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Montag, 19. Februar 2007

Anstrengungen und Hindernisse sind (oft) "gut" für Religiosität

Die Wissenschafts-Zeitschrift "Gehirn und Geist" hat eine ganze Fülle von Beiträgen zum Thema Religiosität aus Sicht der Naturwissenschaft freigeschaltet (aus den letzten drei Jahren). Hier ein Auszug aus dem Editorial dazu:

... In einer Zeit, in der viele Menschen nach persönlichen Antworten auf die Fragen von Leben, Liebe und Tod sowie den Spielregeln unseres Zusammenlebens suchen, boomen nicht nur Lebenshilfe und pseudoreligiöse Gruppen. Auch besonders strenge Glaubensverbände erfahren Zulauf. Dabei scheinen zeitaufwändige, anstrengende Rituale wie das Zölibat oder Gebets- und Speisevorschriften aus evolutionsbiologischer Sicht zunächst völlig unsinnig. Doch Anthropologen haben eine neue Theorie über derartige Rituale entwickelt: Glaube als Selektionsvorteil – je komplexer und anspruchsvoller die Anforderungen an den Einzelnen, desto stabiler und solidarischer die Gemeinschaft.

Hervorhebungen durch mich, denn ich halte das für einen wesentlichen Grundgedanken. Evolutionär erfolgreiche Glaubensgemeinschaften und -systeme legen sich oft mit Absicht "Steine in den Weg", machen sich mit Absicht das Leben schwer oder prosperieren besonders dort gut, wo das Leben und wo die allgemeinen Lebensbedingungen besonders schwer sind. Das scheint etwas mit der menschlichen Psyche zu tun zu haben. - Deshalb stellen die vielen Lebenserleichterungen der modernen Welt sicherlich auch eine Gefahr für das Überleben von Religionen und Religiösität dar - zumindest in jenen Gesellschaften, in denen diese Lebenserleichterungen besonders stark das Leben prägen, also in wirtschaftlich "reichen", arbeitsteilig "komplexen" Gesellschaften, die höchstwahrscheinlich erst durch die Entbehrungen hervorgebracht worden sind (etwa die "innerweltliche Askese" Max Webers), zu deren Überwindung die psychische Kraft aus Religiosität gewonnen worden war.

Reiche Gesellschaften könnten also von dem psychischen Kapital "zehren" (und es aufbrauchen), das die Entbehrungen früherer Jahrhunderte erst angesammelt hatten.

Dienstag, 13. Februar 2007

Islam.de - Interview mit Michael Blume

In einem spannenden Interview ist Religionswissenschaftler Michael Blume gefragt worden, WARUM religiöse Menschen durchschnittlich und weltweit mehr Kinder haben als Atheisten. Seine Antwort:

Der Mensch ist das einzige Wesen, das aktiv Fragen der Bindung oder Kinder entscheiden kann. Umgangssprachlich spricht man ja inzwischen sogar von einem „Unfall“, wenn ein Kind ungeplant gezeugt wird. Und der Punkt ist: Menschen können also abschätzen, dass Familiengründungen andere Lebensoptionen ausschließen, dass ihnen Kinder auch Sorgen und Kosten bereiten werden und dass vor allem Mütter auf verlässliche Partner und gemeinschaftliche Unterstützung angewiesen sind. In der freien Entscheidung für mehrere Kinder geht es also immer auch um das Überwinden des eigenen Egos, um freiwilligen Verzicht und auch die Bereitschaft zur Einordnung in eine Gemeinschaft. Und das sind mithin genau die Werte, die erfolgreiche Religionsgemeinschaften transzendent begründen und auf einer Vielzahl von Wegen vermitteln, offenbar erfolgreicher, als wir dachten.

Es scheint also so zu sein, daß eine transzendente Begründung das altruistische Verhalten eines Menschen verstärken kann. Spannend ist auch der dann folgende Teil des Interviews:

islam.de: Kann sich „Religion“ auch negativ auswirken?

Blume: Ja, wenn die Menschen über ihr Leben gar nicht frei entscheiden können, sondern die religiösen Gebote aus Zwang befolgen, bekommen sie weit mehr Kinder, als gut für alle ist. Dann haben wir Bevölkerungsexplosionen, Armut, fehlende Perspektiven und schließlich Gewalt nach innen und außen. Natürlich muss man in dem Bereich noch weiterforschen, aber mein vorläufiges Fazit sieht so aus, dass Religiosität und eine ausgewogene Bevölkerungsentwicklung nur bei Religionsfreiheit gedeihen können, zu der auch der Respekt vor den Rechten der Frauen und die Möglichkeit der Abkehr von Religion gehört. Zwang führt dagegen die Menschen und die Religionsgemeinschaften in die Katastrophe.

Das wirft neue Fragen auf. Ich würde so sagen: In der Geschichte zeigt sich, daß gesellschaftlicher und religiöser Zwang (mäßiger bis starker) tatsächlich durchaus über längere Jahrhunderte oder Jahrtausende in verschiedenen Weltregionen evolutionsstabile Fruchtbarkeitsraten erzeugt hat. Das muß aber noch keineswegs heißen, daß dies auch heute oder künftig oder immer schon nur so gewesen ist. Für starken religiösen Zwang sind ja bekanntermaßen besonders monotheistischen Gesellschaften anfällig. Aus religiösen, nicht-monotheistischen Gesellschaften sind oft auch ganz andere Verhältnisse bekannt. Etwa atmen in der Antike die Kulturen der Hethiter, der Griechen, der Römer noch einen ganz anderen, "freieren" Geist. Und natürlich haben sich auch diese Kulturen über lange Jahrhunderte hin "evolutionsstabil" verhalten. Ähnliches gilt natürlich für die Jahrzehntausende alten Stammesgruppen von Jäger-Sammler-Völkern. Da gibt es also noch viel Stoff zum Nachdenken.

Der Schluß des auch sonst lesenswerten Interviews lautet:

islam.de: Wie werden Sie weiterforschen?

Blume: Derzeit werte ich mit Hilfe des Schweizer Bundesamtes für Statistik Daten der Schweizer Volkszählungen von 1970 bis 2000 aus, um auch Aussagen über Trends machen zu können. Wie haben sich beispielsweise die Familienstrukturen der Schweizer Christen, Muslime und Konfessionslosen in den letzten Jahrzehnten entwickelt? Mich würde in diesem Zusammenhang auch die Meinung der Muslime interessieren und über einen Austausch mit Ihnen würde ich mich freuen.

Dienstag, 30. Januar 2007

Dawkins und moralischer Fortschritt der Menschheit

Egal, wieviel man von Richard Dawkins schon gelesen hat. Liest man etwas Neues von ihm, lernt man WIEDER etwas Neues. SO sollten "öffentliche Intellektuelle" sein. Im folgenden Interview für die offenbar atheistische Zeitschrift "New Humanist" wird ebenfalls die Frage behandelt (die ich auch schon vor einigen Tagen kurz hier behandelt hatte), ob die Humanevolution moralischen Fortschritt mit sich bringt. (Da ich "The God Delusion" noch gar nicht vollständig gelesen habe, wußte ich gar nicht, daß das offenbar in diesem Buch auch behandelt ist. Da muß ich noch Hausaufgaben machen ...) Ach, und von einer ganzen Menge anderer Dinge ist auch noch die Rede in dem Interview.

18 January 2007

In the beginning ... there was Dawkins

Montag, 29. Januar 2007

Atheismus - sind die Priester schuld?

Religionswissenschaftler Michael Blume hat wieder einen schönen Beitrag eingestellt zur oft vertretenen These, Religionen wären lediglich Priesterbetrug. Er sagt, daß es Religionen schon gegeben hat, bevor es einen abgesonderten Priesterstand gegeben hat. Dem kann man folgen. Von "Studium generale" ist nun noch folgender weiterführender Gedanke daran angeschlossen worden:
Das finde ich gut argumentiert. Aber es läßt sich der Gedankengang vielleicht noch folgendermaßen weiterführen: Hat nicht Martin Luther vom allgemeinen Priestertum jedes Menschen gesprochen und empfinden wir das nicht als fortschrittlich? Und sind es nicht - z.B. - die freireligiösen Gemeinden, die diesen Gedanken noch am konsequentesten verwirklichen? (Ebenso Amische und Hutterer?)
Und warum mußte das von Luther überhaupt gesagt und gefordert werden? Und hat die heutige Religionsferne so vieler Menschen nicht auch etwas damit zu tun, daß es auch den evangelischen Kirchen nicht gelungen ist, diesen Gedanken Luthers nachhaltig zu verwirklichen? Und was folgt aus diesem Mißlingen?
Ich glaube, Gleichgültigkeit gegenüber Religion und Religiosität ist Jahrhunderte wenn nicht Jahrtausende alt, hat vielleicht genau damals begonnen, als man "andere" für den Bereich des Religiösen für verantwortlich ansah und erklärte und nicht mehr sich selbst persönlich. Wie schön praktisch ist es, wenn sich der Pfarrer Gedanken über Leben und Tod macht, dann brauche ich es selbst nicht mehr tun. Und wenn Familienangehörige sterben: Der Pfarrer wird schon die richtigen Gedanken und Gefühle zum Ausdruck bringen. Während des Gottesdienstes kann man auch wunderbar schlafen. Da wurde schon Jahrhunderte lang Atheismus gelebt, lange bevor dafür vielleicht ein Wort oder eine Philosophie bekannt war.

Freitag, 26. Januar 2007

Dawkins' "Gottes-Wahn"

Nun hat also auch "Science" den neuen Bestseller von Richard Dawkins ("The God Delusion") rezensiert. Die Rezension von Michael Shermer (siehe Foto) ist in einigen Punkten bemerkenswert. Er glaubt, daß ein solch zorniges und stürmisches Buch nicht geschrieben worden wäre, wenn der Autor nicht unter der Regierung von George W. Bush leben würde. Könnte er damit nicht tatsächlich recht haben? - Nach Shermer ist dieses Buch Dawkins' persönlicher Protest gegen diese (milde gesprochen: sonderbare) Regierung:

Shermer meint: Wenn der religionskritische Konservative Barry Goldwater, US-Präsidentschafts-Kandidat von 1964,
had been president for the past six years, I doubt that Dawkins would have penned such a powerful polemic against the infusion of religion into nearly every nook and cranny of public life. But here we are, and like Goldwater, Dawkins is sick and tired of being told that atheists are immoral, second-class, back-of-the-bus citizens. The God Delusion is his way of, like the Howard Beale character in the 1976 film Network, sticking his head out the window and shouting, "I'm as mad as hell, and I'm not going to take this anymore."
Im Grunde ist es ganz unmöglich, dieses Buch nicht unter diesem Aspekt zu lesen. Aber dann zeigt sich auch Shermer - nunja - in gewisser Weise "konsterniert":
When I received the bound galleys for The God Delusion, I cringed at the title, wishing it were more neutral (why not, say, The God Question?). As I read the book, I found myself wincing at Dawkins's references to religious people as "faith-heads," as being less intelligent, poor at reasoning, or even deluded, and to religious moderates as enablers of terrorism. I shudder because I have religious friends and colleagues who do not fit these descriptors, and I empathize at the pain such pejorative appellations cause them. In addition, I am not convinced by Dawkins's argument that without religion there would be "no suicide bombers, no 9/11, no 7/7, no Crusades, no witch-hunts, no Gunpowder Plot, no Indian partition, no Israeli/Palestinian wars, no Serb/Croat/Muslim massacres, no persecution of Jews as 'Christ-killers,' no Northern Ireland 'troubles'…." In my opinion, many of these events--and others often attributed solely to religion by atheists--were less religiously motivated than politically driven, or at the very least involved religion in the service of political hegemony.



I also never imagined a book with this title would ever land on bestseller lists in the United States. But I was wrong. The data have spoken. The God Delusion is a runaway bestseller, a market testimony to the hunger many people--far more, I now think, than polls reveal--have for someone in a position of prestige and power to speak for them in such an eloquent voice. Dawkins's latest book deserves multiple readings, not just as an important work of science, but as a great work of literature.
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