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Freitag, 4. Januar 2008

Ohne Gruppenselektion kann menschliche Religiosität nicht erklärt werden

Eine unglaublich spannende und niveauvolle Diskussion zur Evolution der menschlichen Religiosität hat Religionswissenschaftler Michael Blume auf dem neuen Wissenschaftsblog "Abgefischt" von Lars Fischer bei "Spektrum der Wissenschaft" angestoßen mit inzwischen über hundert Kommentaren, insbesondere auch von Buchautor Edgar Dahl. Mein heutiger Kommentar dort nach Durchlesen der Diskussionsbeiträge:
Herr Dahl, Sie sprechen ganz richtig (mit Dawkins, Einstein etc.) vom menschlichen Staunen, von der menschlichen Ehrfurcht, dem menschlichen Schönheitserleben, dem kausalen Denken als dem (oder einem) Ursprung aller Religion.

Es tritt aber nun etwas hinzu, was Religiöse und Atheisten zumindest oft graduell unterscheidet: Dem Religiösen (auch etwa einem Hans Jonas) ist das Staunenswerte dieser Welt Verpflichtung, Verantwortung. Er leitet aus diesem Staunen Normen des Handelns ab. Auch der Mitmensch ist ihm eine staunenswerte, einzigartige Erscheinung. Und der Religiöse möchte, daß die mitmenschlichen Beziehungen human gestaltet sind. Zumal auch die familiären. Auch dazu leitet er Handelsnormen ab, die er als im Einklang stehend glaubt mit seinem Gefühl des Staunens und der Ehrfurcht vor der Schöpfung (der Evolution) und allen einzigartigen Erscheinungen, die sie hervorgebracht hat - mitsamt der von mir geliebten Mitmenschen.

Nun gehen Religiöse und fundamentalistisch Religiöse in diesen Dingen halt schrittweise immer weiter. Und da fängt bei uns Modernen oft erst das Zaudern an: Kann, darf man so handeln, als ob es nur einen "alleinseligmachenden" Gott gäbe? Wir sagen zumeist: nein. Usw..

Der fundamentaltistische Atheist befürwortet heute meistens einen "verantwortungsvollen Hedonismus". Ist das eine Moral, die der Ehrfurcht vor diesem Universum und allen Werten, die in ihm enthalten sind, allen Werten, die in unserer abendlänlischen Kultur enthalten sind, schon vollständig gerecht wird? Vielleicht hat der moderne Mensch über all diese Fragen einfach noch nicht genügend nachgedacht, philosophiert?

Vielleicht fehlt uns heute einfach in solchen Fragen der gesellschaftliche Konsens, den die traditionell überkommenen Religionsgemeinschaften auch erst in langwierigen schwierigen "Gruppenselektions-Prozessen" herausgebildet haben, wie Michael ja auch gut darstellt (29.12.2007 | 09:04)? Vielleicht stehen wir heute in einem ähnlichen Gruppenselektion-Prozess wie die ersten Christen, wie die ersten Moslems, die ersten Juden? (Und noch einmal jeweils geographisch unterschieden etc..) Und viele von uns werden - wie damals - vergleichsweise wenige Nachkommen haben, andere mehr?

Vielleicht wird heute wie damals dieser Selektionsprozess auch durch die jeweiligen Kinderzahlen der jeweiligen "Weltanschauungs-Anhänger" entschieden?

Ich glaube tatsächlich, daß es so ist. Evolution ist nicht etwas, was einmal geschehen ist, wie wir immer mehr aus der derzeitigen Humangenom-Forschung lernen. Evolution findet statt. Hier und heute. Unsere Kontroversen gerade auch über solche Themen sind ein Teil derselben. Sie beeinflussen Reproduktions-Entscheidungen oder auch (familien-)politische Entscheidungen. Weltbilder entscheiden solchen Entscheidungen.

Ohne Berücksichtigung von Gruppenselektion wird man die Evolution der Religiosität nicht verstehen können. Der Mensch ist nicht nur ein atomisiertes Wesen, er ist - auch heute merken wir das ja wieder immer mehr - ein tief sozial strukturiertes, verankertes Wesen, er ist ein Gemeinschaftswesen - von Geburt an. Glück findet der Mensch in Gemeinschaft mit anderen Menschen wie fast nirgends sonst.

Viele ganz entscheidende Dinge werden letztlich auf der Ebene von Gruppen (oder Nationen) entschieden, nicht auf der Ebene des Individuums. Das merken wir heute auf dem Gebiet der Familienpolitik fast jeder selbst an der persönlichen Lebenssituation während der Familiengründung oder in den Altersjahren.

Natürlich steht übrigens auch die in der griechischen Antike, Herr Dahl (01.01.2008 | 11:07), gelebte gesellschaftliche Moral im Einklang mit den vorherrschenden religiösen und philosophischen Vorstellungen. Sokrates, Platon usw. waren auch - oder sogar vor allem - Ethiker. Hätte man diesen Zusammenhang nicht gesehen, hätte man Sokrates nicht gezwungen, den Schierlingsbecher zu trinken. Und auch Sokrates hätte ihn nicht getrunken, wenn ihm dieser Zusammenhang nicht wichtig gewesen wäre. (Er hätte ja fliehen können, sich der Verantwortung entziehen können ...)

Donnerstag, 22. November 2007

"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Durchgeknallte neokonservative amerikanische Intellektuelle

Letztes Jahr starb in den USA ein führender neokonservativer Intellektueller, Milton Himmelfarb. Und seine Schwester Gertrude Himmelfarb hat schon dieses Jahr posthum eine Essay-Sammlung von ihm herausgebracht unter dem Titel "Jews and Gentiles". Es umfaßt vor allem Essay's, die seit vielen Jahrzehnten in der renommierten Zeitschrift "Commentary" unter der Herausgeberschaft von Norman Podhoretz erschienen sind. Dieses Buch wurde schon im April von David Gelernter, der beim konservativen "American Enterprise Institute" arbeitet, rezensiert. Die Rezension birgt allerhand Überraschungen. (AEI) Sein Urteil über dieses Buch gleich zu Beginn:
Should you happen to be a Jew or a Gentile, you will find it indispensable.
Also übersetzt:
Sollten Sie zufällig Jude oder Nichtjude sein, so werden Sie dieses Buch unentbehrlich finden.
Als gäbe es keine wichtigere Unterscheidung in der Welt als die zwischen Juden und Nichtjuden. Nun, für - manche - Juden offenbar auf jeden Fall. - Aber wer spricht denn hier eigentlich? Der nächste Satz stellt dann als geradezu selbstverständliche Tatsache hin, was in dem Buch "Israel-Lobby" von Mearsheimer und Walt gerade als heftig öffentlich umstritten - und kritikwürdig - erörtert wird (neuerdings sogar von Richard Dawkins in die öffentliche Diskussion eingebracht [siehe Michael Blume]):
Of the imposing, mostly Jewish, intellectuals who changed America forever by inventing neoconservatism (i.e., "new conservatism," progressive conservatism), Milton Himmelfarb was the one who cared first and most about religion--in particular, Judaism. Repeatedly, he described the mood of the moment with absorbing precision, but kept his eye fixed on politics and historical and religious truth.
Also übersetzt:
Von den eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen, die Amerika für immer umwandelten dadurch, daß sie den Neokonservatismus einführten (bzw. den "neuen Konservatismus", den fortschrittlichen Konservatismus), war Milton Himmelfarb derjenige, der zu allererst und am intensivsten Religion mitberücksichtigte - besonders die jüdische. Wiederholt beschrieb er das Tagesgeschehen mit erschöpfender Präzision. Aber er hielt sein Auge auf Politik und auf historische und religiöse Wahrheiten gerichtet.
"Die eindrucksvollen, zumeist jüdischen Intellektuellen ..."

Man höre genau hin, hier wird - wiederum ganz selbstverständlich - von "religiösen Wahrheiten" in Bezug auf das Judentum gesprochen. Weiter heißt es:
The essays here span nearly half a century, from 1949 through 1996--the time during which intellectuals took over America's universities, the universities took over American culture, and the left replaced the right as America's "Establishment" (a word that was far more popular in olden times when the Establishment was right-leaning and fun for professors to attack).
Offensichtlich ist doch der Autor der Rezension selbst Jude. Will er denn absichtlich provozieren, indem er die Thesen über die "Israel-Lobby" so schnodderig als selbstverständliches Schuljungen-Wissen voraussetzt?
Die Essay-Sammlung "Jews and Gentiles", so werden wir weiter von ihm belehrt, hat "ein Thema":

The rise of paganism in our times, and the fundamental, irreconcilable antagonism between paganism and Judaism. We must carefully distinguish (the author writes) between paganism and mere atheism. Paganism is a positive system of beliefs. Atheism dominated the "modern" age, but modernism collapsed in the turmoil of the late 1960s.

Das Thema ist also:
Der Aufstieg des Heidentums in unserer Zeit und die fundamentale, unversöhnliche Gegnerschaft zwischen dem Heidentum und dem Judentum. Wir müssen sorgfältig unterscheiden (so schreibt der Autor) zwischen Heidentum und bloßem Atheismus. Heidentum ist ein positives Glaubenssystem. Atheismus dominierte zwar das "moderne" Zeitalter. Aber diese Modernisierungsbewegung brach in den Unruhen der späten 1960er Jahre zusammen.
"Heidentum steht für Promiskuität, Not und Tod."

Der Atheismus brach schon in den späten 1960er Jahren zusammen? Merkwürdige These. Gerade damals kam er doch erst so richtig in Fahrt!? Weiter heißt es:

For Himmelfarb, paganism is the characteristic religion of today's elite--and it stands for promiscuity, misery, and death. He traces the taste for paganism to Enlightenment philosophes such as Diderot, to their 20th-century academic admirers, and to the psychotic sixties, when nature-worship and sexual promiscuity began to seem positively good and Christianity (and Judaism even more, to the extent anyone ever thought about it) began to seem evil.

Also:
Für Himmelfarb ist Heidentum die charakteristische Religion der heutigen Elite - und sie steht für Promiskuität, Not und Tod. Er führt die Vorliebe für das Heidentum auf die Philosophen der Aufklärung zurück wie Diderot und auf ihre Bewunderer im 20. Jahrhundert und auf die psychotischen 68er, als man begann, Natur-Anbetung und sexuelle Promiskuität als positiv anzusehen und das Christentum (und das Judentum noch mehr - in einem Ausmaß wie es niemand zuvor geglaubt hatte) als schlecht.
Zwischenfrage: Von welcher Elite ist denn jetzt die Rede? Doch nicht etwa jene, die mit Himmelfarb Amerika veränderte? Weiter heißt es:
Himmelfarb rottet beiläufig aber gründlich den letzten Splitter des Glaubens aus, daß Heidentum bewundernswürdig wäre.
Und das weitere ist einem viel zu dumm und geradezu absurd, als daß man es hier alles übersetzen möchte:

Himmelfarb casually but thoroughly annihilates to the last splinter the idea that paganism is admirable. Diderot admired pagan Tahiti, for example, which still (in the 21st century) strikes many people as romantic, exotic, and generally lovable. But a little research discloses that, in pagan Tahiti, an organized priesthood handled the worship of the "greater gods," who sometimes required human sacrifice; cannibalism was also on the menu, occasionally. Himmelfarb notes the bloodthirsty, "sick-making" entertainments staged in the amphitheaters of pagan Rome, a civilization much praised by Diderot and his Enlightenment colleagues. As for the Eastern spirituality sometimes admired by "soft-boiled modern pagans," as recently as 1968, India's prime minister saw fit to denounce the ritual murder of a 12-year-old boy to appease the gods at the outset of a large construction project. Bloodshed, says Himmelfarb, is "the piety of paganism."

Das absurde Allgemeinurteil lautet also:

(...) Blutvergießen, sagt Himmelfarb, ist "die Frömmigkeit des Heidentums".
"Das Judentum ist zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt."

Weiter heißt es in der Rezension:
Das Judentum ist der andere Teil seines Hauptthemas. Das Judentum ist zur gänzlichen Zerstörung des Heidentums bestimmt.
Im Originaltext wird dieser archaische, ganz und gar alttestamentarisch anmutende Satz im weiteren irgendwie eingeschränkt:
Judaism is the other part of his main topic. Judaism is dedicated to paganism's utter destruction. (Even though--Himmelfarb never neglects a nuance--the prophet Micah said, "For let the peoples walk each in the name of its god, but we will walk in the name of the Lord our God for ever and ever." "Sometimes I like to think," Himmelfarb writes, "that maybe [the rabbis] had a quiet weakness for pluralism.")
Also:
(Obwohl - Himmelfarb verneint niemals diese Nuance - der Prophet Micha sagte: "Laßt die Völker jedes im Namen seines Gottes leben wir werden stattdessen im Namen des Herrn, unseres Gottes für immer und ewig leben." "Manchmal möchte ich glauben," so schreibt Himmelfarb, "daß die Rabbiner eine stille Schwäche für Pluralismus hatten.")
Hört man denn hier ganz richtig ein ... zynisches Lächeln über ... "Pluralismus", religiösen Pluralismus ... heraus? Die "stille Schwäche für Pluralismus" wird nur in Klammer gesetzt aber als Hauptaufgabe des Judentums hier in der Welt wird - ganz und gar im wortwörtlichen Sinne des Alten Testamentes bestimmt: die gänzliche Zerstörung des Heidentums. Man sollte das doch festhalten. Was führende amerikanische Konservative zu äußern fähig sind am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sollen hier nur in zynischer Weise einige Klischees bedient werden? Oder gleich alle auf einmal?

(Religiöser) Pluralismus - ja oder nein, das ist hier die Frage ...

Sodann wird - das soll hier nur kurz erwähnt werden - die Unterscheidung von Judentum und Christentum behandelt. Das Judentum würde kaum eine Hölle kennen und sei darum weniger "rachsüchtig" als das Christentum. Liest man genau, so erfährt man: Das Judentum kennt nur für Juden selbst keine Rache von Gottes Seite. Aber diese Absätze seien hier übergangen. Es ist 'eh alles schon absurd und archaisch genug. Angesehene, neokonservative Intellektuelle in den USA schreiben so etwas? - Weiter heißt es dann:

Yet Himmelfarb is careful to note that only paganism, and never Christianity, could have sponsored the Holocaust: "If one sentence could summarize Church law and practice over many centuries, it is this: the Jews are allowed to live, but not too well." This sentence is worth a couple of academic monographs and a journal paper all by itself.

Also, das Christentum kann am Holocaust nicht schuld sein, da ein Grundsatz des kirchlichen Rechtes und der kirchlichen Praxis über viele Jahrhunderte hin gelautet hätte: es ist den Juden erlaubt zu leben - aber nicht zu gut. Dieser Satz wäre eine ganze Reihe von akademischen Monographien und Zeitschriftenartikeln für sich selbst wert, so Gelernter.

Bleibt also nur das Heidentum, das am Holocaust schuld ist. Von anderen Menschheitsverbrechen muß bei dem Thema "Jews and Gentiles" ja sowieso nicht die Rede sein. (... Oder wäre nicht auch Juri Slezkine zu behandeln?) Von dem Essay über Hitler als die Ursache des Holocaust ist Gelernter dann auch nicht so recht befriedigt:

We don't hear enough about General Erich Ludendorff's anti-Christian views and Teutonic paganism. We do learn that Hitler "scorned Judaism and Christianity not like Ludendorff the Teutonizer but like Voltaire the Enlightener." But no explanation follows. There are Hitler pronouncements that support this claim (although Himmelfarb doesn't cite them); there are also pronouncements that suggest other wise--and there is the Wagner cult Hitler belonged to, the pseudo-Teutonic rites and ceremonies he loved. Himmelfarb emphasizes that the Holocaust was a pagan and not Christian phenomenon, but doesn't tell us nearly enough about Germany's paganism or Hitler's.

Übersetzt:

Wir hören nicht genug über Erich Ludendorffs antichristliche Ansichten und teutonisches Heidentum. Wie lernen, daß Hitler "das Judentum und das Christentum verachtete nicht wie Ludendorff, der Teutonisierer, sondern wie Voltaire, der Aufklärer." Aber keine Erklärung folgt. Es gibt Äußerungen von Hitler, die diese Behauptung stützen (obwohl Himmelfarb sie nicht zitiert), aber es gibt auch Äußerungen, die anderes nahelegen - und da gibt es den Wagner-Kult, dem Hitler anhing, die pseudo-teutonischen Riten und Zeremonien, die er liebte. Himmelfarb betont, daß der Holocaust ein heidnisches und nicht ein christliches Phänomen war aber er sagt uns nahezu nichts über Deutschlands Heidentum oder über das Hitlers.

Eben war noch geradezu selbstverständlich das Judentum "zur gänzlichen Vernichtung des Heidentums bestimmt" angesprochen worden (wobei offen geblieben war, mit welchen Mitteln diese Vernichtung vorangetrieben werden sollte - doch nicht etwa mit Auslands-Einsätzen amerikanischer Soldaten?), und dann macht man sich Gedanken darüber, aus welchen Gründen Antisemiten im Deutschland der 1930er Jahre "Vernichtungs-Absichten" gehegt hätten.

Keine sehr schöne gedankliche Welt jedenfalls, in der da führende amerikanische Konservative zu leben scheinen.

Samstag, 3. November 2007

Gruppenselektion und kulturelle Evolution

In der Blogszene von Werbeleuten wird die "Memetik" im Zusammenhang mit der kulturellen Gruppenselektion im Sinne von Boyd und Richerson diskutiert. Dabei wird der Begriff "Rassismus" etwas inflationär und unpräzise verwendet. Ein Markus Roder äußert dort (Werbeblogger):

(...) Ich teile Deine Abneigung gegen Rassismus. Aber wie Du z.B. bei Michael Shermer oder in den Werken von Boyd & Richerson zum Thema “Gruppenselektion” sehr schön nachlesen kannst, ist Rassismus auch evolutions- und neuropschologisch “vorprogrammiert”.

Unser Hirn ist dank genetischer (nicht memetischer ;) Evolution darauf optimiert, Meme zu bevorzugen, die Gruppen-Zusammenhalt und Gruppen-Kooperation fördern - das beinhaltet tolle Sachen wie Altruismus und spieltheoretisch belegbares “Tit-for-Tat-Verhalten”, aber leider auch den Ausschluss scheinbar fremder Gruppen, wie im Rassismus oder in Religionskriegen praktiziert.

Das ist mit wenigen Worten gut zusammengefaßt. Aber man kann anstatt des Begriffes "Rassismus" auch neutraler den Begriff "Ethnozentrismus" verwenden. Eine ingroup-/outgroup-Unterscheidung kann human oder inhuman oder tendenziell inhuman geschehen, ist aber nicht per se inhuman, sondern wahrscheinlich sogar etwas, was den Menschen erst zum Menschen macht, bzw. gemacht hat (eben via Gruppenselektion).

Ingroup-/Outgroup-Unterscheidungen gibt es ja auf allen Ebenen gesellschaftlichen Zusammenlebens, nicht nur im Zusammenhang mit vordergründig genetischen Unterschieden zwischen Menschen, sondern auch schon im Zusammenhang mit weltanschaulichen oder politischen Unterschieden, also "memetischen".

Aus der "Memetik" würde ich übrigens kein wissenschaftliches Grundsatz-Programm machen. Es handelt sich einfach um die Evolution, bzw. Geschichte (Neubildung, Ausbreitung, Aussterben) kulturell weitergegebener Merkmale, Verhaltensweisen etc., wie sie ja schon traditionell von den Geisteswissenschaften seit Jahrhunderten beschrieben und erforscht werden.

Dienstag, 30. Oktober 2007

James Watson: Richard Dawkins, Edward O. Wilson und PZ Myers auf seiner Seite

In einem Artikel des Guardian finden sich einige Stellungnahmen von bekannten Wissenschaftlern zu James Watson. Die wichtigste ist die von Richard Dawkins, der ja schon in seinem vorletzten Buch "Ancestor's Tale" (im Kapitel "A Grasshopper's Tale") zur Frage der unterschiedlichen Genetik von Menschen-Gruppen Stellung genommen hatte:
'What is ethically wrong is the hounding, by what can only be described as an illiberal and intolerant "thought police", of one of the most distinguished scientists of our time, out of the Science Museum, and maybe out of the laboratory that he has devoted much of his life to, building up a world-class reputation,' said Richard Dawkins, who been due to conduct a public interview with Watson this week in Oxford.
Übersetzt:
"Was ethisch falsch ist, ist das Hinaus-Hetzen aus dem Science Museum und vielleicht aus dem Institut, dem er einen großen Teil seines Lebens gewidmet hat, um dessen Weltklasse-Reputation aufzubauen, ein Hetzen, das nur als illiberale und intolerante 'Gedanken-Polizei' bezeichnet werden kann gegenüber einem der ausgezeichnetsten Wissenschaftler unserer Zeit."
Die zweitwichtigste Stellungnahme für mich ist die von Edward O. Wilson, wie Dawkins einer der Gründerväter der Soziobiologie:
'We have become firm friends. Today we are the two grand old men of biology in America and get on really well. I certainly don't see him as a Caligula figure any more. I have come to see him as a very intelligent, straight, honest individual. Of course, he would never get a job as a diplomat in the State Department. He is just too outspoken. But one thing I am absolutely sure of is that he is not a racist. I am shocked at what has happened to him.'
Übersetzt:
"Ich bin absolut sicher, daß er kein Rassist ist. Ich bin schockiert über das, was ihm geschehen ist."
Außerdem wird der Oxforder Neurologe Colin Blakemore zitiert:
'Defining intelligence is complex and there are many forms of intelligence, not all of which are captured by IQ tests. In any case, it would be as unethical to organise society around some numerical indicator of difference as it would to do so on the basis of skin colour.'
Wenn man genau hinhört, bestreitet Blakemore keineswegs, daß jene Intelligenz, die mit IQ-Tests gemessen wird, vererbt wird und deshalb auch in unterschiedlichen Gruppen in unterschiedlicher Häufigkeit vererbt werden kann. Ganz richtig sagt er nur, daß diese Intelligenz nicht die einzige vererbbare Eigenschaft des Menschen ist, die ihn zum Menschen macht. In jedem Fall aber erachtet er es als unethisch, eine Gesellschaft allein um den IQ-Wert von Menschen herum zu organisieren. Alles Aussagen, denen man zustimmen kann. Auch Watson, Dawkins und Wilson werden denselben sofort zustimmen. Und weiterhin sagt Blakemore:
'Jim Watson is well known for being provocative and politically incorrect. But it would be a sad world if such a distinguished scientist was silenced because of his more unpalatable views.'
Übersetzt:
"Jim Watson ist bekannt für seine provokative und politische Unkorrektheit. Aber es wäre eine traurige Welt, wenn solch einem ausgezeichneten Wissenschaftler der Mund verboten würde, nur weil er ein paar unschmackhafte Gedanken äußert."
Also auch er steht auf der Seite von James Watson und macht die Hetze nicht mit.

Craig Venter allerdings wird mit den Worten zitiert:
'There is no basis in scientific fact or in the human gene code for the notion that skin colour will be predictive of intelligence.'
Ich halte diese Aussage für wissenschaftlich nicht absolut korrekt. Richard Dawkins ist in seinem Buch korrekter. Er sagt - der Sache nach -, daß die Kenntnis der Hautfarbe die Wahrscheinlichkeit eines richtigen Urteils über die Intelligenz eines Menschen erhöhen könnte.

Man kann diesen Blogeintrag auch ansehen als Antwort auf eine Frage von Steve Sailer ( auf seinem Blog: 1, 2), welcher bekannte Wissenschaftler sich öffentlich auf die Seite eines der bedeutendsten Wissenschaftler unserer Zeit stellen würde in dieser Sache: Richard Dawkins, Edward O. Wilson und Colin Blakemore haben dies getan. Mehr kann man nicht verlagen. Wenn die Journalisten diesen Leuten nicht zuhören, ist das ihre Sache - aber nicht mehr die Sache dieser Wissenschaftler.

Der Artikel benennt auch den Menschen, der offenbar verantwortlich ist für die öffentliche Hetze gegen James Watson:
(...) Thus it was left to Simon Kelner, editor of the Independent, to take Watson's claims and to run them as its lead story on Wednesday, under the banner: 'Africans are less intelligent that Westerners, says DNA pioneer'. In this way, Watson's fate was sealed.
Wie kann es sein, daß ein Journalist über das Schicksal eines der bedeutendsten Wissenschaftler unserer Zeit bestimmen kann?

Zusatz: Auch PZ Myers verteidigt das Recht von James Watson, derartiges zu äußern, ohne deshalb entlassen zu werden.

Montag, 15. Oktober 2007

Dawkins in Frankfurt


Nun hat er ihn also erhalten, den Deschner-Preis. Und es gibt einen wunderschönen Bericht darüber. (hp-online.de) Die vielleicht wichtigste Äußerung tat der alte Karlheinz Deschner, der in seiner Rede ausführte:
"Wir haben also - welche Toleranzbreite! - einen Approximativ-Atheisten, der den Preis, freundlicherweise, empfängt; einen Agnostiker, dessen Namen er trägt; ja, und eine preisvergebende eher atheistische Stiftung, die sich nach einem Pantheisten benennt. Aber, meine Damen und Herren, die berühmtesten Leute sind Pantheisten, Goethe, Spinoza, nicht minder Berühmte sind Agnostiker, David Hume, (mit Einschränkung) Kant; Agnostiker auch Comte, Spencer, Darwin, Russell, Camus, die meisten Neukantianer und Positivisten."
Schön, auf den Fotos immer wieder den fröhlichen Richard Dawkins zu sehen. Links neben ihm oben Franz M. Wuketits, der die Laudatio hielt. - Suche ich nicht richtig oder stimmt es: Keine deutsche Zeitung hat darüber berichtet??? (Meine Suchworte: Dawkins, Deschner.)

Donnerstag, 28. Juni 2007

"Ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, widerwärtiger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-bosha

Grins - die Tiraden von Dawkins wider Gott passen gar nicht in die Titelzeile, hier der Rest:
...boshafter Tyrann"

Ein Leser weist auf die Vorankündigung der Neuerscheinung von Richard Dawkins' "Gotteswahn" auf Deutsch im Ullstein-Verlag hin, die im September erscheinen soll. Auf der Verlagsseite heißt es:
Eine furiose Streitschrift wider die Religion.

»Religion ist irrational, fortschrittsfeindlich und zerstörerisch.« Richard Dawkins, einer der einflussreichsten Intellektuellen der Gegenwart, zeigt, warum der Glaube an Gott einer vernünftigen Betrachtung nicht standhalten kann - brillant und bei aller Schärfe humorvoll.

Der Evolutionsbiologe Richard Dawkins hat nach 'Das egoistische Gen' erneut ein Buch geschrieben, das bestehende Weltbilder grundsätzlich in Frage stellt. In diesem leidenschaftlichen Plädoyer für die Vernunft zieht er gegen die Religion zu Felde: Der Glaube an eine übernatürliche Macht kann keine Grundlage für das Verständnis der Welt sein und schon gar keine Erklärung für ihre Entstehung. Wenn wir die Kritik an den Religionen zum Tabu erklären, laufen wir Gefahr, von Fundamentalisten jedweder Couleur dominiert zu werden. Der Glaube an ein göttliches Wesen ist vielfach die Ursache von Terror und Zerstörung, wie die Weltgeschichte von der Inquisition bis zu den Anschlägen auf die Twin Towers zeigt. Ein wichtiges Buch, das zu einem brennend aktuellen Thema eindeutig und überzeugend Position bezieht.

Pressestimmen:

»Ich bin ein Gegner der Religion, denn sie bringt uns bei, dass wir uns damit zufrieden geben, die Welt nicht zu verstehen.«
Richard Dawkins

»Der Gott des Alten Testaments ist ein frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, widerwärtiger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Tyrann.«
Richard Dawkins

»Kreationisten und Gottesgläubige halten Richard Dawkins zu Recht für ihren Erzfeind. In Der Gotteswahn zeigt er, was für ein beeindruckender Gegner er ist. Das Buch ist mutig und inspirierend.«
The Guardian

»Der Gotteswahn ist ein gutes und wichtiges Buch, denn Dawkins setzt seinen scharfen Verstand gegen eine lähmende political correctness ein, die einen Dialog über Religion, intellektuelle Verantwortung und Politik verhindert.«
San Francisco Chronicle

»Das ist ein Buch für das neue Jahrtausend, in dem unser Leben von der Herrschaft des Übernatürlichen befreit werden kann.«
Brian Eno

»Endlich hat einer der besten Sachbuchautoren unserer Zeit seine Thesen über die Religion versammelt.«
Steven Pinker

Samstag, 2. Juni 2007

Ein dritter Weg zwischen Atheismus und Monotheismus?

Der neueste "Spiegel" macht ja ziemlich viel Wind um den "Kreuzzug der neuen Atheisten". (Studium generale 1, 2) Nun haben wir es endlich auch gelesen. Auch wenn man sonst weiter nichts von dem Autor Alexander Smoltczyk weiß, will einem scheinen, daß all das - wieder einmal - aus dem "intellektuellen Kernschatten von Jürgen Habermas" heraus geschrieben worden ist. (TAZ, 2004) Und solche Leute wollen - im Grunde merkwürdigerweise - nicht, daß Monotheismus zu heftig angegriffen wird, deshalb greifen sie Dawkins und Co. an, was soweit übersehbar bisher noch nie ein Atheist oder ein atheistisches Blatt in einer solchen Schärfe getan hat wie jetzt der "Spiegel". Ohne allzu viele Intim-Kenntnisse über die ideologischen Fronten im derzeitigen Journalismus zu haben, kann man sich vorstellen, daß auch ein Thomas Assheuer von der "Zeit" einen Artikel mit solcher Tonlage hingekriegt hätte. - Man will also - und zum Teil ziemlich heftig - Emotionen schüren. Aber warum?

Weil niemand auf die Idee der Möglichkeit eines "Dritten Weges" zwischen Atheismus und Monotheismus kommen soll, was wirklich, wirklich, wirklich das Naheliegendste wäre beim derzeitgen Stand des Wissens und des gesellschaftlichen Bewußtseins. Diese Kuppelei zwischen "Thron und Altar", zwischen Frankfurter Schule und katholischer Kirche, und das merkwürdige und zutiefst lächerliche Emotionen-Schüren, das sich aus einer solchen Kuppelei - offenbar - ergibt (notwendigerweise?), ist einem im Grunde viel zu lächerlich, als daß es ergiebig erscheint, sich damit ernsthafter auseinanderzusetzen. Das ist alles nur auf leicht manipulierbare Menschen berechnet. Auf sehr leicht manipulierbare.

Aber daß keine "dritte Stimme" auch nur "irgendwo" prononcierter hindurchschimmert in gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten, zeigt, wie viel schon geistig "auf den Hund gekommen" ist. Heute mag gar nicht mehr so entscheidend sein die Frage: Gott oder nicht Gott, supernaturalistisch oder naturalistisch etc. pp.. Das ist doch im Grunde längst geklärt. Die entscheidende Frage wird jetzt und künftig immer mehr lauten: Seele oder keine Seele. Und das ist keine theoretische Frage, sondern bewährt sich an der Praxis und im Umgang mit unseren heutigen gesellschaftlichen Problemen.

Unter anderem - oder vielleicht sogar: vor allem - daran, wie unsere Gesellschaft und ihre einzelnen Mitglieder mit Kindern umgehen, welche Priorität sie der Kinderseele, ihrem Schutz, ihrem Gedeihen zusprechen. Und zu diesem Thema ist sowohl von der katholischen Kirche wie von einer von Atheismus und Materialismus durchtränkten Gesellschaft schon reichlich Anschauungsmaterial geliefert worden. Natürlich mag es auch noch andere - wichtige - Fragen geben. Krieg oder nicht Krieg, Klimaschutz oder nicht Klimaschutz ...

Aber selbst all die anderen Fragen werden sich letztlich künftig am besten daran messen lassen, ob Menschen mit Seele und echter, wahrhaftiger Persönlichkeit nach Antwort suchen oder Menschen, die sich von hohen Gehältern ihre Unzufriedenheit "mäßigen" lassen, Menschen, die glauben, mit Geld alles bezahlen zu können, Menschen, die mit - genügend - Geld käuflich sind für alles.
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Damit könnte man diesen Beitrag abschließen. Aber die zuletzt geäußerten Gedanken erinnern einen wieder daran, was man vor kurzem in einer Charles Lindbergh-Biographie gelesen hat (Studium generale), und wie beeindruckt man davon war, wie souverän Charles Lindbergh unmoralische Angebote abgelehnt hat - oder doch zumindest solche, die in seinen Augen unmoralisch waren. Charles Lindbergh war nicht käuflich. In einer Welt voller Schlamm und Unmoral, vor allem in einer Welt voller käuflicher "Sensationslust", bewegte er sich - noch dazu als Jahrzehnte langer Mittelpunkt dieser Sensationslust - wie ein "Reiner". Ist diese vielleicht zu blumige Sprache wirklich gerechtfertigt. Aber man mache Alternativ-Vorschläge: Wie soll man es denn sonst nennen?

Nachdem der Biograph (1) dem Leser über Seiten und Seiten hinweg die zehn- und hunderttausende von Menschen vorgeführt hat, die Charles Lindbergh nach dem Atlantik-Flug zugejubelt hatten, so daß es einem schon längst zum Hals heraushängt (denn zu gleicher Zeit jubelten andere Menschen ganz anderen "Persönlichkeiten" zu ...), referiert er Lindbergh's Gedanken, in welcher Weise er nun seinen "Ruhm" ausnutzen sollte. Und er zitiert einen Historiker, der über Lindbergh sagte: "Noch beeindruckender als Lindberghs Flug über den Atlantik war die Art, wie er sich nachher verhielt. " (1, S. 149) Das finanziell attraktivste Angebot kam von dem Multimillionär W. R. Hearst, dem Inhaber des einflußreichen Medienimperiums der amerikanischen "Hearst-Presse".
"Lindbergh sollte in einem Film über die Luftfahrt die Hauptrolle spielen, mit Marion Davies, der Geliebten Hearst, als Partnerin. Hearst bot Lindbergh 500.000 Dollar plus zehn Prozent der Bruttoeinnahmen. (...) Hearst drängte Lindbergh, es nicht nur um seinetwillen zu überdenken, sondern es auch als Ermutigung für andere zu sehen." (!!!)
Wie nun reagiert der 25-jährige, scheinbar ganz naiv aussehende Farmerjunge aus dem amerikanischen Mittelwesten? Vielleicht sah er sein Verhalten wirklich auch als eine Ermutigung für andere an. Aber nicht in dem Sinne, in dem sich Hearst das vorgestellt hatte.
" 'Ich wollte, ich könnte Ihnen den Gefallen tun', wandte Lindbergh ein, 'aber es geht nicht. Ich habe erklärt, ich werde nicht in Filmen auftreten.'

Erst viele Jahre später sprach Lindbergh in seinen Memoiren aus, daß er an Hearst selbst Anstoß genommen hatte. Der Mogul, so schrieb Lindbergh, 'kontrollierte eine Zeitungskette von New York bis Kalifornien, deren sittliche Maßstäbe sich von den meinen sehr unterschieden.
'Sie scheinen mir allzu sensationslüstern, unverzeihlich ungenau und übertrieben besessen von den Leiden und Lastern der Menschheit. Die Männer, die ihn vertraten und die ich kennengelernt hatte, waren mir fast alle zuwider, und ich wollte nicht mit dem Unternehmen in Verbindung gebracht werden, das er aufgebaut hatte.' "
So denken und handeln heute bestimmt nicht mehr sehr viele Menschen in vergleichbaren Situationen:
" 'Na gut', sagte Hearst schließlich, 'aber den Vertrag müssen Sie zerreißen, ich hab' nicht das Herz dazu.'

Verlegener als je versuchte Lindbergh, ihm den Vertrag zurückzugeben. 'Nein', sagte Hearst ruhig und maß den jungen Mann prüfend von oben bis unten, 'wenn Sie keinen Film drehen wollen, zerreißen Sie das Papier und werfen Sie es fort.' Auf diese zweite Herausforderung hin riß Lindbergh die Seiten entzwei und warf sie in den Kamin. Hearst sah ihm 'mit einem Ausdruck belustigten Staunens' zu, an den Lindbergh sich noch lange erinnerte." (1, S. 151)
Was für ein souveräner Mensch. Ein Mensch, der nicht käuflicher war. Mehr Menschen von seiner Statur und das 20. Jahrhundert wäre - so möchte man ohne zu zögern vermuten - wesentlich anders verlaufen. Man könnte zu der Meinung kommen, daß wir Menschen wie Lindbergh brauchen, wenn wir das 21. Jahrhundert wirklich zukunftsweisend gestalten wollen.

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1. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999

Freitag, 1. Juni 2007

Schrille Töne

Die katholische "Tagespost" schlägt harsche Töne an, weil sie ihre Gottesvorstellung durch Richard Dawkins angegriffen fühlt. (Tagespost) Wer mit so üblen Verleumdungen anfängt, wie der folgenden, der scheint sich schon sehr stark angegriffen zu fühlen. Sagt doch Autor Stefan Rehder über Richard Dawkins:

"Den Glauben hält der radikale Darwinist für eine „Art Geisteskrankheit“. Und weil im Darwinismus für die Kranken und Schwachen bekanntlich kein Platz ist, kann man sich an fünf Fingern abzählen, wie Dawkins wohl mit ihnen verfahren würde, wenn man ihn ließe." (!!!) "Doch auch mit den Waffen des Geistes ist Dawkins nicht ungefährlich."

Wer mit so bösartigen Unterstellungen arbeitet, meint es von vornherein nicht redlich. Denn so etwas rutscht einem doch nicht "gerade mal eben" so raus. Ich habe solche Unterstellungen bei seriöseren angelsächsischen Dawkins-Kritikern - ehrlich gesagt - auch noch nie gelesen. Sollte das jetzt die spezifisch deutsche Komponente der Debatte werden?

Natürlich kann man verstehen, wodurch sich die "Tagespost" verletzt fühlt:

Auf die Gefühle der Gläubigen oder auch nur auf guten Geschmack legen die Prediger des Atheismus dabei keinen Wert: „Der alttestamentarische Gott ist einer der unangenehmsten Charaktere der Literaturgeschichte“, pflegt Dawkins, der sich selbst für einen angenehmen Zeitgenossen hält" (- wieder eine hinterhältige Zwischenbemerkung!), "seine Lesungen zu beginnen. „Eifersüchtig und ungerecht, ein Rassist, Schwulenhasser und Kinderkiller, ein übler Korinthenkacker, Megalomane und ethischer Säuberer“, sei Gott, behauptet Dawkins und fügt hinzu: „Die Leute lieben das.“

Ja, da möchte man die "Tagespost" doch mal bitten zu sagen, ob das nicht stimmt, was Dawkins da sagt. Auch Peter Sloterdijk behandelt das Thema in seinem neuen Buch "Zorn und Zeit". Aber kein Wort hier darüber. Stattdessen üble Unterstellung. Dann heißt es kurz danach:

... Denn ihre Vordenker belassen es nicht dabei, vielbeachtete Bücher zu schreiben, in denen sie ihrem Hass auf alles Religiöse freien Lauf lassen ...

Auch das ist definitiv falsch. Richard Dawkins und Sam Harris sympathisieren beide sehr stark mit religiösen Nichtchristen wie etwa Albert Einstein und Dawkins spricht sie definitv in seinem vorletzten Buch "Ancestors Tale" auf den letzten Seiten an. Dawkins ist nicht gegen Religiosität. Er bezeichnet sich sogar selbst als religiös. Spricht von Ehrfurcht vor der Schöpfung, spricht von der "sublimen Erhabenheit der wirklichen Welt", nennt schon im Untertitel sein Buch eine "Wallfahrt zu den Anfängen des Lebens". Er ist gegen monotheistische Religiosität. Ja.

Aber hier erfahren wir ja spannende Sachen und scheinbar scheint das der Anlaß, daß in Deutschland ganz neuartige (- alte?, uralte?) Geschütze aufgefahren werden:

Am 12. Oktober wird Dawkins in Frankfurt den mit 10 000 Euro dotierten Deschner-Preis der Giordano Bruno Stiftung entgegennehmen ...

Und es heißt weiter:

... Wie aggressiv und intolerant die „neuen Atheisten“ sind kann nicht nur auf zahlreichen Internetseiten besichtigt werden (DT vom 5. Mai). So listet der Spiegel in seiner aktuellen Ausgabe die „Zehn Gebote“ der neuen Atheisten auf, mit denen sie die Welt beglücken wollen. Darin heißt es zum Beispiel: „V. Du sollst Deine Kinder ehren und sie deshalb mit Gott in Frieden lassen“. Es gäbe, kann man dort lesen „keinen wesentlichen Unterschied zwischen Prügelstrafe, Missbrauch und den Schäden, der einer Kinderseele in Jesuitenschulen zugefügt wird.“ Man muss sich das politisch vorstellen: In dem Maße, in dem die „neuen Atheisten“ politische Macht gewännen, werden das Leben und die Werke gläubiger Menschen zunehmenden Einschränkungen unterliegen.

Diese Einschränkungen würden darin bestehen, daß man nicht dauernd in den Medien immerzu Bischöfe und Pfarrer zu allen möglichen Dingen fragen würde, zu denen man jeden beliebigen anderen Menschen auch fragen könnte. Daß religiöse Erziehung Kindesmißhandlung sein könnte, das allerdings könnte sich ebenfalls als eine Frage religiöser Freiheit und Toleranz herausstellen aber in der Hinsicht, ob monotheistisch-religiös erzogene Menschen noch wirklich religiös frei und tolerant sein können. - Das ist eine schwierige Frage, die nicht durch Polemik, sondern durch Experten geklärt werden sollte.

An anderer Stelle heißt es:

Wer vornehmlich mit dem Unterleib denkt, wird Dawkins Theorie des egoistischen Gens möglicherweise manches abgewinnen können.

Das sind - so mein Eindruck - gänzlich neue, ziemlich schrille Töne in einer bislang doch noch einigermaßen sachlich verlaufenen Debatte. Weitere - allerdings weitaus zurückhaltendere - Artikel zum neuesten "Spiegel" in der Süddeutschen, sowie im Factum-Magazin.

Sonntag, 27. Mai 2007

„Christliche Ethik ist nicht mehr gegenwartstauglich“

Vom neuen "Spiegel" scheint noch nichts freigeschaltet zu sein, aber das Titelthema mutet schon ganz spannend an:
- "Eine neue Generation von Wissenschaftlern will die Welt vom Glauben befreien"

- "Der französische Philosoph Michel Onfray über Glaube, Lügen und Gewalt"

- "Wie deutsche Atheisten Einfluss auf die Gesellschaft nehmen wollen"
Diese Aufsätze scheinen das gleiche zu behandeln wie der jüngste Tagesspiegel: Die Deutschen Michael Schmidt-Salomon und Eckart Voland an der Seite von Richard Dawkins auf dem Weg zu einer neuen Ethik :
... Kurz darauf legte ... der britische Evolutionsbiologe Richard Dawkins nach und startete mit seinem Buch „The God Delusion“ („Der Gotteswahn“, ab September in deutscher Übersetzung bei Ullstein) einen Generalangriff auf den Glauben: Wer im heutigen, wissenschaftlichen Zeitalter noch an Gott glaube, so Dawkins, der leide unter einer Art psychotischem Wahn. Für den Hardliner Dawkins ist Religion nichts weiter als ein „Virus des Geistes“, gegen die es allerdings eine Medizin gibt: Wissenschaft und Aufklärung. (...)

„Wir sind in der Hinsicht zwar gemäßigter“, sagt Michael Schmidt-Salomon, Autor eines „Manifests des evolutionären Humanismus“ (Alibri 2006). (...) „Aber auch hier könnte sich die Sache mehr und mehr zuspitzen, die Fronten sich radikalisieren.“ (...)

„Christliche Ethik ist nicht mehr gegenwartstauglich“, davon ist auch der Biophilosoph Eckart Voland von der Universität Gießen überzeugt. „Der moderne, aufgeklärte Staat ist viel weiter als das Alte und Neue Testament.“ Und so schwebt den Brights eine neue Ethik aus dem Geiste der Wissenschaft vor, die der christlichen Moral teilweise diametral entgegengesetzt ist. (...)

Und das könne nicht nur zu einer humaneren Welt führen, sondern auch zu einem Gefühl, dieses Leben – unser einziges – als unendlich kostbar zu empfinden, wie Dawkins meint: „Wenn wir eine Sekunde davon vergeuden oder uns beschweren, dass es dämlich, öde oder langweilig ist – ist das nicht
ein Anschlag auf all jene, denen niemals die Möglichkeit zu leben gegeben wurde?“
Diese Gedanken schlagen einen erst einmal vor den Kopf - so wenig ist man sie gewohnt ... Aber wer wollte an ihrer Richtigkeit zweifeln?
_______

(Ergänzung: Der "Fischblog" interessiert sich auch für die Thematik. Und darauf beziehen sich die Kommentare zu diesem Beitrag.)

Donnerstag, 12. April 2007

"Was uns zu Menschen macht" - Armand Leroi in Berlin

Heute abend spricht der Humangenetiker Armand Leroi an der Humboldt-Universität in Berlin-Mitte ("Unter den Linden"). "Die Tagung ist bereits ausgebucht." Es scheint sich um eine weniger öffentliche Tagung zum Thema "Wissenschaft in der Öffentlichkeit" zu handeln.

Das Buch "Tanz der Gene" von Armand Leroi enthält viele wertvolle neue Hinweise zur modernsten Humangenetik und behandelt im letzten Kapitel auch die "Rasse-Problematik". Zu dieser Thematik hat Armand Leroi auch vor zwei Jahren einen viel diskutierten Artikel für die "New York Times" verfaßt, der sicherlich wichtig bleibt. Heute abend nun:

Der Evolutionsbiologe und Autor des Bestsellers "Mutants" (dt. "Tanz der Gene") zeigt Ausschnitte aus seinem neuesten Dokumentarfilm "What Makes Us Human" und berichtet von seinen ernüchternden Erfahrungen mit den britischen Medien: "Continental colleagues often tell of how much they admire the rôle that science plays in British public life. They look at the Royal Society of London and the Royal Institution of Great Britain, David Attenborough and Richard Dawkins, NATURE and NEW SCIENTIST, the BBC and Channel 4 - and wonder why their own equivalents seem so anemic by comparison. Are they right to think so? ...


Mich würde tatsächlich interessieren, was Leroi an diesen britischen und amerikanischen "Institutionen" auszusetzen findet. Seit Hoimar von Ditfurth und Konrad Lorenz gestorben sind, haben wir von deutscher Seite aus dem nichts Gleichwertiges mehr entgegenzusetzen - oder irre ich mich?

Freitag, 23. März 2007

Religiosität und die Fähigkeit ... zu täuschen (sich und andere)

Der schottisch-amerikanische Musiker David Byrne sagt mit so wenig Worten so viele kluge Dinge auf einmal, wie man dies selten so komprimiert und klug hört, so daß ich mich veranlaßt fühle, das doch auch einmal ins Deutsche zu übersetzen. - Offenbar haben Musiker manchmal die Fähigkeit, Dinge zu sehen und zu berücksichtigen, die vorwiegend sich im rationalen Bereich bewegende Naturwissenschaftler eher geneigt sind herunterzuspielen. Das folgende ist vielleicht einer der besten Kommentare zu dem neuen Buch von Richard Dawkins "God Delusion". Nach David Byrne unterliegen höchstwahrscheinlich nicht nur intelligente Menschen, die an einen monotheistischen Gott glauben, einer Täuschung (einem "Wahn"), sondern auch andere intelligente Menschen - wie Richard Dawkins -, die etwas ableugnen, was sie eigentlich besser wissen könnten oder gar sollten. - Doch hören wir, wie David Byrne sich selbst ausdrückt:

"Es scheint manchmal, daß ein Mensch sich um so besser täuschen kann, um so klüger er ist - sich selbst und ... natürlich auch andere. Intelligenz, verbunden mit einem Willen gibt einem die Fähigkeit zu analysieren und nachzudenken - aber gleichzeitig gibt es einem auch die Fähigkeit zu lügen und abzuleugnen, zu ignorieren und zu täuschen. Man kombiniere das alles mit ein bischen Charisma und schon ist das Menü fertig.

Das wird der Grund sein, warum intelligente Menschen religiös sein können. Ja, das ist eine arrogante Behauptung - sie setzt voraus, daß Religion und Intelligenz inkompatibel sind, daß niemand mit klaren Sinnen an unbewiesene, übernatürliche, glaubens-basierte Szenarien glauben kann. Aber das ist natürlich nicht der Fall. Ich mag persönlich glauben (glauben!), daß viele religiöse Annahmen irrational sind und an Irrsinn grenzen - aber ich kann sowohl ihre Effizienz sehen - ihre Anziehungskraft und Nützlichkeit - als auch ihre Schönheit empfinden. Man muß sicherlich kein Katholik sein, um in Ehrfurcht unter dem Deckengemälde der Sixtinischen Kapelle zu stehen; kein Muslim, um die Verlockung des seelenvollen Rufes des Muezzins zu hören und die Energie der Massentänze der Gläubigen im Gebet zu empfinden; kein Hindu oder Jude, um einen Text zu lesen und sich an ihm zu erfreuen, der vollgefüllt ist mit erstaunlichen und überraschenden Metaphern (Bildern) und Analogien. Diese Tänze, Musik, Bilder, Metaphern sind, so scheint es mir doch, tief verwurzelt - sie sind wie die angeborenen nervlichen Verschaltungen für grammatikalische Strukturen, über die (Noam) Chomsky spricht - und sie sind deshalb ähnlich genetisch vererbt. Der Tanz, der Religion ist, ist in uns evoluiert, um freigesetzt zu werden und ausgedrückt zu werden in tausend verschiedenen Formen, von denen keine irgend einen logischen Sinn ergibt, und von denen alle, wenn wir auf sie buchstäblich schauten, eine große Hilfe in der Ableugnung notwendig machen. Gott ist in der Verschaltung selbst, vererbt in den Genen.

Das ist - soweit ich sehe - der Grund, warum die gegenwärtige (kleine) Welle von Atheismus ebenfalls ableugnet - die jüngsten Bücher von (Richard) Dawkins, (Daniel C.) Dennett und Harris zum Beispiel. Sie leugnen ab, daß diese Fähigkeit der Menschen zu glauben, angeboren ist. Ja, sie geben zu, daß Religion viele Annehmlichkeiten bietet und Sicherheit, Stabilität und Gemeinschaft - sehr anziehend und verführerisch - aber sie stoppen kurz davor zuzugeben, daß wir genetisch veranlagt sind zu glauben, daß es in unserer ganz besonderen Natur liegt, daß es ein Teil von dem ist, was es heißt, Mensch zu sein. Vielleicht ein unlogischer Teil, aber all unsere angeborenen Charakteristika sind nicht für immer angepaßt (der Kontext ändert sich, die Welt ändert sich) oder auch nur rational von einer bestimmten Sicht der Dinge aus (muß der Pfauenschwanz tatsächlich SO groß sein? Ist das nicht ein klein wenig zu verschwenderisch im Verbrauch von Ressourcen?).

(...)

Ich glaube, diese verrückten unlogischen Anleihen - Glaube, Leugnung, Religion - sind nicht Neurosen (so lange man nicht der einzige ist, der solche Empfindungen hat), sondern sind Überlebens-Mechanismen, die in uns evoluiert sind. Sie mögen ihren praktischen Nutzen überlebt haben - wie ein Anhang mögen sie 'Organe' sein, deren Nützlichkeit fragwürdig und marginal geworden ist, aber sie begleiten uns immer noch, werden immer noch benutzt und - benutzen uns."

Ich empfinde diesen Text als einen ganz hervorragenden, weil er etwas klar macht, was auch Konrad Lorenz versuchte, klar zu machen (siehe früherer Beitrag). Nämlich die Tatsache, daß wir von Nicht-Rationalität umgeben sind (also von Erscheinungen, die nicht rational erklärbar sind oder zumindest nicht vollständig rational erklärbar sind), und daß es deshalb nicht nur erstaunlich ist, daß ein kleiner (immer größer werdender) Teil dessen, was wir sehen und erfahren, rational erklärbar ist, sondern mindestens ebenso erstaunlich, daß ein großer Rest verbleibt, der sich einer vollständig rationalen Erklärung, einem vollständig rationalen Begreifen entzieht. Daß es sich bei diesem Rest zum Teil um etwas prinzipiell nicht vollständig rational Erklärbares und Begreifbares handelt, kann man sich an den Erkenntnissen der modernen Astronomie und Atomphysik ebenso klar machen, wie an den Erkenntnissen der modernen System- und Chaostheorie (Theorie von Nichtgleichgewichts-Schwankungen).
Und der gebrachte Text macht ebenso klar, daß auch unsere rationalen Annäherungen an diese vielen nichtrationalen Dinge in der Welt viel Nicht-Rationales oder nicht vollständig Rationales, viel Täuschung und Selbsttäuschung beinhalten können und beinhalten. Und zwar - und das ergibt sich doch offenbar auch aus der Natur der Sache - bei denen, die intelligenter sind und viel wissen, oft noch viel mehr als bei denen, die weniger intelligent sind und weniger viel wissen. (Nun, je nachdem ...)

Montag, 12. Februar 2007

"Illusion Fortschritt" - neuer Beitrag

Das aktuelle "Wissen"-Magazin der "Süddeutschen Zeitung" hat jenen Beitrag, den Eckart Voland noch studieren sollte/könnte, um zu einer ausgewogeneren Darstellung dahingehend zu kommen, wie der heutige Forschungsstand zum Thema "Illusion Fortschritt" in der Evolutionsforschung (und ihrer philosophischen Deutung) aussieht. Aber leider nur in der Printausgabe:

EVOLUTION 18

ZUFALL MENSCH?

Würfelt die Natur oder folgt sie festen Wegen? Wissenschaftler streiten, ob der Mensch am Ende der Evolution stehen musste oder lediglich ein Glückstreffer war.

Dienstag, 30. Januar 2007

Dawkins und moralischer Fortschritt der Menschheit

Egal, wieviel man von Richard Dawkins schon gelesen hat. Liest man etwas Neues von ihm, lernt man WIEDER etwas Neues. SO sollten "öffentliche Intellektuelle" sein. Im folgenden Interview für die offenbar atheistische Zeitschrift "New Humanist" wird ebenfalls die Frage behandelt (die ich auch schon vor einigen Tagen kurz hier behandelt hatte), ob die Humanevolution moralischen Fortschritt mit sich bringt. (Da ich "The God Delusion" noch gar nicht vollständig gelesen habe, wußte ich gar nicht, daß das offenbar in diesem Buch auch behandelt ist. Da muß ich noch Hausaufgaben machen ...) Ach, und von einer ganzen Menge anderer Dinge ist auch noch die Rede in dem Interview.

18 January 2007

In the beginning ... there was Dawkins

Freitag, 26. Januar 2007

Dawkins' "Gottes-Wahn"

Nun hat also auch "Science" den neuen Bestseller von Richard Dawkins ("The God Delusion") rezensiert. Die Rezension von Michael Shermer (siehe Foto) ist in einigen Punkten bemerkenswert. Er glaubt, daß ein solch zorniges und stürmisches Buch nicht geschrieben worden wäre, wenn der Autor nicht unter der Regierung von George W. Bush leben würde. Könnte er damit nicht tatsächlich recht haben? - Nach Shermer ist dieses Buch Dawkins' persönlicher Protest gegen diese (milde gesprochen: sonderbare) Regierung:

Shermer meint: Wenn der religionskritische Konservative Barry Goldwater, US-Präsidentschafts-Kandidat von 1964,
had been president for the past six years, I doubt that Dawkins would have penned such a powerful polemic against the infusion of religion into nearly every nook and cranny of public life. But here we are, and like Goldwater, Dawkins is sick and tired of being told that atheists are immoral, second-class, back-of-the-bus citizens. The God Delusion is his way of, like the Howard Beale character in the 1976 film Network, sticking his head out the window and shouting, "I'm as mad as hell, and I'm not going to take this anymore."
Im Grunde ist es ganz unmöglich, dieses Buch nicht unter diesem Aspekt zu lesen. Aber dann zeigt sich auch Shermer - nunja - in gewisser Weise "konsterniert":
When I received the bound galleys for The God Delusion, I cringed at the title, wishing it were more neutral (why not, say, The God Question?). As I read the book, I found myself wincing at Dawkins's references to religious people as "faith-heads," as being less intelligent, poor at reasoning, or even deluded, and to religious moderates as enablers of terrorism. I shudder because I have religious friends and colleagues who do not fit these descriptors, and I empathize at the pain such pejorative appellations cause them. In addition, I am not convinced by Dawkins's argument that without religion there would be "no suicide bombers, no 9/11, no 7/7, no Crusades, no witch-hunts, no Gunpowder Plot, no Indian partition, no Israeli/Palestinian wars, no Serb/Croat/Muslim massacres, no persecution of Jews as 'Christ-killers,' no Northern Ireland 'troubles'…." In my opinion, many of these events--and others often attributed solely to religion by atheists--were less religiously motivated than politically driven, or at the very least involved religion in the service of political hegemony.



I also never imagined a book with this title would ever land on bestseller lists in the United States. But I was wrong. The data have spoken. The God Delusion is a runaway bestseller, a market testimony to the hunger many people--far more, I now think, than polls reveal--have for someone in a position of prestige and power to speak for them in such an eloquent voice. Dawkins's latest book deserves multiple readings, not just as an important work of science, but as a great work of literature.

Unser Leserbrief bei "Spektrum der Wissenschaft"

Nun ist also auch unser Leserbrief auf "Spektrum der Wissenschaft" veröffentlicht worden. (Wir berichteten darüber schon hier und hier.) Die meisten dort eingestellten Leserbriefe stehen der von Prof. Eckart Voland (Gießen) vertretenen These mit Recht skeptisch gegenüber - wenn auch aus oft sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Einstellungen heraus. Was mich wundert, ist, daß außer mir keiner der Leserbrief-Schreiber das Thema auf Augenhöhe des heutigen biologischen Kenntnis- und Diskussionstandes diskutiert. Deshalb hier noch einmal mein Text:

Leserbrief 22.01.2007
zu: Die Fortschrittsillusion

Es gibt Gegenpositionen und -argumente

von Ingo Bading, M.A., Frankfurt am Main

Dass es keinen Fortschritt in der Evolution gäbe, ist ein Gedanke, der vor allem von Stephen Jay Gould vertreten und popularisiert wurde. Richard Dawkins hat in seinem neuen Buch "Ancestors Tale" (letztes Kapitel und andere Kapitel des Buches) dazu inzwischen einen erheblich differenzierteren Standpunkt eingenommen. Er beruft sich dabei vor allem auch auf Simon Conway Morris' gewaltiges Buch "Life' Solution". Auch andere letzthin in "Nature" rezensierte Autoren verwerfen das Konzept von Gould inzwischen weit gehend.

Auch schon allein wenn man sich die Humanevolution auf dem Wissen der gegenwärtigen Zeit ansieht, könnte es sich herausstellen, dass Fortschritt KEINE Illusion ist. So scheint es doch offenbar seit 200 000 Jahren eine IQ-Evolution zu geben von einem durchschnittlichen IQ von etwa 65 (heutige Buschleute) zu einem durchschnittlichen IQ von etwa 115 (heutige aschkenasische Juden) mit einer Fülle von Zwischenstufen, die grob mit einem geographischen Nord-Süd-Gradienten korrelieren. (Siehe: http://www.gnxp.com/blog/2006/02/world-of-difference-richard-lynn-maps.php )

Dass es solche gewichtigeren Gegenpositionen und -argumente GIBT, sollte zumindest im Artikel genannt werden.

Ingo Bading, M.A., Frankfurt am Main
ingo_34@yahoo.de

Donnerstag, 25. Januar 2007

Eine "menschlichere Gesellschaft schaffen"

Evolutionäres Denken führt offenbar immer mehr Forscher dazu zu erkennen, daß familiäre und Paarbeziehungen insgesamt nicht gut funktionieren (können), wenn nicht auch die Gesellschaft insgesamt besser funktioniert. Diese Einsicht hört man jedenfalls aus einem Interview heraus, das der Freiburger Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer der Zeitschrift "Geo" gegeben hat (Geo2007). Man kann es sehr lesenswert und klug finden, vor allem den letzten Absatz. Am "Anfang allen Lebens" steht ja doch tatsächlich die "Liebe" und nicht der "Kampf", das sieht man doch besonders gut an einem neugeborenen Säugling und an kleinen Kindern allgemein.

(Allerdings scheint auch Bauer zu verkennen, daß die Theorie vom "egoistischen Gen" dazu entdeckt wurde, Altruismus - und nicht Egoismus - zu erklären. Der Begriff "egoistisches Gen" stammt nicht vom Entdecker dieser Theorie, vom im Jahr 2000 verstorbenen William D. Hamilton, sondern "nur" von einem - allerdings in weiten Teilen sehr klugen - Popularisierer dieser Theorie. Das sollte man auseinander halten.)

Herr Professor Bauer, Charles Darwin hat in seinem Werk den Kampf ums Überleben als oberstes Gesetz in der Natur beschrieben. Was haben Sie dieser Theorie entgegenzusetzen?
Bauer: Darwin war der irrigen Meinung, die Dinosaurier seien von Säugetieren ausgerottet worden. Daher dachte er, die Selektion vollziehe sich in erster Linie durch einen gegeneinander gerichteten Vernichtungskampf der Individuen und der Arten. Das war der Grund, warum er überzeugt war, die Evolution favorisiere nur solche Eigenschaften, die in diesem gegeneinander gerichteten Kampf nützlich sind. Altruistische Verhaltensweisen sah er als sekundäre an, die nur dem obersten Ziel, nämlich dem Kampf ums Überleben dienen. Ich sehe es umgekehrt: Oberstes biologisches Prinzip ist die Kooperation, der Kampf steht in deren Diensten.

Haben Sie für Ihre These konkrete Beispiele?
Bauer: Am Anfang allen Lebens stand Resonanz und Kooperation: Nur dadurch konnte einst aus einer Gruppe von anorganischen Molekülen ein erstes lebendes System entstehen. Und sowohl in der Tier- als auch in der Pflanzenwelt beobachten wir Kooperations- und Resonanzphänomene. Wird ein Baum von einem Schädling befallen, gibt er Signalstoffe ab, die bei anderen Bäumen, die vom Schädling noch nicht erreicht wurden, eine Reaktion auslösen, die vor dem Schädling schützt.

Was halten Sie von der These des englischen Biologen Richard Dawkins, der Motor des Lebens seien "egoistische Gene", die sich gegen die Konkurrenz anderer Erbanlagen durchsetzen?
Bauer: Die Vorstellung eines "egoistischen Gens" ist aus molekularbiologischer Sicht unhaltbar. Jedes Gen ist Teil eines kooperativen Systems verschiedener Moleküle. Zudem werden alle Gene durch Signale aus der Umwelt reguliert. Gene sind keine Systeme, die auf Autopilot fahren. Jedes Gen hat eine Vorschaltsequenz, den so genannten Promoter. An diesen können Signalstoffe binden und veranlassen, dass das jeweilige Gen verstärkt oder vermindert abgelesen wird. Die Umwelt spielt permanent auf der Klaviatur der Gene und beeinflusst deren Aktivität. Gene sind Kommunikatoren und Kooperatoren. Allein kann ein Gen gar nichts.

Warum scheint dann oft nicht Zusammenarbeit, sondern Aggression die Welt zu beherrschen?
Bauer: Abgesehen vom Kampf um Ressourcen, dient Aggression der Bewahrung der körperlichen Unversehrtheit und der Abwehr von Schmerz. Für Menschen gilt dies in besonderem Maße: Unser Gehirn reagiert nicht nur bei körperlichem Schmerz mit einer Aktivierung seiner Schmerzzentren, sondern auch dann, wenn wir aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, also von anderen nicht beachtet oder gar gedemütigt werden. Dies ist der Grund, warum Menschen nicht nur dann aggressiv reagieren, wenn ihnen körperlicher Schmerz zugefügt wird, sondern auch, wenn sie ausgegrenzt werden.

Aggression ist demnach gar kein inneres Bedürfnis des Menschen?
Bauer: Nein. Wir haben keinerlei neurobiologische Daten darüber, dass Aggression etwas ist, zu dem Menschen primär motiviert sind oder nach dem wir von Natur aus streben. Alle neurobiologische Evidenz deutet darauf hin, dass unsere Grundmotivationen Zuwendung und Gemeinschaft sind. Trotzdem: Aggression ist enorm wichtig. Wir brauchen sie, um Bindungen zu erwerben und zu verteidigen. Um mich in eine Gemeinschaft einzubringen, benötige ich einen gewissen aggressiven Antrieb. Deshalb kommt es dort, wo die Ressource Zuwendung zu knapp gehalten wird, etwa in einer bestimmten Familie oder am Arbeitsplatz, zu einem Zuwachs an Aggression.

Warum scheitern wir trotz unseres Bedürfnisses immer wieder mit zwischenmenschlichen Beziehungen?
Bauer: Die Evolution hat uns auf halber Strecke abgesetzt. Einerseits hat sie uns mit dem Verlangen nach gelingenden Beziehungen geschaffen. Auf der anderen Seite hat sie uns jedoch nicht mit einem Automatismus ausgestattet, der uns gute Beziehungen garantiert. Hier tut sich also eine Lücke auf. Diese Lücke hat aber etwas Reizvolles, denn sie zwingt die Menschheit, sich auf einen Suchprozess zu begeben, um die Lücke zu schließen und eine menschlichere Gesellschaft zu schaffen. Dieser Suchprozess ist das, was wir Kultur nennen.

Hervorhebung des letzten Satzes nicht im Original. Dieser Satz hat übrigens viel gemeinsam mit dem Gedanken von Geoffrey Miller, daß ein großer Teil menschlicher Kultur und menschlicher kultureller Anstrengungen den (psychologischen) Mechanismen der "sexuellen Selektion" geschuldet ist. Demnach müßte - um die Dinge noch etwas weiter "zuzuspitzen" - der moderne unglückliche Single "der" geborene Kulturrevolutionär unserer Zeit sein (wenn nicht Unglücklich-Sein heute schon als etwas fast Peinliches, "Unanständiges" angesehen werden würde).

Joachim Bauer ist Autor des Buchs "Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren"

"Und der Zukunft zugewandt ..."

Auf meinem alten Blog hatte ich kurz über ein Experiment bei "Spektrum der Wissenschaft" berichtet. Dort wird darüber diskutiert, ob der Fortschritt in der Evolution und Menschheitsgeschichte nicht letztlich immer nur eine "Illusion" sei. Inzwischen sind nun einige höchst lesenswerte Leserbriefe zu dem dort vorgestellten Artikel von Eckart Voland eingegangen und veröffentlicht. Hier eine Auswahl derjenigen, die sich mit meinen Meinungen so ziemlich decken.

Abb. 1: Simon Conway Morris 1996 (Royal Institution)

Anna Reeves aus London schreibt ziemlich harsch:

"Wenn man von so falschen Annahmen ausgeht wie der Autor dieses Artikels, dann muss man natürlich auch zu so falschen Schlüssen kommen.
Die biologische Evolution ist mit dem Hervorbringen von bewusstseinsfähigen Wesen zu Ende gegangen bzw. ist jetzt nicht mehr wichtig, und was nun begonnen hat, ist eine Evolution des Bewusstseins. Der Autor wird doch kaum abstreiten, dass er intelligenter ist als z.B. ein Neandertaler oder ein Affe. Aber nicht nur in Bezug auf pure Intelligenz haben wir uns weiterentwickelt, sondern auch in moralischer, emotionaler und spiritueller Hinsicht, und diese Entwicklung geht weiter.
Der Autor begeht auch den Fehler, zu versuchen, die Biologie dort anzuwenden, wo sie nicht angebracht ist. Psychologie ist eine höhere Stufe der Emergenz als Biologie. Man kann sie nicht auf die Biologie reduzieren. Die Methoden und Ergebnisse einer niedrigeren Ebene sind nicht auf die einer höheren anwendbar.
Ich würde dem Autor raten, das Buch von Ken Wilber, "Halbzeit der Evolution - Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein" zu lesen und dann den Artikel nicht zu veröffentlichen."
Ein Heinrich van Martens meint, daß (evolutionärer) Fortschritt "eine objektive Feststellung" ist. Einen Dr. Ekkard Brewig verstehe ich nicht ganz, stimme aber zu, daß es für die "Population Mensch" "eine Meßlatte" gäbe, "nämlich das Überleben in den gesellschaftlichen Bezügen".

Ein Manfred Gotthalmseder sagt Bedenkenswertes:
"Im Ursprung dient unser Gehirn nur einer einzigen Sache, nämlich der Voraussicht. Jede geplante Handlung basiert auf einer vorgestellten Zukunft. Und tatsächlich sind wir in Hinsicht auf unsere Fähigkeit, Zukunft abzuschätzen und planend zu handeln, heute wesentlich weiter als einst. Man denke nur, welche komplexen Pläne heute technisch umgesetzt werden können. Auch die nötige Organisation ist eine Erkenntnisleistung.
Da die noch nicht reale aber bereits vorgestellte Zukunft unser Verhalten bestimmt, und dieses wiederum auf die Zukunft wirkt, kann man auch sagen, dass unsere Freiheit mit unserer Vorstellungsfähigkeit wächst. Wir können uns zahlreichere Möglichkeiten erdenken mit Anforderungen umzugehen als je zuvor. Wenn wir heute schon wissen, dass uns in den kommenden Jahrzehnten ein Klimawandel droht, dann ist das nur dem Fortschritt, also unserer ständig wachsenden Voraussicht zu verdanken."
Andreas Schwald: "Fortschritt ist keine Illusion. Die Neuerungen in der Technik und die Änderungen im sozialen Leben sind sehr real." Dr. Wolfgang Vogt aus Köln sagt:
"In "The Great Chain of Being" lässt uns LOVEJOY erahnen, welche Weiterentwicklung unsere mentalen Aktivitäten in den Jahrhunderttausenden durch Vermehrung synaptischer Verschaltungen erlebt haben - denn physiko-chemisch unterscheiden sich unsere neuronalen Funktionen keineswegs von denen einfachster Lebewesen. Diese Entwicklung ist Fortschritt, keine Illusion. Mit KEN WILBER kann man statt von "Höherentwicklung" von hierarchischer Zunahme von Komplexität reden. Keineswegs geht die "Fortschrittsrhetorik ins Leere", wenn der selbstorganisierende Lebensprozess Komplexitätszunahme aufweist. Das Beispiel des Mäusegenoms trifft nicht, da die Zunahme sich auf die Vielfalt synaptischer Verschaltungen bezieht, die erst die Fülle mentaler Leistungen ermöglicht.
"Höherentwicklung" und "Fortschritt" dürfen nicht als semantische Tricks missbraucht werden, um Inhalte der Evolution zu desavouieren. (...) Eine Bewusstseinserweiterung auf breiter Basis als alleinige Chance zur Erhaltung allen Lebens auf dieser Erde würde ich als Fortschritt bezeichnen und denke keineswegs, dass sie der Evolution fremd wäre."
Somit kann man feststellen, daß die Mehrheit der bisher veröffentlichten Stellungnahmen sich GEGEN die von Eckart Voland vertretene These ausspricht. Man darf gespannt sein, ob und wieweit er die gegensätzliche Sicht noch in seinen Essay einarbeitet oder wie nun überhaupt mit diesen "Verbesserungsvorschlägen" umgegangen wird.
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