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Dienstag, 9. September 2008

Besessenheit und menschliche Religiosität

Die Templeton Foundation fördert derzeit ein Projekt des britischen Psychologen Justin Barrett (siehe Bild) und seiner Mitarbeiterin Emma Cohen (siehe Bild) auf dem Gebiet der Evolutionären Religionswissenschaft mit 1,9 Millionen Pfund. Dieses Projekt an der Universität Oxford sollte man im Auge behalten, insbesondere da hier nicht nur monotheistische Religiosität erforscht wird, sondern auch andere Formen der Religosität, so etwa südamerikanische "Volksreligionen". (University Oxford News, Times, 19.2.2008):

“... The next step therefore is to look at some of the detailed questions – which religious beliefs are most common, and most natural for the human mind to grasp. The exciting questions in this field are in the details – how does the mind vary in its response to different forms of religion, such as polytheism and monotheism for example, and what is the relationships between religion and evolutionary biology."


Dies wird erforscht am "Ian Ramsey Center for science and religion" an der Universität Oxford. Hier ist die Projektseite. In dem Bericht bei Reuters vom 20.2.08 finden sich noch weitere Erläuterungen dazu:

"Groups that have religious sentiment might be more likely to co-operate, giving them a comparative advantage," Barret said. (...) As well as the monotheistic religions of Christianity, Islam and Judaism, researchers will also look at belief systems with multiple gods from Hinduism to ancient religions still practiced in parts of Latin America.

Barrett said he was a committed Christian but that with such a range of colleagues from theologists to anthropologists, it should not interfere with the study.
Über das letzterschienene Buch von Emma Cohen berichtet die Projektseite:
Emma Cohen's recent Oxford University Press volume "The Mind Possessed", uses insights from the cognitive science of religion to explain why Afro-Brazilian religionists think about spirit possession the way they do. Contrary to what “common-sense” might tell you, people do not simply believe what authority-figures tell them. Rather, natural mental structures push people into holding certain ideas about the relationship between minds and bodies and what happens when a spirit “mind” takes over a human body—ideas that their theological experts do not teach. Consequently, these ideas populate spirit possession cults, and even modern popular culture, well beyond Brazil.
Wer ihr Buch "The Mind Possessed" aus dem Jahr 2007 (wörtlich übersetzt: "Das besessene Gehirn") im Netz sucht, stößt leicht auf einen gleichnamigen Buchtitel aus dem Jahr 1973 "Mind Possessed - Physiology of Possession, Mysticism and Faith Healing". Und dieses letztere Buch stammt von dem britischen Psychologen William Sargant. William Sargant ist auf "Studium generale" schon behandelt worden (Stud. gen. 16. und 19.03. 2007). Möglicherweise ist dieser Buchtitel nur ein neu gewählter für das schon in den 1950er Jahren erschienene und 1997 wieder aufgelegte Buch von Sargant "Battle for the Mind - A Physiology of Conversion and Brain-Washing".

Hier tun sich insgesamt viele neue Perspektiven auf. Besessenheit als ein zentraler Bestandteil menschlicher Religiosität ... - Sagte nicht Hirnforscher Joachim Bauer, daß Liebe eine "Suchterscheinung" ist? Vielleicht ist alle Religion Liebe, Sucht - - - Besessenheit. Ihrem Wesen nach.

Montag, 19. März 2007

Diktatur durch Angst und Diktatur durch Verwöhnung

Derzeit ruft vieles von dem, was man von Michael Blume erfährt (hier zum Beispiel ein ganz toller neuer Vortrag zum Anhören und Lesen [pdf.]), neue gedankliche Assoziationen hervor, Erinnerungen an anderes, was man früher gelesen hat und gut dazu paßt. Und man kann tatsächlich den William Sargant (siehe früherer Beitrag) für ein wichtiges Buch halten.

Das heißt: Wenn ein Mensch psychisch in Erregung versetzt wird - entweder durch positive oder negative Erfahrungen - werden seine Gehirnstrukturen "aufgeweicht", sie werden "plastischer". Das läßt sich auch schon bei den einfachen "Konditionierungen" der Pawlow'schen Hunde beobachten, die durch Nahrungs-Entzug und andere Streß-Situationen (Gefahr des Ertrinkens ...) Lern-, also Konditionierungs-Vorgänge durchmachen. Genauso auch Soldaten im Krieg. Oder Menschen in Gefangenschaft, Folter, in "Schauprozessen", am "Pranger". Oder in den höllenverängstigenden Predigten zum Beispiel der Jesuiten während der Gegenreformation. (Oder in den berühmten "Exerzitien" des Ignatius von Loyola.) Genauso wohl auch Luther selbst, der immer wieder in seelisch aufgewühlten Situationen mit dem Teufel rang oder mit der richtigen Bibel-Auslegung oder mit Papst und "Papisten" und dann vor Kaiser und Reich stand und in ungewöhnlich aufgewühlter psychischer Situation Auskunft gab: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen!" Und so - nach seinem Vorbild - wohl viele Menschen der Reformation. Ich will nur sagen: Es handelt sich wohl um sehr allgemeine Gesetze, die im Alltagsleben des Menschen und auch in der Geschichte ganzer Gesellschaften eine große Rolle zu spielen scheinen.

In einer bestimmten von Sargant beschriebenen fortgeschrittenen Phase der als erregend erlebten Situation, fängt der Mensch (oder das Tier) an, geradezu gesetzmäßig alles gegensätzlich zu tun und zu werten als er es zuvor getan hatte. Sein Denken und Handeln wirkt im höchsten Grade verwirrt und konfus. Und wenn er so weit ist, können ihm neue Persönlichkeits-Bilder, neue Wertungen des Lebens, neue religiöse oder atheistische Lehren "eingeimpft" werden, kann er der Neu-"Konditionierung" kaum noch ausweichen. Man hat das Gefühl, daß fast alle Kriege und Revolutionen mit solchen seelischen Vorgängen einhergehen, bzw. auf solche abzielen, solche herbeiführen wollen.

Ja. Aber diese Gesetzmäßigkeiten gelten eben nicht nur für "negative" (oder Unlust-)Erfahrungen, sondern eben auch - was leicht vergessen wird - für "positive" Erfahrungen. Und vor allem beziehen sich diese psychischen Persönlichkeits-Änderungen kaum oder viel weniger auf das rein rationale Denken, sondern vor allem auf die Wertvorstellungen, auf die Wahrnehmung von Gut und Böse, von Schön und Häßlich, von Liebe und Haß usw.. Und auch Konrad Lorenz warnt nicht nur vor der Diktatur durch Terror und Verängstigung, die in ihren Mechanismen noch relativ einfach zu durchschauen ist, sondern noch viel mehr vor der Diktatur durch "Verwöhnung", also durch immer wieder angebotene Lust-Erlebnisse. Das sind ja auch die beiden Formen von Dikatur, die George Orwell ("1984") und Aldous Huxley ("Schöne neue Welt") beschrieben haben.

Im privaten Leben macht man solche erregenden Situationen natürlich auch immer wieder durch. In der Ehe. In Freundschafts-Verhältnissen. Kino. Disco. Bei Alkohol- und Drogen-Konsum. Zumeist werden - oft übertriebene, unnatürliche - Lust-Erlebnisse geboten. Die Seele (Psyche) wird in Erregung versetzt und es werden dadurch neue Werte, Erlebnis-Arten "eingeimpft" oder schon eingeimpfte verstärkt und vertieft.

Und das ist der Grund, weshalb viele religiöse Lehren und Philosophien "Askese" predigen, das heißt, sich den Verwöhnungs-Reizen eines übertriebenen gesellschaftlichen Lebens entziehen durch Klosterleben ("außerweltliche Askese") oder auch nur durch Konzentration auf Arbeit ("innerweltliche Askese" - die Begriffe sind von Max Weber). Aber nun ist folgendes zu beachten: Auch wenn man sich durch solche "Vereinsamungen" vielen Verwöhnungs-Reizen entzieht, gerät man zunehmend stärker in Erregung. Man erfährt also die bekannten "Entzugs-Erscheinungen", die in ihren Gesetzmäßigkeiten wohl nicht nur auf Drogen und Zigaretten angewendet werden können, sondern auf alles, von dem man psychisch abhängig ist. So ist zum Beispiel inzwischen bekannt, daß die Prägung auf einen Ehe- oder Lebenspartner in der gleichen Gehirnregion verschaltet ist wie "andere" ... "Sucht"-Erscheinungen.

Jemand, der diese Dinge zur Kenntnis genommen hat und zugleich - etwa wie Konrad Lorenz - der Meinung ist, daß die sich in unserem subjektiven menschlichen Inneren vollziehenden "Wert-Erlebnisse" jene sind, die in diesem unserem Weltall von besonderer Bedeutung sind, ein solcher Mensch kann dann plötzlich anfangen, sehr viel behutsamer mit allem umzugehen, was ihn selbst in Erregung versetzt. Er fängt an, sich selbst zu beobachten und fängt an zu beobachten, was einen in welcher Weise nach welcher Richtung hin verändert.

Übrigens haben gerade auch in der Reformation viele Gruppen wie zum Beispiel die Mennoniten "Gegenstrategien" gegen zu starke psychische Erregung entwickelt. Mennoniten weigern sich oft, sich in Streit einzulassen, andere Menschen allzu kontrovers anzugreifen oder sich selbst angreifen zu lassen. Die Amischen (Amish-People) haben das Ideal der "Gelassenheit", das sie auch bei erregenden Gerichts-Prozessen in den USA (betreffend staatliche Schulpflicht ihrer Kinder, Kriegsdienst-Verweigerung) demonstriert haben. Sie lassen sich nicht in Erregung versetzen, haben zugleich ein emotional ausgeglichenes Gemeinde- und Familienleben, sowie bäuerliches Arbeitsleben in der freien Natur und können dadurch so erfolgreich ihre Lebensweise behaupten und auch gegenüber einer andersartigen Umwelt - so zum Beispiel in Gerichtsprozessen - durchsetzen. Sie haben also Gegenstrategien gegen "Bekehrung" von seiten der Mehrheits-Gesellschaft entwickelt.

Aber auch bei den Hutterern in Kanada wird immer wieder aus Berichten deutlich, wie stark emotional ablehnend sie gegenüber der "Sünde" dieser Welt, gegenüber der "sündigen" nicht-hutterischen Welt reagieren, sich also von ihr nicht "erregen" lassen und dadurch sich ihr lebendiges Gemeinschaftsleben (das heißt auch ihr subjektives Innenleben) bewahren.

Freitag, 16. März 2007

Die Physiologie der Konversion nach William Sargant

Religionswissenschaftler Michael Blume laut eines neuen Berichtes:
"Religiöses Empfinden kann durchaus auf neuronale Zustände zurückzuführen sein, aber Religion umfasst viel mehr als nur Erfahrungen des Transzendenten, zum Beispiel (auch) zwischenmenschliche Rituale wie Tanz oder die Ehe."
Ja, tatsächlich - es kann einem doch auch scheinen, daß Religiosität eine "Ganzkörper-Erfahrung" ist, die sich nicht auf irgendeinen Gehirn-Bereich beschränkt. Vielleicht sollte man wieder verstärkt zurückkehren zu Forschern wie dem britischen Psychiater William Sargant (1907 - 1988), der eines der ersten empirisch gesättigten Bücher zur "Physiologie der Konversionen" oder zur Physiologie der "Gehirnwäsche" geschrieben hat, "The Battle for the Mind - The Mechanics of Indoctrination, Brainwashing and Thought Control" (1957), auf deutsch erschienen unter dem Titel: "Der Kampf um die Seele". Er hat während des Zweiten Weltkrieges die britischen Soldaten an der Invasionsfront psychiatrisch behandelt. 1997 wurde sein Buch neu aufgelegt mit dem Untertitel "A Physiology of Brainwashing and Conversion".

Es wird darin beschrieben, daß Menschen unter psychischem Streß (wie ihn die Invasionsfront darstellte) Persönlichkeits-Veränderungen durchmachen können. Ähnliche Mechanismen sind auch bei missionarischen Religionen oder atheistischen Ideologien zu beobachten, die ebenfalls - zum Beispiel - mit Angst und Drohungen arbeiten, um Menschen psychisch unter Streß zu setzen und dadurch zu ihren Ansichten, Lebensweisen und Einstellungen zu "bekehren". "Gehirnwäsche" und Bekehrungen bringen oft sehr schwerwiegende Persönlichkeits-Änderungen mit sich. Das wurde zum Beispiel in aller Öffentlichkeit in den Schauprozessen des Stalinismus demonstriert und der dabei geübten "Selbstkritik". Die von Sargant beschriebenen psychischen Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten sind wohl - für sich gesehen - "neutral". Es fragt sich dann immer, zu welchen Zwecken sie jeweils eingesetzt werden und wie man Abwehrstrategien entwickeln kann.

William Sargant
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