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Sonntag, 7. Februar 2016

Die Sehnsucht nach der Einsamkeit Alaskas

Arved Fuchs - "South Nahanni" (1984)

Wildnis. Weite. Felsen. Spärlicher Bewuchs und Fichtenwälder. So weit das Auge reicht. Die Lektüre eines auf dem Grabbeltisch (bzw. im "Medienpoint") gefundenen Buches des Abenteurers Arved Fuchs (1) gab Anlaß zu dem folgenden Blogbeitrag. Arved Fuchs schildert darin eine Kanufahrt den Fluß Süd-Nahanni hinab, im Sommer 1984 im Nordwesten Kanadas. Und dieser Reisebericht packt einen. Er liest sich mehr als spannend, zumal er begleitet ist durch viele eindrucksvolle Bilder von dieser wegelosen Weite und grenzenlosen Einsamkeit der dortigen Natur und Wildnis.


Abb. 1: Die Schönheit Nordwest-Kanadas. Der Virginia-Wasserfall des Südlichen Nahanni-Flusses ist 90 Meter hoch und damit der höchste Kanadas, höher auch als die Niagara-Fälle, aber viel schwerer zu erreichen als der letztere
(Fotograf: Paul Gierszewski)

Beim Lesen fühlt man sich ziemlich bald in seine Kindheit zurück versetzt. Man lag krank im Bett, fühlte sich nicht gut und las Geschichten und Romane von Jack London. Und tauchte ein in eine fremde, unheimliche Welt. "An der weißen Grenze", "Ruf der Wildnis", "Der Seewolf", "Wolfsblut", "Lockruf des Goldes". Jack London selbst war 1897 dem Goldrausch nach dem Klondike und dem Yukon in Kanada gefolgt. Er hatte hier 60 Grad Minus erlebt und das Leiden und Sterben rauhester, stärkster Männer. Und seine Geschichten und Romane lebten von diesen sehr persönlichen Erfahrungen. Eine düstere, unheimliche, rauhe und kalte Männerwelt. Eine Welt an Roulette-Tischen und hinter Hundegespannen, erleuchtet von Liebe, Treue, Kameradschaft und Aufopferungs-Bereitschaft zwischen Menschen und Tieren, erleuchtet von Bewährung unter härtesten Lebensbedingungen. Eine Welt aber auch umdüstert und verdüstert von Habsucht und Mord, Heimtücke und Verrat, von Trunksucht und unerbittlichem Leiden, von Sterben in Kälte und Hunger und an der abgrundtiefen Bosheit der Mitmenschen.



Abb. 2: Ankunft von Dene-Indianern mit Birkenholz-Kanus an der Südostküste des "Großen Sklaven-Sees" bei Fort Resolution (circa 1900)

Und nun noch weiter östlich im Landesinneren der von Jack London in seinen Romanen geschilderten Region des Klondike und des Yukon war Arved Fuchs achtzig Jahre später den wilden Bergfluß Nahanni abwärts gefahren, der in 1600 Meter Höhe im Hochgebirge beginnt und der immer weiter nach Süden hinab fließt zwischen steilen Felswänden, Bergen und Hochebenen.

Das Indianervolk der Dene 

Diese Region war - wie der Klondike und der Yukon - ursprünglich nur spärlich besiedelt von dem großen Indianervolk der Dene (Wiki). Und da Arved Fuchs in seinem Buch von diesen Ureinwohner überhaupt nicht spricht, fühlt man sich veranlaßt, einige Kenntnisse über die Ureinwohner dieses Landes im vorliegenden Beitrag noch einmal für sich und andere zusammen zu tragen. Die Dene kamen mit der zweiten Einwanderungswelle nach Nordamerika (Wiki). Sie sind den nordasiatischen Völkern sehr nahe verwandt und gehören mit den südlicheren Apachen und Navajos zur Athabaskischen Sprachgruppe (Wiki). Als dritte Einwanderungswelle folgten ihnen später noch die Eskimos/Inuit, die die Länder nordöstlich der von ihnen bewohnten Regionen - also noch näher dem Polarkreis - besiedelten. 

Aber auch die Lebenswelt der Dene in der Nahanni-Region war - zumal im Winter - unglaublich rauh und lebensfeindlich. Das mag sicherlich ein Grund sein dafür, daß sich die ansässigen Indianer bei Ankunft der Weißen ziemlich bald in der Nähe ihrer Forts sammelten. Denn hier gab es bessere Lebensbedingungen, importierte Nahrung, die gegen Pelze und Fleisch getauscht werden konnte. In der Nahanni-Region lebte der Dene-Stamm der Slavey (Wiki), die von den benachbarten Cree-Indianern als "Sklaven" angesehen und bezeichnet wurden, wovon ihr Name abgeleitet ist und ebenso auch der Name ihres größten Sees, des "Großen Sklaven-Sees". Sie selbst bezeichnen sich als "Dene Tha". Und die lokale Untergruppe am Nahanni bezeichnet sich als "Nahanni Butte". Sie lebt heute am Zusammenfluß des Flusses Süd-Nahanni mit dem Fluss Liard und besteht nur noch aus etwa 100 Personen (Wiki). Von ihnen soll aber auch der große Indianerstamm der Navajo viel weiter im Süden abstammen. Über den Fluß Nahanni wird berichtet (Wiki):
In early 1823, Alexander MacLeod of the Hudson Bay Company explored the lower river. The Company quickly lost interest when they realized that the river did not support a large native population and was not a viable route to the west. The nearest Hudson Bay fort was established at Fort Liard, and later many natives from the Nahanni settled nearby.
Abb. 3: Velma Wallis - Zwei alte Frauen
Heute wird in der Nahanni-Region gejagt - aber offenbar nicht mehr unter Einbeziehung der Ureinwohner (s. Huntnahanni). Gejagt werden Karibus, Elche, Bergschafe und Ziegen. Die Dene-Indianer lebten Jahrtausende lang vor allem von den Karibus. Die Karibus waren die Quelle für ihre Nahrung, für ihre Werkzeuge und für ihre Zelte. Über die rauhe Lebenswirklichkeit in Bergen bis 2000 Meter Höhe wird berichtet (CanadaHistory):
Food was not as plentiful as it was in the south and starvation and death from the cold were constant threats. (...) For most of the Dene, life was very nomadic and dwellings had to be easy to transport. Travel during winter was on foot with snowshoes and toboggans.
Toboggans sind zu Deutsch Schlitten.
In summer, light bark-covered canoes were carried on trips to be used when they came to navigable lakes and rivers. (...) Religious beliefs centred on the all-important relationship between hunters and animals. Hunters were given "medicine bundles" at childhood and they slept with these for supernatural aid. Because of the mobility of the society, the aged and infirm were left behind to die and bodies were often left unburied with a few possessions to take with them on their journey to the afterlife.
Dieser Bericht erinnert an das bekannte Buch "Zwei alten Frauen" von Velma Wallis (geb. 1960) (Wiki)(Amazon), erstmals erschienen 1993. Es schildert ein reales Schicksal zweier Indianerinnen in der Yukon-Region. Die Autorin selbst ist Angehörige eines dortigen Stammes und lebt in Fort Yukon in der Arktisregion.


Abb. 4: Lage des Nahanni-Flusses (rot) zwischen dem Großen Sklaven-See und der Westküste Kanadas

Weiterführende Auskünfte über die Kultur der Dene am Nahanni-Fluss sind zunächst nicht leicht zu finden (u.a. hier). Es gibt auch eine Seite eines Angehörigen des Volkes der Dene mit Universitätsabschluss, der die Sprache seiner Familie vor dem Aussterben bewahren will (DiDenekeh). Der Autor Dick Turner hat sich offenbar mit dem Stamm der Nahanni Butte befasst:
Dick Turner wrote three books, "Nahanni" and "Wings of the North" being the most successful.
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  1. Fuchs, Arved: South Nahanni. Kanu-Abenteuer im Norden Kanadas. Delius Klasing Verlag, Bielefeld 2008 (EA: 1984)

Montag, 15. August 2011

Die wesentlichsten 7000 Jahre Kulturgeschichte der Menschheit

Nämlich: 12.000 bis 5.000 v. Ztr. / Eine Rezension /

Der verdienstvolle Band "Die ältesten Monumente der Menschheit" über die ersten Ackerbaukulturen der Menschheit in der heutigen südlichen Türkei vor 12.000 Jahren (1) trägt insofern nicht zur Klarheit über unseren Wissensstand über die in ihm dargestellte Entwicklung von sehr bedeutenden 7.000 Jahren (!!!) Kulturgeschichte der Menschheit bei, als er die für diese Entwicklung außerordentlich wesentliche Kulturphase des Natufium nicht ausreichend in seiner Darstellung berücksichtigt hat. Auch wesentliche Charakterzüge der Kulturphase des PPNA bleiben unterbelichtet.

Kennzeichnend dafür ist, daß sich unter den vielen, auf fast 400 Seiten dargestellten Hausgrundrissen überall nur rechteckige, nirgendwo runde dargestellt finden. Rechteckige Hausgrundrisse sind aber erst für das PPNB kennzeichnend. Für die halbseßhaften bis seßhaften, Wildgetreide sammelnden Dorfkulturen des Natufium und für die ersten Getreide anbauenden Dorfkulturen des PPNA sind aber runde, nicht rechteckige Hausgrundrisse typisch. Dazu erst passen dann auch die rundlichen Grundrisse vieler dargestellter "heiliger" Räume oder "Gemeinschaftshäuser" des PPNA. 

Stufenabfolge in der Kulturentwicklung nicht ausreichend herausgestellt 

Außerdem hätte klarer herausgestellt werden können - und deshalb müssen - wie mit der jeweils neuen Kulturstufe (Natufium --> PPNA ---> PPNB --> Keramikum) die Größe der jeweiligen Siedlungen anstieg, so daß schon im PPNB stadtartige Siedlungen mit 10.000en von Einwohnern erreicht worden sind. Diese letzteren unter der Herrschaft von Stadtdespoten ("plastered skulls", "Kaffeebohnenaugen-Göttinnen") religiös quasi gleichzusetzen mit den Jahrtausende älteren Bergheiligtümern der viel weniger dicht siedelnden Jagdkulturen des PPNA ("Stelengötter", "Tiergötter", die typischerweise manchen "indianischen" Zug tragen), trägt nicht unbedingt zu größerer Klarheit bei.

Auch kommt nicht ausreichend zur Darstellung, daß die Subsistenzgrundlage dieser Kulturen vor dem Keramikum sehr wesentlich auf der Jagd auf wilde Gazellen beruht. Erst nachdem diese "überjagt" worden waren, kam es mit Beginn des Keramikums (um 6.500 v. Ztr.) zur Domestikation von Schafen und Ziegen, bzw. Rindern.

Wenn man sich diese Schwächen klar macht, und wenn man sich zusätzlich klar macht, daß die von Jens Lüning verdienstvoll dargestellte mitteleuropäische Bandkeramik (5.700 - 4.800 v. Ztr.) eigentlich gar nicht in die Thematik dieses Bandes hineingehört, sondern ein eigenes Thema darstellt, wird man diesem Ausstellungskatalog reichhaltigste neue Erkenntnisse abgewinnen können.

Insbesondere auch die innovative Darstellung kurioser bandkeramischer Frisuren und Kopfbedeckungen  verdient es, hervorgehoben zu werden.

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1. Maaß, Michael: Die ältesten Monumente der Menschheit. Vor 12.000 Jahren in Anatolien. Ausstellung des Badischen Landesmuseums Karlsruhe 2007, Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2007

Freitag, 26. Dezember 2008

Rez. J. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit

Autor: Asendorpf, Jens B.
Titel: Psychologie der Persönlichkeit.
Ort: Berlin
Verlag: Springer-Verlag
Jahr: 2004, 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage
ISBN-10: 3540007288
Umfang, Preis: 518 Seiten, 39,95

Rezension

Die Verhaltensgenetik des Menschen wird zu einem immer bedeutenderen Gebiet der Forschung. Nachdem wesentlichste Paradigmen des Faches Psychologie, insbesondere die Psychoanalyse von Sigmund Freud, ihren vorherrschenden, weitgehenden Alleinerklärungs-Anspruch in der Psychologie verloren haben, könnte es von mancherlei Interesse sein zu erfahren, in welchen größeren argumentativen Rahmen die Psychologie ihr Forschen und Denken heute und künftig stellen wird.

Einen Orientierungspunkt hierfür könnte bieten das Lehrbuch "Psychologie der Persönlichkeit" von Professor Jens B. Asendorpf, Berlin. Es ist in erster Auflage 1996, in dritter, aktualisierter Auflage 2004 und jüngst in vierter, aktualisierter Auflage 2007 erschienen. (1) Es liest sich sehr eingängig. Es scheint genau jene thematische Breite und zugleich fachliche Tiefe aufzuweisen, wie sie jemandem nützlich erscheinen muß, der sich als Laie und Neuling eines Faches in ein neues Forschungsgebiet (interdisziplinär) einzuarbeiten versucht. Und derartiges wird ja für viele heutige Forscher immer notwendiger aufgrund des Wandels in der Wissenslandschaft vor allem durch die moderne Humangenom-Forschung.

Die allgemeinere Fragestellung, unter die dieses Lehrbuch gestellt ist, geht möglicherwweise am prägnantesten aus dem Nachwort hervor. "Unterschiede sind menschlich," ist es überschrieben. Und hier wird ausgeführt, daß es in westlichen Kulturen eine starke Tendenz gäbe,
"nicht die vorhandene Vielfalt der Persönlichkeit, sondern ein einseitiges Persönlichkeitsideal als erstrebenswert anzusehen. Ob 'gottesfürchtig', 'nordisch', 'allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit' oder 'dynamischer Unternehmer' - die gerade vorherrschende Ideologie einer Kultur beinhaltet mit großer Regelmäßigkeit auch ein bestimmtes Persönlichkeitsideal."
Dieser Tendenz wird die folgende, in den wesentlichen Punkten evolutionsbiologische Argumentation gegenübergestellt: "Diese hohe Variabilität", die in den genetisch und kulturell weitergegebenen und geformten Persönlichkeitsmerkmalen von Einzelmenschen und Kulturen vorliegt,
"stellt so etwas wie ein Sicherheitsreservoir für das Überleben dar. Denn Gene bzw. kulturelle Inhalte sind nur den Umweltbedingungen ihrer evolutionären Vergangenheit gut angepaßt; ändert sich die Umwelt, ändern sich die Anpassungsbedingungen. Je variabler Genome bzw. kulturelle Inhalte sind, desto höher ist die Chance, daß jedenfalls einige diese Umweltveränderungen überleben werden."
Die in diesen Gedanken implizit enthaltenen Annahmen und der in ihnen enthaltene Wissenshorizont ist sehr intensiv am aktuellen humangenetischen Wissensstand orientiert. Etwas weiter heißt es:
"Aus der Einsicht in die Vielfalt der Persönlichkeit und ihrer Notwendigkeit für das genetische und kulturelle Überleben erwächst die Forderung, gerade nicht einen bestimmten Persönlichkeitstyp anzustreben, sondern die Vielfalt der Persönlichkeit zu achten und zu wahren."
Und der letzte Satz dieses Nachwortes und damit des Lehrbuches insgesamt lautet dann:
"Merke: Es gilt, die genetische und kulturelle Vielfalt der Menschheit zu bewahren." (1, S. 449)
Es scheint dies genau jene Argumentation zu sein, mit der sich eine Wissenschaft der Öffentlichkeit präsentieren könnte oder sollte, in der derzeit immer stärker nicht nur kulturelle, sondern auch genetische Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen in den Vordergrund des Forschens treten. (vgl. etwa: 2 - 4) Deshalb heißt es auch schon im Vorwort dieses Lehrbuches auf der gleichen Linie:
"... Im Mittelpunkt steht also die Frage, wie stark und warum sich Menschen in ihrem typischen Erleben und Verhalten unterscheiden. Mit dieser differenzierten Fragestellung ist die Persönlichkeitspsychologie komplementär zur allgemeinen Psychologie, die zu beschreiben und erklären sucht, was Menschen gemeinsam ist."
Auch noch die bekannten Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Konrad Lorenz versuchten vor allem, evolutionsbiologische Gemeinsamkeiten zu beschreiben und zu erklären, weniger die individuellen Unterschiede. Aber wenn angeborene Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen erforscht werden, was derzeit ein ganz neues Forschungsgebiet in der Wissenschaft wird (2 - 4), dann müssen zugleich auch völlig neue Kriterien und Kategorien zur ethischen Einordnung und Bewertung all dieses Wissens entwickelt werden. Dies wird von Asendorpf geleistet. Weiter im Zitat:
"Im Gegensatz zur klinischen Psychologie, die sich mit pathologischen Besonderheiten beschäftigt, interessieren in der Persönlichkeitspsychologie vor allem die Normalvarianten des Erlebens und Verhaltens."
Bei der Humangenom-Forschung und der damit verbundenen derzeitigen Populations-Genetik stehen derzeit noch oft die "pathologischen Besonderheiten" im Vordergrund, da hier oft sehr stark die Interessen der Pharma-Industrie mit hineinspielen, beziehungsweise überhaupt jegliche Art von unmittelbarer "Anwendbarkeit" von Forschungsergebnissen näher liegen.

Aus der Sicht des heutigen Forschungsstandes taucht tatsächlich die Frage auf, wie zum Beispiel Forscher wie Konrad Lorenz und Eibl-Eibesfeldt ein solches riesiges Forschungsgebiet der angeborenen Unterschiede zwischen Menschen in seiner Bedeutung so lange Zeit hatten unterbewerten können. Doch geben wir uns an dieser Stelle mit der Antwort zufrieden: Fortschritt heißt immer: Man weiß heute etwas besser als gestern. Und die Zwerge von heute stehen auf den Schultern der Riesen von gestern und sehen weiter als letztere.

Steigen wir gleich in Kapitel 4 ein. Hier wird das sogenannte "Five-Factor-Modell" der Persönlichkeitsbeschreibung vorgestellt, das heute in der psychologischen Wissenschaft eine so große Rolle spielt. Immer wieder stößt man auf dieses in der Literatur. Wo kommt es überhaupt her? Wie ist es einzuschätzen? Wo findet man die deutsche Begrifflichkeit dafür? Wie kann man damit umgehen? - Alles dies ist hier auf wenigen Seiten zu finden rund um die Seite 147. Wichtigstes Faktum: Das "Fünf-Faktoren-Modell" der Persönlichkeits-Beschreibung wurde im Jahr 1990 aufgrund vieler anderer Studien formuliert, sowohl in den USA wie in Deutschland. Vorläufer reichen bis in die 1930er Jahre zurück. Das muß man dann wohl einfach so hinnehmen und sehen, wie sich dieses Modell auch künftig bewähren wird.

Interessant erscheint aber im Zusammenhang damit, daß für kulturvergleichende Studien, in denen z.B. ostasiatische Kulturen mit eingeschlossen werden, dieses Fünf-Faktoren-Modell nicht so brauchbar ist, wie für Studien, die nur innerhalb der westlichen Kultur vorgenommen werden. Für kulturvergleichende Studien hat sich oft ein Drei-Faktoren-Modell besser bewährt. (1, S. 147) Dazu noch einmal der Originaltext:
"Diese 'Big Three' sind im Kulturvergleich besser replizierbar als die Big Five, können aber wegen der geringeren Faktorenzahl weniger Persönlichkeitsunterschiede erklären als die Big Five."
Richard Dawkins Gedanken über Gruppenunterschiede in seinem Buch "Ancestor's Tale" kommen einem dabei in den Sinn und die von Dawkins geäußerte Vermutung, daß es in Asien allgemein weniger Persönlichkeitsunterschiede gäbe (die Persönlichkeits-Vielfalt also geringer wäre) als in westlichen Ländern. Allerdings waren Richard Dawkins Vermutungen noch allein auf das körperliche Aussehen beschränkt und von ihm abgeleitet. (5, S. 421f)

Gleich darauf wird das Thema "Intelligenz" ebenso belehrend abgehandelt, seine Bedeutung wird sehr klar herausgestellt. Weil es vielen Menschen noch nicht so recht bewußt geworden ist, sei hier noch einmal "Lehrbuch-Text" angeführt:
"Intelligenzunterschiede beruhen wesentlich auf Unterschieden in der Geschwindigkeit elementarer Informationsverarbeitungsprozesse".
Und auch die Sätze davor:
"Intelligenztests sagen deshalb Bildung, Berufsprestige und Berufserfolg so gut vorher, weil sie eine Vielzahl unterschiedlicher kognitiver und motivationaler Anforderungen erfassen." (1, S. 198)
Zu einer klassischen IQ-Rasse-Adoptionsstudie der Autoren Weinberg und Scarr heißt es dann:
"Die sparsamste Erklärung scheint die Annahme genetisch bedingter Intelligenzunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen in den USA zu sein, denn die über die weißen Elternhäuser hergestellte 'weiße' Umwelt verringerte den IQ-Unterschied zwischen schwarzen und weißen Kindern nicht wesentlich." (1, S. 434f)
Damit würde sich das Lehrbuch auf die Seite der Interpretation dieser IQ-Studie stellen, wie sie von IQ-Forschern wie Richard Lynn, Volkmar Weiß, Charles Murray, David C. Rowe gegeben worden sind, wenn es dann nicht weiter einschränkend heißen würde: "Diese mögliche Interpretation muß jedoch in dreifacher Hinsicht relativiert werden ..." Dabei war doch schon im Methodenteil des Lehrbuches ausgeführt worden, daß es das Kennzeichen empirischer Wissenschaft sei, nach der sparsamsten Erklärung zu suchen ...!

Das Konzept der "emotionalen Intelligenz", das 1995 von dem Journalisten D. Goleman vorgeschlagen wurde, und das im Denken vieler Menschen eine diffuse Rolle spielt, obwohl es mit dem viel schärfer und klarer umrissenen und weitaus besser erforschten Konzept der "kognitiven Intelligenz" überhaupt nichts zu tun hat, wird kurz und prägnant als ein sehr unausgereiftes Konzept charakterisiert. (1, S. 204)
"Das Konzept 'der' emotionalen 'Intelligenz' (...) suggeriert, daß es eine einheitliche Fähigkeit zum Umgang mit Gefühlen jeder Art gibt."
Empirische Forschungen dazu werden kurz referiert und dann folgendermaßen zusammengefaßt:
"'Emotionale Intelligenz' erwies sich damit weder als einheitlicher Fähigkeitsbereich noch als ein Merkmal von Intelligenz." "Das sollte die Psychologie aber nicht davon abhalten, das weite und unübersichtliche Feld der emotionalen Kompetenzen zu bearbeiten, auch wenn schnelle Erträge dort nicht zu erwarten sind." (1, S. 204f)
In Kapitel 2 werden die "Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie" abgehandelt. Zuerst die Psychoanalyse. Von ihr bleibt an wissenschaftlichem Wert so gut wie "kein Haar". Wieder nur ein paar Merksätze aus dem Buch:
"Die klassische psychoanalytische Methodik ist aufgrund ihrer suggestiven Wirkung auf Patient und Therapeut in Gefahr, selbsterfüllende Prophezeiungen zu produzieren und ist von daher nicht akzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft." - "Die klassische psychoanalytische Methodik der Persönlichkeitserklärung beruht auf Erinnerungen von Erwachsenen an Kindheitserlebnisse; dies ist wegen der bekannten Erinnerungsfehler inakzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft." - "Die klassische Psychoanalyse ist aus methodischen Gründen keine empirische Wissenschaft." (1, S. 23)
Das nur in Andeutungen und auszugsweise. Und am Ende dieses Kapitels 2, neu aufgenommen in der 3. Auflage, wird "Das evolutionspsychologische Paradigma" behandelt. Knapp und eindringlich werden William D. Hamilton, Richard Dawkins, Edward O. Wilson und ihre Ideen erläutert. Bis zu diesem Punkt ist also jetzt schon der Stand der Wissenschaft auch in der Persönlichkeitspsychologie angelangt. Zumindest an einem nicht unbedeutenden Lehrstuhl an der Humboldt-Universtität Berlin.

Es gibt dann ein Kapitel über "soziale Bindungen" und "soziale Unterstützung" (Mutter-Kind-Bezeihung, Beziehungen zwischen Ehepartnern) (Kapitel 5), sowie über Lebensphasen (Kapitel 6). Hier wird auch schon über das für die Wissenschaft immer interessanter werdende sogenannte Neugier- und Unruhe-Gen (ADHS) (1, S. 347) berichtet, das auf Völker sehr unterschiedlich verteilt ist. Kapitel 7: Geschlechtsunterschiede. Im Kapitel 8 gibt es Unterkapitel wie "Genpool, Kultur und Persönlichkeit", "Rasseunterschiede". Das nordeuropäische Milchverdauungs-Gen wird abgehandelt und einiges ähnliche. Alles entsprechend des Buches des Forschers Durham von 1991. Also ein bischen veraltet - dennoch möchte man sagen: immerhin! Der Fragehorizont ist für ein gewöhnliches Psychologie-Lehrbuch sehr bemerkenswert.

Hochinteressant auch die völlig unterschiedlichen Ergebnisse des standardisierten (auch vom Ehepaar Großmann in Regensburg [Schüler von Konrad Lorenz] verwendeten) "Fremde-Situation(en)-Tests" an zweijährigen Kindern in Japan und in westlichen Ländern. (1, S. 436) Dieser sagt bisher noch nichts über genetische, sondern bislang nur über kulturelle Unterschiede aus. Die engere körperliche Nähe der japanischen Kinder zur Mutter während der frühen Lebensjahre führt, so die naheliegende Vermutung, zu viel größerer Ängstlichkeit bei ihrer kurzzeitigen Trennung von der Mutter als im Westen. Aber diese enge körperliche Nähe ist natürlich eine sehr tiefgehende frühkindliche Prägung, die gar nicht unterschätzt werden kann und sicherlich ziemlich dauerhaft zum Beispiel das spezifische "Cocktail" von Verhaltens- und Streß-Hormonen in der Blutbahn und die dazugehörigen Nervenbahnungen für jeweilige Lebens-Situationen "prägt". Und davon könnte die Ausprägung ganzer kontinentweiter Kulturen bestimmt sein.


Anmerkungen

1. Asendorpf, Jens B.: Psychologie der Persönlichkeit. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Springer-Verlag Berlin 2004 (diese Ausgabe wird hier zitiert, obwohl 2007 schon die 4. Auflage erschienen ist)
2. Wade, Nicholas: Still Evolving, Human Genes Tell New Story. In: The New York Times, 7. März 2006
3. Wade, Nicholas: The Twists and Turns of History, and of DNA. In: The New York Times, 12. März 2006
4. Wade, Nicholas: Before the Dawn. Recovering the Lost History of Our Ancestors. Penguin Press, Mai 2006; siehe auch --> hier.
5. Dawkins, Richard: The Ancestors Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix, London 2005 (2004), S. 331, 343 (2008 auf deutsch erschienen unter dem Titel "Geschichten vom Ursprung des Lebens")

Montag, 1. September 2008

Rez. W. Troßbach; C. Zimmermann: Die Geschichte des Dorfes

Autoren: Troßbach, Werner; Zimmermann, Clemens  
Titel: Die Geschichte des Dorfes. Von den Anfängen im Frankenreich zur bundesdeutschen Gegenwart
Ort: Stuttgart
Verlag: Verlag Eugen Ulmer
Jahr: 2006
ISBN-10: 3-8252-8324-0
Umfang, Preis: 336 S., € 39,90
 

Rezension*)

Das rezensierte Buch (2006)
Dieser Band enthält eine der ersten epoche- und regionenübergreifenden Darstellungen zu einer allgemeinen Geschichte des mitteleuropäischen Dorfes und nicht nur - wie es frühere Darstellungen geleistet haben - zu einer Geschichte der mitteleuropäischen ländlichen Bevölkerung oder allgemein zur „Agrargeschichte“. Die Fokussierung einer solchen übergreifenden Darstellung auf den Gegenstand Dorf war an der Zeit angesichts der ungeheuren Detailfülle, die sich in den letzten Jahren durch die archäologische und alltagsgeschichtliche Forschung - oft nur allein schon bezüglich einzelner untersuchter Dörfer und Landschaften - angesammelt hat. Die Forschung bewegt sich damit zunehmend auf eine „histoire totale“ zu, auf eine vollständige Beschreibung aller überhaupt zu beschreibenden Tatsachen des Phänomens „Dorf“ oder „dörfliche Gemeinschaft“, bzw. „dörfliche Gesellschaft“. Dadurch tritt zunehmend der „Systemcharakter“ dieses sozialen und wirtschaftlichen Systems in seinen Kausalzusammenhängen in den Vordergrund [1].

Damit wird diese Entwicklung der Sache zum Teilgebiet der Erforschung der „Evolution menschlicher sozialer Systeme“ [2] überhaupt, wie sie im Anschluss an die Erforschung der sozialen Systeme im Tierreich durch Soziobiologie [3, 4], Evolutionäre Anthropologie und andere Disziplinen umrissen wird. Das arbeitsteilig gegliederte System „Dorf“ stellt seit etwa 10.000 Jahren jenes soziale System dar, in dem die Mehrheit der Menschen weltweit gelebt haben und in dem sie auch genetisch (weiter) evoluiert sind. Es stellt die kleinste menschliche Sozialeinheit dar, die über die engeren familiären und verwandtschaftlichen Bindungen hinausgehen.

Damit nimmt das Dorf quasi - wie ein „Modellorganismus“ (analog zu Dictyostelium oder Volvox in der Biologie auf dem evolutionären Weg vom Einzeller zum Mehrzeller) - eine Zwischenstellung ein zwischen egalitären Jäger-Sammler-Gruppen und ihren evolutionspsychologischen Gesetzmäßigkeiten einerseits und den Gesetzmäßigkeiten komplexer arbeitsteilig-städtischer Gesellschaften und Hochkulturen andererseits. Die sozialen Merkmale der ersten werden von der Evolutionären Anthropologie gegenwärtig vor allem unter dem Aspekt des Verwandten-Altruismus, die der letzteren unter dem Aspekt des Gegenseitigkeits-Prinzips beschrieben [3, 4]. Es gibt schlichtweg bezüglich des Menschen keinen besseren „Modellorganismus“, um diese Formen der Sozialisierung zu erforschen als das einfach-arbeitsteilig gegliederte - und oft noch in vielen Aspekten autark lebende - vorindustrielle Dorf.

Die Autoren haben sich also einerseits ein sehr grundlegendes, andererseits aber auch inzwischen ein sehr umfangreiches und disparates Forschungsgebiet vorgenommen. Sie klagen dementsprechend auch bald über das „Disparate“ der von ihnen bearbeiteten historischen Tatsachen und der bislang noch mangelnden systematisierenden oder theoretischen - ja, sogar auch nur terminologischen - Durchdringung derselben. Das ist eine Folge des Umstandes, dass sich eine wissenschaftliche Disziplin in rascher Entwicklung befindet. „Wie dick wäre wohl das Buch,“ fragen die Autoren, „das (…) der Eigenart eines jeden Dorfes gerecht werden (…) wollte?“ [S. 1]. Sie sprechen von der „erstaunlich hohen Variabilität“, der „vielgestaltigen Realität“ [S. 15]. Sie sprechen von der „Notwendigkeit, Typen und paradigmatische Einzelbeispiele herauszustellen“, da sich „makrostrukturelle Prozesse“ „mikrostrukturell so höchst verschieden und zu unterschiedlichen Zeitpunkten bemerkbar“ machen [S. 12].

Das sattsam bekannte „Theoriedefizit“ der traditionell arbeitenden Geisteswissenschaften - hier macht es wieder einmal auf sich aufmerksam. Die Autoren führen aus, dass sie nicht auf epoche- und regionenübergreifende theoretische Konzepte zurückgreifen (können), sondern jede Epoche und jeden Aspekt des geschichtlichen Phänomens Dorf nach den ihm je eigenen Gesichtspunkten behandeln (müssen).

In der Einleitung (I) [S. 16] schreiben sie, dass das Mittelalter-Kapitel (II) aus „siedlungs-, agrar- und verfassungsgeschichtlicher“ Perspektive geschrieben ist, das Kapitel über das Spätmittelalter und das 16. Jahrhundert (III) aus „wirtschaftsgeschichtlicher“ Perspektive („als Voraussetzung für eine Erklärung der damit verbundenen sozialen Wandlungsprozesse“). Für das 17. und 18. Jahrhundert (V) erlaubt ihnen der Forschungsstand dann eine tastend „systematisierte, durch Typenbildung differenzierte Annäherung“ an wiederum sehr vielfältig bestimmte Themen. Ein weiteres, eingeschobenes Kapitel (IV) behandelt epocheübergreifend die „Herausbildung und Veränderung dörflicher Institutionen“ (rechtliche Grundlagen, Dorfämter, Gemeindeversammlung, Pfarrerwahl und andere Themen). Mit gewechselter Autorschaft (VI) werden dann noch die neuen Entwicklungen auf dem Dorf im 19. und 20. Jahrhundert nachgezeichnet.

In der Kapiteleinteilung spiegelt sich das „Disparate“ des Gegenstandes wieder. Die Kapitel haben ganz unterschiedlichen Umfang: Kapitel II bis IV je 27, 30 und 23 Seiten, Kapitel V 65 Seiten, Kapitel VI 95 Seiten. Der Inhalt des Kapitels V - das forschungsmäßig dadurch eine Schlüsselstellung einnimmt, dass hier quellenmäßig und vom theoretischen Anspruch her oft schon die dichtesten Beschreibungen vorliegen - wird folgendermaßen angegeben: „… Grundlegende sozialgeschichtliche Fragen, die Probleme innerdörflicher Allianzbildung, die sich verändernde Bedeutung von Sozialformen wie Nachbarschaft und Verwandtschaft, den Austrag innerdörflichere Konflikte und den auch hinsichtlich staatlicher Reglementierungen variierenden Vorrat an dörflicher Gemeinschaftlichkeit.“ [S. 16]

Haben die Autoren nun die historiographischen Möglichkeiten, die sich aus einer epoche- und regionenübergreifenden Fokussierung auf das Phänomen Dorf ergeben, schon ausreichend ausgeschöpft? Haben sie grundlegend neue Aspekte, Sichtweisen gegenüber früheren Darstellungen zu ähnlichen Gegenständen eröffnet? Der Rezensent konnte diesem Band keine grundlegend neuen Gedanken oder empirischen Daten entnehmen, die er nicht schon an anderer Stelle vorgefunden hätte (etwa in: [5] - dort ja z. T. auch - und verdienstvollerweise - von demselben Erstautor). Es stellt sich also die Frage, ob es als nötig hat angesehen werden müssen, die empirischen Daten noch einmal aufs Neue zusammenzutragen und zu sichten, ohne dass die Daten nun entsprechend neuer Leitgedanken auch wirklich neu geordnet worden wären, ohne dass zu größerer, vereinheitlichender Theoriebildung fortgeschritten worden wird.

Solche Möglichkeiten nehmen die Autoren nur sehr zögernd wahr, wenn sie sich mit Denkern des frühen 20. Jahrhunderts - wie Ferdinand Tönnies oder Georg Simmel - auseinandersetzen, um einen gewissen theoretischen (richtiger aber wohl nur: terminologischen) Rahmen für ihre Arbeit abstecken zu können. Auch W.H. Riehl wird erwähnt, ja, sogar die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz. Aber kein einziger allgemeinerer Ansatz moderner naturwissenschaftlicher Anthropologie [etwa: 1], der historischen Demographie [etwa 6-8] oder der Soziobiologie [etwa 3, 4] finden Erwähnung.

Die Autoren orientieren sich also weniger an modernen theoretischen, anthropologischen Vorgaben, auch nicht etwa an dem als immer grundlegender erkennbaren Zusammenhang zwischen Demographie und Wirtschaftsweise [6-8]. Dieser hätte ja nicht nur gelegentlich erwähnt werden können, wie hier geschehen, sondern auch epocheübergreifend und die Epochen und Regionen vergleichend dargestellt werden können. Damit wäre ein erstes einheitlicheres, zusammenfassendes, kapitelübergreifendes Konzept für diesen Band gewonnen worden.

Es muss noch darauf hingewiesen werden, dass der Forschungsstand in Deutschland ein zum Teil ganz anderer ist als der in Österreich und der Schweiz. Österreich hat mit Michael Mitterauer einen Forscher, dessen Lebenswerk zeigt, dass es möglich ist, immer wieder neue, sehr grundlegende, auch anthropologisch grundlegende Fragen an das soziale System „Dorf“ heranzutragen und die empirischen Daten nun unter solchen grundlegenden Fragestellungen zu sichten [siehe etwa: 9]. Obwohl also gerade für diese beiden Länder - auch aufgrund der größeren geographischen Übersichtlichkeit - schon viele innovative, mehr theoriegeleitete Forschungsansätze vorliegen (- aber siehe durchaus auch: 10), werden diese ausdrücklich von der Darstellung des vorliegenden Bandes ausgenommen: „Da die Schweiz und Österreich seit langem ausgeprägte nationale Historiographien aufweisen,“ schreiben die Autoren, „verbat sich im materiellen Rahmen dieser Untersuchung ein näheres Eingehen auf diese Länder.“ [S. 17]

Damit schneiden sich die Autoren von den fortschrittlichsten, theoriegeleiteten Forschungen ihres Faches ab, die eben nur dann gründlich dargestellt werden können, wenn man dazu auch das empirische Ausgangsmaterial darstellt. Der Weg von einer beschreibenden hin zu einer erklärenden Geschichte des Dorfes dürfte gerade für den deutschen Raum noch ein weiter sein.

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*) Letzten Herbst auf Aufforderung von HSozKult verfaßt. Aber erst jetzt eingesandt und der Redaktion nicht mehr aktuell genug. Deshalb hier. In die Reihe "Arbeitsteilige Gesellschaft und Verwandten-Altruismus", die jetzt allmählich als neues Schwerpunkt-Thema des Blogs ausgebaut werden soll.

Anmerkungen  

  1. Herrmann, Bernd (Hrsg.), Energieflüsse in prähistorischen/historischen Siedlungen und Gemeinschaften. In: Saeculum 42/1991, S. 217 - 348
  2. siehe z.B. das neue Max Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, für das ursprünglich auch eine Forschungsprofessur zur „Evolution menschlicher, sozialer Systeme“ vorgesehen war (Alexander von Humboldt-Magazin 70/1997, S. 58 – 61)
  3. Voland, Eckart, Grundriß der Soziobiologie, Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2000
  4. Hamilton, W.D., Narrow Roads of Gene Land. Vol. 1, Evolution of Social Behaviour, W.H.Freeman at Macmillan Press Limited, Houndmills 1996  
  5. Enzyklopädie deutscher Geschichte, R. Oldenbourg Verlag, München, bislang 79 Bände
  6. Herrmann, Bernd; Sprandel, Rolf (Hrsg.), Die Bevölkerungsentwicklung des europäischen Mittelalters. Das wirtschaftsgeographische und kulturelle Umfeld. In: Saeculum 39/1988, S. 105ff
  7. Pitz, Ernst, Ökonomische Determinanten der Bevölkerungsentwicklung im Mittelalter, In: siehe 6., S. 155-171
  8. Mackenroth, Gerhard, Bevölkerungslehre, Theorie, Soziologie und Statistik der Bevölkerung. Springer-Verlag, Berlin 1953
  9. Ehner, Josef; Mitterauer, Michael (Hg.), Familienstruktur und Arbeitsorganisation in ländlichen Gesellschaften, Wien, Böhlau 1986 10. Schremmer, Eckart: Die Wirtschaft Bayerns. Vom hohen Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung. Bergbau, Gewerbe, Handel. Verlag C.H. Beck, München 1970

Mittwoch, 7. November 2007

Indoeuropäer-Frage ein "anrüchiges" Thema?

Ein Wort der Kritik an der Berliner Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße"

Erschienen: 2014
Die Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße" (1) (siehe früherer Beitrag) ist von dem früheren ersten Bürgermeister der Stadt Mannheim, Herrn Dr. Norbert Eggert, "initiiert und immer wieder tatkräftig unterstützt" worden. Er hatte "bereits in den 1990er Jahren Xinjiang besucht" (S. 15) Deshalb konnte auch die Stadt Mannheim nur "schweren Herzens einer Weltpremiere in Berlin" zustimmen (S. 13).

Mit der von der Weltöffentlichkeit und von Teilen der Forschung nun als sensationell empfundenen Tatsache, daß vor mehr als 2000 Jahren an der Westgrenze Chinas - erkennbar an den gut erhaltenen Wüstenmumien - ziemlich eindeutig Menschen lebten, denen man ihre europäische Herkunft ebenso ansieht, wie der Mehrheit der heutigen Nordamerikaner, mit dieser Tatsache geht die Berliner Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße", noch etwas verklemmt um. An den Diskussionen über die Herkunft dieser Menschen will sich die Ausstellung, so ihr wissenschaftlicher Leiter Christoph Lind, nicht beteiligen (S. 23f). Und Mitarbeiter Ulf Jäger schreibt, daß diese Tatsache auch frühere Forscher nicht besonders "verwundert" hätte (S. 49f). Mitarbeiterin Jeanette Werning findet deshalb auch anderes "viel spannender" (S. 39). Wir wollen uns hier die Begründung für diese Haltungen genauer anschauen. Christoph Lind schreibt (S. 23f):
Sensationelle Mumienfunde markieren den Weg der archäologischen Forschungen in Xinjiang und viele Vermutungen kursieren über die Herkunft der Bestatteten in den Gräberfeldern des Tarim-Beckens. (...) Einige entsprechen einem mongolischen Typus, weitaus häufiger jedoch wirken die erkennbaren Gesichtszüge europid. (...) Sie wurden beispielsweise als proto-iranisch, westeuropäisch oder sibirisch gedeutet. An diesen Diskussionen will sich die Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße" nicht beteiligen.
Und etwas weiter als Teil der Rechtfertigung für diese Abstinenz: "Unser heutiges Denken in ethnischen Kategorien ist auf die Zeit der vorbuddhistischen Seidenstraße sicherlich nicht übertragbar." Ulf Jäger schreibt (S. 49f):
Schon der unter dem schwedischen Forschungsreisenden Sven Hedin arbeitende schwedische Archäologe Folke Berman hatte im südöstlichen Tarim-Becken, in der Nähe des Lop Nur, bootsförmige Holzsärge ausgegraben, die europide Trockenmumien enthielten. Dieses verwunderte die damalige Forschung nicht weiter, hatten doch die preußischen Turfan-Expeditionen an der Nordroute der Seidenstraße auf Wandmalereien Darstellungen hochgewachsener, blonder und rothaariger, buddhistischer Stifter entdeckt. Da zudem an diesen Fundorten Handschriften in Brahmi, in der tocharischen, indogermanischen Sprache gefunden worden waren, nahm man an, diese Bevölkerung sei in einer nicht genau zu datierenden Frühphase 'von Westen' her eingewandert. Die nun vermehrt in den 80er und 90er Jahren des 20. Jh. im Tarim-Becken ausgegrabenen, von der Physiognomie her europid wirkenden Trockenmumien, haben diese Diskussionen erneut entfacht.
Und Jeanette Werning schreibt von "Mumien, die sehr häufig keine mongoliden Gesichtszüge aufweisen, sondern von den Anthropologen als 'europid' angesprochen werden" (S. 39). Sie betont die Tatsache, dass nach den ersten 1.500 uns bekannten Jahren der Siedlungsgeschichte des Tarim-Beckens (also grob ab 500 v. Ztr.) im archäologischen Material und in den Schriftzeugnissen auch "Mischheiraten" zwischen Völkern, Rassen und Kulturen in diesem Raum belegt sind. Dies geschah ja etwa zeitlich parallel mit der Ausbreitung der Weltreligion Buddhismus, die auf ethnische Unterscheidungen betonter Weise keinen Wert mehr legte (ähnlich wie das Christentum und der Islam).

Ethnisches Kategorisieren ist Teil unserer genetischen Programmierung

Zu diesen Aussagen könnte nun mancherlei gesagt werden. Aus der Sicht der modernen Forschungsergebnisse in der Psychologie, der Soziobiologie und der Humangenetik ist "Denken in ethnischen Kategorien" zu einem großen Teil durch unsere genetische Programmierung vorgebahnt und nur schwer zu unterdrücken. (Siehe inzwischen viele frühere Beiträge auf "Studium generale".) Warum also sollten Völker in früheren Jahrtausenden dieses Denken noch stärker bewusst ("ideologisch") unterdrückt haben als das heute in der westlichen Welt geschieht?

Die Völker des Tarim-Beckens haben vor Einführung des Buddhismus ganz bestimmt Stammes- oder Stadtgottheiten verehrt, auch Berggötter (etwa auf dem Tianshan, wie man nach traditioneller chinesischer Religiosität vermuten darf). Sie haben diesen Gottheiten Opfer gebracht (Rinder, Ziegen und Schafe geschlachtet wie etwa in der "Ilias"). Und so gut wie alle bildlichen Darstellungen aus dem chinesischen, sogdischen oder persischen Raum zeigen, wie sehr man - z.B. - bei "tributpflichtigen" oder "befreundeten" Stämmen, Städten, Völkern und Reichen die ethnischen und rassischen Unterschiede auch in der Darstellung mitberücksichtigte. Unwichtig war also "Denken in ethnischen Kategorien" ganz bestimmt nie.

Und dass die Forschung am Anfang des 20. Jahrhunderts durch das Vorhandensein von Europäern an der Westgrenze des chinesischen Reiches nicht besonders "verwundert" gewesen sei, muss, so es denn wirklich die Regel gewesen sein sollte (was man bezweifeln darf), nicht als ein wichtiger Umstand angesprochen werden. Man entdeckte damals "Niemandsland", alles war neu, was man entdeckte, warum sollte man ein solches Detail "noch" verwunderlicher finden als schon alles übrige, was man damals an Verwunderlichem überhaupt entdeckte?

Unsere heutige Situation ist jedoch ganz anders, wenn wir durch die Archäologie auf das Vorhandensein "rein" europäischer Völker an der Westgrenze des chinesischen Reiches in früheren Jahrtausenden verwiesen werden. Nach hundert Jahren Forschung glaub(t)en wir, einen sehr genauen Überblick über den Ablauf der Weltgeschichte und dabei über die zeitlich sich verschiebende Verteilung der Völker und Rassen auf der Erde zu besitzen. Weiterhin hat die "Gegenreaktion" auf die Zeit des Nationalsozialismus bewirkt, dass man archäologischen oder anthropologischen Hinweisen auf die "nordische Rasse" - als "Unruhefaktor der Weltgeschichte" in sehr unterschiedlichen Erdregionen - betont distanziert gegenüber stand.

Völker überbrücken weite Entfernungen in der Weltgeschichte

Aber in den letzten Jahren mehren sich immer mehr Hinweise darauf, dass es genau diese "nordische Rasse", dass es diese "Europäer" waren, die schon in früheren Jahrtausenden in weit von ihren Ausgangszentren entfernten Gebieten "Geschichte" gemacht haben. Sicherlich waren sie nicht die einzigen, die in verschiedenen Geschichtsepochen weite Entfernungen überbrückten. Die Besiedlung des Südpazifik durch die Austronesier wäre ein anderes Beispiel. Ein weiteres Beispiel wäre die Ausbreitung asiatischer (genetischer) Haplotypen in früheren Jahrtausenden bis nach Osteuropa (- grob in den heutigen "slawischen" Raum hinein). (Siehe frühere Beiträge auf St. gen..) Ein weiteres Beispiel wäre die Ausbreitung der Bantu-sprachigen schwarzafrikanischen Rinderzüchter von Westafrika aus über den ganzen afrikanischen Kontinent südlich der Sahara in den ersten Jahrhunderten nach der Zeitrechnung. Oder die Ausbreitung der (anthropologisch nicht sehr einheitlichen) bandkeramischen Kultur über den ganzen mitteleuropäischen Kontinent hinweg. Aber auch das Vorhandensein von Europäern schon zu früher Zeit auf dem amerikanischen Kontinent (wie neuerdings vermutet noch während der Eiszeit), in Sibirien von der Eiszeit bis zum Untergang der Skythen in der Spätantike und nun sogar im Tarim-Becken an der Westgrenze des chinesischen Reiches, all das gibt Blicke auf zum Teil völlig neue geschichtliche Zusammenhänge frei.

Ein Buchtitel des völkischen Rasseforschers Hans F.K. Günther lautete "Die nordische Rasse bei den Indogermanen Asiens". Die wissenschaftlichen Belege, die er in seinem Buch für die These des Titels sehr gründlich zusammen getragen hatte, waren zu seiner Zeit keineswegs besonders reichhaltig und im Grunde nur wenig überzeugend. (Übrigens kann ähnliches auch zu seiner Auseinandersetzung mit der IQ-Forschung seiner Zeit gesagt werden.) Nun aber den eigentlichen Menschen selbst aufgrund neuer archäologischer Funde in die tatsächlich noch vorhandenen Gesichter zu schauen (statt nur ihre Knochen zu vermessen), ist etwas ganz anderes.

Man sollte die Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße" wirklich zum Anlass nehmen, die großräumigen Ausbreitungen von Menschenrassen, Völkern und Kulturen zu verschiedenen Zeitpunkten der Weltgeschichte in ihren Ursachen und Folgen auch theoretisch besser zu fassen und in den Blick zu bekommen - so wie das ebenfalls schon diverse wissenschaftliche Arbeiten tun (siehe etwa den Aufsatztitel "Semes and Genes in Africa"). Abstinenz in Erkenntnisfragen ist ja - zumindest für einen Wissenschaftler - etwas sehr Langweiliges und etwas gänzlich dem wissenschaftlichen Ethos Widersprechendes.

____________________________________________

  1. Wiechzorek, A.; Lind, C. (Hg.): Ursprünge der Seidenstraße. Sensationelle Neufunde aus Xinjiang, China. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2007

Sonntag, 4. November 2007

Die Frühbronzezeit in den Fürstentümern der Seidenstraße

"Götter, Gräber und Gelehrte": Ein neues Kapitel

Vorbemerkung, 4.4.2022: Bis 2021 sind die Tarim-Mumien immer ganz selbstverständlich als vorwiegend indogermanisch angesprochen worden - so wie das auch in dem folgenden Beitrag geschehen ist. Nach neuesten archäogenetischen Untersuchungen der Jahre 2021 und 2022 weisen die Wüstenmumien und anderen Menschenfunde der Taklamakan aber zumindest in der Frühbronzezeit - um 2.000 v. Ztr. - eine sehr einheitliche einheimische westsibirische Jäger-Sammler-Genetik auf (5). Ähnliches könnte deshalb auch für viele kulturelle Elemente gelten, die im folgenden behandelt werden. Zwar sind westliche Einflüsse unübersehbar - domestizierte Tier- und Pflanzenarten, die sowohl von den Indogermanen im Norden des Tianshan wie von Marghiana-Kultur im Westen übernommen worden sein könnten. Aber viele andere kulturelle Elemente könnten natürlich auch einheimischen Ursprungs sein und weisen nicht zwangsläufig in Richtung Westen.

Abb. 1. "Frau von Subashi", bzw. Subexi
(5. - 3- Jh. v. Ztr.) (1, S. 180f)
(Quelle)

Vor wenigen Wochen wurde die Ausstellung "Ursprünge der Seidenstraße - Sensationelle Neufunde aus Xinjiang, China" in Berlin eröffnet. Sie macht die Öffentlichkeit mit der Vielfalt und mit der überraschenden und ganz unerwarteten Fülle der archäologischen Entdeckungen und Erkenntnisse im Tarim-Becken in Innerasien an der Westgrenze Chinas seit den 1970er Jahren bekannt.

Vor allem der Katalogteil des Ausstellungskataloges (1, S. 99-303) (1, S. 99-303) vermittelt einem einen Eindruck von der Vielfalt und dem Reichtum der hier vorzufinden Fundstätten mit Zeitstellungen zwischen 2.000 v. Ztr. und 800 n. Ztr., sowie ihren jeweiligen geographischen und kulturellen Besonderheiten.

Künftig werden sich Ausstellungen und wissenschaftliche Veröffentlichungen zu dieser Thematik sicherlich stärker spezialisieren. Denn zu unterschiedlich sind doch die in diesem Katalog zusammengefaßten Kulturen und Epochen über fast 3.000 Jahre hinweg und bis zu mehreren tausend Kilometern voneinander entfernt.

Das frühbronzezeitliche Gräberfeld von Käwrigul (etwa 2.000 bis 1.800 v. Ztr.)

70 Kilometer westlich des ausgetrockneten Lop Nur-Sees am Ostrand der Taklamakan-Wüste wurde 1979 ein Gräberfeld mit 36 Gräbern von Männern, Frauen und 13 Kindern ausgegraben. Außerdem fanden sich sechs auffällige Männergräber, welche die Ausgräber für etwas jünger halten (1, S. 102ff). Schon seit langem ist bekannt, daß in der europäischen Bronzezeit das Holz im Hausbau, bei der Anlage von Volkssternwarten (Kreisgrabenanalgen) und bei den Bestattungen (Baumsärge) eine große Rolle gespielt hat. Genau den gleichen Umstand scheint man nun in der Frühbronzezeit am Westrand Chinas vorzufinden.

Überirdisch wurden über diese sechs auffälligen Männergräber kreisförmig angeordnete Baumstämme als Pfosten gesetzt. Sieben innere Pfostenkreise werden von "strahlenförmigen" Pfostensetzungen in lockererer Verteilung in allen Richtungen nach außen hin umgeben. So als sollte damit die Strahlkraft der Sonne ausgedrückt werden, als deren "Söhne" man diese Männer möglicherweise empfunden hat.

Kein Zweifel: Diese Gräber erinnern an mitteleuropäische Kreisgrabenanlagen, bzw. an kreisrunde Hügelgräber.

Ca. 600 Pappel-Baumstämme wurden für diese Pfostenstellungen verbraucht. Das trug zu jener Wüstenbildung bei, die man heute in dieser Region beobachtet und die inzwischen ganze Städte mit Wüstensand bedeckt hat. In den Gräbern fanden sich unter anderem kleine menschenartige Figuren.

Wegen der extremen Aridität und des hohen Salzgehaltes der Böden (...) haben sich in Käwrigul zwei vollständige Mumien in ausgezeichnetem Zustand erhalten, so die einer ca. 20-jährigen hellhaarigen Frau und eines Kleinkindes. Beide waren unbekleidet und sehr eng in locker gewebte Wolldecken eingehüllt.

In der Nähe wurden weitere "wunderbar erhaltene, zartgliedrige Frauenmumien" entdeckt. (1, S. 104)

Die Toten trugen Kleidung aus Fellen und recht grobem Wollstoff ohne Unterkleidung, spitze Filzmützen oder -kapuzen mit einfachen Stickereien (...) und angesteckten Federn, ferner Leder- oder Fellschuhe. (...) Auch ein Säckchen mit Stängeln von Ephedra (Meerträubel), einem seit der Zeitenwende in der chinesischen Medizin bekannten Heilmittel bei Fieber, Lungenentzündung und anderen Atemwegserkrankungen, begleitete jede Person. (...) Den Toten wurden Hörner von Schafen, Ziegen und Rindern in großer Zahl beigegeben, in einem Grab lagen sogar 26 Stück!

Das frühbronzezeitliche Gräberfeld von Xiaohe (um 2.000 v. Ztr.)

Etwa 40 Kilometer südlich vom Gräberfeld von Käwrigul findet sich das Gräberfeld von Xiaohe (Wikip.). Es umfaßte in der Frühbronzezeit über tausend Bestattungen. Hier spielen Rinder eine mindestens ebenso große Rolle. Wir haben hier sogar Zeugnisse dafür, daß sie rituell geopfert wurden.

Die Gräber ähneln hier der Form von aus Holzschindeln geformten Booten, auf die ebenfalls Holzpfosten, allerdings einzeln und in unterschiedlicher Form gesetzt wurden (1, S. 106ff):

Archäologisch untersucht wurden insgesamt 13 Gräber. Etwa 150 Gräber sind inzwischen geplündert worden.

Die Gräber lagen in fünf Schichten übereinander, so daß sie schon von der Ferne als eine Düne sichtbar waren. Heute sind sie rundherum über Entfernungen von mindestens 60 Kilometer von Wüste umgeben (1, S. 111, s.a. Abb. rechts):

Als Kopfbedeckungen wurden häufig spitze, weiße, mit roten Wollschnüren umwickelte Filzmützen entdeckt, hergestellt aus Schaf- oder Ziegenwolle. Die der Männer waren meist hoch und spitz, die der Frauen breit und gerundet.

Mit einem Wieselfell samt Wieselkopf umwickelt (s. Abb. rechts). Spielen nicht Wiesel auch im Aberglauben eine Rolle?:

Frauen, die sich am Haus ein Wiesel hielten, wurden schnell verdächtigt, eine Hexe zu sein, deren Hausgeist dieses Wiesel sei.

Von einer Fülle von erstaunlichen Einzelheiten, die hier nur angedeutet werden können, erfährt man weiterhin: Merkwürdige "Gnom"-Holzfiguren anstelle von Menschen in einigen Särgen, beigegebene Holzmasken - vielleicht zur Dämonenabwehr (?) ...

Im Hintergrund steht immer die Frage: Gibt es Parallelen zu den zeitgleichen Menschen und Völkern in Mitteleuropa, von wo aus diese Bevölkerung als Kentumsprachige damals direkt zugewandert sein könnten? (Siehe frühere Beiträge auf St. gen. - Suchwort "Tocharer".) Die Möglichkeit derartiger bronzezeitlicher Fernkontakte, wie sie auch schon früher von den Textilien nahegelegt worden war, wird in diesem Ausstellungsband kaum erörtert. Dabei sollte sich doch insbesondere die bronzezeitliche europäische Archäologie von diesen neuen Forschungsergebnissen angezogen fühlen. (Siehe auch [3].)

Zeitlich nächstjünger und noch weiter östlich gelegen sind die 700 Gräber des Gräberfeldes in der Innenstadt von Hami, datiert auf 1.900 bis 1.300 v. Ztr., sowie weitere in der dortigen Gegend gelegene Gräberfelder. Das liegt noch um etliche hundert Kilometer näher dem damaligen zentralchinesischen Reich und jenseits der Völkerscheide "Himmelgebirge", des Tianshan.

1.500 Jahre später: Mischbevölkerung

Dann schon wieder 1.000 Jahre später mit einem gewaltigen zeitlichen und wohl auch epochalen Sprung: das Gräberfeld von Subexi (Subeschi) bei Turfan inmitten steiler Berge, 5. bis 3. Jhdt. v. Ztr. (1, S. 174 - 176):

Ihren anthropologischen Merkmalen zufolge gehörten von den 19 gut erhaltenen Mumien 13 dem europiden Typ an (mit hellerem Haar, ausgeprägter Nase, schmalem Gesichtsschädel, wenig ausgeprägten Jochbögen etc.), drei dem mongoliden und drei einem Mischtyp. Durchaus jedoch kamen die verschiedenen physischen Typen auch in einem gemeinsamen Grab vor. So lagen in Grab 17 aus Gräberfeld III je ein Mann und eine Frau mittleren Alters und europiden Typs, ferner eine Frau mittleren Alters von monolidem Typ und ein junger Mann des Mischtyps.

Mit Pfeil und Bogen waren die Männer bewaffnet. Hier findet sich auch die berühmte "Frau von Subeschi" mit dem auffallend hohen Hut (Zauberhut?, "Hexenhut"?) (1, S. 181) (s. Abb. ganz oben):

Aus dem Altai-Gebirge ist ebenfalls ein Grab einer Frau mit auffallend hohem Hut überkommen, und auch aus Subexi gibt es noch in zwei weiteren Frauengräbern Beispiele für diese ungewöhnliche Hutform, eine sogar mit zwei Spitzen.

Alte Frauen mit langen Zöpfen (8. - 4. Jh. v. Ztr.)

Zeitlich am nächsten stehen nun die großen Gemeinschaftsgräber am südöstlichen Rand der Talimakan bei Zagunluk, Kreis Qarqan, datiert auf das 8. bis 4. Jhdt. v. Ztr. (1, S. 182ff). Bis zu 24 Tote wurden hier in einem "Gemeinschaftsraum" im Kreis liegend um einen Pappelstamm herum begraben. Auf den Fotos wirken auch die Gesichter eines Ehepaares eines kleineren solcher Gemeinschaftsgräber erstaunlich gut erhalten - soll man sagen "beseelt" (1, S. 184)?

Die Mumien boten einzigartige Einblicke in die Körperlichkeit der Menschen jener Zeit, ihr Aussehen und ihre Behandlung der Toten, die sonst mit der Vergänglichkeit der Leiber verschwunden wären. So trugen die Frauen lange Zöpfe, auch in fortgeschrittenerem Alter. (...) Auch eine grauhaarige Frau aus Grab 89/2 trug zwei Zöpfe und hatte ihr Gesicht bemalt, ihre Fingernägel waren orangerot gefärbt - vielleicht mit Henna - und ihr linker Handrücken wie auch die Finger zeigten spiralige Tätowierungen. (1, S. 187)

Dort hat sich auch die ganz farbige Mumie eines Babies gefunden, die heute in Berlin ausgestellt ist:

Die Verwendung feinster Textilien und die Beigabe des Saugbeutelchens vermitteln eine auch nach Jahrtausenden unmittelbar nachvollziehbare liebevolle Zuwendung an das verstorbene Kleinkind. (1, S. 201)

Für die darauf folgenden, jüngeren Zeitstufen, bei denen man im archäologischen Material überall auch den Einfluß von Hochkulturen von Ost, West und Süd erkennt, hat man zustäzlich Schriftquellen und gut belegte Parallelbeispiele aus der Kunst aus anderen Räumen, die hier auf dem Blog schon ausführlicher behandelt worden sind (Suchwort "Sogder").

Die "Verwirbelung" von Völkern, Religionen und Kulturen

Einer der interessantesten Beiträge des Bandes stammt von Ulf Jäger. (2) Er behandelt einige besonders prägnante, kulturelle Charakteristika dieses Raumes, in dem es nach der Zeitenwende nach chinesischen zeitgenössischen Berichten 36 verschiedene (Stadt-)Staaten (Fürstentümer, Königreiche) gegeben hat, ungefähr in jeder noch heute bestehenden größeren Oasenstadt einen. Heute provinziell anmutende kleine Städtchen waren damals berühmte Königreiche.

So behandelt Jäger den Brauch, bei der Totenklage um gestorbene Könige und Fürsten (ursprünglich reiternomadischer) skythischer, sogdischer und tocharischer Völkerschaften,

sich mittels eines Dolches Verletzungen an Ohren, Gesicht und Armen selbst zuzufügen.

Dieser Brauch, der vielfach schon früh bezeugt ist (z.B. durch Herodot), ist noch nach Annahme des Buddhismus durch diese Völker bei Darstellungen zur Klage um den Tod Buddhas beibehalten worden (2, S. 53f). Jäger behandelt auch die "phrygische Mütze" (Spitzhüte) vieler iranischer Völkerschaften (Saken, Sogder und andere), die sich dann in einer Extremform auch als Kopfbedeckung von Frauen in Subaxi fand (s.o.) (2, S. 54f).

Ein sogdischer Kaufmann mit asiatischer Gesichtsmaske

Eindrucksvoll auch der prächtig gekleidete "Verstorbene von Yinpan" im südöstlichen Tarimbecken aus dem 3. Jhdt. n. Ztr. (siehe Abb. links). Er trägt eine "kalkweiße" Gesichtsmaske mit eher asiatischen Gesichtszügen. Seine Kleidung seine Grabbeigaben (auch Pfeil und Bogen) muten aber ansonsten vollkommen sogdisch an. (2, S. 55f) Es war das möglicherweise die Anpassung der sogdischen Kaufleute an den chinesischen Lebensraum. Der Mann war 1,90 groß und hatte hellbraunes Kopfhaar. (2, S. 260) Ein Sogder, dem eine mongolische Gesichtsmaske aufgelegt wurde? Oder handelte es sich um einen Angehöriger hunnischer Völkerschaften?

Aber was für eine vielfältige, rätselhafte Welt tut sich hier auf, wohin man blickt. Ulf Jäger macht das auch noch einmal bei der zusammenfassenden Diskussion der Schriftquellen des Tarim-Beckens deutlich (2, S. 59). Also jener Schriftquellen, die im Tarim-Becken während des letzten Jahrhunderts entdeckt worden sind. Dabei handelt es sich vor allem um religiöse und kaufmännische Schriftrollen in Höhlen (1, S. 59):

"Spätestens um Christi Geburt ist über das nordwestliche Indien, über die hohen Pässe des Karakorum-Gebirges und über Kaschmir der Buddhismus in das Tarim-Becken vermittelt worden. Handschriften dieser Frühphase sind auf Harosthi oder Brahmi geschrieben, die Sprache wechselt aber zwischen Hotansakisch, einer mitteliranischen Sprache, Gandhari und Sanskrit. Der Manichäismus, als weiteres Beispiel, verwendet Parthisch in mitteliranischer Schrift, das nesotrianische Christentum die ostsyrische Sprache in syrischer Schrift, dem Estrangelo. Die tocharischen Bewohner der Staaten von Kuqa" (= Kuschar) "und Karashahr im Norden der Seidenstraße verwendeten im 5. - 7. Jh. n. Chr. die Brahmi-Schrift Indiens in einer Variante zur Wiedergabe ihrer indogermanischen Kentumsprache in zwei Varianten. Das Sprach- und Schriftproblem verkompliziert sich zusätzlich, weil die im 4. - 5. Jh. n. Chr. zumindest den Westen des Tarim-Beckens beherrschenden und aus dem östlichen Mittelasien stammenden Hephtaliten ('Weiße Hunnen') eine ostiranische Sprache verwendeten, die sie mit einer Schrift darstellten, welche aus dem griechischen Alphabet entwickelt worden war. Die sogdische Schrift, welche aus dem Aramäischen hervorging, wurde im 6. - 7. Jh. n. Chr. erstmals zur Aufzählung alttürkischer Sprache bei den Ost- und Westtürken" (die ebenfalls mit den Hunnen verwandt waren) "verwendet."

Also mindestens acht Sprachen ganz unterschiedlicher Herkunft in mindestens sechs Schriften, wobei die Runenschriften der Hunnen noch ganz unberücksichtigt blieben. Hier wurden also spätestens um die Zeitenwende - beginnend vielleicht mit dem Makedonenzug Alexanders des Großen, später aber vor allem mit dem von der Mongolei aus beginnenden "Hunnensturm" - Stämme, Völker, Kulturen, Religionen und Rassen in einer Weise durcheinandergewirbelt, wie man es wohl nur für wenige andere Regionen und Phasen der Weltgeschichte in einem solchen Ausmaß auf so engem Raum bezeugt finden wird.

Als die Hunnen 300 Jahre später in Europa eintrafen, wurden auch dort die Völker und Kulturen durcheinander gewirbelt. Aber in Europa gab es nicht so alte Schriftkulturen wie in Asien, weshalb uns die Buntheit des europäischen "Wirbels" nicht mehr so leicht deutlich werden kann wie die etwa zeitgleichen Geschehnisse in Innerasien.

Als etwa um 800 n. Ztr. in Europa die Ethnogenese vieler neue Völker ihren Abschluß gefunden hatte, waren in Innerasien Jahrtausend lang bestehende Völker, Reiche und Kulturen endgültig untergegangen. Königreiche, Stadtstaaten und Fürstentümer, die Menschen, Völker und Religionsgemeinschaften von weit her angelockt hatten, von Norden, Westen, Süden und Osten, existierten nicht mehr. Nicht nur in Europa brach nach der Spätantike ein neues Zeitalter an. Auch in Innerasien.

Verwiesen sei abschließend noch auf die Dissertation von Ulf Jäger aus dem Jahr 2006 mit dem Titel "Reiterkrieger zwischen Rheinland und Korea" (3). Solche Buchtitel lassen große Zusammenhänge aufscheinen und machen sie bewußt.

Hier noch mehr Abbildung: Eurasischesmagazin.de (4)



/ Ursprünglich veröffentlicht 4.11.07,
 überarbeitet Anfang 2010. /
________________________________________________________
  1. Wiechzorek, A.; Lind, C. (Hg.): Ursprünge der Seidenstraße. Sensationelle Neufunde aus Xinjiang, China. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2007,
  2. Jäger, Ulf: Wer lebte an der Seidenstraße? Völker, Gruppen, Horden und die Schwierigkeit ihrer Bestimmung in historischer Zeit. In: siehe 1., S. 48 - 61
  3. Jäger, Ulf: Reiter, Reiterkrieger und Reiternomaden zwischen Rheinland und Korea. Zur spätantiken Reitkultur zwischen Ost und West. 4. - 8. Jh. n. Chr.. (Diss. Münster 2003), Langenweissbach 2006
  4. Wagner, Hans: Die Seidenstraße - älteste Handelsverbindung der Welt. Eurasisches Magazin, 31.10.2007
  5. Bading, I.: 2022, https://studgendeutsch.blogspot.com/2022/04/die-westsibirischen-jager-und-sammler.html

Mittwoch, 28. Februar 2007

"... sein Name ist Schönheit" - und auch Umberto Eco weiß es ...

Umberto Eco hat eine ganz erstaunliche und überraschende Arbeit zur menschlichen Ästhetik, zum menschlichen Schönheitswillen vorgelegt. Meisterwerke der europäischen Kunstgeschichte werden mit ganz hervorragend ausgewählten zeitgenössischen und späteren Zitaten aus dem menschlichen Denken über Schönheit und Empfinden von Schönheit zusammen präsentiert. 

Die Zusammenstellung ergänzt sich gut. Indem man beispielsweise liest, wie mittelalterliche Menschen ihre Umwelt - und auch die damals geschaffene Kunst - wahrgenommen haben, versteht man sofort deutlich mehr von der von ihnen geschaffenen Kunst.

Viele der allerwichtigste Zitate Winckelmanns werden gebracht. Sie sind ja immer wieder neu und erfrischend zu lesen, auch wenn man manche von ihnen schon kennt. 

Und so vieles andere mehr. 

Eine solche Zusammenstellung ist sicherlich auch für Wissenschaftler auf dem Gebiet der Evolutionären Ästhetik von großem Nutzen, ja, vielleicht weg-leitend.

Friedrich Hölderlin sagt:

Ich hab es einmal gesehn, das Einzige, das meine Seele suchte, und die Vollendung, die wir über die Sterne hinauf entfernen, die wir hinausschieben bis ans Ende der Zeit, die hab ich gegenwärtig gefühlt. Es war da, das Höchste, in diesem Kreise der Menschennatur und der Dinge war es da!

Ich frage nicht mehr, wo es sei; es war in der Welt, es kann wiederkehren in ihr, es ist jetzt nur verborgner in ihr. Ich frage nicht mehr, was es sei; ich hab es gesehn, ich hab es kennen gelernt.

O ihr, die ihr das Höchste und Beste sucht, in der Tiefe des Wissens, im Getümmel des Handelns, im Dunkel der Vergangenheit, im Labyrinthe der Zukunft, in den Gräbern oder über den Sternen! wißt ihr seinen Namen? den Namen des, das Eins ist und Alles?

Sein Name ist Schönheit.

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