposophie und den Waldorf-Schulen Nahestehenden viel weniger durch ein bestimmtes "Lehrgebäude" oder etwas ähnliches definiert ist, sondern eher durch ein Lebensgefühl, eine Welthaltung. Und zwar ist das eine Gemeinsamkeit, die eben doch eindeutig überkonfessionell ist. Ich kennzeichnete es schon ziemlich platt - aber, wie ich finde, immer noch treffend mit den Worten: "Öko, Öko, Öko, Birkenstock, Birkenstock, Birkenstock."

Dieser Umstand wird auch recht hübsch durch die Tatsache illustriert, daß die Hälfte der Befragten mit einer politischen Partei sympathisieren und davon wiederum die Hälfte mit "Bündnis 90/Die Grünen". - Wer hätte das wohl - - - nicht gedacht? ;-) Und ein weiteres Viertel davon sympathisiert mit der SPD. (1, S. 202) Also in diesen Bereichen von "Lebensgefühl" wird eher die gemeinsame Identität und Religiosität dieser Gruppierung gesucht werden müssen, als in einem präziser umrissenen überkommenen christlichen Glaubensbekenntnis oder in präziser umrissenen christlichen, religiösen Haltungen.

"Dualisierung der Religion"

Michael Ebertz hat seine Ergebnisse in einem breiteren religionssoziologischen Rahmen interpretiert, nämlich in dem Denkrahmen von der modernen "Dualisierung der Religion", also dem Auseinanderklaffen von "institutioneller Religion" und "universaler Religion". Er zitiert dafür einen Roland Campiche (3). Vielleicht sollte man eher sagen, von der "Überschichtung" von traditioneller Religiosität durch neue religiöse Vorstellungen. So verweist Ebertz auch auf eine frühere Allensbach-Studie, wonach viele Menschen, die sich als Christen bezeichnen, an eine Wiedergeburt glauben, ohne sich überhaupt oft bewußt zu sein, daß das gar nichts mehr mit Christentum zu tun hat. (2, S. 148f) Und Ebertz interpretiert die Waldorf-Umfrage-Ergebnisse dahingehend, daß die Ex-Waldorf-Schüler nicht besonders stark durch *irgendeine* institutionelle Religion geprägt sind (auch nicht insgesamt gesehen im engeren Sinne durch die Anthroposophie), sondern zunächst einmal vor allem durch die sogenannte ("überschichtete") "universale Religion".

"Insider" bei den Anthroposophen - hier der Hamburger Christengemeinschafts-Pfarrer F. Hörtreiter (4) - formulieren, so zitiert Ebertz, daß es "bei uns viel Anarchie und Individualismus" gäbe. (2, S. 144) Also eigentlich alles eher typische Eigenschaften von Konfessionslosen und Atheisten - aber eben dennoch auch mit der aufgezeigten überdurchschnittlichen Geburtenrate.

Ich glaube, es wird gar nicht so ganz einfach sein, ähnlich fest umrissene Gruppierungen wie die hier behandelten Ex-Waldorf-Schüler oder die Patientengruppen von anthroposophischen Ärzten zu finden, von deren "universaler Religion" man so einfach wie bei dieser Gruppierung nachweisen könnte, daß diese auch bei Konfessionslosen überdurchschnittliche Geburtenrate bewirkt und mit sich bringt.
___________________

1. Randoll, Dirk; Barz, Heiner: Absolventenstudie zur Waldorf-Pädagogik (Deutschland). Tabellenband 1. (frei herunterladbar als pdf. ---> hier.)
2. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? In: Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Buchladen), S. 133 - 160 [wesentliche Auszüge - der Fragebogen, alle Rohdaten und die Einleitung - auch auf: www.waldorf-absolventen.de]
3. Campiche, Roland J.: Die zwei Gesichter der Religion. Faszination und Entzauberung. Zürich 2004
4. Hörtreiter, F.: Anthroposophie und christlicher Glaube. Eine Erwiderung auf Bernhard Grom SJ. In: Materialdienst der EZW 68/2005, S. 251 - 255 (im Netz siehe hier)

Samstag, 16. Februar 2008

Neue Religiosität

Meine Forschungen zur Beeinflussung der Geburtenrate durch die "Lebensreform-Bewegung" und durch "Neue Religiosität", das heißt, zum demographischen "Wettbewerb der Religionen" (Stud. gen. 1, 2), darunter neuerdings als erste Fallstudie zu den Anthroposophen (Stud. gen. 1, 2, 3), veranlassen mich, die Beiträge hier auf dem Blog detaillierter zu ordnen und zu kategorisieren und dazu eine neue Katergorie einzuführen, benannt ---> "Neue Religiosität". Diese Kategorie orientiert sich an den Themen des "Arbeitskreises zur Geschichte neuer Religiosität im 20. Jahrhundert", gegründet von Prof. Stefanie von Schnurbein und Dr. Justus H. Ulbricht. (siehe Stud. gen.). *)

Aber derartige Dinge veranlassen einen doch weiterzudenken: Wie ordnet sich eigentlich ein solches Phänomen wie "Neue Religiosität", von dem ich - im Prinzip - glaube, gezeigt zu haben, daß es dazu befähigt ist, ein neues "demographisches Regime" zu etablieren (also eine neue "Bevölkerungsweise" im Sinne von Gerhard Mackenroth), wie ordnet sich ein solches Phänomen in die geschichtliche Entwicklung etwa der letzten 400 Jahre ein? Ich ordne die wesentlicheren geistigen Tendenzen der letzten 400 Jahre, die zeitlich nacheinander aber auch parallel und sich gegenseitig ergänzend und abstoßend das Denken der aufgeweckteren Menschen ihrer Zeit bestimmten, in der Weise, daß ich sage:

Auf das Vorherrschen eines äußerst erfolgreichen alten "religions-demographischen Regimes" (einer religiös bestimmten und durch Religion stabilisierten "Bevölkerungsweise") folgte geschichtlich gesehen eine lange, schwierige Phase von Versuchen und Mißerfolgen, um auf die modernen gesellschaftlichen Entwicklungen in allen Bereichen von Theorie und Praxis neue religiöse, philosophische und weltanschauliche Antworten zu geben. Das heißt, es fand und findet Selektion statt auf Gen- und Mem-, sowie auf individueller und Gruppenebene, wobei die "evolutionär erfolgreiche Anpassung" mehr oder weniger eindeutig gelingt oder mißlingt. Den Atheisten weltweit ist sie bislang jedenfalls eindeutig mißlungen. Und dabei (und dadurch) kam es auch zu den "Urkatastrophen" des 20. Jahrhunderts, zu denen nun zuletzt auch der demographische Niedergang der westlichen und verwestlichten Gesellschaften unserer Zeit gezählt werden muß.

Atheismus bewirkt den demographischen Niedergang

Eine solche Gruppierung wie die der Anthroposophen zeigt aber nun - zumindest für mich - auf, daß es prinzipiell möglich ist - und deshalb sicherlich mit geschichtlicher Notwendigkeit früher oder später günstigstensfalls auch geschehen wird und muß -, daß sich durch die Ausbreitung "Neuer Religiosität" (also neuer "Meme") in westlichen und verwestlichten Gesellschaften sich ein neues "religions-demographisches Regime" etabliert, das befähigt ist, die kulturelle Entwicklung der westlichen Gesellschaften der letzten 400 Jahre weiterzuführen, statt sie zusammenbrechen und beenden zu lassen. Dies wäre die erforderliche "Mindestproduktion innovativen Wandels", die es nach Joseph A. Tainter geben müßte, um komplexe, arbeitsteilige Gesellschaften vor dem Zusammenbruch zu bewahren und ihre Fortexistenz sicherzustellen. (Stud. gen.-Buchhandlung)

Es wäre ja doch ein hochgradiger Widersinn, daß es eine Wiederbelebung geschichtlich und geistig längst überwundener Formen von Religiosität sein sollte, die die westlichen Gesellschaften vor dem demographischen Zusammenbruch retten könnte. Daß darauf derzeit noch so viele Menschen starren und hoffen, zeigt das ganze Ausmaß an geistiger Unflexibilität unserer Zeit auf. - Jedenfalls: Aus solchen und weiteren Überlegungen ergäben sich grob die folgenden fünf Phasen in der "religions-demographischen Geschichte Europas" der letzten 400 Jahre:

1. Vor 1600: Das Vorherrschen "alter Religiosität" (des Christentums).

2. Seit etwa 1600: Kritik an der alten Religiosität (also die "Religionskritik" seit der "Aufklärung" bis zum Bestseller "Gotteswahn" von Richard Dawkins).

3. Seit etwa 1750: In der städtischen Bildungsschicht erste und vielfältige Artikulationen eines vollwertigen Ersatzes für die alte Religiosität (siehe etwa: Giordano Bruno, Naturwissenschaft, französische "Vernunftreligion", deutsche Klassik, deutscher Idealismus, deutsche Romantik - insbesondere Friedrich Hölderlin -, künstlerisches und kulturelles Schaffen in Europa etwa zwischen 1750 und 1950, umfassendere Lebensreform-Bewegungen im 20. Jahrhundert)

4. Seit etwa 1917: entseelte und zutiefst unmoralische Versuche der Etablierung von Lebensreform und "neuer Religiosität" durch die "politischen Religionen" des 20. Jahrhunderts: Kommunismus, Nationalsozialismus, Kapitalismus, Neoliberalismus und Atheismus, sowie moderne, gänzlich entseelte und moralisch völlig verflachte Entwicklungen auf allen Gebieten der Kultur und des Alltagslebens.

5. Seit etwa 1920 (und in starker Reaktion auf 4.): "Neue Religiosität" auf der Grundlage eines konsequent naturalistischen Weltbildes aber bei gleichzeitigem Leben und Formulieren einer mindestens hinlänglich vorbildlichen Moral und Ethik ("Prinzip Verantwortung"). (In vielerlei Ansätzen zu finden bei: Anthroposophen, Wandervögeln, bei Werner Heisenberg, Albert Einstein, Hans Jonas, Nicolai Hartmann, Konrad Lorenz, Adolf Portmann, Sigrid Hunke, Dieter Henrich, Hoimar von Ditfurth, Paul Davies, Richard Dawkins, David Sloan Wilson, Edward O. Wilson, John Leslie und vielen anderen mehr.)
____________

*) Gleichzeitig habe ich die Kategorie "Monotheismus" umbenannt in "Alte Religiosität [Monotheismus]" und die inzwischen zur Allerwelts-Kategorie aufgeblähte Kategorie "Religiosität" entschlackt und unbenannt in "Religiosität allgemein".

Freitag, 15. Februar 2008

Anthroposophen: Auch Neue (nicht-monotheistische) Religiosität in westlichen Gesellschaften erhöht Geburtenrate

Religionswissenschaftler Michael Blume vermutete gelegentlich in verstreuten Diskussionen, daß die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Anthroposophen (St. gen. 1, 2) darauf zurückgeführt werden könnte, daß sie betonter als die Durchschnitts-Bevölkerung christlich-religiös wären. (Blume, Abgefischt 1, 2, 3) Er erwähnt, daß Rudolf Steiner selbst eine "Christengemeinschaft" gegründet hätte, die heute noch fortbesteht. Zu ergänzen ist zu letzterem zunächst, daß Rudolf Steiner selbst dieser Christengemeinschaft offenbar nie beigetreten ist. (1, S. 137)

Die religionssoziologische Literatur zu den Anthroposophen zeichnet nun aber doch ein wesentlich vielschichtigeres Bild, als offenbar von Michael vermutet. (1) 1.124 frühere Absolventen von Waldorf-Schulen wurden Ende 2004, Anfang 2005 - auch - zu ihrer religiösen Orientierung befragt (1, S. 134ff). (pdf.)

Die Kompliziertheit der bezüglich einer solchen Menschengruppe wie den Anthroposophen vorliegenden Verhältnisse wird zunächst besonders verdeutlicht durch die Tatsache, daß 60 % der Waldorfschul-Absolventen der Anthroposophie selbst indifferent, skeptisch oder negativ gegenüber stehen! (!!!) (1, S. 137) Und dennoch würden 80 % der Befragten wieder auf eine Waldorf-Schule gehen. (1, S. 139) (!!!) Also offenbar liegt hier, wie von mir schon vermutet, eine religionsdemographische Untersuchungs-Gruppe vor, deren Gemeinsamkeit vor allem erst einmal nur in einem gewissen Lebensgefühl besteht (z.B. "Öko" und "Birkenstock") und viel weniger in der Orientierung an einer bestimmten festumrissenen Ideologie, Weltanschauung oder Religion.

43 % Kirchenfreie unter den Waldorf-Schul-Absolventen - Tendenz steigend

Da man nun schon der Anthroposophie selbst so indifferent gegenüber steht, werden sich diese Umstände noch einmal verstärkt kundtun im Verhältnis zu den überkommenen christlichen Religionen. Hierzu einige Daten:

Während es
- in Deutschland insgesamt im Jahr 2005
32 % Kirchenfreie (Konfessionslose) und 65 % Kirchenmitglieder unter der Bevölkerung gab,
- in den neuen Bundesländern jedoch
70 % Kirchenfreie und 30 % Kirchenmitglieder,
gab es unter den 2004/05 befragten früheren Absolventen von Waldorf-Schulen (alles Westdeutsche):
43 % Kirchenfreie und 57 % Kirchenmitglieder. (1, S. 134f) Also eine Kirchlichkeitsrate, die ziemlich genau auf der Mitte zwischen all den "Namenschristen" der alten Bundesländer und all den "Atheisten" der neuen Bundesländer angesiedelt ist.

Ich denke also, Michael wird einige Gehirn-Akrobatik aufwenden müssen, um eine gegenüber der Normalbevölkerung leicht überdurchschnittliche Geburtenrate durch eine gegenüber der Normalbevölkerung deutlich unterdurchschnittliche Kirchlichkeitsrate erklären zu können.

Dabei ist noch festzustellen, daß die Nichtkirchlichkeitsrate unter den Anthroposophen (bzw. hier: Waldorfschul-Absolventen) zu steigen scheint, daß sie aber schon bei den älteren Jahrgängen überdurchschnittlich hoch war. Bei den 30 - 37-Jährigen lag sie im 2004/05 bei 47 % Kirchenfreie (53 % Kirchenmitglieder), während schon die älteren Jahrgänge (62 - 66-Jährige) eine gegenüber der heutigen Durchschnittsbevölkerung überdurchschnittlichen Anteil an Kirchenfreien/Konfessionslosen aufwiesen: 38 % Konfessionslose gegenüber 62 % Kirchenmitgliedern.

Also noch einmal wiederholt: Die Waldorfschul-Absolventen der letzten Jahrzehnte weisen (anzunehmenderweise) eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei zugleich leicht bis deutlich unterdurchschnittlicher Kirchlichkeitsrate auf. Sie stehen was Kirchenmitgliedschaft betrifft, zwischen der Durchschnittsbevölkerung der alten und der der neuen Bundesländer, und zwar auch schon die älteren Jahrgänge. Und zwar obwohl sie in ihrer weit überwiegenden Mehrheit Bewohner der alten Bundesländer sind. Von einer betonteren Nähe zu Kirche und Christentum scheint hier nirgends die Rede sein zu können.

Nachwuchsprobleme der anthroposophischen "Christengemeinschaft"

Aber noch weitere Tatsachen können Hinweise geben:

Von den Kirchenmitgliedern unter den Waldorfschul-Absolventen (also von den genannten 57 %) gehören
55 % protestantischen Kirchen
17 % der katholischen Kirche
17 % der (schon eingangs genannten anthroposophischen) "Christengemeinschaft" und
10 % jüdischen, buddhistischen und anderen Glaubensgemeinschaften an. (1, S. 136)

Bei den jüngeren Jahrgangsgruppen ist nun aber auffälligerweise der Anteil der Mitglieder bei der "Christengemeinschaft" auf 12 % gesunken, der Anteil der Katholiken jedoch auf 27 % gestiegen. "Was auch," wie die Studie vermutet, "auf erhebliche Nachwuchsprobleme dieser Weltanschauungsgemeinschaft" (nämlich der Christengemeinschaft) "schließen läßt". (1, S. 137)
[Achtung, die folgenden beiden Absätze sind unklar, deshalb verkleinert. Die Dinge werden in einem späteren Beitrag besser geklärt. Genaueres dazu siehe ---> hier.]
Es drängt sich also auch hier der Eindruck auf: Die von Michael genannte "Christengemeinschaft" selbst und eine betont christliche Orientierung unter Anthroposophen scheinen es nicht zu sein, die ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate hervorrufen. Wie denn auch, wenn es offenbar die etwa 20.000 Mitglieder der "Christengemeinschaft" in Deutschland sind, also offenbar der "Kerntruppe" der christlich Gesonnenen unter den Anthroposophen, die die deutlichsten Nachwuchsprobleme unter ihnen haben. Wenn die leicht überdurchschnittliche Geburtenrate der Anthroposophen auf eine betontere Christlichkeit zurückzuführen sein sollte, dann sollte doch genau dieser Umstand noch einmal am Mitgliederzuwachs der "Christengemeinde" zusätzlich deutlich und prägnant festzustellen sein.
Aber genau das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Viel mehr:
Es eine leicht überdurchschnittliche Geburtenrate bei überdurchschnittlicher und stetig wachsenden Anteilen von Konfessionslosigkeit.
Ich denke, diese Tatsachen sind ausreichend, um die Hypothese (von Michael) zurückzuweisen, es wäre eine überdurchschnittliche Christlichkeit, die die überdurchschnittliche Geburtenrate bei den Anthroposophen hervorruft.


Aber welche Art von Religiosität könnte es dann sein, die das typische Lebensgefühl von anthroposophisch orientierten Menschen (hier: Waldorfschul-Absolventen) ausmacht? Dies wird in den weiteren Ausführungen der Studie etwas verdeutlicht. Es sind bei der Befragung von 2004/05 auch Aussagen abgefragt wie die folgenden: "Der Gedanke an eine höhere kosmische Ordnung gibt mir Sinn und Orientierung in meinem Leben." Dieser Satz wird von 58 % der Befragten bejaht. (1, S. 141) Weiterhin werden Wiedergeburts-Glaube, Karma-Glaube, "Existenz höherer Wesensglieder" und "meditative/kontemplative Erfahrung" abgefragt jeweils mit hier nicht genauer aufzuschlüsselnden - aber interessanten - Ergebnissen.

Und im "Ausblick" der hier benutzten Studie heißt es noch deutlicher:
"Auf dem Hintergrund der hier vorgelegten Analyse vermute ich unter den Befragten neben einigen (wenigen) christlichen und nicht-christlichen Theisten, die an eine höhere, außerweltliche Macht glauben, zu der jeder einzelne eine Beziehung aufbauen kann, eine - je jünger sie sind - starke Majorität an so genannten 'Vitalisten', welche die persönliche Existenz durch Wiedergeburt in einem Kreislauf des Lebens und der Natur eingespannt sehen und den Sinn des Lebens in ihm selbst sehen." (1, S. 158)
Fazit: Die Anthroposophen wird man in ihrer Gesamtheit keineswegs als prononciert oder überdurchschnittlich durch Monotheismus geprägte Menschen ansehen können. Und auch ihre leicht überdurchschnittliche Geburtenrate wird man deshalb auf andere Ursachen zurückführen müssen, als gerade auf eine solchartige Prägung.

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Abschließend noch einmal Originaltext der Studie:
"Läßt die Gesamtbevölkerung in Deutschland aller religiösen und weltanschaulichen Pluralität zum Trotz immer noch eine ziemlich klare Präferenz für das Christentum und die beiden großen Konfessionskirchen erkennen, zumindest was die formale Zugehörigkeit angeht, wird man hiervon bei den ehemaligen Waldorfschülerinnen und -schülern immer weniger ausgehen können. Sie stellen keinen religiöse Mikrokosmos der religiösen Landschaft in Deutschland dar. Eine starke Minderheit, nämlich gut zwei Fünftel der Befragten, ist religiös nicht organisiert (43 %); je jünger die Befragten sind, desto geringer ist dere Anteil der religiös Organisierten (30 - 37jährige: 53%). Diese machen bei den älteren Alterskohorten immerhin noch zwei Drittel aus (62-66jährige: 62%). (...)

Die Nähe und Ferne zur Anthroposophie scheint hierbei in keinem signifikanten Zusammenhang zu stehen; die Wahrscheinlichkeit ist nur etwas größer, unter den der Anthroposophie nahe stehenden Absolventinnen und Absolventen auch auf religiös Organisierte zu stoßen. (...) Mehr Frauen (60 %) als Männer (52 %) unter den Befragten gehören einer Religionsgemeinschaft an."

"Bereits die vergleichsweise schwache konfessionelle Bindung der ehemaligen Waldorfschüler weist darauf hin, daß sie - jedenfalls ein Großteil unter ihnen - nicht zum Pol der institutionalisierten Religion tendieren."

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Benutzte Literatur:

1. Ebertz, Michael N.: Was glauben die Ehemaligen? In: Barz, Heiner; Randoll, Dirk (Hg.): Absolventen von Waldorfschulen. Eine empirische Studie zu Bildung und Lebensgestaltung. 2. Aufl. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007 (St. gen.-Buchladen), S. 133 - 160 [wesentliche Auszüge - der Fragebogen, alle Rohdaten und die Einleitung - auch auf: www.waldorf-absolventen.de]

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