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Donnerstag, 5. März 2026

Römer - Machtmenschen

Römische Skulpturen
- Die Darstellung von Ernst, Strenge und Würde, von Severitas und Gravitas

In diesem Blogartikel sollen römische Skulpturen zusammen gestellt werden, die uns bemerkenswert erscheinen. Einen vielleicht brauchbaren Überblick über die erstaunlich große Vielfalt an antik-römischen Skulpturen erhält man auf dem französischen Wikipedia (Wiki).

160 v. Ztr. - Der Sieger über die Makedonen

Denn wir stoßen immer wieder auf Skulpturen, die wir bislang gar nicht kannten oder über die wir zuvor auch gleichgültig hinweg gegangen sein mögen.

Abb. 1: Der Sieger über die Makedonen - Der römische Konsul Lucius Aemilius Paullus Macedonicus (229-160 v. Ztr.) (X)

1992 wurde am Stiefelabsatz von Italien bei Brindisi eine Bronzeskulptur aus dem Meer gefischt, die als der römische Konsul Lucius Aemilius Paullus Macedonicus (229-160 v. Ztr.) (Wiki) identifiziert worden ist. Diesem hat der griechische Historiker Plutarch auch eine Biographie in seinen berühmten "Doppelbiographien" gewidmet (s. Brindisi).

Lucius Aemilius Paullus Macedonicus siegte 168 v. Ztr. im Dritten Makedonischen Krieg endgültig über die Makedonen. Er ließ über hundert Städte in Aitiolien plündern und schickte über hunderttausend makedonische und griechische Sklaven nach Italien. Daß in dieser Zeit in größtem Umfang ostmediterrane Genetik nach Süditalien hinein kam, ist in den letzten Jahren auch durch die Archäogenetik festgestellt worden.

300 v. Ztr. - Er stürzte den letzten etruskischen König

Die berühmte Brutus-Skulptur stellen wir - entgegen der Chronologie - erst an zweite Stelle. Denn sie ist schon zu lange bekannt. Sie wurde schon zur Zeit der Französischen Revolution ab 1789 n. Ztr. gefeiert. Über diese Skulptur lesen wir (Wiki):

Der kapitolinische Brutus oder auch der Brutus vom Kapitol ist eine antike römische Bronzebüste, von der allgemein angenommen wird, daß sie Lucius Iunius Brutus darstellt, den legendären ersten Konsul der Römischen Republik. Die Büste, die als Prototyp des römischen Porträts gilt, befindet sich im Konservatorenpalast als Teil der Kapitolinischen Museen in Rom.

Über diesen Lucius Iunius Brutus († angeblich 509 v. Ztr.) (Wiki) gibt es nur sagenhafte Berichte, nichts historisch Gesichertes.

Abb. 2: Der Kapitolinische Brutus (Msdr)

Er soll maßgeblich an der Vertreibung des letzten etruskischen Königs Tarquinius Superbus im Jahr 509 v. Ztr. beteiligt gewesen sein. Die Königsherrschaft wurde dabei durch die römische Republik (libera res publica) abgelöst. Das war zehn Jahre vor Beginn der Perserkriege in Griechenland.

Schon die Mörder von Caesar (44 v. Ztr.) nahmen die Sage als Vorbild für ihre Tat, insbesondere Marcus Iunius Brutus, der als direkter Nachfahre des Republikgründers angesehen wurde.

30 v. Ztr. - Republikanische Büste

Diese Skulptur ist im Boston Museum of Fine Arts ausgestellt (1).

Abb. 3: Republikanische Büste, 30 v. Ztr., Boston Museum of Fine Arts (Fb2023)

Was man über sie weiß oder vermutet, werden wir nachtragen, so bald wir es in Erfahrung bringen. Wir möchten meinen: Ein Mensch - in den Erschütterungen seines Zeitalters.

1. Jhdt. v. Ztr. - Caesar

Auch was man über die folgende Skulptur weiß oder vermutet, werden wir nachtragen, sobald wir es in Erfahrung bringen.

Abb. 4: Portrait des Julius Caesar, 1. Jhdt. v. Ztr., Sparta. Archäologisches Museum von Sparta, Griechenland (Fotograf: George E. Koronaios) (Wiki)

Von allen überlieferten Portraits des Julius Caesar erscheint uns - als Laien - dieses Portrait als das authentischste, als das am wenigsten stilisierte.

30 n. Ztr. - Ein Stiefbruder von Julius Caesar

Ein Stiefbruder des Julius Caesar. 

Abb. 5: Lucius Calpurnius Piso Caesoninus Pontifex, 48 v. Ztr.-32 n. Ztr.; Bronze. Archäologisches Natioalmuseum Neapel (Fotograf: Marie-Lan Nguyen) (Wiki)

Dieser Lucius Calpurnius Piso Caesoninus Pontifex war Sohn des Besitzers der Villa dei Papiri in Herculaneum bei Pompeji und Neapel (NGA2015):

Hier klingt das Portrait der römischen Republik nach, das Tugenden der Severitas (Ernst, Strenge) und der Gravitas (Würde) verkörperte. Aber der expressive Ausdruck ist typisch für hellenistische Skultpuren.
This likeness harks back to portraiture of the Roman Republic that embodied the virtues of severitas (strictness) and gravitas (dignity), but its expressive power is distinctive of Hellenistic sculpture.

Was für Worte: "Tugenden der Severitas (Ernst, Strenge) und der Gravitas (Würde)." 

2. Jhdt. n. Ztr. - Venus Felix

Die Römer brachten - offenbar - den kühlen, abschätzigen Blick in die Kunst. Und zwar auch in die Darstellung des weiblichen Menschen. 

Abb. 6: Venus Velix mit ihrem Sohn Amor, Römische Skulptur 2. Jhdt. n. Ztr.

Hier eine Venus Velix mit ihrem Sohn Amor.

Abb. 7: Venus Felix mit ihrem Sohn Amor, 2. Jhdt. n. Ztr.

Jubelnde, überschäumende Lebensfreude spricht freilich nicht aus ihrem Gesicht. - So also sieht Glück aus, wenn ein Römer des 2. Jahrhunderts nach der Zeitrechnung dieses zur Darstellung zu bringen versucht. Das Abendland ist nicht weit. Es ist die Zeit des Historikers Tacitus.

200 n. Ztr. - Der römische Kaiser Septimius Severus

Die Bronzestatue des Septimius Severus (Wiki) wurde 1928 in Fragmenten in dem antiken Chytroi auf Zypern gefunden.

Abb. 8: Bronzestatue des römischen Kaisers Septimius Severus (146-211 n. Ztr.) (W), entdeckt 1928 auf einem Feld nahe des Dorfes Kythrea, wo sich die antike Siedlung Chytroi befand, seit 1976 restauriert zugänglich im Zypernmuseum Nikosia (DAllsop) (WikiCom) - Die glanzvollste Fotografie dieser Skulptur stammt von Peter Schickert (Lk) - steht aber leider unter Copyright

Sie wurde in das Cyprus Museum in Nikosia gebracht. Die Statue ist mit 2,08 Metern Höhe überlebensgroß. Sie gehört zu den nicht sehr zahlreich erhaltenen Bronzestatuen römischer Kaiser. Der Kaiser Septimius Severus regierte 193 bis 211 n. Ztr..

Frauenkopf aus Weiden bei Köln

In Weiden bei Köln ist ein Frauenporträt gefunden worden. 

Abb. 9: Porträt aus einem römerzeitlichen Grabmal in Weiden bei Köln (Wiki) - Eine Römerin oder eine germanische Ubierin? (Fotografin: Elke Wetzig)

Es könnte sich sowohl um eine Römerin handeln als auch um eine germanische Ubierin.

Skulptur aus Könighoffen im Elsaß, 3. Jhdt. n. Ztr.

Womöglich gehört in diese Reihe römischer Porträt- und Skulpturkunst auch eine Skulptur aus dem Elsaß aus dem 3. Jahrhundert (Abb. 10).

Abb. 10: Skulptur aus Könighoffen im Elsaß, 3. Jhdt. n. Ztr. (MusStrbg), entdeckt 1927, evtl. Porträt eines römischen Kaisers

Diese ist im Archäologischen Museum in Straßburg zu besichtigen.

Dieser Blogartikel soll nach und nach noch ergänzt werden.

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  1. Kosta Papadopoulos: Boston Museum of Fine Arts Unveils New Galleries for Ancient Greece, Rome and the Byzantine Empire (GreekTimes2021)

Sonntag, 7. Dezember 2025

Das Muschelhorn

Ein urtümliches Blasinstrument in der Menschheitsgeschichte

Muschelhörner (Wiki) - Muschelhörner? Was sind denn das für Dinger ... ? Auf jeden Fall ungewöhnlich anzusehen.  

Abb. 1: Muschelhorn-Bläserin - Eine Polynesierin von der Insel Raratonga (Cook Inseln) 

Auf solche Muschelhörner mag noch noch nicht jeder aufmerksam geworden sein. Wenn man sich mit ihnen ein wenig beschäftigt, wird man allerdings vertrauter mit ihnen und man erhält über sie auch einen tieferen Blick in die Geschichte menschlicher Kulturen.

In Europa mögen noch am bekanntesten sein die Waldhörner. Diese sind heute in der Regel aus Metall und auf ihnen können Naturtöne (Wiki) gespielt werden. Mit einem solchen Waldhorn hat auch die Trompeten-Karriere des Verfassers dieser Zeilen begonnen. Außerdem gibt es traditioneller Weise in Europa die unterschiedlichsten Arten von Hifthörnern (Wiki), Alphörnern (Wiki), oft Rinderhörner, Büffelhörner, sowie Natur- bzw. Holztrompeten (Wiki) unterschiedlicher Machart. Solche mögen zum Beispiel Schäfern, Hirten, Jägern oder Kriegern zur Lauterzeugung gedient haben.

Nun aber Muschelhörner! Auf diesen kann man in der Regel nur einen Naturton spielen, ggfs. kann er variiert werden. Und es gibt doch wahrhaftig auch mancherlei Menschen innerhalb der westlichen Kultur, die von klein auf gelernt haben, Muschelhörner zu spielen, zum Beispiel Menschen, die in Key West, an der Südspitze von Florida leben (Yt2013). Das ist ja auch nahe liegend,  wenn man in der Nähe von Meeresufern lebt, wo man leicht zum Sammler schöner, großer, auffälliger Muscheln werden kann.

In einer neuen archäologischen Studie lesen wir, daß die Schalen von Muscheln und Meeresschnecken schon seit der Eiszeit von Menschen zur Laut-Erzeugung genutzt werden, und daß sie im Neolithikum nicht nur in Meeresnähe, sondern auch zum Beispiel bis nach Mitteleuropa hinein verbreitet waren (1).

Auf dem deutschen Wikipedia findet sich ein schöner Überblick über die archäologischen und völkerkundlichen Erkenntnisse zur Nutzung und Verbreitung von Muschelhörnern (Wiki).

Solche wurden traditionellerweise zum Beispiel auch auf der Insel Raratonga in Polynesien verwendet (Abb. 1). Ebenso werden sie in der traditionellen koreanischen Musik verwendet. Hier heißen sie "Nagak" (Wiki). Man kann sie etwa bei der Wachablösung der Königlichen Garde an einem der königlichen Paläste in Seoul in Korea sehen und hören (Abb. 2) (Yt2024, Inst2024). 

Abb. 2: Muschelhorn-Bläser im Rahmen der traditionellen, täglichen Wachablösung der Königlichen Garde in Seoul, in Gyeongbokgung, bei einem der königlichen Paläste (Wiki)

Auf Englisch werden Muschelhörner "Conch", bzw. "Conch Shell Horn" genannt. Mit einem solchen Muschelhorn können Signale gegeben werden oder es kann urtümlicher Lärm gemacht werden.

Manche Menschen sprechen dem Anhören und auch dem Blasen solcher Muschelhörner heilende, wohltuende Wirkung zu. Es scheint, als ob der Mensch in den unterschiedlichsten Kulturen Muschelhörner auch im Zusammenhang mit religiösen Ritualen verwendet hat. Gehen wir einige Beispiele chronologisch durch. 

Pyrenäen (17.000 vor heute)

In der Höhle Marsoulas (Wiki), gelegen in den französischen Pyrenäen, fand sich - neben Höhlenmalerei aus der Zeit des Magdalenien - auch ein Muschelhorn aus der Zeit um 17.000 v. Ztr. (ScMag2021). In einem Bericht darüber wird auch eine Hörprobe gegeben (NPR2021).

Katalonien (um 4.000 v. Ztr.)

In der genannten neuen Studie aus diesem Jahr 2025 werden zwölf Muschelhörner aus dem Mittelneolithikum Kataloniens behandelt aus der Zeit um 4.000 v. Ztr. (1).

Das ist die Zeit der ersten hierarchisch gegliederten Staaten, Fürstentümer und Königreiche in Europa.

Minoische Kultur (1.600 v. Ztr.)

Im Zusammenhang mit der minoischen Kultur fanden sich auf Kreta Muschelhörner oder Nachbildungen von Muschelhörnern aus Ton (Resg2013).

Mykene (1.600 v. Ztr.), Ninive und Hesiod (700 v. Ztr.) 

Naheliegend, daß Muschelhörner dann auch in Mykene genutzt wurden. Ein solches fand sich in Gräbern aus der Zeit um 1600 v. Ztr.. Und zwar sogar in Ton nachgebildet (Wiki):

Ein Ton-Schneckenhorn nach dem Vorbild einer Charonia variegata wurde im Gräberrund A der altgriechischen Stadt Mykene aus dem 16. Jahrhundert v. Ztr. gefunden.

Muschelhörner finden auch Erwähnung bei dem griechischen Dichter Hesiod, der um 700 v. Ztr. gelebt hat. 

 

Nach diesem ist Triton (Wiki) ...

... ein Gott am Meeresgrund, der im goldenen Palast seiner schönen Mutter Amphitrite und seines Vaters Poseidon wohnt. Er wird als schreckenerregend und mit seinem Schneckenhorn als Frauenverführer beschrieben. Auf Darstellungen erscheinen neben den Tritonen mit fischartigem Unterkörper gelegentlich auch Tritoninnen, die sich aber meist wie Nereiden verhalten und mit den Tritonen durch die Meere schwimmen. 

Auf diesen Hesiod gehen dann offenbar die unzähligen Tritonen-Darstellungen der europäischen Barock-Malerei und -Bildhauerei zurück, von denen wir weiter unten einige Beispiele bringen. 

Aus der Zeit um 700 v. Ztr. fand sich ein Schneckenhorn auch in Ninive, der damaligen Hauptstadt von Assyrien.

Pompeji (79 n. Ztr.)

Weiterhin lesen wir über Pompeji (Wiki): 

In den Trümmern (...) wurden 52 Schneckenhörner der Art Charonia lampas gefunden, neun weitere in Herculaneum und ein Exemplar im gleichfalls verschütteten Nachbarort Boscoreale. Nicht bei allen war die Spitze abgebrochen, aber ein großer Teil dürfte als Blasinstrument verwendet worden sein. Bei vier Hörnern ist die Anblasöffnung sorgfältig geglättet und zu zwei weiteren gehört ein Mundstück aus Bronze. Auf zwei Mosaiken aus Pompeji sind ebenfalls Schneckenhörner zu sehen.

Und (Wiki):

In den Metamorphosen des römischen Dichters Ovid hat (...) die Sintflut alles Land mit Wasser bedeckt, aus dem nur noch der Gipfel des Parnass herausragt. Dort blieben als einziges Menschenpaar Deukalion und Pyrrha am Leben. In dieser Situation bat der römische Meeresgott Neptun den Triton, aus der Tiefe des Meeres aufzusteigen und die Wassermassen mit seinem Schneckenhorn zurückzurufen. Mit diesem machtvollen Signal, das bis in alle Weltgegenden zu hören war, wies Triton die Fluten an, sich zurückzuziehen, damit das Land wieder hervortreten konnte. Das Schneckenhorn wird als so mächtig geschildert, daß sein Ton das Schicksal der Menschen zu entscheiden vermag. Von seiner mit dem Meer und mit Göttern verbundenen magischen Rolle, die dem Schneckenhorn bei Seefahrern zukam, übertrug sich die rituelle Bedeutung auf andere Zusammenhänge. Die magische Schutzfunktion neben der Signalwirkung zeigt sich noch bei der Verwendung als Kriegstrompete in der Antike. Auf Latein nannte man das Schneckenhorn bucina marina („Horn/Trompete des Meeres“) nach dem Namen bucina, den die Römer allgemein für Naturtrompeten aus Metall verwendeten.

Das Schneckenhorn spielt auch im indischen Bereich eine Rolle, so daß man schlußfolgern könnte, daß es auch schon bei den Urindogermanen eine Rolle gespielt hat. 

Abb. 3: Peter Paul Rubens (1577-1640) - Triton und Nereide

Seit der Barock-Zeit ist das Muschelhorn im Zusammenhang mit dem Triton-Mythos ein beliebtes Motiv in der Malerei und Bildhauerei geworden.

Meistens sind das Muschelhorn und der Muschelhorn-Bläser nur schmückendes Beiwerk. Vielleicht werden sie von den Künstlern als zusätzlicher Hinweis genutzt auf die Naturhaftigkeit des Menschen, auf die Triebhaftigkeit, auf die Verführbarkeit.

Vielleicht verstärkt das Muschelhorn auch den Rückblick aus einer schon zivilisierter gewordenen Welt in eine Welt, die einem "triebhafteren" Urzustand noch näher stand. 

Abb. 4: Neptun und Triton (Wiki) - Entstanden 1622/23 - Frühe Skulptur des italienischen Bildhauers Gian Lorenzo Bernini (1598-1680 (Wiki), heute im Victoria und Albert-Museum in London - Ursprünglich geschaffen für einen Brunnen in Rom

Auf das Motiv greifen zurück: Raffael in seinem berühmten Gemälde Galathea, Peter Paul Rubens (s. Abb. 3), der italienische Bildhauer Bernini (s. Abb. 4), der italienische Maler Sebastiano Ricci (s. Abb. 5). 

Auch der italienische Bildhauer Giacomo Antonio Ponsonelli (1654–1735) (Wiki) hat in Valencia einen sehr schönen Tritonen-Brunnen geschaffen, in der das Muschelhorn sozusagen den Mittelpunkt bildet (WikiC).

Abb. 5: "Triumph der Meeresvenus" des italienischen Malers Sebastiano Ricci (1659-1734), entstanden um 1713, Getty Museum (Wiki) - Ausschnitt

Seit 1732 entstand der Trevi-Brunnen in Rom, der dieses Motiv verwendet (Abb. 6). Und so könnten noch unzählige weitere, herrliche Beispiele gebracht werden (Überblick: FineAmerica).

Überall wo der Meeresgott Triton, Nereiden oder die Meeresvenus als Motive der Maler auftreten, sind solche Muschelhörner nicht weit. 

Wir wissen aber jetzt, daß diese Muschelhörner gar nichts Ausgedachtes der Maler oder Bildhauer waren, sondern daß sie auf uralte Traditionen in menschlichen Kulturen weltweit zurück gehen, in Europa bis zurück in die Zeit der Eiszeit-Jäger. 

Abb. 5: Trevi-Brunnen in Rom (1732-1762) (Wiki)

Und wir hatten noch nicht erwähnt, daß das Muschelhorn auch im vorkolumbianischen Amerika verbreitet war.

Das Motiv der Tritonen, die auf Schneckenhörnern blasen, blieb beliebt bis hin zu solchen deutschen Malern wie Arnold Böcklin oder Hans Thoma.

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  1. López-Garcia M, Díaz-Andreu M. Signalling and music-making: interpreting the Neolithic shell trumpets of Catalonia (Spain). Antiquity. 2025;99(408):1480-1497. doi:10.15184/aqy.2025.10220 (Antiquity2025)

Donnerstag, 25. September 2025

Der Sieg über die Galater (228 v. Ztr.)

Die zahlreichen antiken Skulpturen zum Thema "Sterbender Gallier" - Wie entstanden sie?

Der keltische Stamm der Volker (Wiki) stammte aus der Gegend zwischen Obermain-Tal und Thüringer Wald. Seine Südwanderung vollzog sich hundert Jahre vor derjenigen der "Kimbern und Teutonen". So bedrohlich wie die Kimbern und Teutonen hundert Jahre später den Römern erschienen sind, so bedrohlich sind schon die Volker hundert Jahre zuvor den Griechen in Delphi in Griechenland und in Pergamon in Kleinasien erschienen.

Abb. 1: Gefallener Galater (Archäol. Nationalmuseum Venedig) (Tour) - Römische Mamorkopie einer Skulptur des Weihgeschenks der Attaliden an Athen

Die Volker dürften auf dem Staffelberg und dem benachbarten Dornig Siedlungszentren gehabt haben. Dort gibt es Grab- und Siedlungsfunde seit der Bronzezeit (Stg2019). Natürlich auch anderwärts in Oberfranken und Thüringen.

Sie dürften damit Nachkommen der keltischen Urnenfelderkultur (der "Goldhut-Kultur") gewesen sein, die sich um 1200 v. Ztr. vom heutigen Serbien aus bis an das Schlachtfeld der Tollense in Mecklenburg, bis nach Großbritannien, bis nach Nordwestspanien und bis nach Norditalien ausgebreitet hat (Stg2025). Angehörige dieser Kultur kamen vermutlich vierhundert Jahre später auch bis zum Königsgrab von Seddin im nördlichen Brandenburg (Dtfk2025).

Ihre Fürsten dürften gelebt haben wie der Keltenfürst vom Glauberg (um 420 v. Ztr.) (Wiki) im benachbarten mittleren Hessen.

Noch die heutigen Bewohner des Obermain-Tales stammen höchstwahrscheinlich zu mehr als der Hälfte von jenen Volkern ab, die damals in ihrer Heimat im Obermain-Tal geblieben sind und mit "Regenbogenschüsselchen" (Wiki) als Währung Handel trieben.

Alexander der Große (Wiki) überschritt den Hellespont 334 v. Ztr., um sein großes Alexanderreich zu erobern. Er starb 323 und es entstanden mehrere Diadochen-Reiche.

Abb. 2: Die Königreiche von Bithynien und Pergamon und das Reich der Galater um 200 v. Ztr. (Wiki)

Zur selben Zeit waren die Volker in Oberfranken und Thüringen nicht weniger unternehmungslustig. Sie hatten nur noch keine Schrift, mit Hilfe derer ihre Eroberungszüge aufgezeichnet werden konnten. Deshalb vollzogen sie sich anfangs im "Dunkel der Geschichte".

Sie siedelten zuerst an der Rhone und in Tolosa, im heutigen Toulouse an der Garonne in Südfrankreich. Und 43 Jahre nach Alexanders Tod plünderten sie 280 v. Ztr. auch reiche Goldschätze aus Delphi in Mittel-Griechenland. Über ihren Anführer Brennus wird berichtet (Wiki):

Brennus fiel mit mehreren Stämmen 280 v. Ztr. in die Balkanhalbinsel ein und unterlag 279 v. Ztr. bei Delphi einem griechischen Heer. Über diesen Kriegszug berichten mehrere antike Autoren, etwa Pausanias, Diodor oder Junianus Justinus. Brennus kooperierte während des Feldzugs mit einem anderen keltischen Heer, das unter Führung eines gewissen Akichorios stand. Makedonien und Griechenland waren durch die jahrzehntelangen Diadochenkämpfe erheblich geschwächt. Die Kelten umgingen die Thermopylen und schnitten damit die griechischen Verteidiger faktisch ab. Anschließend wurde ein aitolisches Heer geschlagen und die Stadt Kallipolis in Aitolien geplündert und zerstört. Schließlich erreichten die Kelten unter Brennus, denen es vor allem um Beute ging, Delphi, während Akichorios mit seinen Truppen noch nicht aufgeschlossen hatte. Wahrscheinlich erreichten die Kelten sogar den heiligen Distrikt von Delphi selbst. Ein Heer phokischer und aitolischer Truppen griff dann jedoch die Kelten an, die hohe Verluste erlitten und zurückgeschlagen wurden, wobei dieses Ereignis in der Folgezeit teils verklärt wurde. Brennus erlitt beim Angriff schwere Verwundungen und starb kurz darauf, vielleicht durch Selbstmord. Nach der Abwehr der keltischen Invasion wurde in Griechenland das Fest Soteria gestiftet (etwa: „Rettungsfest“). Die übrigen nach Griechenland eingedrungenen Kelten gründeten unter der Führung ihres neuen Herrschers Komontorios in Thrakien ein Fürstentum, dessen Hauptstadt Tylis war.

Die Kelten verschleppten Goldschätze von Delphi nach Tolosa, wo es als "Gold von Tolosa" (Wiki) in die Geschichte eingegangen ist. Denn das Wort "aurum Tolosanum" wurde später bei den Römern, nachdem sie Tolosa erobert hatten, zu einem Synonym für einen Unglück bringenden Gegenstand.

Abb. 3: Gallier, der seine Frau tötet, bevor er sich selbst tötet, um der Gefangenschaft zu entgehen " ("Galatergruppe Ludovisi") (Wiki)

Ein Teilstamm der Volker, die Tektosagen, die sich ins Rhone-Tal ausgebreitet hatten und auch in Tolosa gelebt hatten, verbündeten sich mit dem König Nikomedes I. von Bithynien, einem Diadochen-König (Wiki):

275 v. Ztr. wurden sie von Nikomedes I. als Söldner nach Bithynien geholt, um ihm dort im Kampf gegen seinen Bruder zu unterstützen und ihm den Thron zu sichern. Bald machten sie sich selbständig und zogen plündernd durch das westliche Kleinasien. In der sogenannten „Elefantenschlacht“ 275, 268 oder 267 v. Ztr. wurden die Galater von Antiochos I. geschlagen und erhielten Wohngebiete beiderseits des Halys zugewiesen. Die Tektosagen besiedelten das Gebiet um Ankyra (Ankara).

Die Galater forderten und erhielten Tributzahlungen von den angrenzenden Reichen.

Attalos I. (Soter, „Retter“) (269 v. Ztr.-197 v. Ztr.) (Wiki) war König von Pergamon. Seine Vorgänger hatten Tribut an die Galater gezahlt. Attalos verweigerte diesen Tribut, wurde von den Galatern angegriffen und besiegte sie in mehreren Schlachten. Die Galater waren mit dem Gegenkönig Antiochos aus Sardes verbündet, gegen den Attalos ebenfalls Schlachten schlug.

Eine Umschau auf dem Schlachtfeld der sterbenden Gallier

In Erinnerung an die Siege gegen diese Gegner brachte Attalos um 228 v. Ztr. im Atheneheiligtum von Pergamon ein "Weihgeschenk" dar, das sogenannte "große" "Attalidische Weihgeschenk", bzw. das "Galateranathem". Für dieses wurden zahlreiche, wertvolle, seither sehr berühmt gewordene Skulpturen geschaffen, die einen Höhepunkt des Bildhauer-Schaffens des hellenistischen Zeitalters darstellten. Sie wurden so sehr bewundert, daß in römischer Zeit zahlreiche Mamorkopien von ihnen geschaffen wurden und an vielen Orten aufgestellt wurden.

Sie hatten zumeist sterbende Krieger zum Thema, insbesondere den "Sterbenden Gallier" (WikiCom). Die Skulpturen sind vermutlich von dem Bildhauer Epigonus (Wiki) geschaffen worden. Vermutlich sind sie als Figurengruppe geschaffen worden. Die Originale waren zwar Bronzeskulpturen. Diese sind aber irgendwann eingeschmolzen worden. Während die römischen Marmorkopien derselben die Zeitenläufe zum Teil überstanden haben und heute auf verschiedene Museen insbesondere in Italien verteilt sind, auf Museen in Neapel, Rom und Venedig zum Beispiel (Wiki):

Im Bereich des Heiligtums errichteten Attalos I. und Eumenes II. Siegesdenkmäler, insbesondere die gallischen Widmungstafeln.

Die Weihinschrift lautete:

König Attalos (weiht) der Athene die Dankesgaben für die Kämpfe im Krieg. Für die Schlacht im hellespontischen Phrygien gegen Antiochos. Für die Schlacht gegen die tolistoagischen und tektosagischen Gallier und Antiochos bei Aphrodision. Für die Schlacht gegen die tolistoagischen Gallier bei den Quellen des Flusses Kaikos. Für die Schlacht gegen ... (die Stadt) Selge und Antiochos. Für die Schlacht bei ... gegen Lysias und die anderen Generäle des Antiochos. Für die Schlacht bei ... gegen Antiochos. Für die Schlacht ... in Karien gegen Antiochos.

Die berühmteste Skulptur dieser Figurengruppe ist der "Sterbende Gallier".

Abb. 4: Gefallene Gallierin oder Amazonin (Wiki) - Römische Kopie, vermutlich einer Skulptur des "Kleinen Attalidischen Weihgeschenks" für Athen 

Fast ebenso bedeutend ist die Skulptur "Ein Gallier, der seine Frau tötet, bevor er sich selbst tötet, um der Gefangenschaft zu entgehen" ("Galatergruppe Ludovisi") (WikiCom). Wir lesen über diese (UniHamburg):

Der sterbende Gallier bildet zusammen mit der Galatergruppe Ludovisi einen Teil des großen Weihgeschenkes/ Siegesmonuments des Attalos I. In 234/233 v. Ztr. besiegte Attalos I. von Pergamon den gallischen Stamm der Tolistoagier an den Kaikosquellen. Es war einer von drei Galaterstämmen, die 278/277 v. Ztr. über den Hellespont nach Kleinasien gelangten und dortige Städte zur Tributzahlung zwangen (Wenning 1978, 37). Attalos I. weihte die Skulpturengruppe der Athena Polias im heiligen Bezirk von Pergamon. Der erhaltene Rundsockel (H: 2,20 m, ø 3,15 m) im Temenos wird als die Aufstellungsbasis des Geschenks gesehen (Andreae 2001, 92; Mandel 2007, 168). Die Figur weist für griechische Plastik typische physische Erscheinung eines Galaters auf: kurzes struppiges Haar, Schnurrbart, markante Gesichtszüge, mit Torques um den Hals – eine ausführliche Beschreibung liefert Diodor V 28, 1-3 (Künzl 1971, 6f). Das zerbrochene Horn auf der Plinthe unter dem linken Unterschenkel des sterbenden Galliers regte eine Diskussion um die Person des Sterbenden an. Laut Michaelis (1893, 132) könnte er dem tubicen des Epigonos (Plin. nat. 34, 88) entsprechen, einem Blasmusikanten, der die kämpfenden Truppen antreibt (dazu auch Wenning 1978, 2f). Laut Wenning (1978, 3) wurde das Horn nicht vom Kopisten hinzugefügt, sondern war schon im Original vorhanden um möglicherweise der Figur individuelle Züge zu verleihen. Es gibt keine weiteren Angaben zum Bildhauer. Die genaue Komposition der einzelnen Skulpturen des Anathems ist nicht bekannt. Einen Hinweis könnte die Ritzung auf der Plinthe des Galliers liefern: konzentrische Kreise mit eingeritzen Linien. Laut Andreae (1998, 83) könnte es eine Anleitung zur Aufstellung der Skulpturen sein.

Dasselbe Thema "sterbende Gallier", bzw. "sterbende Krieger" wurde dann später auf der Akropolis in Athen wiederholt als "kleines" Attalidisches Weihegeschenk (WikiCom). 

Abb. 5: Gefallener Galater ("Galata morto") (Wiki) - Römische Mamorkopie einer Skulptur des Weihgeschenks der Attaliden an Athen

Unter dem letzteren fanden sich unter anderem die "vier gefallenen Krieger" (WikiCom), darunter eine Amazone (WikiCom), ein auf die Knie gestürzter Krieger (WikiCom) und andere sterbende oder gefallene Krieger mehr. Über diese lesen wir (WikiCom):

Die vier Statuen gefallener Krieger (...) stammen mit Sicherheit aus einem einzigen Fund. Es handelt sich um römische Kopien einiger Figuren aus der Weihgabe, die ein Dynast aus Pergamon – wahrscheinlich Attalos II. (159–138 v. Ztr.) – anfertigte und damals an der Südmauer der Akropolis von Athen aufgestellt wurde, um die Siege über die Galater zu feiern. Von dem ursprünglichen Werk, das rund 50 Statuen umfaßt, die sich auf vier Schlachten beziehen (Amazonomachie, Gigantomachie, Schlacht bei Marathon und Schlacht gegen die Galater), wurden nur einige wenige, die besiegte Figuren darstellten, in Rom kopiert und in den Thermen des Agrippa ausgestellt, um seinen Sieg über die Galater (37 v. Ztr.) zu feiern. Die vier Statuen der Farnese-Sammlung, die im Nationalen Archäologischen Museum von Neapel ausgestellt sind, stellen eine tote Amazone (Inv. 6012), einen toten Riesen (Inv. 6013), einen toten Perser (Inv. 6014) und einen verwundeten Gallier (Inv. 6015) dar.

Ziel dieser Weihgaben war es, so sagt und ChatGPT, die Überlegenheit der Attaliden zu zeigen, aber gleichzeitig auch die Tapferkeit und die Würde der Feinde hervorzuheben.

Weiter ChatGPT:

Das Galateranathema war nicht nur ein Kriegsdenkmal, sondern ein politisches Manifest: Die Attaliden präsentierten sich als Verteidiger der griechischen Welt gegen „Barbaren“. Durch die Aufstellung auf der Akropolis in Athen knüpften sie bewußt an das kulturelle Prestige Athens und die Perserkriege an. Künstlerisch gehört es zum Höhepunkt des Hellenismus: Pathos, Realismus und die Darstellung des „edlen Feindes“.

Weitere Kunstwerke zu diesem Thema finden sich heute in Venedig, so ein toter Kelte, der auf seinem Schild liegt (WikiCom) (Abb. 1 und 5).

Skulpturen der hellenistischen Epoche

Mit solchen Kunstwerken wurde die Epoche der Hellenistischen Kunst (Wiki) eingeleitet. Wir lesen (Wiki):

Attalos I. (269–197 v. Ztr.) ließ zur Erinnerung an seinen Sieg bei Kaikos gegen die Gallier – von den Griechen Galater genannt – zwei Serien von Votivgruppen anfertigen: Die erste, die auf der Akropolis von Pergamon geweiht wurde, enthält den berühmten Gallier, der sich und seine Frau umbringt; das Original ist verloren gegangen; die zweite Gruppe, die Athen geschenkt wurde, besteht aus kleinen Bronzen von Griechen, Amazonen, Göttern und Riesen, Persern und Galliern. Artemis Rospigliosi im Louvre ist wahrscheinlich eine Kopie einer dieser Figuren; Kopien des Sterbenden Galliers waren in der Römerzeit sehr zahlreich. Der Gefühlsausdruck, die Eindringlichkeit der Details – hier buschiges Haar und Schnurrbärte – und die Heftigkeit der Bewegungen sind charakteristisch für den pergamenischen Stil.

Als Attalos 46 Jahre alt war, heiratete er um 223 v. Ztr. die 30 Jahre jüngere Apollonis (gest. 159 v. Ztr.) (Wiki). Mit dieser hatte er vier Söhne (Wiki):

Sowohl in literarischen als auch in inschriftlichen Überlieferungen wird sie aufgrund ihrer Bescheidenheit und Frömmigkeit bewundert sowie für ihren Verzicht auf ehrgeizige politische Aktivitäten und für die Erziehung ihrer Söhne wird sie als Idealkönigin gelobt. Die brüderliche Eintracht unter ihren Söhnen, bei denen sich laut Plutarch die Jüngeren stets schützend vor den Ältesten als ihren König stellten, war ein herausragendes Merkmal der attalidischen Königsfamilie, während sich die anderen hellenistischen Dynastien ihrer Zeit untereinander blutig bekämpften. Apollonis hat ihren Mann um viele Jahre überlebt und ist in hohem Alter wahrscheinlich gegen Ende der Herrscherzeit Eumenes’ II. († 158 v. Ztr.) gestorben.

Unter der Herrschaft ihrer Söhne wurde Pergamon zu einem Kulturzentrum des Hellenismus, in dem man bestrebt war, ein neues Athen zu schaffen. Auf dieser Linie wurde ein Jahrhundert später der berühmte Pergamon-Altar (Wiki) errichtet, der sich heute im Pergamon-Museum in Berlin befindet.

Freitag, 1. August 2025

Die antik-griechischen Bronzeskulpturen

Eine Zusammenstellung 

Die Statue eines Epheben (1530)

Die italienische Stadt Pesaro liegt an der Adriaküste 200 Kilometer südlich von Venedig und 200 Kilometer östlich von Florenz. Sie liegt 90 Kilometer südlich von Ravenna.

Abb. 1: Öllampenhalter, Sogenannter "Idolino" aus einer römischen Villa in der Toskana ausgegraben 1530 - Archäologisches Nationalmuseum Florenz (Fotograf: sailko) (Wiki)

Hier wurde schon um 1530 die Skulptur des sogenannten "Idolino" ausgegraben - innerhalb einer vormaligen römischen Villa. 

"Die römische Kopie einer griechischen Skulptur im Stil des Polyclitus wurde geschaffen etwa 440 v. Ztr.. (...) (Sie) kam in den Besitz von Francesco Maria I della Rovere, dem Herzog von Urbino." (Wiki)

Abb. 2: Öllampenhalter, Sogenannter "Idolino" aus einer römischen Villa in der Toskana ausgegraben 1530 - Archäologisches Nationalmuseum Florenz (Fotograf: sailko) (Wiki)

Die Stadt Pesaro lag ursprünglich im Siedlungsgebiet der Picener. Es könnte sein, daß hier früh Griechen gesiedelt haben und sich mit den Picenern vermischt haben (Wiki). Im 4. Jahrhundert v. Ztr. eroberten die keltischen Senonen das Gebiet der Picener. In der römischen Kaiserzeit scheint Pesaro keine besondere Rolle gespielt zu haben.

Bei der Skulptur handelt es sich vermutlich um den Halter einer Öllampe als Lichtspender während abgehaltener Symposien.

Die Statue eines Dionysos aus dem Tiber in Rom (1885)

Im Jahr 1885 wurde beim Bau der Brücke Garibaldi am Ufer des Tiber eine Dionysos-Statue gefunden (AncRom, WikiCom). Die ursprüngliche Entstehungszeit dieser Statue, bzw. dieses Statuen-Typs, von dem es viele Kopien gibt, wird auf die Mitte des 4. Jahrhunderts v. Ztr. datiert.

Abb. 3: Dionysos-Statue aus dem Tiber in Rom (von der Brücke Garibaldi), gefunden 1885 (Wiki) (Fotograf: Rabax63)

Einige Details im Stil dieser Kopie werden interpretiert aber leichte stilistische Überformungen im Sinne der ästhetischen Präferenzen des ersten oder zweiten Jahrhunderts n. Ztr. bei den Römern, also im Sinne der Zeit, in der diese Skulptur selbst - als Kopie - angefertigt worden sein wird. So etwa die üppige Frisur. Wir lesen (Brunella Germini auf AncRom):

Die Pose weist deutlich auf den Einfluß des Polyklet hin, während die Bewegung des Kopfes und die geschwungenen Konturen der Flanken auf eine Vertrautheit mit den Werken des Praxiteles schließen lassen. Die Komposition bezieht sich auf ein berühmtes Modell, den sogenannten Woburn Abbey-Typ, der irgendwann in der Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. entstand und von dem mehr als zwanzig Kopien und Varianten bekannt sind. Dies ist der erste Statuentyp, der den Gott nackt und als Jüngling darstellt und der in der hellenistischen und römischen Zeit große Beliebtheit aufwies. 
Die Stellung des linken Arms unterscheidet sich jedoch von der bei den Beispielen in der Ny Carlsberg Glyptothek in Kopenhagen und bei der Statue aus den Horti Lamiani in den Musei Capitolini. P. Zanker argumentiert, daß die Zusammensetzung der Tiber-Statue vom sogenannten „Stephanos-Athleten“ abgeleitet ist, einer klassizistischen römischen Schöpfung aus dem ersten Jahrhundert v. Ztr., die durch die Hinzufügung der langen, welligen Frisur modifiziert wurde. Dies macht das Stück zu einer vielseitigen Schöpfung der Kaiserzeit und zeugt vom klassischen Geschmack dieser Zeit. Die eingeschnittenen Pupillen und die bemerkenswerte Dicke des oberen Augenlids lassen auf eine Datierung entweder in die hadrianische oder antoninische Zeit schließen. und hatte in der hellenistischen und römischen Zeit großen Erfolg. 
The pose shows a noticeable debt to the influence of Polycletus, while the movement of the head and the sinuous contours of the flanks indicate a familiarity with the works of Praxiteles. The composition relates to a famous model, the so-called Woburn Abbey type, created sometime in the middle of the fourth century BC, of which more than twenty copies and variants are known. This is the first statue type to portray the god nude and as a youth, and met with great success in the Hellenistic and Roman eras. The position of the left arm, however, differs from that seen in the examples in the Ny Carlsberg Glyptothek in Copenhagen and in the statue from the Horti Lamiani in the Musei Capitolini. P. Zanker argues that the Tiber statue’s composition is derived from the so-called “Stephanos Athlete,” a classicist Roman creation of the first century BC, modified by the addition of the long wavy hairstyle. This makes the piece an eclectic creation of the Imperial age, and indicative of the classical taste in that time. The incised pupils and the notable thickness of the upper eyelid suggest a date in either the Hadrianic or Antonine period.

Interessant zu erfahren, daß Kopien von Skulpturen über die Jahrhunderte hinweg an einen gewandelten Geschmack angepaßt werden konnten.

Der Wagenlenker von Delphi (1896)

Eine frühe, klassische antik-griechische Skulptur ist der Wagenlenker von Delphi (Wiki).

Abb. 4: Der Wagenlenker von Delphi (um 475 v. Ztr.) (Fotograf: Dennis Jarvis aus Halifax, Kanada, 2005) (Wiki)

Die Skulptur wurde 1896 nahe dem Apollonheiligtum von Delphi gefunden. Wir lesen (Wiki): "Die erhaltene Weihinschrift nennt Polyzalos von Gela als Stifter des Weihgeschenks, das demnach zwischen 478 und 474 v. Ztr. geschaffen worden sein muß. Als festdatiertes Monument zählt der Wagenlenker zu den Schlüsselwerken des Strengen Stils." Das Kunstwerk war 373 n. Ztr. bei einem Erdbeben verschüttet worden, wodurch es dem fanatischen christlichen Zerstörungseifer entging, der in dieser Zeit begann, Kultur zu vernichten.

Der Jüngling von Antikythera (1900)

Der Jüngling (oder Ephebe) von Antikythera (Wiki) wurde aus dem berühmten Schiffswrack (Wiki) geborgen, das im Jahr 1900 vor der griechischen Insel Antikythera entdeckt worden ist, und das um 60 v. Ztr. gesunken ist. 

Abb. 5: Der Jüngling von Antikythera, 340 v. Ztr. (Wiki)

Man vermutet, daß das Schiff von der griechischen Ägäis aus, von einem der dortigen viel befahrenen Häfen, insbesondere vermutlich von Delos oder/und von Ephesos aus auf dem Weg nach Italien war. In jener Zeit wurde auch viel Beutegut von den Römern von Griechenland nach Italien geschafft, in diesem Fall waren aber auch frisch gefertigte Werkstücke an Bord. 

Der Philosoph von Antikythera (1900)

Die geladenen Mamorskulpturen sind über die zweitausend Jahre hinweg vom Meerwasser schwer beschädigt worden. Unter ihnen befinden sich beispielsweise auch zwei herrliche Pferde-Skulpturen (Wiki). Auch weitere Abbildungen der Bronzeskulptur sind sehenswert (s. Wiki).

Abb. 6: Bronzekopf der Skulptur eines Philosophen - Vom Schiffswrack von Antikythera, um 240 v. Ztr. (Wiki)

In dem Schiffswrack fanden sich auch Teile einer Bronzeskulptur eines Philosophen (Wiki). Er wird gelegentlich als ein "stoischer" angesprochen. Der Kopf gehörte zu einer Statue, von der auch der im Rede-Gestus ausgestreckte rechte Arm erhalten ist, ebenso die linke Hand, in der der Philosoph einen Stock hält.

Der Schiffsfund von Mahdia (1907)

Der Schiffsfund von Mahdia (Wiki) vor der Küste von Tunesien datiert auf das Jahr 1907. Das Schiff ist um 90 v. Ztr. in einem Sturm gesunken. Es war auf dem Weg von Athen nach Italien.

Es hatte vielfältige Dekorations-Güter geladen (Überblick: Wiki). Neben vielem anderen: eine Marmorbüste, die wohl Ariadne darstellt, weitere Marmorfiguren, zwei großformatige Bronzestatuen, eine Herme des Dionysos mit turbanähnlicher Kopfbedeckung und seitlich mit der Gravur "Boëthos der Chalkedonier fertigte (es)". Außerdem eine Reihe kleiner Figuren und Kunstobjekte aus Bronze. Zu den kleineren Bronzefiguren gehörte ein Satyr (Wiki).

Der Schiffsfund macht den Kulturexport von Griechenland nach Italien mehr als sinnfällig.

Die Statue des Epheben in Pompeji (1925)

1925 bis 1927 wurde in Pompeji das "Haus des Epheben" (Wiki) ausgegraben.

Abb. 7: Jüngling, der eine Lampe trägt - Gefunden im "Haus des Epheben", 5. Jhdt. v. Ztr.; gefunden in Pompeji 1925/27 (Wiki)

Es ist benannt nach einer Bronzestatue, die sich im Garten des Hauses fand und die einen Jüngling ("Ephebe") darstellt, der eine Lampe hält (Wiki). Es handelt sich um die römische Kopie eines Werkes, das im 5. Jahrhundert v. Ztr. in Griechenland geschaffen wurde (Wiki). Das Original der in Pompeji gefundenen Bronzestatue befindet sich heute im Archäologischen Museum von Neapel.

Eine Kopie desselben befindet sich im Getty-Museum in Kalifornien. Von diesem stammt unsere Fotografie (Abb. 7).

Der Jüngling von Marathon (1925)

Der Jüngling von Marathon (Wiki) wurde 1925 von Fischern im Fischernetz vor der Küste von Marathon aus dem Meer gezogen.

Abb. 8: Der Jüngling von Marathon (Wiki), 340 v. Ztr., gefunden 1925 vor der Küste von Marathon

Die Statue wird auf 340 v. Ztr. datiert.

Die Bronzestatue vom Kap Artemision (1926)

Die Bronzestatue vom Kap Artemision (Wiki, engl) wurde 1926 in der Nähe der Insel Euböa in einem antiken Schiffswrack gefunden. Ihre Entstehungszeit wird um das Jahr 460 v. Ztr. geschätzt. In dem selben Schiffswrack wurde 1928 auch der Reiter vom Kap Artemision (Wiki) gefunden.

Die Bronzestatue des Jugendlichen Siegers (Wiki) wurde 1964 vor der italienischen Adria-Küste bei Fano in einem Schleppnetz der Fischer herauf gezogen. Sie wurde von Antikenhändlern über München in die USA verkauft. Heute ist sie in der Getty Villa in Kalifornien (Wiki, engl) zu sehen, das von dem verstorbenen US-amerikanischen Öl-Milliardär Getty gegründet wurde, und dessen Leitung seit Jahrzehnten unter vielfacher Anklage des weltweiten illegalen Kunstraubes und -schmuggels steht (Wiki). Gegenüber solchem Kunstraub können sich Nationalstaaten gegenwärtig weltweit häufig noch durchsetzen. Sie können die Rückführung gestohlener Kunstgegenstände erreichen ....

Gesagt werden soll allerdings auch: Die legal erworbene Kunstsammlung und die legalen wissenschaftlichen und Bildungs-Bemühungen des Getty-Museums sind begeisternd. Sie sind nachahmenswert.

Die Athena Piräus (1959)

Die "Athena Pireäus" (Wiki) ist eine Bronzeskulptur, die 1959 im Piräus, im Hafen von Athen gefunden worden ist. 

Abb. 9: Die Piräus-Athena, gefunden im Piräus bei Athen 1959 (Wiki) 

Anhand ihres korinthischen Helmes und seiner Beliebtheit im späten 4. Jahrhundert v. Ztr. wird diese Skulptur auf diese Zeit datiert. Die Athena Mattei im Louvre wird als eine Kopie dieser Athena angesehen, angefertigt im 2. oder 1. Jahrhundert v. Ztr..

Die Bronzestatuen von Riace (1981)

1972 wurden die so eindrucksvollen Bronzestatuen von Riace (Wiki, engl) gefunden und geborgen. Sie wurden 1981 der Öffentlichkeit vorgestellt (Wiki): "Die beiden Bronzestatuen von Riace gehören zu den sieben erhaltenen griechischen bzw. großgriechischen Bronzestatuen. Die anderen sind der Faustkämpfer vom Quirinal, der Wagenlenker von Delphi, der Poseidon vom Kap Artemision, der Reiter vom Kap Artemision und der Thermenherrscher. In diesem Zusammenhang ist auch noch das Fragment des sogenannten Chatsworth-Apoll zu nennen."

Der Tanzende Satyr von Mazara del Vallo nahe Brindisi (1992)

Diesem Kunstwerk haben wir hier auf dem Blog schon einen eigenen Beitrag gewidmet (Stg2011).

Der Kroatische Apoxyomenos (2006)

In der eben gebrachten Aufzählung ist der "Kroatische Apoxyomenos" (Wiki) nicht genannt. Er wurde 1995 an der dalmatinischen Küste entdeckt und 1999 geborgen. 2006 wurde er der Öffentlichkeit vorgestellt (s. Stgen2022).

Abb. 10: Entdeckt 1995: Der Kroatische Apoxyomenos (um 300 v. Ztr.), geschaffen vom Bildhauer Lysippos - Geborgen 1999, ausgestellt 2013 im Louvre in Paris (Wiki) / Fotograf: MOSSOT

Die antik-griechischen Skulpturen (Wiki) bilden den Höhepunkt aller Darstellungen des Menschen bis dahin, in seiner Individualität, in seiner Persönlichkeit und auch als eher überpersönliches Schönheits- und Tugendideal. Die bis hier gegebene Übersicht soll künftig noch nach und nach ergänzt werden.

Winckelmann

Spätestens seit dem 17. Jahrhundert ist man fasziniert von der Wiederentdeckung antiker Skulpturen. Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) (Wiki) hat diese Faszination dann geradezu in den Mittelpunkt des Kulturbewußtseins seiner Zeit gestellt. 1755 hat er seine erste Schrift "Gedanken über die Nachahmung der Griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst" heraus gegeben. Einer der darin geäußerten Grundgedanken lautete:

„Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten.“

Dieser Grundgedanke beherrschte die Kulturwelt bis ins späte 19. Jahrhundert. Über die Wirkungsgeschichte dieser Schrift lesen wir (Wiki):

Dieses epochemachende Werk wurde schnell sehr erfolgreich. (...) Die Gedanken enthalten bereits in nuce die meisten seiner Ideen und Konzepte in einer formvollendeten Sprache.

1764 brachte Winckelmann dann sein Hauptwerk heraus "Geschichte der Kunst des Altertums". Darin entwarf er ein umfassend entwickeltes System der griechischen Kunst. Im Kern ist es eine Charakteristik des Stils der Plastik nach den Bestandteilen und nach Typen und Klassen des Idealschönen.  Das Bild des antiken Griechenland auf Seiten von Lessing, Goethe, Schiller und Hölderlin ist auf das Stärkste von J. J. Winckelmann beeinflußt.

Hölderlin

Einer der ersten, der dem Nachahmungsprinzip Winckelmann's widersprach, war Friedrich Hölderlin (Wiki):

Hölderlin wehrte sich später gegen das Nachahmungsprinzip Winckelmanns, da es die lebendige Kraft ersticke. Dennoch blieb er den antiken Stoffen treu, denn sie ermöglichten es, "dem eigenen Ursprung als einem fremden zu begegnen."

Die hier zitierten Worte stammen von Peter Szondi nicht von Hölderlin. Hölderlin hat es anders ausgedrück. Aber all das ist deshalb so spannend, weil die antik-griechischen Kultur wohl in keiner anderen Kunstgattung so eindrucksvoll und unmittelbar zum Ausdruck kommt für heutige Menschen wie in der Skulptur (aber vgl. auch die Malerei: GAj2021).

Abschließende Bemerkungen

Mit der Geschichte der menschlichen Porträtkunst in der Vorgeschichte allgemein haben wir uns hier auf dem Blog ja schon in zwei Beiträgen beschäftigt. Dabei zunächst mit den Statuenmenhiren seit dem 5. Jahrtausend v. Ztr. (Stgen2019), dann mit Porträtdarstellungen seit der Mammutjäger-Zeit (Stgen2021), sowie dann insbesondere mit Porträtstatuen aus dem Alten Ägypten (2.500 bis 600 v. Ztr.) (Stgen2020). Schon um 2.500 n. Ztr. sind im Alten Ägypten sehr authentische Potträts individueller Menschen geschaffen worden. Das begann im antiken Griechenland erst ab etwa 600 v. Ztr..

Wir haben uns auch schon in verschiedenen früheren Beiträgen mit antik-griechischen Skulpturen beschäftigt (Stgen2011, Stgen2022, sowie: GAj2009a, b). 

Uns fehlen Fachkenntnisse, um in diesem Beitrag mehr mitzuteilen als Wikipedia-Auszüge. Aber es sollen ja vor allem die Kunstwerke selbst sprechen. 

Denn Kunst und Neufunde von Kunst stehen heute in der öffentlichen Wahrnehmung allzu sehr im Hintergrund. Die hier gegebene Zusammenstellung ist uns deshalb wichtig. Wir fragen uns, warum solche Kunstwerke in den Hintergrund treten sollen gegenüber all den "Stars und Sternchen", die den Menschen heute bis zum Übelwerden präsentiert werden.

Über die Fülle der Funde und Neufunde antik-griechischer Skulpturen erhält man auch einen Eindruck etwa auf einem X-/Twitter-Account der polnischen Verlegerin Izabela Sobota-Miszczak (Tw, Fb). Sie lebt in Knurow in Oberschlesien. Auf ihrem Account teilt sie Neuigkeiten aus der Archäologie der Türkei mit. Durch diesen Account erhält man einmal erneut einen Eindruck davon, wie sehr die antiken Griechen Kunst ein- und ausatmet haben - durch alle Volksschichten hindurch.

Folgendes Zitat gibt zu der Fülle der bedeutenden Skulpturen-Funde schon einen ersten Eindruck und Rahmen (Wiki):

Andere wohlbekannte Unterwasser-Bronze-Funde stammen im allgemeinen aus Schiffwracks aus der Ägäis und dem Mittelmeer-Raumes: der Antikythera-Ephebe und der Portrait-Kopf eines stoischen Philosophen wurden von Schwamm-Tauchern bei Antikythera im Jahr 1900 entdeckt; das Mahdia-Schiffswrack vor der Küste von Tunesien 1907; der Jüngling von Marathon vor der Küste von Marathon im Jahr 1925; der stehende Poseidon vom Kap Artemision wurde vor dem Kap im nördlichen Euboea 1926 entdeckt; das Pferd und sein Reiter vor dem Kap Artemision 1928 und 1937; die Riace-Bronzen wurden 1972 entdeckt; der Tanzende Satyr von Mazara del Vallo nahe Brindisi 1992; und der Apoxyomenos wurde aus dem Meer geborgen vor der kroatischen Insel Lošinj 1999.
Other well-known underwater bronze finds have been retrieved, generally from shipwreck sites, in the Aegean and Mediterranean: (...) the Antikythera Ephebe and the portrait head of a Stoic discovered by sponge-divers at Antikythera in 1900, the Mahdia shipwreck off the coast of Tunisia, 1907; the Marathon Boy off the coast of Marathon, 1925; the standing Poseidon of Cape Artemision found off Cape Artemision in northern Euboea, 1926; the horse and Rider found off Cape Artemision, 1928 and 1937; the Riace bronzes, found in 1972; the Dancing Satyr of Mazara del Vallo, near Brindisi, 1992; and the Apoxyomenos recovered from the sea off the Croatian island of Lošinj in 1999.

Immer wieder erneut werden solche Funde gemacht. Was für wunderschöne Worte es auf Wikipedia über die antikgriechische Skulptur gibt (Wiki):

Sie schrieben ihren Göttern menschliches Aussehen zu, deshalb gab es nur wenig, was in ihrer Kunst das Heilige von dem Weltlichen unterschied - der menschliche Körper war zugleich weltlich und heilig.
Seeing their gods as having human form, there was little distinction between the sacred and the secular in art - the human body was both secular and sacred. 

Sonntag, 1. Juni 2025

Der Ausdruck des Schmerzes - War er bei den antiken Griechen anders?

G. E. Lessing über die Andersartigkeit der antiken Griechen im Umgang mit Schmerz im Vergleich zu den Nordeuropäern

Daß das Wesen der antik-griechischen Kultur kulturpsychologisch aus ganz anderen Gesetzmäßigkeiten entsprungen gewesen sein könnte als das Wesen der abendländischen Kultur, darauf hat erstmals Friedrich Hölderlin hingewiesen (s. Stg23). Seine Gedanken darüber blieben aber im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unbeachtet. Sie fanden erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Beachtung und bilden seither den Kern der sogenannten "Hellas-Hesperien-Debatte", die vor allem von Literaturwissenschaftlern geführt wird. 

Abb. 1: Die Laokoon-Gruppe, eines der berühmtesten Kunstwerke der europäischen Geschichte (Wiki) - Sie wurde von den Bildhauern Hagesandros, Polydoros und Athanadoros aus Rhodos geschaffen - In einem Zeitraum zwischen 200 v. Ztr. und 79 n. Ztr. (denn Plinius der Ältere, der 79 n. Ztr. in Pompeij starb, erwähnte dieses Kunstwerk)

Hier auf dem Blog waren wir auf dieses Thema aufmerksam geworden, als es galt, von geisteswissenschaftlicher Seite her die archäogenetische Erkenntnis zu deuten, nach der das "Paradevolk" der Indogermanen, die antiken Griechen nur acht Prozent indogermanische Steppengenetik aufgewiesen haben (Stg22). Nach dieser waren sie also von ihrer Genetik her gesehen alles andere mehr als ausgerechnet "Indogermanen". Damit war die Hölderlin'sche Erkenntnis völlig unerwartet von einer Seite her bestätigt und bekräftigt worden, von der man es vielleicht am wenigsten hätte erwarten können oder von der es nur von den Allerwenigsten auch erwartet worden war. 

Auch so manche Deutung der antik-griechischen Kultur durch Friedrich Nietzsche erhielt für uns vor dem Hintergrund der neuen archäogenetischen Erkenntnisse neues Gewicht (Stg23). Andererseits mußten wir feststellen, daß die Deutung der antik-griechischen Kultur von Seiten völkischer Vordenker der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Archäogenetik komplett entblößt (desavouiert) worden ist (Stg23). 

Lessing's Schrift "Laokoon"

Nun stoßen wir neuerdings zusätzlich auf die Schrift "Laokoon" von Gotthold Ephraim Lessing aus dem Jahr 1766 (1). Wir entdecken, daß auch Lessing darin schon mit der Andersartigkeit des Wesens der antiken Griechen, sowie daraus folgend ihrer Kunst und Kultur im Vergleich zu dem Wesen der Nordeuropäer beschäftigt war.

Ein zentrales Argument Lessings im "Laokoon" ist, so lassen wir uns durch die KI belehren: In der Dichtung darf der Schmerz lauter und ungehemmter sein, weil dort keine visuellen Grenzen gesetzt sind. In der bildenden Kunst (z. B. Skulptur) muß der Ausdruck so gestaltet sein, daß er dem Ideal der Schönheit entspricht - und dauerhaft betrachtet werden kann. In diesem Sinne behandelt er die im Untertitel genannten "Grenzen der Malerei und Poesie". Lessing war sicherlich der Meinung, daß es sich hierbei um allgemein gültige und kulturunabhängige "Grenzen" handeln würde. Aber im Verlauf seiner Ausführungen kommt er auch darauf zu sprechen, daß die antik-griechische Kultur ganz anders mit dem Ausdruck von Schmerz umgegangen ist als die abendländische.

Zunächst zitiert Lessing die Ausführungen von Johann Joachim Winckelmann über den Ausdruck des Schmerzes in der Laokoon-Gruppe (Abb. 1). Er stimmt ihnen zu. Allerdings regt sich in ihm ein Widerstand bei der Bemerkung Winckelmann's, in der Laokoon-Gruppe zeige sich der Schmerz ebenso wie ihn der Philoktet in der gleichnamigen Tragödie des Sophokles (Wiki) aus dem Jahr 409 v. Ztr. zeigen würde. An dieser Stelle widerspricht Lessing und macht darauf aufmerksam, daß es eine Fülle von Zeugnissen in der antik-griechischen Dichtung und Geschichtsschreibung gibt, wo der Schmerz keineswegs so "gemessen" und "ruhig", so "ohne Wut", "ohne Geschrei" zum Ausdruck kommt wie es - nach der Deutung Winckelmann's - in dieser Laokoon-Gruppe geschieht. Lessing schreibt (1):

Schreien ist der natürliche Ausdruck des körperlichen Schmerzes. Homers verwundete Krieger fallen nicht selten mit Geschrei zu Boden. Die geritzte Venus schreiet laut (...). Selbst der eherne Mars, als er die Lanze des Diomedes fühlet, schreiet so gräßlich, als schrien zehntausend wütende Krieger zugleich, daß beide Heere sich entsetzen.
Soweit auch Homer sonst seine Helden über die menschliche Natur erhebt, so treu bleiben sie ihr doch stets, wenn es auf das Gefühl der Schmerzen und Beleidigungen, wenn es auf die Äußerung dieses Gefühls durch Schreien, oder durch Tränen, oder durch Scheltworte ankommt. Nach ihren Taten sind es Geschöpfe höherer Art; nach ihren Empfindungen wahre Menschen. 
Ich weiß es, wir feinern Europäer einer klügern Nachwelt wissen über unsern Mund und über unsere Augen besser zu herrschen. Höflichkeit und Anstand verbieten Geschrei und Tränen. Die tätige Tapferkeit des ersten rauhen Weltalters hat sich bei uns in eine leidende verwandelt. Doch selbst unsere Ureltern waren in dieser größer, als in jener. Aber unsere Ureltern waren Barbaren. Alle Schmerzen verbeißen, dem Streiche des Todes mit unverwandtem Auge entgegensehen, unter den Bissen der Nattern lachend sterben, weder seine Sünde noch den Verlust seines liebsten Freundes beweinen, sind Züge des alten nordischen Heldenmuts. Palnatoko gab seinen Jomsburgern das Gesetz, nichts zu fürchten, und das Wort Furcht auch nicht einmal zu nennen.

Lessing gibt hier - wie nebenbei - eine sehr gute Charakterisierung der mittelalterlichen Island-Sagas. So fremdländisch der hier erwähnte Name Palnatoko klingt, so ist er überraschenderweise doch eine Gestalt der Jomsvikinger-Saga (s. Wiki).

Ist es wirklich so, daß Lessing hier andeutet, daß die andere Art des Umgangs mit Schmerz und Angst in Nordeuropa nichts mit irgendeiner Art von angeblicher "Zivilisation", bzw. "Kultivierung" - etwa durch das Christentum oder auch durch moderne Empfindsamkeit - zu tun hat, sondern schon ursprünglicher zum Wesen der nordeuropäischen Völker gehörte? Das würde umgekehrt heißen, daß es zum ursprünglicheren Wesen der antiken Griechen gehört hätte, Furcht und Schmerzen unbefangen zu zeigen und zum Ausdruck zu bringen.*) Dies geschieht ja nicht nur in der Dichtung, auch in der Geschichtsschreibung hören wir davon, etwa im Zusammenhang mit dem Lebensschicksal des Miltiades (Stg23). Und so schreibt Lessing dann in diesem Sinne weiter (1):

Nicht so der Grieche! Er fühlte und furchte sich; er äußerte seine Schmerzen und seinen Kummer; er schämte sich keiner der menschlichen Schwachheiten; keine mußte ihn aber auf dem Wege nach Ehre, und von Erfüllung seiner Pflicht zurückhalten. Was bei dem Barbaren aus Wildheit und Verhärtung entsprang, das wirkten bei ihm Grundsätze. Bei ihm war der Heroismus wie die verborgenen Funken im Kiesel, die ruhig schlafen, solange keine äußere Gewalt sie wecket, und dem Steine weder seine Klarheit noch seine Kälte nehmen. Bei dem Barbaren war der Heroismus eine helle fressende Flamme, die immer tobte, und jede andere gute Eigenschaft in ihm verzehrte, wenigstens schwärzte.

Letztere Auffassung über die heidnischen Germanen und Wikinger ist eine Typische für das 18. Jahrhundert. Sie ist Ausdruck des Zeitgeistes, der noch kein wirkliches Verständnis für diese gefunden hatte. Dieses kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf und man begann zu sehen, daß die Furchtlosigkeit der heidnischen Germanen keineswegs zwangsläufig gute Eigenschaften "schwärzte". Im Gegensatz dazu stand Lessing als Kind seiner Zeit den antiken Griechen mit viel größerem Verständnis gegenüber (1): 

Es ist merkwürdig, daß unter den wenigen Trauerspielen, die aus dem Altertume auf uns gekommen sind, sich zwei Stücke finden, in welchen der körperliche Schmerz nicht der kleinste Teil des Unglücks ist, das den leidenden Helden trifft. Außer dem Philoktet, der sterbende Herkules. Und auch diesen läßt Sophokles klagen, winseln, weinen und schreien. (...)
Selbst ein Laokoon findet sich unter den verlornen Stücken des Sophokles. Wenn uns das Schicksal doch auch diesen Laokoon gegönnet hätte! Aus den leichten Erwähnungen, die seiner einige alte Grammatiker tun, läßt sich nicht schließen, wie der Dichter diesen Stoff behandelt habe. So viel bin ich versichert, daß er den Laokoon nicht stoischer als den Philoktet und Herkules, wird geschildert haben.

Lessing kommt dann wieder auf die Laokoon-Gruppe zurück (1):

Und nunmehr komme ich zu meiner Folgerung. Wenn es wahr ist, daß das Schreien bei Empfindung körperlichen Schmerzes, besonders nach der alten griechischen Denkungsart, gar wohl mit einer großen Seele bestehen kann: so kann der Ausdruck einer solchen Seele die Ursache nicht sein, warum demohngeachtet der Künstler in seinem Marmor dieses Schreien nicht nachahmen wollen; sondern es muß einen andern Grund haben, warum er hier von seinem Nebenbuhler, dem Dichter, abgehet, der dieses Geschrei mit bestem Vorsatze ausdrücket. 

Wie schon gesagt, ist der Grundgedanke dieser Schrift von Lessing, daß der Dichter - sowohl bei den antiken Griechen wie in der Moderne - den Schmerz viel expressiver darstellen und zum Ausdruck bringen dürfe als der Maler oder Bildhauer. Denn den antiken Griechen und der Moderne würde Schönheit über alles gehen und ein schmerzverzerrtes Gesicht, das ein Maler oder ein Bildhauer gar zu expressiv und "naturalistisch" zum Ausdruck bringen würde, würde damit nicht in Einklang zu bringen sein.

/ Einfügung 20.4.26 - Vielleicht bekommen wir hier eine Ahnung, warum die antik-griechischen Skulpturen so stark abzuweichen scheinen von der alltäglichen physischen Erscheinung, die die antiken Griechen untereinander auf der Straße zu sehen gewohnt waren: Es war diese große, große Sehnsucht nach Schönheit, nach Erhabenheit, nach Würde. Lessing nennt das den "verborgenen Funken im Kiesel". Aber auch das scheint uns nicht richtig charakterisiert. Schließlich ist die leidenschaftliche, überschwängliche Natur der antiken Griechen ja auch sonst keine "verborgene" Eigenschaft, sondern findet sich fast in jedem Wesenszug ihrer Kultur wieder. / 

Natürlich ist Lessing auch in den letzten, zitierten Ausführungen ein Kind seiner Zeit und bringt die Kunstauffassung des 18. Jahrhunderts zum Ausdruck. Die expressionistischen Bilder etwa eines Edvard Munch oder auch die Skulptur "Krieg" des Höchster Bildhauers Richard Biringer (1877-1947) aus dem Jahr 1928 (Wiki) halten sich ja dann später keineswegs mehr an solche Sichtweisen.

Obwohl es Lessing allerdings auch gar nicht ausdrücklich anspricht, wird man seine Ausführungen auch als eine Kritik an vielen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Darstellungen der "Leiden Christi" empfinden können. Auch ein Maler wie Matthias Grünewald (1480-1528) (Wiki) würde aus der von Lessing vorgetragenen Sichtweise mancherlei Kritik auf sich ziehen.

Abb. 2: Medea mit ihren Kindern - Wandmalerei in Pompeji, Museum von Neapel (Wiki)

Es ist sehr interessant, daß Lessing auch auf ein antik-griechischen Kunstwerk zu sprechen kommt, das wir selbst schon andernorts behandelt haben, siehe "Ein Kind in einem Ehekonflikt in Pompeji im Jahr 79 n. Ztr." (GAj2021) (Abb. 2). Wir erfahren durch Lessing, daß die sehr psychologische Darstellung in diesem Kunstwerk ebenfalls von der Tendenz der antik-griechischen Künstler geprägt wäre, nichts gar zu Häßliches darstellen zu wollen, nämlich in diesem Fall die Tötung der eigenen Kinder durch Medea. Stattdessen wird in diesem Fall als Thema das unmittelbare Innehalten vor dem Ausführen der Tat selbst gewählt. Um dieser "psychologischen" Darstellungen willen hat der Maler Timomachus in der Antike sehr viel Wertschätzung erfahren, etwa von Cäsar, in dessen Leben ein Innehalten vor der Tat ja ebenfalls wiederholt eine Rolle spielte.

/ 20.4.26 - Vielleicht auch ein Wink mit dem Zaunpfahl an alle Filmemacher des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, wenn sie so gar nicht ihre Filmkamera abwenden können von dem Ablichten des Grausamsten und des Lustvollsten, das der Mensch kennt und dadurch so unglaublich stark zu der heutigen Verrohung und Abstumpfung der menschlichen Empfindungen beitragen. / 

Indem Lessing allerdings dann auch wieder Cicero zitiert, wird deutlich, daß die antiken Römer insgesamt einen anderen Umgang mit Schmerz kannten als die antiken Griechen. Vielleicht kein Wunder. Denn sie trugen ja auch 20 % indogermanische Steppengenetik in sich, also 12 % mehr als die antiken Griechen.

/ 23.4.2026 / Lessing lebte im Zeitalter der Empfindsamkeit. Die damaligen Nachkommen dieser "barbarischen" "Ureltern" hatten womöglich - aufgrund von "Zivilisierung" - inzwischen zu einem anderen Umgang mit Schmerz und Leid gefunden. Aber ist nicht auch dann das Erleben von Schmerzen und Leid ein anderes als im antiken Griechenland? Wenn wir etwa an die Romane von Jane Austen denken, an die Novellen von Theodor Storm? Wenn wir etwa an die Nachkriegsromane von Karl Springenschmid denken (die nach 1945 entstandenen Romane)? Wird nicht auch dann der Schmerz und das Leid außerordentlich verhalten, nach innen gekehrt erlebt und dargestellt? Und nicht "exzentrisch" nach außen gekehrt? (Und ohne daß irgend etwas "verbissen" würde - ?) Dieser Frage sollte man wohl noch einmal etwas genauer nachgehen, um zu klären, ob Lessing hier im Grunde weniger die "Grenzen" zwischen bildender Kunst und Dichtung beschreibt, sondern insgesamt eher die Unterschiede im Erleben und Ausdruckgeben des Leids zwischen dem "südlichen" und dem "abendländischen" Menschen (im Sinne von Friedrich Hölderlin).

Sind nicht noch heute bei den Manioten, die vielleicht auch genetisch sehr direkt von den antiken Griechen abstammen, die Klagelieder ihr wesentlichstes Kulturgut (Stg26)? Und erlebt man nicht auch heute noch diese Klagelieder keineswegs als etwas typisch "Abendländisches"?

Ist ein Ausdruck wie "Verbeißen" überhaupt eine angemessene Charakterisierung für das Erleben der Wikinger? Denkt Lessing nicht daran, wie auch der stolze Römer seine Hand in das Feuer gehalten hat (Wiki)? Hat dieser Römer etwas "verbissen"? Oder liegt hier nicht doch eine ganz andere Seelenhaltung vor? Eine Erhabenheit über Leid und Schmerz - um höherer Werte willen? Gibt es nicht auch "Klage"-Dichtungen unter den Wikingern? Leitet der dänische Kulturdeuter Wilhelm Grönbech (Vilhelm Grønbech) (1873-1948) seine berühmte Studie "Kultur und Religion der Germanen" (1909-1912) nicht mit einer ausführlichen Behandlung einer solchen Klage-Dichtung ein, nämlich mit der ausführlichen Behandlung und Deutung von "Egils Liebe und Schmerz" (2, S. 36)? 

Wir merken an solchen Überlegungen, daß Lessing hier insgesamt auf einen Themenkreis aufmerksam macht, der durch seine Studie weder erschöpfend behandelt ist, noch auch hätte er durch sie die Unterschiede zwischen südlichem und abendländischem Menschen treffend genug charakterisiert. Er hat ein sehr weitläufiges Thema vielmehr nur eröffnet, wobei sich bei seiner Behandlung zwei Themenkreise überlagern, die erst einmal getrennt für sich behandelt werden müßten. 

/ Letzte Ergänzung: 17.5.2026 /

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*) Lessing ist in dieser Sichtweise allerdings keineswegs konsequent. In Ausführungen nur einige Seiten weiter meint er es allein mit Kunstgesetzen entschuldigen zu können, daß von griechischen Dichtern dennoch Schmerzen zum Ausdruck gebracht werden. Er schließt aus anderen antiken Dichtungen auf die verloren gegangene Laokoon-Dichtung des Vergil und schreibt über letztere (1):
Virgils Laokoon schreiet, aber dieser schreiende Laokoon ist eben derjenige, den wir bereits als den vorsichtigsten Patrioten, als den wärmsten Vater kennen und lieben. Wir beziehen sein Schreien nicht auf seinen Charakter, sondern lediglich auf sein unerträgliches Leiden. Dieses allein hören wir in seinem Schreien; und der Dichter konnte es uns durch dieses Schreien allein sinnlich machen.  
Hier scheint doch wieder seine ("abendländische") Meinung durch, daß Schreien Ausdruck eines weniger heldischen Charakters wäre, obwohl er doch zuvor und sonst schon klar gemacht hatte, daß diese Auffassung eben eine abendländische ist und für die antik-griechische Welt gar nicht kennzeichnend war. Er hält also an seinen eigenen Erkenntnissen nicht durchgehend fest. Aber ihm geht es ja auch im Kern allgemein um die "Grenzen der Malerei und Poesie", nicht um Wesensunterschiede zwischen Antike und Abendland.
**) Auch eine Autorin wie Mathilde Ludendorff erwähnt den "Laokoon" in ihrer Lessing-Biographie von 1937 zwar, geht aber nicht besonders konkret auf den Inhalt dieser Schrift ein. Sie schreibt zu dieser (1937, S. 92): 
Lessing wußte, was er mit seinem "Laokoon" geschaffen hatte, den er jetzt gerade in Berlin vollendete und den er niemals öffentlich gegen die Kritiker seiner Zeit verteidigte, "so viele Narren auch über den 'Laokoon' herfielen". (...) Er hatte das Werk vollendet, an dem Kant und Schiller jeder auf seine Weise später mitwirkten. Er war den Gesetzen der Erfüllung des Schönheitswillens, wie diese beiden bis hin zum Wesen der Schönheit nachgegangen. (...) Gewiß hat die klare Abgrenzung der Bildkunst und der Dichtkunst in ihrer Folgerichtigkeit die Kultur von den weitschweifigen beschreibenden Dichtwerken befreit. (...) Zur gleichen Zeit hatte die bildende Kunst Darstellungen gewählt, die für die Dichtkunst geeignet waren. Lessings "Laokoon" befreite die Kultur von Mißgeburten beider Kunstgebiete. Aber nicht dieser kritische Gehalt und seine reinigende Wirkung, sondern das philosophische Umsinnen der Gesetze, die den göttlichen Willen zum Schönen erfüllen, ist das unvergänglich wertvolle an Lessings "Laokoon" für die Zukunft. Der große schöpferische Künstler wird nicht bewußt, sondern intuitiv nach solchen Gesetzen wählen und schaffen, aber die unantastbare Enthüllung des Wesens der Künste ist der Hort, der die wertvollen Kulturwerke vor der Gefahr behütet, durch mittelmäßige Machwerke beiseite gedrängt zu werden.
Darauf, daß ein wesentlicher Gehalt dieser Schrift darin besteht, fast unbeabsichtigt das unterschiedliche Wesen des "südlichen" Menschen (der antik-griechischen Kultur) im Vergleich zum abendländischen Menschen (der antik-römischen Kultur und der nachfolgenden Zeit) zu behandeln, wurde sie merkwürdigerweise nicht aufmerksam. Dabei kommt sie an ganz vereinzelten Stellen ihres eigenen Werkes auch selbst auf solche Mentalitäts-Unterschiede zwischen antiken Griechen und den Deutschen zu sprechen, etwa wenn sie in ihrem Buch "Des Menschen Seele" das Wort "Phobos" als Beispiel anführt. Sie schreibt (3, S. 76):
"Von ganz anderer Bedeutung für das Mitschwingen im Unterbewußtsein sind aber die Worte, welche seelische Zustände bezeichnen, die in Beziehung zum religiösen Erleben stehen können. Hier möge ein Beispiel genannt werden, welches gleichzeitig auch beweist, wie wenig nahverwandte Sprachen wie das Griechische und Deutsche (zwei nordische Sprachen) in der Urbedeutung und somit in ihrer Wirkung gleich sind. Das Wort  'Phobos' für Schreck heißt ursprünglich 'davoneilen', während das Deutsche Wort 'Schreck' die Urbedeutung 'Aufspringen' hat. Es regt also dies Wort in beiden Völkern einen artanderen Muskelbefehl an."
Man sieht ja auch in der "Ilias" oft die größten Helden der Griechen und der (indogermanischen) Trojaner "davoneilen", fliehen, vom Feind oft rund um die Festung gejagt. Das ist sogar ein wesentliches Element der Ilias. Auch dies womöglich der Ausdruck einer ganz anderen Mentalität als sie in Nordeuropa vorherrschend ist.

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  1. Lessing, Gotthold Ephraim: Laokoon oder Über die Grenzen der Malerei und Poesie. Mit beiläufigen Erläuterungen verschiedener Punkte der alten Kunstgeschichte. 1766 (Gutenb)
  2. Grønbech, Vilhelm: Kultur und Religion der Germanen. Zuerst 1909-1912 (Scribd)
  3. Ludendorff, Mathilde: Des Menschen Seele. Verlag Hohe Warte, Pähl 2006 (EA 1923) (Archiv)

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