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Dienstag, 28. Mai 2019

"Sei dir selbst keine Schande!" - Das Volk der Fulbe in Afrika

Sie haben 21 % europäische Gene - Woher kamen diese Gene? Welche Folgen haben sie?

Genetisch stammt das afrikanische Volk der Fulbe (engl. Fulani) (Wiki, engl) nach neueren Studien (1) zu 74% aus Westafrika (also von den Bantu-Völkern), zu 21% aus Europa und zu 4,1% aus Ostafrika.*) Auf die europäische Herkunft wird zugleich zurückgeführt, daß die Fulbe eine genetisch verschaltete Fähigkeit besitzen, als Erwachsene Rohmilch verdauen zu können, die - auch genetisch - völlig identisch ist zu der gleichen europäischen Fähigkeit. Eine solche Fähigkeit ist jedoch bei Völkern in Ostafrika und bei arabischen Völkern völlig anders verschaltet, dort also konvergent evoluiert, während sie bei Europäern und Fulbe auf gemeinsamer genetischer Abstammung beruht (1).

Abb. 1: Zwei Männer der Wodaabe, eines Unterstammes der Fulbe; Fotograf: Dan Lundberg (Wiki)

Eine neue Studie hat nun gefragt, wann und wo genauer diese europäische Einmischung stattgefunden hat, die zur Ethnogenese, sprich Volkwerdung der Fulbe führte (1). Sie stellt zwei europäische genetische Einmischungsereignisse fest, und zwar um 200 n. Ztr. und um 1700 n. Ztr..**)  Bislang kann aber noch nichts Genaueres gesagt werden. Insgesamt könnte die genetische Signatur dieser Einmischung nämlich auch auf Einmischung von Berber-Völkern aus Nordafrika hinweisen. Diese könnten schon im Neolithikum durch Südwanderung europäischer Völker entstanden sein, wie vielfach in der Forschung angenommen wird. Jüngste Ancient-DNA-Forschungen fanden ja auch wenige Anteile schwarzfrikanischer Genetik im neolithischen Spanien, worauf schon andernorts hier auf dem Blog hingewiesen wurde.

Abb. 2: Einige Klans der Wodaabe haben sich zu einem Gerewol-Fest versammelt, 1997; Fotograf: Dan Lundberg (Wiki)

Nach derzeitigem Forschungsstand sind also noch allerlei historische Szenarien denkbar, anhand derer die europäische Einmischung erklärt werden kann. Auch die portugiesischen Seefahrer des 17. Jahrhunderts können eine Rolle spielen, aber ebenso das Volk der Phönizier oder - vielleicht? - auch das germanische Volk der Wandalen, das in der Spätantike hundert Jahre lang in Nordafrika lebte und herrschte.


Abb. 3: Das Verbreitungsgebiet der Fulbe - südlich der Sahara (Wiki)

Im ersten Zugriff scheint einem die Art des früheren Vermischungsereignisses**) am ehesten auf die Phönizier zu passen, die mit ihren Schiffen sicher bis Westafrika gekommen sind. Schon bei den Tuareg hielt sich die Sage - und gibt es manche Hinweise für die Vermutung -, daß sie von Karthagern abstammen, die nach der Zerstörung von Karthago durch die Römer in die Wüste geflohen sind. Ein ähnlicher Zusammenhang wäre auch bezüglich der Fulbe annehmbar.

Wie es sich damit aber nun genauer verhält, werden künftige Forschungen zeigen müssen, vermutlich wird auch hier erst Ergebnisse der Ancient-DNA-Forschung einigermaßen abschließende Ergebnisse liefern.

Es sei noch einmal erinnert: 146 v. Ztr. wurde die phönizische Großmacht Karthago von den Römern endgültig zerstört (Wiki). 435 bis 534 n. Ztr. herrschten in Nordafrika die Wandalen. 

Der Ehrenkodex der Fulbe

Wirft man nun, angeregt von diesen neuen Forschungsergebnissen, ein Blick auf das Volk der Fulbe, betritt man eine aufregende kulturelle und geschichtliche Welt. Die Fulbe haben ursprünglich als Nomaden gelebt und Kamele geritten so wie das Berber-Volk der Zentralsahara, die Tuareg. Die Fulbe haben vor der europäischen Kolonisierung südlich der Sahara auch Staaten gegründet. Sie besaßen in Westafrika, so ist auf Wikipedia zu erfahren, sogar "eine Vormachtstellung". Es sei diesbezüglich Wikipedia zitiert (Wiki):

Die ethnische Herkunft der Fulbe ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die frühen europäischen Ethnologen des 19. und 20. Jahrhunderts waren sich über den Ursprung der Fulbe sehr uneinig. Einige Theorien (...) sagten ihnen (...) sogar europäischen Ursprung nach. (...) Eine weitere Erklärung für die europäischen Versuche, die Fulbe ethnogenetisch zu lokalisieren, liegt in dem Umstand, daß sie zur Zeit der Kolonialisierung eine Vormachtstellung in Westafrika innehatten. Die Europäer versuchten, diese militärische Überlegenheit mit einer hypothetischen Überlegenheit der "weißen Rasse" in Einklang zu bringen. Die Fulbe stellten in diesem Fall einen "entarteten" Vertreter dieser Rasse dar, der allerdings aufgrund seiner Herkunft immer noch ein Minimum an Überlegenheit gegenüber den Schwarzen aufweisen mußte. 

Die Fulbe kannten, so ist zu erfahren - wie die Tuareg - ein Kastensystem mit Adligen, Handwerkern und Sklaven. Die Fulbe besitzen einen Ehrenkodex, den "Pulaaku", an den sie sich - traditionell - unbedingt zu halten haben. Man darf ihn begeisternd nennen, er gründet auf drei Säulen, für einen Angehörigen der Fulbe (Einzahl "Pullo") gilt:

  • Selbstbeherrschung - ein Pullo soll sich immer ruhig verhalten und darf sich nicht seinen Emotionen hingeben
  • Zurückhaltung und vor allem Ehrlichkeit, die für den Pullo von großer Bedeutung ist
  • Geist ist eine der wichtigsten Eigenschaften des Pullo – ein Pullo soll weise und gebildet sein, denn nur der Weise kann sich selbst beherrschen und bescheiden leben. 

Aus den drei Grundsätzen lassen sich folgende Regeln ableiten:

  • Sei dir selbst kein Anlaß zur Schande!     
  • Habe keine Furcht!
  • Lüge nicht!

Oder, auch dem englischen Wikipedia-Artikel (Wiki):

The Fulani follow a code of behavior known as pulaaku, which consists of the qualities of patience, self-control, discipline, prudence, modesty, respect for others (including foes), wisdom, forethought, personal responsibility, hospitality, courage, and hard work.

Für den Unterstamm der Fulbe, die Wodaabe heißt es darüber (Wiki):

Ihr Verhaltenskodex betont Zurückhaltung und Bescheidenheit (semteende), Geduld und Seelenstärke (munyal), Sorge und Voraussicht (bakkilo) sowie Loyalität (amana). Die 45.000 Mitglieder der Gemeinschaft legen Wert auf Schönheit und Charme, die die Grundlage eines ungewöhnlichen und einzigartigen Brautwerbungsrituals bilden, das geerewol, bei dem die Männer in einem dreitägigen Tanzwettbewerb um den Titel des Schönsten wetteifern. Das geerewol ist auch das Dankfest für den üppigen Graswuchs der Regenzeit.

Bei dem Geerewol-Fest werden die Schönheit  und die Fähigkeiten der heiratsfähigen Männer durch die heiratsfähigen Frauen beurteilt.

Während in der Kultur der Tuareg das Kamel - sozusagen - "allesbestimmend" ist, auch für das Verständnis vieler sprachlicher Eigenheiten, ist dies bei den Fulbe die Kuh.

Die Unterstämme beider Völker haben zu unterschiedlichen Zeiten den Islam angenommen (Wiki), was mitunter die Feindschaft zwischen Tuareg-Stämmen und Fulbe-Stämmen verstärkt zu haben scheint, aber auch von Einzelstämmen der Fulbe untereinander.

Die Fulbe haben als Hirtenvölker bis heute auch viele Konflikte mit seßhaften Völkern, an die sie angrenzen. Insgesamt wird erkennbar, daß die Fulbe eine ähnlich spannende Kultur und Geschichte haben wie die Tuareg (2, 3).

Ergänzung 5.7.2024: Eine neuere Studie bestätigt die europäische Einmischung, kann sie aber erneut nicht konkreter zeitlich eingrenzen und auch nicht die Herkunftsbevölkerung konkreter benennen. (4)

____________________________
*) "The Fulani from Ziniaré in Burkina Faso have ancestry fractions of 74.5% West African, 21.4% European and 4.1% East African." (1)
**) Ergebnis: "We found evidence for two admixture events between groups with West African and European ancestries (Table S2). The first admixture event is dated to 1828 years ago (95% CI: 1517-2138) between a parental population/s related to the West African ancestry groups in our dataset  (Jola, Gurmantche, Gurunsi and Igbo) and a parental population carrying European ancestry (related to North-Western Europeans (CEU), Iberians (IBS), British (GBR), Tuscans (TSI), and Czech&Slovaks (CS) in our dataset). The second admixture event is dated to more recent times - 302 years ago (95% CI: 237-368) - and occurred between a West African group, with broadly similar ancestries compared to the first admixture event, and a European  group.  However, this European  group is more related to  present-day southwestern Europeans (Iberians (IBS) and Tuscans (TSI))." (1)

____________________________________
  1. Population history and genetic adaptation of the Fulani nomads: Inferences from genome-wide data and the lactase persistence trait. By: Mario Vicente, Edita Priehodova, Issa Diallo, Eliska Podgorna, Estella S Poloni, Viktor Cerny, Carina M. Schlebusch. Auf: bioRxiv 650986; doi: https://doi.org/10.1101/650986 This article is a preprint and has not been peer-reviewed, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/650986v1
  2. Meinecke, Erich: Die Tuareg - ein Volk wie aus einer anderen Welt. Europäer erleben den Orient. Februar 2001, 1. Teil: https://fuerkultur.blogspot.com/2001/02/die-tuareg-ein-volk-wie-aus-einer.html, 2. Teil: https://fuerkultur.blogspot.com/2001/02/die-tuareg-ein-volk-wie-aus-einer_16.html
  3. Bading, Ingo: Zwei junge Ziegenhirtinnen bei den Tuareg in der Sahara. 2. August 2007, http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/08/zwei-junge-ziegenhirtinnen-bei-den.html
  4. Population History and Admixture of the Fulani People from the Sahel. By Cesar A Fortes-Lima, Mame Yoro Diallo, Vaclav Janousek, Viktor Cerny and Carina M Schlebusch. bioRxiv. posted 28 June 2024.

Donnerstag, 28. August 2008

Hoimar von Ditfurth - vor 20 Jahren

Hoimar von Ditfurth hat glaubwürdig Religiosität mit einem naturalistischen Weltbild verbunden. Von Menschen wie ihm bräuchten wir heute mehr.



Ditfurth 1988, ein Jahr vor seinem Tod: "Sie meinen, ob ich Angst vor dem Tode habe? Ich glaube, daß ich das ehrlich verneinen kann ..."

(Das Video braucht lange zum Herunterladen - am besten leise stellen und zwischendurch was anderes machen und ansehen, wenn es fertig heruntergeladen ist.)

Hoimar von Ditfurth würde sich heute für viele ähnliche Dinge interessieren, für die sich "Studium generale" interessiert. In seinem letzten Buch "Innenansichten eines Artgenossen - Meine Bilanz" findet sich auch viel von seinen persönlichen Lebenserfahrungen. Während des Zweiten Weltkrieges hat er Medizin studiert. Er analysiert vieles sehr nüchtern und ganz ehrlich.Lesenswert zum Beispiel das Kapitel "Die Paläontologie des Gehirns" (S. 141ff) und andere.

Samstag, 23. August 2008

"More evidence"? - Bertrand Russell und Gott

Ein schönes Beispiel dafür, wie der Atheismus zumeist nur als eine Art "Antithese" zum Theismus gedacht und formuliert wird, aber nicht als eine wirklich unabhängig von ihm formulierte Alternative (oder gar als eine weltgeschichtliche Prozesse endlich einmal abschließende Synthese), gab Jan Philipp Rentsma schon vor zwei Jahren in einem Interview mit dem "Humanistischen Pressedienst". Er berief sich dabei auf Bertrand Russel und sagte:
Am wohlsten fühle ich mich bei der Anekdote von Bertrand Russell. Ein besorgter Student fragte ihn, was er, der notorische Atheist, denn sagen würde, wenn er dereinst wider Erwarten vor Gott stünde. Die Antwort: „You should have given us more evidence."
Man sollte meinen, daß selbst diese Antwort noch sehr theistisch gedacht ist, das heißt: unselbständig. So, als ob man erwartet, daß einem etwas "gegeben" werden müßte, als ob man sich in dieser Frage passiv verhalten dürfe.

Immanuel Kant fordert uns auf, selbständig zu denken, uns unseres Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Und das heißt auch, unumschränkte Verantwortung für die eigenen Entscheidungen zu übernehmen, zumal in den Entscheidungen über Gott oder über den Sinn des menschlichen Lebens und der Welt. Nach seinem Tod in dem Fall, daß man wider Erwarten doch "vor Gott" stünde (- so, so? wo denn?), die Schuld Gott zuzuschieben dafür, entspricht doch ganz und gar nicht dieser Selbstverantwortung und ist doch sehr kindlich-biblisch gedacht.

Einem sich selbstverantwortlich fühlenden Menschen bliebe in diesem Fall nur zu sagen übrig:
"Oh, Schitt, da habe ich nicht aufgepaßt, als ich in der Welt herumwuselte. Da Du ja Gott bist, also Ziel und Sinn allen menschlichen Lebens, konntest Du Menschen nicht so in die Irre führen, daß es ihnen nicht doch im Prinzip hätte möglich sein können und müssen, diesen Sinn, dieses Ziel zu erkennen."
In einer solchen Situation die Schuld "Gott" zuzuschieben für eigene Unfähigkeiten oder Verantwortungslosigkeiten, das klingt also doch immer noch sehr theistisch-unselbständig ... Und man darf vermuten, daß gerade in diesem Umstand zu suchen ist die oftmals zu beobachtende leichte Anfälligkeit von Atheisten für "Rückfälle" aller Art. Prominentestes Beispiel derzeit: Jürgen Habermas. - Da gefällt einem doch viel besser etwa Theodor Storm:
Der Glaube ist zum Ruhen gut,
doch bringt er nicht von der Stelle.
Der Zweifel in ehrlicher Männerfaust -
der sprengt die Pforten der Hölle.
Das gilt sicherlich vom theistischen und atheistischen "Glauben" gleichermaßen.

Die "naturalistische Wende"

Der "Humanstische Pressedienst" scheint übrigens eine gute Quelle zu sein, wenn man sich - auch - über "den Zweifel in ehrlicher Männerfaust" in der heutigen Zeit informieren will (wobei selbstredend die martialische, testosteron-geladene Rhethorik des Theodor Storm gar nicht mehr in unsere heutige Zeit paßt). In einer Buchrezension aus dem letzten Monat heißt es jedenfalls:
Lange Zeit dominierte in ethischen Diskussionen die Annahme, naturwissenschaftliche Erkenntnisse seien für die Begründung von Positionen zu Kultur und Moral von geringer Bedeutung. Aufgrund der Erkenntnisse der Evolutionstheorie und Genforschung, der Hirnforschung und Soziobiologie deutet sich in dieser Hinsicht eine Wende an: Der Naturalismus mit seiner Orientierung am biologischen Erbe des Menschen gewinnt zunehmend an Bedeutung und tritt als Konkurrent zu den davon abstrahierenden Auffassungen über Ethik, Gesellschaft und Kultur auf. Der Philosoph Franz Josef Wetz spricht gar von der Möglichkeit eines „naturalistic turn".
Vielleicht will "Gott" uns ja mit diesem "naturalistic turn" einiges erleichtern? ;-) Wir sollten jedenfalls seinen "Wink mit dem Zaunpfahl" nicht übersehen!

Dienstag, 10. Juni 2008

Genetische Unterschiede beim Menschen

Genetische Gruppenunterschiede beim Menschen machen wieder einmal Schlagzeilen.

In der "Time" von Mitte Mai wurde ein neues amerikanisches Gesetz gegen "genetische Diskriminierung" kommentiert. Und "Die Welt" brachte zu gleicher Zeit einen Bericht darüber, daß die Doping-Kontrollen des europäischen Sports aus genetischen Gründen bei Menschen asiatischer Herkunft nicht verfangen. Und "Bild der Wissenschaft" und "New Scientist" berichten heute über eine neue Studie, nach der Träger von ADHS-Genen bei kenianischen Hirtenvölkern als Nomaden besser ernährt sind als bei Seßhaften.

Und die Forscher der letztgenannten Studie erörtern die Selektionsbedinungen, unter denen erbliche Neigung zu ADHS in der Evolution erfolgreich ist, und warum sie niemals so erfolgreich war, daß alle Menschen einer Gruppe (oder die ganze Menschheit) die Anlage für ADHS besitzen. In jedem Fall wird es auch heute noch schwierig sein, Menschen mit ADHS "gleiche Chancen" zu gewährleisten wie Menschen ohne ADHS und umgekehrt. Die Natur "diskriminiert", unterscheidet, benachteiligt und bevorteilt hier ja überall selbst. Durch "banale" Gleichbehandlung baut man genetisch bedingte "Ungleichheit" unter Menschen nicht einfach ab.

Asiaten und Doping-Kontrollen

Und wie war das mit den Doping-Kontrollen? Am meisten wird ja mit Testosteron-ähnlichen Mitteln gedopt. Die Abbauprodukte des Testosterons, auf die kontrolliert wird, scheiden aber Asiaten nun gar nicht über den Urin aus. "Die Welt" wörtlich:
Asiaten fehlen bestimmte Enzyme. Das führt unter anderem auch dazu, dass Asiaten schon nach geringen Mengen Alkohol betrunken sind, während Schwarze und Weiße mehr als das Dreifache vertragen. Oder dass vielen Chinesen, Japanern oder Philippinern Milchprodukte deutlich schlechter bekommen als Europäern. Obendrein fehlt bei bis zu 90 Prozent aller Asiaten offensichtlich genetisch bedingt ein Enzym, das an der Ausscheidung von Testosteron beteiligt ist.
Wie aber geht man mit solchen und vielen anderen genetischen individuellen und Gruppen-Unterschieden bei Menschen um? Indem man einfach "genetische Diskriminierung" verbietet? Die "Time" macht auf die Problematik in diesem Zusammenhang aufmerksam:
... This law forbids the use of genetic information garnered in blood tests. But your genes affect your life in many ways. To avoid all the controversy around the concept of "intelligence," let's consider a slightly different concept called "talent." Is it unfair that Yo-Yo Ma can play cello better than I can? Or that people hire Frank Gehry instead of me when they want a beautiful building, or that Warren Buffett is a better stock picker? Sure, it's unfair. And it's unfair in precisely the same way the results of a genetic test are: my lack of talent at playing the cello is something I was born with and beyond my control. Could I have overcome my lack of talent through discipline and hard work? Maybe, but not enough to scare Yo-Yo. In fact, picking stocks or trying to play the cello is a genetic test, to some extent. It's just one that doesn't require the drawing of blood. But we can't outlaw discrimination on the basis of talent. We don't want to. Discrimination in favor of talent--rewarding a talented cellist over a lousy one--is how we get talent to express itself.

As writers like Richard Dawkins (The Selfish Gene) and Robert Wright (The Moral Animal) have taught us, it is hard to draw the line between aspects of the human condition that are genetically determined and aspects that are the result of free will. The science of evolutionary psychology can explain why you work hard and how you developed the talent for glad-handing that has served you so well. Even these behaviors are in your genes, just like a predisposition to develop cancer.

Freitag, 21. Dezember 2007

Nachdenken über Altruismus (- 5. Teil)

Die Evolution des Altruismus als zeitlose Kernfrage der Philosophie

Das neue Buch des deutschen Astrophysikers Günther Hasinger "Das Schicksal des Universums - Eine Reise vom Anfang zum Ende" (1) läßt einen wieder neu über die Stellung des Menschen im Universum nachdenken - insbesondere natürlich auch des "altruistischen" Menschen. Denn der Mensch ist ja per se ein soziales und damit der Möglichkeit nach altruistisches Wesen. Und vielleicht ist es ja sogar irgend ein "Sinn" des Menschen innerhalb dieses Universums, altruistisch zu sein, Verantwortung im Sinne altruistischer Anliegen zu übernehmen? - - -

Jede Beschäftigung mit der modernen Physik macht auf's Neue bewußt, daß unser gewohntes rationales ("naturwissenschaftliches") Denken nicht ausreicht, die Wirklichkeit unserer Welt vollständig zu erfassen. Die Materie selbst und die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten des Universums sind prinzipiell durchdrungen von "nichtrationalen" Aspekten. Schon allein die räumliche Ausdehnung des Weltalls ist mit unserer menschlichen Vernunft, mit unserem rationalen menschlichen Denken nicht nachzuvollziehen, auch wenn wir Zahlen für diese Ausdehnung nennen können und uns dadurch eine "Ahnung" von der Größe des Weltalls - oder auch nur unserer eigenen Galaxie, der Milchstraße - verschaffen können.

In der Kulturgeschichte der Menschheit haben die Religionen und Philosophien schon immer eine Fülle von Deutungen für diese "nichtrationale" Seite der Wirklichkeit gegeben. Man denke etwa an den chinesischen Philosophen Laotse und sein rätselhaftes "Tao". Man denke an so viele andere Dichter, Philosophen und religiös Inspirierte. Dabei hat sich dann natürlich auch viel Aberglauben eingeschlichen, den zumeist erst die moderne Naturwissenschaft als solchen eindeutig hat abgrenzen können von gesichertem naturwissenschaftlichen Wissen. Dadurch ist es möglich geworden, daß es uns heute viel leichter fällt als Menschen früherer Jahrhunderte und Jahrtausende, Aberglaube und Unfug von dem naturgesetzlichen Vollzug im natürlichen und menschlichen Geschehen zu unterscheiden.

Der Blitz hat keine besondere Bedeutung, keinen besonderen Bezug zum Menschen mehr, sondern ist einfach ein Naturereignis, wie das Wetter überhaupt. Und so mit unzähligen anderen Dingen auch. Die Natur ist erbarmungslos und nimmt auf die Wünsche des Menschen gar keine Rücksicht, wie schon Hermann Hesse wußte (siehe früherer Beitrag hier auf dem Blog). Deshalb lehnen wir heute auch alle "abergläubischen" Sinndeutungen der Stellung des Menschen im Weltall ab. Um so eher aber wird uns eine Sinndeutung des Lebens des Menschen überzeugen, um so nahtloser sie in Übereinstimmung zu bringen ist mit dem gesicherten naturwissenschaftlichen Forschungsstand unserer Zeit.

Einheits-Erleben mit dem Weltall als "Lohn" für gute Taten?


Ich möchte im folgenden nun zunächst eher philosophisch oder philosophisch-psychologisch argumentieren, um auf einigen Wegen der Spekulation und Exploration möglicherweise stärker in die Nähe dessen zu gelangen, was das tiefere Wesen des menschlichen Altruismus eigentlich sein könnte und in welcher Beziehung es stehen könnte zur nichtrationalen Seite der Wirklichkeit im Weltall. Bzw.: Ob da überhaupt ein Bezug hergestellt werden kann. Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz hat diesen Bezug in Form des menschlichen "Werterlebnisses" hervor gehoben, vor allem in seinem grundlegenden Buch "Der Abbau des Menschlichen".

Die Frage, die in mir auftauchte beim Lesen von Günther Hasinger (1) war: Könnte man sagen: Der Altruist (der "wahre" Altruist) wird "belohnt" durch das (nichtrationale) Einheits-Erlebnis mit dem Universum? (Dies würde dann ein "Werterlebnis" im Sinne von Konrad Lorenz sein.) Könnte dem Menschen dies Rechtfertigung und Genugtuung sein? Es könnte hier vom nichtrationalen Einheits-Erlebnis mit dem gesamten Universum die Rede sein etwa im Sinne der neuplatonischen Philosophen in der Antike und ihren Wiederbelebern in der neuzeitlichen Philosophie. Die Neuplatoniker haben sowohl von Seiten der Philosophen des deutschen Idealismus (Hegel und Schelling) wie auch von Seiten moderner Philosophen - etwa bei der philosophischen Deutung des anthropischen Prinzips (hier wäre unter anderem John Leslie zu nennen [2 - 4]) - Beachtung erfahren.

Der Altruist also wäre in diesem Sinne "belohnt" für seine Tat "durch" das neu erreichte Einheitsbewußtsein mit "Gott". Auch Giordano Bruno etwa lehrte ja eine solche Möglichkeit des Einheitserlebnisses mit dem gesamten Weltall. "Gott" oder "das Göttliche" wären hier also als die nichtrationale Seite des gesamten Weltalls gedeutet. (Also in keiner Weise als Person, sondern im Sinne Spinoza's oder Giordano Bruno's pantheistisch.) (Nebenbei: Der Altruist könnte sich auch "belohnt" fühlen durch das gemütvolle Erleben der Weihnacht.)

Einheitserleben verbunden mit Schmerz und Entsagung


Es wird sicherlich nicht leicht sein, das Einheitserlebnis mit dem Universum (im Sinne der Neuplatoniker) konsensbildend zu charakterisieren. Aber sein vielleicht deutlichstes Charakteristikum (zumindest heute, bzw. in der Neuzeit allgemein) könnte sein, daß es mit Schmerz, mit dem Gefühl der Entsagung, dem Gefühl menschlicher Bedeutungslosigkeit im Angesicht des Universums verbunden ist. Andererseits ist es vielleicht besonders geeignet, die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit zu wecken. Oder genauer: Um so wertvoller einem das Einheitserleben mit dem gesamten Universum wird, um so schmerzlicher tritt einem die Begrenztheit des eigenen menschlichen Lebens ins Bewußtsein. Etwa im Sinne von Erich Kästner's Jahreszeiten-Gedicht zum "Mai", dem "Mozart des Kalenders" (Auszug):
...

Melancholie und Freude sind wohl Schwestern.
Und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee.
Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.
Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh.

...
Der Egoist erstrebt schmerzfreie Glückserfüllung (die "hedonistische Tretmühle"), die im Extremfall das im Sinne der Neuplatoniker in der menschlichen Seele als Möglichkeit angelegte Einheitserleben mit dem Weltall gänzlich zum Verstummen bringen kann, da der damit verbundene Schmerz und das oft schmerzvolle, daraus entspringede Verantwortungsgefühl (im Sinne etwa von Hans Jonas) eher gemieden als gelebt werden könnte. - "Was ist Seele?" könnte der Hedonist dann als "letzter Mensch" im Sinne Nietzsche's fragen und - - - "blinzeln".

Das, was also das eigentlich Altruistische ist oder sein könnte am Verhalten des Altruisten, das ist, daß er Schmerz zuläßt, daß er Schmerz nicht ausweicht. Dadurch könnte er auch selbst mehr Empathie-Fähigkeit für alle Leidtragenden in der Welt entwickeln. - Daß man das "Einsenken des Göttlichen in die eigene Seele" durch ein solches Zulassen von Schmerz jedoch geradezu "erzwingen" könnte, wird ein neuplatonischer Philosoph sicherlich ebenso verneinen. Es besteht sicherlich keine streng kausale Verbindung zwischen moralisch gutem Verhalten und der Nähe zu Gott. Diese philosophische Einsicht der moralischen Freheit gegenüber Got hat schon den Kern der protestantischen Welthaltung ausgemacht, nämlich Luthers Gnadenlehre.

Es gibt ja auch keine allgemein-gültige ("rationale") Definition moralisch guten Verhaltens. Im Gegenteil, gesellschaftliche "Konventionen" auf diesem Gebiet neigen meist dazu, sich ziemlich bald von ursprünglich moralischem Verhalten im Sinne der nichtrationalen Seite der Wirklichkeit abzusperren, da sie eben in der Regel recht schnell erstarrt. Das "Undefinierbare" in diesem Bereich wird eben gerade eines der wichtigeren Wesenszüge dieses Bereiches sein, die ihn so wertvoll für den Menschen machen können.

Die Freiheit und Verantwortung des Menschen würde also darin bestehen, aus völlig freiem Entscheid und freier Verantwortung sich für das Gute oder Schlechte zu entscheiden - in jeder Minute des eigenen bewußt gelebten Lebens. Er hätte sich dann ständig darin zu bewähren.

Die Frage wäre dann weiterhin, durch welche evolutionspsychologischen und -biologischen Gesetzmäßigkeiten eine solche Form von Altruismus evolutionsstabil gehalten wurde und wird in der Evolution und in der Geschichte des Menschen. Es könnte ja sein, daß man durch eine solche philosophische oder religiöse "Himmelsguckerei" (?) die Rationalitäten genetischen Überlebens hier auf der Erde völlig aus den Augen verliert, und daß deshalb solche menschlichen Eigenschaften, Neigungen zu Altruismus leicht aussterben könnten. Diese Frage muß an anderer Stelle weiterverfolgt werden. Doch um die Bedeutung der Thematik noch stärker herauszuarbeiten die folgenden abschließenden Ausführungen.

John Leslie als Philosoph der universellen und menschlichen Güte


Die bis hierher getätigten Gedanken wären sicherlich sehr im Sinne des kanadischen Philosophen John Leslie, nach dessen neuplatonischer philosophischer Deutung das Weltall entstand, um dem Prinzip der Güte zur Verwirklichung zu verhelfen - und zwar: im menschlichen Leben hier auf dieser Erde (2, S. 13):
John Leslie hält für möglich, daß eine höhere Instanz, der Gott seines neuplatonischen Glaubens, die Parameter des Universums so ausgewählt hat, daß beobachtendes Leben entstehen mußte. Dieser Gott ist nicht als Person, sondern als Prinzip der Güte aufzufassen, das zur Verwirklichung drängt. Für Leslie stellt diese Verwirklichung eines Prinzips eine Möglichkeit dar, bei der man bei dem Versuch, die Natur zu verstehen, ankommen kann, von der man aber keinesfalls als Forderung ausgehen darf.
Insofern wäre die Evolution des Altruismus und daraus abgeleitet die Evolution derartiger neuplatonischer Religiosität das Ziel der Weltall-Entsteung und -Entwicklung ebenso gewesen wie das Ziel der Evolution auf dieser Erde. Gewaltige Perspektiven! Leslie würde sich darin treffen mit dem britischen Paläontologen Simon Conway Morris, dessen bedeutendes Buch über evolutionäre Konvergenzen den Untertitel trägt: "Inevitable Humans in a Lonely Universe".

Warum es nun ausgerechnet das Prinzip der Güte sein soll, ist philosophisch-rational nur schwer noch weiter zu hinterfragen. (John Leslie macht mir zu solchen Fragen viel zu weitschweifige Ausführungen, die mir von seiner Grundeinsicht eher abzulenken scheinen als zu ihr zurückzuführen). Nur durch eine einheitliche und in sich stimmige philosophische Erklärung aller Erscheinungen des Weltalls aus diesem Prinzip der Güte heraus scheint es, daß weitere Kriterien gegeben werden könnten, die diese philosophische Deutung der nichtrationale Seite der Wirklichkeit, konsensfähig machen könnte. - Aber wer möchte denn eigentlich nicht meinen, daß die Verwirklichung menschlicher Güte dem menschlichen Leben Sinn geben könnte?

"Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein?"


Zu den geforderten philosophischen Erläuterungen müßte sicherlich hinzutreten, daß sich bewußt gelebte Güte nicht "determiniert", zwangsläufig verwirklichen kann, sondern daß ein Wesenszug menschlicher Güte die Freiheit ist, die Freiheit der Wahl, sich für gütiges Verhalten oder dagegen zu entscheiden. Dann käme man zu der Fragestellung: Wie hat die Evolution menschliche (moralische) Freiheit ermöglicht? Man wäre dann bei den grundlegenden Fragestellungen, die schon das "Älteste Systemprogramm des deutschen Idealismus", wohl 1796 oder 1797 verfaßt von Friedrich Hölderlin, aufgeworfen hat. Es fragte bezüglich einer angenommenen "Schöpfung aus dem Nichts", die auch die moderne Physik inzwischen - überraschenderweise - annimmt: "Wie muß eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein?" Diese Fragestellung ist also gestellt aus der Sicht der unterstellten neuplatonischen Gottheit selbst oder des "philosophischen Ichs", das sich hineinversetzt in die "Fragestellungen", die bei der Weltenschöpfung vorgelegen haben könnten!
... Da die ganze Metaphysik künftig in die Moral fällt – wovon Kant mit seinen beiden praktischen Postulaten nur ein Beispiel gegeben, nichts erschöpft hat –, so wird diese Ethik nichts anderes als ein vollständiges System aller Ideen oder, was dasselbe ist, aller praktischen Postulate sein. Die erste Idee ist natürlich die Vorstellung von mir selbst als einem absolut freien Wesen. Mit dem freien, selbstbewussten Wesen tritt zugleich eine ganze Welt – aus dem Nichts hervor – die einzig wahre und gedenkbare Schöpfung aus dem Nichts. – Hier werde ich auf die Felder der Physik herabsteigen; die Frage ist diese: Wie muss eine Welt für ein moralisches Wesen beschaffen sein? Ich möchte unserer langsamen, an Experimenten mühsam schreitenden Physik einmal wieder Flügel geben.

So, wenn die Philosophie die Ideen, die Erfahrung die Data angibt, können wir endlich die Physik im Großen bekommen, die ich von späteren Zeitaltern erwarte. Es scheint nicht, dass die jetzige Physik einen schöpferischen Geist, wie der unsrige ist oder sein soll, befriedigen könne.
Die Philosophie von Hegel war ein erster philosophischer Entwurf, der dieses philosophische Programm zur Erfüllung zu bringen suchte. Der deutsche Philosophie-Historiker Dieter Henrich hat inzwischen zahlreiche andere philosophische Entwürfe herausgearbeitet, die ebenfalls in diesem "Ältesten Systemprogramm" wurzeln. Zu ihnen gehören vor allem die philosophischen Entwürfe von Friedrich Hölderlin, der die grundlegende Wende zum philosophischen Idealismus - nach Henrich - wohl nicht in der Weise mitgemacht hat, wie ihn seine Freunde Hegel und Schelling vollzogen haben. (Aufzeigbar unter anderem an Hölderlin's Text "Urteil und Sein".)

Insgesamt könnte also deutlich geworden sein: Man befindet sich mit der Frage nach der Evolution des menschlichen Altruismus in einem Kernbereich uralten abendländischen philosophischen Fragens. Das wird wohl von den modernen soziobiologischen Altruismus-Forschern noch viel zu wenig zur Kenntnis genommen und berücksichtigt.
__________________


  1. Hasinger, Günther: Das Schicksal des Universums. Eine Reise vom Anfang zum Ende. Verlag C.H. Beck, München 2007
  2. Genz, Henning: War es ein Gott? Zufall, Notwendigkeit und Kreativität in der Entwicklung des Universums. Carl Hanser Verlag, Wien 2006
  3. Leslie, John: Universes. London 1996
  4. Leslie, John: Infinite Minds - A Philosophical Cosmology, Oxford 2001

Dienstag, 18. Dezember 2007

Nachdenken über Altruismus (- 4. Teil)

- Die Geschichte vom "verlorenen Sohn"

Für manchen Leser wird nicht recht klar sein, worauf dieses "Nachdenken über Altruismus - Thema und Variationen" eigentlich hinauslaufen soll. Vielleicht faßt man dieses Nachdenken tatsächlich zunächst auf wie ein musikalisches "Improvisieren", wie ein "Material-Sammeln" (sozusagen von "musikalischen Ideen"), aus dem man dann später - günstigstenfalls - eine Oper oder Sinfonie schreiben kann (wie gesagt: günstigstenfalls!).

Fangen wir diesmal so an: Vielleicht ist echter Altruismus heute kaum noch lebbar im Alltag. Wenn das stimmen sollte, wäre es verständlich, daß die Forscher derzeit vornehmlich nur die "Trivialform" des Altruismus, die soziale Gegenseitigkeit (Gerechtigkeit) in allen möglichen und unmöglichen Varianten und Aspekten erforschen und immer wieder neu erforschen. Da gibt es das berühmte "Gefangenen-Dilemma", die These vom "altruistischen Bestrafen" und so vieles andere mehr auf diesem Gebiet. Aber - wie mir scheint - gleich ganze Marmor-Steinbrüche von Forschungsmöglichkeiten was Alltags-Altruismus in arbeitsteiligen Gesellschaften betrifft, verbleiben dabei im Schatten gänzlicher Nichtbeachtung.

Daß man in seiner Selbstaufopferung für einen anderen Menschen oder für Prinzipien bis zum eigenen Tod geht oder bis in Annäherungen an denselben - all solche Dinge gehören heute jedenfalls nicht mehr zu den bevorzugten, vorherrschenden kulturellen Idealen. Mit Hedonismus jedenfalls hätte das ja auch sehr wenig zu tun. Daß aber im sozialen Zusammenhang auch heute noch zumindest "Annäherungen" an den Tod gelebt werden, kann man etwa an der Tatsache ablesen, daß eine Scheidung nach einer tief erfüllenden Ehe die Sterbewahrscheinlichkeit sehr deutlich erhöht und zur Lebensverkürzung beiträgt. Für Männer gilt dies noch mehr als für Frauen. Auch bei vielen Krankheiten und Depressionen geht die Forschung ja heute von sozialen Ursachen oder Mitverursachungen aus. Das heißt: Bestimmte soziale Lebensumstände, in die man gerät oder denen man nicht aus dem Weg geht, können - letztlich - töten.

Es geschieht vielleicht heute nicht mehr sehr oft, daß solche Erhöhungen von Sterbewahrscheinlichkeiten mit bewußt gelebtem Altruismus in Verbindung gebracht werden - zumindest subjektiv. Aber es könnte sinnvoll sein, auch bezüglich solchen sozialen Geschehens nach jeweiligen Altruismus-Anteilen im sozialen Verhalten zu fragen, die über reine Gegenseitigkeits-Prinzipien hinausgehen. (Also extrem "asymetrische" soziale Beziehungen wie es ja doch auch - oder vor allem - die Geschlechterbeziehungen darstellen.)

Über Menschen gut denken, auch dann, wenn es schwer fällt ....

Was könnte altruistisch sein? Daß man versucht, über Menschen gut zu denken, edel zu denken auch dann, wenn es schwer fällt? Über andere Menschen nicht nur und ständig in ihren Schwächen, ihren Abarten herumwühlen? Gibt es nicht ein Sprichwort, daß da sinngemäß lautet: Wie man einen Menschen ansieht, so ist er auch? Wie man die Welt ansieht, so ist sie auch? Ich möchte meinen, daß dies besonders für soziale Alltags-Zusammenhänge zutrifft. Und ich möchte meinen, daß das ein gewaltiger Schritt wäre, in echterer Weise altruistisch zu sein: daß ich versuche, von allem Schlechten, von allen schlechten Eigenschaften eines Mitmenschen, die ich auch beachten könnte, die mir auch bekannt sein könnten, zunächst abzusehen und zunächst einmal nur das Gute in ihm zu sehen, in ihm zu werten.

Ein solches Vorgehen setzt schon eine gewisse "Selbstlosigkeit" voraus. Denn in vielen Lebenssituationen ist es doch einfacher, im anderen Menschen erst einmal das Schlechtere vorauszusetzen, das Schlechtere zu sehen. Wenn man zunächst das Schlechtere voraussetzt, von vornherein mißtrauisch ist, dann kann man gewiß auch nicht mehr enttäuscht oder verletzt werden, sondern höchstens überrascht.

Manche Menschen sind mehr geneigt zum Guten als andere ...

Nun wird es sicher so sein, daß "über andere Menschen gut denken" manchen Menschen leichter fällt als anderen. Den "von Natur aus" fröhlichen, optimistischen, lebensoffenen Gemütern wird es leichter fallen, auch im anderen Menschen das Positive zu sehen, überhaupt die Welt im positiveren Licht zu sehen, als Menschen, denen von Natur aus das "Schwarzsehen", das Sehen von Negativem näher liegt.

Man könnte also behaupten: Manche Menschen sind leichter geneigt, dem Guten nachzustreben als andere. Und zwar könnte dies entweder aufgrund genetischer Veranlagung und/oder aufgrund von kulturellen Prägungen, positiven oder negativen Erfahrungen vor allem in der Kindheit, Jugendzeit und jüngerem Erwachsenenalter der Fall sein. Fast möchte man meinen, daß das Ersterlebnis von Geschlechtlichkeit (also die Art des Verlustes der "Jungfräulichkeit", die sicherlich einen seelischen Prägungsvorgang darstellt), viel damit zu tun haben könnte, wie man auch später auf das Leben sieht, wie man - zumal in intimeren Beziehungen - den anderen Menschen sieht. Negative, seelenlosere, "ernüchternde" Erfahrungen auf diesem Gebiet werden sich anders auf das Leben auswirken als positive, seelisch aufrüttelnde, lebensfroher machende.

Genetische oder schicksalsmäßige "Determiniertheit"?

Aber wie ist es nun: Selbst wenn es Menschen aufgrund von Schicksal und Vererbung leichter fallen sollte, als anderen, dem inneren Trieb, der inneren Neigung zum Guten zu folgen - wenn sie nun dabei durch ein Meer von Leid gehen - wer wird das dann noch gleichsetzen wollen mit banalem "Determinismus", banaler "Determiniertheit"? Wer wird das vor allem gleichsetzen wollen mit einer gelebten Geneigtheit zum Guten, die ohne jedes Leid auch gelebt und verwirklicht werden kann (- z.B. aufgrund glücklicher[er] Lebensumstände)?

Und dann erlebt man es doch immer wieder, daß Menschen, die sogar besonders geneigt und in einer jeweiligen Epoche besonders befähigt sind, dem Guten, Edlen nachzustreben, daß gerade sie auch besonders "befähigt" sind, aus dieser "offenbaren" oder sogenannten persönlichen "Determiniertheit" auszubrechen. Sie begehen mehr oder weniger bewußt - früher oder später vielleicht auch aus ihrer eigenen Sicht - eine schlechte, eine böse, bösartige Handlung, um ihrer "Determiniertheit", einer gewissen unausweichlichen Neigung (einer Begabung?) zum Guten, zum Edlen zu entgehen. Und natürlich "beweisen" sie dadurch sich und anderen klar und eindeutig, daß es 100%-ige "Determiniertheit" zum Guten nicht gibt. Und ähnliches wird auch für das Schlechte und die Neigung zum Schlechten gelten.

Menschen, die vielleicht vor 50 oder 80 Jahren gelebt haben, wäre als Beispiel eines solchen eben genannten Lebensschicksales sicher der früher viel gelesene Lebensroman von Bachvogel über "Friedemann Bach", den erstgeborenen Sohn von Johann Sebastian Bach, eingefallen. In diesem Roman wird der musikalisch hochbegabte Friedemann Bach als ein gescheiterter Künstler dargestellt, der schließlich seine hohe Begabung und sein hohes musikalisches Können dazu verwendet, um mit einer Zigeuner-Gruppe durch die Lande zu ziehen und Zigeneuner-Weisen in Wirtshäusern zu spielen. Ein sehr erschütternder Roman, der "irgendwie" "lebensecht" wirkt, selbst wenn die musikhistorische Forschung in späterer Zeit glaubt, aufzeigen zu können, daß dieser viel gelesene Roman das Lebensschicksal von Friedemann Bach nicht historisch zutreffend darstellen würde.

Aber: Wie steht es mit der Parabel vom "verlorenen Sohn"?

Auf jeden Fall könnte einen ein solcher Roman zur Besinnung bringen bezüglich dessen, mit welchem unendlichen Leid, mit welchen kulturellen Verlusten "echte", gelebte oder nicht gelebte Altruismen eigentlich zu tun haben könnten. Maler und Schriftsteller haben ähnliche Schicksale immer wieder auch im Bild der Parabel des "verlorenen Sohnes" zur Darstellung gebracht. Etwa Rainer Maria Rilke im berühmten Schlußabschnitt seines Werkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge". ("Man wird mich schwer davon überzeugen, daß die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte. ...") Oder viele niederländische Maler, die ja den "verlorenen Sohn" in zwielichtigen Schenken zur Darstellung bringen. Auch etwa Luis Trenker hat einen Film gedreht über einen "verlorenen Sohn", der nach Amerika auswandert und erst ganz zum Schluß durch seine Rückbesinnung auf seine Heimat und die Brauchtümer seiner Heimat (Tirol) eines Besseren belehrt wird. Für mich jedenfalls ein erschütternder Film.

Auf jeden Fall: Die Parabel vom "verlorenen Sohn" ist ein bekannter Topos in der Kunst und Kultur, über den sich moderne Altruismus-Forscher auch mal ein bischen mehr Gedanken machen könnten, um alle Altruismus-Arten, die gelebt werden (oder wurden), auch wirklich einer wissenschaftlichen Beschreibung näher zu bringen und sie in das schon bestehende wissenschaftliche Theorie-Gebäude einzuordnen. Denn was in der Wissenschaft nicht theoretisch erfaßt wird, das wird oft auch oft vom allgemeinen Denken gar nicht mehr berücksichtigt - und umgekehrt. Es besteht ja da eine Wechselbeziehung. Aber beides wäre doch ganz besonders schade. Um mich vorsichtig auszudrücken. (Wäre vielleicht ein paralleler Topos für das weibliche Geschlecht das Thema "Jesus und die Ehebrecherin", die "gefallene" Tocher? Vielleicht.)

Besteht denn nicht auch die Möglichkeit, daß wir heute in irgend einer Weise alle "verlorene Söhne" sind? Oder "gefallene" Töchter? Merkwürdig auch, wie gerade merke, daß man "gefallen" noch schlimmer findet, als "verloren" ... All das jedenfalls wird man je nach eigenem innerem Maßstab und Weltbild, bzw. philosophischen Grundanschauungen verschieden beurteilen. Das oft allzu platte Denken in den Kategorien wie denen der "verlorenen Schafe Israels" muß dabei jedenfalls nicht in jedem Fall im Vordergrund stehen. Es ist durchaus nicht notwendig, sich wie ein Sektenpriester zu fühlen, wenn man versucht, sich auf die metaphysische und moralische Heimatlosigkeit des modernen Menschen zu besinnen ...

Sonntag, 9. Dezember 2007

Kirahe - Weißer Fremder

Bei Amazon.de stieß ich - irgendwie - auf das Buch von Roland Garve "Kirahe - Der weiße Fremde. Unterwegs zu den letzten Naturvölkern" (Ch. Links Verlag, Berlin 2007). Die vielen Leser-Rezensionen dort sind alle so begeistert, daß ich schließlich doch nicht "weiterblätterte", sondern mir das Buch besorgte.

Es ist so ein richtiges "Abenteuer-Buch". Aber anders als etwa Bücher von Reinhold Messner, Arved Fuchs oder auch Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Und was ist der Unterschied? Der Autor ist in der DDR aufgewachsen (geboren 1955), begeisterte sich schon als kleiner Junge für die Indianer und wollte Völkerkunde studieren. Dafür bekam er aber keinen Studienplatz, sondern er wurde Zahnmediziner. Doch nach seiner NVA-(Militär-)Dienstzeit war für ihn klar: Er wollte "raus" aus dieser DDR. Und damit begann für ihn - - - das "Abenteuer". Die Fluchtvorbereitungen (er wollte zusammen mit einem Freund die Elbe durchtauchen) wurden von der Stasi entdeckt, er wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Ekelhafte Lebensverhältnisse muß man hassen


Er kam nach Brandenburg-Görden in jenes Gefängnis, in dem während des Dritten Reiches Erich Honecker einsaß. Er wurde zusammen mit lauter Schwer- und Sexualverbrechern eingesperrt und mußte sich seinen Platz in der Gefangenen-Hierarchie erst schwer erkämpfen. Das erleichterte ihm seine Judo-Ausbildung und sein doch relativ kräftiger Körperbau.

All diese Erlebnisse sind so aufregend geschildert, daß man das Buch schwer aus der Hand legt, ohne die letzte Seite gelesen zu haben. Nach den zwei Jahren Gefängnis wurde er 1983 nicht nach Westdeutschland entlassen, wie damals schon viele, sondern zu seiner riesengroßen Enttäuschung zurück in die DDR. Dort wurde er als Zahnmediziner angestellt. Er machte aber nirgends mehr einen Hehl aus seinem Haß gegen die DDR und den Kommunismus. Er hörte ostentativ den westdeutschen Radiosender NDR während der Arbeitszeit (was streng verboten war), schüttelte dem Bürgermeister nicht mehr die Hand: "Einem Kommunisten gebe ich nicht mehr die Hand," sagte er.

Er hatte in der NVA- und Gefängnis-Zeit einen solchen Haß gegen diese Verhältnisse entwickelt, daß ihm alles egal war, daß er nur noch seinen Haß lebte. Schließlich wurde er einige Monate später tatsächlich in den Westen abgeschoben. Beim Abschied von seinen Eltern rief er laut über den Bahnsteig hinweg: "Freiheit!" und immer wieder nur: "Freiheit!"

Auch sein sehr schnelles und erfolgreiches Einleben in Westdeutschland als Zahnarzt ist sehr spannend. Das gute Einkommen, das er dabei - wie er empfand unglaublich leicht - verdiente, benutzte er erst dazu, sich einen Porsche zu kaufen. Er stellte aber bald fest, daß das oberflächlich ist und konzentrierte sich wieder - endlich - auf sein eigentliches Lebensziel: Die Indianer, die letzten Naturvölker der Erde kennenzulernen.

Wahrscheinlich sind viele der begeisterten Amazon-Rezensenten selbst in der DDR aufgewachsen und finden sich in der eigenen oder anderen Weise in dieser Biographie wieder.

Roland Garve ist, wie mir scheint, in seiner DDR-Zeit weniger als wir Westdeutschen verwöhnt worden, bzw. hat sich von den Verhältnissen nicht verwöhnen lassen und hat sich deshalb eine gewisse "Geradheit", Unbedingtheit - nicht nur in der Liebe, sondern auch im Haß - erhalten, die einem diese Biographie lesenswert erscheinen läßt. Ekelhafte Lebensverhältnisse muß man hassen, da führt gar kein Weg daran vorbei. Wer es sich auch unter ekelhaften, inhumanen Lebensverhältnissen "gut" gehen lassen will und deshalb nicht das Unangenehme auf sich nehmen will zu hassen, verrät seine Menschlichkeit, verrät sein Menschsein selbst.

Das ist vielleicht das Wesentlichere, was man aus diesem Buch lernen könnte.

Echtes Menschsein bei den Naturvölkern


Und echtes Menschsein fand Garve dann, wie er sagt, auch gar nicht einmal besonders stark in Westdeutschland wieder, sondern vor allem - bei den Naturvölkern dieser Erde. Das ist der Hauptgrund, weshalb er immer wieder zu ihnen hinfährt und sie besucht:
"Ich wollte zurück zu den Wurzeln. Ich wollte dorthin, woher unsere Vorfahren einmal kamen. Wo man lebt, wie sie einst gelebt haben. Ich bin überzeugt, daß man von ihnen lernen kann. Daß sie Prinzipien und Weltanschauungen haben, über die es sich lohnt nachzudenken, auch für unsere Zukunft. Die Zukunft der ganzen Menschheit." (S. 26)

"Mehr als sechzig Expeditionen haben mich seither in die entferntesten Gebiete dieser Erde und zu etwa vierzig verschiedenen Naturvölkern geführt. Wenn ich auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückblicke, dann ist meine wichtigste Erkenntnis, wie unglaublich schön es ist, daß es nicht nur eine Biodiversität in der Natur gibt, sondern auch - noch! - diese gewaltige kulturelle Vielfalt der Menschen auf der Welt. Leider wird sie peu a peu zerstört, oder eigentlich amerikanisiert. Mir aber liegt daran, die kulturelle Vielfalt zu erhalten - ganz egal, was die Leute in unseren Augen für kulturelle Merkwürdigkeiten aufweisen." (S. 27f)
Die Bebilderung des Buches ist phantastisch, meistens Fotos, die Garve selbst bei den Naturvölkern gemacht hat, "mehr als 250 Farbfotos". Sie allein schon sind es wert, in dieses Buch hineinzuschauen und es durchzublättern. (Mehr Fotos bspw. auch auf kirahe.de)

(Ein zweiter Beitrag auf "Studium generale" zu diesem Buch -> hier.)

Abb.: Roland Garve

Samstag, 8. Dezember 2007

Nachdenken über Altruismus - (3. Teil)

Ich lese gerade Rolf Degen "Das Ende des Bösen - Die Naturwissenschaft entdeckt das Gute im Menschen" (Piper, München 2007). Es läßt einen erneut über Altruismus nachdenken, da es in bunter Folge neueste Forschungen in der Soziobiologie referiert. (Rolf Degen gehört ja auch zu den wenigen, die in Zeitungs-Artikeln differenzierter zur IQ-Forschung Stellung nehmen, als das zumeist geschieht.) Ich habe jetzt etwa die Hälfte des Buches durch und stelle fest, daß bislang so gut wie nur das Gegenseitigkeits-Prinzip behandelt worden ist (um von vielen sonstigen, sehr typischen Mißverständnissen in Büchern dieser Art hier ganz abzusehen). Das entspricht auch dem, was derzeit überwiegend in der Soziobiologie erforscht wird, was zumindest in "Science", "Nature" oder "Journal of Theoretical Biology" derzeit bevorzugt veröffentlicht wird.

Friedrich Schiller zum Gegenseitigkeits-Prinzip in zwischenmenschlichen Beziehungen

Nun fiel mir beim Lesen folgendes ein, nämlich - natürlich! - wieder einmal Friedrich Schiller, bzw. grundlegendere Gedanken von ihm. Zwei "Sprüche" von ihm, die er zusammen mit Goethe im sogenannten - oft sehr lustigen aber oft auch sehr ernsten - "Xenien-Krieg" veröffentlicht hat:
Unterschied der Stände

Auch in der sittlichen Welt ist ein Adel; gemeine Naturen
Zahlen mit dem, was sie tun, schöne mit dem, was sie sind.
Und der zweite Spruch, der zumindest in meiner Reclam-Ausgabe "Gedichte" von Schiller gleich auf den vorigen folgt:
Das Werte und Würdige

Hast du etwas, so gib es her und ich zahle, was recht ist,
Bist du etwas, o dann tauschen die Seelen wir aus.
Auf den letzteren Spruch wollte ich vor allem hinaus. Wie ist das nun? Wie könnte man solche Gedanken nun in das moderne Denken über altruistisches, soziales Verhalten einordnen? Offensichtlich ist in beiden Sprüchen das Gegenseitigkeits-Prinzip angesprochen. Aber Schiller unterscheidet "adlige", "schöne" und "gemeine" Naturen, er unterscheidet Menschen, die etwas haben und Menschen, die etwas sind - herrlich! Wie wohl eine solche Unterscheidung in modernes soziobiologisches Denken eingegliedert werden kann? Wir verstehen doch nur allzu gut, was Schiller hier sagen will.

Menschen, die einem etwas bedeuten

Mir jedenfalls geht es so - und ich weiß, daß zugleich nicht mehr viele Menschen heute so denken: Hat jemand etwas, so zahle ich ihm tatsächlich gerne, was recht ist (so ich denn selbst genug habe ...), ist aber jemand etwas - oh, eine solche Erfahrung macht man heute nicht allzu häufig, als daß man darauf nicht mit sehr großer Dankbarkeit reagieren würde. Wenn ich einmal von persönlicheren Beziehungen in Freundschaft und Liebe absehe, so könnte einem dazu vielleicht Begegnungen im Studium einfallen, Begegnungen mit Menschen begegnet, die tatsächlich etwas sind - etwa bedeutendere Professoren. Zum Beispiel ein Vortrag von Manfred Eigen oder einen von Carl Friedrich von Weizsäcker. Oder die Vorlesungen des inzwischen schon verstorbenen Philosophie-Professors Malter in Mainz, damaliger Vorsitzender der Schopenhauer-Gesellschaft. Und man möchte meinen, daß es gerade solche Begegnungen in Freundschaft oder gar Liebe selbst sind - oder doch zumindest in Freundschaft und Liebe zur Wissenschaft (oder zur Kunst, zur Philosophie), die das Leben ganz besonders vertiefen können - im Sinne etwa des Dichters Gorch Fock:
"Du kannst dein Leben nicht verlängern noch verbreitern - nur vertiefen."
Ja, aber wo findet man sich mit all solchen Gedanken in modernem soziobiologischem Denken wieder? Wie verknüpft man beide Gedankenwelten miteinander? Auch Schiller - und all die bedeutenderen Menschen - sind doch biologische Wesen, auch ihr Altruismus muß doch erklärt werden. Natürlich begegnet man solchen "bedeutenderen" Menschen noch viel öfter in Büchern oder in Kunstwerken, zuweilen auch in bedeutenderen Filmen. Das Schaffen von Kultur ist wahrscheinlich sowieso schon jenes "Kommunikations-Mittel", mit denen Menschen, die etwas "sind", sich am besten verständigen können. Oder durch die Vermittlung von Kultur an andere Menschen als "Interpreten".

Die Mehrheit der heutigen Menschen "hat" etwas ...

Man könnte folgendermaßen mutmaßen: Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der vornehmlich Menschen etwas "haben". Darauf legen sie vor allem Wert, etwas zu "haben". Ob sie zugleich auch - nebenbei - etwas "sind" - wer fragt danach? So mancher mag sich beispielsweise eine Zeit lang für den Video-Blog von Matthias Mattusek begeistert haben, seines Zeichens Leiter der Kulturredaktion des "Spiegel". Aber davon kann irgendwann auch gänzlich abkommen. Ist denn das tatsächlich ein Mensch, der etwas "ist"? Er tut jedenfalls so, schmückt sich mit vielen bedeutenden Gesprächspartnern (- und diese mit ihm?). Vielleicht ist er es in manchen ernsteren Stunden seines Lebens ja wirklich, meistens jedenfalls, so möchte man nach vielen Video-Blog-Beiträgen inzwischen vermuten, ist er es jedenfalls nicht. Größtenteils treibt er da kindlichen, bzw. kindischen Klamauk. Zur Abwechslung ganz gut - aber wenn's fast zur Regel wird? (Das was der Mattusek betreibt, ist katholischer "Sacro pop", wie das dieser Blog erst zwei Jahre später, Ende Februar 2010, durchschaut.)

Für einen typischen "Hedonisten" scheinen übrigens solche Fragestellungen nicht gerade die bevorzugten zu sein, oder? Denn sonst würde man ja sagen, daß es für einen noch Wichtigeres gibt, als sich gegenseitig mit Mitteln zu bezahlen, die "Lust" vergrößern können. Ja, natürlich, man kann ein solches "hedonistisches" Denken erweitern auf geistige "Besitztümer" - aber Schiller spricht darüber anders als ein typischer Hedonist. Er weiß, daß die Götter vor das Erringen geistiger Besitztümer den Schweiß gesetzt haben, nicht die Lust. Eher würde man ein Gegenseitigkeits-Austausch zwischen Hedonisten empfinden, als wenn sich möglichst stark einander ähnelnde "Lemminge" ohne jede eigene kräftige Individualität am ehesten geeignet wären für einen solchen Austausch, bei dem eben vor allem (wie in der derzeitigen Forschung) darauf geachtet wird, daß der jeweils andere etwas "hat", nicht daß er auch etwas "ist".

Eine Minderheit versucht, etwas zu "sein" ...

Aber wie steht es nun mit der Minderheit jener, versuchen, etwas zu "sein"? Mit wem können sie sich denn überhaupt noch austauschen? Hölderlin sagt, sie wohnen auf "getrenntesten Bergen", nur selten einmal kommt einer zum anderen hinüber. Ich habe einmal ein Interview des österreichischen Sängers Hubert von Goisern mit der Verhaltensforscherin Jane Goodall gesehen. Jane Goodall war eines Tages plötzlich einmal vor seiner Haustür gestanden, weil sie - offenbar - seine Musik schätzte und hoffte, in ihm auch einem Menschen begegnen zu können, der - möglicherweise - etwas "ist". Bei dem Interview (in Gombe, wo Hubert von Goisern sie zusammen mit Kamerateam besuchte) hatte ich das Gefühl: Jane Goodall sucht - vielleicht besonders nach dem Tod ihres zweiten Mannes, der in einer Krebsklinik in Österreich starb - nach Menschen, die - so wie sie - etwas "sind". Sie fand aber für diese Sehnsucht und Suche auch bei diesem Sänger Hubert von Goisern irgendwie nicht das Verständnis, das sie sich - wie mir in diesem Gespräch erschien: ganz offensichtlich - ersehnte.

Gibt es nicht viele solche "einsame" Menschen, die danach streben, etwas zu "sein"? Zumal wenn sie noch jung sind? Wieviele wohl geben dieses Streben bald auf, da sie in ihrer Mitwelt wenig Verständnis finden und geben sich zufrieden damit - etwas zu "haben"?

Was sagt die Soziobiologie dazu?

Aber was würde es denn nun heißen, weiter danach zu streben, etwas zu "sein", statt nur etwas zu "haben"? Was würde es heißen, "die Ideale seiner Jugend zu achten", auch dann noch, wenn man - wie Schiller in "Don Carlos" sagt - "Mann" geworden ist (bzw. erwachsene Frau)? Es könnte sein, daß einen das Unverständnis der Mitwelt, die Einsamkeit viele Entbehrungen bei diesem Streben auferlegt, die "Ideale seiner Jugend zu achten". Und es könnte sein, daß man das Aushalten dieses Umstandes (der Einsamkeit, des Mißverständnisses) erst jene Form von "echterem" Altruismus nennen könnte, die einem tatsächlich erforschenswert erscheinen könnte.

- Denn was muß es einen großartig interessieren, wenn Menschen genau darauf achten, daß der andere das zahlt, "was recht ist", weil er (bzw. wenn er) (nur) etwas "hat"? Um diese Fragestellung jedenfalls scheinen sich - zumindest - die ersten 136 Seiten des Buches von Rolf Degen zu drehen. Interessant - aber (für mich) ganz und gar unbefriedigend.

Wenn nun Menschen zahlen mit dem was sie sind, ist es eigentlich erlaubt, das trivial "Gegenseitigkeit" zu nennen? Ich möchte meinen, daß es dabei darauf ankommt, in welcher Gesellschaft sie leben. Begegnen sie vielen Menschen, die etwas sind, wird es ihnen nicht schwer fallen, selbst etwas zu sein. Die Tatsache, daß sie selbst etwas "sind", dürfte sie in einer solchen Gesellschaft nicht sehr viel psychischen Aufwand gekostet haben. Denn es würde sich dann um eine echt humane Gesellschaft handeln. Aber in Gesellschaften, in denen sie nur noch sehr selten auf Menschen treffen, die (gerade in diesem Augenblick) selbst etwas "sind", in solchen Gesellschaften dürfte es eines hohen Grades von Selbstlosigkeit bedeuten, dennoch selbst etwas sein oder bleiben zu wollen.

Ich fände es spannend, genau für solche Arten von Altruismus eine evolutionsbiologische Erklärung zu finden. Vielleicht hat man dann auch die eigentliche evolutionsbiologische Erklärung für das Schaffen von Kultur überhaupt.

Aber zum Schluß in diesem Zusammenhang noch einen Rat an Autor und Leser dieser Zeilen - von dem schlesischen Dichter Angelus Silesius aus dem 17. Jahrhundert. Ein wohl unsterblicher Rat:
Freund, so du etwas bist, so bleib doch ja nicht stehn.
Man muß von einem Licht fort in das andre gehen.
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Erst während des Schreibens fiel mir ein, daß es ja ein berühmtes Buch gibt, das im Titel heißt "Haben oder Sein". Google-Suche belehrte mich: Es ist von Erich Fromm. Also wieder einer, der sich von der Philosophie G. F. W. Hegels (und damit indirekt von der Philosophie Friedrich Hölderlins) in seinem Denken hat befruchten lassen. Diesen Erich Fromm könnte man sich ja auf solche hier behandelten Fragestellungen hin auch noch einmal anschauen ...

Freitag, 30. November 2007

Nachdenken über Altruismus - (2. Teil)

Der fließende Übergang zwischen dem Erleben, Beurteilen und eigenen Ausführen sozialen Handelns nach dem Gegenseitigkeits-Prinzip und nach anderen Formen von Altruismus

Das "Nachdenken über Altruismus" hier auf dem Blog soll über qualitative Überlegungen schrittweise näher an die modernen quantifizierbaren theoretischen Konzepte der modernen Altruismus-Forschung (Soziobiologie) herangeführt werden, um diesen Konzepten vielleicht später, in einem weiteren Schritt, neue Konzepte hinzuzufügen, beziehungsweise um diese Konzepte besser widerspruchslos mit dem in Übereinstimmung zu bringen, was man in der gesellschaftlichen und historischen Wirklichkeit - im Alltag und in außergewöhnlichen Zeiten - vorfindet.

In rein vorläufiger Überlegung soll zunächst von folgenden Unterscheidungen bei den Formen von Altruismus ausgegangen werden:
1. familiärer Altruismus
2. patriotischer / ethnischer Altruismus
3. religiöser / ideologischer Altruismus
4. Einzelgänger-Altruismus
A. Prägungsähnliches Lernen von Altruismus (in der Kindheit und Jugend)

Fast alle eben genannten Formen von Altruismus werden von prägungsähnlichen Lernvorgängen in frühen Lebensphasen zum Guten oder zum Schlechten hin "vorgebahnt", vorgeprägt (siehe Eckart Voland, "Die Natur des Menschen - Grundkurs Soziobiologie", behandelt auf: St. gen. 1, 2):
zu 1. - Wenn man viele jüngere Geschwister hat, hat man (kulturübergreifend, statistisch gesehen) selbst im Leben mehr Kinder (nach A. Chasiotis), es würde sich hier also um ein prägungsähnliches Lernen von Kinderfreundlichkeit handeln.
- Die Art der eigenen Paarbeziehung im späteren Leben wird über das elterliche Vorbild in bestimmten, genauer eingrenzbaren Lebensjahren vorgeprägt (besonders um das 7. Lebensjahr herum).

zu 2. - muttersprachliche Prägung auch von Wahrnehmungen, emotionalen Reaktionen, von Gruppenmoral und vielem anderen
- Prägung auf die heimatliche Landschaft in der Jugend, der man sich also besonders verbunden fühlt, für die man sich - vielleicht (?) - gerne einsetzt

zu 3. - Prägungen durch die religiöse Erziehung (tägliches Beten, Gottesdienst, Kommunion, Konfirmation etc.)
- ideologische (oder sozial-moralische) Beeinflussungen durch weltanschaulichen, politischen Unterricht, durch Gruppenerlebnisse, durch "Bravo" etc. (leichtere jugendliche Beeinflußbarkeit)
B. Modifizierungen des geprägten Altruismus in späteren Lebensphasen

Es ist nun so, daß jede dieser Formen von Altruismus weniger oder stärker vernunft-gesteuerte, Lohn-/Straf-gesteuerte An- oder Abtrainierungsvorgänge kennt ("Lernen durch Versuch und Irrtum" - siehe auch K. Lorenz/Die Rückseite des Spiegels). Das heißt: Gänzlich irreversibel sind die prägungsähnlichen Lernvorgänge der Kindheit und Jugend nicht. Dies kann geschehen beispielsweise durch starke Lust- und Leiderlebnisse im Leben (individuelle und gesellschaftliche "Lebenskrisen", "Revolutionen"). Dadurch kann es auch zu inneren Neuumstellungen kommen, zu verbesserter Anpassung des eigenen Handelns an die sozialen Lebensbedingungen, in denen man lebt. (siehe auch Wiliam Sargant.)

Somit hat die altruistische Psyche des Menschen sowohl stark konservative wie stark wandlungsfreudige Elemente, was bei der Beurteilung im Einzelfall jeweils möglichst fein gegeneinander abgewogen werden muß. (Individuell-unterschiedliche genetische Komponenten sind bis zu diesem Punkt der Überlegungen noch unberücksichtigt geblieben.)

Familiär, patriotisch und religiös(-ästhetisch) motivierter Altruismus funktionieren eigentlich ideal nur dann, wenn irgendwelche äußeren Signale, Verstärker gegeben werden, die bestimmtes Verhalten als vorbildlich erscheinen lassen oder anderes als wenig vorbildlich. (Stichworte wären: "Public Relations-Industrie", "Umerziehung", "Bekehrung", "Geschichten-Erzählen" etc..)

Diese Signale schaffen eine innerpsychische Situation, durch die man stärker oder weniger stark das "Gegenseitigkeits-Prinzip" in sozialen Handlungen erlebt. Die menschliche Psyche wertet nicht nur, wie Signale auf sie selbst wirken, sondern auch, wie stark sich andere Menschen durch diese beeinflussen lassen, das heißt, wie sehr künftig Handeln auf der Grundlage des Gegenseitigkeits-Prinzips und dieser Signale in der sozialen Umwelt erwartet werden darf. (Hier geht es also um die "Isolationsangst" im Sinne von Elisabeth Noelle-Neumann's Klassiker "Schweigespirale".)

Sind diese Signale nicht oder weniger gegeben, besitzt der Mensch aber immer noch die Möglichkeit, ohne auf das Prinzip Gegenseitigkeit zu setzen, altruistisch zu sein:
"Das Prinzip der Schweigespirale eröffnet dem einzelnen oder kleinen Gruppen die Möglichkeit, die Schweigespirale zu durchbrechen, wenn sie Isolationsangst nicht kennen oder sie überwinden."
(Sinngemäß zitiert nach E. Noelle-Neumann's "Schweigespirale", in dem viele historische Beispiele zu dieser These analysiert werden - etwa das Leben von Jean-Jaques Rousseau.)

C. "Selbstverantwortlicher" Altruismus versus "kollektiver" Altruismus

Ein solches letzteres Verhalten wird eher in Gesellschaften ausgeprägt sein, die genetisch und kulturell die individuelle Freiheit und Verantwortung und nicht nur das "Kollektiv-Angepaßte" im Verhalten betonen und positiv werten. Also zum Beispiel heute eher in westlichen als in ostasiatischen Gesellschaften. Auch z.B. eher in Gesellschaften, in denen es mehr Menschen mit erblicher Neigung zu ADHS gibt, in denen es geschichtlich gesehen weniger "Selektion gegen rebellische Charaktere" gegeben hat (wie das der chinesische Humangenetiker Bruce Lahn unlängst für China in den letzten Jahrtausenden vermutet hat). Bei diesen Gesellschaften könnte es sich dann grundsätzlich auch um innovationsfreudigere Gesellschaften handeln, die dann jedoch partiell von anderen Gefahren bezüglich sozialem Zerfall und Untergang bedroht sind als Gesellschaften mit dem Typus "kollektiv-angepaßtem" Altruismus.

Familiärer, ethnischer oder religiöser/ideologischer Altruismus könnten widerspruchslos miteinander im Einklang stehen im Leben des einzelnen und der jeweiligen Gesellschaft. Es können aber auch einzelne dieser Prinzipien auf Kosten anderer besonders stark gelebt werden. Auf jeden Fall ist von der typischen Situation der "Mehrebenen-Selektion" ("Multi-Level-Selection") auszugehen. Das heißt, es gibt in jedem Fall überall direkte und indirekte "Fitneß-Anteile" am altruistischen Verhalten (Altruismus bezogen auf direkte Nachkommen [direkte Fitneß], bzw. letztlich bezogen auf näher oder ferner verwandte Nachkommen [indirekte Fitneß]).

In einer Gesellschaft, in der alle altruistisch sind (familiär, patriotisch und/oder religiös/philosophisch), fällt es dem einzelnen nicht schwer, selbst ebenfalls altruistisch zu sein. In einer Gesellschaft, in der dabei stark religiös oder Schönheits-motivierter "selbstverantwortlicher" Altruismus vorherrscht (etwa im antiken Griechenland), könnte es dabei auch mit Augenzwinkern leichter toleriert werden, wenn der eine oder andere an der einen oder anderen Stelle auch einmal ein bischen weniger altruistisch ist, als alle anderen Angehörigen der Gesellschaft. Da würde man dann "locker drüber stehen". Man wäre sehr "wohlwollend", "großzügig", "gutmütig", würde vielleicht nur darüber lachen. Ja, man würde ein weniger altruistisches Verhalten als das allgemein Vorherrschende vielleicht sogar eher nur mit Befremden und als eine Art "Kuriosum" ansehen.

Vielleicht sind das alles Kennzeichen der antik-griechischen Gesellschaft im Umgang mit Altruismus. Diese könnten in krasserem Gegensatz stehen zum Umgang mit Altruismus in monotheistisch geprägten (despotischeren oder monarchischeren) Gesellschaften. Schiller dichtete über das antike Griechenland in einer Zeit des Vorherrschens des Monotheismus: "Damals war nichts heilig als das Schöne ..." - gemeint: "das Schöne" auch in Bezug auf moralisches Handeln. Das Schöne ist gut und umgekehrt.

Herrscht jedoch in einer Gesellschaft der Typus des hier "kollektiv-angepaßt" genannten Altruismus vor, so wird dieser stabilisiert dadurch, daß alle Menschen gegenseitig (und/oder despotische, monarchiche Strukturen) viel stärker darauf achten, daß man selbst und auch die anderen sich gesellschaftlich "angepaßt", "korrekt" verhält, daß die gesellschaftlichen Spielregeln sehr rigide eingehalten werden. (Auch durch das allgegenwärtige gesellschaftliche "Third-party-punishment-Spiel", sowie durch den Monarchen/Diktator oder durch "Gott als dritten Bestrafer" - siehe spätere Beiträge dazu hier auf dem Blog.) Allen, denen ein solches "angepaßtes" Verhalten leicht fällt, fällt es auch leicht, "altruistisch" im Sinne einer solchen Gesellschaft zu sein. Die anderen, die "Rebellischen" werden in solchen Gesellschaften leicht als Egoisten oder schlimmer empfunden.

In beiden eben genannten Formen altruistischer Gesellschaften jedoch, in der die Menschen nur noch subjektiv, nicht mehr objektiv alturistisch sind (im Sinne von Familie, Ethnie, Religion, Fortschritt der Menschheit), in der also Formen von Heuchelei, Selbsttäuschung, Unwahrhaftigkeit vorherrschen, in der also die gesellschaftlichen Mentalitäten "erstarrt" sind, "verkrustet" sind, "ideologisch vernagelt", in denen mangelnde echte, das heißt objektive Innovations-Freudigkeit vorherrscht, hat der einzelne mit viel innerpsychischem Druck und Leid zu rechnen, wenn er sich darum bemüht, auf bestimmten Gebieten dennoch "objektiv altruistisch" zu handeln, also ausgerichtet auf die langfristige (und nicht nur kurzfristige) Wohlfahrt, das Gedeihen der Gesellschaft, in der er lebt. Ausgerichtet also auf innere Wahrhaftigkeit. Denn er tut dies ja dann im Gegensatz zu den vorherrschenden Mentalitäten. (Die vorausgesetzte These bei letztgenanntem Ausgerichtetsein auf "Wahrhaftigkeit" ist: "das objektiv Wahre ist auch gut", bzw. langfristig evolutionär angepaßt.)

D. Weltgeschichtliche Entwicklungen mit Bezug zu menschlichem Altruismus

Es sind weltgeschichtliche Epochen denkbar, in denen weltweit die menschlichen Stämme und Völker jeweils weitgehend im Einklang mit ihrer eigenen Gruppenmoral gelebt haben. Das menschliche Handeln könnte zu jenen Zeiten viel stärker von einer einheitlichen Gruppenmoral, Stammesmoral geprägt gewesen sein, als dies heute - zumindest in westlichen Gesellschaften - der Fall ist. Noch im 19. Jahrhundert wird man ähnliches auch von den europäischen Völkern sagen können, in denen die gesellschaftliche Moral durch eine Form vorherrschender Religiosität (Christentum) stabilisiert und vereinheitlicht worden war. Das trug auch zur Stabilität aller familiären und sonstigen gesellschaftlichen Verhältnisse bei. (Nur wurde es oft eben von den gesellschaftlich fortschrittlichen Kräften nicht mehr als "wahrhaftig" empfunden.)

Eine solche Situation kann leicht zur Stagnation, zum Stillstand in der Weltgeschichte führen, wenn auch die fortschrittlichen Kräfte zu Hedonisten werden und sich anfangen, über ihren eigenen Altruismus zu täuschen. Denn psychische Zufriedenheit aufgrund ausreichender gegenseitiger moralischer Anerkennung innerhalb der eigenen Gruppe fördert nicht gerade die Innovationsfreudigkeit innerhalb einer Gruppe, fördert nicht gerade die kulturelle Weiterentwicklung hin zu komplexeren Gesellschaften, hin zu einer fortgeschritteneren, humaneren Form der menschlichen Kultur. Dies schafft erst die unbewußtere oder bewußtere "Unruhe", die "Unzufriedenheit" mit den vorherrschenden privaten oder gesellschaftlichen Zuständen und Verhältnissen.

Und letztere kommt wahrscheinlich weltgeschichtlich vor allem durch biologische und kulturelle Überlagerungen zustande, wie sie - im Prinzip - schon G.F.W. Hegel und Karl Marx beschrieben haben. Gegensätzliche Prinzipien, kulturelle und genetische Mentalitäten und Interessen (etwa solche gegensätzlichen wie oben genannt) stoßen weltgeschichtlich aufeinander und aus der beidseitigen "Entfremdung", "Verfremdung" der jeweils früher vorherrschenden Gruppenmoral, an die sie auch genetisch angepaßt gewesen sein mögen, - aus dieser psychischen und kulturellen "Krise" heraus erfolgt möglicherweise ein weltgeschichtlich starker Antrieb zum Schaffen von kulturell und zivilisatorisch Neuem, besonders dann in den bekannten Hochkulturen der Menschheit während der sogenannten "Achsenzeit". Es wird ja oft die These vertreten, daß diese Hochkulturen entstanden sind durch den weltgeschichtlich vielgestaltigen Zusammenprall und die gegenseitige Überlagerung von seßhaften, städtischen Kulturen durch stärker nomadisch geprägte Kulturen und umgekehrt. Dies geschah natürlich nicht nur in der "Achsenzeit", sondern auch davor und danach (seit etwa 10.000 v. Ztr bis heute).

E. Der Altruismus von "Kulturheroen" in arbeitsteiligen Gesellschaften

In solchen Situationen also würde erst "wahrer", echter Altruismus ins Leben treten, Altruismus also, in dem die innerpsychische oder äußerliche Gegenseitigkeits-Komponente immer geringer wird, in dem auf das Wohlwollen und die Bestätigung durch die Gemeinschaft zeitweise oder auf immer verzichtet wird. Die großen Altruisten der Menschheitsgeschichte haben ohne nach "Anerkennung" und "Dank" zu fragen, ja, oftmals unter dem größten Schwall von "Undank", "Mißachtung" und Mißverständnis, ja, Verleumdung, Verachtung ihr altruistisches Leben für die Familie, für die Ethnie, für "höhere menschliche Zwecke" (für die Religion, für den Fortschritt, für die Kunst, die Philosophie, die Wissenschaft) gelebt. Sie lebten oft unerkannt wie Odysseus im eigenen Haus mit den lärmenden "Freiern" zusammen, die niemals Besonderes geleistet hatten im Leben, und denen das "Haus der Kultur" - letztlich - gar nicht gehört. Denn dazu lärmen sie zu viel.

Große "Kulturheroen" der Menschheit - Prometheus, Herkules, Atlas, Buddha, Jesus, Nikolaus Kopernikus, Michelangelo, Giordano Bruno, Ludwig van Beethoven usw. - sind alle im wesentlichen Einzelgänger, "Einzelkämpfer", haben ihre kulturellen Leistungen größtenteils im Gegensatz zu den zu ihrer Zeit vorherrschenden gesellschaftlichen Meinungen erbracht. Gilt dies nicht auch für den chinesischen Philosophen Laotse? Sie kannten also keine oder weniger "Isolationsangst" (E. Noelle-Neumann), bzw. überwanden sie. Hier spielt auch die außerweltliche und innerweltliche Askese eine Rolle. Mönche wohnen gemeinsam, um die "außerweltliche Askese" nicht mehr in der Einsamkeit, sondern in gegenseitiger (!) Bestärkung gemeinsam zu leben. Genauso auch die "innerweltliche Askese" des Protestantismus. Durch rigide Sozialmoral der frühneuzeitlichen Gesellschaften (Abendmahls-Ausschluß) wurde sicher gestellt, daß diese Form der Askese auf der Grundlage der Gegenseitigkeit gelebt werden konnte, was den Menschen im allgemeinen viel leichter fällt, als wenn Gegenseitigkeit auf dem Gebiet der Askese gesellschaftlich nicht vorherrscht.

Aber natürlich haben die "Kulturheroen" des Protestantismus - Martin Luther und so viele andere - ebenfalls ihre Kulturleistungen zunächst einmal im Gegensatz zu gesellschaftlich vorherrschenden Meinungen erbracht ("Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang," raunte der Ritter Sickingen dem Mönch Luther auf dem Reichstag zu Worms zu, auf dem letzterer hinwiederum als der große einsame Bekenner ausrief: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen!", wodurch er damals ein ganzes Volk, das ganze Abendland in Erschütterung versetzte).

Solche Menschen also vor allem hat man schon immer als die "großen", die "wahren", die "echten", die "vorbildlichen" Altruisten angesprochen. Das ist auch der Grund, weshalb sie besonders verehrt werden, man ihre Leidensfähigkeit als besonders vorbildlich erachtet, weshalb ihnen - vor allen Menschen sichtbar - Denkmäler errichtet werden. Diese Denkmäler sind "Signale", die günstigstenfalls zur moralischen Stabilität in einer Gesellschaft beitragen. Durch allgemeine gesellschaftliche Anerkennung eines "Kulturheroen" wird nämlich zugleich wieder das soziale, gesellschaftliche Handeln nach dem Gegenseitigkeits-Prinzip gestärkt, stabilsiert, es wird größere gesellschaftliche Übereinkunft erzielt dahingehend, was "gutes" Verhalten ist. Es wird größere Konformität, Übereinkunft in sozialen Fragen erzeugt, soziale Reibungsverluste werden verringert. Diese "Kulturheroen" haben also eine soziale Neuanpassung von Gesellschaften bewirkt, haben die Innovationsfreudigkeit und -fähigkeit von Gesellschaften bewahrt.

Auf diese und andere Weisen lassen sich also zunächst einmal rein "qualitativ" kontinuierliche Übergänge beschreiben zwischen einem Handeln und Erleben nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit hin zu einem Handeln und Erleben nach Prinzipien von "echtem" ("echterem") Altruismus.Die Forschung hat zur evolutionären Erklärung des letztgenannten Altruismus in den letzten Jahren vor allem wieder den ethnischen/patriotischen/religiösen Altruismus in den Vordergrund gestellt, der aufgrund von "Gruppenselektion" evoluiert sein soll. (Siehe Kategorie "Gruppenselektion" hier auf dem Blog.)

Hier auf dem Blog soll aber nach und nach weiter die Frage verfolgt werden, ob nicht auch das Prinzip "arbeitsteilige Gliederung der Gesellschaft", "berufliche (oder ehrenamtliche) Spezialisierung" die evolutionäre Erklärung des Altruismus von Kulturheroen und ihren Nacheiferern - in besonderen Zeiten des Lebens und im Alltag - erleichtern kann (- Also die evolutionäre Erklärung ihres "commitment", ihres beruflichen und "ehrenamtlichen" Verantwortungsgefühls.)

Montag, 26. November 2007

Nachdenken über Altruismus (1. Teil)

Erste vortastende Erkundungen

"Studium generale" ist ein Blog, der mit manchem Recht zu "Altruismus-Blog" umbenannt werden könnte. Denn das ist - letztlich - sein Hauptthema.

Abb.: Gorillamutter mit Kind - Der Altruismus einer Tierfamilie geht oft "bis zum Letzten"
Um in freier Wildbahn einer Gorilla-Familie ein Baby lebend zu entreißen, musste in der Vergangenheit in der Regel die gesamte Familie zuvor getötet werden (Foto: National Zoo in Washington, D.C. / Wiki)
Echter Altruismus, der auf "Gegenseitigkeit" verzichtet, heißt, Gutes auch dann noch zu tun, wenn einem Anerkennung, Achtung, Ehrung nicht zuteil wird.

"Das Leben lehrt, auf Dank zu verzichten - aber es gebietet, seine Schuldigkeit zu tun."(Friedrich der Große [?])
Diese Form des Altruismus ist - im menschlichen Bereich - eher etwas Seltenes. Ein verwöhnter Mensch - und welcher Mensch ist heute nicht verwöhnt - möchte für jede Leistung, die er erbringt, eine Gegenleistung haben, er möchte auch für jedes Leid, das er erlitten hat, andere leiden sehen. "Wie du mir, so ich dir".

Das ist auch die typische mittelalterliche Lohn-Straf-Moral: Ich tue Gutes, damit ich in den Himmel komme. Ohne Himmelsverheißungen tue ich nichts Gutes. Martin Luther war der erste neuzeitliche Mensch, weil er sich gegen diese Lohn-Straf-Moral auflehnte:
Nicht durch gute Taten wird des Menschen Seligkeit erlangt,
lehrte er, sondern
allein durch Glauben.
Der Mensch handele tatkräftig aus seinem Wollen zum Guten heraus, aber er schiele nicht ständig nach einer Belohnung für jede gute Tat, sei es im Diesseits, sei es in irgendeinem gotteswahnbehafteten "Jenseits". Eine unglaublichen Aufschwung im Geistsleben und im kulturellen Leben erbrachte diese grundlegende Erkenntnis von Martin Luther. Eine völlig neue Geisteswelt und Lebenshaltung entstand dadurch in Nord- und Mitteleuropa. Moralische Kräfte wurden entfaltet. Und schließlich bäumte sich ein Friedrich Schiller auf:
Männerstolz vor Königsthronen -
Brüder, gält es Gut und Blut, -
Dem Verdienste seine Kronen
Untergang der Lügenbrut.
(Aus: "An die Freude")

Samstag, 24. November 2007

Ist Moral und Religion ähnlich evoluiert wie die Milchverdauung?

Jonathan Haidt mit neuen Gedanken über Gruppenselektion in "Science"

Der amerikanische Psychologe Jonathan Haidt (Virginia) (siehe Bild) ist einer der derzeit führenden Forscher auf dem Gebiet der "Moral-Psychologie" oder allgemeiner der Evolutionären Psychologie. Seinem jüngst erschienenen Buch "The Happiness-Hypothesis - Finding Modern Truth in Ancient Wisdom", auch auf deutsch erschienen, muß man bei flüchtigerem Durchsehen außer ein paar wertvolleren Grundgedanken nicht unbedingt etwas Außergewöhnliches abgewinnen können. Aber vielleicht hat man dabei noch nicht gründlich genug geschaut. Schon seine Antwort im "Weltfragezentrum" von 2007, in der er - einmal aufs Neue - auf die Bedeutung der Zwillingsforschung aufmerksam gemacht hat, die von vielen Forschern immer noch viel zu wenig beachtet wird, hätte einen hellhörig werden lassen können.

Im Mai ist nun ein ziemlich grundlegender und wohl auch innovativer "Review"-Artikel von Haidt in "Science" erschienen: "The New Synthesis in Moral Psychology" (Vol. 316, 18.5.2007, S. 998 - 1002). Auf ihn wurde man aufmerksam gemacht durch eine - sehr oberflächliche - Kritik an diesem Aufsatz von einem Veteranen der Forschung in der Evolutionären Psychologie, von David Barash ("Evolution and Group Selection", Science, Vol. 317, 3.8.2007, S. 596f).

Die kritisierte Kern-Passage dieses "Review"-Artikels, die man allerdings stattdessen für die spannendste Passage desselben erachten kann, stellt den grundlegenden Prinzipien des Verwandten-Altruismus und des Gegenseitigkeits-Prinzips in sozialen Interaktionen von Menschen noch ein drittes Prinzip an die Seite, das Prinzip der Gruppenselektion. Haidt schreibt (Literaturangaben nicht vollständig wiedergegeben):
Nearly every treatise on the evolution of morality covers two processes: kin selection (genes for altruism can evolve if altruism is targeted at kin) and reciprocal altruism (genes for altruism can evolve if altruism and vengeance are targeted at those who do and don’t return favors, respectively). But several researchers have noted that these two processes cannot explain the extraordinary degree to which people cooperate with strangers they’ll never meet again and sacrifice for large groups composed of nonkin (23, 29). There must have been additional processes at work, and the study of these processes — especially those that unite cultural and evolutionary thinking — is an exciting part of the new synthesis. The unifying principle, I suggest, is the insight of the sociologist Emile Durkheim (30) that morality binds and builds; it constrains individuals and ties them to each other to create groups that are emergent entities with new properties.

(...)

Ant colonies compete with each other, and group selection therefore shaped ant behavior and made ants extraordinarily cooperative within their colonies. However, biologists have long resisted the idea that group selection contributed to human altruism because human groups do not restrict breeding to a single queen or breeding pair. Genes related to altruism for the good of the group are therefore vulnerable to replacement by genes related to more selfish free-riding strategies. Human group selection was essentially declared offlimits in 1966 (34).
Ist Moral wie Milchverdauung evoluiert?

Und dann vermutet Haidt, daß Gene für moralisches Verhalten sich in Völkern ähnlich schnell ausbreiten können wie Gene für Erwachsenen-Milchverdauung. Wenn das keine spannende Hypothese ist. Sie ist natürlich schon an vielen Stellen hier auf dem Blog ebenfalls ventiliert worden:
In the following decades, however, several theorists realized that human groups engage in cultural practices that modify the circumstances under which genes are selected. Just as a modified gene for adult lactose tolerance evolved in tandem with cultural practices of raising dairy cows, so modified genes for moral motives may have evolved in tandem with cultural practices and institutions that rewarded group-beneficial behaviors and punished selfishness. Psychological mechanisms that promote uniformity within groups and maintain differences across groups create conditions in which group selection can occur, both for cultural traits and for genes (23, 35).
Man könnte also tatsächlich auch mutmaßen, daß sich im aschkenasischen Judentum ebenso wie Intelligenz-Gene Gene für bestimmtes moralisches Verhalten angereichert haben in den letzten tausend Jahren. Man könnte vermuten, daß Nordeuropäer unter bestimmten kulturellen und natürlichen Selektionsbedigungen andere Moral-Gene evoluiert haben, als Ostasiaten oder Afrikaner.

Aber Haidt hält sich alles offen. Auch ohne genetische Evolution kann nach ihm in der Moral-Evolution auf Gruppenebene noch viel passieren:
Even if groups vary little or not at all genetically, groups that develop norms, practices, and institutions that elicit more group-beneficial behavior can grow, attract new members, and replace less cooperative groups.
Aber insbesondere hält Haidt genetisch Gruppenselektion in voragrarischen Jäger-Sammler-Völkern für plausibel:
Furthermore, preagricultural human groups may have engaged in warfare often enough that group selection altered gene frequencies as well as cultural practices (36). Modified genes for extreme group solidarity during times of conflict may have evolved in tandem with cultural practices that led to greater success in war.
Religionen wirken auf Unterordnung von Individual-Interessen zugunsten von Gruppeninteressen hin

Diese selektiven Ereignisse könnten also die Voraussetzung gebildet haben für jene Gruppenmoral, die wir heute auch in agrarischen und post-agrarischen Gesellschaften feststellen können. Und dann bringt Haidt auch Religion ins Spiel:
Humans attain their extreme group solidarity by forming moral communities within which selfishness is punished and virtue rewarded. Durkheim believed that gods played a crucial role in the formation of such communities. He saw religion as “a unified system of beliefs and practices relative to sacred things, that is to say, things set apart and forbidden—beliefs and practices which unite into one single moral community called a church, all those who adhere to them” (30). D. S. Wilson (35) has argued that the coevolution of religions and religious minds created conditions in which multilevel group selection operated, transforming the older morality of small groups into a more tribal form that could unite larger populations. As with ants, group selection greatly increased cooperation within the group, but in part for the adaptive purpose of success in conflict between groups.

Whatever the origins of religiosity, nearly all religions have culturally evolved complexes of practices, stories, and norms that work together to suppress the self and connect people to something beyond the self. (...)
So ziemlich alle Religionen also, so sagt Haidt, haben auf kulturellem Wege Komplexe von Praktiken, Geschichten und Normen entwickelt, die alle zusammen daraufhinwirken, das Selbst zurückzuschrauben und es mit anderen Menschen zu verbinden zu etwas, das über das Selbst hinausgeht.

Alle Religionen und Ideologien, nicht nur Ethnien, kennen ingroup/outgroup-Denken
If group selection did reshape human morality, then there might be a kind of tribal overlay (23) — a coevolved set of cultural practices and moral intuitions — that are not about how to treat other individuals but about how to be a part of a group, especially a group that is competing with other groups. (...)

There are also widespread intuitions about ingroup-outgroup dynamics and the importance of loyalty; there are intuitions about authority and the importance of respect and obedience; and there are intuitions about bodily and spiritual purity and the importance of living in a sanctified rather than a carnal way. And it’s not just members of traditional societies who draw on all five foundations; even within Western societies, we consistently find an ideological effect in which religious and cultural conservatives value and rely upon all five foundations, whereas liberals value and rely upon the harm and fairness foundations primarily.
Hier spricht Haidt also die Ansicht aus, daß religiös und kulturell konservative Menschen Altruismus hochwerten, der auf Gruppensolidarität ausgerichtet ist, während liberale Menschen vornehmlich auf soziales Verhalten orientiert wären, das auf Gegenseitigkeits- und Gerechtigkeits-Prinzipien beruht. Würde man frühere sozialistisch-kommunistische Gesellschaften mit ins Bild nehmen, würde diese Unterscheidung aber sicherlich nicht so reinlich aufgestellt bleiben. Fast alle Religionen und Ideologien kennen ingroup/outgroup-Denken, nur daß sie es jeweils an verschiedenen Kategorien (ethnischen, ideologischen, religiösen) festmachen - egal, ob konservativ, liberal oder sozialistisch.

Im jeden Fall, diese Dinge sind es, die Haidt künftig unter anderem genauer erforscht wissen will:
What about the development of patriotism, respect for tradition, and a sense of sacredness?
Seine abschließenden Sätze lauten:
Even though morality is partly a game of selfpromotion, people do sincerely want peace, decency, and cooperation to prevail within their groups. And because morality may be as much a product of cultural evolution as genetic evolution, it can change substantially in a generation or two. For example, as technological advances make us more aware of the fate of people in faraway lands, our concerns expand and we increasingly want peace, decency, and cooperation to prevail in other groups, and in the human group as well.
Die oben schon erwähnte Kritik von Barasch übrigens kommt mir ganz langweilig vor, weil sie weniger mit inhaltlichen Argumenten befaßt ist, sondern mehr damit, ob eine Ansicht oder die andere die derzeit vorherrschende Meinung in der Forschung wäre. Als ob "Mehrheits-Meinungen" in einem Forschungsgebiet, in dem sich derzeit so viel ändert wie in der Evolutionären Psychologie, so besonders viel wichtiger wären als inhaltliche Argumente. Haidt antwortet deshalb eigentlich auch nur damit, daß er noch einmal die reichhaltige Literatur nennt, die er sowieso schon genannt hatte, und die von anerkanntesten Forschern der Disziplin stammt.

Es wird wohl künftig mit schnellen Fortschritten in der Forschung auf diesen Gebieten gerechnet werden können.
(Ausschnitt aus den Literatur-Anmerkungen zum Haidt-Aufsatz:)
23. P. J. Richerson, R. Boyd, Not by Genes Alone: How Culture Transformed Human Evolution (Univ. of Chicago Press, Chicago, IL, 2005).
29. E. Fehr, J. Henrich, in Genetic and Cultural Evolution of Cooperation, P. Hammerstein, Ed. (MIT Press, Cambridge, MA, 2003).

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