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Sonntag, 8. Mai 2016

Ist Lehrbuch-Wissen "Quatsch"? - Über naturwissenschaftsnahes Argumentieren in der Politik

Im Lehrbuch "Soziobiologie" von Eckart Voland aus dem Jahr 2013 (2) wird ein Aufsatz aus der Zeitschrift "Human Nature" aus dem Jahr 2009 (1) referiert, der kurzzeitig in der Öffentlichkeit erörterte Argumentationslinien zu angeborenen Verhaltensunterschieden von menschlichen Großgruppen bezüglich r- und K-Strategien (12-17) - im Gegensatz zum allgemein in der Öffentlichkeit vertretenen Urteil - im Prinzip gerechtfertigt erscheinen läßt.

Abb. 1: Eckart Voland - Soziobiologie, 2013, 4. Aufl.
An nur wenigen Tagen in den letzten Monaten und Jahren ist kurzzeitig einmal im Zusammenhang mit politischen Erörterungen Bezug genommen auf naturwissenschaftsnahes Argumentieren (17).

In Reaktion darauf war in den "großen" Medien davon die Rede, dabei sei gedanklich völliger Blödsinn vertreten worden. Selbst nahe politische Freunde desjenigen, der sich hier geäußert hatte, zeigten sich als von Abscheu erfüllt. Sie meinten, daß man sich nicht kontraproduktiver hätte äußern können. In einer rechtfertigenden Stellungnahme wurde inhaltlich dann kein Argument vorgebracht, daß das zuvor vorgebrachte naturwissenschaftsnahe Argumentieren weiter erläutern und stützen würde und das dadurch dazu anregen würde, eine Sachauseinandersetzung weiter zu führen. Und dies ist der Zustand bis heute.

Selbst so überlegte Leute wie der Südtiroler Philosoph Marc Jongen (Universität Karlsruhe) äußern lieber ihre Sympathien für Rudolf Steiner, als daß sie in eine Sachdebatte einsteigen würden und Verständnis zeigen würden für ein naturwissenschaftsnahes, evolutionäres Denken (17).

Weit und breit niemand führte auf diesem Gebiet in der allgemeinen Öffentlichkeit die Sachauseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene weiter.

"Der Häscher der Selbstgerchten"


Außer uns. Und außer ganz wenigen Denkenden in Deutschland. Und außer des Wissenschaftsjournalisten Marcus Anhäuser (14) und jener wenigen, auf die er sich bezieht - - - und schließlich außer jemandem, der sich nennt - - - "DerHäscherderSelbstgerechten", der dann von Kritikern begrüßt wurde als "DerMitMartialischenNamenTanzt". Es handelt sich bei diesem "Häscher der Selbstgerechten" um einen Blogger, der sich "Genhorst" nennt. (Der aber jüngeren Jahrgangs ist, als man bei einer solchen Namenswahl vermuten sollte.) Dieser gab schon am 14. Dezember - allerdings bis heute wenig beachtet - den entscheidenden Kommentar zu allen öffentlichen Erörterungen rund um das zur Debatte stehende evolutionäre Denken (Genhorst 14.12.2015) (13).

Abb. 2: Die Überlebenskurve für fünf unterschiedliche Lebewesen mit unterschiedlicher Fortpflanzungsstrategie
(Danke für diese Grafik von: Armin Kübelbeck)

Der Verfasser dieser Zeilen ist bislang der einzige gewesen, dem dieser Blogbeitrag "gefiel", und der ihn auf Facebook weiter geteilt hat. Und der ihn in Kommentaren bei Marcus Anhäuser dann weiter auswertete. Das soll nun auch hier noch einmal dokumentiert werden. Denn - wie gesagt - niemand innerhalb der gesamten "Qualitätspresse" weltweit scheint bislang diesen Hinweis aufgegriffen zu haben. Womit der Vorwurf Lügenpresse voll und ganz gerechtfertigt erscheint.

Was hatte "Der Häscher der Selbstgerechten" getan? Er hatte einfach ein Zitat aus dem Lehrbuch meines Doktorvaters gebracht, auf das ich selbst gar nicht gekommen war:
Soziobiologe Eckart Voland schreibt dazu in seinem Standartwerk „Soziobiologie“ (Springer-Verlag Berlin, Auflage von 2013) im Abschnitt „Menschen sind flexible K-Strategen“ (S. 166).
Und dieses Zitat brachte er dann auch am 5. Februar 2016 in den Kommentaren bei Marcus Anhäuser. Eckart Voland schrieb da also schon 2013:
Allein schon angesichts ihrer vergleichsweise geringen Fruchtbarkeit, langen Jugendentwicklung und beachtlichen Lebenserwartung rangieren Menschen weit auf der K-Seite des r/K-Gradienten. Allerdings läßt sich eine durchaus nennenswerte Variabilität, sowohl im Populationsvergleich als auch im interindividuellen Vergleich, innerhalb einer Population in Bezug auf lebensstrategische Parameter beobachten. Man denke nur an den Unterschied in der realisierten Fruchtbarkeit, wie sie in den westlichen Industriestaaten vorherrscht und nicht einmal zur bloßen Regeneration der Bevölkerung ausreicht […]. Angesichts dieser Unterschiede hat sich schon früh die Frage gestellt, ob das Konzept von “r-” versus “K-Strategie”, das zwar zur Erklärung von genetisch weitgehend fixierten Artunterschieden entwickelt wurde, nicht sinngemäß auch menschliche Unterschiede zu erklären vermag. Schließlich beobachtet man Unterschiede in individuellen Lebensvollzügen, die analog zum “r/K-Konzept” unterschiedlich stark ausgeprägte Fluktuationen in den sozio-ökologischen Lebensbedingungen einschließlich unterschiedlicher extrinsischer Mortalitätsrisiken abbilden. Wenngleich Menschen also K-Strategen sind, sind sie das auch auf verschiedene Weise. Idealtypisch vereinfacht lassen sich eher “langsame” von “schnellen” Lebensverläufen unterscheiden, wobei die “Geschwindigkeit” des reproduktiven Verhaltens als konditionale und funktional-adaptive Antwort auf das Ausmaß individuell erfahrener Lebenssicherheit verstanden wird. […] Die Forschung zur Plastizität der K-Strategie des Menschen hat längst ihre ursprüngliche Domäne, nämlich die Darwinische Entwicklungspsychologie verlassen und strahlt weit in benachbarte Disziplinen aus, die - sei es mit demografischen, kulturvergleichenden oder anderen Methoden und Datensätzen - die Vielfalt der menschlichen Lebensverläufe mit einer einheitlichen evolutionären Theorie einzufangen versucht.
Abb. 3: Rushton - Rasse, Evolution, 2005
Darauf schrieben wir noch am gleichen Tag in den Kommentaren:
Was “Genhorst” da gefunden hat, ist schlichtweg die definitive Entscheidung in dieser Debatte. Und dieses Zitat müßte, wenn wir es denn nicht mit einer Pinocchio-Presse zu tun hätten, durch die gesamte große Presse gehen. Die moderne Humansoziobiologie mit ihrem im deutschen Sprachraum prominentesten Vertreter sagt, daß Menschen r-Strategen sein können als “Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit” und auf der Ebene von Populationen (von der in dem Zitat die Rede ist). In Afrika gibt es r-Strategie als Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit auf Populationsebene. (...) Der Wissenstand ist schlichtweg zu allergrößten Teilen korrekt wiedergegeben worden. Ob die richtigen politischen Schlußfolgerungen daraus gezogen worden sind, ist damit ja gar nicht gesagt. Aber Pinocchio-Presse bleibt Pinocchio-Presse. Peter Sloterdijk spricht absolut korrekt von Lügenäther.
Ich übergehe hier einen längeren Abschnitt in der Diskussion bei Marcus Anhäuser, in der auf Einwände gegen unsere Auslegung dieses Zitats geantwortet wurde. Es wird eine Diskussion sein, die sehr lehrreich sein dürfte für manche, die noch weniger in naturwissenschaftsnahem Denken geschult sind. Bis zum 9. Februar hatte ich dann endlich herausgesucht, was hier tatsächlich inhaltlich zur Erörterung stand. Ich schrieb:
Habe jetzt das obige Voland-Zitat im Original rausgesucht und sehe, daß sich Voland bezieht bei den zitierten Aussagen auf diese Studie aus dem Jahr 2009: http://www.u.arizona.edu/~ajf/pdf/Ellis,%20Figueredo,%20Brumbach,%20&%20Schlomer%202009.pdf (Schade, daß man das hier alles selber machen muß und die “Qualitätspresse” weit und breit sich in Deutschland darum nicht kümmert.) Im Abstract dazu heißt es abschließend: “This review demonstrates the value of applying a multilevel evolutionary-developmental approach to the analysis of a central feature of human phenotypic variation.” Ohne das Ding jetzt weiter gelesen zu haben, entnehme ich jetzt mal dem Wort “multilevel approach”, daß ich mit meiner obigen “Interpretaton” des Voland-Zitates 100% richtig liege. Denn multilevel heißt: die genetische Ebene ist eben nicht ausgeschlossen.
Der Aufsatz stammt von einer Forschergruppe rund um den Evolutionären Psychologen Bruce J. Ellis von der Universität von Arizona in Tuscon, USA. Er ist in deutscher Übersetzung betitelt mit: "Grundlegende Auswirkungen von Umweltrisiken - Der Einfluß von harschen gegenüber unvorhersehbaren Umwelten in der Evolution und Entwicklung von Lebensphase-Strategien" (1).

Bruce J. Ellis aus Tuscon/Arizona


Abb. 4: Die Zeitschrift "Human Nature"
Und diese Originalarbeit, auf die sich Voland bezog, ist glücklicherweise frei zugänglich und so konnten aus dieser gleich die entscheidenden Passagen herausgesucht werden (worauf es dann auch - bis heute - keine Einwände mehr gab ;) ). Bezugnehmend auf hier nicht dokumentierte Diskussionsabschnitte schrieb ich also:
Der eben genannte Artikel von 2009 raisonniert auf genau der gedanklichen Linie, die ich oben schon erläutert habe. Aber er geht noch erheblich weiter! Er erörtert sehr WOHL auch sehr konkret verhaltensgenetisch vorgegebene Häufigkeitsunterschiede zwischen MENSCHLICHEN Populationen weltweit. Insbesondere auf S. 228f wird dies anhand einer genetischen Anlage für ADHS erörtert, eine Anlage, deren 7-fache Sequenz bei Chinesen und Buschleuten gar nicht vorkommt, die aber in einigen Volksstämmen Südamerikas sehr häufig vorkommt und z. B. unter Europäern ebenfalls mitverantwortlich ist für dortiges “novelity seeking”, für Abenteuerlust, Risikofreude und ADHS. Und diese Steuerungssequenz korreliert nach älteren Studien (u.a. Harpending) mit Nomadenhaftigkeit und Wanderungsfreude. Und nun der von Voland zitierte Aufsatz zu solchen angeborenen Lebenslauf-Häufigkeits-Unterschieden zwischen menschlichen Populationen in Bezug auf diese Veranlagung (LH = Life history):
“Variation between and within human populations in LH strategies has also been linked to measured genetic variation. For example, the modal slow human LH strategy may be supported by the common 4R variant of the human dopamine receptor D4 (DRD4) gene. DRD4 regulates dopamine receptors in the brain, and variants of this gene have been linked to individual differences in such personality traits as extraversion and novelty-seeking (Ebstein 2006). The 4R allele was apparently the most common form of the DRD4 gene throughout human prehistory (Wang et al. 2004). Under conditions of environmental harshness and resource limitation, which are common in pre-agricultural foraging societies, biparental investment in offspring, durable pairbonds, and strong family ties and cooperation (i.e., slower LH strategies) are generally needed to survive and reproduce successfully (see Draper and Harpending 1988; Geary 2000; Rodseth and Novak 2000). Harpending and Cochran (2002) suggest that these ancestral conditions helped to maintain the 4R allele, which is associated with more riskaverse mating and social behavior.
Whereas the DRD4 4R allele appears to have emerged around a half-million years ago and is common in most geographical locations, the DRD4 7R allele, which is associated with more impulsive and risk-prone behavior, appears to have been selected for during the past 40,000–50,000 years and has a widely variable and nonrandom global distribution (Chen et al. 1999; Wang et al. 2004). Based on an analysis of this distribution, Chen et al. (1999) have argued that the 7R allele promotes migratory behavior, with bearers of 7R more likely to lead populations far from their ancient lands of origin (e.g., South American Indians, Pacific Islanders). An alternative explanation, however, proposed by Harpending and Cochran (2002), is that the 7R allele is favored by selection under conditions of surplus resources. In such luxuriant contexts, where offspring can be successful without intensive biparental investment (as is common in many agricultural and modern societies), higher levels of energetic, impulsive, and noncompliant behavior characteristic of male bearers of the 7R allele may facilitate fast sexual behavior and success in intrasexual competition (Harpending and Cochran 2002; Penke et al. 2007). Recent increases in the frequency of the 7R allele (Ding et al. 2002) are consistent with this hypothesis. In total, 7R bearers may not only be more likely to become propagules colonizing new environments (generating between-group variation in LH strategies) but may also employ faster LH strategies than 4R bearers in well-resourced, multiniche environments (supporting within-group variation in LH strategy).
In sum, there is much variation in LH strategies between different human populations (e.g., Rushton 2004; Walker et al. 2006b; Walker and Hamilton 2008). On the one hand, genetic polymorphisms, such as those at the DRD4 locus, are potentially relevant because they may account for meaningful cultural and individual variation in LH strategies. On the other hand, comparative data from small-scale human societies suggest that differences between populations in LH strategies are responsive to mortality rates. Much more work is needed, however, to delineate the potential evolutionary and developmental bases of such differences and their coordination with environmental conditions.”
In diesem Falle würden also, wenn ich es recht verstehe, Buschleute und Chinesen auf der “K-nahen” Seite stehen, während südamerikanische Indianerstämme und abenteuerlustige, risikofreudige Europäerinnen und Europäer auf der “r-nahen” Seite stehen, weil sie wechselnde Sexualpartner haben und/oder auch einen sonstigen risikofreudigeren Lebensstil haben. Man sieht, das Thema ist in jedem Fall komplex. Aber daher zu kommen und zu sagen, es sei grundsätzlich “Blödsinn”, in Bezug auf angeborene Verhaltensunterschiede beim Menschen auf Populationsebene von r- und K-Strategie zu sprechen – DAS ist: Blödsinn. Denn die Forschung geht auch jenseits von Philippe Rushton auf diesem Gebiet weiter, jenseits eines Autors übrigens, der auch in der Studie von 2009 als ernstzunehmender zitiert wird.
Seit diese Zitate der Öffentlichkeit bekannt gegeben und ihr erläutert worden sind, ist die öffentliche Erörterung rund um das hier zur Erörterung stehende evolutionäre Denken schlichtweg entschieden. All die Kritiker auf dem Blog von Marcus Anhäuser, die sich zuvor immer wieder mit neuen Einwänden gemeldet hatten, blieben, nachdem diese Zitate gebracht worden waren, stumm. Wahrscheinlich reden sie sich damit heraus, dass ihnen die Diskussion zu lang geworden war und sie ihr gar nicht mehr gefolgt wären.

Aber man möchte doch gerne wissen, wann endlich Qualitätspresse Qualitätsberichterstattung betreibt. Statt Hetzpresse und Verblödungspresse zu sein. (Einige weiterführende Ausführungen im Anhang.) (Ergänzung 11.6.16:) Übrigens ist damit auch die öffentliche Stellungnahme des "Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung" (19) vollständig widerlegt, etwa die dortige These, dass es sich bei der r/K-Theorie um eine "mittlerweile veraltete Theorie zu Unterschieden im Fortpflanzungsverhalten zwischen verschiedenen Tierarten" handeln würde. Wie können habilitierte Wissenschaftler einen solchen Unsinn äußern?
__________________________________________________________
ResearchBlogging.org
  1. Ellis BJ, Figueredo AJ, Brumbach BH, & Schlomer GL (2009). Fundamental Dimensions of Environmental Risk : The Impact of Harsh versus Unpredictable Environments on the Evolution and Development of Life History Strategies. Human nature (Hawthorne, N.Y.), 20 (2), 204-68 PMID: 25526958
  2. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Springer-Verlag, Heidelberg u.a. 2013 (4. Auflage)
  3. Bading, Ingo: Ein Skandal der allerersten Güte. Das "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda und sein geistig überaus schmalspuriges Auftreten. Auf: GA-j!, 12. Juli 2015
  4. Bading, Ingo: Rettet naturwissenschaftsnaher Katholizismus die europäischen Völker? Entwicklungen auf dem Internetblog "Projekt Ernstfall". GA-j!, 23. Juli 2015
  5. Bading, Ingo: "Eine Milliarde Katholiken gegen 200 Ludendorffer - viel Spaß in der Bataille". GA-j!, 28. Juli 2015
  6. Bading, Ingo: Verblödung auf der Internetseite Sezession. Katholische Rechtskonservative seit über 40 Jahren: "Gehe zurück auf Los und fange bei Null an". GA-j!, 15. August 2015
  7. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Er hat "biologische Fragestellungen" "allzu sehr in den Vordergrund gestellt. GA-j!, 7.10.2015 
  8. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Ein rechtskonservativer Hijacker. GA-j!, 11.10.2015
  9. Bading, Ingo: Laßt sie nicht abreißen! - Die kulturelle und genetische Tradition. Begreift Euch als Erben! Eine Lesehilfe zu Peter Sloterdijk's neuestem Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (2014). GA-j!, 15. Oktober 2015
  10. Albrecht, Jörg: Das Fremde und das Vertraute. In: FAS, 17.11.2015
  11. von Rauchhaupt, Ulf: Lewontins Fehlschluß. In: FAS, 17.11.2015
  12. Zastrow, Volker: Neue Rechte - Höckes Rassetheorie. In: FAZ, 20.12.2015
  13. Genhorst: Höckes r- und K-Strategen. Auf: Das Wesen - EvoDevoAnthro, 14. Dezember 2015, https://genhorst.wordpress.com/2015/12/14/hoeckes-r-und-k-strategen/
  14. Anhäuser, Marcus: Liebe Biologen, #Höcke wäre Eure Chance gewesen (Nachtrag 28.1.16). Auf Placeboalarm, 15. Dezember 2015, mit 105 Kommentaren, http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/liebe-biologen-hoecke-waere-eure-chance-gewesen/
  15. „Sonst endet die AfD als ‘Lega Ost’“ - Interview mit Karlheinz Weißmann. In: Junge Freiheit, 21.12.2015
  16. Hermsdorf, Daniel: Volksverhetzung durch angebliche #Rassismus-Kritik? Filmdenken, 21.12.2015
  17. Bading, Ingo: Evolutionäres Denken - Von seinem Gebrauch und Mißbrauch in der Politik. 10. Januar 2016, https://studgenpol.blogspot.com/2016/01/bjorn-hockes-evolutionares-denken.html
  18. Brynja Adam-Radmanic: Hat Höcke recht, aber wir dürfen es nicht sagen? - Ein Fakten-Check mit Anleitung zur Verhinderung totalitären Denkens. Auf: Wissensküche, 15. Dezember 2015 (mit 126 Kommentaren), http://wissenskueche.de/2015/12/hat-hoecke-recht-aber-wir-duerfen-es-nicht-sagen-ein-fakten-check-mit-anleitung-zur-verhinderung-totalitaeren-denkens/
  19. Damian Ghamlouche: BIM-Pressemitteilung: Rassistische Argumentationen dringen unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit in den politischen Raum. Pressemitteilung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung vom 15.12.2015, http://www.bim.hu-berlin.de/media/PM_BIM_14122015.pdf

Donnerstag, 7. Juni 2007

"Zerreißen will ich das Geweb der Arglist ..."

Er hat die Schnauze voll - Ein Nobelpreisträger
(Zu Englisch: "He is pissed off ...")

Vorbemerkung (7.2.2016): Das Wort von der "Lügenpresse" kam 2014 auf den Pegida-Demonstraionen in Dresden auf (Wiki). Dieser Beitrag zeigt, dass das Phänomen "Pinocchiopresse", bzw. "Lügenäther" (Peter Sloterdijk) in der Wissenschaft schon spätestens seit 2006 bekannt ist.

Die folgenden Ausführungen werden Wolf Biermann, der auch oft die Schnauze voll hat oder voll nimmt, nicht gefallen. Andererseits müssen nicht jedem die jüngsten, sehr undifferenzierten Äußerungen Wolf Biermanns zum palästinensisch-arabischen Konflikt besonders gefallen. Und man darf sich insbesondere fragen, ob sie im Sinne seiner früh verstorbenen Freunde Rudi Dutschke, Jürgen Fuchs oder Rudolf Bahro wären, die alle - wohl - in ähnlicher Weise gewissen Geheimdiensten unbequem waren, so wie neuerdings der russische Regime-Gegner Alexander Litwinenko.

Robert Trivers

Durch "Gene Expression" stößt man auf ganz neue, sehr direkt politische Implikationen der modernen Soziobiologie und des etwaig durch diese wiederbelebten "neuen Atheismus". - Robert Trivers (geboren 1943) ist nach William D. Hamilton (1936 - 2000) der zweite große theoretische Begründer der Soziobiologie. Er hat das Prinzip des Gegenseitigkeits-Altruismus formuliert in Ergänzung zu William D. Hamilton's Prinzip des Verwandten-Altruismus, also "des E = mc2 der Evolutionären Psychologie". Bis heute hat er viele wichtige, weitere Beiträge zur modernen Evolutionsbiologie geleistet, unter anderem zur Theorie von Täuschung und Selbsttäuschung. Auch ein dickes Lehrbuch hat er verfaßt.

Robert Trivers ist, wie viele wohl heute zum ersten mal erfahren, ein unerschrockener Kritiker politischer Mißstände, vielleicht noch ein viel unerschrockenerer, als sein Freund Bill Hamilton, der in seinen Erinnerungen "Narrow Roads of Gene Land" durchaus auch schon so mancherlei Kritisches und "Unkorrektes" zu äußern bereit war, so daß jedenfalls die Herausgeber mehrmals über der Frage zögerten, ob sie diese Aufzeichnungen vollständig veröffentlichen sollten. Wir haben es also im folgenden mit einem weiteren, neuen Stadium in der politisch unkorrekten Geschichte dieser mißliebigen Wissenschaftsrichtung zu tun: der Soziobiologie ...

Alan Dershowitz

Wohl weil Robert Trivers (amerikanisch-)jüdischer Abstammung ist, interessiert er sich auch sehr stark für den israelisch-arabischen Konflikt (- wie ja jüngst auch Wolf Biermann). Und wie man aus neuesten Berichten erfährt (chronologisch: Inside Higher Education 2005, Seed 2006, Inside Higher Education April 07, Inside Higher Education Mai 07, Frontpage Magazine, Gene Expression), hat er vor kurzem aus diesem Anlaß einen privaten Brief an Alan Dershowitz, den Herausgeber des einflußreichen "Wall Street Journal" und zugleich Professor an der Harvard-Universität, geschrieben, der unter anderem eine heftige Passage enthielt. Sie schlägt einen herausfordernden - oder vielleicht auch richtiger: zornigen - Ton an, wie man ihn in dieser Weise bisher noch niemals von irgend einem Soziobiologen zu politischen Fragen vernommen hat:
“Regarding your rationalization of Israeli attacks on Lebanese civilians, let me just say that if there is a repeat of Israeli butchery toward Lebanon and if you decide once again to rationalize it publicly, look forward to a visit from me. Nazis — and Nazi-like apologists such as yourself — need to be confronted directly.”
Auf Deutsch übersetzt:
"Lassen Sie mich in Hinsicht auf Ihr Entgegenbringen von Verständnis gegenüber den israelischen Angriffen auf libanesische Zivilisten sagen, daß wenn es eine Wiederholung von israelischer Schlächterei gegen den Libanon geben sollte und Sie entscheiden sollten, diesem noch einmal öffentlich Verständnis entgegen zu bringen, daß Sie dann mit einem persönlichen Besuch meinerseits rechnen können. Nazis - und Nazi-ähnlichen Apologeten wie Ihnen - muß man sich direkt in den Weg stellen."
Nun. Recht unzweideutig. Wissenschaftsblogger Razib Khan fragt - rhetorisch -: "Bob Trivers - a bad ass?" Und ein Kommentator schreibt:
"Dershowitz hat wirklich ein schreckliches Maul, das mehr zum Nachteil der eigenen Sache hervorbringt, als er sich selbst vorstellen kann."
Aufgrund dieses Briefes jedenfalls wurde Trivers, der letztes Jahr den "Nobelpreis für Biologie" erhalten hatte (das ist der "Crafoord-Preis für Biowissenschaften"), kurzfristig von einem Vortrag ausgeladen, den er an der Harvard-Universität halten sollte. Dies geschah, nachdem Alan Dershowitz den zitierten Brief ("routinemäßig", wie er sagt) an die Polizei-Abteilung von Harvard weitergegeben hatte.

Norman G. Finkelstein

Trivers, so ist weiter zu erfahren, hatte diesen Brief geschrieben, um den Äußerungen von Dershowitz über Norman G. Finkelstein zu widersprechen, also um zugunsten des Kritikers der "Holocaust-Industrie" Partei zu ergreifen. - Neuerlich eine ziemlich brisante Sache ... Es geht noch weiter: Alan Dershowitz ist einer der prominentesten Vertreter der von Norman G. Finkelstein so apostrophierten und kritisierten "Holocaust-Industrie". Und er hat offenbar versucht, das Erscheinen des jüngsten Buches von Norman G. Finkelstein ("Beyond Chuzpah") zu verhindern. Alan Dershowitz scheint sich nach den Berichten unglaublich durch dieses Buch angegriffen zu fühlen. Das war 2005. - Wie man feststellen kann, ist das Internet voll mit Dershowitz-Kontroversen: Wikipedia.

Forschungsgelder

Dieses Jahr nun verweigerte der Dekan des Universitäts-Fachbereichs, an dem Israel Finkelstein arbeitet, die ihm vom Fachbereich selbst schon mehrheitlich gewährten Forschungsgelder. Es gehen Gerüchte um, daß Dershowitz daraufhin arbeitet, daß Finkelstein entlassen werden solle. Diese Umstände offenbar haben den Brief von Trivers ausgelöst. Aber weiterhin ist auch zu erfahren, daß zwei Schwestern von Trivers mit libanesischen Männern verheiratet sind. Seine Worte sind also aus direkter persönlicher Betroffenheit heraus geschrieben - man könnte auch sagen aus: Verwandten-Altruismus.

Täuschung und Selbsttäuschung

Robert Trivers hat vor allem auch die evolutionsbiologische Funktion von Täuschung und Selbsttäuschung auf der Ebene von Individuen und Gruppen erforscht. In einem Gespräch mit dem berühmten Sprachforscher und Kritiker einer zu Israel-freundlichen US-Außenpolitik, Noam Chomsky, im September letzten Jahres (Seed 2006) wurden daraus zahlreiche Nutzanwendungen für die gegenwärtigen Politik gezogen. So sagte Chomsky zum Beispiel (Hervorhebungen nicht im Original):
"... we now have huge industries deceiving the public—and they're very conscious about it, the public relations industry . Interestingly, this developed in the freest countries—in Britain and the US—roughly around time of WWI, when it was recognized that enough freedom had been won that people could no longer be controlled by force. So modes of deception and manipulation had to be developed in order to keep them under control. And by now these are huge industries. They not only dominate marketing of commodities, but they also control the political system. As anyone who watches a US election knows, it's marketing. It's the same techniques that are used to market toothpaste. And, of course, there are power systems in place to facilitate this. (...) You have to reconstruct a picture of the world in order to be conducive to the interests and concerns of the educated classes, and this involves a lot of self-deceit."
Zu deutsch:
"Wir haben nun riesige Industrien, die die Öffentlichkeit betrügen - sie sind sich dessen sehr bewußt, die Public relation-Industrie. Interessanterweise wurde sie in den freisten Ländern - in Großbritannien und den Vereinigten Staaten - ungefähr in der Zeit des Ersten Weltkrieges entwickelt, als erkannt worden war, daß genügend Freiheit gewonnen war, so daß Menschen nicht mehr länger durch Gewalt kontrolliert werden konnten. So wurden Wege der Täuschung und Manipulation entwickelt, um sie unter Kontrolle zu halten. Und nun sind es riesige Industrien. Sie dominieren nicht allein den Wirtschaftsbereich, sondern ebenso das politische System. Und jeder, der die US-Wahlen beobachtet, weiß, daß es Marketing ist. Es werden die gleichen Techniken benutzt wie die, mit denen Zahnpasta verkauft wird. Und natürlich gibt es da Machtsysteme, die das erleichtern. (...) Man muß ein Bild der Welt zeichnen, um die Interessen und Absichten der gebildeten Klassen zu fördern und dies schließt eine ganze Menge Selbsttäuschung mit ein."
Abb.: Pegida-Demonstration - Dresden, 21. April 2014 (Wiki)
Ein ganzer "Schwarm von Lügen"

Ja, als Zeithistoriker kann man jedes einzelne dieser Worte bestätigen. Das 20. Jahrhundert war ein "Jahrhundert der Lügen". Und was diesen Aspekt der Geschichte betrifft, so scheint das 20. Jahrhundert noch heute nicht zu Ende zu sein. Trivers antwortete unter anderem:
"... So let me ask you, when you think about the leaders—let's say the present set of organisms that launched this dreadful Iraq misadventure—how important is their level of self-deception? We know they launched the whole thing in a swarm of lies, the evidence for which is too overwhelming to even need to be referred to now. My view is that their deception leads to self-deception very easily. ..."
/ Ergänzung Febr. 2015: Soviel schon vor acht Jahren hier auf dem Blog zum Thema "Unwort des Jahres 2014", bzw. zu den Rufen auf den Dresdener Pegida-Demonstrationen "Lügenpresse - halt die Fresse". Chomsky und Trivers jedenfalls sagten schon vor vielen Jahren der Sache nach nichts anderes .../ Trivers sagt gegen Ende des Gespräches unter anderem:
"There is excellent work being done on deception in other creatures. To give you just one line of work that's of some interest: We find repeatedly now—in wasps, in birds and in monkeys—that when organisms realize they're being deceived, they get pissed off. And they often attack the deceiver. Especially if the deceiver is over-representing him or herself. If you're under-representing and showing yourself as having less dominance than you really have, you're not attacked. And the ones that do attack you are precisely those whose dominance status you are attempting to expropriate or mimic.
It's very interesting and it suggests some of the dynamic in which fear of being detected while deceiving can be a secondary signal, precisely because if you are detected, you may get your butt kicked or get chased out."
Das Gespräch ist noch viel länger. Aber mit den gebrachten Auszügen ist zunächst genug von der Richtung des Denkens aufgezeigt worden, das hier verfolgt wird. Insofern der "neue Atheismus" dabei mithelfen sollte, "das Geweb der Arglist" zu zerreißen, wie das ja auch Richard Dawkins, James Watson und viele andere immer wieder tun, könnte man allerdings sehr viel von ihm erwarten:
Zerreißen will ich das Geweb der Arglist,
aufdecken will ich alles, was ich weiß!
In der Tat kann das Verfolgen von Lobby-Interessen interpretiert werden als das Verfolgen von "gruppenevolutionären Strategien". Dazu hat der Evolutionäre Psychologe Kevin MacDonald aufschlussreiche Studien vorgelegt.

/Abbildung hinzugefügt: 7.2.16/
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