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Samstag, 11. April 2026

Kriegseinsatz und Archäologie - 1941 bis 1945

Die Studienjahre des deutschen Archäologen Georg Kossack (1923-2004) - als exemplarisches Beispiel
- Von der Schule an die Front - von der Front an die Universität

Wenn man das Selbstverständnis der deutschen Archäologen seit 1945 verstehen will, macht es Sinn, sich klar zu machen, mit welchen Erfahrungen die damalige Studenten-Generation 1945 aus dem Krieg nach Hause gekehrt ist. Als ein vielleicht willkürlich ausgewähltes Beispiel sollen im folgenden die Studienjahre des akademischen Lehrers heutiger bedeutender deutscher Archäologen (Harald Meller, Hermann Parzinger, Wolfgang Schier und anderer mehr) heraus gegriffen werden.

Abb. 1: Aus dem Studienbuch des Archäologie-Studenten Georg Kossack, Berlin 1943 (1)

Bei diesem akademischen Lehrer handelt es sich um den Münchener Archäologen Georg Kossack (1923-2004) (Wiki, DgtBib). Dieser hatte vormals auch in Kiel gelehrt und stammte ursprünglich aus Neuruppin in der Mark Brandenburg. Über diesen Archäologen ist im Jahr 2023 eine "Virtuelle Ausstellung" eröffnet worden, auf die sich die folgenden Ausführungen vor allem stützen (1). Dieser Archäologe Georg Kossack hatte so weise Lehren für seine Studenten im Gepäck wie die folgende (1):

Der Tag hat 24 Stunden. Sieben brauchen sie zum Schlafen, der Rest ist fürs Fach.

Ohne Frage: Hier brennt jemand für die Wissenschaft.*) Angeregt zur Auseinandersetzung mit Georg Kossack wurden wir durch die mehrfache Erwähnung desselben in einem gerade veröffentlichten Gespräch zwischen den Archäologen Harald Meller und Hermann Parzinger (2), sowie durch die Entdeckung des Umstandes, daß Georg Kossack aus Neuruppin stammte, sowie des Umstandes, daß er 1943 mit 20 Jahren als Schüler des Archäologen Hans Reinerth in Berlin in die heiligen Hallen der Wissenschaft eingetreten ist. Wir lesen (3):

Georg Kossack wuchs im brandenburgischen Neuruppin auf, wo er am 25. Juni 1923 geboren wurde und am humanistischen Friedrich-Wilhelm-Gymnasium die ersten Anregungen zur Beschäftigung mit der heimischen Vorgeschichte erfuhr, sodaß er schon vor seinem Notabitur im Jahr 1940 den Entschluß faßte, Vorgeschichte zu studieren.

Der Schüler Kossack wird in Bezug auf seinen Studienwunsch sicher auch von dem damals bedeutenden Archäologischen Museum in Heiligengrabe - in der Nähe von Neuruppin gelegen - Anregungen erhalten haben. Auf dieses lange vergessene Museum haben wir hier auf dem Blog schon vor einigen Jahren aufmerksam gemacht, nachdem wir es zufällig beim Vorbeifahren entdeckt hatten (Stg2019). (Kossack selbst erwähnt es aber in seiner eigenen wissenschaftsgeschichtlichen Darstellung mit keinem Wort [6].)

Die Eltern von Georg Kossack wohnten - zumindest 1943 - in Möhringstraße 6 in Neuruppin (1) gegenüber jenem Gebäude, in dem so manches Neuruppiner Kind in den letzten Jahrzehnten die Grundschule besucht hat. Er hatte somit nur zehn Minuten Fußweg zum Gymnasium am Marktplatz. Als Beruf seines Vaters wird "Kaufmännischer Leiter" angeführt. 

Eintritt als Kriegsfreiwilliger in die Wehrmacht - Am 1. Januar 1942

Georg Koassack ist am 1. Januar 1941 mit 18 Jahren als Freiwilliger in die Wehrmacht eingetreten - wie auf seinem Notabitur verzeichnet ist (DigtBibl).

Er wurde Angehöriger des brandenburgischen Infanterie-Regiments Großdeutschland (Wiki). Tat er das, weil er genug von der Schule hatte? War das eine Einzelentscheidung dieses Schülers? Oder haben sich damals viele Schüler - womöglich aufgrund von Werbeveranstaltungen? - als Freiwillige für die Wehrmacht gemeldet? Das geht aus den präsentierten Dokumenten vorderhand nicht hervor.

Ab 1942 kam er an der Ostfront zum Kriegseinsatz (DigBibl). Zu Anfang des Jahres 1942 war sein Regiment am Nordabschnitt der Ostfront im Einsatz, im Sommer 1942 im Südabschnitt derselben und am Ende des Jahres wieder im Nordabschnitt. Am 22. September 1942 erhielt er die Medaille "Winterschlacht im Osten 1941/1942". Kossack könnte ab Januar 1942 als Verstärkung des bis dahin durch die Kämpfe schon stark dezimierten Regiments Großdeutschland zum Einsatz gekommen sein. Es können das nicht nur erhebende Eindrücke gewesen sein für diesen jungen "Kriegsfreiwilligen" in dieser "Winterschlacht".**)

Ab April 1942 wurde das Regiment Großdeutschland zur Infanterie-Division Großdeutschland erweitert. Im Sommer 1942 war diese Division dann am Oberen und Unteren Don, am Donez und am Manytsch eingesetzt. Als Archäologie-Interessierter könnte Kossack die Landschaft dort als Heimat der Skythen wahrgenommen haben. (Als Urheimat der Indogermanen wird Kossack diese Region noch nicht wahrgenommen haben, denn sicheres Wissen darüber ist erst 2024 durch die Archäogenetik gewonnen worden, siehe die entsprechenden Beiträge hier auf dem Blog.)

Abb. 2: Lage des Frontvorsprungs bei Rschew seit Januar 1942, der erst im März 1943 von den Deutschen geräumt wurde

Ab 10. September 1942 wurde die Division Großdeutschland dann wieder am Nordabschnitt der Ostfront eingesetzt, und zwar in den Kämpfen um den Frontbogen um Rschew (Wiki) an der Oberen Wolga. Dort wurde die Division zum Gegenstoß angesetzt (Wiki):

Die Rote Armee antwortete mit dem verbundenen Einsatz von Artillerie, Werfern, Minen und besonders vielen Scharfschützen. Die Division Großdeutschland erlitt „hohe und höchste“ Verluste, die Panzerabteilung verlor 80 % ihrer Fahrzeuge. (...) In diesem Raum sollte die Division im Bereich des XXIII. und XXVII. Armeekorps den Rest des Jahres 1942 verbringen und sich während der sowjetischen Operation Mars im Lutschessa-Tal und bei Olenino den Namen „Feuerwehr“ verdienen. Die Infanterie-Division Großdeutschland wurde von jetzt an immer an Brennpunkten der Front eingesetzt. Das Jahr 1943 war zunächst für die Division mit dem Abschluß der Einsätze im Raum südlich von Rschew verbunden. Am 9. Januar traf der Befehl zum Abtransport nach Nowy Oskol ein.

Außerdem lesen wir (Wiki):

Bis Ende Januar 1943 war die Wehrmacht im Raum Rschew, Demjansk und Leningrad pausenlosen Angriffen der Sowjetarmee ausgesetzt, die allerdings nicht stark genug waren, um einen unmittelbaren Zusammenbruch befürchten zu lassen.

Im Zusammenhang mit diesen Kämpfen dürfte Kossack dann noch vor dem 9. Januar 1943 den "Verlust beider Unterschenkel infolge Erfrierungen" erlitten haben, von dem berichtet wird. Die Unterschenkel wurden amputiert, Kossack konnte sich aber mit Prothesen fortbewegen. Es ist das die selbe Zeit, in der die 6. Armee in Stalingrad ihren letzten Kampf führte (Abb. 2).

Studienbeginn in Berlin 1943 - Als Schüler von Hans Reinerth

Nach seiner Genesungszeit wurde Kossack am 21. September 1943 aus der Wehrmacht zurück nach Neuruppin entlassen. Er hatte aber vorher schon Resturlaub erhalten und im Sommersemester 1943 in Berlin mit dem Studium begonnen.

Abb. 3: Studienbuch von Georg Kossack, belegte Lehrveranstaltungen im Sommersemester 1943 in Berlin

Er studierte im Sommersemster 1943 bei Professor Hans Reinerth an der Friedrich-Wilhelm-Universität Berlin. Es war dies der bedeutendste Vertreter der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie (s. Stg17). Kossack hörte bei Reinerth die Vorlesungen "Die Bronzezeit" und "Die Germanen, ihre kulturelle und politische Leistung". Er nahm an einem Unter- und einem Oberseminar Reinerths teil. Außerdem hörte er bei anderen Professoren Vorlesungen, so zu "Wesen und Weltbedeutung der griechischen Kunst", zu "Geschichte der deutschen Philosophie bis Kant" und schließlich auch noch zu "Rasse und Volk" bei Professor Wolfgang Abel (Wiki). Dies war der Lehrstuhl-Nachfolger des Anthropologen Eugen Fischer. Den Lehrstuhl für Vor- und Frühgeschichte an der Humboldt-Universität Berlin hatte von 1992 bis 2001 Achim Leube (geb. 1936) (Wiki) inne, der 1971 in die SED eingetreten war. Er sagte 2004 über die Studenten, die bei Hans Reinerth in Berlin studiert hatten (9):

Vom Sommersemester 1935 bis Wintersemester 1944/45 studierten im 1. oder 2. Hauptfach bzw. im Nebenfach nach einer ersten Zusammenstellung 71 Studenten "Vorgeschichte", darunter 23 Frauen, d. h. ein Drittel aller Studierenden. Zu ihnen gehörten auffallend viele Berliner Stadtkinder, die aus dem mittleren oder Kleinbürgertum sowie aus Arbeiterschichten kamen (Wohnraum: Berlin-Lichterfelde und -Steglitz). Es kamen zu Reinerth aber auch Studierende aus dem gesamten Deutschland und nur vereinzelt aus dem Ausland, wie der Schwede Graf Eric Oxenstierna. Reinerth brachte anfangs von der Universität Tübingen einige Studenten mit und auch von Marburg kamen mindestens zwei Studenten.
Eine vorläufige Statistik der Promotionen im Fach Prähistorie an den deutschen Universitäten ergibt, daß zwischen 1933 und 1945 mindestens 81 Promotionen und Habilitationen durchgeführt wurden. Die meisten Dissertationen wurden am Berliner "Institut für Vorgeschichte und Germanische Frühgeschichte" absolviert. So haben in Berlin 19 Studenten das Studium mit der Promotion abgeschlossen, d. h. jeder vierte. Nur neun der Dissertationen, d. h. weniger als die Hälfte, wurden jedoch publiziert. (...) In anderen Arbeiten wurden Beobachtungen aufgegriffen, die durchaus als übergreifende Forschungsthemen definiert werden könnten. Dazu gehörte die Untersuchung technischer Entwicklungen, wie der Schiffbau (Friedrich Hufnagel), das Beleuchtungswesen (Hans v. Chorus) und das Bekleidungswesen (Walter v. Stokar) (...). Nach 1945 haben im Fach nur fünf Prähistoriker aus dem Umfeld Reinerths Fuß gefaßt. Es ist eine gewisse Tragik, daß der Mehrheit dieser jungen Menschen eine Zukunft im Fach versagt geblieben ist. Viele von ihnen sind offenbar in Verwaltungen oder im Lehrerberuf verblieben. Von den 48 bekannten männlichen Studenten sind 17 Personen im Krieg gefallen, d. h. jeder dritte.

Achim Leube wird gewußt haben, wovon er sprach. Eine ähnliche "Tragik" wird es für manchen DDR-Archäologen und Archäologie-Studenten nach 1989 gegeben haben. Ansonsten: Man ist immer wieder erschüttert über die Kriegsverluste der deutschen Archäologie-Studenten. Unter der Schülerschaft von Gero von Merhart war es ähnlich (siehe unten). Wie es dazu kam, daß so wenig Schüler von Hans Reinerth nach 1945 im Fach Fuß fassen konnten, dazu hat dieser genannte Gero von Merhart allerdings sehr viel beigetragen - wie wir weiter unten noch hören werden.

Zurück zu Georg Kossack. Im Wintersemester 1943/44 studierte er Archäologie in Halle bei Walther Schulz (Wiki). Dies war der Nachfolger von Hans Hahne, des Neugestalters des Museums für Vor- und Frühgeschichte in Halle. Auch sie waren beide zugehörig zur "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie.

Abb. 4: Das Hauptwerk von Hans Reinerth ab 1940***)

Im Sommersemester 1944 studierte Kossack dann in Freiburg im Breisgau bei dem Archäologen Georg Kraft (1894-1944) (Propyl). Kraft hatte wiederum gemeinsam mit Reinerth in Tübingen studiert. Kossack hörte bei ihm die Vorlesung "Die Kelten", verfolgte in Freiburg auch weiterhin seine Interessen für griechischen Kunst, hörte auch die Vorlesung "Deutsche Plastik im 13. und 14. Jahrhundert". Außerdem belegte er drei Lehrveranstaltungen bei dem Professor für Anthropologie Johann Schäuble (1904-1968) (Wiki). Dieser sollte ab 1957 die "Zeitschrift für Morphologie und Anthropologie" heraus geben. Sodann lesen wir (DigBibl):

Das weitere Studium in Freiburg im Breisgau war nicht mehr möglich, weil Georg Kraft bei den Luftangriffen (Operation Tigerfish) auf Freiburg am 27. November 1944 getötet worden war.

- - - Nur noch mal zur Einordnung: Das war keine reguläre Kriegsführung. Das war Kriegsverbrechen. - Was für krasse Studienjahre. Sterben war allerdings für den Studenten Georg Kossack nichts Neues. Für das Wintersemester 1944/45 wechselte Kossack zurück nach Halle.

Das Schiff sinkt ... - schnell runter ... - November 1944

Doch nun stellen wir eine entscheidende Wende im Leben von Georg Kossack fest. Innerlich scheint sich Kossack spätestens zu diesem Zeitpunkt für eine ganz andere Richtung hinsichtlich der Fortsetzung seines Studiums entschieden zu haben: Alle bisher genannten Archäologen - in Berlin, in Halle und in Freiburg - gehörten der sogenannten "Kossinna-Schule" in der deutschen Archäologie an. Schon vor seinem Wechsel zurück nach Halle muß Georg Kossack aber nun an den schon emeritierten Marburger Archäologen Gero von Merhart (1886-1959) (Wiki) geschrieben haben und ihn um Rat gefragt haben, was die Weiterführung seines Studiums betrifft. (Der Lehrstuhlnachfolger von Merhart in Marburg, Wolfgang Dehn [Wiki], war 1944 zum wiederholten mal zur Wehrmacht eingezogen worden. Deshalb hat Merhart für ihn die Lehrveranstaltungen bis 1947 übernommen, bis Dehn aus französischer Kriegsgefangenschaft zurück gekehrt ist.) 

Welche Überlegungen, gegebenenfalls Gespräche unter den Studenten und akademischen Mitarbeitern Kossack bei dieser Kontaktaufnahme zu Merhart leiteten, ist bislang nicht klar. Vielleicht haben ja sogar Angehörige der Kossinna-Schule selbst Kossack zu diesem Schritt geraten. Gero von Merhart war - sozusagen - einer der führenden Köpfe der ideologischen Gegner der "Kossinna-Schule". Das wird Georg Kossack sicher deutlich bewußt gewesen sein. Und sein Wechsel nach Marburg war diesbezüglich sicher eine sehr bewußte Entscheidung. Hat Kossack mit dem nahenden Kriegsende voraus gespürt, daß es für ihn als Schüler der Kossinna-Schule in der deutschen Archäologie keine Zukunft mehr geben würde? Das haben in jenen Jahren wohl viele Archäologen ähnlich frühzeitig wahrgenommen. Denn Reinerth stand in jener Zeit schon ziemlich isoliert innerhalb seines eigenen Faches da.

Gero von Merhart hatte das Jesuiteninternat Stella Matutina in Feldkirch in der Schweiz besucht und hatte dort 1906 die Matura erworben (Acad). In den 1930er Jahren sandte er auch wieder seine eigenen Söhne auf dieses Jesuiteninternat. Unter anderem deshalb war er von Seiten der "Kossinna-Schule" als Teil eines christ-katholischen Netzwerkes wahrgenommen worden, das sogar innerhalb des Dritten Reiches sehr einflußreich geblieben sei, und aufgrund dessen mehrere Archäologen der Kossinna-Schule sogar während des Dritten Reiches glaubten, bespitzelt zu sein. Merhart wurde aufgrund dieser Gegnerschaft im Jahr 1938 als Professor beurlaubt. Er erhielt allerdings im Gegenzug einen Forschungsauftrag des SS-Ahnenerbes, den er auch annahm (8). Der erstere Umstand wurde nach 1945 hervor gehoben, der letztere Umstand trat völlig in den Hintergrund. Er ist dementsprechend auch bis heute auf Wikipedia nicht erwähnt. - Merhart antwortete nun auf Kossack's Schreiben. Und Kossack schrieb am 17. Dezember 1944 an Merhart:

Es war für mich eine große Beruhigung, in der Weiterführung des Studiums nunmehr klarer sehen zu können als es sonst der Fall sein mußte.

Er schreibt schon, daß er bezüglich der Zimmersuche in Marburg mit einer baldigen Zusage rechnet und daß er deshalb hofft, bald nach Marburg kommen zu können:

Bis zu diesem Zeitpunkt werden ja wohl hoffentlich die äußeren Umstände, unter denen wir alle im Äußersten zu leiden haben, günstigere sein. 

Eine auffallend "optimistische" Äußerung für jemanden, der am 17. Dezember 1944 mitten in Deutschland lebt, und dessen akademischer Lehrer in Freiburg gerade im Bombenhagel ums Leben gekommen war.

Zunächst setzte Kossack noch bis zum Semesterende sein Studium in Halle fort, wo er wieder Vorlesungen und Seminare bei Walther Schulz besuchte. Er hörte aber auch wieder Vorlesungen zur "Erb- und Rassenlehre", sowie "Rassenbiologie", diesmal bei Professor Georg Frommolt, einem in Halle angesehenen Gynäkologen und Anthropologen.

Halle wird durch die US-Armee besetzt - 19. April 1945

Am 19. April 1945 wurde Halle durch die 104. US-Infanteriedivision („Timberwolf-Division“) eingenommen. Die Kämpfe um die Stadt dauerten vier Tage, bevor die Übergabe erfolgte. Es gab aber keine größeren Zerstörungen.

Am 23. Mai 1945 wurde für Georg Kossack vom "Military Gouvernement of Germany" eine "Temporary Registration" ausgestellt, nach der er sich nicht aus Halle entfernen durfte - unter Androhung von sofortigem Arrest.

Neubeginn in Marburg - September 1945

Erst im September 1945 wird Kossack dann für das Wintersemester 1945/46 in Marburg eingetroffen sein. Dort ist er nun für sein 5. Fachsemester an der Universität Marburg eingeschrieben. Welche inneren Verschiebungen, äußeren Erfahrungen und Gespräche mögen es gewesen sein, die den einstigen Kriegsfreiwilligen des Jahres 1940 im Verlauf der vier Jahre bis Ende 1944 nun so entschieden nach Marburg wechseln ließen? 

Abb. 5: Gero von Merhart mit Dokotoranden und Studenten vor der Elisabethkirche in Marburg 1938 - Margarethe Philippson 2. v.r. (AktaArcha)

Die ersten sieben Veranstaltungs-Eintragungen im Studienbuch für das Wintersemester 1945/46 liegen alle im Bereich Germanistik, in dem er bislang nicht studiert hatte. Diese germanistischen Studien hat er auch in den Folgesemestern in kleineren Anteilen fortgesetzt, ergänzt durch Lehrveranstaltungen zur allgemeinen Geschichte. So hörte er etwa auch eine Vorlesung zur "Geistesgeschichte Rußlands im 18.-19. Jahrhundert". Bei Gero von Merhart hörte er "Einführung in die Urgeschichte" (1):

Die prägenste akademische Station für Georg Kossack war das Studium im sogenannten "Marburger Laden". Neben Gero von Merhart (1886-1959) gestaltete Margarete Philippson (genannt "Der Philipp") das Institutsleben, "... weil sie aus dem Seminar einen 'Laden' formte, eine Gemeinschaft, deren Mitglieder sich in politisch schwieriger Zeit aufeinander verlassen konnten und Freundschaften schlossen, die lebenslang hielten." (G. Kossack 1986, S. 4).

So zitiert nach (4). Diese Margarete Philippson (geb. 1903) (DigBibl) war die langjährige Sekretärin Merharts (Propyl). In einer Veröffentlichung des Jahres 1973 erinnert sich jemand an die Fürsorge (GB, 1973, S. 333), ...

... die mir Merharts langjährige Sekretärin, Frau Margarete Philippson, Marburg, hat zuteil werden lassen. Sie hatte uns Jüngere ja schon während unseres Studiums betreut, war uns Kamerad geworden und zuverlässiger Mentor in schwierigen Lagen. Sie hat Merharts Schicksal treu und uneigennützig mitgetragen, verstand ihn wie niemand sonst und wußte in vielen Gesprächen die Stimmung wiederzuerwecken, die die Persönlichkeit Merharts in guten wie in schweren Tagen um sich verbreitet hat.

Erschütternd die Zeilen, die Gero von Merhart am 23. Mai 1946 an seinen vormaligen Kollegen Gerhard Bersu schrieb, der nach England emigriert war (zit. n. 8):  

Von meinen und jedenfalls teilweise Ihren Schülern sind Buttler, Kersten, Holste, Wagner, Eckes, Lucke, Behaghel und Grünberg draußen geblieben und Nass in der Fremde gestorben.

Kossack blieb in Marburg bis zum Sommersemester 1947. Wir lesen (2): 

Mit dem Wechsel nach Marburg 1945/46 brach für Kossack ein entscheidender neuer wissenschaftlicher und persönlicher Lebensabschnitt an. Als Teil einer jungen, in jeder Hinsicht vom Krieg versehrten Generation fand Kossack in Marburg mit Gero von Merhart nicht nur einen akademischen Lehrer, der selbst im Nationalsozialismus durch die Aktivitäten Hans Reinerths seinen Lehrstuhl verloren  hatte, sondern auch eine Persönlichkeit, die für diese Generation prägend wirken sollte und für einen ideologiebefreiten Neubeginn des Faches stand.

Nunja, "ideologiebefreiter Neubeginn", das klingt ein bisschen nach Plattitüde, das klingt schon wieder für sich selbst "propagandistisch", plakativ. Nein, wir können es auch genauer sagen: Es ist nicht ideologiefrei, wenn ich bereit bin, wissenschaftlich alles für richtig zu halten nur nicht das, was ein Gustaf Kossinna und seine Schüler und "Enkel" für richtig gehalten haben. Genau das ist erneut: "Ideologie".

Die Rolle Gero von Merhart's in den Entnazifizierungsverfahren zahlreicher Fachkollegen, die fast alle Nationalsozialisten waren und der SS angehört hatten, ist schon 2012 in einer Studie kritisch hinterfragt worden (8) von einer Marburger Archäologin, die zu Gero von Merhart eine Magisterarbeit vorgelegt hatte und zu ihm auch eine Doktorarbeit erarbeitete (die wohl bis heute nicht veröffentlicht ist [?] - so groß scheint das Interesse in ihrem kritischen Hinterfragen dann innerhalb des Faches doch nicht zu sein). Zusammenfassend ist dabei festgestellt worden, daß Gero von Merhart maßgeblich zur "Legendenbildung" beigetragen hat was die Geschichte der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 betrifft (8):

Die Entnazifizierungsverfahren, an denen Merhart mitwirkte, stützen sich dabei auf den Versuch, ein Schwarz-Weiß-Bild der NS-Prähistorie zu zeichnen. Hans Reinerth bekam darin den Part des „Bösen“, also Auszuschließenden, der damit auch die Funktion hatte, die „Guten“ zu entlasten. Einher ging dies mit der Festschreibung, Reinerth habe völkisch übersteigerte Germanomanie betrieben, während die Merhart nahestehenden Forscher methodisch sauber und objektiv wissenschaftlich gearbeitet hätten. Diese Sicht steht in einem direkten Gegensatz zur gesamtgesellschaftlichen Entlastungslegende, die in der SS den Hauptakteur der deutschen Verbrechen sehen wollte. Sie schlägt sich noch zwanzig Jahre später in den beiden Arbeiten von Reinhard Bollmus (1970) und Michael Kater (1974) nieder und bestimmt, von diesen Arbeiten ausgehend, auch heute noch oft die Forschung. Einen Blick auf die direkte Nachkriegszeit zu werfen, bedeutet daher, zu den Anfängen der Legendenbildung zurückzukehren.

Wie wir unten noch sehen werden, ist auch Kossack dieser "Legendenbildung" bis zu seinem Lebensende nicht entgegen getreten, weshalb sie bis heute so außerordentlich stark nachwirkt. Übrigens weist die Rolle Gero von Merharts viele Parallelen auf mit der zeitgleichen Rolle, die der führende Pastor der Bekennenden Kirche Martin Niemöller nach 1945 bei der Rehabilitierung zahlreicher Pfarrer spielte, die zuvor den "Deutschen Christen" angehört hatten. Aber das nur nebenbei.  

Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack soll übrigens noch mancherlei spannende Details enthalten, die auf die Zusammenhänge Licht werfen könnten. Darüber wird unter anderem angeführt (3):

Ein anderes Beispiel betrifft Kossacks Sammlung von für ihn forschungsgeschichtlich interessanten Quellen. Eine dieser Quellen ist die schriftliche Dokumentation einer Veranstaltung der Stadt Ahrensburg zum Umgang mit dem Andenken an Alfred Rust unter dem Titel »Alfred Rust und die Rahmenbedingungen für die Archäologie im Dritten Reich« vom November 2000. Die Veranstaltung dokumentiert die hitzige Diskussion, ob ein archäologischer Lehrpfad nach dem Ahrensburger Ehrenbürger Alfred Rust benannt werden soll und wie Rusts Tätigkeit für das »Ahnenerbe« und seine freiwillige Meldung zur Waffen-SS zu bewerten seien (vgl. Pape 2002, 330). Diese Diskussion steht exemplarisch  für die Konfliktlinien im Umgang mit deutschen Prähistorikern, deren Karrieren vor 1945  erst in den letzten 20 Jahren verstärkt Beachtung geschenkt wurde. Auch wenn Kossack  sich in diesem Themenfeld in erster Linie zum Fall Merhart und zur Rolle Hans Reinerths geäußert hat, so finden sich doch zahlreiche - meist unpublizierte - Quellen und Notizen zu diesen Fragen in seinem Nachlaß (Kossack 1999, 56–76).

Es dürfte spannend sein, darüber noch mehr zu erfahren. Und wir wollen solche Fragestellungen auch hier auf dem Blog weiter im Auge behalten.

Kossack's Darstellung zur Geschichte der deutschen Archäologie im Dritten Reich (1999)

Georg Kossack wurde im Jahr 1988 emeritiert. Zehn Jahre nach seiner Emeritierung und fünf Jahre vor seinem Tod gab er eine Darstellung zur Geschichte seines Faches während des 20. Jahrhundertes und insbesondere auch während des Dritten Reiches (6). Es handelt sich um jene, die am Ende des letzten Zitates erwähnt worden ist. Diese Darstellung läßt den Leser mit eigentümlichen Gefühlen zurück. An zentraler Stelle derselben zitiert er einen Brief von Gero von Merhart aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen. Merhart's darin enthaltene Sichtweise auf die Entwicklung des Faches bis dahin scheint Georg Kossack noch im Jahr 1999 vollständig zu teilen. Dies gilt insbesondere auch bezüglich der Würdigung der Verdienste von Gustaf Kossinna, die sich in diesem Brief von Merhart auch findet.

1. Zur Einordnung Kossinna's in die Wissenschaftsgeschichte

Kossack führt in seiner Darstellung einleitend aus (6):

Nach dem ersten Weltkrieg trat bei manchen Archäologen in Deutschland der nationale, völkische Gedanke in den Vordergrund und spornte zu intensivierter Germanenkunde an, vor allem in den Ländern ostwärts der Elbe. Heute beurteilt man die Gelehrten, die diese Richtung vertraten, als Wegbereiter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das ist genauso irreführend als wenn man behauptete, alle Vorgeschichtsforscher der sowjetischen Besatzungszone und der späteren DDR hätten dort die ideologischen Voraussetzungen für die „sozialistische“ Diktatur geschaffen, nur weil einige in führender Position den historischen Materialismus als einzig mögliche Methode auch prähistorischer Forschung praktizierten.

Er stellt ausführlich die Fragestellungen, Bestrebungen und Sichtweisen des Anthropologen und Archäologen Rudolf Virchow dar und die sich daran anknüpfenden Fragestellungen und Sichtweisen von Forschern anderer Fächer. In den Rahmen all dieser Bestrebungen ordnet er dann - sozusagen "harmonisch" - die Fragestellungen und Sichtweisen von Gustaf Kossinna ein.

Abb. 6: Titelseite der Darstellung von Georg Kossack, 1999

Kossinna erscheint danach keineswegs als "bracchialer Neuerer", sondern als jemand, der Fragestellungen anderer Disziplinen erstmals konkreter auf die Archäologie angewandt hat (6):

Der Grundgedanke, aus der Verbreitung typischer Formen des Sachbesitzes auf verkehrsgeographisch begründbare Räume und infolgedessen auf Territorien zu schließen, die ethnisch einheitliche Bevölkerungsgruppen bewohnten, geht auf Überlegungen der Anthropogeographie zurück. Carl Ritter (1779-1859) und Friedrich Ratzel (1844-1904) hatten dieses Wissensgebiet zu einer selbständigen Disziplin gemacht, wobei Ratzel an die philosophischen Systeme von Montesquieu und Herder anknüpfte und vornehmlich aus ethnographischen Quellen schöpfte. Die Menschen, lehrte er, seien keine beliebig manipulierbare Größe im historischen Prozeß, sie unterschieden sich nach biologischen Merkmalen wie nach ihren kulturellen Einrichtungen. Deshalb dürfe man von raumbezogenen Kulturgruppen sprechen. Aus anthropologischen Merkmalen und ethnographisch beschreibbaren Besitztümern ließen sich die Beziehungen zwischen den Völkern rekonstruieren. Außer den sprachlichen Eigentümlichkeiten müsse vor allem der Verbreitung der Gegenstände Bedeutung zugemessen werden, „weil die Gegenstände den Stempel des Volkes tragen, das sie verfertigte. Wir erkennen an ihnen, wo immer sie auftreten mögen, das Volk, von dem sie ausgehen“ (1891). Deshalb spiegele sich in ihrer geographischen Verbreitung der Verbreitungskreis des Volkes oder dessen Verkehrsraum wider. Je enger das Objekt mit denjenigen zusammenhinge, die es verwendeten, desto sicherer setze ihre Übertragung in andere Kulturkreise Völkervermengung und -mischung voraus. Diese Gedanken waren bei den Kontakten der Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte im „anthropologischen Zeitalter“ des Faches in Deutschland gemeinsame Überzeugung aller Forscher. Für die prähistorische Archäologie sie präzise formuliert zu haben, war das Verdienst eines Germanisten, Gustaf Kossina (1858-1931). Wenn zum Begriff „Volk“ seit Herder ein abgeschlossenes, mehr oder weniger dicht besiedeltes Landgebiet von annähernd einheitlicher Kultur und Sprache gehörte, müßten, folgerte Kossinna 1895, in den „archäologischen Kulturprovinzen“ Völker- oder Stammesgebiete stecken. Später erhob er diese Hypothese zum Lehrsatz: „Scharf sich heraushebende, geschlossene archäologische Kulturprovinzen fallen unbedingt mit bestimmten Völker- und Stammesgebieten zusammen“.

In einer Anmerkung nennt Kossack wissenschaftliche Literatur, die sich mit Kossinna befaßt und stellt in diesem Zusammenhang erneut fest:

... hier als einer der Wegbereiter nationalsozialistischer Ideologie beurteilt, eine Simplifizierung, die von geringer Kenntnis der Ära zeugt, die Kossinna geprägt hat (s.u. S. 39 ff).

Wie er selbst Kossinna beurteilt, wird aus den weiteren Ausführungen deutlich (6):

In Richard Wagners „Ring“, 1876 erstmals zusammenhängend aufgeführt und schon damals als nationale Tat gefeiert, schien germanisch-deutsches Wesen wiederzuerwachen. Viele Deutschbewußte verstanden dieses Erlebnis als Einladung, sich intensiver mit Germanenkunde zu befassen, die damals in der Literatur- und Sprachwissenschaft als philologische Teildisziplin Hervorragendes geleistet hatte. Indessen, der sich formierende Widerstand gegen den raschen Aufschwung experimenteller Fächer und die unheilvollen Folgen rasanter Industrialisierung, gegen den fortschreitenden Zerfall der alten Standesordnung und deren Wertbegriffe, schließlich gegen die steigende Gewinnsucht und das Imponiergehabe eines saturierten Bürgertums, er rief jene „völkische Bewegung“ ins Leben, in der sich alsbald auch namhafte Akademiker zusammenfanden. Sie verteilten sich zwar auf zahlreiche Organisationen mit variierenden Programmen, aber der Gedanke an eine Reform des Lebens, die in der edlen Größe des Germanentums ihr Vorbild haben sollte, einte sie. Insofern legten sie ein pseudophilosophisches Fundament, auf dem die „Konservative Revolution“ der zwanziger Jahre weiterbauen konnte.

So weit, sicherlich so richtig. Und man möchte fast vermuten, Kossack würde hier auch über seine eigene Jugendzeit schreiben. Ausdrücklich kenntlich macht Kossack das allerdings nicht. Kossinna, so schreibt Kossack weiter (6), ...

... ließ sich von einer geistigen Bewegung tragen, die man sehr bewußt als Abkehr von der bürgerlich-liberalen Kultur der Zeit empfand. Wer gemeinschaftlich die mannigfaltigen Erscheinungsformen der Natur, der bäuerlichen Lebensweisen und die Werke aus urbaner Vergangenheit erwanderte, für den erwuchs daraus ein geschärftes Wertbewußtsein für die Schöpferkraft, die in den Leistungen des eigenen Volkes Gestalt gewann. Dem Bedürfnis, dessen Ursprung nachzugehen, entsprach Kossinna schon 1912 in seinem Buch „Die deutsche Vorgeschichte, eine hervorragend nationale Wissenschaft“.

Auch dies ist sachlich richtig. Und man möchte auch hier wieder fast heraus hören, was Kossack selbst in seiner Jugend dazu veranlaßte, Archäologie zu studieren - als Schüler dieser Kossinna-Schule und geprägt womöglich auch aufgrund von Erfahrungen in der Hitler-Jugend des Dritten Reiches. Daß Kossack sich der Einseitigkeiten der Kossinna-Schule bewußt ist, wird ebenso deutlich und wird auch gut durch Gero von Merhart in seinem Brief vom Herbst 1946 gekennzeichnet.

2. Zur deutschen Archäologie während des Dritten Reiches

Kossack's Darstellung der Geschichte der deutschen Archäologie während des Dritten Reiches wird man nun allerdings doch recht einseitig nennen müssen. Er folgt nur der Sicht Gero von Merhart's auf diese Geschehnisse, in keiner Weise der Selbstwahrnehmung der Kossinna-Schule in dieser Zeit. Er stellt es so dar, als ob der starke, totalitäre Staat den machtlosen "redlichen" Archäologen gegenüber gestanden sei. Das ist sicherlich eine Facette dieses Geschehens - aber nicht das vollständige Bild. Unter Berufung auf (7) führt er aus, es seien von Seiten des Staates gebraucht worden (6) ...

... organisatorisch begabte, selbstbewußte Naturen, die es an den Schaltstellen der Macht vor allem unter jungen Leuten in etlicher Menge gab, in Parteiämtern, im Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und auch in der Notgemeinschaft (Deutsche Forschungsgemeinschaft), die seit 1920 viele Unternehmen und qualifizierten Nachwuchs finanziell gefordert hatte, aber nach der Machtübernahme Hitlers dem „Führerprinzip“ glaubte folgen zu müssen. Man begann dort alsbald, auch Rosenbergs parteiamtliche Kontrollbehörde und Himmlers Schützlinge mit erheblichen Beträgen zu unterstützen, bis 1936 die einsetzende Kriegswirtschaft („Vierjahresplan“) eine Wende in der Wissenschaftspolitik notwendig erscheinen ließ. Wie sie sich auf die Forschungsgemeinschaft auswirkte, untersuchte kürzlich Notker Hammerstein (1999). Ein Protege Himmlers, höherer SS-Offizier, im Ministerium leitend tätig, übernahm die Präsidentschaft der Forschungsgemeinschaft, weitete die Förderung auf kriegswichtige Zweckforschung aus („Reichsforschungsrat“), zu der auch die Volkstumsforschung aller einschlägigen Sparten zählte, und vergaß dabei das „Ahnenerbe“ nicht, während er Rosenberg die bis dahin reichlich fließenden Mittel sperrte. Das hinderte jedoch weder den Reichsleiter noch dessen Gehilfen im Amt Vorgeschichte, Hans Reinerth (1900-1990) daran, Professoren konservativer Geisteswissenschaften unsachlich, ja rüde zu diskreditieren.

In dem letzten zitierten Satz fehlt der logische Zusammenhang mit den vorhergehenden Ausführungen. Mittelsperrung hätte Reinerth also "hindern" sollen, "rüde zu diskreditieren"? Könnte es nicht umgekehrt sein, daß Reinerth auch in dieser Mittelsperrung Machenschaften seiner "Gegner" sah, die dazu geführt haben könnten, daß sich sein Ton und sein Verhalten gegenüber den von ihm identifizierten "gegnerischen" Netzwerken verschärfte? Daß auch eine solche Sichtweise zumindest möglich ist, fehlt uns bei der Darstellung von Kossack. Kossack weiter (6): 

Das trieb etliche Studenten und Fachvertreter in die Arme der SS und ihres „Ahnenerbes“ , weil sie sich dort unangreifbar, der herrschenden Klasse zugehörig wähnten. Reinerth, bis 1934 Dozent in Tübingen, wo er sich ungerecht behandelt fühlte, im Rosenbergschen „Kampfbund für deutsche Kultur“ in leitender Position tätig, wurde 34jährig an die Berliner Friedrich Wilhelms-Universität und zugleich in die erwähnte parteiamtliche Kontrollbehörde berufen. Er setzte sich sogleich vehement für das geplante Reichsinstitut ein, auch mit unredlichen Mitteln, die er um so bedenkenloser nutzte, je mehr er Widerstand gegen seine Person und seine Forderung nach alleiniger Führerschaft vernahm (Heiber 1966, 245ff.; Bollmus 1970, 162ff. 221 ff.; Junker 1997, 55ff). Seine Gegner fand er im Marburger Kreis um Gero v. Merhart und in den Präsidenten des Archäologischen Instituts, Gerhard Rodenwaldt (1886-1945) und Theodor Wiegand (1864-1936), der zur Führungsspitze des Staates Verbindungen unterhielt.

Bei dem erwähnten "Protege Himmlers" handelt es sich um Rudolf Menzel (1900-1987) (Wiki), von dem berichtet wird, daß er schon in Göttingen "Netzwerke" geknüpft habe, und daß er ein ausgesprochener Karrierist gewesen sei. Während Kossack also noch verstehende Worte für Kossinna findet, findet er solche für Hans Reinerth in keiner Weise mehr.

Im Gegenteil. Ohne eigene Distanzierung und Einordnung zitiert er einen Brief Gero von Merhart's aus dem Herbst 1945 an den ostdeutschen Archäologen Bolko Freiherr von Richthofen, in dem Merhart Reinerth nichts weniger als einen "Lumpen" nennt, und in dem er von der "Schuld" ostdeutscher Kollegen am Niedergang des Faches spricht, und in dem er spricht von den "wissenschaftlich-politisch-weltanschaulichen Bastarden", die die Fehlentwicklung des Faches hervor gebracht hätten. Das sind schon krasse Bewertungen und Stimmungen, die aus diesem Brief sprechen. Ist es wirklich so, daß Gero von Merhart selbst völlig von "Rachsucht" frei war? Wenn dieser Brief also womöglich insgesamt auch rein sachlich die Entwicklungen innerhalb der deutschen Archäologie zwischen 1933 und 1945 ganz treffend charakterisiert, wird doch deutlich, daß Merhart persönlich in gar keiner Weise erhaben "über den Dingen" stand. Sondern auch dieser Brief schüttete nur wieder neues Öl ins Feuer. Mehrhart schreibt gar (6):

Die niederträchtige Behandlung, die Reinerth unter Deckung Rosenbergs mir widmete, hat meine Gesundheit zerschlagen.

Da scheint rein menschlich alles Porzellan zerschlagen, das überhaupt nur hatte zerschlagen werden können. Als Nachgeborener fragt man sich, woher diese überaus starken Emotionen gerührt haben mögen. Merhart selbst stellt sich nur als Opfer, nicht als Mitwirkender in Netzwerken und nicht als Nutznießer von Netzwerken dar, die ebenfalls während des Dritten Reiches über Einfluß verfügten. Kossack übernimmt diese Sichtweise Merharts offenbar vollständig. Eigenwahrnehmungen läßt Kossack nicht einfließen. Zu diesen ist sein Mund wie "zugenäht".

Walter Jens war gleichen Jahrgangs wie Kossack. Walter Jens starb zehn Jahre nach Kossack. Das Buch seines Sohnes Tilman Jens "Demenz - Abschied von meinem Vater" erschien 2009, zehn Jahre nach dem hier behandelten Aufsatz von Georg Kossack. Ob mit diesem Buch nicht auch der innere Zwiespalt, die "Demenz" und der zugenähte Mund eines ganzen Jahrgangs gekennzeichnet ist?

Soweit wir die wissenschaftliche Literatur zur Wissenschaftsgeschichte der Archäologie im Dritten Reich übersehen, werden selten bis nie Verbindungen und Überschneidungen gesehen und aufgezeigt mit dem damaligen, parallelen "Kirchenkampf" im Dritten Reich, mit der damaligen "Glaubenskrise" im Dritten Reich (rund um die sogenannten "Deutschen Christen"). Es ist aber doch deutlich, daß die Kossinna-Schule der deutschen Archäologie - ebenso wie Alfred Rosenberg selbst - klar für einen damaligen, starken neuheidnischen Impuls im deutschen Geistesleben standen. Und zumindest soweit es die Eigenwahrnehmung der Kossinna-Schule selbst betrifft, wehte ihr gerade wegen dieses fehlenden christlichen "Gesangbuches" so viel Gegenwind aus der eigenen Facharchäologie entgegen. Und sie sahen diesen Gegenwind insbesondere in Gero von Merhart verkörpert, der, wie erwähnt, nicht nur selbst in der Schweiz auf ein Jesuitengymnasium gegangen war, sondern der auch seine eigenen Söhne auf dieses schickte.  

/ Letzte Ergänzungen 
nach (8 und 9): 7.5.2026 /

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*) Während der Verfasser dieser Zeilen über Kossack schreibt, muß er oft an seinen eigenen akademischen Lehrer, den Mainzer Bismarck- und Fontane-Biographen Ekkhart Verchau (1927-2016) (Wiki) denken. Verchau stammte aus Salzwedel in der Altmark und war vier Jahre jünger als Kossack. Aber in Bezug auf eine gewisse "Bärbeißigkeit" mögen Ähnlichkeiten bestanden haben. 
**) Über das, was das Regiment Großdeutschland bis Januar 1942 schon alles durchgemacht hatte, ist zu lesen (Wiki):
Die endgültige Wende in der Schlacht um Moskau brachte die sowjetische Gegenoffensive ab dem 5. Dezember, welche auch das Regiment Großdeutschland traf. In der Nacht auf den 7. Dezember gab es die ersten Gefechte mit den frischen sibirischen Truppen, die hervorragend für den Winterkampf ausgebildet und ausgerüstet waren. Nachdem Generaloberst Guderian eigenmächtig für seine Panzerarmee den Rückzug befohlen hatte, begann dieser für die Einheiten des Infanterie-Regiments Großdeutschland in den Morgenstunden des 8. Dezembers. In den nächsten Wochen zogen sich die Einheiten des Regiments immer weiter nach Westen zurück. Die Gefechtsstärke der Kompanien sanken dabei auf jene von Zügen, sodaß Einheiten zusammengelegt werden mußten. Die vom Vormarsch her bekannte Stadt Mzensk passierten die dezimierten Großdeutschland-Verbände am Morgen des 22. Dezembers westwärts. In der Nähe von Bolchow wurden die Reste des Regiments in den Oka-Brückenkopf eingegliedert. Nach einigen Tagen der Ruhe griff die Rote Armee den Brückenkopf immer wieder an und fügte den dezimierten Verbänden noch weitere Verluste zu. Am 20. Januar wurden diese aus der Verteidigungsstellung herausgelöst und bis 21. Februar für lokale Angriffsunternehmen in Dörfern wie Jagodnaja oder Gorodok, die sich im Großraum Belew befanden, eingesetzt. Durch diese verlustreichen Kämpfe sank die Kampfstärke des einstmals so großen Verbandes auf drei Offiziere und 30 Unteroffiziere und Mannschaften, fast 1.000 Mann waren in den vergangenen Monaten gefallen und etwa 3.000 verwundet worden.

***) Reinerth hat sich in diesem Werk unter anderem Mühe gegeben, alle archäologischen Hinweise auf einen Odin-Glauben bei den germanischen Stämmen zusammen zu tragen. Sie finden sich verstreut in den drei Bänden. Im Zusammenhang mit dem Odin-Glauben wollten Teile der SS den heidnischen Germanen in Anlehnung an den Marburger Religionswissenschaftler Rudolf Otto ("Das Heilige", 1917) damals unterstellen, es hätte bei ihnen "Männerbünde" gegeben (die dementsprechend - in Form der SS und anderer Männerbünde - fortzuführen wären). "Neuheiden" wie Bernhard Kummer sind dieser Annahme damals entschieden entgegen getreten (wohl in Übereinstimmung mit Alfred Rosenberg). Und offenbar hat auch Hans Reinerth zu dieser Frage das Seine beitragen wollen. Das mag einer der vielen Aspekte im Leben von Reinerth sein, die vermutlich noch nicht ausreichend Aufmerksamkeit gefunden haben.

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  1. Dr. Gabriele Rasbach, Sandra Schröer-Spang M.A.: Georg Kossack (1923-2004) - Wegbereiter einer interdisziplinären Archäologie. Eine virtuelle Ausstellung zum 100. Geburtstag. Gestaltet von der Römisch-Germanischen Kommission, die den Nachlass Georg Kossacks aufbewahrt (DgtBib)
  2. Harald Meller trifft Hermann Parzinger - Skythen. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Veröffentlicht am 9.4.2026, aufgenommen im Jahr 2024 (Yt2024)
  3. Urte Dally und Christoph Jahn: Der wissenschaftliche Nachlaß von Georg Kossack (1923-2004). In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte / Band 97 / 2019 (pdf) 
  4. Gedenkschrift für Gero von Merhart. Zum 100. Geburtstag. Frey, Otto-Hermann; Dobiat, Claus; Roth, Helmut; Merhart, Gero von. Hitzeroth, Marburg 1986
  5. Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen. Band 35. 1973 (GB, 1973, S. 333)
  6. Kossack, Georg: Prähistorische Archäologie in Deutschland im Wandel der geistigen und politischen Situation. In: Sitzungsberichte - Bayerische Akademie der Wissenschaften, Jg. 1999, Heft 4, 2. Juli 1999 (pdf)
  7. Hammerstein, Notker: Die deutsche Forschungsgemeinschaft in der Weimarer Republik und im Dritten Reich: Wissenschaftspolitik in Republik und Diktatur 1920-1945. 1999
  8. Dana Schlegelmilch: Gero von Merharts Rolle in den Entnazifizierungsverfahren „belasteter“ Archäologen. In: Regina Smolnik (Hrsg.), Umbruch 1945? Die prähistorische Archäologie in ihrem politischen und wissenschaftlichen Kontext (= Beiheft 23 der Arbeits- und Forschungsberichte zur sächsischen Bodendenkmalpflege), Dresden 2012, 12-19 (Acad)
  9. Achim Leube: Zur Ur- und Frühgeschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität 1933-1945 (HUBerlin2004)

Sonntag, 23. April 2023

Völkergeschichte - Aus der Sicht von Mathilde Ludendorff (I)

Erörterungswürdiges und völlig Überlebtes in ihrem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" (1933)

Das Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte" von Mathilde Ludendorff (1877-1966) aus dem Jahr 1933 enthält grundlegende Aussagen und Deutungen

  1. zur Geschichtsphilosophie (zum "Sinn" der Geschichte), 
  2. zur Gruppenpsychologie und zum Ethnozentrismus (Was ist "Volksseele"? Wie macht sie sich geltend?).
  3. Außerdem werden die grundlegenderen Deutungen zu 1. und 2. erläutert durch nur wenige ausgewählte Beispiele aus der Völkergeschichte seit der Bronzezeit.

Innerhalb dieses Buches muß den unter 1. und 2. genannten grundlegenderen Gedanken ein ganz anderer Stellenwert zugesprochen werden als einigen oft außerordentlich unglücklich, ja, sogar maßlos schlecht ausgewählten Beispielen aus der Völkergeschichte, die zur Erläuterung dieser grundlegenden Gedanken herangezogen werden. Dies betrifft insbesondere Erläuterungen von Grundgedanken anhand der antik-griechischen Kultur.

Abb. 1: Leopold von Ranke - "Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1515" - Das geniale Erstlingswerk von 1824

Mathilde Ludendorff war keine Physikerin, hat sich aber dennoch 1923 grundlegende Intuitionen zur Entstehung des Universums zugetraut, die im Nachgang von der empirischen Forschung zu großen Teilen bestätigt, zu geringeren Teilen widerlegt worden sind. Etwa die Intuition, daß das Universum einen Anfang in der Zeit hatte (was erst 1927 erstmals von Physikern wie Lemaitre erörtert wurde). Etwa die Intuition, daß sich Komplexität in unserem Universum über Phasenübergänge entfaltet (was erst seit den frühen 1970er Jahren von der Physik besser verstanden worden ist). Auch die Benennung, an welchen Stellen der Entwicklung Phasenübergänge zu beschreiben sind. Und so noch vieles andere mehr. 

Parallel dazu, daß Mathilde Ludendorff keine Physikerin war, kann auch gesagt werden, daß Mathilde Ludendorff keine Historikerin war. Entsprechend müssen grundlegendere philosophische und psychologische Intuitionen getrennt werden von der oft allzu zeitverhafteten Erläuterung dieser Intuitionen mit Hilfe von Beispielen aus der Völkergeschichte.

Soweit uns bekannt, ist ihr Buch zur Philosophie der Geschichte noch selten umfassender mit den Ergebnissen der empirischen Forschung seither konfrontiert worden. Solange die Erkenntnisse der Archäogenetik über die Völkergeschichte noch nicht gewonnen worden waren - wie dies seit 2015 geschieht - hat es wohl auch noch keine gute Grundlage für eine solche kritische Betrachtung und Konfrontation mit der Empirie gegeben. Die meisten in ihrem Buch aufgeworfenen Deutungen konnten - zumindest in letzter Instanz - bislang nicht empirisch überprüft werden. Durch die Archäogenetik ist das nun ganz anders geworden.

Nach der Philosophie von Mathilde Ludendorff ist der höchste Wert in diesem Weltall die kulturelle Vielfalt der Völker auf dieser Erde, das "Gottlied der Völker" - wie ihr diesbezügliches siebtes philosophisches Werk benannt ist, das den Abschluß ihrer sieben grundlegenden philosophischen Werke bildet.

Die potentielle Unsterblichkeit der Völker

Der vielleicht wesentlichste Grundgedanke ihres vorhergehenden Buches "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" ist der Gedanke von der "potentiellen Unsterblichkeit der Völker". Dieser Gedanke wird dem Grundgedanken des Werkes "Der Untergang des Abendlandes" von Oswald Spengler aus dem Jahr 1919 entgegen gestellt, das einen gesetzmäßigen Alterstod von Völkern postuliert hatte. Das heißt, nach Mathilde Ludendorff sind Völker potentiell unsterblich - so wie die ursprünglichsten Lebewesen auf der Erde, die Einzeller. Potentiell unsterblich heißt allerdings - wie bei den Einzellern - nicht, daß nicht dennoch die große Mehrheit aller Völker im Verlauf der Geschichte irgendwann einen "Unfalltod" oder "Krankheitstod" sterben kann - oder sich gar in fast freudigem, heldischen Überschwang in die Arme des Völkertodes werfen kann (wie vergleichsweise viele indogermanische Völker, darunter auch die antiken Griechen). Es heißt das aber, daß die Geschichte von Völkern von sehr unterschiedlicher Dauer sein kann.

Abb. 2: Leopold von Ranke - Spanische Geschichte (1827)

So sehen wir für die Geschichte der germanischen Völkergruppe in Nordeuropa eine sprachliche, kulturelle und genetische Kontinuität seit fünftausend Jahren (seit der Zuwanderung der Schnurkeramiker und Glockenbecherleute nach Nordeuropa). Das ist - im Angesicht der vorausgehenden Untergänge von Völkern auch in Nordeuropa, sowie dann vielen parallelen im südlicheren Europa schon eine sehr lange Lebensdauer.

Für die chinesische Kultur deutet sich eine vermutlich noch größere sprachliche, kulturelle und genetische Kontinuität an, die bis in die Eiszeit zurück reichen könnte. Ebenso wie für die Klicksprachen-Völker, die Buschleute im heutigen südlichen Afrika. Und so vermutlich noch vereinzelt für manche andere Völker und Völkergruppen, bzw. für Reste von ihnen (etwa die finno-ugrische, die von dem Völkerkundler Lennart Meri erforscht worden ist).

Durch diese Beispiele scheint uns Oswald Spengler widerlegt. Und es scheint, als ob der Gedanke der potentiellen Unsterblichkeit der Völker, den Mathilde Ludendorff ausgesprochen hat, als empirisch bestätigt gelten kann. Auf jeden Fall ist er einer der Gedanken, um derentwillen dieses Buch heute noch als eröterungswürdig gelten kann.

Gibt es Todesgefahren für Völker? - Wenn ja, welche sind es?

Wenn Völker aber potentiell unsterblich sind und wenn menschliches Handeln verantwortlich dafür ist, ob Völker überleben oder nicht, dann stellt sich als nächstes die Frage: Woran sterben eigentlich Völker und Kulturen? Dieser Frage geht die Forschung spätestens seit Joseph A. Tainter's wertvoller Untersuchung "The Collapse of Complex Societies" nach. Dieses Werk vertrat die These, daß es einer "Mindestproduktion innovativen Wandels" bedürfe, wenn komplexe Gesellschaften im Verlauf ihrer Geschichte nicht scheitern und zugrunde gehen sollen.

Auch Mathilde Ludendorff stellt sich in ihrem Buch die Frage, welche Gefahren es für das Gottlied der Völker gibt und für das Überleben einer einzelnen Stimme, eines einzelnen Volkes innerhalb dieses Gottliedes. Als Todesgefahren nennt sie in ihrem Buch (1):

  1. Die Unvollkommenheit der Menschenseele
  2. Die Rassemischung (also Vermischung von Herkunftsgruppen)
  3. Fremdglaube (bzw. allgemeiner: Fremdkultur)

An dieser Stelle sollen diese drei Punkte nur als Umrisse genannt werden. Aber schon an dieser Stelle müssen wir aus heutiger Sicht gleich viele Einwendungen machen. Zunächst einmal sehen wir, daß so gut wie alle Völker weltweit - mit nur ganz wenigen Ausnahmen - das Ergebnis von "Rassemischung" sind, das Ergebnis von Vermischung von Herkunftsgruppen. Das sah auch Mathilde Ludendorff - dem Prinzip nach - schon so. Allerdings war zu ihrer Zeit das genaue Bild dazu im Grunde bestenfalls schemenhaft erahnbar, wenn nicht sogar gänzlich unbekannt.

So ging sie etwa - mit samt der "Rasseforschung" ihrer Zeit - von einer "Reinrassigkeit" der blonden und blauäugigen Germanen in Skandinavien aus, während wir heute sehen, daß die Skandinavier seit fünftausend Jahren nur den größten indogermanischen Steppengenetik-Anteil unter allen Völkern weltweit aufweisen - nämlich von etwa 50 %. Und wir wissen zugleich, daß auch dieser Steppengenetik-Anteil selbst wieder eine 50/50-Mischung von zwei sehr unterschiedlichen Herkunftsgruppen war, die aus dem östlichen Nordeuropa und vom Südufer des Kaspischen Meeres kommend an der Mittleren Wolga zusammen stießen.

Abb. 3: Leopold von Ranke - "Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation" (1839-1847)

/ Ergänzung 2.2.2025: Nur ein Jahr nach Erscheinen dieses Artikels ist das Bild der Ethnogenese der Jamnaja-Kultur ab 3.300 v. Ztr. am Mittleren Dnjepr, der Späten Urindogermanen, die die Vorfahren aller außer-anatolischen indogermanischen Völker darstellen noch deutlich komplexer geworden (s. Stg2024 ff). Grob gesagt, erfolgte Vermischung der Frühen Urindogermanen von der Mittleren Wolga ab 4.000 v. Ztr. mit iranisch-anatolisch-neolithischen Völkern in der Manych-Senke der Kalmücken-Steppe und schließlich deren tlw. "Rückvermischung" mit osteuropäisch-westeuropäischen Jägern und Sammlern weiter im Norden am Mittleren Dnjepr, wodurch sich deren osteuropäische Jäger-Sammler-Komponente wieder erhöhte. /

Mit solchen Vermischungen von Herkunftsgruppen kam es - davon kann und muß ausgegangen werden - fast immer auch zur Entstehung neuer Muttersprachen, sprich neuer Völker. Die Vermischung von Herkunftsgruppen hat also zunächst einmal die kulturelle Vielfalt der Menschenvölker weltweit - so wie sie heute besteht - nicht gefährdet, sondern hervor gebracht. Das ist eine außerordentlich wesentliche Erkenntnis.*) Diese Erkenntnis macht aber nur Sinn, wenn man sich zugleich bewußt macht, daß solche kurze Phasen von Vermischung einher gehen mit langen Phasen, in denen es zu keiner oder nur sehr geringer Vermischung kommt. Diese letztere Erscheinung findet oft viel weniger Beachtung. Aber sie kann schon an einem Paradebeispiel der Völkergeschichte aufgezeigt werden, nämlich den aschkenasischen Juden: Sie haben ungefähr tausend Jahre die Vermischung mit anderen Völkern sehr bewußt vermieden. Dennoch hat es während ihrer Ethnogenese Vermischungen mit nichtjüdischen Bevölkerungsanteilen (offenbar in Mittelitalien) gegeben wie wir heute wissen.  

"Günstige" oder "ungünstige" Vermischungen, Beeinflussungen - Die Beispiele der Hunnen und der Assyrer 

Nachdem dies festgestellt ist, macht es möglicherweise Sinn, in einem zweiten Schritt zu sagen, daß wir in der Völkergeschichte genetische und/oder kulturelle Vermischungen und gegenseitige Beeinflussungen von Herkunftsgruppen sehen, die sich günstiger auf die kulturelle (und zivilisatorische) Weiterentwicklung in der Menschheitsgeschichte und die Erhaltung der Völker ausgewirkt haben und solche, die sich weniger günstig auf diese Weiterentwicklung ausgewirkt haben. Auch das hat Mathilde Ludendorff - im Prinzip - schon so gesehen und formuliert. Allerdings war es zu ihrer Zeit auch hierzu völlig unmöglich, genauere Kenntnis zu erlangen.

So wissen wir heute, daß die indogermanischen Völker in Asien in der Bronzezeit über viele Jahrhunderte, oft Jahrtausende vergleichsweise unvermischt neben den dortigen westsibirischen und mongolischen Stämmen und neben dem chinesischen Volk gelebt haben und dabei auch zivilisatorische und kulturelle Neuerungen und Weiterentwicklungen in diese Region mit hinein gebracht haben, bzw. innerhalb derselben weiter gegeben haben von Ost nach West oder von Westen nach Osten.

Schließlich kam es aber - insbesondere in der Eisenzeit und in der Antike - zu einer auch genetischen Vermischung von indogermanischen Skythen und Sarmaten mit westsibirischen Völkern, mit iranisch-neolithischen Bauern, mit Mongolen und Chinesen, aus denen dann die Hunnen, Awaren, Bulgaren, Turkvölker und Landnahme-Ungarn als kriegerische Reitervölker hervor gegangen sind. Soweit übersehbar, haben sich diese vermischten Reitervölker - insgesamt gesehen - oft mehr zerstörend als aufbauend in der Völkergeschichte geltend gemacht.

Aber: In Abwehr dieser Reitervölker kam es wiederum auch zu Weiterentwicklungen. Das Volk der Deutschen formierte sich in Abwehr der Landnahme-Ungarn. Das byzantinische Weltreich bewahrte das Erbe der Antike bis zum Ende des Mittelalters in Abwehr dieser Reitervölker.

Jedes dieser einstigen Reitervölker und jener großen Völker, die nachmals aus ihnen hervor gegangen sind, stellt im übrigen einen kulturellen Wert an sich dar, ist eine Stimme im reichen Gottlied der Völker, ganz unabhängig von seinem Beitrag zur Weiterentwicklung in der Menschheitsgeschichte.

Ebenso kann vielleicht gesagt werden, daß sich die kulturelle Beeinflussung der orientalischen Völker an Euphrat und Tigris durch indogermanische Geisteshaltung und Kulturelemente wie sie durch die dortige Fremdherrschaft der von indogermanischer Kultur und Lebensweise beeinflußten Hurriter, Mitanni, Hethiter und ähnlicher Völker hinein getragen worden war während der Bronze- und Eisenzeit, insgesamt gesehen mehr zerstörend denn aufbauend ausgewirkt hat. Vermutlich angeregt durch die Fremdherrschaft dieser vom Kaukasus her eindringenden Völker sind nämlich - unter anderem - die furchtbaren, völkerzerstörenden Reiche von Urartu und der Assyrer entstanden. Und als ein Spätprodukt ist der völkerzerstörende Geistes des Assyrer-Reiches dann in die Schriften des Alten Testaments eingeflossen, die die Grundlage bildeten für jene religiöse Priesterdiktatur, die die Hasmonäer, bzw. Makkabäer den hellenisierten Juden Judäas um 150 v. Ztr. aufgezwungen haben (Zwang zur Beschneidung unter Todesstrafe) (7).

Nach den neuesten Forschungen des israelischen Archäologen Yonathan Adler (7) gibt es keine älteren Belege für die Praktizierung jenes Monotheismus, der in der Zeit ab 150 v. Ztr. und erst mit Hilfe der Schriften des Alten Testamentes in vergleichsweise kurzer Zeit und in zugleich furchtbarer Weise im Volk der Judäer durchgesetzt wurde, und der dabei "ein Volk mit einer Mission" schuf wie das Volk der Juden als einigermaßen einzigartig bis heute in der Weltgeschichte da steht. Niemals zuvor und niemals nachher ist einem Volk in einer solchen Weise eine sehr bewußt durchstrukturierte "Mission" aufgezwungen worden, wie sie seither dann auch über zweitausend Jahre hinweg gelebt worden ist. 

Dieser Umstand ist in dem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" zum Teil schon sehr treffend charakterisiert worden und die diesbezüglichen Ausführungen passen noch sehr gut zum heutigen Forschungsstand (4, S. 460-462). Das kann an anderer Stelle noch einmal ausführlicher erörtert werden. Überhaupt scheint diese Auseinandersetzung Mathilde Ludendorffs mit den gruppenevolutionären Strategien des Judentums viel zu ihrer Gruppenpsychologie insgesamt beigetragen zu haben. Für die Juden ist Fremdglaube ja tatsächlich Todesgefahr. Für die Juden ist genetische Vermischung mit anderen Völkern ja tatsächlich Todesgefahr (wenngleich sie sie dennoch praktiziert haben - aber immer nur kurzzeitig, dosiert und begrenzt - so wie man das ja auch sonst in der Völkergeschichte sieht).

Abb. 4: Leopold von Ranke - "Zwölf Bücher preußischer Geschichte" (1847-1848, 1878/1879)

Die Indogermanen waren - im Vergleich dazu - zwar ebenfalls Völker mit einer weltgeschichtlichen Mission. Sie waren sich dieser aber - vermutlich - niemals so bewußt wie die Juden. Und sie haben sich diese Mission auch - bis Ende des 19. Jahrhhunderts - niemals wirklich bewußt gemacht. Dieses Bewußtmachen einer weltgeschichtlichen Mission der Indogermanen, sprich der sogenannten "nordischen Rasse" wurde dann der völkischen Bewegung seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem Anliegen.

Der assyrische, völkerzerstörende Geist des Alten Testaments hat dann - in Form von Christentum und Islam - weitere umfangreiche weltgeschichtliche Wirkungen entfaltet bis heute. Er wurde in der Neuzeit noch einmal methodisch verfeinert durch verdeckt arbeitende Okkultlogen wie der Freimaurerei, dem Jesuitenorden und davon abgeleiteten, weltweit agierenden, geheimen, elitären, satanistischen und pädokriminellen Okkultlogen (die wir auf unserem Parallelblog ausführlich behandelt haben).

Christentum und Islam haben den Untergang Roms nicht aufgehalten - vermutlich viel eher beschleunigt. Sie werden aber auch nicht als der Hauptfaktor für den Untergang der germanischen Völker der Völkerwanderung genannt werden können. Die Neuentstehung von Völkern danach haben sie ebenfalls eher gefördert als verhindert. Das deutsche Volk beispielsweise ist von Anfang an als ein christliches Volk entstanden - auch gemeinsam mit dem damaligen Reichskirchensystem. Und so auch die meisten anderen Völker Europas. Das Christentum gehört - über die Muttersprache - zur "kulturellen DNA" der Deutschen dazu, in welchem Umfang und ob mehr zum Schaden oder mehr zum Nutzen der Deutschen, wird an dieser Stelle gar nicht entschieden werden müssen. (Das wird vermutlich auch erst in der Zukunft abschließender zu beurteilen sein.**)).

Aber die Tatsache, daß diese christliche, kulturelle "DNA" vorhanden ist, wird schon daran erkennbar, daß sich auch die Deutschen als Zerstörer vieler heidnischer Völker östlich der Elbe bis hin zu den Pruzzen in Preußen betätigt haben. Sie waren dabei ebenfalls angetrieben von der letztlich assyrischen Emphase zur Bestrafung und Zerstörung von Völkern in Ausführung eines angeblichen "Willen Gottes". Sie waren dabei ähnlich kulturzerstörend tätig wie die Spanier in Mittel- und Südamerika. Dessen darf man sich gerne bewußt sein. Auch als Deutscher.

Wir sehen heute also klarer als das in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts möglich war, daß kulturelle und genetische Vermischung in der Weltgeschichte fast immer beides mit sich gebracht haben, nämlich sowohl Möglichkeiten (für genetische und kulturelle Evolution) wie Gefahren (hinsichtlich des Abbruchs genetischer und kultureller Evolution). Das sah - dem Prinzip nach - auch schon Mathilde Ludendorff so. Auch sie sprach von günstigen und ungünstigen kulturellen und genetischen Vermischungen und Beeinflussungen. Sie sprach sogar vom "Sinn der tausendjährigen Unheilszeit", nämlich der Herrschaft des Christentums, der darin gelegen hätte, daß die Entwicklung von Wissenschaft, Kunst und Philosophie durch diese als fremd und unangemessen empfundene christliche Gottvorstellung beschleunigt worden wäre. So behandelt in ihrem kleinen Büchlein "Deutscher Gottglaube" von 1927.

Diesen grundlegenden Gedanken hat sie aber nicht mit in ihre "Philosophie der Geschichte" aus dem Jahr 1933 übernommen. In dieser sind deshalb - und ansonsten - die Schwerpunkt-Legungen oft noch ganz andere als sie sich nach heutigem Kenntnisstand nahelegen würden. Uns heute drängt sich viel stärker als vielleicht zu ihrer Zeit jene weltgeschichtliche "Dialektik" auf, die schon Hölderlin - und prägnanter sein Jugendfreund Hegel philosophisch ausformuliert haben, sowie jene "List der Vernunft" in der Weltgeschichte, über die sie all die Unvollkommenheiten der Menschenseele "nutzt", um über die vielen darüber ausgebildeten "Umwege" dennoch an ihr "Ziel" zu kommen (nämlich kulturelle Weiterentwicklung). Das heißt: ohne völkerzerstörende Kräfte würden sich die Völker der Welt von sich aus - vermutlich - gar nicht ausreichend aufgerufen fühlen und dazu aufraffen, sich um ihre Erhaltung zu kümmern. Also auch zerstörende Kräfte können in letzter Instanz zur Beschleunigung von Entwicklung beitragen. In diesem Sinne ordnen auch sie sich in ein Geschichtsbild ein, das schon von Leopold von Ranke gegeben worden ist (wie wir gleich sehen werden). 

Wille und Erleben - Geschichte und Kultur

Mathilde Ludendorff gibt im weiteren die philosophische Deutung, daß das Wesen der Geschichte der "Wille" sei, während das Wesen der Kultur das "Erleben" sei, das Gotterleben. Wille ist Anspannung, Erleben findet im entspannten Raum statt. Nach diesen Kriterien hat sie ihre beiden Bücher zur Philosophie der Geschichte und zur Philosophie der Kultur getrennt.  Diese Trennung mag aus dieser Sicht viel Berechtigung haben. Mathilde Ludendorff sagt aber auch selbst, daß einer solchen philosophischen Trennung über weite Strecken etwas Willkürliches anhaften muß, da diese Trennung im bunten und vielfältigen Leben der Völker eben nicht verwirklicht ist, sondern recht häufig verwischt in Erscheinung tritt. Der kontemplative Staatsmann und Philosoph kann im nächsten Augenblick an die Spitze seines Heeres treten, um Krieg zu führen und er wechselt doch im Feldlager jeden Abend erneut in die Kontemplation über. Und wir sehen von heute aus das Willkürliche einer solchen Trennung womöglich noch schärfer als man das 1933 sehen konnte.

Diese Trennung muß insbesondere dem Historiker als allzu willkürlich erscheinen. Dem Kulturwissenschaftler (Völkerkundler usw.) werden durch sie quasi alle herrlichen und "schönen" Seiten der Weltgeschichte "übergeben". Er darf Weltgeschichte quasi "feiern" und in ihr "schwelgen", während der Historiker - jedenfalls entsprechend dieser Trennung - vornehmlich mit all den unvollkommenen, ja verbrecherischen Willenskräften in der Weltgeschichte befaßt ist, die sich in ihr ja dann in so reichem Umfang geltend machen (nach Mathilde Ludendorff). So spricht Mathilde Ludendorff beispielsweise - und sicherlich sehr richtig - etwa von "der größten Gefahr für die Gotteinsicht der Völker, nämlich das gottferne Geschehen der Geschichte" (13, S. 10).

Eine seelische, überwölbende Einheit in allem Völkerleben

Bei dieser Trennung gerät unter anderem die Tatsache aus dem Blick, daß es - auch nach Mathilde Ludendorff - eine seelische Einheit in allem Völkerleben und in allem Geschichtsgeschehen gibt, das alle unvollkomenen Willenskräfte, die sich in der Weltgeschichte austoben mögen, überwölbt. Diese Einheit mag leichter für Zeitalter erahnbar sein, die nicht - wie das heutige - bestimmt sind von der "Todesnot des Göttlichen auf dieser Erde" (durch die Ausbreitung des Materialismus).

Abb. 5: Leopold von Ranke - Der Begründer der Geschichtswissenschaft als Wissenschaft

Jedenfalls war es glücklicherweise insbesondere der Begründer der Geschichtswissenschaft als Wissenschaft selbst, nämlich Leopold von Ranke (1795-1886) (Wiki), der diese alles überwölbende Einheit, Schönheit und Harmonie in allem geschichtlichen Völkerleben als grundlegende Tatsache in seinen Werken heraus gearbeitet hat. Seine Betrachtungen zur Völkergeschichte sind diesbezüglich unter anderem bestimmt von dem Grundgedanken des "Gleichgewichtes der Mächte" in allem Geschichtegeschehen und Völkerleben. Dieser Grundgedanke hat ja unter anderem auch in der Innen- und Außenpolitik Bismarcks - oder schon zuvor in der europäischen Politik Großbritanniens oder der europäischen Politik der Republik Venedig - jeweils eine große Rolle gespielt. Dieser Grundgedanke geht davon aus, daß sich in der Geschichte immer wieder ein Gleichgewicht der weltbeherrschenden Mächte quasi von selbst einstellt, weil sich die jeweils unterlegenen Mächte gegen die siegreiche, dominierende Macht verbünden, um die eigene Selbstständigkeit zu bewahren. In diesem Gedanken von dem Gleichgewicht der Mächte spiegelt sich also - in letzter Instanz - ein Einheitsgedanke in allem geschichtlichen Geschehen wieder.

Und auch Mathilde Ludendorff hat dieses Bündnis freier Völker im Angesicht drohender Übermacht als ein wesentliches Hilfsmittel zur Erhaltung des Lebens und der Freiheit der Völker benannt (besonders betont noch einmal in ihren Aufsätzen aus der Zeit um 1940, die nach 1945 unter dem Titel "Blätter, die vom Baum der Erkenntnis fielen" als Zeitschriftenbeiträge veröffentlicht worden sind und nachmals - unvollständig - in zwei kleinen Bändchen philosophischer Essays: "Vom wahren Leben" und "Von der Moral des Lebens") (S. 23). Dieser Grundgedanke liegt letztlich auch der oben genannten geschichtlichen "Dialektik" zugrunde, nach der eine weltgeschichtliche Kraft immer wieder erneut unweigerlich eine Gegenkraft auf den Plan ruft.

"Der Einfluß des Gotterlebens auf die Geschichte - Er ist größer als jeder andere"

Wir möchten nun vor allem postulieren, daß die wahrscheinlich wichtigsten Grundgedanken zur Deutung der Geschichte der Völker nach Mathilde Ludendorff die beiden folgenden sind:

"Ohnmacht der Geschichte gegenüber dem Gotterleben"

(so ist benannt das letzte Kapitel von "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" und er wird auch schon in früheren Kapiteln angesprochen) und

"Der Absturz der Religionen vom Gotterleben".

(so ist benannt das viertletzte Kapitel in dem nachfolgenden Buch "Das Gottlied der Völker"), also: (4; 1955, S. 304ff, S. 499ff) (Archive) und (5; 2007, S. 338ff) (Archive).

Die hier benannten zwei bis drei Kapitel machen bewußt, daß Weltgeschichte - vor allem - danach einzuteilen ist, wie gotterfüllt die jeweiligen, zu betrachtenden Geschichtsepochen waren und wie dementspechend auch die Seelengesetze einzuordnen sind, nach denen die in diesen Geschichtsepochen lebenden Völker gelebt haben. Und dies jeweils erkennbar an der von ihnen jeweils gelebten Kultur, bzw. Religiosität, bzw. den Sittengesetzen, nach denen sie leben oder lebten (4, S. 304ff).

Mathilde Ludendorff benennt hier sozusagen als den "Grundtrend" der Weltgeschichte seit Entstehung des anatomisch modernen Menschen den "Absturz der Religionen vom Gotterleben", der sich bis zum Heraufkommen des Monotheismus in der Weltgeschichte immer mehr beschleunigt hat, und dem sich als Gegenkraft entgegenstellt das "geschichtliche Werden der Gotterkenntnis". Damit ist gemeint, die "Wahrheit als Ganzes", die "Einheit des Wissens" wie sie in modernen Wissensgesellschaften heraus gearbeitet wird samt einer angemessenen, gültigen philosophischen Deutung dieser Ganzheit des Wissens und der kulturellen Erfahrung der Menschheit.

Abb. 6: Leopold von Ranke - "Französische Geschichte, vornehmlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert" (1852-1861)

Womöglich würde es mancherlei Berechtigung haben, wenn man - soweit es um eine Philosophie der Geschichte geht - die hier genannten zwei oder drei Kapitel an den Anfang einer solchen Philosophie stellen würde und wenn unter dem großen Rahmen der Inhalte dieser zwei oder drei Kapitel alles andere eingeordnet werden würde. Wobei dann als nächster Grundgedanke zu behandeln wäre, der "Sinn von tausendjährigen Unheilzeiten", durch die Weltgeschichte immer einmal wieder beschleunigt worden sein mag.

Dann erst würde der "große Wurf" sichtbar werden, der uns in der Geschichtsphilosophie von Mathilde Ludendorff enthalten zu sein scheint. Dieser sollte nach und nach noch deutlicher heraus gearbeitet werden. Im erstgenannten Kapitel schreibt sie etwa (4, S. 507):

Schon ahnten wir die Tatsächlichkeit der völligen Erhabenheit dessen, was des Lebens eigentlichen Wert und seelische Fülle ausmacht, nämlich des Gotterlebens gegenüber allem geschichtlichen Geschehen.

Geschichte ist - nach Mathilde Ludendorff - Machtentfaltung (also von Willenskräften) im Sinne der Volkserhaltung. Sie ist also ein Ringen um Macht, ein Kräftemessen. Die Unvollkommenheit der Menschenseele tobt sich nach ihr innerhalb des bunten Straußes an menschlichen Willenskräften mehr und folgenreicher aus als in jedem anderen Lebensbereich, und zwar insbesondere in Form von Machtgier, Machtmißbrauch, die die Machtentfaltung im Sinne der Volkserhaltung weit überschreiten, oft in der verbrecherischen Weise von Zwangs- und Gewaltherrschaft. Und dennoch (4, S. 512):

Ohnmächtig steht sie (die in diesem Sinne gestaltete Geschichte) diesem Reich der göttlichen Freiheit der Menschenseele gegenüber.

Sie betont in diesem Zusammenhang auch die Möglichkeit des Freitodes des Menschen im Angesicht gottwidriger, unwürdiger Lebenslagen. Das Buch entstand im Zeitalter des Stalinismus. Mathilde Ludendorff wußte, wovon sie sprach.***) Und im Jahr 1945 etwa haben Menschen in so gut wie allen deutschen Städten und Dörfern östlich der Elbe und östlich des Bayerischen Waldes von dieser Möglichkeit des Freitodes Gebrauch gemacht. Fast jede Dorfgeschichte kündet von solchen Menschen und von ganzen Familien. Zwei Dörfer vom Heimatdorf des Verfassers dieser Zeilen entfernt zeigt man sich noch jenen Feldrand, an dem sich eine ganze Bauernfamilie im Mai 1945 das Leben genommen hat.

Arthur de Gobineau, der Mißanthrop

Die Betonung der Beachtung des Umstandes, daß genetisch unterschiedliche Herkunftsgruppen zu unterschiedlichen Anteilen an der Geschichte der Völker und Kulturen weltweit beigetragen haben, sowie eine damit betonte "Ungleichheit" solcher Herkunftsgruppen wird in der Regel zurück geführt auf das Buch von Arthur de Gobineau "Versuch über die Ungleichheit der Menschenrassen" aus dem Jahr 1855.

Seit ihm gibt es nicht mehr nur ein Volk mit einer Mission in der Weltgeschichte, nämlich die Juden, sondern auch noch eine andere Völkergruppe, nämlich die Arier, die Indogermanen, die "nordische Rasse". Die durch ihn begründete Forschungsrichtung wurde bis 1945 sehr selbstverständlich "Rasseforschung" genannt. Da es uns nicht um Begriffe, sondern um die Dinge selbst geht, werden wir diesen Begriff im folgenden nur unter Anführungszeichen verwenden. Denn deutlich genug wird immer mehr, daß diese sogenannte "Rasseforschung" sich - aus heutiger Sicht - sehr weitgehend in einem eher vor- oder halbwissenschaftlichen Stadium abgespielt hat (zumindest von dem heutigen Wissen der Archäogenentik aus geurteilt).

Wir haben auf unserem Blog schon aufgezeigt, daß schon Friedrich Hölderlin sich Gedanken gemacht hat über den "südlichen Menschen" und die Gesetzmäßigkeiten seines Seelenlebens im Vergleich zu dem Menschen des Abendlandes und dessen Gesetzmäßigkeiten des Seelenlebens. Es bedurfte dazu also gar keiner "Rasseforschung" im eigentlichen Sinne.

Abb. 7: Leopold von Ranke - "Englische Geschichte, vornehmlich im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert" (1859-1869)

Friedrich Hölderlin ist ein Beispiel dafür, daß es keiner Abwertung einer (auch) genetisch zu umreißenden Herkunftsgruppe bedarf, um Unterschieden in den seelischen Gesetzmäßigkeiten von Kulturräumen und Kulturepochen nachzugehen. Ein weiteres Beispiel wäre der Begründer der modernen Geschichtswissenschaft Leopold von Ranke, dessen Erstlingswerk aus dem Jahr 1824 ebenfalls mit dieser Unterschiedlichkeit befaßt ist wie schon aus seinem Titel hervorgeht: "Geschichten der romanischen und germanischen Völker von 1494 bis 1514".

Der große Respekt vor der Andersartigkeit anderer Völker und Kulturen, anderer Zeitepochen und kultureller Großräume, von dem das Denken dieser beiden genannten Denker getragen war, ging in der Zeit danach innerhalb der abendländischen Kulturgeschichte in sehr weitgehendem Umfang verloren, häufig am deutlichsten im Bereich der sogenannten "Rasseforschung", die oft in sehr überheblicher Weise glaubte, den "Schlüssel zur Weltgeschichte" gefunden zu haben, wobei sie gar nicht merkte, wie stark sie dabei - oft fast gegen ihren Willen - in ein materialistisches Fahrwasser hinein geriet. Zum Beispiel die antik-griechische Kultur - das sehen wir heute besser als jemals - wird, angekränkelt vom Zeitgeist des Materialismus niemals angemessen zu erfassen sein. Der zersetzende Zeitgeist des Materialismus bewirkte aber eine oft viel zu isoliert ethnozentrische Sichtweise und Deutung vieler Erscheinungen der Völkergeschichte, die insbesondere wurzelte in einer Beachtung der bis dahin weniger hervorgehobenen Rolle der Herkunftsgruppe der Indogermanen in derselben.

Galten also bis dahin die Juden als "das Volk des Heils" - mit entsprechender Abwertung anderer Völker, insbesondere wenn sie "Heiden" waren - wurden nun die Indogermanen als "das Volk des Heils" heraus gestellt - mit entsprechender Abwertung anderer, nichtindogermanischer Völker.

Schon G. F. W. Hegel hatte in seinen Frühschriften, die geprägt waren von seinem geistigen Austausch mit seinem Jugendfreund Friedrich Hölderlin, gefragt "Ist denn Judäa der Teutschen Vaterland?" Die übermäßige, ethnozentrische Betonung des "Heiligen Landes" Israel durch die christliche Religion des Abendlandes bewirkte in den Jahrzehnten, in denen diese Religion an Überzeugungskraft verlor, eine Gegenreaktion in einer übermäßigen ethnozentrischen Betonung der als weltgeschichtliche Gegenkraft zum Judentum empfundenen Völkergruppe, nämlich der Germanen und der Indogermanen, die auch als "Arier" bezeichnet wurden (Wiki).

Abb. 8: Leopold von Ranke - "Weltgeschichte" (1881-1888)

In der Tradition dieser Geistesrichtung steht nun ganz klar auch das Denken der völkischen Hintergrundpolitikkritikerin und naturwissenschaftsnahen Philosophin Mathilde Ludendorff. Dieses Denken war stark geprägt von Religionskritik, insbesondere Kritik an den monotheistischen Religionen und zugleich - was das Geschichtsbild betrifft - orientiert an Zeitgenossen und Vorläufern wie dem Gobineau-Übersetzer Karl Ludwig Schemann (1852-1938) (Wiki)***), an dem Popularisierer der Ergebnisse der Forschungen zur Kultur Babyloniens Friedrich Delitzsch (1850-1922) (Wiki) und damit - in letzter Instanz - an dem Denken des "Begründers" der "Rasseforschung" Arthur de Gobineau. 

Was von dem Denken dieser vier Denker vor dem Kenntnisstand von heute zur Rolle der Herkunftsgruppen in der Völkergeschichte Bestand hat, was völlig fehlerhafter Ausfluß eines seelenlosen, materialistischen Zeitalters, eines übertrieben ethnozentrischen Denkens in Gegenreaktion gegen den Monotheismus war, auch psychologisch Folge der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg war, und was zugleich auch Folge eines damaligen, noch völlig unzureichenden Kenntnisstandes über die lange Dauer der Völkergeschichte war, was erst mit Heraufkommen der C14-Methode ab 1950 erkannt werden konnte, all das herauszuarbeiten, ist seit dem Heraufkommen der Archäogenetik dringender geworden als jemals zuvor. In den Rahmen der Klärung der diesbezüglichen wissenschaftsgeschichtlichen Zusammenhänge stellt sich auch der vorliegende Beitrag.

"... wie ward die Erde plötzlich so öde an freien Völkern!"

Es mag sinnvoll sein, einer solchen Klärung ein Wort von Leopold von Ranke voranzustellen, das gewiß seine Gültigkeit bewahrt hat über alle Untiefen des 20. Jahrhunderts hinweg, und das die Grundstimmung aller genannten Denker bei der Betrachtung der Völkergeschichte auf einen Nenner bringen wird. In der Einleitung zu seinem Werk "Die römischen Päpste", erschienen 1834, fallen die Worte:

... wie ward die Erde plötzlich so öde an freien Völkern!

Da ist viel ausgesagt mit nur zehn Worten. Ranke bezieht sich dabei auf die Ausbreitung des Römischen Weltreiches. Die Sichtweise, daß völkerzerstörende Großreiche in der Menschheitsgeschichte mehr Fluch als Segen in der Menschheitsgeschichte mit sich gebracht haben und mit sich bringen, wird von allen genannten Denkern geteilt. Schon Friedrich Hölderlin zeigt sich entsetzt über das Auftreten Alexanders des Großen, des "Jägers", der die politische Freiheit und Selbstständigkeit Griechenlands zu Schanden gejagt hatte. Hölderlin läßt entscheidende Teile seines Romans "Hyperion" auf der griechischen Insel Kalauria sich ereignen. Und er schreibt (Gutenb):

Wir saßen einst zusammen auf unsrem Berge, auf einem Steine der alten Stadt dieser Insel und sprachen davon, wie hier der Löwe Demosthenes sein Ende gefunden, wie er hier mit heiligem selbsterwähltem Tode aus den makedonischen Ketten und Dolchen sich zur Freiheit geholfen - Der herrliche Geist ging scherzend aus der Welt, rief einer; warum nicht? sagt ich; er hatte nichts mehr hier zu suchen; Athen war Alexanders Dirne geworden, und die Welt, wie ein Hirsch, von dem großen Jäger zu Tode gehetzt.
O Athen! rief Diotima; ich habe manchmal getrauert, wenn ich dahinaus sah, und aus der blauen Dämmerung mir das Phantom des Olympion aufstieg! ...

Mit so wenigen Worten ist auch hier so viel gesagt. Schon für Friedrich Hölderlin endete also die eigentliche Blütezeit der griechischen Kultur mit Alexander dem Großen. Dieser habe das "edle Wild" der griechische Freiheit zu Tode gehetzt. Im Angesicht des vorangehenden perikleischen Zeitalters und des Wohlstandes, den Athen und andere griechische Stadtstaaten damals in Kriegen untereinander angehäuft hatten, fragte er aber auch (Doc):

Meinest du 
Es solle gehen,
Wie damals? Nämlich sie wollten stiften
Ein Reich der Kunst. Dabei ward aber
Das Vaterländische von ihnen
Versäumet, und erbärmlich ging
Das Griechenland, das schönste, zu Grunde.

Ein verlorenes Bühnenstück von Hölderlin soll von dem Spartanerkönig Agis IV. gehandelt haben, der in jener Zeit mit jugendlichem Ungestüm - aber vergeblich! - eine Restauration der alten spartanischen, kriegerischen Tugenden der Entbehrung und des Mannesmutes in seinem Volk hatte bewirken wollen, der jedoch an der Bequemlichkeit der reich und wohlhabend gewordenen Spartaner gescheitert ist (während zeitgleich in Judäa ein anderes Volk in der Lage war, sich eine Mission zu geben: die Juden).

Das kurze, gebrachte Zitat von Ranke soll noch im größeren Zusammenhang gebracht werden (1):

Überblicken wir den Umkreis der alten Welt in den früheren Jahrhunderten, so finden wir ihn mit einer großen Anzahl unabhängiger Völkerschaften erfüllt. Um das Mittelmeer her (...) wohnen sie: mannigfaltig gesondert, ursprünglich alle enge begrenzt, in lauter freien und eigentümlich eingerichteten Staaten. Die Unabhängigkeit, die sie genießen, ist nicht allein politisch: allenthalben hat sich eine örtliche Religion ausgebildet; die Ideen von Gott und göttlichen Dingen haben sich gleichsam lokalisiert; nationale Gottheiten von den verschiedensten Attributen nehmen die Welt ein; das Gesetz, das ihre Gläubigen beobachten, ist mit dem Staatsgesetz unauflöslich vereinigt. Wir dürfen sagen: diese enge Vereinigung von Staat und Religion, diese zwiefache Freiheit, nur durch stammverwandtschaftliche Verbindungen leicht beschränkt, hatte den größten Anteil an der Bildung des Altertums. Man war in enge Grenzen eingeschlossen, aber innerhalb derselben konnte sich die ganze Fülle eines jugendlichen, sich selber überlassenen Daseins in freien Trieben entwickeln. Wie wurde dies alles so ganz anders als die Macht von Rom emporkam. Alle die Autonomien, welche die Welt erfüllen, sehen wir eine nach der anderen sich beugen und verschwinden: wie ward die Erde plötzlich so öde an freien Völkern.

Wir sehen hier, wie Ranke in der Hochwertung der kulturellen Vielfalt der Menschenvölker mit Mathilde Ludendorff übereinstimmt. Und wir können uns ein Bild machen von dieser vielfältigen Völkerwelt, wenn wir etwa die Völkerbeschreibungen des griechischen Völkerkundlers Herodot lesen. Und wie sehr kann dieses Wort von Leopold von Ranke noch fast 200 Jahre später so kalt und beklemmend ans Herz greifen. Ja, eine blühende, jugendfrische, freie, in ihrer jeweiligen Eigentümlichkeit vielfältige und bunte Völkerwelt weltweit kann nur als kulturelles Ideal der Menschheit gelten, ja, mag als der höchster Wert in diesem Weltall angesehen werden. Und Vernichtung dieser kulturellen Vielfalt - auf welchem Wege auch immer - kann nur als Völkermord in schärfster Weise gegeißelt werden - wie es ja schon lange auch das internationale Völkerrecht - der Rechtstheorie nach - tut. 

Für die naturwissenschaftsnahe Denkerin Mathilde Ludendorff war der Kampf für die Erhaltung der Völkervielfalt weltweit des Einsatzes der Edelsten der Menschheit wert. Sie setzte sich zeitlebens dafür ein. Und von diesem Einsatz, von dem Denken darüber, wie diese Erhaltung möglich ist, sind auch ihre philosophischen Werke durchgehend durchdrungen. Wenn dies der eigentliche Wert ist, um den in der Völkergeschichte gerungen wird, dann muß man um so erschütterter vor der Erscheinung stehen, daß Völker reihenweise der kulturellen Anpassung an Großreichen erlegen sind und weiter erliegen (Sowjetisierung, Amerikanisierung, Globalisierung).

Das Ziel der Weltgeschichte kann nur lauten: Erde, erblühe im Reichtum freier, unabhängiger, selbstständiger, sich gegenseitig am Leben erhaltender Völker!

Leopold von Ranke hat über den Untergang des freien Griechenland unmittelbar nach der Eroberung durch Alexander den Großen geschrieben (Ranke/Weltgeschichte, Bd. 1):

Bei der wärmsten Teilnahme für die Freiheit von Griechenland ist man, die universalen Verhältnisse überlegend, doch versucht, den Ersatz für diesselbe darin zu finden, daß eine wahrhafte Welteinwirkung des griechischen Geistes erst unter der Herrschaft der Makedonen begann.

Hier sehen wir nun eine andere Tendenz in der Weltgeschichte hervor treten und sie auch als bedeutend von Leopold von Ranke benannt: Völker begeistern sich - nach erfolglosem militärischen Widerstand - für eine Kultur, die ihnen ihrer eigenen gegenüber höherwertig erscheint - und auch höherwertig erscheinen muß. Sie wollen plötzlich alle Griechen werden. Auch diese Tendenz gibt es in der Weltgeschichte. Dieser "Sog der Zeit" ging ja so weit, daß sogar die Menschen in Judäa Griechen sein wollten, und daß sie davon nur durch Monotheismus und schärfste Priesterdiktatur abgehalten werden konnten. Insgesamt fällt es einem schwer, diese Tendenz innerhalb der Völkerwelt, Grieche sein zu wollen, so völlig zu verdammen.

Und dieser griechische Geist stellte ja - ohne Zweifel - das Fortschrittlichste dar, was bis dahin von Seiten der Weltgeschichte hervor gebracht worden war. Dieser griechische Geist sollte noch 600 Jahre lang weiter fortbestehen und fortblühen und ein außerordentlich reges Leben entfalten, auch unabhängig von der politischen Freiheit, die die Griechen bis dahin gelebt hatten. Damit ist deutlich genug gezeigt, daß seelisches und kulturelles Leben nicht zwangsläufig an politische Freiheit gebunden ist. Das Schicksal Deutschlands seit dem Hochmittelalter gibt ein Zeugnis für denselben Umstand. Politische Freiheit und Selbstständigkeit und kulturelle Freiheit und Blüte müssen nicht in einem besonders engen Wechselverhältnis zueinander stehen, stehen aber auch nicht völlig unverbunden zueinander. Irgendwann kann ein Volk, das nicht um Leben und politische Freiheit und Selbstständigkeit ringt, auch an seiner eigenen sklavischen, heuchlerischen, läppischen und unengagierten Gesinnung verwesen und zugrunde gehen.

Ranke setzt etwas später weiter fort (1):

Bei aller Teilnahme, die wir dem Untergange so vieler freien Staaten widmen, können wir doch nicht leugnen, daß aus ihrem Ruin unmittelbar ein neues Leben hervorging. Indem die Freiheit unterlag, fielen zugleich die Schranken der engen Nationalitäten. Die Nationen waren überwältigt, zusammen erobert worden, aber eben dadurch vereinigt, verschmolzen. Wie man das Gebiet des Reiches den Erdkreis nannte, so fühlten sich die Einwohner desselben als ein einziges, ein zusammengehörendes Geschlecht. Das menschliche Geschlecht fing an, seine Gemeinschaftlichkeit inne zu werden. In diesem Moment der Weltentwicklung ward Jesus Christus geboren.

Wieder so mitreißende Ausführungen von Leopold von Ranke, gipfelnd in dem Satz: "In diesem Moment der Weltentwicklung ward Jesus Christus geboren." 

Aus heutiger Sicht wäre dazu sagen: Dieser Moment der Weltentwicklung wurde dazu benutzt, einen internationalen Welterlöser zu erfinden, der sich in seinen Reden an die Unterschichten und die Verachteten in der Gesellschaft wandte, der nicht an die edle Gesinnung in der menschlichen Seele appellierte, sondern der die Schwäche und Brüchigkeit des menschlichen Willens zum Gutsein in den Vordergrund stellte, der die Lehre vertrat, der Mensch wäre "böse von Jugend auf" und würde deshalb immer wieder Gottes Strafe teilhaftig werden müssen. Eine wahre Sklavengesinnung (4, S. 460-462).

Tacitus über die Juden

Die Juden wurden dementsprechend von der Bildungsschicht des römischen Reiches auch als etwas gänzlich anderes angesehen als alle übrigen Barbaren, nämlich als welche, die "Haß auf alle Menschen" hätten ("odium humani generis") (s. Wiki). Tacitus berichtet um 100 n. Ztr. über die Juden, sie seien aus Ägypten vertrieben worden (Tac.), ...

... da diese Menschenrasse den Göttern verhaßt sei. (...) Moses aber führte neue Riten ein, die denen der übrigen Sterblichen entgegengesetzt sind, um auch in Zukunft das Volk fest im Griff zu haben. Dort ist alles unheilig, was bei uns heilig ist, andererseits ist bei ihnen erlaubt, was bei uns ein Frevel ist. (...) Diese Riten, aus welchem Grund sie auch immer eingeführt wurden, werden durch ihr Alter verteidigt. Die übrigen Einrichtungen sind unheilvoll, schrecklich und tun sich durch ihre Verderbtheit hervor. (...) Weil sie in Treue fest zueinander stehen, üben sie bei sich selbst Mitleid, aber feindseligen Haß gegenüber allen anderen. (...) Die Ägypter verehren sehr viele Tiere und Bildnisse, die aus Menschen- und Tiergestalt zusammengesetzt sind. Die Juden dagegen glauben nur an eine Gottheit und diese stellen sie sich rein abstrakt vor. Für Frevler halten sie die, die Götterbilder aus vergänglicher Materie und nach menschlichem Aussehen schaffen. Jenes höchste und ewige Wesen kann weder abgebildet werden, noch ist es vergänglich. Daher stellen sie keine Götterbilder in ihren Städten und schon gar nicht in ihren Tempeln auf. Nicht den Königen lassen sie diese Verehrung zuteil werden, ebenso wenig wie sie den Kaisern diese Ehre zukommen lassen.

Tacitus hat in diesen Worten schon sehr viel von den grundlegenden gruppenevolutionären Strategien des Volkes der Juden zusammen gefaßt. Dieses Gefühl der Feindschaft gegenüber "allen", sprich allen Nichtjuden ("Gojim") und mehr noch gegenüber allen Menschen, die nicht an "den einen Gott" der Juden glauben, dieses Gefühl der Feindschaft also hat - nach Tacitus - das Volk der Juden in der Hand der Priester zusammen geschweißt. Die Riten, die - offenbar sehr bewußt - von denen aller anderen Völkern abweichen, "werden durch ihr Alter verteidigt". Das geschieht in den Schriften des Alten Testaments, die wohl erst ab 250 v. Ztr. im Wesentlichen erfunden worden sind (7).

/ Dieser Beitrag wird fortgesetzt
 in einem ---> zweiten Teil. /

_________________

*) / 18.4.2026 - Ob es Sinn macht, in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, daß in der Biologie ganz allgemein von der "hybrid fitness" die Rede ist (PlosGen2019), soll an dieser Stelle offen bleiben. Unter diesem Stichwort wird erörtert, daß Mischlinge zwischen zwei Arten oder Unterarten einer Tier- oder Pflanzenart entweder evolutive Vor- oder Nachteile aufweisen können. Das wird auch unter Stichworten wie "Hybride" (Wiki, engl) und "Hybrid vigor" oder "Heterosis-Effekt" (Wiki, engl) oder "Heterozygote adventage" erörtert. Zu berücksichtigen ist auch, daß ebenso Inzucht evolutive Vor- wie Nachteile haben kann (Stg2007).
**) Nämlich wenn die germanische Völkergruppe an dieser Fremdreligion in letzter Instanz zugrunde gegangen ist oder sich - in heller Empörung über die eigene Unwürdigkeit - von allen verbliebenen unwürdigen Schlacken dieser Fremdreligion - endlich - reinigt.
***) Dabei stellt sie es so dar, als ob es historisch wäre, daß die germanische Seherin Veleda (ADB, Wiki, engl) als Gefangene der Römer in den Tiber gesprungen wäre, um nicht im Triumphzug der Römer durch Rom geführt zu werden. Einen solchen Freitod finden wir aber in den wissenschaftlich gesicherten Angaben zum Leben der Veleda nicht (s. ADB, Wiki, engl). Stattdessen finden wir ihn dargestellt in dem - vermutlich durchaus mitreißend zu lesenden - historischen Roman "Bataver" von Felix Dahn aus dem Jahr 1870 (6; 1876, S. 280). Schon an dieser Stelle bemerken wir, daß es Mathilde Ludendorff in diesem Buch mit der wissenschaftlichen Exaktheit nicht zwangsläufig immer so ganz genau zu nehmen scheint wie man das sonst aus ihren Büchern gewohnt ist. Wir werden - leider - noch weiteres dazu nennen müssen. - Besser gewählte Beispiele wären vielleicht eher die Selbstmorde der Frauen der Kimbern und Teutonen nach verlorener Schlacht gegen die Römer gewesen, die ja gut genug geschichtlich bezeugt sind.

_________________

  1. Ranke, Leopold: Die römischen Päpste. Bd. 1. Berlin 1834 (Textarchiv)
  2. Schemann, Ludwig: Hauptepochen und Hauptvölker der Geschichte in ihrer Stellung zur Rasse. Zweiter Teil von: Die Rasse in den Geisteswissenchaften. Studien zur Geschichte des Rassegedankens. J. F. Lehmann's Verlag, München 1930 (GB) 
  3. Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Verlag, München 1931 (GB)
  4. Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Erstauflage 1933 (GB); Verlag Hohe Warte, Pähl 1955 (Archive) 
  5. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kultur. Ludendorffs Verlag, München 1935; Verlag Hohe Warte, Pähl 2007 (Archive) 
  6. Dahn, Felix: Die Bataver. Historischer Roman aus der Völkerwanderung (a. 69 n. Chr.). 1876 (GB); 1890
  7. Adler, Yonathan (bzw. Jonathan): The Origins of Judaism. An Archaeological-Historical Reappraisal (The Anchor Yale Bible Reference Library) Yale University Press, 15. November 2022 (Amz, GB)
  8. Holm, Adolf: Griechische Geschichte von ihrem Ursprunge bis zum Untergange der Selbstständigkeit des griechischen Volkes. Berlin Bd. 1, 1886; Bd. 2, 1889; Bd. 3, 1891; Bd. 4, 1894
  9. Holm, Adolf: Die Griechen. In: Adolf Holm, Wilhelm Deecke, Wilhelm Soltau: Kulturgeschichte des klassischen Altertums. Friesenhahn, Leipzig 1897, S. 1-160 (GB)
  10. Droysen, Johann Gustav: Geschichte des Hellenismus. Geschichte der Epigonen. 1. Halbband. Friedrich Andreas Perthes, Gotha 1877 (2. Auflage) (GB)
  11. Plutarchs moralische Abhandlungen. Übers. von Johann Friedrich Salomon Kaltwasser. 9 Bände. Johann Christian Hermann, Frankfurt am Main 1783-1800, Band 3, 1786 (GB)
  12. Ranke, Leopold von: Weltgeschichte. Die Geschichte der abendländischen Welt von den ältesten historischen Völkergruppen bis zu den Zeiten des Übergangs zur modernen Welt. Band 1: Von den ältesten historischen Völkergruppen bis zur Emanzipation der germanischen Völker. Emil Vollmer Verlag - Phaidon Verlag, Esssen o.J.
  13. Ludendorff, Mathilde: Das Hohe Lied der göttlichen Wahlkraft. 1943 begonnen. Verlag Hohe Warte, Pähl 1957
  14. Ludendorff, Mathilde: Vom wahren Leben. Philosophische Essays. Verlag Hohe Warte, Pähl 1972 [posthum, zuvor erschienen als "Blätter, die vom Baum der Erkenntnis fielen"]

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