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Mittwoch, 17. November 2021

Tiere betreiben "Social Distancing"

Selbstloser Dienst am Gemeinwohl
- Neue Erkenntnisse zur Immun-Gruppenpsychologie

Schon bei Ameisen und bei vielen anderen Tierarten ziehen sich einzelne erkrankte Tiere aus der Gemeinschaft zurück. Die Gemeinschaft grenzt sich nach außen ab, weil in anderen Gemeinschaften andere Krankheitskeime vorherrschen als in der eigenen. Gemeinschaften jedoch, die sich zu sehr abgrenzen, können sich gegebenenfalls nicht schnell genug an neue Krankheitskeime anpassen und sterben massenhaft dahin. Das bekannteste Beispiel ist Mittelamerika im 16. Jahrhundert.

Aber ein solches Geschehen kann es natürlich auch zu anderen Zeiten in der Weltgeschichte gegeben haben. Manche Archäogenetiker schreiben der Pest im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Indogermanen eine solche Rolle zu. Auf jeden Fall gibt es eine Risikovariante dafür, an Covid 19 zu sterben (SNPedia). Die Hälfte aller Inder besitzt sie, in Ostasien aber gibt es diese Risikovariante aber kaum und bei Menschen europäischer Herkunft nur zu etwa 8 Prozent (6-9). Das könnte daran liegen, daß diese Risikovariante (die nur vom Neandertaler stammt - nicht vom Denisova-Menschen, nicht vom anatomisch modernen Menschen aus Afrika) schon in früheren Epidemien in Asien und z.T. in Europa "ausgerottet" worden ist.

Durch solches Geschehen, bzw. in Auseinandersetzung mit solchem Geschehen sind im Tierreich schon früh Verhaltensinstinkte evoluiert worden. Über einen neuen Artikel in der Zeitschrift "Science" (1) wird in "Bild der Wissenschaft", bzw. "Natur" berichtet (2):

Wie Tiere auf Distanz gehen - Social Distancing in der Natur - Anhand von Beispielen zeigen Forscher auf, wie verbreitet die verschiedenen Formen des Social Distancings bei Tieren sind und welche Parallelen sowie Unterschiede es dabei zum menschlichen Verhalten gibt. Welche Formen des Abstandhaltens es gibt..

Damit wird auf ein Thema aufmerksam gemacht, das wir hier auf dem Blog schon vor 13 Jahren aufgegriffen hatten (3, 4), und an das wir uns durch diesen Artikel wieder erinnern. Nämlich daß die Gruppenpsychologie des Menschen und sein sonstiges Verhalten mitgeleitet sind von der Gefahr von sich ausbreitenden Krankheiten.

Mandrill (Wiki)

Ein erster Hinweis dafür ist, daß schwangere Frauen, geleitet durch das Vertrauenshormon Oxytocin auf "Fremde", "fremdartige Menschen" stärker reagieren als wenn sie nicht schwanger sind. Menschen aus fernen Ländern können Träger von Krankheitskeimen sein, an die die Körper einheimischer Menschen nicht angepaßt sind. Und schwangere Frauen sind diesbezüglich noch einmal besonders gefährdet.

Es ist naheliegend, daß die Gruppenpsychologie schon seit Jahrtausenden darauf - unbewußt oder bewußter - selektiert worden ist und reagiert, unter anderem auch mit Ethnozentrismus, mit Bezogenheit auf die eigene Gruppe und mit Abgrenzung von anderen Gruppen, also mit: "Social Distancing". Wir lesen (1):

Mandrills (eine in Gruppen lebende Halbaffen-Art) gehen strategisch mit ihrem Distanzierungsverhalten um: Sie meiden kranke Artgenossen, doch sie erhöhen manchmal ihr Infektionsrisiko, indem sie sich weiterhin um infizierte Verwandte kümmern.
Es wird ausgeführt, daß sich nicht nur Menschen, sondern auch kranke Tiere - zum Beispiel Fledermäuse - aus dem sozialen Umfeld zurückziehen, wenn sie krank werden. Gerade sozial lebende Tiere, insbesondere in komplexen Gesellschaften scheinen hier besonders eindrucksvolle Abwehr-Mechanismen ausgebildet zu haben (2):

Eine Parallele dazu ist von Ameisen bekannt: Bei manchen Arten verlassen kranke Individuen gezielt die Gemeinschaft. Diese Reaktionen betrachten die Forscher als einen selbstlosen Dienst für das Gemeinwohl: Die aktive Selbstisolation schützt den Rest der Kolonie vor einer Ansteckung. Bei Bienen ist hingegen ein Beispiel für den Fall dokumentiert, bei dem die gesunden Individuen gezielt für Distanz zu den Kranken sorgen, um die Gemeinschaft zu schützen. Durch bestimmte Anzeichen können die Insekten manche Erkrankungen bei ihren Stockgenossen erkennen und reagieren dann recht rabiat: Die Infizierten werden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

 / Entwurf: 10.3.21 /

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  1. Infectious diseases and social distancing in nature | Science (sciencemag.org)Sebastian Stockmaier, Nathalie Stroeymeyer, Eric C. Shattuck, Dana M. Hawley, Lauren Ancel Meyers, Daniel I. Bolnick, Science Mag., 5.3.2021
  2. Wie Tiere auf Distanz gehen - Social Distancing in der Natur, 8.3.2021, https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/social-distancing-in-der-natur/
  3. Bading, Ingo: Studium generale: Beeinflussen Krankheitsgefahren die Gruppen- und Religionspsychologie? (studgendeutsch.blogspot.com), 5.8.2008
  4. Bading, Ingo: Studium generale: Der „infizierte Volkskörper“, die „kranke Kirche“ (studgendeutsch.blogspot.com), 8.8.2008
  5. Hannes Rusch, Charlotte Störmer: An Evolutionary Perspective on War Heroism, 2015, https://www.militairespectator.nl/thema/ethiek/artikel/evolutionary-perspective-war-heroism
  6. Zeberg/Pääbo, Svaante: The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neanderthals, Nature, 30.9.2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2818-3 
  7. Identification of LZTFL1 as a candidate effector gene at a COVID-19 risk locus, Nature Genetics, 4. November 2021, https://www.nature.com/articles/s41588-021-00955-3
  8. Podbregar, Nadine: Covid-19: Risiko-Genvariante erhöht Sterberisiko 15. November 2021, https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/covid-19-risiko-genvariante-erhoeht-sterberisiko/
  9. https://opensnp.org/snps/rs17713054 

Freitag, 17. Juli 2009

Wie breiten sich menschliche Gene und kulturelle Merkmale aus?

Welche Faktoren bestimmen die heutige Verbreitung von kulturell und genetisch bestimmten Merkmalen des Menschen?

Es kann sich dabei im wesentlichen um Zufallsfaktoren handeln. Also es kann sich etwa um das eher zufällige "Herumdriften" von genetisch und kulturell bestimmten Eigenschaften handeln. Diese Eigenschaften "driften" dann - etwa so wie ein Korken, der im Meer schwimmt - auf eher zufällige Weise über die Erdoberfläche, von Kontinent zu Kontinent. Menschen haben, bevor sie sterben, Kinder oder nicht auf eher zufällige Weise und geben an sie auf eher zufällige Weise bestimmte kulturelle Eigenschaften weiter, andere nicht.

Menschen - oder nur die von ihnen weitergegebenen kulturellen Merkmale - wandern über die Erdoberfläche oder bleiben an einem Ort, wo sie geboren wurden und wo die Merkmale entstanden sind - auch eher zufällig. Und dort werden sie von Generation zu Generation weitergegeben oder sie sterben dort wieder aus - auch eher zufällig.

Es kommt an dem einen Ort zur explosiven, zahlenmäßigen Zunahme von Trägern genetisch oder kulturell bestimmter Eigenschaften (durch Bevölkerungswachstum oder durch kulturelle "Moden", Meinungsumschwünge, Anpassungen an eine neue Lebensart, etwa an den "american", "hellenistic", "roman" oder "agrarian" "way of life"). Und an einem anderen Ort vielleicht kommt es zum implosiven Aussterben von Trägern bestimmter genetischer oder kultureller Merkmale.

All das könnte mehr oder weniger regellos, gesetzlos geschehen. Es könnte kaum vorhersehbar, kaum berechenbar sein. Wenn irgendwo vor Ort sich Träger genetischer oder kultureller Merkmale sehr plötzlich vermehren sollten, könnte das bloß ein eher zufälliges "Aufbauschen" von ebenso eher zufällig dort vorhandenen Merkmalen sein.

"Selektion" oder "Drift" - Zufall oder Regelhaftigkeit?


In all diesen Fällen würde man aus Sicht eines evolutionären Denkens sagen, daß hier überall keine oder kaum "Selektion" stattfindet, sondern bloßes "Driften" von Eigenschaften und Merkmalen. Und wenn behauptet wird, die letzten 200.000 Jahre Humanevolution wären insgesamt von "wenig Selektion" bestimmt gewesen (siehe Stud. gen., Alles was lebt), dann wird eben genau das behauptet, was eben ausgeführt worden ist. Zumindest der Tendenz nach.

Nun ist es aber so, daß sich das menschliche Denken - und im Anschluß daran erst recht die Wissenschaft - selten und höchst ungern damit zufrieden geben, wenn von bestimmten Phänomenen bloß gesagt wird, es handele sich halt um - wenig nachvollziehbare - Zufallsereignisse. Dazu ist menschliches Denken und Wissenschaft ja vor allem da, in das Chaos der dem Menschen begegnenden Erscheinungen Ordnung hineinzubringen, in ihnen Muster zu erkennen, wiederkehrende und damit irgendwie regelhafte Abläufe, Gesetzmäßigkeiten zu finden. Vielleicht sogar schließlich Kausalitäten zu entdecken, das heißt Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge. Und aus der Kenntnis derselben können dann wieder neue Schlußfolgerungen abgeleitet werden, "Nutzanwendungen".

Wir geben uns also selten einfach damit zufrieden, von einem Phänomen zu sagen, es handele sich um ein bloßes Zufalls-Ereignis. - In der Quantenphysik hat man den Charakter der Zufälligkeit und Unbestimmtheit des Umlaufbahnenwechsels eines Elektrons auch erst nach außerordentlich heftigen Debatten anerkannt. Wobei Albert Einstein wohl bis zum Ende seines Lebens daran festhielt, daß Gott "nicht würfele", daß hier also doch noch Kausalzusammenhänge vorliegen müßten.

Würfelt Gott in der Humanevolution?


Um so verwunderlicher, daß manche Wissenschaftler und Wissenschaftsberichterstatter dazu neigen, derzeit vor allem Zufallsfaktoren, statt konkrete selektive Faktoren zu betonen zur Erklärung der heutigen Verbreitung kulturell und genetisch bestimmter Merkmale des Menschen und in der Humanevolution überhaupt. Und zwar das sogar auffällig schnell, noch bevor es überhaupt zu hartnäckigen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen gekommen ist, wie sie - etwa - zwischen Heisenberg, Bohr und Einstein geführt worden sind. (siehe Stud. gen., Alles was lebt)

Ein Nebengedanke drängt sich hier auf: Überall, wo bloßer Zufall im Spiel ist im menschlichen Handeln, hat das menschliche Verantwortungsbewußtsein weniger Anlaß, sich angesprochen zu fühlen, denn dann handelt es sich ja bloß um eine weitgehend unbeeinflußbare "Glückssache" oder um "Pech". (siehe Stud. gen.). (Ebenso wenig übrigens dann, wenn ein Vorgang stur und unbeeinflußbar, "starr" gesetzmäßig abläuft.)

Wenn also irgendwo von einem Phänomen gesagt wird, es sei weitgehend ein Zufallsereignis (etwa von der Entstehung des Weltalls überhaupt, von der Entstehung des Lebens auf der Erde oder eben von der derzeitigen Verbreitung kulturell und genetisch bestimmter Merkmale des Menschen), dann könnte das auch auf der psychologischen Tendenz und Neigung von Menschen beruhen, sich von eigener Verantwortung bezüglich irgendwelcher Dinge - etwa gar der Natur insgesamt gegenüber oder der eigenen Natur gegenüber - freisprechen zu wollen. Auf diese Möglichkeit soll ja hier nur einmal hingewiesen werden. Sie soll sonst nicht Thema dieses Beitrages sein.

Wünschen wir es uns heute, daß gewürfelt worden sein soll in der Humanevolution?


(Es könnten sich hier jedenfalls immer wieder un-, halbbewußt oder bewußt naturalistische Schlüsse und Fehlschlüsse mit hineinmogeln bei der Beurteilung wissenschaftlich zu erforschender Phänomene. Das würde also dazu führen, daß man jene Aspekte hervorhebt, die einem besonders angenehm erscheinen - für das eigene Selbst- und Weltbild - und man würde versuchen zu vermeiden, solche Aspekte in ihrem Wahrheitsgehalt als richtig anzuerkennen oder zumindest ihren Wahrheitsanspruch ernsthaft zu überprüfen, die einem aufgrund naturalistischer Schlüsse und Fehlschlüsse sowieso schon irgendwie "unangenehm" oder "suspekt" erscheinen.)

Bezüglich solcher Fragen liest sich die im vorletzten Beitrag (Stud. gen.) behandelte Studie "The Role of Geography in Human Adaption" - recht "kryptisch". Sehen wir uns deshalb doch einmal nach Studien um, die sich bezüglich solcher Fragen weniger "kryptisch" lesen und darum eine erste und zugleich auch günstigere Annäherung an die eingangs gewählte Fragestellung ermöglichen.

Dazu soll hier auf den eingängigen Aufsatz "Semes and Genes in Africa" von Barry S. Hewlett (siehe Bild rechts) und Koautoren hingewiesen werden. (1, pdf., siehe auch: 2) In ihren einleitenden Überlegungen im theoretischen Teil nennen Hewlett und Mitarbeiter drei verschiedene Möglichkeiten, wie sich kulturelle Merkmale des Menschen ausbreiten können: 1. zusammen mit der Ausbreitung eines Volkes oder Stammes ("Demic diffusion"), 2. durch Übernahme ursprünglich "ausländischer", fremder Kultur aus einer anderen geographischen Region ("Cultural diffusion"), 3. dadurch, daß lokale Stämme durch Versuch und Irrtum jeweils selbständig bestimmte kulturelle Merkmale entdecken und annehmen ("Local adaption"). Im empirischen Teil untersuchen sie dann, wie es sich bezüglich dieser drei Modelle in der Empirie von 36 ethnischen Gruppen im afrikanischen Raum verhält. Für diese untersuchen sie jeweils 109 scharf umrissene kulturelle Merkmalen, wie sie im viel benutzten "Ethnographischen Atlas" (erstmals von Murdock 1967) weltweit für alle Ethnien zusammengestellt worden sind. (Z. B. Hausbauform, Eheformen, Siedlungsweise, Wirtschaftsweise und vieles andere mehr.)

Drei Möglichkeiten der Ausbreitung kultureller Merkmale


Auf die statistischen Detailerläuterungen und viele andere Detailfragen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Ihr erstes, recht auffälliges Ergebnis ist, daß die natürliche Umwelt wenig Einfluß auf die Verbreitung der untersuchten kulturellen Merkmale hatte. Das würde also zunächst einmal schon sehr gut zu einigen Erkenntnissen der im vorletzten Beitrag behandelten Studie "The Role of Geography in Human Adaption" passen, wo ebenfalls keine sehr engen Zusammenhänge zwischen Klimazonen und genetisch bestimmten Eigenschaften des Menschen festgestellt worden sind (obwohl es sich unter anderem um Hautfarben-Gene handelte), wo aber solche engen Zusammenhänge zwischen genetisch bestimmten Eigenschaften und dem genetischen Verwandtschaftsgrad überhaupt zwischen Bevölkerungen sehr wohl festgestellt worden sind.

Dieses Ergebnis von Hewlett und Mitarbeitern würde - sollte es sich verifizieren und auch die Genetik deutet in diese Richtung - schon so an dem einen oder anderen Lehrsatz der modernen Völkerkunde (Ethnologie, Kulturanthropologie) rütteln, die eben zunächst einmal besonders eine recht paßgenaue genetische und kulturelle Anpassung an die natürlichen Klimaverhältnisse vor Ort unterstellen. Das wäre ja zunächst auch eine der simpelsten und sparsamsten Hypothesen.

Hewlett und Mitarbeiten führen weiter aus, daß sie - entsprechend ihrer Detailstatistik - für 45 der untersuchten 109 kulturellen Merkmale (also für 41 % von ihnen) Erklärungsmodelle der im theoretischen Teil erörterten Art zuordnen können. Für die restlichen kulturellen Merkmale bieten sich noch mehrere unterschiedliche Erklärungsmodelle gleichzeitig an, von denen die Forscher noch keine Gründe wissen, warum sie für sie ein Erklärungsmodell für die Ausbreitung eines kulturellen Merkmals dem anderen gegenüber bevorzugen sollten. Und nun das Hauptergebnis weiter in wörtlicher Wiedergabe (in Eigenübersetzung):
Das demische Diffusionsmodell erklärt die größte Zahl der kulturellen Merkmale (20) und war besonders wichtig, um Verwandtschaft, Familie und (dörfliches, staatliches) Gemeinschaftsleben zu erklären. Die Daten stimmen überein mit den Ergebnissen jüngster Studien (...), die nahelegen, daß Verwandtschaft und Sozialorganisation in Afrika und anderen kulturellen Regionen die Ausbreitung von Gruppen mit bestimmten Arten von Verwandtschaft und Sozialorganisation wiederspiegelt. (...) Es sind dies die klassischen Merkmale südsaharischer, afrikanischer, sozialer Strukturen: unabhängige polygyne Familien mit Frauen in seperaten Behausungen, keine Heirat mit Cousins/Cousinen ersten oder zweiten Grades, clan-basierte Nachbarschaften und shifting cultivation (z.B. Gartenbau). Das demische Diffusionsmodell war ebenfalls besonders wichtig zur Erklärung politischer Stratifikation (Schichtung) oberhalb der Dorfebene. Die Daten legen nahe, daß die politische Komplexität in Afrika vornehmlich auf die Ausbreitung bestimmter Völker zurückzuführen ist und nicht auf kulturelle Diffusion oder lokale Anpassung.

(...) Kulturelle Diffusion erklärte 12 kulturelle Merkmale und war besonders nützlich, um die Verteilung von Hausbauformen und des nachgeburtlichen Verbotes der geschlechtlichen Gemeinschaft zu erklären.
Dieses Forschungsergebnis kann man zunächst einmal auf sich wirken lassen. Der häufigste Fall von Ausbreitung kultureller Merkmale würde also dadurch geschehen, daß ein Stamm einen größeren Bevölkerungszuwachs hat als andere Stämme und dadurch zusammen mit seinem Bevölkerungszuwachs zugleich auch die damit zusammenhängenden kulturellen Merkmale ausbreitet.

Völker breiten sich aus und mit ihnen kulturelle Merkmale


Sicherlich nicht gerade einer der ungewöhnlichsten Fälle, was die Humanevolution und Weltgeschichte überhaupt betrifft. In Nordamerika vermehrt sich etwa das kulturelle Merkmalsmuster "Lebensweise als Amischer" oder "Lebensweise als Hutterer" ebenfalls so gut wie ausschließlich aufgrund des demischen Modells, nämlich aufgrund der Tatsache, daß sich die Populationen der Amischen und Hutterer fast alle 25 Jahre schlichtweg verdoppeln. (Aufgrund ihres Kinderreichtums.)

Wenn man nun noch die oben genannte Erkenntnis dazu nimmt, daß sich möglicherweise auch genetisch bestimmte Merkmale des Menschen vor allem durch ethnisch bestimmte Gemeinschaften ausbreiten (wie man auch an den indischen Stämmen des vorigen Beitrages erkennen konnte und wie man sicherlich auch am Bevölkerungszuwachs staatstragender Mehrheitsbevölkerungen wie der Han-Chinesen erkennen kann), dann schält sich doch mehr oder weniger einfach eine Gesetzmäßigkeit der Humanevolution heraus:

Es mag - weltgeschichtlich gesehen - "flüchtige" kulturelle Diffussion von Lebensweisen geben, nennen wir sie Christentum, nennen wir sie Hellenismus, nennen wir sie globalisierenden "american way of life". Solange sich Ethnien durch diese weltgeschichtlichen "Moden" nicht gar zu sehr beirren lassen und etwa - wie in Indien - trotz Missionierung sich ihren endogamen und sonstigen kulturellen Zusammenhalt bewahren, bewahren sie damit zugleich auch ihr jeweils einzigartiges Muster von kulturell und genetisch bestimmten Merkmalen. Geben sie diesen Zusammenhalt auf, gehen sie einfach - wie etwa in China - in größeren kulturellen und genetischen "Kommunen" auf. Aber auch diese größeren genetischen und kulturellen "Kommunen" gingen hervor aus Ursprungsbevölkerungen, die ursprünglich mit jenen vergleichbar waren, die nun in sie aufgehen.

Humanevolution und Kulturgeschichte vollziehen sich im Wesentlichen in Ethnien


Die Quintessenz dieser Ausführungen wäre also schlicht: Humanevolution und menschliche Kulturgeschichte vollziehen sich im wesentlichen in Ethnien und Völkern und haben sich auch im Wesentlichen nie anders vollzogen. Und es scheint auch kein einziges weltgeschichtliches oder völkerkundliches oder humangenetisches Beispiel zu geben, wo sich all das nun alles ganz anders verhalten hätte oder verhalten würde.

Denn selbst wenn sich bei der Ethnogenese, bei der Entstehung von Völkern vormals ganz unterschiedliche Ausgangspopulationen miteinander verschmelzen sollten (in einem "melting pot of races"), so wäre das Ergebnis ja dennoch wieder eine Ethnie (siehe etwa die von Derek Bickerton erforschten, neu entstandenen Kreolen-Sprachen und die sich mit ihnen potentiell neu formierenden "Ethnien"). (Möglicherweise sind nach diesem Modell viele Sprachen, etwa auch das Deutsche, das Englische, das Französische zunächst einmal ihrer Natur nach - also während der Ethnogenese dieser Völker selbst - "Kreolen-Sprachen" gewesen.) Die menschliche Psyche selbst scheint - schon über die tiefgreifenden, frühen Prägungsmechnismen was Mutterspachen-Erwerb und kindlichen Sprachgebrauch betrifft - in sehr tiefgehender Weise ethnischer Natur zu sein. Und dementsprechend auch viele wesentliche Elemente der Kultur und der Häufigkeitsverteilung von Verhaltens- und Wahrnehmungsgenen.

- Ein Essay von Paul R. Ehrlich und Simon A. Levin betitelt "The Evolution of Norms" in PLoSBiology vom Juni 2005 (2) (siehe auch "Spektrum Direkt" dazu) trägt zu der hier behandelten Thematik zwar keine eigenen empirischen Forschungen vor, scheint aber insgesamt die Aufmerksamkeit von der Erforschung der parallelen Evolution von Genen und Kultur, wie sie von Hewlett und anderen vorangebracht worden ist, abziehen zu wollen auf die Erforschung von bloß soziologischer, bloß kultureller Ausbreitung von Normen und Werten. Besonders interessant erscheint in dem Zusammenhang auch die Verwendung des Begriffs des "moral entrepreneuers (individuals engaged in changing norms)", also des Begriffs eines "moralischen Unternehmers", von "Individuen, die sich darin engagieren, Normen zu ändern". -

Menschliche Gene und kulturelle Merkmale breiten sich parallel aus


Natürlich wollen auch Wissenschaftler Normen verändern. Und natürlich ist auch Wissenschaft dazu angetan, implizit Normen zu verändern. Damit stellen sich Wissenschaftler zunehmend stärker an jene Stelle, die vormals Priester und andere "Geschichtenerzähler" innegehabt hatten.

Aber um die Beantwortung der Frage "Wie breiten sich kulturelle Normen aus?" abschließend noch einmal auf den Punkt zu bringen: Kulturelle Werte und Normen breiten sich in der Humanevolution, soweit wir bislang sehen, am häufigsten dadurch aus, daß ethnische Gruppen Kinder haben und sich auf diese Weise die kulturellen Werte zusammen mit der Genetik der jeweiligen Gruppen ausbreiten oder zumindest zusammen mit ihnen fortbestehen. Dies gilt, soweit wir aufgrund des Aufsatzes "Semes and Genes" annehmen können, zumindest für Afrika. Und auch die ursprünglich sogar von Cavalli-Sforza vertretene These, daß sich der Ackerbau in Europa nach 5.700 v. Ztr. im Wesentlichen kulturell und nicht demisch ausgebreitet hätte, kann inzwischen seit den Forschungen von Bryan Sykes und anderen sowohl aus der Sicht der Genetik als auch aus Sicht der Archäologie als widerlegt angesehen werden.

ResearchBlogging.orgDie Frage zu klären, wie an einen solchen Sachverhalt dann Konzepte von kultureller und genetischer Gruppenselektion und Gruppenkonkurrenz heranzutragen sind, ist wohl einer der nächsten, bedeutsamen Schritte, den die Forschung in schlüssiger und allgemeingültig nachvollziehbarer Weise aufzuzeigen haben wird.


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  1. Barry S. Hewlett, Annalisa De Silvestri, and C. Rosalba Guglielmino: Semes and Genes in Africa. In: Current Anthropology 43, no. 2 (April 2002): 313-321.  https://doi.org/10.1086/339379
  2. Ehrlich, P., & Levin, S. (2005). The Evolution of Norms PLoS Biology, 3 (6) DOI: 10.1371/journal.pbio.0030194
  3. Wilson, Edward O.; Lumsden, Charles: Das Feuer des Prometheus. Piper-Verlag 1987

Donnerstag, 16. Juli 2009

"Das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde"

"Das indische Kastensystem war das größte genetische Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde."
("The caste system in India was the grandest genetic experiment ever performed on man.”)
So lautet eines der vielen eingängigen Zitate, die, formuliert von berühmten biologischen Vordenkern wie Charles Darwin oder Theodosius Dobzhansky, Zusammenhänge auf den Punkt bringen und deshalb immer wieder einmal gerne zitiert werden. Nämlich dann, wenn eben auf diese Zusammenhänge selbst das Augenmerk gerichtet werden soll. Übrigens stammt auch dieses Zitat - sollte es noch jemanden verwundern? - vom "großen" Theodosius Dobzhansky. Jedenfalls ist dieses Zitat auch wieder einer neuen genetischen Studie über Indien vorangestellt worden (2, pdf.), die unter der Koautorschaft des britischen Humangenetikers Chris Tyler-Smith veröffentlicht worden ist. Und tatsächlich beherbergt Indien ja
"eine der kulturell heterogensten menschlichen Gesellschaften überhaupt",
wie es in einer anderen Studie (3) heißt. Jeder Inder gehört offiziell zu einer von 4.635 Gemeinschaften (also Ethnien oder Kasten) in Indien. Schon im Jahr 1983 war dazu in den "Annals of Human Biology" eine lesenswerte Studie erschienen mit dem Titel:
"Die Bedeutung des indischen Kastensystems hinsichtlich der evolutionären Anpassung - eine ökologische Perspektive"
("Adaptive significance of the Indian caste system: an ecological perspective")

(1, pdf.). Diese Studie des indischen Biologen Madhav Gadgil (geb. 1942) (Wiki) gibt einen guten Eindruck von dem vielfältigen Zusammenleben und von dem vielfältigen Aufeinander-angewiesen-Sein der zahlreichen traditionellen, endogam lebenden Stämme und Kasten in der indischen Gesellschaft. Sie gibt auch einen guten Eindruck von der jeweilig recht einzigartigen ökologischen und wirtschaftlichen Spezialisierung und "Einnischung" jeder einzelnen Kaste und jedes einzelnen Stammes sowohl in die indische Gesamtgesellschaft, als auch in die jeweiligen natürlichen Lebensbedingungen und Klimazonen vor Ort.

Ein spannendes Thema, diese vielfältigen Verflechtungen von Gruppen nun zusätzlich noch mit etwaigen jeweiligen genetischen (Fitneß-)Interessen von endogamen Stammes- und Kasten-Gruppen in Abgleich zu bringen, so wie man es ja auch schon im Titel bei dem Begriff "adaptive" heraushören mag. (Oder sie auf jeweilige "gruppenevolutionäre Strategien" hin zu untersuchen.)

Und auf solche Dinge wird dann auch tatsächlich am Ende des Aufsatzes (S. 473) hingedeutet, wenn ausgeführt wird, daß man die in diesem Aufsatz erforschten wirtschaftlichen Spezialisierungen und "Einnischungen" der jeweiligen Kasten und Stämme künftig auch noch unter der breiteren Perspektive der Gen-Kultur-Koevolutions-Theorien von Edward O. Wilson & Charles Lumsden (1981) und Luigi Luca Cavalli-Sforza & Marcus Feldman (1981) erforschen wolle. An welcher Stelle Gadgil selbst seither noch einmal auf diese Ansätze zurückgekommen ist, ist einer schnellen Literatur-Recherche nicht zu entnehmen.

Aber schon die Veröffentlichungsliste dieses innerhalb der Forschung höchstens wenigen Kennern *) bekannten indischen Anthropologen Madhav Gadgil weist viele weitere, ähnlich interessante Themen auf. Schon 1975 veröffentlichte er zum Beispiel - und zwar über Edward O. Wilson - eine theoretische Studie zum Thema Gruppenselektion (pdf.). Er könnte also zusätzlich zu der anregenden Studie von 1983 noch mancherlei Anregendes verfaßt haben oder weiterhin zu verfassen im Sinn haben.

1. In China genetische Einebnung, in Indien genetisches Kontrast-Programm zwischen Gruppen

Aber genau solche Fragestellungen werden auch schon in der genannten neuen genetischen Studie von 2008 angegangen. (2) Und zwar anhand der genetischen Vielfalt, die das Y-Chromosom bei Menschen verschiedener Stämme und Kasten in Indien aufweist. Es wird die genetische Vielfalt innerhalb und zwischen verschiedenen Stämmen und Kasten in Indien verglichen mit der genetischen Vielfalt innerhalb und zwischen "Populationen" in China. Eine Vergleichbarkeit ist ja schon insofern gegeben, als sowohl in Indien wie in China heute jeweils über 1 Milliarde Menschen leben. Hinsichtlich Chinas sind in die Studie auch so unterschiedliche ethnische Gruppen ("Populationen") mit einbezogen worden wie die Ewenken, die Tibeter, die Uiguren, die Koreaner. Daneben zahlreiche lokale Han-Gruppen und zahlreiche südchinesische ethnische Populationen, die aber zumeist heute schon sehr weitgehend "sinisiert" sind. (Deshalb wohl auch wird in der Studie durchgängig bezüglich China von "Populationen" gesprochen, während bezüglich von Indien von "Ethnien" und "Kasten" gesprochen wird.)

Nach den Ergebnissen dieser Studie sind nun die genetischen Unterschiede zwischen den heutigen Stämmen und Kasten in Indien deutlich "kontrastreicher", "konturenreicher", "unebener" als zwischen den heutigen "Populationen" in China, sogar dann, wenn in China solche Gruppen wie die Uiguren mit hineingenommen werden. Einerseits ist also - insgesamt gesehen - die genetische Einheitlichkeit innerhalb der Stämme und Kasten Indiens größer als die genetische Einheitlichkeit innerhalb der jeweiligen untersuchten Populationen Chinas. Andererseits ist die genetische Vielfalt zwischen den Stämmen und Kasten Indiens größer als die zwischen den Populationen Chinas.

Während also innerhalb von China die genetischen Populationsunterschiede im Vergleich zu Indien mehr "eingeebnet" erscheinen - wie gesagt, sogar unter Einschluß solcher Gruppen wie der Uiguren -, scheinen sie in Indien deutlicher prononciert und "unebener", "bergiger" in den genetischen Häufigkeitsverteilungen zu sein.

Es drängt sich geradezu der Eindruck auf - und dies wäre schon Teil einer selbständigeren Interpretation der Ergebnisse dieser Studie -, als ob der starke kulturelle Trend zur konfuzianischen "Vereinheitlichung" und zum Konformismus in China, zur "Sinisierung" seit hunderten oder tausenden von Jahren - man kann sicherlich auch sagen: der kulturelle "Druck" diesbezüglich innerhalb der dominierenden Han-Bevölkerung und von dieser auch gegenüber anderen ethnischen Gruppen - sich auch auf genetischer Ebene in Richtung auf eine stärkere Einebnung genetischer Unterschiede zwischen Gruppen ausgewirkt hat. Also auf eine gleichmäßigere Verteilung der genetischen Vielfalt auf die Gesamtbevölkerung. Auf eine Einebnung von genetischen Gruppenunterschieden - zumindest im Vergleich zu Indien. Die genetische Vielfalt ist jedenfalls innerhalb der chinesischen (Sub-)Populationen größer und zwischen den chinesischen (Sub-)Populationen geringer als in Indien.

2. Nicht die Kasten, sondern die Stämme in Indien stellen "das größte genetische Experiment am Menschen" dar

In Indien weist nun zusätzlich noch die ältere und hier offenbar auch noch besser erhaltene soziale und kulturelle Lebensform des "Stammes" eine geringere "innerstammliche" genetische Vielfalt auf - noch heute, als sowohl die Kasten in Indien als auch die "Populationen" in China. Das heißt, sie weist eine größere genetische Einheitlichkeit auf. Und die vielleicht in der Spätbronzezeit (um 1.500 v. Ztr.) auf der Grundlage vieler städtischer Vorgängerkulturen in Indien eingeführte soziale Lebensform der "Kaste" weist demgegenüber - also verglichen mit den indischen Stämmen - eher in Richtung Einebnung der genetischen Gruppenunterschiede. Diese genetische Einebnung ist aber bei den indischen Kasten noch nicht so weit gegangen, wie in China zwischen den verschiedenen Populationen.

Würden sich diese Forschungen bestätigen, wären sie schon einmal einigermaßen frappierend. Welche Schlußfolgerungen aber könnten aus diesen Ergebnissen abgeleitet werden, zumal, wenn versucht wird, sie in Abgleich zu bringen mit den Ansätzen der Studie von 1983?

Gadgil legte 1983 den Schwerpunkt der Argumentation auf die Tatsache der Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende langen Koexistenz von unterschiedlichen Gruppen, die durch die Umsicht und Sorgfalt ("prudence"), ja, Rücksichtnahme gegenüber der Ökologie ihres Lebensraumes und auch gegenüber jeweilig koexistierenden ethnischen Gruppierungen gekennzeichnet gewesen wäre. Jahrhunderte lange kulturelle Koexistenz hat hier also zusammen mit der Aufrechterhaltung der ethnischen Heiratsschranken zu einer prononcierten Verteilung der genetischen Gruppenvielfalt geführt.

Führen Verwandten-Altruismus und/oder altruistisches Bestrafen zu Rücksichtnahme zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen in Indien?

Ein weitergehender Gedankengang wäre: Größere genetische Einheitlichkeit innerhalb eines Stammes oder einer Kaste könnte Verwandten-Altruismus fördern. Oder besser gesagt: Der Zusammenhalt des Stammes oder der Kaste selbst könnte durch verwandten-altruistische Motivationen stabilisiert worden sein. (Siehe etwa die Forschungen von Frank Salter und anderen.) Andererseits aber wäre es erforderlich, in eine allgemeinere Theorie der Evolution menschlichen sozialen Verhaltens miteinzubeziehen, daß eine Herabsenkung der genetischen Einheitlichkeit innerhalb einer Population und eine Verringerung der genetischen Unterschiede gegenüber anderen Populationen durch andere, evolutiv jüngere Formen von Altruismus und Kooperationsbereitschaft kompensiert werden müßten, als jene, die durch verwandten-altruistische Motivationen hervorgerufen werden.

Da denkt man zuerst an Institutionen und religiöse Vorstellungen, die durch einen tatsächlichen oder vorgestellten "dritten Bestrafer" im gesellschaftlichen "Third-Party-Punishment-Spiel" egoistisches Täuschen und Trittbrettfahren im sozialen Austausch von Leistungen verhindern oder vermindern können. (Das sogenannte "altruistische Bestrafen" durch gegenseitige soziale Kontrolle, bzw. die Überwachung durch unbeteiligte Dritte wie Polizisten, Götter, Priester und andere Dinge mehr.)

Gruppenkonkurrenz? Gruppenselektion?

In jedem Fall deutet sich an, daß in dem über so viele Jahrhunderte hinweg auch vergleichsweise harmonischen Zusammenleben von Gruppen in Indien Vorgänge von "Gruppenkonkurrenz" oder gar von "Gruppenselektion" in etwas anderer Weise abgelaufen sein könnten, als zeitgleich in China. Die traditionelle indische, kulturelle Sozialpsychologie, so möchte man mutmaßen, konnte ethnische Vielfalt besser tolerieren und mit ihr umgehen, als die zeitgleiche chinesische.

Man müßte also, so drängt sich der Vergleich auf, in der chinesischen Geschichte deutlichere Mechanismen der genetischen Einebnung - sicherlich auch über Genozide und Suizide (ethnisch und verhaltensgenetisch deutlich von der Mehrheitsbevölkerung abweichender Bevölkerungen und Menschen) - beobachten, als in der indischen Geschichte. Weil der ethnische Konformitätsdruck hier zeitweise (also z.B. nach der kulturell offenen Tang-Zeit) wesentlich größer gewesen sein könnte.

Aber auch viele andere gedankliche Ansätze könnten sicherlich an diesem "größten genetischen Experiment, das jemals am Menschen durchgeführt wurde", erprobt werden und auf empirische Gültigkeit hin überprüft werden. Möglicherweise bietet also gerade der Vergleich zwischen Indien und China schon ein ganz gutes gedankliches und datenmäßiges "Experimentierfeld", um Theorien zur Evolution menschlichen altruistischen Verhaltens in Stammesgesellschaften und darüber hinaus auf ihre Robustheit zu testen. Und dabei könnte es dann sinnvoll sein, vor allem auch den letzten Satz der Studie von 2008 zu berücksichtigen:

"Das 'größte Experiment, das jemals durchgeführt wurde' mag tatsächlich eher jenes gewesen sein, das die sozialen und genetischen Strukturen der Stämme hervorgerufen hat, als jenes, das das Kastensystem hervorgebracht hat."
("The 'grandest experiment ever performed' may in fact have been the one which produced the tribal social and genetic structure, rather than the caste system.")

Diese Aussage führt nämlich noch zu einer anderen Frage: Warum glauben Evolutionsforscher, anhand von kontrastreicher, menschlicher (genetischer) Populationsvielfalt mehr lernen zu können als anhand von eher eingeebneter genetischer Populationsvielfalt? Sicherlich weil sie richtigerweise intuitiv davon ausgehen, daß es insgesamt die genetische Vielfalt von Populationen ist, die erklärt werden muß, und daß ein Fall wie China demgegenüber sich dann eher nur als ein "Spezialfall" der Humanevolution erweisen könnte, von dem höchstens im Gegensatz zu und im Vergleich mit anderen Fällen allgemeingültigere Evolutionsgesetze abgeleitet werden könnten.

Aber niemand sollte China und seine geschichtlichen Lebensgesetze unterschätzen. Seine gegenwärtigen explosiven Zuwachsraten führen es wirtschaftlich schon ziemlich bald an seine beiden ostasiatischen "Brüder" (nein, im ostasiatischen Verständnis: "Söhne") heran, nämlich an Japan und Südkorea. Indien bleibt demgegenüber mit seiner viel gepriesenen ethnischen Vielfalt wohl auch weiterhin im weltweiten Vergleich wirtschaftlich weit zurück. Mit einer etwaigen genetischen Vereinheitlichung und Einebnung zwischen den (Sub-)Populationen Chinas könnte also - ebenso wie in Japan und Korea - auch der Gewinn von Entwicklungspotentialen einhergegangen sein, die in dieser Weise heute in Indien nicht so deutlich vorhanden sein mögen.

Es gibt also sicherlich noch viele andere, spannende "genetische Experimente am Menschen", die ähnliche Bedeutung haben, wie jenes Jahrtausende alte in Indien.

- Übrigens hat Jared Diamond in einem "Peeling the Chinese Onion" benannten Nature-Artikel 1998 einmal gemutmaßt, daß die Einheitlichkeit der chinesischen Geographie im Gegensatz zur Vielfalt der europäischen Geographie zu wesentlichen Anteilen für den unterschiedlichen Verlauf der (neuzeitlichen) Geschichte in China und Europa verantwortlich sein könnte. Ob er da wohl berücksichtigt hat, daß dann auch in dem geographisch einheitlicheren Indien (ebenfalls nur wenige Inseln oder Halbinseln) ein mit China vergleichbarer Geschichtsverlauf festgestellt werden müßte? Und weisen die Daten der hier behandelten Studie von 2008 nicht doch noch in eine ganz andere Richtung?

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*) Zum Beispiel in der Studie "Diaspora Peoples" von Kevin MacDonald (enthalten in der ersten Taschenbuch-Ausgabe von "A People That Shall Dwell Alone", 2002), in die sich die Arbeit von Gadgil thematisch gut hineinfügen lassen würde, ist ein Autor Gadgil nirgends erwähnt.

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ResearchBlogging.org




  1. Gadgil, M.; Malhotra, K.C. (1983): Adaptive significance of the Indian caste system: an ecological perspective. Annals of Human Biology, 10 (5). 465 -477.
  2. Denise R. Carvalho-Silva, & Chris Tyler-Smith (2008). The Grandest Genetic Experiment Ever Performed on Man? – A Y-Chromosomal Perspective on Genetic Variation in India Int J Hum Genet, 8 (1-2), 21-29
  3. N V Joshi, M Gadgil, & S Patil (1996). Correlates of the desired family size among Indian communities PNAS, 93 (13), 6387-6392

Dienstag, 9. Juni 2009

Humanevolution: WENIG Selektion?

Berichtet "Bild der Wissenschaft" richtig?

Soeben ist im Online-Dienst von "Bild der Wissenschaft" ein journalistischer Artikel von Ulrich Dewald (BdW) erschienen zu neuen humangenetischen Forschungen (1, PLoSGenetics, frei verfügbar). Diese Forschungen werden von Dewald sehr mißverständlich folgendermaßen zusammengefaßt:
Selektionsdruck spielte bei der Entwicklung des modernen Menschen nur eine geringe Rolle. Die genetischen Unterschiede bei modernen Menschen sind kein alleiniges Produkt des evolutionären Selektionsdrucks, bei dem der Stärkere oder Gesündere gegen den Schwächeren durchsetzt. Viel stärker haben die in der Menschheitsgeschichte häufigen Wanderungsbewegungen die Variationen im genetischen Code von Menschen unterschiedlicher Herkunft geprägt. (...)

Einen viel größeren Effekt auf die Ausbreitung neuer Genvarianten als die natürliche Selektion hatten die Wanderungsbewegungen, die es in der Menschheitsgeschichte seit vielen Jahrzehntausenden immer wieder gegeben hat, schließen die Forscher aus ihren Analysen. Die Selektion an sich war nicht stark genug, um eine feine Anpassung der menschlichen Populationen an die jeweiligen lokalen Umweltbedingungen zu bewirken, erklärt Jonathan Pritchard, einer der beteiligen Forscher. Die Ausbreitung neuer genetischer Merkmale folgte vielmehr den Strömen von Aus- und Einwanderern, die neue Siedlungsgebiete erschlossen und sich mit anderen Menschengruppen und Volksstämmen vermischten.
Ist Gruppenselektion keine Selektion?

Hier scheint doch insgesamt ziemlich klar zu kurzatmig gedacht zu werden. Haben denn Wanderungsbewegungen, Überlagerungen, Schichten- und Klassenbildungen nichts mit unterschiedlicher Fitneß und damit mit Selektion zu tun? Diese Frage wurde schon verschiedentlich auf "Studium generale" in früheren Beiträgen behandelt (zuletzt hier) und muß doch mehr oder weniger klar verneint werden.

Vielmehr handelt es sich doch bei ihnen fast immer um Vorgänge, die nur allzu deutlich in den Zusammenhang mit dem Konzept der Gruppenselektion gestellt werden können. (Das Konzept der Gruppenselektion wurde gerade erst wieder bei "Zoon politikon" aufgrund eines neuen "Science"-Artikels von Samuel Bowles thematisiert --> hier).

Schauen wir uns also den Artikel, über den Dewald Bericht erstattet, einmal genauer an. Bekannte Namen unter den heute lebenden Humangenetikern waren es, die sich zusammentaten (1), um eine sehr grundlegende Frage zu beantworten. Namen wie Luigi Luca Cavalli-Sforza (siehe Bild links), Marcus W. Feldman und Jonathan K. Pritchard fragten sich:
"How effective has selection been at driving allele frequency differentiation between continental groups?"
In Beantwortung dieser Frage schreiben die Forscher:
The first pattern, the “non-African sweep”, is exemplified by a sweep near the KIT ligand gene (KITLG). It has been reported previously that HapMap Europeans and East Asians have undergone a selective sweep in the KITLG region on a variant that leads to lighter skin pigmentation. Haplotype patterns in the HGDP indicate that a single haplotype has swept almost to fixation in nearly all non-African populations. More generally, at SNPs that strongly differentiate the HGDP Yoruba from both the Han and French, we observe that typically one allele is rare or absent in all the HGDP Africans, and at uniformly high frequency across Eurasia, the Americas, and usually Oceania. This pattern could be consistent either with sweeps across all the HGDP African populations, or with non-African sweeps that pre-date the colonization of the Americas some 15 KYA. As outlined below, it seems that in fact most of these signals are, like KITLG, due to non-African sweeps.

The second pattern, the “west Eurasian sweep” is illustrated by a nonsynonymous SNP in the SLC24A5 gene. The derived allele at this SNP is also strongly associated with lighter skin color and has clear signals of selection in the HapMap Europeans and in the Middle East and south Asia. The derived allele is also at high frequency in US-sampled Indian populations, supporting the idea that the sampled Indian populations may be similar to the western eurasian HGDP populations at selected as well as neutral SNPs. The derived allele is near fixation in most of the HGDP Eurasian populations west of the Himalayas, and at low frequency elsewhere in the world. More generally, alleles that strongly differentiate the French from both the Han and Yoruba are typically present at high frequency across all of Europe, the Middle East and South Asia (an area defined here as “west Eurasia”), and at low frequency elsewhere. This pattern of sharing across the west Eurasian populations is highly consistent with observations from random markers showing that the populations in west Eurasia form a single cluster in some analyses of worldwide population structure. Allele frequencies at high- FST SNPs in two central Asian populations, the Uygur and Hazara, tend to be intermediate between west Eurasia and east Asia, consistent with observations that these populations have recent mixed ancestry between west Eurasia and east Asia.

Finally, the “east Asian sweep” pattern is defined by SNPs that differentiate the Han from French and Yoruba. One example is provided by a nonsynonymous SNP in the MC1R gene, for which the derived allele is at high frequency in the east Asian and American populations, and virtually absent elsewhere. MC1R plays an important role in skin and hair coloration, although the functional impact of this variant in MC1R–if any–is unknown. A nonsynonymous SNP in the EDAR gene that affects hair morphology shows a very similar geographic pattern. It is interesting that although west Eurasians and east Asians have both evolved towards lighter skin pigmentation, they have done so via largely independent sets of genes. This suggests that favored mutations have not spread freely between the two regions.

It should be noted that rare examples of strong frequency clines within geographic regions do exist, in contrast to the sharp steps seen in Figure 3. For example, SNPs in the lactase and Toll-like receptor 6 gene regions are among the most differentiated SNPs between the French and Palestinian populations and are strongly clinal across Europe. However, these clinal alleles do not appear in Figure 3 because the values for these SNPs between the Yoruba, French and Han are less extreme than for the SNPs in Figure 3. We suggest that these alleles may represent relatively recent selection events that have not yet generated extremely large frequency differences between continental groups or had time to disperse more evenly across a broad geographic region.
Abrupte und fließende Übergänge in der geographischen Verteilung von Genen

Hier werden also einerseits Gensequenzen charakterisiert, die jeweils Haut- und Haarfarbe hervorrufen und deren geographische Verteilung zwischen den Kontinenten sich vergleichsweise abrupt ändert - abgesehen von kleineren Mischbevölkerungen wie den Uiguren und Hazara in Zentralasien. Von diesen kontinentalen Gen-Unterschieden (die also "Rassen" unterscheiden) kann angenommen werden, daß sie schon sehr früh evoluierten und sehr alt sind. Überraschenderweise sind dabei Gene für helle Haut in Ostasien und Europa unterschiedlich evoluiert.

Andererseits werden Gensequenzen charakterisiert, deren geographische Verteilung sich graduell ("clinal") ändert, also fließende Übergänge aufzeigt. Als Beispiel wird das viel zitierte Erwachsenen-Milchverdauungs-Gen genannt. Die graduell unterschiedliche Häufigkeitsverteilung von Nordeuropa nach Süden weist nach Ansicht der Forscher auf ein jüngeres Entstehungsdatum hin. Und dann machen die Forscher noch auf einen anderen wichtigen Umstand aufmerksam:
Although there should be sets of populations that share particular selective pressures despite not being closely related, the data do not provide obvious examples of this. For example, recall that within Eurasia, the geographic distribution of the skin pigmentation locus SLC24A5 agrees with population structure estimated from neutral markers, rather than with latitude or climate.
Nicht das Klima, sondern Prozesse der Gruppenselektion formten den Menschen

Das steht in mehr oder weniger auffälligem Unterschied zu bisherigen Annahmen über die Humanevolution: Die genetischen Populationsunterschiede sind also weniger mit einer sehr direkten Anpassungen an das Klima vor Ort in Zusammenhang zu bringen, eine Anpassung, die sich dann auch graduell mit dem Klima ändern müßte (und die das einzige sind, was Dewald, s.o. offenbar bereit ist, Produkt von Selektion zu nennen), sondern sie gehen parallel mit jenen genetischen Verwandtschaftsgraden, die auch schon in selektionsneutralen (also nicht kodierenden) Genomabschnitten festgestellt worden waren.

Und das weist wiederum darauf hin, daß nicht die Anpassung an das Klima der wichtigste formende Faktor in den humangenetischen Populationsunterschieden war, sondern die Bevölkerungsgeschichte an sich, die historischen Schicksale, die Wanderungen, Überlagerungen, das heißt also Prozesse der Gruppenselektion und der Gen-Kultur-Koevolution. (Achtung: Die Interpretation als "Gruppenselektion" ist eine Eigeninterpretation des Autors dieser Zeilen, sie ist nicht im Forschungsartikel selbst enthalten.) - Etwas später schreiben die Forscher:
This explanation does not imply an absence of positive selection in the Yoruba. (...) African populations have presumably also experienced a variety of new selection pressures during the same time-period, due to the appearance of new pathogens, changes in diet, etc. While these pressures may have been less numerous or sustained than in non-Africans, there may also be reasons why we might have lower power to detect them.
Es geht den Forschern also fortlaufend um Selektion und sie sagen keineswegs, daß die Selektion keine Rolle gespielt hätte. Und man findet bislang, so die Forscher, auf der Nordhalbkugel noch wesentlich deutlichere Anzeichen von genetischer Selektion als in afrikanischen Bevölkerungen. Das könnte auch durchaus ein Hinweis darauf sein, daß grundlegend humanevolutionär Neues (etwa höherer IQ) erst nach der Auswanderung aus Afrika evoluierte und erst mit diesem zusammenhängend dann eben auch Hautfarbe und ähnliche Dinge.

- Das Credo von "Studium generale" in diesen Zusammenhängen: Menschlichkeit bewährt sich daran, wie man mit Unterschieden umgeht. Sie plakativ wegzuleugnen, kann noch nicht der höchste, erreichbare Grad von Menschlichkeit sein. Es stellt möglicherweise sogar einen recht niedrigen Grad von Menschlichkeit dar, wenn man Unterschiede erst wegleugnen muß, um dann damit human umgehen zu können.

Literatur:

ResearchBlogging.org1. Coop, G., Pickrell, J., Novembre, J., Kudaravalli, S., Li, J., Absher, D., Myers, R., Cavalli-Sforza, L., Feldman, M., & Pritchard, J. (2009). The Role of Geography in Human Adaptation PLoS Genetics, 5 (6) DOI: 10.1371/journal.pgen.1000500

Samstag, 17. Januar 2009

Selektion "oder" Demographie?

ResearchBlogging.org
- Oder ist nicht vielmehr Demographie "Selektion"?

In einem neuen Artikel in den "Annals of Human Genetics" (1) wird die Frage aufgeworfen, ob die in den letzten Jahren in vielfältigen Studien bekannt gewordenen auffälligen genetischen Unterschiede zwischen den Völkern und Rassen weltweit (über alle Bereiche von inneren und äußeren Körpermerkmalen und psychischen Merkmalen hinweg) vornehmlich auf lokaler Selektion in den letzten Jahrtausenden "vor Ort" beruhen oder aber möglicherweise - wie in dieser Studie nun vorschlagen - zu größeren Teilen auf demographische Effekte zurückgeführt werden können. Und demographische Effekte wären dann - nach Meinung der Autoren - eher als Zufallseffekte zu werten ("Drift").

Die Idee ist zunächst sehr spannend. Unübersehbar spielt ja die Demographie eine große Rolle in der Geschichte menschlicher Gesellschaften. Aber machen sich die Autoren nun auch ausreichend klar, daß auch Demographie selbst (will heißen: unterschiedliche Demographien von Gruppen) eine bestimmte Form von Selektion darstellen, beinhalten können, nämlich: Gruppenselektion?

Denn bevor eine kleine Gründerpopulation eine Bevölkerungsexplosion erfährt, die zu den heute beobachteten großen genetischen Unterschieden gegenüber anderen Völkern und Rassen führen, haben ja doch, können oder müssen ja doch auch Selektionsprozesse stattgefunden haben. Eine Population durchläuft erst dann eine Bevölkerungsexplosion, wenn sie sich zuvor erfolgreich evolutiv angepaßt hat an (etwaig neue) kulturelle Lebensweisen und möglicherweise auch an die natürliche Umgebung vor Ort. Die entscheidende Selektion fände dann nicht in den großen später zu Völkern angewachsenen Populationen statt, sondern vor Beginn der Besiedlung eines neuen Lebensraumes oder in der Anfangsphase der Besiedlung desselben.

Kleine Populationen leben oft lange im "Schatten" größerer Populationen

Aus der Evolution sind viele Beispiele bekannt, in denen relativ kleine Populationen lange Zeit über im "Schatten" größerer Populationen leben (etwa die Säugetiere im "Schatten" der Dinosaurier oder - auf ganz anderer Ebene: die aschkenasischen Juden im "Schatten" der sephardischen etc.), um erst sehr viel später jene Reproduktionsvorteile ausnutzen zu können, die offenbar schon lange zuvor in ihrer Lebensweise beschlossen gelegen haben mußten. Zugleich aber kann ebenfalls angenommen werden, daß es viele relativ kleine Populationen in der Evolution gegeben hat und gibt, die niemals zu einem späteren Zeitpunkt eine Bevölkerungsexplosion erfahren haben oder erfahren.

Müssen das nun "nur" Zufallsumstände sein, die zu neuen Reproduktionsvorteilen von Populationen führen? Jedenfalls muß eine Population zunächst einmal schon - oft über lange Zeiten hinweg - eine evolutionsstabile Phase durchlaufen haben, da sie ja doch lange Zeit im Schatten größerer Populationen exisiteren konnte. Und diese evolutionsstabile Phase wird doch höchstwahrscheinlich durchaus durch Selektionsereignisse auf mehreren Ebenen erreicht worden sein. Schließlich sind aschkenasische Juden genetisch etwas anderes als sephardische und Säugetiere sind genetisch etwas anderes als Dinosaurier etc..

Häufigkeitsunterschiede von Genmerkmalen zwischen Völkern sind weit verbreitet

Die Forscher schreiben
We find that large allele frequency differences between continental regions are extremely common, as they occur at almost one third of all loci.
Und an anderer Stelle:
The sheer number of loci showing such striking patterns makes it difficult to believe that these patterns have all been shaped by positive selection, as previously advocated.
Und:
... African populations seem therefore to have a deficit of recent positive selection (but see Hawks et al. 2007), which may be interpreted as evidence that selective pressures in recent times were more prevalent outside of Africa (Akey et al. 2004, Storz et al. 2004).
Und dann schreiben sie zur eigenen Erklärung all dieser auffälligen Befunde:
It is to disentangle the effects of positive selection from those of demography, since past demographic events such as population bottlenecks or range expansions can mimic the genetic signatures of a selective sweep ...

The colonisation of the world by modern humans was probably accompanied by a series of founder effects with subsequent local population expansions (Handley et al. 2007). Strong bottlenecks have also certainly occurred during the exit out of Africa and at the onset of the colonisation of the Americas by people from Asia (Fagundes et al. 2007, Goebel et al. 2008).
Natürlich können in Gründerpopulationen auch selektiv neutrale genetisch Nebeneffekte auftreten (über "Drift") oder sogar selektiv nachteilige Effekte, die durch andere selektive Effekte aufrecht erhalten werden (da die Nachteile zugleich mit Vorteilen einhergehen, wodurch ja allein so viele Krankheiten über so lange Zeit hinweg evolutionsstabil geblieben sein können).

Die Anfänge sind das Entscheidende

Von jenen möglicherweise häufigen und vergleichsweise kleinen Gruppen, die zuerst versuchten, Afrika Richtung Südasien, Südasien Richtung Europa und Nordasien (und Nordasien Richtung Nordamerika) (oder Osttaiwan Richtung pazifischer Inselwelt) zu verlassen, von jenen Gruppen müssen durchaus nicht alle sozial untereinander und in ihren Beziehungen zur Umwelt erfolgreich gewesen sein. Es könnten da durchaus einige Gruppen erfolgreicher gewesen sein als andere. Und das kann dann durchaus als Selektionsprozeß auf mehreren Ebenen aufgefaßt werden.

Aber möglicherweise müßte man sich auch mit dem Methodenteil der Studie noch genauer befassen, um herauszubekommen, ob demographische und selektive Effekte von den Forschern tatsächlich besser auseinandergehalten werden können als hier vorausgesetzt wird. Das wäre dann schon ungewöhnlich. Die Fragestellung selbst - makrohistorische Effekte wie Demographie von mikrohistorischen Effekten wie Selektion unterscheiden zu wollen - erscheint jedenfalls sehr spannend.

Übrigens ist zu der ganzen Thematik in den letzten Tagen von Gregory Cochran und Henry Harpending ein neues Buch erschienen - "The 10.000 Year Explosion", das mancher Beachtung wert sein dürfte (siehe ---> St.gen. Bücherregal).

Literatur:

1. T. Hofer, N. Ray, D. Wegmann, L. Excoffier (2009). Large Allele Frequency Differences between Human Continental Groups are more Likely to have Occurred by Drift During range Expansions than by Selection Annals of Human Genetics, 73 (1), 95-108 DOI: 10.1111/j.1469-1809.2008.00489.x

Freitag, 16. Januar 2009

Gruppenselektion und "ethnisch homogene Zwischenhändler-Gruppen"

ResearchBlogging.org
Das Dezember-Heft der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift "Journal of Bioeconomics" ist dem Thema "Gruppenselektion", bzw. Mehr-Ebenen-Selektion (Multi-Level-Selektion) gewidmet. (1) Es entstand auf Anregung des derzeit bekanntesten Vertreters der Gruppenselektions-Theorie, nämlich David Sloan Wilson's. Im Mittelpunkt des Heftes steht der Aufsatz der amerikanisch-chinesischen Wirtschaftswissenschaftlerin Janet Tai Landa (2) über "ethnisch homogene Zwischenhändler-Gruppen als evolutionär angepaßte Einheiten". ("ethnically homogenous middleman group" = EHMG). Mit diesem Thema beschäftigt sich Landa seit den frühen 1980er Jahren und sie hat dazu auch schon im Jahr 2004 am Max-Planck-Institut für Ökonomik in Jena referiert.

In Kürze besagt ihre These, daß in einer kulturellen und wirtschaftlichen Umgebung, die von Unsicherheit geprägt ist, es vorteilhaft ist für Zwischenhändler, sich auf zuverlässigere ethnisch ähnliche Handelspartner zu verlassen und sich mit ihnen zusammenzuschließen, also mit solchen, mit denen man möglichst ähnliche ethische und religiöse Grundhaltungen teilt. Durch die ethnische Homogenität, Ähnlichkeit ist gewährleistet, so Landa, daß "tit-for-tat"-Beziehungen nicht so leicht durch Täuscher und Trittbrett-Fahrer unterwandert werden können.

Diese These ist von vornherein so einleuchtend, daß man sich fragt, warum sie offenbar nicht schon lange in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert worden ist. Als Anschauungsbeispiele benutzt Landa anhand eigener Forschungen und wirtschaftswissenschaftlicher und wirtschaftshistorischer Literatur:
1. die chinesischen Zwischenhändler in West-Malaysia (2, S. 269), die durch konfuzianische Grundhaltungen zusammengehalten werden,
2. chinesische Zwischenhändler in der heutigen Volksrepublik China (2, S. 270)
3. indische Zwischenhändler, die ethnisch-religiös durch die Religion des Jainismus zusammengehalten werden (der einen asketischen Lebensstil fördert ähnlich der protestantischen Ethik) (2, S. 271)
4. indische Zwischenhändler in Zentralafrika (2, S. 272)
5. indische Händler in Südafrika (2, S. 272)
6. libanesische Händler in Westafrika (2, S. 272)
7. jüdische Händler im mittelalterlichen Europa (2, S. 273)
8. mittelalterliche Juden in Tunesien (2, S. 273)
9. heutige Juden in Antwerpen, Amsterdam und New York (2, S. 274)
Zu letzteren wird die interessante Tatsache angeführt, daß seit vielen Jahrzehnten im Diamant-Handel der drei genannten Städte "Jiddisch" die Umgangssprache ist, und daß es eine Arbeitsteilung gibt zwischen weniger orthodoxen Juden, die den Exporthandel dominieren und streng-orthodoxen, hassidischen Juden, die den Importhandel und den einheimischen Handel dominieren.

Kritische Einwürfe

Im Diskussionteil erörtern Richard A. Epstein, Alexander J. Field, Peter A. Corning, Christopher Boehm, Richard Sosis, Paul Swartwout und Frank Salter die Thesen von Landa, sowohl verhalten kritisch wie verhalten positiv. Mehrere Kommentatoren (etwa Sosis, Swartwout, Salter) kritisieren, daß Landa bisher nicht darauf eingegangen ist, daß in einer evolutionären Theorie Reproduktions-, also Fortpflanzungsentscheidungen und Einflüsse auf diese im Mittelpunkt stehen müssen. Stattdessen brachte Landa ein Zitat, in dem es hieß:
"Nothing in the economic world correspond to the exact process of biological inheritance ..." (2, S. 268)
Dieser Satz erscheint allerdings wirklich ein bischen zu arg einfach gestrickt. Als ob sich Wirtschaftswissenschaftler nicht sehr zentral und basal - oft als Einführung von wirtschaftswissenschaftlichen Vorlesungen - zunächst einmal mit der Demographie der von ihnen untersuchten Volkswirtschaften beschäftigen müßten und würden. Ohne Menschen, Arbeitskräfte, keine Wirtschaft, keine soziale Absicherung. Der Zusammenhang ist ja in den letzten Jahrzehnten immer unübersehbarer geworden. Und Arbeitskräfte, Menschen haben unterschiedliche biologische Merkmale und kulturelle Merkmale, oft solche, die über Prägung schon in früher Kindheit erworben werden (muttersprachliche, sozialpsychologische Prägungen und anderes).

Und dementsprechend geht auch Frank Salter vom Max-Planck-Institut für Verhaltenswissenschaften folgerichtig einen Schritt weiter und macht darauf aufmerksam, daß auch Erbmerkmale wie Intelligenz oder Gewissenhaftigkeit "Humankapital" darstellen, also Humankapital, das unmittelbar im Rahmen evolutionären Denkens in Rechnung gestellt werden kann. Denn menschliche Gesellschaften sind von diesem Humankapital, das durch simple biologische Vererbung und frühkindliche Prägung weitergegeben wird, beeinflußt.

Literatur:

1. Janet Tai Landa, David Sloan Wilson (2008). Group selection: Theory and evidence. An Introduction to the Special Issue Journal of Bioeconomics, 10 (3), 199-202 DOI: 10.1007/s10818-008-9049-2

2. Janet T. Landa (2008). The bioeconomics of homogeneous middleman groups as adaptive units: Theory and empirical evidence viewed from a group selection framework Journal of Bioeconomics, 10 (3), 259-278 DOI: 10.1007/s10818-008-9043-8
3. Frank Salter (2008). Genes and homogeneous trading groups: A comment on Janet Landa’s target paper Journal of Bioeconomics, 10 (3), 303-306 DOI: 10.1007/s10818-008-9047-4

Donnerstag, 1. Januar 2009

Die Kernfrage dieses Blogs

Altruismus kann evoluieren, wenn die Hamilton-Ungleichung r > K/N eingehalten wird, das heißt, wenn die Kosten K einer altruistischen Handlung (für den Altruisten) geteilt durch den Nutzen N einer altruistischen Handlung (für den Nutznießer) kleiner sind als der genetische Verwandtschaftsgrad, der zwischen Altruist und Nutznießer besteht.

Abb. 1: William D. Hamilton
Diese Ungleichung ist seit 1964 bekannt (William D. Hamilton). Merkwürdigerweise ist in der Forschung noch nicht untersucht worden, wie sich Arbeitsteilung im Sinne von Adam Smith auf die Gesetzmäßigkeiten dieser Altruismus-Evolution auswirkt. Arbeitsteilung verringert ja die Kosten einer altruistischen Handlung und erhöht ihren Nutzen, also sollte sie ein Sinken des genetischen Verwandtschaftsgrades zwischen Altruist und Nutznießer ermöglichen.

Bevor zur Erklärung von Altruismus in arbeitsteiligen Gesellschaften (menschlichen, tierlichen oder in mehrzelligen Organismen überhaupt) das Prinzip "reiner" Gruppenselektion ("Superorganismus") herangezogen wird, wie das derzeit immer üblicher wird in der Forschung, sollte überprüft werden, inwieweit arbeitsteilige Gliederung den evolutiv älteren Verwandten-Altruismus auch in arbeitsteiligen Systemen noch in Geltung läßt, bzw. "überlagert".

Wenn nämlich die heutige Altruismusforschung nach den Prinzipien fragt, nach denen menschlicher (oder tierlicher) Altruismus evoluiert ist, dann betont sie neben dem Verwandten-Altruismus immer stärker die Gruppenselektion. Etwa W.O.H. Hughes und Samuel Bowles in "Science" oder Edward O. Wilson, David Sloan Wilson und Bert Hölldobler in "PNAS" und an anderen Orten (im Zusammenhang mit ihrer "Superorganismus-Theorie").

Das Prinzip Arbeitsteilung ist dabei nirgends wirklich in den Fokus der Altruismus-Forscher getreten, auch nicht jener, die an einer "Evolutionären Wirtschaftswissenschaft" arbeiten. In vielen Arbeiten wird das Prinzip Arbeitsteilung behandelt. Aber nirgends deutlicher in Bezug gesetzt zur Hamilton-Ungleichung, aus deren Gesetzmäßigkeiten sie, die Arbeitsteilung, ja in allen Bereichen, in denen sie auftritt, ganz zwangsläufig hervorgehen muß.

Vielleicht deshalb, weil sich die Forscher nicht klar machen, daß arbeitsteilige Spezialisierung und das Handeln als beruflicher Spezialist an sich ein altruistisches Handeln ist, eine Übernahme von Verantwortung, von "commitment". Auch das altruistische Handeln in beruflichen Zusammenhängen muß man ja in die Theoriebildung einfügen können, wo es doch so allseits vorherrschend ist in arbeitsteiligen Gesellschaften und in unserer persönlichen Berufserfahrung.

Es kann und sollte also postuliert werden, daß im Übergang vom Prinzip des Verwandten-Altruismus zum Prinzip der Gruppenselektion noch ein wesentliches, drittes Prinzip berücksichtigt werden muß: die Arbeitsteilung.

In diesen Bereichen theoretischer Weiterentwicklung und emprischer Überprüfung anhand des reichen Tatsachenmaterials, das sich etwa in der Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Menschheit findet, sollen sich künftig immer stärker fokussiert die Beiträge dieses Blogs bewegen, der vor zwei Jahren einmal als ein sehr allgemeiner Wissenschafts-Blog mit bunt gemischten Themen begonnen hat.

Um aber in diesem Blog nicht weiterhin die grundlegenderen Beiträge ("Research Blogging") zwischen sonstigen Kurzbeiträgen untergehen zu lassen, werden letztere seit Herbst 2008 in einen zweiten Blog ausgegliedert: "Studium generale - Allgemeinere Beiträge".

Mittwoch, 17. September 2008

Single-Mütter sind intelligenter - bei Buntbarschen

ResearchBlogging.org
Gerade hatten wir noch stolz verkündet, daß über weite Bereiche des Arten-Stammbaumes hinweg Gehirngröße positiv mit der Intensität der monogamen Lebensweise korreliert (Stud. gen. 1, 2), ja daß sogar soziale Komplexität bei soziallebenden Insekten etwas mit Monogamie zu tun hat (Stud. gen.), da macht uns neuerdings die Tiergruppe der Buntbarsche einen Strich durch die Rechnung. Diese Ausreißer! (Proc. B., frei zugänglich) - Nieder mit den Buntbarschen!

Allein erziehende Mütter haben bei ihnen größere Gehirne als kooperative Elternpaare. Was ziehen wir daraus für Schlußfolgerungen? Wir sagen, hier sind nur 39 Buntbarsch-Arten miteinander verglichen worden und das ist uns noch zu wenig. Wir warten auf Nachfolge-Studien.

Aber trotzdem: Was könnte es uns noch sagen? Traue niemals einem Forschungsergebnis, solange Du nicht um die nächste Ecke geschaut hast. Natürlich ist dies keine Falsifizierung der Monogamie-These von Robin Dunbar. Aber immerhin doch eine Differenzierung. Die Natur (oder doch zumindest bis zu diesem Punkt die Wissenschaft) erlaubt es sich - wieder einmal! - unsere Erwartungen nicht zu bestätigen. - Klasse. So macht Wissenschaft Spaß.

Für fleischfressende Säugetiere gibt es größere Gehirngrößen bei alleinerziehenden Müttern offenbar ebenfalls.

"Social Brain-Hypothese" dennoch bestätigt

Aber die Forscher glauben dennoch, mit ihrer Studie die "Social Brain-Hypothese" von Robin Dunbar an den Buntbarschen bestätigt zu haben. Sie fanden nämlich das "counter-intuitive" Ergebnis - wie sagt man das ebenso kurz auf Deutsch,? - das unerwartete Ergebnis, daß jagende Buntbarsche geringere Gehirngröße haben, als Algen-abgrasende Buntbarsch-Arten. Dabei gibt es doch die weitgehend unbestätigte Hypothese, daß es der Fleischfresser Mensch war, der auf diese Weise sein großes Gehirn evoluiert hat. - Deshalb jedenfalls für die Forscher "counter-intuitive", unerwartet.

Aber sie haben eine tolle Erklärung, die wieder einmal in die Nähe der These von Gruppenselektion reicht. Sie sagen, daß Algen-abgrasende Buntbarsch-Arten in sehr, sehr komplexen Habitaten mit sehr, sehr vielen, ihnen selbst ähnlichen Buntbarsch-Arten zusammen leben müssen in Kooperation (Gegenseitigkeit) und Aggression, und daß dieses enge Zusammenleben mit anderen Arten ihre Gehirnevolution beschleunigt haben könnte. Das ist einmal eine ganz andere Sichtweise auf die Dinge. So ähnlich stellten sich ja manche Evolutionsforscher auch die Gehirnevolution beim Menschen vor vor einigen Jahrzehnten (Richard Alexander zum Beispiel), nämlich als "runaway"-Gruppenselektions-Prozess: Die Menschengruppen mit den größten Gehirnen, mit dem höchsten IQ überlebten.

Nun, wir sehen das heute mit den niedrigen Kinderzahlen von Akademikern etwas, ähm - - - "differenzierter", können aber diese These von Richard Alexander keineswegs schlüssig falsifizieren. Weshalb man künftig noch mehr Gründe haben könnte, als früher schon, sich die Buntbarsche sehr genau anzuschauen. - Übrigens könnte die IQ-Evolution der Buntbarsche ja ähnlich wie bei den aschkenasischen Juden (und vielleicht anderen Völkern) etwas mit Inzucht zu tun haben, mutmaßte "Studium generale" schon vor anderthalb Jahren. (Stud. gen.)

Noch ein Gedanke, zu dem sich in dem Paper keinerlei bestätigende oder abschwächende Hinweise fanden: Vielleicht paßten die Männchen mit ihren geringeren Gehirngrößen einfach nicht mehr in die komplexen, engen Sozialsysteme der weiblichen, algen-abgrasenden Buntbarsche hinein und werden in die guten Territorien nur hereingelassen zum Zeugen von Nachwuchs? Denn gemeinsame Brutpflege ist auch hier der stammesgeschichtlich ursprüngliche Zustand.

Jedenfalls, es bleibt alles ein wenig - "counter-intuitive".

1. Alejandro Gonzalez-Voyer, Svante Winberg, Niclas Kolm (2008). Social fishes and single mothers: brain evolution in African cichlids Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0979

Donnerstag, 11. September 2008

Gruppenselektion - ein neuer Beitrag aus der empirischen Forschung

Die Vogelart der Baumhopfe (engl. "green woodhoopoe", lat. "Phoeniculus purpureus") lebt in Wäldern von fast ganz Afrika südlich der Sahara. 

Abb. 1: Das prächtige Gefieder eines Baumhopfes (Wiki)

Sie ist entfernt mit den europäischen Wiedehopfen verwandt.

Baumhopfe sind ein beliebtes Briefmarken-Motiv afrikanischer Staaten. Sie leben in Gruppen mit 2 bis 8 Individuen. Aber nur jeweils ein Paar pflanzt sich innerhalb der Gruppe fort. Baumhopfe sind bei der Nahrungssuche in der Baumrinde ständig in Bewegung und deshalb sehr schwer zu fotografieren. Ihr Territorium verteidigen sie das ganze Jahr über nach außen. Innerhalb der Gruppen gibt es aber wenig Auseinandersetzungen zwischen den Gruppenangehörigen.

Fast 60 % der Gruppen bestehen aus mehr Individuen als dem sich fortpflanzenden Paar. Die "Helfer am Nest" sind zu 90 % mit mindestens einem der beiden sich fortpflanzenden Individuen familiär verwandt (also z.B. Geschwister oder erwachsene Nachkommen des sich fortpflanzenden Paares). Die erwachsenen Tiere der Gruppe pflegen sich das ganze Jahr über mit der gleichen Regelmäßigkeit das Kopf- und Nackengefieder aus hygienischen Gründen. Das Pflegen des übrigen Gefieders hat wie das Fellausen bei den Primaten soziale Funktion. Seine Häufigkeit schwankt mit der Jahreszeit und es ist häufiger in größeren Gruppen.

In der östlichen Kap-Provinz Südafrikas hat der Vogel-Verhaltensforscher Andrew Radford in den waldreichen Flußtälern sechs Monate lang (zwischen November 2000 und Mai 2001) 12 solcher Gruppen beobachtet (1). Die Größe der Territorien ändert sich offenbar in den Auseinandersetzungen zwischen Gruppen so gut wie nie.

Gruppenauseinandesetzungen ...

In der Regel verlaufen nun Gruppenauseinandersetzungen bei den Baumhopfen in der Weise, daß eine Gruppe in das Territorium der Nachbargruppe eindringt. Nur sehr selten kommt es zu physischen Auseinandersetzungen. Vielmehr beugen sich die Vögel auf und nieder und "skandieren" "chorweise" gegeneinander und gruppenweise abwechselnd ihre "Schlachtrufe". Die sich nicht fortpflanzenden Gruppenmitglieder tragen dazu mehr bei als das jeweils sich fortpflanzende Paar. Radford sagt, es geschehe das wie bei "Fußball-Fans", die die Fans der gegnerischen Mannschaft zu "überstimmen" suchen.

Die in Südafrika einheimischen Buschleute benennen diese Vögel nach diesem "Skandieren" mit dem Namen "Das schnatternde (oder gackerende) Lachen der Frauen".

Diese Konflikte können bis zu 45 Minuten dauern und auf dem Höhepunkt wird oft eine Blume oder eine Baumflechte in den Schnabel genommen und von einem Gruppenmitglied zum nächsten weitergereicht, "wie das Schwenken einer Fahne oder eines Schals während eines Fußballspiels" (so wiederum Andrew Radford laut "Telegraph" und "Times").

Wenn die eindringende Gruppe dieses Skandieren gewinnt, bleibt sie bis zu einer Stunde in dem Territorium, sucht hier nach Nahrung und untersucht Nestlöcher, während sich die einheimische Gruppe tiefer in dasselbe zurückzieht. In der Regel kehrt die eindringende Gruppe dann in ihr eigenes Territorium zurück. Verliert die eindringende Gruppe, kehrt sie sofort in ihr Territorium zurück.

... und das psychische "Wundenlecken"

Während der Stunde nach dem Konflikt putzten sich die erwachsenen Gruppenmitglieder nun mehr als doppelt so häufig das Körpergefieder als in der sonstigen Zeit, laut Radford's Studie 2,45 mal pro Stunde im Gegensatz zu den sonstigen 0,86 mal pro Stunde. Und zwar besonders die beiden sich fortpflanzenden Tiere den sich nicht-fortpflanzenden. - Geradezu wie aus "Dankbarkeit", bzw. um sie bei künftigen Auseinandersetzungen zu ähnlichem tapferen Verhalten zu ermutigen. Besonders ausgesprägt war dieses Putzen nämlich bei jenen Gruppen, die verloren hatten - und zwar nach langen Auseinandersetzungen, nicht nur kurzen. "Der volle Einsatz der Gruppenmitglieder ist wichtig, denn die Gruppengröße bestimmt oftmals den Ausgang der Auseinandersetzungen," schreibt Radford.

Gruppenselektion?

Diese Studie und ihr Ergebnis ist für sich selbst sehr schön und anschaulich. Zu fragen bleibt, ob der theoretische Rahmen, in den diese Studie gestellt wird - nämlich dem der Gruppenselektion - besonders deutlich durch diese Studie bestätigt wird. Konkret: Würde der Zusammenhalt in den Gruppen und die Unterstützung innerhalb der Gruppe geringer sein, wenn der äußere Druck durch andere Gruppen nicht vorhanden wäre? So lautet ja die These dieser Studie:


that the amount of intergroup conflict in which a group is involved could influence the amount of cooperation.

daß also das Ausmaß der Zwischengruppen-Konfliktes das Ausmaß der Kooperation beeinflußten könnte.

Nach dem Motto: In Zeiten außenpolitischer Bedrohungen, in Kriegszeiten sind Gruppen oft zu größeren innenpolitischen Kompromissen bereit. Ein viel benutztes und mißbrauchtes Instrument in der menschlichen Politik.Um das in diesem Fall plausibel machen zu können, müßten wohl noch viele von den in der Studie vorgeschlagenen Nachfolge-Studien unternommen werden. Sie werden wahrscheinlich ein recht differenziertes Bild und keineswegs ein so plattes Bild ergeben wie das vielleicht manche heutige Politiker gern hätten.ResearchBlogging.orgOffensichtlich ist aber schon jetzt, daß bei 90 % familiärer Verwandtschaft innerhalb der Gruppe besondere gruppenselektionistische Mechanismen gar nicht herangezogen werden müssen, um das altruistische Verhalten der "Helfer am Nest" zu erklären. Die hier beschriebenen Mechanismen könnten aber dennoch einen typischen gruppenpsychischen Mechanismus kennzeichnen, der auch das Verhalten von Gruppen mit weniger durchschnittlichem Verwandtschaftsgrad kennzeichnet. Aber ob ein solches Verhalten ganz ohne genetische Verwandtschaft langfristig evolutionsstabil wäre, ist doch stark infrage zu stellen und kann auch an dieser Tierart wohl gar nicht nachgewiesen werden.
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(Ergänzende Auskünfte und auch Abbildungen auf dem Ergänzungsblog.)


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  1. Andrew N. Radford (2008). Duration and outcome of intergroup conflict influences intragroup affiliative behaviour Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0787
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