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Samstag, 15. Januar 2022

Welche Tiere sterben am häufigsten an Krebs?

Todesursache Krebs im evolutionären Vergleich 
Krebsvermeidung: Iß kein Säugetier-Fleisch 
- Verhalte dich besser wie ein pflanzenfressendes Weidetier

191 Arten von Zootieren sind in einer Studie daraufhin untersucht worden, wie viel Prozent der jeweils gestorbenen Tiere an Krebs gestorben sind (1).

In 47 Arten sind überhaupt keine Individuen an Krebs gestorben. Sie verteilen sich über den gesamten Säugetierstammbaum - aber ungleichmäßig (weiße offene Kreise in Abb. 1).

Abb. 1: Die Häufigkeit von Krebs als Todesursache über den Säugerstammbaum hinweg (aus 1)

Die Art, in der die meisten Tiere an Krebs gestorben sind, ist die Doppelkamm-Beutelmaus (Kowari), einer Beutelsäugerart aus der Gruppe der Raubsäuger. In ihr sind fast 60 % der Tiere an Krebs gestorben (längster roter Balken in Abb. 1).

Alle anderen untersuchten Arten liegen auf der Mitte zwischen diesen beiden Extremen. In 41 Arten sind mehr als 10 % aller Tiere an Krebs gestorben. Auch diese sind ungleichmäßig auf den Säugetier-Stammbaum verteilt: Die meisten dieser Arten sind nämlich Säuger-fressende Raubtiere ("Carnivora") (s. Abb. 1).

Die Todesursache Krebs ist also bei den fleischfressenden Raubtieren am höchsten, es folgen die Fledermäuse, auch einige Primatenarten sterben häufig an Krebs, am niedrigsten ist die Krebshäufigkeit bei den Paarhufern ("Artiodactyla"), also bei pflanzenfressenden Weidetieren (s. Abb. 1).

Petos Paradox

In diesem Ergebnis spiegelt sich - wie schon in Jahrzehnte langer Forschung geschehen - "Petos Paradox" (Wiki) wieder, das 1975 formuliert worden ist. In Petos Paradox ist die Überlegung formuliert, daß doch Tiere um so häufiger an Krebs sterben sollten, um so größer sie sind und um so länger sie leben. Denn in diesen Tieren sollten mehr Zellen mehr Zeit haben, zu Krebszellen zu entarten. Diese Erwartung bestätigt sich aber in den empirischen Untersuchungen schon seit der Formulierung dieses Paradoxes im Jahr 1975 nicht. Deshalb eben "Paradox". Und deshalb müssen Theorien zur Krebsentstehung komplexere Annahmen unterstellen als einfach eine statistische Häufung der Entartung von Körperzellen.

Die Ursache für Krebshäufigkeit ist also klar anders verteilt als nach Größe und Lebensdauer. In der neuen Studie können die Forscher ihr Ergebnis sogar noch genauer eingrenzen (1):

Der Verzehr von Wirbeltieren steht in Verbindung mit erhöhter Krebswahrscheinlichkeit, nicht der Verzehr von wirbellosen Tieren. Genauer gesagt, Säugetiere, die regelmäßig Säugetiere als Beute fressen, haben eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit an Krebs zu sterben, verglichen mit Säugetieren, die selten oder niemals andere Säugetiere fressen. Ähnliche Unterschiede konnten weder für Fische, Reptilien oder Vögel als Beutetiere festgestellt werden.
Consumption of vertebrate but not invertebrate prey was associated with increased cancer mortality risk. Specifically, mammals frequently consuming mammalian prey had significantly higher cancer mortality risk compared to mammals that rarely or never consume other mammals. Similar differences could not be detected in the case of fish, reptile or bird prey frequencies.

Der Verzehr von Säugetier-Fleisch ist es also vor allem, der die Krebshäufigkeit nach oben treibt. Weg also mit dem Rindersteak, weg mit dem Schweinefilet, her mit den Fischen, Muscheln, gerösteten Heuschrecken oder auch einmal einem Hähnchen. (Das Thema Massentierhaltung wollen wir an dieser Stelle nicht - eigentlich - nicht berücksichtigen. Aber wenn wir schon in seine Nähe kommen, sei betont: Die bewußte Vernichtung des bäuerlichen Familienbetriebes durch die die kommunistische Agrarpolitik seit 1918 und seit 1945 und durch die EU-Agrarpolitik seit spätestens den 1960er Jahren hat diese ekelhafte Entartung hin zur "Industrieproduktion" des Fleisches von Mitgeschöpfen bewirkt. Wir haben sie schon immer als ekelhaft und abartig und auch der menschlichen Kultur widersprechend gekennzeichnet und werden das auch weiter tun. Wann hört diese Abartigkeit auf? Warum kam und kommt es - trotz "grüner" Minister - nicht zu einer grundlegenden Gesellschaftsreform bezüglich dieser Dinge in Richtung auf eine naturverbundenere Lebensweise unserer Gesellschaft? Warum sind die Völker der Nordhalbkugel so durch und durch schläfrig? Was sollen "Fridays for Future", die durch die Gazetten auf und ab gejagt werden, wenn so grundlegende Dinge nicht angesprochen werden durch sie? Welche Abartigkeiten der Manipulation und der elitären "Themensetzungen" finden hier statt?)

Zurück zum Thema: Untersuchte Tierarten, die vornehmlich andere Tiere fressen statt Säugetieren, sind in dieser Studie noch nicht in ausreichender Zahl untersucht worden, um bezüglich ihrer Ernährungsegwohnheiten Unterschiede in ihren Auswirkungen in Richtung Todesursache Krebs noch genauer eingrenzen zu können. Es wird das Aufgabe künftiger Studien sein.

Seitenblick: Ryke Geerd Hamer

Wir selbst hatten die Frage, ob und in welchem Umfang eigentlich auch Tiere an Krebs sterben können, gestellt seit wir uns kritischerweise mit Ryke Geerd Hamer's (1935-2017) (Wiki) Theorie zur Krebsentstehung und -heilung (1981) auseinandergesetzt haben. Diese Theorie ist nämlich völlig Menschen-zentriert und scheint überhaupt keine evolutive Herkunft von Krebs als Todesursache in Rechnung zu stellen (unseres Wissens nach). Deshalb setzt sie auch bezüglich der Krebsheilung eine menschliche Willensfreiheit voraus, die ja für die hier untersuchten Tiere gar nicht gegeben ist. 

Mit dieser Studie schält sich nun heraus, daß Krebs etwas Natürliches ist und nicht etwa "nur" Folge von zivilisatorischen Fehlentwicklungen und damit einhergehenden Schockerlebnissen und Traumatisierungen, die durch freie Willensentscheidungen des Menschen dann auch wieder "geheilt" werden könnten. 

Wobei Hamer einen ziemlich schlichten Heilungsprozeß unterstellte, während wir heute noch viel besser als vor Jahrzehnten wissen, wie schwer Traumatisierungen geheilt werden können - wenn es denn eben nur um eine solche seelische Heilung ginge, um mit ihr zugleich auch noch jede Art von Krebs heilen zu können. Mit solchen Studien wie der vorliegenden sehen wir, daß Krebs im Allgemeinen in der Natur etwas sehr selbstverständlich Vorkommendes ist. Wobei sich eben Ernährungsgewohnheiten herausschälen als eine Hauptrolle für die Häufigkeit der Todesursache Krebs.

Auch sonst wird ja in den Ernährungswissenschaften vor allem dem "roten Fleisch", also dem Säugetier-Fleisch eine Wirkung zugesprochen, die die Häufigkeit von Krebserkrankungen beim Menschen erhöht (Wiki). 

Aber es macht doch - wie auch sonst - immer einmal wieder Sinn, Erkenntnisse, die bislang nur in Bezug auf den Menschen gewonnen worden sind, mit dem Hintergrund der großen evolutionären Wissenschaften abzugleichen, sie durch sie zu ergänzen, zu korrigieren oder sie zu bekräftigen oder zu entkräften. Hier wie auch in anderen Wissenschaftsbereichen gilt: 191 Arten können uns - im Vergleich miteinander - mehr sagen als eine einzige. So ist es eben: Evolutionäre Ernährungswissenschaft und Evolutionäre Medizin sind die Zukunft.

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  1. Vincze, O., Colchero, F., Lemaître, JF. et al. Cancer risk across mammals. Nature 601, 263–267, 22.12.2022, https://www.nature.com/articles/s41586-021-04224-5

Sonntag, 30. Juni 2013

Multikulti - Bringt die Evolution nicht voran

Wer einmal einen Einblick haben will in das, was an der vordersten Front der Forschung derzeit in der ganz klassischen Biologie geschieht, dem kann ein neuer Artikel von einem Forscher aus Oxford empfohlen werden (1). (Der Artikel scheint nirgendwo in der deutschen Wissenschaftspresse behandelt worden zu sein. Grund genug, hier einmal auf die wesentlicheren Inhalte aufmerksam zu machen.)

Am Übergang von der Einzelligkeit zur Vielzelligkeit


Die Natur hat sehr vielfältig experimentiert am Übergang von der Einzelligkeit zur Vielzelligkeit. Es gibt da so berühmte Beispiele wie die Grünalge Volvox oder den Schleimpilz Dictyostelium. Sie gehören zu den einfachsten Formen von Vielzelligkeit in der Natur. Und sie sind nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch philosophisch von großem Interesse. Spätestens seit der deutsche Evolutionsbiologe August Weismann auf die Einführung des Alterstodes gleichzeitig mit der Einführung der Vielzelligkeit in der Evolution, die mit solchen Organismen einhergeht, hingewiesen hat. Warum es den gesetzmäßigen Alterstod überhaupt gibt in der Evolution und im Leben, ist ein bis heute von der Naturwissenschaft weitgehend ungeklärtes Problem. Da herrschen die vielfältigsten Theorien vor.

Abb. 1: Dictyostelium in der späten Aggregations-Phase
Philosophisch wurde die Tatsache der Einführung des Alterstodes in der Evolution erstmals von einer Schülerin von August Weismann, von Mathilde Ludendorff (1874 - 1966), ausgewertet. Soweit übersehbar hat es andere Philosophen, die in ihrer Nachfolge ähnliches versucht haben, bisher nicht gegeben. Wissenschaftlich weitergeführt worden sind die Forschungen - auf der Grundlage der Erkenntnisse von August Weismann und auch von Mathilde Ludendorff - unter anderem durch Gerold Adam (1933 - 1996) in Konstanz.

Gerold konnte sehr eindrucksvoll von dem Schleimpilz Dictyostelium erzählen. Und von jenen Notzeiten, wenn sich viele tausende von Einzelzellen, von einer "Ruferzelle" gerufen, "aggregieren", zusammenballen. "Die Massen rotten sich zusammen", ein gemeinsamer Wille beherrscht sie plötzlich. Und wie sie einen großen Zellstaat bilden. Und wie sich dieser Zellstaat - wie eine Nacktschnecke - günstigere Standortbedingungen sucht. Und wie dann jene Zellen, die zuvor gerufen hatten und zuerst auf den Ruf gehört hatten, schließlich den Stil bilden eines kleinen Pilzes. Und wie sie auf diesem Stil die übrigen Zellen als eine ("Frucht-")Kugel emporschieben. 


Das ist auch auf Wikipedia gut beschrieben., allerdings in z.T. argem Fachchinesisch. Man könnte diesen Lebenszyklus auch ganz anders beschreiben, etwa unter Bezugnahmen auf vielerlei Ereignisse in der Geschichte komplexer menschlicher Gesellschaften. Wie etwa auf den Ruf eines Herrschers aus allen Teilen des Landes die Menschen zu seinem Regierungssitz strömen, wie eine allgemeine Bewegung das gesamte Volk ergreift, wie Völker sich auf Wanderschaft begeben. Und wie, damit die anderen überleben, sich ein Teil des Volkes auf irgendeine Weise für den anderen Teil des Volkes aufopfert.

Jedenfalls: In der nächsten Lebensphase dieses Pilzes Dictyostelium schwärmen die Zellen der hochgeschobenen Kugel wieder aus, während die Zellen des Stils sterben, zugrunde gehen. Sie haben ihre Zellteilungsfähigkeit verloren. Damit tritt erstmals der gesetzmäßige Alterstod in der Evolution auf. Die ("genialeren") Ruferzellen und die frühesten Zellen, die auf den Ruf gehört haben, hatten den Stil gebildet und haben sich für die anderen Zellen, die Fortpflanzungszellen, aufgeopfert, indem sie ihnen eine erhöhte Ausgangsposition für erneute Verbreitung verschafften. Eine der frühesten und ältesten Formen von Altruismus in der Welt des Organischen.

Eine der ältesten Formen von Altruismus in der Welt des Organischen


Und der neue Artikel (1) nimmt nun die heute bekannte Vielfalt von solchen Formen des Übergangs zwischen Einzelligkeit und Vielzelligkeit in mehreren Zweigen des Artenstammbaums von Bakterien, Schleimpilzen, Grünalgen insgesamt und vergleichend in den Blick. Und er stellt hierbei fest, daß die genetische Verwandtschaft zwischen den aggregierenden, sich zusammenballenden Zellen von ausschlaggebender Bedeutung ist dafür, ob und wie komplex die Vielzelligkeit ist, die dann in der Folge ausgebildet wird. Im Artenvergleich wird Vielzelligkeit um so häufiger und um so komplexer ausgebildet, um so mehr die Einzelzellen der jeweiligen Art, die sich zusammenballen, miteinander genetisch verwandt sind, bzw. wenn sie genetisch miteinander identisch sind.

Das klingt zwar von vornherein plausibel. (Nur womöglich nicht für Anhänger multikultureller Gesellschaften.) Aber das mußte doch erst einmal vergleichend und auf statistischer Basis solide nachgewiesen werden. Wenn das nun erst im Jahr 2013 geschieht, merkt man daran, wie lange die Forschung manchmal dafür braucht, ganz einfache Fragestellungen zu klären. Aber da die genetische Verwandtschaft auch bei der Ausbildung von gesellschaftlicher Komplexität von Insektenstaaten erst vor einigen Jahren wieder intensiver erforscht worden ist (Stud.gen. 6/2008), werden auch die Mikrobiologen sich einmal aufgefordert gesehen haben, hier die Zusammenhänge genauer in den Blick zu nehmen.

In der Regel stammen die sich zusammenballenden Zellen alle nur von einer einzelnen Zelle ab, die sich zuvor viele male geteilt hatte. (Sie bildeten etwas, was in der Wissenschaft - und auch in diesem Artikel - "Klon" genannt wird.) Und deshalb sind sie alle wie "eineiige Zwillinge". Es gibt aber auch Arten, bei denen der genetischen Verwandtschaft bei der Aggregation, der Staatenbildung, keine so große Beachtung zugemessen wird. Man könnte sagen, das waren die "multikulturellen Gesellschaften" der damaligen Zeit. Oder auch die "Patchwork-Familien" der damaligen Zeit, die ja auch heute wieder so "hip" sind (also "angesagt" sind [bzw. als "schick" oder "trendy" gelten]). Diese Form der Aggregation und Staatenbildung hat jedenfalls in der Evolution von Vielzelligkeit und vielzelliger Komplexität bei weitem nicht so viel Erfolg gehabt, wie die erstgenannte.

"Multikulturelle Gesellschaften" der damaligen Zeit


In dem Artikel wird unterschieden zwischen obligater (sprich gesetzmäßiger) Vielzelligkeit im Lebenszyklus einer Art und fakultativer Vielzelligkeit. Bei der fakultativen Vielzelligkeit ist die Fortpflanzung der Art nicht zwingend davon abhängig, daß Vielzelligkeit ausgebildet wird. Alle Säugetiere beispielsweise sind obligate Vielzeller. Sie können sich nur dann fortpflanzen, wenn eine vielzellige Lebensphase ausgebildet wird. Dies ist also die komplexere Lebensform. Außerdem werden die Zahlen der sterilen, also dem Todesmuß verfallenen Zellen des ausgebildeten Vielzellers miteinander verglichen. Und auch die Zahl der dabei ausgebildeten Zelltypen (analog zu den Kasten der Insektenstaaten).

Sprich, im Artvergleich gilt: Um so mehr die Zellen miteinander genetisch verwandt sind, die sich zusammenballen zu einem vielzelligen Organismus, um so komplexer ist der Vielzeller, der dabei ausgebildet werden kann, gemessen an den eben genannten Kriterien.


Das Bild der Evolution vereinheitlicht sich zunehmend


Und mit diesem Forschungsergebnis vereinheitlicht sich immer mehr ein Bild von der Evolution überhaupt, das in den letzten Jahren gewonnen wird. (Und worüber es auf diesem Blog vor fünf Jahren schon mehrere Artikel gegeben hat: 11/2007, 6/2008, [9/2008], 5/2009, [7/2007].) 

Auch bei der Ausbildung von arbeitsteiligen Gesellschaften von Insekten bildet die genetische Verwandtschaft die ausschlaggebende Rolle, worauf erst vor wenigen Jahren in einem aufsehenerregenden Artikel (Hughes et. al. - und zwar gegen Edward O. Wilson's neue "Superorganismus"-Theorie gewandt) hingewiesen worden ist. Diese wird durch monogame Lebensweise der Staatengründer sichergestellt.

Und diese monogame Lebensweise hinwiederum korreliert - so nach Forschungen von Robin Dunbar - mit der evoluierten Gehirngröße über weite Teile des Artenstammbaumes der Säugetiere. Sprich: Um so monogamer eine Art lebt, um so größer  die Gehirne dieser Art (wobei die allein durch Körpergewicht bedingte Gehirngröße einer Art - wie üblich - herausgerechnet wird). Und bei den Primaten korreliert dann - nach den Forschungen von Robin Dunbar - wiederum die Gehirngröße mit der Gruppengröße, also mit jenen Tieren, die dauerhaft in einer Gruppe zusammenleben. So wie bei den Nichtprimaten monogame Paare dauerhaft zusammeleben ("Dunbar's Zahl").

Von zwei Lebensprinzipien also, die heute allerwärts in der Öffentlichkeit als besonders "fortschrittlich" und "liberal" und insbesondere auch "natürlich" propagiert werden, zeigt damit die Evolutionsforschung auf, daß diese nicht die Lebensprinzipien sind, die die Evolution (von arbeitsteiliger Komplexität und Gehirngröße) vorangebracht haben. Nämlich von den Lebensprinzipien: Polygamie und multikulturelle Gesellschaft.


Diese Tatsache dürfte einmal erneut auf die erhebliche philosophische wie auch geradezu tagespolitische und sozialethische Bedeutung evolutionsbiologischer Grundlagenforschung aufmerksam machen. Oder noch allgemeiner: Wenn wir die Lebensprinzipien unserer modernen Gesellschaften in Übereinstimmung bringen wollten mit den Erfolgsprinzipien der Evolution überhaupt, müßten wir sie auf einem ganz anderen moralischen Fundament errichten, als jenem, auf dem die derzeitigen modernen Gesellschaften errichtet sind. 

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  1. Fisher RM, Cornwallis CK, & West SA (2013). Group formation, relatedness, and the evolution of multicellularity. Current biology : CB, 23 (12), 1120-5 PMID: 23746639

Donnerstag, 26. Februar 2009

"Muß ewiges Leben sinnlos sein?"

So fragt ein Aufsatz im "European Journal of Philosophy"

"Schließlich waren es die Sonntagnachmittage, mit denen er nicht zu Rande kam," so heißt es unter anderem in der wilden Science Fiction-Satire "Das Leben, das Universum und der ganze Rest" (Wiki) von Douglas Adams (1952-2001) (Wiki) aus dem Jahr 1982, in jener Holterdipolter-Sciece-Fiction-Satire, in der der Protagonist Arthur Dent - zur Abwechslung - einmal durch einen dummen Zufall Unsterblichkeit erlangt hat. Adams spinnt diesen Gedanken - wie langweilig es wäre, Unsterblichkeit zu besitzen - noch länger aus (1).

An diesen Roman knüpft ein Aufsatz von Seiten eines britischen Philosophen an (2). Schon im Titel desselben wird die Frage gestellt "Muß ewiges Leben sinnlos sein?" Für sich genommen vermutlich ein spannendes Thema. Es fragt sich nur, ob ein satirischer, zumeist nur oberflächlich-witziger Roman der Pop-Kultur aus dem Jahr 1982 wirklich der beste Ausgangspunkt ist, um eine solche, doch eher tiefer angelegte philosophische Frage anzugehen.

Auch ist die Frage, ob eine materialistisch-atheistische Weltanschauung hier nicht in ihr innewohnende Widersprüche gerät und geraten muß, wenn sie diese Frage beantworten will. Womöglich wird genau dieser Umstand mit der philosophischen Diskussion, in die der hier genannten Aufsatz eingreift, aufgezeigt.

Insgesamt handelt es sich hier um ein Thema, mit dem wir uns bei Gelegenheit noch einmal gründlicher beschäftigen sollten. In diesem Beitrag soll auf diesen Aufsatz aber zunächst nur hingewiesen werden und auf die beiden weiteren philosophischen Texte, auf die er sich bezieht (3, 4).

Über die Bedeutung des Alterstodes aus naturwissenschaftlicher Sicht hat sich schon einer der Begründer der Evolutionsbiologie, August Weismann (1834-1914), Gedanken gemacht, als er über die Trennung von Keimbahn und Soma nachdachte, also über die Zelldifferenzierung zwischen Keimzellen (Fortpflanungszellen) einerseits und den übrigen Körperzellen (Soma) andererseits. In diesem Zusammenhang wies er darauf hin, daß die Keimzellen jene potentielle Unsterblichkeit behalten, die auch alle Einzeller besitzen, während die die ausdifferenzierten Zellen eines vielzelligen Körpers dem Altertod, der gesetzmäßigen Sterblichkeit unterliegen.

In seinen berühmten "Vorträgen über Deszendenztheorie" spricht Weismann von der ersten Leiche in der Evolution, nachdem er von dem evolutiven Übergang von der einzelligen Zellalge Eudorina zu dem frühen Vielzeller Volvox gesprochen hatte. Volvox umkleidet seine Fortpflanzungszellen mit einer ersten äußeren Schicht von Körperzellen, die "gestorben" zu Boden sinken, wenn die Fortpflanzungszellen erneut ausschwärmen.

An diese Erkenntnis von August Weismann ist schon 1921 von Seiten der Philosophie angeknüpft worden und ein ganz neuer philosophischer Entwurf formuliert worden (5). Dieser philosophische Entwurf steht allerdings vom Gehalt seiner Aussage her in einem deutlicheren Gegensatz zur Pop-Kultur von heute.

August Weismann - Richard Dawkins - Douglas Adams


Zuletzt sind auf dem Wissenschaftsblog "WeiterGen" solche Fragen angesprochen worden im Zusammenhang mit der seltenen Krankheit des beschleunigten Alterns (6).

Douglas Adamas hat sich als Atheist verstanden und als Anhänger des Evolutionsbiologen Richard Dawkins. Dawkins hinwiederum hat sein jüngst erschienenes Buch "Gotteswahn" Douglas Adams gewidmet.*)

Die genannte fiktive Geschichte von Adams (1) handelt also von einem unsterblichen Menschen und dreht sich um die Frage, mit welchen Vorhaben dieser Mensch versucht, seinem ewigen Leben Sinn zu geben. Und im Anschluß daran wird die Themenstellung des Philosophie-Aufsatzes folgendermaßen umrissen (2):
Viele heutige Philosophen, insbesondere Bernard Williams (1973) und Adrian Moore (2006) sehen an dieser Stelle ein grundlegendes Problem. Sie sehen es als unmöglich an, daß irgendjemand mit Unsterblichkeit umgehen könne, und sei es auch nur in einem geringen Umfang.
Many contemporary philosophers, notably Bernard Williams (1973) and Adrian Moore (2006), see a conceptual problem here. They cannot conceive how anyone could cope with immortality, even in the rather minimal sense.
Der Autor glaubt dann, seine Leser von folgendem überzeugen zu können (2):
Ein ewiges Leben, so argumentiere ich, kann sinnvoll sein und (...) wird sinnvoller sein als es jedes endliche Leben sein könnte, weil es frei ist von der Bedrohung durch die Sinnlosigkeit, von der keine Form von endlichem Leben entlastet werden kann. Wir haben deshalb Gründe dafür, nach einem ewigen Leben zu streben, das unter diesen Umständen gelebt werden kann.
An eternal life, I argue, can be meaningful and (...) will be more meaningful than any finite life could be, because free from a threat to meaningfulness that cannot be removed from any finite life. We therefore have reason to want eternal life lived under these circumstances.
Ein "ewiges Leben" also wäre - so der Autor - viel eher frei von der Bedrohung durch die Bedeutungslosigkeit, von der ein sterbliches Leben bedroht wäre. Er beginnt das Argument seines Aufsatzes mit dem Gedanken, daß man die Aussicht auf den sicheren Tod als sehr "sinnlos" empfinden kann. Dafür kann er natürlich viele berühmte Zeugen aufführen, angefangen bei "Hamlet" von William Shakespeare. Weil ein endliches Leben nicht nur einem "Hamlet" sinnlos erscheint, erscheinen dann Argumente dafür, daß ein ewiges Leben im Gegensatz dazu sinnvoller wäre, plausibel - nach Meinung des Autors.

[Ergänzung 17.3.2020] Beim nochmaligen leichten Überarbeiten dieses Blogbeitrages kommt uns der Gedanke, ob ein Wurzeln im Geist der Pop-Kultur der 1980er Jahre, die sich mit Richard Dawkins irreführendem Buchtitel "Das egoistische Gen" sogar recht weit bis in die empirischen Wissenschaften hinein erstreckte, vielleicht doch nicht so hilfreich sind, um für die hier gestellten Fragen eine letztlich hilfreiche Antwort zu finden. Insbesondere, so wird uns hier deutlich, erläutert der Roman von Douglas Adams ja so einigermaßen jenen Geist der Pop-Kultur, aus dem heraus Sachbücher wie "Das egoistische Gen" den Stand der naturwissenschaftlichen Altruismus-Forschung "geframed" haben (nämlich versimplifizierend Altruismus als angeblich versteckten Egoismus umgedeutet haben). - Es dürfte wirklich bald einmal an der Zeit sein, jene damalige angebliche Entzauberung der Verzauberung zu entzaubern. Ähm.

/leicht
überarbeitet:
17.3.2020/

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ResearchBlogging.org*) Douglas Adams war dem Verfasser dieses Beitrages bis zum Verfassen dieses Beitrages im Jahr 2009 ganz unbekannt. Dieser Beitrag hatte Anlaß gegeben, sich einmal Adams' erstes Buch "Per Anhalter durch die Galaxis" (1979) anzuschaffen. Weiter ist der Verfasser dieses Beitrages allerdings auch bis 2020 nicht gekommen mit der Lektüre. Obwohl der Roman einen Anfang hat angefüllt mit herrlichem britischen Humor, fesselt doch der ganze übrige "Science Fiction"-Stoff  - trotz des weiter eingestreuten Humors und manches eingestreuten Tiefsinns - insgesamt nicht so, daß es leicht wäre, an der Lektüre dran zu bleiben. Insgesamt hinterlassen die Bücher von Adams womöglich doch einen schalen Beigeschmack. (Aber vielleicht wird dieser Eindruck dem Werk von Adams auch noch nicht ausreichend gerecht.)
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  1. Adams, Douglas: Das Leben, das Universum und der ganze Rest. 1982 (GB)
  2. Timothy Chappell (2009). Infinity Goes Up On Trial: Must Immortality Be Meaningless? European Journal of Philosophy, 17 (1), 30-44 DOI: 10.1111/j.1468-0378.2007.00281.x
  3. Williams, B. (1973), ‘The Makropoulos Case: Reflections on the Tedium of Immortality’, in his, Problems of the Self: Philosophical Papers 1956–1972. Cambridge: Cambridge University Press: 82–100
  4. Moore, A. (2006), ‘Williams, Nietzsche, and the Meaninglessness of Immortality’, Mind, 115: 311-330
  5. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. 1921
  6. Maier, Tobias: Die Seltsame Krankheit des Benjamin Button, 20. Februar 2009, http://scienceblogs.de/weitergen/2009/02/die-seltsame-krankheit-des-benjamin-button/

Sonntag, 1. Februar 2009

"CpG-Strände" - der Ort, wo Evolution vor allem stattfindet im Genom?

Wo im Genom findet Evolution, Artbildung statt? Wo finden wir hierfür die wichtigsten, entscheidenden Signale? Auch die Signale für die genetischen Unterschiede zwischen Individuen und Unterarten (Rassen)? Offenbar kommt die Forschung immer näher an die eigentlichen Signale heran. Viele Jahrzehnte glaubte man, daß Evolution vornehmlich durch Mutationen geschehen würde, die weitgehend gleichmäßig über das ganze Genom verteilt auftreten würden und die vor allem die Molekül-Struktur der in den Organismen tätigen Funktions-Eiweiße verändern würden.

Das Wechselspiel zwischen Zellvermehrung und Zelldifferenzierung

Da der Schreiber dieser Zeilen in seinem dritten Lebensjahrzehnt oft seinem Onkel zugehört hat, dem 1996 verstorbenen Konstanzer Biophysiker und Zellphysiologen Gerold Adam (1933-1996) (Wiki) (siehe Bild), der sich schon früh mit genau diesen Fragen beschäftigte, verfolgt er auch dessen Forschungsgebiet immer mit großem Interesse mit. Gerold hatte schon früh die Diskussionen rund um Motoo Kimura, Susumo Ohno oder etwa Allan C. Wilson rezipiert und war mit seiner Arbeitsgruppe bei seinen zellphysiologischen Untersuchungen der Frage auf der Spur, wie das Wechselspiel von Methylierung und Demethylierung bei der Ausreifung von Körperzell-Typen nicht nur diese Ausreifung von Körperzell-Typen erklären könne, sondern den Ablauf der Evolution im Großen überhaupt. Er verfolgte die Hypothese, daß bei der embryonalen Entwicklung zunächst Gene angeschaltet (demethyliert) werden, die vor allem der Zellvermehrung dienen, und daß später immer mehr diese Gene wieder abgeschaltet werden (methyliert werden) und stattdessen Gene angeschaltet werden, die der Zelldifferenzierung dienen.

Und er ging davon aus, daß bei Krebszellen in ausdifferenzierten Geweben wieder vermehrt Gene zur Zellvermehrung abgelesen werden würden. / Inzwischen (2025) scheint das zu nicht geringen Teilen schon Lehrbuchwissen zu sein (s. Wiki). /

Abb. 1: Gerold Adam

Für ihn war Evolution überhaupt ein solches Schwanken zwischen Zuständen der Zellvermehrung und Zuständen der Zelldifferenzierung. Und nach dem Haeckel-Prinzip, daß Ontogenese die Phylogenese rekapituliert, können wir vergleichend sagen, daß wir auch in unserem persönlichen Leben uns immer wieder entscheiden können: Wollen wir vor allem jene biologischen Reaktionen in unserem Körper zulassen, die der Vermehrung und Weiterexistenz unserer Gene dienen? Oder wollen wir an der Auslösung jener biologischen Reaktionen "arbeiten", uns um sie bemühen, die der Ausdifferenzierung, Sublimierung unseres individuellen, einzigartigen Erlebens dienen? Beides findet, wie wohl jeder schon an sich erfahren hat, nicht unabhängig voneinander statt, sondern in einem differenzierten Wechselspiel miteinander.

/ Wie individuelle Lernerfahrungen in Korrelation stehen zu Genmethylierung ist in Teilen auch schon verstanden (s. Wiki). /

Und Gerold ging davon aus, daß das Schwanken um diese beiden Lebenszustände das ist, was Evolution im tiefsten Inneren ausmacht, das Wechselspiel zwischen mehr "Keimbahn-gesteuertem" Verhalten und mehr "Soma-gesteuertem", also letztlich Großhirn-gesteuertem Verhalten. (Er erinnerte dabei auch an die Theorie zur "Germinal-Selektion" des späten August Weismann, in der ein ähnliches evolutionäres Schwanken zwischen zwei Zuständen postuliert wurde.)

Evolution der Genablese-Steuerung, nicht der Gene selbst

Evolution also, so erkennen wir heute von Tag zu Tag besser, findet nicht vor allem in den Genen selbst statt, die zumeist sehr konservativ im Genom gespeichert vorliegen, oft von den frühen Wirbeltieren an oder noch früher. Man vergleiche etwa beispielhaft nur das auch komplexes Sozialverhalten mitbestimmende Vasopressin-Rezeptor-Gen über die gesamte Wirbeltier-Reihe hinweg. Evolution findet spätestens bei den Wirbeltieren statt vor allem in jenen Bereichen, die den Abruf dieser Gene steuern, ihren Methylierungs- bzw. Demethylierungszustand, und zwar sowohl im zeitlichen Verlauf der Individualentwicklung eines Organismus wie dabei jeweils in der Menge des durch diese Ablesung produzierten Eiweißmaterials.*)

Aber wie dieser Abruf der Gene gesteuert wird, und zwar zugleich zwischen den Arten und Individuen genetisch unterschiedlich vererbt (!), das ist noch bis heute nicht wirklich von der Genetik verstanden. Dies ist ein Forschungsgebiet, das wahnsinnig spannend ist, weil es zugleich so grundlegend ist. Der Abrufzustand der Gene wird also vor allem durch Methylierung und Demethylierung gesteuert. Wenn durch den Ableseapparat des Genoms an eine Cytosin-Guanosin-(CG-)Basensequenz im Genom eine Methylgruppe drangehängt wird, dann wird das zu dieser CG-Basensequenz zugehörige Gen nicht abgelesen, wird die Methylgruppe entfernt (demethyliert), dann wird das Gen abgelesen. Im Genom hat man nun sogenannte CpG-Inseln ("CpG-Islands") entdeckt, wo es eine größere Häufigkeit von Cytosin-Guanin-Basensequenzen gibt, und die vor allem den Abrufzustand der in ihrer Nähe liegenden Gene steuern sollen.

Die Arbeitsgruppe des Genetikers Svaante Pääbo in Leipzig war zum Beispiel vor einigen Jahren eine der ersten, die a) über weite Genomstrecken hinweg und b) in verschiedenen Zelltypen c) artvergleichend Methylierungsmuster erforschte und dabei herausbekam, daß sich das Methylierungsmuster von Mensch und Schimpanse im Zelltyp "Hoden" mehr unterscheidet als im Zelltyp "Gehirn", also mehr unterschiedliche Gene im Hoden als im Gehirn abgelesen werden. Dies war ein sehr "counter-intuitives", unerwartetes Ergebnis. Möglicherweise, so könnte man nun vermuten, waren aber auch diese Studien noch zu ungenau, da sie vor allem die Methylierungsmuster in den sogenannten "CpG-Inseln" erforschten, nicht in ihrer näheren und weiteren Entfernung.

Andrew Feinberg in Baltimore, Maryland/USA

Nun kommt aber vor allem eine Forschungsgruppe um Andrew Feinberg in Baltimore, Maryland/USA daher (siehe Bild) und entdeckt, daß die Methylierungsmuster auf den sogenannten CpG-Inseln im Genom von Wirbeltieren noch nicht die wichtigsten sind, sondern daß jene in um diese CpG-Inseln herum gestreuten Bereiche, die nun von dieser Gruppe neu "CpG-Strände" ("CpG-Shores") genannt werden, besonders Art- und Zelltyp-Unterschiede erklären können, auch die besonderen Eigenschaften von Krebszellen besser verständlich machen können.

Abb. 2: Andrew Feinberg

Zunächst ein offenbar gut informierter journalistischer Bericht (Sciencecentric.com):

Feinberg explains that the discovery is more than academic since it may shift the current focus away from the islands to thousands of new sites scattered throughout the genome, each with the potential to serve as novel targets for studying the development of tissues, organs and animals, and for treating diseases such as cancer already known to involve methylation chemistry. (...)

The researchers performed their comprehensive survey in human brain, liver and spleen tissues obtained from five autopsies, identifying 16,379 methylated regions using a new method that searches all DNA, not just CpG islands.

To their surprise, the researchers discovered that about 76 percent of the genome's methylated sites occur a short distance away from the islands, between 200 and 2,000 kilobases away. In contrast, only 6 percent of methylated sites were situated inside CpG islands. Because of the newly discovered sites' proximity to the islands, the researchers named them CpG shores.

'This finding is so unexpected because CpG islands are the areas where scientists have really concentrated their research,' Feinberg says. (...) Feinberg's group found that cancer cells had a roughly equal number of more-methylated and less-methylated sites than the normal cells.
Ähnlich noch einmal in einem anderen Bericht (Biotechnews.com.au):
They found to their surprise that about 76 per cent of methylation sites occur a short distance away from CpG islands, with only six per cent found within the islands themselves.

Soeben ist ja auch eine aufsehenerregende Studie erschienen, die die Methylierungsmuster zwischen eineiigen und zweieigen Zwillingen vergleicht. In dem nächsten Zitat wird aber auch zu dieser Studie aus der Sicht der Erforschung von CpG-Stränden gleich wieder Einschränkendes gesagt. Auf Sciencenews.org erfahren wir dazu nämlich unter anderem:

“This is a discovery that is totally unexpected,” says Ohlsson. Feinberg and his colleagues have found “a signature of the genome that we weren’t aware of before.” (...)

About 51 percent of the shores methylated in mouse tissues were also methylated in human tissues, indicating that DNA methylation of CpG island shores is an ancient, and important, method of controlling genes, Feinberg says. (...)

Unpublished research conducted by Dag Undlien of the University of Oslo, while on sabbatical in Feinberg’s lab, indicates that monozygotic twins share more shore methylation patterns than dizygotic twins do, and are even more similar than Petronis’ research suggests, Feinberg says.

Feinberg thinks evidence from his lab, though preliminary, indicates that DNA sequence does help determine epigenetic patterns. He calls Petronis’ report, “a terribly interesting paper,” but adds, “I think there may be a stronger genetic contribution than is suggested by his data.”

Weitere Berichte: Genomeweb , Sciencecentric. Man darf hochgradig gespannt sein, was sich auf diesem Gebiet in der nächsten Zeit noch tun wird, zumal gegenwärtig nach Axel Meyer (Konstanz) auch sechs Buntbarsch-Genome vollständig sequenziert werden und man durch den Vergleich zwischen diesen den Mechanismen ihrer explosiven und zugleich konvergenten Artbildung in den letzten 100.000 Jahren in Ostafrika besser auf die Spur wird kommen können.

Ergänzung 18.9.2020: Gerade ist ein Aufsatz erschienen mit dem Titel "Ist CpG-Dichte der Link zwischen epigenetischem Altern und Lebensdauer?", in der Zeitschrift "Trends in Genetics".

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*) Man muß also immer aufpassen, wenn so schlankweg und undifferenziert von "Genen" gesprochen wird - auch hier auf dem Blog in unzähligen Beiträgen. Denn allzu oft unterscheiden sich die eigentlichen Protein-kodierenden "Gene" zwischen einzelnen Menschen und Arten nur wenig. Vor allem unterscheiden sich die davor geschalteten Sequenzen, die ihre Ablesung steuern. Sie sind es zumeist, die entdeckt werden, wenn man wieder einmal ein "Gen für ..." irgend etwas entdeckt. Das sollte vielleicht künftig auch in der Wortwahl genauer unterschieden werden, um auch ein richtiges "Gefühl" dafür zu bekommen - und zu vermitteln -, wie Genome eigentlich funktionieren.

Noch genauer: Das "Gen", das über die Produktion von Vasopressin-Rezeptoren (größeren) Altruismus, (größere) eheliche Treue, (größere) tänzerische Begabung und noch einiges mehr hervorrufen kann, ist nur eine kleine Sequenz im Steuerungsbereich dieses Vasopressin-Rezeptor-Gens, das ansonsten in sehr ähnlichen Versionen alle Wirbeltiere haben. Und das "Gen", das an der gleichen Stelle im Steuerungsbereich bei anderen Menschen eher Verhalten Richtung Autismus und Egoismus hervorruft, ist ebenfalls nur eine leicht andere Sequenz im Steuerungsbereich dieses Vasopressin-Rezeptor-Gens.


Da sollten wohl erst einmal die Genetiker zunächst eine differenziertere Terminologie vorschlagen. Vielleicht ist es richtig, künftig Ablese-Gensequenzen vor allem "Gene" zu nennen, weil wir von diesen ja vor allem lernen, daß sie uns genetisch unterschiedlich machen, und daß wir für jene konservativen, Protein-kodierenden, bisherigen "Gene" einen neuen Begriff wählen sollten. Oder man unterscheidet zunächst vorläufig Ablese-Gensequenzen von Protein-kodierenden Genen. (Ähnlich dazu auch Axel Meyer am 4.9.08 in seiner Kolumne im Handelsblatt ---> pdf.. und in anderen Beiträgen.)


ResearchBlogging.org



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Literatur:

  1. Rafael A Irizarry, Christine Ladd-Acosta, Bo Wen, Zhijin Wu, Carolina Montano, Patrick Onyango, Hengmi Cui, Kevin Gabo, Michael Rongione, Maree Webster, Hong Ji, James B Potash, Sarven Sabunciyan, Andrew P Feinberg (2009). The human colon cancer methylome shows similar hypo- and hypermethylation at conserved tissue-specific CpG island shores Nature Genetics, 41 (2), 178-186 DOI: 10.1038/ng.298
  2. Is CpG Density the Link between Epigenetic Aging and Lifespan? Bertucci, E. M., & Parrott, B. B. (2020). In: Trends in Genetics. Volume 36, Issue 10, October 2020, Pages 725-727, doi:10.1016/j.tig.2020.06.003, https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0168952520301323, https://www.researchgate.net/publication/342651494_Is_CpG_Density_the_Link_between_Epigenetic_Aging_and_Lifespan. 

Donnerstag, 31. Mai 2007

Charles Lindbergh ist souverän gestorben

Charles Lindbergh, der berühmte Erst-Überflieger des Atlantischen Ozeans, ist souverän gestorben. Eher durch Zufall ist man an eine Biographie über diesen Amerikaner geraten (1). Ein aufregendes Leben (1902 - 1974). Abbruch des Studiums, Kunst-, Post- und Militärflieger, schließlich die bis zu jenem Zeitpunkt in der Geschichte nie dagewesene Popularität eines einzelnen, ganz bescheidenen, jungen Menschen aufgrund der Atlantik-Überquerung im Jahr 1927.

Seine Ehe mit der Schriftstellerin Anne Morrow Lindbergh. Die Entführung und Ermordung ihres ersten Baby's. Die weiteren sechs Kinder. Das geradezu zwanghafte, ständige "Unterwegs-Sein" in der ganzen Welt. Die Kontakte zur Wissenschaft, zur Technik, zur Politik, auch zum nationalsozialistischen Deutschland. Schließlich der führende Kopf des Widerstandes gegen den Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg (1939 - 1941) ("America First"). Viele halten ihn für einen geeigneten Präsidentschafts-Kandidaten. Doch seine Niederlage in dieser Auseinandersetzung prägt das geschichtliche Urteil über ihn bis heute: "Defaitist, "Nazi", "Antisemit".

Schließlich aktiver Militärflieger im Krieg gegen Japan. Im Alter noch einmal zusammen mit seinen Kindern aktive Teilnahme an der Umweltschutzbewegung. Alle diese "Stationen meines Lebens" (so der deutsche Titel seiner Lebenserinnerungen) sind aufregend genug von einem in seiner Jugend äußerlich so schlacksig daher kommenden, jungenhaft wirkenden Amerikaner, der vom Typ her äußerlich zumeist sehr "easy-going" wirkt.

Aber was auch immer sonst an seinem Leben bestaunens- oder beklagenswert sein mag, sein Tod war außerordentlich souverän (1, S. 504-516). Am 24. Juli 1974 sagen die Ärzte dem krebskranken Lindbergh in einem Krankenhaus in New York, nachdem eine Chemotherapie nicht durchgeschlagen ist, dass sie ihm "keine Hoffnung auf Genesung" mehr machen können.
Sie wollten die Chemotherapie intensivieren, gaben ihm aber nur noch ein paar Wochen. Lindbergh, der den Tod noch weit von sich wies, stellte alle möglichen medizinischen Fragen. "Es ist als ob das Feuer der Krankheit in ihm wütet und ihn verschlingt," versicherte Anne (...) (seine Frau). "Er hatte immer ein feuriges Wesen, und so passt es irgendwie zu ihm."
Seine Kinder versammeln sich um ihn, kommen aus aller Welt angereist. Auch der jüngste Sohn, mit dem er bis dahin über viele Jahre hin in erbittertem Streit gelebt hatte. Lindbergh trifft letzte Absprachen über seine unveröffentlichten Lebenserinnerungen ("Autobiography of Values"). Er geht sein Testament noch einmal durch. Und er setzt überall zwischen die Namen seiner Kinder nun auch noch den Namen seines jüngsten Sohnes.

Zu Hause sterben
Ein wenig später erschreckte er alle Anwesenden mit einer unerwarteten Forderung. "Ich will heim", sagte er zu Anne, "nach Maui."
Er will nicht im Krankenhaus sterben, sondern auf Hawaii. Dies ist einer seiner letzten Wohn- und Lebensorte. Alle Ärzte raten ab. Alles wird immer wieder neu erwogen. Alles zögert. Schließlich wird der Hausarzt in Hawaii Dr. Milton Howell angerufen und Lindbergh erklärt ihm:
"Milton, ich habe hier elf Ärzte ... und sie sagen, sie können mir nicht mehr helfen. Ich habe noch acht bis zehn Tage, und ich will zum Sterben nach Hause. Lieber lebe ich noch zwei Tage in Maui als zwei Monate in diesem Krankenhaus in New York."
Obwohl alle die Köpfe schütteln, besorgt sind, ob er überhaupt noch den Flug überlebt, setzt er es durch.
Die Ärzte warfen dem Patienten vor, er wolle nichts mehr von der Medizin wissen. Lindbergh erwiderte, die Medizin habe getan, was sie tun konnte, das Problem sei nun nicht mehr medizinischer, sondern philosophischer Natur.
In erster Reaktion muss man als Leser geradezu schmunzeln darüber, was da in New Yorker Krankenhäusern im Jahr 1973 alles so "debattiert" worden ist. Auch bei vielem, was nun folgt. Aber es wird spürbar, dass hinter all dem mehr steckt. Es klingt schon in diesem schlichten Satz an, dass und wie ernst Charles Lindbergh über den Tod an sich dachte. Dass es Lindbergh ernst ist, wird auch an kleinen Details erkennbar:
Ein junger Arzt untersuchte Lindbergh flüchtig - nach der Landung in Honolulu - und sagte fröhlich, er werde im Handumdrehen wieder gesund sein. Obwohl der junge Mann es gut gemeint hatte, ärgerte sich Lindbergh über seine törichte Bemerkung und schimpfte ihn aus.
Zu Milton Howell sagte er schließlich zur Begrüßung:
"Ich weiß, dass ich sterben muss ... Ich weiß, dass ich nur noch wenig Zeit habe. Ich will nichts Unnötiges. Ich will keine großen Worte." Er bat Howell, ihm dabei zu helfen, seinen Tod "konstruktiv zu gestalten".
Lindbergh's ganze Familie ist schließlich in dem Landhaus über dem Meer auf Hawaii versammelt. Alles ist geheim. Denn sonst wäre die Ruhe vor der Weltpresse dahin.
Lindbergh begann diese Reise wie alle anderen mit Checklisten. Meist widmete er morgens, wenn er sich relativ stark fühlte, alle Kraft den letzten Vorbereitungen und gab genau an, wie er jeden Schritt seines Abschieds ausgeführt haben wollte. "Dermaßen detailliert," schrieb Jon (ein Sohn) in ein Tagebuch, "dass wir anderen alle entsetzt sind. Wie spricht man über solche Dinge mit jemandem, der einem so nahesteht, und der sterben muß. Es mag ganz vernünftig sein, aber man muß sich erst daran gewöhnen ... Er betrachtet den Tod als ein letztes Abenteuer und stürzt sich mit aller Kraft auf seine Vorbereitung."
"Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer ..."

Jede Einzelheit wird durchgegangen. Das Grab, dessen Ort er sich schon früher ausgesucht hatte, soll jetzt schon ausgehoben werden. Dies tun seine Söhne. Die Entwässerung des Grabes wird sachlich durchdiskutiert. Das Holz des Sarges - "sägerauh", "einheimisch", "zolldicke Bretter" - ohne alle Schnörkel. Lindbergh legt Wert auf die Auskleidung des Sarges mit "biologisch abbaubaren Materialien". Noch nicht einmal eine metallene Gürtelschnalle will er an der Hose haben. Alle Einzelheit des Grabsteines und seiner Inschrift werden festgelegt. Ein Psalm aus der Bibel soll darauf stehen:
"Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer ..."
(Die nicht eingemeißelte Fortsetzung dieser Zeilen lautet: "... so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.")
Als nächstes wandten sie ihre Aufmerksamkeit der Begräbniszeremonie zu. Lindbergh wollte vor der Beerdigung einen kurzen Gottesdienst, am Grab ein Gebet und ein geistliches Lied, und einen oder zwei Tage später einen nur wenig längeren Gedenkgottesdienst. Er verbat sich jegliche Lobreden. Statt dessen wollte er mehrere Textstellen der unterschiedlichsten Denker vorlesen lassen als sichtbares Zeichen seiner Überzeugung, dass keine Kultur oder Religion ein Monopol auf die Wahrheit habe. Anne legte ihm eine Reihe von Texten vor, aus denen er Jesajas, Bernhard von Clairvaux, Gandhi, Augustinus, die Mundaka-Upanischaden und ein Navajo-Gebet auswählte. Anne schlug ihrem Mann auch mehrere Lieder vor. Als sie ihm eins vor sang, das sie für geeignet hielt, schüttelte Charles den Kopf und sagte, das sei nicht gut. "Aber die Melodie ist von Bach", erwiderte Anne, "etwas Besseres gibt es nicht." - "Die Musik ist in Ordnung", erwiderte Charles, "aber die Worte sind kitschig." Anne überlegte, was sich da machen ließ, aber er löste das Problem: "Wir nehmen einfach hawaiische Lieder," sagte er, "da versteht keiner, was es heißt."
 Lindbergh bittet auch den Arzt, die Familie vor der Weltpresse zu vertreten:
"Dann hätte ich gern, dass sie ihre Fragen beantworten. Ich wünsche mir, dass dabei eine gewisse Würde bewahrt bleibt, was Sie gewiss gut können."
"Der Tod ist gleich hier, neben dir."
Stundenlang saß zumindest ein Familienmitglied bei Lindbergh, wenn er zwischen seinen Nickerchen oder am Abend seinen Erinnerungen nach hing - an seine Mutter, an "Brother", an die frühen Tage der Luftfahrt, an den Krieg. Auch "America First" war ihm noch gegenwärtig, und eines Tages sagte er zu Land (einem Sohn): "Lass nicht zu, dass deine Mutter mich großartig verteidigt." Jeden Abend musste man ihm berichten, wie weit sein Grab war. Eines abends fragte Anne Charles im Kreise der Söhne, ob er beschreiben wolle, wie er sich fühle, denn, so sagte sie, "du erlebst jetzt etwas, was wir alle einmal durchmachen müssen". Er antwortete, er habe bisher nicht erkannt, dass "der Tod ständig so nahe ist - er ist gleich hier, neben dir", und er fühle sich dabei völlig "entspannt". "Für euch, die ihr zuschaut, ist es schwerer als für mich", fügte er hinzu.
Am 25. August war das Grab fertig. Als Lindbergh am Abend ein Ventil für seine bereitliegende Sauerstoffmaske verstellen wollte,
damit er mehr Luft bekam, fiel sein Arm herab und er versank ins Koma. Anne, Land und eine Krankenschwester blieben die ganze Nacht hindurch bei ihm, und seine Frau hielt seine Hand. Am nächsten Morgen, Montag, den 26. August, schien Lindbergh friedlich da zu liegen. Nach einem zeitigen Frühstück gingen Anne und Land ins Schlafzimmer; da atmete er kaum noch. (...) Mehr als zehn Minuten saßen sie da, und es wurde immer stiller im Zimmer. "Und dann", erinnerte sich Land, "ging er einfach."
Stillschweigend verließen alle den Raum und ließen Anne mit Charles allein. Sie küsste ihn ein letztes Mal. Gern wäre sie noch länger mit ihm allein geblieben. - - - Seine Lebenserinnerungen "Stationen meines Lebens" erschienen 1978. Sie endeten mit den Worten:
"Nach meinem Tod kehren die Moleküle, aus denen ich bestanden habe, zur Erde und zum Himmel zurück. Sie kamen von den Sternen. Ich stamme von den Sternen."
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  1. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999

Samstag, 21. April 2007

Eine Frau schreibt über die Evolution menschlicher Religiosität

Ich habe auf Studium generale englisch gerade einen Beitrag über das neue Buch der Primatologin Barbara J. King "Evolving god" (Amazon) eingestellt. Spannend ist, daß es das erste von einer Frau geschriebene Buch über die Evolution menschlicher Religiosität zu sein scheint. Mir ist jedenfalls kein weiteres von einer Frau bekannt, während ja doch die Literatur zu dem Thema derzeit kräftig anschwillt. Aber: alles männliche Autoren! Und dies ist doch deshalb so merkwürdig, weil wir von verschiedendsten Untersuchungen her doch inzwischen viel zu genau wissen, daß Frauen in der Regel "religiöser" sind, mehr religiöse Verbundenheiten aufweisen als Männer, daß Religion eine "Gretchenfrage" ist und nicht vornehmlich eine Frage des Grüblers "Faust".

Und so hat die erste weibliche Autorin und Forscherin auch gleich einen ganz anderen Ansatz und Zugang als die bisherigen männlichen Denker. Er lautet "belonging", das heißt, sich zugehörig fühlen, sich verbunden fühlen mit nahestehenden Mitmenschen. Wäre auf eine solche Eigenschaft als die Grundlage aller Religiosität jemals irgend ein Mann gekommen? Und gibt es Naheliegenderes? Hat nicht schon Platon die Liebe als den direktesten Zugang zu - und nächsten Verwandten von - Metaphysik angesehen? Ist nicht große Liebe nur eine andere Form von Religions-Ausübung? So wie der Gläubige sagt: "Kein Heil außerhalb der Kirche." So sagt der Liebende: "Kein Heil in einem Leben ohne sie/ohne ihn."

Und geht eine Liebe doch zu Ende, ist dies oft der erste Zeitpunkt im Leben, wo sich die große Frage nach Gott stellt, nach dem Sinn des Lebens. Aber auch Glück kann einen so stark und ernst machen, daß man über das persönliche Glück hinausfragt - nach Gott. Barbara King jedenfalls scheint genau diese Intuition gehabt zu haben.

"Biological anthropologist King contends that religion, conceived as a system not of beliefs but of actions, not as theology but as worship, is a consequence of primate evolution. It proceeds, she posits, from the sense of group membership that highly developed mammals, especially the great apes, demonstrate in many ways but most saliently for religion when they show concern for a group member that has died." (Amazon)

"King draws upon cutting-edge research in primatology to demonstrate that once animals are capable of emotional attachments and cognitive empathy, they are ready for—and even appear to require—certain intangibles like a belief in something greater than themselves." "It's true that the book requires some enormous argumentative leaps; it's a long stretch from demonstrating that contemporary primates have emotional attachments to claiming that they are then capable of creating religions, as King maintains human beings once did. But even readers who close the book unconvinced will be impressed by King's fresh insights and her lucid writing, which is a jargon-free, story-filled model." (Amazon)

... The origins of the religious impulse. King finds this in what she calls belongingness, "mattering to someone who matters to you," a trait found in contemporary humans but also in our human and non-human primate ancestors. (Amazon, Customer Reviews)

'Evolving God' has the added merit of pushing beyond the Abrahamic "big three," including a handy account of religious archaeology. King's touchstone is "belongingness," the idea that "hominids turned to the sacred realm because they evolved to relate in deeply emotional ways with their social partners, ... and because the human brain evolved to allow an extension of this belongingness beyond the here and now." David Barash (The Chronicle of Higher Education ) Barbara King says (according to Barash): "At bedrock is the belief that one may be seen, heard, protected, harmed, loved, frightened, or soothed by interaction with God, gods, or spirits."

Donnerstag, 5. April 2007

Macht die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit konservativ?

"Die Angst vor der letzten Stunde begleitet den Menschen seit jeher und sie ist heute so ausgeprägt wie früher. Das belegen zahlreiche wissenschaftliche Experimente von Psychologen."

Es ist schon erstaunlich, was in der Wissenschaft heute alles erforscht wird. Von solchen Forschungen hatte ich zuvor noch nie gehört. (Berliner Zeitung)

"Die Forschung stützt sich auf eine Idee, die der Anthropologe Ernest Becker 1973 in seinem mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten Buch "Dynamik des Todes" vorstellte: Um der unbewussten Angst vor dem unausweichlichen Tod zu entrinnen, erschaffen Menschen Kulturen und Religionen. Dadurch geben sie dem ins Nichts führenden Leben doch noch einen Sinn. Psychologische Experimente zeigen: Wenn Menschen an den Tod erinnert werden, klammern sie sich besonders fest an diese Wertsysteme. Beispielsweise lehnen sie Außenseiter dann verstärkt ab.

Auch Juristen sind nicht vor diesem Mechanismus gefeit, wie eine US-amerikanische Studie zeigte. Abram Rosenblatt von der University of Arizona präsentierte Richtern den fiktiven Fall einer Frau, die angeblich illegal der Prostitution nachging, und bat die Juristen, eine Kaution festzulegen. Die Hälfte der Richter erinnerte der Psychologe zuvor subtil an den wartenden Tod: Die Teilnehmer sollten, versteckt zwischen vielen anderen Aufgaben, Fragen zum Thema Tod beantworten - etwa welche Gefühle der Gedanke an den Tod in ihnen weckte. Diejenigen Richter, die sich nicht mit dem Thema Tod beschäftigt hatten, entschieden sich für eine Kaution in Höhe von 50 Dollar. Die Gruppe, die zuvor an ihre Sterblichkeit erinnert worden waren, verlangte hingegen durchschnittlich 455 Dollar.

Weitere Versuche dieser Art bestätigten, dass Juroren, nachdem sie an den Tod erinnert wurden, die eigene Moral hochhalten. Strafen für medizinische Kunstfehler und Überfälle beispielsweise fielen dann höher aus. Doch es gibt Ausnahmen: Ein Täter, der einen Teilnehmer an einer Schwulendemonstration attackiert hat, würde milder bestraft werden. Die Todesgedanken führten offenbar dazu, dass den Urteilenden konservative Werte besonders wichtig wurden und die liberale Einstellung gegenüber Homosexuellen schwand. Probanden, die nicht ans Sterben erinnert wurden, wählten dagegen besonders harte Strafen für Verbrechen an Homosexuellen.

Todesgedanken beeinflussen sogar Wahlen und womöglich verdankt der derzeit mächtigste Mann der Welt ihnen sein Amt. Kurz vor der letzten US-amerikanischen Präsidentschaftswahl im Jahr 2004 fragte ein Team um Florette Cohen von der Rutgers University in New Jersey Studenten, für wen sie stimmen würden. Der traditionell liberale akademische Nachwuchs entschied sich überwiegend für den Demokraten John Kerry. Doch als die Studenten zunächst die Gefühle aufschreiben sollten, die der Gedanke an den eigenen Tod in ihnen weckte, halbierte sich die Zustimmung für Kerry. Dagegen vervierfachte sich die für George Bush, der sich als Kämpfer gegen den Terrorismus präsentierte. ..."

Im weiteren präsentiert der Artikel dann auch noch einige Studien, bei denen die Ergebnisse und ihre Interpretationen nicht so einfach waren wie in den bis hier vorgestellten. Aber in jedem Fall: Die Erinnerung an die eigene Sterblichkeit beeinflußt Haltungen und innere Einstellungen gegenüber vielen Fragen des Lebens zum Teil offenbar sehr entschieden. Da gibt es wohl noch vieles herauszubekommen.

Ich sagte schon in einem früheren Beitrag, daß bei polynesischen Stämmen Tänze zur Erinnerung an die Toten gerade auf der Höhepunkt der fröhlichsten Ausgelassenheit getanzt werden. Das dient offenbar dazu, eine "innere Balance" in der gesellschaftlichen Moral herzustellen.
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