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Sonntag, 8. Mai 2016

Ist Lehrbuch-Wissen "Quatsch"? - Über naturwissenschaftsnahes Argumentieren in der Politik

Im Lehrbuch "Soziobiologie" von Eckart Voland aus dem Jahr 2013 (2) wird ein Aufsatz aus der Zeitschrift "Human Nature" aus dem Jahr 2009 (1) referiert, der kurzzeitig in der Öffentlichkeit erörterte Argumentationslinien zu angeborenen Verhaltensunterschieden von menschlichen Großgruppen bezüglich r- und K-Strategien (12-17) - im Gegensatz zum allgemein in der Öffentlichkeit vertretenen Urteil - im Prinzip gerechtfertigt erscheinen läßt.

Abb. 1: Eckart Voland - Soziobiologie, 2013, 4. Aufl.
An nur wenigen Tagen in den letzten Monaten und Jahren ist kurzzeitig einmal im Zusammenhang mit politischen Erörterungen Bezug genommen auf naturwissenschaftsnahes Argumentieren (17).

In Reaktion darauf war in den "großen" Medien davon die Rede, dabei sei gedanklich völliger Blödsinn vertreten worden. Selbst nahe politische Freunde desjenigen, der sich hier geäußert hatte, zeigten sich als von Abscheu erfüllt. Sie meinten, daß man sich nicht kontraproduktiver hätte äußern können. In einer rechtfertigenden Stellungnahme wurde inhaltlich dann kein Argument vorgebracht, daß das zuvor vorgebrachte naturwissenschaftsnahe Argumentieren weiter erläutern und stützen würde und das dadurch dazu anregen würde, eine Sachauseinandersetzung weiter zu führen. Und dies ist der Zustand bis heute.

Selbst so überlegte Leute wie der Südtiroler Philosoph Marc Jongen (Universität Karlsruhe) äußern lieber ihre Sympathien für Rudolf Steiner, als daß sie in eine Sachdebatte einsteigen würden und Verständnis zeigen würden für ein naturwissenschaftsnahes, evolutionäres Denken (17).

Weit und breit niemand führte auf diesem Gebiet in der allgemeinen Öffentlichkeit die Sachauseinandersetzung auf inhaltlicher Ebene weiter.

"Der Häscher der Selbstgerchten"


Außer uns. Und außer ganz wenigen Denkenden in Deutschland. Und außer des Wissenschaftsjournalisten Marcus Anhäuser (14) und jener wenigen, auf die er sich bezieht - - - und schließlich außer jemandem, der sich nennt - - - "DerHäscherderSelbstgerechten", der dann von Kritikern begrüßt wurde als "DerMitMartialischenNamenTanzt". Es handelt sich bei diesem "Häscher der Selbstgerechten" um einen Blogger, der sich "Genhorst" nennt. (Der aber jüngeren Jahrgangs ist, als man bei einer solchen Namenswahl vermuten sollte.) Dieser gab schon am 14. Dezember - allerdings bis heute wenig beachtet - den entscheidenden Kommentar zu allen öffentlichen Erörterungen rund um das zur Debatte stehende evolutionäre Denken (Genhorst 14.12.2015) (13).

Abb. 2: Die Überlebenskurve für fünf unterschiedliche Lebewesen mit unterschiedlicher Fortpflanzungsstrategie
(Danke für diese Grafik von: Armin Kübelbeck)

Der Verfasser dieser Zeilen ist bislang der einzige gewesen, dem dieser Blogbeitrag "gefiel", und der ihn auf Facebook weiter geteilt hat. Und der ihn in Kommentaren bei Marcus Anhäuser dann weiter auswertete. Das soll nun auch hier noch einmal dokumentiert werden. Denn - wie gesagt - niemand innerhalb der gesamten "Qualitätspresse" weltweit scheint bislang diesen Hinweis aufgegriffen zu haben. Womit der Vorwurf Lügenpresse voll und ganz gerechtfertigt erscheint.

Was hatte "Der Häscher der Selbstgerechten" getan? Er hatte einfach ein Zitat aus dem Lehrbuch meines Doktorvaters gebracht, auf das ich selbst gar nicht gekommen war:
Soziobiologe Eckart Voland schreibt dazu in seinem Standartwerk „Soziobiologie“ (Springer-Verlag Berlin, Auflage von 2013) im Abschnitt „Menschen sind flexible K-Strategen“ (S. 166).
Und dieses Zitat brachte er dann auch am 5. Februar 2016 in den Kommentaren bei Marcus Anhäuser. Eckart Voland schrieb da also schon 2013:
Allein schon angesichts ihrer vergleichsweise geringen Fruchtbarkeit, langen Jugendentwicklung und beachtlichen Lebenserwartung rangieren Menschen weit auf der K-Seite des r/K-Gradienten. Allerdings läßt sich eine durchaus nennenswerte Variabilität, sowohl im Populationsvergleich als auch im interindividuellen Vergleich, innerhalb einer Population in Bezug auf lebensstrategische Parameter beobachten. Man denke nur an den Unterschied in der realisierten Fruchtbarkeit, wie sie in den westlichen Industriestaaten vorherrscht und nicht einmal zur bloßen Regeneration der Bevölkerung ausreicht […]. Angesichts dieser Unterschiede hat sich schon früh die Frage gestellt, ob das Konzept von “r-” versus “K-Strategie”, das zwar zur Erklärung von genetisch weitgehend fixierten Artunterschieden entwickelt wurde, nicht sinngemäß auch menschliche Unterschiede zu erklären vermag. Schließlich beobachtet man Unterschiede in individuellen Lebensvollzügen, die analog zum “r/K-Konzept” unterschiedlich stark ausgeprägte Fluktuationen in den sozio-ökologischen Lebensbedingungen einschließlich unterschiedlicher extrinsischer Mortalitätsrisiken abbilden. Wenngleich Menschen also K-Strategen sind, sind sie das auch auf verschiedene Weise. Idealtypisch vereinfacht lassen sich eher “langsame” von “schnellen” Lebensverläufen unterscheiden, wobei die “Geschwindigkeit” des reproduktiven Verhaltens als konditionale und funktional-adaptive Antwort auf das Ausmaß individuell erfahrener Lebenssicherheit verstanden wird. […] Die Forschung zur Plastizität der K-Strategie des Menschen hat längst ihre ursprüngliche Domäne, nämlich die Darwinische Entwicklungspsychologie verlassen und strahlt weit in benachbarte Disziplinen aus, die - sei es mit demografischen, kulturvergleichenden oder anderen Methoden und Datensätzen - die Vielfalt der menschlichen Lebensverläufe mit einer einheitlichen evolutionären Theorie einzufangen versucht.
Abb. 3: Rushton - Rasse, Evolution, 2005
Darauf schrieben wir noch am gleichen Tag in den Kommentaren:
Was “Genhorst” da gefunden hat, ist schlichtweg die definitive Entscheidung in dieser Debatte. Und dieses Zitat müßte, wenn wir es denn nicht mit einer Pinocchio-Presse zu tun hätten, durch die gesamte große Presse gehen. Die moderne Humansoziobiologie mit ihrem im deutschen Sprachraum prominentesten Vertreter sagt, daß Menschen r-Strategen sein können als “Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit” und auf der Ebene von Populationen (von der in dem Zitat die Rede ist). In Afrika gibt es r-Strategie als Antwort auf individuell erfahrene Lebenssicherheit auf Populationsebene. (...) Der Wissenstand ist schlichtweg zu allergrößten Teilen korrekt wiedergegeben worden. Ob die richtigen politischen Schlußfolgerungen daraus gezogen worden sind, ist damit ja gar nicht gesagt. Aber Pinocchio-Presse bleibt Pinocchio-Presse. Peter Sloterdijk spricht absolut korrekt von Lügenäther.
Ich übergehe hier einen längeren Abschnitt in der Diskussion bei Marcus Anhäuser, in der auf Einwände gegen unsere Auslegung dieses Zitats geantwortet wurde. Es wird eine Diskussion sein, die sehr lehrreich sein dürfte für manche, die noch weniger in naturwissenschaftsnahem Denken geschult sind. Bis zum 9. Februar hatte ich dann endlich herausgesucht, was hier tatsächlich inhaltlich zur Erörterung stand. Ich schrieb:
Habe jetzt das obige Voland-Zitat im Original rausgesucht und sehe, daß sich Voland bezieht bei den zitierten Aussagen auf diese Studie aus dem Jahr 2009: http://www.u.arizona.edu/~ajf/pdf/Ellis,%20Figueredo,%20Brumbach,%20&%20Schlomer%202009.pdf (Schade, daß man das hier alles selber machen muß und die “Qualitätspresse” weit und breit sich in Deutschland darum nicht kümmert.) Im Abstract dazu heißt es abschließend: “This review demonstrates the value of applying a multilevel evolutionary-developmental approach to the analysis of a central feature of human phenotypic variation.” Ohne das Ding jetzt weiter gelesen zu haben, entnehme ich jetzt mal dem Wort “multilevel approach”, daß ich mit meiner obigen “Interpretaton” des Voland-Zitates 100% richtig liege. Denn multilevel heißt: die genetische Ebene ist eben nicht ausgeschlossen.
Der Aufsatz stammt von einer Forschergruppe rund um den Evolutionären Psychologen Bruce J. Ellis von der Universität von Arizona in Tuscon, USA. Er ist in deutscher Übersetzung betitelt mit: "Grundlegende Auswirkungen von Umweltrisiken - Der Einfluß von harschen gegenüber unvorhersehbaren Umwelten in der Evolution und Entwicklung von Lebensphase-Strategien" (1).

Bruce J. Ellis aus Tuscon/Arizona


Abb. 4: Die Zeitschrift "Human Nature"
Und diese Originalarbeit, auf die sich Voland bezog, ist glücklicherweise frei zugänglich und so konnten aus dieser gleich die entscheidenden Passagen herausgesucht werden (worauf es dann auch - bis heute - keine Einwände mehr gab ;) ). Bezugnehmend auf hier nicht dokumentierte Diskussionsabschnitte schrieb ich also:
Der eben genannte Artikel von 2009 raisonniert auf genau der gedanklichen Linie, die ich oben schon erläutert habe. Aber er geht noch erheblich weiter! Er erörtert sehr WOHL auch sehr konkret verhaltensgenetisch vorgegebene Häufigkeitsunterschiede zwischen MENSCHLICHEN Populationen weltweit. Insbesondere auf S. 228f wird dies anhand einer genetischen Anlage für ADHS erörtert, eine Anlage, deren 7-fache Sequenz bei Chinesen und Buschleuten gar nicht vorkommt, die aber in einigen Volksstämmen Südamerikas sehr häufig vorkommt und z. B. unter Europäern ebenfalls mitverantwortlich ist für dortiges “novelity seeking”, für Abenteuerlust, Risikofreude und ADHS. Und diese Steuerungssequenz korreliert nach älteren Studien (u.a. Harpending) mit Nomadenhaftigkeit und Wanderungsfreude. Und nun der von Voland zitierte Aufsatz zu solchen angeborenen Lebenslauf-Häufigkeits-Unterschieden zwischen menschlichen Populationen in Bezug auf diese Veranlagung (LH = Life history):
“Variation between and within human populations in LH strategies has also been linked to measured genetic variation. For example, the modal slow human LH strategy may be supported by the common 4R variant of the human dopamine receptor D4 (DRD4) gene. DRD4 regulates dopamine receptors in the brain, and variants of this gene have been linked to individual differences in such personality traits as extraversion and novelty-seeking (Ebstein 2006). The 4R allele was apparently the most common form of the DRD4 gene throughout human prehistory (Wang et al. 2004). Under conditions of environmental harshness and resource limitation, which are common in pre-agricultural foraging societies, biparental investment in offspring, durable pairbonds, and strong family ties and cooperation (i.e., slower LH strategies) are generally needed to survive and reproduce successfully (see Draper and Harpending 1988; Geary 2000; Rodseth and Novak 2000). Harpending and Cochran (2002) suggest that these ancestral conditions helped to maintain the 4R allele, which is associated with more riskaverse mating and social behavior.
Whereas the DRD4 4R allele appears to have emerged around a half-million years ago and is common in most geographical locations, the DRD4 7R allele, which is associated with more impulsive and risk-prone behavior, appears to have been selected for during the past 40,000–50,000 years and has a widely variable and nonrandom global distribution (Chen et al. 1999; Wang et al. 2004). Based on an analysis of this distribution, Chen et al. (1999) have argued that the 7R allele promotes migratory behavior, with bearers of 7R more likely to lead populations far from their ancient lands of origin (e.g., South American Indians, Pacific Islanders). An alternative explanation, however, proposed by Harpending and Cochran (2002), is that the 7R allele is favored by selection under conditions of surplus resources. In such luxuriant contexts, where offspring can be successful without intensive biparental investment (as is common in many agricultural and modern societies), higher levels of energetic, impulsive, and noncompliant behavior characteristic of male bearers of the 7R allele may facilitate fast sexual behavior and success in intrasexual competition (Harpending and Cochran 2002; Penke et al. 2007). Recent increases in the frequency of the 7R allele (Ding et al. 2002) are consistent with this hypothesis. In total, 7R bearers may not only be more likely to become propagules colonizing new environments (generating between-group variation in LH strategies) but may also employ faster LH strategies than 4R bearers in well-resourced, multiniche environments (supporting within-group variation in LH strategy).
In sum, there is much variation in LH strategies between different human populations (e.g., Rushton 2004; Walker et al. 2006b; Walker and Hamilton 2008). On the one hand, genetic polymorphisms, such as those at the DRD4 locus, are potentially relevant because they may account for meaningful cultural and individual variation in LH strategies. On the other hand, comparative data from small-scale human societies suggest that differences between populations in LH strategies are responsive to mortality rates. Much more work is needed, however, to delineate the potential evolutionary and developmental bases of such differences and their coordination with environmental conditions.”
In diesem Falle würden also, wenn ich es recht verstehe, Buschleute und Chinesen auf der “K-nahen” Seite stehen, während südamerikanische Indianerstämme und abenteuerlustige, risikofreudige Europäerinnen und Europäer auf der “r-nahen” Seite stehen, weil sie wechselnde Sexualpartner haben und/oder auch einen sonstigen risikofreudigeren Lebensstil haben. Man sieht, das Thema ist in jedem Fall komplex. Aber daher zu kommen und zu sagen, es sei grundsätzlich “Blödsinn”, in Bezug auf angeborene Verhaltensunterschiede beim Menschen auf Populationsebene von r- und K-Strategie zu sprechen – DAS ist: Blödsinn. Denn die Forschung geht auch jenseits von Philippe Rushton auf diesem Gebiet weiter, jenseits eines Autors übrigens, der auch in der Studie von 2009 als ernstzunehmender zitiert wird.
Seit diese Zitate der Öffentlichkeit bekannt gegeben und ihr erläutert worden sind, ist die öffentliche Erörterung rund um das hier zur Erörterung stehende evolutionäre Denken schlichtweg entschieden. All die Kritiker auf dem Blog von Marcus Anhäuser, die sich zuvor immer wieder mit neuen Einwänden gemeldet hatten, blieben, nachdem diese Zitate gebracht worden waren, stumm. Wahrscheinlich reden sie sich damit heraus, dass ihnen die Diskussion zu lang geworden war und sie ihr gar nicht mehr gefolgt wären.

Aber man möchte doch gerne wissen, wann endlich Qualitätspresse Qualitätsberichterstattung betreibt. Statt Hetzpresse und Verblödungspresse zu sein. (Einige weiterführende Ausführungen im Anhang.) (Ergänzung 11.6.16:) Übrigens ist damit auch die öffentliche Stellungnahme des "Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung" (19) vollständig widerlegt, etwa die dortige These, dass es sich bei der r/K-Theorie um eine "mittlerweile veraltete Theorie zu Unterschieden im Fortpflanzungsverhalten zwischen verschiedenen Tierarten" handeln würde. Wie können habilitierte Wissenschaftler einen solchen Unsinn äußern?
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ResearchBlogging.org
  1. Ellis BJ, Figueredo AJ, Brumbach BH, & Schlomer GL (2009). Fundamental Dimensions of Environmental Risk : The Impact of Harsh versus Unpredictable Environments on the Evolution and Development of Life History Strategies. Human nature (Hawthorne, N.Y.), 20 (2), 204-68 PMID: 25526958
  2. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. Springer-Verlag, Heidelberg u.a. 2013 (4. Auflage)
  3. Bading, Ingo: Ein Skandal der allerersten Güte. Das "Institut für Staatspolitik" in Schnellroda und sein geistig überaus schmalspuriges Auftreten. Auf: GA-j!, 12. Juli 2015
  4. Bading, Ingo: Rettet naturwissenschaftsnaher Katholizismus die europäischen Völker? Entwicklungen auf dem Internetblog "Projekt Ernstfall". GA-j!, 23. Juli 2015
  5. Bading, Ingo: "Eine Milliarde Katholiken gegen 200 Ludendorffer - viel Spaß in der Bataille". GA-j!, 28. Juli 2015
  6. Bading, Ingo: Verblödung auf der Internetseite Sezession. Katholische Rechtskonservative seit über 40 Jahren: "Gehe zurück auf Los und fange bei Null an". GA-j!, 15. August 2015
  7. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Er hat "biologische Fragestellungen" "allzu sehr in den Vordergrund gestellt. GA-j!, 7.10.2015 
  8. Bading, Ingo: Alain de Benoist - Ein rechtskonservativer Hijacker. GA-j!, 11.10.2015
  9. Bading, Ingo: Laßt sie nicht abreißen! - Die kulturelle und genetische Tradition. Begreift Euch als Erben! Eine Lesehilfe zu Peter Sloterdijk's neuestem Buch "Die schrecklichen Kinder der Neuzeit" (2014). GA-j!, 15. Oktober 2015
  10. Albrecht, Jörg: Das Fremde und das Vertraute. In: FAS, 17.11.2015
  11. von Rauchhaupt, Ulf: Lewontins Fehlschluß. In: FAS, 17.11.2015
  12. Zastrow, Volker: Neue Rechte - Höckes Rassetheorie. In: FAZ, 20.12.2015
  13. Genhorst: Höckes r- und K-Strategen. Auf: Das Wesen - EvoDevoAnthro, 14. Dezember 2015, https://genhorst.wordpress.com/2015/12/14/hoeckes-r-und-k-strategen/
  14. Anhäuser, Marcus: Liebe Biologen, #Höcke wäre Eure Chance gewesen (Nachtrag 28.1.16). Auf Placeboalarm, 15. Dezember 2015, mit 105 Kommentaren, http://scienceblogs.de/plazeboalarm/index.php/liebe-biologen-hoecke-waere-eure-chance-gewesen/
  15. „Sonst endet die AfD als ‘Lega Ost’“ - Interview mit Karlheinz Weißmann. In: Junge Freiheit, 21.12.2015
  16. Hermsdorf, Daniel: Volksverhetzung durch angebliche #Rassismus-Kritik? Filmdenken, 21.12.2015
  17. Bading, Ingo: Evolutionäres Denken - Von seinem Gebrauch und Mißbrauch in der Politik. 10. Januar 2016, https://studgenpol.blogspot.com/2016/01/bjorn-hockes-evolutionares-denken.html
  18. Brynja Adam-Radmanic: Hat Höcke recht, aber wir dürfen es nicht sagen? - Ein Fakten-Check mit Anleitung zur Verhinderung totalitären Denkens. Auf: Wissensküche, 15. Dezember 2015 (mit 126 Kommentaren), http://wissenskueche.de/2015/12/hat-hoecke-recht-aber-wir-duerfen-es-nicht-sagen-ein-fakten-check-mit-anleitung-zur-verhinderung-totalitaeren-denkens/
  19. Damian Ghamlouche: BIM-Pressemitteilung: Rassistische Argumentationen dringen unter dem Deckmantel der Wissenschaftlichkeit in den politischen Raum. Pressemitteilung des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung vom 15.12.2015, http://www.bim.hu-berlin.de/media/PM_BIM_14122015.pdf

Montag, 21. April 2008

"Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder ..." - Evolutionärer Fortschritt durch die Kindheit?

Die Evolution der Kindheit war eines der wichtigsten Forschungsthemen des bedeutenden Schweizer Biologen Adolf Portmann (1897-1982) (Wiki). Er war es, der aufgrund des Vergleichs von Gehirngrößen zwischen verschiedenen Arten (abgeglichen jeweils nach ihren sehr unterschiedlichen Körpergrößen), Progressionen (Weiterentwicklungen) im Verlauf der Evolution feststellte, und der feststellte, daß Gehirngröße und die Intensivität und Länge der Kindheitsphase gemeinsam evoluieren. Und zwar das sowohl bei den Vögeln wie bei den Säugetieren. 

Er war es, der aufgrund dessen erstmals feststellte, daß der "Nestflüchter" eine ursprünglichere, nicht eine fortgeschrittenere Stufe der Evolution von Kindheit und Intelligenz gewesen ist. "Nesthocker"-Dasein, also Hilflosigkeit in der Kindheit, ist gemeinsam mit Intelligenz evoluiert. (Dazu gibt es auch eine schöne Grafik im dtv-Atlas für Biologie.)

Abb.: David F. Bjorklund "Why Youth is Not Wasted on the Young - Immaturity in Human Development" (2007)

Kindheit hat also etwas mit unserer Intelligenz zu tun. Der Mensch ist nach Adolf Portmann ein "sekundärer Nesthocker", also evoluiert aus einer evolutiven Nestflüchter-Stufe heraus und zwar aufgrund einer "physiologischen Frühgeburt", das heißt gegenüber Schimpansen-Babys werden menschliche Babies physiologisch um ein Jahr zu früh geboren. - Aber warum das alles? Warum legt die Evolution - übrigens auch im Pflanzenreich - so einen deutlichen Schwerpunkt auf alles, was mit Fortpflanzung und "Brutfürsorge" zu tun hat?

Schon die wesentlichsten Pflanzengruppen unterscheiden wir ja aufgrund ihrer Unterschiede im "Brutfürsorge"-Bereich, nämlich die "Nacksamer" und die "Bedecktsamer", also jene, die ihrer Nachkommenschaft "nackt" und "bloß" lassen und jene, die sie stärker "bedecken" und "schützen". Also die ursprünglicheren Gymnospermen, die in der Dinosaurier-Zeit die vorherrschende Pflanzengruppe waren, und die erst gemeinsam mit den Säugetieren (!) ökologisch vorherrschend gewordenen Angiospermen, die Blütenpflanzen. Liegen denn nicht auch hier evolutionäre Konvergenzen vor, sogar - letztlich - zwischen Pflanzen und Tieren? Auch das Säugetier schützt und pflegt ja seine Nachkommen mehr als die Reptilien.

Und warum kam das alles zustande? Der Neodarwinismus für sich genommen weiß auf diese Fragen oft nur erbärmlich bescheidene Antworten. Oft leugnet er ja heute sogar, daß mehr Intelligenz eine evolutive "Höher"-Entwicklung darstellen würde. Es wäre reiner "Zufall", daß es so intelligente Wesen wie Menschen auf der Erde gibt, so noch vor wenigen Jahren Stephen Jay Gould. Ein Wesensunterschied zu Bakterien würden Menschen und Säugetiere nicht aufweisen, schon gar nicht würden sie eine Höherentwicklung darstellen. -

Aber auch bei der "jüngsten Humanevolution" in den letzten Jahrzehntausenden sind offenbar noch einmal die Dauer der Kindheit und die Intelligenz gemeinsam evoluiert. - Im "American Scientist" wird ein neues Buch zu diesem Thema besprochen (1), das sicherlich wieder viele neue spannende Fragen zu diesem, wie ich finde, sehr wesentlichen Thema aufwirft.

Es könnte einmal mehr aufzeigen, wie tagesaktuelle Diskussionen in der Familienpoliitk - etwa um die "pauschalere", weniger individuelle Betreuung von Kindern in Kinderkrippen statt durch die Eltern - in tiefster Weise unser in der Evolution entstandenes Humanum, unsere Menschlichkeit betreffen. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch," sagt Schiller, "wo er spielt". Wer also ist mehr Mensch als die Kinder? Und wie gehen wir heute mit diesem unserem Menschentum um?

Und ein Schritt weiter wäre zu fragen: Was hat Kindheit mit Religiosität zu tun? Sind Kinder religiösere Menschen als Erwachsene? Ich bin fest davon überzeugt. Abgesehen von der wie ich finde, zu verwerfenden "Wenn-Dann"-Beziehung, Lohn-Straf-Beziehung in moralischen Fragen tat deshalb Jesus Christus sehr recht, den Menschen die Kinder zu zeigen:

Da rief Jesus ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte und sagte: "Ich versichere euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet ..." (Matthäus 18:2-10)

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  1. David F. Bjorklund: Why Youth is Not Wasted on the Young. Immaturity in Human Development. 2007 (Amaz)

Sonntag, 8. Juli 2007

Ein neuer Blick tief in die Geschichte? - Forscher diskutieren die Evolution des aschkenasischen IQ

Zu den Thesen von Charles Murray über die Evolution des hohen durchschnittlichen Intelligenz-Quotienten im aschkenasischen Judentum (siehe Stud. gen.) hat es einige Antworten (Leserbriefe) gegeben, von denen diejenigen der Humangenetiker Gregory Cochran und Henry Harpending und des IQ-Forschers J. P. Rushton als die wichtigsten und weiterführendsten erscheinen. (Commentary) Ich will nicht ältere Thesen von ihnen hier weitschweifig wiederholen, nur das Neue, das sie hier erwähnen, anführen. Zunächst Cochran/Harpending:
There are hints that the selective process that we believe we identified among the Ashkenazim also occurred among the Sephardim of Spain and Portugal, though to a lesser degree. Certainly the experience and achievements of Spanish and Portuguese Jews in London and Amsterdam were similar to those of the Ashkenazim. But Sephardim from other lands show no sign at all of IQ elevation; indeed, this is a serious social and political issue in Israel today.
Sie sagen also, daß es "Hinweise" gibt, daß es auch im sephardischen Judentum Selektion in Richtung auf höheren IQ gegeben habe, daß diese Selektion aber - wenn ich recht verstehe - durch mangelnde Heiratsschranken gegenüber sephardischen Gruppen, die nicht dieser Selektion unterworfen waren, keine so ausgeprägten Ergebnisse hervorbrachten wie im aschkenasischen Judentum.

Heiratsschranken, ethnische Abgrenzung

Das Spannende ist ja, daß es gerade kulturell und geographisch errichtete Heiratsschranken gewesen sein müssen, die die Evolution eines höheren, durchschnittlichen IQ im aschkenasischen Judentum seit 800 n. Ztr. bewirkten. (Nicht unbedingt "hart" erzwungene Heiratsschranken, sondern wahrscheinlich einfach nur in dem Sinne, daß man "diese Leute" , die noch nicht mal Deutsch [Jiddisch] reden können, eben nicht mehr heiratet ...) Hätten sich auch die aschkenasischen Juden weiterhin mit den sephardischen Juden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit stark vermischt, hätte ihr durchschnittlich höherer IQ evolutiv wahrscheinlich nicht entstehen können.

Das zeigt, daß ethnische Abgrenzung sehr wohl auch heute noch - oder zumindest innerhalb der letzten 1200 Jahre - "Humanevolution" bewirken kann. Es muß sich das ja nicht nur auf den angeborenen Intelligenz-Quotienten beziehen. Es muß diesen aber auch nicht ausschließen. Humanevolution auf der Ebene der Gene ist einfach genetische Neuanpassung an geschichtlich sich neu herausbildende Lebens-Situationen, Lebensweisen von Gesellschaften, Religionsgemeinschaften, Völkern. Neuanpassung an neue Ernährungsgewohnheiten (Milchtrinken, Alkohol ...), an die Überlebens-Notwendigkeit, Gerüche unterscheiden zu können (besser ausgebildet bei afrikanischen Völkern), an die Überlebens-Notwendigkeit, mit der Malaria zu leben, die sich erst durch Urwald-Rodung in Afrika und im Mittelmeer-Raum ergeben hat. An die Überlebensnotwendigkeit, mit Phasen von Nahrungsmittelknappheit leben zu können (möglicherweise eine der Anpassungen, die heute Übergewichtigkeit, Diabetes und anderes bewirkt) und so vieles andere mehr.

Kindliche Psyche an ethnische Lebensweisen genetisch angepaßt?

Was noch am allerwenigsten in das Bewußtsein der Forscher getreten zu sein scheint, ist, daß auch die Evolution der Dauer von individuellen Lebensphasen (Säuglingsalter, Kindheit, Pubertät, Alter bei der Menopause) dem evolutiven Wandel unterliegt oder unterliegen könnte. Auch die Wahrscheinlichkeit zu Polygamie oder Monogamie in einer Gesellschaft könnte auf genetischer Ebene dem evolutiven Wandel unterliegen. Insofern könnte auch die kindliche Psyche in unterschiedlichen Völkern genetisch auf unterschiedliche soziale Lebensbedingungen angepaßt sein. Vieles spricht dafür, daß die kindliche Psyche europäischer Völker an stärker individuelle Betreuung durch die Eltern angepaßt ist ("K-Selektion") und vielleicht auch stärker an eine monogame Lebensweise des Elternhauses. (siehe frühere St. gen.-Beiträge 1, 2, 3) Denn Kinder sehen ein solches in Europa als "Idealform" an, geradezu so, als wäre ihnen dies angeboren. (St. gen.)

Mit all dem sollte nur deutlich werden, daß Humanevolution sich bei weitem nicht allein auf den Intelligenz-Quotienten beschränkt, sondern auf die ganze Spannweite des menschlichen, sozialen und physiologischen Lebens.

Ein neuer tiefer Blick in die Geschichte?

Die von Cochran und Harpending genannten "Hinweise" werden nun durch die Zuschrift von J. P. Rushton präzisiert. Er schreibt:
... Charles Murray is on safe ground in testing the Cochran-Hardy-Harpending hypothesis of high Jewish IQ by seeking evidence beyond the Ashkenazim in Europe and going back past the Middle Ages to antiquity. In a review of nearly 100 studies of South Asian/North African IQ, Richard Lynn has shown that although IQ scores of Sephardi Jews are lower on average than those of Ashkenazim, they are higher than those of the populations that surrounded them historically. Clearly we are dealing with something deeply rooted in the Jewish past.
Und Murray gibt in der Antwort darauf noch einmal weitere Präzisionen:
... The estimated Ashkenazi mean of 110 translates to a ratio of 11:10 in Europe and the United States. If non-Ashkenazi Jews with a mean of 100 were historically surrounded by a people with a mean of 91, the ratio would be identical. Since the IQ means of the non-Jewish populations of North African and Middle Eastern countries are estimated to be well below 100, the hypothesis is not implausible on its face.
Das wirft - wie mir scheint - spannende Fragen auf, die ich mir erst noch durch den Kopf gehen lassen muß: Ein neuer Blick tief in die Geschichte? Es könnte das etwa folgendes heißen: Der jüdische IQ evoluiert gar nicht als unabhängige Größe, sondern hat immer den ungefähr gleichen Abstand zu dem IQ der Völker, in denen sie gerade leben. Das könnte auch heißen, daß der Selektionsdruck auch auf den jüdischen IQ nachläßt, wenn dieser in dem Volk nachläßt, in dem sie gerade leben. Sollte es also ein umfangreicheres Aussterben von IQ-Eliten am Ende der Antike im Mittelmeer-Raum gegeben haben (was man für sehr plausibel halten könnte), könnte darauf auch das sephardische (romanisch-sprachige) Judentum reagiert haben, das möglicherweise zuvor einen höheren durchschnittlichen IQ gehabt haben könnte als heute.

Das würde dann auch heißen, daß der eigentliche Selektionsdruck auf den aschkenasischen IQ von dem IQ der umlebenden Deutschen ausging, eine Vermutung, die ich schon länger habe (natürlich auch, da es meinem Nationalstolz schmeichelt!).

Es lebe "irisch-schottische Weltverschwörung" ...

Eine eher humorvolle Zuschrift stammt übrigens von Eoghan Harris aus Dublin, Irland:
As an Irish Roman Catholic, I enjoyed Charles Murray’s excellent essay on Jewish accomplishment. Am I envious? Not really. After all, the Jews play a useful role in diverting wrath away from the Irish and Scots who have worked their way into so many powerful positions in American life, and have not been found out because of all the eyes fixed on the Jews.
Also, er fragt: Bin ich als Ire neidisch auf die Juden? Und er antwortet: Nein, nicht wirklich. Die Juden waren "gut" für die Iren und die Schotten in den USA, denn sie zogen alle öffentliche Wut auf sich, während sich die Iren und Schotten still und klamm-heimlich in so viele einflußreiche Positionen innerhalb des amerikanischen Lebens hinaufarbeiten konnten, ohne entdeckt zu werden - denn alle starrten auf die Juden. Womit man einen neuen Gefahrenherd ausgemacht hätte: die "irisch-schottische Weltverschwörung" ...

Sonntag, 20. Mai 2007

Hormonale Prägung durch die Umgebung, in der man aufwächst

Offenbar über die ganze erwachsene Lebenszeit eines Menschen hinweg ist sein hormoneller Zustand durch die Erfahrungen geprägt, die er vor der Pubertät gemacht hat.Das heißt: Der Mensch trägt sprichwörtlich bis an sein Lebensende seine Heimat in seinem Körper. So zumindest das Ergebnis der im folgenden erläuterten Studie ( Scienceticker):

"... Die Forscherinnen konnten 221 in Bangladesch bzw. England geborene Frauen für die Teilnahme an ihrer Studie gewinnen. Einen ganzen Regelzyklus lang bestimmten sie täglich den Spiegel des Hormons Progesteron im Speichel der Teilnehmerinnen. Das Hormon wird insbesondere nach dem Eisprung gebildet und bereitet die Gebärmutter auf die Einnistung eines befruchteten Eis vor.

Anhand der Messwerte konnten die Frauen in zwei Gruppen eingeteilt werden: Bei jenen, die stets in Bangladesch gelebt hatten oder erst als Erwachsene nach England gekommen waren, stiegen die Werte im Laufe des Zyklus deutlich weniger stark als bei jenen, die vor der Pubertät nach England gekommen waren oder schon immer dort gelebt hatten."

Also die Lebensheimat England führt zu höheren Progesteron-Werten im Erwachsenenleben. Die Forscher vermuten, daß das etwas mit der jeweiligen Ernährungssituation vor der Pubertät zu tun hat. Auch der Zeitpunkt des Eintritts der Pubertät wird nach ihren Ergebnissen durch diese Prägung bestimmt. - Wird die Ausschüttung eines Geschlechtshormons wie Progesteron und der Zeitpunkt des Eintritts der Pubertät nur durch die Ernährungsbedigungen geprägt? Zumindest für das Alter der Geschlechtsreife gibt es auch vielerlei Vermutungen, daß dies etwas mit den psychischen Lebensbedingungen zu tun hat, in denen man aufwächst.

Montag, 23. April 2007

Kinderbetreuung im Kulturvergleich - Die Forschungen Heidi Kellers

Das schon früher erwähnte neueste "Geo"-Heft hat das Titelthema "Was ist eine gute Mutter?". Die dazu von uns zitierte Zusammenfassung war etwas arg "schnellschüssig", wenn sie sagte, es wäre von einer Erkenntnis die Rede,
die Frauen in westlichen Ländern helfen kann, sich von der traditionellen Mutterrolle zu lösen. Und dennoch für das Glück des Kindes zu sorgen. (Stud. gen.)
So einfach kann man es sich mit den Inhalten dieses Aufsatzes nicht machen. Das Titelthema wird in zwei Beiträgen abgehandelt, beide von der Journalistin Johanna Rombach, auf deren Beitrag zum Thema "Singen" im letzten Geo-Heft schon hingewiesen wurde. (Stud. gen.) (- Dieser Blog sympathisiert zweifellos mit vielen, guten Beiträgen von "Geo".) Johanna Rombach ist Mutter zweier Söhne im Grundschul-Alter. Sie weiß also so im Großen und Ganzen schon, wovon sie spricht.

Den ersten der beiden Beiträge muß man nun nicht besonders gut finden. Da wird eher "kalter Kaffee" wieder aufgewärmt. Da wird das Buch von Sarah Blaffer Hrdy "Mutter Natur" abgehandelt, ein sehr dickes Buch, dessen Inhalte man gar nicht so einfach - und kurzschlüssig - in aktuelle politische (oder familäre) Debatten einfließen lassen kann. Trotz oder gerade weil (?) es von einer soziobiologischen Feministin geschrieben ist. Und diese Schwierigkeit merkt man durchaus auch dem Beitrag von Johanna Rombach an, der viel zu derzeitigen politischen Debatten sagen will - aber wenig konkreten Inhalt zu Tage fördert, der zu ihnen paßt.

Abb.: Heidi Keller
Schon also wollte man das Heft wieder enttäuscht beiseite legen und auf dem Blog ein zorniges Verdammungsurteil zum Besten geben, als man den zweiten Beitrag gleich dahinter entdeckte. Er behandelt sehr aktuelle Forschungen der Osnabrücker Kinderpsychologin Heidi Keller (Bild links), deren Arbeiten man schon von früher her sehr schätzen gelernt hatte, von deren neuesten einem aber lange nichts mehr zu Ohren gekommen sein muß. Diese neuesten Forschungen scheinen sich nun - wie man dem Geo-Artikel entnehmen kann - in den Ergebnissen sehr direkt an die früheren kulturvergleichenden Neugeborenen-Studien des kalifornischen Soziobiologen Daniel G. Freedman anschließen zu lassen, sowie auch an die in diesem Blog schon erwähnten kulturvergleichenden Analysen J. P. Rushtons. Das muß man aber erst noch genauer überprüfen, soll hier zunächst einmal nur als eine "Arbeitshypothese" formuliert werden.

Die neueste Bucherscheinung von Heidi Keller nämlich (die auch zahlreiche deutschsprachige Elternratgeber und akademische Lehrbücher verfaßt hat [Amazon]), eine Buchneuerscheinung, die im Geo-Artikel erwähnt wird, ist im März in Englisch erschienen und heißt "Cultures of Infancy". (Amazon) Ohne dieses Buch gelesen zu haben, versteht man wahrscheinlich den Geo-Artikel nicht in der ganzen Schwergewichtigkeit seiner Inhalte. Das aktuelle Projekt, aus dem dieses Buch hervorgegangen zu sein scheint, heißt auf Wissenschafts-Deutsch "Parentale Ethnotheorien im Kulturvergleich". (Hier eine Beschreibung dieses Projektes in einer ähnlichen Fach-"Fremd"-Sprache wie der Titel selbst.)

Es werden Kulturunterschiede aufgezeigt im Aufwachsen und Betreuen von Kindern in Afrika, in Asien und in Europa. Und es werden sogar Unterschiede im Aufwachsen und Betreuen von Kindern über den zeitlichen Verlauf der letzten Jahrzehnte innerhalb Europas festgestellt. All das muß man sich noch genauer anschauen. Es kommt einem jedenfalls spannend vor.

Interessant auch, was die "Zeit" im Jahr 2004 über den Lebensweg von Heidi Keller berichtete, die im Jahr 1945 geboren wurde (Zeit 2004):

Es war die feministische Bewegung der frühen siebziger Jahre, die Heidi Keller zur Kleinkindforschung gebracht hat. Um herauszufinden, ob geschlechterspezifisches Verhalten nun angeboren oder anerzogen ist, wollte sie ganz am Anfang beginnen, kurz nach der Geburt. Mehr oder weniger durch Zufall geriet sie in einen Forschungsschwerpunkt der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der fast ausschließlich aus Naturwissenschaftlern bestand. Durch eine "gnadenlose Schule" sei sie damals gegangen, die ihr manch "feministisch bewegten" Glaubenssatz austrieb, erinnert sie sich.
Und weiter:

Zehn Jahre dauerte das Forschungsprojekt zur "frühen Sozialisation". Keller war die einzige Psychologin, die bis zum Ende durchhielt, infiziert freilich von der Soziobiologie, deren Leitgedanken die 58-Jährige noch heute fasziniert: dass alles menschliche Streben letztlich der optimalen Weitergabe der eigenen Gene dient. Bis heute fühlt sie sich der evolutionären Psychologie verpflichtet. Nicht als Tabula rasa sei der Mensch geboren, sondern mit einer festen psychischen Grundausstattung, die alle Menschen teilen.
Die Frage, welche Verhaltensmuster im Eltern-Kind-Verhalten dies sind und wie Kultur und Lebensumstände diese immer wieder modellieren, ist der rote Faden ihrer Veröffentlichungen. Immer neue Beispiele und Geschichten fallen ihr ein, wie festgefügte Vorstellungen in der Konfrontation mit einer anderen Kultur plötzlich fragwürdig erscheinen und scheinbar Unvereinbares in anderen Breiten sehr wohl zusammengeht. Da kommt die nüchtern wirkende Forscherin ins Erzählen. ...
Und an anderer Stelle erfährt man (Pampers):
Prof. Keller forschte in Costa Rica, Kamerun, Indien und den USA, wo sie Eltern beim Umgang mit Neugeborenen gefilmt und sie nach Erziehungszielen befragt hat. Mit solchen Studien kann sie erklären, warum Afrikanerinnen Babys schütteln – und deutsche Mütter ihren Nachwuchs mit Lernspielzeug überhäufen.
Aber nun kurz angedeutet einigen Forschungs-Ergebnisse:

.... "(Europäische) Eltern schauen ihren Säuglingen heute viel häufiger direkt ins Gesicht als früher und reden mehr mit ihnen", sagt Heidi Keller, "dafür hat der Körperkontakt mit den Jahren deutlich abgenommen." Zur Illustration legt die Forscherin ein weiteres Video ein, einen Schwarzweißstreifen aus den siebziger Jahren. Auch da trägt der Vater das Kind auf dem Schoß, doch die Blickwechsel sind seltener, richten sich mehr zur Welt als zueinander. ... (Zeit 2004)
Da man selbst (geboren 1966) als Kleinkind noch in der "Schwarzweiß-Film"-Zeit betreut worden ist, drängt sich einem die Frage auf, ob es auch an solchen Veränderungen liegt, wenn später geborene Kinder ein anderes Generationengefühl zum Ausdruck bringen.

Mit dem Jahr 1968 hat sich ja gesellschaftsweit etwas sehr deutlich verändert, nämlich das Verhältnis zur Geschlechtlichkeit. Und dadurch könnte sich ja - über psychische Umwege - auch das Eltern-Kind-Verhältnis verändert haben. Und noch kurz zu geographischen Kulturunterschieden. Dazu heißt es in der "Zeit" von 2004 zum Beispiel:
Anders als die deutsche Mutter möchte die Nso-Frau in Kamerun, dass ihr Kind schnell motorisch selbstständig wird, damit es bei der Erziehung des nächsten Kindes nicht stört und bald als Teil der Gemeinschaft kleine Aufgaben erfüllen kann. (Zeit 2004)
Dazu möchte man bemerken: Was hier als "Wollen" definiert wird, könnte aus der Sicht der Forschungen der amerikanischen Psychologen Daniel G. Freedman und J. P. Rushton auch einfach als das Abspulen eines anderen, genetisch vorgegebenen körperlichen und seelischen Reife-Entwicklungs-Programms interpretiert werden, das von der Umwelt gar nicht besonders stark beeinflußt werden kann, höchstens dadurch, daß die Umwelt genau jene Reifung unterstützt und dann davon redet, sie "wolle" sie unterstützend, die sich sowieso mehr oder weniger von selbst abspult.

Wenn man sieht, daß jemand gut laufen kann, hilft man ihm und macht Laufen zum Lern-Programm. (Afrika) Wenn man sieht, daß jemand nicht besonders viel Lust zum Aufstehen und Bewegen hat in einer bestimmten Altersstufe, macht man andere Erziehungsziele zum Programm. (Europa) Solchen Zusammenhängen sollte noch detaillierter nachgegangen werden.

[leicht überarbeitet, gekürzt, einige Verweise aktualisiert; 29.6.09]

Dienstag, 10. April 2007

Kinderbetreuung und Intelligenz-Evolution

Es gibt ein Buch des "umstrittenen" Rasse-Forschers J. Philippe Rushton, das sich nennt "Rasse, Evolution und Verhalten". (Amazon) Nachdem wir durch die Humangenom-Forschung, durch die medizinische Forschung und durch die psycho-metrische Forschung erst der letzten wenigen Jahre wissen, daß sehr bedeutsame Rasse- und ethnische Unterschiede tatsächlich auf allen biologischen und psychischen Ebenen des Menschen existieren, nachdem wir wissen, daß Humanevolution über die letzten 200.000 Jahre hinweg IQ-Evolution gewesen ist von einem durchschnittlichen IQ von um die 60 (heutige Buschleute und australische Ureinwohner) zu einem durchschnittlichen IQ von 115 (aschkenasische Juden), nachdem also all das allmählich zum festen Bestandteil unseres Wissens wird, wird auch die These des Buches von J. Philippe Rushton nicht mehr nur eine beiläufige These in der Landschaft unseres Wissens bleiben, sondern im Gegenteil: diese These könnte/wird ganz zentrale Bedeutung in heutigen und künftigen politischen Debatten bekommen.

In dem Buch wird nämlich die These vertreten, daß IQ-Evolution einhergeht mit einer zunehmenden Verschiebung "elterlichen Investments" von einer sogenannten r- zu einer sogenannten K-Selektion. K-Selektion heißt kurzgefaßt, daß im Verlauf der Humanevolution das elterliche Investment immer stärker in Richtung auf qualitativ bessere Fürsorge für das einzelne Kind ging, auf eine gegenüber früheren Stufen noch mehr verlängerte Säugling-, Kleinkind-, Kind- und Jugendphase, also lauter evolutive "Trends", die es auch schon auf dem evolutionären Weg vom Schimpansen zum anatomisch modernen Jetztmenschen gegeben hat, der vor 200.000 Jahren in Afrika entstanden ist. Alle gegenwärtigen Zeichen in der Forschung deuten darauf hin, daß dieser Trend in den letzten 200.000 Jahren nicht aufgehört hat, sondern weitergegangen ist, daß also Rushton auf voller Linie bestätigt wird. Und zwar - was ganz besonders bedeutsam ist - auf genetischer Ebene. Denn die körperliche Entwicklung von Kindern und Heranwachsenden wird ja vornehmlich (nicht nur - aber vornehmlich) auf genetischer Ebene gesteuert. Und wenn diese in traditionellen Völkern der Südhalbkugel durchschnittlich schneller verläuft als in Völkern der Nordhalbkugel und auch jeweils mit dem lokal vorhandenen, durchschnittlichen (angeborenen) IQ korreliert, dann muß all das natürlich auch Schlußfolgerungen mit sich bringen, die sich darauf beziehen, wie man sich grundsätzlich gegenüber (eigenen) Kindern verhält oder verhalten will, wenn man sich und sein Handeln in den großen Ablauf der Human-Evolution hineinstellt - oder hineinstellen will.

Die Verschiebung von r- Richtung K-Selektion bezieht sich übrigens auch auf die Dauerhaftigkeit und Festigkeit von familiären Bindungen während des Erwachsenen-Alters und der Renten-Jahre. Man könnte also auch mutmaßen, daß Kinder verschiedener Völker genetisch, psychologisch verschieden angepaßt sind an verschiedene vorherrschende Familienstrukturen. Man könnte also - oder vielmehr sollte? - die These vertreten, daß frühe Krippenbetreuung und häufig wechselnde Partnerbeziehungen im späteren Leben ein Schritt Richtung r-Selektion ist, Richtung weniger individueller Betreuung des einzelnen Kindes durch wenige Betreuungspersonen, ein Schritt in Richtung weniger individueller Wertschätzung eines einzigen lebenslangen Lebenspartners und allem, was damit einhergeht.

Man könnte also die These vertreten, daß Kinder (vielleicht schon wir selbst?) durch ein solches Aufwachsen in familiären und außerfamiliären "Konstellationen", an die sie verhaltensgenetisch nicht angepaßt sind (waren), ungeeignet werden, die Anforderungen zu meistern, die in einer modernen (Wissens-)Gesellschaft an uns gestellt werden, die von Menschen mit - evolutiv gesehen - durchschnittlich hohem IQ hervorgebracht und (bisher) aufrecht erhalten worden ist und weiterentwickelt wird. Hohe Intelligenz scheint also, so die These dieses Beitrages - evolutiv gesehen - sehr direkt etwas damit zu tun zu haben, wie wir uns der Tatsache stellen, daß wir Kinder haben, und in welcher Weise wir Kinder haben (- wollen) (- und natürlich: ob).

Ich schreibe diesen Beitrag, weil das Fenster meines Arbeitszimmers hinunter auf einen Spielplatz schaut, und dort gerade sechs bis acht kleine "Wutzelzwerge" mit ihren - ja, verdammt: süßen - kurzen, wackeligen Beinen in der Sonne spielen, Vögel zwitschern in den Bäumen ... - "Krippenkinder", betreut von drei erwachsenen Personen.

- - - Man wunderte sich in den letzten Jahren öfter, daß es selbst zwischen zwei so ähnlichen Völkern wie den Franzosen und den Deutschen ganz tief kulturell eingegrabene Unterschiede in der Einstellung gegenüber Mutterschaft und Kinderbetreuung gegeben hat und immer noch geben würde, obwohl das doch auf rein bewußter Ebene niemandem mehr wichtig ist (oder überhaupt jemals war). Und in der Regel werden diese tief kulturell eingegrabenen Einstellungen, Mentalitäten von Menschen, die "Social Engineering" betreiben (oder was?) (Wikipedia) als etwas Veraltetes, Verkrustetes angesehen. Müssen wir uns nicht auch hier Europa öffnen, lautet die Frage, ja oft geradezu als "zwangsläufig" hingestellte Forderung. Uns den Franzosen angleichen, die in allem, was Kinderbetreuung (und Paarbeziehung?) betrifft so viel unkomplizierter sind als wir - offenbar? Warum diese merkwürdige Hast, diese Sucht, immer zu anderen Völkern zu schielen und dort alles besser zu finden als bei uns? Warum nicht auch einmal in Rechnung stellen, daß unsere Mentalitäten in Richtung K-Selektion, in Richtung auf individuelle Betreuung des einzelnen Kindes durch den einzelnen Elternteil über möglichst lange Zeiträume hinweg am angepaßtesten ist, was zukünftige Human-Evolution betrifft?

Auf all diesen Gebieten ist ungeheuer viel Diskussionbedarf vorhanden - in der Forschung selbst, klar - aber dann natürlich auch ziemlich dringend gesellschaftsweit. Aber der Bedarf an Diskussion, der hier besteht, ist ein Bedarf an Diskussion, die umfassend "informiert" ist - umfassend informiert über das, was wir über das, was "Menschsein" an sich bedeutet, eigentlich heute schon alles wissen.

Montag, 12. März 2007

Altern: Die Evolution der Lebensdauer bei 271 Vogelarten

Die Lebensdauer korreliert bei 271 Vogelarten nicht mit der sozialen Komplexität ihrer Lebensweise aber mit ihrem durchschnittlichen Lebensalter zur Zeit der ersten Elternschaft (oder Fortpflanzung).

Auch der Mensch kommt ja - im Vergleich zum Schimpansen - später in die Pubertät und hat eine längere physiologische Lebensdauer. Lange Kindheit und langes Lebensalter sind also etwas, was den Menschen zum Menschen macht und ihn vom Schimpansen unterscheidet. Verkürzung der Kindheit, so kann man weiter sagen, ist also aus dieser Sichtweise etwas, was den Menschen wieder näher an den Schimpansen (oder den Homo erectus) heranführt.

Es wäre interessant zu schauen, ob auch Gehirngröße und Lebensdauer (wie bei den Primaten?) bei Vögeln miteinander korreliert sind, so wie ja auch Gehirngröße und Nesthockertum bei Vögeln (und Primaten) miteinander korrelieren. (Siehe die Forschungen von Adolf Portmann und anderen.)
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