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Samstag, 14. März 2020

"Bamboo ceiling" - Das Weiterwirken ethnischer Mentalitäten in modernen Firmenkulturen

Die Benachteiligung von Ostasiaten in Führungspositionen der USA

Ostasiaten - also Menschen chinesischer, koreanischer und japanischer Abstammung - sind in Bezug auf das Erreichen von Führungspositionen in den USA sehr stark benachteiligt. Dieser Umstand wird gegenwärtig unter dem Stichwort "Bamboo ceiling" (Wiki), also "Bambus-Decke" erörtert. Dieses Wort ist eine Metapher dafür, daß Ostasiaten Führungspositionen oft in unmittelbarer Sichtweite über sich sehen, sie aber dennoch nie erreichen. Dieses Thema belehrt einmal erneut eindrucksvoll über die großen Mentalitäts-Unterschiede zwischen Kulturen und wie diese sich auf das tägliche Leben und auf Firmenkulturen auswirken.

Abb. 1: Fischersmann und Fischersfrau,
 gemalt von dem chinesischen Maler
Huang Shen (1687-1772) (Wiki)

Man hatte bislang bei diesem Thema alle Asiaten in einen Topf gesteckt, es waren also auch die Inder zu dieser benachteiligten Gruppe gezählt worden. Eine neue Studie (1) macht aber nun darauf aufmerksam, daß sogar Weiße gegenüber Indern in Führungspositionen der USA benachteiligt sind (wenn man den jeweiligen Anteil in Führungspositionen in Beziehung setzt zu dem Anteil der jeweiligen Ethnie in der Gesamtbevölkerung). Und die Studie benennt als Ursache für diese starken Unterschiede zwischen Ostasiaten und Indern die Eigenschaft, bzw. das Persönlichkeitsmerkmal "Durchsetzungsvermögen".

Bei dieser Gelegenheit versteht man vielleicht auch zum ersten mal besser die Bedeutung der Inhalte des Buches von Angela Saini "Geek Nation - How Indian Science is Taking Over the World" (2). Saini ist Engländerin indischer Abstammung. Und in England dürften die Inder auch keine geringe Rolle in Führungspositionen spielen.

Die Bedeutung des Themas insgesamt wird an folgendem Umstand erkennbar (Wiki): Asiaten machen nur 5,6 % der Einwohner der USA aus, sie haben aber Anteil an 50 % der Technologie-Industrie im Silicon Valley, also der Zukunftstechnologie.

Die Tatsache, daß es derzeit noch so gut wie keine deutschsprachigen Artikel über das Thema "Bamboo celing" gibt (Ausnahme: 3), zeigt, daß Deutschland offenbar noch nicht in dem Umfang eine multikulturelle Gesellschaft ist oder als solche wahrgenommen wird wie die USA (oder Großbritannien).

Es ist sehr interessant, wie das Verhalten von Ostasiaten innerhalb von Firmenkulturen in diesem Zusammenhang beschrieben wird. Sie werden "als fleißige Arbeitsbienen" wahrgenommen, die nicht auffallen, die sich aber auch nicht zu Wort melden, wenn kontrovers diskutiert wird. Hingegen scheint es auch wieder nicht gut zu laufen, wenn sie sich im Widerspruch zu diesem weit verbreiteten Klischee verhalten (3):

"Einem temperamentvollen Asiaten werde leicht nachgesagt, daß er dazu neigt, die Fassung zu verlieren, sagt Psychologin Kawahara. Eine Studie der Universität Toronto zu Klischees am Arbeitsplatz wies nach: Emotional oder dominant auftretende Asiaten wurden von ihren weißen Kollegen häufig geschnitten. Eine gängige Forderung sei, daß sie sich den Erwartungen entsprechend verhalten und 'da bleiben sollen, wo sie hingehören', schreiben die Autorinnen Jennifer Berdahl und Ji-A Min."

Schlußfolgerung: Der Ethnozentrismus (Wiki) ist in jedem von uns viel tiefer drin als die meisten Menschen wahrhaben oder sich eingestehen wollen. Es tragen viele Faktoren zu ihm bei. 1. Unterschiedliche angeborene Muster in der Wahrnehmung, in emotionalen Reaktionen, im Denken, im Handeln, 2. frühkindlich durch Muttersprachenerwerb geprägte ebensolche Muster in der Wahrnehmung, in den Emotionen, im Denken und im Handeln, sowie 3. durch Religionen wie Stammesreligionen oder Konfuzianismus, Buddhismus oder Christentum seit Jahrhunderten gebahnte Muster und 4. schließlich alle mehr bewußter in der Peer-Group, in Schule und Ausbildung in der Gegenwart gebahnte, eingeübte, gelernte und antrainierten entsprechenden Muster. Es können zwischen diesen Ebenen durchaus Widersprüche bestehen, also Widersprüche zwischen dem in oberen Bewußtseinsschichten verschalteten Mustern zu Muster, die in tieferen Bewußtseinsschichten verschaltet sind. Sehr unterschätzt wird in dieser Hinsicht auch noch die Prägung der Kinder durch die vorherrschenden Rhythmen, bzw. durch den "Geist" der vorherrschenden Musikkultur, sprich, heute, der (außergewöhnlich unernsten, infantilisierten) "Pop-Kultur".

Ethnozentrismus ist auch durch multikulturelle Gesellschafts-Experimente nicht aus der Welt zu schaffen

Man versteht jedenfalls insgesamt, was für ein großer emotionaler Aufwand von Seiten der großen Medienanstalten betrieben werden muß, um einerseits neue, fast künstlich erdachte, gesellschaftliche Leitbilder zu kreieren und diese dann auch noch weltweit durchzusetzen zu wollen und dabei einheitlichere Ethnien und Nationen zu multikulturellen Nationen umzugestalten zu wollen und andererseits dabei auch noch ethnozentrisch verursachte Benachteiligungen einzelner Ethnien vermeiden zu wollen.

Es wird nachvollziehbar: Man braucht starke Feindbilder und muß über ausgebaute Machtpositionen - in Medienanstalten und anderwärts - verfügen, muß - zum Beispiel über Pop-Kultur - ganze Völker denkunfähig gemacht haben, um es sich zuzutrauen, das Widerstreben von Gesellschaften gegenüber solchen riesigen, gesellschaftlichen Umformungsprozessen überwinden zu können. Dieses Überwinden geschieht gegenwärtig dadurch, daß sie emotional außergewöhnlich stark polarisiert werden und dadurch über kurz oder lang zur Unterwerfung unter das neue Leitbild gezwungen werden. Es erscheint sehr zweifelhaft, daß solches Wollen, solche neuen, künstlichen und polarisierenden Leitbilder aus "der Mitte der Gesellschaft" heraus entstanden und kreiert worden sind. Dazu sind sie wohl doch viel zu künstlich und dazu ist der Besitz von Medienanstalten heute viel zu monopolisiert.

Vielmehr macht die weltweite Geschichte der letzten hundert Jahre ja ausreichend erkennbar: Man schreckt zur Erreichung solcher Ziele ja auch nicht vor Kriegen, Bürgerkriegen, Völkermorden und Atombomben zurück. Die Geschichte und Gegenwart erweisen dies zur Genüge.

Die Inder - Spielen sie eine besondere Rolle in der Weltgeschichte?

Das "Konzert der Nationen": Die Weltgeschichte hat bei der Schaffung von Hochkulturen viele Möglichkeiten bereit gestellt, komplexe arbeitsteilige Gesellschaft zu leben. Mit der hier behandelten Studie sehen wir die ostasiatische Möglichkeit, die indische Möglichkeit und die europäische Möglichkeit. Wenn es um IQ-starke Ethnien ging, sind die Inder bislang vielleicht nicht genügend als solche wahrgenommen worden, weil man ihre eigentümlichen Leistungen innerhalb der USA oder Großbritanniens nicht ausreichend für sich in den Blick genommen haben mag.

Diese neue Studie macht aber nun auf diese aufmerksam. Wenn es um wirtschaftlichen und kulturellen Erfolg geht, kommt es eben nicht nur auf Intelligenz an, sondern auch auf angeborene und kulturell geformte Verhaltensdispositionen. Während Europäer hinsichtlich ihres Verhaltens zu sehr viel Exzentrizität neigen, neigen Ostasiaten im Alltag hingegen - aufgrund ihrer an eine Konsens-Kultur angepaßte Mentalität - zu sehr viel weniger Exzentrizität. Womöglich halten die Inder diesbezüglich eine "günstige Mitte" inne? Besitzt ihre Mentalität damit womöglich eine Zukunftsfähigkeit, die die beiden anderen genannten großen Herkunftsgruppen der Menschheit nicht besitzen? Das mag zunächst nur eine vage Vermutung sein. Ihr kann und sollte aber womöglich weiter nachgegangen werden.

- Und soeben ist auch ein Artikel erschienen darüber, daß auch in Indien nicht alle Ethnien in gleichem Maße in der Wissenschaft Karriere machen, sondern daß dort die Jahrhunderte alte Ethnien der Brahminen die Wissenschaft dominieren. Das läge daran, daß die Brahminen schon seit Jahrhunderten mehr Geduld aufweisen würden für den Wissenserwerb und nicht auf das "schnelle Geld" aus wären (5). Auch wieder sehr interessant. Ein außergewöhnlicher Beitrag indischer Wissenschaftler zur Wissenschaft allgemein ist einem allerdings bislang wohl auch noch nicht aufgefallen. 

[26.5.2022] Das mangelnde verbale Durchsetzungsvermögen ("assertitiveness") von Ostasiaten führt auch dazu, daß sie in rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten weniger erfolgreich sind als dies in andere Wissenschaftsbereichen der Fall ist. Wiederum gilt dies nicht für Inder (6, 7).

_______ 
  1. Why East Asians but not South Asians are underrepresented in leadership positions in the United States Jackson G. Lu, Richard E. Nisbett, and Michael W. Morris PNAS March 3, 2020 117 (9) 4590-4600; first published February 18, 2020, https://www.pnas.org/content/117/9/4590
  2. Angela Saini: Geek Nation: How Indian Science is Taking Over the World. 2011
  3. https://www.merckgroup.com/de/pro/articles/beyond-the-bamboo-ceiling.html
  4. https://www.pnas.org/content/117/10/5100
  5. Renny Thomas: Brahmins on India’s elite campuses say studying science is natural to upper castes: Study I researched Brahmin domination in science in India. 13 March, 2020, https://theprint.in/opinion/brahmins-on-india-campuses-studying-science-is-natural-to-upper-castes/378901/
  6. Lu, Jackson G., Richard E. Nisbett, and Michael W. Morris. "The surprising underperformance of East Asians in US law and business schools: The liability of low assertiveness and the ameliorative potential of online classrooms." Proceedings of the National Academy of Sciences 119.13 (2022): e2118244119, https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2118244119 
  7. Xie, Yu. "A bamboo ceiling in the classroom?." Proceedings of the National Academy of Sciences 119.22 (2022): e2203850119; https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2203850119

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Das Auf und Ab der Geschichte der Cucuteni-Tripolje-Kultur

Die Indogermanen kommen nach Siebenbürgen (3500 v. Ztr.)
- Neue Forschungen aus Genetik und Archäologie 
- Anhang: Allgemeinere Überlegungen zu Geschichte und Wesen des Indogermanischen

[23.12.2019] Im November 2019 ist eine neue archäogenetische Studie zur Ankunft der (indogermanischen) Steppen-Genetik in den protourbanen Donaukulturen, den Cucuteni-Tripolje-Kulturen (Wiki) erschienen (2) (s. Abb. 1).

Abb. 1: Ankunft der Steppen-Herkunft in der Cucuteni-Tripolje-Kultur ab 3.500 v. Ztr. (aus: 2)

Die Studie ... (2)

.... präsentiert Genom-weite Daten aus Skeletten von vier Frauen, die in zwei späten Cucuteni-Tripolje-Ortschaften in Moldawien (3.500-3.100 v. Ztr.) gefunden wurden. Alle Individuen waren gekennzeichnet durch eine umfangreiche neolithisch-geprägte genetische Herkunft, sie standen hierbei der Bandkeramik genetisch näher als den (ursprünglichen) anatolischen Bauern. Drei der Frauen wiesen ebenfalls ein beträchtliches Ausmaß an Steppen-Herkunft auf, was einen Zustrom von Genen des ukrainischen Steppen-Mesolithikums in den Cucuteni-Tripolje-Genpool nahelegt. Dieses Szenarion wird durch archäologische Belege untermauert. Unsere Ergebnisse bestätigen, daß die Steppenkomponente in den östlichen Bauernkulturen schon um 3.500 v. Ztr. angekommen war.
Original: ... present genome-wide data generated from the skeletal remains of four females that were excavated from two Late CTC sites in Moldova (3500-3100 BCE). All individuals carried a large Neolithicderived ancestry component and were genetically more closely related to Linear Pottery than to Anatolian farmers. Three of the specimens also showed considerable amounts of stepperelated ancestry, suggesting influx into the CTC gene-pool from people affiliated with, for instance, the Ukraine Mesolithic. The latter scenario is supported by archaeological evidence. Taken together, our results confirm that the steppe component had arrived in eastern Europe farming communities maybe as early as 3500 BCE. In addition, they are in agreement with the hypothesis of ongoing contacts and gradual admixture between incoming steppe and local western populations.

Die bisher genetisch bestimmten Menschen dieser Kultur und Zeitstellung sehen wir in Abb. 1 ganz links. Der dunkelblaue Herkunftsanteil geht zurück auf die bäuerliche anatolisch-neolithische Völkergruppe (einschließlich Bandkeramik), der braun-orange Herkunftsanteil geht nun zurück auf dieselbe Steppen-Herkunft, die sich auch in der Yamnaja-Kultur findet (Abb. 1 ganz rechts). Um 3.500 v. Ztr. ist dieser Herkunftsanteil in den Menschen von Moldawien noch nicht sehr umfangreich vorhanden, aber immerhin - er ist sehr deutlich vorhanden. Das heißt, daß sich die Menschen der Steppe zunächst allmählich in die Bauernkulturen der Ukraine, Moldaviens und Siebenbürgens eingemischt haben (2):

Für das Skelett Pocrovca 1 (...) sind die folgenden Herkunftsanteile naheliegend: Bandkeramik 41 bis 60 %, Steppen-Herkunft 8 bis 18 % und Herkunft von westeuropäischen Jägern und Sammlern 29 bis 41 %.
Pocrovca 1 yielded a feasible three-way admixture model suggesting the following proportions: LBK (41-60%), steppe-related ancestry (8-18%) and WHG (29-41%). 

Der hellblaue Herkunftsanteil in Abb. 1 geht zurück auf die dunkelhäutigen westeuropäische Jäger und Sammler, wobei allerdings nicht klar wird, wo die osteuropäischen Jäger und Sammler zu finden sind und ob die nicht auch darunter summiert sind. Zu den westeuropäischen Jägern und Sammlern ist zu sagen, daß diese sich schon vor der Ausbreitung des Ackerbaus so weit nach Osteuropa ausgebreitet hatten und daß ihre Nachkommen nach dem Untergang der Bandkeramik in Moldavien nicht unbeträchtlich zur Ethnogenese der mittelneolithischen Cucuteni-Tripolje-Kultur beigetragen haben werden.

Schon in einem Blogbeitrag von vor wenigen Wochen haben wir darauf hingewiesen, daß die frühesten Schnurkeramiker Mittel- und Nordeuropas vermutlich noch gar keine neolithische Bauerngenetik aufgewiesen zu haben. (In Abb. 1 sind diese bislang noch selten untersuchten frühesten Schnurkeramiker offenbar noch gar nicht eingetragen, unter "Corded Ware" jedenfalls nur spätere.) Bei den Schnurkeramikern handelt es sich also, so wird auch in dieser Studie geschlußfolgert, um Zuwanderungen direkt aus dem Kernraum der Steppenvölker heraus nach Mitteleuropa, nicht um Zuwanderungen aus den Vermischungsgebieten auf dem Territorium der vormaligen Cucuteni-Tripolje-Kultur. (Diesen Umstand scheint uns der bekannte Blogger "Davidski" in seinem Kommentar auf dem Preprint-Server noch übersehen zu haben.) Ähnliches könnte dann auch für die Glockenbecher-Kultur ("Bell Beaker") gelten, die ja eine ganz ähnliche genetische Signatur aufweist wie die Schnurkeramiker-Kultur (s. Abb. 1).

Soweit die neueste Archäogenetik zur Geschichte dieses Raumes. 

Das Auf und Ab der Geschichte der Cucuteni-Tripolje-Kultur

In einer ebenfalls in diesem Jahr erschienenen rein archäologischen Studie (1) wird die Geschichte der protourbanen Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki) anhand statistischer Auswertungen auf gleich mehreren Ebenen nachgezeichnet, wobei ein starker Bevölkerungseinbruch um 3.500 v. Ztr. deutlich wird (Abb. 2). Dieser tritt aber tatsächlich erst in der letzten Endphase dieser Kultur auf. Vorausgegangen ist ihm eine lange Phase erhöhter kriegerischer Aktivität, gemessen an Pfeilfunden und Verteidigungsanlagen rund um Siedlungen (Abb. 2). Auch das Auf und Ab der Bodenqualität und des Anteils des Jagdwildes am gesamten Fleischkonsum kann für über ein Jahrtausend vor diesem Ereignis nachgezeichnet werden (Abb. 2).

Abb. 2: Bevölkerungsdichte und Wirtschaftsweise in der heutigen Ukraine und im heutigen Rumänien 4.500 bis 3000 v. Ztr. (aus: 1)

Das soll im folgenden noch etwas genauer erläutert werden. Um 5.500 v. Ztr. ist die Bodenqualität der Schwarzböden in der Ukraine, in Moldawien und Siebenbürgen (Rumänien) hervorragend. Ab dieser Zeit geht sie aufgrund des Bevölkerungswachstums der frühneolithischen Kulturen sehr schnell zurück und erreicht um 4.800 v. Ztr. einen Wert, der unseren modernen Braunböden entsprechen wird. 4.800 v. Ztr. ist die Zeit des Untergangs der Bandkeramik, die sich auch bis in die Ukraine ausgebreitet hatte. (Die Bevölkerungsgröße in bandkeramischer Zeit scheint nicht eingezeichnet zu sein.) Hier sehen wir also womöglich eine der Ursachen der Instabilität der bandkeramischen Kultur: die Bodenqualität. Womöglich hatten die Menschen noch nicht gelernt, die Bodenqualität durch Düngung und Brache zu pflegen und hatten plötzlich viel weniger ertragreiche Böden, ein Umstand, auf den sie zunächst womöglich nicht reagieren konnten.

In dieser Zeit des Niedergangs wurde nun wieder deutlich mehr Wild gejagt und konsumiert als zuvor. Dies ist an dem Prozentsatz der Knochen von Wildtieren unter den Tierknochen-Funden in den menschlichen Siedlungen ablesbar (s. Abb. 2, "faunal remains"). Er erreichte wieder Werte zwischen 50 und 60 %, sank in den folgenden Jahrhunderten dann aber wieder auf 30 % oder noch geringer ab.

Denn von diesem Tiefpunkt am Ende der Bandkeramik ab wächst die Bodenqualität dann wieder deutlich an. Und das obwohl zeitgleich auch die Bevölkerungsgröße weiter wächst (siehe "Area of settlements"). In letzterem Umstand dürften die Entwicklungen ab dieser Zeit in Mitteleuropa und in Südosteuropa auseinander laufen. Eine so hohe Siedlungsdichte wie im Frühneolithikum wurde in Mitteleuropa erst im Frühmittelalter wieder erreicht. In Südosteuropa verlief diese Entwicklung aber - wie hier nun deutlich wird - für eintausend Jahre lang - sehr viel beschleunigter. Vielleicht konnte dort durch neue Anbaumethoden (z.B. Brache, Düngung, Rinder-gezogener Pflug) die Bodenqualität wieder verbessert werden und so schließlich sogar noch einen höheren Wert erlangen als der Ausgangswert vor der Einführung des Ackerbaus betragen hatte (siehe Abb. 2, "soil quality").

Zwischen 4.500 und 3.900 v. Ztr. erreichte die Bodenqualität im Zeitverlauf nämlich ihren sehr deutlichen Höhepunkt. Dieser Zeitabschnitt wird als Zeit großen wirtschaftlichen Wohlstandes und Reichtums in der Cucuteni-Tripolje-Kultur (und in der zeitgleichen, nördlicheren Kugelamphorenkultur) gedeutet werden können. Und dieser Reichtum lockte die kriegerischen Kulturen der Indogermanen vom Mittel- und Unterlauf der Wolga an, die dort parallel in der Zeit nach dem Untergang der Bandkeramik entstanden waren. Pfeilspitz-Funde ("arrow caches"), die ein Hinweis auf die jeweilige Intensität kriegerischer Ereignisse sein werden, zeigen schon um 4.400 v. Ztr. einen ersten Höhepunkt. Weitere Höhepunkte folgen in den nachfolgenden Jahrhunderten bis 4.000 v. Ztr..

Auf das erste Auftreten der Bogenwaffe reagieren die reichen Kulturen der Ukraine und Siebenbürgens mit der Befestigung ihrer Siedlungen (s. Abb. 2, "settlement fortification"). Diese setzt ab 4.500 v. Ztr. ein und erreicht um 4.300 v. Ztr. ihren deutlichen Höhepunkt. Und sie hält weiter an bis 3.900 v. Ztr.. Der erarbeitete Wohlstand und Reichtum waren also von Anfang an begehrt und umkämpft und mußte verteidigt werden, entweder in Kriegen dieser Völker untereinander (Stamm gegen Stamm) oder in Kriegen gegen - z.B. - die indogermanische Steppenkultur.

Es muß nicht unwahrscheinlich sein, daß sich die Steppengenetik schon - ebenso wie in Warna - ab 4.300 v. Ztr. in der Cucuteni-Tripolje-Kultur eingemischt hat. Nachgewiesen ist das nicht. Aber soweit übersehbar, kann das auch nicht ausgeschlossen werden.

Über fast tausend Jahre hinweg scheint es dabei - dennoch - gelungen zu sein, die sozioökonomische Stabilität und den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Organisationsgrad aufrecht zu erhalten oder sogar noch auszubauen. Auffallenderweise gehen die Befestigungsanlagen schon ab 4.000 v. Ztr. wieder deutlich zurück. Und ab 3.900 v. Ztr. geht auch recht deutlich die Bodenqualität zurück. Womöglich hat sich ab dieser Zeit wieder vermehrt Herdenhaltung ausgebreitet.

Vielleicht kam es schon in jenen Jahrhunderten zu einer schrittweisen "Integration" der östlichen Nachbarn als "Föderaten" oder auch in Führungsschichten (sichtbar schon um 4.300 v. Ztr. in Varna) ähnlich wie dies im Römischen Reich Jahrtausende später geschah. Sollte es schon ab etwa 4.000 v. Ztr. eine irgendwie geartete "Integration" gegeben haben, ist sie archäologisch bislang aber nicht deutlich sichtbar. (Immerhin sichtbar in der Genetik, siehe neue Einleitung oben!) Sie geschah unter Beibehaltung oder sogar noch Steigerung der bisherigen Wirtschaftskraft, bzw. unter nur gradueller Veränderung derselben. Um 4.100 v. Ztr. erreichen Siedlungsgröße und -dichte in der heutigen Ukraine und in Siebenbürgen ihren Höhepunkt (s. Abb. 2, "Area of settlements"). Da die Schwarzböden nun offenbar sehr intensiv angebaut werden, tragen die Flüsse mehr Erde in das Donau-Delta, wo sie sich ablagert ("Danube delta sedimentation").

Zeichen des Niedergangs

Ein erster, noch geringerer Einbruch in der Bevölkerungsgröße und -dichte erfolgt ab 4.000 v. Ztr., er verstärkt sich dann aber sehr deutlich um 3.700 v. Ztr.. Um 3.500 v. Ztr. könnte die Bevölkerung auf ein Viertel ihres vormaligen Höchstwertes um 4.400 v. Ztr. zurückgegangen sein. Dies ist die Zeit, in der der "Ötzi" in Tirol mit seinem Kupferbeil lebte und an in der in der Ukraine und in Siebenbürgen die Bronzezeit begann. Eine indogermanische Kultur begann, sich zwischen der einheimischen Bauernkulturen auszubreiten. In der Studie heißt es (1):

Bislang vorliegende Radiokarbon-Daten und Keramik-Serien in der Ukraine legen eine nur kurze Periode der Gleichzeitigkeit zwischen der Endphase des (rein bäuerlichen) Eneolithikums und der frühbronzezeitlichen (Steppen-)Gruppen nahe (Diachenko and Harper, 2016) und deshalb auch einen schnellen Übergang zwischen ziemlich unterschiedlichen kulturellen Horizonten. In dieser Studie verfolgen wir hingegen die Hypothese, daß die eneolithischen Gesellschaften der Ukraine, Moldawiens und Rumäniens über den Verlauf des vierten Jahrtausends v. Ztr. hinweg allmählich in eine Viehherden-Ökonomie überging, und daß dies unabhängig von der späteren Ansiedlung von frühbronzezeitlichen (Steppen-)Gruppen in der Region geschah.
Original: Existing radiocarbon data and pottery seriation in Ukraine suggest only a brief period of synchronicity between Terminal Eneolithic and EBA groups (Diachenko and Harper, 2016) and, therefore, a rapid transition between fairly discontinuous cultural horizons. In this paper we present the hypothesis that the Eneolithic societies of Ukraine, Moldova and Romania gradually transitioned to a pastoral economy over the course of the fourth millennium BCE, and that this occurred independently of the later establishment of EBA cultural groups in the region.

Nun, daß dies ganz unabhängig von Steppen-Gruppen geschehen ist, wird ja inzwischen schon durch die einleitend erwähnten neuen archäogenetischen Daten eher widerlegt. Aber die Bevölkerungsgröße erholte sich doch noch einmal von dem Bevölkerungseinbruch von 3.500 v. Ztr. und verdoppelte sich bis 3.400 v. Ztr.. Womöglich ist daran die Zähigkeit erkennbar, mit der sich diese weit entwickelte Kultur ihrem Untergang entgegen stemmte Erst danach pendelte sich die Bevölkerungsgröße dauerhafter auf einem niedrigeren Niveau ein.

Abb. 3: Die Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur 4.500 bis 3.500 v. Ztr. (aus: 1)

Es bildete sich dann eine Mischkultur von Herdenhaltern der Steppe und einheimischer Bevölkerung aus. Die Bronzezeit hatte begonnen. Die große mittelneolithische Cucuteni-Tripolje-Kultur mit ihren "Megasites", mit ihren Großsiedlungen, deren geographische Verbreitung sich auf Abbildung 3 zeigt, war untergegangen. Die Angabe zu "site relief" in Abb. 2 soll wohl anzeigen, daß die Zahl der Siedlungsstellen womöglich noch wuchs, jede für sich aber deutlich kleiner geworden war. Die Forscher fassen die Ergebnisse ihrer Studie folgendermaßen zusammen (1):

Die wirtschaftlichen Veränderungen vollzogen sich allmählich, in ihrem Ausdruck regional vielfältig und gehen der Ankunft der frühbronzzeitlichen (Steppen-)Völker voraus.
Economic changes were gradual, regionally diverse in their manifestation and pre-date the arrival of EBA populations in Eastern Europe.

Ob es aber - wie von uns angedeutet und wie von der Archäogenetik neuesten nachgewiesen (siehe Einleitung oben) - schon zuvor schrittweise Integrationen dieser östlichen Steppen-Völker gegeben hat, wird in dieser Studie nicht konkreter in Erwägung gezogen.*) In der Studie wie auch auf Wikipedia ist die Rede von (Wiki):

... der kurzen historischen Gleichzeitigkeit von Cucuteni-Tripolje (4.800-3000 v. Ztr.) und der (östlichen, indogermanischen) Yamnaja-Kultur (3.300-2.600 v. Ztr.)
Original: ... the limited common historical life-time between the Cucuteni–Trypillia (4800–3000 BC) and the Yamnaya culture (3300–2600 BC); given that the earliest archaeological findings of the Yamnaya culture are located in the Volga-Don basin, not in the Dniester and Dnieper area where the cultures came in touch, while the Yamnaya culture came to its full extension in the Pontic steppe at the earliest around 3000 BC, the time the Cucuteni-Trypillia culture ended, thus indicating an extremely short survival after coming in contact with the Yamnaya culture. (...) The kurgans that replaced the traditional horizontal graves in the area now contain human remains of a fairly diversified skeletal type approximately ten centimetres taller on average than the previous population.

Daraus wäre zu folgern, daß es sich bei den genetischen Einmischung, die schon um 3.500 v. Ztr. sichtbar sind, um Genetik von Vorgängerkulturen der Jamnaja-Kultur handeln wird. Und es ist die Rede von einem nur kurzzeitigen Überleben der Cucuteni-Tripolje-Kultur nachdem sie mit der Jamnaja-Kultur in Berührung gekommen war. Unter den Kurganen, die die vorherige Grabform ersetzten, waren nun Menschen begraben, die durchschnittlich zehn Zentimeter größer waren als die vorherige Bevölkerung (1).*)

Hoher Organisationsgrad der "Megasites"

Ergänzung (6.7.22): Der hohe gesellschaftliche Organisationsgrad der "Megasites", sowie der Organisationsgrad ihrer Landwirtschaft, dabei auch die Knappheit an Land wird in einer detaillierten neuen Untersuchung mittels massenweiser Isotop-Analysen von Tierknochen solcher "Megasites" deutlich. Deren Ergebnisse werden aktuell folgendermaßen zusammen gefaßt (6):

Die intensive Beweidung durch Rinder, vermutlich Milchkühe in hoher Zahl auf räumlich beschränktem Weideland legt nahe, daß qualitativ hochwertiges Weideland eine begrenzte Ressource am Siedlungsort Madanetske darstellte, und daß der Zugang zur Weide zwischen Haushalten ausgehandelt werden mußte. (...) Rinder-Dung, der sich auf diesen Weiden ansammelte, könnte ebenfalls als eine Gemeinschafts-Ressource angesehen worden sein, nutzbar für die routinemäßige Düngung der Anbauflächen. Wenn dies der Fall war, wären landwirtschaftliche Aktivitäten ebenfalls an die Gesellschaft gebunden gewesen, selbst wenn der Getreideanbau durch einzelne Haushalte erfolgt sein sollte. (...) All dies bezeugt die tief eingewurzelte Rolle sorgfältiger Raumnutzung - am deutlichsten sichtbar in dem konzentrischen Grundriß der Tripolje-Megasites.
The intensive grazing of some cattle, probably dairy cows, at high stocking rates in spatially restricted pastures suggests that high-quality pasture was a limited resource at Maidanetske and that pasture access was negotiated between households, or, if cattle were communally held by several households, through integrative activities perhaps directed within the built environments of ‘mega-structures’. The practice of intensive pasturing itself therefore may have also served socially cohesive functions. Cattle dung, concentrated on specific pastures, may have also been a community resource, available for routine fertilising of agricultural plots. If this was the case, agricultural activities were also tied into the community, even if cropping was undertaken at the household level. At the same time, the partitioning of the local landscape, exemplified in extensive pasturing systems and the different roles played by domesticated animals in those landscapes, also suggests that access to pastures was further determined by intra- and inter-community cooperation or competition. Altogether, this attests to the deep-seated role of careful spatial calculations - most visible within the concentric planning and layout of Trypillia mega-sites - in maintaining and reifying Trypillia social organisation.

Da die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann, daß die Steppen-Herkunft schon vor Entstehung der "Megasites" in der Ukraine in die Menschen der Cucuteni-Tripolje-Kultur eingemischt war (Studgen2022), könnte auch aus solchen Forschungen die Erkenntnis abgeleitet werden, daß das indogermanische Element - sowohl genetisch wie kulturell - von Anfang an nicht nur zerstörend, anarchisch und ausbeutend, sondern auch aufbauend, organisierend und disziplinierend in der Weltgeschichte aufgetreten sein könnte. Um dessen sicher zu sein, müssen aber weitere Forschungen abgewartet werden.

_____________

*) Die hier erörterte Studie argumentierte gegen die These des sehr bedeutenden Buches "Zepter, Pferde, Krieg" des moldawischen Archäologen Vladimir Dergachev aus dem Jahr 2007. Auf diesen Umstand wurden wir erst 2021 aufmerksam und machen darauf in einem jüngeren Blogartikel aufmerksam (5). Leider ist das Buch bislang nur auf Russisch erschienen, so daß seine Thesen und Erkenntnisse von uns bislang nicht im Detail nachvollzogen werden können und auch von deutschen Archäologen wie Volker Heyd bis 2016 nicht mit in die Betrachtung und Beurteilung mit einbezogen worden ist. Dieser Umstand ist sehr bedauerlich, zumal mit diesem Buch zugleich die Urheimat der Indogermanen an der Mittleren Wolga entdeckt worden ist.


Montag, 12. November 2018

Große Kulturunterschiede im Verhalten gegenüber Kindern

In Afrika wachsen Kinder in grundlegend anderer Weise auf als in Europa

Heidi Keller, die von uns schon seit Jahren geschätzte Bindungsforscherin aus Osnabrück schreibt in einem neuen Artikel (1), daß die moderne Bindungsforschung der letzten Jahrzehnte einem westlichen, europäischen Bindungsmodell eine Allgemeinheit zugesprochen hat, die ihm weltweit gar nicht zukommt. So liegen zwischen Kindern und Erwachsenen im bäuerlichen Afrika südlich der Sahara zum Beispiel ganz andere Bindungsmuster vor als bei uns in Europa, ein ganz anderes Verhalten gegenüber Kindern als in Europa.

Diese Zusammenhänge hatten sich in den Arbeiten von Heidi Keller schon vor mehr als zehn Jahren angedeutet (2). Jetzt aber ist man offensichtlich in den Erkenntnissen wesentlich weiter gekommen. Kinder in Afrika, so schreibt Heidi Keller, zeigen so gut wie keine Fremdenangst (1):
"Kulturwissenschaftliche Forschungen (z.B. in Gemeinschaften südlich der Sahara wie den Beng an der Elfenbeinküste oder den Nso in Kamerun) machen nur allzu deutlich, daß Fremdenangst nicht zum Verhaltensrepertoire von heranwachsenden Kindern dieser bäuerlicher Kulturen gehört. Auch wenn Kinder mit einer biologischen Neigung geboren sein sollten, Fremdenangst zu enwickeln, beruht das tatsächliche Auftreten derselben auf den Erfahrungen, die im Kulturzusammenhang gemacht werden. Eng zusammen lebende, traditionelle bäuerliche Gemeinschaften in der nichtwestlichen Welt sind normalerweise nicht das Ziel von Besuchen von Fremden, so daß Familien keine etwaigen Gefahren sehen. Auf der anderen Seite ist es für die Familien wichtig, Kinder mit den vielen Helfern vertraut zu  machen, die in die auf viele Schultern verteilten Arbeiten und Verantwortlichkeiten eingebunden sind."
Original: "Cultural evidence [e.g., from subSaharan communities such as the Ivorian Beng or the Cameroonian Nso] clearly indicates that stranger anxiety is not part of the behavioral repertoire of the developing child in these agrarian cultures. Even if infants were born with a biologically based predisposition to develop stranger anxiety, the actual occurrence of anxiety would depend on contextual experiences. Close-knit traditional farming communities in the non-Western world are usually not a target for visits of strangers, so that families do not see potential dangers. On the other hand it is vital for families to familiarize infants with the multiple caregivers associated with distributed workloads and responsibilities."
Abb.: Heidi Keller
Das heißt, alle Menschen eines bäuerlichen Dorfes in Afrika werden von den Kleinkindern und Kindern nicht als "Fremde" angesehen. Und dementsprechend verhalten sie sich auch. Das dürften schon seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in europäischen Bauerndörfern anders gewesen sein. Heidi Keller (1): 
"Die meisten Kinder in den Bauerndörfern der Nso in Kamerun fürchten sich nicht vor einer sich ihnen nähernden, fremden Frau, die sie aufhebt und sich mit ihnen von der Mutter wegbewegt. Vielmehr zeigen sie einen neutralen Gesichtsausdruck. Die Höhe des Streßhormons Kortisol (das sich in der Spucke findet), geht zurück, wenn die Fremde vom Ansehen zum physischen Kontakt übergeht."
Original: "Most Cameroonian Nso children in farming villages are not afraid of an approaching strange woman who picks them up and moves away from the mother with them. They display neutral facial expressions, and the level of the stress hormone cortisol (as indicated in the saliva) declines from the visual to the physical approach of the stranger."
Die biologischen Eltern spielen in der Welt der Kleinkinder und Kinder Afrikas sowieso eine viel geringere Rolle als bei uns in Europa. Es gibt diese enge und starke Bindung an Eltern gar nicht, die wir in Europa für so selbstverständlich und allgemein für "human" halten - und wie sie auch in diversen internationalen "Kinderrechte"-Diskussionen eine so große Rolle spielt. Hier dürfte auch der Grund dafür liegen, daß Kinder in Afrika gar nicht so stark leiden, wenn Eltern sich scheiden lassen. Diesbezüglich haben sich also in Europa, bzw. auf der Nordhalbkugel ganz andere Bindungsmuster ergeben, Bindungsmuster, in denen "primäre Bezugspersonen" (Mutter, Vater, Großmutter etc.) immer schon eine viel größere Rolle gespielt haben als sie das in bäuerlichen Gemeinschaften Afrikas südlich der Sahara getan haben. Heidi Keller schreibt (1):
"Scheidecker hat die sozialen Beziehungen von Kindern während ihrer ersten vier Lebensjahre in Dörfern im südlichen Madagaskar untersucht. Dabei stellte sich heraus, daß die Gruppe der Kinder bis zum fünften Lebensjahr fast die einzige waren, die mit den Kindern in soziale Interaktion getreten sind."  
"Scheidecker has analyzed the social relationships of children during the first 4 years of life in South Madagascan villages. It turned out that the peer group of children up to 5 years of age almost exclusively interacted socially with infants."
Die Eltern geben sich also auf Madagaskar mit den Kindern so gut wie gar nicht ab, auch nicht Großeltern oder andere Erwachsene, sondern gleichaltrige oder ältere Kinder spielen mit gleichaltrigen oder jüngeren Kindern und passen auf sie auf.

Während in westlichen Eltern-Kind-Dyaden das Zueinander-Hingewendet-Sein die größte, die zentrale Rolle spielt, sowie die dabei statthabende visuelle und stimmliche Kommunikation (2), ist das in Afrika ganz anders (1):
"In bäuerlichen Familien bedeutet gute Fürsorge der Kinder, die Aktivität der Kinder zu organisieren und zu führen. Dies wird hauptsächlich verwirklicht durch eine direkte Fürsorge über den fast ständigen Körperkontakt und die Köperwahrnehmung. Sich synchron mit anderen zu verhalten, wird übermittelt durch die geteilten körperlichen Rhythmen. Diejenigen, die sich um die Kinder kümmern, orientieren deren Gesicht nach draußen, in Richtung der anderen. (...) Der Gedanke, daß das Kind belehrt, geführt und geleitet werden muß, geht Hand in Hand darmit, daß das Kind als ein Lehrling angesehen wird. Somit lernen die Kinder in vielen nichtwestlichen, ländlichen Gemeinden auf unterschiedlichen aber sich ergänzenden Wegen zunächst und hauptsächlich die Sichtweise anderer, sowie ihren Platz im sozialen Zusammenhang."
"In rural subsistence-based farming families good parenting/ infant care implies taking the lead in organizing and directing the children’s activity. This is realized mainly through proximal care, with almost constant body contact and bodily sensitivity. Being in synchrony with others is transmitted through shared bodily rhythms. Caregivers orient the infants facing outward, toward others. (...) The idea that the child needs to be instructed, directed, and guided goes hand-in-hand with the view of the child as an apprentice. Thus, in many non-Western rural communities, in different but complementary ways, infants learn first and primarily the views of others and their place in the social system."
Wir erfahren (1):
"In einem Kommentar zu einem Aufsatz von Mesman und Koautoren fassen Keller und Koautoren schließlich zusammen, daß die Attachment-Theorie und die Kultur- bzw. die kulturübergreifende Psychologie in ihren Grundlagen wenig Gemeinsamkeiten aufweisen."
"Keller et al. conclude in a comment to the Mesman et al. paper that attachment theory and cultural/crosscultural psychology are not built on common ground."
Sprich: Menschliche "Universalien" im Umgang mit Kleinkindern gibt es in dem Umfang wie bislang vorausgesetzt gar nicht. Damit scheint übrigens auch eine Korrektur oder Ergänzung der Aussagen von Irenäus Eibl-Eibesfeldt zur weltweiten Kinderbetreuung und zu weltweiten Erziehungsstilen einher zu gehen. Keller schreibt (1):
"Parenting practices in other than the Western middle class and in accordance with attachment theory’s philosophy are often misconceived as intrusive and unresponsive (not following the infant’s lead), harsh (motor and rhythmichandling), emotionally distant (not expressing emotions openly), neglectful (not interacting primarily verbal), and unable to mentalize (not talking about infant’s inner mental states)."
Jüngst ergab auch die kulturvergleichende Auswertung von Kinderzeichnungen ähnliche Ergebnisse (1):
"Family drawings from children belonging to Berlin middle-class families or Northwest Cameroonian Nso farmer families. The Berlin children were predominantly classified as securely attached, whereas the Nso children were predominantly classified as insecurely attached. However, most children in both groups drew their families in line with the cultural concepts of person and family that had been analyzed in previous studies with children’s drawings of the self and their family (with drawing competence controlled for) (55, 56). The majority of German middle-class children drew themselves next to the mother or father, all figures separated from each other, tall, and standing on the baseline of the sheet with arms upwards, being individualized with smiling faces. These characteristics are all indicative of secure attachment relationships (53). The Nso farmer children often drew their families floating somewhere on the sheet or in the corners with figures close together or overlapping. Figures are drawn incomplete, small, not individualized, arms downward, and with neutral facial expression or no facial details at all. Many children do not draw themselves or the mother or father and never draw themselves next to a parent. All these characteristics are indicative of insecure attachment relationships according to attachment researchers."

Bedenken, daß Forschungsergebnisse abwertend gedeutet werden könnten


Ergänzung 12.7.2019:  Zum Thema ist ein neuer Artikel im "Science Magazine" erschienen (3). Da will man die Psychologie also international auf einen neuen Weg bringen im Max-Planck-Institut in Leipzig und will nicht mehr Menschen europäischer Abstammung allein als Untersuchungsobjekte für "Mensch an sich" gelten lassen. Und diesem Anliegen steht man im Grunde auch positiv gegenüber. Aber in der letzten Frage des Interviews mit Daniel Haun, MPI Leipzig, der Forschen auf dieser Linie vorantreibt, werden dann doch auch Bedenken laut (31):
Frage:
Neonazis und andere Rassisten benutzen kulturelle Unterschiede immer noch, um zu behaupten, daß bestimmte Gruppen anderen überlegen wären. Wie vermeiden Sie diese Gefahr?
Neo-Nazis and other racists still use cross-cultural differences to argue that certain groups are superior. How do you avoid this danger?
Antwort:
Indem wir dem knallhart entgegen treten. Wissenschaftler können sehr sorgsam sein bei der Interpretation ihrer Daten und sich an der Debatte beteiligen. Ich denke nicht, daß Rassismus dadurch beseitigt wird, daß wir es vermeiden, uns mit der Tatsache zu beschäftigen, daß es Vielfalt gibt ebenso wie Ähnlichkeiten über die Menschheit hinweg. Und die antreibenden Faktoren der Vielfalt können uns einige Antworten geben über fundamentale Fragen darüber, wer wir sind und wie wir funktionieren.
By confronting it head on. Scientists can be careful in interpreting their data and engage in the debate. I don't think racism goes away if we avoid the fact that there is variation as well as similarity across humans. And the drivers of variation might give us some answers about fundamental questions of who we are and how we work.
Gut geantwortet. Und besonders Grund, vielem knallhart entgegen zu treten und vieles zu debattieren wird es geben, wenn Forscher dann noch zusätzlich auf den Gedanken kommen, ihre Forschungsergebnisse in Beziehung zu setzen zu Polygenischen Erblichkeitsschätzungen ("Polygenic Score"), die die Speerspitze der derzeitigen genetischen Revolution bilden.

Ergänzung 12.3.2020: Es ist mehr als naheliegend zu vermuten, daß der andere Umgang mit Kindern auch in einem Zusammenhang steht mit einem ganz anderen Zusammenleben der Erwachsenen untereinander. Schon lange ist vermutet worden, daß polygames Verhalten in Afrika eine viel größere Verbreitung aufweist als innerhalb von Europa. Inzwischen ist aber eine erste sichere Studie dazu erschienen, in der aufgezeigt wird, daß bei den Himba in Südwestafrika nur die Hälfte der geborenen Kinder außereheliche Kinder sind (4, 5). Sie scheinen aber in vielen Teilen von den Vätern, die wie die Mütter größtenteils sehr richtig vermuten, daß der soziale Vater nicht der leibliche Vater ist, von diesen sozialen Vätern genauso gut behandelt zu werden wie die leiblichen Kinder (4, 5). 

Weiterführung der allgemeineren Diskussion rund um "WEIRD" im Jahr 2020: (6). [11.4.2020]
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  1. Keller, Heidi: Universality claim of attachment theory: Children’s socioemotional development across cultures. In: PNAS, 6. November 2018, Vol. 115, no. 4, S. 11414–11419, www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1720325115
  2. Bading, Ingo: Kinderbetreuung im Kulturvergleich - Die Forschungen Heidi Kellers. Studium generale, 23. April 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/kinderbetreuung-im-kulturvergleich-die.html
  3. Psychologist aims to study diverse minds, not WEIRDos Kai Kupferschmidt, Science 12 Jul 2019: Vol. 365, Issue 6449, pp. 110 DOI: 10.1126/science.365.6449.110
    https://science.sciencemag.org/content/365/6449/110
  4. B. A. Scelza, Sean Prall, N. Swinford, B. M. Henn: High rate of extrapair paternity in a human population demonstrates diversity in human reproductive strategies. February 2020, Science Advances 6(8) DOI: 10.1126/sciadv.aay6195 (Resarchgate)
  5. Why men invest in non-biological offspring:   paternal care and paternity confidence among Himba pastoralists    Sean P. Prall http://orcid.org/0000-0001-5719-6460 and Brooke A.   Scelza   Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, Vol. 287, No.   1922 (1922)   https://royalsocietypublishing.org/doi/abs/10.1098/rspb.2019.2890 
  6. Thalmayer, A. G., Toscanelli, C., & Arnett, J. J. (2020). The neglected 95% revisited: Is American psychology becoming less American? American Psychologist. Advance online publication. https://doi.org/10.1037/amp0000622

Samstag, 31. Januar 2009

Sehnsucht - ein psychologisches Konzept wird erforscht

Im Forschungs-Magazin der Max-Planck-Gesellschaft (3/2008) findet sich ein Artikel über die Erforschung der Sehnsucht (MPG-html, MPG-pdf.). Sie wird insbesondere dem psychologischen Konzept des Bedauerns ("regret") an die Seite gestellt und von ihm unterschieden. Das Konzept des Bedauerns und das damit verbundene Konzept der Verantwortung ist ja auf diesem Blog schon behandelt worden. (7.9.08) Bedauern stellt sich ein, wenn ein Ziel nicht erreicht worden ist. Sehnsucht ist diffuser: "Niemand würde sagen, ich sehne mich nach einem Doktortitel," wird eine der Erforscherinnen der Sehnsucht zitiert. Und man möchte anfügen: Allerdings. Aber man sehnt sich - mitunter - nach wissenschaftlicher Erkenntnis.


Abb.: ... Mancher Städter sehnt sich danach, auf dem Land leben zu können ...
Der Rhin - Wasserperle im Land Brandenburg
Blick auf das Dorf Molchow

Susanne E. Scheibe und Alexandra M. Freund erforschen die menschliche Sehnsucht auf den vorgegebenen Linien ihres 2006 verstorbenen Doktorvaters Paul B. Baltes. Forschungsliteratur ist dem MPG-Artikel nicht angefügt. Aber man findet zum Einstieg wohl einiges Wichtige ---> hier oder hier, insbesondere ein Review-Artikel im Gedenken an Paul B. Baltes (1, frei zugänglich ---> hier, pdf.) Einleitend schreiben darin die Forscherinnen, was ziemlich exakt so auch in den MPG-Artikel übernommen wurde (und dort auf deutsch gelesen werden kann):
The concept of Sehnsucht is strongly rooted in German culture and history. It has a central place in romantic literature and art, and a strong presence in contemporary media. In their writings and paintings, romantic poets such as Novalis or painters such as Caspar David Friedrich often expressed longing or yearning for something that is remote and often rather vague. The things longed for were perceived as unattainable but still created a want that guided passionate striving towards it. Symbolizing this quest, in Novalis’ (1876/ 1990) Heinrich Von Ofterdingen, a young medieval poet seeks the mysterious Blue Flower, the romantic movement’s symbol of the quest for the perfect yet unattainable. As the hero states, "It is not the treasures which have awakened such an inexpressible longing in me. There is no greed in my heart; but I yearn to get a glimpse of the blue flower." In its full sense, the German concept of Sehnsucht is difficult to translate into English. Yet, the basic components, such as fantasizing about and striving for ideal conditions that cannot be reached or only with high uncertainty, represent key aspects of lifespan development and should apply widely across cultures, including English speaking countries such as the U.S.A..
Und am Ende:
The research presented here is but the beginning of a psychology of Sehnsucht and many questions remain open. One is the generality of findings in cultural contexts other than Germany. As noted at the outset, the concept of “Sehnsucht” is salient in German culture, and its core connotations have evolved during the cultural era of Romanticism. The German word "Sehnsucht" is difficult to translate into most other languages. Does this suggest that Sehnsucht does not exist in other cultures? As its structural characteristics and developmental functions are assumed to reflect basic, universal aspects of lifespan development, they are theoretically expected to be universal, although cultural differences may produce some variation in their manifestation.
Und im MPG-Journal heißt es dazu noch konkreter:
Im amerikanischen Kulturkreis berichten die Menschen von ähnlichen Sehnsüchten wie Deutsche, obwohl ihnen das Konzept in seiner ganzen Breite unbekannt ist. Sehnsucht speist sich aus sechs Komponenten, die verankert sind in der Lebensspannen-Psychologie und der deutschen Kulturgeschichte, etwa in Malerei und Literatur.
Merkwürdig mutet die Behauptung der Forscherinnen an, daß erst 15- bis 16-Jährige konkrete Sehnsüchte würden benennen können. Aber was soll damit gesagt sein? Kinder haben doch auch dann Sehnsüchte, Wünsche, wenn diese nicht konkret in Fragebogen-Form abgefragt werden können? Das ist doch nur allzu offensichtlich. Überhaupt mutet es einem sonderbar an, falls ein solches Konzept wie Sehnsucht in der Psychologie nicht schon unter einer solchen breiteren Rubrik wie der des "Wünschens" ("desire") erforscht worden sein sollte. Es wird zwar eine Abgrenzung zum Konzept des Bedauerns und dem damit verbundenen Konzept des Anstrebens von konkreten Zielen vorgenommen. Nirgends aber wird - soweit übersehbar - eine Abgrenzung des Konzeptes Sehnsucht von dem noch breiteren Konzept des Wünschens diskutiert. Auch Suchterscheinungen wie Liebe wären hier zu diskutieren auf der Linie von Joachim Bauer. (---> Bücher)

Evolutionäre Wurzel der Sehnsucht: die Sucht

Und wie elementar, ja überlebenswichtig die Sehnsüchte und Wünsche ja schon bei Tieren sein können - etwa auf sozialem Gebiet (Mutter-Kind-Bindung, Gruppenzugehörigkeit) - das kann ein Blick in die Bindungsforschung, ein Blick in die Verhaltensforschung überhaupt schnell lehren. Man nehme nur die Nachfolgeprägung der Gänseküken in den Blick, diese unglaubliche Sehnsucht, der Nähe des Muttertieres versichert zu sein: "Hier bin ich - wo bist du?" Auch könnten sich Anknüpfungspunkte ergeben zu dem Konzept des "Sich-zugehörig-Fühlens-zu", das die amerikanische Primatologin Barbara J. King als die evolutionspsychologische Grundlage der menschlichen Religiosität benannt hat. (---> Bücher)

Die verhaltensphysiologischen Grundlagen von Hunger, Sucht und Sehnsucht sind übrigens auch schon in sehr weitgehendem Maße von Konrad Lorenz und seinen Nachfolgern erforscht worden. Auch hier gäbe es viele Anknüpfungspunkte: Appetenzverhalten, Schlüsselreize, Schwellenwerte und vieles andere mehr.

Hier scheint einem überall noch viel Forschungspotential vorhanden zu sein und auch Klärungs- und Abgrenzungsbedarf in den Begrifflichkeiten und Konzepten. Aber daß überhaupt das Konzept der Sehnsucht thematisiert wird, kann man für sehr wichtig erachten. Setzt es doch - um nur einen und zugleich auch schon sehr grundlegenden Aspekt zu nennen - der monotheistischen Religiosität mit ihrer mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch (Jan Assmann) ein ganz anderes - vielleicht seelenvolleres - Konzept entgegen, das dem seelischen und kulturellen Spielraum viel mehr Freiheit gewährt, als die eng umgrenzten Handlungsanweisungen eines monotheistischen Gottes wie: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß ..." etc. pp.. Solche Befehle weitab aller spontanen Sehnsucht kann alle (freiwillig empfundene) Sehnsucht und daraus abgeleitetes Handeln abtöten und vernichten. Und das haben sie wohl zu weiten Teilen auch schon in westlichen Gesellschaften über viele Jahrhunderte hinweg getan. - Übrigens kann man das für einen ganz wesentlichen Aspekt von Sehnsucht überhaupt halten: Sehnsucht kann - wohl - nur freiwillig empfunden werden, sie kann nicht befohlen werden. (Höchstens könnte sie durch das Anbieten von Schlüsselreizen gesteigert werden, wobei dann der Übergang von Sehnsucht zur Sucht schnell fließend wird ...).

Und nicht umsonst entstand das deutsche, "romantische" Konzept der Sehnsucht im Zusammenhang mit dem Aufschwung der deutschen, bürgerlichen Philosophie nach Immanuel Kant, ihm, dem Henker des monotheistischen Gottes - um im Bild von H. Heine zu bleiben, und um einige geistes- und weltgeschichtliche Aspekte zu benennen, um derentwillen Sehnsucht auch etwas mit Geschichtsphilosophie zu tun haben könnte und mit der Frage nach einem etwaigen (noch nicht erreichten) Ziel der Geschichte. (Man vgl. dazu etwa ---> F. Schiller)

ResearchBlogging.org



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  1. Susanne Scheibe, Alexandra Freund (2008). Approaching Sehnsucht (Life Longings) from a Life-Span Perspective: The Role of Personal Utopias in Development Research in Human Development, 5 (2), 121-133 DOI: 10.1080/15427600802034868

Sonntag, 31. August 2008

Um so größer die Gesellschaft, um so geringer die Großzügigkeit ?

ResearchBlogging.org- Oder bestätigen auch Ausnahmen die Regel?

In diesem Beitrag sollen neue Forschungs-Ergebnisse zur Evolution des menschlichen Altruismus referiert werden (1, Proc. Royal Soc. B [frei zugänglich, pdf.], Spektr. d. Wiss. [s.u.]), wobei ein definitives Urteil über die Bedeutung dieser Forschungen und ihrer Ergebnisse vorbehalten bleiben soll. Vielleicht verschafft man sich auch selbst mehr Klarheit über diese Forschungen, wenn man sie zunächst einmal nur - kritisch hinterfragend - referiert.

Das Spannende an dem Forschungsansatz ist, daß relativ einfache "Kooperations-Spiele" und das Spielverhalten der Teilnehmer dabei weltweit kulturvergleichend untersucht werden. Das heißt, es werden in den verschiedensten Kulturen und Völkern weltweit die selben einfachen Spiele gespielt und die charakteristischen Unterschiede im Spielverhalten der Menschen verglichen. Und zwar sowohl von sehr einfachen Jäger-Sammler-Völkern über agrarisch lebende Völker bis hin zu modernen westlichen Industrie-Gesellschaften.

Zweifel am Versuchs-Ansatz

Nun ist gleich die erste große "Krux" eines solchen Vergleichs: Wenn die Spiele auch noch so einfach gehalten sind, so könnten sie in jedem kulturellen Kontext eine ganz andere Bedeutung haben. Wie man beispielsweise durch die Forschungen zur "Ethnomathematik" feststellt, können verschiedene Völker jeweils schon zum Teil ganz andere Zugänge zu mathematischen Zusammenhängen haben (s. neuerdings wieder in Spektr. d. Wiss.-Online).

Aber auch andere Dinge sind dabei bedeutsam. Der materielle Wert, um den gespielt wird, dreht sich entsprechend des Versuchs-Ansatzes in jeder Kultur um das durchschnittliche Tagesverdienst eines Arbeiters. Das ist natürlich notwendig, um wirtschaftliche und soziale Alltags-Situationen möglichst wirklichkeitsnah zu simulieren. Aber was bedeutet es in einer Kultur, wenn als Spieleinsatz von "ausländischen" Forschern zunächst ein Geldgeschenk in Form des Tagesverdienstes eines einzelnen Arbeiters zur Verfügung gestellt wird?

Wird man eine solche "gebratene Taube", die einem da so fröhlich durch einfache Versuchs-Teilnahme in den Mund geflogen kommt, nicht ganz anders bewerten, als materielle Güter, die man sich durch persönliche Arbeit erst schwer erarbeiten mußte? Und wird auch diese Umstand nicht jeweils wieder kulturspezifisch ganz anders bewertet werden?

"Third-party punishment game"

Im einzelnen nun sieht der Versuchs-Ansatz folgendermaßen aus:

Es gibt drei Spieler, wobei die Spieler einander anonym sind. (Wie das konkret vor Ort erreicht wird, ist im Artikel nicht dargestellt.) Spieler 1 wird der Tagesverdienst eines Arbeiters zur Verfügung gestellt, von dem er Spieler 2 beliebig viel abgeben kann. Also sagen wir einmal - um einen Anhaltspunkt zu haben: 100 Euro. Spieler 3 wird die Hälfte des Tagesverdienstes eines Arbeiters zur Verfügung gestellt - in unserem Beispiel: 50 Euro. Von diesen letzteren 50 Euro kann er entweder alles behalten oder 20 %, also 10 Euro, an den Spielleiter zurückgeben, wenn er bewirken will, daß Spieler 1 automatisch das Dreifache dessen verliert, was er selbst (Spieler 3) dabei verliert. Verliert also Spieler 3 10 Euro, verliert Spieler 1 automatisch 30 Euro. Dies soll dazu dienen, daß Spieler 3 Spieler 1 auf eigene Kosten bestrafen kann, wenn er glaubt, daß Spieler 1 nicht gerecht genug mit Spieler 2 geteilt hat.

Das ist alles schon relativ kompliziert und ich frage mich, wie und ob es die Forscher geschafft haben, diese Spielregeln in sehr verschiedenen Kulturen weltweit den Menschen in gleicher Weise verständlich zu machen. Schon das unterschiedliche Erklären oder Verstehen der Spielregeln könnte zu vielen "Fehlmessungen" geführt haben. Aber man kann vielleicht das Vertrauen haben, daß die Forscher, die ja alle untereinander in Kontakt miteinander stehen und auf Konferenzen ihre Forschungsergebnisse austauschen, es gemerkt haben, wenn in einer Kultur die Spielregeln in auffälliger Weise anders verstanden worden sind als in einer anderen Kultur.

Das ohne Bestrafung akzeptierte Mindestangebot

Der gemessene Wert, der nun zwischen den verschiedenen Kulturen verglichen wird, ist das in einer Kultur durchschnittliche (durch Spieler 3) ohne Bestrafung "akzeptierte Mindestangebot" ("minimum acceptable offer" = MAO). Hier nun die Tabelle mit den Ergebnissen (durch Draufklicken wird's größer):


Aus diesen geht - grob - hervor: Um so größer die Gesellschaft, in denen Menschen leben, um so höher muß das noch ohne Bestrafung akzeptierte Mindestangebot sein. Das heißt grob: in einer großen Gesellschaft muß Spieler 1 durchschnittlich (also in sehr vielen Spielen mit vielen Teilnehmern) sehr viel an Spieler 2 abgeben, wenn er nicht durch Spieler 3 bestraft werden will. In einer kleinen Jäger-Sammler-Gesellschaft braucht er nur 5 % (also in unserem Beispiel 5 Euro) an Spieler 2 abgeben, ohne daß er dabei dann bestraft wird. Erst wenn er weniger abgibt, wird er bestraft. Und wenn er mehr abgibt, wird er erst recht nicht bestraft.

Das heißt: "Gerechtigkeit" beim Teilen wird in kleinen Gesellschaften grob ganz anders empfunden als in großen. Und auch die Motivation, einen beliebigen (anonymen) "Volksgenossen" auf eigene Kosten zu bestrafen, wenn er nicht - im kulturellen Kontext - "gerecht" teilt, ist in kleinen Gesellschaften ganz anders vorhanden als in großen.

Ich frage mich - natürlich! - immer, wie ich mich selbst in solchen Spielen verhalten würde. Ich finde es ziemlich simpel und selbstverständlich, das Geld einfach Fifty-Fifty zu verteilen. Und warum sollte ich als Spieler 3 irgend etwas von den 50 Euro abgeben, nur weil Spieler 1 meiner Meinung nach nicht genügend an Spieler 2 abgegeben hat? Also so für sich verstehe ich, ehrlich gesagt, all diese Forschungen noch nicht.

Mir kommt immer vor: Man müßte erst selbst bei einem solchen von den Forschern geleiteten Spiel dabei gewesen sein, um zu verstehen, warum sie so sicher sind, daraus sehr allgemeingültige Schlüsse ziehen zu können. (Na, vielleicht kommt ja mal irgend wann einer bei mir vorbei und bietet mir 100 Euro an, damit ich bei seinen Spielen mitmache ...) (Ergänzung 28.1.08: Achtung, man beachte die ersten beiden Kommentare zu diesem Beitrag!)

Ich hätte all das nicht referiert, wenn nun nicht die Forscher zum ersten mal glauben, bei solchen kulturvergleichenden Spielchen auf eine gewisse Regel und Gesetzmäßigkeit gestoßen zu sein, die intuvitiv zunächst auch irgendwie einleuchtet: In großen Gesellschaften ist die Bereitschaft zum "empörten" altruistischen Bestrafen größer als in kleinen. - Ich frage mich: Wirklich? - Nun handelt es sich hier um statistische Werte und die flößen einem dann schon auch Vertrauen ein, auch wenn man viele Fehlerquellen im einzelnen meint ausmachen zu können.

Und: Ja, na klar, eines scheint mir einleuchtend: in großen Gesellschaften achtet man - zumal in anonymen Zusammenhängen einer typischen Dienstleistungsgesellschaft - viel mehr darauf, daß gerecht geteilt wird, daß es gerecht zugeht. Großzügigkeit, die Fähigkeit, dem anderen mehr zu gönnen als ich selbst bekomme, geht da sehr oft sehr schnell zum Teufel. Man braucht ja nur Politikern und Gewerkschafts-Bossen zuzuhören. - Und natürlich, soziale Gerechtigkeit ist ein sehr wichtiges Kriterium, an dem sich Gesellschaften messen lassen sollten. (Vor allem, wie ich meine, heute gegenüber Familien, die heute in westlichen Gesellschaften am stärksten unter sozialer Ungerechtigkeit leiden - und damit diese Gesellschaften mit ihnen - denn wir alle leben in familiären Zusammenhängen, gehen - günstigstenfalls - aus ihnen hervor.)

Ist die Evolution von Altruismus identisch mit der Evolution "altruistischen Bestrafens"?

Aber nein, ich kann das Problem herumwälzen wie ich will, ich kommen nicht auf den Trichter, ob ich diesen Forschungen irgend eine größere Bedeutung zum Verständnis der Evolution des menschlichen Altruismus zusprechen soll oder nicht. Ich weiß zum Beispiel schon gar nicht, ob ich "empörtes" "altruistisches Bestrafen" wirklich schon für Altruismus halten soll. Ich glaube, da müßten noch ganz andere Verhaltens-Komponenten und -Motive hinzutreten, bevor ich bereit wäre, das in allgemeinerem Sinne altruistisch zu nennen.

Ich wäre höchstens bereit, ein solches "altruistisches Bestrafen" eine sehr einfache, schlichte Form von menschlichem Sozialverhalten zu nennen. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, daß eine Gesellschaft wesentlich altruistischer ist, in der die Menschen großzügig sind oder sein können und nicht ständig nur mit mißtrauischen Argus-Augen darüber wachen, daß der andere nicht mehr bekommt als man selbst ...

Eine Gesellschaft wie die pompejianische vielleicht (79 n. Ztr. am Vesuv untergegangen), in der die Landenbesitzer so fröhlich an ihre Ladentür schrieben: "Willkommen, Gewinn!" Wer so herzlich und fröhlich und offen sich darüber freuen kann, wenn er viel verdient und das auch seinen Kunden sagt, der, so scheint mir, wird auch großzügig sein im "Abgeben" und nicht mit Argus-Augen darüber wachen, daß er zu wenig kriegt. Nun ist ein so zu beschreibendes "Ressentiment", das mit solchen "altruistischen Bestrafen" sehr eng zusammenhängen könnte, nicht nur nach Peter Sloterdijk und Friedrich Nietzsche ein Ausfluß monotheistischer gesellschaftlicher Mentalität, wie es ein solches in dieser Stärke und Allgemeinheit in vor-monotheistischen Gesellschaften gar nicht gegeben haben braucht ... Welcher Ladenbesitzer würde heute so fröhlich an seine Tür schreiben: "Willkommen, Gewinn!" - ??? - Also: Protestantische Ethik der Knauserigkeit?

Großzügigkeit - seine genetische Basis entdeckt

Übrigens ist jüngst von einem Gen, das bei Prärie-Wühlmäusen die Verhaltensbreite zwischen Monogamie und Polygamie beeinflußt, entdeckt worden, daß es bei Menschen angeborenermaßen Großzügigkeit fördert. (Genes, Brain and Behavior, AFP) Das Gen kodiert den "Arginin Vasopressin 1a-Rezeptor". Nur weiß ich noch nicht, da der Artikel schwer zu beschaffen ist: korrelieren Mono- oder Polygamie mehr mit Großzügigkeit? - Jedenfalls: auch das ist spannend, vielleicht noch spannender als die hier referierten Forschungen!

(ursprünglich veröffentlicht 2.1.2008)
___________

1. Marlowe, Frank W.; Berbesque, J. Colette: More 'altruistic' punishment in larger societies. In: Proc. R. Soc. B, Dezember 2007 (pdf.)

Frank W. Marlowe, J. Colette Berbesque, Abigail Barr, Clark Barrett, Alexander Bolyanatz, Juan Camilo Cardenas, Jean Ensminger, Michael Gurven, Edwins Gwako, Joseph Henrich, Natalie Henrich, Carolyn Lesorogol, Richard McElreath, David Tracer (2008). More ‘altruistic’ punishment in larger societies Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 275 (1634), 587-590 DOI: 10.1098/rspb.2007.1517

Als Anhang noch der Artikel von "Spektrum der Wissenschaft", weil dieser meistens nicht sehr lange kostenlos lesbar ist. Wer ihn lesen möchte, vergrößere sich ihn bitte selbst:
19.12.07
Verhalten

Die Basis von Justitia

Bestrafung durch Dritte erst bei größeren Gruppen

Gib du mir, dann geb ich dir, aber wehe: Legst du mich rein, bestraf ich dich dafür - gerechtes Teilen fällt manchmal schon bei zwei Personen schwer. Sanktionen sind keine Seltenheit und womöglich die Grundlage jeglichen sozialen Zusammenlebens. Dass ein Dritter als unabhängiger Richter eingreift, scheint aber erst in umfangreicheren Gruppen üblich. Im Juni 2006 erfuhren wir von Joseph Henrich, Anthropologe an der Emory-Universität in Missouri, dass Geben und Nehmen keiner Globalisierung unterliegt, sondern von Volk zu Volk sehr unterschiedlich aussehen kann - ebenso wie Bestrafen. Während die tansanischen Hadza-Nomaden beispielsweise sich in den üblichen Verteilungsspielchen als wenig spendabel erwiesen, waren die kolumbianischen Sanquianga-Fischer dagegen ausgesprochen freigebig.

Allerdings blieben die Nomaden relativ gelassen, wenn sie selbst beim Verteilen unfair benachteiligt wurden, was wiederum die Fischer überhaupt nicht hinnahmen und im nächsten Spielzug kräftig sanktionierten - und zwar sowohl bei zu niedrigen als auch zu hohen Gaben. Auch war es egal, ob sie selbst betroffen waren oder als unabhängige Dritte den Vorgang beurteilen sollten.

Letztendlich geht es bei diesen Experimenten immer darum, wie sich Kooperation entwickeln konnte - und wie sich eine Gesellschaft dagegen wehrt, von Einzelnen ausgenutzt zu werden. Schließlich scheint so etwas wie selbstloses Verhalten kaum erklärbar: Warum sollte jemand einem anderen helfen, ohne selbst Nutzen daraus zu ziehen? Dass es doch funktioniert, beruht offenbar zu einem wichtigen Teil auf der Möglichkeit, solche zu bestrafen, die nur nehmen, aber nicht geben.

Doch gibt es hier eben zwei Alternativen: Entweder tragen es die beiden Beteiligten nach dem altbekannten Motto "Wie du mir, so ich dir" untereinander aus, oder aber es gibt eine dritte, unabhängige Instanz, die den ungerechten Egoisten in die Schranken weist. Frank Marlowe und Colette Berbesque von der Florida State University suchten nun nach allgemeinen, zu Grunde liegenden Regeln, wie ein solcher Konflikt ausgetragen wird - unter sich oder mit "richterlicher" Beteiligung. Und nahmen sich unter diesem Gesichtspunkt die Daten von Henrich noch einmal vor.

Sie ermittelten sowohl die Größe der lokal zusammen lebenden Gruppen als auch der jeweiligen Ethnien insgesamt. Außerdem errechneten sie, welcher Mindestbetrag der eine Mitspieler spenden musste, um vom beobachtenden Dritter nicht bestraft zu werden - wie wenig also ein Volksangehöriger einem anderen geben konnte, ohne als unfair eingestuft und diszipliniert zu werden.

Dabei fanden sie einen statistischen Zusammenhang mit den geschilderten Reaktionen: Je kleiner die jeweilige Gemeinschaft, desto niedriger lag die Strafgrenze - der zweite Beteiligte konnte als mit einer sehr geringen Gabe abgespeist werden, ohne dass der geizige Geber Folgen fürchten musste. Die Angehörigen größerer Gruppen erwiesen sich hingegen als weniger nachgiebig: Sie griffen schon sehr viel früher zu Sanktionen, waren also weitaus mehr darauf bedacht, dass angemessen geteilt wurde.

Für die Forscher ist damit klar: Die Beurteilung und Bestrafung durch einen Dritten ist ein Merkmal größerer und komplexerer Gemeinschaften. Was sie für durchaus plausibel halten. In kleineren Gruppen kenne jeder jeden, und eine Vorteilnahme auf Kosten anderer führe schlicht zu einem schlechten Ruf. Der seinerseits allen anderen die "Bestrafung" vereinfacht: Sie gehen dem Schmarotzer aus dem Weg - er ist isoliert. Ein höherer Richter, der für Ordnung sorgt, ist unter diesen Umständen völlig überflüssig.

In umfangreicheren Gemeinschaften aber nehme die Anonymität zu - und damit der Einfluss der Reputation ab. Hier sind andere nicht durch den Leumund vorgewarnt und werden so leichter Opfer von Ausnutzung. Um solches Missverhalten einzudämmen, ist eine richterliche Instanz weitaus besser geeignet, die sich nicht auf Hörensagen verlässt und auch bei Fremden keine Zurückhaltung kennt. Ganz auf den Obersten verzichten trotzdem die wenigsten: Einen Chef der Gesellschaft findet man fast immer - mindestens als moralische Instanz.

Antje Findeklee
Quellen:
Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2007.1517 (2007)

Die menschliche Fähigkeit zum Unterscheiden von günstigen und ungünstigen kulturellen Merkmalen

Magnus Enquist
Stefano Ghirlanda
Es gibt verschiedene Theorien darüber, wie es möglich wurde, daß der Mensch so viel mehr Fähigkeiten und Wissen durch Nachahmung und anderes "soziales Lernen" erwerben kann, als der Schimpanse und alle anderen auch sehr intelligenten sozial lebenden Tiere (etwa Delphine, Papageien, Raben etc.). Theorien also darüber, DASS es beim Menschen umfangreiche Weitergabe kultureller Merkmale gibt. Nach Meinung der schwedischen Autoren Magnus Enquista (Bild links) und Stefano Ghirlanda (Bild rechts) (Journal of Theoretical Biology) (1) ist in diesen Theorien bisher zu wenig darüber nachgedacht worden, daß der Mensch nicht nur fähig ist, kulturelle Merkmale zu erlernen und weiterzugeben, die gut für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe sind), die also "adaptiv" sind, sondern ebenso solche, die schlecht sind für sein genetisches Überleben (oder das seiner Gruppe). Dies könnte man als einen sehr wichtigen Gedanken empfinden. Denn das ist ja "das Humanum" an sich: Ein viel größerer "Freiheitsgrad" in den Entscheidungen bei der Weitergabe oder Übernahme kultureller Merkmale. Nicht durch die Gene "gezwungen" zu sein, "das Gute" oder das evolutionär Angepaßte zu tun oder zu erlernen.

ResearchBlogging.orgEnquista und Ghirlanda stellen mit ihrer Arbeit nun die neue wichtige, in vielerlei Hinsicht tatsächlich entscheidende Frage: Was bewirkt denn das Herausfiltern von evolutionär schlecht-angepaßten kulturellen Merkmalen in unserer Kultur (oder in der Kultur des ostafrikanischen Australopithecus)?
"To prevent accumulation of maladaptive traits, it appears that each generation must 'filter out', or discard, at least some maladaptive culture. Such adaptive filtering is an important addition that may increase the adaptive value of culture. (...) The possibility of adaptive filtering changes dramatically the coevolutionary scenario for the evolution of social learning. As we saw earlier, in the absence of adaptive filtering genetic evolution is expected to improve social learning until culture is no longer adaptive. (...)

If adaptive filtering is sufficiently strong, however, culture is adaptive. (...) With sufficient adaptive filtering, adaptive culture is possible even if (...) new traits are on average maladaptive. Genetic evolution favors individual capacities for adaptive filtering under broader conditions than capacities for social learning. (...) There can be selection for adaptive filtering even when the adaptive value of culture is small, suggesting that selection for adaptive filtering may have been stronger than selection for social learning at the dawn of human culture."
Tatsächlich, man könnte mutmaßen, daß das "Projekt Mensch" schon sehr früh in einer evolutionären Sackgasse geendet wäre, wenn die genetische Evolution nicht stärker noch als das soziale Lernen an sich die Fähigkeit zum "adaptiven Filtern" kultureller Merkmale hervorgebracht hätte. Der Mensch ist fähig, auf so viele unsinnige Gedanken und "Macken" zu kommen, daß das sehr nötig gewesen sein könnte und immer noch nötig ist.

Die große Frage aber bleibt: Wo ist dieser Scanner? Wie sieht er aus? Nach welchen Kriterien filtert er? Wie sehen seine Auslöse-Mechanismen aus? Meine Vermutung wäre, daß auch dies (zunächst) sehr viel mit "Gruppenverantwortung", mit Verwandten-Altruismus zu tun hat: Reifere, erwachsene weibliche oder männliche Tiere/Menschen in der Gruppe oder auch junge, innovative, sorgen mit wachsamem Auge darüber, daß sich nicht allzuviele maladaptive kulturelle Merkmale in der Gruppe ansammeln, bzw. erfinden adaptive Merkmale. (Vielleicht gibt es hier auch eine Aufteilung der Aufgaben für "Jung" und "Alt": Die Jungen erfinden Neues, die Alten "filtern" davon das Nützliche heraus?) Hierbei kommt dann sicherlich auch zunehmend mehr das logische Denken mit ins Spiel, die Fähigkeit des Durchdenkens von Folgen des Handelns auf der "inneren Bühne" der eigenen Psyche, was in der Folge dazu führen könnte, daß darauf gedrängt wird, gruppen- oder individuen-schädliche kulturelle Merkmale, Verhaltensweisen zu meiden und nützliche (adaptive) Merkmale und Verhaltensweisen zu fördern.

In einem weiteren Schritt wäre über das Themenfeld Täuschung und Selbsttäuschung nachzudenken. Denn der Mensch besitzt in einzigartigem Maße die Fähigkeit, sich selbst zu täuschen und dabei nicht ausreichend über die Folgen seines Handelns nachzudenken. Auch läßt er sich leicht und gern von anderen - bewußter oder weniger bewußt - täuschen. Diese "cheater detection", das Erkennen von Täuschern und Täuschungen (in sich selbst und anderen) dürfte ein wichtiges Merkmal aller menschlichen Kulturen sein, die sich ihre genetische Überlebensfähigkeit bewahren (oder bewahren wollen). Da Menschen sich wohl nirgends so folgenreich belügen und betrügen wie in der Politik, bzw. in der Geschichte, müßte aus evolutionärer Sicht gefordert sein, daß die Fähigkeit zur "cheater detection" gerade bei Politikwissenschaftlern und Historikern besonders ausgeprägt sein sollte.

Die Anwendung auf heutige Verhältnisse westlicher Gesellschaften kann an dieser Stelle des Nachdenkens dem Leser überlassen bleiben, bzw. er kann auf "cheater detection"-Literatur in unserem Buchladen verwiesen werden. Man könnte auch folgendes formulieren: Zeitgeschichts-Forschung ist heute nur noch selten das Erforschen grundlegender Wahrheiten über menschliches Verhalten in der Geschichte, sondern zunächst einmal größtenteils: cheater detection. Abschließend noch einmal die Autoren:
"Culture can remain adaptive, and imitation abilities continue to improve, if maladaptive traits are continuously filtered out. Thus the evolution of adaptive filtering may have been at least as important as the evolution of imitation for the origin of human culture. We may speculate that non-human animals have only rudimentary social learning abilities (compared to humans) not because social learning is especially difficult to evolve, but because it is not useful unless one cannot discriminate between adaptive and maladaptive cultural traits." "The evolution of such 'adaptive filtering' mechanisms may have been crucial for the birth of human culture."
Die Kultur muß insgesamt adaptiv sein und die menschliche Psyche ist fähig zu bewerten, ob sie das ist oder nicht. Der Mensch bleibt aufgefordert, diese seine psychischen Potentiale zu nutzen.

(ursprünglich veröffentlicht am 15.11.2007)

1. M ENQUIST, S GHIRLANDA (2007). Evolution of social learning does not explain the origin of human cumulative culture Journal of Theoretical Biology, 246 (1), 129-135 DOI: 10.1016/j.jtbi.2006.12.022

Montag, 28. Januar 2008

Ist Gott der "Bestrafer" "von dritter Seite" im allgegenwärtigen sozialen "Third party-punishment"-Spiel?

In der spannenden Diskussionsrunde zur "Evolution der Religiosität" mit der Rekordzahl von inzwischen 218 Kommentaren auf Wissenslogs (von "Spektr. d. Wissenschaft") hat Lars Fischer zum Thema "Religion und Gesellschaftsform" am 23.1.08 aus einem etwas weitläufigeren Diskussions-Zusammenhang heraus geschrieben:

Das ist ein guter Punkt, den du da aufbringst, Michael. Wir haben ja im Seminar gesehen (im Indianer-Vortrag), dass Religion und Gesellschaftsform oft sehr stark verflochten sind, was ja durchaus dem biologischen "Sinn" (flapsig gesprochen) von Religion entspricht.

Du hattest aber ausgeführt, dass du von der Idee der Gruppenselektion im Religionskontext nicht viel hältst.

Um jetzt einfach mal ein sehr simples Erklärungsmodell in den Ring zu werfen: Kann das nicht einfach eine Frage der Bevölkerungsdichte sein?

Das würde bedeuten, dass die Funktion (bzw. Wirkung) von Religion heutzutage eine andere ist als die, weswegen sie ursprünglich entstanden ist.

(Das würde zum Beispiel auch ein paar Probleme und Widersprüche bei der Sache mit der Gretchenfrage auflösen. Ich hab mir darüber nochmal ein paar Gedanken gemacht, das ist alles nicht ganz so einfach wie ich zuerst vermutet hatte.)

Dieser Kommentar regte mich selbst dazu an, meinen eigenen St. gen.-Beitrag zum "Third-party punishment game" vom 12.1.08 in der folgenden Weise auf "Abgefischt" weiterzudenken:

Religion, Bevölkerungsdichte und Bestrafung von "dritter Seite"

Gute Gedanken, Lars und Michael! Das Mißtrauen ist in großen Gesellschaften viel größer, weshalb "Third-party-punishment" in ihnen viel stärker ausgeprägt ist (siehe "More ‘altruistic’ punishment in larger societies" von Frank W. Marlowe und J. Colette Berbesque in "Proc. R. Soc. B." diesen Monat)

Ist es nicht sehr einfach, das mit einem belohnenden und strafenden Gott in Zusammenhang zu bringen? Stellt er nicht auch eine "Third-party-punishment"-Instanz dar???

Insofern wäre eine persönliche, sehr rationale Vorstellung eines Gottes, der belohnen oder bestrafen kann, entstanden, weil sich die Menschen ohne ihn nicht so gut gegenseitig kontrollieren können.

Überhaupt ist ja das Mißtrauen in Third-party-punishment-Zusammenhängen ein hochgradig rationales, während man Vertrauen, "lockerere" Großzügigkeit eher mit weniger exakter Rationalität in Zusammenhang bringt.

Was aber jetzt, wenn viele Menschen nicht mehr an einen "dritten Bestrafer" oben im Himmel glauben und sich die Egoismen deshalb in modernen Gesellschaften ausdehnen?

Wie werden dann neues Vertrauen und höhere Altruismus-Raten sichergestellt in familiären und überfamiliären Zusammenhängen? Vielleicht dadurch, daß allgemein anerkannt - und zwar im Gegensatz zu Materialismus und Atheismus - philosophisch anerkannt wird, daß die Ratio nur einen sehr engen Bereich verwaltet. ...

... Und daß Großzügigkeit, so möchte ich hier ergänzen, erst dann ihren eigentlichen Wert erhält, wenn eben nicht so genau "gerechnet" und "gerechtet" wird wie es in bestrafenden religiösen und weltlichen Glaubenssystemen der Fall ist?

Und noch mehr: Liegt hier, in der Vorstellung von einem rechnenden und rechtenden Gott nicht auch der schon von vielen Denkern vermutete engere Zusammenhang zwischen Monotheismus und Kapitalismus, bzw. zwischen Monotheismus und Materialismus? Vielleicht ist der Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsweise einer Gesellschaft und ihrer Religiosität sogar noch dichter und enger als Friedrich Nietzsche oder Max Weber anzunehmen gewagt haben!?

In den neuen Forschungen zum "Third party punishment game" scheinen mir eine Fülle von Implikationen auch für die Religionswissenschaft allgemein und die Religionsdemographie im besonderen zu stecken.

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