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Sonntag, 7. September 2008

Das "Gefühl persönlicher Verantwortung"

Und wie es derzeit in der Hirnforschung erforscht wird

Was sagt die Wissenschaft über die evolutionäre Herkunft des menschlichen Verantwortungsgefühls?

Ein Weg, sich an die seelische Haltung der Verantwortlichkeit anzunähern, kann sein, sich zunächst an Bereiche zu erinnern, in denen es keinen Sinn macht, sich verantwortlich zu fühlen. 

Abb. 1: In Bildnissen bedeutender Herrschern ist das Gefühl für Verantwortlichkeit und damit einhergehende Würde oft besonders deutlich verkörpert - Hier Andreas Schlüter's Reiterstandbild vom Großen Kurfürsten (1700) (Wiki)

Manfred Eigen und Ruthild Winkler schreiben in "Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall" [1]:

"Der Zufall hat im Reiche des Spiels einen besonderen Namen." 

Nämlich:

"Wir bezeichnen ihn als Glück, wenn er uns gewogen ist, und als Pech, wenn er uns nur Nachteile bringt. Damit befreien wir ihn aus seiner ursprünglichen Beziehungslosigkeit." 

Hier wäre also von einem Geschehen die Rede, auf das der einzelne durch eigenes Handeln oder Nichthandeln - auch bei sorgfältigster Überprüfung - keinen Einfluß hat.

Wenn durch eigenes Handeln jedoch auf den Ausgang eines Geschehens Einfluß genommen werden kann, dann erleben wir den negativen Ausgang eines solchen Geschehens nicht nur als (willkürliches) "Pech" und Enttäuschung. Und wir erleben den positiven Ausgang eines solchen Geschehens nicht nur als (willkürliches) "Glück" und Erfolgserlebnis. Vielmehr tritt zu der Enttäuschung die Reue dazu: "Hättest du es doch anders gemacht!" Und zu dem Erfolgserlebnis tritt die Bekräftigung und Bestätigung hinzu: "Jawohl, so muß man es machen! Gut gemacht!" In beiden Fällen "lernen" wir durch das, was geschehen ist, über eine positive oder negative Rückkoppelung, durch an- oder abdressierende psychische "Konditionierungen" ("conditioning by reinforcement"). Diese Art des Lernens hat stammesgeschichtlich im Tierreich eine lange Vergangenheit [2].

Wenn die Ursachen des Mißerfolges nicht sofort sichtbar sind, kann der Mißerfolg und das Bedauern, sowie die Reue über diesen Mißerfolg auch zu umfangreichen Forschungen nach den Ursachen dieses Mißerfolges führen.

Verantwortung und die Möglichkeit des Mißlingens

Die Unterscheidung zwischen bloßer Enttäuschung (engl. "disappointment") und Reue (Wiki) (englisch "regret" oder "remorse") spielt in der psychologischen Forschung derzeit eine Rolle (Wissenschaft.de, 2004) [3]. Die Reue "hängt mit dem Gefühl persönlicher Verantwortung zusammen". Denn erst die Möglichkeit des Mißlingens eines Vorhabens aufgrund eigener Fehlentscheidungen schafft ja diese.

Verantwortung (Wiki) und die Möglichkeit des Mißlingens hängen also miteinander zusammen. Man übernimmt die "Verantwortung" - sich selbst oder anderen gegenüber - dafür, daß etwas gelingt, und dafür, daß Mißlingen - soweit als möglich - verhindert wird. Und das ist um so eher möglich, um so besser man sich mit einer Sache auskennt, um so besser man vorbereitet ist auf eine Sache, um besser die Ausbildung ist, die man genossen hat, und die zur Bewältigung der jeweiligen Aufgabe befähigt. Oder auch um so mehr Lebenserfahrung man besitzt.

Mit den Fähigkeiten steigt die Verantwortung.

Angelegenheit des erwachsenen Menschen

Die Volljährigkeit bringt dementsprechend im Rechtsleben erhöhte Verantwortung mit sich. Verantwortung zu übernehmen, ist also Angelegenheit des erwachsenen Menschen. Wenn junge Menschen große Verantwortung übernehmen, erscheint das als auffällig.

Einige Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, unter anderem mit Soziopathie oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, sind nicht oder kaum zur Reue fähig.

Und damit sind sie offenbar auch nicht dazu fähig, sich verantwortlich fühlen zu können für das eigene Verhalten, heißt es auf dem deutschen Wikipedia und auf dem englischen:

Remorse (also called compunction) is an emotional expression of personal regret - that is, the emotion felt by the injurer after he or she has injured. Remorse is closely allied to guilt and self directed resentment (e.g. - The boy felt much remorse after hitting the old lady. The idea of remorse is used in restorative justice). One incapable of feeling remorse is often labelled a sociopath (US) or psychopath (UK).

Die Unfähigkeit, Reue und damit Verantwortung zu empfinden

Diese Fähigkeiten zur Reue und damit zur Verantwortung nun sind im menschlichen Stirnhirn lokalisiert:

Patienten mit Schädigungen des orbitofrontalen Cortex empfinden kein Bedauern und können daher aus den negativen Konsequenzen ihrer Handlungen nicht lernen, fanden Nathalie Camille und ihrer Kollegen am Institut für Kognitionswissenschaften in Bron (Frankreich) mit einem Glücksspielexperiment heraus. Während des Experiments berichteten nur die gesunden Probanden darüber, Bedauern zu empfinden, wenn sie ihre Spielentscheidungen Geld kosteten. Dadurch gelang es ihnen, im Lauf des Experiments eine gewinnbringende Strategie zu entwickeln, während die hirngeschädigten Patienten am Ende Verluste erzielt hatten.

Der orbitofrontale Cortex scheint eine wichtige Rolle beim Empfinden von Verantwortung für die eigenen Handlungen zu spielen, schließen die Wissenschaftler aus den Ergebnissen. Dies sei nicht nur bei persönlichen, sondern auch bei einer Vielzahl von sozialen Entscheidungen von Bedeutung.

Auch bei Jugendlichen, die besonders vielen Gewaltvideos und Computerspielen ausgesetzt waren, sind Bereiche des Stirnhirns, die für Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle zuständig sind, auffallend weniger durchblutet (Wissenschaft.de, 2005):

Eine derart verringerte Stirnhirnaktivität wird mit Aufmerksamkeitsproblemen, geringer Selbstkontrolle und gestörter Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht.

Auswirkungen auf die Stabilität von Gesellschaften?

Es gibt also Möglichkeiten, die Fähigkeit zur menschlichen Freiheit (siehe St. gen.) so weit auszuschöpfen, daß darunter die Fähigkeit zur menschlichen Verantwortungsübernahme leidet. Dies wird in diffiziler und abgestufter Weise auch für andere Gebiete gelten als nur für die emotional-brutale Medienbeeinflussung. Wobei dennoch berücksichtigt sein soll, daß schon in der Antike mediale Beeinflussung - in Form von Besuchen der Theater und Zirkusse - als besonders schädlich für die Moral der Menschen erkannt worden ist.

Könnte es sein, daß menschliche, arbeitsteilige Gesellschaften nur dann dauerhaft stabil bleiben, wenn ein höherer Prozentsatz ihrer Angehörigen die Fähigkeit zum Fühlen von Verantwortung nicht nur nicht "degenerieren" läßt, sondern weiterentwickelt? Aufgrund welcher bewußter oder halbbewußter verhaltenspsychologischer, evolutionspsychologischer Mechanismen und Motivationen könnte die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, zum Fühlen von Verantwortung nun aber wachsen? Und zwar ohne daß diese Mechanismen in Widerspruch geraten zu den Gesetzen der genetischen Fitneß-Maximierung wie sie in der Soziobiologie und Evolutionären Anthropologie erforscht werden [s. z.B. 6]?

Die Übernahme von Verantwortung wird in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften - zum Beispiel - ermöglicht, bzw. erleichtert, durch eine langjährige Berufsausbildung. Und das dürfte auch schon für die ersten arbeitsteiligen Gesellschaften in der Menschheitsgeschichte vor zehn- bis zwölftausend Jahren gelten.

Gerade in frühen arbeitsteilig gegliederten Gesellschaften wurde die ungewohnte emotionale Destabilisierung des einzelnen aufgrund der beruflichen Spezialisierung oft durch umfangreiche religiöse Rituale aufgefangen. Es sei in diesem Zusammenhang etwa erinnert an die "Moieties" bei den amerikanischen Pueblo-Indianern, also an Vorstufen von beruflichen "Gilden" und "Zünften", "Maurerbünden" etc. pp.. Die "aufreibende" Arbeit, der "Streß" in der Ausbildung und in der Ausübung des Berufes, die ja zwangsläufig mit einer gewissen äußeren Absonderung von der übrigen Gesellschaft verbunden sind (das ist ja eben das Wesen von "Spezialisierung"), können dazu führen, daß derjenige oder diejenige, die derartige berufliche Verantwortung übernehmen, diese Verantwortung (nur) auf Kosten der eigenen direkten Fitneß, also auf Kosten eigener Fortpflanzungsmöglichkeiten, Kinder übernehmen (können). In der heutigen Zeit ist dies ja offensichtlich ein ganz häufiges Geschehen.

Berufliche Spezialisierung auf Kosten eigener Nachkommen?

Aber wir wissen es auch von vielen kulturschöpfenden und -tragenden Menschen in den letzten 2000 Jahren, die besondere Verantwortung für ihre Gesellschaft übernommen haben, daß sie oft weniger eigene Kinder hatten, als die Durchschnittsbevölkerung. Denken wir an Kinderlose - oder doch zumindest Kinderarme - schöpferische Menschen wie Michelangelo, Friedrich der Große, Lessing, Kant, Beethoven, Hölderlin, Schubert oder Brahms. Die Aufzählung könnte wohl noch lange fortgesetzt werden und beschränkt sich sicherlich nicht nur auf die aller oberste Spitze derjenigen, die für das "Human Accomplishment", für die höchsten kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte [4] verantwortlich gewesen sind. Die Frage, ob die Menschen, die kulturelle Höchstleistungen in der Geschichte hervorgebracht haben, insgesamt durchschnittliche Nachkommenzahlen hatten oder nicht, ist nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen noch nicht auf breiter Grundlage untersucht worden.

Aber denken wir auch daran, daß überhaupt die westeuropäischen Gesellschaften des Mittelalters und der Neuzeit im Gegensatz zu den osteuropäischen Gesellschaften und mehr noch im Gegensatz zu den ostasiatischen Gesellschaften durch einen hohen Anteil Nichtverheirateter und sehr spät Heiratender gekennzeichnet sind. Dies kann sich sowohl auf stärker spezialisierte Handwerkerberufe erstrecken (in den städtischen Siedlungen), wie auch auf weniger spezialisierte Kleinhäusler- und Tagelöhner-Schichten (in den ländlichen Siedlungen).

In jedem Fall: Sollte es in einer bestimmten Gesellschaft und unter bestimmten Zeitumständen Verhaltens- und Intelligenz-Gene geben, die besonders dazu veranlassen oder es erleichtern, Verantwortung zu übernehmen und kulturelle, wirtschaftliche oder politische Leistungen zu erbringen (nicht nur Höchstleistungen, sondern auch Durchschnittsleistungen), die die Fähigkeit mit sich bringen, "to delay gratification", wie es in der Forschung vielerorts heißt [bspw. 5], dann müßte weiterhin noch geklärt werden, aufgrund welcher evolutiver Zusammenhänge dafür gesorgt ist, daß nicht gerade diese Verhaltensgene im Laufe der Generationen in ihrer Häufigkeit in der Population abnehmen in arbeitsteiligen Gesellschaften, in denen Menschen zu derartiger Verantwortungsübernahme ja sogar auf Kosten der eigenen, direkten Fitneß bereit sind oder sein können.

Klöster und hohe Nichtverheirateten-Rate

Im europäischen Mittelalter gehörte dazu zum Beispiel sehr weitgehend die gesamte intellektuelle Elite in den Klöstern. Daß also die westeuropäischen Gesellschaften trotz dieser vermutlich immensen "Selektion gegen höhere Intelligenz" im Mittelalter durch die Klöster und in Form von kinderlosen Priestern in der Neuzeit dennoch so hohe kulturelle und wirtschaftliche Erfolge aufzuweisen hatten und haben, bleibt aus evolutionspsychologischer Sicht sicherlich weiterhin erklärungsbedürftig. (Die Überlegungen des Historikers Gregory Clark wird man dabei durchaus in Rechnung stellen können. Aber vermutlich werden sie sich als noch nicht ausreichend, bzw. tlw. fehlerhaft erweisen.)

All das sind Fragestellungen, denen in künftigen Beiträgen weiter nachgegangen werden soll. (Aber dabei soll noch wesentlich grundlegender angesetzt werden, als bei dem Ansatz des Historikers Gregory Clark. - Und um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen: Der Begriff Reue hat übrigens auch deutlich religiöse Bezüge, denen man nachgehen könnte im Rahmen der sich derzeit rasch weiter entwickelnden "Religionsbiologie".)


ResearchBlogging.org
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  1. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild (1975): Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München, Zürich (9. Aufl.) 1990, S. 22
  2. Lorenz, Konrad (1973): Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977
  3. N. Camille (2004). The Involvement of the Orbitofrontal Cortex in the Experience of Regret Science, 304 (5674), 1167-1170 DOI: 10.1126/science.1094550
  4. Murray, Charles (2003): Human Accomplishment. The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950. Harper Collins.
  5. V REYESGARCIA, R GODOY, T HUANCA, W LEONARD, T MCDADE, S TANNER, V VADEZ (2007). The origins of monetary income inequality☆Patience, human capital, and division of labor Evolution and Human Behavior, 28 (1), 37-47 DOI: 10.1016/j.evolhumbehav.2006.07.001
  6. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. 4. Auflage. Springer, Berlin 2013

Samstag, 6. September 2008

Freiheit und Verantwortlichkeit

- der Kommunitarismus,
ein geeigneter Interpretationsrahmen für ein modernes, naturalistisches Menschenbild?


Es wächst das Unbehagen an einem Zusammenleben, in dem jeder seinen Vorteil ohne Rücksicht auf die anderen zu suchen scheint. Ich-Überschätzung bringt Ehen in Gefahr und läßt Familienbande brüchig werden.

Heide Simonis, SPD-Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein, fordert eine „Bürgergesellschaft gegen sozialen Zerfall“, die grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer eine „zweite Umweltbewegung: den Wiederaufbau der sozialen Umwelt“.

Wie können Moral und gemeinschaftliche Werte stärker in einer Gesellschaft verankert werden?

„Mit bloßem Individualismus vernichtet der Individualismus sich selbst“, konstatiert Werner Peters, Begründer der Kölner Kommunitaristen.
So lauten Passagen einer Titelgeschichte des "Focus" zu dem Thema "Kommunitarismus". Sie ist schon elf Jahre alt und stammt von Frank Gerbert (17. März 1997, siehe auch Abbildung). In der Presse taucht der Gedanke des Kommunitarismus (Wikipedia) immer wieder einmal auf, er besitzt aber nicht wirklich "Popularität". Anlaß für den Titel der genannten "Focus"-Ausgabe war damals eine Münchener Podiumsdiskussion unter dem Titel "Vereint im Egoismus? Was unsere Gesellschaft noch zusammenhält".

Man glaubt dem Bericht anzumerken, daß er schon über zehn Jahre alt ist und daß sich die Weltkugel und das gesellschaftliche Bewußtsein schon wieder - relativ schnell - um einiges "weitergedreht" haben. Könnte man sich eine Titelgeschichte präzise in diesem Tonfall heute noch vorstellen? Dafür wird anstelle dessen heute in solchen Zusammenhängen vielleicht mehr von Religion geredet und gedacht als damals. Und es ist sicherlich richtig, diese beiden Bereiche verstärkt zusammen zu sehen. Das Thema "Kommunitarismus", "Gemeinschaftlichkeit" des Menschen, Gemeinschaftsbezug, Verantwortlichkeit, das auch im naturalistischen Menschenbild durch die Wiederbelebung des Theorems von der Gruppenselektion vermehrt an Aktualität gewinnt (siehe zuletzt: Natur des Glaubens), veranlaßt zu einigen grundlegenderen Erörterungen. (Diese Erörterungen fassen übrigens vieles zusammen, was auf diesem Blog in den letzten eineinhalb Jahren verstreut an verschiedenen Stellen und in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert worden ist. Sie bringen so ungefähr eine Annäherung an die tiefere "Philosophie" dieses Blogs.)

Freiheit


Freiheit
ist ein Phänomen, das von naturalistischen Denkern gegenwärtig - merkwürdigerweise - nicht besonders stark betont und hervorgehoben wird in der Deutung des (naturalistischen) Menschenbildes. Und doch ist Freiheit eines der auffälligsten Phänomene, Prinzipien in der Natur. In der Natur drückt es sich grundsätzlich aus als das "Prinzip Zufall", dem das Prinzip Gesetzmäßigkeit, Regelhaftigkeit, Naturgesetz gegenübersteht. Manfred Eigen hat in seinem wertvollen Buch "Das Spiel" (sinngemäß) formuliert: "Das Leben ist ein Spiel, in dem nichts festliegt außer den Regeln." Und diese Erkenntnis hatte schon Friedrich Schiller 200 Jahre zuvor vorweggenommen, als er sagte: "Der Mensch ist nur dort ganz Mensch, wo er spielt." Und dieses "Spiel" ist natürlich der Ausdruck einer äußeren oder inneren Freiheit, von Freiheitsräumen, von vielfältigen innerpsychischen und äußeren Möglichkeiten, denen sich der Mensch bewußt ist oder die er sich bewußt machen kann.

Verantwortlichkeit

Während nun auf der einen Seite das Phänomen Freiheit nicht besonders stark betont und hervorgehoben wird gegenwärtig von naturalistisch Denkenden (was noch vielfältige Erörterungen veranlassen könnte *) ), wird auf der anderen Seite aber auffälligerweise auch das Prinzip Verantwortlichkeit nicht besonders hervorgehoben im naturalistischen Denken der Gegenwart. Und dies ist nun ein vielleicht noch auffälligerer Befund. (Sehr wichtige Ausnahme: Amazon.) Meistens wird stattdessen lieber der allgemeiner gehaltene Begriff "Altruismus" benutzt. Diesen Begriff läßt man sich inzwischen vielleicht doch ganz gerne gefallen (nachdem er zuerst durch den Buchtitel "Das egoistische Gen" popularisiert worden war vor 18 Jahren [!]), weil er für unser menschliches Selbstbild nicht besonders deutlichen Aufforderungscharakter hat. Denn "altruistisch", "sozial", "kooperativ", nunja, das kann ja jeder irgendwo, irgendwann, irgendwie einmal sein (zumal, wenn ihm noch genügend Spielraum zum Ausleben von Egoismus übrig bleibt). Über seine Person an sich muß das aber dann noch überhaupt nicht besonders viel aussagen. (Wie das übrigens alle wissen, die längere Zeit - etwa - in Dienstleistungs-Berufen tätig waren: Äußere "Beflissenheit" und "Kooperationsbereitschaft" sagen meistens so gut wie gar nichts aus über den eigentlichen, "inneren", wirklich "menschlichen" Gehalt eines - - - sogenannten "Kollegen" oder überhaupt der sozialen Beziehungen in typischen "aalglatten" Dienstleistungs-Gesellschaften.)

Freiheit in Würde

Wenn also dieser menschliche Altruismus nicht in deutlichem Zusammenhang gesehen wird mit der menschlichen Fähigkeit zu allseits vorherrschenden gesellschaftlichen und sozialen "Pathologien", Fehlentwicklungen, (hedonistischen oder asketischen) Selbsttäuschungen, die ja ebenfalls als Ausdruck dieser großen Freiheitsgrade im menschlichen Verhalten gedeutet werden können, dann bekommt man auch nicht den Blick frei darauf, daß der Mensch, seitdem er Mensch geworden ist und diese großen Freiheitsgrade im Verhalten besitzt und immer weitere hinzugewonnen hat, immer schon auch mehr oder weniger deutlich in der "Verantwortung" stand und steht, nämlich, diese große Freiheit, die er leben kann, nun auch in "Würde" zu leben.

Deutet man das menschliche Selbstbild so, dann wird "Altruismus" nicht mit der lächerlichen "Jeden Tag eine gute Tat"-Einstellung verwechselt. Dann wird deutlich, daß Altruismus selbst in seiner Gesamtheit und in der inidividuellen Art der Verwurzelung in der Persönlichkeit über den Wert und die Würde im menschlichen Bereich entscheidet. So also würde stärker der Aufforderungscharakter deutlich, der in der Tatsache an sich, daß der Mensch Verantwortungsbewußtsein besitzt, liegen könnte.

Wenn man aber über diese Zusammenhänge nachdenkt, dann könnte einem bewußt werden, daß zwischen Freiheit und Verantwortlichkeit tatsächlich ein innerer Zusammenhang besteht (- auch von der evolutiven ultimaten Fitneßebene her gesehen). Und daß möglicherweise über beide nicht mehr sehr häufig unter naturalistisch Denkenden gesprochen wird, weil der tiefe innere Zusammenhang zwischen diesen beiden Prinzipien nicht mehr so stark empfunden wird. Es könnte das ja auch eine Empfindung sein, die den Menschen nicht nur bürgerschaftlich stolz und selbstbewußt, sondern zugleich auch "schmerzensreich" machen könnte, zumal unter Verhältnissen einer sehr egoistischen Gesellschaft. (Und das Hauptbestreben der heutigen Menschen ist es ja, möglichst "schmerzfrei" leben.)

Denn tatsächlich ist es ja so: Wenn man dem Menschen ein großes Maß an selbstverantworteten Freiheitsgraden zuspricht in seinem eigenen Verhalten (hier immer vom Menschenbild her gesehen, nicht nur von einer Verfassungsordnung her), dann muß als Gegenkraft in der menschlichen Psyche um der Freiheit willen, um Freiheit in "Würde" leben zu können, auch ein solches Prinzip wie Verantwortlichkeit lebendig sein, bzw. es sollte günstigstenfalls lebendig erhalten werden. Und das wird auf gesellschaftlicher Ebene ebenso gelten wie auf familiärer und individueller.

Die Gesellschafts-Philosophie des "Kommunitarismus"

Wir sehen weltweit und historisch eine sehr große Vielfalt von Gesellschafts- und Kulturpsychologien verwirklicht, von Mentalitäten und Verhaltenstendenzen in Bezug auf diese beiden Möglichkeiten in der menschlichen Psyche, in Bezug auf Freiheit und Verantwortlichkeit. Ganz grob spricht man von individualistischen Gesellschaften und gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen und von kollektivistischen Gesellschaften und gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen. Und in diesem Zusammenhang werden die traditionellen gesellschaftlichen Verhaltenstendenzen in Ostasien häufig als "kollektivistisch" interpretiert und die heute in westlichen Gesellschaften vorherrschenden als "individualistisch". Auf politischem oder wirtschaftlichem Gebiet spricht man von dem außer Rand und Band geratenen (also "verantwortungslosen" [... ?!]) Neoliberalismus.**)

Dieser Beitrag hat vor allem das Ziel, auf diese Dinge hinzuweisen und vor allem auch auf die Gesellschafts-Philosophie des "Kommunitarismus" (Wikipedia), die aus der Anerkennung und Hochwertung der Werte der liberalen Gesellschaft heraus (so kann man es zumindest verstehen) versucht, die Gesellschaft insgesamt und den einzelnen Bürger zu mehr gesellschaftlichem und sozialem Verantwortungsbewußtsein, Engagement und zu größerem gesellschaftlichen Zusammenhalt aufzufordern.

Der "Kommunitarismus" ist weitgehend unabhängig vom naturalistischen Weltbild entstanden und formuliert worden. Er könnte aber als geeignet angesehen werden, das naturalistische Weltbild und die Weiterentwicklungen in der Theoretischen Biologie um die beiden Prinzipien Freiheit und Verantwortlichkeit zu ergänzen und engagierter zu durchdenken, und so auch die Perspektiven der anthropologischen, soziobiologischen Forschung zu erweitern. (Wissenschaft selbst hat ja - günstigstenfalls - zweierlei Verantwortlichkeiten und zwar möglichst je zu 100 % zu erfüllen: einmal die Verantwortung "der Wahrheit", der wissenschaftlichen Redlichkeit gegenüber, zum anderen hat sie eine gesellschaftliche Verantwortung. Diesen beiden versucht dieser Blog "Studium generale" gerecht zu werden. Und aus beiden fließt insbesondere auch die Motivation zur Arbeit an diesem Blog.)

"Gruppenselektion" und liberale Gesellschaft

In welcher Weise kann sich nun eine solche Wiederbelebung des Theorems der Gruppenselektion in der anthropologischen Forschung positiv auswirken auf die Deutung des menschlichen und gesellschaftlichen Selbstbildes? Wenn man sich mit der Evolution des menschlichen "commitment" (Amazon), des Verantwortungsbewußtseins (allgemeiner: des Altruismus) in Gesellschaften beschäftigt, dann wird einem tatsächlich heute das Fehlen einer allgemeineren Philosophie deutlich, die das menschliche Denken dahingehend strukturiert, die Gemeinschafts-Aspekte des menschlichen Verhaltens grundsätzlicher in den Blick zu nehmen und zu berücksichtigen auch im eigenen Leben und auch in den wichtigeren Lebensentscheidungen.

Wenn man nun die gegenwärtigen Entwicklungen in der Theoretischen Biologie und Anthropologie in eine Wechselwirkung treten lassen würde mit solchen gesellschaftlichen Philosophien wie der des Kommunitarismus, dann sollte das - günstigstenfalls - synergetische Wirkungen entfalten können. Im Wikipedia-Artikel wird der Kommunitarismus zum Teil als im Gegensatz zum Liberalismus stehend formuliert. Man könnte es aber auch präziser sagen: Verantwortlichkeit ermöglicht und stabilisiert erst menschliche, gesellschaftliche Freiheit und entsprechend ermöglichen und stabilisieren "kommunitaristische", verantwortungsbewußte, "gemeinschaftliche" Einstellungen günstigstenfalls auch die Verwirklichung einer echt freiheitlichen, liberalen Gesellschaft.

Zum Ausklang noch einmal Friedrich Schiller.
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei
und würd' er in Ketten geboren.
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
nicht den Mißbrauch rasender Toren:
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette bricht -
vor dem freien Menschen erzittert nicht.

(aus: Worte des Glaubens)
_____________________

*) Es könnte von Interesse sein, einmal genauer zu analysieren, wie es um den Gedanken der Freiheit bei naturalistisch Denkenden eigentlich bestellt ist. Beispielsweise betonen sowohl Religionswissenschaftler Michael Blume wie natürlich auch Atheisten - etwa des "Humanistischen Pressedienstes" - das Recht zur freien Religionsausübung, das Recht zur Meinungsfreiheit und anderes mehr. Im Zusammenhang dieses Beitrages ist aber (implizit) ein etwas grundlegenderer und erweiterer Freiheitsbegriff angesprochen. Nämlich die Tatsache, daß der Mensch an sich - als Mensch - frei ist, daß er ein per se freies Wesen ist. Daß es in der Natur per se - und damit auch in seiner - große Freiheitsgrade gibt. Daß der Mensch Freiheit besitzt, weil er Mensch ist, weil ihm die Evolution dieses stolze Selbstbewußtsein ermöglicht hat, und weil sie auch - nachweisbar - "Sicherungen" eingebaut hat in der menschlichen Psyche gegen Übersteigerungen dieses stolzen menschlichen Freiheits-Gefühls.
Also das alles nicht nur, weil der Mensch - heute, zufällig, außerdem auch noch - in einer freiheitlichen Gesellschaft lebt, deren Freiheiten wir ja zu Recht sehr schätzen, und die wir darum auch bereit sein sollten, jederzeit in selbstbewußtem bürgerschaftlichem Engagement zu verteidigen. Sondern weil wir und unsere menschlichen Gesellschaften von Natur aus frei sind - insbesondere dann (so ja der Tenor dieses Beitrages), wenn ihre Bürger selbstbewußte Verantwortlichkeit für diese "Natur" unserer Gesellschaft, also für ihre "Natürlichkeit" empfinden und sie dann auch verstärkt und betont leben.


**) Der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel hat den Gedanken geäußert, den er sicherlich von seinem Jugendfreund Friedrich Hölderlin übernommen hat, daß die Weltgeschichte, die Geschichte arbeitsteiliger menschlicher Gesellschaften ein "Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit", auch der gesellschaftlichen Freiheit darstellt. Auch diesem Gedanken könnte in diesem Zusammenhang weiter nachgegangen werden. Vielleicht leben wir deshalb auch geschichtlich gesehen - und damit tatsächlich auch aus Sicht der Evolution - in der freiheitlichsten Gesellschaft der Weltgeschichte. (Oder doch zumindest in einer Vorstufe derselben.)
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