Mittwoch, 22. Juli 2020

Indogermanen: Einheimische Männer vermischten sich mit zuwandernden Frauen

Neue Schlaglichter aus der Forschung zur Ethnogenese der Indogermanen

Dieser Blogartikel ist veraltet und ersetzt worden durch einen neuen: Stud. gen. 10/2020.
 
Eine neue Studie des führenden Archäologen zur Ethnogenese der Indogermanen David W. Anthony (Wiki), der seit letztem Jahr emeritiert ist, ist erschienen. Leider ist auf Google Bücher bislang nur ihre Einleitung verfügbar (1). Immerhin findet sich der Inhalt dieser neuen Studie aber auch schon auf dem Wikipedia-Artikel zum Urvolk der Indogermanen ("Western Step Herders" = WSH) referiert (Wiki). Das soll im folgenden zitiert und übersetzt werden.

Abb. 1: Ethnogenese der Indogermanen - Grafik von David W. Anthony (Herkunft: Twitter)

Bevor dieses sehr vorläufige Zitat gebracht werden soll, muß aber vorausgeschickt werden, daß die darin erwähnte Dnjepr-Donez-Kultur  (Wiki) ursprünglich ein Jäger-Sammler-Volk war, das ab 5.200 v. Ztr. begonnen hat, Haustiere zu halten, ohne sich aber mit zuwandernden Bauernvölkern zu vermischen (wie wir gleich sehen werden). Das östlich von ihm lebende Volk der Chwalynsk-Kultur (das Urvolk der Indogermanen), war - so referierten wir hier auf dem Blog schon früher (2) - ab 4.700 v. Ztr. zur Haustierhaltung übergegangen, und zwar parallel zu Vermischung mit Frauen der aus dem Kaukasus zugewanderten Bauern. Wir lesen jedenfalls (Wiki):
"Anthony stellt fest, daß die 'Westlichen Steppenhirten' (Urindogermanen) eine genetische Kontinuität ihrer väterlichen Linien aufweisen zwischen der Dnjepr-Donez-Kultur und der Yamnaya-Kultur. Denn die Männer beider Kulturen waren zumeist Träger des Y-chromosomalen Hapoltyps R1B, sowie zu einem geringen Anteil des Y-chromosomalen Haplotyps I2. Während nun die mitochondriale DNA der Dnjepr-Donez-Kultur ausschließlich aus U-Haplotypen bestand, die von ost- und westeuropäischen Jägern und Sammlern stammen, schließt die mitochondriale DNA der Yamnaya auch Haplotypen mit ein, die bei kaukasischen sowie anatolisch-neolithischen Bauern zu finden sind. Anthony stellt fest, daß die 'Westlichen Steppenhirten' zuvor schon sowohl in der Sredny Stog-Kultur wie in der Khwalynsk-Kultur anzutreffen waren, die der Yamnaya-Kultur in der pontisch-kaukasischen Steppe vorausgegangen waren. Die Sredny Stog-Kultur war im wesentlichen von 'Westlichen Steppenhirten' getragen, die ein wenig mit anatolisch-neolithischen Bauern vermischt war, während die Khwalynsk-Kultur, die weiter östlich lebte, ausschließlich 'Westliche Steppenhirten'-Genetik aufwies. Anthony stellt ebenfalls fest, daß anders als ihre Khwalynsk-Vorfahren die Y-DNA der Yamnaya ausschließlich ost- und westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft aufweist. Dies legt nahe, daß die führenden Geschlechter der Yamnaya ost- und westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft aufwiesen."
("Anthony notes that WSHs display genetic continuity between the paternal lineages of the Dnieper-Donets culture and the Yamnaya culture, as the males of both cultures have been found to have been mostly carriers of R1b, and to a lesser extent I2. While the mtDNA of the Dnieper-Donets people is exclusively types of U, which is associated with EHGs and WHGs, the mtDNA of the Yamnaya also includes types frequent among CHGs and EEFs. Anthony notes that WSH had earlier been found among the Sredny Stog culture and the Khvalynsk culture, who preceded the Yamnaya culture on the Pontic-Caspian steppe. The Sredny Stog were mostly WSH with slight EEF admixture, while the Khvalynsk living further east were purely WSH. Anthony also notes that unlike their Khvalynsk predecessors, the Y-DNA of the Yamnaya is exclusively EHG and WHG. This implies that the leading clans of the Yamnaya were of EHG and WHG origin.")
Hier wird also vorausgesetzt, daß sich diese "führenden Geschlechter" über überdurchschnittlich hohen Fortpflanzungserfolg gegenüber Y-DNA nicht-ost- oder westeuropäischer Jäger-Sammler-Herkunft in den frühen Jahrhunderten der Geschichte dieses Urvolkes der Indogermanen durchgesetzt hat, bzw. sie "ersetzten". 
"Anthony vermutet, daß die Vermischung zwischen osteuropäischen Jägern und Sammlern und kaukasischen Jägern und Sammlern zuerst in der östlichen pontisch-kaukasischen Steppe um 5.000 v. Ztr. stattfand, ...
- Bislang war ein Zeitpunkt um 4.700 v. Ztr. genannt worden. Dieser war uns aber auch schon als etwas zu spät datiert erschienen. 5.000 v. Ztr. hieße nun, daß dieser Zeitpunkt vollgültig in den Zerfall der einheitlichen Bandkeramik weiter im Westen fällt und ihre Aufgliederung in Regional-Kulturen. Weiter im Text: 
... während die Vermischung mit anatolisch-neolithischen Bauern erst etwas später in den südlichen Teilen der pontisch-kaspischen Steppe stattfand. Da Yamnaya-Y-DNA ausschließlich Haplotypen ost- und westeuropäischer Jäger und Sammler aufweist, stellt Anthony fest, daß diese Vermischung zwischen ost- und westeuropäischen Jäger-Sammler-Männern und kaukasisch- und anatolisch-neolithischen Frauen stattgefunden hat. Anthony führt dies als zusätzlichen Beleg dafür an, daß die indoeuropäische Sprache ursprünglich von osteuropäischen Jägern und Sammlern gesprochen wurde, die in Osteuropa lebten. Auf dieser Grundlage folgert Anthony dann, daß die indoeuropäischen Sprachen ursprünglich das Ergebnis 'einer dominanten Sprache waren, die von den osteuropäischen Jägern und Sammlern gesprochen wurde, die kaukasus-neolithische Elemente in der Phonologie, Morphologie und im Wortschatz absorbiert hat' (wie sie von den kaukasischen Bauern gesprochen wurde).
("Anthony suggests that admixture between EHGs and CHGs first occurred on the eastern Pontic-Caspian steppe around 5,000 BC, while admixture with EEFs happened in the southern parts of the Pontic-Caspian steppe sometime later. As Yamnaya Y-DNA is exclusively of the EHG and WHG type, Anthony notes that the admixture must have occurred between EHG and WHG males, and CHG and EEF females. Anthony cites this as additional evidence that the Indo-European languages were initially spoken among EHGs living in Eastern Europe. On this basis, Anthony concludes that the Indo-European languages whom the WSHs brought with them were initially the result of "a dominant language spoken by EHGs that absorbed Caucasus-like elements in phonology, morphology, and lexicon" (spoken by CHGs).")
Leider ist die Wiedergabe der Gedanken von Anthony an dieser Stelle ier noch nicht sehr ausführlich und deshalb zum Teil auch noch nicht recht verständlich. So richtig klar wird zum Beispiel nicht, welche Rollen die Dnjepr-Donez- und die Sredny Stog-Kultur nach Ansicht von Anthony für die Ethnogenese der Indogermanen hatten. Einstweilen halten wir an der Sichtweise fest, die wir schon 2017 hier auf dem Blog zitierten (Zitat Andreas Vonderach nach: 3):
"In der Ukraine zeigt sich mit der wahrscheinlich aus östlicheren Gebieten eingewanderten Kurgan-Bevölkerung ein völliger Bruch zur Vorbevölkerung der Dnepr-Donez-Kultur, die durch extreme Größenmaße und Robustizität, lange Schädel, breite Gesichter und Nasen und noch niedrigere Orbitae (Augenhöhlen) charakterisiert war. Der extreme, eher jungpaläolithische oder mesolithisch anmutende Typus der Dnepr-Donez-Kultur verschwindet gegen Ende des Neolithikums ohne erkennbare Spuren zu hinterlassen."
Die hier genannte Dnjepr-Donez-Kultur (Wiki) (5.000-4.200 v. Ztr.) blieb also sehr konservativ, hat keine Vermischung mit zuwandernden Bauernfrauen betrieben und wurde schließlich von der östlicheren, indogermanischen Yamna-Kultur (Wiki) (4.000-2.300 v. Ztr.) abgelöst, bzw. wohl "ersetzt". Diese war aus der Khvalynsk-Kultur (5.000-4.500 v. Ztr.) (Wiki) an der Mittleren Wolga hervorgegangen. 

Sehr anschaulich sind in Grafik 1 die Grenzen der Verbreitungsräume der jeweils vorherrschenden Herkunftsgenetik eingezeichnet zum Zeitpunkt der Frühgeschichte der Indogermanen.
 
Ergänzung, 29.10.2020: Inzwischen ist der hier bislang nur in Teilen ausgewertete Aufsatz (1) vollständig auf Google Bücher einsehbar und es können weitere Zitate gebracht werden über die Genetik der vom Reich-Labor untersuchten Skelette des Urvolkes der Indogermanen, der Chwalynsk-Kultur, die von der Mittleren Wolga (Ekaterinovka) bis zum Nordrand des Kaukasus (Progress-2) reichte. Anstelle des Begriffes "Volk" benutzt Anthony den Begriff "mating network" und schreibt (1, S. 35):
Sie weisen eine dominante osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunfts-Komponente (EHG) auf, die typisch ist für dieses Volk, zusammen mit einer Kaukasus-Jäger-Sammler-Herkunfts-Komponente (CHG). Der prozentuale Anteil der CHG-Herkunfts-Komponente nimmt von Süden nach Norden hin ab, vom Fundort Progress-2, wo die CHG-Komponente 30 bis 50 % beträgt, über den Fundort Khwalynsk (CHG 20 bis 30 %) bis Ekaterinovka (vielleicht 5 %, aber noch nicht veröffentlicht). (...) Die (aus der Khwalynsk-Kultur hervorgegangene spätere) Yamnaya-Kultur war (dann) genetisch homogener als die spätneolithischen Grabstätten, insbesondere hinsichtlich der männlichen genetischen Marker auf dem Y-Chromosom.
Original: They exhibit dominant EHG ancestry, typical oft this mating network, with CHG. The percentage of CHG ancestry declines south-to-north, from Progress-2, where CHG ist 30-50 %, to Khvalynsk (CHG 20-30%) to Ekaterinovka (perhaps 5 %, but not yet published). (...) Yamnaya was more homogeneous genetically than the Eneoloithic cemetries, particularly in male genetic traits on the Y-Chromosome.
Es scheint also im Verlauf der Geschichte der Khwalynsk-Kultur und im Übergang zur nachfolgenden Yamnaja-Kultur zu einer gleichmäßigeren Durchmischung der beiden Herkunftsanteile innerhalb dieses Volkes gekommen zu sein. Das läßt im ersten Blick darauf schließen, daß Ehen in diesem Volk gerne auch einmal über 1000 Kilometer Distanz geschlossen werden konnten. Dann würde es sich um eine ähnliche Erscheinung handeln wie wir sie dann später noch für die indogermanischen Kulturen Mitteleuropas während der Bronzezeit beobachten, wo inzwischen auch Heiratskontakte zwischen Bayern, Böhmen und Sachsen-Anhalt nachgewiesen sind.
 

Neue kulturelle Orientierungen und Formen der Sozialdisziplinierung ermöglichen neue kulturelle und seelische Verwurzelung

 
Ergänzende Gedanken (29.10.2020): Genetisch unterschieden sich die iranisch-neolithischen (und anatolisch-neolithischen) Bauernvölker, die sich nach Norden über den Kaukasus (und über den Balkan) ausbreiteten, von den in Europa einheimischen Jäger-Sammler-Völkern so stark wie wir heutigen Europäer uns genetisch von den Ostasiaten unterschieden. So führte es der Archäogenetiker David Reich in verschiedenen Vorträgen der letzten Jahre wiederholt aus. Also nicht nur kulturell, sondern auch genetisch stießen dabei ungeheuer gegensätzliche "Welten" aufeinander.
 
Es begann dabei ein Prozeß von kultureller Anziehung und Abstoßung. Die bisherige Lebensweise in Europa als Jäger, Fischer und Sammler war infrage gestellt, die neue Lebensweise als Ackerbauer oder Rinderhirte wies sowohl anziehende wie abstoßende Aspekte auf. Es kam zum friedlichen kulturellen Austausch wie auch zu "völkermörderischen" kriegerischen Auseinandersetzungen (inzwischen gut nachgewiesen für die Spätphase der Bandkeramik).
 
Dieser Prozeß mündete in der Ethnogenese neuer Völker. An der Mittleren Wolga entstand im Rahmen der Chwalynsk-Kultur um 4.800 v. Ztr. das Urvolk der Indogermanen, im Wiener Becken entstand um 5.500 v. Ztr. das Urvolk der Bandkeramiker, im Verlauf des Auflösungsprozesses der Bandkeramik um 4.900 v. Ztr. entstanden in Mitteleuropa die dortigen mittelneolithischen Völker.
 
Die gegensätzlichen seelischen Strukturen, die bei diesem "Kampf der Kulturen" aufeinander trafen, mögen bewirkt haben, daß beide jeweils ursprünglicheren Volksteile partiell aus ihrer bisherigen Art zu leben "entwurzelt" wurden. Neue Gemeinsamkeiten mögen nun geschaffen worden sein, um in der Erfahrung dieser seelischen Entwurzelung eine neue kulturelle Orientierung zu gewinnen. Aus solchen psychologischen Vorgängen heraus mag es sich erklären, daß neue kulturelle Formen entstanden wie in der Bandkeramik und im Mittelneolithikum etwa das eindrucksvolle "Langhaus" und weitere stark vereinheitlichende kulturelle Praktiken in Richtung Sozialdisziplinierung, im Urvolk der Indogermanen etwa das eindrucksvolle "Hügelgrab" und weitere kulturelle Praktiken, die in Richtung auf Sozialdisziplinierung wirkten. Etwa bei den Indogermanen eine "patriarchale" Lebensweise, die im Verlauf der Ethnogenese stärker betont worden sein mag als das in den beiden Ausgangspopulationen der Fall gewesen sein muß.
______________
  1. Anthony, David W. (2019b). "Ancient DNA, Mating Networks, and the Anatolian Split". In Serangeli, Matilde; Olander, Thomas (eds.). Dispersals and Diversification: Linguistic and Archaeological Perspectives on the Early Stages of Indo-European. BRILL. pp. 21–54 (GB)
  2. Bading, Ingo: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/es-ist-amtlich-das-urvolk-der.html.
  3. Bading, Ingo: 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ancient-dna-forschung-und-physische.html.

Freitag, 17. Juli 2020

KEINE ungebrochene genetische Kontinuität in Ostasien von der Eiszeit ins Neolithikum

Ist die Genetik in Ostasien insgesamt einheitlicher als die in Europa?

Die Ethnogenese des chinesischen Volkes glaubten wir hier auf dem Blog seit März diesen Jahres im Wesentlichen schon verstanden zu haben (1). Wesentlich war uns autochtone, sprich einheimische genetische Kontinuität seit dem Neolithikum, vielleicht sogar noch länger gewesen. Nun aber gibt es noch einmal neue Erkenntnisse zur Herkunft der Ostasiaten sowohl im Norden wie im Süden Ostasiens (2), die die bisherigen Erkenntnisse nicht unbedingt deutlich revidieren, die sie aber doch noch einmal erheblich ergänzen und in Bezug auf Kontinuität korrigieren. Sie werfen damit auch neue Fragen auf.

Abb. 1: Genetische Daten von 24 Individuen von 11 Ausgrabungsorten aus der Zeit 9.500 bis 4.500 v. Ztr. (aus: 2)

Die wesentliche neue Erkenntnis (2): Die nacheiszeitlichen Ostasiaten unterscheiden sich genetisch sehr deutlich von den eiszeitlichen und vorneolithischen Menschen in Ostasien. Sie haben also am Ende der Eiszeit oder nach der Eiszeit Populationsflaschenhälse durchlaufen, die die Nord- und Süd-Ostasiaten untereinander einander genetisch ähnlicher sein lassen als beide Gruppierungen (bzw. Völkergruppen) genetisch ähnlich sind mit den Menschen in Ostasiaten während der Eiszeit. Ob etwas Paralleles so auch für Europa gesagt werden kann? Jedes Ursprungsvolk Europas (3) unterscheidet sich genetisch von jedem anderen so stark wie sich heute noch die Europäer genetisch von den Ostasiaten unterscheiden (so erläuterte das David Reich in verschiedenen Vorträgen der letzten Jahre). Daß das in Ostasien nun anders zu sein scheint, ist noch einmal ein neues und überraschendes Ergebnis. Es scheint ja darauf hinaus zu laufen, daß die modernen Ostasiaten sowohl im Norden wie im Süden vornehmlich von einer einzigen vorneolithischen Herkunftsgruppe abstammen, die sich dann noch vor dem Frühneolithikum wieder voneinander getrennt hat. Im Wortlaut (2):
"Umfangreiche genetische Drift in Ostasien legt nahe, daß ostasiatische Populationen nach der Eiszeit in stärkerem Maße einen zugleich engeren genetischen Populations-Flaschenhals durchlaufen haben als die Europäer."
("High levels of genetic drift in East Asia suggest that East Asian populations underwent strong population bottlenecks prior to the Holocene and to a greater degree than Europeans.") 
Das heißt, daß die Ostasiaten - und zwar sowohl im Norden wie im Süden Ostasiens - insgesamt noch stärker aus einer (einzigen?) Flaschenhals-Population beim Übergang zur Nacheiszeit hervorgegangen sind als das jene Europäer sind, die vorwiegend von dem Urvolk der Indogermanen mit seiner Yamnaja-Genetik abstammen.

In der schon Mitte Mai veröffentlichten Studie, an der auch David Reich mitgearbeitet hat, konnten genetische Daten von 24 Individuen von 11 Ausgrabungsorten gewonnen werden, die um 7.500 v. Ztr. herum lebten, davon acht im nördlichen Ostasien (Innere Mongolei und Provinz Shandong) und 16 im südlichen Ostasien (südchinesische Küste und Taiwan). Und nun noch einmal das spannende Ergebnis in anderen Worten (2):
"Die neolithischen Ostasiaten (insgesamt) teilten mehr genetische Gemeinsamkeiten mit neolithischen Sibiriern, Tibetern und südwestpazifischen Insulanern als mit 'frühen Asiaten'."
("Neolithic East Asians share more genetic similarity with Neolithic Siberians, Tibetans, and Southwest Pacific Islanders (f3 = 0.28-0.32) than with ‘early Asians’.")
Zugehörig zu der Gruppe der "frühen Asiaten" werden gerechnet, das sei noch zur Erläuterung angeführt (2):
"Zum Beispiel 8.000 bis 4.000 Jahre alte Hòabìnhians (archäologische Kultur in Vietnam) von der Insel Laos und aus Malayisia in Südostasien, das 3.000 Jahre alte Ikawazu-Individuum aus Japan und das 40.000 Jahre alte Tianyuan-Individuum aus Peking, China."
("E.g., 8,000-4,000-year-old  Hòabìnhians  from  Laos  and  Malaysia  in  Southeast  Asia,  the 3,000-year-old Ikawazu individual from Japan, and the 40,000-year-old  Tianyuan  individual  from  Beijing,  China.")
Es muß also gesagt werden: Im Neolithikum leben sowohl im südlichen wie im nördlichen Ostasien andere Völker als während der Eiszeit in denselben Regionen gelebt haben, Völker auch, die sich untereinander ähnlicher sind als mit denen während der Eiszeit. Es könnte sein, daß für die Völker des europäischen Neolithikums grundsätzlich Ähnliches gesagt werden kann. Weiter heißt es (2):
"Einige spätneolithische südliche Ostasiaten teilen eine genetische Verbindung mit nördlichen Ostasiaten, von der wir weiter unten vorschlagen, daß sie mit Vermischung in Zusammenhang steht."
("Some Late Neolithic southern East Asians share a connection to northern East Asians, which we below suggest is related to admixture.")
Und (2):
Alle Ostasiaten (einschließlich südliche Festland-Ostasiaten) teilen eine (genetische) Nähe mit neolithischen nördlichen Ostasiaten (...). Schätzungen der Herkunftsanteile in unserem Vermischungsmodell zeigen, daß dies auf nördliche ostasiatische Herkunftsanteile zurück geführt werden kann in südlichen Festland-Ostasiaten, wobei der Anteil der nördlichen ostasiatischen Herkunft zwischen 21 und 55 % beträgt (...). Südliche ostasiatische Herkunft erstreckt sich gleichermaßen nach Norden, es wird in Han-Chinesen des nördlichen China (zu 36 bis 41 %) ebenso gefunden wie in einigen nördlicheren Ostasiaten (z.B. Xibo, Koreaner, 35 bis 36 % ...).
("All East Asians (including mainland southern East Asians) share an affinity with Neolithic northern East Asians (...). Estimates of ancestry proportions in our mixture models show that this is due to increased northern East Asian-related ancestry in southern mainland East Asia, with estimates of northern East Asian-related ancestry ranging from 21-55% (...). Southern East Asian ancestry also extends north as well, as it is found in Han populations from northern China  (36-41%  ...), as well as some northern East Asians (e.g., Xibo, Korean, 35-36% ...")
Das eine solche Vermischung heute vorliegt, hatten wir schon ausgeführt (1). Hier wird gemutmaßt, daß sie nicht nur durch eine Süd-Nord-, sondern zugleich durch eine gegenläufige Nord-Süd-Bewegung zustande kam. Im Einklang mit Studien aus dem März (1) heißt es weiterhin (2):
"Die spätneolithischen südlichen Ostasiaten weisen genetische Verbindungen zu den nordostasiatischen Bianbian im Küstenbereich auf, die frühneolithische südliche Ostasiaten nicht aufweisen. (...) Die nordostasiatische Herkunft, die in allen heutigen Festland-Ostasiaten vorgefunden wird, steht vorwiegend in Verbindung mit Populationen entlang des Unterlaufes des Gelben Flusses. Diese Beobachtungen stimmen überein mit archäologischen und historischen Untersuchungen, die einen Ursprung der ethnischen Gruppierung der Han im nördlichen China entlang des Gelben Flusses annehmen."
("The Late Neolithic  southern  East  Asians share a connection to the coastal northern East Asian Bianbian that Early Neolithic southern East Asians do not share. (...) The northern East Asian ancestry found in all present-day mainland East Asians is primarily related to populations along the lower reaches of the Yellow River. These observations are consistent with archaeological and historical studies that argue for an origin of the Han ethnic group in northern China, along the Yellow River.")
Wiederum in Übereinstimmung in dem, was wir schon im früheren Blogartikel schrieben (1), heißt es dann im Diskussionsteil (2):
"Es gab nicht nur eine Ausbreitung von nördlicher ostasiatischer Herkunft hinunter ins südliche Ostasien, sondern ebenso kann südliche ostasiatische Herkunft auch in einigen heutigen nördlichen Ostasiaten gefunden werden. Die Tatsache, daß wir Vermischung in solchem Ausmaß nicht im Neolithikum finden, bedeutet, daß ein nicht geringer Teil der Bevölkerungsverschiebung, der zum heutigen ostasiatischen genetischen Verteilungsmuster beitrug, nach dem Neolithikum geschehen sein muß."
("Not only was there spread of northern East Asian ancestry into southern East Asia, but southern East Asian-related ancestry can be found in some present-day northern East Asians. That we do not observe admixture to this extent in the Neolithic suggests that much of the human movement that contributed to present-day East Asian genetic patterns must have occurred after the Neolithic.")
Dies bestätigt und ergänzt das bisher hier auf dem Blog schon Ausgeführte. Von genetischer Kontinuität von der Eiszeit bis ins Neolithikum hinein kann allerdings wohl für Ostasien nicht mehr die Rede sein.
________________
  1. Bading, Ingo: Die Ethnogenese des chinesischen Volkes, März 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/die-ethnogenese-des-chinesischen-volkes.html
  2. M. A. Yang et al. (David Reich, Mark Stoneking): Ancient DNA indicates human population shifts and admixture in northern and southern China. In: Science Magazine, 14.5.2020, https://reich.hms.harvard.edu/sites/reich.hms.harvard.edu/files/inline-files/YangSciecne2020.pdf
  3. Bading, Ingo: Juni 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/06/die-ursprungsvolker-europas.html

Samstag, 4. Juli 2020

Wandlungsfreude und Beharrungsvermögen in der Völkergeschichte

In ihren Auswirkungen auf regionale demographisch-genetische Kontinuität oder deren Abbruch
- Einige grundlegendere Überlegungen ausgehend vom derzeitigen Forschungsstand der Archäogenetik

Der Übergang zur seßhaften Lebensweise und zum Leben in Staaten stellt das dehnbare Band zwischen den Genen und der Kultur eines Volkes unter starke Beanspruchung. Ein despotischer Herrscherwille, der vornehmlich von Weisheit geleitet ist und eine entsprechende, in Kultur und Genen schon angelegte Bereitschaft der Angehörigen eines Volkes, sich einem solchen Herrscherwillen unterzuordnen, mag einen solchen Übergang erleichtern, ohne daß das genannte Band zerreißen muß, und ohne daß das jeweilige Volk in der Folge von anderen Völkern gar zu leicht ersetzt wird (demographisch).

Gelingt dieser Übergang zur seßhaften und bäuerlichen Lebensweise in einer bestimmten Frist und auch über lange Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg nicht nachhaltig genug - wie etwa bei den europäischen Fischer-, Jäger- und Sammler-Völkern - dann können diese Völker von Völkern ersetzt werden, bei denen dieser Übergang schneller gelungen ist und ohne daß dabei das bei ihnen vorliegende dehnbare Band zerrissen worden wäre. Eben unter anderem durch weise, despotische Herrschaftsformen unterschiedlicher Art.

In Ostasien hat die starke Beharrungsfreude der dortigen Völker offenbar dazu geführt, daß sich diese nicht gar zu häufig gegenseitig bedrängt haben bei ihrem jeweiligen Übergang zur seßhaften Lebensweise. Diese vollzog sich dort in jeder Region (Gelber Fluß, Tibet, Amur-Fluß) offenbar in der regional jeweils gegebenen zeitlichen Abfolge, ohne daß eine Be- oder Verdrängung von außen her eine gar zu große Rolle gespielt zu haben scheint (1). (Abgesehen von solchen Ausnahmen wie der Jomon-Kultur auf Japan etwa.) Man bedenke, daß zum Beispiel auch die taiwanesisch-stämmige austronesische Seefahrer-Kultur, die die südpazifische Inselwelt besiedelt hat, sich offenbar vornehmlich darauf beschränkt hat, eine zuvor unbesiedelte Inselwelt zu besiedeln, und ohne andere Völker zu bedrängen. Sie scheint dabei also vergleichsweise selten andere Völker bedrängt oder gar ersetzt zu haben. Auf diese Weise jedenfalls kam in Ost- und vielen Teilen Südostasiens jene Jahrtausende lange genetische Kontinuität seit dem Mesolithikum zustande, wie sie inzwischen sehr deutlich zu beobachten ist durch die Archäogenetik (1).

In Europa hat die starke Wandlungsfreude der hiesigen Völker hingegen dazu geführt, daß die anatolisch-neolithische Völkergruppe und die iranisch-neolithische Völkergruppe, die in ihren Ursprungsregionen bis heute einigermaßen genetische Kontinuität seit dem Mesolithikum aufweisen, sich sehr früh und außerordentlich stark demographisch expansiv verhalten haben (Abb. 1), auch auf Kosten anderer Völker, die in den jeweiligen Regionen zuvor ansässig waren, und denen - deshalb - keine Zeit gelassen wurde, eigenständig und mit der ihnen eigenen Kombination von Genen und Kultur zum Ackerbau überzugehen.

Bei den Bandkeramikern etwa wurde schon vor Jahrzehnten (zuerst von Jens Lüning) (bei der Erforschung "ältestbandkeramischer" Siedlungen) sogar sehr bewußt expansives, "eroberndes" Kolonisations-Verhalten (sozusagen "Rodungsbauerntum") festgestellt. Das heißt: Die nachfolgende Generation der Siedler an der jeweiligen Siedlungsgrenze dieser Kultur begründete eine neue Siedlungsstelle nicht etwa in der Nähe ihrer Heimatsiedlung, sondern gleich 30 Kilometer fern der Heimatsiedlung inmitten des entlegenen Urwalds. Und erst in der nachfolgenden Generation wurde auch der Zwischenraum aufgesiedelt. (Daß dies "staatlich koordiniert" geschehen sein könnte, fiel der Forschung bislang schwer anzunehmen. Es mehren sich aber inzwischen die Hinweise auf quasi-staatliche Koordination auch bei den Bandkeramikern, etwa in Form überregionaler religiöser Zentren, sowie von Verteidigungsanlagen und Kriegszügen.) Also schon bei den anatolisch-neolithischen Bauernvölkern, bzw. (womöglich) ihren frühen Staaten ist sehr viel Veränderungsfreude, ja, Eroberungswille zu erkennen. Nur deshalb konnte sich die Bandkeramik so schnell über so weite Teile Mitteleuropas (bis ins Pariser Becken und bis zur Kanalküste) ausbreiten.

Daß die in Europa einheimischen Fischer-, Jäger- und Sammler-Völker auch selbstständig zum Ackerbau hätten übergehen können, wird prinzipiell durchaus möglich gewesen sein. Immerhin könnte man sagen, daß ihnen - etwa auf den britischen Inseln oder in der norddeutschen Tiefebene oder im Ostseeraum - mehrere Jahrhunderte oder gar Jahrtausende Zeit dazu gegeben worden war von Seiten der Weltgeschichte. Als Hemmfaktoren dafür könnten vorgelegen haben:
  1. Die große Veränderungsbereitschaft schon kulturell weiter entwickelter europäischer Völker, die "schneller" diesen Übergang vollzogen haben und die dann jeweils selbst sehr schnell expansiv und erobernd tätig wurden.
  2. Die womöglich in Genen und Kultur stärker angelegte Unfähigkeit in diesen einheimischen mittel- und nordeuropäischen Völkern, sich anderen, weiseren Menschen des eigenen Volkes - wie es sicher dafür notwendig gewesen wäre - sozial unterzuordnen und in die Gemeinschaft einzuordnen.
Diese letztere Unfähigkeit hat ja noch der römische Geschichtsschreiber Tacitus - weltgeschichtlich vergleichsweise "spät" - bei den heidnischen Germanen festgestellt und beobachtet. Diese heidnischen Germanen stammten ja - wie wir noch heute - schon zur Zeit des Tacitus zu einem höheren Teil von der Völkergruppe der (zum Teil blonden) osteuropäischen Fischer, Jäger und Sammler ab als die meisten schon damals den Römern bekannten Völker. Und in Genetik und Kultur dieser ursprünglichen Völkergruppe könnte Individualität eine Rolle gespielt haben wie in keiner Kultur sonst weltweit. Deshalb scheint in dieser Völkergruppe bis heute die Fähigkeit, höherer Einsicht innerhalb der sozialen Gemeinschaft zu folgen, vergleichsweise bescheiden ausgebildet zu sein. In dieser Kultur will es jeder für sich "besser wissen".

Genau diese Unfähigkeit und die daraus folgende, zum Teil ganz unglaubliche Uneinigkeit mag bei der Ethnogenese der Indogermanen an der Mittleren Wolga nun in einem ersten weltgeschichtlichen Schritt abgemildert worden sein dadurch, daß in das eigene Volk 47 Prozent iranisch-neolithische Genetik (wohl vor allem über die weibliche Linie) eingemischt wurde. Womöglich gelang das sogar, ohne daß das zuvor bei den osteuropäischen Fischern, Jägern und Sammlern bestehende Band zwischen Genen und Kultur vollständig zerrissen wäre. Anhand der Tierkopfszepter (vormals Elchkopfszepter) zum Beispiel ist erkennbar, daß vorherige kulturelle Traditionen auch nach der Transformation zu den Urindogermanen fortgeführt wurden.

Europe agricultural revolution
Abb. 1: Der Eroberungszug der anatolisch-neolithischen Dorfgemeinschaften und frühen Staaten durch Europa (7.000 bis 4.300 v. Ztr.) - Wikirictor / CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0) (Wiki)

/ Anmerkung: Dieser Beitrag versucht eine zusammenfassende Deutung der in den letzten beiden Jahren hier auf dem Blog referierten archäogenetischen Erkenntnisse zur Völkergeschichte Europas und Asiens, ohne noch einmal gesondert jeden einzelnen Beitrag dazu zu zitieren. Bitte für Einzelheiten zahlreiche Blogartikel der letzten beiden Jahre hier auf dem Blog konsultieren, bzw. studieren. Die hier eingestellte Grafikn kann übrigens nur eine erste Andeutung geben. Sie ermöglicht keinerlei tieferes Verständnis. Vorläufig anstelle einer vergleichbare Grafik für China seit dem Mesolithikum eine solche für die Zeit seit 1.000 v. Ztr.: (Wiki). 

___________________
  1. Bading, Ingo: Die Ethnogenese des chinesischen Volkes, 27.3.2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/die-ethnogenese-des-chinesischen-volkes.html
  2. Bading, Ingo: Deutschlands Vorgeschichte im Überblick, 23.6.2020, https://youtu.be/5A5YCpuanTI.
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