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Montag, 16. September 2019

Krieger oder Zweifler - Was bist du?

Schau Dir Dein COMT-Gen an!
Nämlich: das SNP rs4680

Aus der Reihe "Meine Gene", Teil 10

Ein guter Bekannter, der in der Prignitz, das heißt im Norden des Bundeslandes Brandenburg, wohnhaft ist, wo vermutlich auch seine Vorfahren lebten, hat sich von meinen Veröffentlichungen dazu anregen lassen, seine Gene sequenzieren zu lassen. Dabei ist er auf spannende Ergebnisse gekommen, die es ihm erleichtern, seine Persönlichkeitsstruktur zu verstehen. 

Auch mir selbst wird dadurch erleichtert, die Persönlichkeitsstruktur von Mitmenschen zu verstehen, nachdem ich begonnen habe, mich mit dem von ihm entdeckten Thema zu beschäftigen.

Abb. 1: Unter den Europäern gibt es mehr "Zweifler" (A/A) als unter den Afrikanern und Asiaten (1)

Die Geschichte beginnt im Mai dieses Jahres, da hatte er mir geschrieben:

Hallo Ingo, ich habe meine DNA-Ergebnisse von myheritage nun bekommen und war gleich hellauf begeistert, über die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben können. 

Und dazu führte er noch einiges weitere aus.*) Heute aber, im September dieses Jahres, schreibt er mir:

Hallo Ingo,

ich habe jetzt meine ganze Familie bei myheritage analysieren lassen. Die Ergebnisse der Herkunft sind spannend, aber die Erforschung der eigenen SNPs sind auch sehr interessant und aufschlußreich. Und nun komme ich auch gleich zu meinem Anliegen. Ich habe mich jetzt ausgiebig mit dem SNP rs4680 beschäftigt. Dieses SNP ist Teil des COMT Gens, welches für ein Enzym kodiert, das den Dopaminabbau im präfrontalen Kortex steuert. Ich bin Träger der "Risikovariante" AA. Das heißt, daß die Fähigkeit des COMT-Enzyms nur eine Leistung von 25% gegenüber der GG Variante besitzt. AA Träger sind für Depression, Angsterkrankung und Streß anfälliger, da das Dopamin dafür sorgt, daß besonders nach streßreichen Erlebnissen die Gedanken länger um diese kreisen und sich eine Grübelstimmung einstellt. Rumination und Perseveration sollen hier als Stichwörter erwähnt sein. Dem gegenüber stehen die GG Träger, welche schneller wieder auf andere Gedanken kommen können.

Die GG und AA Träger werden deshalb auch als Warrior (Krieger) (GG) und Worrier (Zweifler) (AA) bezeichnet. Dieses SNP ist ein in seiner Wirkung sehr gut erforschtes SNP, deshalb gäbe es noch viel mehr zu erwähnen. Du bist übrigens AG Träger. Das habe ich bei OpenSNP nachgeschaut. Der Wildtyp ist übrigens GG. Interessant ist auch die Verteilung von rs4680 in der Bevölkerung. In europäischen Völkern gibt es eine gleichmäßige Verteilung von je 25% für AA und GG, und 50% für AG. In Afrika dagegen ist die AA Variante nur zu knapp 9% verbreitet. Dafür überwiegt die GG Variante mit etwa 53% (1; Graphik unten auf der Seite).

Nun habe ich mir Gedanken zur gesellschaftlichen Bedeutung dieses SNP gemacht. Du bist ja ein Mensch, der das Christentum eher abzulehnen scheint. Ich bin ihm recht aufgeschlossen gegenüber. Das liegt nicht zuletzt an seiner Tiefgründigkeit, die bei intensiverer Betrachtung zum Vorschein kommt. Auch hier gäbe es viel zu sagen, doch ich will mich nur auf einige Beispiele beschränken. Die Beichte setzt ein intensives Auseinandersetzen mit sich und seinen Taten voraus, welches wohl durch ein Wiederkauen von Gedanken an das eigene Fehlverhalten begünstigt wird. "Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa" (meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld) wird in der katholischen Kirche oft von den Gläubigen bekannt. In Österreich soll sich noch der Brauch erhalten haben sich dabei auf die eigene Brust zu schlagen.

Deshalb glaube ich, daß sich das Christentum besonders in Europa ausbreiten konnte, weil es eben in seiner Philosophie ganz besonders 25% der Bevölkerung in deren mentalen Verfassung ansprechen konnte. Die ersten Christen in Rom mußten sich aus Angst vor Verfolgung in den Katakomben treffen. Und überirdisch wurden die Gladiatorenkämpfe bejubelt. Zwei völlig unterschiedliche Empfindungsebenen lassen sich so erkennen. Der lebensfrohe, ungestüme Welteroberer und der in sich gekehrte, selbstreflektierende Denker. Eben der Warrior und der Worrier. Meine Theorie ist nun, daß dieses SNP weit mehr zur Geschichte Europas beigetragen hat, als uns bewußt ist. Geschichte ist stets eine Verschiebung der Macht gewesen, doch oftmals kamen auch neue Gedanken mit den neuen Mächten. Insbesondere die Verdrängung der europäischen Kulturen durch den christlichen Glauben und wieder die Abkehr von demselben durch die Aufklärung, aber auch durch Ideologien, wie dem Kommunismus, der die Tat der Arbeit und nicht das Gebet als Schlüssel zum Heil pries.  Vielleicht ist dieses SNP, womöglich unter vielen anderen, ein ewiger potentieller Auslöser für Zwist im eigenen Volk. Gerade auch, weil es quantitativ so ausgewogen ist und unserem Volk einen manisch-depressiven Charakter zu verleihen scheint. Was hältst du von meinen Gedanken?

Diese Gedanken finde ich außerordentlich spannend. Als erstes möchte ich dazu bemerken, daß es auch umgekehrt gewesen sein kann, daß nämlich die Einführung des Christentums es begünstigt haben könnte, daß Menschen mit AA kinderreicher waren im Verhältnis zu Menschen mit GG. Womöglich könnte eine solche These schon anhand der Daten der Wikinger-Studie, die in diesem Sommer veröffentlicht wurde, und über die hier auf dem Blog schon berichtet wurde (2, 3), überprüft werden. Wäre dies nicht durch die Einführung des Christentums bewirkt worden, müßte es ja andere Selektionsfaktoren geben, die es bewirkt haben, daß in Europa und Indien der Anteil der AA-Zweifler größer ist als in Afrika und Asien.

/ Einfügung 15.6.2026 / Zu der Thematik des vorliegenden Blogartikels gibt es inzwischen einen ganz neuen Wissensstand (s. Piffer2026). Aufgrund dieses Wissensstandes ist heute bekannt, daß die Met-Variante des COMT-Genes im Mesolithikum bei den Jägern und Sammler Nordeuropas sogar zu 100 % verbreitet war, während nur 30 % der ersten Bauern Europas diese Met-Variante mit nach Europa herein brachten. Diese Met-Variante ist also etwas so typisch Nordeuropäisches wie auch die blaue Augen- und blonde Haarfarbe. Durch diesen neuen Wissensstand erübrigen sich die Erörterungen im vorliegenden Blogartikel keineswegs. Denn es ist noch in keiner Weise geklärt, warum die Häufigkeit der Met-Variante in Nordeuropa nach der Eiszeit so häufig war wie sie sonst nirgendwo in der Welt war oder ist. / Ende Einfügung /

Gibt es einen Zusammenhang mit Religiosität?

In einer weiteren Zuschrift ergänzte er:

Ich habe meine Theorie, daß rs4680 auf die religiöse Geschichte Europas Einfluß hatte, untermauern wollen und bin auf den Gedanken gekommen, bei OpenSNP die OpenHuman Sammlung von Rohdaten nach rs4680 zu durchsuchen und das Ergebnis in Verbindung mit den Angaben der Nutzer zu ihrer religiösen Einstellung zu bringen. Ich habe mir etliche Rohdatensätze heruntergeladen und diese dank einiger Konsolenbefehle meines Linuxsystems schnell nach dem SNP durchsuchen können. Das Ergebnis möchte ich dir gerne mitteilen.

Als erstes interessierten mich die SNPs derer, die sich selber als Atheisten bezeichnet haben. Ich konnte 110 Datensätze verwenden. Das Ergebnis lautet:

GG 38 (34,5%)
AG 43 (39,0%)
AA 29 (26,4%)

Auch wenn das noch zu wenig Datensätze sind, um eine klare Aussage zu treffen, so gibt es eine klare Verschiebung der Häufigkeit nach Richtung GG. So wie ich es erwartet habe. Als nächstes schaute ich nach den bekennenden Christen. Leider waren nur 15 Datensätze verwendbar. Das Ergebnis lautet:

GG 2 (13,3%)
AG 8 (53,3%)
AA 5 (33,3%)

Auch hier bestätigte sich mein Verdacht. Die Agnostiker machen 26 Datensätze aus. Das Ergebnis lautet:

GG  6 (23,1%)
AG 12 (46,2%)
AA  8 (30,8%)

Agnostiker sind in meinen Augen Menschen, die offen für Religion und Spiritualität sind, sich aber aus den verschiedensten Gründen nie für eine Religion entscheiden konnten. Sie sind daher religiösen Menschen eher zuzuordnen, als bekennenden Atheisten. Wenn man die Gruppen jetzt einteilt in strenge Atheisten, deren Religionsablehnung ein klares Bekenntnis zur Ungläubigkeit ist, und auf der anderen Seite und Christen und Agnostiker als Spiritualität Suchende, so kommt die Gruppe der Christen und Atheisten zusammen auf folgendes Ergebnis für 41 Datensätze:

GG  8 (19,5%)
AG 20 (48,8%)
AA 13 (31,7%)

Auch hier ist eine klare Tendenz Richtung AA zu erkennen. Die letzte und ebenfalls wichtige Gruppe, ist die derjenigen, die bei Religion einfach No angegeben haben. Quasi die Personen, denen Religion egal ist, die keinen Glauben, auch nicht den Glauben des Unglaubens der Atheisten. Denn in dieser Gruppe ist die Verteilung so, wie das SNP in der Bevölkerung verteilt ist. 33 Datensätze ergeben:

GG  8 (24,2%)
AG 16 (48,5%)
AA  9 (27,3%)

Ich werde demnächst noch Datensätze nach dem Punkt spirituelles Interesse durchsuchen. Bin schon auf die Ergebnisse gespannt.

Wenn mein Bekannter so weiter macht, sollte er sich mal an die eine oder andere deutsche Forschungsgruppe wenden, die ähnliche Anliegen verfolgt. Ich halte diese Forschungsansätze allemal für wert, daß man ihnen weiter nachgeht. Die Anregung, sich mit rs4680 zu beschäftigen, erhielt er übrigens hier (5) (ab Minute 20).

Ich selbst habe AG, ebenso meine Mutter und meine Tochter. Die Mutter meiner Tochter hat allerdings GG. (Vielleicht paßt das zu dem Umstand, daß letztere im Gegensatz zu mir 18 % südeuropäische Gene hat und sogar 1,7 % afrikanische Gene. 15 % südeuropäische Gene hat aber auch meine Mutter**)).

Eine iranische Studie aus dem letzten Jahr fand bei 100 an Schizophrenie Erkrankten und 100 bipolar Erkrankten einen deutlichen Zusammenhang zwischen SNP rs4680 und Schizophrenie (4):

AA- Schizophrenie: 94      Bipolar: 67      Kontrollgruppe: 74
GG                            0                   10                                 1
AG                           6                    23                                25

Sonderbar ist allerdings der hohe Anteil von AA in den 100 psychisch Gesunden der Kontrollgruppe. Ob dieser typisch ist für den südwestlichen Iran? Die Forscher schreiben noch dazu (4):
Viele Wissenschaftler haben den rs4680-Polymorphismus des COMT-Genes studiert. Die Verbindung der Variante mit Schizophrenie ist komplex und könnte auch von der genetischen Substruktur menschlicher Populationen beeinflußt sein.
Many researchers have studied the rs4680 polymorphism of COMT gene. The association of this variant with SCZ is complex and might be influenced by genetic substructure of human populations (Glatt et al., 2003).

Neulich im Radio übrigens hörte ich ein Interview zum Thema Angst, das ich ganz interessant fand (6). Insbesondere das Beispiel mit dem Boxer darin ab Minute 6 fand ich interessant. Hier geht es darum, daß auch Ängste und Zweifel in etwas Produktives umgewandelt werden können, bzw. vielleicht gerade erst diese. Und dazu fällt mir ein, daß es nach einer Forschungsstudie von vor allerhand Jahren in Ostasien viel mehr genetische Anlagen zu Depression gibt als in Europa, tatsächlich erkrankt sind an Depression aber viel mehr Menschen in Europa als in Asien. Die vertretene Forschungsthese dazu lautet: Die hohe Veranlagung zu Depression führt zur Ausbildung einer Kultur in Ostasien (der Konsenskultur), die dafür sorgt, daß die Menschen ihre Depression besser im Griff behalten können (nun, traditionell zumindest, in jüngster Zeit vielleicht auch nicht mehr so). Da bei uns es aber gar nicht eine SO starke Neigung zu Depression gibt wie in Asien, geht unsere Kultur viel sorgloser damit um.

Auch solche Zusammenhänge sollte man im Auge behalten, auch bezüglich des Themas genetische Veranlagung zu Angst und Zweifel.

Es gibt einen Zusammenhang mit Chronischer Erschöpfung

Ergänzung 5.2.23: Menschen mit dem Zweifler-Gen AA haben auch eine angeboren erhöhte Neigung, an chronischer Erschöpfung (CFS) zu erkranken (8):

In Studien mit Fibromyalgie- und CFS-Patienten wurde gezeigt, daß Träger von Sequenzvarianten in den Genen der Catechol-O-Methyltransferase (COMT) und/oder des Serotonintransporters (SLC6A4) signifikant häufiger an Symptomen dieser Krankheiten leiden. 

Und (8):

Der COMT Polymorphismus hat Einfluß auf antipsychotische Therapien insbesondere bei Therapie mit einigen Wirkstoffen der Serotoninwiederaufnahmehemmer (SSRI). Darüber hinaus wird über ein gesteigertes Schmerzempfinden bei Trägern der Genvariante berichtet und steht in Zusammenhang mit Symptomen aus dem Formenkreis der Fibromyalgie und des chronischen Erschöpfungssyndroms.

In der israelischen Studie, auf die man sich dabei bezieht, heißt es zunächst (9):

Der val/val-Genotyp zeigt die höchste Aktivität von COMT auf, der met/met-Genotyp zeigt die niedrigste Aktivität von COMT auf, mischerbige Individuen stehen dazwischen. Diese Genotypen sind in Zusammenhang gebracht worden mit einer Reihe von Verhaltenskrankheiten, die komplexe Ursprünge aufweisen.
The alleles are codominant so that individuals with the val/val genotype have the highest activity of COMT, those with the met/met genotype have the lowest activity of COMT, and heterozygous individuals are intermediate. The val 158 met genotypes have been linked to a number of behavioural diseases of complex etiology.

val/val steht also für G/G, met/met steht für AA.

Bei den 208 weiblichen Fibromyalgie-Patienten, die an der Studie teilnahmen, war der val-Genotyp in der gleichen Häufigkeit vertreten wie der met-Genotyp. Das heißt, es gab mischerbige und es gab reinerbige. Aber unter den Reinerbigen gab es ebenso viel GG wie AA.

Bei der Kontrollgruppe hingegen, die aus 186 weiblichen Verwandten ersten Grades der 208 untersuchten Fibromyalgie-Patientinnen bestanden, gab es 61 % val-Genotypen und nur 39 % met-Genotypen. Das heißt, der Anteil der reinerbigen GG-Genotypen (met/met-Genotypen) war bei ihnen deutlich erhöht gegenüber dem Anteil der AA-Genotypen. Oder in anderen Worten (9):

Die met/met und met/val-Genotypen zusammen genommen waren unter den Patientinnen häufiger als in der Kontrollgruppe. Die val/val-Genotypen waren unter den Patientinnen deutlich niedriger als in der Kontrollgruppe.     
The met/met and met/val genotypes together were more highly represented in patients than controls (p=0.024). In addition, val/val genotypes in patients were significantly lower than in the control groups (p=0.04).

Außerdem: Während Patientinnen mit dem met/met-Genotyp auf einer Schmerz-Skala von 0 bis 10 durchschnittlich von 9 Schmerz-Punkten berichten und Patientinnen mit dem val/met-Genotyp von 8,8 Punkten, berichten die Patientinnen mit dem val/val-Genotyp nur von 6,5 Schmerz-Punkten. Wenn solche Menschen - zum Beispiel als Krebs-Patienten - mit Morphium behandelt, dann brauchen allerdings die met/met-Patienten weniger Morphium als die val/val-Patienten (9):

Patienten mit dem val/val-Genotyp brauchten mehr Morphium vergleichen mit Patienten des val/met- und des met/met-Genotyps.
Patients with the val/ val genotype needed more morphine when compared to the val/met and the met/met genotype groups.  

Das scheint zunächst im Widerspruch zu den anderen Ergebnissen zu stehen. Es wird von den Forschern aber dahingehend interpretiert, daß met/met-Patienten schneller, weil sensibler auf Morphium reagieren.

Worin vielleicht implizit schon ein allgemeinerer Heilungsweg enthalten ist: Solche sensiblen Zweifler-Menschen könnten eben auch ganz allgemein nicht nur auf schmerzverstärkende, sondern auch auf schmerzdämpfende Umwelteinflüsse leichter, schneller reagieren. Wofür man im Umgang mit Menschen dieser Erbeigenschaft auch mancherlei Anhaltspunkte finden mag. Es mag unseres Erachtens deshalb sinnvoll sein, dieses Gen nicht das "Zweifler-", sondern das Sensibilitäts-Gen zu nennen.

Ergänzung 17.11.25: Es gibt einen Aufsatz von Davide Piffer, der das hier behandelte Thema 2013 aufgegriffen hat. Wir haben schon seit einem Jahr einen weiteren Blogartikel in Arbeit, in dem das Thema weiter geführt werden soll. 

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*) Er schrieb allgemeiner weiter, deshalb kann es in eine Anmerkung gesetzt werden:
Da du es warst, der mich damals erst auf diese kostengünstigen Anbieter aufmerksam gemacht hat und es dich wahrscheinlich ebenfalls interessieren wird, möchte ich dich auch gerne an meinen Ergebnissen teilhaben lassen. Meine Herkunft schlüsselt sich folgendermaßen auf: 37,6 % Engländer, 21,1 % Nord- und Westeuropäer, 16,8 % Balkanbewohner, 16,4 % Balte und 8,1 % Skandinavier. Eine Mischung, mit der ich sehr gut leben kann. Ich selber hatte mit einem größeren osteuropäischen Teil gerechnet. Deshalb hat mich der englische Anteil völlig überrascht. Mir sind nicht einmal englische Verwandte bekannt.
Nun, da die Angelsachsen vor 1.300 Jahren aus Angeln (Dänemark) und Sachsen zu den britischen Inseln ausgewandert sind und dort bis heute leben, sind sie eben insgesamt recht deutlich mit uns Deutschen verwandt, so möchte man meinen. Auch mit uns Deutschen in Ostelbien, die viele Vorfahren haben, die im Hochmittelalter aus den Niederlanden oder von Flandern aus in das Land östlich der Elbe auswanderten (wo es ja noch heute den "Fläming" gibt). 
**) Die u.a. von niederösterreichischen Bauern und der venezianischen Adelsfamilie Nobile Cicogna abstammt.
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  1. https://www.selfdecode.com/snp/rs4680/
  2. Bading, Ingo: "Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren - Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute. 20. Juli 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  3. Bading, Ingo: https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/09/wikinger-gene-in-elite-grabern-gropolens.html 
  4. Genetic Variations of DAOA (rs947267 and rs3918342) and COMT Genes (rs165599 and rs4680) in Schizophrenia and Bipolar I Disorder. Leila Ahmadi, Seyed Reza Kazemi Nezhad, Parisima Behbahani, Nilofar Khajeddin, and Mehdi Pourmehdi-Boroujeni. Basic Clin Neurosci. 2018 Nov-Dec; 9(6): 429–438. Published online 2018 Nov 1. doi: 10.32598/bcn.9.6.429, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6359688/ 
  5. Genetische Programmierung - Wie Gene unsere Persönlichkeit beeinflussen. Doku 2015, 11.12.2015, https://youtu.be/z6w678W3p30
  6. Gregor Eisenhauer, Schriftsteller und Nachrufschreiber  ... zu seinem neuen Buch "Wie wir die Angst vor der Angst verlieren". 05.08.2019, https://www.rbb-online.de/rbbkultur/radio/ programm/schema/sendungen /rbbkultur_am_nachmittag/archiv/ 20190805_1505/zu_gast_ 1610.html 
  7. Gregor Eisenhauer: Wie wir die Angst vor der Angst verlieren. Furchtlos in sieben Tagen. DuMont Verlag, 2019 
  8. Schnakenberg, Eckart: Genetische Disposition bei MCS/CFS/Fibromyalgie. IPgD Institut für Pharmakogenetik und genetische Disposition, Peine, https://www.ipgd-labore.de/institut-leistungsspektrum/genetische-disposition/mcs-cfs-fibromyalgie/mcs-cfs-fibromyalgie.html und: https://www.ipgd-labore.de/institut-leistungsspektrum/analysen-a-z/c115/catechol-o-methyltransferase/
  9. Cohen H, Neumann L, Glazer Y, Ebstein RP, Buskila D. The relationship between a common catechol-O-methyltransferase (COMT) polymorphism val(158) met and fibromyalgia. Clin Exp Rheumatol. 2009; 27:51-6 (pdf) 
  10. Piffer, Davide: Correlation of the COMT Val158Met polymorphism with latitude and a hunter-gather lifestyle suggests culture-gene coevolution and selective pressure on cognition genes due to climate. In: Anthropological Science, 2013, Volume 121, Issue 3, Pages 161-171, Released on J-STAGE December 25, 2013, Advance online publication September 14, 2013, https://www.jstage.jst.go.jp/article/ase/121/3/121_130731/_html/-char/en

Samstag, 7. September 2019

Die Wikinger in Osteuropa - Ihre Gene, ihre Münzen

Der Hochadel des Frühmittelalters im Baltikum, in Preußen, Pommern, Rußland, Polen, Schlesien und Böhmen - Stammte er zu einem Viertel bis zur Hälfte von den Wikingern ab?

Seit mehr als hundert Jahren ist es sehr umstritten, in wieweit die frühmittelalterlichen Herrscherhäuser in Osteuropa, bzw. Ostdeutschland von Wikingern abstammen. Zu ihnen gehören

  • das erste polnische Herrscherhaus, die Piasten (Wiki),
  • die vielen schlesischen Herzogshäuser (Wiki), 
  • das erste böhmische Herrscherhaus, die Premysliden (Wiki), 
  • das erste russische Herrscherhaus, die Rurikiden (Wiki), 
  • die pommersche Herzogsfamilie der Greifen (Wiki), 
  • die westpreußische Herzogsfamilie der Samboriden (Wiki)
  • die Herzogsfamilie von Rügen (Wiki)
  • vormalige Herzogs- und Adelsfamilien der Pruzzen (Wiki).

Abb. 1: Wikinger auf einem Langschiff an der Küste der Isle of Man (Wiki) (Fotografiert vom Filmeteam Leo Eaton)

Die Piasten werden in dieser Hinsicht schon seit mehreren Jahren in Polen erforscht. Die Ergebnisse sind aber - soweit übersehbar - bislang nicht veröffentlicht worden (FamilyTreeDNA). Aber es gibt in Polen diesbezüglich eine lange Forschungsgeschichte der Adelsforschung (30). Forschungen zu den Rurikiden beziehen sich bislang - soweit übersehbar - nur auf den wenig aussagekräftigen Y-chromosomalen Haplotypen (FamilyTreeDNA). Viele der genannten Herzogsfamilien sind am Ende des Mittelalters in der männlichen Hauptlinie ausgestorben. Das muß aber nicht heißen, daß es nicht heute noch Nachkommen derselben über die weibliche Linie oder über Nebenlinien geben könnte. Inwieweit es solche der genannten Herzogshäuser in Schlesien, Pommern, Rügen oder Westpreußen gibt, wäre sicher eine interessante Fragestellung, die womöglich auch mit Hilfe der Genetik geklärt werden kann.

Adelsforschung und Genetik

Um nur ein Beispiel zu nennen: Die preußische Adelsfamilie von Puttkammer (Wiki) gilt als "Pommerscher Uradel", als Teil jenes Hochadels unter den pommerschen Samboriden (auch genannt "Ministerialen"), die nach dem Aussterben der Samboriden in Pommern über Jahre die Regierungsgeschäfte führten. Ob über die genetische Erforschung solcher Uradelsgeschlechter noch etwas heraus zu bekommen ist? Überhaupt sollte ja durch die Genetik und Archäogenetik auf die Geschichte des deutschen "Uradels", Hochadels und Adels manches neue Licht fallen (Wiki) (s.a. 23).

Indem wir über solche Fragen nachdenken, erinnern wir uns, daß in der hier auf dem Blog schon behandelten Studie zur Archäogenetik der Wikinger von vor einem Monat (1, 2) auch diesbezüglich schon erste Ergebnisse zu finden sein sollten, die deutlich werden lassen sollten, daß sich solche Fragen in näherer Zukunft  besser werden klären lassen als das bisher möglich war. Archäogenetische Erkenntnisse aus Adelsgräbern des siebten Jahrhunderts wie denen der Alemannen (23) oder aus anderen Regionen und Jahrhunderten werden sich in näherer Zukunft detaillierter in Beziehung setzen lassen können zur Genetik von Adelsfamilien, sowie bäuerlicher und bürgerlicher Familien derselben Regionen.

Nachtrag: Schon vor einem Jahr ist eine Studie des Anthropologen Andreas Vonderach veröffentlicht worden, in der er die anthropologischen Merkmale von Schulkindern, die in den 1950er Jahren in Rheinland-Pfalz vermessen worden waren auswertete, unter denen sich Flüchtlingskinder aus Ostdeutschland befanden. Und unter diesen konnte er wiederum Schulkinder aus Adelsfamilien nichtadligen Familien gegenüber stellen. Sein Ergebnis ist (29):

Aristokraten liegen weit voraus im Aufweisen "sozial fortschrittlicher" Merkmale. Darunter werden in der deutschen Anthropologie anthropologische Merkmale verstanden, die häufiger in den oberen als in den unteren sozialen Schichten vorhanden sind. Da die meisten dieser Merkmale eine hohe Erblichkeit besitzen, legt dieser Umstand nahe, daß der Adel eine alte biologische Elite darstellt, ein Produkt sozialer Selektion.
Aristocrats are far ahead in the expression of “socially progressive” features, defined in German anthropology as anthropological traits that tend to be more common in the upper than the lower social classes. Because most of these traits have high heritabilities, this suggests the nobility to be an old biological elite due to social assortment.

In der genannten Wikingerstudie wurden unter anderem 33 Skelette aus dem heutigen Rußland archäogenetisch untersucht: vier aus der Ukraine, 40 von der Insel Ösel (Estland), acht aus dem heutigen Polen und fünf aus Italien. Sie waren ausgewählt worden, weil sie sich aufgrund von Zeitstellung, Grabsitte und Grabbeigaben in kulturellen Zusammenhängen der Wikinger bewegt haben. Leider war die Gesamtgenom-Sequenzierung für die acht aus dem heutigen Polen stammenden Skelette - von den sehr spannenden, erst jüngst ausgegrabenen frühmittelalterlichen Fundorten an der Weichsel: Bodzia, Sandomir und Krakau, sowie aus Zehden an der Oder und Czersk in der Kaschubei in  Westpreußen - nur für zwei derselben erfolgreich, nämlich für zwei Skelette aus Bodzia. Aber diese beiden Ergebnisse gewähren - zusammengenommen mit erfolgreichen Sequenzierungen anderer Fundorte in ganz Osteuropa - schon einen spannenden Einblick, einen Blick, der einem intuitiv naheliegend erscheint als Gesamtlösung des Problems.

Indem wir uns zunächst nur für wenige Einzelprobleme auf diesem Forschungsgebiet interessierten, wurde uns nach und nach erst bewußt, wie auch diese Gen-Sequenzierungen den Blick überhaupt erweitern auf die Geschichte der Wikinger in ganz Osteuropa. Und so ist der nachfolgende Blogartikel in den drei Tagen seit seiner Veröffentlichung durch Ergänzungen auf das Doppelte seines ursprünglichen Umfangs angewachsen. (Er wurde im Dezember noch einmal inhaltlich umgestellt, um ihn mehr der chronologischen Abfolge der Funde anzupassen.)

Abb. 2: In Ermangelung einer Rekonstruktions-Zeichnung der eindrucksvollen Schiffsbestattung von 38 Wikingern bei Saalme auf der Insel Ösel: Hier das Schiff von Skuldelev in Dänemark aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts (Wiki) - Auf einem solchen Schiff lagen die 38 Krieger in voller Ausrüstung nebeneinander gereiht auf dem Vorderschiff in drei Lagen längs und quer übereinander.

Die vielleicht aufsehenerregendsten wikingischen Bestattungsfunde stammen von der Ösel, der größten Insel Estlands, wo sie erst vor zehn Jahren entdeckt worden sind. Auf Estnisch heißt die Insel Saarema. Während des Ersten Weltkrieges bildete diese Insel einen wichtigen Stützpunkt der russischen Flotte. Sie ist deshalb Ende 1917 von den Deutschen erobert worden (Unternehmen Albion). Im Zuge der Kämpfe um die Insel ist der deutsche Kriegsdichter Walter Flex (Wiki) gefallen. Den Deutschen ist er sehr ans Herz gewachsen durch seine Kriegsnovelle "Der Wanderer zwischen beiden Welten", die ein Jahr zuvor erschienen war. Diese Insel Ösel ist auch eine Insel reich an wikingerzeitlichen Funden (siehe z.B. Abb. 8). Die ersten wikingerzeitlichen Funde auf Ösel stammen schon aus einer Zeit (ab 750 v. Ztr.), die vor den ersten Wikingerlandungen in England liegt. Auch Runensteine finden sich auf Ösel. 

Die Wikinger auf der Insel Ösel (750 v. Ztr.)

2008 und später wurden nun auf dieser Insel nahe dem Ort Salme direkt an der vormaligen Küstenlinie - also einstmals fast "auf dem Strand" gelegen - die Überreste einer vendelzeitlichen Schiffsbestattung gefunden (Wiki). Auf dem elf Meter langen Ruderschiff fanden sich die Überreste von sieben Männern. Ihnen waren drei Schwerter und viele Spielsteine beigegeben, auch ein Habicht, ein Specht, sowie Schafe, Schweine, Kühe und Hunde (20). Datiert wird die Bestattung auf 750 n. Ztr.. 2010 und 2011 wurde dann aber noch ein zweites Schiff, nun sogar 17 Meter lang und mit 38 Kriegern entdeckt und ausgegraben. Es stammt aus der gleichen Zeit, ist vermutlich sogar im Zusammenhang mit denselben Ereignissen angelegt worden (20):

Den Toten waren reiche Beigaben an die Seite gegeben worden, meistens Waffen, darunter mehr als 50 Pfeilspitzen, einige Speere und über 40 Schwerter (ganze und zerbrochene). (...) Eines der Schwerter war mit Juwelen geschmückt. (...) Sie hatten außerdem fast 300 Spielsteine aus Walfisch-Knochen (Schachfiguren) bei sich (...). Die Toten waren mit ihren Schilden bedeckt.  
Original: The dead had been provided with rich grave goods, which mostly consisted of weapons, including more than 50 arrowheads, some spears and about 40 swords (whole and broken). At least five swords had hilts of gilded bronze, among them one ring-hilt sword with a blade of pattern welded steel. One sword had a blade ornamented with an inlay of golden wire and a handle decorated with garnets. Other items included nearly 300 gaming pieces of whale bone, antler combs, small padlocks, whetstones of schist, beads etc. The dead had been covered with shields with iron  bosses.

Welche Fülle von Geschichten können allein rund um einen solchen Schiffsfund erzählt werden, was all die Einzelheiten der Beigaben alles erzählen. Auf diesem Schiff befanden sich auch ein Falke und zahlreiche Stockenten. Mindestens fünf Tote hatten Wunden, die nicht mehr verheilt sind. Es handelt sich also um eine ehrenvolle Schiffsbestattung unmittelbar nach einer Schlacht (Wiki):

Eine skandinavische Sage berichtet von dem schwedischen König Yngvar, der in Estland fiel. "Die Männer Estlands kamen aus dem Landesinneren mit einer großen Armee, und es gab eine Schlacht; aber die Armee des Landes war so tapfer, daß die Schweden ihr nicht standhalten konnten, und König Yngvar fiel und seine Männer flohen", heißt es.

Während nun die Archäologen schreiben (20), nach den chemischen Knochenanalysen wären diese auf Ösel bestatteten Krieger aus Mittelschweden gekommen, zeigt die DNA-Sequenzierung (Abb. 3), wenn wir es recht verstehen, daß diese Krieger doch gar nicht so deutlich in die frühmittelalterliche genetische "Normalverteilung" von Schweden passen (?). 

Abb. 3: DNA-Sequenzierungen von Salme, Estland

Im Text der Studie wird jedoch genau dies unterstellt (1). Dabei scheinen sie doch nach unserer Wahrnehmung (Abb. 3) im Vergleich mit allen anderen Wikinger-Sequenzierungen (siehe unten) eine einzigartige Signatur aufzuweisen. Sie liegen genetisch verschoben von den Schweden hin zu Finnen und Polen und uns drägt sich der Eindruck auf, daß es sich um Angehörige einer Bevölkerung handelt, die sich auf Ösel mit den dort Einheimischen vermischt haben kann. (Aber das ist nur ein laienhafter Eindruck, den wir hier nur festhalten wollen, ohne ihn weiter gegen besseres Expertenwissen verteidigen zu wollen.)

Ergänzung 4.7.2020: Eine neue Studie mutmaßt - aufgrund der reichen Ausstattung der beiden Schiffe -, daß sich diese auf einer diplomatischen Mission befunden haben könnten, womöglich auf dem Weg über die russischen Flüsse nach Byzanz (27).

Welch reiches Bild bietet sich, wenn man - ausgehend von den neuen DNA-Sequenzierungen zur Wikingerzeit - anfängt, sich in diese Thematik tiefer einzuarbeiten. Welch ein reiches Bild bietet die Frühgeschichte Estlands, die Frühgeschichte Polens, Schlesiens, Rußlands (21).

Die Wikinger reisen weichselaufwärts

Nach Suppl. 04 der Studie (1) konnten auch Gene von Skeletten von zwei Elitegräbern aus Bodzia an der Weichsel (Wiki) aus der Zeit um 1050 n. Ztr. vollständig sequenziert werden (VK154 und VK156). Beide wiesen zur Hälfte polnische und zu einem Viertel bis zur Hälfte skandinavische Herkunftsanteile auf. (Davon ist im Text der Studie selbst gar nicht die Rede, weshalb uns dieses spannende Ergebnis bislang entgangen war. Erst durch genaues Studium der umfangreichen Anhänge dieser Studie stoßen wir auf dieses Ergebnis.) Unsere eigene Interpretation der Ergebnisse der Studie finden wir auch in einer Interpretation andernorts wieder, was uns dann schon etwas sicherer macht (ForumBiodiversity, 17.7.2019):

Sie waren also zur Hälfte Polen und der Rest ihrer Herkunft stammte aus Schweden (20.9-26.8%), Finnland (11.5-25.8%) and Dänemark (1.3-10.1%).
So they were half-Poles with the rest of their ancestry mostly from Sweden (20.9-26.8%), Finland (11.5-25.8%) and Denmark (1.3-10.1%).

Andernorts wird außerdem darauf hingewiesen, daß der Y-chromosomale Haplotyp von insgesamt acht sequenzierten Männern aus dem heutigen Polen in dieser Studie festgestellt werden konnte, und daß die Verteilung ihrer Haplotypen gut zur heutigen Verteilung dieser Haplotypen in Polen passen würde, die heutige Verteilung ist nämlich (ForumBiodiversity, 17.7.2019):

R1a1 57.5%
R1b 12.5%
I1 8.5%
I2*/I2a 5.5%

Die für Skandinavier typische Haplogruppe I-M253 (Wiki) (zu 30 bis 40 % im heutigen Skandinavien verbreitet) findet sich unter den archäologischen Funden im heutigen Polen bislang noch nicht. Wenn auch Aussagen zur Häufigkeitsverteilung von Y-chromosomalen Haplotypen bei weitem nicht so aussagekräftig sind wie Aussagen von Gesamtgenom-Sequenzierungen, so passen die Ergebnisse im Allgemeinen doch nicht schlecht zu den auch sonst aus den historischen Quellen bekannten, internationalen Heiratsverbindungen der Piasten bis nach England, Dänemark und Schweden einerseits und bis nach Kiew andererseits. Solche weitreichenden Heiratsverbindungen wird es auch sonst im Hochadel des frühen Piastenreiches gegeben haben und sie können dazu geführt haben, daß um das Jahr 1000 herum die führenden polnischen Adelsgeschlechter (der "Hochadel") zu etwa einem Viertel bis zur Hälfte skandinavischer Abstammung war, was gut dazu paßt, daß sie sich auch äußerlich sehr stark an die Kultur der Wikinger angepaßt haben - wie ausschnittsweise in diesem Beitrag noch anhand von willkürlich ausgewählten archäologischen Forschungen gezeigt werden soll. - Der heutige genetische Herkunftsanteil der Wikinger innerhalb von Polen insgesamt beträgt laut Studie etwa 5 % (1):

Das genetische Erbe der Wikinger außerhalb von Skandinavien hat - wenn auch geringe - Kontinutitä bis heute. Eine kleine Komponente findet sich in Polen (bis zu 5%) und im südlichen Europa.
Original: Outside  of  Scandinavia,  the  genetic  legacy  of  the  Vikings  is  consistent,  though  limited.  A  small component  is  present  in  Poland  (up  to  5%)  and  the  south  of  Europe.

Entsprechende Aussagen zu Rußland, zu Estland, zur Tschechei, zu Pommern, West- und Ostpreußen, Schlesien und Posen finden sich in der Studie leider nicht. Aber auch hier wird es sicher bald Klärungen geben, zumal diese Klärungen für die britischen Inseln, für Island und so weiter längst weit fortgeschritten sind (Wiki) (19, 24). So finden sich heute auf den Shetland-Inseln bis zu 25 % Wikinger-Gene, in Schottland und Irland aber niemals mehr als 10 % (24) (Abb. 10). Aber wenn sich 5 % für das heutige Gesamtpolen finden, dann könnte dieser Anteil in der ursprünglichen Bevölkerung Pommerns, Westpreußens und Ostpreußens - also jener Bevölkerung, die bis 1945 dort lebte - noch deutlich größer gewesen sein. Dem Blogautor ist ein blonder, blauäugiger Mensch bekannt, der seine Gene bei MyHeritage hat sequenzieren lassen, und dessen einer Elternteil aus Pommern stammte (1939 in Stolp in Pommern geboren), von wo auch dessen beide Eltern stammten. Der andere Elternteil stammt aus Wilhelmshaven. Diesem Menschen wird von MyHeritage 30 % skandinavische und 10 % baltische Herkunft attestiert. Auch wenn man ein solches Ergebnis - zumal es Einzelergebnis ist - nicht auf die Goldwaage legen darf, wird in näherer Zukunft sicher bekannt werden, welchen Wikinger-Gen-Anteil es insgesamt unter den deutschen Pommern, West- und Ostpreußen gegeben hat. Und solche Forschungsergebnisse dürften doch nicht uninteressant sein. 

Abb. 4: Hauptkomponenten-Analyse der Ancient-DNA-Sequenzierungen auf Gotland  (ForumBiodiversity 19.7.2019)

Spannend ist umgekehrt aber auch das folgende Ergebnis (FBiodiv 19.7.2019) (Abb. 4): 

"Es scheint als ob die Hälfte der Einwohner der Insel Gotland zur Wikingerzeit aus dem heutigen Polen stammten."
Original: "So it seems that in the Viking Age half of Gotland was Polish-like."

Dieses Ergebnis macht einem noch einmal besonders bewußt, daß ja nicht nur Skandinavier nach Polen kamen, sondern eben auch Polen nach Skandinavien, worauf in der Studie ja in allgemeinerer Form auch hingewiesen wurde (1). Auch dieser Umstand will im Auge behalten werden. Da Menschen ohne Wikinger-Herkunft auch auf Island und in anderen Teilen Nordeuropas oft als Unterschichten (evtl. auch als Sklaven von Wikingern) an andere Orte gebracht wurden, ist ein solches Geschehen natürlich auch für die Insel Gotland zunächst nicht völlig auszuschließen.

Abb. 5: Grabhügel der Rus-Krieger entlang des Wolchow bei Nowgorod, nahe dem Dorf Alt-Ladoga, wo 753 n. Ztr. die älteste und größte Siedlung skandinavischer Waräger in Osteuropa begründet wurde, vergleichbar mit Birka und Haithabu. Ab 862 herrschte hier Rjurik, der Begründer des russischen Herrscherhauses der Rurikiden. (Fotograf: Prof. Mark A. Wilson; Wiki)

Die vielleicht an archäologischen Funden reichste Schatzinsel der Welt, Bornholm, ist schon 2003 von Gisela Graichen zum Ausgangspunkt einer besonders guten und sehenswerten Dokumentation zur Geschichte der Wikinger im russischen Raum gemacht worden. Diese ist sehr geeignet, in das Thema überhaupt einzuführen (21).

Die Wikinger bereisen die Flußsysteme Rußlands

Ausgangspunkt darin sind die reichen arabischen Münzfunde auf Bornholm (Abb. 8). Auf diese wollen wir weiter unten noch zurückkommen. Daß dieser Reichtum zu nicht geringen Teilen durch Sklavenhandel zustande gekommen sein könnte, wofür wir weiter unten noch allerhand Hinweise zusammen tragen, ist von Gisela Graichen aber noch nicht besonders hervorgehoben worden (bzw. nicht von den Archäologen, mit denen sie zusammen gearbeitet hat).

Abb. 6: Die wikingischen Handelsrouten zwischen Byzanz, dem Kalifat und Skandinavien (aus: 22)

In der Archäogenetik-Studie finden sich also auch Ergebnisse für Rußland. Man muß sie nur etwas gründlicher suchen (Abb 7): Vom Ladoga-See konnten schon 1938/39 gewonnene Skelette aus der Burganlage Gorodische erfolgreich sequenziert werden. Es konnten nur Skelette aus christlicher Zeit sequenziert werden, aus Gräbern ohne Grabhügel, da davor Brandbestattung vorherrschte. Der Herkunftsanteil der acht erfolgreich Sequenzierten ist dennoch zu größten Teilen immer noch skandinavisch (Abb. 7).

Abb. 7: Hauptkomponenten-Analyse der Ancient-DNA-Sequenzierungen von Bodzia, vom Ladoga-See und von Gnezdovo (unterste Reihe) (ForumBiodiversity)

Die Archäologen ordnen dieses Ergebnis folgendermaßen historisch ein (20):

Nach den schriftlichen Berichten wurde in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts das Gebiet des Ladoga-Sees vom Großprinzen der Rus, Jaroslaw Mudry (Jaroslaw dem Weisen) seiner Frau, der schwedischen Prinzessin Ingegerd Olofsdotteras als Heiratsgeschenk gegeben. Diese setzte als Gouverneur des Landes ihren Verwandten Jarl Ranvald Ulfsson ein. Die skandinavischen Königssagas berichten von christlichen Wikingern unter den Kriegern des Ragnvald Ulfsson, die das Land gegen heidnische Stämme verteidigten. 
Original: According  to  written sources  in  first  half  11  century  Ladoga  area  was  given  by  Grand  Prince  of  Rus’  Yaroslav  Mudry (Yaroslav the Wise) to his wife Swedish Princess Ingegerd Olofsdotteras a marriage gift, who in turn set her relative Earl Ragnvald Ulfsson as governor of the land. Scandinavian Kongesagaer (kings’sagas) testifies presence of Viking Christians in the military troops of Ragnvald Ulfsson for defense from local pagan tribes.

Schon aufgrund der morphologischen Merkmale waren von den 65 1938/39 gewonnenen Skeletten die Skelette des südlichen Teiles des Gräberfeldes Skandinaviern zugeordnet worden, die des nördlichen Gräberfeldes einer vermischten slawisch-finnisch-skandinavischen Population. Wenn wir es recht verstehen, bestätigen die archäogenetischen Erkenntnisse im wesentlichen die Erkenntnisse der traditionellen Anthropologie.

Nahe dem Dorf Alt-Ladoga am Ladoga-See entstand 753 n. Ztr. die älteste und eine der größten Siedlungen skandinavischer Waräger in Osteuropa, von Größe und Bedeutung her vergleichbar mit Birka und Haithabu. Ab 862 herrschte hier Rjurik, der Begründer des russischen Herrscherhauses der Rurikiden.

Die Wikinger in Gnezdovo bei Smolensk

Zwei erfolgreich sequenzierte, in der großen wikingischen Handlungssiedlung bei Gnezdovo (Wiki), 13 Kilometer westlich des heutigen Smolensk Bestattetete sind von ihrer Herkunft ähnlich wie die in Bodzia an der Weichsel Betatteten, stehen aber der einheimischen Genetik näher als der skandinavischen. Der Siedlungsort Gnezdovo lag auf beiden Seiten des Oberlaufes des Dnjepr. Der Siedlungsort ist umgeben von 4500 bis 5000 Hügelgräbern (!), von denen die Hälfte (nichtchristliche) Brandbestattungen aufweisen. Gnezdovo liegt auf halbem Weg zwischen dem Ladoga-See und Kiew, und zwar 700 Kilometer südlich vom Ladoga-See und 600 Kilometer nördlich von Kiew. In Ost-West-Richtung liegt es auf halbem Weg zwischen Bialystok und der Wolga (bei Moskau), also den damaligen Wolga-Bulgaren. Dieses Gräberfeld hat unglaublich reiche und eindrucksvolle Funde aus dem 9. und 10. Jahrhundert zu Tage gebracht (20):

Seltene Brandgräber (...) finden sich in der frühesten Siedlungsphase. Der bekannte Hügel L-13 gehört zu diesen Hügelgräbern. In ihm fand sich der älteste Gnezovo-Fund, nämlich eine byzantinische Amphora mit einer eingerzitzten slawischen Inschrift. (...) Werkstätten stellten Schmuck für skandinavische und slawische Frauen her, Zaumzeug- und Gürtelplatten wurden in der Tradition der Wolgabulgaren hergestellt, ebenso Gegenstände der Langhügel-Kultur vor Ort. (...) 450 orientalische, byzantinische und westeuropäische Münzen wurden gefunden. Sie stammen aus dem 6. bis mittleren 11. Jahrhundert. Außerdem enthielten 13 Hortfunde über 1400 orientalische Silbermünzen.
Original: Rare burial mounds with cremations (...) are related to the earliest period of the settlement’s existence. (...) The well-known mound L-13 is one of these mounds. L-13 mound gave the earliest for Gnezdovo find of Byzantine amphora with the Slavic inscription-graffito. (...) Workshops produced adornments for Scandinavian and Slavic women, bridle and belt plates made in the Volga Bulgarian tradition and items specific for the local culture of long mounds. (...) About 450 Oriental, Byzantine, and West European coins (...) have been found (...). Dates of coin minting vary from the 6th to the mid-11th centuries. 13 Gnezdovo hoardings contain over 1400 Oriental silver coins.

Mit "orientalische" Silbermünzen werden arabische Münzen gemeint sein (s. Abb. 8). Anhand der Bestattungsart und Grabausstattung kann 25 % der Gräber ein skandinavischer kultureller Hintergrund zugeschrieben werden. Die letzten, wenigen Gräber finden sich aus der Zeit um 1000 n. Ztr.. Nun wandelte sich Gnezdovo von einer Handelsstadt zu einem Adelsgut und das nahegelegene Smolensk übernahm die vormalige Rolle von Gnezdovo. Als weitere russische Ausgrabungsstätte mit Wikinger-Bezug in Osteuropa wird benannt Shestovitsy in der Region Chernigov in der Ukraine, ein Ort 130 Kilometer nördlich von Kiew, nahe dem Dnjepr gelegen.

Abb. 8: Die Häufigkeit arabischer Münzfunde - Sie ist am größten in Bornholm und Schweden, es folgen: Pommern, Westpreußen, Posen, Schlesien, Estland, Kiew und Wolga-Bulgaren (aus: 22)

Die Karte der Häufigkeitsverteilung arabischer Münzfunde in Osteuropa läßt vielleicht schon die größten Schwerpunkte der Handels- und Siedlungstätigkeit der Wikinger erkennen (Abb. 8) (22).

Sklaven werden von Europa aus nach Süden exportiert

Diese Häufigkeit ist am größten in Bornholm (21) und Schweden. Aber es folgen: Pommern (Wolin!), Westpreußen (Truso!), Posen (Bodzia!), Schlesien (!?), Estland (Ösel!), Kiew und sogar die Wolga-Bulgaren treten hervor. Eindrucksvoll ist hier ein osteuropäisches Handelsnetzwerk erkennbar. Die arabischen Münzen finden sich in Frankreich, England und Norwegen fast gar nicht, in Dänemark viel weniger als sonst im skandinavischen Raum. Zu der Frage, warum im Osteuropa jener Zeit mehr arabische als byzantinische Münzen Verbreitung fanden, findet sich auf Wikipedia derzeit noch keine befriedigende Antwort (ob sie deshalb von der Forschung schon gut verstanden ist, stehe dahin) (Wiki):

Die schiffbaren Handelswege verliefen über die Flüsse Dnepr und Wolga, bis an das Schwarze Meer und die Kaspische See. Über diese Routen erreichten Händler Konstantinopel und trieben Handel mit dem Reich der Abbasiden mit der Hauptstadt Bagdad und dem Emirat der Samaniden mit den Hauptorten Buchara und Samarkand. (...) Eine Schlüsselrolle für den Handel zwischen Asien und dem Orient mit Rußland und Nordeuropa nahm in dieser Zeit das Reich der Chasaren ein. Durch ihr Gebiet an Dnepr, Wolga und im Kaukasus führte, größtenteils über Wasserwege, die Verbindung zwischen der Ostsee und dem Schwarzen Meer, der Weg von den Warägern zu den Griechen. Über das Schwarze Meer konnte Konstantinopel auf Schiffen erreicht werden, über das Kaspische Meer das Emirat von Buchara unter der Herrschaft der Samaniden und das Reich der Kalifen aus dem Hause der Abbasiden. (...) Ab dem Jahr 840 n. Chr. wurden die Münzimporte aus der islamischen Welt in den Ostseeraum geringer und kamen zwischen 860 und 870 vollständig zum Erliegen. Der Grund dafür war der sinkende Silbergehalt der Münzen, denen immer mehr Kupfer und zum Gewichtsausgleich Blei beigemengt wurde. Mögliche Ursachen für die Münzverschlechterungen könnten das Versiegen der Minen im Hindukusch oder Unruhen im Emirat von Nasr II. gewesen sein. Tatsächlich kam es im Jahr 843 n. Chr. dort zu Aufständen, weil die Armee keinen Sold erhielt. Dies ließ sich durch eine Verschlechterung der Münzen leicht beheben, da in einer Münzgeldwirtschaft die Münzen ihren Nominalwert beibehalten. In der Gewichtsgeldwirtschaft des Ostseeraums war dies aber nicht möglich. Das schnelle Ende der Silberimporte aus diesem Raum könnte jedoch durch die Unterbrechungen der Handelswege ausgelöst worden sein, die durch Angriffe auf das Reich der Chasaren in den späten 860er Jahren bedingt wurden.

Es wäre sicher eine aufregende Fragestellung, wieviel von dem im Ostseeraum gefundenen Reichtum, repräsentiert unter anderem in den umfangreichen und deshalb auffälligen arabischen Münzenfunden, durch den Sklavenhandel mit dem Kalifat von Bagdad zustande gekommen ist. Der Sklavenhandel stellte damals eine sehr einträchtige Einkunftsquelle dar, auch für zahlreiche andere ethnische Gruppen, die Fernhandel zwischen dem christlichen Europa und dem islamischen Orient betrieben (Wiki):

Die slawischen Sklaven waren, wie aus arabischen Aufzeichnungen hervorgeht, der begehrteste Artikel für die moslemische Sklavenhaltergesellschaft. Bernard Lewis hält fest, daß neben den Juden viele Europäer mit dem Export von Sklaven zu tun gehabt hätten. Darunter seien Christen gewesen, „Bürger der großen Handelsstädte Italiens und Frankreichs ebenso wie griechische Sklavenhändler, die im östlichen Mittelmeer tätig waren. Eine bedeutende Stellung nahmen die Venezianer ein, die schon im 8. Jahrhundert begannen, den Griechen Konkurrenz zu machen.“ Besonders hinzuweisen ist auf die Rolle der Waräger und des Volkes der Rus, die eifrige Sklavenjäger waren und ihre slawischen Gefangenen entweder direkt verkauften oder über italienische Kaufleute oder die Radhaniten nach Spanien, Byzanz, in die moslemischen Länder oder nach Zentralasien weitervermitteln ließen. Maurice Lombard betont, daß durch die Nachfrage aus den großen Verbrauchszentren der islamischen Welt über die jeweiligen Zwischenhändler „die wirtschaftliche Aktivität des barbarischen Abendlandes“ wiederaufgelebt sei und „dessen Handel, Geldzirkulation und städtische Bewegung unter diesem Nachfrageschub wieder zu pulsieren begannen“. Insgesamt handle es sich um eine Tatsache von immenser Bedeutung: „die Austauschrichtung kehrt sich um; der Okzident wird vom Importeur zum Exporteur. An die Stelle des Abflusses von Zahlungsmitteln kommt es gegen Ende des 8. Jahrhunderts langsam wieder zu einem Zufluß, der sich vom 9. zum 11. Jahrhundert vergrößert.“

Im Arabischen gibt es für diese Sklaven sogar einen eigenen Begriff, der von einer ethnischen Selbstbezeichnung osteuropäischer Völker abgeleitet ist (Wiki):

Saqaliba (arabisch صقالبة, DMG ṣaqāliba ‚Slawen‘) bezeichnet in mittelalterlichen arabischen Quellen Slawen und andere hellhäutige und rötliche Völker Nord- und Mitteleuropas. Die Bezeichnung aṣ-ṣaqāliba (sing. Ṣaqlabī, Ṣiqlabī) ist dem mittelgriechischen Σλάβος entlehnt, das mit der slawischen Selbstbezeichnung Slovĕnin in Verbindung steht. Wegen der großen Zahl slawischer Sklaven hat das Wort in mehreren europäischen Sprachen die Bedeutung „Sklave“ angenommen (englisch slave, französisch esclave, italienisch schiavo), so auch im Spanien der Umayyaden, wo Ṣaqāliba alle fremden Sklaven bezeichnete.

Der Handel mit diesen "slawischen Sklaven" ging einerseits von der Elbe und von Böhmen aus bis ins islamische Spanien und in den Levanteraum. Dabei wurden die männlichen Sklaven dann entweder an ihrem Zielort entmannt und in Eunuchen verwandelt (Wiki) oder schon auf dem Weg dorthin (etwa in Verdun). Für den osteuropäischen Raum scheint aber der etwaige Zusammenhang zwischen den reichen arabischen Münzfunden und dem Sklavenhandel über das Reich das Chasaren hinweg bis in das Kalifat von Bagdad noch weitaus weniger deutlich ins Blickfeld der Forschung gelangt zu sein (jedenfalls findet man es bislang nicht sehr gut auf Wikipedia behandelt).

Die schon genannte Filmdokumentation von Gisela Graichen hat ja schon 2003 daran erinnert, daß in kommunistischer Zeit Archäologen in der Sowjetunion ins Gefängnis gekommen sind, wenn sie den Wikinger-Einfluß auf die Frühgeschichte Rußlands zu stark betont haben (21). Womöglich haben diese Verhältnisse und die zugrundeliegenden Mentalitäten Auswirkungen auf die Forschung noch bis heute. - Schauen wir uns weiter in Europa um was wikingischen Einfluß betrifft.

Abb 9: Die politischen Machtzentren (schwarze Kreise) und kulturell skandinavische Elite-Gräber (rot) zwischen Weichsel, Warthe und Oder - Als bedeutender wikingischer Siedlungsort fehlt unter anderem Wiskiauten an der Nordküste des Samlandes in Ostpreußen (aus: 10)

Bodzia liegt 40 Kilometer südöstlich von Thorn und 15 Kilometer nördlich von Włocławek an der Weichsel und wie die beiden ersteren auf dem linken Ufer derselben etwa drei Kilometer entfernt vom Ufer.

Die Wikinger in Bodzia an der Weichsel (um 1050 n. Ztr.)

Bodzia liegt etwa 20 Kilometer östlich der Grenze des Deutschen Reiches bis 1918, bzw. der damaligen Provinz Posen. Hier nun wurde 2009 bis 2011 ein frühmittelalterliches Gräberfeld ausgegraben, in dem 52 Skelette gesichert werden konnten, darunter 14 Männer und 21 Frauen. Es handelt sich um ein Gräberfeld, in dem offensichtlich der damalige wikingisch lebende und verheiratete Hochadel Polens Angehörige bestattete (Wiki). Fast alle Gräber sind in Nord-Süd-Richtung orientiert, was für diese Zeit sehr ungewöhnlich ist (1, Suppl. 02):

Die Anordnung des Grabfeldes hat keinerlei Analogien in Europa. Es besteht aus zwei Reihen von Gräbern mit großen Grabgruben, die in einem viereckigen Grabraum angeordnet sind. Das Gräberfeld ist eingeteilt in rechteckige Gräber, die über dem Erdboden markiert waren in vier Reihen entlang der Ost-West-Achse. (...) Ein bezeichnendes Charateristikum aller Gräber ist die Fülle von beigegebenen Gegenständen, einschließlich Waffen (Schwert, Langsax, Speerspitzen, Pickaxt der Chasaraen) im Fall der Männer und zahlreichem Schmuck (Ringe, Anhänger, Amulette, Kaptorga, Halsketten usw.) - im Falle der Frauen. Eine Vielzahl von Münzen fand sich, 67 Stücke in 58 Gräbern. Sie stammen aus dem Heiligen Römischen Reich, aus England, dem Reich der Premysliden und aus Polen. (...) Ein junger Krieger (E864/I) war mit drei jungen Frauen begraben; eine von ihnen war unter ihm platziert. (...) Auf einer Riemenzunge (strap-end) befindet sich ein Zweizack, das Tamga (Stammeszeichen) des Prinzen Swjatopolk I. (1015-1019) des Angeklagten - Sohn von Wladimir dem Großen und Ehemann einer Tochter des polnischen Königs Boleslaw I., des Tapferen.
Original: The layout of the cemetery has no analogies in Europe. It is formed of rows of graves with large burial pits placed in quadrangular burial spaces. The burial field is divided into rectangular sepulchral spaces, marked on the surface and arranged into 4 rows oriented along the east-west axis. Some of these plots are adjacent, especially those in the northern row with the shape of a trapezium narrowing down  to  the  east. (...)  A characteristic feature of all the burials here is the bountiful  presence  of  a  range  of  items,  including  weapons  (sword,  langsax,  spearhead,  Khazarian-type pickaxe) – in the case of men, and numerous ornaments (rings, pendants, amulets, kaptorgas, necklaces, etc.) – in the case of women. There are abundant coins: 67 items from 58 graves. These relate to the Holy Roman Empire, England, the Premyslid State and Poland. (...) A young warrior (E864/I) buried together with three young women; one of them was placed below him. (...) On the strap-end there is a bident - the tamga of Prince Sviatopolk the Accursed (1015-1019) - son of Vladimir the Great and husband of a daughter of Polish king Boleslav I (the Brave).

Um was es sich bei der hier erwähnten Kaptorga handelt, findet sich in einem Video aus dem letzten Jahr erläutert anhand einer Replik der in Bodzia gefundenen (8). Der hier erwähnte Swjatopolk I. (978/9-1019) (Wiki) war bis 1019 Fürst von Turow und danach Großfürst von Kiew. Er war mit einer Tochter des legendären polnischen Herrschers Bolesław I. des Tapferen (965/7-1025) (Wiki) verheiratet. Das heißt, die Gräber dürften aus der Mitte des 11. Jahrhunderts stammen. Die Wirtel eines Frauengrabes war aus wolhynischem Schiefer gearbeitet. Und so ließe sich sicherlich noch eine Fülle von spannenden Einzelheiten zu diesen Ausgrabungen nennen. Auf Wikipedia ist festgehalten (Wiki):

Es finden sich Grabrituale und -beigaben der Kiewer Rus, skandinavischer, angelsächsischer, friesischer und khasarischer Herkunft. Die multikulturelle Natur dieses Gräberfeldes und die Nähe zur Handelsroute der Weichsel legen nahe, daß es sich um eine ausländische Handelssiedlung handelt, die die Ostsee mit dem Byzantinischen Reich verband.
Original: Artefacts uncovered in the site were mostly of foreign origin, which is atypical of other sites in the area. (...) The site demonstrates burial rituals and artefacts of Kievan Rus, Scandinavian, Anglo-Saxon, Frisian and Khazar origin. The nature of multiculturality at the site, and proximity to the Vistula River trade route, indicates that it was perhaps a foreign trade settlement connecting the Baltic to the Byzantine Empire.

Skelette von diesem Ausgrabungsort jedenfalls gewährten den ersten Blick in die genetische Herkunft des frühmittelalterlichen Hochadels von Polen (siehe oben). - 2006 wurde übrigens eine Fahrt nachgestellt in einem nachgebauten Wikingerschiff von Danzig die Weichsel, den Bug und den San mit Segelkraft aufwärts bis zur heutigen polnisch-ukrainischen Grenze (9). Dort wurde das Boot - wie vermutlich einstmals ebenso von den Wikingern - auf dem Landweg übergesetzt, um auf dem Oberlauf des Dnjestr wieder ins Wasser gelassen zu werden und dann mit der Strömung bis hinunter nach Odessa, bis ins Schwarze Meer zu rudern und zu segeln. Die landschaflichen Eindrücke dieses Filmes (9) sind höchst bemerkenswert, ebenso die sehr authentischen Eindrücke davon, mit welchen Schwierigkeiten die Wikinger zu tun gehabt haben müssen bei solchen Fahrten die Flußläufe auf- und abwärts.

Das ist "Thor Heyerdal" auf eine ganz neue, unerwartete Weise in einer Region und in Beschäftigung mit einer geschichtlichen Zeit und einem Volk, die uns Deutsche und Polen viel näher stehen als das bei den Fahrten des Thor Heyerdal mit seiner "Kontiki" im Pazifik der Fall gewesen war. Die Wikinger wußten natürlich gut von dem sagenhaften Reichtum des Kaisers in Byzanz, von dem mehrmals in den Sagas erwähnt wird, daß ihm ein Besuch abgestattet worden ist von einem Wikinger aus Island. "Schild stieß an Schild - es ruderten Wikinger," so heißt es im berühmten Helgi-Lied und so wird auch einleitend und am Ende dieser Fernsehdokumentation gesungen (9).

Der hier befahrene Dnjestr war bis ins 18. Jahrhundert hinein der Grenzfluß seßhafter Völker westlich des Flusses gegenüber den Nomadenvölkern des "Wilden Feldes" östlich des Flusses (Wiki).

Die Wikinger in Wiskiauten im Samland

Auf der von uns eingestellten Karte (Abb. 9) (10) ist der bedeutende wikingische Siedlungsort Wiskiauten (Wiki) am südlichen Ende der Kurischen Nehrung an der Nordküste des Samlandes nicht eingetragen. Hier fanden sich 500 Grabhügel und Reste einer Siedlung. Entsprechend gibt auch diese Karte noch nicht vollgültig den Forschungsstand wieder. Aber immerhin läßt sie die weitreichenden Verbindungen der Wikinger erahnen.

Abb. 10: Herkunftsgruppen der Iren und Schotten, sowie der Bewohner der Orkney's und der Shetland-Inseln. Sie stammen ab von Engländern (hellrot), Walisern (grün-braun), Schotten (grün), Dänen (hellblau), Schweden (blau) und Norwegern (lila) (aus: 24)

Der polnische Archäologe Władysław Duczko (geb. 1946) (Wiki), der ab 1990 als Professor in Uppsala tätig war, meint, vor allem Funde von Runenschriften gäben einem Siedlungsort aus archäologischer Sicht den Charakter einer Wikingersiedlung.

Die Wikinger in Kalthaus (bei Kulm) an der Weichsel

Er stochert ja in der Zeit vor der Archäogenetik diesbezüglich noch im Nebel wie es die Archäologen seit mehr als einhundert Jahren taten (11):

Der einzige Ort außer Wollin und Cammin in Pommern mit Runenfunden ist Kalthaus nahe der Weichsel, wo zwei Fundstücke aus der Siedlung - ein Spielstück und ein .... - Inschriften trugen, die norwegische Schrift repräsentieren. In Kalthaus sind auch einige Waffen und Gräber des norwegischen Typus gefunden worden, welche nahelegen, daß wir nach den Besitzern dieser Runen-beschriebenen Objekte unter den Norwegern suchen sollten, die hier lebten.
Original: The only place in Poland with runic finds, except Wolin and Kamień Pomorski, is Kałdus, near the Vistula River, where two artefacts from the settlement, a gaming piece and a cross-pendant, had inscriptions representing Norse writing (cf. W. Chudziak in this volume). Some weapons and burials of Norse type have also been found in Kałdus, which indicate that we should search for the owners of the runic objects among the Norsemen living here.

Der hier erwähnte frühmittelalterliche Siedlungsort auf einer Anhöhe oberhalb der Weichsel in Westpreußen liegt im Norden des Dorfes Kalthaus (poln. Kałdus) (Wiki), drei Kilometer südwestlich von Kulm (Wiki):

Am Lorenzberg (Góra św. Wawrzyńca), einer Geländeerhöhung im Norden des Dorfes, entstand im frühen Mittelalter während der Herrschaft der Piasten eines der größten Wirtschafts- und Verwaltungszentren an der Weichsel. Seit 1996 durchgeführte archäologische Forschungen der Universität Thorn, die an seit dem späten 19. Jahrhundert vorgenommene Ausgrabungen anschließen, haben die Existenz einer nicht vollendeten frühromanischen Basilika aus der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts sowie große Gräberfelder, unter anderem mit Kammergräbern von Siedlern skandinavischer Herkunft, nachgewiesen.

Es wurde gefunden (Chelmno-Info):

"ein großflächiger Friedhof mit über 1500 Gräbern, die auf eine zahlreiche Einwohnerschaft unterschiedlicher Herkunft schließen lassen. Die Archäologen der Universität Thorn entdeckten unter anderem fünf Grabkammern, deren Konstruktion und Ausstattung davon zeugen, daß in ihnen Skandinavier beigesetzt worden sind. Prof. Chudziak geht davon aus, daß sich die Wikinger im Weichselgebiet zunächst vor allem als Händler betätigten und im Laufe der Entwicklung des Piastenstaates auch im Weichselgebiet ihre Dienste als Krieger anboten oder sogar Verwaltungsfunktionen übernahmen. In der Siedlung bei Kalthaus lebte zur Piastenzeit eine größere Gruppe von Personen skandinavischer Herkunft als Nachbarn der einheimischen Slawen."

Genauer gesagt lebten im Kulmer Land (Wiki) die Pruzzen, ein baltischer Volksstamm, der hier benachbart war zu südlichen polnischen Stämmen.

Die Wikinger in Pień an der Weichsel

Auch weichselaufwärts in Pień, zehn Kilometer nordwestlich von Bromberg, wurden Wikinger-Gräber gefunden.

Die Wikinger bei Mewe an der Weichsel

25 km südlich der Marienburg an der Nogat hat es erst jüngst erneut Grabungen an einem wikingerzeitlichen Gräberfeld gegeben (25) nahe des vormals deutschen Dorfes Warmhof bei Mewe an der Weichsel (Polnisch "Ciepłe" bei "Gmina Gniew"). Hier haben deutsche Archäologen schon vor mehr als hundert Jahren gegraben (26). (1920 wurde diese Gegend als Teil des sogenannten "Polnischen Korridors" an Polen abgegeben.)

Die Wikinger in Sandomir an der Weichsel

Sandomir wurde um 970 dem entstehenden polnischen Staat eingegliedert. Hier wurden 2013 bis 2015 die bislang ältesten Gräber aus der Zeit um 1000 n. Ztr. erforscht. Sie weisen viele ausländische Merkmale, bzw. Wikinger-Merkmale auf, unter anderem (1; Suppl. 02):

eine Axt aus Grab Nr. 7, die am ehesten Entsprechungen in Funden aus Gräbern der Waräger und Rus in Osteuropa findet. (...) Die Ausrüstungsteile (hufgeformte Bronzebuckel, Äxte, als Feuerstangen genutzte Schlüssel) und die Form der Gräber legen nahe, daß in diesem Gräberfeld ebenso Waräger und Rus bestattet worden sind. 
Original: an axe from grave No. 7, which has the closest analogy to the finds from the cemeteries of the Varangian and Rus’ cemeteries from Eastern Europe. (...) The equipment  elements  (horseshoe-shaped bronze buckles, axe, key used as firesteels) and the form of the graves might indicate that the Varangians and Rus' people were also buried in the cemetery.

Leider haben die hier sequenzierten Skelette zwar Y- und mitochondriale Haplotypen erbracht, aber konnten nicht für Gesamtgenom-Sequenzierung aufbereitet werden.

Die Wikinger in Zehden an der Oder

Zehden (Wiki) (polnisch Cedynia) liegt auf der rechten Seite der Oder nördlich des Oderbruchs. Über die Geschichte dieses Ortes im Früh- und Hochmittelalter ist bekannt (Wiki):

Am 24. Juni 972 fand bei dem Ort die Schlacht von Zehden statt, in der Czcibor, Bruder des Piastenherzogs Mieszko I., die Truppen des Lausitzer Markgrafen Hodo schlug. Zu dieser Zeit wurde der Ort noch Cidin genannt. Um 1187 befand sich bei Zedin wahrscheinlich eine pommersche Burg. Bereits vor dem Übergang des Ortes an die Mark Brandenburg unter den Askaniern um 1250 bestand eine deutsche Siedlung städtischen Charakters, ein Oppidum. Markgraf Albrecht III. belehnte 1299 die von Jagows mit dem Oppidum, die es 1356 dem Zisterzienserinnenkloster in Zehden, das schon im 13. Jahrhundert seinen Sitz von Schönfließ in den Ort verlegt hatte, überließen. Im 14. Jahrhundert war Zehden ein Mediatstädtchen mit Ratmannen, Schultheiß und Schöffen. 

Und hier in Zehden nun wurden über 1.300 mittelalterliche Gräber entdeckt (1; Suppl. 02). Das Grab 558 nahe der Kirche unterschied sich von allen anderen Gräbern. Der ihm beigegebene Schwerttyp wurde um 1100 herum benutzt. Aber auch das Gesamtgenom dieses Skeletts konnte nicht gewonnen werden.

Die Wikinger in Czersk in Westpreußen

Die Stadt Czersk (Wiki) gehörte bis 1920 zum Landkreis Konitz (Wiki) in Westpreußen. Sie gehörte zur Kaschubei, wo bis 1234 bis zu seinem Aussterben das Geschlecht der Samboriden (Wiki) herrschte, und die 1309 vom Deutschen Orden gewonnen wurde (OME-Lexikon). Im Landkreis Konitz lebten 1910 28.000 evangelische Deutsche und 35.000 katholische Polen und Kaschuben. Der Landkreis Konitz kam 1920 aufgrund des Versailler Vertrages als Teil des sogenannten "Korridors" an Polen. In der Nähe der Kirche der Stadt Czersk nun findet sich ein Grab aus der Zeit um 1100 n. Ztr. mit wikingischen Bezügen (1; Suppl. 02):

Einige Forscher interpretieren Grab 609 als das Grab von Magnus Haroldson, einen der drei Söhne von Harald II. Godwinson, dem letzten angelsächsischen König von England.

Harald Godwinson (1022-1066) (Wiki) ist jener König, der die berühmte Schlacht bei Hastings gegen die Normannen unter Wilhelm dem Eroberer am 14. Oktober 1066 verloren hat und dabei auf dramatische Weise gefallen ist. Seine Verwandten mußten ins Exil gehen. Und seine Tochter Gytha heiratete vier Jahre später den Großfürsten von Kiew Wladimir Wsewolodowitsch Monomach (1113-1125). Wenn man sich deutlich macht, daß damals solche weitreichenden Heiratsverbindungen möglich waren, wird die Geschichte des Einflusses der Wikinger auf den Hochadel der entstehenden slawischen Staaten in Rußland, Polen und Böhmen besser verständlich.

Die Wikinger in Krakau an der Weichsel

Ein Gräberfeld auf einer Sanddüne am Ufer der Weichsel nahe von steil abfallenden Felsen bei Krakau-Zakrzówek enthielt mehr als 75 Gräber (1; Suppl. 02). Grab 19 hatte eine zentrale, hervorgehobene Lage, die Knochen erbrachten aber keine auswertbare DNA, hingegen die Knochen eines gewöhnlichen Grabes, das einen Wetzstein enthielt.

Die Wikinger in Schlesien und Böhmen

Auf der Karte in Abbildung 8 sehen wir reiche arabische Münzfunde dieser Zeit sowohl in Schlesien wie in Böhmen. Deshalb ist es naheliegend anzunehmen, daß auch hier zahlreiche Wikinger als Handelsherren und Krieger unterwegs gewesen sind. 1928 wurde auf der Prager Burg an prominenter Stelle ein Grab aus dem 10. Jahrhundert entdeckt, von dem die deutsche archäologische Forschung sehr bald annahm, daß es sich um ein Wikingergrab handeln würde (3-6).

Dieses Forschungsergebnis geriet dann aber sehr schnell in die Mühlen der ideologischen Auswertungen der Zeitläufe vor und nach 1945, die auf ähnlicher Linie lagen wie jene schon erwähnten, die bis heute seit der Sowjetunion fortdauern. Der Autor dieser Zeilen weiß noch, wie Professor Gotthold Rhode (1916-1990)(Wiki), Mainz, Verfasser einer viel gelesenen "Geschichte Polens" und zugleich bekannter Vertreter der deutschen Volksgruppe aus der Provinz Posen, ein oder zwei Jahre vor seinem Tod im Historischen Seminar in Mainz über die Annahme, daß das Königreich Polen von den Wikingern gegründet worden sei, sprach: geradezu liebevoll aus- und abwägend, um nur ja einerseits sowohl dem polnischen Nationalgefühl und andererseits dem wissenschaftlichen Anspruch Rechnung zu tragen.

Inzwischen hat sich bezüglich all dieser Fragen so viel getan in der Forschung, daß es wirklich an der Zeit wäre, daß dazu einmal ein guter deutschsprachiger Überblick gegeben würde. In der Zusammenfassung einer ganz neu erschienenen wissenschaftlichen Studie zu dem prominenten Grab auf der Prager Burg wird ausgeführt, daß insbesondere aussagekräftige Grabbeigaben "bemerkenswerte Ähnlichkeit aufweisen mit anderen skandinavischen Exemplaren"*). Damit gibt es also weiterhin Hinweise darauf, daß das Herzogs- und Königshaus der Premysliden (Wiki) von Menschen begründet wurde, die kulturell und durch Heiratsverbindungen in wikingischen Zusammenhängen standen.

Vorläufiger Abschluß

Die bis hier nur sehr ausschnittsweise angeführten  Angaben zu neueren archäologischen Forschungsergebnissen wecken die Neugier, noch viel mehr zu erfahren über den gesamten Wissensstand der weitreichenden Handels-, Kriegs- und Heiratsverbindungen, sowie der Lebensweise der Wikinger zwischen England und Kiew (Wiki) (s.a. 12-18). Auch die vergleichsweise umfangreich vorliegenden Schriftquellen werden einem hier noch viele Einsichten bescheren können. 

Man wird vielleicht vergleichsweise so sagen können: Während im Mittelalter alle paar Jahre ein deutscher König über die Alpen nach Rom zog, um sich dort zum Kaiser krönen zu lassen und unbotmäßige Städte in Norditalien zur Raison zu bringen, zogen alle paar Jahre Gruppen von Wikingerschiffen als angesehene Delegation des Hochadels von Kiew an den Königshof von England oder vom Königshof in England nach Kiew, bzw. an zahlreiche andere Königs- und Herzogshöfe auf halbem Weg zwischen diesen beiden Endpunkten. Indem wir den weiten Bewegungsraum der Wikinger dieser Zeit auf uns wirken lassen, verstehen wir vielleicht auch besser, warum damals die Deutschen einen solchen "Drang" hatten, ständig aufs Neue nach Italien zu ziehen. Es war einfach der Geist der Zeit. Der Adel und die Handelsleute saßen einfach nicht allzu gerne allzu lange ruhig zu Hause.

Und so dicht wie die politischen, religiösen und Handelsverbindungen über die Alpen hinweg im Früh- und Hochmittelalter waren, so waren sie es eben auch von Kiew und von der Wolga bis nach England. Und so wird immer mehr Interessierten bewußt (Forum Biodiversity 2.9.2019):

Wikingerfrauen in Osteuropa stammten unter anderem aus adligen norwegischen Familien, die Waräger-Herrscher in Osteuropa heriateten. So wie die Heilige Olga, bzw Helga von Kiew, Rogneda von Polotsk (Ragnhild ist ein Name, der auch im modernen Island gebräuchlich ist). Rogneda war die Großmutter der französischen Königin Anne von Kiew.
Original: We had female Vikings in eastern Europe, but those were from noble Norse families who married Varangian rulers in eastern Europe. Such as saint Olga of Kiev (Helga), Rogneda of Polotsk (Ragnhild - the name is found in modern Iceland). Rogneda was grandmother of French queen Anne of Kiev. 

Und vielleicht gilt für den frühmittelalterlichen Hochadel Polens, Pommerns oder Estlands, was für den frühmittelalterlichen Hochadel Rußlands galt (Wiki):

Die Rus stellten zunächst den Großteil der Adels-, Händler- und Kriegerschicht des Staates. Die dominierende Kultur und Sprache war (dennoch) Slawisch.

Spannend könnte auch die Frage sein, ob sich im Uradel des Baltikums, Preußens, Pommerns oder Schlesiens auffälligere Wikinger-Herkunfts-Anteile finden lassen. Der Autor dieser Zeilen stammt zum Beispiel - über die livländische Adelsfamilie von Samson-Himmelstjerna - von einer vormals bekannten baltischen Adelsfamilie ab, die den dort sehr einheimisch klingenden Namen "von Patkul" trug (Wiki). (Allerdings stellt dieser Zweig seiner Herkunft nur einen sehr geringen Anteil seiner Gesamtherkunft dar.) Aber Menschen, deren Eltern und Vorfahren bis heute innerhalb der Adelsfamilien des Ostseeraumes geheiratet haben, könnten vielleicht einmal den Herkunftsanteil der Wikinger in ihrem Gesamterbgut bekannt machen. Das sollte doch auch so manchem Historiker interessant erscheinen und könnte zur Klärung von so mancher, seit einem Jahrhundert umstrittenen Frage beitragen. Aber natürlich hatten nicht nur Adelsfamilien Wikinger-Gene. Und da die Schweden auch nach dem Mittelalter im südlichen Ostseeraum noch Nachkommen zurück gelassen haben, muß man natürlich auch schauen, ob man diese beiden Herkunftsanteile heute noch voneinander trennen kann.

Natürlich stellt sich auch die Frage, warum die Wikinger insgesamt so faszinieren können. Aber wenn wir uns spektakuläre Schiffsbegräbnisse wie die beiden seit 2008 auf der Insel Ösel entdeckten anschauen und es zusammen halten mit der altnordischen Saga-Überlieferung, brauchen wir eigentlich nicht allzu lange zu fragen: Diese Menschen führten ein Leben von einem sehr eigenen Zuschnitt. Und an ein solches Leben zu erinnern, erinnert uns an Wesensmerkmale, an Persönlichkeitsmerkmale, die durch nachherige Kulturentwicklungen sehr stark, womöglich viel zu stark in den Hintergrund gedrängt wurden, denn - wie es in einem altnordischen Schriftdokument heißt:

"An engem Strand, an enger See wird eng des Menschen Sinn."
Original (ungefähr, der Erinnerung nach zitiert): "Littilla sanda, littilla saeva, littil ero ged guma."

Ergänzung 22.10.2020: Im aktuellen DGUF-Newsletter heißt zu der in diesem Blogbeitrag ausgewerteten Studie unter anderem (zusammen mit vier Literaturangaben) (28):

Bei der Sequenzierung der Genome von 34 Individuen einer Wikingerbestattung in Salme, Estland, gab es eine Überraschung: Dem Team gelang es, vier Brüder zu identifizieren, die nebeneinander bestattet worden waren. Aber es bleiben auch Rätsel: In den Wikingersiedlungen in Amerika konnten bisher keine sequenzierbaren menschlichen Skelettreste gefunden werden. Die Debatte hingegen um die Rolle der Wikinger bei der Staatengründung in Russland – ein politisch heißes Eisen – kann nun auf einer neuen Datenbasis geführt werden.

"Population genomics of the Viking world" (Nature 585, Issue 7825, S. 390–396, 17.9.): https://doi.org/10.1038/s41586-020-2688-8

"Viking voyagers" (Nature 585 Issue 7825, 17.9.): https://www.nature.com/nature/volumes/585/issues/7825

"'Viking' was a job description, not a matter of heredity, massive ancient DNA study shows" (Science 16.9.): https://www.sciencemag.org/news/2020/09/viking-was-job-description-not-matter-heredity-massive-ancient-dna-study-shows

"DNA-Studie zu den Wurzeln der Wikinger: Weder blond noch skandinavisch" (National Geographic, 17.9.): https://www.nationalgeographic.de/geschichte-und-kultur/2020/09/dna-studie-zu-den-wurzeln-der-wikinger-weder-blond-noch-skandinavisch


/ Ergänzt durch Ausführungen 
zum Thema Sklavenhandel: 5.10.2019;
Text neu gegliedert, neuer Titel, 
neue Zwischenüberschriften: 26.12.2019 /
________________________ 
*) Im Original: "... the fire-steel. A standard item of Viking personal equipment, the shape of the Prague Castle example is different from others found in Bohemia. Although corrosion complicates identification (the original was lost in the Prague floods of 2002), the surviving drawings show the artefact to be remarkably similar to other Scandinavian examples. Furthermore, as noted above, the trefoil extensions resemble those found on axes from Gotland and Öland". 
___________ 
  1. Population genomics of the Viking world. Ashot Margaryan, Daniel John Lawson, Martin Sikora, (...) Kristian Kristiansen, Rasmus Nielsen, Thomas Werge, Eske Willerslev. bioRxiv 703405; Preprint, 17.7.2019, doi: https://doi.org/10.1101/703405,  https://www.biorxiv.org/content/10.1101/703405v1.supplementary-material
  2. Bading, Ingo: Polygenetische Risikofaktoren vor 1000 Jahren, 20.7.2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  3. Saunders, N. J., Frolík, J., & Heyd, V. (2019). Zeitgeist archaeology: conflict, identity and ideology at Prague Castle, 1918–2018. Antiquity, 93(370), 1009–1025. doi:10.15184/aqy.2019.107, url to share this paper: sci-hub.tw/10.15184/aqy.2019.107
  4. https://phys.org/news/2019-08-evidence-contested-identity-medieval-skeleton.html 
  5. https://www.foxnews.com/science/mysterious-medieval-skeleton-at-prague-castle-reveals-its-secrets
  6. Storch: Wikinger auf dem Hradschin? Wittikobund 2017 (pdf)
  7. https://www.polish-online.com/polen/staedte/gnesen-mieszko-I-wikinger.php 
  8. Was ist eine Kaptorga?, Kaptorga - Visual History, 14.06.2018, https://youtu.be/vvCGvzdN0cQ
  9. Bucka, Malgorzata: Auf den Spuren der Wikinger (360° - GEO Reportage). Dokumentation einer Bootsfahrt von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer im Jahr 2006; veröffentlicht 2018, https://youtu.be/Zsj8iSV3nQE
  10. Buko, Andrzej: Bodzia - A Late Viking-Age Elite Cemetery in Central Poland (East Central and Eastern Europe in the Middle Ages, 450-1450, Band 27) Brill Academic, 2014 (GB)
  11. Duczko, Władysław: With Vikings or without? Scandinavians in Early Medieval Poland. Approaching an old problem. In: Scandinavian Culture in Medieval Poland, ed. S. Moździoch, B. Stanisławski, P. Wiszewski, Reihe Interdisciplinary Medieval Studies t. II, Wrocław 2013 (Academia)
  12. Rohrer, Wiebke: Wikinger oder Slawen? Die ethnische Interpretation frühpiastischer Bestattungen mit Waffenbeigabe in der  deutschen und polnischen Archäologie. [Studien zur Ostmitteleuropa-Forschung 26] Verlag Herder-Institut Marburg 2012 [Diss. 2010, Universität Freiburg] (pdf)
  13. Duczko, Władysław: Viking Rus. Studies on the presence of Scandinavians in Eastern Europe, kolekcja History, seria The Northern World, Bd. 12. Brill, Leiden, Boston 2004 (praca habilitacyjna) (GB)
  14. Martin M.: Reiches wikingerzeitliches Gräberfeld in Polen, 21. Dezember 2011, http://www.nornirsaett.de/ratselhaftes-wikingerzeitliches-graber-in-polen/
  15. Chudziak, Wojciech: Remarks on particular material traces of Scandinavian culture in Pomerania. In: Scandinavian Culture in Medieval Poland, ed. S. Moździoch, B. Stanisławski, P. Wiszewski, Reihe Interdisciplinary Medieval Studies t. II, Wrocław 2013 (Academia) 
  16. Buko, Andrzej: Vortrag in polnischer Sprache über Bodzia: Elity społeczne państwa pierwszych Piastów? (przykład odkryć na cmentarzysku w Bodzi k. Włocławka). Mai 2013, https://youtu.be/NGq3tF4Xt5g
  17. Duczko, Władysław: Status and Magic. Ornaments used by the Bodzia Elites, w: Bodzia. A Late Viking-Age Elite Cemetery in Central Poland, wyd. Brill, Leiden–Boston 2015
  18. Wikingerpark auf der Insel Wolin in Polen - am Ufer der Dziwna. Ein Travelnetto-Video, 02.09.2016, https://youtu.be/8dgmq-HMSy8
  19. The genetic landscape of Scotland and the Isles. Edmund Gilbert (...) Gianpiero L. Cavalleri, James F. Wilson. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Sep 2019, 201904761; DOI: 10.1073/pnas.1904761116
  20. Vikings in Medieval Russia. By Natalia Grigoreva and Vyacheslav Moiseyev / Gnezdovo, Russia. By Tamara Pushkina and Alexandra Buzhilova. Im Anhang 1 von (1) (pdf)
  21. Graichen, Gisela: Die Schatzinsel der Wikinger. Reihe: Schliemanns Erben. ZDF 2003. Auf: mwiemeikel22, 07.04.2013, https://youtu.be/geUY3utqSpI  [tolle Dokumentation zu Bornholm, Ladoga-See und anderen Ausgrabungen in Rußland]
  22. In The Footsteps of Rurik. A guide to the Viking History of Northwest Russia. By Dan Carlsson and Adrian Selin. Books on Demand, Norderstedt 2012 (Academia) 
  23. Ancient genome-wide analyses infer kinship structure in an Early Medieval Alemannic graveyard  By Niall O’Sullivan, Cosimo Posth, Valentina Coia, Verena J. Schuenemann, T. Douglas Price, Joachim Wahl, Ron Pinhasi, Albert Zink, Johannes Krause, Frank Maixner. In:  Science Advances, 05 Sep 2018, https://advances.sciencemag.org/content/4/9/eaao1262
  24. The genetic landscape of Scotland and the Isles. Edmund Gilbert, Seamus O’Reilly (...) Gianpiero L. Cavalleri, James F. Wilson. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Sep 2019, 116 (38) 19064-19070; DOI: 10.1073/pnas.1904761116
  25. Szymon Zdziebłowski: Four Warriors Buried in 11th Century Tombs in Pomerania Came From Scandinavia, say Scientists. 21.01.2020, http://scienceinpoland.pap.pl/en/news/news%2C80395%2Cfour-warriors-buried-11th-century-tombs-pomerania-came-scandinavia-say-scientists; auch: https://www.archaeology.org/news/8372-200122-poland-chamber-tombs
  26. Schmidt, August: Das Gräberfeld von Warmhof bei Mewe, Reg-Bez. Marienwerder [W.-Pr.]. Zeitschrift für Ethnologie 34. Jahrg. 1902, pp. 97-153
  27. Douglas Price, T., Peets, J., Allmäe, R., Maldre, L., & Price, N. (2020). Human remains, context, and place of origin for the Salme, Estonia, boat burials. Journal of Anthropological Archaeology, 58, 101149. doi:10.1016/j.jaa.2020.101149
  28. Scherzler, Diana: Newsletter der Deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte (DGUF), 14.10.2020, https://dguf.de/newsletter/index.php/newsletter-archiv/listid-1/mailid-103-dguf-newsletter-vom-14-10-2020. 
  29. Vonderach, Andreas: The Anthropological Features of the East German Nobility. In: Mankind Quarterly, 1.6.2018, http://www.mankindquarterly.org/archive/issue/58-4/6 (Academia)
  30. Mühle, Eduard: Genese und frühe Entwicklung des Adels in polnischer Sicht. In: ders. (Hrsg.) Studien zum Adel im mittelalterlichen Polen. Harassowitz-Verlag, Wiesbaden 2012 (pdf)
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