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Freitag, 15. Juni 2007

Elterngehalt statt heillosem Methoden-Wirrwarr

Siebter und - vorerst - letzter Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

In der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ist in sieben Beiträgen aus dem Mai und Juni 2007 der Weg aufgezeichnet, auf dem der Autor dieser Zeilen sich in Auseinandersetzung mit einigen wichtigeren Neuerscheinungen in der Fachliteratur von der offensichtlichen Notwendigkeit eines Erziehungsgehaltes überzeugte. Jeder, der sich von dieser Notwendigkeit überzeugt, sieht so in etwa die gleichen Zusammenhänge. Aber jeder mag auch auf leicht unterschiedlichem Wege zu dieser Einsicht gekommen sein. - Bei Zeit und Gelegenheit muß der Faden dieser Beiträge anhand neuerer Fachliteratur auch wieder aufgenommen werden. (Letzte Überarbeitung 11.7.09)

In den unserer Zeit angemessenen familienpolitischen Zusammenhängen zu denken, ist heute so schwierig, weil unser gesamtes Sozial- und Wirtschaftssystem nach allen möglichen Rationalitäten ausgerichtet und strukturiert ist, nur nicht nach der Rationalität, die heute für die langfristige Stabilität dieses Sozial- und Wirtschaftssystems die wichtigste ist, nämlich: daß Menschen Kinder haben. Diese Fehlentwicklung begann - das wurde hier auf dem Blog schon ausgeführt - spätestens mit der Rentenreform von Konrad Adenauer und dessen Mißachtung der Mackenroth-Thesen von 1952. Und dieser grundlegende Fehler ist bis heute von keiner deutschen Regierung jemals auch nur ansatzweise angemessen korrigiert worden.

Aber allein diese Rationalität muß im Mittelpunkt stehen. Doch stattdessen gibt es - wie es beschönigend genannt wird - einen "ausgeprägten Instrumenten-Pluralismus" auf dem Gebiet der Familienpolitik (1, S. 12, 20), also einen heillosen, hilflosen Wirrwarr von einzelnen Maßnahmen, den nur Volkswirtschafts-Doktoranden nach zwei Jahren Arbeit einigermaßen überblicken und durchschauen, und wo immer noch zweifelhaft bleiben muß, ob sie nicht grundlegendste Prinzipien übersehen oder mißachtet haben.

Dieser "Pluralismus", bzw. Wirrwarr erstreckt sich über zehn Politikbereiche (also über die Steuerpolitik, die Sozialpolitik, die Bildungspolitik und weitere Politikfelder), in denen im Laufe der Jahre nach Selbstdarstellung der Bundesregierung (d.h. im Jahr 2002) 109 unterschiedliche Maßnahmen zur Familienpolitik ergriffen worden sind, die bei heutigen Berechnungen berücksichtigt werden müssen. (1, S. 13f)

Allzu leicht kann es da passieren, daß der eigentliche Elefant im Raum übersehen wird, daß man den Wald vor lauter Bäumen völlig aus den Augen verliert.

"Ausgeprägter Instrumenten-Pluralismus"

Beim genaueren Studium kann einem zweifelhaft werden, ob die in einem früheren Beitrag (St. gen.) behandelte Volkswirtschafts-Dissertation von Frank Kupferschmidt, die eigentlich - auf den ersten Blick - eine sehr ordentliche Arbeit zu sein scheint, ob auch sie überhaupt den zu stellenden Ansprüchen genügt.

Der vorige Beitrag enthielt einen logischen Fehler, der so stehen bleiben soll, weil er aufzeigt, wie schwierig es ist, zu Klarheit auf diesen Gebieten durchzudringen. Offenbar ist das auch nicht im wesentlichen der Fehler des Autors dieser Zeilen, sondern der Fehler der benutzten Studie von Frank Kupferschmidt. Bei der Auflistung der Leistungen, die für das Aufziehen von Kindern erbracht wurden, sind in den dort angeführten Berechnungen die Leistungen, die die Familien selbst von sich aus direkt vor Ort für die Kinder erbringen, nicht enthalten. Also im Punkt 1 ist vor allem der Faktor Betreuung nicht enthalten.

Über diesen Sachverhalt geht das Buch offenbar nur in einem Nebensatz (1, S. 16) hinweg, wo es heißt:
"Die Auflistung der gesamten Aufwendungen ist jedoch nicht nur wegen der (noch) nicht ausreichenden Daten zu familiären Zeitbudgets schwierig ..."
Das heißt, mit diesen Zeitbudgets befaßt sich das Buch gar nicht. Da wird deutlich, in was für eine Schieflage die ganze Argumentation von vornherein kommt. Ja, möglicherweise wird diese Studie durch diese Nichtberücksichtigung in weiten Teilen sogar nutzlos.

Argumentation ohne Einberechnung eines Elterngehaltes nutzlos?

Das ganze Buch will also nur zur Darstellung bringen, daß Familien alle jene Leistungen, die vom Staat zum Aufziehen von Kindern geleistet werden - entweder direkt an die Eltern oder durch die Finanzierung staatlicher Schulen usw. -, sowieso schon zu 43 % selbst zuvor an den Staat abgeführt haben, da die Familien wie alle anderen auch Steuern zahlen. Dies ist der in der Studie so genannte "Eigenfinanzierungsanteil der Familien".

Aber was sagt dieser Anteil eigentlich aus? Soweit erkennbar wird, keineswegs genug, um zu einer abschließenden und gültigen Beurteilung von Leistungsgerechtigkeit oder -ungerechtigkeit zu kommen.

Die ganze Rechnung wird erst dann komplett und folgerichtig - soweit erkennbar -, wenn der im vorigen Beitrag genannte Punkt 1 mit in die Rechnung hineingenommen wird. Man ist aber zu optimistisch, wenn man annimmt, das sei in der behandelten Dissertation von Frank Kupferschmidt schon (*irgendwie*) geschehen. An dieser entscheidenden Stelle wird deutlich: Die Rechnung wird erst dann komplett, kann erst dann komplett werden, wenn man den Eltern ein Erziehungsgehalt bezahlt, das ebenso versteuert wird wie alle anderen Gehälter. So auch das Gehalt der Kindergärtnerin, die die Kinder außerhäuslich betreut, und die ja auch dafür bezahlt wird, bzw. bezahlt werden muß. Und die Rechnung wird außerdem auch erst dann vollständig, wenn mit einbezogen wird, was die Eltern für ihre Kinder für Essen, Unterkunft, Spielzeug, Reisekosten (usw.) monatlich ausgeben. Auch das muß von allen bezahlt werden, weil alle davon profitieren.

Kinder sind volkswirtschaftlich gesehen kein "Vergnügen"

Wenn das Prinzip gilt, daß die grundlegende Versorgung (Essen, Unterkunft, Kleidung, Spielzeug ...) der Kinder vom Staat (das heißt von allen) bezahlt wird (und nicht nur von den Familien selbst), weil ja auch alle davon profitieren, dann braucht es auch nichts geben, was vom häuslich verdienten Elterngehalt oder vom außerfamiliär verdienten Gehalt für die Steuerzahlung freigestellt wird. Häuslich und außerhäuslich verdientes Geld können dann gleich besteuert werden - unabhängig von familienpolitischen Erwägungen. Genauso wie ja auch das Gehalt der Kindergärtnerin nicht (per se) freigestellt wird. Es könnte sein, daß dieses letztere Prinzip größtenteils schon durch die gegenwärtigen Maßnahmen (Kindergeld, Steuerfreistellung) einigermaßen sichergestellt ist, wenn auch die Zusammenhänge für den Normalbürger völlig undurchschaubar sind. Besser durchschaubar und einfach auch sachlich richtig wäre es, wenn die Dinge so strukturiert würden, wie soeben ausgeführt.

Denn undurchschaubar bleibt es letztlich auch für die Fachleute. Das Problem ist nämlich jetzt vor allem, daß die genannte Berechnung von 43 % "Eigenfinanzierungsanteil der Familien", soweit erkennbar, im Grunde genommen gar nichts aussagt. Denn jetzt müßte man ja wieder fragen, wie gerecht oder ungerecht diese 43 % sind. Und welche Maßstäbe will man dafür heranziehen? Die Lasten für das Aufziehen von Kindern sind nur dann gerecht verteilt, wenn jeder für die Arbeit, die er - auch - in diesem Zusammenhang erbringt, ein Gehalt bekommt. Die einzigen, die keines bekommen, sind die Eltern.

Somit ergibt sich zwanglos die Forderung nach einem Erziehungsgehalt, allein schon, um überhaupt alles richtig berechnen zu können und um überhaupt sinnvoll politisch entscheiden zu können. Und dieses wird sich staffeln nach dem Alter und nach der Anzahl der Kinder. So lange es also ein Kind vor dem dritten Lebensjahr in der Familie gibt, wird auf jeden Fall das volle Gehalt einer mindestens acht Stunden arbeitenden Kindergärtnerin zu zahlen sein. Für die Betreuung eines Kindes zwischen dem dritten und dem sechsten Lebensjahr sicherlich immer noch 80 % eines solchen Erziehungsgehaltes, bei zwei und mehr Kindern 100 %, insofern beide Kinder ganztags zu Hause betreut werden. Dieses Elterngehalt können sich übrigens Vater und Mutter ganz flexibel untereinander aufteilen. (Um so flexibler übrigens, um so flexibler außerhäusliche Arbeitgeber in diesen Punkten sind.) Und natürlich kann das Elterngehalt auch dazu verwendet werden, um eine Kindergärtnerin oder eine Haushaltshilfe, ein Kindermädchen für die Kinder zu finanzieren.

Erst wenn die Sache so aufgezogen wird, kommt doch Vernunft in diese ganzen Angelegenheiten hinein und dann kann doch überhaupt erst beurteilt werden, wie gerecht oder ungerecht ein System ist. Diese Freistellungen von Steuerzahlungen waren doch nur eine ganz hilflose erste Maßnahme, auf die, soweit erkennbar wird, das Bundesverfassungsgericht gedrängt hat. Es ist nur ein Provisorium, ein Notbehelf.

Darum noch einmal grundsätzlich: Kinder sind volkswirtschaftlich gesehen kein "Vergnügen", bei dem man dafür, daß man dieses Vergnügen haben darf, bezahlen muß. Sondern Kinderbetreuung ist eine Arbeitsleistung wie jede andere auf dieser Welt. Sie muß bezahlt, das heißt entlohnt werden: durch ein Erziehungsgehalt.

Versteht man es richtig, wenn man sagt, daß Frank Kupferschmidt zur Zeit nur berechnet, daß Familien im Jahr 60 Milliarden Euro für das "Vergnügen" bezahlen, Kinder haben zu dürfen? So war der Eindruck bisher. Das wäre aber nicht richtig. Denn Familien sollen nicht mehr und nicht weniger als Kinderlose dafür bezahlen, daß es Kinder gibt, und daß Kinder großgezogen werden, sondern schlicht: gleichviel. Ob sie das tun oder nicht, kann aus dieser bisherigen Berechnung des "Eigenfinanzierungsanteils" nicht abgeleitet werden. Es sei denn, hier liegt immer noch ein großer logischer Fehlschluß vor. Wozu hat Kupferschmidt dann aber seine großartigen Berechnungen aufgestellt?

- Über eine Bekannte wird man in diesem Zusammenhang auf folgenden Netzverweis hingewiesen: "Verband der Familienfrauen und -männer e.V." Auch da macht man sich über diese Dinge Gedanken und stellt Forderungen auf wie in vielen ähnlichen Vereinigungen.

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1. Kupferschmidt, Frank: Umverteilung und Familienpolitik. Eine empirische Analyse der Verteilungs- und Umverteilungswirkungen familienpolitischer Leistungen in Deutschland. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2007 (Diss. Nürnberg 2007)

60 Milliarden Euro bezahlen Familien für Zigarettenautomaten und Kneipenbesuche?

Sechster und vorletzter Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

Ein recht aktueller Einstieg in die Thematik ist:
Kupferschmidt, Frank: Umverteilung und Familienpolitik. Eine empirische Analyse der Verteilungs- und Umverteilungswirkungen familienpolitischer Leistungen in Deutschland. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2007 (Diss. Nürnberg 2007)
Es scheint dies die aktuellste wissenschaftliche Veröffentlichung zur Thematik zu sein. In der dortigen Zusammenfassung heißt es:
"Ein Überblick über die vorhandene Literatur zu distributiven Aspekten der Familienpolitik zeigt, daß bisher keine Forschungsarbeit deren Verteilungs- und Umverteilungswirkungen in der Gesamtschau untersucht. Zudem wird immer wieder die Ermittlung des Eigenfinanzierungsanteils der Familien an der Familienpolitik angemahnt. Die vorliegende Arbeit schließt diese Lücke." (1, S. 217)
Es soll versucht werden, hier die Ergebnisse (1, S. 217ff) zu referieren.
"Die Arbeit betrachtet familienpolitische Leistungen in Höhe von insgesamt 136,4 Mrd. Euro."
Bezugsjahr hierfür ist das Jahr 2001. Darin sollen also enthalten sein alle Leistungen, die im Jahr 2001 in Deutschland für das Aufziehen von Kindern erbracht worden sind. Diese wurden erbracht

1. von den Familien selbst. Durch Betreuung (Achtung: das ist genauer zu betrachten! siehe nächster Beitrag!), durch das Finanzieren und Zubereiten von Essen, Kleidung, Unterkunft, Spielzeug, Reisekosten (usw.) für die Kinder.

Und darin sind enthalten

2. die Leistungen, die der Staat für das Aufziehen von Kindern erbringt in Deutschland. Darin sind wiederum enthalten

a) "Geldtransfers". Dazu zählen: Erziehungsgeld, Kinderkomponenten der Sozialhilfe und des Wohngelds, Unterhaltsvorschuß, sowie Ausbildungsförderung. Und es sind darin enthalten

b) "Sachtransfers". Dazu gehören: die Finanzierung von Kindergärten, Schulen, Jugendhilfe und sozialem Wohnungsbau. (Kapitel 5)

Ebenso sind eingerechnet

3. die Steuervergünstigungen für Familien (Kapitel 6). Ebenso sind eingerechnet

4. die Leistungen, die die Sozialversicherungen erbringen (Krankenversicherung, Rentenversicherung, Arbeitslosenversicherung). (Kapitel 7)

Außerdem sind einberechnet

5. die Leistungen, die Arbeitgeber erbringen (Familienzuschläge, Entgeltfortzahlung). (Kapitel 8)

All das ist enthalten, wenn formuliert wird: "Die Arbeit betrachtet familienpolitische Leistungen in Höhe von insgesamt 136,4 Mrd. Euro."

Wie hoch ist der Eigenfinanzierungsanteil der Familien?

Und nun stellt sich zunächst die wichtige Frage:
"Wie hoch ist der Eigenfinanzierungsanteil von Familien an familienpolitischen Leistungen? Der Eigenfinanzierungsanteil aller Familien beträgt je nach Berechnungsvariante zwischen 43,1 und 43,3 % und liegt damit über der Referenzgröße aus dem Fünften Familienbericht von rund 32 %."
Dazu die folgende Bemerkung: Nachdem der Fünfte Familienbericht 1994 erschienen war, war die Republik, soweit sie von ihm Kenntnis nahm, "geschockt". Vielerorts wurde im Anschluß an den Schock "vermutet", der Eigenfinanzierungsanteil sei in diesem Bericht als zu hoch berechnet worden. Die Sachverständigen-Kommission von 2001 sagte zu diesem Thema:
"Im Gutachten wird detailliert dargestellt, daß im Rahmen des gegenwärtigen Systems der Familienförderung je nach Familientyp zwischen 48 und 66 Prozent dieser Gesamtaufwendungen, also annähernd die Hälfte bis zu zwei Dritteln direkt von den betroffenen Familien getragen werden." (2, S. XXIVf)
Und nun weiter (1, S. 220):
"Die Bruttogröße des familienpolitischen Budgets verringert sich in der Nettobetrachtung nach Abzug des Eigenfinanzierungsanteils von 136,4 Mrd. Euro auf 76,9 bis 77,5 Mrd. Euro im Bezugsjahr 2001. Dieser Betrag wird tatsächlich von Kinderlosen an Familien umverteilt, während letztere dagegen 58,8 bis 59,4 Mrd. Euro selbst zu den Kosten beitragen." (1, S. 220)
Im weiteren scheint diese Studie nun aber - leider - die derzeitige Argumentation des Familienministeriums aufgenommen zu haben, nach der die weitere Umverteilung von den Kinderlosen zu den Familien mit Kindern vornehmlich durch weitere Sachleistungen des Staates erfolgen soll, also vornehmlich in Form von Kinderkrippen. Das nennt sich - oder schimpft sich - dann: "erwerbsorientierte Familienpolitik". Und an anderer Stelle nennt sich das dann gar: "erwerbsorientierte, demographiefreundliche Familienpolitik".

Um wieviel würde denn eigentlich finanzielle Ungerechtigkeit verringert durch Krippenpolitik?

Da muß einen dann zunächst interessieren: Um wieviel verschiebt sich denn insgesamt der Eigenfinanzierungsanteil der Familien, wenn das derzeit anvisierte System der Krippenbetreuung in vollem Umfang realisiert ist? Selbst das soll ja noch viele Jahre dauern. Viele Jahre, in denen die derzeitige Ungerechtigkeit, die schon Jahrzehnte lang besteht, weiterhin anhält. Und selbst wenn wir von der Argumentation ausgehen wollten, daß durch die Krippen mehr Leistungsgerechtigkeit hergestellt würde, hat der Bürger doch zunächst einmal Anspruch zu erfahren: um wieviel mehr? Es wird jetzt viele Jahre gewartet. Aber was ist denn dann eigentlich erreicht? Um wieviel verschiebt sich denn die derzeitige Ungerechtigkeit dadurch zu weniger Ungerechtigkeit?

Wieviel von den 60 Mrd. Euro würde sich denn dadurch von den Familien überhaupt zu den Kinderlosen verschieben? Und wenn ein Rest verbleibt - was doch sicherlich der Fall ist: Wie gedenkt die Familienministerin, den Restbetrag Ungerechtigkeit zu beseitigen? Will heißen: Besteht ein Gesamtkonzept in Fragen der Familienpolitik oder wird weitergewurstelt wie seit Jahrzehnten? (Von Adenauers "Kinder bekommen die Leute immer" bis zu Blüms "Die Renten sind sicher" ...) Das werden doch die Familien und jene, die etwaig noch Familie gründen wollen, können, erfahren dürfen? (Und auch ohne sich dem Vorwurf der Familienministerin aussetzen zu müssen, man wolle mehr Geld für Zigarettenautomaten und Kneipenbesuche haben.)

Die Gedanken des Frank Kupferschmidt (1) und anderer Fachleute zur Thematik müssen dazu noch weiter verfolgt werden. (siehe St. gen.)

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1. Kupferschmidt, Frank: Umverteilung und Familienpolitik. Eine empirische Analyse der Verteilungs- und Umverteilungswirkungen familienpolitischer Leistungen in Deutschland. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main 2007 (Diss. Nürnberg 2007)
2. Wissenschaftlicher Beirat für Familienfragen: Gerechtigkeit für Familien. Zur Begründung und Weiterentwicklung des Familienlasten- und Familienleistungsausgleichs. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Familie, Band 202, Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2001

Betreuungsgeld - Der familienpolitische Offenbarungseid aller Parteien

Fünfter Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

Familienpolitik! Was für ein langweiliges Thema! Es gibt ja gewiß wichtigere Themen. Zum Beispiel die Frage, wieviele tausend weitere deutsche Soldaten wir nach Afghanistan bringen sollen. ...

Aber ernsthaft: Wenn man es richtig beobachtet, dann ist der derzeitige Umschwung zu verstärkter außerhäuslicher Betreuung sehr plötzlich gekommen. In Sachverständigen-Gutachten des Familienministeriums noch vor wenigen Jahren war davon nirgends die Rede. Auch nicht in der familienpolitischen Literatur, etwa bei Franz Xaver Kaufmann ("Schrumpfende Gesellschaft"). Auch nicht in jenem Gutachten von 2001, dessen Titel lautet "Gerechtigkeit für Familien" (1), wo, wie einem scheinen könnte, schon alle Argumente weitgehend vollständig zusammen getragen worden waren, die auf diesem Gebiet vertreten werden müssen. Und dieses Gutachten ist ja nicht von irgendeiner Seite aus politisch oder weltanschaulich "gefärbt". Es bringt ja einfach einen Konsens zum Ausdruck, der schon seit Jahrzehnten in der Forschung und unter Verfassungs-Juristen besteht, spätestens seit den entscheidenen BVG-Urteilen zur Gerechtigkeit für Familien.

In den Ministerien sieht man, daß etwas geschehen muß. Da bisher nirgends auch nur irgendwie politisch die Bereitschaft bestand, einen gerechten Leistungsausgleich zwischen Familien mit Kindern und Kinderlosen herzustellen, da das auch sehr große Umwälzungen bedeuten würde, entscheidet sich die derzeitigen Bundesfamilienministerin Frau von der Leyen sehr "ad hoc" für das Naheliegendere, Machbarere, nämlich - und das "sehr plötzlich" - für außerhäusliche Betreuung. Ein solcher Aktionismus spricht offenbar auch eine feministische und kinderlose Agenda wesentlich besser an als jene konsequenten Standpunkte, die seit Jahrzehnten in Gutachter-Gremien erarbeitet werden.

Daß so ein Schwenk aber überhaupt geschehen konnte, ohne daß da jemand merkt, daß plötzlich alles ganz anders läuft, als Jahrzehnte lang in Kommissionen diskutiert und vorbereitet worden war, liegt wohl einfach daran, daß über all diese Dinge seit Jahrzehnten in Politik und Medien kaum gesprochen wurde. Höchstens immer in dem Modus von "könnte", "sollte", "müßte" und "würde". Wie Gerhard Mackenroth schon sagte: Ungeborene Kinder haben keine Agenda.

Die gesellschaftliche Aufwertung der Familien, ihr Selbstwertgefühl muß gestärkt werden. Das geschieht zunächst durch finanzielle Gleichstellung mit den außerhäuslich Arbeitenden. Das ist in einer Gesellschaft, in der das Finanzielle in allen Dingen eine so große Rolle spielt, das aller erste Gebot. Wenn der Vorstandssprecher der deutschen Bank sagt, er "müsse" so viel verdienen, weil sonst sein Ansehen auf internationalem Parkett sinken würde, dann wird doch wohl Lieschen Müller mit ihrer Familie genauso argumentieren dürfen.

Dadurch kommt auch alles psychologisch ins rechte Lot. Jemand, der für seine Arbeit so wie alle bezahlt wird, versucht sie auch ordentlich zu machen. Es kann von ihm verlangt werden, daß seine Arbeit kontrolliert und überwacht wird. - Natürlich einfühlsam. Eben genauso wie in allen sozialen Einrichtungen (Altersheimen etc.). Es können ihm Hilfen ins Haus gegeben werden. Aber man setzt doch genau eine psychologisch gegenteilige Spirale in Gang, wenn man von vornherein sagt, daß Kinder in der Krippe besser aufgehoben wären als in sozial schwach stehenden Elternhäusern. Dann bemühen sich diese Elternhäuser ja noch weniger. Und schieben noch mehr auf den Staat. (Wenn sie überhaupt noch weiter Lust haben, Kinder zu bekommen.) Es muß also einfach die Leistungsgerechtigkeit gefordert werden. Häusliche und außerhäusliche Betreuung von Menschen jeden Alters müssen arbeitsrechtlich und finanziell hundert Prozent gleichgestellt werden. Und das muß mit allen gesellschaftlichen Kräften ausdiskutiert werden. Und zwar schnell. Von Experten-Seite ist das ja längst geklärt, daß das sein muß. Erst dann kann eine Frau oder ein Mann auch völlig frei entscheiden, ob sie arbeiten gehen wollen oder häuslich Familie haben, bzw. betreuen möchten.

Aber daß dieses jetzt diskutierte lächerliche "Betreuungsgeld" - selbst dieses - von allein Seiten zur Diskussion steht, von allen Seiten beschossen wird und von der CSU im Grunde nirgends argumentativ (wie hier beschrieben) verteidigt wird (oder hat man das nicht mitbekommen?) - das ist doch der Offenbarungseid aller Parteien. Die Fakten sind längst klar. Aber es scheint, als müsse man noch eine viel emotionalere argumentative Rhetorik aufbauen. Gegen finanzielle Ungerechtigkeit, was ganz und gar klassische marxistische Ausbeutung ist, darf und muß man - - - "hetzen". Und zwar genau und identisch so, wie uns dies Karl Marx und Genossen vorgemacht haben.

Wenn es jemand besser weiß, wenn er Fehler in der hier vorgelegten Argumentation sieht, so sei er oder sie um Rückmeldung gebeten.

/Zum nächsten Beitrag in der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ---> hier./

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  1. Familienministerium (Wissenschaftlicher Beirat mit 20 deutschen Professoren): Gerechtigkeit für Familien. Zur Begründung und Weiterentwicklung des Familienlasten- und Familienleistungsausgleichs. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2001
  2. Kaufmann, Franz Xaver: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen. München 1995

Dienstag, 12. Juni 2007

Moderne Familienpolitik II

Vierter Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

Gerhard Mackenroth hat schon in seinen "Mackenroth-Thesen" von 1952 ganz schlichte und einfache, durchschaubare Prinzipien und Regelungen in der deutschen Sozialpolitik gefordert. (siehe St.gen.) Noch heute können sich eigentlich wirklich fachgerecht nur tief in die Materie eingearbeitete Fachleute über die Prinzipien und Regelungen der Familienpolitik austauschen. Und es gelingt ihnen auch heute nur selten, in eigenen Veröffentlichungen die Dinge kurz, knapp und klar für jeden nachvollziehbar auf den Punkt zu bringen. (1, S. 206ff; 2 - 4) Oder es ist einem die richtige Literatur dazu noch nicht in die Hände geraten.

Dem normalen Bürger, der alltäglich mit ihrer Familienarbeit beschäftigten Mutter, dem Vater ist ein schnelles und einfaches und kritisches Urteil in all diesen Fragen gar nicht möglich. Das fängt schon damit an, daß heute das Hauptinstrument der Familienpolitik die Besteuerung, bzw. Steuerfreistellung ist. (3) Da bedarf es vieler Kenntnisse, um die Voraussetzungen und Auswirkungen dieses Instruments in allen Teilen überhaupt überblicken und beurteilen zu können. Dem normalen Bürger ist das im Grunde gar nicht möglich. Und eine solche Unübersichtlichkeit, ein solches "Verstecken" der wesentlichsten familienpolitischen Zusammenhänge in steuerrechliche Details dürfte es in einer halbwegs anständigen Demokratie gar nicht geben. Gerhard Mackenroth hätte das sicherlich als unzulässig erklärt oder er hätte auf einfach strukturierte Aufklärung der Bürger gedrängt.

Ohne dieses bedarf es umfangreicher Rechenkünste, die dann wieder in jedem einzelnen Detail von anderen angezweifelt werden können, um sich überhaupt einigermaßen sachgerecht zu dieser Thematik informieren zu können. Und so muß man sich als Bürger offenbar alles gefallen lassen, selbst wenn Familienministerinnen wenig nachvollziehbare Dinge reden.

Das entscheidende Argumentationsmuster in moderner Familienpolitik


Es will einem scheinen, daß das entscheidende Argumentations-Muster in der heutigen Familienpolitik folgendermaßen lauten muß: Wer tut mehr zur Aufrechterhaltung der heutigen arbeitsteiligen Gesellschaft, wer bringt die größere Leistung: Eine Mutter oder ein Vater mit drei Kindern oder - - - ein Bill Gates?

Die Rationalisierungsgewinne, die Leute wie Bill Gates, bzw. die 10 % der Wohlhabendsten einer heutigen Gesellschaft einsammeln, stehen in keinem Verhältnis zu der Leistung, die sie zur Aufrechterhaltung dieser arbeitsteiligen Gesellschaft erbracht haben und zwar verglichen mit allen anderen Angehörigen dieser Gesellschaft. Daß die Voraussetzungen dafür bestanden, daß solche Rationalisierungen wie der "Volksrechner" (Personal-Computer) in modernen Gesellschaften eingeführt werden konnte (und so viele unzählige andere Dinge), diese Möglichkeit hat nicht vornehmlich ein Herr Gates geschaffen oder ein beliebiger anderer einzelner Mensch oder eine Gesellschafts-Schicht (eine "Nomenklatura"?), sondern diese Möglichkeit haben in völlig gleichwertiger Weise wie Bill Gates Millionen von Mütter und Väter geschaffen, die Kinder aufgezogen haben, und die ihnen jene Daseinskompetenzen vermittelt haben, die zur beruflichen und privaten Kooperation und Teilhabe in einer hochgradig arbeitsteiligen Gesellschaft als Produzenten und Verbraucher notwendig sind.

An diese Mütter und Väter müssen also vornehmlich - wenn Verteilungsgerechtigkeit herrschen soll - die Rationalisierungsgewinne auch ausgeschüttet werden. Bei diesen haben sie notwendigerweise anzukommen. Denn sie sind es allein, die dafür sorgen, daß hochgradig arbeitsteilige Gesellschaften langfrisitg stabil bleiben und nicht früher oder später populationsmäßig zusammenbrechen, einfach weil nicht mehr genügend gut ausgebildete Fachkräfte zur Verfügung stehen, die diese Gesellschafts- und Wirtschaftsform und ihre komplizierten technischen und strukturellen Systeme aufrecht erhalten. Die Gesellschaft, an der ein Bill Gates so gut verdient, hat er nicht geschaffen und er trägt zur Aufrechterhaltung dieser Gesellschaft nicht mehr und nicht weniger bei als jede durchschnittliche Mutter, jeder durchschnittliche Vater.

Verteilungsgerechtigkeit


Bei diesen Fragen darf es auch in keiner Weise darum gehen, ob die 10 Prozent der Wohlhabendsten einer Gesellschaft mit ihrem Reichtum "disziplinierter", "sinnvoller" umgehen können, als der Rest der Bevölkerung. Schon allein so zu denken, ist perfide. Das ist oder wäre eine Bevormundung von Mitbürgern, derer sich jeder echte Demokrat hochgradig schämen sollte. Das heißt also: Frau Ursula von der Leyen sollte sich über ihre jüngsten Äußerungen zu "Zigarettenautomaten und Kneipenbesuchen" hochgradigst schämen.

Es ist schlichtweg gar nicht die Frage zu stellen, ob Verteilungsgerechtigkeit nicht gewisse schädliche Verhaltensweisen in unserer Gesellschaft vergrößert oder nicht. Wenn sie das tut, dann muß man mit anderen Mitteln dagegen ansteuern, als mit Ungerechtigkeit. Andere Mittel stehen dem Staat durchaus zur Verfügung. Er kann schlicht Zigarettenautomaten abmontieren lassen. Er kann Zigaretten apothekenpflichtig machen und das Rauchen in geschlossenen Räumen bei Anwesenheit von Kindern unter Strafe stellen. Es gibt viele Möglichkeiten. Aber die Tatsache ist und bleibt einfach, daß eine ungerecht handelnde und ungerecht Wohlstand verteilende Gesellschaft unehrlich und unwahrhaftig mit ihren Bürgern umgeht. Das ist oder wäre eine demokratische Gesinnung, die bis in die tiefsten Wurzeln hinein faul ist.

Wenn durch echte Verteilungsgerechtigkeit plötzlich Mütter und Väter unerwartet reich dastehen sollten (wie etwa die West-Rentner zur Zeit von Konrad Adenauer oder die Ost-Rentner zur Zeit von Helmuth Kohl), dann darf der Staat sagen: Ja, das ist es, was euch zusteht. Ihr habt es euch verdient. Ihr leistet einen verdammt schwierigen Job. Und unsere Gesellschaft ist dankbar dafür, daß ihr diesen Job übernehmt.

Ob ein bedingungsloses Grundeinkommen derzeit allen Bürgern zusteht, darüber möchte man sich vielleicht noch kein abschließendes Urteil bilden. Daß es aber Müttern und Vätern zusteht, diese Frage sollte über jeden Zweifel erhaben sein. Und danach sollte endlich jede Familienministerin handeln.

/ Zum nächsten Beitrag in der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ---> hier. /

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  1. Kaufmann, Franz Xaver: Zukunft der Familie im vereinten Deutschland. Gesellschaftliche und politische Bedingungen. München 1995
  2. Lampert, Heinz: Lehrbuch der Sozialpolitik. (6. Aufl.) 2001
  3. Lampert, Heinz: Wirtschafts- und Sozialordnung der Bundesrepublik Deutschland. 2004
  4. Familienministerium (Wissenschaftlicher Beirat mit 20 deutschen Professoren): Gerechtigkeit für Familien. Zur Begründung und Weiterentwicklung des Familienlasten- und Familienleistungsausgleichs. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2001

Montag, 11. Juni 2007

Moderne Familienpolitik

Dritter Beitrag in der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

Wenn man die gegenwärtigen familienpolitischen Diskussionen verfolgt (s. voriger Beitrag: St. gen.), sowohl ministerielle Vorschläge wie Kommentare dazu in der Politik und in der Presse, so scheinen sie wenig von einem vernünftigen, zu Ende gedachten familienpolitischem Raisonement getragen und geleitet zu sein. Es wird deutlich, daß dringend Notwendigkeit besteht, daß unsere Gesellschaft einige Basis- und Leit-Gedanken zu den Themen

leistungsgerechte Bezahlung der Kinder- und Altenbetreuung innerhalb
der Familien entsprechend der Bezahlung gleicher Leistungen
außerhalb der Familien

und damit verbundene Themen wie Kinderrente, Familienlastenausgleich, Familienleistungsausgleich, Drei-Generationen-Vertrag, allgemeine Verteilungsgerechtigkeit, Umverteilung des wirtschaftlichen Reichtums im Tertiärisierungsprozeß unserer Gesellschaft, Generationengerechtigkeit erörtert und zu Ende denkt.

Das folgende - selten erörterte - Prinzip scheint als Ausgangspunkt notwendigerweise gewählt werden zu müssen: Jeder heranwachsende Mensch muß neben einer Berufsausbildung, also neben Fachkompetenzen Daseinskompetenzen erwerben. Denn jeder Mensch hat soziale Verantwortung sich selbst, seinen Mitmenschen, vor allem aber der hilfebedürftigeren älteren und jungen Generation gegenüber. Das können als eigene Kinder oder Eltern sein. Das können aber auch Kinder und ältere Menschen in der Nachbarschaft oder im Bekanntenkreis sein. Das betrifft auch nicht nur Kompetenzen in Hinsicht auf Krankheit und Hilfebedürftigkeit, sondern in Hinsicht auf umfassende Hilfestellungen bei der Bewältigung des Lebensalltags, was auch bis hin zur Bewältigung grundlegender gesellschaftlicher Probleme reicht (gesellschaftliches Engagement).

Daseinskompetenzen werden den Kindern von den eigenen Eltern, den Großeltern und der Verwandtschaft, sowie den Freunden der Eltern ganz ebenso vermittelt wie im öffentlichen Betreuungs- und Bildungssystem. Dieses Erwerben von qualifizierten Daseinskompetenzen muß dem bislang schon üblichen Erwerben von Fachkompetenzen in einer Berufsausbildung notwendigerweise arbeitsrechtlich 100 % gleichgestellt werden.

Ein auf diese Weise ausgebildeter Vater, eine auf diese Weise ausgebildete Mutter, sowie auf diese Weise ausgebildete Söhne und Töchter von älteren Menschen, haben Anspruch auf leistungsgerechte Vergütung der von ihnen erbrachten Betreuungsleistungen - vollkommen gleichgestellt den sozialen Berufen in Altersheimen, Kindergärten, in psychologischen Praxen, in Wellness-Farmen und in den Berufen der Sozialarbeit. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die persönliche Betreuung und Beratung durch die eigenen Verwandten und Ehepartner sicherlich den primären Stellenwert hat (so wie das im Grundgesetz festgelegt ist), und daß die Betreuung durch Pflege- und Beratungspersonal in außerhäuslichen Betreuungseinrichtungen dazu immer nur Hilfestellungen geben kann und wird. Außerhäusliche Hilfestellungen können immer nur ergänzend wirken. Die Basis aller Humanität in einer Gesellschaft ist selbstverständlich die Eltern-Kind-Beziehung, ist die Familie. Jede Familie besitzt allein schon aufgrund der in ihr angesammelten Lebenserfahrung einen ganz geballten Vorrat an Daseinskompetenzen, die ja im Normalfall auch zu "psychischer Beratung" und zur Entspannung aller Familienmitglieder durch alle anderen befähigen.

Familien sind "Wellness-Farmen" - und viele andere mehr


Wenn dieses Prinzip sichergestellt ist, dann ist ganz eindeutig klar, daß die Arbeit, die von erwachsenen Menschen in familiären Zusammenhängen geleistet wird, und die in ihrer Effektivität und Humanität in den meisten Fällen erheblich über jene Arbeit hinausgeht, die außerhäusliche Psychologen, Wellness-Farmen und Selbsthilfegruppen leisten können, ganz genauso bezahlt werden muß, wie die Arbeit, die in den genannten außerhäuslichen Betreuungs- und Regenerierungs-Zusammenhängen geleistet wird. Sonst kommt es doch zu der grotesken Situation, daß eine Mutter mit fünf Kindern, wenn sie ihre Kinder und ihre Eltern in außerhäusliche Betreuung gibt und selbst arbeiten geht (vielleicht sogar auch wiederum in einem sozialen Beruf), daß sie dann mehr Geld verdient, als wenn sie eine wesentlich effektivere Tätigkeit, die für alle Beteiligten weitaus bekömmlicher ist, innerhalb der Familie leistet. Meinethalben soll man ihr diese Alternative eröffnen. Aber dann soll zugleich sichergestellt sein, daß beide Alternativen finanziell vollkommen gleichwertig sind.

Dafür genau genau hat eine moderne, verfassungskonforme Familienpolitik zu sorgen. Kinder bekommen - und betreuen - die Leute eben nicht von allein. Und alte Leute betreuen die Leute auch nicht von allein. Auch da wollen sie dafür bezahlt werden. Und regenerieren können sich Menschen - oft - auch nicht von allein.

Der wichtige Fünfte Familienbericht von 1994


Die bis hier geäußerten Grundgedanken bilden klar, eindeutig und unmißverständlich die gedanklichen Grundlagen der Thesen und Forderungen "5. Familienberichts der Bundesrepublik Deutschland" von 1994 (1), der unter der Federführung der Haushaltswissenschaftlerin Professor Rosemarie von Schweitzer, sowie unter anderem der Mitarbeit der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler Professor Heinz Lampert und Professor Franz Xaver Kaufmann erstellt worden ist. Es kommt gerade auf diese Kombination von haushaltswissenschaftlichen, sowie sozial- und wirtschaftswissenschaftlichem Wissen an, also auf breite interdisziplinäre Verflechtung, die moderne Familienpolitik zu vernünftigen Prämissen, Einsichten, Ergebnissen und Schlußfolgerungen kommen läßt.

Der Untertitel 5. Familienberichts lautete "Zukunft des Humanvermögens". Dabei war nicht nur angesprochen das rein biologische Nachwachsen einer neuen Generation, sondern vor allem auch das humane (biologische) Nachwachsen einer neuen Generation, der humane Umgang aller Generationen miteinander, der eben primär in Familien stattfindet, der also primär durch die Familienarbeit der auf der Höhe ihrer Lebenskraft stehenden erwachsenen Mütter und Väter sichergestellt wird. Diese halten die Netzwerke aufrecht innerhalb der Kernfamilie und über diese hinaus.

Es war im "5. Familienbericht" gefordert worden, daß in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung das Humanvermögen, daß Familien bislang der bundesdeutschen Wirtschaft weitgehend kostenfrei zur Verfügung stellen (damals geschätzte 800.000 DM für eine 18-jährige Herangewachsene nach dem damaligen Stundenlohn einer Kindergärtnerin ) (1, S. 291), daß dieses Humanvermögen von der bundesdeutschen Wirtschaft auch aufzubringen sei und auszuzahlen sei an jene, die es leistungsmäßig "erwirtschaftet" haben.

Konrad Adenauer hat, ausgehend von einer für die moderne Gesellschaft völlig falschen Grundannahme, "Kinder würden die Leute von alleine bekommen", nur einen Zwei-Generationenvertrag abgeschlossen, nicht den von den damaligen Fachleuten (Wilfried Schreiber [1904 - 1975], Foto rechts) geforderten und vorgeschlagenen Drei-Generationen-Vertrag. Die leistungsgerechte Bezahlung der Kinderbetreuung und Altenbetreuung innerhalb der Familien entsprechend der Bezahlung gleicher Leistungen außerhalb der Familien ist also weder von der Regierung Adenauer, noch von einer ihrer Nachfolgeregierungen jemals auch nur ansatzweise durchgesetzt worden.

Das Bundesverfassungsgericht hat 1990 in zwei Urteilen festgestellt, "daß die Familienbesteuerung jahrelang nicht verfassungskonform war. (...) Die Familien haben jahrelang Milliardenbeträge zu viel an Steuern abgeführt," so referierte Heinz Lampert im 5. Familienbericht von 1994. Und er schreibt weiter: "So ist wohl auch der Hinweis des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Roman Herzog, zu verstehen, der in bezug auf die erwähnten Verfassungsgerichtsurteile meinte: 'Es gibt viele objektive Betrachter, die davon ausgehen, daß der Familienlastenausgleich schon seit Jahrzehnten seinen Funktionen nicht mehr gerecht wird. Ich (...) füge hinzu, daß das Bundesverfassungsgericht naturgemäß nur die untersten Grenzen des gerade noch Akzeptablen durchsetzen kann. Die Tatsache, daß eine Regelung gerade noch verfassungsmäßig ist, bedeutet noch lange nicht, daß sie deshalb auch ausreichend oder gar richtig ist." (1, S. 289f)

Da auch die derzeitige Regierung auf diesem Gebiet - offenbar - nicht tatkräftig voranschreiten will, will sie nun massiv die außerhäusliche Betreuung von Kindern fördern. Die Menschen sollen also immer weniger im Familienverband leben und ihre Humanität entfalten, sondern in unpersönlicheren außerhäuslichen Betreuungseinrichtungen. Welche Art von humanen Grundeinstellungen hinter solchen Grundgedanken stehen, ist schwer nachzuvollziehen. Es ist damit oft - nach neueren Presseberichten - eine grundsätzliche Diffamierung und Abwertung elterlicher Erziehungsarbeit verbunden, die geradezu ungeheuerlich ist (siehe frühere Beiträge). Als wäre die Lösung aller sozialen und sozialpsychologischen Probleme in der heutigen Zeit die Kinderkrippe, obwohl es zahlreiche Hinweise darauf gibt, daß die Kinderkrippe nicht Teil der Lösung, sondern Teil der Verschlimmerung der Probleme ist.

Man will auf diese Weise unter anderem sozial Benachteiligte, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen, die in schwierigen sozialen Verhältnissen leben (Alleinerziehende, Labile) Hilfen zur Integration in unsere Gesellschaft geben. - Ist das der richtige Weg? Wäre es nicht vernünftiger, die Rahmenbedingungen in unserer Gesellschaft zu verändern. Das könnte damit anfangen, daß ab jetzt Seelenverschmutzung durch Medien in der gleichen Weise unter Strafe gestellt werden wie Umweltverschmutzung. Denn es ist doch ganz klar offensichtlich, daß der freie Zugang zu jeder Art von Seelenverschmutzung außerordentlich stark zu jeder Art von sozialer Verwahrlosung beiträgt, bzw. sie vergrößert.

Denken auf der Linie von Mackenroth und Schreiber


Es ist geradezu grotesk, wenn man glaubt, die Humanität einer Gesellschaft primär und vor allem durch Krippenbetreuung sicherstellen zu können. Die Humanität einer Gesellschaft hat sich immer nur in Familien und aus dem in ihnen stattfindenden menschlichen Umgang aller Generationen miteinander herausgebildet. Heutige Mißstände ergeben sich daraus, daß die Jugendgefährdung, also die Rahmenbedingungen familiären Lebens in weiten Teilen durch die staatlichen Behörden nicht rigoros genug eingedämmt wird. Das verunmöglicht in vielen Fällen das Erwerben oder Anwenden von Daseinskompetenzen. Auch "Sozialarbeit", die ja glücklicherweise sehr gefördert wird - und noch mehr gefördert werden muß, vor allem in sozial gefährdeten Familien - kann außerhalb der Familien immer nur ergänzend wirken. Die Familie ist unersetzbar. Primär sollten die Menschen befähigt werden, alle zum Aufziehen notwendigen Leistungen auch innerhalb der Familie selbst erbringen zu können.

Da all diese Dinge gegenwärtig in der Politik und den Medien geradezu unglaublich naiv, hilflos, "unkompetent" erörtert werden, halte ich es für notwendig, daß man diese Dinge verstärkt und konsequent erörtert und klar legt. Wichtige Namen und damit verbundene Grundgedanken, von denen immer ausgegangen werden muß, sind zunächst die folgenden:
  • Gerhard Mackenroth ("Mackenroth-These" von 1952)
  • Wilfried Schreiber (1904 - 1975) (1. Foto rechts) ("Schreiber-Plan" von 1957)
  • Rosemarie von Schweitzer ("5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" von 1994)
  • Franz Xaver Kaufmann ("5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" von 1994)
  • Heinz Lampert (* 1930) ("5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" von 1994)

Ich suche derzeit noch nach Literatur und Personen, die auf dieser Linie heute weiter argumentieren und diese Linie des Denkens auf den aktuellen Stand heute anwenden. (siehe z.B. auch: 2)

/Zum nächsten Beitrag in der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ---> hier./
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  1. von Schweitzer, Rosemarie: Familien und Familienpolitik im geeinten Deutschland - Zukunft des Humanvermögens. Fünfter Familienbericht. Unterrichtung durch die Bundesregierung. Deutscher Bundestag, 12. Wahlperiode, Drucksache 12/7560, 1994
  2. Manzke, Bernhard: Kinderlastenausgleich versus verstärkte Einwanderung. Alternative Ansätze zur langfristigen Sicherung der Gesetzlichen Rentenversicherung. Peter Lang Verlag, Frankfurt am Main [u.a.] 1997 (Finanzwissenschaftliche Schriften 79, Diss. Uni Jena 1996)

Mittwoch, 30. Mai 2007

Ein deutscher Sozialreformer unter Konrad Adenauer - Gerhard Mackenroth (1903 - 1955) und die deutsche Bevölkerungssoziologie - Teil II

Zweiter Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

Es geht in dem "Mackenroth-Plan" von 1952 (Stud. gen.) um die Erwirtschaftung und Verteilung der "Soziallasten", es geht um Kindergeld, Erziehungsgeld, Ausbildungsförderung, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Krankengeld, Pflegegeld, Renten und Hinterbliebenen-Renten. Es geht um Steuern und Sozialabgaben. Und dabei geht es vor allem um eine sozial gerechte Verteilung all dieser Dinge zwischen Kinderlosen, kinderarmen und kinderreichen Familien. Noch heute gibt es auf all diesen Gebieten wenig "Übersichtlichkeit", 1952, kurz nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung, nach Verwitwung, Verarmung und Hilfebedürftigkeit von Millionen Menschen herrschte auf diesem Gebiet aber noch eine viel größere Unübersichtlichkeit, die geradezu zwangsläufig nach großen Reformen rief.

"Eine Rangliste der sozialen Ansprüche"

Und Mackenroth war der Mann, der solche Reformen auch gleich wirklich zu Ende dachte. Er trifft zunächst eine sehr wichtige Unterscheidung. Er fordert, daß eine
"Rangliste der sozialen Ansprüche an das Volkseinkommen"
aufgestellt werden müsse. Und diese solle nicht "von Tag zu Tag" je nach den verfügbaren Mitteln geordnet und neu geordnet werden, sondern ganz unabhängig vom täglich erwirtschafteten Volkseinkommen aufgestellt sein und bleiben. Es geht ihm also um neutrale Objektivität in der Sozialpolitik und darum, von vornherein möglichst viele, sich einschleichende Egoismen aller Art auszuschließen. Er sagt ganz unmißverständlich:
"Die Rangordnung der sozialen Ansprüche (...) hat mit der jeweiligen wirtschaftlichen Lage der betreffenden Volkswirtschaft nichts zu tun. Sie ergibt sich in einem innerlich gefestigten Gemeinwesen aus den Forderungen des sozialen Gewissens und der Einheit des ethischen Bewußtseins. Wo in einer sich desintegrierenden Gesellschaft diese Werte zerfallen, ergibt sie sich allein aus den politischen Machtpositionen der Interessengruppen, und die Gefahr aller demokratischen Gemeinwesen, in denen der Nichtbesitzende politische Macht übt, besteht darin, daß sich die zufällig an der Macht befindlichen Interessentengruppen große Beträge aus dem Staatssäckel bewilligen oder bewilligen lassen, während andere leer ausgehen, die sie dringender brauchen." (4, S. 48)
Gerhard Mackenroth spricht hier auf den ersten Blick fast selbstverständliche Prinzipien aus. Wendet man sie aber direkt und konsequent auf die Wirklichkeit an - und wozu werden solche Prinzipien denn sonst ausgesprochen? -, stellen sich - zumindest heute - geradezu haufenweise "Unmöglichkeiten" ein. Und weitergehend erläutert er diesen seinen Grundgedanken:
"Interessentenorganisationen sollen und müssen sein, nur muß es darüber noch eine höhere Instanz geben, die sie in ihre Grenzen und Schranken verweist und sie miteinander koordiniert und schließlich auch die zum Zuge kommen läßt, die durch Interessentenorganisationen noch nicht vertreten sind. Ich kenne noch keine Vertretung der ungeborenen Säuglinge und kann mir eine solche auch schlecht vorstellen. In Amerika hat es freilich einmal eine Organisation gegeben, der 'Veterans of future wars', aber das war ein Studentenulk und keine politische Wirklichkeit." (4, S. 48f)
"Nur Bagatellen im Vergleich zu einem neuen Krieg" (Exkurs)

Beißende Polemik. Mackenroth lebte, das sollte man sich an dieser Stelle ins Bewußtsein rufen, in der Zeit der "Wiederbewaffnung". Dazu erfahren wir an etwas späterer Stelle:
"Ich ergebe mich auch nicht der Schwarzmalerei: Wenn wir unsere Sozialpolitik nicht reformieren, sondern weiterwursteln, brechen wir auch nicht gleich zusammen. Solange wir mit Erfolg den nächsten Krieg vermeiden, können wir uns eine Menge Unproduktivitäten und Irrationalitäten gestatten. Im Vergleich mit einem neuen Krieg sind es alles nur Bagatellen. Im Gegenteil: Gerade weil heute vielleicht im Beginn einer partiellen Boomperiode die Dinge nicht so drängend sind, haben wir endlich einmal eine Atempause, um solide Arbeit auf lange Sicht zu leisten. Diese Chance sollten wir ergreifen. Wer weiß, wie schnell sie verspielt sein kann." (4, S. 72)
- Das war 1952. Ob man diese Atempause bis heute ausreichend genutzt hat? Oder ob nicht schon längst allerhand - - -"verspielt" ist?

Und auch wie er den Begriff "Atempause" versteht, erläutert er, indem er von "schnellen Sensationserfolgen" spricht, die wenig später "gleich wieder abgeschafft" wurden, wobei er auf die deutsche Politik der drei zurückliegenden Jahrzehnte Bezug nimmt:
"Wir müssen einmal wieder zur guten alten Praxis zurückkehren, eine gesetzgeberische Maßnahme wirklich von langer Hand vorzubereiten, wie es in Deutschland im alten Staate war und wie es auch heute die Praxis in jeder guten und solide arbeitenden Demokratie ist." "Es sitzt uns allen noch vom Kriege her die hektische Ungeduld im Genick, als könnten wir morgen damit zu spät kommen." (4, S. 72)
Dann aber spricht Mackenroth einen Gedanken aus, der noch heute nicht vollständig das öffentliche und politische Bewußtsein durchdrungen hat, denn auch heute noch denkt man in den Prinzipien, daß man sich durch "Sparen", Geldeinzahlen in Fonds, Versicherungen jene "Reserven" "ansparen" würde, die man dann bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter gerechterweise aufbrauchen könne. Ein solches Denken war - folgen wir Mackenroth - schon im Jahr 1952 völlig veraltet. Ganz besonders merkwürdig aus dieser Sicht, daß es noch im Jahr 2007 so allseits vorherrschend ist.

Gesellschaften haben noch niemals "Vorratswirtschaft" betrieben, die nicht aus Kindern bestand - und werden es auch niemals können

Mackenroth:
"Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Fonds, keine Übertragung von Einkommensteilen von Periode zu Periode, kein 'Sparen' im privatwirtschaftlichen Sinne -, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwnad. Das ist auch nicht eine besondere Tücke oder Ungunst unserer Zeit, die von der Hand in den Mund lebt, sondern das ist immer so gewesen und kann nie anders sein. Ich darf dabei wohl absehen von den Fällen einer vorindustriellen Naturalwirtschaft, wo man Sozialpolitik treibt durch Anlage von Getreidemagazinen u.a.." (4, S. 45)
Und Mackenroth präzisiert in verschärfter Weise:
"Es gibt volkswirtschaftlich gesehen keine Möglichkeit einer Versicherung gegen irgendwelche sozialen Risiken, nicht einmal gegen die mit Sicherheit eintretenden Ereignisse wie Alter und Invalidität, ganz abgesehen von einem so allgemeinen in seiner Versicherungsfähigkeit angezweifelten Risiko wie der Arbeitslosigkeit. (...) Die volkswirtschaftliche Problematik läßt sich nicht dadurch lösen oder beiseite schieben, daß man nach den Grundsätzen eines ordentlichen Kaufmanns private Risiken versichert. (...) Das Versicherungsprinzip ist geeignet, den einzelnen zu sichern gegen die Abweichung seines Falles von der sozialen Norm, es kann aber nicht die Volkswirtschaft sichern gegen eine Änderung der sozialen Norm, gegen eine soziale Katastrophe." (4, S. 45f)

"Diese Tatsache bezeichne ich hier und anderswo als das Prinzip der Einheit des Sozialbudgets: Es gibt nur eine Quelle allen Sozialaufwandes, das laufende Volkseinkommen." (4, S. 47)
Natürlich beginnt sich dieser Gedanke in Zeiten der zahlenmäßig abnehmenden Nachkommenzahlen und in Zeiten, wo man absehen kann, wozu "Versicherungs-Einzahlungen" der Vergangenheit gut waren, wenn künftig keine Menschen mehr da sind, die die Rückzahlungen der Einzahlungen erwirtschaften, allmählich, langsam, langsam durchzusetzen. Dazu ist aber zu sagen:

1. Es wäre wohl besser gewesen, wenn sich diese Erkenntnisse schon Jahrzehnte früher "langsam, langsam" durchgesetzt hätten. Hier haben vielleicht inzwischen schon abgetretene Generationen auf Kosten der gegenwärtigen und künftigen Generationen gelebt.
2. Noch heute könnte man es also für notwendig halten, daß viel zur Beschleunigung der Durchsetzung solcher Einsicht getan wird.

Die heute noch geradezu revolutionären Kernteile des Mackenroth-Planes aber befinden sich dann in dem Abschnitt "Sozialpolitik und Familie". Es sollen hier die wichtigsten Passagen gebracht werden.

"Die sozialpolitische Großaufgabe des 20. Jahrhunderts:
Familienlastenausgleich"


"... Ich greife nur eine Aufgabe heraus, die uns noch bevorsteht, und die mir besonders am Herzen liegt: an Stelle einer Klasse muß heute Objekt der Sozialpolitik die Familie werden, und zwar quer durch alle Klassen und Schichten, es gibt da überhaupt keine Unterschiede mehr." (4, S. 60)
Das ist lange vor 1968 gesprochen worden. Und dabei ist Mackenroth keineswegs einem veralteten Familienbild verhaftet. Er sagt zum Beispiel, man bedenke, schon im Jahr 1952:
"Wir können nicht einen widerstrebenden jugendlichen Arbeitslosen in eine ebenso widerstrebende Familie hineinzwingen und ihn damit der patria potestas" (der väterlichen [Erziehungs-]Gewalt) "ausliefern. Solche Holzhammermethoden würden mehr zerstören als erhalten. Die patriarchalische Familie ist im Abbau und kann nicht über die Sozialpolitik konserviert werden. Die Familie der industriellen Gesellschaft ist ein ganz anders konstruiertes Gebilde und in der Beziehung zwischen den Erwachsenen viel lockerer, sie gewinnt aber gerade bei dieser äußerlich gelockerten Beziehung eine eigentümliche innere Festigkeit.
Dennoch bedarf sie der Stützung durch die Sozialpolitik, besonders was die Stellung der Kinder angeht, und hier beginnt die zweite Schicht der Sozialpolitik und setzt ihre aktive Aufgabe ein. In der alten bäuerlichen Wirtschaft und im Frühkapitalismus mit seiner Kinderarbeit waren Kinder von früher Jugend an Miterwerber im Rahmen des Familieneinkommens. In der bäuerlichen, besonders in der kleinbürgerlichen Wirtschaft sind sie gelegentlich heute noch willkommene Arbeitskräfte. In der Arbeiter- und Angestelltenfamilie der heutigen industriellen Gesellschaft sind Kinder - um es auf eine einfache Formel zu bringen - zu reinen Kostenelementen in der Familie geworden, nicht zuletzt durch unsere sozialpolitischen Errungenschaften, wie das Verbot der Kinderarbeit, oder auch ganz allgemein durch die höheren Anforderungen an Aufwand und Ausbildung, die wir heute für unsere Kinder stellen. Damit hat sich unsere ganze Verteilungsordnung entscheidend geändert, und zwar nicht zwischen Sozialklassen oder Einkommensschichten, sondern innerhalb jeder Sozialklasse und Einkommensschicht zwischen den familienmäßig Ungebundenen und den Familien mit keinem oder wenigen Kindern auf der einen und denen, die die volle ökonomische Last einer notwendigen Kinderaufzucht übernehmen, auf der anderen Seite. Ich weise in meiner 'Bevölkerungslehre' nach, daß darin einer der Hauptfaktoren für den Geburtenrückgang, jedenfalls für seine extremeren Ausmaße, zu suchen ist. Er ist, so gesehen, gewissermaßen eine unerwünschte Nebenwirkung der Sozialpolitik und des sozialen Fortschritts." (4, S. 60f)

"Hier erwächst der Sozialpolitik noch einmal eine neue Großaufgabe, die sozialpolitische Großaufgabe des 20. Jahrhunderts: Familienlastenausgleich, m.E. der einzig sozial sinnvolle Lastenausgleich, denn sein Richtmaß ist nicht vergangener Verlust, sondern eine gegenwärtige Leistung, deren Lasten ausgeglichen werden sollen: die Lasten für das Aufbringen der jungen Generation, ohne die kein Volk und keine Kultur ihre Werte erhalten und tradieren können, müssen gerecht verteilt werden, so daß das Volk nicht durch falsche Verteilung dieser Lasten seinen Bestand gefährdet." (4, S. 61)
"Keine Politik der kleinen Mittel"
"Ich möchte nur keinen Zweifel daran lassen, daß es mit einer Politik der kleinen Mittel nicht getan ist - alle solche Maßnahmen würden hoffnungslos verpuffen -, sondern daß es sich hier um eine ganz große Einkommenumschichtung und eine grundsätzliche Neugestaltung der Verteilungsordnung handeln muß, wenn man damit etwas ausrichten will, eine Umschichtung nicht zwischen Einkommens- und Sozialschichten, sondern innerhalb jeder Schicht zwischen den Familien." (4, S. 62)

"Das Familienprinzip auch in der laufenden Sozialpolitik muß über eine viel stärkere Berücksichtigung des Kindes und des Jugendlichen durchgesetzt werden, des noch nicht arbeitsfähigen Schulkindes und der Lehrlinge, bis zum Abschluß ihrer Ausbildung. Wir werden überhaupt früher oder später vor der Notwendigkeit stehen, unser Interesse und auch unsere Mittel in Politik und Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik viel mehr auf unsere Jugend zu konzentrieren, wenn uns nicht der Osten darin den Rang ablaufen soll." (4, S. 62)
- Hatte hier jemand "1968" vermeiden wollen? Hätte hier jemand "1968" vermieden, wenn man auf ihn gehört hätte?

"Ein Stachel bis in die Gegenwart geblieben"

Dieser "Mackenroth-Plan", der hier gar nicht in seiner Vollständigkeit dargestellt werden kann, ist dann von Wilfried Schreiber für die Reformen der Adenauer-Regierung in einen praktischen politischen Plan umgeschrieben worden. Die genannte neue Studie von 2007 (2) sagt zu diesem "Mackenroth-Plan" wohl mit großem Recht:
"Wegen der darin erhobenen Forderungen, denen die Politik nicht in allen Punkten nachgekommen ist, ist der aufrüttelnde Text ein Stachel bis in die Gegenwart geblieben." (2, S. 255) "Mackenroth war der Urheber des Paradigmenwechsels in der Sozialpolitik. (...) Es ist die Institution Familie, die dem bisherigen Denken in sozialen Hierarchien entgangen ist und entsprechend ihrer Wichtigkeit und Umsetzbarkeit neu verankert werden muß." (2, S. 255)
Zusammengefaßt wird Mackenroth's Forderung referiert:
"Die Zwei-Kinder-Familie gilt als die Norm und wird geschont; wer im Familienstand darunter liegt, wird übersteuert; wer darüber liegt, wird entlastet." (2, S. 256)
Und weiter referiert die neuen Studie Mackenroth:
"Die neue Sozialpolitik muß dem 'Familienprinzip' Rechnung tragen, wie der Tatsache, daß die Qualitätsanforderungen an Kindererziehung und Jugendbildung steigt. (...) Der Wertkonflikt zwischen der Gratifikation der Einzelleistung in Lohn und Gehalt und der Anerkennung der gesellschaftlich notwendigen, nur schwer monetarisierbaren Familienleistung war somit klar zutage getreten. Er ist in der Folge von der westdeutschen Gesellschaft nicht korrigiert worden." (2, S. 256)
Bemühungen zur Korrektur hat es sehr wohl gegeben. Sie werden vielleicht in künftigen Beiträgen noch referiert. Vor allem lagen exakt die gleichen Grundgedanken wie die hier vorgetragenen von Gerhard Mackenroth - und in vielen Punkten schon wesentlich präzisierter - dem "Fünften Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" von 1994 (1993 fertiggestellt) zugrunde. Dieser war unter der Federführung von Rosemarie von Schweitzer erstellt worden. Auch die Bemühungen dieses "Fünften Familienberichts" scheinen bis heute in Kernpunkten "verpufft" zu sein, so, als wäre er nie erstellt und nie von einer deutschen Bundesregierung abgesegnet worden. Es wird seit fünf Jahrzehnten "weitergewurstelt" mit "einer Menge Unproduktivitäten und Irrationalitäten". (s.o.) An "Zusammenbruch" wagen wenige nur zu denken.

/Zum nächsten Beitrag in der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ---> hier.

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  1. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin u.a. 1953
  2. Henßler, Patrick: Bevölkerungswissenschaft im Werden - Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007
  3. Mackenroth, Gerhard: Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Neue Folge Band 4, Berlin 1952, S. 39-48, 56-59. Gekürzter Wiederabdruck in: 4., S. 43 - 74
  4. Böttcher, Erik (Hg.): Sozialpolitik und Sozialreform. Ein einführendes Lehr- und Handbuch der Sozialpolitik. J.C.B. Mohr, Tübingen 1957
  5. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald Verlag, Stuttgart 1981

Dienstag, 29. Mai 2007

Ein deutscher Sozialreformer unter Konrad Adenauer - Gerhard Mackenroth (1903 - 1955) und die deutsche Bevölkerungssoziologie

Erster Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

In der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ist in sieben Beiträgen aus dem Mai und Juni 2007 der Weg aufgezeichnet, auf dem der Autor dieser Zeilen sich in Auseinandersetzung mit einigen wichtigeren Neuerscheinungen in der Fachliteratur von der offensichtlichen Notwendigkeit eines Erziehungsgehaltes überzeugte. Jeder, der sich von dieser Notwendigkeit überzeugt, sieht so in etwa die gleichen Zusammenhänge. Aber jeder mag auch auf leicht unterschiedlichem Wege zu dieser Einsicht gekommen sein. - Bei Zeit und Gelegenheit muß der Faden dieser Beiträge anhand neuerer Fachliteratur auch wieder aufgenommen werden. (Letzte Überarbeitung 11.7.09)

1996/97 hat der Autor dieser Zeilen intensiviert begonnen, an einer Doktorarbeit zum Thema "Die Soziobiologie der arbeitsteiligen Gesellschaft" zu arbeiten. - Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen und Voraussetzungen der dazugehörigen Fragestellung zu erläutern, würde an dieser Stelle zu weit führen. Der Ausgangspunkt ist das "e = mc2 der Evolutionären Psychologie", nämlich die Hamilton'sche Ungleichung für Verwandten-Altruismus K/N > r. Wenn man diese Formel auf die arbeitsteilige Gesellschaft anwendet, so ein stark begründeter Verdacht, kann ein sehr grundlegender und sehr umfassender Brückenschlag zwischen der Natur- zu allen Gesellschafts- und Sozial-Wissenschaften unternommen werden, von dem aus sich viele neue Forschungsperspektiven ergeben könnten. Ein ehrgeiziges Anliegen. Aber nicht das zentrale Thema dieses Beitrages. -

Die Soziobiologie der arbeitsteiligen Gesellschaft

Damals bestand natürlich auch Interesse daran, welche Theorien eigentlich schon in der Wirtschaftswissenschaft zum Thema "Arbeitsteilung" vorliegen. Natürlich gibt es da den Adam Smith. Und man kann auch noch mancherlei anderes, recht fruchtbares Denken finden. So zum Beispiel die grundlegende Aufteilung einer Volkswirtschaft in den primären, den sekundären und den tertiären Sektor (also grob Landwirtschaft, Handwerk/Handel, Dienstleistungsbereich) und die geschichtlichen Verschiebungen, die sich zwischen diesen drei Sektoren in der Entwicklung arbeitsteiliger Gesellschaften ergeben.

Aber so richtig "dick fündig" wurde man schließlich erst bei einem Denker, von dem man vorher noch niemals etwas gehört hatte, und der auch heute noch sehr unbekannt ist. Man stieß auf Gerhard Mackenroth's "Bevölkerungslehre" aus dem Jahr 1953 (1). Sie liefert rein von bevölkerungswissenschaftlicher, wirtschaftswissenschaftlicher, soziologischer Seite aus den umfassendsten theoretischen Ansatz, mit dem die Überlegungen von der Soziobiologie herkommend in Abgleich gebracht und - sozusagen "abgesichert" - weitergedacht werden konnten und können.

Die "Bevölkerungslehre" Gerhard Mackenroth's (1953)

Vor zehn Jahren spielte diese "Bevölkerungslehre" von Gerhard Mackenroth - soweit einem das damals erkennbar war - nur oder vornehmlich in der deutschen "Historischen Demographie", sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte eine wichtigere Rolle. Da Gerhard Mackenroth Anschauungsbeispiele für seine theoretischen Ansätze zur "Bevölkerungslehre" zu weiten Teilen aus der Frühen Neuzeit bezogen hatte (was auch tatsächlich naheliegend ist, was auch der Autor dieser Zeilen selbst eifrig betrieben hat und betreibt), war der Weg für Forscher der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Historischen Demographie nicht sehr weit, um die Mackenroth'schen Denkansätze nun auch umgekehrt sehr konkret auf die eigenen Forschungen anzuwenden.

Es ist gegenwärtig nicht sehr leicht, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wo die Mackenroth'sche "Bevölkerungslehre" von 1953 überall befruchtend gewirkt hat oder ob an anderer Stelle Demographen schließlich unabhängig von Mackenroth zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren wie er. Manche Erkenntnisse liegen irgendwann "in der Luft" und ergeben sich aus der Natur der Sache. Vielfach wurden in den letzten Jahrzehnten Mackenroth'sche Gedankengänge sicherlich auch referiert, ohne daß auf Mackenroth selbst besonders hingewiesen worden wäre, ja vielleicht ohne daß man sich seiner "Bevölkerungslehre" überhaupt bewußt gewesen ist.

Ganz besonders wird dies für das Ausland gelten. Ein Buch, das der Autor dieser Zeilen zum Beispiel schon Jahre vorher mit sehr großem Gewinn gelesen hatte, und das er auch heute noch jedem Interessierten gern empfiehlt, Pierre Chaunu's "Verhütete Zukunft" (1979, 1981) (5), bringt viele ähnliche gedankliche Ansätze wie Mackenroth, ohne daß einem dort jemals der Name Mackenroth aufgestoßen wäre (oder daß man ihn jetzt beim Durchblättern und Durchsehen des Literatur-Verzeichnisses entdecken würde).

Ein 2007 neu erschienenes Buch über einen "einsamen Klassiker"

Bis hier also eine lange Einleitung, um zum eigentlichen Thema zu kommen. Unter den Buch-Neuanschaffungen der Universität fand sich in den letzten Wochen folgender unauffällige Titel: "Bevölkerungswissenschaft im Werden - Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie" (2). Da man aus dem Inhaltsverzeichnis sehr schnell ersehen konnte, daß in dem Buch auch von Gerhard Mackenroth die Rede war, nahm man es "halt" "mal" mit - eher gelangweilt, ohne besondere Erwartungen.

Aber wer versteht die Überraschung, als man beim Lesen feststellte, daß hier - scheinbar erstmals - ein Buch vorlag, daß in ganz umfassender Weise die Lebensleistung Gerhard Mackenroths zu würdigen und in die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts einzuordnen versuchte? Fast scheint es, als sei das ganze Buch nur geschrieben worden, um das Lebenswerk Gerhard Mackenroths geschichtlich einordnen zu können. Das wird so deutlich zwar eigentlich nirgends gesagt (oder man hat es überlesen), es gibt dafür aber viel zu viele Hinweise. Viele Denker scheinen in diesem Buch vor allem deshalb referiert zu werden, weil sie irgendwann dann auch in Mackenroth's Vorlesungs-Gliederungen auftauchen (die im Anhang abgedruckt sind), und weil man verstehen will, wie Mackenroth eigentlich zu seiner eigenen "Bevölkerungslehre" kam. Wenn dieses neue Buch richtig gedeutet wird, dann ist der eigentliche "heimliche" Held dieses Buches, obwohl auch viele andere Personen behandelt werden, kein geringerer als Gerhard Mackenroth (1903 - 1955). Und im Grunde wird das ja auch ausgesprochen (2, S. 227):

"In der 1953 erschienenen 'Bevölkerungslehre' hat Gerhard Mackenroth eine Theorie entwickelt, die im deutschen Sprachraum starke Beachtung gefunden und inzwischen die Rolle eines einsamen Klassikers eingenommen hat."

So unumwundene Worte liest man hier zum ersten mal. (Einem selbst war das ja schon klar, aber daß das endlich auch einmal anderen klar zu werden beginnt ...?) Man weiß eigentlich nicht, warum Gerhard Mackenroth einem über engere Fachgrenzen hinausgehenden Publikum nicht schon längst näher bekannt geworden ist oder bekannt gemacht wurde. Auch dieses Buch "versteckt" ihn ja fast eher, als daß es ihn als bedeutenden Theoretiker herausstellt, als der er nach allen im Buch referierten Tatsachen tatsächlich angesehen werden muß. Weder im Titel, noch im Untertitel des Buches ist sein Name genannt, erst auf der zweiten Seite des Inhaltsverzeichnisses wird sein Name in Überschriften zu den Kapiteln 5.3, 6 und 7 genannt.

Gründe hierfür? Nun, erstens hatte sich die Bevölkerungswissenschaft in Deutschland an sich nach 1945 einer starken Mißachtung zu erwehren. Selbst heute ist ihr Selbstverständnis nicht in den letzten Zügen geklärt, obwohl sich längst Entkrampfungen eingestellt haben. Und zweitens kommt hinzu, was man erst aus diesem Buch erfährt, nämlich daß Gerhard Mackenroth - - - Nationalsozialist war. Sicherlich kein Fanatiker, sicherlich keiner, der sich durch irgend etwas hervorgetan hätte, was ihn nach 1945 noch besonders hätte kompromittieren können. All dem wird in dem Buch - erstmals - sehr ausführlich nachgegangen anhand der Unterlagen für sein "Entnazifizierungs"-Verfahren. Aber Nationalsozialist ist nun einmal Nationalsozialist. Und da das Fach Bevölkerungswissenschaft an sich noch heute nicht so recht das selbstverständlichste Ansehen in Deutschland genießt, glaubt man vielleicht, das Fach selbst noch zusätzlich zu kompromittieren, wenn man in aller Deutlichkeit herausstellt, daß der bedeutendste deutsche Vertreter dieses Faches im 20. Jahrhundert eben genau jener Gerhard Mackenroth gewesen ist.

"Mackenroth-These" von 1952

Wie auch immer. Im Grunde sind das nur zweitrangige Erwägungen gegenüber den eigentlichen innerwissenschaftlichen Fragestellungen und Erkenntnisfortschritten. Nach dieser überraschenden Schilderung des Lebensweges von Gerhard Mackenroth in der Zeit des Nationalsozialismus hätte man meinen sollen, es wären der Sensationen schon genug gewesen in diesem Buch. Zu ergänzen wäre wohl weiterhin noch, daß er auch Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen ist, und daß, während er selbst den Krieg überlebte, seine junge Familie, seine Frau und drei kleinen Kinder, im Bombensturm von Dresden im Februar 1945 ums Leben kamen. - - -

Aber selbst nachdem man all diese "Lebensstationen" zur Kenntnis genommen hat *), hat man noch nicht die vielleicht bedeutendste kennen gelernt. Kaum nämlich hat man all das bisher Geschilderte auf sich wirken lassen, wird man mit einem weiteren Kapitel konfrontiert: "Mackenroth-These", heißt es. Und man erfährt nun in diesem, daß Gerhard Mackenroth im Jahr 1952 vor dem berühmten "Verein für Socialpolitik", der unter anderem durch Max Weber geschichtlich so bekannt geworden ist, einen Vortrag gehalten hat. Der Titel: "Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan". (3) Und in diesem Vortrag ist ein - aus heutiger Sicht - geradezu revolutionärer Plan enthalten.

Gerhard Mackenroth starb schon drei Jahre später im Jahr 1955. (2, S. 257) Und einer seiner Schüler schrieb bei einem Wiederabdruck dieses Vortrages im Jahr 1957:

"Der Beitrag Mackenroths ist bemerkenswert eigenständig, es sind in ihn viele auch sehr persönliche Anliegen und Erwarungen eingegangen, was der Herausgeber aus jahrelanger sehr enger Mitarbeit feststellen kann." (4, S. 40, Anmerkung)

Und im Vorwort dieser Herausgabe von 1957 heißt es:

"Unser letzter Dank gilt einem Toten, dem verehrten Kieler Kollegen Gerhard Mackenroth. In seinen letzten Lebensjahren war er rastlos um eine sachliche Erläuterung zur Bewältigung der dringlichen sozialpolitischen Aufgaben in unserem Staat bemüht. Wir hoffen, mit der Herausgabe dieses Bandes dem gleichen Anliegen zu dienen." (4, S. X)

Die Beschäftigung mit diesem Vortrag nun läßt einen auf viele Gedanken kommen. Es scheint geradezu so, als ob wir im Jahr 2007 im Rückblick auf die Nachkriegsgeschichte seit 1945 beginnen, die Prioritäten ganz neu zu setzen. Wir sehen plötzlich, so scheint es, wo die wirklich vorausschauenden Denker waren - und wo nur politische Denker zweiten Ranges besonders viel Wind gemacht haben. So weiß heute "jedes Kind" etwas von der "Frankfurter Schule" und ihrem "Institut für Sozialforschung", einem Institut, das schon vom Titel eigentlich sehr ähnliche Themenfelder besetzt zu haben scheint, wie die Forschungen Mackenroth's. Aber waren es denn nun wirklich diese Leute, die zu ihrer Zeit die weiterführendsten Gedanken vertraten?

Eine grundlegende Weichenstellung in der deutschen Nachkriegsgeschichte

Die "Vordenker von 1968" belebten eine Art von "klassenkämpferischem Denken" wieder, so drängt sich ein unmittelbarer Eindruck während der Beschäftigung mit dieser "Mackenroth-These" auf, das vielleicht exakt von jenem Gerhard Mackenroth schon im Jahr 1952 theoretisch vollständig überwunden gewesen war. Da taucht dann plötzlich die Frage auf, wie ein Frankfurter "Institut für Sozialforschung" Jahre lang mit so veralteten Konzepten von Klassenkampf Wirbel machen konnte, während die eigentlich weiterführenden Konzepte, Konzepte, die noch heute als geradezu revolutionär, umwälzend empfunden werden können, schon im Jahr 1952 in ganz nüchterner und klarer Sprache hatten vorgetragen werden können, ohne bisher jemals wirklich geschichtlich wirksam zu werden.

Aber dann kommt auch schon die nächste Überraschung: Wer war verantwortlich dafür, daß die Konzepte Mackenroths bis heute nicht geschichtlich wirksam geworden sind? - So ziemlich der erz-konservativste deutsche Politiker, den die Nachkriegszeit kannte: - - - Konrad Adenauer. Und die nächste Überraschung: Das Wort Adenauers, das heute in aller Munde ist, und das - heute! - als Zeichen für die mangelnde Sensibilität eines greisen Politikers für die Erfordernisse einer Gesellschaft nach dem "demogaphischen Übergang" gilt - jenes

"Kinder kriegen die Leute immer"

- dieses Wort war nicht nur so ein irgendwann einmal in einer fröhlichen Minute dahingesprochenes Wort, wie zumindest bislang immer der Eindruck erweckt worden war für Interessierte, die ganz oberflächlich etwas über diese Themen lasen (also für solche Leute wie den Autor dieser Zeilen). Nein, es diente zur Begründung einer ganz grundlegenden Weichenstellung in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und zwar, so möchte man sagen, eine Weichenstellung gegen die Vorstellungen eines der vielleicht bedeutendsten Sozialreformer der deutschen Geschichte. Und sein Name: Gerhard Mackenroth.

Und seine Ideen? - Nächster Beitrag!


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*) Ergänzung 4.5.2012: Schon im Jahr 2009 ist von dem Mackenroth-Forscher Patrick Henßler ein Folgeaufsatz zur geschichtlichen Einordnung von Gerhard Mackenroth erschienen (6). Erst heute kommt er einem in die Hände. (- Von etwaigen Blogkommentatoren wird man ja auf so etwas nicht hingewiesen!) Und hier schreibt Henßler nun:

Grundlegend für das gesamte Forschungsvorhaben (zu Gerhard Mackenroth und Umfeld) war die Hypothese, daß die historisch-soziologische Bevölkerungsweise (sic! gemeint wohl: Bevölkerungswissenschaft) immun gewesen sei gegen Biologismus, Rassismus und Naturalismus bzw. daß durch ihre einschlägige Genese eine epistemologische Barriere existiert habe, die das Eindringen oder die Adaption dieser konkurrierenden Konzepte im Umgang mit der Bevölkerungsthematik dauerhaft verhindert habe.

Aber: Gerhard Mackenroth war keineswegs "immun" gegen Interdisziplinarität. Das Fazit lautet vielmehr:

Gerhard Mackenroth war in seinem wissenschaftlichen Arbeiten keineswegs aufgrund seines wissenschaftstheoretischen Fundamentes immun gegen eugenische, biologistische und darwinistische Konzepte und Theorien. Das Rassenparadigma sowie rassen- bzw. sozialhygienische Vorstellungen sind Bestandteil seines wissenschaftlichen Weltbildes. Diese Feststellung ist für die Jahre vor 1933, zwischen 1933 und 1945 sowie nach 1945 gleichermaßen zutreffend.

Das weiß zwar jeder, der Gerhard Mackenroth's 1953 erschienene "klassische" "Bevölkerungslehre" genau liest. Nun wissen es aber auch jene, die das nicht so genau tun. 

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  1. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin u.a. 1953
  2. Henßler, Patrick: Bevölkerungswissenschaft im Werden - Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007
  3. Mackenroth, Gerhard: Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Neue Folge Band 4, Berlin 1952, S. 39-48, 56-59.
    Gekürzter Wiederabdruck in: 4., S. 43-74
  4. Böttcher, Erik (Hg.): Sozialpolitik und Sozialreform. Ein einführendes Lehr- und Handbuch der Sozialpolitik. J.C.B. Mohr, Tübingen 1957
  5. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald Verlag, Stuttgart 1981
  6. Henßler, Patrick: Abgrenzung, Anbiederung oder Überzeugung? Gerhard Mackenroth und die NS-Rassen- und Bevölkerungspolitik. In: R. Mackensen; J. Reulecke; J. Ehmer (Hg.): Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts "Bevölkerung" vor, im und nach dem "Dritten Reich". Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, S. 141-160  
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