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Dienstag, 30. Juni 2020

Die Ursprungsvölker Europas

Während und nach der letzten Phase der Eiszeit
- Ein Überblick

Bei den sogenannten "archäogenetischen Linien" (Wiki), die bis heute bekannt und erforscht sind, handelt es sich um "Völkergruppen" von Jäger-Sammler-Völkern, die vor dem jeweiligen regionalen Übergang zum Ackerbau große Territorien vergleichsweise dünn besiedelt haben (s.a. Wiki). Aus ihnen sind - zu unterschiedlichen genetischen Anteilen - die nachfolgenden Völkergruppen der frühen europäischen, neolithischen Bauernkulturen und der ersten Staaten Europas hervorgegangen.

Abb. 1: Illustration aus dem Roman "Rulaman" von 1878

Als erstes Ursprungsvolk sind zu nennen die Jäger und Sammler, bzw. ersten Bauern des Levanteraumes, die sogenannten "Natufier" (Erntevölker mit dörflicher Halbseßhaftigkeit in Rundhäusern, sowie auch schon mit Hausmaus) (Abb. 2). Von Seiten der Archäogenetik werden sie auch die levantinische Herkunftsgruppe genannt. Diese sind erstmals in der Menschheitsgeschichte zum Vollneolithikum übergegangen und haben einen großen Teil der heute in Europa verbreiteten Pflanzen- und Tierarten domestiziert.*) Dies geschah an den Oberläufen von Euphrat und Tigris in der Südtürkei, im Kernraum des sogenannten "Fruchtbaren Halbmonds". /20.11.25:/ Viele Hinweise deuten darauf hin, daß die semitische Sprachgruppe in ihnen ihren Ursprung hatte (Stg2020).

Von diesen haben dann die ("zentral"-)anatolischen Jäger und Sammler ab 7000 v. Ztr. den Ackerbau übernommen und wurden so zum Ursprungsvolk der großen Völkergruppe der anatolisch-neolithischen Bauernvölker (Wiki), die sich in den nachfolgenden Jahrtausenden bis auf die britischen Inseln und bis nach Skandinavien ausgebreitet hat. Zu ihnen gehörte beispielsweise auch der berühmte Ötzi (Wiki) aus der Zeit um 3.300 v. Ztr., aus der Zeit der letzten Phase der von diesen Völkern getragenen mittelneolithischen Geschichtsepoche mit den ersten Staaten und ersten Städten Europas. In Südeuropa, im Mittelmeerraum und bis nach Indien tragen Menschen in unterschiedlichen Anteilen Genetik dieser Völkergruppe in sich. Die heutigen Sarden auf Sardinien können am meisten genetische Herkunft auf diese Herkunftsguppe zurückführen (etwa 60 %).

Zu den europäischen Ursprungsvölkern gehören sodann die Jäger und Sammler des Magdalenien, benannt als "Goyet-Cluster" (Wiki), nämlich nach Menschenfunden in einer gleichnamigen Höhle in Belgien (!). Diese Herkunftsgruppe hat ursprünglich einmal die Eiszeitkultur des Magdalenien (18.000 bis 12.000 v. Ztr.) (Wiki) in Frankreich und Spanien getragen (1). Sie ist heute weitgehend ausgestorben, war aber bis nach Süddeutschland, Nordostfrankreich und Belgien verbreitet und hat sich daselbst schon während des Magdalenien auch mit den westeuropäischen Jägern und Sammlern (siehe gleich) vermischt. Die Einzelheiten dieser Vorgänge - insbesondere während der Eiszeit - sind von der Forschung wohl in den nächsten Jahren noch zu klären. Nach einem Menschenfund aus Nordostfrankreich um 5.100 v. Ztr. haben sich Menschen dieser Herkunftsgruppe aber auch noch mit den zugewanderten anatolisch-neolithischen Bandkeramikern vermischt (1).

Aktualisierung 16.4.2022: In einer ganz neuen archäogenetischen Studie wird aufgezeigt, daß die Herkunftsgruppe des Goyet-Clusters bis Sizilien verbreitet war und sich dort auch bis ins Spätmesolithikum gehalten hat (8). Es werden außerdem genetische Unterschiede zwischen früh- und spätmesolithische Jäger-Sammler-Gruppen auf Sizilien gefunden, also zwischen Jägern und Sammlern, die 10.000 v. Ztr. dort lebten und solchen, die um 7.000 v. Ztr. dort lebten (8):

Die unterschiedliche (genetische) Nähe der früh- und der spätmesolithischen westeurasischen Jäger-Sammler auf Sizilien könnte sich erklären lassen durch die verbleibende (mit der Magdalenien-Kultur in Verbindung stehende) GoyetQ2-ähnliche Herkunft in den frühmesolithischen Jägern und Sammler auf Sizilien oder alternativ durch kleinere Anteile von osteuropäischer Jäger-Sammler-Genetik in den spätmesolithischen Jägern und Sammlern auf Sizilien oder durch beides. (...) Wir konnten zeigen, daß die sizilischen frühmesolithischen Jäger und Sammler - verglichen mit dem Jäger und Sammler von Villabruna in Norditalien aus der Zeit um 12.000 v. Ztr., der mit der Kultur des Epigravettien in Verbindung steht - eine höhere genetische Nähe zu iberischen Jägern und Sammlern aufweisen, die mit den Kulturen des Magdalenien und des Azilien in Verbindung stehen, so wie die Menschenfunde von El Mirón und von Balma Guilanyà,
The difference in affinity to West-Eurasian HGs between Sicily EM and LM HGs could be explained by residual, (Magdalenian-associated) GoyetQ2-like ancestry present Sicily EM HGs, or alternatively, by the small proportion of Eastern Hunter-gatherer (EHG)-related ancestry in Sicily LM HGs, or by both. (...) We showed that compared to the ~14,000 yBP Epigravettian-associated HG Villabruna in northern Italy, the Sicily EM HGs have a higher genetic affinity to Iberian HGs associated with the Magdalenian and Azilian, such as El Mirón and Balma Guilanyà.

Die frühmesolithischen sizilianischen Jäger und Sammler werden als Schwester-Gruppe des Villabruna-Clusters charakterisiert. Sie haben sich also womöglich über viele Jahrtausende hin getrennt entwickelt. Das Villabruna-Cluster scheint also eher eine ursprüngliche "Sonderentwicklung" in Europa dargestellt zu haben, die sich dann auf Kosten des älteren Goyet-Clusters ausgebreitet hat. 

Außerdem besteht die Möglichkeit, daß die Genetik der spätmesolithischen Jäger und Sammler auf Sizilien durch 20 % hinzugekommene osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik erklärt werden könnte, was man als einigermaßen überraschend empfinden darf. Dazu könnte die Population auf Sizilien auch einen genetischen Flaschenhals durchlaufen haben, so die Forscher (8). Außerdem vermuten sie, daß die osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik sich auf dem Balkan gehalten hat und sich von dort aus nach Sizilien verbreitet hat. Auf dem Balkan fänden sich überhaupt die ältesten Individuen mit osteuropäischer Jäger-Sammler-Genetik. Womöglich stellt auch dies ein "Refugium" während der Eiszeit dar. Ja, mehr noch (8):

Seit Beginn des Frühen Holozäns um 9.700 v. Ztr.  kann eine Mischung aus osteuropäischen Jägern und Sammlern und anatolischen Jägern und Sammlern gefunden werden unter den Jägern und Sammlern von Skandinavien, dem Ostseeraum, der Ukraine und dem Balkan. Dies unterstreicht frühere Studien über eine langewährende Interaktionssphäre von Jägern und Sammlern mit osteuropäischer und anatolischer Jäger-Sammler-Herkunft vom nördlichen und östlichen Europa bis zum Nahen Osten und bis zum Kaukasus. Diese Population könnte bis Sizilien expandiert sein in Verlauf mit einer Westverschiebung des (archäologisch erkennbaren) Klingen-und-Trapez-Horizonts nach dem mittleren und südlichen Europa, das nach der klimatischen Anomalie um 7.300 v. Ztr. begonnen haben könnte.
From the start of the Early Holocene, ~11,700 yBP onwards, an EHG/Anatolia HG (AHG) mixture can be found among HGs from Scandinavia, the Baltic, Ukraine and the Balkans (Figure S6) (van de Loosdrecht, 2021). This underlines previous reports for a long-standing interaction sphere of HGs with EHG and AHG-related ancestry from northern and eastern Europe towards the Near East and the Caucasus (Feldman et al., 2019; Fu et al., 2016; Mathieson et al., 2018). This population may well have expanded into Sicily in the course of the westward shift of the blade-and-trapeze horizon into central and southern Europe, which seems to have begun after the climatic anomaly around 9,300 yBP (Gronenborn, 2017; van de Loosdrecht, 2021).

Von "südosteuropäischen Jägern und Sammlern" hatten wir auch schon in einem Beitrag vom November 2020 geschrieben (Stgen20). Immer deutlicher schält sich heraus, wie viel Dynamik und "Völkerbewegung" es auch schon im Mesolithikum in Europa gegeben hat und wie viel Dynamik auch noch im Verstehen der Geschichte dieser Herkunftsgruppen begründet ist. Mit Ankunft der anatolischen Bauern auf Sizilien kam es - wie auch sonst im östlichen Mittelmeerraum und in Mitteleuropa - zu einem fast vollständigen genetischen Austausch, also einem genetischen Erlöschen der bisherigen Jäger-Sammler-Herkunft. Erst im Mittelneolithikum gab es wieder mehr Jäger-Sammler-Herkunft auf Sizilien, die aber nicht zwangsläufig einheimischer Herkunft gewesen sein muß (8). [Ende der Aktualisierung.]

Abb. 2: Verbreitung der Ursprungsvölker Europas aus Sicht der Archäologie: Mittelmeer-Kulturen ("anatolische Jäger und Sammler"), Kulturen der Mittleren Donau (vermutlich "osteuropäische Jäger und Sammler"), Trialetien ("kaukasische Jäger und Sammler", Zarzian (iranische Jäger und Sammler), sowie Natufium (levantinische Jäger und Sammler) (Wiki)

Die westeuropäischen Jäger und Sammler (Wiki) sind jedenfalls fast das wichtigste europäische Ursprungsvolk. Auch aus Sicht der Archäologie weiß man über sie vergleichsweise viel, deshalb haben wir hier auf dem Blog schon einen sehr ausführlichen Blogartikel über die lange Geschichte dieser faszinierenden Herkunftsgruppe eingestellt (Stg20). Es handelt sich um dunkelhäutige, blauäugige Menschen, die sich nach der Eiszeit von Norditalien ("Villanova-Cluster") bis auf die britischen Inseln ("Cheddar-Man" [Wiki]) und bis nach Skandinavien ausgebreitet haben. Die westeuropäischen Jäger und Sammler haben einen nicht unbeträchtlichen genetischen Einfluß auf die Völker des Neolithikums Europas genommen (meistens 10 bis 30 % genetische Anteile), meistens auffälliger Weise über die männliche Linie. Diese Völkergruppe hat in Rückzugsräumen auch noch lange parallel zu umgebenden Bauernvölkern gelebt. Es hat mit den Bauernvölkern etwa von Mittelpommern aus auf Fischerbooten Handel über die Flüsse Oder und Weichsel getrieben. In Skandinavien (z.B. auf der Insel Gotland) befand sich einer ihrer letzten Rückzugsräume während der Frühbronzezeit. Es handelte sich hierbei um die Kultur der Grübchenkeramik (Wiki). Nach 2.300 v. Ztr. ist diese Völkergruppe kulturell und genetisch ausgestorben. Wir heutigen Europäer tragen allerdings noch einige wenige genetische Anteile von ihr in uns. Ehre ihrem Angedenken! Sie waren tapfere Seeleute, tapfere Fischer und Krieger. Sie haben viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende friedlich im Austausch mit den umliegenden Bauernvölker gelebt (in den Höhenlagen der deutschen Mittelgebirge, sowie z.B. im Umkreis der Blätterhöhle in Westfalen, am Schweriner See, in Mittelpommern ...), aber sie haben sich - wenn es notwendig war - auch tapfer und erfolgreich gegen diese Bauernvölker gewehrt und wurden dann - gerne auch einmal - von ihnen als Gefangene blutig geopfert. Sie trugen in unterschiedlichen genetischen Anteilen zu den Völkern des Mittelneolithikums bei.

In dem schon 1878 erschienenen, noch heute lesenswerten historischen Roman "Rulaman" (von David Friedrich Weinland) (Wiki) ist dieser Völkergruppe ein Andenken gegeben worden, das noch einige Gültigkeit für sich beanspruchen darf (Abb. 1). Der Roman schildert auch das erste Zusammentreffen der dunkelhäutigen Einheimischen, die in den Höhlen der Schwäbischen Alp lebten, mit den hellhäutigen Bauern, die aus dem Süden her zuwanderten. Er hat damit intuitiv ein Geschehen vorweg genommen, das sich - nach heutigem Kenntnisstand - genau so ab etwa 5.500 v. Ztr. in Höhlen in der Schwäbischen Alp abgespielt haben kann und in nachfolgenden Jahrhunderten und Jahrtausenden immer und immer wieder bis hoch auf die britischen Inseln und bis hoch nach Skandinavien.

Zu den Ursprungsvölkern Europas gehörten weiterhin die hellhäutigen, osteuropäischen Jäger und Sammler (Wiki). Ihr Verbreitungsraum reichte von Sibirien bis nach Ungarn und bis in den Ostseeraum. Schon um 15.000 v. Ztr. haben Angehörige dieser Völkergruppe am Jennisei in Sibirien blonde Haarfarbe aufgewiesen. Sie sind zu nicht geringen genetischen Anteilen unsere Vorfahren. Vermutlich stammen alle blonden Menschen weltweit von ihnen ab.

Weiterhin gehören zu den Ursprungsvölkern Europas die kaukasischen Jäger und Sammler (Wiki). Sie finden sich wieder in der archäologischen Kultur des Trialetien (Wiki). Sie lebten vor allem von der Jagd auf Steinböcke, Wildschweine und Braunbären. Nach den neuesten Untersuchungen zur Domestizierung der Ziege haben gleich fünf der Ursprungsvölker Europas je ihre eigenen Ziegen domestiziert (2, 3). Ursprungspopulationen domestizierter Ziegen sind nachgewiesen sowohl für das westliche Zagros-Gebirge, für die Südhänge des Kaukasus, sowie für die Nordhänge des Kaukasus. Andere Ursprungspopulationen befinden sich außerdem im Levanteraum, in Südanatolien und auf der griechischen Halbinsel. Offenbar haben die Archäogenetiker einen vergleichbaren Unterschied in der Genetik der Menschen des Kaukasus mit denen des Iran bislang nicht gefunden. Aus genetischer Sicht scheint die Völkergruppe der kaukasischen Jäger und Sammler diejenigen des Iran (Zagros-Gebirge) und diejenigen am kaspischen Meer mit einzuschließen. So der derzeitige Forschungsstand.

Die skandinavischen Jäger und Sammler (Wiki) werden von den Archäogenetikern als eine Mischung zwischen westeuropäischen Jägern und Sammlern, die zuerst die Südküste der Ostsee besiedelt haben, und osteuropäischen Jägern und Sammlern, die zuerst die Nordküste der Ostsee besiedelt haben, beschrieben. 2017 behandelte eine entsprechende archäogenetische Studie die genetische Geschichte der Maglemose- (Wiki), der Kongemose- (Wiki) und der aus ihr folgenden Ertebolle-Kultur (Wiki) im Nord- und Ostseeraum zwischen dem heutigen England und Finnland und kam auf die genannten Ergebnisse (4). Und sie kamen zugleich zu dem Ergebnis, daß diese Völker genetisch heute als ausgestorben zu gelten haben.

Schließlich ist ab 4.800 v. Ztr. an der Mittleren Wolga das dort entstandene Volk der "Steppenhirten" (Wiki) zu nennen, bzw. der Indogermanen, die aus der Chwalynsk-Kultur hervorgegangen sind und die zu 43 % kaukasische Jäger-Sammler-Genetik in sich trugen und zu 57 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik. Aus diesem Volk ging im Verlauf des Spätneolithikums und der nachfolgenden Geschichtsepochen eine ganz neue, riesige Völkergruppe hervor, deren Völker sich über ganz Asien, Europa und zum Teil über den Vorderen Orient ausbreiteten, und von der viele, weltgeschichtlich große Völker schon am Ende der Spätantike wieder untergegangen sind (antike Griechen, antike Römer, antike Perser, antike Sogder, antike Tocharer, Skythen und viele andere mehr). Bei ihr handelt es sich um jene Völkergruppe, auf die die heutigen Europäer zu größten Teilen ihre genetische Herkunft zurückführen können.

22.1.22: Noch einmal schön auf den Punkt gebracht wird der Kenntnisstand in diesem Zitat (5):

Vor der Ankunft der ersten Bauern aus dem Nahen Osten lebten im vorneolithischen Europa Jäger und Sammler. Es gab große Vielfalt unter den Jägern und Sammlern mit vier Hauptgruppen: westeuropäische Jäger und Sammler standen in Beziehung zum Villabruna-Cluster in Mitteleuropa, osteuropäische Jäger und Sammler in Rußland und der Ukraine standen in Beziehung zu der jungpaläolithischen Vorfahren-Gruppe "Nördliche Eurasier" ("Ancestral North Eurasians"), kaukasische Jäger und Sammler von Georgien stehen in Verbindung mit den ersten Bauern des Iran und das (spanische) GoyetQ2-Cluster steht in Verbindung zur Magdalenien-Kultur in Spanien und Portugal.
Pre-Neolithic Europe was inhabited by hunter-gatherers until the arrival of the first farmers from the Near East. There was large diversity among hunter-gatherers with four main groups - western hunter-gatherers (WHG) that were related to the Villabruna cluster in central Europe, eastern hunter-gatherers (EHG) from Russia and Ukraine related to the Upper Paleolithic group of Ancestral North Eurasians (ANE) ancestry, Caucasus hunter-gatherers (CHG) from Georgia associated to the first farmers from Iran, and the GoyetQ2-cluster associated to the Magdalenian culture in Spain and Portugal.

Welche heutigen Eigenschaften trugen welche Völkergruppen bei?

Ergänzung 14.2.2022: Eine estnische genetische Studie des Jahres 2022 sagt (6):

Der Herkunftsanteil der westeuropäischen Jäger und Sammler ist in heutigen Menschen verbunden mit niedrigem Cholesterolspiegel, hohem Bodymass-Index und trägt vermutlich zur braunen Haar- und hellen Augenfarbe in der heutigen estischen Bevölkerung bei. (...) Genorte, die zu diesen Merkmalen beitragen, scheinen bei den Esten aber auch der Selektion unterworfen gewesen zu sein. Andere von dieser Herkunft herstammende Genmerkmale schließen geringeren Hüftumfang ein und die Neigung zu verstärktem Koffein-Verbrauch, sowie zu höherer Herzschlag-Rate.
WHG ancestry in present day individuals is linked to lower cholesterol levels, higher BMI, and putatively contributed brown hair and light eye color to the contemporary Estonian population. This last association has been previously described based on the HERC/OCA2 haplotypes found in ancient WHG samples. In addition, loci associated with these features also appear to have undergone selection in Estonians. Other region-specific associations for this ancestry include decreased hip circumference and increased caffeine consumption and heart rate.
Ein hoher BMI ist mit der Neigung zu Übergewichtigkeit verbunden. Diese große Völkergruppe lebt also genetisch in einigen Eigenschaften in uns fort. Ebenso die anatolisch-neolithische Völkergruppe (6):
... verbunden mit reduziertem Bodymass-Index, hellen (aber nicht grünen) Augen und hellem Haar, späterem Menarche-Alter und verlangsamter Herzschlag-Rate.
Anatolia_N enrichment in trait-related genomic regions is connected with a reduced BMI-corrected waist-to-hip ratio, reduced BMI, light (but not green) eyes and fair hair, increased age at menarche, and reduced heart rate. Notably, covA(i,Anatolia_N) has a substantial weight only in IC2, the single IC that reaches significance when predicting heart rate, suggesting a prominent role for this ancestry in determining this trait.

In der Tat werden in Figurinen der Bandkeramiker die Menschen oft recht schlank und hager dargestellt. Andererseits kann das noch nicht die ganze Wahrheit sein, denn es gibt ja auch die übergewichtigen weiblichen Figurinen aus dieser Völkergruppe. Über die indogermanische Jamanaja-Herkunftsgruppe heißt es (6):

Yamnaja-Herkunft ist verbunden mit starkem Körperbau, mit großer Körperlänge und erweiterten Hüft- und Taille-Umfängen (...) aber ebenso zu schwarzem Haar und hohem Cholestrol-Spiegel.
An enriched Yamnaya ancestry is linked to a strong build, with tall stature (in agreement with previous studies) and increased hip and waist circumferences, both at genome-wide and region-specific levels, but also to black hairs and high-cholesterol concentrations when focusing on candidate regions. The associations of Yamnaya and WHG ancestries to respectively higher and lower cholesterol levels, together with the observed signatures of selection at loci connected to cholesterol and BMI, add a new component to our understanding of post-neolithic dietary adaptation with potential implications to disease risk and outcomes in present-day populations.

... Und in Asien?

Ergänzung 2.4.22: Östlich des Ural, also außerhalb Europas, schält sich immer deutlicher das Ursprungsvolk der westsibirischen Jäger und Sammler (Wiki) heraus. Diese waren im Süden verbreitet bis in den Ost-Iran, traditionell Turan-Region genannt (Stgen2018). Sie war verbreitet bis an den Süd- und Ostrand der Taklamakan. Im Osten war sie - womöglich - verbreitet bis zum Baikal-See. Zumindest lebte am Baikalsee eine diesem Ursprungsvolk sehr nah verwandte Vorfahrengruppe. Diese Herkunftsgruppe trug maßgeblich zur Entstehung 

  1. der Botai-Kultur in Nordkasachstan bei, ebenso wie zur Entstehung 
  2. der Marghiana-Kultur in Tadschikistan wie zur 
  3. Chermurchek-Kultur zwischen Tianshan- und Altai-Gebirge. Sie trug auch zur Entstehung 
  4. der Altai-Skythen bei.

Womöglich - womögich! - kam diese Vorfahrengruppe - anteilig - mit den Turkvölkern bis nach Anatolien. Im einzelnen ist dazu zu sagen:

  1. Die Botai-Kultur entstand durch Vermischung mit osteuropäischen Jägern und Sammlern.
  2. Die Marghiana-Kultur entstand durch Vermischung mit iranisch-neolithischen Bauern (in die sich schon ein anatolischer Herkunftsanteil eingemischt hatte), ebenso 
  3. die Chermurchek-Kultur. 
  4. Die Altai-Skythen entstanden durch Vermischung mit Indogermanen der zweiten indogermanischen Ostwanderung (Andronowo-Kultur).

Zu den Ursprungsvölkern Europas (Stgen2020) schält sich damit ein weit verbreitetes Ursprungsvolk im westlichen Asien heraus. Allerdings ist dieses Ursprungsvolk der westsibirischen Jäger und Sammler in seiner Entstehung, Abgrenzung von anderen Ursprungsvölkern, sowie seinen nachfolgenden Schicksalen noch nicht so sicher und zuverlässig verstanden wie das für die Ursprungsvölker Europas heute schon gelten kann.

Abb. 3: Der Entstehung und Verbreitung der hellen Augen-, Haar- und Hautfarbe Nordeuropas, zusammengestellt von Hanel und Carlberg (Wiki) (aus: 7)

 

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*) "Desperate times forced rise of farming." (NewScientist1994) - "Notzeiten (Hungerzeiten) waren (vermutlich) der Antrieb zum Übergang zum Ackerbau".
**) Zitat (1):
Die Beobachtung, daß diese Herkunft von GoyetQ2 in Jägern und Sammlern gemeinsam mit Villabruna-Herkunft gefunden wurde Les Perrats im westlichen Frankreich (∼9,100 calB.P.), ebenso wie in Jägern und Sammlern in Rigney1 (zentralöstliches Frankreich; ∼15,500 calB.P.) und in zwei Höhlen im südwestlichen Deutschland, Hohlefels (∼15,000 calB.P.) und Burkhardtshöhle (∼14,600 calB.P.), legt eher nahe, daß diese gemischte Herkunft ein Charakteristikum der westeuropäischen Jäger und Sammler gewesen ist.
Original: The observation that the ancestry of GoyetQ2 was found alongside Villabruna ancestry in HGs from Les Perrats in western France (∼9,100 calB.P.), as well as in HGs from Rigney1 (central-eastern France; ∼15,500 calB.P.) and from two caves in southwestern Germany, Hohlefels (∼15,000 calB.P.) and Burkhardtshöhle (∼14,600 calB.P.), rather indicates that this mixed ancestry is characteristic of western European HGs.
Man wird gespannt sein dürfen, nach welcher Richtung hin sich die hier andeutenden Forschungsergebnisse künftig noch klären werden.
___________
  1. Ancient genomes from present-day France unveil 7,000 years of its demographic history. May 2020, Proceedings of the National Academy of Sciences 117(23):201918034, DOI: 10.1073/pnas.1918034117, veröffentlicht 26.5.2020, Samantha Brunel, Andrew Bennett, Laurent Cardin ... Melanie Pruvost, https://www.pnas.org/content/117/23/12791.abstract?etoc
  2. Kevin G. Daly et. al.: Ancient goat genomes reveal mosaic domestication in the Fertile Crescent. Science 06 Jul 2018: Vol. 361, Issue 6397, pp. 85-88, DOI: 10.1126/science.aas9411 http://science.sciencemag.org/content/361/6397/85.full.
  3. https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/04/das-volk-der-cardial-keramik-es-stammt.html
  4. Torsten Günther, Helena Malmström, Emma Svensson, (...) Jan Storå, Anders Götherström, Mattias Jakobsson: Genomics of Mesolithic Scandinavia reveal colonization routes and high-latitude adaptation. doi: https://doi.org/10.1101/164400, Preprint 30.7.2017, https://www.biorxiv.org/content/early/2017/07/30/164400, veröffentlicht 9.1.2018, https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.2003703
  5. Reconstructing the spatiotemporal patterns of admixture during the European Holocene using a novel genomic dating method Manjusha Chintalapati, Nick Patterson, Priya Moorjani bioRxiv 2022.01.18.476710; doi: https://doi.org/10.1101/2022.01.18.476710
  6. Marnetto, D., Pankratov, V., Mondal, M., Montinaro, F., Pärna, K., Vallini, L., ... & Estonian Biobank Research Team. (2022). Ancestral genomic contributions to complex traits in contemporary Europeans. Current Biology. (pdf)  
  7. Hanel, Andrea; Carlberg, Carsten. Skin colour and vitamin D: An update. Experimental Dermatology, 2020, 29. Jg., Nr. 9, S. 864-875, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/exd.14142
  8. Yu, H., van de Loosdrecht, M. S., Mannino, M. A., Talamo, S., Rohrlach, A. B., Childebayeva, A., Gronenborn, D. ... Haak, W. ... & Krause, J. (2022). Genomic and dietary discontinuities during the Mesolithic and Neolithic in Sicily. iScience, 104244, https://www.cell.com/iscience/fulltext/S2589-0042(22)00514-4.

Donnerstag, 4. Oktober 2018

Jäger und Sammler im Kaukasus - Ganz unterschiedliche Völker 22.000 und 9.000 v. Ztr.

Die Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler ist schon 30.000 Jahre alt

/Neue Einleitung 
und aktualisiert:
9.7.2019/ 

Wir leben in aufregenden Zeiten (3, 4). Schlag auf Schlag gewinnt die Ancient-DNA-Forschung alle paar Monate neue, umwälzende Erkenntnisse über die Entstehung und Geschichte der Völker und Rassen (= Völkergruppen) weltweit. Und dabei dann natürlich insbesondere auch Erkenntnisse über die der europäischen Völker (neueste: 5). Eine Abfolge von genetisch recht unterschiedlichen Rassen und Völkern vor allem innerhalb von Europa - aber auch in anderen Erdteilen, insbesondere dort, wo es Ackerbau und Hochkulturen gegeben hat - wird erkennbar. Eine Völkergruppe löste die andere ab, neue Völkergruppen bildeten sich, die dann genetisch zu unterschiedlichen Anteilen das Erbe vormaliger Völkergruppen in sich auf- und übernommen haben und in ganz neuer Form und unter neuen selektiven Regimen weiter getragen haben oder tragen.

Abb. 1: Die fünf großen Eiszeit-Völker Europas vor dem Neolithikum (nach David Reich "Who We Are and How We Got Here", 2018) (Herkunft: indo-european.eu)

Die selektiven Regime werden natürlich von der Kultur bestimmt, die das jeweilige Volk oder die jeweilige Völkergruppe ausgebildet hat, ein Prozeß, der von der Wissenschaft "Gen-Kultur-Koevolution" genannt wird, und über den wir bislang nur umrißhafte Kenntnisse erlangt haben, über den wir aber schon manches schlußfolgern und erahnen können.

In einer ganz neuen Preprint-Studie heißt es nun wiederum über völlig neue Details zu Themen, die hier auf dem Blog schon behandelt worden waren (1):

Das Volk der "letzten" westeuropäischen Jäger und Sammler ("Villabruna-Cluster") hat nach statistischen Modellen genetisch sowohl zu dem Volk der 30.000 Jahre alten Věstonice-Kultur wie zu dem Volk der 20.000 Jahre alten El Mirón-Kultur beigetragen. Und dies legt nahe, daß es dieses Volk schon lange irgendwo in vergleichsweise unvermischter Form gegeben haben muß vor jener Zeit von vor 14.000 Jahren, aus der wir es bislang als sicher existierend kennengelernt haben. Aber es ist unwahrscheinlich, daß das Villabruna-Volk in dieser Zeit Kontinental-Europa bewohnt hat, da es dort erst seit der Zeit vor 14.000 Jahren bezeugt ist, als es eine erhöhte genetische Verwandtschaft der europäischen Völkergruppe dieser Zeitstellung mit nahöstlichen Völkergruppen gab. Hat es also Migration gegeben von Kontinental-Europa nach dem Nahen Osten oder umgekehrt oder von einem geographisch in der Mitte gelegenen Eiszeit-Rückzugsraum in Südost-Europa, Anatolien oder im Umkreis des Schwarzen Meeres, das die Verwandtschaft der nacheiszeitlichen levantinischen und anatolischen Völkergruppen mit der europäischen Völkergruppe erklären kann?
The Villabruna cluster has been modeled as contributing to both the ~30kya Věstonice and ~20kya El Mirón-cluster populations suggesting that it must have existed somewhere in relatively unmixed form long before the oldest genetic data we have from it at ~14kya. However, it is unlikely that the Villabruna cluster sojourned in mainland Europe, as members of the cluster have been attested there only by ~14 kya, marking an increased affinity of these European populations of the time to Near Eastern ones. Was there migration at the time from mainland Europe to the Near East or vice versa, or, indeed from a geographically intermediate Ice Age refugium in southeast Europe, Anatolia, or the circum-Pontic (Black Sea) region that might explain the affinity of post-glacial Levantine and Anatolian populations to those of Europe.

Weiterhin wird ausgeführt (1):

Osteuropäische Jäger und Sammler (EHG), die vor 8.000 Jahren lebten, können modelliert werden als eine Mischung von westeuropäischen Jäger und Sammlern (WHG) mit sibirischen jungpaläolithischen (sprich eiszeitlichen) Jägern und Sammlern, die zuerst um 24.000 Jahre vor heute bekannt geworden sind (auch bezeichnet als "Ancient North Eurasians" (ANE)). Jäger und Sammler des Kaukasus (CHG) - wie sie in Georgien in der Satsurblia- und in der Kotias Klde-Höhle weniger als 50 km entfernt von der Dzudzuana-Höhle gefunden wurden, standen genetisch in der Mitte zwischen den osteuropäischen Jägern und Sammlern und den ersten Ackerbauern des Irans, die man im Zagros-Gebirge gefunden hat (Iran_N; 10.000 Jahre alt).
Eastern European hunter-gatherers (EHG) ~8kya can be modeled as a mixture of peoples of WHG  and Upper Paleolithic Siberians first known ~24kya (also known as ‘Ancient North Eurasians’ (ANE)). Caucasus hunter-gatherers (CHG) - sampled in Georgia in Satsurblia and Kotias Klde caves < 50 km from Dzudzuana - were genetically intermediate between EHG and the first agriculturalists of Iran sampled from the Zagros mountains (Iran_N; ~10kya).

Weiter ist zu erfahren (1):

Die nacheiszeitlichen Menschen des Nahen Ostens und Nordafrikas (sowohl Jäger und Sammler wie frühe Ackerbauern) unterscheiden sich genetisch sehr stark von allen europäischen und sibirischen Jägern und Sammlern.
Post-glacial Near Easterners and North Africans (PGNE) (CHG, Natufians, Taforalt, IberoMaurusians from North Africa, and early Neolithic farmers from Anatolia, Iran, the Levant, and the Maghreb) are strongly differentiated from all European and Siberian hunter-gatherers (ESHG).

Die frühen neolithischen Ackerbauern des Vorderen Orients und des Kaukaus waren genetisch also sehr weit von allen europäischen Jäger-Sammler-Völkern entfernt (so weit wie heute die Europäer von den Ostasiaten). Im Gegensatz dazu sind nun die zwei neue Menschenfunde aus der erwähnten Dzudzuana-Höhle in Georgien, mit deren historischer und verwandtschaftlicher Einordnung die neue Studie (1) befaßt ist, genetisch sowohl den zeitgleichen Menschen der Gravettien-Kultur nahe wie auch den anatolisch-neolithischen Bauern, die zwar erst sehr viel später in der Geschichte Bedeutsamkeit erlangt haben, denen sie aber genetisch am nächsten stehen.

Das weltgeschichtlich einflußreiche Volk, das nördlich und südlich des Kaukasus zum Ackerbau überging, stammte nicht aus dem Kaukasus

Ab 12.000 v. Ztr. wird das große Volk der westeuropäischen Jäger und Sammler in Norditalien mit Skelett-Funden erkennbar, das sogenannte "Villabruna-Cluster" (1, 2). Aber schon zuvor hatte es in Europa Eiszeitjäger-Völker gegeben, also jene, die die berühmten Höhlenmalereien in Frankreich hervorbrachten und die Elfenbeinschnitzereien von der Schwäbischen Alp ("Gravettien"), die von diesem Villabruna-Volk abstammten. Das Villabruna-Volk muß also, so schlußfolgern die Forscher unvermischt mindestens seit 30.000 vor heute existiert haben (1).

Diese westeuropäischen Jäger und Sammler lebten dann in Europa bis zur Ankunft der nordwest-anatolischen Ackerbauern ab 6.500 v. Ztr. (Mittelmeer, Balkan), bzw. 5.600 v. Ztr. (Mitteleuropa) recht fröhlich, wenn auch nur in sehr dünner Besiedlungsdichte. Das war also ein Volk, das mindestens 30.000 Jahre lang in Europa lebte. Sehr urtümliche Rituale fand man bei ihnen, die irgend etwas mit einem Kult mit dem Schädel von Verstorbenen zu tun hatten und auch mit dem Kult rund um Bärenschädel.

Soweit Europa.

Was für ein Volk lebte aber bis mindestens 22.000 v. Ztr. im südlichen Kaukasus? Die Gene von zwei Angehörigen der dortigen Bewohner zu jener Zeit, gefunden in der Höhle Dzudzuana in Georgien, wurden soeben sequenziert (1). Sie stellten sich heraus im Wesentlichen als Vorfahren der westanatolischen Jäger und Sammler, die in Anatolien um 7.000 v. Ztr. zum Ackerbau übergingen und nicht als Vorfahren jener kaukasischen Jäger und Sammler, die ab 7.500 v. Ztr. zur Ethnogenese der Bauernvölker nördlich und südlich des Kaukasus beitragen sollten.

Als ihre Nachfahren also in Anatolien zum Ackerbau übergingen, hatte sich in den südlichen Kaukasus längst ein anderes Volk ausgebreitet, nämlich die schon länger genetisch bekannten "kaukasischen Jäger und Sammler vor dem Neolithikum", die - wie oben schon ausgeführt - genetisch auf der Mitte lagen zwischen den osteuropäischen Jägern und Sammlern und den nachfolgenden iranischen Bauern. Das Volk jedoch, das im Zagros-Gebirge des Iran als erstes zum Ackerbau überging, hatte sich offenbar noch nicht mit den osteuropäischen Jägern und Sammlern vermischt so wie die Jäger und Sammler des Kaukasus. Mit der Zuwanderung jener bäuerlichen Völkergruppe des Iran, die oft und damit offensichtlich fälschlich "kaukasisch-neolithische" Völkergruppe genannt wird, und die besser iranisch-neolithische Völkergruppe genannt wird, dürften die Jäger und Sammler des Kaukasus verdrängt worden sein, die - wie gesagt - eine Mischung darstellten zwischen osteuropäischen Jägern und Sammlern und den Vorfahren dieser iranischen Bauern. Sehr komplexe Vorgänge!

Die Dzudzuana-Leute im Kaukasus weisen aber auch genetische Verwandtschaft zu den zeitgleichen europäischen Eiszeitjägern des Gravettien auf (1). Ein Ergebnis ist auch (1):

Unsere Ergebnisse zeigen auf, daß eine (vormals festgestellte) Nähe der neolithischen Anatolier zu den westeuropäischen Jägern und Sammlern nicht notwendigerweise irgendeine Einmischung in den Nahen Osten von Europa aus widerspiegeln muß, denn eine Bevölkerung, die dem anatolischen Neolithikum nahestand, existierte in Teilen des Nahen Ostens schon 26.000 Jahre vor heute.
"Thus, our results prove that the European affinity of Neolithic Anatolians does not necessarily reflect any admixture into the Near East from Europe, as an Anatolian Neolithic-like population already existed in parts of the Near East by ~26kya."

Es war ja erst wenige Monate zuvor von denselben Forschern nachgedacht worden, ob eine leichte europäische genetische Komponente in den ersten Ackerbauern Zentralanatoliens auf Vermischung mit Europäern zurückzuführen sein könnte. Aber diese genetische Komponente findet sich auch schon 26.000 v. Ztr. bei den Dzuzuana-Leuten im Kaukasus. Deshalb schreiben sie weiter (1):

"Vielmehr findet sich eine Abstammung, stark verwandt mit dem Villabruna-Cluster nicht nur im Gravettien und Magdalenien, sondern auch in der Population des Kaukasus vor 26.000 Jahren"
Original: "Rather, ancestry deeply related to the Villabruna cluster was present not only in Gravettian and Magdalenian-era Europeans but also in the populations of the Caucasus, by 136 ~26kya."



/ Zuerst auf Google+, 4.10.2018;
deutlich erweitert,
und inhaltlich tlw. korrigiert: 
9.7.2019 /

___________________________
  1. Paleolithic DNA from the Caucasus reveals core of West Eurasian ancestry. Autoren: Iosif Lazaridis, Anna Belfer-Cohen, Swapan Mallick, Nick Patterson, Olivia Cheronet, Nadin Rohland, Guy Bar-Oz, Ofer Bar-Yosef, Nino Jakeli, Eliso Kvavadze, David Lordkipanidze, Zinovi Matzkevich, Tengiz Meshveliani, Brendan J. Culleton, Douglas J. Kennett, Ron Pinhasi, David Reich. 21.9.2018, bioRxiv 423079; doi: https://doi.org/10.1101/423079, https://www.biorxiv.org/content/early/2018/09/20/423079
  2. https://en.wikipedia.org/wiki/Ripari_Villabruna 
  3. After On Podcast: Ancient DNA. Interview mit David Reich, 17.06.2019, https://youtu.be/LswA9_jz9G0
  4. David Reich: Who We Are and How We Got Here. Ed Mays, 20.12.2018, https://youtu.be/Ef4OlJwzxxE
  5. Ancient DNA Sheds Light on the Origins of the Biblical Philistines. Auf: Alton Parrish, 5.7.2019, https://youtu.be/k8TTvw3uXSE 

Samstag, 5. Mai 2012

Die lange "Vorbrennphase" der "Neolithischen Revolution"

Ein um zehntausend Jahre verlängerter Vorlauf des Neolithikums im Vorderen Orient

Das Wichtigste in Kürze: Um 18.000 v. Ztr. hat es in einer Oase 70 Kilometer östlich von Amman (am östlichsten Rand des bis heute bekannt gewordenen Verbreitungsgebietes der damaligen Kulturstufe des "Kebaran") eine halbseßhafte Siedlung von einer Größe gegeben, wie sie - nach heutigem Wissensstand - erst wieder ab 9.500 v. Ztr. mit der vollneolithischen Lebensweise erreicht worden ist (s. Wiki). Die halbseßhafte "Vorlaufphase" zur vollneolithischen Lebensweise, in der offenbar die neue Lebensweise in vielen tausenden von Jahren um evolutionäre Stabilität rang, dauerte somit nicht 3.000, sondern 13.000 Jahre.

Vor fünfzehn Jahren war die Erkenntnis spannend, daß die ersten Ackerbaukulturen nicht fünf-, sondern zehntausend Jahre alt sind. Bis in die 1980er Jahre hinein wurde dabei die "neolithische Revolution" von der Forschung auch als ein einmaliger großer gewaltiger Akt angesehen. Aber in den 1980er und 1990er Jahren breitete sich dann die Erkenntnis aus, nicht nur daß die Neolithische Revolution fünftausend Jahre vorher stattgefunden hat als bis dahin gedacht, sondern daß die neolithische Lebensweise der Menschheit dabei auch - sozusagen - wie eine dreistufige Rakete startete (4-6). Diese Erkenntnis wurde damals unter anderem recht anschaulich popularisiert durch den Wissenschaftsjournalisten Roger Lewin (Abb. 1).


Abb. 1: Neolithische Revolution - frühere und heutige Vorstellung (aus: Roger Lewin, 1992)

Diese drei Stufen hießen (und heißen noch heute) im Fachjargon: Kebaran --> Natufium --> PPNA / PPNB. Also: kleine umherziehende Jäger-Sammler-Verbände --> halbseßhafte Erntevölker --> Dorfkultur / Stadtkultur. Einen vielleicht ganz brauchbaren Forschungsüberblick habe ich dazu einmal 1995 in einer Seminararbeit gegeben (6). Diese Stufenabfolge ist auch noch einmal in Abbildung 2 differenzierter - zusammen mit den jeweiligen Siedlungsgrößen dargestellt.

Abb. 2: Die Kulturstufen der neolithischen Revolution (aus: T. Molleson, 1994, ergänzt durch I.B.)

Bis zum gegenwärtigen Jahr 2012 hatte man nun angenommen, daß diese "Rakete" zwar dreistufig gestartet sei, aber praktisch "aus dem Stand" losgeflogen wäre, daß die Menschen im Vorderen Orient bis zum Start jener "Rakete" um 12.000 v. Ztr. (14.000 v. h.) dort immer noch so gelebt hätten - vor allem mit ähnlicher Siedlungsdichte -, wie noch heute die Buschleute in Südafrika in der Kalahari.

Doch spätestens seit Anfang dieses Jahres wissen wir: die erste Stufe dieser Rakete "Neolithische Revolution" mußte sage und schreibe siebentausend Jahre länger brennen, als bislang bekannt, um jene ausreichende Beschleunigung zu erlangen, die schließlich dazu ausreichte, den weit entfernten Planeten "Dorfkultur"/Ackerbau zu erreichen (und von dort aus dann - über weitere Brennstufen - den noch viel weiter entfernten Planeten "industrielle Revolution", auf dem wir heute leben). Was also haben wir dieser dreistufigen Rakete alles zu verdanken! Was wäre passiert, wenn ihr zwischendurch der Brennstoff ausgegangen wäre? (Wenn wir nur diesen Brennstoff überhaupt schon kennen würden.) Aber wieviel mehr noch haben wir vielleicht nun ihrer vieltausendjährigen "Vorbrenn"-Zeit zu verdanken?!

Diese erste genannte Stufe "Natufium" hatte beinhaltet: Halbseßhaftigkeit aufgrund des Jagens großer Gazellenherden und des Erntens von wildem Getreide. Diese Kennzeichen galten als das menschheitsgeschichtlich Neue der Kulturstufe des Natufium (12.000-9.000 v. Ztr.) (Wiki). Jene Kulturstufe, in der in der heutigen Südtürkei auch das berühmte Bergheiligtum von Göbekli Tepe (11.000 v. Ztr.-8.000 v.Ztr.) (Wiki) entstanden ist. Seit Kurzem wissen wir nun: Auch das Entstehen dieses Bergheiligtums war der Endpunkt nicht eines vielleicht 2.000-tausendjährigen "Brennens" der Raketenstufe "Natufium", sondern der Endpunkt eines sieben- bis zehn-tausendjährigen "Brennens", nämlich mitsamt der Kulturstufe des vorausgehenden Kebaran (21.000-12.000 v. Ztr.) (Wiki) zusammen. Klar ist: die ersten Tempel entstanden, noch bevor die Siedlungs- und Lebensformen Stadt, Dorf oder Vollseßhaftigkeit überhaupt erreicht waren. Sprich: Die Rakete der Götter der Menschen beschleunigte noch früher, als die der Menschen selbst ... (- ... Und vielleicht war das ja schon ein Teil des Brennstoffes? ....)

Die dreistufige Rakete "Neolithische Revolution"

Jedoch: Von den Göttern der Menschen, die in den zehntausend Jahren Vorbrennzeit vor dem Natufium lebten, also in der ihm vorausgehenden Kulturstufe des Kebaran (21.000-12.000 v. Ztr.)(Wiki), wissen wir bis heute noch so gut wie nichts. Auffallenderweise. Wenn aber auch diese Kulturstufe schon gekennzeichnet sein sollte durch das Merkmal der Halbseßhaftigkeit, wie seit Anfang dieses Jahres bekannt (1), dann bekommt das Neolithikum einen (Brenn-)Vorlauf, der bis in die Zeit zurückreicht, in der in Europa die Renntierjäger der Eiszeit ihre kunstvollen Höhenmalereien und Elfenbeinfigurinen ausgestalteten.

Abb. 3: Verbreitungsgebiet der Kultur des Kebaran mit dem östlichen Außenposten Kharaneh IV

Schon vor zehn Jahren war an einer Ausgrabungsstätte am See Genezareth (Ohalo, engl., Arch.) eine 21.000 Jahre alte Siedlung gefunden worden (bdw 2001), die 2.000 Quadratmeter (0,2 Hektar) umfaßte. So ungewöhnlich sie erscheinen mußte, hatte sie doch bis heute noch als eine Art "merkwürdiger Einzelfall" gelten können. Doch in diesem Jahr wird eine etwa zeitgleiche Siedlung 70 Kilometer östlich von Amman in Jordanien (vgl. Abb. 1) bekannt, die sogar schon zehnmal so groß war wie jene Siedlung am See Genezareth, nämlich 21.000 Quadratmeter (2,1 Hektar) umfaßte. Ihr Name: "Kharaneh IV" (s.a. Wiki) (1):

Kharaneh IV is unparalleled in size and artifact density for the entire Epipalaeolithic, Natufian included.

"Natufian included" schreiben die Forscher! Was in diesen beiden Worten enthalten ist. Das heißt, für die Zeit seit 18.000 v. Ztr. hat es bis zum Beginn der vollneolithischen Lebensweise des PPNA ab etwa 9.500 v. Ztr. nach heutigem Kenntnisstand nie wieder eine so große Siedlung gegeben, wie am östlichsten Rand des derzeit bekannten Verbreitungsgebietes der Kultur des Kebaran um - - - 18.000 v. Ztr. (s. Abb. 2). Und das, obwohl das Natufium mehrere Jahrtausende umfaßte und archäologisch vergleichsweise gut erforscht ist. - Mußte etwa bei der Raketenzündung selbst mehr Energie aufgewendet werden, als im nachmaligen "Brennvorlauf"? Die Forscher schreiben (2):

Die letzte Phase des Epipaläolithikums, die dem Neolithikum unmittelbar voraus geht
(also das Natufium ab 12.000 v. Ztr.)
ist bei weitem die am besten erforschte was ihren kulturellen und wirtschaftlichen Beitrag betrifft zu Fragen des Ursprungs des Ackerbaus. Erst jüngst erkennen die Archäologen die früheren Phasen des Epipaläolithikums 
(also das Kebaran ab 20.000 v. Ztr.)
als kulturell dynamischer und der späteren Natufium-Phase ähnlicher als bislang gedacht. Das frühere Epipaläolithikum wird zunehmend erkannt als eine Phase, die jene Variabilität der Lebensweise und der Innovationen demonstrieren, die helfen, den wirtschaftlichen, technologischen und sozialen Wandel zu verstehen, der mit den komplexen Jäger-Sammlern des Natufium und der Bauern des Neolithikums verbunden ist.

Das heißt: Die achttausend Jahre Kulturstufe des Kebaran helfen uns, den Raketenaufbau und das Funktionieren der Rakete insgesamt besser zu verstehen. Es wird somit deutlicher, daß das Natufium und das Kebaran zusammen gesehen werden müssen, daß die erste Stufe der genannten Rakete nicht "Natufium" heißt, sondern "Natufium & Kebaran". Daß das Natufium womöglich nur die gesellschaftlich stabilisiertere "Endphase" des Kebaran darstellt. Es wird also inzwischen deutlich mehr die Kontinuität zwischen Kebaran und Natufium betont, als die Diskontinuität. Das Natufium, bzw. dann das nachfolgende PPNA mögen nur die endlich "stabil" gewordene Endphase dessen aufzeigen, was in 13-tausend Jahren zuvor noch größere Instabilität und Seltenheit aufgewiesen haben mag.

Die Rakete - Wie startete sie? Wie beschleunigte sie? ...

Abb. 2: Vereinzelte Gräber oder Menschenknochen

Diese herausragende Siedlung "Kharaneh IV" befindet sich in einer heutigen Steppen- bzw. Wüstenregion in der Nähe einer (vormaligen) Oase. Zur Zeit ihres Bestehens vor 20.000 Jahren war es dort (auf dem Höhepunkt der Eiszeit in Nordeuropa) deutlich feuchter. Somit verdichtet sich das Bild darüber, daß die halbseßhafte Vorläuferkultur im Vorderen Orient viel längere "Anlaufzeiten" zur Erreichung der Vollseßhaftigkeit genommen hatte, als man das bisher ahnen konnte. Es wird berichtet (Archäologie Online, Febr. 2012):

Das Areal wurde regelmäßig saisonal von einer großen Gruppe besiedelt und für rituelle Zwecke genutzt. Die Ergebnisse der Ausgrabungen von Kharaneh und von anderen gleichzeitigen Fundstellen wie Ohalo II am See Genezareth deuten immer stärker darauf hin, daß der Beginn von - zumindest saisonaler - Sesshaftigkeit und "dörflichen Strukturen" deutlich früher zu suchen ist als bisher allgemein angenommen.
Und in einem aus dem Englischen übersetzten Bericht (Astropage, 24.2.12):
Die Archäologen gruben hunderttausende von Steinwerkzeugen, Tierknochen und anderen Funden in Kharaneh IV aus, das sich heutzutage nur mehr als ein 3 Meter hoher Erdhügel über die Wüstenlandschaft erhebt. (...) Bis jetzt hat das Team zwei Hütten komplett ausgegraben, doch unter dem Wüstensand könnten sich noch einige mehr verbergen. "Sie sind nicht unbedingt groß. In der Länge messen sie maximal zwei bis drei Meter und sie wurden in den Boden gegraben. Wände und Dach waren aus Geäst, das verbrannt ist und einstürzte und dunkle Markierungen hinterließ", beschreibt Dr. Tobias Richter von der Universität Kopenhagen und einer der Co-Direktoren des Projekts. (...)
Obwohl ein Archäologenteam bereits 1989 bei Ausgrabungen in Ohalo II am Ufer des Sees Genezareth das mit 23.000 Jahren älteste hüttenartige Bauwerk gefunden hatte, glaubt das Team an der Grabungsstätte Kharaneh IV, daß ihre Entdeckung nicht weniger bedeutend ist, wie Dr. Maher erklärt: "Im Inneren der Hütten fanden wir Stapel von sorgfältig ausgebrannten, ausgehöhlten Gazellen-Hörnern, Klumpen von rotem Ocker-Farbstoff und einen Vorrat von hunderten, gelochten Meeresmuscheln. Diese Muschelperlen wurden über eine Strecke von mehr als 250 Kilometern vom Mittelmeer und dem Roten Meer an diesen Ort gebracht was beweist, daß die Menschen dort sehr gute regionale soziale Netzwerke hatten und Gegenstände über beträchtliche Entfernungen hinweg austauschten."
Wie noch Jahrtausende lang später während der Vollseßhaftigkeit (bis etwa 6.000 v. Ztr.) in dieser Region stellte wahrscheinlich die Jagd auf Gazellenherden die Hauptsubsistenzgrundlage dar:
Gazellen machen bis zu 90 % der Tierfunde in Khanareh IV aus und die Forscher glauben, daß jene Gazellen, die die Wasserlöcher im Talboden aufgesucht haben, der ursprüngliche Anziehungspunkt für die Jäger-Sammler waren.
In der neuen Studie (1) wird aber auch auf deutliche Unterschiede zwischen Kebaran und Natufium hingewiesen:
Archaeologists have tended to contrast the flimsy, ephemeral, short-term dwellings of the Early and Middle Epipalaeolithic
(also des Kebaran)
with the more durable, long-lived and solidly-built constructions of the (Early) Natufian. This is further exemplified by reference to earlier Epipalaeolithic structures as ‘huts’ and later Natufian and early Neolithic structures as ‘houses/homes’. However, that supposedly more ‘solid’ constructions do not imply more permanent occupation or long-term use has not gone unnoticed by researchers. The apparent contrast between earlier Epipalaeolithic and Natufian structures is further highlighted by an increasing emphasis on the non-domestic, ritual use of structures during the Natufian and the Pre-Pottery Neolithic A, and lack of evidence for (but acknowledgement of the possibility of) these ‘special’ uses in earlier phase.
Also die Wohnstrukturen des Natufium sind die Archäologen eher geneigt, als Häuser anzusprechen, als jene des Kebaran, die eher nur "Hütten" gewesen zu sein scheinen, wenn auch die Dauer der Benutzung bei beiden ähnlich gewesen sein mag. Außerdem gibt es im Natufium bisher noch deutlichere Hinweise auf nichthäusliche, rituelle (sprich religiöse) Betätigung - sprich in letzter Instanz Tempel - als im Kebaran. (Sprich: Die Götter des Kebaran bleiben - zumindest den Archäologen bisher - unsichtbar.) Die gejagten Gazellen lebten das ganze Jahr über in der unmittelbaren Nähe der Oase, sie unternahmen also keine Wanderzüge (9). Sie wurden auch nicht nur im Frühling, sondern auch in anderen Jahrezeiten gejagt (9). Das sind Hinweise darauf, daß der Reichtum an Gazellen eine vergleichsweise seßhafte Lebensweise ermöglicht haben könnte. - Wie sieht es diesbezüglich bei den vergleichbaren Buschleuten in der Kalahari diesbezüglich aus (Wiki):
Die Siedlungsstellen unterscheiden sich in ihrer Dauerhaftigkeit von nächtlichem Regenschutz im warmen Frühling (wenn die Menschen regelmäßiger unterwegs sind auf der Suche nach knospenden Grünpflanzen) bis hin zu formalisierten Ringen, zu denen sich Menschen in der trockenen Jahreszeit um Wasserlöcher sammeln, die das ganze Jahr über nicht austrocknen.
- Original: Villages range in sturdiness from nightly rain shelters in the warm spring (when people move constantly in search of budding greens), to formalised rings, wherein people congregate in the dry season around permanent waterholes.

Daß eine Lokalgruppe, bzw. "Horde" (engl. "camp") mit 30 bis 60 Menschen (10 bis 15 Familien) bei den Buschleuten zeitweise gemeinsame Siedlungsstellen haben, ist gut bezeugt (6, S. 9). Um die Siedlungsgröße von Khanareh IV zu erreichen, müssen wohl zehn oder mehr solcher Lokalgruppen ("Horden") zusammen siedeln. Es wäre noch zu klären, ob so etwas bei den Buschleuten vorkommt oder bei vergleichbaren Wüstenvölkern (etwa den Tuareg). Natürlich mag man mutmaßen, daß bloßes Zusammensiedeln aufgrund von Wildreichtum noch nicht zwangsläufig größere soziale Komplexität mit sich bringen muß. Wobei dieses Zusammensiedeln ja womöglich auch wieder aufgegeben wurde nach dem Ende dieser in dieser Region klimatisch günstigen Jahrtausende.

... - Und: Was war der Brennstoff?

Es wäre noch zu klären, ob die ungewöhnliche Siedlungsgröße von 21.000 Quadratmetern (2,1 Hektar), die während der gut erforschten 3.000 Jahre Natufium nie erreicht wurde (nur bis 0,5 Hektar), auch schon gelegentlich in der Kalahari erreicht wird oder in vergleichbaren Wüstenregionen (etwa von den Tuareg, wenn sie sich sammeln). Und es wird spannend sein zu erfahren, ob eine solche Siedlungsgröße ein einmaliges Auftreten darstellt oder in jener Zeit häufiger in dieser Region vorkam und nur bis heute noch nicht entdeckt wurde.

2017 - Auch Nachweise auf ähnlich frühes Ernten von wildem Getreide finden sich ..... 

Ergänzung 30.10.2017: Neuerdings zeigen ancient-DNA-Studien an Pflanzenresten aus dem Vorderen Orient und aus Ostasien (7, 8) auf, daß jene Gene, die für das Ernten von wildem Getreide oder Reis zwangsläufig durch Menschen selektiert werden an diesen Pflanzen, ebenfalls schon mehrere zehntausend Jahre früher selektiert worden sein können als bislang gedacht. Es handelt sich um Gene, die dafür sorgen, daß die Getreide- oder Reiskörner in den Ähren haften bleiben und sich nicht von selbst zerstreuen. Die ancient-DNA-Studien bestätigen zunächst, daß in der bisher bekannten Domestikationsphase dieser Pflanzen die Selektionsrate dieser Gene vergleichsweise hoch war. Zugleich aber stießen die Studien darauf, daß die Selektionsrate zum Teil schon mehrere zehntausend Jahre vorher über einer natürlichen Selektionsrate diesbezüglich lagen.

Wildes Getreide gilt bei vielen Völkern, die normalen Ackerbau nicht kennen, als Hungerpflanze, deren Samen nur in größten Notzeiten gesammelt wurde. Die neuen Forschungsergebnisse würden aber nun zeigen, daß das Ernten von wildem Getreide über die Jahrtausende hin doch einen einigermaßen regelmäßigen Bestandteil der Nahrungsversorgung jener Völker bildete, deren Siedlungsdichte - nach den bisherigen archäologischen Zeugnissen - in der Regel nicht höher war als die der heutigen Buschleute in der Kalahari in Südafrika.

Und übrigens: Wenn Getreidegene schon so früh selektiert wurden, warum sollte das dann für Gehirngene des Menschen (in der von ihm betriebenen Selbstdomestikation) nicht ebenfalls gelten?



/Letzte Überarbeitung,
unter anderem anhand von (9):
7.12.2017/

________________________________
  1. Maher, L., Richter, T., Macdonald, D., Jones, M., Martin, L., & Stock, J. (2012). Twenty Thousand-Year-Old Huts at a Hunter-Gatherer Settlement in Eastern Jordan PLoS ONE, 7 (2) DOI: 10.1371/journal.pone.0031447 
  2. Maher LA, Richter T, Stock JT (2012): The Pre-Natufian Epipaleolithic: Long-Term Behavioral Trends in the Levant. In: Evolutionary Anthropology 21: 69 - 81
  3. Michael Balter: New Light on Revolutions That Weren't. In: Science 4 May 2012: Vol. 336 no. 6081 pp. 530-531 DOI: 10.1126/science.336.6081.530
  4. Lewin, Roger: Spuren der Menschwerdung. Die Evolution des Homo sapiens. Heidelberg 1992
  5. Molleson, T.: Die beredten Skelette von Tell Abu Hureyra. In: Spektrum der Wissenschaft, Oktober 1994, S. 98 - 103
  6. Bading, Ingo: Die Neolithische Revolution im Vorderen Orient 12.000 bis 6.000 v. Ztr.. (Eigentlicher Titel: Populationsstrukturen und Transitions-Vorgänge im Levanteraum vom Epi-Paläolithikum bis zum PPNB.) Seminararbeit für den Anthropologischen Kurs II (Populationsstrukturen) von PD Dr. Winfried Henke, Universität Mainz, SS 1995, http://independent.academia.edu/IngoBading/Papers/1599513/Die_Neolithische_Revolution_im_Vorderen_Orient_12.000_-_6.000_v._Ztr._
  7. Crops evolved 10 millennia earlier than thought October 23, 2017, https://phys.org/news/2017-10-crops-evolved-millennia-earlier-thought.html
  8. Geographic mosaics and changing rates of cereal domestication Robin G. Allaby, Chris Stevens, Leilani Lucas, Osamu Maeda, Dorian Q. Fuller Published 23 October 2017.DOI: 10.1098/rstb.2016.0429, http://rstb.royalsocietypublishing.org/content/372/1735/20160429
  9. Elizabeth Hentona, Louise Martina, Andrew Garrarda, Anne-Lise Jourdan, Matthew Thirlwallc, Oliver Boles: Reports Gazelle seasonal mobility in the Jordanian steppe: The use of dental isotopes and microwear as environmental markers, applied to Epipalaeolithic Kharaneh IV. In: Journal of Archaeological Science: Reports Volume 11, February 2017, Pages 147-158, http://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2352409X16306903
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