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Sonntag, 15. Februar 2026

10.000 Jahre Buschleute im südlichen Afrika

Inzwischen sind über 30 südafrikanische Genome aus der langen Zeitspanne zwischen 10.000 Jahren vor heute bis 600 n. Ztr. bekannt.

Abb. 1: San-Gruppe aus dem südlichen Afrika, 2011, fotografiert von Aino Tuomine (Wiki)*)

Auch in einer neuen archäogenetischen Studie wird durch diese einmal erneut die große genetische und kulturelle Kontinuität der Herkunftsgruppe der südafrikanischen Buschleute deutlich (1):

Alle vorgeschichtlichen südlichen Afrikaner, deren Alter auf mehr als 1.400 cal.  vor heute datiert wurde, weisen eine genetische Ausstattung auf, die außerhalb der genetischen Variationsbreite heutiger Menschen liegt (einschließlich der südafrikanischen Khoe-San, obwohl einige bis zu 80 % ihrer Abstammung aus dem vorgeschichtlichen südlichen Afrika aufweisen). (...) Die vorgeschichtlichen südafrikanischen Individuen zeigen über 9.000 Jahre hinweg nur eine geringe räumlich-zeitliche Gliederung, was mit einer großen, stabilen Holozän-Population übereinstimmt, die archäologische Phasen überdauert. Während das südliche Afrika lange Zeit als geografisches Refugium diente, gab es vor über 8.000 Jahren einen Genfluß nach außen; ein Genfluß nach innen manifestiert sich jedoch erst nach etwa 1.400 Jahren.

Mit letzterem ist der Genfluß zuwandernder ostafrikanischer Stämme ab 600 n. Ztr. gemeint, später westafrikanischer Stämme. Wir lesen dementsprechend weiter (1):

Die meisten der untersuchten vorgeschichtlichen Südafrikaner (25 von 28) trugen Haplotypen der mitochondrialen Haplogruppe L0d (...), die auch bei heutigen Khoisan verbreitet ist (...). Die älteste Person (Matjes River 6) und vier weitere Personen (Great Brak River Cave, Cape St. Francis und zwei aus der Ballito Bay 4 ) trugen ein Y-Chromosom mit der Haplogruppe A1b1b2a, die ebenfalls häufig bei heutigen Khoisan vorkommt.

Nach 600 n. Ztr. kam es zur Einmischung von zunächst ostafrikanischer, später westafrikanischer Herkunft, so daß die Buschleute bis heute höchstens 80 % ihrer ursprünglichen Herkunft behalten haben.

Insgesamt haben wir in Südafrika also vorliegend ähnlich lange andauernde genetische und kulturelle Kontinuität wie in den Herkunftsgruppen anderer Weltteile, etwa den zeitgleichen westeuropäischen oder den osteuropäischen Jägern und Sammlern. Und ähnlich wie in anderen Weltteilen ist diese genetische und kulturelle  Kontinuität erst mit dem Aufkommen von Ackerbau und Viehzucht mit Veränderungen konfrontiert. 

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*) Auf der überwiegenden Mehrheit der Fotos sitzen die Buschleute auf dem Boden mit angewinkelten Knien. Auf dem Boden sitzen ist sehr gut für die Gesundheit. Allerdings fragt man sich, ob die angewinkelten Kniee nicht auch zu Knieproblemen führen. 

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  1. Jakobsson, M., Bernhardsson, C., McKenna, J. et al. Homo sapiens-specific evolution unveiled by ancient southern African genomes. Nature 650, 156–163 (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09811-4, Published 03 December 2025 (Nature2025)

Freitag, 8. September 2023

Erste Archäogenetik zum 19. Jahrhundert

Hilfe für Afroamerikaner bei Fragen nach ihrer Herkunft und Geschichte

"Bei Straßenbauarbeiten wurden Gräber eines alten Friedhofs entdeckt. Aus den gefundenen Knochen konnte genetisches Material gewonnen werden. Dieses konnte sequenziert werden. Dabei stellte sich heraus, daß sich unter den gefundenen Knochen diejenigen ihres Urururgroßvaters befanden."

So geschehen jüngst in Maryland USA.

Dort kümmert sich ein historischer Verein um die Geschichte eines Hochofens, in dem Eisen verarbeitet wurde, und zwar in Catoctin Furnace in Maryland im Osten der USA (Wiki, CatoctinFurnace). An diesem Hochofen arbeiteten in den ersten Jahrzehnten auch viele Menschen afrikanischer Abstammung als Sklaven. Sie wurden auf einem naheliegenden Friedhof zwischen 1774 und 1850 bestattet. 

Abb. 1: Eine Gruppe senegalesischer Musiker aus dem Stamm der Wolof in der Nähe der Stadt Mbour (Kora + Gongoba) (Fotograf: Jean-Claude Perez) (Wiki)

1979/80 sind die Knochen dieser Menschen während eines Straßenbaus ausgegraben und wissenschaftlich untersucht worden. 2023 werden ihre Gendaten, gewonnen im Labor von David Reich und Mitarbeitern publiziert (1).

Womöglich handelt es sich dabei um die ersten umfangreicheren archäogenetischen Forschung an Skeletten aus dem 19. Jahrhundert.

Ein Vergleich mit der Gen-Datenbank von 23andme zeigt, daß die nächsten Verwandten der damals bestatteten Menschen - darunter hunderte direkter Nachkommen - noch heute vor allem in Maryland in den USA leben (1). 

Ihre Vorfahren stammten wahrscheinlich aus dem Stamm der Wolof (Wiki) im Kongo, bzw. im heutigen Senegal und im heutigen Gambia. Interessanterweise gab es in diesem Stamm schon Sklavenhaltung bevor der Sklavenhandel über den Atlantik hinweg einsetzte.

Abb. 2: Eine Familie auf der Smith's Plantage, Beaufort, South Carolina, circa 1862

Es wird berichtet, daß es heute einen große "Durst" auf Seiten afrikanischstämmiger Menschen in den USA gibt, mehr über ihre Wurzeln und ihre Herkunft zu erfahren. Denn ihre familiäre Überlieferung reicht selten weiter als über ihre Großeltern-Generation hinweg zurück (npsgov2003):

Einer der wenigen Hinweise auf die Sklaverei am Catoctin-Hochofen stammt von einem reisenden mährischen Geistlichen, dem Bruder John Frederick Schlegel, der 1799 im Rahmen seines Dienstes in der Gegend des Hochofens kam. In Catoctin traf er James Johnson, den damaligen Besitzer des Hochofens, und Johnsons Familie. Anschließend traf er sich mit den dort arbeitenden Sklaven. „[Eine] kleine Gruppe von ihnen versammelte sich oben an der Ofenöffnung um mich“, notierte er in seinem Tagebuch, und „sie weinten sehr, weil sie sowohl unter der Woche als auch am Sonntag so hart am Ofen arbeiten mußten. Sie waren daher selten in der Lage, das Wort Gottes zu hören.“ Der Missionar brachte seine Sorge um die Sklaven zum Ausdruck, „deren innere und äußere Lage beunruhigt ist“.

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  1. Harney É, Micheletti S, Bruwelheide KS, Freyman WA, Bryc K, Akbari A, Jewett E, Comer E, Gates HL, Heywood L, Thornton J, Curry R, Esselmann SA, Barca KG, Sedig J, Sirak K, Olalde I, Adamski N, Bernardos R, Broomandkhoshbacht N, Ferry M, Qiu L, Stewardson K, Workman JN, Zalzala F, Mallick S, Micco A, Mah M, Zhang Z, 23andMe Research Team, Rohland N, Mountain JL, Owsley DW, Reich D (2023) The Genetic Legacy of African Americans from Catoctin Furnace. Science 381:1-13, 4 Aug 2023, Vol 381, Issue 6657, DOI: 10.1126/science.ade499 (Science 4.8.2023)
  2. Curry, Andrew: (Science 3.8.2023)
  3. Jackson, Fatimah L.: Community-initiated genomics. Ancient DNA is used to connect enslaved African Americans to modern descendants. (Science 3.8.2023) Vol 381, Issue 6657, pp. 482-483

Montag, 24. Mai 2021

Nofretete - "Schön sind die Schönheiten der Sonne"

Ein gotterfülltes Ehepaar regierte Ägypten um 1345 v. Ztr.
Die Frage, ob Nofretete eine indogermanische Prinzessin war, ist dafür zweitrangig ...
Aber ihr Leben und ihre Zeit waren in jedem Fall unglaublich faszinierend

Harald Haarmann bezeichnete Nofretete in einem recht sehenswerten Interview über die Geschichte der Indogermanen vor fünf Jahren als eine mitannische - und damit ihrer Herkunft nach indogermanische - Prinzessin (1; Minute 27:30). Die Feststellung überrascht nicht nur den Interviewer.*) Auf Wikipedia wird diese Vermutung derzeit eher verneint. Dennoch erhält man durch diesen überraschenden Hinweis Anregung, sich einmal - - - mit Nofretete zu beschäftigen. 

Alles, was Massenpublikum anzieht, versucht man ja zu vermeiden. Deshalb haben wir uns selbst noch nie mit Nofretete beschäftigt. Aber: Was für ein Mißstand. Was für ein Skandal. Sich nicht mit Nofretete zu beschäftigen. 

Und das nur, weil sie Publikumsmagnet ist. So kann man die Dinge nicht angehen. Das ist nicht der richtige Weg.

Abb. 1: Nofretete (Neues Museum, Berlin) (Wiki)

Und auf was für ein hinreißendes Leben stößt man hier. 

Auf was für eine hinreißende Zeit.

Nofretete war mit Echnaton (Amenophis IV.) (Wiki) verheiratet. Seine Regierungszeit lag grob zwischen den Jahren 1351 und 1321 v. Ztr.. Das ist die Zeit als es Großreiche nicht nur im Mittelmeer-Raum, sondern auch in Mitteleuropa und Skandinavien gab (2). Es ist das Heldenzeitalter von Mykene und Troja, das Heldenzeitalter der Hethiter und der Mitanni.

Und ebenso hinreißend und von Gott erfüllt scheint sich das Leben im damaligen Ägypten gestaltet zu haben. Auf Wikipedia ist über Echnaton das folgende sehr Erstaunliche verzeichnet (Wiki):

Schon sein Vater Amenophis III. hatte den Sonnengott Aton stärker verehrt, zumal innere Kontakte zum Königreich Mitanni (und zum Hethiterreich) bestanden, wo ebenfalls die Sonne die Hauptgottheit darstellte. Sein Sohn und Nachfolger ging jedoch noch einen Schritt weiter: Er baute in seinem 6. Regierungsjahr eine neue Stadt als Hauptkultzentrum des Aton, die er auch zu seinem Regierungssitz machte. Im selben Regierungsjahr ließ Echnaton auch im Bereich des Karnak-Tempels östlich des Amun-Bezirkes ein Aton-Heiligtum erbauen.

Die Sonne zur Hauptgottheit in Ägypten zu erklären, ging also tatsächlich auf den indogermanischen Einfluß der Hethiter und der Mitanni zurück. Da braucht es nicht mehr so besonders fernliegend erscheinen, der These von Haarmann zu folgen, daß Nofretete mit ihrer Schwester zum Harem des Vaters von Echnaton gehörte und von Echnaton selbst zur Hauptfrau auserkoren wurde. 

Ein gotterfülltes Ehepaar regiert Ägypten

Aber noch erstaunlicher ist, wie reif, wie weise sich damals die Kultur gestaltete. Diese Reife und - sozusagen - "Modernität" des Geistes der damaligen Zeit findet sich auch in den Bildwerken wieder, die damals geschaffen wurden, und die die Menschen bis heute begeistern. Nofretete wird beispielsweise in der "Standfigur der Nofretete" (Abb. 1-3; weitere Abbildungen: 3-5) außerordentlich realistisch dargestellt. Dieses Bildwerk wurde noch zu ihren Lebzeiten um etwa 1345 v. Ztr. (Wiki) geschaffen wurde und es wurde offenbar nach dem Leben geschaffen. Ihr körperlicher Verfall nach der Geburt mehrerer Töchter wird nicht vertuscht und nicht beschönigt. Man darf sich gerne fragen, ob das geschieht, obwohl oder weil sie das Schönheitsideal ihrer Zeit darstellte. 

Diese Reife und "Modernität" zeigt sich aber auch noch in vielen anderen Aspekten ihrer Regierungszeit. Das Paar hatte insgesamt sechs Töchter (Wiki):

Nofretete und Echnaton waren das erste Königspaar, das sein Privatleben in der Öffentlichkeit abbilden ließ, wovon zahlreiche intime Familienszenen mit den Töchtern zeugen. Die gesamte Königsfamilie wird auf diesen Darstellungen stets durch die Strahlen der Sonnenscheibe des Aton beschützt.

Privatleben und öffentliches Leben gingen ineinander über. Keine Pharaonin in Ägypten hatte bis dahin eine so herausgehobene Stellung inne gehabt wie Nofretete. Es kann das ja nur darauf zurück zu führen sein, daß sie von ihrem Ehemann in außerordentlichem Maße verehrt worden ist (Wiki):

Die berühmte blaue Krone auf der Büste ist die eigens für Nofretete entwickelte Hohe Krone und bildet ein Gegenstück zum Chepresch ab, einen Kriegshelm. Normalerweise vom König allein ausgeführte symbolische oder rituelle Handlungen wurden nun auch von der Königin vollzogen. So wurde sie mehrfach in pharaotypischen Szenen, wie Kriegsführung oder dem Niederschlagen der Feinde, dargestellt. Auch wird sie auf dem Streitwagen gezeigt oder bei der Verleihung des Ehrengoldes mit einbezogen, die sonst nur vom König allein durchgeführt wird.

Es dürfte sehr viel Hochachtung vor der Frau dazu gehören, daß solches geschah. 

Abb. 2: Nofretete (Neues Museum, Berlin) (Wiki)

 Wir lesen (Wiki):

Als "Große königliche Gemahlin" nahm Nofretete in der Geschichte des Alten Ägyptens eine Sonderrolle ein. Deshalb sind von ihr auch diverse rund- und flachplastische Darstellungen erhalten.

Die hier vorgestellte Standfigur ist in der Bildhauer-Werkstatt selbst gefunden worden und stellte offenbar nur einen unvollendeten Vorentwurf dar.

Abb. 3: Nofretete (Neues Museum, Berlin) (Wiki)

Ob Nofretete nun indogermanischer Herkunft war oder nicht - sich mit den vielfältigen Aspekten der Regierungszeit ihrer selbst und ihres Gemahles zu beschäftigen - mit der Religion, der Kunst und der Kultur ihrer Zeit - sollte sich als außerordentlich lohnend erweisen. Von hier aus erhält man sicherlich auch einen guten Zugang zur alt-ägyptischen Geschichte und Kultur sonst.

Spannend ist zum Beispiel auch, daß Nofretete sich nach dem Tod ihres Ehemannes von dem sie angreifenden Hethiterkönig einen Sohn als Gemahl ausbat, um Frieden zu schließen (Wiki). Nach den hethitischen Berichten im Tontafel-Archiv der Königsstadt Hattusa hatte sie geschrieben:

"Mein Gatte ist gestorben. Einen eigenen Sohn aber habe ich nicht. Von Dir aber sagt man, daß Du viele Söhne besitzt. Wenn Du mir einen Sohn von Dir gibst, soll er mein Gatte werden. Niemals aber werde ich einen meiner Diener nehmen und ihn zu meinem Gatten machen. Eine (solche) Befleckung fürchte ich!"

Den hethitischen König machte ein solches Angebot mißtrauisch. Er vermutete dahinter einen Täuschungsversuch. Was er ihr auch schrieb. Aber die Pharaonenwitwe von Ägpyten schrieb ihm ein zweites mal in dem genannten Sinne. 

Schließlich wurde ihr auch ein Sohn geschickt. Dieser aber verstarb - aus unbekannten Gründen. Der hethitische König vermutete hinter seinem Tod einen Mordanschlag und begann einen Rachefeldzug. Bei diesem kam er jedcoh - durch die Pest - ums Leben.

- - - Leg dich niemals mit den Schönheiten der Sonne an. Niemals. Diese Schönheiten besiegen alles. So lautet die Moral von dieser Geschichte.

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*) Harald Haarmann ist ein wichtiger deutschsprachiger Autor, um sich dem heutigen Forschungsstand zur Geschichte der Indogermanen und der von ihnen unterworfenen alteuropäischen Bauernkulturen anzunähern. Er beherrscht die russische Sprache und kann sich darum leichter zu diesem Forschungsstand einen umfassenderen Überblick verschaffen als alle, die diese Sprache nicht beherrschen. Man erhält durch ihn viele Anregungen. Dennoch muß man viele seiner Thesen noch einmal für sich selbst überprüfen, denn manches wird von ihm auch eigenwillig interpretiert. - Seine Ausführungen über Genetik im Jahr 2016 (47:39-52:07) waren schon damals - 2016 - nicht mehr ganz aktuell und sind heute vollständig über den Haufen geworfen. Das muß man also übergehen.

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  1. Haarmann, Harald: Indoeuropäer. Interviewt von Jonas Hopf, Auf Zeitreise mit Jonas Hopf 19.04.2016, https://youtu.be/3nVXEbctrzM
  2. Bading, Ingo: Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, Oktober 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/volker-und-groreiche-in-bewegung-europa.html
  3. Standfigur der Nofretete, aufgenommen 2011, https://www.flickr.com/photos/hen-magonza/6163543688
  4. Standfigur der Nofretete, https://twitter.com/OsamaSMAmin/status/1157372832399155200/photo/1
  5. Standfigur der Nofretete, https://blog.smb.museum/ludwig-borchardt-der-bauforscher-unter-den-aegyptologen/

Donnerstag, 25. März 2021

Die Somalier - Sie kamen um 800 n. Ztr. nach Südafrika

Sie kamen früher dort an als die Bantu-Völker 

Aus dem Haar eines Mannes, der vor 200 Jahren an der Südküste Afrikas lebte, sind Gene gewonnen und sequenziert worden. Sie weisen zu einem Drittel ostafrikanische genetische Herkunft auf (Abb. 1: Hellblau), zu zwei Dritteln San-Buschleute-Herkunft (Abb. 1: Braun). Der Mann wird als der "Vaalkrans-Mann"bezeichnet (1).

Abb. 1: Herkunftskomponenten in südafrikanischen und ostafrikanischen Völkern heute (links) und bis vor 2000 Jahren (rechts) - Braun=San-Buschleute-Komponente, Hellblau=Somali-Herkunftsomponente, Grün=Bantu-Herkunftskomponente, Lila=Kung-Buschleute-Herkunftskomponente (nordwestliche Buschleute)

Eine etwas größere, solche ostafrikanische Herkunftskomponente war auch schon bei dem sogenannten "Kasteelberg-Mann" gefunden worden, der um 800 n. Ztr. an der Südwestküste von Südafrika als Herden-Halter lebte (1) (Abb. 1). Im heutigen Südafrika findet sich diese Herkunftskomponente zu kleineren Anteilen immer noch bei dem Volk der Nama und einigen anderen (Abb. 1).

Diese ostafrikanische Herkunftskomponente hat sich bis heute bei den Somaliern (Wiki) in Somalia am unvermischtesten gehalten (Abb. 1). Die Somali sind auch heute noch Herdenhalter und halten Kamele, Ziegen, Schafe und Rinder. Mit dieser ostafrikanischen Herkunftskomponente ist auch die Fähigkeit verbunden, als Erwachsener rohe Milch verdauen zu können.

Die Kung!-Buschleute (Wiki), bzw. Juǀʼhoan (Wiki) leben im nordwestlichen Südafrika (Lila in Abb. 1). Zu einigen ihrer Stämme gelangte die ostafrikanische Herkunftskomponente bis heute so gut wie nicht. Ihre Herkunfts-Komponente (Lila) wird in Abbildung 1 durch die Farbgebung sehr deutlich von der der San-Buschleute-Herkunftskomponente unterschieden. Beide Gruppen weisen aber - im Vergleich zu den anderen Herkunftskomponenten - genetisch doch weitaus mehr Übereinstimmung auf als in dieser Grafik zur Darstellung kommt. Ebenso gibt es kulturell viele Ähnlichkeiten.

Insgesamt gesehen, kann gesagt werden: Bislang dachte man, wenn man an "Schwarz-Afrika" dachte, fast immer nur an die große Völkergruppe der Bantu-Völker, ihre Entstehung und ihre Ausbreitung. Es scheint aber doch Sinn zu machen, an die große ostafrikanische Völkergruppe der Somali ganz ebenso zu denken.

[Ergänzung, 16.6.21] Ergänzt sei, daß in der Einleitung der hier behandelten Studie sehr ausführlich darauf hingewiesen wird, daß eine solche Vermischung vor 1200 bis 2000 Jahren in der Forschung schon seit längerem vermutet wird (1):

Die Khoekhoe-Hirten gehen wahrscheinlich zurück auf eine Vermischung von San-Gruppen mit zuwandernden Hirten aus Ostafrika in einer Zeit zwischen 2000 und 1200 vor heute (Breton et al., 2014; Macholdt et al., 2014; Schlebusch et al., 2017).
The Khoekhoe herders likely emerged from San groups mixing between 2,000 and 1,200 years ago with incoming migrant herders from East African (Breton et al., 2014; Macholdt et al., 2014; Schlebusch et al., 2017).

Aspekte der früheren "Hamiten-Theorie" bestätigt?

[Ergänzung, 16.6.21] Zu diesem Blogartikel bekamen wir von kundiger Seite - nämlich von dem Volkskundler Christian Böttger (geb. 1954) (WirS.) - Zuschriften (29.3.2021 und 26.4.2021). Mit Verweis auf sein neues Buch (2, S. 103f) schrieb er:

Dort können Sie sofort erkennen, welche Bedeutung diese Informationen haben. Leider wird ein reiner Laie diese Informationen schlecht einordnen können, da er die ganzen Wissenschaftstheorien zu den Khoisanvölkern nicht kennt. (...) Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jh. vermutete man, was jetzt bewiesen erscheint; die Hottentotten (siehe Nama) sind Mischlinge aus Buschleuten und Hamiten. Adametz und die sog. Hamiten-Theorie können damit als zumindest teilweise bestätigt gelten. Die Somalier sind nämlich Hamiten - das muß man wissen, um die ganze Sache zu verstehen. Daß sie aber so spät nach Südafrika kamen, kommt mir spanisch vor. Dann muß die Ethnogenese der Khoi erst zu diesem Zeitpunkt erfolgt sein.

Und:

Ich stehe allerdings immer noch unter Schock Ihrer Mail vom 28. März (Die Somalier in Südafrika). Das ist eine echte Sensation. Die gesamte Ur- und Frühgeschichte Südafrikas muß jetzt neu geschrieben werden. Um Ihnen zu verdeutlichen, was ich meine, habe ich Ihnen mal eine Schrift herausgesucht, in welcher Peter Rohrbacher vom Institut für Sozialanthropologie der Österr. Akademie der Wissenschaften noch 2017 versucht, den Einfluß von Somalis auf die Ethnogenese der Khoikhoi (Hottentotten) zu leugnen. 

Hier unter (3).

Es ist also wieder einmal von „Fiktion“ die Rede, eine Fiktion, die jetzt in einem ganz anderen Licht erscheint. Dort lesen wir auf Seite 258 etwas über „Hamitische Hottentotten als Fiktion von Interdisziplinarität“, was ganz klar eine Ablehnung des somalischen Einflusses auf die Herausbildung der Khoi beedeutet. (Die Somalier zählen als Kuschiten zu den Hamiten). Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften kommen wieder einmal zu unterschiedlichen Ergebnissen und sind unfähig, sich abzustimmen. Die neuen genetische Erkenntnisse bezüglich der Khoi stellen also eine echte Sensation dar, denn sie bestätigen in großen Teilen das, was vor über 100 Jahren in der Ethnologie schon einmal als Lehrmeinung galt, aber nach 1945 bis zum heutigen Tag mit den Mitteln der Dekonstruktion und Ideologiekritik hartnäckig bestritten worden ist. (...) Inzwischen habe ich herausgefunden, daß die Einwanderung der Somalis vor etwa 2000 Jahren begonnen haben soll.

Es erfolgt Verweis auf (4). - Zumindest nach Wikipedia (Wiki) scheinen die Vorstellungen rund um eine "Hamiten-Theorie" auch noch in der Wissenschaft der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vergleichsweise wechselhaft und unzusammenhängend gewesen sein. Man möchte also auf den ersten Blick am ehesten sagen, daß die neuen Forschungen ganz grob "Aspekte" bestätigen, die im Zusammenhang mit früheren Hamiten-Theorien eine Rolle spielten.

Es dürfte doch zum Beispiel wesentlich sein festzustellen, daß die Ureinwohner Südafrikas nicht etwa deshalb helle Haut hätten, weil sie sich mit "Hamiten", bzw. Somaliern vermischt haben. Denn unvermischte südafrikanische Ureinwohner weisen ja auch helle Haut auf. Ihre Sprachen werden auch weiterhin an der untersten Verzweigung des menschlichen Sprachstammbaums stehen. Aber es wird gefragt werden müssen, was an diesen Sprachen auf Einflüsse der Somalier zurück geführt werden könnte.

[16.6.21] Der letzte Hinweis im gebrachten Zitat wird erhärtet durch eine neue Studie, nach der es schon vor 2000 Jahren domestizierte Schafe in Südafrika gegeben hat (5).

Einige Anmerkungen zu dem neuen Buch des Volkskundlers Christian Böttger

[16.6.2021] Wenn man sich mit den Anliegen des oben angeführten Buches von Christian Böttger beschäftigt, lernt man sehr viel Neues über das heutige Südafrika. Es handelt von aktuellen Ethnogenese-Prozesse in Südafrika und nimmt seinen Ausgangspunkt bei einem Lied des südafrikanischen Liedermachers Bok van Blerk mit dem Titel “Sing Afrikaner Sing”. Böttger sagt (6):

In diesem neuen Lied wurde der Begriff „Afrikaner“ erstmalig in einer Form präsentiert, wie man das im Land am Hoffnungskap so noch nicht erleben konnte. Der Begriff „Afrikaner“ war eigentlich immer eine Selbstbezeichnung der Buren, wird aber in diesem Video wesentlich umfassender verstanden. Alle knapp 7 Millionen Menschen Südafrikas, die Afrikaans zur Muttersprache haben und die die Mehrheit in den Provinzen Westkap und Nordkap ausmachen, werden mit diesem Lied angesprochen. Die Mehrheit jener Menschen, die Afrikaans als Muttersprache haben, sind aber gar nicht weiß, denn Afrikaans ist nicht einfach die Sprache der Buren, wie man es sooft hört. Die Mehrheit der Afrikaanssprachigen sind heute die Bruinmense, was auf Afrikaans braune Menschen bedeutet und ganz verschiedene Volksgruppen umfaßt. Dieser Terminus beginnt sich gegenüber dem Begriff „Coloured People“ als Selbstbezeichnung der afrikaansen Farbigen immer mehr durchzusetzen. (...) Diese (...) Nationsbildung beruht auch nicht auf einer gemeinsamen einheitlichen Abstammung (...). Um den Prozeßcharakter der Nationsbildung deutlich zu machen, mußte ein anderer Begriff für die Afrikaanssprecher gefunden werden. Im Buch wird von mir dazu der Begriff „Superethnos“ zur Diskussion gestellt. (...)
Die 400-mm-Niederschlagsgrenze, die im vorkolonialen Südafrika auch die Grenze zwischen Bantu- und Khoisanvölkern gezogen hat, hat Südafrika in eine südwestliche und eine nordöstliche Landeshälfte geteilt. Während die alteingesessenen Stämme der Khoi (Hottentotten) in der südwestlichen Landeshälfte lediglich Viehzucht betrieben, pflegten die eingewanderten Bantu-Stämme in der nordöstlichen Landeshälfte den Anbau von Hirse und Mais. Dieser erfordert aber mindestens 400 mm reine Sommerniederschläge. Treten die Niederschläge ganzjährig auf, wie etwa an der Südküste, funktioniert ein solcher Feldbau nicht. Die Niederschlagsgrenze bildete so eine natürliche Barriere für die Viehzucht und Feldbau (Hirse, Mais) treibenden Bantu. Heute gibt es aber fast keine reinen Khoi in unvermischter Form mehr in Südafrika. Es sind jetzt die Afrikaanssprecher, die den Bantuvölkern gegenüberstehen. Doch allein das Vorhandensein einer Sprachgemeinschaft sagt noch nicht viel aus. Die Volksgruppen, die heute mehr oder weniger zufällig Afrikaans sprechen, bilden keine bloße Addition. Da muß also mehr sein, was sie verbindet und eine Autonomieforderung für diese Völker begründet.

Wenn hier von 7 Millionen Afrikanern die Rede ist, die Afrikaans sprechen, dann muß man sich aber zugleich klar machen, daß im heutigen Staat Südafrika insgesamt 59 Millionen Menschen leben (Wiki). Anhand der dort eingestellten Sprachen-Karte wird die hier erwähnte 400 mm-Grenze  immer noch deutlich.

Abb. 2: Die Karte zeigt Südafrikas Sprachen in den Gebieten, in denen sie aufgrund der ethnischen Verteilung der Bevölkerung vorherrschend sind (Wiki) - Hellgrün im Südwesten: Afrikaans (eine indogermanische Sprache), die übrigen sind Bantu-Sprachen

Das Vorherrschen von Afrikaans im Südwesten wird bei den 7 Millionen Sprechern dadurch möglich, daß der Südwesten viel weniger dicht besiedelt ist als der Nordosten Südafrikas. Schön komprimiert erhält man dazu Auskunft auf dem Wikipedia-Artikel "Demografie Südafrikas" (Wiki):

Die „Coloureds“ (afrikaans kleurlinge, deutsch etwa: „Farbige“) haben sowohl europäische als auch afrikanische Vorfahren. Bald nach der Gründung der Kapkolonie 1652 entstand die schnell anwachsende Bevölkerungsgruppe der Coloureds, die aus der Vermischung von Europäern, Khoikhoi bzw. Khoisan und den (zum Teil freigelassenen) Sklaven entstand. Bereits 1685 hatten fast die Hälfte aller Sklavenkinder europäische Väter. Im 17. und 18. Jahrhundert bildeten sich einige stammesähnliche Gesellschaften wie die Orlam, Witbooi, Afrikaner, Baster, Koranna oder Griqua heraus, die teilweise eigene Staatswesen errichteten. Wichtige soziale Merkmale der meisten Coloureds sind weitgehend mit denen der Weißen identisch. So sprechen etwa 75,8 % Afrikaans und 20,8 % Englisch als erste Sprache, die Mehrzahl gehört der christlichen Nederduits Gereformeerde Kerk an. Zwar genossen die Coloureds im Apartheidsystem Privilegien gegenüber den Schwarzen, gegenüber den Weißen waren sie jedoch deutlich benachteiligt. Im Gegensatz zu den Schwarzen und Weißen haben die Coloureds heute nur wenige Schlüsselpositionen in der Politik und Wirtschaft inne. Eine eigene Gruppe innerhalb der Coloureds bilden die Kapmalaien, Nachfahren indonesischer und malayischer Sklaven (aus Niederländisch-Indien), die die Afrikaans-Sprache angenommen haben, aber Moslems sind. Ihre Zahl beträgt rund 200.000. Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 2011 rechneten sich 4.541.358 Südafrikaner der Bevölkerungsgruppe der Coloureds zu, was einem Anteil von 8,9 % an der Gesamtbevölkerung Südafrikas entsprach. Am Westkap und am Nordkap betrug der Anteil der „Kapmischlinge“ (englisch Cape Coloureds, afrikaans Kaapse Kleurlinge) 48,8 % und 40,3 % in allen anderen Provinzen lag er deutlich unter 10 % (zwischen 0,3 % in Limpopo und 8,3 % in Ostkap). 

Ihrer Herkunft nach sind die Afrikaans-sprechenden "Kapmischlinge" grob ein Drittel Khoisan, grob ein Drittel Bantu und grob ein Drittel europäisch, wobei sie außerdem kleinere Anteile aus Indien aufweisen. Die weibliche Herkunft ist vorwiegend Khoisan, die männliche Herkunft ist europäisch und Bantu. So in übersetzender Zusammenfassung die folgenden Ausführungen (Wiki):

At least one genetic study indicates that Cape Coloureds have ancestries from the following ethnic groups; not all Coloureds in South Africa had the same ancestry. 
- Indigenous Khoisan: (32–43%)
- Indigenous Bantu peoples, chiefly from Southern Africa: (20–36%)
- Peoples from Western Europe, chiefly the Low Countries: (21–28%)
- Peoples from South and Southeast Asia: (9–11%)
The Malagasy component in the Coloured composite gene pool is itself a blend of Malay and Bantu genetic markers. This genetic admixture appears to be gender-biased. A majority of maternal genetic material is Khoisan. The Cape Coloured population is descended predominantly from unions of European and European-African males with autochthonous Khoisan females.

Soweit dazu.*) Das Buch von Böttger aber wendet sich im Kern gegen den "Konstruktivismus", der an dem Phänomen eines Volkes nicht das natürlich Gewachsene sehen will, sondern nur das Instrumentalisierbare. 

Aktuelle Forschungen zur Ethnogenese: Archäogenetik, Derek Bickerton ...

Christian Böttger sagt dann im Interview - etwas verkürzt: "Forschungen zur Ethnogenese finden nicht mehr statt". Er bezieht er sich dabei aber - wie er uns durch Zuchrift erläutert - auf die gegenwärtige Völkerkunde im westlichen Europa. In anderen Bereichen - seit 2015 besonders in der Archäogenetik - finden ja "Forschungen zur Ethnogenese" der Sache nach tatsächlich statt. Und auch in der traditionellen Frühmittelalter-Forschung sind die Forschungen zur Ethnogenese bis heute ja nie abgerissen. Und im Grunde betreibt jeder Sprachforscher und Sprachhistoriker Forschungen zur Ethnogenese. Am Eindrucksvollsten wird dies vermutlich belegt durch Derek Bickerton (1926-2018), der in seinen Forschungen nachgewiesen hat, daß neue (Kreolen-)Sprachen durch das gemeinsame Spielen von Kindern unterschiedlicher Muttersprache, sozusagen auf dem Spielplatz entstehen (Wiki):

Er interviewte zwischen 1900 und 1920 geborene Hawaiianer und konnte so den in dieser Zeit erfolgten Übergang von der Pidgin- zur kreolischen Sprache belegen.

Der hier erfolgte Prozeß der Ethnogenese erfolgte im gemeinsamen Spielen von Kindern. Und man darf vermuten, daß Muttersprachen (und damit Völker) vermutlich immer so entstanden sind. Denn Kinder spielen viel mehr mit Sprache als Erwachsene. Bickerton (Wiki):

hat die Hypothese in die Welt gebracht und gilt als ihr Hauptvertreter, nach der Kreolensprachen durch Kinder aus Pidgin-Sprachen geformt werden.
is the originator and main proponent of the (...) hypothesis according to which (...) creoles (...) being formed from a prior pidgin by children.

Bzw. (Wiki):

Bickerton vermutet, daß Kreolensprachen Erfindungen von Kindern sind, die auf neu begründeten Plantagen aufwachsen. Um sie herum hören sie nur, daß Pidgin gesprochen wird, ohne genug Struktur, um als natürliche Sprache funktionieren zu können; und die Kinder nutzen ihre eigenen angeborenen sprachlichen Fähigkeiten, um Pidigin in eine echte Sprache umzuformen.
Bickerton claims that creoles are inventions of the children growing up on newly founded plantations. Around them, they only heard pidgins spoken, without enough structure to function as natural languages; and the children used their own innate linguistic capacities to transform the pidgin input into a full-fledged language. 
In seinem Buch schreibt Böttger (2):

Die ideologiekritischen Ethnologen beschreiben auf diese Weise z. B. die Ideologie vom Volk (Volkstumsideologie), verweigern sich aber konsequent und beharrlich einer objektiven Ethnogeneseforschung. Das ist auch deshalb nur konsequent, weil sie die objektive Existenz von Völkern leugnen. Es war eine der größten Überraschungen für mich, daß es im wiedervereinigten Deutschland keine Ethnogeneseforschung gibt, der ich mich so gern angeschlossen hätte. Die Ursachen dafür sind mir jetzt klar. 

Ganz richtig schreibt Herr Böttger in seinem Buch (2):

Anhand der Geschichte der Zulu läßt sich die Entstehung von Völkerschaften und damit von Völkern gut nachvollziehen. Die Ethnogenese der Zulu kann somit als ein Beleg dafür gelten, daß die gegenwärtig in der Europäischen Ethnologie verbreitete konstruktivistische Auffassung von Völkern als „Erfindungen“ unwissenschaftlicher Nonsens ist. Der mit der „Kritischen Theorie“ einhergehende Konstruktivismus arbeitet ideologiekritisch, subjektivistisch und damit selektiv. Er kann deshalb nie das gesamte Phänomen erfassen und darstellen. Das gilt für den Volksbegriff ebenso, wie für den Mfecane. Er sieht diese Erscheinungen nur unter dem Aspekt der Instrumentalisierung durch bestimmte gesellschaftliche Kräfte. Damit wird die objektive Seite völlig ausgeklammert. Forschungen zur Ethnogenese finden auf diese Weise nicht mehr statt.
Mfecane (Wiki) wird ein Zeitraum der südafrikanischen Geschichte, nämlich von 1817 bis 1840 bezeichnet, der vor allem von Kriegen unter den Zulu-Stämmen im Nordosten des heutigen Südafrika geprägt war. Ja, man möchte sagen: Wo in der Wissenschaft Ideologie die Vorherrschaft gewinnt, dort wird es - leider - und leider immer und immer wieder - gruselig. Hier wird deutlich, daß sich Christian Böttger bei seiner Aussage vor allem auf die Europäische Ethnologie bezieht. 

Im englischsprachigen Bereich der Wissenschaft gibt es demgegenüber ja eine weitaus größere Vielfalt an Denk- und Forschungsansätzen. Dort wird Völkerkunde auch unter dem Fachbegriff "Anthropology" betrieben und in diesem Bereich ist die Grenze zur Naturwissenschaft mitunter kaum noch spürbar. Insbesondere auch aus dem Bereich der Soziobiologie, bzw. der Evolutionären Psychologie und Evolutionären Anthropologie gibt es ja seit Jahrzehnten eine Fülle von Forschungsansätzen, um diese Dinge zu verstehen. 2007 hat der Autor dieser Zeilen einen Überblick zu der dortigen Themen- und Forschungs-Vielfalt und der damit verbundenen Forschungs-Literatur gegeben (9).

Das Grundthema und Ergebnis dieses Überblicks: Humanevolution findet in Völkern statt und durch eine Jahrtausende lange Abfolge von Ethnogenese-Prozessen (über "Verwandtenerkennung" und "Gruppenselektion" aus "populationsgenetischen Flaschenhälsen" heraus). Also genau das, was inzwischen - seit 2015 - auch durch die Archäogenetik - aber nun noch viel gültiger - aufgezeigt wird.

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*) Indem wir das nachtragen, erinnern wir uns an einen Blogartikel-Entwurf aus dem Jahr 2017, der zu diesem Thema paßt. Im "Lexikon der Biologie" von "Spektrum der Wissenschaft" (1999) hatten wir nämlich diesen Eintrag gefunden (Spektrum) (Link funktioniert nicht mehr):

Rehobother Bastards, [benannt nach dem Ort Rehoboth bei Windhuk (Namibia)], Rehobother Baster, Baster, früher Bastaards, Eigenbezeichnung einer Gruppe von Nachkommen von Dama- (nein:) Khoi-Frauen (Hottentotten) und Buren-Männern, die in Rehoboth (heute Namibia) ein eigenes Gemeinwesen gründeten und von Eugen Fischer anthropologisch untersucht wurden. Fischer wies durch Untersuchung mehrerer Generationen der Rehobother Bastards nach, daß Merkmale nicht als „Rassenkomplexe“, sondern gemäß der 3. Mendelschen Regel unabhängig voneinander auftreten.

Hier ist die Rede von der Volksgruppe der "Baster" (Wiki), die dem hier behandelten Thema ebenfalls zuzuordnen ist. Die hier erwähnte Studie (10) muß wissenschaftsgeschichtlich womöglich gar nicht so uninteressant sein und man könnte sie sich noch einmal genauer vor dem Hintergrund des heutigen Kenntnisstandes zu diesem Thema anschauen. 

/ Ergänzungen
- mit Dank für die Zuschriften 
von Herrn Böttger:
16. und 17.6.2021 /

 

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  1. Later Stone Age human hair from Vaalkrans Shelter, Cape Floristic Region of South Africa, reveals genetic affinity to Khoe groups. Alexandra Coutinho Helena Malmström Hanna Edlund Christopher S. Henshilwood Karen L. van Niekerk Marlize Lombard Carina M. Schlebusch Mattias Jakobsson. American Journal of Physical Anthropology, First published: 04 February 2021 https://doi.org/10.1002/ajpa.24236, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ajpa.24236
  2. Christian Böttger: Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika.  Lindenbaum-Verlag 2020
  3. Rohrbacher, Peter: Hamitische Wanderungen - Die Prähistorie Afrikas zwischen Fiktion und Realität. FU Berlin 2017 (pdf)
  4. Schlebusch CM, Prins F, Lombard M, Jakobsson M, Soodyall H. The disappearing San of southeastern Africa and their genetic affinities. Hum Genet. 2016 Dec;135(12):1365-1373. doi: 10.1007/s00439-016-1729-8. Epub 2016 Sep 20. PMID: 27651137; PMCID: PMC5065584.
  5. Coutu, A.N., Taurozzi, A.J., Mackie, M. et al. Palaeoproteomics confirm earliest domesticated sheep in southern Africa ca. 2000 BP. Sci Rep 11, 6631 (2021). https://doi.org/10.1038/s41598-021-85756-8, https://www.nature.com/articles/s41598-021-85756-8
  6. Interview mit Christian Böttger über "Autonomie für die Afrikaanse Nation! Ein Superethnos in Südafrika" lindenbaumverlag, 15. November 2020, https://wir-selbst.com/2020/11/15/autonomie-fur-die-afrikaanse-nation-ein-superethnos-in-sudafrika/
  7. Vaas, Rüdiger: Sprechen macht stark. Bild der Wissenschaft, 2001, https://www.wissenschaft.de/allgemein/sprechen-macht-stark/
  8. Derek Bickerton: Die Sprache der Kreolen, Spektrum der Wissenschaft, 5.10.2006, https://www.spektrum.de/magazin/die-sprache-der-kreolen/853127
  9. Bading, Ingo: 200.000 Jahre Humanevolution - Gliederung, Themenliste und Literaturverzeichnis eines Buchprojektes zum neuesten Forschungsstand. 2007 (Researchgabe, Academia oder Lulu)
  10. Fischer, Eugen: Die Rehobother Bastards und das Bastardierungsproblem beim Menschen. Anthropologische und ethnographische Studien am Rehobother Bastardvolk in Deutsch-Südwest-Afrika. Jena 1913; erneut: Akademische Druck- und Verlags-Anstalt, Graz 1961, http://docplayer.org/112679493-Die-rehobother-bastards.html

Sonntag, 7. März 2021

Kam die Glockenbecher-Kultur bis Westafrika?

Unterschiedliche europäische Einmischungen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedliche Volksstämme Afrikas

Nachtrag 7.5.2021: In der archäologischen Forschungsliteratur finden wir noch zusätzlich die Angabe (9):

"Nicht zu vergessen ist, daß originäre Glockenbecherfunde auch aus dem Norden Afrikas, von Algerien bis in den Westen Marokkos in einiger Zahl bekannt sind (Turek 2012)."

Damit kommen uns die nachfolgenden Ausführungen viel weniger "spekulativ" vor als sie anfangs angemutet haben mögen!

Die Genetikerin Michèle Ramsay (Wiki) von der Universität Witwatersrand in Südafrika ist Präsidentin der "Afrikanischen Gesellschaft für Humangenetik" und veröffentlicht bis in den Januar dieses Jahres hinein angesehene Studien zur humangenetischen Vielfalt in Afrika.

2018 hat sie gemeinsam mit Koautoren einen Review-Artikel veröffentlicht (1), also einen Artikel, der nicht auf neuen erhobenen Daten beruht, sondern nur die Ergebnisse bisherigen Studien zusammen faßt und im Überblick darstellt. Mit der Thematik dieser Überblicks-Darstellung beschäftigen wir uns hier auf dem Blog schon spätestens seit 2014 (2-5).

Aber durch diesen Überblicks-Aufsatz erst werden wir darauf aufmerksam, daß man ja die zeitlich und geographisch sehr unterschiedlichen europäischen Einmischungen in Afrika, die man inzwischen - vom Prinzip her - sehr differenziert erforschen kann (1), ja auch dazu benutzen kann zu testen, wie hier der Zusammenhang zwischen Herkunftsgruppe, Breitengrad und Evolution von Intelligenz-Unterschieden zwischen Ethnien zu fassen sein könnte. Wir erhielten den Hinweis auf diese Studie durch eine Online-Diskussion mit dem Historiker Thomas Wangenheim (6). 

In den bisherigen Studien war meistens nur sehr allgemein von "europäischen" Genen in einzelnen Volksgruppen Afrikas die Rede und so hatten wir das hier auf dem Blog auch referiert (2-4). Wir hatten dabei zum Beispiel auch schon Hinweise gesammelt dafür, daß 20 % europäische Gene bei den Fulbe sich auch - über begleitende Verhaltens- und Mentalitäts-Genetik - auf die ausgeformte Kultur dieses Volkes ausgewirkt haben könnte. Diese weist nämlich viele Elemente des "Heldischen", heldischer Ideale auf wie sie auch in vielen vorchristlichen, indogermanischen Kulturen gefunden werden können und auch über Jahrhunderte in diesen Kulturen trotz Christentum immer wieder zum Durchbruch gelangt sind (4). Ergänzung 7.5.21: Fast mutet es ja so an, als könne man über die Fulbe Haltungen innerhalb des Volkes der Glockenbecher-Kultur (siehe unten) kennenlernen, die es sonst nirgendwo in der Welt mehr gibt.

Abb. 1: Einmischungen europäischer Genetik nach Zeit und Herkunftsgruppe (aus: 1)

Der Text des Review-Artikels aus dem Jahr 2018 gibt aber nicht ganz das an sicherer Erkenntnis her, was er durch einen Blick auf seine Grafik, die hier in Abbildung 1 eingestellt ist, verheißen hatte. Es heißt es dort (1):

Als ein wichtiger Beitrag zur genetischen Vielfalt Afrikas sind Wanderung von eurasischen Populationen zurück nach Afrika ins Bild getreten. Diese Wanderungen betreffen den Einfluß unterschiedlicher eurasischer Populationen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Teilen Afrikas. Eine gründliche Charakterisierung der Details dieser Wanderungen durch genetische Studien der heutigen Populationen könnte helfen, die starken genetischen Unterschiede zwischen einigen geographisch benachbarten Populationen zu erklären. Auf der anderen Seite ist durch den Sklavenhandel der letzten Jahrtausende ein beträchtliches Ausmaß afrikanischer genetischer Vielfalt in andere Teile der Welt gelangt. Die Bestimmung der geographischen und genetischen Herkunftsgruppen dieser afrikanischen Diaspora-Populationen gewinnt an Interesse.     
Original: Back migration of Eurasian populations into Africa has emerged as a critical contributor to the genetic diversity (1,3,13). These migrations involved the influx of different Eurasian populations at different times and to different parts of Africa. Comprehensive characterization of the details of these migrations through genetic studies on existing populations could help to explain the strong genetic differences between some geographically neighbouring populations. Slave trade in the last few millennia, on the other hand, carried a significant amount of African genetic variation to other parts of the world. Defining the geographic and genetic sources of these African diaspora populations is gaining much interest (2,14–17).

Der Review-Artikel will also im Wesentlichen auf zahlreiche Erkenntnis-Möglichkeiten hinweisen, weniger schon gesicherte Erkenntnisse diesbezüglich referieren. In dem diesbezüglichen Abschnitt "Eurasischer genetischer Rückfluß nach Afrika" heißt es dann immer noch dementsprechend vergleichsweise vage (1):

Genom-übergreifende Daten haben einen beträchtliche eurasische Herkunft in afrikanischen Populationen zu Tage gebracht, die sich über eine lange Zeitdauer eingeschmolzen hat. Frühe Studien begrenzten diese eurasische Wanderung auf ein einziges Ereignis in Ostafrika. Aber nachfolgende Studien haben eine komplexere Abfolge von unterschiedlichen Vermischungsereignissen aufgezeigt, die im westlichen und östlichen Afrika aufgetreten sind (hier in Abb. 1). Das "African Genome Variation Project" (AGVP) nutzte die Genom-Daten von 18 ethnolinguistischen Gruppierungen in acht afrikanischen Ländern, um eurasische Einmischungen zu identifizieren, die im Bereich zwischen 0 % und 50 % lagen innerhalb von zentral-, west- und ostafrikanischen Populationen, sowie über sie hinweg verteilt. Diese deutliche eurasische Vermischung scheint aufgetreten zu sein über mindestens drei Zeitperioden, und zwar mit einer Vermischung in Zentralwestafrika (z.B. Yoruba in Nigeria), aufgetreten zwischen 5.500 bis 8.500 v. Ztr., eine ältere Vermischung in Ostafrika (z.B. Äthiopien), aufgetreten zwischen 400 und 1.200 v. Ztr. und jüngeren Vermischungen in der Zeit vor 150 bis 1.500 Jahren in einigen ostafrikanischen Populationen (z.B. Kenia). Nachfolgende Studien auf der Grundlage von Linkage-Disequilibrium-Rückgang [Erläuterung I.B.: infolge Crossing over von Generation zu Generation] und gemeinsamen Haplotypen bestätigte eurasische genetische Signaturen in westlichen, östlichen und südlichen Afrikanern. Im Westen wiesen die Mossi in Burkina Faso - zusätzlich zu Niger-Kongo-Sprachigen aus Gambia und Mali - das älteste eurasische Vermischung-Ereignis auf, ungefähr 5.000 v. Ztr.. 
Original: Genome-wide data have revealed significant Eurasian ancestry in African populations assimilated across a long time scale. Initial studies limited this Eurasian migration to a single event in east Africa (43), but subsequent studies revealed a more complex series of distinct admixture events occurring in western and eastern Africa (Fig. 2B). The African Genome Variation Project (AGVP) used genome data from 18 ethnolinguistic groups in eight African countries to identify Eurasian admixture ranging from 0% to 50% in and across central, west and east African populations (1). This distinctive Eurasian admixture appears to have occurred over at least three time periods with ancient admixture in central west Africa (e.g. Yoruba from Nigeria) occurring between ∼7.5 and 10.5 kya (1), older admixture in east Africa (e.g. Ethiopia) occurring between ∼2.4 and 3.2 kya (1,36,43) and more recent admixture between ∼0.15 and 1.5 kya in some east African (e.g. Kenyan) populations (1). Subsequent studies based on LD decay and haplotype sharing in an extensive set of African and Eurasian populations confirmed the presence of Eurasian signatures in west, east and southern Africans. In the west, in addition to Niger-Congo speakers from The Gambia and Mali, the Mossi from Burkina Faso showed the oldest Eurasian admixture event ∼7 kya (3).

In Abbildung 1 finden wir als älteste Einmischung europäischer Genetik diejenige bei den Yoruba in Westafrika eingezeichnet (gelbes Kreuz). Aber im zugehörigen, zitierten Text findet sich dazu nicht die Herkunftsangabe "nordeuropäisch", die um 5.000 v. Ztr. auch wenig Sinn machen würde, bzw. sehr vieldeutig wäre, da die heutige nordeuropäische Genetik sich ja erst ab 4.700 v. Ztr. an der Mittleren Wolga gebildet und von dort aus verbreitet hat. Man sieht, daß in diesem Review-Artikel alles noch sehr vage ist. Und man müßte erst noch einmal in die zitierten, originalen Studien schauen, um sich ein klareres Bild zu verschaffen. Das aber - vermutlich - auch in diesen noch nicht enthalten ist (einige der Studien hatten wir ja hier auf dem Blog schon ausgewertet.) Weiter heißt es (1): 

Im Osten ergaben diese Analysen eine eurasische Einmischung innerhalb der letzten 4.000 Jahre in Kenia, wobei die Chonyi und Kauma möglicherweise südasiatische [indische] Einmischung aufzeigen, die zustande gekommen sein könnte durch den mittelalterlichen Handel über den indischen Ozean hinweg. Eurasische Vermischung in afro-asiatisch-sprachige Populationen in Ostfrika scheinen sich in zwei Wellen ereignet zu haben, eine vor 2.000 Jahren und eine in den letzten 200 Jahren mit einer genetischen Herkunft, die am besten übereinstimmt mit der der heutigen Menschen in der Toskana in Italien. Im Süden ist in Khoi-San-sprachigen Populationen in Südafrika jüngere eurasische Einmischung von nordeuropäischen Populationen beobachtet worden. Dies schließt die Khomani und die Karretjie ein mit Ereignissen, die 225 Jahre zurück liegen, und die in einer historischen Verbindung mit der europäischen Kolonialzeit in Südafrika stehen.
Original: In the east, these analyses inferred Eurasian admixture within the last 4000 years in Kenya, with the Chonyi and Kauma showing possible south Asian admixture that may have been facilitated by Medieval trade across the Indian Ocean. Eurasian admixture in the Afro-Asiatic speaking populations of east Africa appears to have occurred in two waves, one ∼2 kya and one in the last 200 years with ancestry best matched to the Tuscans from Italy. In the south, more recent direct Eurasian admixture from northern European populations has been observed in KS-speaking populations in South Africa (Fig. 2B). These include the Khomani and Karretjie, with events dating to ∼225 years ago, with an historical link to the European colonial period in South Africa (3).

Das sind Populationen, die vor 100 Jahren "Hottentoten" genannt wurden, heute werden sie Buschleute genannt. Sie repräsentieren Völker, die dem Übergang zum anatomisch modernen Menschen in Afrika vor 300.000 Jahren nach allen genetischen Studien der letzten Jahrzehnte am nächsten stehen. Die hier genannte europäische Einmischung ist prinzipiell schon von dem deutschen Vererbungsforscher und Anthropologen Eugen Fischer (1874-1967)(Wiki) in seiner berühmten Studie "Die Rehobother Bastards und das Bastardierungsproblem beim Menschen" (Jena 1913) zum Thema gemacht worden.

Bis auf weiteres bleibt vieles - noch Spekulation 

Insgesamt regt die Abbildung 1 zwar mannigfach die Phantasie an für all das, was möglich gewesen sein könnte in der Geschichte Afrikas. Aber es wird deutlich, daß sie meistens noch sehr viel Spekulation enthält. Eine Einmischung nordeuropäischer Genetik ab 3.000 v. Ztr. (graues Kreuz bezüglich der Mossi in Abb. 1) wäre prinzipiell möglich. Ab jener Zeit kam die Glockenbecherkultur nicht nur nach Großbritannien, sondern auch nach Spanien und Sizilien / Ergänzug 7.5.21: sowie nach Algerien und Marokko / und brachte jeweils ihre (heutige nordeuropäische) Genetik mit. Aber sollte sie damals schon bis nach Westafrika ausgegriffen haben? Das wäre eine weitere, sehr spektakuläre Erkenntnis. Es würde immerhin Sinn machen zu vermuten, daß sich eine solche Glockenbecher-Genetik dann auch bis zu den Fulbe ausgebreitet hat. Aber das bleibt wohl bis auf Weiteres Spekulation.   

Als einigermaßen gesichert wollen wir aber hier einfach noch einmal wiederholt festhalten, daß sich in Ostafrika ja mit Ackerbau und Rinderhaltung zum Beispiel Genetik des Levanteraumes (der ersten Ackerrbauern weltweit) verbreitet hat (5). Was die vage Bezeichnung "Westeurasian" in Abbildung 1 in jedem Fall gerechtfertigt erscheinen läßt, allerdings wäre das von der Zeitstellung deutlich früher einzuordnen (5). 

Durchaus denkbar ist auch, daß sich im Tschad anatolisch-neolithische, bzw. Mittelmeer-Genetik (einschließich iranisch-neolithischer Genetik) von Nordafrika über die Sahara hinweg ausgebreitet hat ("Sardinian"/Toskana) (s. Abb. 1) (8). 

Gemessen an den heutigen IQ-Verteilungen in Nordeuropa, Südeuropa und im Mittelmeer-Raum könnten sich die jeweiligen europäischen Beimischungen in Afrika jeweils unterschiedlich auf den IQ bei dem jeweiligen Volksstamm in Afrika ausgewirkt haben. Diesbezüglich weitere Forschungen zu unternehmen, könnte viel Sinn machen, zumal man dadurch auch heraus bekommen könnte, wann welcher IQ in welcher Region Europas evoluiert gewesen ist (wenn man es nicht zwischenzeitlich nicht durch archäogenetische polygenic score-Unterschungen eh schon direkter heraus bekommt).

Eine andere Frage wäre dann noch einmal, ob die europäischen Gene, die bei den Afroamerikanern Nord- und Südamerikas festgestellt werden, bei diesen schon vor oder erst nach der Einwanderung eingemischt worden sind. Und dann wäre auch da dann die jeweilige Herkunftsgruppe - Nordeuropa, Südeuropa, Mittelmeer-Raum - von Interesse.

In der aktuellsten Studie von Michèle Ramsay aus dem Januar 2021 zur afrikanischen genetischen Vielfalt (7) ist der europäische Einfluß auf diese zunächst einmal scheinbar überhaupt kein Thema (soweit das zumindest Informationen entnommen werden kann, die vor der Bezahlschranke liegen).

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  1. Ananyo Choudhury, ..., Michèle Ramsay: "African genetic diversity provides novel insights into evolutionary history and local adaptations", Human Molecular Genetics, 2018, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6061870/
  2. Bading, Ingo: 2014, https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/12/buschleute-waren-einst-die-grote.html
  3. Bading, Ingo: 2014, https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/12/wie-kam-das-ursprungsvolk-der-bantu.html
  4. Bading, Ingo: Sie dir selbst keine Schande! Das Volk der Fulbe in Afrika, 05/2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/05/sei-dir-selbst-keine-schande-das-volk.html
  5. Bading, Ingo: 2919, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/die-genetische-geschichte-der-alten.html
  6. Wangenheim, Thomas: IQ-Vergleich zwischen Europäern, Asiaten und Aschkenasim-Juden . Auswirkungen durch Einwanderung und Sample-Wahl – Die Reisen des wunderlichen Herrn Wangenheim (wordpress.com), 2017
  7. Luisa Pereira, ... Michèle Ramsay: African genetic diversity and adaptation inform a precision medicine agenda, Nature Reviews Genetics, 2021/01/11, DOI: 10.1038/s41576-020-00306-8
  8. Marc Haber et. al.: Chad Genetic Diversity Reveals an African History Marked by Multiple Holocene Eurasian Migrations - ScienceDirect, 2016
  9. Heyd, Volker M. (2016). Das Zeitalter der Ideologien: Migration, Interaktion & Expansion im prähistorischen Europa des 4. und 3. Jahrtausend v. Chr.. In: M. Furholt, R. Grossmann, & M. Szmyt (Eds.), Transitional Landscapes? The 3rd Millennium BC in Europe: Proceedings of the International Workshop "Socio-Environmental Dynamics over the Last 12.000 Years: the Creation of Landscapes III (15th-18th April 2013)" in Kiel. (Vol. 292, pp. 53-85). (Universitatsforschungen zur Prahistorischen Archaologie; Vol. 292). Bonn: Habelt (freies pdf)

Freitag, 3. April 2020

Menschwerdung vor 300.000 Jahren - Auf das nördliche Afrika eingegrenzt?

Im zentralen, südlichen Afrika - etwa im heutigen Sambia südlich des Tanganijka-Sees
- Dort "im Süden" lebten unsere Vettern, die wir nicht mehr heiraten durften, um Menschen werden zu können

Unser Wissen über die Zeit der Menschwerdung in Afrika vor 300.000 Jahren, also über den "Archaischen Homo sapiens" (Wiki) wird immer komplexer (1, 2). Schon länger wird vermutet, daß ein 1921 in Sambia gefundener Schädel (Abb. 1) (Wiki) viel jünger ist als ursprünglich angenommen, nämlich nur 300.000 Jahre alt. Diese Datierung wurde nun erneut bestätigt (1, 2).

Abb. 1: Rekonstruktion des Homo sapiens sapiens vom Fundort Jebel Irhoud in Marokko, 300.000 Jahre alt (Neanderthal-Museum, Erkrath, Mettmann) (Wiki)

Damit ergibt sich aber, daß vor 300.000 Jahren mindestens drei Menschenarten nebeneinander in Afrika lebten:

  • Urtümliche Homo sapiens (von denen wir abstammen, und die sich von den gleichzeitigen Vorformen des Neandertalers, also dem Homo heidelbergensis in Europa schon unterscheiden), sowie
  • dieser in der Datierung nun bestätigte Homo heidelbergensis/Homo rhodesiensis-Fund (der sich von den zeitgleichen Heidelbergensis-Funden in Europa nicht wesentlich unterscheidet) und
  • die grazilen Homo naledi (die zwar aufrecht gingen, deren Gehirngröße aber nur wenig über der von Schimpansen lag).*)

Eine ähnliche Situation von mehreren parallelen Menschenarten wird für das zeitgliche Eurasien angenommen.*) Oder noch genauer (nach heutigem Kenntnisstand) (3):

Homo sapiens in Regionen wie Marokko und Äthiopien, Homo heidelbergensis in Süd- und Zentral-Afrika und Homo naledi in Südafrika, bekannt für seine primitiven Merkmale, einschließlich Merkmalen, die ihn fähig machen, auf Bäume klettern zu können.
Homo sapiens in places like Morocco and Ethiopia, Homo heidelbergensis in south-central Africa, and Homo naledi in South Africa, known for primitive features including traits suitable for tree-climbing.

Oder noch etwas anders der die Studie leitende Anthropologe Stringer (4):

"Bislang ist der Broken Hill-Schädel angesehen worden als Teil einer in Afrika weitverbreiteten evolutionären Sequenz mit allmählichen Übergängen vom archaischen zu modernen Menschen. Nun aber sieht es so aus, als ob die primitive Art Homo naledi in Südafrika überlebte, Homo heidelbergensis in Zentralafrika lebte und frühe Formen unserer eigenen Art in Regionen wie Marokko und Äthiopien."  
"Previously, the Broken Hill skull was viewed as part of a gradual and widespread evolutionary sequence in Africa from archaic humans to modern humans. But now it looks like the primitive species Homo naledi survived in southern Africa, H. heidelbergensis was in Central Africa, and early forms of our species existed in regions like Morocco and Ethiopia."

Damit könnte sich andeuten, daß der anatomisch moderne Mensch zwischen Äthiopien und Marokko zum anatomisch modernen Menschen geworden ist. Bekanntlich war die Sahara damals eine fruchtbare Steppenlandschaft wie man nicht nur durch geologische Untersuchungen der letzten Jahrzehnte weiß, sondern auch noch an heutigen Felsbildern daselbst ablesen kann.

Abb. 2: Der datierte Broken Hill-Schädel, gefunden 1921, in einer Nachbildung (im Kelvingrove Art Gallery and Museum of Glasgow, Fotograf: Nachosan) (Wiki)

Damit würde deutlicher werden, daß die schon angenommene Mosaik-Evolution in Afrika vor 300.000 Jahren tatsächlich eine solche war, daß hier also nicht Afrika-weit einheitlich eine Population einen Artwandel durchgemacht hat hinüber in eine andere, anatomisch modernere Art, sondern daß zeitgleich in unterschiedlichen Regionen Afrikas parallel unterschiedliche Entwicklungen statthatten. Und die genetischen und archäogenetischen Daten in jüngsten Studien (u.a. auch von David Reich) gaben schon Hinweise darauf, daß es nicht nur außerhalb von Afrika Einkreuzungen von Neandertalern in unsere Linie gab, sondern auch noch in Afrika Einkreuzungen ursprünglicher Menschenarten in unsere Linie (5).

Einen Vertreter einer solchen zeitgleichen, ursprünglicheren Menschenart scheint man nun mit diesem Broken Hill-Schädel vor sich zu haben (Abb. 2).

Natürlich, irgendwann muß es ja zur Abspaltung der anatomisch moderneren Menschenformen von den anatomisch archaischeren gekommen sein. Diese fand also innerhalb Afrikas und auch dort noch einmal regional begrenzt statt. Und natürlich konnten die beiden Menschenarten, die sich da anfangs unterschiedlich entwickelten, phasenweise noch Genmaterial miteinander austauschen. Es muß aber natürlich auch Zeiten der genetischen Isolation voneinander gegeben haben.

Spannend wird nun sein, noch genauer einzugrenzen, in welchem Zeitraum genau es zu einer isolierten Weitentwicklung zum anatomisch modernen Menschen hin - vermutlich im nördlichen Afrika - gekommen ist. Und wann genauer es dann nach dieser isolierten Weiterentwicklung zu einer erneuten Einkreuzug gekommen ist, ohne daß dann aber die weiter entwickelten Merkmale dabei wieder verloren gegangen sind.

Auch wäre zu klären, warum eigentlich der Homo heidelbergensis so lange parallel zum Homo naledi leben konnte, warum der eine den anderen nicht "ausgerottet" hat oder zum Aussterben gebracht hat über viele hunderttausende von Jahren hinweg. Und es dürfte spannend sein zu erfahren, wie es dann zum Genetic Replacement nicht nur ab 40.000 Jahren vom nördlichen Afrika aus in Europa gekommen ist, sondern vor vielleicht 100.000 Jahren (?) zum Genetic Replacement gekommen ist vom nördlichen Afrika aus Richtung Südafrika.

... Und Übergänge zum Klassischen Neandertaler im Levanteraum

Ergänzung, 25.6.21: In Israel haben noch um 130.000 v. Ztr. Menschenformen gelebt, deren Schädelreste aufzeigen, daß sie eine Vorform des Klassischen Neandertalers darstellten (6-10). Auch dort also hatten sich um 130.000 v. Ztr. die eigentlichen Vorfahren von uns anatomisch modernen Menschen noch nicht etabliert. Dieser Raum gehört vielmehr zum Entstehungsraum der zeitgleichen Klassischen Neandertaler. Und bei dieser Entstehung scheint eine Einmischung von Genen von anatomisch modernen Menschen, die zeitgleich anderwärts in Nordafrika gelebt haben, eine Rolle gespielt zu haben (7).

Ergänzung, 23.9.21: Die Steinwerkzeug-Kultur, die der anatomisch moderne Mensch in Afrika seit der Zeit vor 300.000 Jahren nutzte ("Mittelpaläolithikum") wurde in Afrika erst vor 60.000 bis 30.000 Jahren von moderer Steinwerkzeug-Kultur ersetzt, in Teilen Westafrikas aber sogar erst vor 11.000 Jahren (11).

Ergänzung 15.10.21: In den Höhlen an der Südküste des Mittelmeeres, an der Küste Nordwestafrikas und Südafrikas wurden schon häufiger kleine, künstlich gelochte Meermuscheln aus dem Mittelpaläolithikum gefunden, die in dieser Form als Kettenanhänger gedient haben werden. Der älteste diesbezüglich gemachte Fund wurde erst jüngst gemacht, er ist 142.000 Jahre alt und stammt aus einer Höhle in Marokko, die 12 Kilometer von der Atlantikküste entfernt liegt (12).

Ergänzung 13.1.2021: Zwei frühe Menschenfunde von Omo-Kibish und Herto in Äthipien sind inzwischen neu datiert worden auf etwa 200.000 Jahre vor heute (13):

"Unsere neuen Alterseingrenzungen stimmen mit den meisten Modellen für die Evolution des modernen Menschen überein, nach denen der Ursprung des Homo sapiens und seine Trennung von archaischen Menschenformen auf die Zeit zwischen 350.000 und 200.000 Jahren vor heute eingegrenzt werden."
"Our new age constraints are congruent with most models for the evolution of modern humans, which estimate the origin of H. sapiens and its divergence from archaic humans at around 350-200 ka."

__________
*) (2): "The result suggests that later Middle Pleistocene Africa contained multiple contemporaneous hominin lineages (that is, Homo sapiens, H. heidelbergensis/H. rhodesiensis and Homo naledi), similar to Eurasia, where Homo neanderthalensis, the Denisovans, Homo floresiensis, Homo luzonensis and perhaps also Homo heidelbergensis and Homo erectus were found contemporaneously."
__________
  1. https://www.sciencenews.org/article/broken-hill-skull-fossil-may-be-from-african-ghost-population
  2. Rainer Grün et al. Dating the skull from Broken Hill, Zambia, and its position in human evolution, Nature (2020). DOI: 10.1038/s41586-020-2165-4, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2165-4
  3. https://www.reuters.com/article/us-science-skull/landmark-skull-fossil-provides-surprising-human-evolution-clues-idUSKBN21J60V
  4. https://phys.org/news/2020-04-fossil-skull-modern-human-ancestry.html.
  5. https://www.sciencenews.org/article/some-west-africans-may-have-dna-genes-ancient-ghost-hominid
  6. https://nachrichten.idw-online.de/2021/06/24/der-neandertaler-hat-keine-rein-europaeische-entstehungsgeschichte/
  7. Dramatic discovery in Israeli excavation: A new type of Homo unknown to science. 23.06.2021, https://youtu.be/OGPKRuyd-5M.
  8. https://science.orf.at/stories/3207302/
  9. https://www.scinexx.de/news/biowissen/neue-fruehmenschen-form-entdeckt/ 
  10. A Middle Pleistocene Homo from Nesher Ramla, Israel  By Israel Hershkovitz, Hila May, Rachel Sarig, Ariel Pokhojaev, Dominique Grimaud-Hervé, Emiliano Bruner, Cinzia Fornai, Rolf Quam, Juan Luis Arsuaga, Viktoria A. Krenn, Maria Martinón-Torres, José María Bermúdez de Castro, Laura Martín-Francés, Viviane Slon, Lou Albessard-Ball, Amélie Vialet, Tim Schüler, Giorgio Manzi, Antonio Profico, Fabio Di Vincenzo, Gerhard W. Weber, Yossi Zaidner  Science25 Jun 2021 : 1424-1428, https://science.sciencemag.org/content/372/6549/1424
  11. Scerri, Eleanor: Erste menschliche Kultur überdauerte 20.000 Jahre länger als bislang bekannt  - Bevölkerungsgruppen im äußersten Westen Afrikas nutzten bis vor 11.000 Jahren die frühesten Steinwerkzeug-Technologien unserer Art, 11. Januar 2021, https://www.shh.mpg.de/1938291/scerri-young-middle-stone-age  
  12. Sehasseh, E. M. et al. (2021). Early Middle Stone Age personal ornaments from Bizmoune Cave, Essaouira, Morocco. Science Advances, 7: eabi8620 (22. Sept. 2021): https://www.science.org/doi/epdf/10.1126/sciadv.abi8620
  13. Vidal, C.M., Lane, C.S., Asrat, A. et al. Age of the oldest known Homo sapiens from eastern Africa. Nature (2022), 12.1.2022, https://doi.org/10.1038/s41586-021-04275-8, 

Montag, 8. Juli 2019

Die genetische Geschichte der Alten Ägypter

Die Geschichte der afroasiatischen Sprachfamilie insbesondere in Ostafrika
- Neue Einsichten der Ancient-DNA-Forschung

Eine neue Ancient-DNA-Studie über die genetische Herkunft der ostafrikanischen Völker ist erschienen (1). In Ostafrika gibt es Völker, die zu drei großen Sprachfamilien gehören, nämlich zur afroasiatischen (Wiki), zur nilosaharischen (Wiki) und zur Sprachfamilie der Bantu. Und die neue Studie zeigt nun auf, daß sich die jeweiligen Sprachfamilien - zumindest in Ostafrika - auch zum größten Teil mit der jeweiligen zu ihr gehörenden Genetik ausgebreitet und erhalten haben (Abb. 1).

Abb. 1: Ostafrikanische Volksstämme und ihre genetischen Herkunftsanteile: Kupferzeitliches Mittelmeer grau; Sudan-ähnliche Herkunftsanteile grün, Jäger-Sammler-Anteil orange,  Bantu-Anteil in blau - Sprachen: AA = Afro-Asiatisch, NS=Nilo-Saharisch, BA=Bantu (aus: 1)

Ob hiermit auch ein Licht geworfen wird auf die Herkunft und Geschichte dieser Sprachfamilien überhaupt? Das Verbreitungsgebiet der afroasiatischen Sprachfamilie über Nordafrika und die arabische Insel hinweg wirft hier besonders Fragen auf. Da die Ancient-DNA-Forschung aus dem Alten Ägypten noch keine Forschungsergebnisse zu besitzen scheint, kann und muß man diesbezüglich offenbar aus einer Ancient-DNA-Studie zu den ostafrikanischen Völkern Rückschlüsse ziehen auf die genetische Geschichte Ägyptens.

Zunächst ist aber zu beachten, daß sich die spezialisierte Rinderhaltung, die es in vielen ostafrikanischen Völkern heute gibt, erst ab 1300 v. Ztr. nach Tansania und Kenia ausgebreitet hat (1). Dem ging aber im Levante- und Mittelmeerraum, sowie in Ägypten und im Sudan ein gewalter "Vorlauf" an Geschichte voraus. Soweit dies den östlichen Mittelmeerraum betrifft, ist dieser Vorlauf der Studie von Damgaard et. al. aus dem letzten Jahr schon zu entnehmen (2), und zwar der ihr entnommen Abbildung 2, in der sich links unten die Balken für die genetische Geschichte Anatoliens finden.


Abb. 2: Genetik der Völker des Mittleren Ostens zwischen Neolithikum, Bronze- und Eisenzeit (aus: Damgaard 2018)

Anatolien muß nämlich - bis die Ancient-DNA-Forschung noch bestehende Erkenntnislücken hinsichtlich des Alten Ägypten schließt - als repräsentativ genommen werden für den gesamten östlichen Mittelmeerraum, also auch für Ägypten. Wir sehen in Anatolien im Neolithikum (N) anatolisch-neolithische Genetik vorwiegen (lila) (s Abb. 2). Und wir sehen in der Kupferzeit (CA) im östlichen Mittelmeerraum in starkem Maße iranisch-neolithische Genetik (hellblau) hinzukommen (Abb. 2). Dieser gewaltige genetische Umbruch in der Kupferzeit in Anatolien und in der Levante ist von Seiten der Archäologie - unseres Wissens nach - noch so gut wie gar nicht gedeutet (7, 8). Auf Wikipedia lesen wir über Anatolien in der Mittleren Kupferzeit (5.500-4.000 v. Ztr.) und in der Späten Kupferzeit (4.000 v. Ztr. bis 3.000 v. Ztr.)(Wiki):
Während demnach der Beginn der Kupferzeit (...) für die Zeitgenossen wohl kaum als Einschnitt wahrgenommen wurde, so mag dies im Gegenteil umso mehr für die Zeit um 5500 v. Chr. gegolten haben, also für die beginnende mittlere Kupferzeit, denn viele der alten Siedlungen wurden aufgegeben. Darüber hinaus übernahm die Marmararegion überhaupt erst in der späten Kupferzeit eine dauerhaft seßhafte Lebensweise und die Bodenbearbeitung, ähnliches gilt für Teile des ägäischen Raumes. Dort entwickelte sich in der 1. Hälfte des 4. Jahrtausends v. Chr. eine erste Siedlung (Milet I). In der Zeit bis 3000 v. Chr. kam es zu einer massiven Steigerung der Siedlungstätigkeit, sodass man Tausende von Dörfern annimmt, die miteinander in intensivem Kontakt standen.
Anhand dieser Angaben läßt sich vermuten, daß der genetische Umbruch in Anatolien und das Hereinkommen von iranisch-neolithischer Genetik schon in der Mittleren Kupferzeit ab 5.500 v. Ztr. begonnen haben kann. Womöglich war danach der Raum schon viel zu dicht besiedelt, als daß ein so großer genetischer Umbruch noch hätte vonstatten gehen können, ohne daß dieser von den Archäologen bislang festgestellt worden wäre (abgesehen von James Melaart).

Vielleicht hat sich der hier zu erörternde genetische Umbruch auch durch zwei West-Bewegungen iranisch-neolithischer Bewegung vollzogen, einer in der Kupferzeit und einer in der Bronzezeit. Letzterer könnte dann im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Hatti vom Kaukasus aus nach Anatolien hinein gestanden haben, wodurch es in der Mittleren Bronzezeit - nach James Melaart - zu einer Massenwanderung Richtung Westen und Ägäis gekommen sei (Wiki).

Jedenfalls in der neuen Studie (1) erweist es sich, daß auch die kupferzeitliche Genetik Israels am ähnlichsten ist jener vermutlich ägyptischen Herkunftsgruppe, die in den afroasiatischen Völkern Ostafrikas angetroffen wird (Abb. 1 graue Herkunftsanteile). Dies gilt offenbar nicht für die anatolisch-neolithische Genetik, die es im Neolithikum ab 6.500 v. Ztr. in Ägypten zunächst allein gegeben haben wird (wenn man vom zeitgleichen Südeuropa auf Nordafrika Ägypten schließt, wo sich überall die gleiche Kultur ausgebreitet hat). Aber von 6.500 v. Ztr. bis 1.300 v. Ztr. konnte ja auch in Ägypten noch viel geschehen, auch die genetischen Umbrüche der genannten Art in der Mittleren Kupferzeit (5.500 v. Ztr.) und/oder in der Mittleren Bronzezeit (1.900 v. Ztr.).

Anhand von Abbildung 1 wird jedenfalls sichtbar, wie unterschiedlich groß die jeweiligen genetischen Herkunftsanteile in den jeweiligen heutigen Völkern Ostafrikas sein können. Es wird aber auch deutlich wie sich hier Sprache und Genetik größtenteils gemeinsam miteinander ausgebreitet haben. Denn tatsächlich ist in nilosaharischen Völkern größere Sudan-Hirten-Genetik vorhanden (grün), die sich womöglich ab 6.000 v. Ztr. mitsamt der Schaf- und Ziegenhaltung ausgebreitet hat, in afroasiatischen Völkern deutlich größere kupferzeitliche mediterrane Genetik (grau), die sich vermutlich seit 1.300 v. Ztr. ausgebreitet hat und in Bantu-Völkern größere Anteile Bantu-Genetik, die sich erst ab 500 v. Ztr. in Ostafrika ausgebreitet hat - gemeinsam mit von den Bantu-Völkern betriebenen Ackerbau und der Eisenverarbeitung. Die meisten Völker weisen außerdem geringe Anteile urtümlicher ostafrikanischer Jäger-Sammler-Genetik auf (orange Herkunftsanteile) (Abb. 1).

Wie nun kam es zu dieser jeweiligen Zusammensetzung von genetischen Herkunftsanteilen in den heutigen ostafrikansichen Völkern? Die Herdenhaltung zunächst von Schafen und Ziegen breitete sich ab 6.000 v. Ztr. über Ägypten hinaus in Nordostafrika aus. Offensichtlich entstand im Zusammenhang mit dieser Wirtschaftsform und ihrer Ausbreitung die nilo-saharische Sprachfamilie (Wiki) und die ihr zugehörige "Sudan-Genetik". Sie breitete sich ab 3.000 v. Ztr. vom Sudan aus ins östliche Afrika aus, auch nach Tansania und Kenia. Um 2.500 v. Ztr. erreichte die Herdenhaltung von Schafen und Ziegen Äthiopien. Und schließlich um 0 v./n. Ztr. erreichte sie das südlichste Afrika. Diese Ausbreitungsbewegung war offenbar von den Völkern der nilo-saharischen Sprachgruppe - sowohl sprachlich wie genetisch - getragen.

Ab 1.300 v. Ztr. haben hat sich dann das Hirten-Neolithikum in Ostafrika ausgebreitet und es bestand herkunftsmäßig zu gleichen Anteilen aus kupferzeitlicher mediterraner Genetik und aus Sudan-Genetik. Sprich, Völker zweiter großer Herkunftsgruppen und Sprachfamilien, nämlich der afroasiatischen und der nilosaharischen haben sich irgendwo im Sudan miteinander vermischt und die Wirtschaftsweise der spezialisierten Rinderhaltung ausgebildet und in Ostafrika ausgebreitet.

Um 500 v. Ztr. breiteten sich dann westafrikanischen Bauernvölker der Bantu bis nach Ostafrika aus.


Abb. 3: Verwandtschaftsbeziehungen der afroasiatischen und der nilotischen Völker im Sudan - die ältesten Jäger-Sammler-Völker oben links; kupferzeitliche Bewohner Israels und Ägypter oben rechts; nilotische Völker unten links (gelbe Punkte)


In einem früheren Videovortrag unsererseits (3) war von der genetischen Geschichte der Volks- und Religionsgruppen des Libanon die Rede, wobei sich insbesondere die islamischen Religionsgemeinschaft der Drusen (Wiki) als eine Auffälligkeit herausgestellt hatte. Denn sie hatte nicht jene arabische oder Turkvölker-Genetik in sich aufgenommen, die mit der Verbreitung des Islams sonst in den meisten Volksgruppen im heutigen Verbreitungsgebiet des Islams hinein gekommen ist, wodurch dieses Verbreitungsgebiet nicht nur kulturell und religiös, sondern auch genetisch -  sozusagen - vereinheitlich wurde (3).

Ähnlich wie die Drusen im Libanon sind auch die Kopten (Wiki) in Ägypten genetisch grob als Repräsentanten der südlichen Mittelmeer-Bevölkerung seit der Kupferzeit anzusehen, bevor diese islamisiert und damit auch genetisch "arabisiert" wurde. Denn das genetische Erbe dieser mediterranen Völkergruppe, die auch im Alte Ägypten scheint vorgeherrscht zu haben scheint, und die dort spätestens seit der Kupferzeit (Chalkolitikum) genetisch mit nur wenigen Veränderungen lebte, findet sich - wie gesagt - in den ersten Rinderhirten-Völkern Ostafrikas wieder wie dies in der neuen Studie ausgeführt wird (1). Um darin deren Herkunftsanteil zu verstehen, boten sich den Genetikern die Kopten für die Herkunftsanalyse an wie sie schreiben (mit Bezug auf eine Grafik, die hier als Abbildung 3 eingestellt ist) (1):
Die Verwandtschaftsbeziehungen der heutigen Volksgruppen im Sudan bewegen sich auf einem Gradienten zwischen den Kopten (oben rechts in Abbildung 3 nahe den Individuen aus Nordafrika und dem Levanteraum) und den Volksgruppen, die eine nilotische Sprache sprechen wie die Dinka und die Nuer (unten links).
Present-day  groups  from  Sudan  mostly  lie  along  a  cline  extending  from  Copts (upper right, near individuals from northern Africa and  the Levant) to Nilotic speakers such as Dinka and Nuer (bottom left).
Die Volksstämme der Niloten (Wiki), die zu der nilosaharischen Sprachfamilie gezählt werden, und die größtenteils Rinderhirten sind, und zu denen die bekannten Massai gehören, leben heute in Kenia (3,2 Mio), Uganda (1,8 Mio), Südsudan (1,8 Mio), Tansania (300.000), dem Kongo (100.000), in Äthiopien und Eritrea. Sie werden beschrieben als "sehr dunkelhäutig und oft auffallend groß und schlank" (Wiki). Die Archäogenetiker schreiben weiter (1):
Die genetischen Herkunftsanteile, die dem kupferzeitlichen Israel als Referenz-Individuen nahestehen, können überall im nordöstlichen Afrika oder im Levanteraum entstanden sein und sie können im nordöstlichen Afrika (sprich in Ägypten und im Sudan) vorherrschend gewesen sein für viele tausende von Jahren. Wir benutzen die kupferzeitlichen Individuen in dieser Studie, weil uns eine phylogenetisch nähere Referenzgruppe aus Ägypten, Sudan/Südsudan oder dem Horn von Afrika bislang noch fehlt.
Ancestry related to the Chalcolithic Israel reference individuals could plausibly have originated anywhere in  northeastern Africa or the Levant, and could have been present in northeastern Africa for many thousands of years. We use the Chalcolithic individuals in this study because we lack genetic data from a phylogenetically adjacent reference group from Egypt, Sudan/South Sudan, or the Horn.
Was eben für uns zunächst völlig neu ist: Die heutigen Kopten stehen also nach heutigem Forschungsstand - der sich vermutlich auch nicht mehr großartig verändern wird - genetisch den kupferzeitlichen Bewohnern Israels nahe. Diese Erkenntnis wird nur so im Vorübergehen erwähnt, erscheint uns aber viel bedeutsamer als viele andere Erkenntnisse dieser Studie.

Insgesamt kann also also gesagt werden, daß die Völker der drei Sprachfamilien in Ostafrika seit spätestens 1.300 v. Ztr. bis heute vermutlich im Groben genetische Kontinuität aufweisen.  Und zwar weisen Völker der afroasiatischen Sprachfamilie 40 % kupferzeitliche Mittelmeer-Genetik auf (in der Grafik von Abbildung 3 rechts oben), 40 % einheimische "nilotische" "Sudan-Genetik" (in der Grafik von Abbildung 3 links unten) und 20 % urtümliche Jäger-Sammler-Genetik (in der Grafik von Abbildung 3 links oben), auf Englisch:
Our modeling reveals that the Pastoral Neolithic (PN) individuals had substantial proportions of all three ancestry components (~40% each for those represented by Dinka and by the Chalcolithic Israel individuals, and ~20% related to Mota).
Und noch einmal anders formuliert (1):
Es kann gefolgert werden, daß die afroasiatischen Völker (wie im Hirten-Neolithikum) vergleichsweise ähnlich große Herkunftsanteile aufweisen von Völkern, die heute genetisch von den Dinka und von Völkern, die in dieser Studie vom kupferzeitlichen Israel repräsentiert werden (aber jeweils unterschiedliche Größenanteilen von Jäger-Sammler-Genetik aufweisen), während für die nilotischen Völker gefolgert werden kann, daß sie mehr sudanesische Herkunftsanteile haben).
Afro-Asiatic speakers are inferred (as in PN) to have relatively even proportions of the components represented by Dinka and by Chalcolithic Israel (but with varying proportions of Mota-related ancestry), while Nilo-Saharan speakers are inferred to have more Sudan-related ancestry).
Die Herkunftsgruppe "kupferzeitliches Israel" ist genetisch deutlich näher an der eigentlichen Herkunftsgruppe dieser Völker dran als archäologische Menschenfunde aus Marokko, die ebenfalls auf Verwandtschaft getestet wurden, wie weiter ausgeführt wird (1). Ob die anatolisch-neolitihische Genetik ebenfalls diesbezüglich getestet wurde, wird in der Studie gar nicht gesagt. Damit wird jedenfalls stillschweigend unterstellt, daß die mediterrane Herkunftsgruppe der ostafrikanischen Rinderhirten-Völker spätneolitisch-kupferzeitlicher Zeitstellung ist, nicht frühneolithischer Zeitstellung (in der es die iranisch-neolithische Genetik im östlichen Mittelmeerraum ja noch gar nicht gab).

Abb. 4: Die Entstehung der Völker Ostafrikas aufgrund a) der Ausbreitung der nilosaharischen Völkergruppe nach Süden, dann b) der kupferzeitlichen Völkergruppe des Levanteraumes und Nordafrikas (der Ägypter) nach Süden, wo sie sich mit den im Sudan einheimischen Völkern vermischt haben (graue und grüne Herkunftsgruppe) und c) aufgrund der später erfolgten Vermischung mit zuwandernden Bantuvölker aus Westafrika (blaue Herkunftsgruppe.) In fast allen Völkern kam es auch zu geringen Anteilen von Vermischungen mit ostafrikanischen Jäger-Sammler-Völkern (ockerfarbene Herkunftsgruppe)

Aufgrund der später hinzukommenden Bantu-Genetik verschieben sich die genetischen Verwandtschaftsverhältnisse vom "Hirten-Neolithikum" bis heute noch etwas nach links in der Grafik von Abbildung 3.

Schon 2014 hatten wir hier auf dem Blog geschrieben (14.12.14):
Vom Entstehungsgebiet des Ackerbaus in der heutigen Südtürkei und im Levanteraum (um 10.000 v. Ztr.) wird der Ackerbau sich gemeinsam mit der afroasiatischen Sprachgruppe (...) etwa ab 6.500 v. Ztr. über Nordafrika ausgebreitet haben. Also etwas früher, bzw. zeitgleich zur Ausbreitung des Ackerbaus in Europa. Wobei neben dem Ägyptischen die Berbersprachen eine Hauptrolle spielten, die früher noch eine größere Verbreitung in Nordafrika hatten als heute. Ebenso werden dann die Völker der kuschitischen, omotischen und Tschad-Sprachen im nördlichen Ostafrika entstanden sein jeweils gemeinsam mit der Annahme und Verbreitung des Ackerbaus, bzw. der Rinderhaltung und seßhafter Lebensweise.
2017 ergänzten wir (entsprechend Callaway):
Ein Mann, der 1.000 v. Ztr. in Tansania lebte, hatte Gene sowohl der ostafrikanischen Jäger und Sammler in sich als auch Gene der Ackerbauern aus dem Levanteraum. Zu seiner Zeit wurde in Tansania schon Rinderhaltung betrieben, die sich von hier aus bis Südafrika ausgebreitet haben könnte.
Durch die neue Studie also (1) ist der Kenntnisstand beträchtlich erweitert und abgesichert worden. Über die vermutete Urheimat der afroasiatischen Sprachgruppe heißt es nun auf Wikipedia (Wiki):
Da die Mehrzahl der afroasiatischen Sprachen in Nordafrika beheimatet ist, liegt eine Herkunft aus Nordafrika nahe. Besonders die nordöstliche Sahara oder das heutige nördliche Libyen werden favorisiert. Aufgrund lexikalischer Übereinstimmungen des Afroasiatischen mit dem Indogermanischen, den kaukasischen Sprachen und dem Sumerischen sowie der kulturellen Stellung des rekonstruierten proto-afroasiatischen Vokabulars vertreten einige Wissenschaftler wie z. B. Alexander Militarev dagegen eine Urheimat in der Levante.
Die hier genannten "lexikalischen Übereinstimmungen des Afroasiatischen mit dem Indogermanischen, den kaukasischen Sprachen und dem Sumerischen" korrespondieren, so fällt uns in diesem Zusammenhang auf, mit der Abstammung heutiger indogermanischer, kaukasischer und afrikanischer Völker in größeren oder geringeren Anteilen von der anatolisch-neolithischen Völkergruppe, die den Ackerbau einerseits bis nach Skandinavien und in die Ukraine ausgebreitet hat und andererseits - vermutlich - bis nach Ägypten. Ob man schlußfolgern darf, daß die anatolisch-neolithische Völkergruppe so etwas wie eine Ursprache des afroasiatischen Sprachstammbaums gesprochen hat? Es ist jedenfalls sicherlich eine spannende Fragestellung, wie nun die Ergebnisse der Ancient-DNA-Forschung in Beziehung gesetzt werden können zur Entstehung und Ausbreitung nicht nur der indogermanischen Sprachfamilie (das ist ja schon sehr gut geschehen), sondern hier nur auch der afroasiatischen Sprachfamilie.

Während also im Spätneolithikum zur anatolisch-neolithischen Genetik in Europa die indogermanische Genetik aus der Steppe hinzugekommen ist, kam in Anatolien und im östlichen Mittelmeerraum - auf noch nicht gänzlich geklärte Weise die iranisch-neolithische Genetik hinzu. Im östlichen Mittelmeer-Raum und auch im Levanteraum (heutiges Israel) und Ägypten lag also seit der Kupfer- und Bronzezeit eine Genetik vor, die etwa zur Hälfte anatolisch-neolithische und zur anderen Hälfte iranisch-neolithische Genetik repräsentierte (siehe Abbildung 2, Grafik aus Damgaard 2018, links unten).

Das ist dann jene Genetik wie sie bis zum Ende der Antike im Mittelmeerraum - in der Breite der Bevölkerung insgesamt - scheint vorgeherrscht zu haben, und wie sie sich in Reliktgruppen daselbst noch gehalten hat - etwa bei den christlichen Kopten in Ägypten oder den muslimischen Drusen im Libanon und wie sie auch ihren Beitrag geleistet hat zur Entstehung der heutigen ostafrikanischen Völker.

Ergänzung 9.7.2019: Nur einen Tag nach Veröffentlichung dieses Blogartikels erscheint genau zu der Frage dieses Blogartikels eine neue Forschungsstudie im Preprint (9). Ihr Ergebnis lautet (9):
Ähnlich wie bei der minoischen und der tunesisch-jüdischen Bevölkerung kann die nichtafrikanische genetische Komponente bei den Äthiopiern am besten modelliert werden als eine Mischung von 85 % anatolisch-neolithischer und von 15 % kaukasischer Jäger-Sammler-Genetik.
Similarly to Minoan and Tunisian Jewish populations, the non African component of Ethiopian populations can be best modelled as a mixture of ∼ 85% Anatolian_N and ∼ 15% CHG composition of ancestries.
Die Studie kann sich vorstellen, daß diese Genetik um 1.000 v. Ztr. von den Seevölkern nach Äthiopien gebracht worden ist. Das scheint uns aber doch eine viel zu weitgehende Spekulation zu sein. Es wäre aber interessant zu erfahren, was David Reich, der Leiter der Forschungsgruppe, die (1) herausgebracht hat, dazu zu sagen hätte.
__________________________________________
  1. Ancient DNA reveals a multistep spread of the first herders into sub-Saharan Africa  By Mary E. Prendergast, Mark Lipson,(...) David Reich. In: Science, 5. Juli 2019, Vol. 365, Issue 6448, DOI: 10.1126/science.aaw6275, https://reich.hms.harvard.edu/sites/reich.hms.harvard.edu/files/inline-files/2019_PrendergastLipsonSawchuk_Science_PastoralNeolithic_1.pdf
  2. Peter de Barros Damgaard; Eske Willerslev uvm.: The first horse herders and the impact of early Bronze Age steppe expansions into Asia. In: Science, 29.6.18, http://science.sciencemag.org/content/360/6396/eaar7711 
  3. Bading, Ingo: Völker Asiens, Völker Europas - Euer Werden, Euer Überleben!, https://youtu.be/ffqVANXdITQ, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/05/ihr-volker-asiens-ihr-volker-europas.html 
  4. Bading, Ingo: Europäische Gene in Afrika ab 6.500 v. Ztr. - Spannende neue Erkenntnisse aus der Erforschung der Genome der Afrikaner. 8. Dezember 2014, http://studgendeutsch.blogspot.com/2014/12/buschleute-waren-einst-die-grote.html
  5. Bading, Ingo: Wie kam das Ursprungsvolk der Bantu-Völker zum Ackerbau? 14. Dezember 2014, https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/12/wie-kam-das-ursprungsvolk-der-bantu.html
  6. Callaway, Ewen: Ancient-genome studies grapple with Africa’s past - Clutch of DNA analyses show that ancient humans moved around on the continent far more than has been appreciated. In: Nature, 06 July 2017, http://www.nature.com/news/ancient-genome-studies-grapple-with-africa-s-past-1.22272
  7. Bading, Ingo: Die Indogermanen, ihre Nachbarvölker, ihre Ausbreitungsgebiete - Neue Forschungen, 26.6.2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/06/die-indogermanen-ihre-nachbarvolker.html
  8. Bading, Ingo: 2.200 v. Ztr. - Kriegerische Glockenbecherleute im westlichen Mittelmeer-Raum, kriegerische Hethiter in Anatolien Eine neue Ancient DNA-Studie zur Geschichte der Indogermanen im Mittelmeer-Raum der Bronzezeit. 3. April 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/04/2200-v-ztr-kriegerische.html
  9. West Asian sources of the Eurasian component in Ethiopians: a reassessment - Ludovica Molinaro, Francesco Montinaro, Toomas Kivisild, Luca Pagani, 8.7.2019, doi: https://doi.org/10.1101/694299 (This article is a preprint and has not been peer-reviewed), https://www.biorxiv.org/content/10.1101/694299v1
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