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Mittwoch, 17. November 2021

Tiere betreiben "Social Distancing"

Selbstloser Dienst am Gemeinwohl
- Neue Erkenntnisse zur Immun-Gruppenpsychologie

Schon bei Ameisen und bei vielen anderen Tierarten ziehen sich einzelne erkrankte Tiere aus der Gemeinschaft zurück. Die Gemeinschaft grenzt sich nach außen ab, weil in anderen Gemeinschaften andere Krankheitskeime vorherrschen als in der eigenen. Gemeinschaften jedoch, die sich zu sehr abgrenzen, können sich gegebenenfalls nicht schnell genug an neue Krankheitskeime anpassen und sterben massenhaft dahin. Das bekannteste Beispiel ist Mittelamerika im 16. Jahrhundert.

Aber ein solches Geschehen kann es natürlich auch zu anderen Zeiten in der Weltgeschichte gegeben haben. Manche Archäogenetiker schreiben der Pest im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Indogermanen eine solche Rolle zu. Auf jeden Fall gibt es eine Risikovariante dafür, an Covid 19 zu sterben (SNPedia). Die Hälfte aller Inder besitzt sie, in Ostasien aber gibt es diese Risikovariante aber kaum und bei Menschen europäischer Herkunft nur zu etwa 8 Prozent (6-9). Das könnte daran liegen, daß diese Risikovariante (die nur vom Neandertaler stammt - nicht vom Denisova-Menschen, nicht vom anatomisch modernen Menschen aus Afrika) schon in früheren Epidemien in Asien und z.T. in Europa "ausgerottet" worden ist.

Durch solches Geschehen, bzw. in Auseinandersetzung mit solchem Geschehen sind im Tierreich schon früh Verhaltensinstinkte evoluiert worden. Über einen neuen Artikel in der Zeitschrift "Science" (1) wird in "Bild der Wissenschaft", bzw. "Natur" berichtet (2):

Wie Tiere auf Distanz gehen - Social Distancing in der Natur - Anhand von Beispielen zeigen Forscher auf, wie verbreitet die verschiedenen Formen des Social Distancings bei Tieren sind und welche Parallelen sowie Unterschiede es dabei zum menschlichen Verhalten gibt. Welche Formen des Abstandhaltens es gibt..

Damit wird auf ein Thema aufmerksam gemacht, das wir hier auf dem Blog schon vor 13 Jahren aufgegriffen hatten (3, 4), und an das wir uns durch diesen Artikel wieder erinnern. Nämlich daß die Gruppenpsychologie des Menschen und sein sonstiges Verhalten mitgeleitet sind von der Gefahr von sich ausbreitenden Krankheiten.

Mandrill (Wiki)

Ein erster Hinweis dafür ist, daß schwangere Frauen, geleitet durch das Vertrauenshormon Oxytocin auf "Fremde", "fremdartige Menschen" stärker reagieren als wenn sie nicht schwanger sind. Menschen aus fernen Ländern können Träger von Krankheitskeimen sein, an die die Körper einheimischer Menschen nicht angepaßt sind. Und schwangere Frauen sind diesbezüglich noch einmal besonders gefährdet.

Es ist naheliegend, daß die Gruppenpsychologie schon seit Jahrtausenden darauf - unbewußt oder bewußter - selektiert worden ist und reagiert, unter anderem auch mit Ethnozentrismus, mit Bezogenheit auf die eigene Gruppe und mit Abgrenzung von anderen Gruppen, also mit: "Social Distancing". Wir lesen (1):

Mandrills (eine in Gruppen lebende Halbaffen-Art) gehen strategisch mit ihrem Distanzierungsverhalten um: Sie meiden kranke Artgenossen, doch sie erhöhen manchmal ihr Infektionsrisiko, indem sie sich weiterhin um infizierte Verwandte kümmern.
Es wird ausgeführt, daß sich nicht nur Menschen, sondern auch kranke Tiere - zum Beispiel Fledermäuse - aus dem sozialen Umfeld zurückziehen, wenn sie krank werden. Gerade sozial lebende Tiere, insbesondere in komplexen Gesellschaften scheinen hier besonders eindrucksvolle Abwehr-Mechanismen ausgebildet zu haben (2):

Eine Parallele dazu ist von Ameisen bekannt: Bei manchen Arten verlassen kranke Individuen gezielt die Gemeinschaft. Diese Reaktionen betrachten die Forscher als einen selbstlosen Dienst für das Gemeinwohl: Die aktive Selbstisolation schützt den Rest der Kolonie vor einer Ansteckung. Bei Bienen ist hingegen ein Beispiel für den Fall dokumentiert, bei dem die gesunden Individuen gezielt für Distanz zu den Kranken sorgen, um die Gemeinschaft zu schützen. Durch bestimmte Anzeichen können die Insekten manche Erkrankungen bei ihren Stockgenossen erkennen und reagieren dann recht rabiat: Die Infizierten werden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

 / Entwurf: 10.3.21 /

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  1. Infectious diseases and social distancing in nature | Science (sciencemag.org)Sebastian Stockmaier, Nathalie Stroeymeyer, Eric C. Shattuck, Dana M. Hawley, Lauren Ancel Meyers, Daniel I. Bolnick, Science Mag., 5.3.2021
  2. Wie Tiere auf Distanz gehen - Social Distancing in der Natur, 8.3.2021, https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/social-distancing-in-der-natur/
  3. Bading, Ingo: Studium generale: Beeinflussen Krankheitsgefahren die Gruppen- und Religionspsychologie? (studgendeutsch.blogspot.com), 5.8.2008
  4. Bading, Ingo: Studium generale: Der „infizierte Volkskörper“, die „kranke Kirche“ (studgendeutsch.blogspot.com), 8.8.2008
  5. Hannes Rusch, Charlotte Störmer: An Evolutionary Perspective on War Heroism, 2015, https://www.militairespectator.nl/thema/ethiek/artikel/evolutionary-perspective-war-heroism
  6. Zeberg/Pääbo, Svaante: The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neanderthals, Nature, 30.9.2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2818-3 
  7. Identification of LZTFL1 as a candidate effector gene at a COVID-19 risk locus, Nature Genetics, 4. November 2021, https://www.nature.com/articles/s41588-021-00955-3
  8. Podbregar, Nadine: Covid-19: Risiko-Genvariante erhöht Sterberisiko 15. November 2021, https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/covid-19-risiko-genvariante-erhoeht-sterberisiko/
  9. https://opensnp.org/snps/rs17713054 

Dienstag, 15. Oktober 2019

Tamera im Urwald? - Ein Gesellschaft frei von Zwängen, Tabus und Unterdrückung?

Bonobo-Männchen sind "Muttersöhnchen", Aggressivität gibt es dennoch

Das Buch "Through a Window" von Jane Goodall (geb. 1934) (Wiki) aus dem Jahr 1991 ist inzwischen schon längst zu einem Wissenschafts-Klassiker geworden (1). Über dieses hat man das Sozialleben wildlebender Schimpansen umfassend und eindrucksvoll kennenlernen können. Seit der Veröffentlichung dieses Buches glaubt man, die Grundmuster des Zusammenlebens der Schimpansen gut und einigermaßen vollständig übersehen zu können. Natürlich wurden auch seither und werden künftig Einzelheiten zum Gesamtbild hinzugefügt. Aber an den groben Umrissen, an den großen Linien des Bildes hat sich seither nur noch wenig geändert. Die Vollständigkeit des Bildes war damals dadurch erreicht worden dadurch, daß nicht nur Beobachtungen mitgeteilt werden konnten zum Zusammenleben der Schimpansen innerhalb der Gruppe, sondern auch zu den regelmäßigen und blutigen Kriegen und Kriegszügen, die Schimpansen mit allen anderen Gruppen um eigenes Territorium führen.

Wer die damaligen Erkenntnisse sehr beeindruckt hatte in sich aufnehmen können, für den stand seither immer die Frage im Raum, wie es diesbezüglich mit der Schwesterart der Schimpansen, mit den Bonobos (Wiki), bestellt ist, die - durch den Kongo von den Schimpansen getrennt am Südufer desselben leben. Daß das Sozialleben dieser Bonobos nach - zum Teil - ganz anderen "Rationalitäten" durchstrukturiert ist, das war der Forschung schon sehr bald bewußt geworden. Dies wird womöglich jedem Zoobesucher bewußt, der Bonobos beobachtet: Sexualität findet bei ihnen zwischen fast allen Gruppenmitgliedern statt und ist noch viel stärker in das Alltagsleben eingebunden als bei den Schimpansen.

Abb. 1: Bonobo - Fotografin: Amanda Downing, Wiki

Über Jahre hinweg hat die Forschung aber immer nur eher oberflächliches Wissen zusammen tragen können (2) oder einzelne Aspekte des Soziallebens der Bonobos umreißen können. Erst seit etwa 2017 formen sich all die vielen Einzelbeobachtungen zu einem zusammenhängenden, umfassenderen Bild. Und auch hier scheint nun die Vollständigkeit des Bildes - im Oktober 2019 - dadurch erreicht zu werden, daß nun eine japanische Wissenschaftler-Gruppe das Verhalten der Bonobos beim wiederholten Zusammentreffen von verschiedenen Bonobo-Gruppen sehr genau in seinen Regelhaftigkeiten beschreiben kann (3).

Schon in früheren Jahren war berichtet worden, daß diese Zusammentreffen von Bonobo-Gruppen viel friedlicher verlaufen als die von Schimpansen-Gruppen, die eigentlich immer kriegerischer Natur sind. Dann hatten andere Forscher wieder berichtet, daß aggressives Verhalten sehr wohl auch bei dem Zusmmentreffen von Bonobo-Gruppen zu beobachten sei. Diese widersprüchlichen Nachrichten konnten allseits nur für Verwirrung sorgen. Wie war es damit denn nun wirklich bei den Bonobos bestellt? Welche von beiden Nachrichten stimmte? Nun: Beide. Und warum das so ist, das scheint nun in der neuen Studie dieses Monats sehr einleuchtend erläutert zu werden (3). Auffälligerweise ist diese Studie in der Wissenschaftspresse bislang überhaupt nicht behandelt worden, weder in der englischsprachigen, noch in der deutschsprachigen. Das kommt uns sonderbar vor. Scheint diese Studie doch die Lösung des "Bonobo-Problems" an sich zu enthalten - jedenfalls nachdem seit 2017 schon manche andere zentrale Erkenntnis veröffentlicht worden ist (siehe unten), die dann jeweils auch in der Presse behandelt worden war.

Bonobos - Grundmuster ihres Zusammenlebens können jetzt wesentlich vollständiger überblickt werden


Das genannte Vorherrschen von Sexualität im Alltagsleben der Bonobos führt dazu, daß die Dominanzverhältnisse bei Bonobos ganz anders strukturiert sind als bei Schimpansen. Es wird nun also bekannt, daß Bonobo-Männchen bei dem Zusammentreffen von zwei unterschiedlichen Bonobo-Gruppen durchaus aggressiv sind und sein können - so wie Schimpansen, daß sie sich dazu auch zusammen schließen können - so wie Schimpansen, daß diese Aggressivität aber unterlaufen wird von dem Umstand, daß die Weibchen beider Gruppen dominanter sind und diese Dominanz den friedlichen Charakter des Zusammentreffens von zwei Bonobo-Gruppen sicherstellt. Ganz schön verrückt. Ganz schön verrückt! In der Zusammenfassung der Studie heißt es (3):
Gruppen von Bonobos begegnen einander regelmäßig und vermischen sich miteinander und ziehen miteinander umher für einige Stunden oder einige Tage. Während dieses Zusammenseins von zwei Gruppen zeigen Individuen über die jeweiligen Gruppengrenzen hinweg sowohl aggressive wie freundschaftliche Verhaltensweisen.
Orig.: Groups of bonobos encounter each other frequently and may mingle and range together from a few hours to a few days. During these inter‐group associations, individuals across groups exhibit both aggressive and affiliative interactions.
Verhalten in wiederholten Zusammentreffen von drei Bonobo-Gruppen wurden ausgewertet (3):
Bonobos erhöhen beim Zusammentreffen mit anderen Gruppen die Kooperation innerhalb der Gruppen mehr als dies geschieht, wenn es Auseinandersetzungen innerhalb der jeweiligen Gruppe gibt. Auch wurden Aggressionen gegen eigene Gruppenmitglieder vermindert im Vergleich zum Alltagsverhalten. Männchen griffen ausgewählt und gemeinsam Männchen der anderen Gruppe an. Zwischengruppen-Aggressionen unter Weibchen hingegen waren selten. Mehr noch: Weibchen bildeten manchmal Koalitionen mit Individuen der anderen Gruppe, um ein gemeinames Ziel anzugreifen.
Original: Bonobos increased the level of cooperation to attack out‐group individuals more than they do to attack within‐group individuals. Additionally, they reduced the aggression between within‐group members during inter‐group associations, compared to that when not associated with other groups. Males selectively and cooperatively attacked out‐group males. Inter‐group aggression among females was rare. Furthermore, females sometimes formed coalitions with out‐group individuals to attack a common target.
Also Männchen bleiben doch Männchen - auch bei den Bonobos. Vor allem aber merkt man dieser Zusammenfassung an, daß sie sehr differenziert argumentiert. Leider ist uns der Volltext der Studie - entgegen allen Prinzipien von Wissenschaftlichkeit - gegenwärtig nicht zugänglich. Deshalb muß uns diese Zusammenfassung reichen. Aber man merkt schon, daß beim Zusammentreffen von zwei Bonobo-Gruppen sehr komplexes Verhalten auftritt, und daß Bonobos letztlich dann doch wirklich "völlig anders" sind als Schimpansen, nicht quasi von einem "völlig anderen Stern" stammen. Männer bleiben eben Männer. Aber als Schlußfolgerung wird dennoch formuliert (3):
Unsere Ergebnisse unterstützen die Hypothese, daß Zwischengruppen-Wettbewerb bei Bonobos existiert, wobei Männchen über Gruppengrenzen hinweg im Wettbewerb um Weibchen (Paarungspartner) stehen. Weibchen waren über Gruppengrenzen hinweg tolerant und sogar kooperativ miteinander. Unabhängig von der idealen männlichen Strategie, sorgen weibliche tolerante und kooperative Beziehungen über Gruppengrenzen hinweg und weibliche Inner-Gruppen-Dominanz über Männchen für tolerante Beziehungen zwischen Gruppen bei Bonobos.
Orig.: Our results support the hypothesis that inter‐group competition occurs in bonobos, with males across groups competing over mates. Females across groups were tolerant and even cooperative with each other. Regardless of the ideal male strategy, female tolerant and cooperative relationships across groups and female within‐group superiority over males could preserve tolerant inter‐group relationships in bonobos.
Da hat jemand klar strukturierte Sätze formuliert. Und man kann nur sagen: Wow. (Wow, wow, wow.) Schon von Schimpansen-Gruppen war vor Jahrzehnten bekannt geworden, daß Weibchen bei Agression innerhalb der Gruppe, bei Rangkämpfen, ausgleichenden Einfluß ausüben können, insbesondere dominantere Weibchen. Unter anderem der niederländische Verhaltensforscher Frans der Waal hatte das in verschiedenen Veröffentlichungen wiederholt herausgestellt. Weiter aber reichte der Einfluß der Schimpansen-Weibchen nicht. Bei Bonobos hingegen ist dieser Einfluß deutlich größer.

Die Mütter - Sie bestimmten den Fortpflanzungserfolg ihrer Söhne


Und um das besser zu verstehen, wollen wir im folgenden festhalten, was ich schon 2017 aufgrund damaliger veröffentlichter Forschungen zu den Bonobos auf Facebook festgehalten hatte: Der Günstling der Frauen hat die meisten Kinder (4-8).  Die Forschungsgruppe von Martin Surbeck vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hatte 2017 einige neue Einsichten über das - einigermaßen irre - Gruppenleben der Bonobo veröffentlicht. Die ihnen nächsten verwandten Schimpansen sind kriegerisch und bilden Männerbanden ("Männerbünde") (4, 5). Männliche Bonobos hingegen umgeben sich am liebsten mit Weibchen und sind in der Regel gemischtgeschlechtlich unterwegs (4, 5). Bonobos scheinen auch ihr Territorium kaum zu verteidigen. Vielmehr gibt es freundschaftlichen Austausch mit benachbarten Gruppen (4, 5). Sie sind - zumindest aus der Perspektive des typischen Schimpansen - einigermaßen irre.

Die Männchen verbünden sich bei den Bonbobos mit Weibchen, gerne mit der eigenen Mutter, wenn sie Streit mit anderen Männchen haben (4, 5).  (Und an dieser Stelle erläutert der Autor die neuen Einsichten ein wenig "poetisch", wenn auch mit einem flachen Vergleich: Mein Gott, sind das "Luschen", ruft "Ausbilder Schmidt" [Wiki] dazwischen. Er würde komplett ausrasten und durchdrehen, müßte er bei den Bonobos leben. Mag diese Nebenbemerkung hier als Idee für den nächsten Kino-Kassenschlager stehen bleiben ...) 

Das Rangsystem der Bonobos ist gemischtgeschlechtlich und nicht wie bei den Schimpansen so, daß alle männlichen Schimpansen rangmäßig über allen weiblichen Schimpansinnen stehen, und daß sich dort zwar die Rangabfolge im Laufe des Lebens der männlichen Schimpansen ändern kann (infolge von Rangkämpfen), daß aber die Weibchen ihre Stellung in der Rangabfolge von ihrer Mutter übernehmen und nur "aufsteigen" im Rang, wenn ein Weibchen über ihnen stirbt.

Ja, und da hätte man ja nun doch denken sollen: Bei den so super aggressiven, männerbündlerischen Schimpansen, die nach "Ausbilder Schmidt"-Schema ticken, sollte doch das Alpha-Männchen der Gruppe viel ungleichgewichtig mehr Nachkommen (auf Kosten der anderen Männchen in der Gruppe) haben als der erfolgreichste Vater der Gruppe bei den Bonobos.

Aber weit gefehlt. Weit gefehlt. Immer wieder einmal gelingt es der Natur, menschliche Erwartungen zu unterlaufen. Denn das war - wieder einmal! - aus einer typischen (männlichen, sprich: Ausbilder Schmidt-)Perspektive heraus gedacht. Vielmehr führt bei den Bonobos die Günstlingswirtschaft zu viel ungleichgewichtigeren Verhältnissen.

Der bevorzugte männliche Günstling der Weibchen bei den Bonobos ist nämlich Vater von 60 Prozent der Nachkommen in der Gruppe (3-5). Das ist das Alphatier, das in diesem Fall von seinen menschlichen Beobachtern "Camillo" genannt wurde. Ob das nun daran liegt, daß er ein so toller Frauenflüsterer ist? Steht er den ganzen Tag - bildlich gesprochen - vor dem Spiegel und wendet nun offenbar eine total andere Strategie an als das typische, einigermaßen grobschlächtige Alpha-Männchen bei den Schimpansen? Und das auch noch mit mehr Erfolg? Denn bei den Schimpansen ist der männliche Fortpflanzungserfolg ja viel "demokratischer", gleichmäßiger verteilt.

Nein, wiederum zu Ausbilder-Schmidt-mäßig gedacht: Bei den Bonobos scheint es vielmehr die Mutter des jeweiligen Günstlings zu sein, die den Ausschlag gibt. Sie scheint dafür zu sorgen, daß ihr Sohn genügend Fortpflanzungserfolg hat. Ein männlicher Schimpanse ohne seine eigene Mutter innerhalb der Gruppe steht völlig am Rand derselben. Das sind also sehr deutlich andere Verhältnisse als bei den Schimpansen. Lauter "Muttersöhnchen", so möchte man sagen, diese Bonobos.

Ausbilder Schmidt und mancher andere würde da jedenfalls auswandern wollen. Ob es reicht, über den Kongo zu schwimmen hinüber nach Norden zu den Schimpansen? (Aber gibt es da nicht Krokodile?)

Nachdem sich also 2017 in der Forschung schon in vielen Punkten bestätigte, daß die Bonobo's sehr wohl eine deutlich stärker weiblich-dominierte und Sexualitäts-dominierte Lebensweise aufweisen (4-8), ist dies im Mai 2019 in einer weiteren Studie dann noch einmal bekräftigt worden (9): Wenn die Mutter eines männlichen Bonobos mit in derselben Gruppe lebt, hat dieser Bonobo erhöhte Fortpflanzungschancen. Dieser Zusammenhang ist bei den Schimpansen nicht gegeben.

Tamera im Urwald? - Ein Gesellschaft frei von Zwängen, Tabus und Unterdrückung?


Übrigens hat man diesen Zusammenhang inzwischen auch im Wuppertaler Zoo begriffen (10). Dort versuchte man, einen männlichen Bonobo-Waisen in eine schon bestehende Gruppe zu integrieren. Aber zwei männliche Halbwüchsige gingen ihn aggressiv an - solange ihre Mutter dabei war. Erst nachdem sie von ihrer Mutter getrennt waren, wurden sie diesem Waisenkind gegenüber friedlich (10). An solchen Beispielen wird womöglich gut deutlich, daß die Dominanz der Weibchen nicht in jedem Fall zu weniger Aggression führen muß. Vielleicht trägt gerade sie auch zu einem gerüttelten Maß jener Aggresion bei, die dennoch bei den eingangs behandelten Zwischengruppen-Treffen auftritt. Ob man wohl sagen kann, daß auch dies - wenigstens zum Teil - eine Auswirkung des "ethnozentrischen", mütterlichen Oxytocin's ist, das seine "beiden Seiten" hat, das heißt, sowohl Zuwendung, Günstlingswirtschaft nach innen ebenso wie Ausgrenzung (wiederum Günstlingswirtschaft) nach außen mit sich bringt?

Wer sich im übrigen ein anschauliches Bild von den Bonobos machen möchte, dem kann eine zugängliche Fernsehdokumentation mit der US-amerikanischen Verhaltensforscherin Frances J. White (Wiki) aus dem Jahr 2007 empfohlen werden (11, 12). Sie kehrte - nach den verheerenden Kriegen im Kongo - 2005 zu ihrer Forschungsstation zurück. Dabei wurde sie von einem Filmteam begleitet. Und dabei entstand die Dokumentation "The Last Great Ape", die zwei Jahre später, 2007, ausgestrahlt wurde (11).

Abschließend: Wenn man sich mit den Bonobos beschäftigt, fühlt man sich natürlich immer wieder einmal an menschliche Lebensgemeinschafts-Projekte erinnert, etwa solche wie "Tamera" (Wiki). Darauf soll aber hier nur hingewiesen werden, um zu zeigen, daß es Möglichkeiten geben könnte, das Verhalten der Bonobos in konkretere Bezüge zu stellen zum Verhalten des Menschen. In wie weit ein solcher Bezug Sinn macht, können wohl nur "Insider" solcher Lebensgemeinschafts-Projekte sagen.*) Bestimmen in ihnen dominantere Frauen die Sozialbeziehungen? Und führt dies auch zu Ausgrenzungen männlicher Individuen, die sofort aufhören oder geringer werden, wenn diese Frauen nicht anwesend sind? Eine Frage, die in diesem Zusammenhang auftaucht: Wie wird die - offenbar doch nicht ohne Einfluß bleibende - Rangordnung zwischen den Weibchen von Bonobo-Gruppen ausgehandelt?

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*) Ergänzendes zum Thema: In einer anderen noch älteren Studie wurde herausgearbeitet, daß das Lachen der Bonobos viel Ähnlichkeit mit dem Lachen menschlicher Baby's aufweisen würde.
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  1. Goodall, Jane: Through a Window - 30 years observing the Gombe chimpanzees. Weidenfeld & Nicolson, London 1991; Deutsch: Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre am Gombe-Strom. Rowohlt, Reinbek 1996 
  2. Bading, Ingo: Bonobos - wirklich die "politisch korrekten" Primaten? 25. Juli 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/07/bonobos-wirklich-die-politisch.html 
  3. Nahoko Tokuyama, Tetsuya Sakamaki, Takeshi Furuichi: Inter‐group aggressive interaction patterns indicate male mate defense and female cooperation across bonobo groups at Wamba, Democratic Republic of the Congo. In: American Journal of Physical Anthropology, First published: 06 October 2019 https://doi.org/10.1002/ajpa.23929
  4. "Unsere zwei Gesichter" - Interview mit Primatenforscher Dr. Martin Surbeck. In: Landeszeitung Lüneburg, Juni 2017, http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2017-06/40873066-landeszeitung-lueneburg-unsere-zwei-gesichter-interview-mit-primatenforscher-dr-martin-surbeck-007.htm
  5. Kriegerische Auseinandersetzungen könnten unterschiedliche Sozialstrukturen bei Schimpansen und Bonobos erklären. Pressemitteilung Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), Halle-Jena-Leipzig, 03.05.2017, https://www.idiv.de/de/news/news_single_view/news_article/warfare-may.html
  6. Die ganze Wahrheit über Bonobo-Sex, 10.7.2017, http://derstandard.at/2000061089847/Die-ganze-Wahrheit-ueber-Bonobo-Sex
  7. In fathering, peace-loving bonobos don't spread the love. Juli 2017, https://phys.org/news/2017-07-fathering-peace-loving-bonobos-dont.html
  8. In bonobo communities, just a few males monopolize reproduction, https://www.upi.com/Science_News/2017/07/10/In-bonobo-communities-just-a-few-males-monopolize-reproduction/3531499718904/
  9. Martin Surbeck, Christophe Boesch, (...) RichardWrangham, Emily Wroblewski, Klaus Zuberbühler, Linda Vigilant, Kevin Langergraber: Males with a mother living in their group have higher paternity success in bonobos but not chimpanzees. In: Current Biology, Volume 29, Issue 10, 20 May 2019, Pages R354-R355, https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.03.040, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219303380
  10. Tischendorf, Anja: Darum ist Affe Bili so blutig!, 23.1.2019, https://www.bild.de/regional/duesseldorf/duesseldorf-aktuell/wuppertaler-zoo-darum-ist-bonobo-affe-bili-so-blutig-59699964.bild.html
  11. Dick Barlett, Harlan Reiniger, Andres Chastney, George Farley: The Last Great Ape. NOVA Documentary, 2007, https://youtu.be/A1ZtGv0qJGA, https://www.dailymotion.com/video/x2ex34t, https://youtu.be/OiFE7UuPRjY; https://www.pbs.org/wgbh/nova/bonobos/about.html; Transkript: https://www.pbs.org/wgbh/nova/transcripts/3403_bonobos.html
  12. Frances White - Internetseite, Universität von Oregon, 2011, https://blogs.uoregon.edu/fwhite/, https://anthropology.uoregon.edu/profile/fwhite/

Montag, 20. April 2009

Evoluierte der Mensch in unterschiedlichen Rassen zum Menschen?

Ende der 1970er Jahre, kurz bevor die Genetiker (vor allem Allan C. Wilson) mit ihrer "mitochondrialen Eva" und ihrem "Y-chromosomalen Adam" zu erkennen begannen, daß der "anatomisch moderne Mensch", also alle heute lebenden Menschen, ursprünglich aus Afrika stammen, ist diese so genannte "Out-of-Africa"-These von dem Hamburger Anthropologen Günter Bräuer nur schon allein aufgrund umfangreicher und sorgfältiger Untersuchungen an afrikanischen Schädelfunden und deren behutsamer, anthropologischer Beurteilung formuliert worden. Darüber berichtet Bräuer neuerlich in einer seiner jüngsten Veröffentlichungen, wobei er die damaligen Erkenntnisse in Bezug setzt zum heutigen wissenschaftlichen Kenntnis- und Diskussionsstand. (1, frei zugänglich)

Günter Bräuer (siehe Bild links) ist Schüler der Mainzer Anthropologin Ilse Schwidetzky und hatte aufgrund dessen eine solide anthropologische Ausbildung, die ihm auch erst das frühe und innovative Aufstellen der "Out-of-Africa"-These ermöglichte. (Siehe auch: idw)

Günter Bräuer formulierte als einer der ersten die "Out-of-Africa"-These

Die von Günter Bräuer erstmals aufgestellte "Out-of-Africa"-These ist inzwischen durch viele hunderte genetischer Studien bestätigt und erhärtet worden. Bräuer konnte sie aufstellen, weil er Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen afrikanischen und außerafrikanischen Schädelfunden (des späten afrikanischen Homo erectus, des frühen und späten archaischen Homo sapiens, des afrikanischen und eurasischen anatomisch modernen Homo sapiens der letzten Eiszeit, sowie des Neandertalers) miteinander verglich. Auch nachdem diese besser datiert hatten werden können als in früheren Jahrzehnten, wie er schreibt. (1)

Die Studien von Bräuer, auch die neueste (1), lesen sich immer sehr spannend. Denn es gibt wohl heute international nur wenige Anthropologen, die zu der Thematik der Menschwerdung in Afrika genauere Detailkenntnisse und ein umfangreicheres Überblickswissen aufweisen als Bräuer. Bräuer beschreibt auch in der genannten jüngsten Veröffentlichung (1) wieder sorgfältig, genau und aus Detailerkenntnis heraus die anatomischen, evolutiven Prozesse, die sich zwischen 600.000 und 60.000 Jahren vor heute in Afrika - parallel zum Entstehen und Aussterben des klassischen Neandertalers in Europa - abgespielt haben. Er beschreibt dabei den Prozess der Menschwerdung aus anatomischer Sicht als einen mosaik-artigen, fließenden Übergangsprozeß, der mehrere hunderttausend Jahre dauerte, nicht als einen abrupten Bruch. Er unterscheidet dabei insbesondere frühe archaische Homo sapiens und schon evolutiv weiterentwickelte späte archaische Homo sapiens, die dann um 200.000 Jahre vor heute den Übergang zum anatomisch modernen Jetztmenschen vollzogen.

Kein abrupter Bruch bei der Menschwerdung vor 200.000 Jahren erkennbar (aus anatomischer Sicht)

Zur innerafrikanischen, geographischen Variabilität der Schädelfunde des anatomisch moderenen Menschen hat sich Bräuer fast immer nur sehr zurückhaltend oder gar nicht geäußert. - Neben anderen Forschern ist diese Frage (siehe auch: Stud. gen. 1, 2, 3) nun eine Forschungsgruppe um den Wiener Anthropologen Gerhard W. Weber einmal auf's Neue angegangen (2). (Siehe auch idw, ORF, Pressetext, Uni Wien, G. Weber) Die Forschungsgruppe kommt zu dem Ergebnis, daß sowohl der Homo erectus als auch der Neandertaler einheitlichere anatomische Merkmale aufwiesen als schon der frühe anatomisch moderne Mensch, und daß schon der frühe Mensch in Afrika vor 200.000 Jahren eine ähnliche anatomische Variabilität (Vielfalt) aufwies, wie sie auch heute noch weltweit in den Menschenrassen wiederzufinden ist.

Das würde heißen, daß Menschsein immer schon gleichbedeutend war auch mit genetischer und anatomischer Gruppenvielfalt - und zwar als eine recht einzigartige Sache, nämlich im Gegensatz zum "Neandertaler-Sein" und auch im Gegensatz zum Sein des Homo erectus. Daß der Jetztmensch - auch schon der frühe afrikanische - größere anatomische Gruppenvielfalt aufweist als die Menschenaffen, dürfte zunächst auch einfach nur an der größeren geographischen Verbreitung schon allein innerhalb Afrikas liegen. Aber Neandertaler und Homo erectus wiesen ähnlich weite geographische Verbreitungsgebiete auf, eben ohne eine vergleichbare anatomische Gruppenvielfalt auszubilden. Vor 200.000 Jahren könnte also bei der Entstehung des Jetztmenschen und seines großen Gehirns sich auch psychisch etwas geändert haben, das in Richtung auf die Evolution unterschiedlicher Menschenrassen hinwirkte. Dafür gibt es ja auch aus vielen anderen Forschungsbereichen inzwischen viele Hinweise, die diese Erkenntnis bestätigen und bekräftigen.

Jedenfalls: Was Günter Bräuer zu solchen neuen Studien - aus seinem Kenntnisstand heraus - zu sagen hat, würde einen schon interessieren.


ResearchBlogging.org1. Bräuer, G. (2008). The origin of modern anatomy: By speciation or intraspecific evolution? Evolutionary Anthropology: Issues, News, and Reviews, 17 (1), 22-37 DOI: 10.1002/evan.20157
2.
Gunz, P., Bookstein, F., Mitteroecker, P., Stadlmayr, A., Seidler, H., & Weber, G. (2009). Early modern human diversity suggests subdivided population structure and a complex out-of-Africa scenario Proceedings of the National Academy of Sciences, 106 (15), 6094-6098 DOI: 10.1073/pnas.0808160106

Donnerstag, 11. September 2008

Gruppenselektion - ein neuer Beitrag aus der empirischen Forschung

Die Vogelart der Baumhopfe (engl. "green woodhoopoe", lat. "Phoeniculus purpureus") lebt in Wäldern von fast ganz Afrika südlich der Sahara. 

Abb. 1: Das prächtige Gefieder eines Baumhopfes (Wiki)

Sie ist entfernt mit den europäischen Wiedehopfen verwandt.

Baumhopfe sind ein beliebtes Briefmarken-Motiv afrikanischer Staaten. Sie leben in Gruppen mit 2 bis 8 Individuen. Aber nur jeweils ein Paar pflanzt sich innerhalb der Gruppe fort. Baumhopfe sind bei der Nahrungssuche in der Baumrinde ständig in Bewegung und deshalb sehr schwer zu fotografieren. Ihr Territorium verteidigen sie das ganze Jahr über nach außen. Innerhalb der Gruppen gibt es aber wenig Auseinandersetzungen zwischen den Gruppenangehörigen.

Fast 60 % der Gruppen bestehen aus mehr Individuen als dem sich fortpflanzenden Paar. Die "Helfer am Nest" sind zu 90 % mit mindestens einem der beiden sich fortpflanzenden Individuen familiär verwandt (also z.B. Geschwister oder erwachsene Nachkommen des sich fortpflanzenden Paares). Die erwachsenen Tiere der Gruppe pflegen sich das ganze Jahr über mit der gleichen Regelmäßigkeit das Kopf- und Nackengefieder aus hygienischen Gründen. Das Pflegen des übrigen Gefieders hat wie das Fellausen bei den Primaten soziale Funktion. Seine Häufigkeit schwankt mit der Jahreszeit und es ist häufiger in größeren Gruppen.

In der östlichen Kap-Provinz Südafrikas hat der Vogel-Verhaltensforscher Andrew Radford in den waldreichen Flußtälern sechs Monate lang (zwischen November 2000 und Mai 2001) 12 solcher Gruppen beobachtet (1). Die Größe der Territorien ändert sich offenbar in den Auseinandersetzungen zwischen Gruppen so gut wie nie.

Gruppenauseinandesetzungen ...

In der Regel verlaufen nun Gruppenauseinandersetzungen bei den Baumhopfen in der Weise, daß eine Gruppe in das Territorium der Nachbargruppe eindringt. Nur sehr selten kommt es zu physischen Auseinandersetzungen. Vielmehr beugen sich die Vögel auf und nieder und "skandieren" "chorweise" gegeneinander und gruppenweise abwechselnd ihre "Schlachtrufe". Die sich nicht fortpflanzenden Gruppenmitglieder tragen dazu mehr bei als das jeweils sich fortpflanzende Paar. Radford sagt, es geschehe das wie bei "Fußball-Fans", die die Fans der gegnerischen Mannschaft zu "überstimmen" suchen.

Die in Südafrika einheimischen Buschleute benennen diese Vögel nach diesem "Skandieren" mit dem Namen "Das schnatternde (oder gackerende) Lachen der Frauen".

Diese Konflikte können bis zu 45 Minuten dauern und auf dem Höhepunkt wird oft eine Blume oder eine Baumflechte in den Schnabel genommen und von einem Gruppenmitglied zum nächsten weitergereicht, "wie das Schwenken einer Fahne oder eines Schals während eines Fußballspiels" (so wiederum Andrew Radford laut "Telegraph" und "Times").

Wenn die eindringende Gruppe dieses Skandieren gewinnt, bleibt sie bis zu einer Stunde in dem Territorium, sucht hier nach Nahrung und untersucht Nestlöcher, während sich die einheimische Gruppe tiefer in dasselbe zurückzieht. In der Regel kehrt die eindringende Gruppe dann in ihr eigenes Territorium zurück. Verliert die eindringende Gruppe, kehrt sie sofort in ihr Territorium zurück.

... und das psychische "Wundenlecken"

Während der Stunde nach dem Konflikt putzten sich die erwachsenen Gruppenmitglieder nun mehr als doppelt so häufig das Körpergefieder als in der sonstigen Zeit, laut Radford's Studie 2,45 mal pro Stunde im Gegensatz zu den sonstigen 0,86 mal pro Stunde. Und zwar besonders die beiden sich fortpflanzenden Tiere den sich nicht-fortpflanzenden. - Geradezu wie aus "Dankbarkeit", bzw. um sie bei künftigen Auseinandersetzungen zu ähnlichem tapferen Verhalten zu ermutigen. Besonders ausgesprägt war dieses Putzen nämlich bei jenen Gruppen, die verloren hatten - und zwar nach langen Auseinandersetzungen, nicht nur kurzen. "Der volle Einsatz der Gruppenmitglieder ist wichtig, denn die Gruppengröße bestimmt oftmals den Ausgang der Auseinandersetzungen," schreibt Radford.

Gruppenselektion?

Diese Studie und ihr Ergebnis ist für sich selbst sehr schön und anschaulich. Zu fragen bleibt, ob der theoretische Rahmen, in den diese Studie gestellt wird - nämlich dem der Gruppenselektion - besonders deutlich durch diese Studie bestätigt wird. Konkret: Würde der Zusammenhalt in den Gruppen und die Unterstützung innerhalb der Gruppe geringer sein, wenn der äußere Druck durch andere Gruppen nicht vorhanden wäre? So lautet ja die These dieser Studie:


that the amount of intergroup conflict in which a group is involved could influence the amount of cooperation.

daß also das Ausmaß der Zwischengruppen-Konfliktes das Ausmaß der Kooperation beeinflußten könnte.

Nach dem Motto: In Zeiten außenpolitischer Bedrohungen, in Kriegszeiten sind Gruppen oft zu größeren innenpolitischen Kompromissen bereit. Ein viel benutztes und mißbrauchtes Instrument in der menschlichen Politik.Um das in diesem Fall plausibel machen zu können, müßten wohl noch viele von den in der Studie vorgeschlagenen Nachfolge-Studien unternommen werden. Sie werden wahrscheinlich ein recht differenziertes Bild und keineswegs ein so plattes Bild ergeben wie das vielleicht manche heutige Politiker gern hätten.ResearchBlogging.orgOffensichtlich ist aber schon jetzt, daß bei 90 % familiärer Verwandtschaft innerhalb der Gruppe besondere gruppenselektionistische Mechanismen gar nicht herangezogen werden müssen, um das altruistische Verhalten der "Helfer am Nest" zu erklären. Die hier beschriebenen Mechanismen könnten aber dennoch einen typischen gruppenpsychischen Mechanismus kennzeichnen, der auch das Verhalten von Gruppen mit weniger durchschnittlichem Verwandtschaftsgrad kennzeichnet. Aber ob ein solches Verhalten ganz ohne genetische Verwandtschaft langfristig evolutionsstabil wäre, ist doch stark infrage zu stellen und kann auch an dieser Tierart wohl gar nicht nachgewiesen werden.
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(Ergänzende Auskünfte und auch Abbildungen auf dem Ergänzungsblog.)


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  1. Andrew N. Radford (2008). Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0787

Sonntag, 31. August 2008

Die menschliche Fähigkeit zum Unterscheiden von günstigen und ungünstigen kulturellen Merkmalen

Magnus Enquist
Stefano Ghirlanda
Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie es möglich wurde, daß der Mensch so viel mehr Fähigkeiten und Wissen durch Nachahmung und anderes "soziales Lernen" erwerben kann, als der Schimpanse und alle anderen auch sehr intelligenten sozial lebenden Tiere (etwa Delphine, Papageien, Raben etc.). Theorien also darüber, DASS es beim Menschen umfangreiche Weitergabe kultureller Merkmale gibt. Nach Meinung der schwedischen Autoren Magnus Enquista (Bild links) und Stefano Ghirlanda (Bild rechts) (Journal of Theoretical Biology) (1) ist in diesen Theorien bisher zu wenig darüber nachgedacht worden, daß der Mensch nicht nur fähig ist, kulturelle Merkmale zu erlernen und weiterzugeben, die gut für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe sind), die also "adaptiv" sind, sondern ebenso solche, die schlecht sind für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe). Dies könnte man als einen sehr wichtigen Gedanken empfinden. Denn das ist ja "das Humanum" an sich: Ein viel größerer "Freiheitsgrad" in den Entscheidungen bei der Weitergabe oder Übernahme kultureller Merkmale. Nicht durch die Gene "gezwungen" zu sein, "das Gute" oder das evolutionär Angepaßte zu tun oder zu erlernen.

ResearchBlogging.orgEnquista und Ghirlanda stellen mit ihrer Arbeit nun die neue wichtige, in vielerlei Hinsicht tatsächlich entscheidende Frage: Was bewirkt denn das Herausfiltern von evolutionär schlecht-angepaßten kulturellen Merkmalen in unserer Kultur (oder in der Kultur des ostafrikanischen Australopithecus)?
"To prevent accumulation of maladaptive traits, it appears that each generation must 'filter out', or discard, at least some maladaptive culture. Such adaptive filtering is an important addition that may increase the adaptive value of culture. (...) The possibility of adaptive filtering changes dramatically the coevolutionary scenario for the evolution of social learning. As we saw earlier, in the absence of adaptive filtering genetic evolution is expected to improve social learning until culture is no longer adaptive. (...)

If adaptive filtering is sufficiently strong, however, culture is adaptive. (...) With sufficient adaptive filtering, adaptive culture is possible even if (...) new traits are on average maladaptive. Genetic evolution favors individual capacities for adaptive filtering under broader conditions than capacities for social learning. (...) There can be selection for adaptive filtering even when the adaptive value of culture is small, suggesting that selection for adaptive filtering may have been stronger than selection for social learning at the dawn of human culture."
Tatsächlich, man könnte mutmaßen, daß das "Projekt Mensch" schon sehr früh in einer evolutionären Sackgasse geendet wäre, wenn die genetische Evolution nicht stärker noch als das soziale Lernen an sich die Fähigkeit zum "adaptiven Filtern" kultureller Merkmale hervorgebracht hätte. Der Mensch ist fähig, auf so viele unsinnige Gedanken und "Macken" zu kommen, daß das sehr nötig gewesen sein könnte und immer noch nötig ist.

Die große Frage aber bleibt: Wo ist dieser Scanner? Wie sieht er aus? Nach welchen Kriterien filtert er? Wie sehen seine Auslöse-Mechanismen aus? Meine Vermutung wäre, daß auch dies (zunächst) sehr viel mit "Gruppenverantwortung", mit Verwandten-Altruismus zu tun hat: Reifere, erwachsene weibliche oder männliche Tiere/Menschen in der Gruppe oder auch junge, innovative, sorgen mit wachsamem Auge darüber, daß sich nicht allzuviele maladaptive kulturelle Merkmale in der Gruppe ansammeln, bzw. erfinden adaptive Merkmale. (Vielleicht gibt es hier auch eine Aufteilung der Aufgaben für "Jung" und "Alt": Die Jungen erfinden Neues, die Alten "filtern" davon das Nützliche heraus?) Hierbei kommt dann sicherlich auch zunehmend mehr das logische Denken mit ins Spiel, die Fähigkeit des Durchdenkens von Folgen des Handelns auf der "inneren Bühne" der eigenen Psyche, was in der Folge dazu führen könnte, daß darauf gedrängt wird, gruppen- oder individuen-schädliche kulturelle Merkmale, Verhaltensweisen zu meiden und nützliche (adaptive) Merkmale und Verhaltensweisen zu fördern.

In einem weiteren Schritt wäre über das Themenfeld Täuschung und Selbsttäuschung nachzudenken. Denn der Mensch besitzt in einzigartigem Maße die Fähigkeit, sich selbst zu täuschen und dabei nicht ausreichend über die Folgen seines Handelns nachzudenken. Auch läßt er sich leicht und gern von anderen - bewußter oder weniger bewußt - täuschen. Diese "cheater detection", das Erkennen von Täuschern und Täuschungen (in sich selbst und anderen) dürfte ein wichtiges Merkmal aller menschlichen Kulturen sein, die sich ihre genetische Überlebensfähigkeit bewahren (oder bewahren wollen). Da Menschen sich wohl nirgends so folgenreich belügen und betrügen wie in der Politik, bzw. in der Geschichte, müßte aus evolutionärer Sicht gefordert sein, daß die Fähigkeit zur "cheater detection" gerade bei Politikwissenschaftlern und Historikern besonders ausgeprägt sein sollte.

Die Anwendung auf heutige Verhältnisse westlicher Gesellschaften kann an dieser Stelle des Nachdenkens dem Leser überlassen bleiben, bzw. er kann auf "cheater detection"-Literatur in unserem Buchladen verwiesen werden. Man könnte auch folgendes formulieren: Zeitgeschichts-Forschung ist heute nur noch selten das Erforschen grundlegender Wahrheiten über menschliches Verhalten in der Geschichte, sondern zunächst einmal größtenteils: cheater detection. Abschließend noch einmal die Autoren:
"Culture can remain adaptive, and imitation abilities continue to improve, if maladaptive traits are continuously filtered out. Thus the evolution of adaptive filtering may have been at least as important as the evolution of imitation for the origin of human culture. We may speculate that non-human animals have only rudimentary social learning abilities (compared to humans) not because social learning is especially difficult to evolve, but because it is not useful unless one cannot discriminate between adaptive and maladaptive cultural traits." "The evolution of such 'adaptive filtering' mechanisms may have been crucial for the birth of human culture."
Die Kultur muß insgesamt adaptiv sein und die menschliche Psyche ist fähig zu bewerten, ob sie das ist oder nicht. Der Mensch bleibt aufgefordert, diese seine psychischen Potentiale zu nutzen.

(ursprünglich veröffentlicht am 15.11.2007)

1. M ENQUIST, S GHIRLANDA (2007). Evolution of social learning does not explain the origin of human cumulative culture Journal of Theoretical Biology, 246 (1), 129-135 DOI: 10.1016/j.jtbi.2006.12.022

Dienstag, 19. August 2008

Der Atheismus siegt - aber die "Sehnsucht" bleibt

Gesellschaftliche Befindlichkeiten in alten und neuen Bundesländern

Kamenin von "Begrenzte Wissenschaft" macht spannenderweise mit einer neuen Google-Funktion vertraut, nämlich: "Google Insights". Und mit diesem neuen Forschungswerkzeug hat er gleich ein paar wirklich gute Belege zusammengestellt dafür, daß Atheismus nicht heißen muß, daß man nun "Ersatz" sucht in anderem religiösem oder pseudoreligiösem "Aberglauben". Im Gegenteil, auch pseudoreligiöser Aberglaube wird in den "religiöseren" (süd-)westdeutschen Bundesländern bei Google seit 2004 mehr nachgefragt als in den atheistischeren östlichen Bundesländern.

Das veranlaßt einen, ja mal selbst so seine Forschungen zu betreiben bezüglich der gesellschaftlichen Interessen und Befindlichkeiten westlich und östlich der Elbe. Man kann noch viele weitere Suchworte ausprobieren, sie bestätigen alle Kamenin's These mehr oder weniger - was einen ja fast, fast (!) ärgern könnte! Auch so allgemeine Begriffe wie "Gott", "Naturreligion" oder "Religion", "Spiritualität" werden westlich der Elbe stärker nachgefragt als östlich derselben.

Das scheint überhaupt ein ganz nützliches "Forschungswerkzeug" zu sein, weshalb man durchaus mal allerhand damit ausprobieren kann. Auch für so allgemeine Begriffe wie "Ehrfurcht", "Altruismus" oder "Kinderpsychologie" gibt es diesen Südwest-Nordost-Gradienten. Und interessanterweise nicht nur "Gott", sondern auch "Richard Dawkins" ist in Süddeutschland am stärksten nachgefragt. Vielleicht ist die Auseinandersetzung mit weltanschaulichen und (gesellschafts-)politischen Fragen überhaupt im Westen intensiver als östlich der Elbe? Denn auch solche Begriff wie "Revolution", "Ausbeutung", "Arbeitslosigkeit" werden im Westen stärker nachgefragt. - Nur bei so "Hardcore"-Nachfragen wie "Karl Marx" oder "Rosa Luxemburg" stimmt die Welt noch: in den neuen Bundesländern noch heute stärker nachgefragt als im Westen. - Das muß man wohl alles noch länger auf sich wirken lassen. Man darf gespannt sein, was mit diesem neuen "Forschungswerkzeug" noch alles herausgeknobelt werden kann.

Schließlich aber fand sich ein Wort, dessen Suchhäufigkeits-Verteilung wohl doch nicht so leicht einzuordnen ist, und das einen dann wieder so einigermaßen beruhigen und versöhnen könnte bezüglich der "kalten" (?), "emotionslosen" (?), gesellschaftlich weniger engagierten (?) "atheistischen" neuen Bundesländer: Das Suchwort "Sehnsucht" wird allgemein in den neuen Bundesländern stärker bei Google nachgefragt (seit 2004) als in den alten. In Mecklenburg-Vorpommern am allerhäufigsten. (!) Interessanterweise gilt exakt dasselbe für die Begriffe "Bevölkerungsentwicklung" und "Demographie". In Maßen auch für vielleicht so allgemein bedeutsame Begriffe wie "Globalisierung" oder "Intelligenz".

Der Begriff "Familienpolitik" wird besonders in Thüringen und Sachsen-Anhalt nachgefragt. Man wird sich weitere kluge "Suchwort-Forschungen" überlegen müssen, um hier noch allgemeinere "Muster" aufzuspüren.

Freitag, 8. August 2008

Der „infizierte Volkskörper“, die „kranke Kirche“

2. Beitrag zum Thema „Beeinflussen Krankheitsgefahren die Religions- und Gruppenpsychologie?“ 

Mit dem Beitrag „Religions- und Gruppenpsychologie vom Parasitenbefall beeinflußt?“ wurde ein Themenbereich angerissen, der – wie man erst bei näherer Beschäftigung merkt - unwahrscheinlich spannend und vielschichtig ist, und der zu vielen weiteren Gedankengängen Anlaß gibt. Schon die in den drei angeführten Originalartikeln zitierte Forschungs-Literatur der letzten Jahre, von denen die drei Artikel ihren intellektuellen Absprung nahmen, bietet eine ganze Fülle von Einblicken und Sichtweisen, die für viele Menschen heute noch ganz neuartig sein werden. Man sollte meinen, daß man als Wissenschafts-Journalist über diese Dinge doch gar nicht besonders gut berichten kann, wenn man nicht zuvor auch Einblick genommen hat in wenigstens einige der dort zitierten voraufgegangenen Studien und gedanklichen Ansätze. Denn sonst kommt man doch gar nicht zu einer einigermaßen gültigen Abschätzung dahingehend, was hier eigentlich insgesamt überhaupt „los“ ist. Sonst berichtet man doch nur „floskelhaft“ und mit ein paar witzigen Bemerkungen, die oft gar nicht zum Thema gehören, über ansonsten „isoliert“ dastehende Forschungsergebnisse, deren wirkliche Bedeutung erst aus dem größeren Zusammenhang der derzeitigen Forschungsliteratur heraus versteh- und nachvollziehbar wird. Es soll im folgenden versucht werden, diese Zusammenhänge etwas detaillierter herauszuarbeiten.

„Einwanderer“, „Fremde“, „Fremdkörper“, „Immigranten“

Wenn wir uns mit den Immunsystemen, den Krankheits-Abwehr-Systemen bei Tieren und Pflanzen beschäftigen, dann drängt sich uns ganz von selbst das Bild auf von Gemeinschaften von Zellen, die einander genetisch und „kulturell“ (also aufgrund äußerer Lebensumstände) sehr „nahe stehen“ (um das mindeste zu sagen), und die sich gegenseitig verteidigen gegen „Einwanderer“, „Fremde“, „Fremdkörper“, „Immigranten“. Und zwar die sich verteidigen gegen solche „Fremdkörper“, die dazu angetan sind, den „eigenen“ Gesamtorganismus, den Zellverband zu schädigen oder ganz zu zerstören. Dabei ist uns ja heute aus der Medizin sehr genau bekannt, daß das Immunsystem nicht „wahllos“ alles „Fremde“ bekämpft, sondern dem Organismus nützliche oder ihm zumindest nicht schädliche „Fremdkörper“ toleriert. So haben der menschliche Körper insgesamt und auch einzelne Organe in ihm vor allem "Kontaktbereiche", „Eingangsbereiche“, „Empfangsbereiche“, „Vorhöfe“, „Durchgangsschleusen“, in denen sich je eigene „Floren“ von tolerierten „Einwanderern“ angesiedelt haben, in denen aber das Immunsystem zugleich – wie bei sehr scharfen „Grenzkontrollen“ – unablässig tätig ist, um schädliche „Einwanderer“ herauszufiltern und zu eliminieren. Sehr oft, wenn das Immunsystem hier Fehler macht, sterben wir oder müssen unerträgliche Schmerzen erleiden. Wir sind dann schlicht - „krank“. Die Vielfalt und Häufigkeit der Vertreter einzelner Arten unter diesen „tolerierten Einwanderern“ sind nun jeweils ganz spezifisch für eine Pflanzen- und Tierart, sie gehören also zur spezifischen „Identität“, Eigenart der jeweiligen Pflanzen- und Tierart dazu. Ja, sogar jeder Mensch, sogar jede menschliche Familie, jede lokale Menschengruppe (Stamm, Volk) sind an diesen jeweils tolerierten „Mikrofloren“ auf und in ihren eigenen Körpern wie an einem „Fingerabdruck“ individuell erkenn- und unterscheidbar. (1) Allerdings konnte dieser Fingerabdruck über viele Jahrtausende hin höchstens grob (und oft nur halbbewußt) „gerochen“, „geschmeckt“, "getastet" oder gar - in manchen Auswirkungen zumindest – „gesehen“ werden. Die modernen Techniken der effektiven Gensequenzierung erlauben aber seit einigen Jahren eine Erforschung dieser Mikrofloren in einem Ausmaß und in einer Differenziertheit wie das noch nie zuvor in der Menschheitsgeschichte möglich gewesen ist (1).

Nützliche oder nicht schädliche „Immigranten“ werden toleriert

Und dadurch wird auch bekannt, wie wenig eigentlich bislang über diese Mikrofloren bekannt gewesen ist, wie oberflächlich unser Wissen über diese bislang noch gewesen ist, obwohl wir doch glaubten, durch die medizinische Forschung darüber schon so viel zu wissen. (1) Jeder einzelne Mensch, jedes Tier, seine Haut, sein Mundbereich, sein Magen- und Darmbereich, sein Ausscheidungsbereich stellen jeweils ganz einzigartige „Biotope“ dar, Lebensräume für eine Fülle von nützlichen oder zumindest nicht schädlichen Organismen-Arten (1): Bakterien, Viren, Pilze und andere (Arthropoden, Mikroparasiten, Makroparasiten). (2) Wenn wir zu Leichen geworden sind und begraben worden sind, werden wir von Insekten und Würmern zerfressen. Aber schon seit unserer Geburt leben viele Lebewesen auf und in unseren Körpern und sie zerfressen uns nur deshalb nicht, weil unser Immunsystem so tatkräftig und rund um die Uhr Abwehr leistet. Ein Mensch ohne Immunsystem ist ein toter Mensch oder muß in einer völlig sterilen Umgebung leben. All diese Dinge machen wir uns viel zu selten klar. Die den menschlichen Körper besiedelnden Bakterienarten werden beispielsweise dominiert von Bakterien aus vier von den mehr als 50 auf der Erde existierenden Bakterien-Stämmen, während die Artenvielfalt der Bakterien anderer Tierarten eine andere Zusammensetzung aufweist. (2) Diese Artenvielfalt der jeweiligen, vom eigenen Körper tolerierten Organismen-„Kolonien“, der „Biofilme“ ist also wie ein persönlicher Fingerabdruck. (1)

Antibiotika 

Bekanntlich werden diese Mikrofloren sehr stark zerstört, wenn wir ein „Antibiotikum“ nehmen. Sie müssen nach dem Ende der Einnahme jeweils wieder neu aufgebaut werden. Antibiotikum verschreibt uns der Arzt dann, wenn er den Eindruck erhält, daß das Immunsystem aus eigener Kraft es nicht mehr schafft - oder nicht mehr schnell genug schafft -, schädliche „Eindringlinge“ von nicht schädlichen zu unterscheiden und zu eliminieren. Auch verschiedene Pflanzen und scharfe Gewürze wirken „antibiotisch“ und schon Schimpansen fressen bestimmte antibiotisch wirkende Pflanzen, wenn sie krank sind. Und in südlicheren Ländern oder auch in Nordasien, in denen entweder die Vielfalt der Infektionskrankheiten höher ist und/oder die Immunsysteme der Menschen anders ausgestattet sind, essen die Menschen in der Regel schärfere Gerichte als die Menschen in den nördlicheren Ländern, was neuerdings auch von der Wissenschaft mit ihrer antibiotischen Wirkung in Zusammenhang gebracht wird. (Da liegen wohl noch viele spannende Zusammenhänge im Dunkeln, die gegenwärtig nach und nach erforscht werden.)

Der Mensch als Überträger und Verbreiter

Nun ist natürlich seit etwa zweihundert Jahren, seit den immer intensiver werdenden Forschungen mit Mikroskopen, ebenso klar, daß Menschen selbst (wie andere Tier- und Pflanzenarten) nicht nur Träger, sondern auch Über-Träger, Verbreiter von nicht schädlichen oder nicht nützlichen, sowie schädlichen und nützlichen Arten-Vertretern in Mikrofloren sind. Und im Zusammenhang dieser Tatsache wird plötzlich die menschliche Gruppenpsychologie relevant und bedeutsam, die auf diese Tatsache nämlich – scheinbar – reagiert, bzw. wahrscheinlich sogar evoluiert ist in unbewußter oder halbbewußter Wechselwirkung mit den Selektions-Vorgängen in den menschlichen Mikrofloren auf der rein physiologischen Ebene. Man kann das als ungeheuer spannend empfinden. So ist zunächst bekannt – auch erst seit zweihundert Jahren – daß frühe, leichte „Infektionen“ mit schädlichen Fremdkörpern (z.B. durch Impfen oder andere Übertragungen, etwa von der Mutter auf das Kind oder auch durch Kontakte mit dem „Schmutz“ der Umgebung, die deshalb gar nicht einmal so ganz unwichtig sind), daß durch solche der Organismus, der Körper ein dauerhaftes, lebenslanges „immunbiologisches Gedächtnis“ aufbaut, ein Gedächtnis zur schnellen, effektiven Erkennung schädlicher oder sehr schädlicher Fremdkörper.

Der „infizierte Volkskörper“, die „kranke Kirche“

Wenn man nur all diese Dinge und Tatsachen nennt, so ist ja schon geradezu unverkennbar, unübersehbar, wie sehr man sich schon von der Rhetorik, von den „Bildern“ her, von den sich unwillkürlich aufdrängenden „Metaphern“ her ehemaligem, vergangenem „völkischen“, „nationalen“, „rassistischen“, „konfessionellen“, politisch-ideologischem, „ethnischem“, religiösem Denken annähert. In diesem ehemaligen, „traditionellen“ Denken begriff man „den Volkskörper“, „die Nation“, „die Rasse“, „die Kirche“, „das Vaterland aller Werktätigen“, „gods own country“, die Abendmahls-Gemeinschaft, die „heilige Gemeinde“ als jenen schützenswerten Organismus, der gegen „Verunreinigung“, gegen „Infizierung“, gegen „Fremdes“, „Ketzerisches“, „Krankes“, „Krankheits-Übertragendes“ geschützt werden müßte. Gegen „Unterwanderung“. Und so vieles mehr. (Ich könnte mir übrigens vorstellen, daß Edward O. Wilson darüber in seinem neu angekündigten Buch "Superorganisms" manches schreiben könnte. Es paßt jedenfalls hervorragend zu dieser Thematik.)

Und wenn man weiterdenkt, dann kann man sich ja auch tatsächlich die heute vorherrschende Ideologie des „Es gibt keine Unterschiede“, die Ideologie des „Alles muß toleriert werden“ als eine Ideologie verdeutlichen, die dem bewußten Abbau vormals in Kraft gewesener „Immunisierungs-Strategien“, Abwehr-Strategien, Überlebens-Strategien von Kulturen und menschlichen Gemeinschaften diente. Und abgebaut wurden diese deshalb, weil die menschlichen Gemeinschaften im 20. Jahrhundert aufgrund der hoffnungslosen, materialistischen, atheistischen Übertreibung dieser Strategien sich gegenseitig bis zur Existenzvernichtung, bis zum Genozid selbst schädigten und vernichteten.

Wenn man aber noch einen Schritt weiter denkt, so wird einem vielleicht bald deutlich, daß man auch in diesem „neuen“ gesellschaftlich-psychologischen Klima von heute beobachten kann, wie die alten Mechanismen – wenn auch vielleicht oft auf etwas verborgenere Weise – in Kraft bleiben, wie sie fortwirken, wie Gruppen ihre Abwehrstrategien heute vielleicht nur nicht mehr in ganz so unverhohlen „medizinischer“ Sprache formulieren und vor sich selbst und anderen rechtfertigen, sondern vielleicht oft nur die Sprache – politisch korrekt – ändern. Aber auch ein Jürgen Habermas weiß ja diese Sprache zu benutzen, wenn er von „gesellschaftlichen Pathologien“ spricht. Und diese Sprache ist wohl auch gar nicht sinnvoll zu umgehen.

Menschliche Gruppen unterscheiden sich immunbiologisch, verdauungsenzymatisch

Denn nun kommt die Wissenschaft daher und sagt: Diese alte menschliche Rhetorik, die Metaphern waren gar nicht nur „Rhetorik“, waren gar nicht nur Metaphern, sie drückten etwas aus, das real vorhanden war und immer noch vorhanden ist: Menschliche Gruppen unterscheiden sich immunbiologisch und verdauungsenzymatisch sowohl auf strikt genetischer Ebene (etwa schon in den Genen, die das Immunsystem steuern, den MHC-Genen, den Milchzucker-Verdauungsgenen, Alkohol-Verarbeitungs-Genen etc. pp.), wie auch auf der Ebene der Übertragung von „immunbiologischen Gedächtnissen“ (die ja so eine Art „Prägevorgang“ ist). Und unsere Gruppenpsychologie ist von diesen Tatsachen offenbar auch sehr stark mitbestimmt und mitbeeinflußt – und zwar weniger auf rein bewußter Ebene, sondern eher halb- und unbewußt. Besonders drastisch werden diese Zusammenhänge ja auch heute noch immer wieder dann vorgeführt, wenn Menschen aus sehr weit fortgeschrittenen, komplex-arbeitsteiligen Gesellschaften mit hoher Bevölkerungsdichte und hohen innergesellschaftlichen Begegnungsraten auf kleine Menschengruppen oder auf Gesellschaften treffen, die Jahrtausende lang isoliert von der Begegnung mit „fremden“ Menschen und Gesellschaften gelebt haben. Der Beispiele dürfte es hier unzählige geben und es wäre noch die Frage, ob sie von der Wissenschaft schon einmal umfangreicher gesichtet und aufgearbeitet worden sind. Darüber müßte man spannende Geschichte schreiben können.

Genozidale Gruppenbegegnungen aufgrund immunbiologischer Unterschiede

Nur ein paar besonders deutliche und drastische: Als die christlichen, spanischen und portugiesischen Eroberer in Mittel- und Südamerika die dortigen Großreiche stürzten am Anfang des 16. Jahrhunderts, da waren es ja gar nicht allein ihre Waffen, ihre paar Vorderlader, ihre wenigen Kanonen, ihre Pferde und ihre Eisenrüstungen, die das zustande brachten, sondern das, was sie auf und unter ihrer Haut mit sich herumtrugen: ihr immunbiologisches Gedächtnis und jene Krankheitskeime, an die sich ihr immunbiologisches Gedächtnis schon längst seit vielen Generationen in der europäisch(-asiatisch)en Geschichte angepaßt hatte. Aber die Körper der Ureinwohner Mittel- und Südamerikas besaßen zu jenem Zeitpunkt dieses immunbiologische Gedächtnis nicht. Und sie starben - - - „wie die Fliegen“, zu Millionen von Menschen an ansteckenden Krankheiten, an Krankheiten, die Europäer schon damals zu den „Kinderkrankheiten“ zählten, die schon damals für Menschen in Europa kein Problem mehr darstellten. Der Grund war einfach, daß ihre Körper erst ein immunbiologisches Gedächtnis zur Abwehr dieser Krankheiten aufbauen mußte, und daß diese Körper dazu zunächst einmal mit diesen neuen Krankheitsgefahren „konfrontiert“, „infiziert“, „kontaminiert“ werden mußten. Der Erstkontakt mit diesen Krankheiten wirkte sich deshalb so verheerend aus auf die Großreiche und Völker Mittel- und Südamerikas aus, weil die Immunabwehr der Menschen nicht schnell und effektiv genug das neue Schädliche von dem neuen Nützlichen zu unterscheiden wußte. Und es kam zu einem weltgeschichtlich einzigartig schnellen Bevölkerungsrückgang, Bevölkerungszusammenbruch in den genannten Jahrzehnten in Mittel- und Südamerika. Erst nach einigen Generationen hatten die Überlebenden dann einen immunbiologischen Schutz gegen die neuen, von den Europäern eingeführten Infektionskrankheiten erworben und aufgebaut, der ihnen bis heute das Überleben garantiert hat. Die anderen waren aufgrund ihres unzureichend arbeitenden Immunsystems (zumindest in einer Umwelt, die von Europäern "infiziert" war) schon zu Lebzeiten zu - bildlich gesprochen - abwehrlosen „Leichen“ geworden. Aber dieser fehlende immunbiologische Schutz ist einer der größten Gefahren bis heute geblieben für Völker, die bislang isoliert und „unberührt“ (Nomen est omen!) zurückgezogen in Urwäldern oder abgelegenen Kontinenten oder Inseln lebten und leben. So hat die indische Regierung etwa schon seit vielen Jahren das Betreten der berühmten Andamanen-Inseln im pazifischen Ozean schlichtweg jedem Menschen verboten, auch Regierungsbeamten, da jeder Mensch allein durch seine menschliche Nähe, etwa durch ein Niesen oder Husten zur „tödlichen Waffe“ werden kann für einen Bewohner der Andamanen-Inseln. Er kann ihn durch ein einfaches Händeschütteln - bildlich gesprochen - zur „Leiche“ verwandeln. Christliche Missionare der letzten Jahrhunderte haben also Völker oftmals viel weniger mit dem „Virus des Glaubens“ „infiziert“, „kontaminiert“ oder „geimpft“, sondern vor allem erst einmal mit den Viren, die sie auf und unter ihrer Haut mit sich herumtrugen. Und das ist ja auch einer der Hauptgründe, weshalb Impfprogramme in den Ländern der Dritten Welt und insbesondere inzwischen bei "erstkontaktierten" Stämmen als so notwendig erkannt worden sind.

Gruppen dürfen - auch immunbiologisch - nicht „den Anschluß verpassen“ 

Und aus diesen wenigen Tatsachen und Überlegungen kann man schon allerhand Schlußfolgerungen ziehen. Es könnte für menschliche Gruppierungen, die langfristig in der Evolution überleben „wollen“, vorteilhaft sein, sich nicht in gänzliche Isolation von anderen Gruppen zurückzuziehen, weil sie sich dadurch allein schon auf immunbiologischer Ebene gefährden könnten, den Anschluß an „die neueren Entwicklungen auf diesem Gebiet“ verpassen könnten. Und hier etwa setzen nun die neueren Überlegungen auf dem Gebiet der Erforschung der Koevolution von menschlichem Immunsystem und menschlicher Gruppenpsychologie ein. (etwa: 3, 4, sowie voriger Beitrag) Diese Forschungen gehen von der Tatsache aus, daß es nicht nur eine graduelle Verteilung von Gruppenintelligenz-Unterschieden von Süd nach Nord auf der Erde gibt, nicht nur eine graduelle Verteilung von Artenvielfalt von Süd nach Nord, sondern auch eine ebensolche Verteilung in der Vielfalt von Infektionskrankheiten und der sie hervorrufenden Mikroorganismen-Arten, der Erreger. Am Äquator herrschen viel mehr Infektionskrankheiten vor als in den nördlicheren Breiten. Und dies wird derzeit vor allem auf die dortige höhere Niederschlagsmenge zurückgeführt. (2) Und deshalb glauben die Forscher, davon ausgehen zu dürfen, daß die Gruppenpsychologie der Menschen am Äquator konformistischer ist, während die Gruppenpsychologie der Menschen in den nördlicheren Breiten individualistischer ist. Konformistisch heißt: weniger tolerant gegenüber Fremden. In sich abgeschlossenere Gruppen. Stärkere (unbewußte) Furcht vor "Kontamination" durch Gruppenfremde.

Was ist Ursache, was ist Wirkung?

Und doch wollen einem diese Erklärungen und viele weitere Hypothesen und Schlußfolgerungen so isoliert für sich genommen noch als zu einfach und schlicht anmuten. Warum gibt es dann zum Beispiel auch in Nordasien so deutlich konformistische Gesellschaften? Oftmals weiß man noch nicht, was eigentlich Ursache und was Auswirkung ist und ob nicht Auswirkungen eigentlich die Ursachen und die Ursachen die Auswirkungen sind. Kann nicht auch eine andere vorherrschende gesellschaftliche Psychologie zu Auswirkungen auf das Immunsystem führen über psychosomale Zusammenhänge? Hier wird es in den nächsten Jahren sicherlich noch viele Überraschungen geben. Aber daß hier Zusammenhänge vorliegen, scheint inzwischen doch überaus plausibel, wenn man alles in allem nimmt, wenn man sieht daß Gruppenvielfalt und Krankheitsvielfalt über einen Süd-Nord-Gradienten miteinander korreliert. Und sie sind es sicherlich wert, auf vielen verschiedenen Funktions-Ebenen (etwa physiologisch, individualpsychologisch, gruppenpsychologisch) und nach vielen verschiedenen Richtungen hin weiter verfolgt zu werden. Klar geworden sein sollte jedenfalls, daß dieses Thema eine Fülle von Implikationen bereit hält, die durch oberflächliche Wissenschafts-Berichterstattung auch nicht im Leisesten angedeutet oder gar ausgeschöpft werden. Gründlichere Beschäftigung kostet Zeit, Fleiß und Geld. - Welche „Bakterien“ und "pathologischen" Verhältnisse mögen dafür verantwortlich sein, daß man all das selten ausreichend beeinander hat?!! ;-) … .................................

Ergänzung (10.8.): Lars Fischer hat auch grad zwei lesenswerte Artikel über Parasiten, allerdings in etwas anderem Zusammenhang geschrieben. (1, 2)

_________________ 

Benutzte Literatur (außer der schon im vorigen Beitrag genannten Literatur): 

  1. Dethlefsen, Les u.a.: An ecological and evolutionary perspective on human-microbe mutualism and disease. In: Nature, Vol. 449, 18.10.2007 
  2. Guernier, Vanina u.a.: Ecology Drives the Worldwide Distribution of Human Diseases. In: PLoS Biology, Vol. 2, June 2004 
  3. Navarrete, Carlos David; Daniel M.T. Fessler: Disease avoidance and ethnocentrism: the effects of disease vulnerability and disgust sensitivity on intergroup attitudes. In: Evolution and Human Behavior 2006 
  4. Schaller, Mark; Damian R. Murray: Pathogens, Personality, and Culture: Disease Prevalence Predicts Worldwide Variability in Sociosexuality, Extraversion, and Openness to Experience. In: Journal of Personality and Social Psychology. Vol. 95, 2008

Dienstag, 5. August 2008

Beeinflussen Krankheitsgefahren die Gruppen- und Religionspsychologie?

Neue Forschungsansätze aus der Soziobiologie

Die amerikanischen Biologen Corey L. Fincher und Randy Thornhill haben eine neue These zur Evolution menschlicher Sprach- und Religionsgemeinschaften erarbeitet. Da über diese These zumeist im Zusammenhang mit dem Schlagwort "Parasitenbefall" berichtet wurde, haben das viele Leser womöglich ein wenig zu abwegig gefunden, um weiterzulesen.

Abb.: Kranker Mensch - Gemälde von Ferdinand Hodler, Juni 1914 (Wiki)

Aber die These ist letztlich viel allgemeiner, so wird es deutlich wird, wenn man sich die Originalartikel anschaut (Oikos, Proc. Roy. Soc. B, Proc. Roy. Soc. B).

Der Ausgangspunkt ist lokale genetische Humanevolution, zunächst bei der Krankheitsabwehr des Menschen. Für solche lokale genetische Humanevolution haben ja die Genetiker in den letzten Jahren eine Fülle von neuen Hinweisen gefunden. ("Studium generale" berichtete häufig darüber.) Es handelt sich hier um sehr allgemeine Erkenntnisse und Konzepte, die weit über lokal unterschiedlichen Parasitenbefall und genetische, psychologische und kulturelle Anpassung an diesen auf Gruppenebene hinausgehen.

Jüngste, lokale Humanevolution aus der Sicht der traditionellen Soziobiologie

Soweit übersehbar sind das zwei erste Studien von Seiten der "traditionellen" Evolutionären Psychologie (bzw. der Soziobiologie), die konkreter alle die neuen Erkenntnisse in der Humangenetik der letzten zwei, drei Jahre zu jüngster, lokaler Humanevolution aufnehmen - oder sich doch sehr konkret auf theoretischer Ebene an sie annähern. Allein aufgrund dieses allgemeinen theoretischen Ansatzes verdienen die beiden Studien von Fincher und Thornhill Beachtung, auch wenn der in diesen Studien erörterte Ansatz selbst noch nicht für sich verbürgen sollte, daß man gleich im ersten Schritt schon zu sehr gut verallgemeinerbaren Ergebnissen kommt.

Anpassung an unterschiedlichen Krankheitsgefahren ist sicherlich ein Aspekt von menschlichem Gruppenverhalten. Aber sicherlich auch nicht der einzige. Der Denkansatz selbst ist jedoch so grundlegend, daß er sehr leicht erweiterungsfähig sein wird in viele Richtungen. Das mag spürbar werden, wenn nur allein einige Stichworte genannt werden aus dem zweiten Originalartikel: "locally adaptive immunity", "spacial variance in the immunbiology", was beides sowohl auf genetischer, wie psychologischer wie kultureller Ebene Auswirkungen hat, nämlich in Richtung von: "philopatry" (Heimatliebe), "ethnocentrism", "xenophobia", "collectivism", "individualism", "average coefficient of relatedness of ego's interactions over the lifetime", "flow of ideas and values", "markers of commitment", "ethnic code as a honest signal" (der "ethnische Code als ein ehrliches Signal") und so weiter und so fort.

Wie man in der Wissenschaftsberichterstattung und in der Blogszene sehen kann, sind das Studien, die beispielsweise Sprachwissenschaftler gleichermaßen interessieren wie Religionswissenschaftler. Auch dieser Umstand deutet darauf hin, daß man es hier mit einem sehr grundlegenden Denk- und Forschungsansatz zu tun hat. Die Berichte und Blog-Stellungnahmen (hier eine Auswahl: Spektr. d. Wiss., BdW, ORF, Kath.net, Spiegel, Tagesspiegel, New Scientist, Science, Telegraph, Homo economicus' Weblog, Bad Idea, Bremer Sprachblog) sind, wenn man sie mit den Originalartikeln vergleicht, oft noch viel zu oberflächlich und undifferenziert. "Studium generale" wird deshalb versuchen, auf diese Studien noch einmal differenzierter zurückzukommen.

Auszüge aus der Wissenschafts-Berichterstattung 

Hier zunächst nur einige wertvollere Auszüge aus der Berichterstattung. Der ORF schreibt:

Überprüft wurde diese These erstmals in den 1970er Jahren, als Forscher verschiedene Pavianpopulationen untersuchten. Es zeigte sich, dass in der afrikanischen Savanne die Affen von ähnlichen Bakterien befallen waren und in regem Austausch miteinander standen. In den Regenwäldern hingegen unterschied sich der Bakterienbefall zwischen den Populationen stark und die Paviane interagierten weit weniger. Die verschiedenen Parasiten, so lautete der Schluss, sind eine treibende Kraft der Evolution. Corey Fincher und Randy Thornhill meinen, daß dies auf für die Menschen gilt. (...) Wie sie in ihrer Studie schreiben, gab es überall eine strenge Korrelation zwischen diesen beiden Größen: Je mehr Sprachen es in einem Gebiet gibt, desto unterschiedlicher sind auch die Krankheitserreger, die die verschiedenen Menschengruppen tragen.
Und:
"Individuen müssen Kosten und Nutzen beim Kontakt mit Artgenossen abwägen", meinte Fincher gegenüber dem Online-Dienst des "New Scientist". Zu den Kosten zähle die Gefahr, sich mit Krankheitserregern eines fremden Individuums anzustecken, an die das eigene Immunsystem nicht angepaßt ist. Ist diese Gefahr hoch, wird der Kontakt eingeschränkt.
Man meidet also Gruppenfremde, um etwaige Ansteckungen zu vermeiden. Dazu paßt ein früheres Forschungsergebnis, nach dem vor allem schwangere Frauen stärker zwischen Gruppenfremden und Gruppenzugehörigen unterscheiden, da sie gesundheitlich besonders gefährdet sind (EHB 2007). Weiter:
Hintergrund der Studie ist ein bekanntes Phänomen der Ökologie: Die Artenvielfalt ist rund um den Äquator, in den Tropen und Subtropen, am größten, die Regenwälder sind jene Regionen mit der höchsten Artendichte und -vielfalt. Je näher man zu den Polen kommt, desto geringer ist die Biodiversität.

Aber die Forscher ziehen noch viele weitere Implikationen aus ihren Studien. Nicht nur die Größe, sondern auch die Art der Sprach- und Religionsgemeinschaften sei durch die Häufigkeit unterschiedlichen Parasitenbefalls bedingt. Hier geht es um den Unterschied zwischen mehr kollektivistischen oder mehr individualistischen Gesellschaften. Vor zwei Jahren hat der ORF schon über eine ähnliche Studie zu Parasiten berichtet (ORF, Proc. Royal Soc.). Hier wurde behauptet, daß der höhere Befall mit einer Parasitenart in Brasilien zu höheren Ängstlichkeits- und Neurotizismus-Raten, sowie zu höherer Betonung von Männlichkeit führe:

... Könnten gewisse Charakteristika nationaler Kulturen auf den Einfluß eines Parasiten zurückzuführen sein? Für die Hypothese spricht, daß der Infektionsgrad mit T. gondii regional sehr unterschiedlich ist. In Großbritannien und Norwegen liegt er bei sieben bzw. neun Prozent, in Brasilien und dem Balkan sind hingegen zwei Drittel der Bevölkerung infiziert.
Eine statistische Analyse von Lafferty zeigt indes, daß tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Parasiten und gewissen Persönlichkeitsfaktoren besteht: Gesellschaften, die eine hohen Anteil Infizierter aufweisen, erreichen auch höhere Werte bei Persönlichkeitstests bezüglich Neurotizismus. Zusammenhänge, wenn auch weniger ausgeprägt, gibt es außerdem bei zwei Faktoren, die vom Niederländer Geert Hofstede eingeführt wurden, um das gesellschaftliche Klima in Kulturgruppen zu charakterisieren: Gesellschaften mit vielen Infizierten weisen eine tendenziell geringere Risikobereitschaft (bzw. höhere "uncertainty avoidance") auf und orientieren sich daher vermehrt an vorgegebenen Regeln. Und sie sind, in der Terminologie von Hofstede, eher "maskulin" - d.h., sie halten eher an traditionellen Geschlechterrollen fest.

Detaillierteres zu diesen Dingen noch einmal in einem weiteren Beitrag.

ResearchBlogging.org

/ leicht überarbeitet: 10.3.2021 /

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  1. Corey L. Fincher, Randy Thornhill (2008). Assortative sociality, limited dispersal, infectious disease and the genesis of the global pattern of religion diversity Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0688

Mittwoch, 9. Juli 2008

Die europäischen Völker im Frühmittelalter

Es könnte von Interesse sein, künftig die Forschungsergebnisse des Wiener Frühmittelalter-Forschers Walter Pohl (geb. 1953) (Wiki) im Auge zu behalten (1).

Er ist Schüler von Herwig Wolfram (geb. 1934) (Wiki), der 1979 ein Standardwerk zur Geschichte der Goten heraus gebracht hat, das bis heute internationale Beachtung gefunden hat und seither in fünf Auflagen erschienen ist ("Geschichte der Goten. Entwurf einer historischen Ethnographie") (2). 

Abb. 1: Jugendbuch von Herwig Wolfram aus dem Jahr 2002 (Amaz)

Walter Pohl hat 2004 den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis erhalten, den inoffiziellen "Nobelpreis Österreichs". Wissenschafts-Blogger und -Journalist Ferdinand Knauß ("Geschlechterverwirrung") hat im "Handelsblatt" auch schon über die Forschungen von Pohl berichtet (2.7.2008).

Hier einmal Auszüge aus der Antrittsvorlesung von Walter Pohl im Mai 2006, in der er über das Forschungsprojekt berichtet, für das die Gelder des Wittgenstein-Preises derzeit ausgegeben werden (1):

Viele Völker Europas sind zwischen 400 und 1000 n. Chr. entstanden, oder suchen in dieser Zeit ihren Ursprung. Zugleich entstand überhaupt die abendländische Art und Weise, wie man über Völker dachte und wie ethnische Identitäten zur Grundlage politischer Macht und individueller Selbstwahrnehmung wurden. Europa ist in dieser Hinsicht außergewöhnlich, denn es besteht aus einer Vielzahl von stabil bestehenden Staaten, die ethnisch bestimmt sind. In den meisten anderen Kulturräumen der Weltgeschichte (etwa in der römischen Antike, in der islamischen Welt oder in Indien) war das anders. Der Ansatz dieser Entwicklung liegt in der "ethnischen Wende" des Frühmittelalters. (...)

Die Fallbeispiele aus jener Zeit erlauben es, über einen Zeitraum von Jahrhunderten hinweg einigermaßen kontinuierlich das Schicksal ethnischer Prozesse zu verfolgen und dabei fast wie in einem Laboratorium der Sozialforschung Identitätsbildung, Identitätskrisen und Identitätsverlust unter den unterschiedlichsten Bedingungen zu verfolgen.

Seit dem 5. Jahrhundert konnte sich ein neues Element innerhalb der lateinischen politischen Kultur durchsetzen: Königreiche auf ethnischer Grundlage, zum Beispiel die Regna der Goten, Franken oder Langobarden. Völker, in deren Namen Könige die Herrschaft beanspruchten, hatte es ein Jahrtausend lang nur am Rand der klassischen Welt gegeben; Griechen und Römer waren vor allem Angehörige ihrer polis, ihrer civitas oder res publica. Nun herrschte ein rex Francorum über ehemalige römische Provinzen und ihre vorwiegend romanische Bevölkerung und stützte sich dabei auf die spätantike Infrastruktur (einschließlich der Bischöfe). Die meisten Reiche der Völkerwanderungszeit zerfielen bald wieder, aber das Prinzip blieb; um 1000 war Europa bis Polen, Ungarn und Bulgarien unter ethnisch bezeichneten christlichen Regna mit lateinischer (oder griechischer) Staatssprache aufgeteilt. Die Errichtung großräumiger politischer Herrschaft durch eine ethnisch definierte Führungsgruppe gelang nur christlichen Königen, die über lateinische Schriftlichkeit und Elemente spätrömischer Organisation verfügten.

Ethnisch begründete Herrschaft war im mittelalterlichen Europa von Anfang an kein archaisches Element, sondern Teil eines komplexen Modells politischer Kultur. Dass die Welt aus unterschiedlichen Völkern besteht, die sich durch jeweils spezifische Merkmale unterscheiden, ist keine selbstverständliche Erkenntnis, sondern setzt eine beachtliche Abstraktionsleistung voraus. Die Festigung überregionaler ethnischer Identitäten erforderte beträchtliche Anstrengungen gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion, von denen die uns erhaltenen Texte vielfältige Spuren erkennen lassen.


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  1. Pohl, Walter: Die 'ethnische Wende' des Frühmittelalters und ihre Folgen. Antrittsvorlesungen. Gastbeitrag von Walter Pohl am 22. Mai 2006 (OEAW)
  2. Wolfram, Herwig: Geschichte der Goten. Entwurf einer historischen Ethnographie. C. H. Beck, München 1979, 2. Auflage 1980, unter dem Titel: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. 3., 4. und 5. Auflage (1990/2001/2009), Italienische, amerikanische, französische, polnische und russische Übersetzungen. Überarbeitet und gekürzt als Beck’sche Sonderausgabe (München 1983)

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