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Dienstag, 14. August 2007

Jugendbewegung, Bevölkerungswissenschaft und Drittes Reich

Das Beispiel Gerhard Mackenroth

Von der DFG (Deutsche Forschungs-Gemeinschaft) in einem Schwerpunktprogramm gefördert wird derzeit die Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft während des 20. Jahrhunderts sehr intensiv erforscht. (Bevölkerungsforschung TU Berlin) In früheren Beiträgen hatten wir schon auf den dabei entstandenen wichtigen Band "Bevölkerungswissenschaft im Werden" hingewiesen, in dem vor allem über den bedeutendsten deutschen Bevölkerungswissenschaftler Gerhard Mackenroth viel Neues zu erfahren gewesen war. (Studium generale 1, 2) Dieser unter einem unscheinbaren Titel erschienene Band war es vor allem gewesen, der hier auf dem Blog Anregung gab, das Thema Familienpolitik künftig grundlegender zu behandeln und anzugehen.

Nun ist aus diesem Schwerpunktprogramm heraus ein weiterer, sehr wichtiger Band erschienen. (1) Dies ist ein thematisch so umfangreicher und vielfältiger Band, daß an dieser Stelle nur einzelnes herausgegriffen werden kann. So vertieft Patrick Henßler in seinem Beitrag zu diesem Band seine Ausführungen über Gerhard Mackenroth im schon genannten vorherigen Band. Und der Gießener Historiker Jürgen Reulecke, der die Lebensreformbewegung nach 1900 erforscht, befaßt sich genauer mit Gerhard Mackenroths Schrift von 1933 "Deutschlands Jugend revoltiert". Reulecke schreibt (S. 226):
Henßler hat - in dem Band "Bevölkerungswissenschaft im Werden" - (...) zwar durchaus eine Reihe von zustimmenden Urteilen zum nationalsozialistischen Umbruch, aber auch Belege für eine anfänglich abwartende Distanz gefunden: Den "ganzen cäsarischen Kult um die Person des 'Führers' " hielt Mackenroth z.B. zunächst für "außerordentlich widrig" und hatte sogar ein Jahr vorher in einem Brief (...) Hitler als "dumm und eitel und begabt mit dem politischen Instinkt einer Kuh" charakterisiert. Den ganzen nationalistischen Rummel mit "Uniformen und Märschen und Hurrarufen" deutete er als nichts anderes als eine "Überkompensation einer tiefergehenden Unsicherheit".
Reulecke betrachtet im weiteren diese Schrift Mackenroth's, der selbst Angehöriger der Jugendbewegung war, als sehr geeignete Quelle zur Erforschung der Jugendbewegung und ihres Verhältnisses zum Nationalsozialismus, genauso wie ihm auch der persönliche Werdegang von Gerhard Mackenroth in dieser Beziehung als sehr exemplarisch erscheint. Hochspannend sind die abschließenden Worte von Reulecke's Beitrag (S. 230):
Abschließend, angestoßen durch Mackenroth's Beispiel, nur ein kurzer Hinweis auf eine verallgemeinerbare Beobachtung, welche sich auf das Personal der sich mit Volk, Rasse und Bevölkerung beschäftigenden Disziplinen jener Zeit bezieht: Es ist bemerkenswert, wie viele jüngere, d.h. seit 1890/1900 geborene Wissenschaftler der sich mit Problemen der Bevölkerung befassenden Wissenschaftszweige jugendbewegt geprägt gewesen sind: von Gunther Ipsen über Hans Harmsen, Hans Raupach, Ernst Rudolf Huber bis hin zu Werner Conze und Theodor Schieder. Mackenroth ist nur ein Beispiel unter vielen. Es wäre reizvoll, diese Verbindung etwas genauer zu analysieren. Zwei Einzelbeispiele aus den damaligen völkischen Bemühungen um das Grenz- und Auslandsdeutschtum bzw. die deutschen Sprachinseln im Ausland zeigen bereits exemplarisch, wie stark Denkimpulse aus der Jugendbewegung, hier aus dem Wandervogel, entsprechende Forschungen angeregt haben: bei dem Germanisten und Volkskundler Georg Schmidt-Rohr (1890 - 1945) und bei dem Volkskundler und Historiker Walter Kuhn (1903 - 1983).
Die Universität Mainz, an der ich (I.B.) studierte, besitzt den Buchnachlaß von Professor Walter Kuhn. Walter Kuhn behandelte als Schlesier die Siedlungsgeschichte vieler deutscher Minderheiten im osteuropäischen Raum, die er als jugendbewegter Mensch wie so viele damals (also wie offenbar auch Mackenroth) reisend und wandernd und Theater spielend besuchte und erforschte (Dialektforschung, Liedforschung, Siedlungsgeschichte u.a.m.). Zu diesen Minderheitengruppen zählten auch die Wolhynien-Deutschen, die aufgrund ihres ungeheuren Fleißes (bracchialische Rodungsarbeit in riesigen Sumpfgebieten) und zugleich ihres ungewöhnlichen Kinderreichtums sicherlich ein Modell früher seßhafter europäischer Bevölkerungen abgeben könnten (etwa der sicherlich von ähnlichem Pionier- und Rodungsgeist geprägten Gesellschaft der Bandkeramiker und ihres immensen, sehr schnellen Bevölkerungswachstums und ihrer Expansion vor knapp 8.000 Jahren vom Plattensee aus über ganz Mitteleuropa hinweg bis zur Kanalküste).

Wie viele von den Wolhynien-Deutschen übrigens während der September-Morde 1939 ums Leben gekommen sind, ist nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen und seiner schon etwas intensiveren Nachforschungen, noch keineswegs wissenschaftlich geklärt. (Siehe auch meine Amazon-Rezension zu diesem Thema hier.) Dies insbesondere auch deshalb, weil das Gebiet (Wolhynien in "Ostpolen") 1939 ziemlich bald von den Sowjets besetzt worden ist und deshalb offizielle deutsche Untersuchungen dort nicht durchgeführt werden konnten.

Gerhard Mackenroth und negative Eugenik

Der Beitrag von Patrick Henßler schließlich arbeitet heraus, daß Mackenroth, der schon 1933 Mitglied der NSDAP geworden war (ähnlich wie - neuerdings dürfen wir auch das wissen ...: Erhard Eppler ...) in einer Vorlesung von 1941/42 sehr selbstverständlich die Meinung vertrat, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen der rassischen Zusammensetzung eines Volkes und seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, bzw. überhaupt seines Wirtschaftssystems. (S. 215 - 221) Mackenroth sprach sich in diesem Zusammenhang auch für negative Eugenik aus, wie das viele damalige Wissenschaftler auch in den westlich-demokratischen Staaten taten. Dies beschränkte sich aber auch hier bei Mackenroth auf Sterilisierungen (unklar ob bloß empfohlene freiwillige oder auch erzwungene). Heßler weiter (S. 221):
Auch die von den Nationalsozialisten nicht gesetzlich geregelte "Tötung" bzw. "Vernichtung unwerten Lebens" wird von Mackenroth, wenn auch nur kurz, erörtert. Sie gilt ihm "als die radikalste und sicherste Form" des Vorgehens bei "der Ausschaltung von Blutströmen aus dem Innern des deutschen Volkes". Allerdings ist sie mit rassehygienischer Zielsetzung "in unserer aus christlichen Vorstellungen erwachsenen Sozialmoral noch nicht möglich" und "gesetzlich nicht statthaft".
Puh! Was sind das für Worte?! Vor allem das Wort "noch" in diesem Zusammenhang. Wer darf sich so sicher gefeit bezeichnen vor den Einflüssen des Zeitgeistes, wenn es selbst ein Mackenroth nicht war? Einmal mehr wird man darauf aufmerksam gemacht, wie leicht Menschen - wenigstens gedanklich - auf Abwege geraten können. Aber noch etwas Überraschendes ist zu erfahren:
Mackenroth setzte die Befürwortung einer negativen Eugenik (also wohl im wesentlichen Sterilisierung, I.B.) auch nach dem Ende des Dritten Reiches im Jahr 1945 fort. Sowohl in seiner "Bevölkerungslehre" aus dem Jahr 1953 als auch in einer unveröffentlichten Rezension zu Hans F.K. Günthers Buch "Gattenwahl zu ehelichem Glück und erblicher Ertüchtigung" verteidigte er die Maßnahmen einer negativen Eugenik als notwendig.
Nun, wie gesagt, es ist sicherlich nicht unwichtig zu erfahren, ob freiwillige Sterilisierung durch persönliche Einsicht erreicht werden sollte oder ob jeweils auch an staatlich verordnete Zwangssterlisierung gedacht wurde.

Gary S. Becker und die "Neue Haushaltsökonomie"

Ein weiterer Beitrag des Bandes - von Bernhard Nauck - beschäftigt sich dann mit gegenwärtigen familienpolitischen Debatten. (S. 321 - 331) Es wird vor allem auf die "Neue Haushaltsökonomie" des amerikanischen Nobelpreisträgers Gary S. Becker hingewiesen ("New Home Economics"), der wohl als erster prominenter Wirtschaftswissenschaftler die Familien selbst nicht nur als Konsumenten wirtschaftlicher Güter, sondern auch als Produzenten wirtschaftlicher Güter und Dienstleistungen begriffen hat (schon 1991!).

Ja, liebe Leute - und auch Herr Bernhard Nauck! Man sei nicht so zimperlich und denke diesen Gedanken konsequent zu Ende und man landet dann sehr schnell und zügig bei einem regulären Erziehungsgehalt für Eltern wie es seit Jahren die "Deutsche Familien-Partei" fordert, seit kurzem auch Christa Müller von der "Linkspartei" und andeutungsweise von der wissenschaftlichen Beratergruppe des Familienministerium (5. Familienbericht 1994, "Gerechtigkeit für Familien" 2002 u.a.) und neuerdings auch von dem familienpolitischen Autor Peter Mersch.

- Warum quälen sich eigentlich alle so viel damit herum? Das ist das Simpelste und das Selbstverständlichste und das Normalste von der ganzen Welt, ein solches zu fordern und einzuführen. Aber die heutigen Denkenden scheuen sich davor, wie Mackenroth das in seiner jugendbewegten Schrift von 1933 nannte, so scheint es: "ohne Pathos gefährlich zu leben". (S. 229) - Wie weit man das bei ihm selbst als eingelöst betrachten kann, bleibe an dieser Stelle sowieso dahingestellt. Aber: Was wäre denn daran heute - im Gegensatz zu seiner Zeit - - - noch gefährlich?

1. Ehmer, Josef; Ferdinand, Ursula; Reulecke, Jürgen (Hg.): Herausforderung Bevölkerung. Zu Entwicklungen des modernen Denkens über die Bevölkerung vor, im und nach dem "Dritten Reich". VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007

Mittwoch, 30. Mai 2007

Ein deutscher Sozialreformer unter Konrad Adenauer - Gerhard Mackenroth (1903 - 1955) und die deutsche Bevölkerungssoziologie - Teil II

Zweiter Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

Es geht in dem "Mackenroth-Plan" von 1952 (Stud. gen.) um die Erwirtschaftung und Verteilung der "Soziallasten", es geht um Kindergeld, Erziehungsgeld, Ausbildungsförderung, Arbeitslosengeld, Sozialhilfe, Krankengeld, Pflegegeld, Renten und Hinterbliebenen-Renten. Es geht um Steuern und Sozialabgaben. Und dabei geht es vor allem um eine sozial gerechte Verteilung all dieser Dinge zwischen Kinderlosen, kinderarmen und kinderreichen Familien. Noch heute gibt es auf all diesen Gebieten wenig "Übersichtlichkeit", 1952, kurz nach dem Krieg, nach Flucht und Vertreibung, nach Verwitwung, Verarmung und Hilfebedürftigkeit von Millionen Menschen herrschte auf diesem Gebiet aber noch eine viel größere Unübersichtlichkeit, die geradezu zwangsläufig nach großen Reformen rief.

"Eine Rangliste der sozialen Ansprüche"

Und Mackenroth war der Mann, der solche Reformen auch gleich wirklich zu Ende dachte. Er trifft zunächst eine sehr wichtige Unterscheidung. Er fordert, daß eine
"Rangliste der sozialen Ansprüche an das Volkseinkommen"
aufgestellt werden müsse. Und diese solle nicht "von Tag zu Tag" je nach den verfügbaren Mitteln geordnet und neu geordnet werden, sondern ganz unabhängig vom täglich erwirtschafteten Volkseinkommen aufgestellt sein und bleiben. Es geht ihm also um neutrale Objektivität in der Sozialpolitik und darum, von vornherein möglichst viele, sich einschleichende Egoismen aller Art auszuschließen. Er sagt ganz unmißverständlich:
"Die Rangordnung der sozialen Ansprüche (...) hat mit der jeweiligen wirtschaftlichen Lage der betreffenden Volkswirtschaft nichts zu tun. Sie ergibt sich in einem innerlich gefestigten Gemeinwesen aus den Forderungen des sozialen Gewissens und der Einheit des ethischen Bewußtseins. Wo in einer sich desintegrierenden Gesellschaft diese Werte zerfallen, ergibt sie sich allein aus den politischen Machtpositionen der Interessengruppen, und die Gefahr aller demokratischen Gemeinwesen, in denen der Nichtbesitzende politische Macht übt, besteht darin, daß sich die zufällig an der Macht befindlichen Interessentengruppen große Beträge aus dem Staatssäckel bewilligen oder bewilligen lassen, während andere leer ausgehen, die sie dringender brauchen." (4, S. 48)
Gerhard Mackenroth spricht hier auf den ersten Blick fast selbstverständliche Prinzipien aus. Wendet man sie aber direkt und konsequent auf die Wirklichkeit an - und wozu werden solche Prinzipien denn sonst ausgesprochen? -, stellen sich - zumindest heute - geradezu haufenweise "Unmöglichkeiten" ein. Und weitergehend erläutert er diesen seinen Grundgedanken:
"Interessentenorganisationen sollen und müssen sein, nur muß es darüber noch eine höhere Instanz geben, die sie in ihre Grenzen und Schranken verweist und sie miteinander koordiniert und schließlich auch die zum Zuge kommen läßt, die durch Interessentenorganisationen noch nicht vertreten sind. Ich kenne noch keine Vertretung der ungeborenen Säuglinge und kann mir eine solche auch schlecht vorstellen. In Amerika hat es freilich einmal eine Organisation gegeben, der 'Veterans of future wars', aber das war ein Studentenulk und keine politische Wirklichkeit." (4, S. 48f)
"Nur Bagatellen im Vergleich zu einem neuen Krieg" (Exkurs)

Beißende Polemik. Mackenroth lebte, das sollte man sich an dieser Stelle ins Bewußtsein rufen, in der Zeit der "Wiederbewaffnung". Dazu erfahren wir an etwas späterer Stelle:
"Ich ergebe mich auch nicht der Schwarzmalerei: Wenn wir unsere Sozialpolitik nicht reformieren, sondern weiterwursteln, brechen wir auch nicht gleich zusammen. Solange wir mit Erfolg den nächsten Krieg vermeiden, können wir uns eine Menge Unproduktivitäten und Irrationalitäten gestatten. Im Vergleich mit einem neuen Krieg sind es alles nur Bagatellen. Im Gegenteil: Gerade weil heute vielleicht im Beginn einer partiellen Boomperiode die Dinge nicht so drängend sind, haben wir endlich einmal eine Atempause, um solide Arbeit auf lange Sicht zu leisten. Diese Chance sollten wir ergreifen. Wer weiß, wie schnell sie verspielt sein kann." (4, S. 72)
- Das war 1952. Ob man diese Atempause bis heute ausreichend genutzt hat? Oder ob nicht schon längst allerhand - - -"verspielt" ist?

Und auch wie er den Begriff "Atempause" versteht, erläutert er, indem er von "schnellen Sensationserfolgen" spricht, die wenig später "gleich wieder abgeschafft" wurden, wobei er auf die deutsche Politik der drei zurückliegenden Jahrzehnte Bezug nimmt:
"Wir müssen einmal wieder zur guten alten Praxis zurückkehren, eine gesetzgeberische Maßnahme wirklich von langer Hand vorzubereiten, wie es in Deutschland im alten Staate war und wie es auch heute die Praxis in jeder guten und solide arbeitenden Demokratie ist." "Es sitzt uns allen noch vom Kriege her die hektische Ungeduld im Genick, als könnten wir morgen damit zu spät kommen." (4, S. 72)
Dann aber spricht Mackenroth einen Gedanken aus, der noch heute nicht vollständig das öffentliche und politische Bewußtsein durchdrungen hat, denn auch heute noch denkt man in den Prinzipien, daß man sich durch "Sparen", Geldeinzahlen in Fonds, Versicherungen jene "Reserven" "ansparen" würde, die man dann bei Arbeitslosigkeit, Krankheit oder Alter gerechterweise aufbrauchen könne. Ein solches Denken war - folgen wir Mackenroth - schon im Jahr 1952 völlig veraltet. Ganz besonders merkwürdig aus dieser Sicht, daß es noch im Jahr 2007 so allseits vorherrschend ist.

Gesellschaften haben noch niemals "Vorratswirtschaft" betrieben, die nicht aus Kindern bestand - und werden es auch niemals können

Mackenroth:
"Nun gilt der einfache und klare Satz, daß aller Sozialaufwand immer aus dem Volkseinkommen der laufenden Periode gedeckt werden muß. Es gibt gar keine andere Quelle und hat nie eine andere Quelle gegeben, aus der Sozialaufwand fließen könnte, es gibt keine Ansammlung von Fonds, keine Übertragung von Einkommensteilen von Periode zu Periode, kein 'Sparen' im privatwirtschaftlichen Sinne -, es gibt einfach gar nichts anderes als das laufende Volkseinkommen als Quelle für den Sozialaufwnad. Das ist auch nicht eine besondere Tücke oder Ungunst unserer Zeit, die von der Hand in den Mund lebt, sondern das ist immer so gewesen und kann nie anders sein. Ich darf dabei wohl absehen von den Fällen einer vorindustriellen Naturalwirtschaft, wo man Sozialpolitik treibt durch Anlage von Getreidemagazinen u.a.." (4, S. 45)
Und Mackenroth präzisiert in verschärfter Weise:
"Es gibt volkswirtschaftlich gesehen keine Möglichkeit einer Versicherung gegen irgendwelche sozialen Risiken, nicht einmal gegen die mit Sicherheit eintretenden Ereignisse wie Alter und Invalidität, ganz abgesehen von einem so allgemeinen in seiner Versicherungsfähigkeit angezweifelten Risiko wie der Arbeitslosigkeit. (...) Die volkswirtschaftliche Problematik läßt sich nicht dadurch lösen oder beiseite schieben, daß man nach den Grundsätzen eines ordentlichen Kaufmanns private Risiken versichert. (...) Das Versicherungsprinzip ist geeignet, den einzelnen zu sichern gegen die Abweichung seines Falles von der sozialen Norm, es kann aber nicht die Volkswirtschaft sichern gegen eine Änderung der sozialen Norm, gegen eine soziale Katastrophe." (4, S. 45f)

"Diese Tatsache bezeichne ich hier und anderswo als das Prinzip der Einheit des Sozialbudgets: Es gibt nur eine Quelle allen Sozialaufwandes, das laufende Volkseinkommen." (4, S. 47)
Natürlich beginnt sich dieser Gedanke in Zeiten der zahlenmäßig abnehmenden Nachkommenzahlen und in Zeiten, wo man absehen kann, wozu "Versicherungs-Einzahlungen" der Vergangenheit gut waren, wenn künftig keine Menschen mehr da sind, die die Rückzahlungen der Einzahlungen erwirtschaften, allmählich, langsam, langsam durchzusetzen. Dazu ist aber zu sagen:

1. Es wäre wohl besser gewesen, wenn sich diese Erkenntnisse schon Jahrzehnte früher "langsam, langsam" durchgesetzt hätten. Hier haben vielleicht inzwischen schon abgetretene Generationen auf Kosten der gegenwärtigen und künftigen Generationen gelebt.
2. Noch heute könnte man es also für notwendig halten, daß viel zur Beschleunigung der Durchsetzung solcher Einsicht getan wird.

Die heute noch geradezu revolutionären Kernteile des Mackenroth-Planes aber befinden sich dann in dem Abschnitt "Sozialpolitik und Familie". Es sollen hier die wichtigsten Passagen gebracht werden.

"Die sozialpolitische Großaufgabe des 20. Jahrhunderts:
Familienlastenausgleich"


"... Ich greife nur eine Aufgabe heraus, die uns noch bevorsteht, und die mir besonders am Herzen liegt: an Stelle einer Klasse muß heute Objekt der Sozialpolitik die Familie werden, und zwar quer durch alle Klassen und Schichten, es gibt da überhaupt keine Unterschiede mehr." (4, S. 60)
Das ist lange vor 1968 gesprochen worden. Und dabei ist Mackenroth keineswegs einem veralteten Familienbild verhaftet. Er sagt zum Beispiel, man bedenke, schon im Jahr 1952:
"Wir können nicht einen widerstrebenden jugendlichen Arbeitslosen in eine ebenso widerstrebende Familie hineinzwingen und ihn damit der patria potestas" (der väterlichen [Erziehungs-]Gewalt) "ausliefern. Solche Holzhammermethoden würden mehr zerstören als erhalten. Die patriarchalische Familie ist im Abbau und kann nicht über die Sozialpolitik konserviert werden. Die Familie der industriellen Gesellschaft ist ein ganz anders konstruiertes Gebilde und in der Beziehung zwischen den Erwachsenen viel lockerer, sie gewinnt aber gerade bei dieser äußerlich gelockerten Beziehung eine eigentümliche innere Festigkeit.
Dennoch bedarf sie der Stützung durch die Sozialpolitik, besonders was die Stellung der Kinder angeht, und hier beginnt die zweite Schicht der Sozialpolitik und setzt ihre aktive Aufgabe ein. In der alten bäuerlichen Wirtschaft und im Frühkapitalismus mit seiner Kinderarbeit waren Kinder von früher Jugend an Miterwerber im Rahmen des Familieneinkommens. In der bäuerlichen, besonders in der kleinbürgerlichen Wirtschaft sind sie gelegentlich heute noch willkommene Arbeitskräfte. In der Arbeiter- und Angestelltenfamilie der heutigen industriellen Gesellschaft sind Kinder - um es auf eine einfache Formel zu bringen - zu reinen Kostenelementen in der Familie geworden, nicht zuletzt durch unsere sozialpolitischen Errungenschaften, wie das Verbot der Kinderarbeit, oder auch ganz allgemein durch die höheren Anforderungen an Aufwand und Ausbildung, die wir heute für unsere Kinder stellen. Damit hat sich unsere ganze Verteilungsordnung entscheidend geändert, und zwar nicht zwischen Sozialklassen oder Einkommensschichten, sondern innerhalb jeder Sozialklasse und Einkommensschicht zwischen den familienmäßig Ungebundenen und den Familien mit keinem oder wenigen Kindern auf der einen und denen, die die volle ökonomische Last einer notwendigen Kinderaufzucht übernehmen, auf der anderen Seite. Ich weise in meiner 'Bevölkerungslehre' nach, daß darin einer der Hauptfaktoren für den Geburtenrückgang, jedenfalls für seine extremeren Ausmaße, zu suchen ist. Er ist, so gesehen, gewissermaßen eine unerwünschte Nebenwirkung der Sozialpolitik und des sozialen Fortschritts." (4, S. 60f)

"Hier erwächst der Sozialpolitik noch einmal eine neue Großaufgabe, die sozialpolitische Großaufgabe des 20. Jahrhunderts: Familienlastenausgleich, m.E. der einzig sozial sinnvolle Lastenausgleich, denn sein Richtmaß ist nicht vergangener Verlust, sondern eine gegenwärtige Leistung, deren Lasten ausgeglichen werden sollen: die Lasten für das Aufbringen der jungen Generation, ohne die kein Volk und keine Kultur ihre Werte erhalten und tradieren können, müssen gerecht verteilt werden, so daß das Volk nicht durch falsche Verteilung dieser Lasten seinen Bestand gefährdet." (4, S. 61)
"Keine Politik der kleinen Mittel"
"Ich möchte nur keinen Zweifel daran lassen, daß es mit einer Politik der kleinen Mittel nicht getan ist - alle solche Maßnahmen würden hoffnungslos verpuffen -, sondern daß es sich hier um eine ganz große Einkommenumschichtung und eine grundsätzliche Neugestaltung der Verteilungsordnung handeln muß, wenn man damit etwas ausrichten will, eine Umschichtung nicht zwischen Einkommens- und Sozialschichten, sondern innerhalb jeder Schicht zwischen den Familien." (4, S. 62)

"Das Familienprinzip auch in der laufenden Sozialpolitik muß über eine viel stärkere Berücksichtigung des Kindes und des Jugendlichen durchgesetzt werden, des noch nicht arbeitsfähigen Schulkindes und der Lehrlinge, bis zum Abschluß ihrer Ausbildung. Wir werden überhaupt früher oder später vor der Notwendigkeit stehen, unser Interesse und auch unsere Mittel in Politik und Sozialpolitik und Wirtschaftspolitik viel mehr auf unsere Jugend zu konzentrieren, wenn uns nicht der Osten darin den Rang ablaufen soll." (4, S. 62)
- Hatte hier jemand "1968" vermeiden wollen? Hätte hier jemand "1968" vermieden, wenn man auf ihn gehört hätte?

"Ein Stachel bis in die Gegenwart geblieben"

Dieser "Mackenroth-Plan", der hier gar nicht in seiner Vollständigkeit dargestellt werden kann, ist dann von Wilfried Schreiber für die Reformen der Adenauer-Regierung in einen praktischen politischen Plan umgeschrieben worden. Die genannte neue Studie von 2007 (2) sagt zu diesem "Mackenroth-Plan" wohl mit großem Recht:
"Wegen der darin erhobenen Forderungen, denen die Politik nicht in allen Punkten nachgekommen ist, ist der aufrüttelnde Text ein Stachel bis in die Gegenwart geblieben." (2, S. 255) "Mackenroth war der Urheber des Paradigmenwechsels in der Sozialpolitik. (...) Es ist die Institution Familie, die dem bisherigen Denken in sozialen Hierarchien entgangen ist und entsprechend ihrer Wichtigkeit und Umsetzbarkeit neu verankert werden muß." (2, S. 255)
Zusammengefaßt wird Mackenroth's Forderung referiert:
"Die Zwei-Kinder-Familie gilt als die Norm und wird geschont; wer im Familienstand darunter liegt, wird übersteuert; wer darüber liegt, wird entlastet." (2, S. 256)
Und weiter referiert die neuen Studie Mackenroth:
"Die neue Sozialpolitik muß dem 'Familienprinzip' Rechnung tragen, wie der Tatsache, daß die Qualitätsanforderungen an Kindererziehung und Jugendbildung steigt. (...) Der Wertkonflikt zwischen der Gratifikation der Einzelleistung in Lohn und Gehalt und der Anerkennung der gesellschaftlich notwendigen, nur schwer monetarisierbaren Familienleistung war somit klar zutage getreten. Er ist in der Folge von der westdeutschen Gesellschaft nicht korrigiert worden." (2, S. 256)
Bemühungen zur Korrektur hat es sehr wohl gegeben. Sie werden vielleicht in künftigen Beiträgen noch referiert. Vor allem lagen exakt die gleichen Grundgedanken wie die hier vorgetragenen von Gerhard Mackenroth - und in vielen Punkten schon wesentlich präzisierter - dem "Fünften Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland" von 1994 (1993 fertiggestellt) zugrunde. Dieser war unter der Federführung von Rosemarie von Schweitzer erstellt worden. Auch die Bemühungen dieses "Fünften Familienberichts" scheinen bis heute in Kernpunkten "verpufft" zu sein, so, als wäre er nie erstellt und nie von einer deutschen Bundesregierung abgesegnet worden. Es wird seit fünf Jahrzehnten "weitergewurstelt" mit "einer Menge Unproduktivitäten und Irrationalitäten". (s.o.) An "Zusammenbruch" wagen wenige nur zu denken.

/Zum nächsten Beitrag in der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ---> hier.

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  1. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin u.a. 1953
  2. Henßler, Patrick: Bevölkerungswissenschaft im Werden - Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007
  3. Mackenroth, Gerhard: Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Neue Folge Band 4, Berlin 1952, S. 39-48, 56-59. Gekürzter Wiederabdruck in: 4., S. 43 - 74
  4. Böttcher, Erik (Hg.): Sozialpolitik und Sozialreform. Ein einführendes Lehr- und Handbuch der Sozialpolitik. J.C.B. Mohr, Tübingen 1957
  5. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald Verlag, Stuttgart 1981

Dienstag, 29. Mai 2007

Ein deutscher Sozialreformer unter Konrad Adenauer - Gerhard Mackenroth (1903 - 1955) und die deutsche Bevölkerungssoziologie

Erster Beitrag der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?"

In der Reihe "Warum Erziehungsgehalt?" ist in sieben Beiträgen aus dem Mai und Juni 2007 der Weg aufgezeichnet, auf dem der Autor dieser Zeilen sich in Auseinandersetzung mit einigen wichtigeren Neuerscheinungen in der Fachliteratur von der offensichtlichen Notwendigkeit eines Erziehungsgehaltes überzeugte. Jeder, der sich von dieser Notwendigkeit überzeugt, sieht so in etwa die gleichen Zusammenhänge. Aber jeder mag auch auf leicht unterschiedlichem Wege zu dieser Einsicht gekommen sein. - Bei Zeit und Gelegenheit muß der Faden dieser Beiträge anhand neuerer Fachliteratur auch wieder aufgenommen werden. (Letzte Überarbeitung 11.7.09)

1996/97 hat der Autor dieser Zeilen intensiviert begonnen, an einer Doktorarbeit zum Thema "Die Soziobiologie der arbeitsteiligen Gesellschaft" zu arbeiten. - Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen und Voraussetzungen der dazugehörigen Fragestellung zu erläutern, würde an dieser Stelle zu weit führen. Der Ausgangspunkt ist das "e = mc2 der Evolutionären Psychologie", nämlich die Hamilton'sche Ungleichung für Verwandten-Altruismus K/N > r. Wenn man diese Formel auf die arbeitsteilige Gesellschaft anwendet, so ein stark begründeter Verdacht, kann ein sehr grundlegender und sehr umfassender Brückenschlag zwischen der Natur- zu allen Gesellschafts- und Sozial-Wissenschaften unternommen werden, von dem aus sich viele neue Forschungsperspektiven ergeben könnten. Ein ehrgeiziges Anliegen. Aber nicht das zentrale Thema dieses Beitrages. -

Die Soziobiologie der arbeitsteiligen Gesellschaft

Damals bestand natürlich auch Interesse daran, welche Theorien eigentlich schon in der Wirtschaftswissenschaft zum Thema "Arbeitsteilung" vorliegen. Natürlich gibt es da den Adam Smith. Und man kann auch noch mancherlei anderes, recht fruchtbares Denken finden. So zum Beispiel die grundlegende Aufteilung einer Volkswirtschaft in den primären, den sekundären und den tertiären Sektor (also grob Landwirtschaft, Handwerk/Handel, Dienstleistungsbereich) und die geschichtlichen Verschiebungen, die sich zwischen diesen drei Sektoren in der Entwicklung arbeitsteiliger Gesellschaften ergeben.

Aber so richtig "dick fündig" wurde man schließlich erst bei einem Denker, von dem man vorher noch niemals etwas gehört hatte, und der auch heute noch sehr unbekannt ist. Man stieß auf Gerhard Mackenroth's "Bevölkerungslehre" aus dem Jahr 1953 (1). Sie liefert rein von bevölkerungswissenschaftlicher, wirtschaftswissenschaftlicher, soziologischer Seite aus den umfassendsten theoretischen Ansatz, mit dem die Überlegungen von der Soziobiologie herkommend in Abgleich gebracht und - sozusagen "abgesichert" - weitergedacht werden konnten und können.

Die "Bevölkerungslehre" Gerhard Mackenroth's (1953)

Vor zehn Jahren spielte diese "Bevölkerungslehre" von Gerhard Mackenroth - soweit einem das damals erkennbar war - nur oder vornehmlich in der deutschen "Historischen Demographie", sowie Wirtschafts- und Sozialgeschichte eine wichtigere Rolle. Da Gerhard Mackenroth Anschauungsbeispiele für seine theoretischen Ansätze zur "Bevölkerungslehre" zu weiten Teilen aus der Frühen Neuzeit bezogen hatte (was auch tatsächlich naheliegend ist, was auch der Autor dieser Zeilen selbst eifrig betrieben hat und betreibt), war der Weg für Forscher der Wirtschafts- und Sozialgeschichte und der Historischen Demographie nicht sehr weit, um die Mackenroth'schen Denkansätze nun auch umgekehrt sehr konkret auf die eigenen Forschungen anzuwenden.

Es ist gegenwärtig nicht sehr leicht, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wo die Mackenroth'sche "Bevölkerungslehre" von 1953 überall befruchtend gewirkt hat oder ob an anderer Stelle Demographen schließlich unabhängig von Mackenroth zu ähnlichen Ergebnissen gekommen waren wie er. Manche Erkenntnisse liegen irgendwann "in der Luft" und ergeben sich aus der Natur der Sache. Vielfach wurden in den letzten Jahrzehnten Mackenroth'sche Gedankengänge sicherlich auch referiert, ohne daß auf Mackenroth selbst besonders hingewiesen worden wäre, ja vielleicht ohne daß man sich seiner "Bevölkerungslehre" überhaupt bewußt gewesen ist.

Ganz besonders wird dies für das Ausland gelten. Ein Buch, das der Autor dieser Zeilen zum Beispiel schon Jahre vorher mit sehr großem Gewinn gelesen hatte, und das er auch heute noch jedem Interessierten gern empfiehlt, Pierre Chaunu's "Verhütete Zukunft" (1979, 1981) (5), bringt viele ähnliche gedankliche Ansätze wie Mackenroth, ohne daß einem dort jemals der Name Mackenroth aufgestoßen wäre (oder daß man ihn jetzt beim Durchblättern und Durchsehen des Literatur-Verzeichnisses entdecken würde).

Ein 2007 neu erschienenes Buch über einen "einsamen Klassiker"

Bis hier also eine lange Einleitung, um zum eigentlichen Thema zu kommen. Unter den Buch-Neuanschaffungen der Universität fand sich in den letzten Wochen folgender unauffällige Titel: "Bevölkerungswissenschaft im Werden - Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie" (2). Da man aus dem Inhaltsverzeichnis sehr schnell ersehen konnte, daß in dem Buch auch von Gerhard Mackenroth die Rede war, nahm man es "halt" "mal" mit - eher gelangweilt, ohne besondere Erwartungen.

Aber wer versteht die Überraschung, als man beim Lesen feststellte, daß hier - scheinbar erstmals - ein Buch vorlag, daß in ganz umfassender Weise die Lebensleistung Gerhard Mackenroths zu würdigen und in die Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts einzuordnen versuchte? Fast scheint es, als sei das ganze Buch nur geschrieben worden, um das Lebenswerk Gerhard Mackenroths geschichtlich einordnen zu können. Das wird so deutlich zwar eigentlich nirgends gesagt (oder man hat es überlesen), es gibt dafür aber viel zu viele Hinweise. Viele Denker scheinen in diesem Buch vor allem deshalb referiert zu werden, weil sie irgendwann dann auch in Mackenroth's Vorlesungs-Gliederungen auftauchen (die im Anhang abgedruckt sind), und weil man verstehen will, wie Mackenroth eigentlich zu seiner eigenen "Bevölkerungslehre" kam. Wenn dieses neue Buch richtig gedeutet wird, dann ist der eigentliche "heimliche" Held dieses Buches, obwohl auch viele andere Personen behandelt werden, kein geringerer als Gerhard Mackenroth (1903 - 1955). Und im Grunde wird das ja auch ausgesprochen (2, S. 227):

"In der 1953 erschienenen 'Bevölkerungslehre' hat Gerhard Mackenroth eine Theorie entwickelt, die im deutschen Sprachraum starke Beachtung gefunden und inzwischen die Rolle eines einsamen Klassikers eingenommen hat."

So unumwundene Worte liest man hier zum ersten mal. (Einem selbst war das ja schon klar, aber daß das endlich auch einmal anderen klar zu werden beginnt ...?) Man weiß eigentlich nicht, warum Gerhard Mackenroth einem über engere Fachgrenzen hinausgehenden Publikum nicht schon längst näher bekannt geworden ist oder bekannt gemacht wurde. Auch dieses Buch "versteckt" ihn ja fast eher, als daß es ihn als bedeutenden Theoretiker herausstellt, als der er nach allen im Buch referierten Tatsachen tatsächlich angesehen werden muß. Weder im Titel, noch im Untertitel des Buches ist sein Name genannt, erst auf der zweiten Seite des Inhaltsverzeichnisses wird sein Name in Überschriften zu den Kapiteln 5.3, 6 und 7 genannt.

Gründe hierfür? Nun, erstens hatte sich die Bevölkerungswissenschaft in Deutschland an sich nach 1945 einer starken Mißachtung zu erwehren. Selbst heute ist ihr Selbstverständnis nicht in den letzten Zügen geklärt, obwohl sich längst Entkrampfungen eingestellt haben. Und zweitens kommt hinzu, was man erst aus diesem Buch erfährt, nämlich daß Gerhard Mackenroth - - - Nationalsozialist war. Sicherlich kein Fanatiker, sicherlich keiner, der sich durch irgend etwas hervorgetan hätte, was ihn nach 1945 noch besonders hätte kompromittieren können. All dem wird in dem Buch - erstmals - sehr ausführlich nachgegangen anhand der Unterlagen für sein "Entnazifizierungs"-Verfahren. Aber Nationalsozialist ist nun einmal Nationalsozialist. Und da das Fach Bevölkerungswissenschaft an sich noch heute nicht so recht das selbstverständlichste Ansehen in Deutschland genießt, glaubt man vielleicht, das Fach selbst noch zusätzlich zu kompromittieren, wenn man in aller Deutlichkeit herausstellt, daß der bedeutendste deutsche Vertreter dieses Faches im 20. Jahrhundert eben genau jener Gerhard Mackenroth gewesen ist.

"Mackenroth-These" von 1952

Wie auch immer. Im Grunde sind das nur zweitrangige Erwägungen gegenüber den eigentlichen innerwissenschaftlichen Fragestellungen und Erkenntnisfortschritten. Nach dieser überraschenden Schilderung des Lebensweges von Gerhard Mackenroth in der Zeit des Nationalsozialismus hätte man meinen sollen, es wären der Sensationen schon genug gewesen in diesem Buch. Zu ergänzen wäre wohl weiterhin noch, daß er auch Soldat im Zweiten Weltkrieg gewesen ist, und daß, während er selbst den Krieg überlebte, seine junge Familie, seine Frau und drei kleinen Kinder, im Bombensturm von Dresden im Februar 1945 ums Leben kamen. - - -

Aber selbst nachdem man all diese "Lebensstationen" zur Kenntnis genommen hat *), hat man noch nicht die vielleicht bedeutendste kennen gelernt. Kaum nämlich hat man all das bisher Geschilderte auf sich wirken lassen, wird man mit einem weiteren Kapitel konfrontiert: "Mackenroth-These", heißt es. Und man erfährt nun in diesem, daß Gerhard Mackenroth im Jahr 1952 vor dem berühmten "Verein für Socialpolitik", der unter anderem durch Max Weber geschichtlich so bekannt geworden ist, einen Vortrag gehalten hat. Der Titel: "Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan". (3) Und in diesem Vortrag ist ein - aus heutiger Sicht - geradezu revolutionärer Plan enthalten.

Gerhard Mackenroth starb schon drei Jahre später im Jahr 1955. (2, S. 257) Und einer seiner Schüler schrieb bei einem Wiederabdruck dieses Vortrages im Jahr 1957:

"Der Beitrag Mackenroths ist bemerkenswert eigenständig, es sind in ihn viele auch sehr persönliche Anliegen und Erwarungen eingegangen, was der Herausgeber aus jahrelanger sehr enger Mitarbeit feststellen kann." (4, S. 40, Anmerkung)

Und im Vorwort dieser Herausgabe von 1957 heißt es:

"Unser letzter Dank gilt einem Toten, dem verehrten Kieler Kollegen Gerhard Mackenroth. In seinen letzten Lebensjahren war er rastlos um eine sachliche Erläuterung zur Bewältigung der dringlichen sozialpolitischen Aufgaben in unserem Staat bemüht. Wir hoffen, mit der Herausgabe dieses Bandes dem gleichen Anliegen zu dienen." (4, S. X)

Die Beschäftigung mit diesem Vortrag nun läßt einen auf viele Gedanken kommen. Es scheint geradezu so, als ob wir im Jahr 2007 im Rückblick auf die Nachkriegsgeschichte seit 1945 beginnen, die Prioritäten ganz neu zu setzen. Wir sehen plötzlich, so scheint es, wo die wirklich vorausschauenden Denker waren - und wo nur politische Denker zweiten Ranges besonders viel Wind gemacht haben. So weiß heute "jedes Kind" etwas von der "Frankfurter Schule" und ihrem "Institut für Sozialforschung", einem Institut, das schon vom Titel eigentlich sehr ähnliche Themenfelder besetzt zu haben scheint, wie die Forschungen Mackenroth's. Aber waren es denn nun wirklich diese Leute, die zu ihrer Zeit die weiterführendsten Gedanken vertraten?

Eine grundlegende Weichenstellung in der deutschen Nachkriegsgeschichte

Die "Vordenker von 1968" belebten eine Art von "klassenkämpferischem Denken" wieder, so drängt sich ein unmittelbarer Eindruck während der Beschäftigung mit dieser "Mackenroth-These" auf, das vielleicht exakt von jenem Gerhard Mackenroth schon im Jahr 1952 theoretisch vollständig überwunden gewesen war. Da taucht dann plötzlich die Frage auf, wie ein Frankfurter "Institut für Sozialforschung" Jahre lang mit so veralteten Konzepten von Klassenkampf Wirbel machen konnte, während die eigentlich weiterführenden Konzepte, Konzepte, die noch heute als geradezu revolutionär, umwälzend empfunden werden können, schon im Jahr 1952 in ganz nüchterner und klarer Sprache hatten vorgetragen werden können, ohne bisher jemals wirklich geschichtlich wirksam zu werden.

Aber dann kommt auch schon die nächste Überraschung: Wer war verantwortlich dafür, daß die Konzepte Mackenroths bis heute nicht geschichtlich wirksam geworden sind? - So ziemlich der erz-konservativste deutsche Politiker, den die Nachkriegszeit kannte: - - - Konrad Adenauer. Und die nächste Überraschung: Das Wort Adenauers, das heute in aller Munde ist, und das - heute! - als Zeichen für die mangelnde Sensibilität eines greisen Politikers für die Erfordernisse einer Gesellschaft nach dem "demogaphischen Übergang" gilt - jenes

"Kinder kriegen die Leute immer"

- dieses Wort war nicht nur so ein irgendwann einmal in einer fröhlichen Minute dahingesprochenes Wort, wie zumindest bislang immer der Eindruck erweckt worden war für Interessierte, die ganz oberflächlich etwas über diese Themen lasen (also für solche Leute wie den Autor dieser Zeilen). Nein, es diente zur Begründung einer ganz grundlegenden Weichenstellung in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Und zwar, so möchte man sagen, eine Weichenstellung gegen die Vorstellungen eines der vielleicht bedeutendsten Sozialreformer der deutschen Geschichte. Und sein Name: Gerhard Mackenroth.

Und seine Ideen? - Nächster Beitrag!


_________________

*) Ergänzung 4.5.2012: Schon im Jahr 2009 ist von dem Mackenroth-Forscher Patrick Henßler ein Folgeaufsatz zur geschichtlichen Einordnung von Gerhard Mackenroth erschienen (6). Erst heute kommt er einem in die Hände. (- Von etwaigen Blogkommentatoren wird man ja auf so etwas nicht hingewiesen!) Und hier schreibt Henßler nun:

Grundlegend für das gesamte Forschungsvorhaben (zu Gerhard Mackenroth und Umfeld) war die Hypothese, daß die historisch-soziologische Bevölkerungsweise (sic! gemeint wohl: Bevölkerungswissenschaft) immun gewesen sei gegen Biologismus, Rassismus und Naturalismus bzw. daß durch ihre einschlägige Genese eine epistemologische Barriere existiert habe, die das Eindringen oder die Adaption dieser konkurrierenden Konzepte im Umgang mit der Bevölkerungsthematik dauerhaft verhindert habe.

Aber: Gerhard Mackenroth war keineswegs "immun" gegen Interdisziplinarität. Das Fazit lautet vielmehr:

Gerhard Mackenroth war in seinem wissenschaftlichen Arbeiten keineswegs aufgrund seines wissenschaftstheoretischen Fundamentes immun gegen eugenische, biologistische und darwinistische Konzepte und Theorien. Das Rassenparadigma sowie rassen- bzw. sozialhygienische Vorstellungen sind Bestandteil seines wissenschaftlichen Weltbildes. Diese Feststellung ist für die Jahre vor 1933, zwischen 1933 und 1945 sowie nach 1945 gleichermaßen zutreffend.

Das weiß zwar jeder, der Gerhard Mackenroth's 1953 erschienene "klassische" "Bevölkerungslehre" genau liest. Nun wissen es aber auch jene, die das nicht so genau tun. 

____________________

  1. Mackenroth, Gerhard: Bevölkerungslehre. Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin u.a. 1953
  2. Henßler, Patrick: Bevölkerungswissenschaft im Werden - Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007
  3. Mackenroth, Gerhard: Die Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Neue Folge Band 4, Berlin 1952, S. 39-48, 56-59.
    Gekürzter Wiederabdruck in: 4., S. 43-74
  4. Böttcher, Erik (Hg.): Sozialpolitik und Sozialreform. Ein einführendes Lehr- und Handbuch der Sozialpolitik. J.C.B. Mohr, Tübingen 1957
  5. Chaunu, Pierre: Die verhütete Zukunft. Seewald Verlag, Stuttgart 1981
  6. Henßler, Patrick: Abgrenzung, Anbiederung oder Überzeugung? Gerhard Mackenroth und die NS-Rassen- und Bevölkerungspolitik. In: R. Mackensen; J. Reulecke; J. Ehmer (Hg.): Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts "Bevölkerung" vor, im und nach dem "Dritten Reich". Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2009, S. 141-160  
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