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Freitag, 15. Mai 2026

Kelten - Römer - Germanen - Ihr Zusammentreffen in Süddeutschland

Eine neue archäogenetische Studie zu Altheim an der Isar (400 bis 600 n. Ztr.)

2024 wurde durch die archäogenetische Forschungsgruppe um Johannes Krause in Leipzig festgestellt (Stg24), die heutigen Menschen in Süddeutschland tragen grob in sich ...

  • 55 % genetische Herkunft der Kelten,
  • 34 % genetische Herkunft der Germanen und
  • 12 % genetische Herkunft der Slawen.

Dieses erstaunliche Ergebnis versuchen wir seither hier auf dem Blog einzuordnen. Und dazu ist soeben eine neue Studie von Seiten der archäogenetischen Forschungsgruppe in Mainz in erschienen. In "Nature (1).

Abb. 1: Der Spangenhelm von Stößen in Thüringen (zwischen 470 und 520 n. Ztr.) - Als Symbolbild - Museum für Ur- und Frühgeschichte in Weimar (Wiki)

Diese Studie ist nicht gerade einfach zu lesen. Denn den genannten Forschungshorizont scheint sie überhaupt nicht zu berücksichtigen. Daß so etwas bei der angesehensten Wissenschaftszeitschrift der Welt, bei "Nature", durchgeht, wundert uns.

Als grobe Mutmaßung hatten wir schon 2024 hier auf dem Blog festgehalten, daß es vom Frühmittelalter bis heute in Süddeutschland noch ein Anwachsen des festgestellten keltischen Herkunftsanteiles gegeben haben muß. Wir schrieben (Stg24):

Die germanische genetische Herkunft stellte ab dem Frühmittelalter in Süddeutschland 62 % der gesamten Herkunft. Das heißt, die Herkunft der Glockenbecherleute und Kelten betrug im Frühmittelalter in den damals kulturell dominierenden Bevölkerungsteilen in Süddeutschland nur noch 38 %. Wobei allerdings vor allem Menschen der germanischen Reihengräberfelder untersucht worden sein werden und frühmittelalterliche Menschen in Rückzugsräumen, etwa in Höhenlagen der Mittelgebirge (Schwarzwald, Schwäbische Alp etc.) bislang weniger in den Fokus der Wissenschaft getreten sein werden.

Wir halten hier noch einmal fest: 38 % keltische Herkunft in den Reihengräberfeldern. Und wir hatten für künftige Blogartikel 2024 noch festgehalten:

Stammt der keltische Herkunftsanteil der Süddeutschen zu 70 % von freie Kelten her und zu etwa 30 % von romanisierte Kelten?
Vielleicht wird man in erster Annäherung sagen können, daß die 55% keltische Abstammung der Süddeutschen zu mindestens 70 % auf die Vermischung der zuwandernden Germanen mit freien, heidnischen Kelten zurück geführt werden kann, die niemals romanisiert worden waren und zu etwa 30 % auf Vermischung mit Kelten, die zuvor schon romanisiert worden waren (weil sie südlich und westlich des Limes lebten). Denn wenn die genannten 55 % als die Gesamtheit des heutigen keltischen Erbes in Süddeutschland angesehen werden (und damit auf 100 % gesetzt werden), dann betragen die 37 %, die sich schon in den Reihengräberfeldern finden, 70 % dieser Gesamtheit.

Nun, das sind nur grobe, hypothetische Annäherungen. Aber zunächst noch ein kleiner Ausflug in die Wissenschaftsgeschichte: Der Freiburger Anatom Alexander Ecker hatte 1865 erstmals "Reihengräber-Schädel" untersucht (2, S. 17):

Eckert nannte diesen Schädeltypus den Reihengräbertypus, eine Bezeichnung, die sich bis heute durchgesetzt hat. Der entspricht dem nordiden Rassentypus bei Lebenden. Gelegentlich kamen die Reihengräberschädel auch schon in der Hügelgräberbevölkerung vor.

"Hügelgräberbevölkerung" waren die Nachkommen der Glockenbecher-Kultur, aus denen ab der Urnenfelder-Kultur um 1200 v. Ztr. die Kelten hervorgegangen sind. Kelten unterscheiden sich von den Germanen genetisch durch einen höheren Anteil anatolisch-neolithischer Herkunft.

Abb. 2: Jupiter (2./3.Jhdt. n. Ztr. ) (Wiki) - Ihm war der Isarübergang bei Altheim geweiht - Bronzestatue aus dem Schatzfund von Weißenburg in Bayern, Römermuseum Weißenburg

Nicht völlig geklärt ist bis heute die Frage: Stammt die keltische Herkunft der heutigen Westdeutschen, Süddeutschen, Österreicher, Schweizer und Elsässer von freien keltischen Stämmen nördlich des Limes (mit denen sich die Germanen spätestens seit Ariovist vermischt haben könnten) oder von "Keltoromanen" südlich und westlich des Limes?

In Bayern wären diese Keltoromanen die Vindeliker, die nach römischen Quellen noch im Jahr 431 zusammen mit den Norikern in Kärnten einen Aufstand gegen die römische Besatzungsmacht unternahmen, und zwar als die germanischen Juthungen einmal erneut von Norden her den Limes überschritten (Wiki). Diese Vindeliker waren also noch zu diesem Zeitpunkt höchst lebendig in ihrem Stammesbewußtsein. Die Germanen nördlich des Limes und die Vindeliker südlich des Limes hatten spätestens seit dem "Limesfall" von 260 n. Ztr. eng zusammen gelebt. Die heutigen Bayern und Schwaben werden jedenfalls - nach allem, was erkennbar ist - zu nicht geringen Anteilen von diesen Vindelikern und von anderen süddeutschen, keltischen Stämmen abstammen.

Die Kelten werden nicht erwähnt

Nun zu der neuen Studie (1). In dieser werden die Vindeliker oder auch allgemein die Kelten mit keinem einzigen Wort erwähnt. Wir kritisieren diesen Umstand sehr deutlich. Unter den Hauptautoren wird genannt der Tübinger Mittelalter-Historiker Steffen Patzold (geb. 1966). Von seinen ganzen Forschungsschwerpunkten her scheint er nicht der Mann zu sein, um darauf hinzuweisen, daß man sich in dieser Studie mit den Kelten und ihrer Herkunft beschäftigen müsse. Hat denn auch sonst niemand darauf hingewiesen innerhalb der großen Forschungsgruppe, die an dieser Veröffentlichung beteiligt war? Ihr Forscher, ihr lebt in Mainz, in Tübingen, in der Schweiz oder wo sonst noch alle auf vormals keltischem Siedlungsboden. Ist euch das nicht bewußt???

Ist diese Studie einmal erneut ein Zeichen dafür, wie wenig die Kelten im Zusammenhang mit der deutschen geschichtlichen Identität Beachtung finden? Wie schon seit vielen Jahrhunderten? Will man die Kelten immer noch "den Franzosen" überlassen als Teil ihrer geschichtlichen Identität? Das kommt uns alles sehr merkwürdig vor.

Abb. 3: Eros (2./3.Jhdt. n. Ztr. ) (Wiki) - Die Römer brachten Hochkultur nach Bayern: Bronzestatue aus dem Schatzfund von Weißenburg (Römermuseum Weißenburg)

Im Zentrum der Studie steht das Dorf Altheim (Essenbach) (Wiki) (GMaps) an der Isar. Also inmitten des schönen Bayernlandes. Altheim liegt von München aus gesehen 77 Kilometer flußabwärts an der Isar. Es liegt im Hügelland, in das die Münchener Schotterebene (Wiki) übergeht an ihrem nordöstlichen Ende. (Das Dorf liegt im dortigen Landkreis Landshut in Niederbayern.)

Regensburg und Straubing mit ihren dortigen einstmaligen römischen Kastellen liegen fünfzig Kilometer nördlich von Altheim (GMaps). Das römische Kastell Weißenburg (Wiki) liegt 115 Kilometer nordwestlich von Altheim (Abb. 4).

An dem Schatzfund von Weißenburg (Wiki) kann gut aufgezeigt werden, welche hinreißende, durch Griechenland beeinflußte Hochkultur die Römer nach Bayern und Süddeutschland gebracht haben (Abb. 2, 3). Ob die einheimischen Vindeliker oder auch die nördlich lebenden Germanenstämme für diese Hochkultur damals schon einen "Sinn" hatten? - Nun, so ganz unmöglich muß auch das nicht sein: Die richtig teure, klassisch-antike Bronzeskulptur des "Jünglings vom Magdalensberg" (Wiki) ist im ersten Jahrhundert n. Ztr. dem Bergheiligtum der keltischen Noriker in Kärnten als Schenkung überlassen worden und zwar gemeinsam von einem keltischen Freien, einem keltischen Freigelassenen und einem keltischen Sklaven (s. Wiki). Zweierlei kann man dem entnehmen: Kelten konnten der antik-griechischen Kunst Wertschätzung entgegenbringen. Und zweitens: Wenn das Freie, Freigelassene und Sklaven gemeinsam tun konnten, dann wird es auch nicht unmöglich sein, daß sie sich gemeinsam - wie "gleichberechtigt" - in Reihengräberfeldern haben bestatten lassen. So möchte man meinen. (Diese Überlegung wird weiter unten noch wichtig werden.)

Aber unabhängig von solchen zumindest vereinzelten kunstliebenden Norikern haben wir heutigen Deutschen natürlich ebenfalls Grund genug, den hinreißenden Charakter dieser Hochkultur als den zu würdigen, als der er sich als Importware manifestiert hat. Ausstrahlungen der antik-griechischen Kultur bis nach Weißenburg in Mittelfranken am Nordrand der Fränkischen Alp, 60 Kilometer südlich von Nürnberg.

Zurück nach Altheim an der Isar: Hier wurde unmittelbar neben der Sankt Andreas-Kirche, wo sich heute noch Acker befindet, von 1989 bis 1992 eines der größten Reihengräberfelder Bayerns ausgegraben (LdkLandshut). In der neuen Studie stammen 112 der 258 untersuchten Individuen von diesem Gräberfeld. Andere Individuen stammen aus anderen Teilen Bayerns, aus der Rhein-Main-Gegend, zum Teil auch aus österreichischen Gegenden Donau-abwärts. Das Reihengräberfeld von Altheim lag benachbart zu einer römischen Villa (1, Suppl.):

In unmittelbarer Umgebung wurden mehrere weitere Bestattungsplätze aus der Merowingerzeit freigelegt, die allesamt auf einer das Isartal überblickenden Terrasse gelegen sind. Südlich des Gräberfeldes wurden Spuren einer römischen Villa aus dem 1. bis 3. Jahrhundert entdeckt, unweit einer antiken Römerstraße, die entlang der Isar verlief.

Womöglich lagen die Villa und das Gräberfeld nicht unweit des "Isarübergangs des Jupiter", des "Iovis Isura", der im "Itinerarium Antonini" Erwähnung findet (s. Abb. 4).  

Abb. 4: Der Rätische Donaulimes (Wiki) - ChatGPT: "Iovisura ist eine antike römische Straßenstation, die im Itinerarium Antonini verzeichnet ist. Sie befand sich vermutlich in der Nähe von Ohu (Gemeinde Essenbach) bei Landshut an einer Römerstraße, die den Inn mit Regensburg verband. Der Name wird als 'Isarübergang des Jupiter' (aus Iovis Isura) gedeutet" - Ohu ist nur 3 km von Altheim entfernt

Deshalb auch stellen wir eine römische Jupiter-Skulptur, gefunden im Bayernland, hier in unseren Beitrag mit ein (Abb. 2). Die frühesten Gräber auf dem Reihengräberfeld waren beigabenlos (1, Suppl.):

Im westlichen Abschnitt stammen die bestatteten Individuen aus dem 5. Jahrhundert und zählen zu den frühesten auf dem Gräberfeld. Ihre Datierung stützt sich maßgeblich auf 14C-Analysen, da diese Gräber keine Grabbeigaben enthalten und sich nicht mittels anderer Methoden datieren lassen. Es bleibt ungewiß, ob die Bestattungen bereits um 400 n. Ztr. begannen.

Bevor wir uns die Studie noch genauer anschauen, rekapitulieren wir noch einmal kurz: Schon mit Ariovist waren ab 70 v. Ztr. Germanen nach Süddeutschland gekommen, hatten den Rhein im Elsaß überschritten und waren von Cäsar zurück über den Rhein geworfen worden, wo sie sich - laut römischen Geschichtsquellen - angesiedelt haben. Die Germanen könnten die Sprache und Kultur der Kelten angenommen haben, da die Archäologen - zum Beispiel im Elsaß - nur wenige Nachweise für Germanen daselbst finden. 

Die Germanen kommen ab 70 v. Ztr. nach Süddeutschland

Dann folgten die Augusteische Alpenfeldzüge (25 bis 14 v. Ztr.) (Wiki). Dabei kamen die Kelten des Alpenraumes und Süddeutschlands bis südlich von Augsburg unter Römische Herrschaft. Bei Augsburg wurde ein Römerkastell errichtet, das zum Kern der nachmaligen Stadt Augsburg wurde. Leopold von Ranke schreibt in seiner "Weltgeschichte" über die Eingliederung der Alpen in das Römische Reich:

Im Jahre 15 vor unserer Ära drangen die beiden Stiefsöhne des Augustus in das Gebirge ein, der eine von Italien längs der Etsch in die Tridentiner Alpen; es ist der jüngere, Drusus; er ging über den Brenner und rückte in das untere Inntal vor. Die Straße, die er eröffnete, ist dieselbe, die seitdem immer in Gebrauch geblieben ist. Indessen gelangte der andere, Tiberius Nero, von Gallien her an den Bodensee, besiegte die Vindelicer, die sich ihm an der Insel Reichenau entgegenstellten, und drang ebenfalls in die Alpen ein. So viel Täler, so viel unabhängige Stämme - die vereinten Römer suchten sie jetzt hier auf bezwangen sie, nicht ohne auf die tapferste Gegenwehr zu stoßen. Um nicht immer aufs neue mit ihnen kämpfen zu müssen, wurden viele von ihnen nach anderen Wohnsitzen weggeführt. Bald sehen wir in der Nordseite der Alpen Augusta Vindelicorum gegründet.

Damit ist Augsburg angesprochen. Zwar wurden die Römer 9 v. Ztr. durch die Cherusker unter Arminius bei Kalkriese vernichtend geschlagen. Dennoch schoben sie ihren Herrschaftsbereich in Süddeutschland weiter vor bis nach Regensburg, Straubing und Weißenburg. Dort errichteten sie ab 100 n. Ztr. den Limes, der von dort quer durch Süddeutschland bis zum Unteren Main bei Frankfurt führte.

Die Römer kommen ab 15 v. Ztr. nach Süddeutschland

Aus den römischen Provinzen vom Balkan, aus Italien und aus dem östlichen Mittelmeerraum strömten Menschen nach Süddeutschland wie wir der neuen Studie entnehmen (siehe gleich). Sie brachten, wie gesagt, hinreißende Hochkultur mit. 

260 n. Ztr. drangen dann die Juthungen über den Limes bis nach Mailand vor. Es handelte sich um den sogenannten "Limesfall" (Wiki). Hundert Jahre später, ab 360 mußte das Umland von Regensburg, Straubing und Künzig von den römischen Legionen geräumt werden.

Nicht bekannt war bislang, in welchem Umfang die römische Provinzbevölkerung auch bei Abwesenheit der römischen Legionen im Land blieb. Wie wir noch sehen werden, blieben die Nachkommen der aus den genannten römischen Provinzen zugezogenen "Römer" noch bis 620 n. Ztr. im Land. So das Ergebnis der neuen Studie (siehe unten) (1).

Die Germanen und die ursprünglich hier ansässigen Kelten scheinen sich gegenüber der römischen Zivilbevölkerung tolerant verhalten zu haben. Oder aber sie haben die römische Zivilbevölkerung schlicht versklavt. Das ist auch denkbar, wie uns scheint. Augsburg wurde von den Römern noch bis 450 gehalten.

Im Grunde eine irre und spannende Zeit, womöglich auch eine sehr unsichere Zeit in diesem bis heute so solide und fest wirkenden Bayern-Land.

Ab 400 wird dann das Reihengräberfeld von Altheim nördlich der Isar genutzt. Ob Altheim zu dieser Zeit noch unter römischer Verwaltung stand, erscheint doch sehr unsicher. Soweit wir sehen, werden all diese Details in der neuen Studie gar nicht behandelt. Es bleibt also für Historiker und Archäologen noch viel zu tun, um die neuen Erkenntnisse dem bisherigen Forschungsstand zuzuordnen.

Und - wie gesagt: Merkwürdigerweise ist in der ganzen Studie - und dementsprechend auch in öffentlichen Äußerungen der Wissenschaftler - nie ausdrücklich von Kelten oder Keltoromanen die Rede. Die Zuwanderer seien "aus dem Norden" gekommen, heißt es überall. Es wird nicht ausdrücklich zwischen Kelten und Germanen unterschieden. Nur die zugewanderte Bevölkerung aus anderen Provinzen des römischen Reiches (vom Balkan, Griechenland, Italien), die sich schlicht als "Römer" empfunden haben werden, und die so hinreißende Hochkultur mitgebracht haben, erhält Aufmerksamkeit.

Abb. 4: Die genetische Herkunft auf dem Reihengräberfeld bei Altheim an der Isar (Landkreis Landshut)  400 bis 620 n. Ztr. (aus 1)

Wir selbst haben diese Studie nach einem ersten Durchgang deshalb enttäuscht und entmutigt zur Seite gelegt. Dann aber wurde uns klar: Wir können uns die Zusammenhänge ja selbst dennoch anhand der eingestellten Grafiken in Abbildung 4 verdeutlichen (Abb. 4, a-f), auch wenn sie im Studien-Text nicht so eindeutig benannt sind wie wir uns das wünschen und wie sie doch so eindrucksvoll aus den Grafiken hervor gehen, zumindest für uns hervor zu gehen scheinen.

Unsere eigene Auswertung der Hauptkomponenten-Analyse

Rechts unten in der Grafik f (Abb. 4) sind die Herkunfts-Häufigkeiten dargestellt von Menschen, die in heutigen Zeiten in einem Krankenhaus in Kiel behandelt worden sind (gelb) und von Menschen, die in heutigen Zeiten in einem Krankenhaus in München behandelt worden sind (rot). Das sind sogenannte "Vergleichs-Populationen". (Man sieht etwa auch, daß in München vereinzelt Norddeutsche behandelt wurden und daß in Kiel vereinzelt Süddeutsche behandelt wurden. Aber die genetische Trennung ist insgesamt schon sehr eindeutig.)

Die Süddeutschen (rot) tragen - wie wir hier auf dem Blog schon wissen - durchschnittlich 55 % keltische Herkunft in sich. Und zwar im Gegensatz zu den gelben Punkten weiter "nördlich" in Grafik f, die diese keltische Herkunft nicht aufweisen und - sozusagen - unvermischte germanische Herkunft in sich tragen.

Die hellblauen Punkte sind nun alle frühmittelalterlichen Menschen aus Altheim, aus Bayern und Main-Hessen, die in der Studie untersucht worden sind. Sie weisen - wie man sieht - ein viel weiteres Herkunfts-Spektrum auf als es dieses seit dem Ende des Frühmittelalters in Deutschland - sowohl in Nord- wie Süddeutschland - gegeben hat.

Damit es also bei der Vermischung der Germanen (gelb) mit der keltischen Bevölkerung in Süddeutschland zu der heutigen süddeutschen Bevölkerung (rot) kommen konnte, muß vorausgesetzt werden eine Vermischung der gelben Herkunft mit der blauen Herkunft weiter unten. Man wird also grob sagen können, daß etwa die Hälfte der "südliche Hälfte" der blauen Herkunftsverteilung keltische Herkunft repräsentiert.

Wir müssen das so "grob" auswerten, da sich eine solche Auswertung in der Studie selbst - soweit für uns übersehbar - mit keinem Wort findet. 

Und man wird grob sagen können, daß das ("südlichste") Viertel Herkunft aus Mittelitalien, aus dem Balkan und aus dem östlichen Mittelmeerraum repräsentiert. Und das heißt: Es hat in römischer Zeit (ab 100 n. Ztr.) durchaus viel Zuzug aus den Mittelmeerländern in die Regionen südlich des Limes gegeben. Einen solchen Zuzug aus dem Süden sieht die Archäogenetik ja - wie in früheren Beiträgen hier auf dem Blog schon behandelt - auch in anderen römischen Provinzen, etwa auf dem Balkan. Er war ja überraschenderweise sogar in Thüringen erkennbar geworden, also weit außerhalb der römischen Grenzen.

Abb. 5: Steinernes römisches Stadttor, das dem einstigen in Regensburg sehr ähnelt - Porta Nigra in Trier (s. Zikad) - So mancher Vindeliker oder Juthunge wird beeindruckt durch das Stadttor von Regenburg geschritten sein 

Diese südeuropäische Herkunft verschwindet - so wie in Thüringen und in anderen vormals römischen Provinzen auf dem Balkan - auch in Bayern und Main-Hessen am Ende des Frühmittelalters. Und zurück bleibt die heutige süddeutsche Bevölkerung (rote Punkte).

Soweit die Grundzüge.

Wenn wir uns aber nun noch weitere Einzelheiten anschauen anhand der Grafiken a bis d, wird es noch einmal viel spannender. Welche Herkunft die hinterlegte Farbverteilung auf den Grafiken a bis d repräsentieren, wird auf der Grafik e erkennbar: Hellrot ist östlicher Mittelmeerraum (antik-griechische Herkunft), blau-lila ist eisenzeitliche Ungarn-Balkan-Herkunft, dunkelgrün ist eisenzeitliche italienische Herkunft, hellgrün ist eisenzeitlicher westlicher Mittelmeerraum, hellblau ist das eisenzeitliche Skandinavien (Germanen), hellbraun sind eisenzeitliche Kelten.

Vor 470 sind auf dem Reihengräberfeld in Altheim an der Isar nun fast mehr Menschen mit keltischer als mit germanischer Herkunft bestattet (Grafik a) (!!!). Das ist der Befund, der der wirklich spannende in dieser Studie ist. Denn das heißt: Reihengräberfelder sind in Süddeutschland also tatsächlich nicht "rein germanisch" wie bislang vielleicht von vielen gedacht. An dieser wichtigen Erkenntnis gehen die Wissenschaftler der Studie, soweit wir das sehen, völlig vorbei (!!!). Sie starren nur auf die südeuropäische Herkunft. Das Schicksal der keltischen Herkunft behandeln sie, soweit wir sehen, in der Studie und in öffentlichen Äußerungen gar nicht!*) Dabei ist es total wesentlich. Schon in der ersten Generation ab 400 sehen wir Germanen und Kelten miteinander vermischt! Die Bajuwaren sind also schon um 400 keine reinen Germanen mehr. (Außerdem gibt es auch noch eine Person mit Herkunft aus dem östlichen Mittelmeerraum, vielleicht eine geraubte Sklavin aus der Region südlich der Isar, wer weiß.)

Sowohl Menschen mit keltischer als auch Menschen mit germanischer Herkunft sehen wir in Bayern, Main-Hessen und an der österreichischen Donau vereinzelt vor 470 nach römischem Grabbrauch bestattet (Abb. 4, Grafik a). (Vielleicht römische Offiziere oder Soldaten oder ähnlich.) In jeder der genannten Regionen fand ja der Übergang von römischer Verwaltung zu selbst verwalteten, freien germanischen Stämmen zu unterschiedlichen Zeiten statt. Vielleicht ist die Zeitangabe "vor 470" deshalb auch viel zu grobkörnig. Auch das könnte kritisiert werden. Die große Mehrheit jedenfalls der Menschen, die in Bayern und in Main-Hessen und an der österreichischen Donau nach römischen Grabbrauch bestattet sind, stammen aus dem östlichen Mittelmeerraum oder vom Balkan. "Römer" eben. Hochkultur. Ebenfalls ein spannender Befund. Hier könnte es sich zu nicht geringen Teilen um Heeres-Angehörige, ihre Familien oder um "Heeres-Zulieferer" (Handwerker etc.) handeln oder um römische Zivilbeamte oder um Kolonen auf den großen römischen Landvillen und Latifundien. Oder um Bedienstete der Thermen. Oder um Menschen, die hinreißende Bronzeskulpturen herstellen können oder die sie zumindest aus dem Süden importieren, weil sie Geschmack für diese haben (Abb. 2 und 3).

Die Römer selbst blieben noch hundert Jahre länger als die römischen Legionen

Die südeuropäischen Menschen verschwinden aber nun nicht einfach mit den römischen Legionen und mit der römischen Verwaltung! Das hat bisher so eindeutig niemand gewußt. Vielmehr sehen wir auf Grafik b und c (Abb. 4) zwischen 470 und 620, daß sich die keltisch-germanische Mischbevölkerung der Reihengräberfelder mit den römischen Provinzialen vermischt. Diese werden alle - offenbar - in germanischer Tradition bestattet. Heirats-Grenzen zwischen den beiden Ausgangspopulationen scheint es nicht mehr zu geben (wenn wir die Studie richtig verstehen).

Abb. 6: Römisches Straßennetz in Bayern (nach Tom Brughmans, 2025) (Itinere) (s. ScAm2026) - Bei Iovisura ist hier allerdings kein "Isarübergang" eingezeichnet ;-)

Es kann spekuliert werden, welche Sprache diese Bevölkerung sprach. Da die römische Verwaltung zusammen gebrochen war, werden die Menschen zunehmend alt-bajuwarische oder - in Main-Hessen - alt-fränkische Dialekte gesprochen haben. 

Ab 620 n. Ztr. gibt es in Altheim dann jene Herkunftszusammensetzung in der Bevölkerung, die bis heute daselbst fortbesteht.

Aber dann entsteht erneut die Frage: Wenn es zuvor zur Vermischung gekommen war mit den zugezogenen römischen Provinzialen - wie kam es dann eigentlich danach wieder zu dieser erstaunlichen "Entmischung"? Warum hatten die Nachkommen der römischen Provinzialen keine Kinder? Uns fällt als Erklärung ein: Sie waren Sklaven. Und sie waren als solche auch gesellschaftlich gekennzeichnet. Und Sklaven blieben in der Geschichte auch sonst sehr oft kinderlos. Aber das ist an dieser Stelle zunächst nur Spekulation.

Ein kritischer Blick auf den Text der Studie

Wie unsensibel die Studie womöglich vorgeht, scheint uns an dem folgenden Zitat erkennbar zu sein (1):

In der frühesten Phase (400-470  n. Ztr.) (...) gruppieren sich die Individuen mit nordeuropäischen Individuen der Eisenzeit (Fig. 2a, Fig. S3 und Fig. S7.3 und S7.4 ) sowie mit heutigen Populationen, vor allem aus Norddeutschland (Fig. 2), den Niederlanden und Dänemark (Fig. S7.1 und S7.2 ), was mit einer nordischen Abstammung übereinstimmt (22). Im Folgenden verwenden wir den Begriff „nordische Abstammung“, um diesen genetischen Hintergrund zu bezeichnen.
In the earliest phase (400-470 ce) (...). These individuals cluster with Iron Age northern Europeans (Fig. 2a, Extended Data Fig. 3 and Supplementary Figs. 7.3 and 7.4) and with present-day populations, above all from Northern Germany (Fig. 2), the Netherlands and Denmark (Supplementary Figs. 7.1 and 7.2), consistent with northern ancestral origins22. Hereafter, we use the term ‘northern ancestry’ to denote this genetic background.

Kein Wort von Kelten. "Nordeuropa" ist ein ausgedehnter Begriff. Es schließt - wie der Text ausführt - neben Skandinavien Norddeutschland und die Niederlande mit ein. Soweit wir nicht eines Besseren belehrt werden, halten wir das für falsch oder doch für sehr unscharf, ungenau interpretiert.**) Diese Individuen "clustern" keineswegs nur mit "Nordeuropäern" allgemein (im genannten Sinne), sondern zum Beispiel auch mit eisenzeitlichen keltischen Bevölkerungen auf den britischen Inseln (braun gefärbt). Natürlich sind das auch "Nordeuropäer", werden aber im Text nicht genannt. Wir sind deshalb hochgradig verwirrt von diesem Text.

Da die Kelten als eigenständige Gruppierung nirgendwo in der Studie auftauchen, werden sie, soweit wir das erkennen können, offenbar unter dem Begriff "nordische Abstammung" verdeckt, anstatt von dieser unterschieden und für sich als eigenständige Gruppierung heraus gearbeitet. Und das, obwohl das zuvor ja schon so deutlich von den Forschungsgruppen um Eske Willerslev in Kopenhagen und um Johannes Krause in Leipzig geschehen war. Wie konnten das die Gutachter von "Nature" durchgehen lassen?

Ein Hunne in Altheim an der Isar (gest. um 540)

Es seien noch einige Details heraus gegriffen (1):

Ein Mann aus Altheim (Alh_245; 528–553  n. Ztr. ), der lange IBD-Abschnitte mit Individuen aus der Nekropole von Berel im heutigen Kasachstan teilt, hat etwa zwei Drittel seiner Abstammung ostasiatischen Ursprungs und ein Drittel von Bevölkerungsgruppen der westlichen Steppe.

Das wird heißen, daß er unter seine Vorfahren Hunnen und Sarmaten zählte wie sie typisch waren für den Hof und das Heer des Hunnenkönigs Attila (gest. 453). Aber 470, zwanzig Jahre nach dem Tod von Attila, war das Hunnenreich schon wieder zerfallen und die nachfolgenden Awaren waren um 540 noch nicht in Europa aufgetreten. Vielleicht hat ein Bajuware diesen Mann als Kriegskamerad, den er in byzantinischen Diensten kennengelernt hat, mit nach Altheim gebracht? Damit er dort seinen Lebensabend verbringen konnte? Oder handelte es sich erneut um einen Sklaven? Aber wie kommt die weit entfernte Verwandtschaft mit Kasachstan zustande? 

Außerdem erfahren wir von einem Menschenfund aus der Wetterau in Mittelhessen, 37 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main, ähnliches (1):

Ein zeitgenössischer Mann aus Wölfersheim (W67) weist eine ähnliche, wenn auch geringere asiatische Abstammung auf, während Frauen aus dem späten fünften Jahrhundert mit künstlicher Schädeldeformation (Wh4 und Wh59) keine Steppen-Abstammung aufweisen und stattdessen Muster zeigen, die mit nachrömischer Vermischung übereinstimmen.

"Nachrömische Vermischung" soll wohl heißen, daß wir es hier mit den Vorfahren der heutigen Bayern, Hessen und Franken zu tun haben wie sie nach 620 üblich sind im befreiten Germanien und Rätien westlich und südlich des Limes.

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*) Wie verwirrend sich der Studienleiter Joachim Burger äußern kann, wird deutlich, wenn er sagt, in den frühesten Gräbern in Altheim fänden sich Personen, deren Vorfahren (1) "während der römischen Epoche" aus den Norden Bayerns gekommen seien. Das ist der Sache nach schon richtig, klingt aber ganz mißverständlich. Viel wichtiger erscheint uns: Mit ihrer Ankunft war die römische Verwaltung doch - höchstwahrscheinlich - beendet oder doch zumindest im Niedergang. Burger sagt also (zit. n. LdkLandshut):

In den ältesten Gräbern der Zeit zwischen 410 und 470 n. Chr. finden wir in Altheim fast ausschließlich Personen, deren Vorfahren bereits während der römischen Epoche aus dem Norden nach Bayern gekommen waren. Über Generationen heirateten sie innerhalb ihrer Gruppe, doch gegen Ende des 5. Jahrhunderts vermischten sie sich mit der Bevölkerung aus römischen Stadt- und Militärsiedlungen. Diese ‚Römer‘ bildeten selbst keine abgeschlossene genetische Gemeinschaft. Ihre Vorfahren stammten aus den unterschiedlichsten Teilen Europas aber auch aus Asien, viele aus dem Balkan und Nordeuropa. Sie waren in der römischen Armee oder ihrem Gefolge in die Region gekommen

Das ist alles richtig. Aber wie gesagt: Die in Bayern noch im 5. Jahrhundert durch Geschichtsquellen bezeugten Vindeliker, die einheimische keltische Bevölkerung kommt in der Aussage von Burger - so wie in seiner ganzen Studie - mit keinem Wort vor. Dieser Blog wird sicher nicht der einzige sein, der diesen Mißstand kritisiert.
**) Ist hier in "nordisch" auch die polnische Aunjetitzer Kultur der Bronzezeit mit eingeschlossen? Dies könnte nach der angeführten Anmerkung 22 gefolgert werden, die eine Studie bezeichnet, die wir hier auf dem Blog schon ausgewertet haben (s. Stg25). Aber die Aunjetitzer Kultur unterschied sich ja genetisch sehr deutlich von der germanischen Herkunft in Skandinavien. Sie war eine Mischkultur zwischen Schnurkeramikern (Germanen-Vorfahren) und Glockenbecherleuten (Kelten-Vorfahren). 
***) Über die Hunnen der Zeit um 540 lesen wir (Wiki): "Hunnen dienten später noch als Söldner, etwa für Ostrom (während der Kriege Justinians wurden sie unter anderem von Belisar eingesetzt). Ein Teil der Hunnen unter Ernak wurde unter römischer Oberherrschaft in der späteren Dobrudscha angesiedelt. Andere ließen sich an der heutigen serbisch-bulgarischen Grenze nieder und gingen später in der dortigen Bevölkerung auf. An den Läufen der Unteren Wolga siedelten noch Reste der Hunno-Bulgaren. Vereinzelte Volkssplitter der Hunnen (die Kutriguren) wurden noch 559 von oströmischen Geschichtsschreibern erwähnt, als diese bis nach Korinth und Konstantinopel vorstießen. ..."

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  1. Blöcher, J., Vallini, L., Velte, M. et al. Demography and life histories across the Roman frontier in Germany 400–700 ce. Nature (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10437-3, 29.4.2026 (Nature2026)
  2. Vonderach, Andreas: Die anthropologische Erforschung Deutschlands. Ihre Geschichte und Ergebnisse von 1860 bis zur Gegenwart. Lindenbaum-Verlag , Beltheim-Schnellbach 2025
  3. Sebrich, Johannes: Das spätantik-frühmittelalterliche Gräberfeld von Essenbach-Altheim. Materialhefte zur Bayerischen Archäologie 110. Verlag Michael Laßleben, Kallmünz 2019 [Diss. Uni München 2017] (Akad)

Mittwoch, 10. September 2025

Die Slawen - Entstehung und Ausbreitung im Frühmittelalter

Sie fand so statt, wie es die Wissenschaft seit dem 19. Jahrhundert annimmt

Wir Deutschen sind unserer Herkunft nach Germanen. So haben wir immer gedacht. Südlich des Mains aber stammen wir Deutschen etwa zur Hälfte von Kelten ab (Stg2024). Und östlich der Elbe - sowie auch in Ostbayern und in Österreich - stammen wir zu 10 bis 40 % von Slawen ab. Die Sorben im Spreewald und in der Lausitz stammen sogar zu 88 % von Slawen ab. So lautet das Ergebnis einer neuen archäogenetischen Studie von Seiten der Arbeitsgruppe rund um Johannes Krause in Leipzig (1) (IDW). 

Abb. 1: Eine typische Halskette der Kiewer Kultur (2.-5. Jhdt. n. Ztr.), vermutlich des Urvolkes der Slawen - Gefunden im Wald bei dem Dorf Werchnja Syrowatka (Wiki) im ukrainischen Oblast Sumy, Nordostukraine  (Wiki)

Konsequenterweise sollte dasselbe, was für die Sorben gilt, dann auch etwa für die Kaschuben in Westpreußen gelten, für die "wasserpolnisch" sprechenden Oberschlesier, für die Slowenen in Kärnten oder für andere slawische "Reliktbevölkerungen" im deutschsprachigen Raum.

In welchem Umfang umgekehrt Polen, Tschechen, Slowaken und Slowenen von Germanen abstammen aus Regionen westlich der Elbe und westlich von Bamberg, Passau und Salzburg, wird sicherlich in künftigen Studien noch genauer heraus gearbeitet werden. Man wird annehmen können, vom Umfang her vielleicht ähnlich wie die Sorben.

Archäologisch scheint sich nach derzeitigem Stand die Ethnogenese der Slawen im Rahmen der Kiewer Kultur (2.-5. Jhdt. n. Ztr.) (Wiki) (WikiCom) vollzogen zu haben im Süden Weißrußlands und im Norden der Ukraine, zwischen den Pripjet-Sümpfen im Westen und dem Oberen Dnjepr im Osten - umgeben von den Goten im Westen, den Sarmaten im Osten und ab 375 n. Ztr. von den Hunnen im Süden (1).

Diese Studie dürfte den letzten Sargnagel darstellen für die Theorie von der vorgeblichen "Slawenlegende" (Wiki), nach der es eine frühmittelalterliche Ausbreitung von Slawen aus der Region östlich der Pripjet-Sümpfe gar nicht gegeben habe. Wir werden zu dieser Theorie von der "Slawenlegende", die immer nur von Randgruppen innerhalb der Wissenschaft vertreten wurde, am Ende dieses Beitrages noch einige Erläuterungen gegeben. 

Zunächst einmal aber die neue Studie selbst. In ihr wurden mehrere hundert Menschenreste aus der Zeit der Völkerwanderung und danach analysiert aus Sachsen-Anhalt und aus Thüringen, und zwar von Gräberfeldern aus der Nähe 

  • von Deersheim nördlich des Harzes,
  • von Brücken-Hackpfüffel südlich des Harzes,
  • von Steuden und Niederwünsch südwestlich von Halle, 
  • von Obermöllern westlich, sowie 
  • von Rathewitz östlich von Naumburg an der Saale.

Es handelt sich also um eine Region grob zwischen Braunschweig und Leipzig (s. GMaps) (Abb. 4).

Abb. 2: Der 2010 gefundene Brjansker Schatz (Wiki) aus der Kiewer Kultur (2.-5. Jhdt. n. Ztr.) (Historia

Diese Region wurde verglichen mit schon publizierten Archäogenomen aus den Regionen Polen-Nordwestukraine, sowie Nordwest-Balkan. Bevor von der Slawenzuwanderung berichtet wird, kommt die Studie zunächst noch auf folgendes, außerordentlich überraschendes Ergebnis über die Zeit davor, über die Völkerwanderungszeit zu sprechen. Und zwar ist die Rede von Menschenfunden von den Fundorten bei Brücken südlich des Harzes, sowie von Obermöllern und Rathewitz bei Naumburg an der Saale (1):

Überraschenderweise stellten wir eine hohe Anzahl von Individuen mit nicht-lokaler, südeuropäischer Abstammung in der Elbe-Saale-Region Ostdeutschlands während der Völkerwanderungszeit fest, obwohl diese Region nie Teil des Römischen Reiches war. (...) Wir ermitteln an allen vier untersuchten völkerwanderungszeitlichen Fundorten der Region einen durchschnittlichen Anteil südeuropäischer Abstammung zwischen etwa 15 % und 25 %. (...) Obwohl über die Gründe und Umstände ihrer Einwanderung in die Elbe-Saale-Region nur spekuliert werden kann, paßten sich diese Neuankömmlinge offenbar den Kleidungs-Gewohnheiten und Traditionen der einheimischen Bevölkerung an, was zu einer recht homogenen materiellen Kultur innerhalb einer Gruppe von Individuen mit unterschiedlichem genetischen Hintergrund führte.
Unexpectedly, we detect a high number of MP individuals with non-local, Southern European ancestry in the Elbe-Saale region of Eastern Germany, although this area was never part of the Roman Empire. Using qpAdm36,37, we measure on average between approximately 15% and 25% of Southern European ancestry in all 4 MP sites of the region. (...) Although the causes and circumstances of their movement to the Elbe-Saale region remain open for speculation, these newcomers apparently adapted the fashions and traditions of the local populations, resulting in a rather homogenous material culture within a group of individuals with diverse genetic backgrounds.

Das heißt, die bestatteten Individuen nordeuropäischer, südeuropäischer oder gemischter Abstammung unterschieden sich in den feststellbaren kulturellen Merkmalen - wie Grabart oder Grabausstattung - nicht voneinander.

Abb. 3: Die Westausbreitung der slowenischen Karantanen nach Kärnten, Oberösterreich und bis Osttirol ab 590 n. Ztr.

Brachten hier Krieger vom Stamm der Thüringer, die Militärdienst im römischen Reich geleistet hatten, "Kriegskameraden" aus dem Süden mit? Oder Ehefrauen? In der Studie wird diese Frage bewußt völlig offen gelassen. 

Es heißt dann weiter (1):

Diese Vielfalt ist jedoch in der darauffolgenden slawischen Zeit verschwunden. Im Gegensatz zur vorhergehenden Völkerwanderungszeit hat sich das genetische Profil Ostdeutschlands während der slawischen Zeit erheblich verschoben und überschneidet sich nun fast ausschließlich mit dem von heutigen slawischsprachigen Bevölkerungsgruppen (z. B. von Polen und Weißrussen), was auf einen grundlegenden Austausch der genetischen Abstammung hindeutet (Abb. 2b,c). Ein ähnliches Muster ist auf dem Nordwestbalkan, in Polen und in der Nordwestukraine sowie in der Wolga-Oka-Region in Rußland zu beobachten. Dies verdeutlicht, daß dieser Zustrom neuer genetischer Herkunft nicht auf bestimmte Regionen beschränkt war, sondern weite Teile Mittel- und Osteuropas betraf. Das stimmt mit den eher einfachen, sehr ähnlichen archäologischen Horizonten überein, die während der slawischen Zeit zu beobachten sind.
However, this diversity had collapsed in the subsequent SP (Supplementary Note 6). In contrast to the preceding MP, the genetic profile of Eastern Germany during the SP has shifted considerably and clusters nearly exclusively with present-day Slavic-speaking populations (for example, Poles and Belarussians), indicative of a fundamental replacement of genetic ancestry (Fig. 2b,c). A similar pattern is seen in the Northwestern Balkans, Poland–Northwestern Ukraine as well as the Volga-Oka region in Russia28, illustrating that this influx of new genetic material was not limited to certain regions but affected wide areas of Central and Eastern Europe, consistent with the rather simple, very similar archaeological horizons observed during the SP.

Genau jene Sachverhalte, die hier benannt sind, sind der Sargnagel für jede andere Theorie zur Entstehung und Ausbreitung der Slawen.

Abb. 4: Archäogenetisch erforschte Fundorte zur Westausbreitung der Slawen - Zwischen Braunschweig und Leipzig ab 650 n. Ztr. (GMaps)

In der im Zitat erwähnten Abb. 2c - hier im Beitrag als Abb. 5 eingestellt - ist dieser Bevölkerungsaustausch auf einer Grafik zur Hauptkomponentenanalyse der genetischen Verwandtschaft aufgetragen und veranschaulicht. Wir sehen im Nordwestbalkan während der Völkerwanderungszeit mehrheitlich südeuropäische Herkunft - aber auch nordeuropäische Herkunft (hellgelbe Punkte). Die ersteren gehen auf die romanische Bevölkerung zurück, die letzteren auf die germanischen Zuwanderer (Goten, Langobarden und andere). Wir sehen, daß in Thüringen während der Völkerwanderung das genetische Spektrum sehr stark Richtung Germanen hin verschoben ist. Aber auch die überraschenden 15 bis 25 % südeuropäische Herkunft sind zu sehen (hellrote Punkte). Wir sehen in Polen und der Nordwest-Ukraine während der Völkerwanderung fast nur germanische Genetik (hellblaue Punkte). Das waren vor allem die Goten.

Dann verschwindet die vorhergehende Bevölkerung in allen drei Regionen völlig. Die südeuropäische Herkunft im Nordwest-Balkan verschwindet. Die vorwiegend nordeuropäische Herkunft in Thüringen verschwindet und die nordeuropäische Herkunft in Polen und in der West-Ukraine verschwindet. In allen drei Regionen taucht eine neue osteuropäische Genetik auf, die in allen drei Regionen einander sehr ähnelt (orangene, dunkelrote und dunkelblaue Punkte). Dabei weist die polnisch-westukrainische Raum noch die vergleichsweise größte genetische Vielfalt auf. Und man sieht, daß Teilpopulationen dieser Vielfaltsverteilung sich einerseits nach Thüringen und andererseits in den Nordwest-Balkan-Raum ausgebreitet haben. Im Nordwest-Balkan-Raum scheint dabei noch am ehesten eine gewisse Vermischung mit der vorhergehenden Bevölkerung vor Ort stattgefunden zu haben - in Thüringen und Polen-Westukraine deutlich weniger.

Abb. 5: Der Bevölkerungsaustausch beim Übergang von der Völkerwanderungszeit zur slawischen Zeit (aus 1)

Was für ein faszinierender Vorgang. Faszinierend wegen seiner Eindeutigkeit. Und was für ein sonderbares Geschehen zugleich: In weite Räume zwischen Elbe, Drau und Dnjepr, in denen kurz zuvor noch Germanen gesiedelt hatten, breiten sich nun Slawen aus. Wohin sind die Germanen verschwunden? Was geschah denn nun sogar mit den Thüringern?

Das Reich der Thüringer ist 531 von den Franken zerschlagen worden, möglicherweise in Zusammenarbeit mit den Sachsen. Wir lesen (Wiki):

Das Reich wurde zerschlagen und unter den Siegern aufgeteilt. Das Gebiet nördlich des Harzes ging vermutlich an die Sachsen, der Süden wohl an die Franken. Die Gebiete östlich der Saale konnten von den Franken nicht gehalten werden und wurden von Slawen besiedelt. Als Tribut wurde den südlichen Thüringern der sogenannte Schweinezins auferlegt, demzufolge sie dem fränkischen Königshof jährlich 500 Schweine liefern mußten. Das Iringlied erzählt eine von den Ereignissen inspirierte Geschichte vom Untergang des Reiches der Thüringer und dem Ende Herminafrieds. 

Aber das Iringlied (Wiki) ist nicht erhalten. Sein Inhalt aber ähnlich erschütternd wie das Nibelungenlied. Den Zeitgenossen war das Erschütternde des Untergangs ganzer germanischer Königsreiche und Volksstämme durchaus bewußt und wurde dementsprechend auch in Liedern festgehalten. Er beruhte oft auf Mord innerhalb der eigenen Verwandtschaft.

Abb. 6: Die Westausbreitung der slawischen Stämme in siedlungsarme Räume 650/700 n. Ztr.

Jetzt zunächst, was in der Studie selbst dazu ausgeführt wird (1):

Die Thüringer blieben und gründeten ein Königreich, das die Elbe-Saale-Region umfaßte. Nachdem die Franken dieses Königreich in den 530er Jahren unterworfen hatten, ging die Bevölkerung zurück, einige Gräberfelder wurden jedoch weiter genutzt. Im 7. Jahrhundert werden Slawen erstmals östlich der Saale erwähnt, sie dehnten sich jedoch bald nach Westen aus und bildeten eine Kontaktzone zwischen slawisch- und germanischsprachigen Gruppen.
The Thuringians stayed and established a kingdom, which included the Elbe-Saale region13,14. After the Franks subdued this kingdom10,15 in the 530s, the population declined, while some cemeteries continued14,16. During the seventh century, Slavs are first mentioned east of the Saale, but they soon expanded westward17, forming a contact zone between Slavic- and Germanic-speaking groups.

Warum ging die Bevölkerung zurück? Warum ging die Bevölkerung östlich der Elbe zurück, während dasselbe doch westlich der Elbe gar nicht zu beobachten war? Fragen, zu denen es vermutlich noch wenig Antworten gibt.

Die Slawen in der "Gotengeschichte" des Jordanes

Die Slawen spielen schon in der Gotengeschichte des römisch-gotischen Geschichtsschreibers Jordanes (gest. nach 552), genannt der "Getica" (Wiki), eine Rolle. Diese ist übrigens auch sonst mehr als lesenswert (UniFreiburg). Denn in ihr findet sich sozusagen die "Eigensicht" der Goten auf ihre eigene Geschichte wieder, und zwar sozusagen auch aus ihrem eigenen "Gesichtskreis" in der Zeit um 550 n. Ztr. herum. Es findet sich in ihr also die Geschichte und die Völkerwelt ihrer Zeit aus ihrer eigenen Sicht, wobei Jordanes auch sonst griechische und römische Geschichtsschreiber heranzieht. Jordanes erwähnt schon bei der Beschreibung des geographischen Raumes, innerhalb der sich seine Gotengeschichte vollzieht, die Slawen (zit. n. Wiki):

Inmitten dieser Flüsse liegt Dakien, umgeben von den hohen Alpen [Karpaten] wie von einem Kranz. Nahe ihrem linken, nach Norden geneigten Gebirgskamm und beginnend an der Quelle der Weichsel lebt das bevölkerungsreiche Volk der Veneter, das ein weites Land bewohnt. Obwohl ihre Namen heute auf verschiedene Stämme und Orte verstreut sind, werden sie doch hauptsächlich Sklaveni und Antes genannt. Der Sitz der Sklaveni erstreckt sich von der Stadt Noviodunum [wohl am Donaudelta] und dem Mursianus genannten See [wohl an der Mündung der Drava in die Donau] bis zum Danaster [Dnister] und nordwärts bis zur Weichsel. Sie haben Sümpfe und Wälder als Städte. Die Antes, das tapferste dieser in der Biegung des Pontusmeeres [Schwarzes Meer] lebenden Völker, breiten sich vom Danaster bis zum Danaper [Dnjepr] aus, die viele Tagesreisen voneinander entfernt sind.

Schon im Zusammenhang mit der Behandlung der spätbronzezeitlichen Schwedenschanze bei Horst bei Pritzwalk in der Prignitz in Nordbrandenburg nahe dem Königsgrab von Seddin aus der Zeit um 800 v. Ztr. war uns bewußt geworden, daß dort - wie auch noch zu Cäsars Zeiten in Südengland -     Wallanlagen "Sümpfe und Wälder" als Schutz nutzten und deshalb inmitten derselben angelegt worden sind (Stgr2019). Das mögen auch die Slawen so gemacht haben.

Abb. 7: Der Svantevit-Stein, verbaut in der Kirche von Altenkirchen auf Rügen (Wiki) - Entweder der Grabstein eines Slawenfürsten oder die Darstellung eines Priesters des Gottes Svantevit aus der Zeit vor 1168

Das von Jordanes so umschriebene Gebiet deckt sich im Großen und Ganzen mit der archäologischen Prag-Koltschak-Kultur (Wiki). Jordanes beschreibt den Gotenkönig Ermanarich als einen der bedeutendsten Könige in der Geschichte der Goten. Erst der Tod des Ermanarich im hohen Alter habe den Hunnen die Möglichkeit gegeben, die Goten im Jahr 376 n. Ztr. zu besiegen (Jordanes):

Sein Tod gab den Hunnen die Übermacht über die Goten, die, wie erwähnt, im Osten saßen und Ostrogoten hießen.

Jordanes beschreibt die Hunnen als außerordentlich häßliche Menschen, die schon deshalb als Krieger Erfolg hatten, weil sie so häßlich aussahen und die gegnerischen Krieger so in Schrecken versetzten. Ermanarich hat nach Jordanes ein großes Reich mit vielen Völkern beherrscht, das vom Schwarzen Meer bis zur Ostsee gereicht habe. Er habe große Kriegserfolge gegen die Heruler errungen und sei dann gegen die Slawen in den Krieg gezogen (Jordanes):

Nach dem Sieg über die Heruler rückte der nämliche Hermanarich gegen die Veneter, die, wenngleich man sie als Krieger verachtete, doch - durch ihre Zahl stark - anfangs Widerstand zu leisten versuchten. Aber nichts vermag die Menge der Feigen, besonders wenn Gott es zugibt, und ein zahlreiches Heer gegen sie anrückt. Diese, die, wie wir am Anfang unserer Darstellung, das heißt im Völkerverzeichnis, auseinandergesetzt haben, von einem Stamm entsproßten, haben jetzt drei Namen: Veneter, Anten und Sklawenen. Sie wüten jetzt überall - wegen unserer Sünden; damals jedoch dienten sie alle dem Hermanarich. Ebenso unterwarf er auch das Volk der Ästen, die weithin die Küsten des germanischen Ozeans bewohnen; durch Klugheit und Tapferkeit, und herrschte über alle Völker Scythiens und Germaniens, wie über seine eigenen Untertanen.

Ab 540 n. Ztr. breiten sich diese Slawen-Stämme dann in die von den Goten verlassenen Gebiete nördlich der Unteren Donau aus und "wüten jetzt überall - wegen unserer Sünden". Damit ist gemeint: Sie überschreiten auch die Donau und unternehmen Plünderungszüge in die dortigen oströmischen Provinzen (Wiki). Mit den erwähnten Ästen werden die nachmaligen Esten an der Ostsee gemeint sein.

568 ziehen die Langobarden von der pannonischen Tiefebene ab nach Norditalien (Wiki), ihnen folgen unter der Herrschaft der Awaren die Slowenen. Ab 590 n. Ztr. stößt der Slowenen-Stamm der Karantani in den Alpenraum vor und besiedelt Kärnten (Wiki). Die Herrschaftseinsetzung des Fürsten von Karantanien erfolgte bis ins 15. Jahrhundert hinein auf Slowenisch an dem "Fürstenstein" (Wiki) nördlich des heutigen Klagenfurt von Seiten eines Freibauern.

In Böhmen war im Zuge der Westausbreitung der Slawen die Prag-Koltschak-Kultur (Wiki) entstanden, in Mecklenburg und Pommern entstand ab 590 v. Ztr. aus ihr die Sukow-Dziedzice-Gruppe (Wiki). Man nimmt an, daß sie aus Slawen von der oberen Oder entstand.

Wir lesen in der neuen Studie (1):

Wir kommen zu der Einschätzung, daß ungefähr 82 ± 1 %, 83 ± 6 %, 93 ± 3 % und 65 ± 4 % des lokalen Genpools im Nordwestbalkan, in Ostdeutschland, in Polen-Nordwestukraine und im Wolga-Oka-Tal während der slawischen Zeit durch Migranten aus Osteuropa ersetzt worden sind.
We calculate that approximately 82 ± 1%, 83 ± 6%, 93 ± 3% and 65 ± 4% of the local gene pool in the Northwestern Balkans, Eastern Germany, Poland–Northwestern Ukraine and the Volga-Oka valley, respectively, were replaced during the SP by migrants from Eastern Europe.

Das bedeutet also für das Elb-Saale-Gebiet 83 % neue genetische Herkunft. Von den vorher dort lebenden Germanen hätten sich dementsprechend 17 % der genetische Herkunft gehalten - als Herkunft der verbliebenen Restbevölkerung. 

Anhand dieser Daten wird auch ausdrücklich einer Studie von 2023 widersprochen, die von einer genetischen Kontinuität in der Provinz Posen zwischen Mittelbronzezeit und dem Mittelalter ausgegangen war, und die wir hier auf dem Blog auch behandelt hatten (s. Stg2023), und die mit der Theorie von der "Slawenlegende" noch zusammen gepaßt hätte. Auch unsere eigenen, diesbezüglichen Überlegungen (s. Stg2023) zu dieser angenommenen Kontinuität dürften sich damit weitgehend erledigt haben.

Abb. 8: Wenden auf dem Felde beim Vesper (1876 - ?) (Ak)

Weiter heißt es in der Studie über die Fortdauer der slawischen Genetik im heutigen Deutschland (1):

Wir stellen eine ausgeprägte Dualität im Westen, das heißt, in Ostdeutschland fest: Die heutige deutschsprachige Bevölkerung Sachsens weist einen slawischen, genetischen Herkunftsanteil von etwa 40 % auf, während die slawischsprachigen Sorben der Oberlausitz (Sachsen) einen slawischen, genetischen Herkunftsanteil von 88 % aufweisen (vergleichbar mit den heutigen Polen) (...). Dies steht im Einklang mit früheren Studien zur genetischen Abgeschlossenheit der Sorben und ist damit vereinbar, daß sie die Nachkommen dieser slawischen Gruppen darstellen, die ab dem 12. Jahrhundert nur minimal (oder zumindest weniger) in die reproduktiven Netzwerke der sich ausbreitenden deutschsprachigen Besiedlung östlich von Elbe und Saale integriert waren. Umgekehrt vermuten wir, daß die deutsche Ostsiedlung und die frühere fränkische Eroberung wahrscheinlich mit dem Rückgang der slawischen Abstammung in der deutschsprachigen Bevölkerung in Zusammenhang stehen.
We observe a profound duality to the west, in Eastern Germany, with the present-day German-speaking population from Saxony exhibiting around 40% SP ancestry and the Slavic-speaking Sorbs of Upper Lusatia (Saxony) exhibiting 88% SP ancestry (comparable to modern Poles) (Extended Data Fig. 7). This agrees with previous studies on the genetic isolation of the Sorbs33,48 and is consistent with them representing the descendants of these Slavic groups that were minimally (or at least less) integrated into the reproductive networks of the expanding German-speaking settlement east of Elbe and Saale from the twelfth century onwards49,50,51. Conversely, we suggest that the German eastward expansion and earlier Frankish conquest is probably associated with the reduction in SP ancestry observed in the German-speaking population.

Welche Fülle von Schlußfolgerungen lassen sich aus diesen Angaben ziehen. In fast allen Regionen östlich der Elbe und östlich des Oberlaufes Drau sind aus der slawischen Zeit Volksstämme bekannt. Die Heveller etwa im Land Brandenburg, die Karantanen in Kärnten.

Die "Wenden" und die "Windischen"

Es ist ja auch bekannt, daß die deutschen Siedler des Hochmittelalters Dörfer anlegten neben den bis dahin bestehenden Fischerdörfern, den weiter bestehenden "Kiezen" (Wiki).

Abb. 9: Wenden-Hochzeit im Spreewald! - Ein wendischer Hochzeitszug mit dem Brautpaar an der Spitze, welcher heute noch nach alter Tradition ausgeübt wird, April 1931. Osterkirchgang. Fotograf: Georg Pahl (Wiki) (weitere Fotografien dazu: ab).

Der Autor dieser Zeilen selbst stammt zur Hälfte von Brandenburgern ab - und diese offensichtlich zu bis zu 40 % von den Hevellern oder auch den Wenden (Wiki). Zudem stammt er zu einem Achtel von Oberösterreichern ab, die auch einen slawischen Herkunftsanteil in sich tragen werden. Er ist also seiner Herkunft nach ein 20%- bis 30%iger Heveller - laut Ancient Origin-Analyse von MyHeritage (Stg2025), bzw. ein "Stodorane", so der Eigenname der Heveller (Wiki):

Das Siedlungsgebiet der Heveller erstreckte sich von Spandau entlang der Fluß- und Seeufer des Havelbogens über Brandenburg an der Havel bis hinter Rathenow. In dieses von der Geschichtswissenschaft erschlossene Siedlungsgebiet wanderten dem archäologischen Befund zufolge Anfang des 8. Jahrhunderts slawische Gruppen ein. Die ältesten slawischen Dendrodaten stammen aus dem Jahr 736. Hauptburg und Sitz des Herrschers war seit dem 10. Jahrhundert die Brandenburg. Diese ist dendrochronologisch auf das Jahr 906 datiert. Die übrigen Burgen der Heveller – der Bayerische Geograph berichtet von insgesamt 8 Burgen („civitates“) – entstanden bereits ab 870. Dazu gehörten Rathenow, Potsdam und Spandau.

Aus einigen Adelsgeschlechtern der Heveller gingen womöglich auch Teile des märkischen Uradels hervor, zum Beispiel die Familie Kahlbutz (Wiki) aus Kampehl bei Ruppin. Zu einem dieser märkischen Adelsgeschlechter hat auch meine Oma immer eine besondere Verbindung empfunden (in ihrem Fall zur Familie von Katte in Zolchow) (s. Prbl2017, a).

Wie spannend auch, daß wir Heveller, Sorben, Kaschuben, Oberschlesier, Slowenen und so weiter jetzt über Gentests nachweisen können, ob und in welchem Umfang wir solcher Herkunft sind, oder ob wir etwa eher Nachkommen "slawisierter" zugewanderter Deutscher sind.

Abb. 10: Kirchgang im Spreewald! - Alte Wendinnen aus Burg in der traditionellen Spreewaldtracht nach dem Kirchgang bei der Unterhaltung auf der Straße, März 1931 - Fotograf Georg Pahl (Wiki)

Ich habe auch die Vermutung, daß sich der slawischen Herkunftsanteil in bäuerlichen Unterschichten östlich der Elbe in größerem Umfang gehalten haben könnte (also in den "Kiezen") also unter den Fischern und sogenannten Halbbauern als unter den Vollbauern auf den Dörfern. Denn letztere haben in früheren Jahrhunderten immer unter sich geheiratet. Und unter diesen finde ich zumindest in meinem Stammbaum fast nur deutsche Familiennamen (Bading, Mohr, Meinecke und so weiter), während mir der Familienname meiner Halbbauern-Oma Bleis slawisch anmutet - so wie auch ihr Äußeres und das Äußere ihrer Familie (Preußenbl2017). Allerdings scheinen die Familiennamen auch in ihrem Stammbaum vorwiegend deutscher Herkunft zu sein (z.B. Eggert, Rahne, Wollbrügge). Wir lesen (Wiki):

Die Franken (im "Leben des Heiligen Martinus", der "Chronik von Fredegar" und bei Gregor von Tours), die Langobarden (Paulus Diakonus) und die Angelsachsen (Widsith) bezeichneten die Slawen im Elbe-Saale-Gebiet und in Pommern als „Wenden“ oder „Winden“ (siehe Wenden). Die Franken und die Bayern der Steiermark und Kärntens nannten ihre slawischen Nachbarn „Windische“, was sich noch heute in den Namen widerspiegelt, die deutschsprachigen slowenischen Städten und Dörfern gegeben werden. Beispiel: Slowenisch Slovenj Gradec heißt auf Deutsch: Windisch-Graetz.

Die Forscher der neuen Studie schlußfolgern aus ihren Daten, daß sich die Ethnogenese der Slawen um 1000 v. Ztr. vollzogen haben muß. 

Die Ethnogenese des Urvolks der Slawen - Östlich der Pripjet-Sümpfe

Um diese Zeit herum sollen sich die nachmaligen baltischen Völker (Prußen, Masuren, Litauer, Letten) (Wiki) von den nachmaligen slawischen Völkern getrennt haben. Die Slawen tragen zwei Drittel baltische Herkunft in sich und ein Drittel einer Herkunft - mit höherem anatolisch-neolitischen Bauern-Anteil - dessen Ursprung noch nicht genau lokalisiert werden kann.

Man möchte übrigens vermuten, daß es die räumliche Nähe zu den Hunnen und Awaren war, die die Slawen dazu brachte, sich nach Westen auszubreiten. Denn sonst hätten sich ja auch die baltischen Völker nach Westen ausbreiten können. In der Studie heißt es (1):

Wir schließen daraus, daß eine Region, die sich über den Süden von Weißrußland und den Norden der Ukraine erstreckt, der beste räumliche Annäherung für die Herkunft der slawisch-zeitlichen Individuen unserer drei Studien-Regionen ist.
We infer a region spanning the south of Belarus and north of Ukraine as the best spatial proxy for the origin of the SP individuals in our three study transect.

Im Anhang heißt es zu diesen Fragen (1, Anhang, S. 127):

Mit phylogenetischen linguistischen Methoden wurde der Zeitpunkt der Trennung der slawischen und baltischen Sprachen im Mittel auf 1660 v. Ztr. (95 % HPD 3040-530 v. Chr.) berechnet. Archäologisch gesehen folgte auf die Kulturen der Spätbronzezeit in den Gebieten, in denen dieser Vermischungsprozess stattgefunden zu haben scheint, die Milograd-Kultur (ca. 7. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.) in Weißrussland und der Nordukraine, die später allmählich von der Zarubintsy-Kultur (ca. 3. Jh. v. Chr. – 1. Jh. n. Chr.) abgelöst wurde. Aus der Zarubintsy-Kultur entwickelte sich im 2. Jahrhundert n. Chr. im selben Gebiet die sogenannte Kiewer Kultur (in ihrer Frühphase auch als Post-Sarubintsy-Kultur bekannt), die erste materielle Kultur, die Ähnlichkeiten mit jenen frühmittelalterlichen Kulturphänomenen aufweist, die sicher den frühen Slawen zugeordnet werden können.
Tatsächlich stimmt die geografische Ausdehnung der Milograd-, Zarubintsy- und Kiewer Kulturen in der Nordukraine, Weißrußland und Westrußland gut mit unseren aDNA-Berechnungen überein. Mithilfe von MOBEST schließen wir, daß eine Region, die sich über den Süden von Weißrußland und den Norden der Ukraine entlang des Flusses Dnjepr im heutigen Polesien erstreckt, der beste räumliche Indikator für den Ursprung der SP-Individuen in unseren drei Untersuchungstransekten ist. Ein solches Gebiet steht zudem im Einklang mit dem archäologischen Konsens, der die Entstehung der Slawen als ethnische Gruppe im südlichen Bereich der Waldzone, hauptsächlich im oberen Dnjepr-Becken, verortet.
With phylogenetic linguistic methods, the divergence time of the Slavic and Baltic languages was calculated at a median time of 1660 BCE (95% HPD 3040 – 530 BCE)146. Archaeologically, the Late Bronze Age cultures in the areas where this process of admixture seems to have taken place were followed by the Milograd Culture (c. 7th c. BCE-1st c. CE) in Belarus and Northern Ukraine, which was later gradually replaced by the Zarubintsy culture (c. 3rd c. BCE - 1st c. CE). From the Zarubintsy culture, the so-called Kyivan culture (also known as the post-Zarubintsy culture during its early phase) developed during the 2nd century CE in the same area, which is the first material culture featuring similarities with those early medieval cultural phenomena that can be surely associated with early Slavs. 
Indeed, the geographical extent of the Milograd, Zarubintsy  and Kyivan cultures in Northern Ukraine, Belarus and Western Russia agrees well with our aDNA evidence. Using MOBEST, we infer a region spanning the South of Belarus and North of Ukraine along the Dnjepr river in present-day Polesia as the best spatial proxy for the origin of the SP individuals in our three study transects. Such an area is further consistent with the archaeological consensus which locates the formation of the Slavs as an ethnic group in the southern area of the forest zone, mostly in the upper Dnjepr basin.

Die Kiewer Kultur (2.-5. Jhdt. n. Ztr.) (Wiki) (WikiCom) und ihre Vorgängerkulturen grenzten im Norden an baltische Volksstämme, im Westen an die Goten und im Osten und Süden an die Sarmaten. Die Hunnen stießen im Süden von ihnen durch das Siedlungsgebiet der Sarmaten hindurch nach Westen. Die Kiewer Kultur entstand aus der Sarubinzy-Kultur (3.-1. Jhdt. v. Ztr.) (Wiki). Deren Vorgänger-Kultur war die Milograd-Kultur (7.-1. Jhdt. v. Ztr.) (Wiki). 

Abb. 11: Sorbinnen an der Dreschmaschine, 1930er Jahre (Ausschnitt - Sorabicon)

Christliche Berichterstatter haben - wenn auch durch ihre christliche Brille hindurch - so doch manches Wertvolle über die heidnische Religion, sowie die heidnischen Sitten der Slawen berichtet. Sie berichten insbesondere von ihrer großen Gastfreundlichkeit, Herzlichkeit, Offenheit und ähnlichen Eigenschaften (2). 

Es gibt auch mancherlei Erkenntnisse zur slawischen Mythologie (Wiki). Auch in der slawischen Mythologie entsteht die Welt - wie in der urindogermanischen Mythologie und wie noch im Orpheus-Mythos - aus einem "Urei".

Zur vorgeblichen "Slawenlegende"

Während des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts wurde im Rahmen des sogenannten "Volkstumskampfes" zwischen Deutschen und Slawen von verschiedenen deutschen Wissenschaftlern infrage gestellt, daß die Slawen tatsächlich im Frühmittelalter von vormaligen Germanenstämmen verlassene Räume östlich der Elbe, des Bayerischen Waldes und bis Ostbayern und Kärnten hinein besiedelt hätten.

Unter deutschen Vertriebenen werden diese Ansichten zum Teil noch heute vertreten - wie sich auch in verschiedenen Kommentaren hier auf dem Blog in den letzten Jahren gezeigt hat. Es wurde die Meinung vertreten, die ostgermanischen Stämme wären gar nicht vollständig abgewandert, sondern in Teilen in ihrer Heimat zurück geblieben und später "slawisiert" worden, und zwar durch das sogenannte "Kirchenslawische" (Wiki), das im Rahmen der Slawenmission durch Kyrill und Method eingeführt worden sei.

Vertreter solcher Sichtweisen waren vor allem der Breslauer und Kieler Germanist Professor Walther Steller (1895-1971) (Wiki) (Sühnekreuz), sowie in seiner Nachfolge der emeritierte Münchener Professor Helmut Schröcke (1922-2018) (Wiki). Sie sprachen in diesem Zusammenhang von einer sogenannten "Slawenlegende" (Wiki). Es würde sich dabei mehr oder weniger um eine bewußte Geschichtsfälschung der Kirche handeln (3). 2015 erschien ein Buch, dessen Titel diese Theorie gut auf den Punkt bringt: "Der Slawen-Mythos - Wie aus Ostgermanen ein Volk der 'Slawen' mit fremder Sprache und Mythologie wurde". Es stammt von einem - offenbar schwer okkultgläubigen - Berliner Autor namens Árpád von Nahodyl Neményi (geb. 1958) (Wiki).

Wir hatten schon in früheren Beiträgen hier auf dem Blog angedeutet, daß sich die Erkenntnisse der Archäogenetik in den letzten Jahren in eine andere Richtung bewegen als von dieser kleinen Minderheiten-Meinung innerhalb der Wissenschaft angenommen. 2022 hatten wir darauf hingewiesen, daß die Goten genetisch ausgestorben sind und durch Slawen ersetzt worden sind (Stg2022, s.a. Stg2022a). Und wir hatten im selben Jahr im Artikel über die Archäogenetik des antiken Griechenlands hervor gehoben, daß die antiken Griechen weniger Steppengenetik in sich trugen als die heutigen Griechen (Stg2022b), ...

... die noch einen weiteren Zufluß dieser indogermanischen "Steppen"-Herkunft durch die Slawen des Frühmittelalter erhalten haben.

Und 2023 hatten wir getitelt "An der mittleren Donau - Die Goten sterben aus, unter den Awaren kommt es zur Zuwanderung der Slawen" und hatten als Grundgedanken formuliert "Unter den Großreichen von Turk-Völkern organisiert sich die slawische Völkerwelt" (Stg2023):

Die slawische Völkerwelt formierte und organisierte sich somit im Rahmen der Großreiche von Turk-Völkern und bestand dann bis heute fort, während jene Turk-Völker, von denen diese Großreiche getragen und organisiert gewesen waren - die Hunnen, Bulgaren, Awaren und Landnahme-Ungarn - heute in den meisten Teilen genetisch, sprachlich und kulturell längst wieder untergegangen sind.

Vermutlich ist auch diese These mit der neuen Studie bestätigt. Wir hatten auch auf den sehr differenzierten Wikipedia-Artikel zur Ethnogenese der Kroaten (Wiki) hingewiesen und diesen zitiert.

Abb. 12: Zwei Sorbinnen aus Bautzen 1950 (Wiki)

2023 waren wir zwischenzeitlich auch Theorien nachgegangen, nach denen sich die Ethnogenese der Slawen im südlichen Ostpreußen während der Mittelbronzezeit vollzogen haben könnte (Stg2023), was die neue Studie so nicht findet. Außerdem fragten wir in dem damaligen Beitrag anhand einer weiteren Theorie (Stg2023):

Eine Studie stellt genetische Kontinuität in der Provinz Posen von der vorgotischen Bevölkerung bis ins Mittelalter fest. 

Auch das ist durch die neue Studie nicht bestätigt worden, wie oben schon erwähnt wurde. Letztes Jahr hatten wir dann auf die "slawischen" Herkunftsanteile in Ostbayern hingewiesen (Stg2024),  

Außerdem noch der Hinweis: In der traditionellen "Rasseforschung" der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde wie selbstverständlich ausgegangen von der Existenz einer sogenannten "ostischen Rasse". Schon 2019 hatten wir hier auf dem Blog hervor gehoben, wie wenig sich die slawischen und die germanischen Mitteleuropäer in ihrer groben Herkunftsgruppenzusammensetzung voneinander unterscheiden (Stg2019, s.a. Stg2022). Der kenntnisreiche "Nrken19" postet neuerdings dazu (X):

Proben aus der Zeit der slawischen Westausbreitung aus Polen weisen 45 % Steppengenetik, 16 % westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik (WHG), 36 % anatolisch-neolithische Bauern (EEF) und 2 bis 3 % sibirische Genetik auf, während die deutschen Proben 49 % Steppe, 17 % WHG, 34 % EEF und 0 % sibirische Genetik aufweisen.
Slavic period samples from Poland score 45% steppe, 16% WHG, 36% EEF and 2 to 3% Siberian while the German ones score 49% steppe, 17% WHG, 34% EEF and 0% Siberian.

Auch vier Prozent Unterschied im Anteil der Steppengenetik mögen schon - wie wir inzwischen wissen - insgesamt einen Unterschied machen. Dennoch sind die Unterschiede insgesamt gesehen denkbar gering. Es könnte allerdings auch vermutet werden, daß sich diese genetisch ähnlichen Völkergruppen Jahrtausende lang getrennt voneinander weiter entwickelt haben und deshalb sich über Selektion die Unterschiede doch noch in einer Weise vergrößert worden sind, die sich allein anhand der Herkunftsgruppen-Zusammensetzung gar nicht erkennen läßt.

Abb. 13: Weibliche Figur mit Horn - Auf dem vierseitigen Götterstein von Sbrutsch, Ostgalizien, 1000 n. Ztr. (Wiki)

Ergänzt sei noch: Um 1000 n. Ztr. wurde 70 Kilometer südwestlich der heutigen Kreisstadt Tarnopol in Ostgalizien, bzw. in der Westukraine der "Götterstein von Sbrutsch" (Wiki) aufgestellt. 1848 wurde er wieder entdeckt. Heute ist das Original in Krakau aufgestellt  (Wiki):

Die Säule ist vertikal in drei Ebenen unterteilt, die offenbar die Unterwelt, die menschliche Welt und die himmlische Welt darstellen sollen. Im unteren Bereich ist von drei Seiten eine Figur dargestellt, die die darüberliegende Welt trägt. Der russische Historiker und Archäologe Boris Rybakow identifizierte die Figur daher als Veles, den Gott des Totenreichs. Auf der mittleren Ebene sieht man Menschen (zwei Frauen und zwei Männer), die sich an den Händen halten und eine Art Reigen (Chorowod) ausführen, vermutlich im Zuge eines religiösen Rituals. Auf der oberen Ebene sind zwei weibliche und zwei männliche Figuren dargestellt, die aufgrund ihrer Größe und dominanten Position als Gottheiten interpretiert werden. Die weibliche Figur mit dem Ring identifiziert Rybakow als Lada, die Göttin der Liebe, der Ehe und des Frühlings. Die weibliche Figur mit dem Horn gilt als Mokosch, die Göttin der Weiblichkeit und der Fruchtbarkeit. Die männliche Figur mit dem Schwert und dem Pferd wird mit Perun in Verbindung gebracht, dem Gott des Donners und des Krieges. Die männliche Figur, unter der das Sonnensymbol angebracht ist, wird mit Chors oder Daschbog assoziiert.

Wenn man einmal festen Boden unter den Füßen hat bezüglich der Entstehung und Ausbreitung der Slawen, kann man den damit verbundenen archäologischen, sprachwissenschaftlichen und historischen Fragen noch nach vielen Richtungen hin weiter nachgehen. 

Abb. 14: Eine wie wir finden recht gute Illustration zu der frühen slawischen Bilderwelt - Mit freundlicher Genehmigung von "The_Pen_And_The_Past"

Ergänzung 31.1.2026: Eine schöne Zeichnung zu den frühen Slawen findet sich von Seiten von "The_Pen_And_The_Past". Zu den "Bilderwelten", dem "Kunstverständnis" der frühen Slawen finden sich im Grunde, wenn man genauer recherchiert, auch noch sonst viele Hinweise (s. z.B. Wolgast1, 2) - vielleicht widmen wir diesem Thema hier auf dem Blog noch einmal einen eigenen Beitrag.

Sie sind unsere Vorfahren, die Slawen! Genauso wie die Kelten. Erstaunlich genug, wie wenig dieser Umstand bislang im deutschen Kultur- und Geschichtsbewußtsein verankert war. Die Archäogenetik wird hier nach und nach sicherlich das Umdenken befördern.

Ergänzung 1.2.26: Auf dem Internetblog "Nemets" von Peter Nimitz gibt es einen langen Blogartikel über die Urheimat der Slawen (Nemets2025).

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  1. Joscha Gretzinger, Felix Biermann, Hellen Mager, (...) Harald Meller, Walter Pohl, Zuzana Hofmanová, Johannes Krause: Ancient DNA connects large-scale migration with the spread of Slavs. Nature (2025). https://doi.org/10.1038/s41586-025-09437-6. Published 03 September 2025 (Nature)
  2. Kurt von Zydowitz: Glaubensumbruch ein Verhängnis. 700 Jahre germanisch-deutsche Geschichte. Band 3: Geschichte der Deutschen im Osten. Verlag Mein Standpunkt, Westerstede 1984
  3. Wolff, Franz: Ostgermanien. Schwertine-Verlag 1965; ders.: Ostgermanien. Waren die Ostvölker Slawen? Widerlegung einer polnischen Legende. Grabert-Verlag, Tübingen 1977

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