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Donnerstag, 23. April 2026

Hilf lieber den Tieren!

Ingrid Visser - Die beste Walretterin der Welt

Der deutsche Tier- und Naturschützer, sowie Kameramann Robert Marc Lehmann (geb. 1983) (Wiki) nennt sie die beste und erfahrenste Walretterin der Welt, die neuseeländische Walforscherin Dr. Ingrid Visser (geboren am 20. Februar 1966) (Wikiengl) (OrcaResearch). 

Abb. 1: Ingrid Visser, Meeresbiologin

Die Vorgänge rund um den in der Ostsee nun schon mehrfach gestrandeten Buckelwal, genannt "Timmy" (Wiki), lassen uns erstmals aufmerksam werden auf den Tierschützer und Tierfilmer Robert Marc Lehmann. 

Durch seine detaillierte und umfassende Dokumentation seiner eigenen, immer wohl durchdachten, kenntnisreich und praxisnah organisierten Rettungsaktion (Yt17.4.26) bekommt man Hochachtung vor seinem Engagement, vor seinem Wissen, seiner Urteilsfähigkeit und seiner Erfahrung.

Und wenn er dann davon spricht, daß er "Walretten" gelernt hat bei Ingrid Visser, dann möchte man natürlich auch über diese Frau mehr erfahren.

Lehmann hat 2022 eine hervorragende, mehrteilige Dokumentation über Ingrid Visser und ihre Arbeit erstellt und heraus gebracht (Yt2022).

Abb. 2: Ingrid Visser - Ted Talk

Man findet aber auch sonst genug über sie im Internet.

Ansprachen, Interviews, Dokus, Forschungsstudien ... 

Abb. 3: Ingrid Visser - Am meisten lacht sie, wenn sie mit Orcas zusammen ist

Vielleicht wollen wir zu all dem demnächst noch mehr zusammen tragen in dem vorliegenden Beitrag.

Abb. 4: Mehrteilige Doku von Robert Lehmann, 2022

Zunächst einmal seien nur einige eindrucksvolle Fotografien von und mit Ingrid Visser eingestellt.

Abb. 5: Ingrid Visser, 2005

Schon mit 39 Jahren veröffentlichte sie 2005 "Lebenserinnerungen" (1). Wenn man diese liest und erfährt, wie umtriebig diese Ingrid Visser war, um - zwar persönlich ermutigt durch David Attenborough  (1, S. 27) - aber dann weitgehend aus eigener Kraft heraus eine Doktorarbeit über die Schwertwale Neuseelands zu schreiben - gegen alle Hürden und Widerstände innerhalb des akademischen Bereiches, dann mag das für den einen oder anderen einstigen Doktoranden auch einen vergleichenden Blick ermöglichen auf die - mitunter zeitgleichen - eigenen Bemühungen, eine Doktorarbeit auf den Weg zu bringen und fertig zu schreiben.

Ingrid Visser ist derselbe Jahrgang wie der Verfasser dieser Zeilen. Und ihre Lebenserinnerungen geben ihm diesbezüglich manches zu denken. Ihre Doktorarbeit hat sie im Jahr 2000 veröffentlicht.

Abb. 6: Mehrteilige Doku von Robert Marc Lehmann, 2022

Alles, was sie in Neuseeland aufgebaut hat, hat sie aus eigener Kraft aufgebaut.

Ihr Vater besaß eine Farm mit über tausend Schafen und Kühen auf Neuseeland. Er ist, als sie 16 Jahre alt war, mit seiner ganzen Familie vier Jahre lang rund um die Erde gesegelt. Ingrid Visser sagt, daß sie diese vier Jahre tief geprägt haben.

Ihr weiteres Buch liest sich über weite Strecken vergleichsweise "trocken" und wissenschaftlich. Sie erläutert ausführlich die Methoden der Orca-Forschung, die Bild-Identifizierung der einzelnen Individuen, so daß sie wieder erkennbar werden. Sie berichtet, daß die früheste Orca-Forschung an der Nordwestküste der USA und Kanada's begonnen wurde. Sie berichtet von den ursprünglichen Fragestellungen und wie sich diese nach und nach weiter entwickelt haben.

Aber wie gesagt: Dieser Beitrag soll wenn möglich nach und nach noch vervollständigt werden.

Menschen, die mit Tieren und mit der Natur verbunden sind, sind immer wieder so ermutigend. Das fing für den Bloginhaber an mit Leuten wie Konrad Lorenz oder Jane Goodall, mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt oder Hans Hass. All diese haben Nachfolger gefunden, zum Beispiel Ingrid Visser in Neuseeland. Zum Beispiel Robert Marc Lehmann in Deutschland.

Und wenn man den ganzen "Fraß" der täglichen Nachrichten versucht zur Kenntnis zu nehmen, dann ist man froh, sich - stattdessen - lieber mit Walrettung zu beschäftigen. "Hilf lieber den Tieren," sagt eine deutsche Philosophin, anstatt daß du seelenlosen, seelentoten Menschen Aufmerksamkeit schenkst und dadurch ihr Leichengift in dich aufnimmst.

/ Ergänzt 15.5.2026 / 

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  1. Visser, Ingrid: Swimming with Orca. My Life with New Zealand's Killer Whales. Penguin Books, 2005

Donnerstag, 16. Dezember 2021

Monogamie und Schamhaftigkeit

Wenn Paare sich freier fühlen, wenn sie unter sich sind

In der ostafrikanischen Savanne lebt der Blaukopfastrild (engl. blue-capped cordon-bleu) (Wiki), eine sozial monogam lebende Vogelart. Wenn die Pärchen für sich sind, singen und tanzen die Partner füreinander (Abb. 1) (1).

Abb. 1: Tanzen und Singen von Blaukopfastrild-Pärchen (aus 1)

Wie schon Konrad Lorenz Anfang der 1970er Jahre vermutete und wie dann Robin Dunbar - ohne das Vorwissen der Lorenz'schen Vermutung - vor gut zehn Jahren eher durch Zufall heraus bekommen hat, sind monogam lebende Arten von Vögeln und Säugetieren intelligenter und haben ein höheres Gehirngewicht im Verhältnis zum Körpergewicht als nicht monogam lebenden Arten (2, 3).

Warum das so ist, ist noch nicht besonders gut verstanden. 

Aber Monogamie hat auch sonst eine immense Bedeutung für die Evolution in der Organismen-Welt überhaupt und auf vielen Komplexitäts-Stufen (4).


Womöglich kann deshalb auch dieser Blaukopfastrild in Ostafrika einige neue Hinweise geben zum Wesen der Monogamie ganz allgemein (1). 

Von paarweise lebenden Vogelarten kann ja eine unglaubliche Faszination ausgehen. Sie können sich gegebenenfalls auch dem Menschen gegenüber zutraulich und außerordentlich angenehm als "Begleiter" verhalten (5). So gibt es eine südwestafrikanische Zierpapageien-Art, die die "Unzertrennlichen" genannt werden (5).

Die Blaukopfastrild-Pärchen zeigen nun ein differenziertes Werbeverhalten untereinander. Nämlich nicht nur Singen, sondern gerne auch begleitet von Trippeln mit den Füßen, also Tanzen (6).

Das aktive Werbeverhalten findet in der Regel eine subtile Antwort beim anderen Partner - wie in der Grafik in Abbildung 1 sehr schön veranschaulicht ist: Der andere Partner zeigt seine Aufmerksamkeit durch Lautäußerung oder durch das Wedeln mit dem Schwanz. 

Abb. 2: Tanzen und Singen von Blaukopfastrild-Pärchen (aus: 1)

Besonders interessant darf man nun aber folgendes Forschungsergebnis erachten: Das genannte Tanz- und Singverhalten der Pärchen untereinander wird am häufigsten ausgeführt, wenn das Pärchen für sich ist (Abb. 2). Wenn ein drittes Tier als Zuhörer dabei ist, findet es viel seltener statt.

Das wäre vielleicht auch ein schöner Anlaß für den israelischen Verhaltensforscher Yitzchak Ben Mocha (Res.gate), seine Frage danach, warum Begattungsverhalten im Tierreich und beim Menschen verborgen oder "öffentlich" stattfindet (7) auf Werbeverhalten insgesamt zu erweitern. Auch hier scheint es ja - zumindest unter monogam lebenden Paaren - eine Neigung zu geben, dabei für sich zu bleiben.

Die Blaukopfastrild-Pärchen fühlen sich also freier und ungezwungener, wenn sie unter sich sind. Sie scheinen als Paar miteinander die meiste Erfüllung zu finden. Sie scheinen sich gegenseitig "genug" zu sein. 

Sie brauchen nicht "mehr" Publikum.

Sie brauchen nicht "mehr" Aufmerksamkeit. 

Ganz im Gegenteil.

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  1. Ota, N., & Gahr, M. (2022). Context-sensitive dance–vocal displays affect song patterns and partner responses in a socially monogamous songbird. Ethology, 128, 61- 69. 19.10.2021, https://doi.org/10.1111/eth.13240 
  2. 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/08/ist-die-monogame-bindung-der-kern-aller.html
  3. 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/08/stand-die-monogame-lebensweise-der.html
  4. 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/01/lebenslange-hingabe-einen-einzigen.html
  5. Bading, Ingo: Das Rosenköpfchen. 2018, https://preussenlebt.blogspot.com/2018/09/der-entflogene-zierpapagei.html
  6. Tap dancing songbirds Blue-capped cordon-bleu, 19.11.2015, https://youtu.be/YkumbnYc8Ns.
  7. Why do human and non-human species conceal mating? The cooperation maintenance hypothesis. Proceedings of the Royal Society B, 2020 (Researchgate)

Dienstag, 15. Oktober 2019

Tamera im Urwald? - Ein Gesellschaft frei von Zwängen, Tabus und Unterdrückung?

Bonobo-Männchen sind "Muttersöhnchen", Aggressivität gibt es dennoch

Das Buch "Through a Window" von Jane Goodall (geb. 1934) (Wiki) aus dem Jahr 1991 ist inzwischen schon längst zu einem Wissenschafts-Klassiker geworden (1). Über dieses hat man das Sozialleben wildlebender Schimpansen umfassend und eindrucksvoll kennenlernen können. Seit der Veröffentlichung dieses Buches glaubt man, die Grundmuster des Zusammenlebens der Schimpansen gut und einigermaßen vollständig übersehen zu können. Natürlich wurden auch seither und werden künftig Einzelheiten zum Gesamtbild hinzugefügt. Aber an den groben Umrissen, an den großen Linien des Bildes hat sich seither nur noch wenig geändert. Die Vollständigkeit des Bildes war damals dadurch erreicht worden dadurch, daß nicht nur Beobachtungen mitgeteilt werden konnten zum Zusammenleben der Schimpansen innerhalb der Gruppe, sondern auch zu den regelmäßigen und blutigen Kriegen und Kriegszügen, die Schimpansen mit allen anderen Gruppen um eigenes Territorium führen.

Wer die damaligen Erkenntnisse sehr beeindruckt hatte in sich aufnehmen können, für den stand seither immer die Frage im Raum, wie es diesbezüglich mit der Schwesterart der Schimpansen, mit den Bonobos (Wiki), bestellt ist, die - durch den Kongo von den Schimpansen getrennt am Südufer desselben leben. Daß das Sozialleben dieser Bonobos nach - zum Teil - ganz anderen "Rationalitäten" durchstrukturiert ist, das war der Forschung schon sehr bald bewußt geworden. Dies wird womöglich jedem Zoobesucher bewußt, der Bonobos beobachtet: Sexualität findet bei ihnen zwischen fast allen Gruppenmitgliedern statt und ist noch viel stärker in das Alltagsleben eingebunden als bei den Schimpansen.

Abb. 1: Bonobo - Fotografin: Amanda Downing, Wiki

Über Jahre hinweg hat die Forschung aber immer nur eher oberflächliches Wissen zusammen tragen können (2) oder einzelne Aspekte des Soziallebens der Bonobos umreißen können. Erst seit etwa 2017 formen sich all die vielen Einzelbeobachtungen zu einem zusammenhängenden, umfassenderen Bild. Und auch hier scheint nun die Vollständigkeit des Bildes - im Oktober 2019 - dadurch erreicht zu werden, daß nun eine japanische Wissenschaftler-Gruppe das Verhalten der Bonobos beim wiederholten Zusammentreffen von verschiedenen Bonobo-Gruppen sehr genau in seinen Regelhaftigkeiten beschreiben kann (3).

Schon in früheren Jahren war berichtet worden, daß diese Zusammentreffen von Bonobo-Gruppen viel friedlicher verlaufen als die von Schimpansen-Gruppen, die eigentlich immer kriegerischer Natur sind. Dann hatten andere Forscher wieder berichtet, daß aggressives Verhalten sehr wohl auch bei dem Zusmmentreffen von Bonobo-Gruppen zu beobachten sei. Diese widersprüchlichen Nachrichten konnten allseits nur für Verwirrung sorgen. Wie war es damit denn nun wirklich bei den Bonobos bestellt? Welche von beiden Nachrichten stimmte? Nun: Beide. Und warum das so ist, das scheint nun in der neuen Studie dieses Monats sehr einleuchtend erläutert zu werden (3). Auffälligerweise ist diese Studie in der Wissenschaftspresse bislang überhaupt nicht behandelt worden, weder in der englischsprachigen, noch in der deutschsprachigen. Das kommt uns sonderbar vor. Scheint diese Studie doch die Lösung des "Bonobo-Problems" an sich zu enthalten - jedenfalls nachdem seit 2017 schon manche andere zentrale Erkenntnis veröffentlicht worden ist (siehe unten), die dann jeweils auch in der Presse behandelt worden war.

Bonobos - Grundmuster ihres Zusammenlebens können jetzt wesentlich vollständiger überblickt werden


Das genannte Vorherrschen von Sexualität im Alltagsleben der Bonobos führt dazu, daß die Dominanzverhältnisse bei Bonobos ganz anders strukturiert sind als bei Schimpansen. Es wird nun also bekannt, daß Bonobo-Männchen bei dem Zusammentreffen von zwei unterschiedlichen Bonobo-Gruppen durchaus aggressiv sind und sein können - so wie Schimpansen, daß sie sich dazu auch zusammen schließen können - so wie Schimpansen, daß diese Aggressivität aber unterlaufen wird von dem Umstand, daß die Weibchen beider Gruppen dominanter sind und diese Dominanz den friedlichen Charakter des Zusammentreffens von zwei Bonobo-Gruppen sicherstellt. Ganz schön verrückt. Ganz schön verrückt! In der Zusammenfassung der Studie heißt es (3):
Gruppen von Bonobos begegnen einander regelmäßig und vermischen sich miteinander und ziehen miteinander umher für einige Stunden oder einige Tage. Während dieses Zusammenseins von zwei Gruppen zeigen Individuen über die jeweiligen Gruppengrenzen hinweg sowohl aggressive wie freundschaftliche Verhaltensweisen.
Orig.: Groups of bonobos encounter each other frequently and may mingle and range together from a few hours to a few days. During these inter‐group associations, individuals across groups exhibit both aggressive and affiliative interactions.
Verhalten in wiederholten Zusammentreffen von drei Bonobo-Gruppen wurden ausgewertet (3):
Bonobos erhöhen beim Zusammentreffen mit anderen Gruppen die Kooperation innerhalb der Gruppen mehr als dies geschieht, wenn es Auseinandersetzungen innerhalb der jeweiligen Gruppe gibt. Auch wurden Aggressionen gegen eigene Gruppenmitglieder vermindert im Vergleich zum Alltagsverhalten. Männchen griffen ausgewählt und gemeinsam Männchen der anderen Gruppe an. Zwischengruppen-Aggressionen unter Weibchen hingegen waren selten. Mehr noch: Weibchen bildeten manchmal Koalitionen mit Individuen der anderen Gruppe, um ein gemeinames Ziel anzugreifen.
Original: Bonobos increased the level of cooperation to attack out‐group individuals more than they do to attack within‐group individuals. Additionally, they reduced the aggression between within‐group members during inter‐group associations, compared to that when not associated with other groups. Males selectively and cooperatively attacked out‐group males. Inter‐group aggression among females was rare. Furthermore, females sometimes formed coalitions with out‐group individuals to attack a common target.
Also Männchen bleiben doch Männchen - auch bei den Bonobos. Vor allem aber merkt man dieser Zusammenfassung an, daß sie sehr differenziert argumentiert. Leider ist uns der Volltext der Studie - entgegen allen Prinzipien von Wissenschaftlichkeit - gegenwärtig nicht zugänglich. Deshalb muß uns diese Zusammenfassung reichen. Aber man merkt schon, daß beim Zusammentreffen von zwei Bonobo-Gruppen sehr komplexes Verhalten auftritt, und daß Bonobos letztlich dann doch wirklich "völlig anders" sind als Schimpansen, nicht quasi von einem "völlig anderen Stern" stammen. Männer bleiben eben Männer. Aber als Schlußfolgerung wird dennoch formuliert (3):
Unsere Ergebnisse unterstützen die Hypothese, daß Zwischengruppen-Wettbewerb bei Bonobos existiert, wobei Männchen über Gruppengrenzen hinweg im Wettbewerb um Weibchen (Paarungspartner) stehen. Weibchen waren über Gruppengrenzen hinweg tolerant und sogar kooperativ miteinander. Unabhängig von der idealen männlichen Strategie, sorgen weibliche tolerante und kooperative Beziehungen über Gruppengrenzen hinweg und weibliche Inner-Gruppen-Dominanz über Männchen für tolerante Beziehungen zwischen Gruppen bei Bonobos.
Orig.: Our results support the hypothesis that inter‐group competition occurs in bonobos, with males across groups competing over mates. Females across groups were tolerant and even cooperative with each other. Regardless of the ideal male strategy, female tolerant and cooperative relationships across groups and female within‐group superiority over males could preserve tolerant inter‐group relationships in bonobos.
Da hat jemand klar strukturierte Sätze formuliert. Und man kann nur sagen: Wow. (Wow, wow, wow.) Schon von Schimpansen-Gruppen war vor Jahrzehnten bekannt geworden, daß Weibchen bei Agression innerhalb der Gruppe, bei Rangkämpfen, ausgleichenden Einfluß ausüben können, insbesondere dominantere Weibchen. Unter anderem der niederländische Verhaltensforscher Frans der Waal hatte das in verschiedenen Veröffentlichungen wiederholt herausgestellt. Weiter aber reichte der Einfluß der Schimpansen-Weibchen nicht. Bei Bonobos hingegen ist dieser Einfluß deutlich größer.

Die Mütter - Sie bestimmten den Fortpflanzungserfolg ihrer Söhne


Und um das besser zu verstehen, wollen wir im folgenden festhalten, was ich schon 2017 aufgrund damaliger veröffentlichter Forschungen zu den Bonobos auf Facebook festgehalten hatte: Der Günstling der Frauen hat die meisten Kinder (4-8).  Die Forschungsgruppe von Martin Surbeck vom Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig hatte 2017 einige neue Einsichten über das - einigermaßen irre - Gruppenleben der Bonobo veröffentlicht. Die ihnen nächsten verwandten Schimpansen sind kriegerisch und bilden Männerbanden ("Männerbünde") (4, 5). Männliche Bonobos hingegen umgeben sich am liebsten mit Weibchen und sind in der Regel gemischtgeschlechtlich unterwegs (4, 5). Bonobos scheinen auch ihr Territorium kaum zu verteidigen. Vielmehr gibt es freundschaftlichen Austausch mit benachbarten Gruppen (4, 5). Sie sind - zumindest aus der Perspektive des typischen Schimpansen - einigermaßen irre.

Die Männchen verbünden sich bei den Bonbobos mit Weibchen, gerne mit der eigenen Mutter, wenn sie Streit mit anderen Männchen haben (4, 5).  (Und an dieser Stelle erläutert der Autor die neuen Einsichten ein wenig "poetisch", wenn auch mit einem flachen Vergleich: Mein Gott, sind das "Luschen", ruft "Ausbilder Schmidt" [Wiki] dazwischen. Er würde komplett ausrasten und durchdrehen, müßte er bei den Bonobos leben. Mag diese Nebenbemerkung hier als Idee für den nächsten Kino-Kassenschlager stehen bleiben ...) 

Das Rangsystem der Bonobos ist gemischtgeschlechtlich und nicht wie bei den Schimpansen so, daß alle männlichen Schimpansen rangmäßig über allen weiblichen Schimpansinnen stehen, und daß sich dort zwar die Rangabfolge im Laufe des Lebens der männlichen Schimpansen ändern kann (infolge von Rangkämpfen), daß aber die Weibchen ihre Stellung in der Rangabfolge von ihrer Mutter übernehmen und nur "aufsteigen" im Rang, wenn ein Weibchen über ihnen stirbt.

Ja, und da hätte man ja nun doch denken sollen: Bei den so super aggressiven, männerbündlerischen Schimpansen, die nach "Ausbilder Schmidt"-Schema ticken, sollte doch das Alpha-Männchen der Gruppe viel ungleichgewichtig mehr Nachkommen (auf Kosten der anderen Männchen in der Gruppe) haben als der erfolgreichste Vater der Gruppe bei den Bonobos.

Aber weit gefehlt. Weit gefehlt. Immer wieder einmal gelingt es der Natur, menschliche Erwartungen zu unterlaufen. Denn das war - wieder einmal! - aus einer typischen (männlichen, sprich: Ausbilder Schmidt-)Perspektive heraus gedacht. Vielmehr führt bei den Bonobos die Günstlingswirtschaft zu viel ungleichgewichtigeren Verhältnissen.

Der bevorzugte männliche Günstling der Weibchen bei den Bonobos ist nämlich Vater von 60 Prozent der Nachkommen in der Gruppe (3-5). Das ist das Alphatier, das in diesem Fall von seinen menschlichen Beobachtern "Camillo" genannt wurde. Ob das nun daran liegt, daß er ein so toller Frauenflüsterer ist? Steht er den ganzen Tag - bildlich gesprochen - vor dem Spiegel und wendet nun offenbar eine total andere Strategie an als das typische, einigermaßen grobschlächtige Alpha-Männchen bei den Schimpansen? Und das auch noch mit mehr Erfolg? Denn bei den Schimpansen ist der männliche Fortpflanzungserfolg ja viel "demokratischer", gleichmäßiger verteilt.

Nein, wiederum zu Ausbilder-Schmidt-mäßig gedacht: Bei den Bonobos scheint es vielmehr die Mutter des jeweiligen Günstlings zu sein, die den Ausschlag gibt. Sie scheint dafür zu sorgen, daß ihr Sohn genügend Fortpflanzungserfolg hat. Ein männlicher Schimpanse ohne seine eigene Mutter innerhalb der Gruppe steht völlig am Rand derselben. Das sind also sehr deutlich andere Verhältnisse als bei den Schimpansen. Lauter "Muttersöhnchen", so möchte man sagen, diese Bonobos.

Ausbilder Schmidt und mancher andere würde da jedenfalls auswandern wollen. Ob es reicht, über den Kongo zu schwimmen hinüber nach Norden zu den Schimpansen? (Aber gibt es da nicht Krokodile?)

Nachdem sich also 2017 in der Forschung schon in vielen Punkten bestätigte, daß die Bonobo's sehr wohl eine deutlich stärker weiblich-dominierte und Sexualitäts-dominierte Lebensweise aufweisen (4-8), ist dies im Mai 2019 in einer weiteren Studie dann noch einmal bekräftigt worden (9): Wenn die Mutter eines männlichen Bonobos mit in derselben Gruppe lebt, hat dieser Bonobo erhöhte Fortpflanzungschancen. Dieser Zusammenhang ist bei den Schimpansen nicht gegeben.

Tamera im Urwald? - Ein Gesellschaft frei von Zwängen, Tabus und Unterdrückung?


Übrigens hat man diesen Zusammenhang inzwischen auch im Wuppertaler Zoo begriffen (10). Dort versuchte man, einen männlichen Bonobo-Waisen in eine schon bestehende Gruppe zu integrieren. Aber zwei männliche Halbwüchsige gingen ihn aggressiv an - solange ihre Mutter dabei war. Erst nachdem sie von ihrer Mutter getrennt waren, wurden sie diesem Waisenkind gegenüber friedlich (10). An solchen Beispielen wird womöglich gut deutlich, daß die Dominanz der Weibchen nicht in jedem Fall zu weniger Aggression führen muß. Vielleicht trägt gerade sie auch zu einem gerüttelten Maß jener Aggresion bei, die dennoch bei den eingangs behandelten Zwischengruppen-Treffen auftritt. Ob man wohl sagen kann, daß auch dies - wenigstens zum Teil - eine Auswirkung des "ethnozentrischen", mütterlichen Oxytocin's ist, das seine "beiden Seiten" hat, das heißt, sowohl Zuwendung, Günstlingswirtschaft nach innen ebenso wie Ausgrenzung (wiederum Günstlingswirtschaft) nach außen mit sich bringt?

Wer sich im übrigen ein anschauliches Bild von den Bonobos machen möchte, dem kann eine zugängliche Fernsehdokumentation mit der US-amerikanischen Verhaltensforscherin Frances J. White (Wiki) aus dem Jahr 2007 empfohlen werden (11, 12). Sie kehrte - nach den verheerenden Kriegen im Kongo - 2005 zu ihrer Forschungsstation zurück. Dabei wurde sie von einem Filmteam begleitet. Und dabei entstand die Dokumentation "The Last Great Ape", die zwei Jahre später, 2007, ausgestrahlt wurde (11).

Abschließend: Wenn man sich mit den Bonobos beschäftigt, fühlt man sich natürlich immer wieder einmal an menschliche Lebensgemeinschafts-Projekte erinnert, etwa solche wie "Tamera" (Wiki). Darauf soll aber hier nur hingewiesen werden, um zu zeigen, daß es Möglichkeiten geben könnte, das Verhalten der Bonobos in konkretere Bezüge zu stellen zum Verhalten des Menschen. In wie weit ein solcher Bezug Sinn macht, können wohl nur "Insider" solcher Lebensgemeinschafts-Projekte sagen.*) Bestimmen in ihnen dominantere Frauen die Sozialbeziehungen? Und führt dies auch zu Ausgrenzungen männlicher Individuen, die sofort aufhören oder geringer werden, wenn diese Frauen nicht anwesend sind? Eine Frage, die in diesem Zusammenhang auftaucht: Wie wird die - offenbar doch nicht ohne Einfluß bleibende - Rangordnung zwischen den Weibchen von Bonobo-Gruppen ausgehandelt?

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*) Ergänzendes zum Thema: In einer anderen noch älteren Studie wurde herausgearbeitet, daß das Lachen der Bonobos viel Ähnlichkeit mit dem Lachen menschlicher Baby's aufweisen würde.
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  1. Goodall, Jane: Through a Window - 30 years observing the Gombe chimpanzees. Weidenfeld & Nicolson, London 1991; Deutsch: Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre am Gombe-Strom. Rowohlt, Reinbek 1996 
  2. Bading, Ingo: Bonobos - wirklich die "politisch korrekten" Primaten? 25. Juli 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/07/bonobos-wirklich-die-politisch.html 
  3. Nahoko Tokuyama, Tetsuya Sakamaki, Takeshi Furuichi: Inter‐group aggressive interaction patterns indicate male mate defense and female cooperation across bonobo groups at Wamba, Democratic Republic of the Congo. In: American Journal of Physical Anthropology, First published: 06 October 2019 https://doi.org/10.1002/ajpa.23929
  4. "Unsere zwei Gesichter" - Interview mit Primatenforscher Dr. Martin Surbeck. In: Landeszeitung Lüneburg, Juni 2017, http://www.finanznachrichten.de/nachrichten-2017-06/40873066-landeszeitung-lueneburg-unsere-zwei-gesichter-interview-mit-primatenforscher-dr-martin-surbeck-007.htm
  5. Kriegerische Auseinandersetzungen könnten unterschiedliche Sozialstrukturen bei Schimpansen und Bonobos erklären. Pressemitteilung Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv), Halle-Jena-Leipzig, 03.05.2017, https://www.idiv.de/de/news/news_single_view/news_article/warfare-may.html
  6. Die ganze Wahrheit über Bonobo-Sex, 10.7.2017, http://derstandard.at/2000061089847/Die-ganze-Wahrheit-ueber-Bonobo-Sex
  7. In fathering, peace-loving bonobos don't spread the love. Juli 2017, https://phys.org/news/2017-07-fathering-peace-loving-bonobos-dont.html
  8. In bonobo communities, just a few males monopolize reproduction, https://www.upi.com/Science_News/2017/07/10/In-bonobo-communities-just-a-few-males-monopolize-reproduction/3531499718904/
  9. Martin Surbeck, Christophe Boesch, (...) RichardWrangham, Emily Wroblewski, Klaus Zuberbühler, Linda Vigilant, Kevin Langergraber: Males with a mother living in their group have higher paternity success in bonobos but not chimpanzees. In: Current Biology, Volume 29, Issue 10, 20 May 2019, Pages R354-R355, https://doi.org/10.1016/j.cub.2019.03.040, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982219303380
  10. Tischendorf, Anja: Darum ist Affe Bili so blutig!, 23.1.2019, https://www.bild.de/regional/duesseldorf/duesseldorf-aktuell/wuppertaler-zoo-darum-ist-bonobo-affe-bili-so-blutig-59699964.bild.html
  11. Dick Barlett, Harlan Reiniger, Andres Chastney, George Farley: The Last Great Ape. NOVA Documentary, 2007, https://youtu.be/A1ZtGv0qJGA, https://www.dailymotion.com/video/x2ex34t, https://youtu.be/OiFE7UuPRjY; https://www.pbs.org/wgbh/nova/bonobos/about.html; Transkript: https://www.pbs.org/wgbh/nova/transcripts/3403_bonobos.html
  12. Frances White - Internetseite, Universität von Oregon, 2011, https://blogs.uoregon.edu/fwhite/, https://anthropology.uoregon.edu/profile/fwhite/

Sonntag, 21. Oktober 2018

Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist gestorben

Auf der Internetseite des Max Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen kann man entdecken, daß der österreichische und deutsche Verhaltensforscher Professor Irenäus Eibl-Eibesfeldt (1928-2018) (Wiki) im Juni dieses Jahres in seinem 89. Lebensjahr nach kurzer Krankheit verstorben ist.

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Irenäus Eibl-Eibesfeldt hat auch den geistigen Weg des Autors dieser Zeilen sehr stark mitbestimmt. Er hat wohl fast alle seine Bücher in seiner Jugend gelesen. Eibl-Eibesfeldts dickes Lehrbuch "Die Biologie des menschlichen Verhaltens" hat er gründlich studiert und das Werk hat immer einen ehrenden Platz in seinem Bücherschrank inne gehabt und es bestimmt sein Welt- und Menschenbild bis heute. Ebenso etwa sein "Der Mensch, das riskierte Wesen".

Der Autor dieser Zeilen schrieb ihn sogar einmal 1995 an, als er sich nach einem Doktorvater umsah. Damals antwortete zunächst sein Schüler Wulf Schiefenhövel, da sich Eibl-Eibesfeldt gerade einmal wieder auf Forschungsreise befand. Aber auch Eibl-Eibesfeldt selbst antwortete schließlich wohlwollend und ging auf die vorgetragenen Überlegungen mit Interesse ein. In der Zwischenzeit hatte ich mich aber schon an einen damals jüngeren, aufstrebenden Wissenschaftler, an Eckart Voland, damals Göttingen, gewandt.

2003 konnte ich Eibl-Eibesfeld auch noch einmal persönlich erleben auf einer Tagung der MVE-Liste, also der deutschen Soziobiologen, und zwar in Seewiesen. Es handelte sich um eine Tagung, die Wulf Schiefenhövel organisiert hatte, und zu der viele namhafte Schüler von Konrad Lorenz gekommen waren. Der namhafteste unter diesen war Eibl-Eibesfeldt. Er saß in der vordersten Reihe und wenn einer von diesen inzwischen alt gewordenen Schülern von Konrad Lorenz während der Tagung das Wort ergriff, war sofort ein ganz anderes Leben im Raum, herrschte sofort eine viel lebendigere Stimmung vor. Auch der letzte Schüler von Eibl-Eibesfeldt, Frank Salter, referierte auf dieser Tagung. Aber während die meisten referierenden Soziobiologen abstrakte Statistiken, Tabellen und mathematische Überlegungen vorstellte, konnten alle diese Schüler von Konrad Lorenz - auch Norbert Bischof war dabei, ebenso das Ehepaar Großmann aus Regensburg - alle so bunt und farbig und anschaulich erzählen, hatten sie alle dabei so viele Detail-Erkenntnisse aus den unterschiedlichsten Bereichen des Tierlebens vor Augen und sprachen nun jeweils aus diesem Fundus eines langen Forscherlebens heraus.

Gegen die multikulturelle Gesellschaft


Die anwesenden Soziobiologen der ihnen nachfolgenden Forschergeneration, die ich damals erlebte, dachten und argumentierten nie aus einer so breiten lebendigen Anschauung heraus, aus einem so reichen, erlebten empirischen, beobachteten Erfahrungsschatz wie das noch die erste Forschergeneration nach Konrad Lorenz getan hat.

Konrad Lorenz hat als Verhaltensforscher bis an sein Lebensende auch klar politisch Stellung bezogen. Er ging dabei an die Grenzen des Ertäglichen, eine Grenze, die es gerade noch als zulässig erscheinen ließ, daß ihm der Nobelpreis verliehen wurde. Diese Tradition setzte sein Schüler Eibel-Eibesfeldt fort und überschritt in den letzten Jahrzehnten seines Lebens auch - wieder und wieder - die Grenzen des "Erträglichen" (!!!) und warnte - unbekümmert - vor der multikulturellen Gesellschaft. Er tat das wie kein zweiter angesehener deutscher Wissenschaftler. Und das ist sicher der Grund, weshalb viele jüngere Menschen von seinem Leben und Tod heute kaum etwas mitbekommen und weshalb sogar ich selbst erst vier Monate nach seinem Tod erfahre, daß er gestorben ist. Wer sich so klar und deutlich gegen die multikulturelle Gesellschaft aussprach wie Irenäus Eibl-Eibesfeldt, dessen öffentliches und sogar wissenschaftliches Ansehen wird nicht mehr mit dem gleichen Wohlwollen und in der gleichen öffentlichen Breite behandelt wie zuvor.

Außerdem hat man die junge Generation längst dazu gebracht, sich nicht mehr vorwiegend mit ihrer Umwelt und den darin lebenden Lebewesen zu beschäftigen, auch nicht mit den darin herumstehenden und käuflich zu erwerbenden Büchern, sondern mit - - - Computerspielen. Wen interessiert da noch ein Forscher wie Irenäus Eibl-Eibesfeldt?

Wissenschaftliche Dokumentation "Wir Menschen" von 1976


Aber in Nachrufen auf ihn ist insbesondere auch davon die Rede, daß seine umfangreiche humanethologische Filmsammlung inzwischen vom Senckenberg-Museum in Frankfurt am Main aufgekauft worden ist und daß es Überlegungen gibt, sie zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erklären, da es sich um Aufnahmen von Menschen und Kulturen handelt, die es oft schon heute in dieser Form gar nicht mehr gibt.

In allen großen Zeitungen erschienen - meist kürzere - Nachrufe auf ihn. Aber vor allem die Nachrufe auf der Internetseite des Bayerischen Rundfunks erscheinen mir lesenswert (1-3). Schön ist es auch, wenn Wulf Schiefenhövel über seinen Lehrer erzählt (6). Wulf Schiefenhövel ist am ehesten einer der Angehörigen der Enkelgeneration von Konrad Lorenz, der ebenso lebendig und farbenprächtig von seinem wissenschaftlichen Leben erzählen kann wie sein wissenschaftlicher Mentor Eibl-Eibesfeldt und dessen Mentor Lorenz.

Sogar die TAZ findet wohlwollende Worte für Eibl-Eibesfeld (4) - jetzt, wo er tot ist. Übrigens kann man sich - meines Erachtens - an das Lebenswerk von Eibl-Eibesfeldt viel besser annähern über seine Bücher als über zahlreiche Interviews, die man im Internet von ihm auch findet. Aber bei der Recherche hierzu entdecke ich auch gerade, daß die Sendereihe "Wir Menschen" von Hans Hass aus dem Jahr 1976 vollständig zugänglich ist im Internet (5). Ich mag alle Filme von Hans Hass. Sie sind voller Begeisterung. Und ich entdecke gerade, daß inzwischen auf Youtube wohl fast alle großen Filme von Hans Hass frei zugänglich sind.

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  1. https://www.br.de/themen/wissen/humanethologe-irenaeus-eibl-eibesfeldt-100.html
  2. https://www.br.de/nachricht/oberbayern/inhalt/verhaltensforscher-irenaeus-eibl-eibesfeld-ist-tot-100.html
  3. https://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/eins-zu-eins-der-talk/irenaeus-eibl-eibesfeldt-verhaltsforscher-evolutionsbiologe-100.html
  4. Riechelmann, Cord: Irenäus Eibl-Eibesfeldt ist tot Nachruf auf den Popbiologen. TAZ, 5.6.2018, http://www.taz.de/!5510384/
  5. https://youtu.be/cKGzQWaKqBk
  6. Schiefenhövel, Wulf: Nachruf: Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Begründer der Humanethologie und des humanethologischen Filmarchivs ist gestorben*. In: Naturwissenschaftliche Rundschau 2018, auch auf: https://mve-liste.de/221-nachruf-eibl-eibesfeldt.html

Sonntag, 31. August 2008

Um so größer die Gesellschaft, um so geringer die Großzügigkeit ?

ResearchBlogging.org- Oder bestätigen auch Ausnahmen die Regel?

In diesem Beitrag sollen neue Forschungs-Ergebnisse zur Evolution des menschlichen Altruismus referiert werden (1, Proc. Royal Soc. B [frei zugänglich, pdf.], Spektr. d. Wiss. [s.u.]), wobei ein definitives Urteil über die Bedeutung dieser Forschungen und ihrer Ergebnisse vorbehalten bleiben soll. Vielleicht verschafft man sich auch selbst mehr Klarheit über diese Forschungen, wenn man sie zunächst einmal nur - kritisch hinterfragend - referiert.

Das Spannende an dem Forschungsansatz ist, daß relativ einfache "Kooperations-Spiele" und das Spielverhalten der Teilnehmer dabei weltweit kulturvergleichend untersucht werden. Das heißt, es werden in den verschiedensten Kulturen und Völkern weltweit die selben einfachen Spiele gespielt und die charakteristischen Unterschiede im Spielverhalten der Menschen verglichen. Und zwar sowohl von sehr einfachen Jäger-Sammler-Völkern über agrarisch lebende Völker bis hin zu modernen westlichen Industrie-Gesellschaften.

Zweifel am Versuchs-Ansatz

Nun ist gleich die erste große "Krux" eines solchen Vergleichs: Wenn die Spiele auch noch so einfach gehalten sind, so könnten sie in jedem kulturellen Kontext eine ganz andere Bedeutung haben. Wie man beispielsweise durch die Forschungen zur "Ethnomathematik" feststellt, können verschiedene Völker jeweils schon zum Teil ganz andere Zugänge zu mathematischen Zusammenhängen haben (s. neuerdings wieder in Spektr. d. Wiss.-Online).

Aber auch andere Dinge sind dabei bedeutsam. Der materielle Wert, um den gespielt wird, dreht sich entsprechend des Versuchs-Ansatzes in jeder Kultur um das durchschnittliche Tagesverdienst eines Arbeiters. Das ist natürlich notwendig, um wirtschaftliche und soziale Alltags-Situationen möglichst wirklichkeitsnah zu simulieren. Aber was bedeutet es in einer Kultur, wenn als Spieleinsatz von "ausländischen" Forschern zunächst ein Geldgeschenk in Form des Tagesverdienstes eines einzelnen Arbeiters zur Verfügung gestellt wird?

Wird man eine solche "gebratene Taube", die einem da so fröhlich durch einfache Versuchs-Teilnahme in den Mund geflogen kommt, nicht ganz anders bewerten, als materielle Güter, die man sich durch persönliche Arbeit erst schwer erarbeiten mußte? Und wird auch diese Umstand nicht jeweils wieder kulturspezifisch ganz anders bewertet werden?

"Third-party punishment game"

Im einzelnen nun sieht der Versuchs-Ansatz folgendermaßen aus:

Es gibt drei Spieler, wobei die Spieler einander anonym sind. (Wie das konkret vor Ort erreicht wird, ist im Artikel nicht dargestellt.) Spieler 1 wird der Tagesverdienst eines Arbeiters zur Verfügung gestellt, von dem er Spieler 2 beliebig viel abgeben kann. Also sagen wir einmal - um einen Anhaltspunkt zu haben: 100 Euro. Spieler 3 wird die Hälfte des Tagesverdienstes eines Arbeiters zur Verfügung gestellt - in unserem Beispiel: 50 Euro. Von diesen letzteren 50 Euro kann er entweder alles behalten oder 20 %, also 10 Euro, an den Spielleiter zurückgeben, wenn er bewirken will, daß Spieler 1 automatisch das Dreifache dessen verliert, was er selbst (Spieler 3) dabei verliert. Verliert also Spieler 3 10 Euro, verliert Spieler 1 automatisch 30 Euro. Dies soll dazu dienen, daß Spieler 3 Spieler 1 auf eigene Kosten bestrafen kann, wenn er glaubt, daß Spieler 1 nicht gerecht genug mit Spieler 2 geteilt hat.

Das ist alles schon relativ kompliziert und ich frage mich, wie und ob es die Forscher geschafft haben, diese Spielregeln in sehr verschiedenen Kulturen weltweit den Menschen in gleicher Weise verständlich zu machen. Schon das unterschiedliche Erklären oder Verstehen der Spielregeln könnte zu vielen "Fehlmessungen" geführt haben. Aber man kann vielleicht das Vertrauen haben, daß die Forscher, die ja alle untereinander in Kontakt miteinander stehen und auf Konferenzen ihre Forschungsergebnisse austauschen, es gemerkt haben, wenn in einer Kultur die Spielregeln in auffälliger Weise anders verstanden worden sind als in einer anderen Kultur.

Das ohne Bestrafung akzeptierte Mindestangebot

Der gemessene Wert, der nun zwischen den verschiedenen Kulturen verglichen wird, ist das in einer Kultur durchschnittliche (durch Spieler 3) ohne Bestrafung "akzeptierte Mindestangebot" ("minimum acceptable offer" = MAO). Hier nun die Tabelle mit den Ergebnissen (durch Draufklicken wird's größer):


Aus diesen geht - grob - hervor: Um so größer die Gesellschaft, in denen Menschen leben, um so höher muß das noch ohne Bestrafung akzeptierte Mindestangebot sein. Das heißt grob: in einer großen Gesellschaft muß Spieler 1 durchschnittlich (also in sehr vielen Spielen mit vielen Teilnehmern) sehr viel an Spieler 2 abgeben, wenn er nicht durch Spieler 3 bestraft werden will. In einer kleinen Jäger-Sammler-Gesellschaft braucht er nur 5 % (also in unserem Beispiel 5 Euro) an Spieler 2 abgeben, ohne daß er dabei dann bestraft wird. Erst wenn er weniger abgibt, wird er bestraft. Und wenn er mehr abgibt, wird er erst recht nicht bestraft.

Das heißt: "Gerechtigkeit" beim Teilen wird in kleinen Gesellschaften grob ganz anders empfunden als in großen. Und auch die Motivation, einen beliebigen (anonymen) "Volksgenossen" auf eigene Kosten zu bestrafen, wenn er nicht - im kulturellen Kontext - "gerecht" teilt, ist in kleinen Gesellschaften ganz anders vorhanden als in großen.

Ich frage mich - natürlich! - immer, wie ich mich selbst in solchen Spielen verhalten würde. Ich finde es ziemlich simpel und selbstverständlich, das Geld einfach Fifty-Fifty zu verteilen. Und warum sollte ich als Spieler 3 irgend etwas von den 50 Euro abgeben, nur weil Spieler 1 meiner Meinung nach nicht genügend an Spieler 2 abgegeben hat? Also so für sich verstehe ich, ehrlich gesagt, all diese Forschungen noch nicht.

Mir kommt immer vor: Man müßte erst selbst bei einem solchen von den Forschern geleiteten Spiel dabei gewesen sein, um zu verstehen, warum sie so sicher sind, daraus sehr allgemeingültige Schlüsse ziehen zu können. (Na, vielleicht kommt ja mal irgend wann einer bei mir vorbei und bietet mir 100 Euro an, damit ich bei seinen Spielen mitmache ...) (Ergänzung 28.1.08: Achtung, man beachte die ersten beiden Kommentare zu diesem Beitrag!)

Ich hätte all das nicht referiert, wenn nun nicht die Forscher zum ersten mal glauben, bei solchen kulturvergleichenden Spielchen auf eine gewisse Regel und Gesetzmäßigkeit gestoßen zu sein, die intuvitiv zunächst auch irgendwie einleuchtet: In großen Gesellschaften ist die Bereitschaft zum "empörten" altruistischen Bestrafen größer als in kleinen. - Ich frage mich: Wirklich? - Nun handelt es sich hier um statistische Werte und die flößen einem dann schon auch Vertrauen ein, auch wenn man viele Fehlerquellen im einzelnen meint ausmachen zu können.

Und: Ja, na klar, eines scheint mir einleuchtend: in großen Gesellschaften achtet man - zumal in anonymen Zusammenhängen einer typischen Dienstleistungsgesellschaft - viel mehr darauf, daß gerecht geteilt wird, daß es gerecht zugeht. Großzügigkeit, die Fähigkeit, dem anderen mehr zu gönnen als ich selbst bekomme, geht da sehr oft sehr schnell zum Teufel. Man braucht ja nur Politikern und Gewerkschafts-Bossen zuzuhören. - Und natürlich, soziale Gerechtigkeit ist ein sehr wichtiges Kriterium, an dem sich Gesellschaften messen lassen sollten. (Vor allem, wie ich meine, heute gegenüber Familien, die heute in westlichen Gesellschaften am stärksten unter sozialer Ungerechtigkeit leiden - und damit diese Gesellschaften mit ihnen - denn wir alle leben in familiären Zusammenhängen, gehen - günstigstenfalls - aus ihnen hervor.)

Ist die Evolution von Altruismus identisch mit der Evolution "altruistischen Bestrafens"?

Aber nein, ich kann das Problem herumwälzen wie ich will, ich kommen nicht auf den Trichter, ob ich diesen Forschungen irgend eine größere Bedeutung zum Verständnis der Evolution des menschlichen Altruismus zusprechen soll oder nicht. Ich weiß zum Beispiel schon gar nicht, ob ich "empörtes" "altruistisches Bestrafen" wirklich schon für Altruismus halten soll. Ich glaube, da müßten noch ganz andere Verhaltens-Komponenten und -Motive hinzutreten, bevor ich bereit wäre, das in allgemeinerem Sinne altruistisch zu nennen.

Ich wäre höchstens bereit, ein solches "altruistisches Bestrafen" eine sehr einfache, schlichte Form von menschlichem Sozialverhalten zu nennen. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, daß eine Gesellschaft wesentlich altruistischer ist, in der die Menschen großzügig sind oder sein können und nicht ständig nur mit mißtrauischen Argus-Augen darüber wachen, daß der andere nicht mehr bekommt als man selbst ...

Eine Gesellschaft wie die pompejianische vielleicht (79 n. Ztr. am Vesuv untergegangen), in der die Landenbesitzer so fröhlich an ihre Ladentür schrieben: "Willkommen, Gewinn!" Wer so herzlich und fröhlich und offen sich darüber freuen kann, wenn er viel verdient und das auch seinen Kunden sagt, der, so scheint mir, wird auch großzügig sein im "Abgeben" und nicht mit Argus-Augen darüber wachen, daß er zu wenig kriegt. Nun ist ein so zu beschreibendes "Ressentiment", das mit solchen "altruistischen Bestrafen" sehr eng zusammenhängen könnte, nicht nur nach Peter Sloterdijk und Friedrich Nietzsche ein Ausfluß monotheistischer gesellschaftlicher Mentalität, wie es ein solches in dieser Stärke und Allgemeinheit in vor-monotheistischen Gesellschaften gar nicht gegeben haben braucht ... Welcher Ladenbesitzer würde heute so fröhlich an seine Tür schreiben: "Willkommen, Gewinn!" - ??? - Also: Protestantische Ethik der Knauserigkeit?

Großzügigkeit - seine genetische Basis entdeckt

Übrigens ist jüngst von einem Gen, das bei Prärie-Wühlmäusen die Verhaltensbreite zwischen Monogamie und Polygamie beeinflußt, entdeckt worden, daß es bei Menschen angeborenermaßen Großzügigkeit fördert. (Genes, Brain and Behavior, AFP) Das Gen kodiert den "Arginin Vasopressin 1a-Rezeptor". Nur weiß ich noch nicht, da der Artikel schwer zu beschaffen ist: korrelieren Mono- oder Polygamie mehr mit Großzügigkeit? - Jedenfalls: auch das ist spannend, vielleicht noch spannender als die hier referierten Forschungen!

(ursprünglich veröffentlicht 2.1.2008)
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1. Marlowe, Frank W.; Berbesque, J. Colette: More 'altruistic' punishment in larger societies. In: Proc. R. Soc. B, Dezember 2007 (pdf.)

Frank W. Marlowe, J. Colette Berbesque, Abigail Barr, Clark Barrett, Alexander Bolyanatz, Juan Camilo Cardenas, Jean Ensminger, Michael Gurven, Edwins Gwako, Joseph Henrich, Natalie Henrich, Carolyn Lesorogol, Richard McElreath, David Tracer (2008). More ‘altruistic’ punishment in larger societies Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, 275 (1634), 587-590 DOI: 10.1098/rspb.2007.1517

Als Anhang noch der Artikel von "Spektrum der Wissenschaft", weil dieser meistens nicht sehr lange kostenlos lesbar ist. Wer ihn lesen möchte, vergrößere sich ihn bitte selbst:
19.12.07
Verhalten

Die Basis von Justitia

Bestrafung durch Dritte erst bei größeren Gruppen

Gib du mir, dann geb ich dir, aber wehe: Legst du mich rein, bestraf ich dich dafür - gerechtes Teilen fällt manchmal schon bei zwei Personen schwer. Sanktionen sind keine Seltenheit und womöglich die Grundlage jeglichen sozialen Zusammenlebens. Dass ein Dritter als unabhängiger Richter eingreift, scheint aber erst in umfangreicheren Gruppen üblich. Im Juni 2006 erfuhren wir von Joseph Henrich, Anthropologe an der Emory-Universität in Missouri, dass Geben und Nehmen keiner Globalisierung unterliegt, sondern von Volk zu Volk sehr unterschiedlich aussehen kann - ebenso wie Bestrafen. Während die tansanischen Hadza-Nomaden beispielsweise sich in den üblichen Verteilungsspielchen als wenig spendabel erwiesen, waren die kolumbianischen Sanquianga-Fischer dagegen ausgesprochen freigebig.

Allerdings blieben die Nomaden relativ gelassen, wenn sie selbst beim Verteilen unfair benachteiligt wurden, was wiederum die Fischer überhaupt nicht hinnahmen und im nächsten Spielzug kräftig sanktionierten - und zwar sowohl bei zu niedrigen als auch zu hohen Gaben. Auch war es egal, ob sie selbst betroffen waren oder als unabhängige Dritte den Vorgang beurteilen sollten.

Letztendlich geht es bei diesen Experimenten immer darum, wie sich Kooperation entwickeln konnte - und wie sich eine Gesellschaft dagegen wehrt, von Einzelnen ausgenutzt zu werden. Schließlich scheint so etwas wie selbstloses Verhalten kaum erklärbar: Warum sollte jemand einem anderen helfen, ohne selbst Nutzen daraus zu ziehen? Dass es doch funktioniert, beruht offenbar zu einem wichtigen Teil auf der Möglichkeit, solche zu bestrafen, die nur nehmen, aber nicht geben.

Doch gibt es hier eben zwei Alternativen: Entweder tragen es die beiden Beteiligten nach dem altbekannten Motto "Wie du mir, so ich dir" untereinander aus, oder aber es gibt eine dritte, unabhängige Instanz, die den ungerechten Egoisten in die Schranken weist. Frank Marlowe und Colette Berbesque von der Florida State University suchten nun nach allgemeinen, zu Grunde liegenden Regeln, wie ein solcher Konflikt ausgetragen wird - unter sich oder mit "richterlicher" Beteiligung. Und nahmen sich unter diesem Gesichtspunkt die Daten von Henrich noch einmal vor.

Sie ermittelten sowohl die Größe der lokal zusammen lebenden Gruppen als auch der jeweiligen Ethnien insgesamt. Außerdem errechneten sie, welcher Mindestbetrag der eine Mitspieler spenden musste, um vom beobachtenden Dritter nicht bestraft zu werden - wie wenig also ein Volksangehöriger einem anderen geben konnte, ohne als unfair eingestuft und diszipliniert zu werden.

Dabei fanden sie einen statistischen Zusammenhang mit den geschilderten Reaktionen: Je kleiner die jeweilige Gemeinschaft, desto niedriger lag die Strafgrenze - der zweite Beteiligte konnte als mit einer sehr geringen Gabe abgespeist werden, ohne dass der geizige Geber Folgen fürchten musste. Die Angehörigen größerer Gruppen erwiesen sich hingegen als weniger nachgiebig: Sie griffen schon sehr viel früher zu Sanktionen, waren also weitaus mehr darauf bedacht, dass angemessen geteilt wurde.

Für die Forscher ist damit klar: Die Beurteilung und Bestrafung durch einen Dritten ist ein Merkmal größerer und komplexerer Gemeinschaften. Was sie für durchaus plausibel halten. In kleineren Gruppen kenne jeder jeden, und eine Vorteilnahme auf Kosten anderer führe schlicht zu einem schlechten Ruf. Der seinerseits allen anderen die "Bestrafung" vereinfacht: Sie gehen dem Schmarotzer aus dem Weg - er ist isoliert. Ein höherer Richter, der für Ordnung sorgt, ist unter diesen Umständen völlig überflüssig.

In umfangreicheren Gemeinschaften aber nehme die Anonymität zu - und damit der Einfluss der Reputation ab. Hier sind andere nicht durch den Leumund vorgewarnt und werden so leichter Opfer von Ausnutzung. Um solches Missverhalten einzudämmen, ist eine richterliche Instanz weitaus besser geeignet, die sich nicht auf Hörensagen verlässt und auch bei Fremden keine Zurückhaltung kennt. Ganz auf den Obersten verzichten trotzdem die wenigsten: Einen Chef der Gesellschaft findet man fast immer - mindestens als moralische Instanz.

Antje Findeklee
Quellen:
Proceedings of the Royal Society B 10.1098/rspb.2007.1517 (2007)

Montag, 28. Januar 2008

Ist Gott der "Bestrafer" "von dritter Seite" im allgegenwärtigen sozialen "Third party-punishment"-Spiel?

In der spannenden Diskussionsrunde zur "Evolution der Religiosität" mit der Rekordzahl von inzwischen 218 Kommentaren auf Wissenslogs (von "Spektr. d. Wissenschaft") hat Lars Fischer zum Thema "Religion und Gesellschaftsform" am 23.1.08 aus einem etwas weitläufigeren Diskussions-Zusammenhang heraus geschrieben:

Das ist ein guter Punkt, den du da aufbringst, Michael. Wir haben ja im Seminar gesehen (im Indianer-Vortrag), dass Religion und Gesellschaftsform oft sehr stark verflochten sind, was ja durchaus dem biologischen "Sinn" (flapsig gesprochen) von Religion entspricht.

Du hattest aber ausgeführt, dass du von der Idee der Gruppenselektion im Religionskontext nicht viel hältst.

Um jetzt einfach mal ein sehr simples Erklärungsmodell in den Ring zu werfen: Kann das nicht einfach eine Frage der Bevölkerungsdichte sein?

Das würde bedeuten, dass die Funktion (bzw. Wirkung) von Religion heutzutage eine andere ist als die, weswegen sie ursprünglich entstanden ist.

(Das würde zum Beispiel auch ein paar Probleme und Widersprüche bei der Sache mit der Gretchenfrage auflösen. Ich hab mir darüber nochmal ein paar Gedanken gemacht, das ist alles nicht ganz so einfach wie ich zuerst vermutet hatte.)

Dieser Kommentar regte mich selbst dazu an, meinen eigenen St. gen.-Beitrag zum "Third-party punishment game" vom 12.1.08 in der folgenden Weise auf "Abgefischt" weiterzudenken:

Religion, Bevölkerungsdichte und Bestrafung von "dritter Seite"

Gute Gedanken, Lars und Michael! Das Mißtrauen ist in großen Gesellschaften viel größer, weshalb "Third-party-punishment" in ihnen viel stärker ausgeprägt ist (siehe "More ‘altruistic’ punishment in larger societies" von Frank W. Marlowe und J. Colette Berbesque in "Proc. R. Soc. B." diesen Monat)

Ist es nicht sehr einfach, das mit einem belohnenden und strafenden Gott in Zusammenhang zu bringen? Stellt er nicht auch eine "Third-party-punishment"-Instanz dar???

Insofern wäre eine persönliche, sehr rationale Vorstellung eines Gottes, der belohnen oder bestrafen kann, entstanden, weil sich die Menschen ohne ihn nicht so gut gegenseitig kontrollieren können.

Überhaupt ist ja das Mißtrauen in Third-party-punishment-Zusammenhängen ein hochgradig rationales, während man Vertrauen, "lockerere" Großzügigkeit eher mit weniger exakter Rationalität in Zusammenhang bringt.

Was aber jetzt, wenn viele Menschen nicht mehr an einen "dritten Bestrafer" oben im Himmel glauben und sich die Egoismen deshalb in modernen Gesellschaften ausdehnen?

Wie werden dann neues Vertrauen und höhere Altruismus-Raten sichergestellt in familiären und überfamiliären Zusammenhängen? Vielleicht dadurch, daß allgemein anerkannt - und zwar im Gegensatz zu Materialismus und Atheismus - philosophisch anerkannt wird, daß die Ratio nur einen sehr engen Bereich verwaltet. ...

... Und daß Großzügigkeit, so möchte ich hier ergänzen, erst dann ihren eigentlichen Wert erhält, wenn eben nicht so genau "gerechnet" und "gerechtet" wird wie es in bestrafenden religiösen und weltlichen Glaubenssystemen der Fall ist?

Und noch mehr: Liegt hier, in der Vorstellung von einem rechnenden und rechtenden Gott nicht auch der schon von vielen Denkern vermutete engere Zusammenhang zwischen Monotheismus und Kapitalismus, bzw. zwischen Monotheismus und Materialismus? Vielleicht ist der Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsweise einer Gesellschaft und ihrer Religiosität sogar noch dichter und enger als Friedrich Nietzsche oder Max Weber anzunehmen gewagt haben!?

In den neuen Forschungen zum "Third party punishment game" scheinen mir eine Fülle von Implikationen auch für die Religionswissenschaft allgemein und die Religionsdemographie im besonderen zu stecken.

Freitag, 25. Januar 2008

Schimpansen: Erst kommt das Fressen, dann die Moral

Eine Kritik an einem Artikel in der neuesten "Science"-Ausgabe

In der jüngsten "Science"-Ausgabe (Science) berichtet Journalist Michael Balter über die internationale "Primate Behavior and Human Universals"-Konferenz, die vom 11. bis 14. Dezember 2007 in Göttingen stattgefunden hat. Es wurden dort offenbar vor allem neue Versuchs-Anordnungen mit Nahrungsmitteln erörtert und wie sehr Schimpansen dazu befähigt sind, Nahrung mit anderen Artgenossen zu teilen oder anderen Artgenossen bei der Nahrungsbeschaffung zu helfen. Sie sind - wie erneut festgestellt wird - dazu sehr wenig befähigt oder geneigt. Daraus scheinen nun die Forscher, wie ich finde, recht willkürlich zu schließen, Schimpansen würden "den" "echten" Altruismus, den Menschen kennen, gar nicht kennen.

Es ist im folgenden von der "helfenden Hand" die Rede, die Schimpansen ihren Artgenossen nicht reichen würden bei der Nahrungsbeschaffung. Ich frage mich aber, ob die Verhaltensforscher das Koalitions-Verhalten von Schimpansen ganz vergessen haben, und die Tatsache, daß in sozialen Rangkämpfen sich die Individuen sehr wohl gegenseitig helfen und unterstützen. Daß Schimpansen auf bestimmten Gebieten wie "romantischer Sexualität" oder eben "Nahrungsteilung" nicht besonders menschlich agieren, sollte doch wohl nicht als besonders aufsehenerregendes Forschungsergebnis gelten? Das hat doch schon Jane Goodall festgestellt (1).

Schimpansen sind sehr wohl altruistisch - nur eben nicht beim Fressen

Zunächst wird geschildert, wie experimentell eine gewisse Fähigkeit zur Geduld an Schimpansen aufgezeigt wurde, zumindest wenn es darum ging, auf "Sofortbefriedigung" was das Fressen betrifft, zu verzichten, wenn man durch den Aufschub der Befriedigung später noch mehr erhalten kann. Dann heißt es weiter:
Although chimpanzees may be surprisingly patient, they fail miserably at another typically human behavior: lending a spontaneous helping hand to one's neighbor without expecting anything in return. Such altruism is very common among humans, some of whom even sacrifice their own lives to help others.
Und das würden Schimpansen in Rang- und Inter-Gruppen-Kämpfen für ihre Gruppenpartner, Koalitionspartner nicht tun? Verteidigen Schimpansen-Mütter ihre Kinder nicht? Weiter:
Yet recent work by anthropologist Joan Silk of the University of California, Los Angeles (UCLA) and Michael Tomasello of the Max Planck Institute for Evolutionary Anthropology in Leipzig, Germany, has shown that chimps, although remarkably cooperative in many ways, do not spontaneously help fellow apes.
Das ist doch - so - viel zu allgemein ausgedrückt! (Vielleicht haben das Silk und Tomasello so allgemein auch gar nicht gesagt?) Weiter:
Other work has found that most nonhuman primate cooperation involves self-interested reciprocal exchanges. Many scientists have concluded that true altruism requires higher cognition, including an ability to read others' mental states, called theory of mind (Science, 23 June 2006, p. 1734).
Zu "echtem Altruismus" wären also Insekten nicht fähig? Der Artikel stammt von Michael Balter, der über Archäologie mitunter recht gut berichtet. Hat er sich da vielleicht doch auf ein Gebiet gewagt, auf dem er sich erst noch ein bischen mehr umtun sollte, bevor er darüber Tagungsberichte schreibt? - Sicherlich wird man die Dinge noch einmal anders beurteilen, wenn man danach fragt, was das Individuum jeweils bei seiner altruistischen Tat "fühlt". "Fühlt" eine Biene etwas, wenn sie sich durch das Stechen eines "Bienenfeindes" für ihr Volk aufopfert? Höchstwahrscheinlich nicht etwas, was unseren Gefühlen besonders ähnlich sein wird. Und doch werden wir es wohl "echten Altruismus" nennen müssen.

Alpha-Männchen bei Schimpansen helfen doch anderen, Geschwister, Freunde stehen doch einander bei bei Schimpansen. Und sie versetzen sich dabei doch in den anderen, besitzen also Empathie. Sonst ginge das doch gar nicht.

Ist für die Evolution von "Moral beim Fressen" gemeinsame Jungenaufzucht günstig?

Im weiteren wird von "marmosets", also Krallenaffen berichtet:
Yet humans may not be the only altruistic primates. A team led by Judith Burkart of the University of Zurich, which included van Schaik, looked for helping behavior in marmosets, who lack advanced cognition but are highly cooperative. One monkey, the donor, was given a choice of pulling a tray with a bowl that contained a juicy cricket or pulling a tray with an empty bowl into an area where another monkey was sometimes present. Only the recipient could get the food, with no payoff for the donor. Nevertheless, the donor pulled the cricket tray an average of 20% more often when a recipient was present than when it was absent, Burkart said at the meeting. Moreover, the marmosets were about equally generous to genetically unrelated monkeys as they were to their kin.
Why do marmosets and humans engage in spontaneous altruism when other primates do not?
Wohlgemerkt, wir haben es hier lediglich mit "Altruismus" auf dem Gebiet der Nahrungsbeschaffung zu tun. Es gibt aber wie gesagt noch viele andere Verhaltensbereiche, in denen Schimpansen altruistisch sein können. Deshalb stehe ich diesem Artikel hochgradig mißtrauisch gegenüber.
The answer, Burkart proposed, is that both species, unique among primates, are cooperative breeders: Offspring are cared for not only by parents but also by other adults. Marmoset groups consist of a breeding pair plus an assortment of other helpers, whereas human parents often get help from grandparents, siblings, and friends. Burkart suggests that primate altruism sprang from cooperative breeding. In humans, these altruistic tendencies, combined with more advanced cognition, then nurtured the evolution of theory of mind.
"This is an excellent piece of work," says Silk, although she cautions against drawing sweeping conclusions about the evolution of human altruism from "just two data points," humans and marmosets. Nevertheless, Tomasello says, if the results are valid, they "demonstrate that generosity with food and complex cognitive skills are independent adaptations, which humans may have combined in unique ways."
Ja, offenbar rührt der Altruismus bei der Nahrungsbeschaffung zumindest bei Krallenaffen von der "kooperativen Jungenaufzucht" her, die ja in dieser Form die Schimpansen nicht kennen. Ich glaube insgesamt, die Natur ist sehr einfallsreich. Jede Tierart - und somit auch der Mensch - bildet, wenn, dann den Altruismus aus, der ihrer/seiner Wesensart gemäß ist und der mit den übrigen ausgebildeten Verhaltenseigenschaften und der natürlichen Lebensumwelt in Einklang steht.

Offenbar hatten es doch Schimpansen in der Evolution gar nicht nötig, auf dem Gebiet der Nahrungsverteilung unter Gruppenmitgliedern besonders altruistisch zu sein. Wozu Moral beim Fressen, wenn es auch ohne geht? ... ;-)

Jane Goodall mit Schimpansen, der Bananen erwartet

Die Schimpansen sind unwahrscheinlich schöne Tiere und man sucht deshalb gerne Fotos von ihnen heraus.
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Jane Goodall mit Schimpansen

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  1. Goodall, Jane: Ein Herz für Schimpansen. Meine 30 Jahre Forschung am Gombe. (Studium generale-Buchhandlung)
  2. Goodall, Jane: Wilde Schimpansen. (Studium generale-Buchhandlung)

Sonntag, 13. Januar 2008

Einsamkeit hat medizinische Folgen

Es ist seit längerem bekannt, daß der Verlust von menschlichen Beziehungen oder ihr Nichtvorhandensein zum Teil drastische medizinische Folgen hat oder haben kann. Auch Folgen, die mit der Finanzierung des Gesundheits-Systems in Zusammenhang stehen. Das heißt: Wer den sozialen Kontakt zwischen Menschen fördert, engere, festere soziale Beziehungen tut zugleich etwas für die Gesundheit der Menschen. Vielleicht mehr als so mancher rein technische Fortschritt in der Medizin. Darauf macht neuerlich ein kurzer Beitrag in der "Frankfurter Rundschau" aufmerksam:
Diagnose Einsamkeit
Von Dr. med. Bernd Hontschik

Krankheiten tragen oft Namen, die an Ärzte erinnern, die wichtige Entdeckungen gemacht haben. Oft sind es Nobelpreisträger. So kennt jeder Arzt den Morbus Crohn, die Virchow'sche Trias oder die Einteilung von Art und Schweregrad der Herzrhythmusstörungen nach Lown. Sie sind nach dem Nobelpreisträger Bernard Lown benannt, einem der berühmtesten Kardiologen der Welt.

Sein größter Beitrag zur Heilkunde ist der Defibrillator, ohne den kaum eine Herzoperation, keine Wiederbelebung gelingen könnte. Jeder kennt dieses Gerät: Keine Arztserie ohne den dramatischen Elektroschock. Der Defibrillator hängt heute an jedem größeren Bahnhof oder Flughafen so selbstverständlich an der Wand wie Telefonapparate oder Feuerlöscher. Erstaunlicherweise hat Bernard Lown aber nicht den Nobelpreis für Medizin erhalten, sondern den Friedensnobelpreis. Die Ehrung galt der von ihm mit Evgenij Chazov gegründeten IPPNW, einer Ärzteorganisation gegen den Wahnsinn der atomaren Aufrüstung.

Vor kurzem hatte ich das Glück, den 86-Jährigen in Boston besuchen zu können, zu Hause und in seiner Klinik, in der er bis heute einmal in der Woche tätig ist. Eine seiner kurzen, nachdenklichen Bemerkungen, nebenbei gefallen in einem Gespräch über die Aufgaben des Arztes und der Medizin, fällt mir oft ein: "Ich habe mich mein ganzes Leben als Arzt mit den Krankheiten von Herz und Kreislauf beschäftigt, mit den Menschen, die herzkrank werden. Risikofaktoren, über die ständig geforscht und gesprochen wird, Cholesterin, Bluthochdruck usw., sind nebensächlich. Für das Entstehen so vieler Herz-Kreislauf-Krankheiten sind traurige, tragische Lebensumstände verantwortlich: Einsamkeit, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit."

Warum werden solche Weisheiten so wenig beachtet? Einsamkeit kann man nicht operieren. Verzweiflung kann man nicht mit Medikamenten oder Apparaten behandeln. Und in einem Disease Management Programm, dem sich der Herzkranke und sein Arzt heute zu unterwerfen haben, hat Aussichtslosigkeit auch keinen Platz. Und wie erst sollen diese Hochrisikofaktoren auf einer elektronischen "Gesundheitskarte" abgespeichert werden?

Die Medizin konzentriert sich immer mehr und bald nur noch auf Messbares, auf Abbilder, auf Daten, auf den Menschen als technische Maschine. Der Unterschied zwischen einem kranken Menschen beim Arzt und einer defekten Maschine in der Werkstatt ist aber fundamental. Wenn die Medizin das vergisst, ist sie keine mehr.

Mittwoch, 9. Januar 2008

Wir "Intelligenten" und "Gerissenen" - wozu benutzen wir unsere Intelligenz?

- Seht euch die Krähen an!

Eine der Wissenschafts-Meldungen, die mich im letzten Jahr am meisten in Erstaunen - oder besser in "Verzückung" - versetzt hatte, war ein Bericht über neue Forschungen zu der wahnsinnig gerissenen Intelligenz von Raben. (Stud. gen.) Es handelt sich um eine grundlegende Erkenntnis, daß nicht nur Schimpansen, Gorilla's und Orang-Utan's in die Zukunft voraus planen können, sondern auch Krähen-Vögel. Es wäre dies ein weiteres Beispiel für die vielen von Simon Conway Morris gesammelten Beispiele für konvergente Evolution.

Ein weiterer Beitag zu dieser Thematik fand sich im letzten Jahr in "Science". (Science, 2.2.07) Er berichtete über das vorausschauende Planen von einer britischen Eichelhäher-Art, dem "western scrub jay" (Aphelocoma coerulescens).

Im Experiment hatte ein Individuum dieser Vögel zwei Übernachtungsmöglichkeiten in seinem Käfig, von denen jeweils pro Nacht nur eine zugänglich war. Die eine - sagen wir das "linke Zimmer" - stellte immer ein "Hotelzimmer" "mit Frühstück", die andere - sagen wir das "rechte Zimmer" - stellte immer ein "Hotelzimmer" "ohne Frühstück" dar. Wurde den Vögeln nun die Möglichkeit gegeben, tagsüber Nahrung in beiden Hotelzimmern zu horten, so brachten sie die Nahrung "vorausschauend" und "alle Eventualitäten mitbedenkend" immer in das (rechte) Hotelzimmer "ohne Frühstück".

Jocko, der Hund und Jimmy, die Krähe

Zu dem Bericht über diese Forschungen, der noch andere Einzelheiten enthält, gab es noch einen wunderschönen Leserbrief. (Science, 4.5.07) In ihm wird ein Foto aus dem Jahr 1955 gebracht von einem Leser, dessen Vater damals Besitzer eines Fischmarktes in Zentral-Oregon gewesen war. Der Vater war Besitzer eines Labrador-Hundes ("Jocko") und Liebhaber einer intelligenten Krähe ("Jimmy"), die er regelmäßig fütterte. Die Krähe versteckte auf dem Hof dann immer noch Reste ihrer Mahlzeit so wie das von diesen Vögeln bekannt ist. Wenn nun der Hund auf dem Hof mit seiner feinen Nase auf der Suche nach weiterem begehrten Fressen war, blieb ihm die Krähe immer auf den Fersen.

Und wenn der Hund der versteckten Nahrung aufgrund seiner guten Nase zu nahe kam, flog die Krähe flugs zum Versteck, schnappte sich den Bissen wieder und brachte ihn zu einer anderen Stelle. Der Leserbrief-Autor schloß: "Die Krähe verließ sich auf ihr Gedächtnis bezüglich des versteckten Bissens und es gelang dem Hund fast nie, sich den gesuchten Bissen zu ergattern."

Hier das Foto von Jocko und und dem verflixt "gerissenen" Jimmy.

Zum Teufel noch mal! Warum fühlt man sich von solchen "Gaunereien" immer so angesprochen? Weil wir uns selbst oft genauso gerissen "hinter's Licht führen"? Dieser Verdacht könnte sich einem aufdrängen. ... Der Mensch - zumal heute - ist oft deshalb so belächelnswert, weil er - "in weiser Voraussicht", was ihm alles blühen könnte, wenn er nicht genug "gerissen" ist - sich über die Möglichkeit der Selbsttäuschung um den Sinn des Lebens bringt. Ja, so wird es sein. Denn gerade die Selbsttäuschung könnte es sein, die sicherstellt, daß der Mensch nicht zwangsläufig das Gute tut, nicht zwangsläufig das Wahre und Wahrhaftige erkennt im eigenen Verhalten und in dem Verhalte anderer.

Ach, arm sind die dran, die "noch" gerissener sein wollen und ihre eigene Selbsttäuschung "hinter's Licht führen" wollen, um zur Wahrheit und Weisheit an sich zu kommen. Ein solcher - mit Namen Sokrates - mußte schließlich den Schierlingsbecher trinken. Ein anderer - mit Namen Giordano Bruno - verreckte schließlich sogar auf dem Scheiterhaufen. Aber in die lächerlichen und allzu gerissenen Selbsttäuschungen ihrer Mitmenschen wollten sie sich nicht mehr verstricken lassen. Statt dessen gingen sie lieber in den Tod.

Da gibt es dann halt doch Unterschiede zwischen Mensch und Krähe ...

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Und hier noch mal der Originalbericht:


I read with interest the profile of Nicola Clayton and her work on cognition in birds ("Nicky and the jays," News Focus, V. Morell, 23 Feb., p. 1074). As an amusing aside to bird intelligence and food hiding, I contribute this photograph taken in 1955. My father owned a seafood market on the central Oregon coast and was very fond of crows as pets, which he valued highly for their intelligence. The attached picture represents a regular ritual of food hiding and searching between our labrador retriever and pet crow.

After the crow ate his fill, he would hide surplus food in the market's backyard, which afforded many niches under wood chips and other detritus. Our dog, Jocko, was always interested in an extral morsel and would scour the yard using his nose as his prime detector. The crow followed alongside him and when Jocko came too close to the concealed prize, Jimmy the crow would hop ahead of him, knock the wood chips aside, grab his food, and move it to another location. The crow relied on his memory of his stashed food to beat the dog to the prize nearly every time.

Arthur Straub
Reno, NV, USA

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