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Montag, 27. September 2021

Litauen, Marija Gimbutas und die Indogermanen

Warum war es gerade eine Litauerin, die die Urheimat der Indogermanen fand?
- Etwa weil die litauische Sprache dem Urindogermanischen besonders nahe steht?
- Aber welche moderne indogermanische Sprache steht dem Urindogermanischen überhaupt besonders nahe?

Auch heute noch wird gerne ein Satz zitiert, den ein früher Vertreter des Fachbereiches der Indogermanistik geprägt hat, nämlich der französische Sprachforscher Antoine Meillet. Diesr Satz lautet:

"Jeder, der hören will, wie Indo-Europäer gesprochen haben, sollte einem Litauischen Bauern zuhören."

Wäre es unter diesen Umständen ein besonderes Wunder, daß jene Archäologin, die die Urheimat und frühe Geschichte der Indogermanen zuerst umfassend erkannt und populär gemacht hat, ebenfalls aus Litauen stammt? Hierbei handelt es sich nämlich um Marija Gimbutas (1921-1994) (Wiki, engl) (1), deren hundertster Geburtstag vor einer Woche Anlaß für das Litauische Nationalmuseum (Wiki) in Wilna war, die Ausstellung "Göttinnen und Krieger - 100 Jahre Marija Gimbutas" (LNM) zu eröffnen. Die Ausstellung enthält auch 56 Stücke des Nationalmuseums der Repubik Moldau in Chisinau (NatMu). Am 23. und 24. September wurde in Wilna auch eine wissenschaftliche Tagung aus diesem Anlaß abgehalten (Programm). Auf ihr hielten Archäologen wie Igor Manzura oder Volker Heyd Vorträge zum heutigen Forschungsstand. Den Zusammenfassungen der Vorträge ist zu entnehmen, daß noch heute so mancher Archäologe damit "zackert", Marija Gimbutas Leistungen in vollem Umfang anzuerkennen. Aber das soll uns an dieser Stelle nicht wichtig sein.*)

Abb. 1: Marija Gimbutas mit Kind - Sie hatte drei Töchter

Wer die tieferen Antriebe zur Lebensleistung von Marija Gimbutas verstehen will, wird gut daran tun, ihre Familiengeschichte zur Kenntnis zu nehmen, die tief verwoben ist mit schicksalhaften Wechselfällen der ostmitteleuropäischen Geschichte während des 20. Jahrhunderts. 

Die wechselhafte Geschichte Litauens im 20. Jahrhundert

Die Eltern von Marija Gimbutas waren Ärzte und trugen den Familiennamen Alseika (dies ist der Geburtsname von Marija). Ihre Mutter hatte 1908 das Doktorexamen an der Universität Berlin abgelegt, ihr Vater 1910 dasselbe an der Universität Dorpat (ebenfalls eine traditionell bis dahin vornehmlich deutschsprachige Universität, erst 1893 war Russisch als Lehrsprache eingeführt worden) (Wiki). Das vormals russisch besetzte Litauen wurde 1915 von Deutschland besetzt. Erich Ludendorff verwaltete von Wilna aus das Besatzungsgebiet "Oberost" (Wiki), dessen Wirtschaftsstrukturen auf die Höhe gebracht wurden. 

Nach dem Abzug der Deutschen im Jahr 1918 und der Unabhängigkeitserklärung Litauens richteten die Eltern von Marija Gimbutas in Wilna das erste landeseigene Krankenhaus ein. Aber schon 1919 wurde Wilna von Polen besetzt. Wilna sollte bis 1939 von Polen besetzt bleiben. 1921 wurde Marija Alseika in Wilna geboren. Als sie zehn Jahre alt geworden war, übersiedelt ihre Familie zwischen 1931 bis 1933 wegen der dauerhaften Besetzung Wilnas durch Polen nach Kaunas. Nur der Vater bleibt in Wilna zurück. Kaunas liegt 100 Kilometer westlich von Wilna.

1938 begann Marija Alseika an der Universität Kaunas zu studieren, und zwar zunächst Sprachwissenschaften. 1939, nach der Niederlage der polnischen Armee gegen die Deutschen, kommt Wilna wieder an Litauen. Marija Gimbutas kehrt nach Wilna zurück. Gimbutas erinnert sich (1) an einen ...

"Aufbruchgeist in der Regierung, an der Universität, im Schulsystem. Die junge Generation, der ich angehörte, lebte inmitten dieses Aufbruchsgeistes und tat mehr als ihr möglich war."

Marija Alseika selbst sammelte in dieser Zeit über 5000 Volkslieder. Ein Jahr später aber schon besetzte die Sowjetunion Litauen. Die Universität Wilna wurde geschlossen. Marija Alseika schloß sich der Untergrundbewegung gegen die sowjetische Besatzungsmacht an. Sie lebte in den litauischen Wäldern. In dieser Zeit schrieb sie weiter an ihrer Magisterarbeit (1).

In der ersten Jahreshälfte 1941 verstärkten sich die Spannungen zwischen der Sowjetunion und Deutschland. Entsprechend stand die litauische Widerstandsbewegung unter starkem Druck von Seiten der sowjetischen Geheimpolizei. 25 Mitglieder der Familie Alseika "verschwanden" in den Fängen der sowjetischen Geheimpolizei (1). Marija Alseika versteckte sich in Kaunas. 

Am 22. Juni 1941 brach der Krieg zwischen der Sowjetunion und Deutschland aus. Die litauische Widerstandsbewegung ging in den offenen Aufstand über. Nach der Besetzung Litauens durch die deutsche Wehrmacht heiratete Marija Alseika Jurgis Gimbutas. In den Jahren 1943, 1947 und 1954 brachte sie drei Töchter zur Welt.

Am 8. Juli 1944 floh die Familie Gimbutas vor dem Vormarsch der Roten Armee nach Wien, dann nach Innsbruck. Von Innsbruck floh sie 1945 über die Berge nach Süddeutschland und lebte dort auf dem Land (1). 1946 promovierte Marija Gimbutas an der Universität Tübingen. 1947 emigrierte die Familie in die USA. 1950 erhielt Marija Gimbutas eine Anstellung an der Universität Harvard (1).

Der Zusammenhalt mit ihrer Familie in Litauen blieb weiterhin groß. Ihre Mutter, ihre Tante und ihre Cousine lebten in Litauen. Im regen Briefwechsel halfen sie ihr bei der Illustration ihrer Bücher. 1956 präsentierte Marija Gimbutas das erste mal ihre Kurgan-Theorie auf einer wissenschaftlichen Tagung in Philadelphia (1).

Die baltischen und germanischen Sprachen stehen dem Urindogermanischen am nächsten

Wie schon einleitend angedeutet, scheinen die baltischen Sprachen in einer besonderen Beziehung zur urindogermanischen Sprache zu stehen. Es ist aber auch insgesamt nicht uninteressant, daß vom weiterlebenden urindogermanischen Wortbestand, also Vokabular her gesehen die baltischen und germanischen Sprachen dem Urindogermanischen am nächsten zu stehen scheinen (2). 

Die Indogermanistik hat in den letzten 200 Jahren Forschung durch Sprachvergleich 2044 urindogermanische Worte gefunden. In keiner heutigen indogermanischen Sprache leben mehr als 40 % dieser gefundenen urindogermanischen Worte weiter (2) (nach 3).

Werden aber nun jeweils zwei indogermanischen Sprachfamilien miteinander verglichen was die Häufigkeit von urindogermanischen Wortähnlichkeiten betrifft, so sind es die germanische und die baltische Sprachfamilie, die untereinander die meisten urindogermanischen Worte miteinander teilen, nämlich 828 (2). Diese beiden werden gefolgt in der Häufigkeit ähnlich lautender urindogermanischer Worte zwischen der germanischen und hellenischen Sprachfamilie: 809 (2).

Die hellenische und die baltische Sprachfamilie weisen hingegen nur 689 ähnliche urindogermanische Worte auf (1). Insgesamt kann die Schlußfolgerung gezogen werden (2):

Die germanische Sprachfamilie steht dem Urindogermanischen vom Wortbestand her am nächsten.

Keine andere indogermanische Sprachfamilie weist so viele urindogermanische Wortähnlichkeiten mit anderen indogermanischen Sprachfamilien auf als die germanische Sprachfamilie.

Es mag dies als ein Hinweis darauf gewertet werden, daß sich nicht nur von der Genetik her, sondern auch von der Sprache her die Indogermanen bis heute am ursprünglichsten in Nordeuropa gehalten haben. Wobei interessanterweise auch allein schon vom Wortbestand her eine größere Nähe der germanischen Sprachen zu den hellenischen aufgezeigt werden kann, die es zwischen der baltischen und hellenischen Sprachfamilie in diesem Umfang nicht gibt (nur 689 Worte).

Insgesamt ist es aber so, daß jede indogermanische Sprache andere Merkmale des Urindogermanischen bewahrt hat, so daß nur durch den Vergleich aller indogermanischer Sprachen miteinander das Urindogermanische zu rekonstruieren ist. Allein aus einer oder auch mehreren indogermanischen Sprachfamilien wäre das Urindogermanische in dem heutigen Umfang nicht zu rekonstruieren gewesen. Dazu weist es zu viele Facetten auf, die im Laufe der Geschichte sich regional unterschiedlich weiter entwickelt haben und dabei entweder erhalten haben, sich umgeformt haben oder aber verloren gegangen sind.

Wer die Lebensleistung von Marija Gimbutas verstehen möchte, wird gut daran tun, sich mit der politischen und kulturellen Geschichte Litauens während des 20. Jahrhunderts ebenso zu beschäftigen wie mit der besonderen Stellung des Litauischen in der Sprachgemeinschaft der indogermanischen Sprachen.

Ergänzung 8.12.24: Die germanischen, baltischen, slawischen und indo-iranischen Sprachen sind - archäogenetisch gesehen - alle von den Schnurkeramikern verbreitet worden, während die antik-armenische und antik-griechische Sprache von den Jamnaja-Leuten verbreitet wurde und während die keltischen und italischen Sprachen von den Glockenbecher-Leuten verbreitet worden sind. 

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*) Vielleicht nicht uninteressant sind die Ausführungen über die Zeit nach 3.500 v. Ztr. (Abstr.s):

Das Vorkommen von bemalter Keramik ebenso wie von anthropomorphen Figurinen legt einen großen Einfluß der späten Tripolje-Gesellschaften auf die archäologisch feststellbaren Steppenkulturen nahe. Ein gutes Beispiel für eine Kurgan-Kultur, die stark von der Tripolje-Kultur beeinflußt worden ist, ist die lokale Gruppe "Serezleevka" zwischen Südlichem Bug und Dnjepr, die auf 3.500/3.200 bis 2.800 v. Ztr. datiert wird. (...) Es ist eine Ausbreitung von Tripolje-Menschen aus der Region des Östlichen Bug in die Steppe hinein in der zweiten Hälfte des 4. Jahrtausends anzunehmen. ....
Finds of painted pottery, as well as anthropo-morphic figurines, allow suggesting a significant impact of Late Tripillia communities on the steppe archeological cultures. A bright example of a kurgan culture heavily influenced by the Tripillia is the Serezleevka local group located between South Bug and Dnieper rivers and dated by 3500/3200-2800 BC. (...) A migration of Trypillia people from the Easter Bug region into the steppe during the second half of the 4th Millenia BC is suggested. It is supposed that the motivation for such resettlement was the lack of supplies caused by the crises of the extensive fire-cutting agriculture practiced by Tripillia people. The other possible reason for the relocation to the Lower Dnieper region was the search for metal. Recent studies suggest an existence of a strong met-allurgical center in the mentioned region during the last quarter of the 4th Millenia BC. The evidence of local production of the metal tools is the finds of metallurgists’ burials accompanied by the casting forms of Samara type axes.

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  1. Marija Gimbutas 1921--1994, https://www.belili.org/marija/bio.html
  2. C (Selva) R.Selvakumar:  What modern-day language is closest to Proto-Indo-European (PIE)? 2020, https://www.quora.com/What-modern-day-language-is-closest-to-Proto-Indo-European-PIE
  3. Bird, Norman, The Distribution of Indo-Europena Root Morphems (A Checklist for philologists), 1982, Sole distributions rights with Otto Harrassowitz Wiesbaden
  4. Adriano Cunha Trigueiro: What modern-day language is closest to Proto-Indo-European (PIE)? 2018, https://www.quora.com/What-modern-day-language-is-closest-to-Proto-Indo-European-PIE

Dienstag, 13. April 2021

Wanderten die Wolga-Fischer nicht mit? - Die Indogermanen

Sie vergaßen ihre ursprünglichen Fisch-Namen
- Außer dem Fisch-Namen "Lachs"
Die Menschen der Chwalynsk-Kultur an der Wolga (4.700 v. Ztr.) aßen viel Fisch
- Das einstige "Lachsargument" in der Indogermanen-Forschung 
- Lachs und Meeresforelle in der Völkergeschichte  

Eine neue Studie macht sich Gedanken darüber, wie sich Völker ernähren müssen, deren Hauptnahrungsbestandteil in dem mageren, proteinreichen Fleisch des Lachs-Fisches besteht. Es wird dies festgemacht insbesondere an den Indianervölkern an der Nordwestküste Nordamerikas (1) (Abb. 1).

Abb. 1: Ergänzende Fett- und Kohlenhydrat-reiche Nahrung, um "Protein-Vergiftung" zu verhindern (Grafik aus 1)

Bei der Ernährung vorwiegend mit Lachs besteht ein ähnliches Problem, wie Forscher ein solches feststellten bei nordamerikanischen Indianern, die hauptsächlich von der Jagd auf Kaninchen lebten. Kaninchen bieten ebenfalls nur fettarmes Fleisch. Die Forscher nannten die daraus sehr leicht folgende "Protein-Vergiftung" "Kaninchenhunger" (Wiki).

Das Ergebnis der neuen Studie ist nun, daß Völker, die vorwiegend vom Lachsfang leben, auf jeden Fall auch noch fett- und kohlehydratreiche andere Nahrungsbestandteile zusätzlich brauchen. Denn zu einseitige Ernährung nur mit Lachs-Fleisch wäre für sich genommen eine zu proteinreiche Nahrung, die die sogenannte "protein starvation" mit sich bringen kann (1). Dies birgt nach Meinung der Autoren Schlußfolgerungen in sich für die bisherigen völkerkundlichen, wirtschaftsgeschichtlichen und archäologischen Annahmen hinsichtlich der Bedeutung des Lachs-Fanges in der Völkergeschichte.

Abb. 2: Vor Sonnenaufgang an der Wolga ("Early Morning"), Gemälde von Alexei Savrasov (1830-1897), 1887*)

Es wäre noch zu überprüfen, ob diesselben Überlegungen auch für die Kaspische Meeresforelle gelten .... Denn diese scheint der "Lachs" unserer indogermanischen Vorfahren gewesen zu sein. Mehr dazu unten. - Doch zunächst: Der (Atlantische) Lachs gilt auch bei uns in Deutschland schon seit vielen Jahrhunderten als eine Delikatesse. Schon 1865 wurde in der damals weit verbreiteten Zeitschrift "Gartenlaube" geschrieben (2):

Wer von den Hunderttausenden der Leserinnen und Leser der Gartenlaube wird nicht mit innerem Wohlbehagen an manches saftige Gericht eines marinirten, geräucherten oder gebratenen Lachses denken, jenes seltsam erzogenen Kindes der Wasser, dessen röth­liches Fleisch uns hungrigen Sterblichen oft so einladend, so delicat und so poetisch entgegenlächelt.

Der Atlantische Lachs (Abb. 5) ist Ende des 19. Jahrhunderts im nördlichen Kontintental-Europa - vornehmlich in den Niederlanden, in Deutschland und im Baltikum, sowie in Südengland - durch die Industrialisierung und die intensive Bewirtschaftung der Flüsse ausgestorben (Abb. 6).

Bis dahin hatte er alle deutschen Flüße bewandert (Wiki). Und es gibt wohl bezüglich fast aller deutschen Flüssen heute Wiederansiedlungsbemühungen hinsichtlich des Atlantischen Lachses (s. z.B. 5-7). Auf dem Stadtplan der Stadt Stolp in Pommern aus dem Jahr 1940 findet man im Süden der Stadt am Fluß Stolpe die Angabe "Lachsschleuse" (19). Also schon damals bemühte man sich darum, den Lachs in den Binnengewässern Pommerns zu erhalten. Die Straße "An der Lachsschleuse" führte in die südöstlichen Neubaugebiete der Stadt. 

Abb. 3: Fischer an der Wolga - Gemälde von Alexei Savrasov (1830-1897), undatiert

Der Lachs gehörte schon in früheren Jahrhunderten zu den teuren Fischarten. In der deutschen Sprache heißt der Fluß-aufwärts wandernde Lachs "Salm". Und nach diesem Namen sind auch manche Haus- und Straßennamen in Ortschaften am Rhein benannt. "Salm" (Wiki) ist abgeleitet von Lateinisch "Salmo". Diese Benennung "Salmon" (Wiki) hat auch im Englischen heute das vormalige mittelenglische Wort "Lax" verdrängt.

Die eingangs genannte Studie lenkt nun aber auch die Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß es viele traditionell lebende Völker und Stämme gegeben haben muß, in denen der Fischfang, nicht zuletzt auch der Lachs-Fang eine große Rolle spielte und spielt, nicht nur in Nordwest-Amerika, sondern auch in Europa. Am besten erforscht diesbezüglich sind natürlich heute die Indianer Nordwest-Amerikas (Wiki). Sie konnten mit dem Lachs-Fang und der Bevorratung von Lachs für die Wintermonate ihre Bevölkerungsgröße deutlich vergrößern. Dies kam auch in bekannten Volksfesten wie dem "Potlach" (Wiki) zum Ausdruck.

Angesichts des einstigen anzunehmenden Lachs-Reichtums in den Flüssen, die in den Atlantik, in die Nord- und Ostsee münden, wird man annehmen dürfen, das der Lachs für viele Völker der westeuropäischen und der osteuropäische Jäger und Sammler eine nicht unbeträchtliche Nahrungsgrundlage darstellte. Das spiegelt sich auch in der chemischen Zusammensetzung der Knochen spätmesolithischer Menschen an der Atlantikküste wieder (8). Für Irland sind umfangreichere Fisch-Fangvorrichtungen für die Zeit 4.100 bis 3.700 v. Ztr. archäologisch nachgewiesen (9; s.a. 21). Auch Lachs-Gräten sind an verschiedenen Ausgrabungsorten nachgewiesen worden (siehe Google Scholar "Mesolithic, Salmon").

Abb. 4: Fischer an der Wolga - Gemälde von Alexei Savrasov (1830-1897), 1872 - Diese Szenerie könnte über Jahrtausende an der Wolga ähnlich geblieben sein

Der Name "Lachs" ist nun interessanterweise ein urindogermanisches Wort (Wiki). Und dieses Wort hat in der Indogermanistik zwischen den 1880er und 1950er Jahren eine nicht geringe Rolle gespielt hinsichtlich der Erörterung der Urheimat der Indogermanen.

Die Kaspische Meeresforelle - War sie der "Lachs" unserer indogermanischen Vorfahren ...?

Darüber gibt es erfreulicherweise einen ausführlichen Wikipedia-Artikel. Die diesbezüglichen Auseinandersetzungen sind unter dem Begriff "Lachsargument" in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen (Wiki):

Die Sprachvergleichung deutete auf einen Mangel an indogermanischen Fischnamen. Selbst ein einheitliches indogermanisches Wort für Fisch, der lateinisch piscis, in Sanskrit mátsya-, griechisch ichthýs und altslawisch ryba hieß, fehlte offenbar. Beides machte eine Herkunft der Indogermanen aus einem fischarmen eurasischen Steppen- oder Waldgebiet plausibel. Für den Lachs (Salmo salar) jedoch enthielten die Nachschlagewerke, die seit den 1870er Jahren erschienen, umfangreicher werdende Zusammenstellungen ähnlicher Bezeichnungen in den germanischen, baltischen und slawischen Sprachen. 

Auf Wikipedia ist natürlich in diesen Worten schon implizit der heutigen Forschungsstand vorweg genommen: Womöglich hat der Fischfang im Urvolk der Indogermanen keine große Rolle gespielt, auch wenn es an den Ufern der Mittleren Wolga lebte. Womöglich.

Aber der genannte Umstand, daß es in vielen indogermanischen Sprachen das Wort "Lachs" gibt, wurde in der Forschung bis in die 1950er Jahre als Argument herangezogen dafür, daß die Urheimat der Indogermanen an der Ostsee gelegen haben müsse. Im Verlauf der Jahrzehnte wurde das Wort Lachs dann von den indogermanischen Sprachwissenschaftlern auch in indogermanischen Sprachen wie dem Tocharischen (!), dem Ossetischen und dem Altindischen gefunden.

Abb. 5: Die natürlichen Wanderungsbewegungen des Atlantischen Lachses (aus: 3)

Seit den 1970er Jahren hält man nun die Vermutung für plausibel, daß mit "Lachs" von den Urindogermanen auch - oder sogar ursprünglicher - Unterarten der Lachs- oder Meerforelle (Salmo trutta trutta) benannt worden sind (Englisch "brown trout"), die in den Flüssen zum Kaspischen und zum Schwarzen Meer verbreitet sind (also auch in der Wolga), ebenso wie im Kaukasus (Abb. 7). Und ebenso auch im Dnjepr. Auch bezüglich dieser Wander-Fische gibt es Wiederansiedlungsbemühungen (10). 

Es wäre somit plausibel, daß die Lachsforelle schon von unseren Vorfahren, den Urindogermanen an der Mittleren Wolga, ihren osteuropäischen Jäger/Sammler-Vorfahren und ihren kaukasisch-neolithischen bäuerlichen Vorfahren im Kaukasus gefischt worden ist. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist diesbezüglich aber noch vieles ungesichert:

Bei den im Kaukasus und um das Schwarze und Kaspische Meer auftretenden Unterarten der Meerforelle handelt es sich um die Schwarzmeer-Forelle (Salmo trutta labrax) und die Kaspische Forelle (Salmo trutta caspius). Welcher dieser Fische von den ur-indoeuropäischen Sprechern als *loḱs- oder ähnlich bezeichnet wurde, ist ungewiß.

Die Kaspische Forelle weist nach einer genetischen Studie aus dem Jahr 2016 in der Mittleren Wolga und im Unteren Ural nur eine sehr geringe genetische Vielfalt auf und kann diesbezüglich auf Populationen aus dem nördlichen Iran, also dem Bereich des südlichen Kaspischen Meeres zurück geführt werden (11). Dies könnte bedeuten, daß sie auch in der Wolga zeitweise ausgestorben war.

Omega3-Fettsäuren enthält der Lachs ja sehr viel (Wiki). Leinöl und andere pflanzliche Öle enthalten sie auch. Diese Omega3-Fettsäuren sollen mancherlei positive Wirkung im menschlichen Körper entfalten. Vieles davon ist aber wissenschaftlich noch keineswegs besonders gut abgesichert (Wiki). Auch die Massentierhaltung des Lachses wirft viele Umweltprobleme auf, er gilt inzwischen als "das Schwein des Meeres".

Abb. 6: Die natürlichen Wander- und Brutregionen des Atlantischen Lachses - Rot die Regionen, in denen er ausgestorben ist (aus 4)

Was "verschweinert" der moderne Mensch eigentlich nicht in seiner elendig großen Ehrfurchtlosigkeit vor der Natur?

Unsere Vorfahren haben viel Fisch gegessen

Auf jeden Fall gibt es doch mancherelei Grund, die Beziehung unserer Vorfahren an der Mittleren Wolga zu Fischen im Auge zu behalten. Und indem wir noch fragen, finden wir schon Antworten. Für Skelette der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga um 4.750 v. Ztr. wurde 2018 anhand ihrer chemischen Zusammensetzung festgestellt (12):

Dies ist Hinweis auf einen beträchtlichen Anteil an Fisch im Ernährungssystem der Population, die im Spätneolithikum die Region der Mittleren Wolga bewohnte.
This is an indication of a substantial portion of the fish component in the dietary system of the population inhabiting the Middle Volga region in the Eneolithic. Schulting and Richards (2016) came to the same conclusion.

Schon eine Studie aus dem Jahr 2016 war zu demselben Ergebnis gekommen (13). Thomas Terberger und Kollegen haben schon 2013 für archäologische Kulturen an der Oberen Wolga ähnliche Untersuchungen vorgenommen (14).

"Fischarme" Urheimat der Indogermanen - oder: Gehörten die Fischer einfach nicht zu den wandernden Volksteilen?

Die hier gegebene erste Sichtung von Forschungen zum Fischverzehr der Urindogermanen an der Mittleren Wolga aus archäologischer und sprachgeschichtlicher Sicht läßt die Angabe oben, daß die Urheimat der Urindogermanen "fischarm" gewesen sei, höchst fragwürdig erscheinen. 

Noch heute ist eine Kreuzfahrt auf der Mittleren Wolga zwischen Wolgograd und Kasan eines der legendärsten Urlaubsziele der Russen (18). Und die Wolga und insbesondere das Wolgadelta sind ein sehr beliebter Urlaubsort für Angler und Fischer aus aller Welt (15, 16). Unzählige Fischarten werden in der Wolga gefischt und geangelt (15, 16). Ist dieser Umstand eigentlich in das genannte sprachwissenschaftliche Forschungsergebnis eingeflossen, nachdem es außer für den Lachs für keine Fische urindogermanische Worte geben soll? Immerhin lebt in der Wolga aber auch der Weißlachs (Wiki) ist bei dieser Gelegenheit zu erfahren (16). Bekanntlich ist ja auch der Kaviar (Wiki) - Eier diverser Störarten - ein russisches Nationalgericht. Der Name soll auf iranische Volksstämme zurück gehen. Kaviar wurde schon von Aristoteles erwähnt und von den wikingischen Rus nach Byzanz verkauft (16):

Die Wolga hat sich hinter Astrachan in 800 Arme verzweigt und erstreckt sich von West nach Ost über eine Breite von 200 Kilometern. 19 000 Quadratkilomter groß ist das Gebiet – fast so wie Rheinland-Pfalz.

Über das Wolgadelta heißt es auf Wikipedia (Wiki):

Das Wolgadelta gehört mit dem Donaudelta und 230 dort vorkommenden Süßwasserfischarten zu einem der fischreichsten Gebiete Zentralasiens und Europas. Am Unterlauf der Wolga zwischen Wolgograd und Astrachan findet man eines der größten Vorkommen an Wildkarpfen mit einem Durchschnittsgewicht von 12 Kilogramm, die hier bis 35 Kilogramm schwer werden können. Begünstigt wird das Wachstum durch die hohen Wassertemperaturen im Sommer (bis max. 26–28 °C und Außentemperaturen von 50 °C), viele Muschelbänke und großflächig überschwemmte Uferzonen, die den Karpfen ein hohes Nahrungsaufkommen liefern. Außerdem finden sich viele andere Friedfische wie Silberkarpfen, Brassen, Rotaugen und Güster. Rotfedern zeigen hier anders als in Mitteleuropa mit zunehmender Größe ein räuberisches Verhalten. Bei den Raubfischen dominieren in der Wolga Hechte, Rapfen, Wolgazander und die dort bis zu 100 Kilogramm schwer werdenden Welse. Von Astrachan aus wurden ab Ende Juni nach der Hochwassersaison Angeltouren (Heribert's Fishing Tours von 1990–1995 in die KARAI LODGE, eine ehemalige Jagddatscha der russischen Präsidenten) in die Wasserlandschaft aus Seen, Teichen, Gräben, Sümpfen, Schilfinseln und Auenwäldern organisiert.

Vielleicht könnte das Fehlen von gemein-indogermanischen Fisch-Namen auf die soziale Schichtung innerhalb des Volkes der Urindogermanen hinweisen. Wenn Fischer - anzunehmenderweise - auf der sozialen Leiter weiter unten standen (womöglich oft noch mehr der mesolithischen Bevölkerungsweise verhaftet als andere Volksteile), wenn sie aufgrund ihrer Bindung an das Wasser weniger "beweglich" und wanderfreudig waren wie andere Volksteile, wäre es naheliegend, daß die wandernden Volksteile jeweils die Fischnamen jener Bevölkerungen übernommen haben, die sie vor Ort in einer bestimmten Region antrafen.

Abb. 7: Verbreitungsgebiet der Kaspischen Forelle, des "Lachses" unserer Vorfahren (?) (aus: 10)

Unter dieser Annahme hinwiederum würde es auffallend erscheinen, daß der Lachs ihnen offenbar als so bedeutend erschien, daß sie an ausgerechnet diesem Fischnamen sehr häufig dennoch festgehalten haben.

/ 15.4.21 / Auf die Inhalte dieses Blogartikels haben wir auf der Diskussionseite zu dem lesenswerten Artikel "Lachsargument" auf Wikipedia hingewiesen. Der Ersteller des Artikels, "Aalfons", will neue sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse zum Thema einarbeiten, sobald sie erschienen sind.

Der Landschaftsmaler Alexei Sawrassow

Über Bildersuche "fishermen volga" stößt man mehrfach auf den russischen Landschaftsmaler Alexei Sawrassow (1830-1897) (Wiki) (Abb. 2-4). Er wurde in Moskau geboren. Von seinen Bildern geht eine besondere Stimmung aus, nicht nur dann, wenn er Landschaften rund um die Wolga malt. Aber mehrfach wählte er für seine Gemälde das Thema "Fischer an der Wolga" (Abb. 2-4) oder auch sonstige Blicke auf die Wolga. Es wird berichtet (17) (Übersetzung):

1852 reiste der Künstler in die Ukraine, wo er eine Reihe von Ansichten der dortigen weiten Steppen schuf: "Die Steppe bei Tage" (1852), worin sich die vielen Aspekte wieder finden seines Lieblingsthemas: weite, offene Räume.
In 1852, the artist traveled to the Ukraine where he produced a series of views of its rolling steppes The Steppe in Daytime (1852), which reflect the various aspects of his favorite subject, wide-open spaces.

Obwohl er viele Jahre als Professor an der Kunstakademie in Moskau wirkte, verbrachte er - aufgrund von Alkoholismus - seine letzten Jahre als Obdachloser. Nur der Türsteher der Kunstakademie ist zu seinem Begräbnis gegangen (17). Was für ein Schicksal!

Abb. 8: Am Unterlauf der Wolga südlich von Saratow lebten 300 Jahre lang die Wolgadeutschen und hatten sogar zeitweise ihre autonome Wolgadeutsche Republik

Am Unterlauf der Wolga südlich von Saratow lebten 300 Jahre lang auf beiden Seiten der Wolga die Wolgadeutschen (Wiki). Sie hatten sogar zeitweise ihre Autonome Wolgadeutsche Republik (Abb. 8).

/ 5.3.2026: Die weit verbreiteten Fischfang-Methoden in Nordwest-Amerika werden in einem neuen Artikel detailliert behandelt. Sie trugen zur Erhöhung der Bevölkerungsdichte bei (21). / 

Kein Nachweis für "Lachs" in den anatolisch-indogermanischen Sprachen

/ 5.3.2026 / Bisher hatten wir hier im Artikel noch nicht die Frage gestellt, die wir heute ChatGPT  fragen: "Kommt das indogermanische Wort für Lachs auch in anatolisch indogermanischen Sprachen vor?" Die Antwort lautet:
Kurz gesagt: Nein – in den anatolischen indogermanischen Sprachen ist kein sicheres Reflex des indogermanischen „Lachs“-Wortes belegt.
1. Das rekonstruierte indogermanische Wort Für „Lachs“ wird gewöhnlich ein proto-indogermanischer Stamm rekonstruiert:
*laḱs- / *loḱs- „Lachs, Forelle“
Reflexe finden sich in mehreren Zweigen, z. B.:
Germanisch: dt. Lachs, isl. lax, urgerm. *lahsaz
Baltisch: lit. lašiša
Slawisch: russ. lososʹ
eventuell Tocharisch: laks „Fisch“
Gerade diese Verteilung hat zum bekannten „Salmon problem“ in der indogermanischen Urheimat-Diskussion geführt.
2. Situation im anatolischen Zweig
Zu den anatolischen Sprachen gehören u. a.:
Hethitisch
Luwisch
Lykisch
Palaisch
Für keine dieser Sprachen ist ein Wort belegt, das eindeutig aus *laḱs- hervorgegangen wäre. Die bekannten Wörter für „Fisch“ oder einzelne Fischarten im Hethitischen haben andere Etymologien oder unklare Herkunft, und ein spezifisches Wort für „Lachs“ ist dort ohnehin unwahrscheinlich, da Anatolien kein klassisches Lachsvorkommensgebiet ist (anders als Nord- und Osteuropa).
3. Sprachhistorische Interpretation
Daß der „Lachs“-Stamm nicht im Anatolischen vorkommt, wird häufig so erklärt: Der Stamm entstand erst nach der Abspaltung des anatolischen Zweigs. → Dann gehört er zum sogenannten Proto-Nuclear-Indo-European (alle Zweige außer Anatolisch). Oder er ging im Anatolischen verloren / wurde ersetzt. Viele Forscher halten Möglichkeit 1 für plausibel, weil das Wort zwar in mehreren späteren Zweigen vorkommt, aber systematisch im Anatolischen und auch im Indo-Iranischen fehlt.

Diesen Umstand hatten wir uns bislang noch nicht klar gemacht. Daran schließt sich die Fragestellung an: "Gibt es im Dnjepr Lachse?" - also in dem Fluß der Urheimat der Späten Urindogermanen. Aber für den Dnjepr gilt dasselbe wie für die Wolga: Kaspisches und Schwarzes Meer bilden keine guten Lebensbedingungen für Lachse, auch offenbar historisch nicht (so belehrt uns ChatGPT). Damit wird es immer plausibler, daß Lachs schlicht ein westindogermanisches Wort ist.

/ Ergänzungen 
(Abb. 1): 22.7.2021 
5.3.26 /

_______________________

  1. How ancestral subsistence strategies solve salmon starvation and the “protein problem” of Pacific Rim resources Shannon Tushingham, Loukas Barton, Robert L. Bettinger. American Journal of Physical Anthropology First published: 08 April 2021 https://doi.org/10.1002/ajpa.24281
  2. Theodor Kirchhoff: Die Indianer beim Lachsfang. In: Die Gartenlaube, Heft 48, 1865, S. 760-762, https://de.wikisource.org/wiki/Die_Indianer_beim_Lachsfang
  3. Geisler, Eva, 2006, https://docplayer.org/62808887-Gliederung-steckbriefe-ausgewaehlter-fischarten.html
  4. Why aren’t there more Atlantic salmon (Salmo salar)? Donna L. Parrish, Robert J. Behnke, Stephen R. Gephard,Stephen D. McCormick, and Gordon H. Reeves, 1998 (pdf
  5. Historisch: Lachsfang auf der Weser in Hameln. Die Weser July 17, 2017 | Author: Teresa Lenz, https://silo.tips/download/historisch-lachsfang-auf-der-weser-in-hameln-die-weser
  6. Der Elblachs. Ergebnisse der Wiedereinbürgerung in Sachsen. November 2003, Publisher: Sächsische Landesanstalt für LandwirtschaftEditor: Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft, Gert Füllner, Matthias Pfeifer, Jens Geisler, Klaus Kohlmann (Researchgate)
  7. https://www.salmoncomeback.org/de/context/
  8. Stable isotope evidence for similarities in the types of marine foods used by Late Mesolithic humans at sites along the Atlantic coast of Europe. MP Richards, REM Hedges - Journal of Archaeological Science, 1999, https://doi.org/10.1006/jasc.1998.0387
  9. Late Mesolithic fish traps from the Liffey estuary, Dublin, Ireland. M McQuade, L O'Donnell - Antiquity, 2007 ( researchgate
  10. Final Report of Coldwater Fishes Research Center Project. August 2013, Project: Production and evaluation of Viral Nervous Necrosis (Caspian Sea serotype), Jalil Zorriehzahra, Shahram Abdolmaleki, Behroz Bahramian, Saltanat Najjar Lashgari (Researchgate)
  11. Marić, S., Askeyev, O., Askeyev, A., Monakhov, S., Yanybaev, N., Askeyev, I., Galimova, D. and Snoj, A. (2016), Lack of mtDNA variation among remote middle Volga and upper Ural brown trout suggests recent and rapid recolonization. J. Appl. Ichthyol., 32: 948-953. https://doi.org/10.1111/jai.13126
  12. Shishlina, N. I., J. Van Der Plicht, and M. A. Turetsky. "The Lebyazhinka burial ground (Middle Volga Region, Russia): new 14C Dates and the reservoir effect." Radiocarbon 60.2 (2018): 681
  13. Schulting RJ, Richards MP. 2016. Stable isotopeanalysis of Neolithic to Late Bronze Age popula-tions in the Samara Valley. In: Anthony DW,Brown  DR,  Khokhlov  AA,  Kuznetsov  PF,Mochalov OD, editors.Bronze Age Landscape inthe Russian Steppes. The Samara Valley Project.p 281–320 (Academia)
  14. PiezonkaH., KostylevaE., ZhilinM. G., DobrovolskayaM., & Terberger T. (2013). Flesh or fish? First results of archaeometric research of prehistoric burials from Sakhtysh IIa, Upper Volga region, Russia. Documenta Praehistorica, 40, 57-73. https://doi.org/10.4312/dp.40.6
  15. https://www.simfisch.de/angeln-in-russland/
  16. Handloik, Volker: Der Fisch stirbt nachts, FOCUS Magazin, Nr. 50 (1998), https://www.focus.de/panorama/reportage/reportage-der-fisch-stirbt-nachts_aid_172409.html 
  17. Alexei Savrasov - A collection of 169 paintings (HD), 2017, https://youtu.be/yu-xyWO_nJQ
  18. Tom Kühne: Kreuzfahrt auf der (Mittleren) Wolga, MDR, 2017, https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/land-leute/reisen-wolga-russland-100.html
  19. Stadtplan Stolp in Pommern 1940, http://bibliotekacyfrowa.eu/dlibra/show-content/publication/3518/edition/3261/
  20. Deidre Cullon, Patrick Morgan Ritchie, Rhy McMillan: 
  21. Fish traps as evidence of changing social cooperation and investment on the Pacific Northwest Coast. Journal of Anthropological Archaeology, Volume 81, March 2026, 101743 (JAnthrArch2026)

Montag, 22. März 2021

Vanuatu - Größte Sprachvielfalt auf kleinstem Raum

Drei Besiedlungswellen in den letzten zweitausend Jahren 
- Sie nahmen Einfluß auf die Ausgestaltung der sprachlichen Vielfalt

Die kühne Ausbreitung des Volkes der Lapita-Kultur (Wiki, engl), der Mikronesier und Polynesier und der damit verbundenen austronesischen Sprachgruppe (Wiki) von Südtaiwan aus in der südostasiatischen und pazifischen Inselwelt, in der "Südsee" 3.000 v. Ztr. bis 1.000 n. Ztr. mit Auslegerbooten ist ein Thema, das von Seiten der Forschung in den letzten Jahrzehnten eine immer bessere Aufklärung gefunden hat. Es war deshalb auch immer einmal wieder Thema auf unseren Blogs (1-4).

Abb. 1: Ausbreitung des Volkes der Lapita-Kultur in Südostasien 3.000 bis 1.000 v. Ztr., sowie 800 bis 1400 n. Ztr. (Wiki)

Bis 1.500 v. Ztr. breitete sich des Volk der Austronesier über die Inselwelt Indonesiens und Borneos aus ("Rötlich" in Abb. 1). Bis 1.200 v. Ztr. breitete es sich entlang des Bismarck-Achipels und der Küste Papua Neuguineas bis hin zu den Salomon-Inseln, bis zu den Inseln von Vanuatu, bis zu den neukaledonischen Inseln und bis zu den Fitschi-Inseln aus ("Lila" in Abb. 1). Um 900 v. Ztr. breitete es sich bis nach Tonga aus, um 800 v. Ztr. bis nach Samoa und um 700 n. Ztr. bis nach Tahiti, um 1.000 n. Ztr. bis zu den Osterinseln ("Grün" in Abb. 1). Was für ein verrückter, Jahrtausende übergreifender Besiedlungsvorgang! (Siehe auch Anhang.)

Wir hatten auch schon die Erkenntnis der letzten Jahre behandelt, daß es nach der Erstbesiedlung von vielen Inseln insbesondere im heutigen Melanesien ("Lila" in Abb. 1) noch ein "genetic replacement" gegeben hat, einen Bevölkerungsaustausch, gerne auch unter scheinbarer Beibehaltung der ursprünglichen austronesischen Muttersprache, und zwar durch Menschen von melanesischer Papua-Guinea-Herkunft. Und genau dieses Geschehen wird durch neuere Forschungen nun immer differenzierter faßbar (5-7). Es wird deutlich, daß es nicht nur ein erstes "genetic replacment" gegeben hat, sondern auch ein zweites gegenläufiges von Polynesien aus sozusagen "rückwärts". 

Im Dezember 2020 war ein - etwas langatmig anzusehendes - Video über die aktuellen Bemühungen der Sprachforscher erschienen, die sich für die Inselwelt von Vanuatu interessieren, weil es dort auf kleinstem Raum die größte Sprachvielfalt weltweit gibt (5). Die Forscher fragen, wie diese Sprachvielfalt - und die damit verbundene kulturelle Vielfalt - zustande gekommen sein mag und wie sie sich stabil erhalten konnte über die Jahrhunderte. Antworten werden in dem Video aber noch so gut wie gar nicht gegeben, noch nicht einmal Hinweise auf sich andeutende Antworten.

Was in ihrem Video nun - womöglich sträflicherweise - gar nicht erwähnt wird (soweit wir das mitbekommen), ist die Tatsache, daß etwa zeitgleich von Seiten der Ancient-DNA-Forschung aufgezeigt wird, daß diese Sprachvielfalt mit einer dreifachen Schichtung der genetischen Herkunftsanteile in den jeweiligen Sprachgruppen einhergeht (6) (s. Abb. 2).

Abb. 2: Die genetischen Herkunftsgruppen in der Inselwelt des Südpazifik (aus: 6) - Grün: Lapita-Kultur (von Taiwan aus) (Polynesier), Blau: Papua-Neuguina (Melanesier)

Die diesbezüglichen Forschungsergebnisse finden sich zunächst zusammen gefaßt in Abb. 2: Die Inseln Atayal und Kankanaey sind heute allein von Menschen mit der Herkunftsgruppe der Lapita-Kultur besiedelt. Sie haben sich entweder seit der Erstbesiedlung nicht mit hinterher kommenden Melanesiern (blaue Herkunftsgruppe) vermischt oder aber dieser Herkunftsanteil ist in späteren Epochen wieder verschwunden. Auf der Insel Tonga kam es zur Einmischung mit Melanesiern, ebenso auf weiteren angezeigten Inseln. Diese Einmischung scheint durch Menschen erfolgt zu sein, deren Vorfahren ursprünglich auf der Insel Neupommern (Neubritannien; New Britain) wohnten, und deren Vorfahren hinwiederum selbst schon sich mit Angehörigen des Volkes der Lapita-Kultur vermischt hatten. In einer Kurzzusammenfassung heißt es (6):

Eine einmalige Ausbreitung von Neupommern her kann den größten Anteil der Herkunft der späteren Gruppen (auf Vanuatu) erklären. Polynesische Ausbreitungen aus jüngerer Zeit trugen (später) ebenso sowohl zum kulturellen wie genetischen Erbe derselben bei.
A single spread from New Britain can explain most of the ancestry of later groups. More recent Polynesian migrations contributed both cultural and genetic legacies.

Es hat nach dieser Studie in den letzten tausend Jahren noch einmal eine eine Rück-Ausbreitung der Genetik der austronesischen Sprachgruppe gegeben in Teilbereiche von Vanuatu hinein. In der Zusammenfassung der Studie heißt es demgemäß (6): 

Unsere Ergebnisse zeigen drei zeitlich unterschiedliche Bevölkerungsumbrüche auf.
Our results outline three distinct periods of population transformations.

Zunächst erfolgte die oben schon beschriebene Besiedlung durch das Volk der Lapita-Kultur.

Abb. 3: Fischer in Simpsonhafen, Neu Pommern, 1905 (Postkarte)

Über einen zweiten Bevölkerungsumbruch ab etwa 800 v. Ztr. heißt es (6):

Zum zweiten können sowohl die Papua-Herkunft, die in Vanuatu seit 2.500 Jahren vorherrscht und die kleinere Papua-Herkunftskomponente der Polynesier modelliert werden als herstammend von einer einzigen Ausgangspopulation, die sich höchstwahrscheinlich auf der Insel Neupommern befand, was die Ausbreitung von Menschen nahelegt, die diese Herkunft in die pazifische Inselwelt brachten, zeitlich und räumlich im Gefolge der Ersten Ausbreitungsbewegung.
Second, both the Papuan ancestry predominating in Vanuatu for the past 2,500 years and the smaller component of Papuan ancestry found in Polynesians can be modeled as deriving from a single source most likely originating in New Britain, suggesting that the movement of people carrying this ancestry to Remote Oceania closely followed that of the First Remote Oceanians in time and space.

Damit wäre die Insel Neupommern (heute: Neubritannien) (Wiki) im Bismarck-Archipel ein wichtiger Ausgangspunkt der zweiten Ausbreitungsbewegung gewesen. Neupommern war - als Teil von Deutsch-Neuguinea (Wiki) - bis 1914 deutsche Kolonie. Nach dem 11. September 1914 und nach dem Gefecht bei Pita Paka (Wiki) wurde Neupommern von Australien besetzt, um den deutschen Kreuzern Anlaufpunkte in Häfen wegzunehmen. Der deutsche Maler Emil Nolde hat 1913/14 wichtige Jahre auf Deutsch-Neuguinea verbracht zur gleichen Zeit wie der Maler Max Pechstein auf anderen Südsee-Inseln. Auf Neupommern wird auch heute noch die einzige kreolendeutsche Sprache "Unserdeutsch" gesprochen. In der neuen Studie heißt es weiter (6):

Zum dritten stammen die (archäogenetisch untersuchten) Chief Roi Mata-Individuen ab von einer Vermischung von Vanuatu- und polynesischer Herkunft und sie stehen in Beziehung zu polynesisch-beeinflußten heutigen Gemeinschaften im zentralen, nicht aber im südlichen Vanuatu, womit aufgezeigt wird, daß sich der polynesische genetische Einfluß in verschiedenen Gruppe aufgrund unabhängiger geschichtlicher Ereignisse vollzogen hat.
The Chief Roi Mata’s Domain individuals descend from a mixture of Vanuatu- and Polynesian-derived ancestry and are related to Polynesian-influenced communities today in central, but not southern, Vanuatu, demonstrating Polynesian genetic input in multiple groups with independent histories.

Soweit wir es verstehen, hat es also auch noch nach der Einmischung der Papua-Genetik erneut eine Einmischung von polynesischer Genetik gegeben, wie es ja schon in der Kurzzusammenfassung hieß:

Jüngere polynesische Ausbreitungen trugen sowohl zum kulturellen wie genetischen Erbe (der Sprachgruppen auf Vanuatu) bei.
More recent Polynesian migrations contributed both cultural and genetic legacies.

Dazu wird noch ausgeführt (6):

Eine dritte Ausbreitungsbewegung (M3) ist während des letzten Jahrtausends festzustellen, verbunden mit der Begründung von "polynesischen Ausreißer"-Gemeinschaften in Vanuatu (wie in anderen Gebieten von Melanesien und Mikronesien): das heißt, Inseln, auf denen Untergruppen der polynesischen Sprachfamilie gesprochen werden und wo Elemente der polynesischen materiellen und nichtmateriellen Kultur gepflegt werden. Polynesische Einflüsse erstecken sich in Vanuatu auch über eine Zahl von Inseln, die benachbart liegen zu den Ausreißer-Gemeinschaften, und die polynesischen Einfluß zeigen ohne daß es zu einem vollständigen Austausch der Muttersprache gekommen wäre. Allerdings ist wenig bekannt über das Ausmaß der Bevölkerungsbewegung, die mit diesen von Polynesien abgeleiteten kulturellen und sprachlichen Veränderungen verbunden gewesen sind.
A third distinct migration stream (M3) occurring within the last millennium and associated with the establishment of ‘‘Polynesian Outlier’’ communities in Vanuatu (as in other areas of Melanesia and Micronesia): that is, islands where Polynesian sub-group languages are spoken and where elements of Polynesian material and non-material culture are practiced [12, 13]. Polynesian impacts in Vanuatu also extend to a number of islands neighboring the Outlier communities showing Polynesian influence but without full language replacement. Little is known, however, about the degree of population movement accompanying these Polynesian-derived cultural and linguistic changes.

Und (6):

Eine dieser von Polynesien aus beeinflußten Inseln ist Efate im zentralen Vanuatu, wo heute zwei polynesisch-sprachige Gemeinschaften existieren, eine auf der kleinen Insel Ifira vor der Küste und eine in Mele, im Südwesten der Insel. Auf Efate und den kleinen benachbarten Inseln Eretok und Lelepa befindet sich "Chief Roi Mata's Domain", die 2008 in das Verzeichnis der UNESCO-Weltkulturerbe-Gebiete aufgenommen wurde angesichts des engen Zusammenhangs von mündlichen Traditionen  und einem spektakulären Begräbnisort, der in den 1960er Jahren ausgegraben wurde.
One such Polynesian-influenced island is Efate in central Vanuatu, where two Polynesian-language-speaking communities exist today, one on the small off-shore island of Ifira and one at Mele on the southwest of the island. Also located on Efate and the adjacent small islands of Eretok and Lelepa is ‘‘Chief Roi Mata’s Domain,’’ which was inscribed on the UNESCO World Heritage Area list in 2008 on the basis of strong links between oral traditions and a spectacular mortuary site excavated in the 1960s.

Mit all dem deutet sich die Möglichkeit an, daß die Sprachvielfalt auf Vanuatu vor allem erst einmal in Verbindung betrachtet werden muß mit der Vielfalt der genetischen Herkunftsanteile, die in der jeweiligen Sprachgruppe vorliegen und die mit der zeitlichen "Schichtung" der jeweiligen Genetik und Kultur in Abgleich zu bringen sind.

Es ist ja insgesamt keineswegs auszuschließen, daß die Wahrnehmung unterschiedlicher genetischer Anteile hinsichtlich der Herkunftsgruppen - etwa über Hautfarbe, Beschaffenheit der Haare etc. - auch zu "kinship recognition", zur Wahrnehmung des genetischen Verwandtschaftsgrades beiträgt und damit zu unterbewußteren oder bewußteren Sprach- und Heiratsschranken.

Aufgrund all solcher Zusammenhänge und Möglichkeiten darf man auf weitere Ergebnisse der Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte Melanesiens, Polynesiens und Vanuatus gespannt sein.

Ergänzung 23.9.21: Eine neue Studie kann die Ausbreitungsbewegung von Samoa aus ab 830 n. Ztr. gen Süden und Osten genauer und detaillierter fassen. Als letztes wurden 1210 die Osterinseln und 1360 die Insel Raivavae besiedelt (12, 13).

Anhang: Die Hochwertung der Polynesier im Deutschland der 1930er Jahre

Geistes-, wissenschafts- und philosophiegeschichtlich ist bezüglich dieses Themas nicht uninteressant die Auseinandersetzung, die es in den 1930er Jahren in Deutschland mit der Kultur und Religion der Austronesier gegeben hat. Dies kann etwa aufgezeigt werden anhand der weit verbreiteten Schriften des Autors Erich Scheurmann (1878-1957) (Wiki), des Verfassers des noch heute vielfach gelesenen "Papalangi". Es kann das auch aufgezeigt werden anhand der Ausdeutung mancher Inhalte solcher Schriften von Seiten der damaligen Philosophie (8).

Es könnte in diesem Zusammenhang auch auf den bis heute unbekannt gebliebenen Umstand verwiesen werden, daß ein so prominenter Vertreter des - als geistig oft außerordentlich beschränkt angesehenen - "preußischen Militarismus", nämlich Erich Ludendorff, im April 1927 von einem Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkrieges und zugleich einem seiner "Verehrer" zu seinem 72. Geburtstag einen Bildband geschenkt erhalten hat über Bali (9), der 1922 vom Folkwang-Museum in Essen (Wiki) heraus gegeben worden war. Dieser Bildband hat sich im Buchnachlaß Erich Ludendorffs - im Ludendorff-Archiv in Tutzing - erhalten. Er scheint also auf Seiten des Empfängers des Geschenkes Wertschätzung erfahren zu haben. Der Band enthält eine Fülle von Fotografien der Menschen von Bali, aufgenommen von dem Fotografen Georg Krause (erste Eindrücke hier: Catawiki). Auf der Rückseite der Titelseite steht als handschriftliche Widmung:

Bali! Wie ich es auch sah!
Meinem Feldherrn 1914/18
zu seinem 72. Geburtstag
gewidmet
Hugo Kleber
Blankenese - Hamburg

Der Schenkende war also offenbar auch selbst auf Bali. In Adressbüchern findet sich ein "Kaufmann" Hugo Kleber in Blankenese. Als solcher konnte er sich eine Reise nach Bali vermutlich leisten. Reisen nach Bali waren in den 1920er Jahren offenbar recht populär (bint2012):

Krauses Bali-Buch hatte in Text und Bild den Mythos von der Ursprünglichkeit der glücklichen Insel in die Welt gesetzt. In seiner Studie über Ethnofotografie als Mittel populärer Mythenbildung führt Werner Wolf den Boom des Bali-Tourismus zwischen den Weltkriegen direkt auf Krauses Bildwerk zurück. Schriftsteller, Künstler und Fotografen folgten dem Traum vom Paradies und setzten die Arbeit am Mythos ihrerseits fort. Hiervon zeugen die Berichte der Maler und Zeichner Robert Genin, Heinrich Heuser und Walter Spies ebenso wie das Südseebuch ‘Heitere Tage mit braunen Menschen’ (1930) des Reiseschriftstellers Richard Katz oder der 1937 erschienene Erfolgsroman ‘Liebe und Tod auf Bali’ von Vicky Baum. Dem Bali-Boom folgten ferner die Filmemacher Lola Kreutzberg und Friedrich Wilhelm Murnau, der Ethnograph Hugo Adolf Bernatzik und die Fotografen E.O. Hoppé, Fritz Henle, Josef Breitenbach, Henri Cartier-Bresson und Gotthard Schuh, dessen Bildband über die ‘Inseln der Götter’ bis 1960 zwölf Auflagen und drei Übersetzungen erlebte.

Um sich übrigens einen Eindruck von dem Aufenthalt des Entdeckers James Cook auf der Insel Tahiti zu verschaffen, kann womöglich auch gut ein Spielfilm aus dem Jahr 1987 empfohlen werden (10). Als sehr sehenswert kann auch die Facebook-Seite der Abteilung Kultur der Osterinseln empfohlen werden (11), auf der die heutige Pflege der Kultur und des Gemeinschaftslebens auf der Osterinsel sehr eindrucksvoll zur Darstellung kommt.

_________________

  1. Bading, Ingo: Studium generale: Jade-Handel in Südostasien 2.500 Jahre lang von Taiwan aus (studgendeutsch.blogspot.com), 2007
  2. Bading, Ingo: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt?: Dienen Menschenopfer der Stabilisierung menschlicher Gesellschaften seit vielen Jahrtausenden? (studgenpol.blogspot.com), 2017
  3. Bading, Ingo: Studium generale - Kurzbeiträge: Warum bevorzugten die Frauen Austronesiens nach 2000 v. (ibading.blogspot.com), 2-2018
  4. Bading, Ingo: Studium generale: Philippinen besiedeln die Marianen-Inseln (2.300 v. Ztr.) (studgendeutsch.blogspot.com), 2020
  5. Evolution of Cultural Diversity in Vanuatu - Research Project on Vimeo, MPI-SHH / Scientific Services, 3.12.2020
  6. Mark Lipson, Matthew Spriggs, Frederique Valentin, Stuart Bedford, Richard Shing, Wanda Zinger, Hallie Buckley, Fiona Petchey, Richard Matanik, Olivia Cheronet, Nadin Rohland, Ron Pinhasi, David Reich: Three Phases of Ancient Migration Shaped the Ancestry of Human Populations in Vanuatu. Current Biology, Volume 30, Issue 24, 21 December 2020, Pages 4846-4856.e6, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S096098222031366X, (freies pdf)
  7. Jonathan S. Friedlaender, Serena Tucci: Human Migrations: Tales of the Pacific. Current Biology, Volume 30, Issue 24, 21 December 2020, Pages R1478-R1481, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S096098222031366X.
  8. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. Ludendorffs Verlag, München 1936 
  9. Krause, Gregor (Fotograf); With, Karl: Bali. 2. Auflage in einem Band. Mit 207 Abbildungen und ungekürztem Text. Folkwang-Verlag GmbH, Hagen i.W., 1922 [Schriften-Serie Geist, Kunst und Leben Asiens. Hrsg. von Karl With. Band II u. III, Insel Bali Ausgabe in einem Band]
  10. Wind und Sterne. James Cook. 1987, https://youtu.be/ocRnS2jpUEM
  11. Osterinsel, https://www.facebook.com/TapatiRapaNuiOficial/ 
  12. A. Ioannidis et al. Paths and timings of the peopling of Polynesia inferred from genomic networks. Nature. Vol. 597, September 23, 2021, p. 522. doi: 10.1038/s41586-021-03902-8 
  13. Bower, Bruce: DNA offers a new look at how Polynesia was settled. In: Science Mag, https://www.sciencenews.org/article/dna-genetics-how-polynesia-settled-migration-islands-pacific-ocean 

Freitag, 3. Mai 2019

Welche Sprache sprach der "Ötzi"?

Das "vorindogermanische Substrat" in der Sprachforschung
- Neue Anstöße durch die Ancient-DNA-Forschung

Daß die Germanische Substrathypothese von der Mehrheit der Wissenschaftler heute nicht mehr vertreten wird, ist dem Autor dieser Zeilen bislang ganz entgangen (1). Noch in seinen neueren Video's hat er gelegentlich als Beispiel den Ausdruck "Weib" als vorindogermanisches Substratwort gebracht.

Der Sprachforschung sind aber dennoch durch die Ergebnisse der Ancient-DNA-Forschung der letzten drei Jahre ganz neue Fragen aufgegeben. Wenn bis zum Mittelneolithikum anatolisch-neolithische Bauernvölker bis hoch nach Skandinavien und England lebten, dann stellt sich ja die Frage, welche Sprachen die gesprochen haben können.

Abb. 1: Rekonstruktion des Gesichtes der Eismumie Ötzi

Die neuen umwälzenden Ergebnisse der Ancient-DNA-Forschung geben also auch der Erforschung der Geschichte der Sprachen in Europa und in der Welt neue Anstöße. Denn wenn man sich bewußt macht, daß es einen ethnisch-genetischen Zusammenhang des Volkes der Trichterbecher-Kultur mit allen neolithischen Kulturen Europas gibt, der zurück reicht bis zu dem ersten anatolisch-neolithischen Bauernvolk um 6.500 v. Ztr., dann wird man zunächst einmal annehmen können, daß es eine ähnliche Sprachverwandtschaft zwischen den vorindogermanischen Völkern in Europa gegeben hat wie zwischen den heutigen indogermanischen Völkern.

Aber natürlich kann man auch vor-neolithischen Sprachbestandteilen in den früh- und mittelneolithischen Sprachen Europas annehmen.

Wenn die mitteleuropäischen Bandkeramiker genetisch zu 93 % aus Nordwestanatolien stammten, wird man davon ausgehen können, daß auch ihre Sprache zumindest beeinflußt war von jener Sprache, die in Anatolien im Neolithikum üblich war.

"Ägäische Sprache"? - Hattische Sprache? - Semitische Sprache?

Zeitgleich mit den Bandkeramikern hat sich die iranisch-neolithische Bauern-Herkunftskomponente vom heutigen Iran aus über Anatolien und den östlichen Mittelmeer-Raum verbreitet bis nach Kreta. Es bildete das sicherlich der letzte Schritt  zur Entstehung jener Bevölkerung, die nachmals die "Pelasger" genannt worden sind (6). Auf Wikipedia wird "Pelasgisch" (2) zu den "Ägäischen Sprachen" (3) gerechnet, zu denen zum Beispiel auch Rätisch und Etruskisch gezählt werden.

/ Ergänzung, 26.12.21: Allerdings scheinen die Bandkeramiker und ihre Vorfahren, die ersten Donau-Bauern (Starcevo-Körös), nach neueren Forschungen nicht aus Anatolien, sondern aus dem Levanteraum zu stammen (St. gen 2021) (9). Damit wären auch sprachgeschichtlich neue Perspektiven aufgeworfen. Die Bandkeramiker und Donau-Bauernkulturen könnten "levantinisch-neolithische" Sprachen gesprochen haben, während die ersten Bauernvölker des Mittelmeerraumes und Frankreichs neolithisch-anatolische Sprachen - wie das Hattische (Wiki) (?) - bzw. "Ägäische Sprachen" gesprochen haben könnten. /

Wenn man sich ganz vorläufig am Rätoromanischen (4, 8) orientiert, wenn man sich an die Sprache der anatolisch-neolithischen Bauernvölker und des Ötzi annähern will, wird man also zunächst am wenigsten falsch machen. 

/ Nach den neueren Erkenntnissen wahrscheinlich doch. :-) Vielleicht macht es eher Sinn, sich bezüglich von "levantinisch-neolithischen" Sprachen zunächst an der semitischen Sprachfamilie (Wiki) zu orientieren. Platt-pakativ könnte also die Frage gestellt werden: Sprachen die ersten Bauern Mitteleuropas eine semitische Sprache oder eine Sprache, die dem Semitischen nahestand? Aber bis zu den frühesten Zeugnissen der semitischen Sprachen hatte es seit 6.500 v. Ztr., seit der vermuteten Abwanderung der Vorfahren der Bandkeramiker aus dem Levanteraum schon wieder so viel Völkergeschichte in der Levante gegeben, so viele neuere Überschichtungen (insbesondere durch die iranisch-neolilthische Herkunftskomponente, die sich auch in der Ägäis ausgebreitet hat im Mittel- und Spätneolithikum), daß da das meiste bis auf Weiteres außerordentlich große Spekulation bleiben wird und muß. /

Auch wenn die "Germanische Substrathypothese" in dem Umfang, in dem sie ab 1930 vertreten worden ist, heute nicht mehr vertreten wird, wird man dennoch auf der Linie ihres Denkens im Ausschlußverfahren noch viel über zahlreiche vorindogermanischen Sprachen in Europa rekonstruieren können. Das läuft unter dem Stichwort "Vorindogermanisches Substrat" (Wiki) (5, 7).

Auch Ötzi dürfte noch eine vorindogermanische Sprache gesprochen haben, er ist ja auch genetisch noch vorwiegend neolithisch-nordwestanatolischer-levantinischer Abstammung. Und das dürfte auch für das Mittelneolithikum Frankreichs gelten, wo immer noch die neolithisch-anatolische Abstammung die überwiegenden Anteile hatte, wenn auch der einheimisch-europäische Abstammungs-Anteil größer geworden war und damit - vielleicht - auch ein sprachlicher Anteil.

Indem man darüber nachdenkt, wird einem erst wieder bewußt, was für eine immense Völkervielfalt da am Ende des Mittelneolithikums untergegangen ist.

In der Substrathypothese ist ja so schön von "Kreolisierung" die Rede. Alle unsere Sprachen sind durch "Kreolisierung" entstanden: Kinder verschiedener Muttersprache spielen auf dem Spielplatz zusammen und bilden eine neue Sprache, um sich untereinander verständigen zu können. So werden vermutlich neue Sprachen immer entstanden sein, das ist gut an der Geschichte der Kreolensprachen erforscht. Derek Bickerton ist da ein wichtiger Name, der sie erforscht hat.


/ Erster Entwurf im Jahr 2018, als solche Fragen
in der Facebook-Gruppe "Archäologie in Deutschland"
aufgeworfen worden waren.
Ergänzung: 26.12.2021 /
 ________________

  1. https://de.wikipedia.org/wiki/Germanische_Substrathypothese
  2. https://de.wikipedia.org/wiki/Pelasger 
  3. https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%84g%C3%A4ische_Sprachen 
  4. https://de.wikipedia.org/wiki/B%C3%BCndnerromanisch 
  5. https://de.wikipedia.org/wiki/Vorindogermanisches_Substrat 
  6. Bading, Ingo: Kossinna lacht! 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  7. Alfred Bammesberger / Theo Vennemann (Hg., mit Markus Bieswanger / Joachim Grzega): Languages in Prehistoric Europe. Universitätsverlag Winter Heidelberg 2003; Rezension: https://www.donaukurier.de/lokales/eichstaett/5OETZI25-Der-praehistorischen-Sprache-von-OEtzi-auf-der-Spur;art575,325756 
  8. Maier, Yvonne: Ötzis Sprache - Wie kommunizierten die Menschen in der Steinzeit?, 29.11.2017, https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/iq-wissenschaft-und-forschung/oetzi-sprache-steinzeit-iceman-vogel-eis-gletscher-mumie-100.html
  9. Bading, I.: 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/07/korrektur-notwendig-die-ersten.html

Sonntag, 14. Dezember 2014

Wie kam das Ursprungsvolk der Bantu-Völker zum Ackerbau?

Historische Erläuterungen und Ergänzungen zum vorigen Blogartikel

Abb. 1: Die großen Sprachfamilien in Afrika (Herkunft: Wiki)
Die Geschichte der afrikanischen archäologischen Kulturen, Völker und Sprachen, die schon im letzten Beitrag (Stud. gen. 2014) behandelt wurde, ist eine sehr spannende. So findet sich in einer neuen Studie der von uns sehr geschätzten britischen Anthropologin Ruth Mace der Hinweis, daß das Ursprungsgebiet aller Bantu-Sprachen im Tal des Benue-Flusses im östlichen Nigeria liegt (1):
Von ihrer Urheimat im Benue-Tal in Ostnigeria vor 3.000 bis 5.000 Jahren, unternahmen die Bantu eine der großen bäuerlichen Besiedlungen des Neolithikums, indem sie wahrscheinlich einen Grasland-Korridor benutzten, der durch den Regenwald in Kamerun eröffnet war.
From their ancestral homeland in the Benue valley in Eastern Nigeria 3,000–5,000 BP, possibly using a grassland corridor that opened up through the Cameroon rainforest, the Bantu undertook one of the great farming expansions of the Neolithic.
Geht man nun der Herkunft des Ursprungsvolkes der Bantuvölker nach, wird man erst darauf gestoßen, daß die Bantu-Sprachen ja auch nur eine Untergruppe sind der Niger-Kongo-Sprachen darstellen. Aus diesen sind die hervorgegangen. Das war wir in unserem letzten Artikel noch nicht berücksichtigt worden.

Der westliche Sudan als Heimat der Niger-Kongo- und damit auch der Bantu-Sprachen?

Über die Niger-Kongo-Sprachen finden sich nun folgende Angaben (Wiki):
Bei der Größe des Niger-Kongo mit 1.400 Sprachen ist es nicht erstaunlich, daß bisher noch keine Protosprache für die gesamte Familie rekonstruiert werden konnte. Es fehlte allein schon die Forschungskapazität, um dieses Projekt durchzuführen. Dieses Faktum wurde - und wird vereinzelt noch - als Argument der Gegner einer genetischen Einheit des Niger-Kongo benutzt.
Der Begriff "genetische Einheit" ist hier rein sprachwissenschaftlich gemeint und hat nichts mit Biologie zu tun. Allerdings breiten sich Sprachen - wie wir derzeit durch die Humangenetik immer genauer lernen - in der Regel gemeinsam mit der Biologie, bzw. gemeinsam mit genetischer Herkunft aus. Insofern ist es sicherlich erlaubt, bei diesem Begriff auch eine biologische Bedeutung mitzuhören. Es heißt nun weiter:
Es stellt sich also die Frage: Ist das Niger-Kongo eine genetische Einheit, so daß die lexikalischen und grammatischen Gemeinsamkeiten auf eine gemeinsame Vorgängersprache zurückgehen, oder ist es nur eine Ansammlung von typologisch ähnlichen Sprachgruppen, die sich durch arealen Kontakt gegenseitig mehr oder weniger stark beeinflusst haben?  Die Antwort fällt seitens der Fachleute der Niger-Kongo-Forschung heute eindeutig aus: die Gemeinsamkeiten in Grammatik und Wortschatz lassen sich nur durch eine genetische Verwandtschaft erklären.
In einem nächsten Abschnitt heißt es:
Wegen des riesigen Umfangs des Niger-Kongo wurde bisher keine Protosprache für die Gesamtfamilie rekonstruiert (deren Alter mit mindestens 10.000 Jahren anzusetzen ist), es gibt lediglich Rekonstruktionen für einzelne Untergruppen, am gründlichsten für die Bantusprachen.
Und weiter:
Hinweise auf die Urheimat des Niger-Kongo sind in der Literatur äußerst spärlich. Wahrscheinlich ist aber der Bereich des westlichen Sudan (also das subsaharanische westliche Afrika), in dem die Niger-Kongo-Sprachen auch heute noch ihre größte Vielfalt zeigen. Das weit im Osten davon angesiedelte Kordofanische muß dann auf eine sehr frühe Auswanderung zurückgehen, oder die Urheimat erstreckte sich bis an den Nil, was eher unwahrscheinlich ist. Die Ausbreitung über das ganze zentrale, östliche und südliche Afrika erfolgte nahezu ausschließlich durch die Sprecher der Bantusprachen.
Westlicher Sudan? Nach längerem Recherchieren wird einem klar, daß sich in der Verbreitung der großen Sprachfamilien in Afrika (Abb. 1) auch schon eine Chronologie der Verbreitung des Ackerbaus in Afrika widerspiegeln wird. Sprich vom Entstehungsgebiet des Ackerbaus in der heutigen Südtürkei und im Levanteraum (um 10.000 v. Ztr.) wird er sich gemeinsam mit der afroasiatischen Sprachgruppe, deren Urheimat in der östlichen Sahara liegen soll (Wiki), also im heutigen Ägypten, etwa ab 6.500 v. Ztr. über Nordafrika ausgebreitet haben. Also etwa etwas früher, bzw. zeitgleich zur Ausbreitung des Ackerbaus in Europa. Wobei neben dem Ägyptischen die Berbersprachen eine Hauptrolle spielten, die früher noch eine größere Verbreitung in Nordafrika hatten als heute. Ebenso werden dann die Völker der kuschitischen, omotischen und Tschad-Sprachen im nördlichen Ostafrika entstanden sein jeweils gemeinsam mit der Annahme und Verbreitung des Ackerbaus, bzw. der Rindviehhaltung und seßhafter Lebensweise. Die semitischen Sprachen dieser Sprachgruppe (vor allem Arabisch) breiteten sich ja weltgeschichtlich gesehen erst sehr viel später nach Afrika aus (mit dem Islam). Noch weitere Einzelheiten über die zahlreichen Domestikations-Ereignisse in Afrika werden auf dem englischsprachigen Wiki aufgezählt ("History of Africa"):
Eine feuchte Klimaphase in Afrika wandelte das äthiopische Hochland in einen Bergwald um. Omotische Sprecher domsetizierten die Banane um 6.500 bis 5.500 v. Ztr. Um 7.000 v. Ztr. domestizierten die Bewohner des äthiopischen Hochlandes Esel und bis 4.000 v. Ztr. hat sich der domestizierte Esel bis Südwestasien ausgebreitet. Kuschitisch-Sprachige, die sich zum Teil von der Rinderhaltung abwendeten, domestizierten Teff- und Finger-Hirse zwischen  5.500 v. Ztr. und 3.500 v. Ztr.. ....
A wet climatic phase in Africa turned the Ethiopian Highlands into a mountain forest. Omotic speakers domesticated enset around 6500–5500 BCE. Around 7000 BCE, the settlers of the Ethiopian highlands domesticated donkeys, and by 4000 BCE domesticated donkeys had spread to southwest Asia. Cushitic speakers, partially turning away from cattle herding, domesticated teff and finger millet between 5500 and 3500 BCE. In the steppes and savannahs of the Sahara and Sahel, the Nilo-Saharan speakers and Mandé peoples started to collect and domesticate wild millet, African rice and sorghum between 8000 and 6000 BCE. Later, gourds, watermelons, castor beans, and cotton were also collected and domesticated. The people started capturing wild cattle and holding them in circular thorn hedges, resulting in domestication. They also started making pottery and built stone settlements (look up Tichitt- Oualata). Fishing, using bone tipped harpoons, became a major activity in the numerous streams and lakes formed from the increased rains. In West Africa, the wet phase ushered in expanding rainforest and wooded savannah from Senegal to Cameroon. Between 9000 and 5000 BCE, Niger–Congo speakers domesticated the oil palm and raffia palm. Two seed plants, black-eyed peas and voandzeia (African groundnuts) were domesticated, followed by okra and kola nuts. Since most of the plants grew in the forest, the Niger-Congo speakers invented polished stone axes for clearing forest.
Feste Siedlungen in der Nubischen Wüste (7.000 bis 4.000 v. Ztr.)

Der reiche archäologische Fundort Nabta Playa (Wiki) in der Nubischen Wüste aus der Zeit ab 6.500 v. Ztr. gibt Hinweise, wie man sich die Ausbreitung des Ackerbaus in Afrika vorstellen kann (Wiki):
Seit dem 7. Jahrtausend finden sich große Ansiedlungen mit hohem Organisationsgrad. Im Nabta-Playa ist seit etwa 6000 v. Chr. auch Keramik nachgewiesen. Diese mit komplexen farbigen Mustern verzierte Keramik ähnelt Keramikstilen im Niltal bei Khartum. Die archäologischen Befunde deuten darauf hin, daß der gesellschaftliche Organisationsgrad höher war als in den Siedlungen im Niltal. (...) Im Nabta-Playa befindet sich nahe einem ausgetrockneten See mit das älteste archäoastronomische Monument. Etwa zeitgleich mit der Kreisgrabenanlage von Goseck, jedoch 1000 Jahre älter als Stonehenge, errichteten die Bewohner eine Megalith-Anlage für Kalenderzwecke zur Bestimmung der Sommersonnenwende.
Abb. 2: Astronomische Anlage in Nabta Playa in der Nubischen Wüste (um 5.000 v. Ztr.) (Wiki)

Das englischsprachige Wiki (Wiki) ist dazu noch genauer. Wenn man die Ergebnisse der Humangenetik unseres letzten Blogartikels berücksichtigt, wird man sagen müssen, daß die Entstehung des Ackerbaus in dieser Region nicht nur durch kulturelle Anregungen erfolgte, die die einheimische Bevölkerung, die vermutlich "negroid" war, wie es heißt, übernommen hat, sondern auch durch Wanderungsbewegungen von Menschen aus dem Norden. In ganz ähnlicher Weise ist ja auch der früheste Ackerbau in Europa verbreitet worden, diesmal durch Völker, die sich vom Balkanraum aus Richtung Mitteleuropa ausbreiteten.

Auch die Sprachenkarte Afrikas (Abb. 1) selbst scheint ja schon im Groben nahezulegen, daß sich der Ackerbau in Afrika nicht vor allem über die Meeresküsten, sondern über das Festland - und vor allem vermittelt über die Nilregion - nach Süden ausbreitete. Und hierbei wird also die nilosaharanische Sprachgruppe (Wiki), der auch der Fundort Nabta Playa zugesprochen wird, und die sich von der afroasiatischen Sprachgruppe unterscheidet, die Hauptrolle gespielt haben. Der Regenwald bildete dabei zunächst eine Grenze nach Süden. Diesen durchschritten die Vorfahren der Bantu-Völker schließlich, wie Ruth Mace erwähnte.

Für dieses grobe Bild bleibt - wie vielleicht deutlich geworden ist - noch viel Platz für weitere Einzelheiten, die zu erforschen sind oder aus der Literatur heraus nachzutragen wären.

Ergänzung 25.7.2017: Ein Mann, der 1.000 v. Ztr. in Tanzania lebte, hatte Gene sowohl der ostafrikanischen Jäger und Sammler in sich als auch Gene der Ackerbauern aus dem Levanteraum. Zu seiner Zeit wurde in Tanzania schon Rinderhaltung betrieben, die sich von hier aus bis Südafrika ausgebreitet haben KÖNNTE (2).

/ Bearbeitet:
25.7.2017,
8.7.2919 /
__________________________________________
  1. Mace, Ruth u.a.: Phylogenetic reconstruction of Bantu kinship challenges Main Sequence Theory of human social evolution. PNAS, December 9, 2014, vol. 111, no. 49
  2. Callaway, Ewen: Ancient-genome studies grapple with Africa’s past - Clutch of DNA analyses show that ancient humans moved around on the continent far more than has been appreciated. In: Nature, 06 July 2017, http://www.nature.com/news/ancient-genome-studies-grapple-with-africa-s-past-1.22272
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