Montag, 30. November 2020

Die Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft - heute

"Querschnitte", die berühmte Wissenschaftssendung von Hoimar von Ditfurth seit 1971, und der Vortrag "911 aus der Sicht der Physik" aus dem Jahr 2020 machen deutlich, wie die heutige Glaubwürdigkeitskrise der Wissenschaft zu charakterisieren ist und wie sie überwunden werden kann.

Er redet nicht lange herum, er kommt sofort zur Sache (1). Er geht auch in der Sache stringent und zügig voran: Hoimar von Ditfurth (1921-1989) (Wiki). Er erklärt in dieser Sendung aus dem Jahr 1971 die Wissenschaft von der Zeitmessung von Ereignissen in der Vergangenheit, zunächst mittels der Jahresring-Chronologie, und zwar anhand von Holzproben aus der Vergangenheit (Dendrochronologie).

 

 

Er kommt dann zu Korallen und ihren Jahresringen, aufgrund deren geschlossen werden kann, daß sich zur Zeit der Dinosaurier die Erde schneller gedreht hat als heute, 20 Tage mehr pro Jahr.

Dann wird die C14-Datierungs-Methode erklärt. Mit einfachsten Mitteln, nämlich mit einem Staubsauger und Tischtennis-Bällen. Am Ende werden molekulare Methoden der Zeitbestimmung anhand der unterschiedlichen Aminosäure-Sequenzen des Cytochroms C in der Organismen-Welt erklärt und es wird dazu eine amerikanische Wissenschaftlerin in ihrem Labor besucht und befragt.

Wir haben es hier mit der ersten Sendung der berühmten Wissenschafts-Sendereihe "Querschnitte" (Wiki) zu tun, durch die Hoimar von Ditfurth in den 1970er Jahren einem breiten Fernsehpublikum bekannt geworden ist. Diese Sendung wurde erstmals am 18. Januar 1971 ausgestrahlt (Ditfurth).*) Beispiele weiterer früher solcher Sendungen sind zugänglich (2). Noch heute denken viele Menschen mit Wehmut an jene Zeiten zurück als es in der Öffentlichkeit noch das vollste Vertrauen in die Entwicklungen in der modernen Wissenschaft gegeben hat und als man sich mit Ehrfurcht solche Wissenschaftssendungen angesehen hat, gerne gemeinsam im Familienkreis.

Der wesentlichste Umstand, der bezüglich dieser Art von Wissenschaftsvermittlung zu benennen ist, ist wohl der, daß man als Zuschauer nicht herab gestimmt wird durch die Art wie Hoimar von Ditfurth redet. Daß bei ihm ein Wunder ein Wunder bleibt, auch wenn es eine naturwissenschaftliche Erklärung gefunden hat. Das ist - es ist wirklich sinnvoll, darauf zu achten - nicht in allen Fällen so, in denen Wissenschaft seither einer breiteren Öffentlichkeit vermittelt worden ist oder wird.

Es geschieht das heute zum Beispiel oft, indem zugleich "Wohlgefühle" verbreitet werden. Es werden "Schönlinge" oder "Sympathieträger" vor die Kamera gestellt, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht das Gefühl hat, daß das rein wissenschaftliche, nüchterne Erkenntnisinteresse im Vordergrund steht oder stehen soll, sondern ganz andere Dinge: nämlich eher oberflächliche, "wohltuende" oder auch amüsante Unterhaltung. Beispiele wären Ranga Yogeshwar, Eckart von Hirschhausen oder auch - in einem entfernteren Zusammenhang: Norbert Bolz. Selbst wenn die von ihnen transportierten Botschaften und Inhalte korrekt sind oder wären, so kann sich schon allein aufgrund der Präsentation dieser Inhalte, aufgrund der Personen, die sie "verkörpern", der Eindruck aufdrängen, der Fernsehzuschauer solle hier "manipuliert" werden. Die Absicht der Manipulation ist ja in allen außerwissenschaftlichen Bereichen längst unübersehbar geworden. Aber mit einer solchen Art von Präsentation wird nun auch der Eindruck vermittelt, als könnte in und mit der Wissenschaft genauso leicht manipuliert werden wie mit allen anderen Bereichen.

Es geht also hier schon durch die Äußerlichkeit des Auftretens viel an jener wissenschaftlichen Nüchternheit und Authentizität verloren, die sonst innerhalb des wissenschaftlichen Alltags die vorherrschenden sind, und die auch bei der Vermittlung von Wissenschaft im Vordergrund stehen sollten, wenn der Geist der Wissenschaftlichkeit selbst nicht auf der Strecke bleiben soll dadurch daß gar zu viele andere Motive ihn verdrängen. 

Es können nämlich außerdem auch durchaus sehr kluge Menschen sehr klug über Wissenschaft reden - und dennoch kann es menschlich dabei allzu "seicht" zugehen. Das mag dann wissenschaftlich immer noch alles korrekt sein. Aber dahingehend wie sich der einzelne Mensch, der da spricht, als Mensch von seiner Auseinandersetzung mit der Wissenschaft her hat prägen lassen, das kann dann doch noch einmal sehr anders aussehen als das hier zum Beispiel durch Hoimar von Ditfurth repräsentiert wird.

"911 aus der Sicht der Physik"

Nicht zuletzt solche Umstände mögen mit dazu beitragen, daß heute so viele Menschen auf exzentrische Bahnen gebracht werden, die sie so unglaublich weit von moderner Wissenschaft entfernen lassen, wenn sie mit Fragen beschäftigt sind, die grundsätzlich durch die Wissenschaft zu klären wären, wozu ja nicht zuletzt auch allerhand - nicht selten schon banale - medizinische Fragen gehören. Daß viele Menschen, die ansonsten recht "wach" sein mögen, aber niemals in ihrem Leben diesen tiefen Trank aus der Nüchternheit der modernen Naturwissenschaft genommen haben, ihr Vertrauen und damit auch ihr Urteilsvermögen hinsichtlich der Gebiete moderner Naturwissenschaft in sehr weitgehendem Maße verlieren können.

Heute leben wir - gibt es noch Grund zur Überraschung über diesen Umstand? - in einer Welt ohne Vertrauen. Wenn es noch heute nur ganz vereinzelt Physiker sind, die über "911 aus der Sicht der Physik" das schlechthin Notwendige sagen (3, 4), wenn also auf einem Gebiet eine so umfangreiche Vertuschung - weiterhin - mit Hilfe der Wissenschaft möglich ist, wie kann man dann glauben, daß die Menschen weltweit zu anderen Bereichen der Wissenschaft Vertrauen haben? 

Der Vertrauensverlust gegenüber der modernen Wissenschaft, der bei weiten Teilen der Bevölkerung festzustellen ist - gerade im Jahr 2020 - er kann als ein erschütterndes Geschehen wahrgenommen werden. Da es sich bei jenen Teilen der Bevölkerung, die dieses Vertrauen verloren haben, oft um sehr fortschrittlich denkende, junge Menschen handelt, ist dieser Vertrauensverlust um so erschütternder. Will man gleichgültig darüber hinweg gehen, daß die moderne Gesellschaft gerade weite Teile der Bevölkerung ohne alles Vertrauen "zurück läßt", "hinter sich läßt", ohne aufwendigeres Bemühen, dieses Vertrauen zurück zu gewinnen?

Abb. 1: Erschienen 2018
Wo könnte ein solches Bemühen ansetzen? Erst beim Ansehen eines Vortrages wie "911 aus der Sicht der Physik", der im Januar 2020 von Seiten eines jungen Mathematischen Physikers vom Max-Planck-Institut für Mathematik in Bonn (Uni Bonn) gehalten wurde (3), kann einem bewußt werden, mit wie viel innerer Berechtigung sich dieser Vertrauensverlust in den letzten zehn Jahren innerhalb von Teilen der Bevölkerung vollzogen hat.

Man erinnert sich: Als im Jahr 2011 klar wurde, daß der deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (geb. 1971) (Wiki) seinen Doktortitel mit unwissenschaftlichen Mitteln erworben hatte, ist die Aufklärung über diesen Fall nicht im ersten Schritt durch die Wissenschaft selbst erfolgt, sondern durch die anonyme Recherche-Plattform "GuttenPlag Wiki". Dieser Umstand darf gerne sehr sorgsam Berücksichtigung finden, wenn es heute Vertrauensverluste gegenüber der Wissenschaft gibt. 

Die Politik glaubte damals locker über diesen Umstand hinweg gehen zu können - als handele es sich um ein "Kavaliersdelikt". Und sogar der akademische Bereich brauchte allerhand Schreckminuten, um zu verstehen, worum es eigentlich geht. Aber er war es dann vor allem, dessen Empörungssturm es diesem Minister unmöglich machte, im Amt zu bleiben. Alle anderen Faktoren hätten diesen Rücktritt nicht bewirkt. Die Empörung kam zudem vor allem aus dem akademischen Nachwuchs, weniger - oder mit viel größerer Verzögerung - aus der Professorenschaft. Wurde nicht schon hier spürbar, daß es in der Wissenschaft zutiefst korrupt hergehen kann? Wurden bezüglich dieses Umstandes ausreichend Konsequenzen gezogen?

Vor diesem Hintergrund darf man sich jedenfalls bis heute fragen, wo der Empörungssturm aus der Wissenschaft heraus bleibt über die bisherige "wissenschaftliche" Aufarbeitung aller Fragen rund um 11. September 2001. Hier wäre doch gewiß nicht weniger Empörung am Platze als bezüglich der lächerlichen, läppischen Vertuschungs- und Rechtfertigungsversuche eines deutschen Verteidigunsgministers und jener elitären kriminellen politischen "Clique", der er angehört, genannt "Christdemokratie", genannt "Christlich-Soziale Union". Man muß bei 911 kein Wissenschaftler sein, um zu sehen, daß hier eine "kontrollierte Sprengung" stattgefunden hat. Wenn aber bis heute die moderne Universitäts-Wissenschaft, nicht zuletzt auch die Naturwissenschaft, schlichtweg nicht helfen, dieses Verbrechen und seine Urheber aufzuklären, sondern viel eher helfen bei der Vertuschung (3, 4) - mit welchem Recht können sie dann eigentlich noch darauf insistieren, daß ihr die Menschen - verdammt noch mal - sonst vertrauen sollen?

Wenn schon die Plagiatsaffäre "zum Himmel schrie", um wie viel mehr sollte dann erst die 9/11-Vertuschung zum Himmel schreien? Ist hier nicht dringendster Aufklärungsbedarf vonnöten, um verloren gegangenes Terrain, verloren gegangenes Vertrauen zurück zu gewinnen? Darf die Wissenschaft über einen so wesentlichen zeitgeschichtlichen Vorgang wie 9/11, der so viele Menschen bewegt hat, so oberflächlich hinweg gehen wie sie das bislang getan hat (3, 4)?

Der Mathematische Physiker Ansgar Schneider macht nur allzu deutlich, daß heute der Begriff "Verschwörungstheorie" sowohl in den Medien wie in der Wissenschaft nicht zum Mittel der Aufklärung, sondern zum Mittel der Denunziation benutzt wird (3, 4)(insbesondere ab ab etwa 1:40:00). So läßt man unzählige Menschen, die fern aller Wissenschaft sozialisiert wurden, hinter sich, wenn man auf solchen zentralen Gebieten nicht versucht, Glaubwürdigkeit zurück zu gewinnen. 

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*) Es war dies übrigens bis 1918 in Deutschland der "Reichsgründungstag" [Wiki], der feierlich begangen wurde.

**) Wenn er allerdings gegen Ende auf der Folie von einer "pseudowissenschaftlichen Scheindebatte" spricht, dann ist das wohl eher in Richtung weißer Schimmel einzuordnen. Mit Begriffen wie "pseudowissenschaftliche Debatte" oder "wissenschaftliche Scheindebatte" wäre dasselbe gesagt. Aber das nur als kleine Mäkelei am Rande.

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  1. Hoimar von Ditfurth: Eine Reise in die Vergangenheit. 1. Folge der Sendereihe "Querschnitt durch die Wissenschaft", eine Produktion des ZDF, Erstausstrahlung 18.1.1971, https://youtu.be/j6EfZseJIfk, https://youtu.be/MY9KeM5B1MA, https://youtu.be/m9QgnbLZHpI, https://youtu.be/dbhwCTX0xz8.
  2. Hoimar von Ditfurth: Pflanzen - die heimlichen Herrscher, 11. Folge der Sendereihe "Querschnitt durch die Wissenschaft", ZDF, Erstausstrahlung 6.11.1972, https://youtu.be/Q2krQTBnCcg
  3. Schneider, Ansgar: 911 aus der Sicht der Physik, 08.01.2020, https://youtu.be/ICgr-Lg7Yvw.
  4. Schneider, Ansgar: Stigmatisierung statt Aufklärung. Das Unwesen des Wortes "Verschwörungstheorie" und die unerwähnte Wissenschaft des 11. Septembers als Beispiel einer kontrafaktischen Debatte. Peace Presse 2018 (Amazon)
  5. DWM Coachings (Dominik Memmel): Buchvorstellung: Hoymar v. Ditfurth "Der Geist fiel nicht vom Himmel", Februar 2020, https://youtu.be/Uv9LLzCKF1U?t=734 ("Aber es lohnt sich," sprich die Lektüre des Buches "Der Geist fiel nicht vom Himmel) 
  6. von Ditfurth, Hoimar: Das Geheimnis der Pyramiden, 1976, Teil 1: https://youtu.be/t_t7tTZuJGc, Teil 2: https://youtu.be/nU_ppUqrhGI.
  7. von Ditfurth, Hoimar: Der Ast, auf dem wir sitzen, 1978, Teil 1: https://youtu.be/6W2cL7Vop88, Teil 2: https://youtu.be/eFS9Av_slck.

Mittwoch, 25. November 2020

Indogermanen und südosteuropäische Jäger und Sammler

Im diesem Blogartikel sollen neue Detail-Erkenntnisse zu zwei ganz unterschiedlichen weltgeschichtlichen Vorgängen mitgeteilt werden, 1. zur Ethnogenese der anatolisch-neolithischen Völkergruppe vor 19.000 Jahren in Anatolien (1), 2. zu Aspekten der Völkergeschichte des Kaukasus unmittelbar nach der Ethnogenese der Indogermanen (2-4).

1. Die südosteuropäischen Jäger und Sammler (19.000 v. Ztr.)

Die Völkergruppe des Epigravettien 

- Sie hat genetisch beträchtlich zur Entstehung der anatolisch-neolithischen Bauernvölker beigetragen

Nach einer neuen Studie (1) stammen die europäischen Bauern des Frühneolithikums, also der "anatolisch-neolithischen Völkergruppe" (die sich schließlich mit der Trichterbecherkultur bis nach Skandinavien ausbreitete, und deren Kernraum ab 6.500 v. Ztr. in Nordwestanatolien lag), fast zur Hälfte von den südosteuropäischen Jägern und Sammlern ab, die die Epigravettien-Kultur (Wiki) in Italien und auf dem Balkan getragen hatten. Diese hatten sich nämlich schon vor etwa 19.000 Jahren mit den Jägern und Sammlern in Anatolien vermischt.

Abb. 1: Magdalenien-Kultur in Mitteleuropa und Spanien - Epigravettien-Kultur in Italien und - hinzuzudenken: auf dem Balkan (Wiki)

Die Archäologen wissen schon seit Jahrzehnten: Nach dem Höhepunkt der letzten Eiszeit kommt es zur kulturellen Aufteilung der eiszeitlichen Kulturen in eine mitteleuropäische und in eine südosteuropäische Kultur, nämlich in die Magdalenien-Kultur einerseits und in die Epigravettien-Kultur andererseits (Abb. 1). Die Epigravettien-Kultur war im Osten übrigens - archäologisch gesehen - bis hin zur Wolga verbreitet (Wiki) (was noch die eine oder andere Frage zusätzlich aufwerfen könnte, die aber nicht Gegenstand dieser neuen Studie sind). Die anatolisch-neolithischen Bauern stammen nun seit der Zeit vor 19.000 Jahren fast zur Hälfte von dieser südosteuropäischen Völkergruppe der Epigravettien-Kultur ab (1):

Es findet sich, daß die Vorfahrengruppe aller frühen europäischen Bauern das Produkt einer beträchtlichen nacheiszeitlichen Vermischung zwischen einer Jäger-Sammler-Population aus Anatolien oder dem Nahen Osten und einer Jäger-Sammler-Population vom heutigen Balkan ist. (...) Diese vertieften Analysen bestätigen die alte (vor 19.000 Jahren) und massive (41 % südosteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil) Vermischung zwischen diesen zwei Jäger-Sammler-Populationen, die sich während des Höhepunktes der letzten Eiszeit voneinander getrennt hatten.

The population ancestral to all European farmers is surprisingly found to be the product of a substantial post-LGM admixture between a HG population, potentially from Anatolia or the Near East, and a HG population closely related to the genomes from Vlasac, Central Serbia called hereafter east and central (Fig. S31). (...) These extended analyses confirm the old (~19.4 kya, 95% CI 23.3-10.4) and massive (41% central HG contribution, 95% CI 38-50) admixture between the two HG populations, which are found to have diverged during the LGM (23.4 kya; 95% CI 31.5-21.2) (Fig. S31, Supp. Table 4).

Das Szenario der vorausgehenden Trennung auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit wird als das folgende entworfen (1): 

Kurz vor dem Höhepunkt der letzten Eiszeit vor 32.000 bis 21.000 Jahren gab es eine Trennung in eine westeuropäische und eine anatolische Gruppe. Kurz nach dieser Auftrennung erfuhr der westeuropäische Zweig einen starken genetischen Flaschenhals (gleichbedeutend mit nur noch einem überlebenden menschlichen Paar während einer Generation), der die genetische Vielfalt in den nachfolgenden Populationen deutlich verringert hat. Diese Jäger-Sammler haben sich ein weiteres mal vor 23.000 bis 20.000 Jahren aufgeteilt in drei genetisch unterschiedliche Gruppen, die womöglich durch unterschiedliche Rückzugsräume während der Eiszeit voneinander getrennt waren. Die Vorfahren von Loschbour und Bichon (west-/mitteleuropäisch) könnten in Rückzugsräumen in Südwesteuropa überlebt haben und die Vorfahren der mesolithischen Vlasac-Population (in Serbien) könnten in einem Rückzugsraum gelebt haben ungefähr rund um den Balkan und die Ägäis. Allgemein gesagt, decken sich diese Populationen in Rückzugsräumen mit dem, was Archäologen als die Gebiete der Verbreitung der Magdalenian- und der Epigravettian-Kulturen in Europa identifiziert haben.

Original: We find that Holocene human genetic structure in SW Asia and Europe emerged briefly before or during the LGM with the initial separation 32-21 kya of a western-central European and an eastern group of HGs. Right after this initial split, the western-central European branch experienced a very strong bottleneck (equivalent to a single human couple for one generation) that decreased the diversity of all descending populations. Then, these HGs further divided 23.3-20.0 kya, leaving us with three genetically distinct groups in western-central Europe that potentially differentiated in separate LGM refuge areas (Fig. 4a). The ancestors of Loschbour and Bichon could have resided in separate refugia in South Western Europe, and the ancestors of the Mesolithic Vlasac population could have lived in a geographically distinct central refugium likely located around the Balkans and the Aegean. Broadly speaking, these refugial populations coincide later on with what archaeologists have identified as the areas of distribution of Magdalenian and Epigravettian traditions in Europe.

Abb. 2: a) Angeommene Rückzugsräume während des Höhepunktes der letzten Eiszeit; b) die anatolischen Jäger und Sammler gehen vor 19.000 Jahren aus einem Vermischungsereignis hervor c) die Ausbreitung der anatolisch-neolithischen Bauern (aus: 1) (Achtung: die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler sind nicht Gegenstand dieser Studie)

Für die nahöstlichen Völkergruppen bleibt das Szenario im wesentlichen jenes, wie man es bislang schon kannte (1):

Die östliche (anatolische) Gruppe der Jäger und Sammler, die keinerlei Anzeichen eines starken Flaschenhalses aufweist und die möglicherweise genetisch größere Vielfalt aufwies, teilte sich während des Höhepunktes der letzten Eiszeit in mindestens drei Gruppen nahöstlicher Jäger und Sammler auf: Eine, die sich später stark mit europäsischen Jägern und Sammlern vermischte, um die späteren anatolischen und ägäischen Bauern zu bilden, eine, die zu den Vorfahren der iranisch-neolithischen Bauern führte und eine, die zu den neolithischen Populationen der südlichen Levante führte.

The eastern group of HGs, which does not show any sign of a strong bottleneck and was potentially genetically more diverse, diverged further into at least three groups of Near Eastern HGs during the LGM: one that later massively admixed with central HGs to become the ancestors of later Anatolian and Aegean farmers, one leading to the ancestors of Iranian Neolithic farmers, and one to Neolithic populations in the southern Levant (respectively east1, east2 and east3 on Fig 4a).

Auch zu regionalen Vorgängen innerhalb von Anatolien im Frühneolithikum können schon Aussagen gemacht werden (1): 

Obwohl die frühen Bauern Zentralanatoliens denen im nordwestlichen Anatolien genetisch sehr ähnlich waren, zeigen wir, daß diese - anders als die Populationen der Ägäis - nicht Teil der neolithischen Ausbreitung nach Europa waren.

Even though early farmers of Central Anatolia are rather similar to those of NW Anatolia, we show that unlike the populations in the Aegean, they are not part of the Neolithic migration chain to Europe.

Als weitere, demgegenüber vielleicht eher zweitrangige Ergebnisse der Studie werden genannt (1):

Wir zeigen auf der Grundlage polygenetischer Analysen, daß die frühen Bauern kleiner waren als die Jäger und Sammler, und daß ihre durchschnittliche Körpergröße zwischen 6.300 und 5.000 v. Ztr. zurück ging, was nahelegt, daß es während der neolithischen Ausbreitung über den Balkan hinweg eine Selektion hin zu kleinerer Körpergröße gab.

Based on polygenic scores, we show that early farmers are shorter than HGs (Student t-test, t = -2.427, p-value = 0.027), and their stature declined between 8,300 and 7,000 BP (Pearson's r = 0.6537, p-value < 0.008, Fig. S24), suggesting that selection for short stature occurred during the Neolithic expansion along the Danubian corridor.

Und weiterhin (1): 

Die sehr geringe Einmischung europäischer Jäger-Sammler in die Bauernvölker scheint nicht einmalig, sondern kontinuierlich während der Ausbreitungsbewegung über den Balkan hinweg stattgefunden zu haben:

Early farmer communities incorporated a few HG individuals (2-6%, Fig. S31) at all major stages of the dispersal along the Danubian corridor.

Soweit Erkenntnisse zu dieser weltgeschichtlichen Phase und Region. Nun ein Blick hinüber in den Kaukasus im Spätneolithikum und in der Bronzezeit. 

2. Der Kaukasus - Nach der Ethnogenese der Urindogermanen

Im März 2020 hat es eine Tagung zur Archäologie des Kaukasus gegeben, zu der nun der - vornehmlich russischsprachige - Tagungsband zugänglich geworden ist (2). Darin findet sich aber auch die Ankündigung von neuen Forschungsergebnissen über die "Bioarchäologie" des Kaukasus (3, 4). Diese Forschungsergebnisse sind vornehmlich mit der Epoche unmittelbar nach der Ethnogenese des Urvolks der Indogermanen - die sich ja im Rahmen der Chwalynsk-Kultur von der Mittleren Wolga abwärts vollzog - befaßt, also mit einer Zeit ab 4.500 v. Ztr. als zu der schon im Kaukasus vorhandenen iranisch-neolithischen genetischen Herkunftskomponente noch eine anatolisch-neolithische Herkunftskomponente hinzu gekommen war wie es nun auch hier heißt (3):

Ein erstes wichtiges Ergebnis unserer Studie ist, daß die frühe Phase, als eine südliche genetische Herkunftskomponente nördlich der Berge auftritt, die Mitte des 5. Jahrtausends v. Ztr. ist. Individuen der spätneolithischen Darkveti-Meshoko-Kultur weisen einen beträchtlichen Anteil von anatolisch-neolithischer Herkunft auf, während spätneolithische Populationen, die in Verbindung stehen mit dem Steppen-Typus oder der spätneolithischen Khvalynsk-Kultur ein dazu kontrastierendes Muster genetischer Komponenten aufweisen, das später charakteristisch für die "Steppen-Herkunft" werden sollte. Diese Teilung bleibt während des 4. Jahrtausends v. Ztr. in den Maykop-Populationen erhalten, die das Piedmont (Vorgebirge), bzw. die Steppe besiedeln.

A first important result of our study is that the early epoch, when a southern genetic ancestry component arrives north of the mountains is the mid-5th millennium BC. Individuals of the Darkveti-Meshoko type of Eneolithic culture represent individuals with a considerable part of Anatolian Neolithic-like ancestry components, while the Eneolithic populations associated with the steppe type or Khvalynsk type of Eneolithic revealed a contrasting set of genetic components which become later characteristic for the ‘steppe ancestry’. This divide continues during the 4th millennium BC in Maykop populations, which settle the piedmont respectively the steppe area.

For now, no indications of a mass migration from the South can be related to the Maykop culture, yet the increase of sites makes additional incoming populations likely. Their possible origin remains open until the South Caucasus is better understood in its genetic makeup.

Es gilt also weiterhin: Die berühmte, reiche Maykop-Kultur des Kaukasus weist zwar mancherlei indogermanische kulturelle Züge auf, ihre Bevölkerung ist aber genetisch im wesentlichen iranisch- und anatolisch-neolithischer Herkunft. Weiterhin (3):

Ein erstes wichtiges Ergebnis war, daß die mit der Yamnaya-Kultur verbundenen Individuen in der Steppe nördlich des Kaukasus einige Ausnahmen aufwiesen mit einer kleinen Komponente anatolisch-neolithischer und westlicher Jäger-Sammler-Genetik. Populationsgenetische Analysen legen nahe, daß diese Komponente nicht von den südlichen Nachbarn der späten Maykop-Novosvobodnaya-Gemeinschaften her stammte, sondern auf einen westlichen Einfluß zurückgehen, der sich vor oder während der Formation der Yamnaya bemerkbar machte. Dieses Ergebnis war außerordentlich überraschend. Es geht jedoch einher mit der Verbreitung von Innovationen während des 4. Jahrtausends über Westeurasien hinweg und wirft eine Menge Fragen auf hinsichtlich der Formierung der nordkaukasischen Populationen während der Bronzezeit, die nun zu klären sind aus genetischer und archäologischer Perspektive.

An important first result was that the Yamnaya-associated individuals of the steppe zone north of the Caucasus reveled some outliers with a subtle component of Anatolian Neolithic and Western Hunter-Gatherer genetic ancestry. Population genetic analyses indicate that this component was not received from their southern neighbors of late Maykop-Novosvobodnaya communities, but via a Western influx that occurred during or prior to the formation of Yamnaya as a cultural phenomenon. This result was extremely surprising. It consists, however, with the transfer of innovations across Western Eurasia in the 4th millennium BC and opens up a lot of questions now to be addressed to both the genetic and archaeological perspectives of the formation of North Caucasian populations in the Bronze Age. It will be the task for future studies to entangle these complex modes of interaction and re-open the debate on archaeological cultures with an advanced knowledge of biological associations and economic practices.

So ganz wird in dieser kurzen Zusammenfassung nicht klar, warum diese kleinen westlichen genetischen Anteile als Ausnahme-Erscheinungen innerhalb der Yamnaya-Kultur hier als so überraschend und wichtig bezeichnet werden. Denn daß die Yamnaya-Kultur und ihre Vorgänger weitreichende Beziehungen in den Westen hatte, bis nach Varna in Bulgarien, wird ja sowohl von Seiten der Genetik wie der Archäologie schon länger erörtert - wie auch gerade erst in jüngeren Artikeln hier auf dem Blog wieder behandelt. 

In einer weiteren Studie ist die vielfältige historische genetische Schichtung der heutigen Bevölkerung in Dagestan Thema und es heißt (4):

Die ersten Ergebnisse der paläogenetischen Analyse der bronzezeitlichen Populationen am Fuße des Nordkaukasus und in der benachbarten Steppe weisen ein komplexes Oszillieren von Populationen mit einer südlichen anatolisch/iranisch-neolithischen Herkunft und einer nördlichen Steppen-Herkunft auf. Die genetischen Ergebnisse von spätneolithischen und frühbronzezeitlichen Individuen von einem Ausgrabungsort an der Küste Dagestans, Velikent, bringen nicht unerwartet eine Population mit einem südlichen genetischen Profil zutage. Dies bestätigt den kulturellen Austausch mit dem Süden und die Integration dieser Region in die Koine der Kura-Araxes-Kultur.

The first results of paleogenetic analysis of Bronze Age populations in the North Caucasian foothills and the neighboring steppe revealed a complex oscillation of populations with a southern ancestry related to the ‘Anatolian/Iranian Neolithic’, and a ‘northern’, i.e. ‘steppe-related’ genetic ancestry. The genetic results from Eneolithic and Early Bronze Age individuals of the Dagestan coastal site Velikent reveal not surprisingly a population with a southern genetic profile (Wang et al., 2019). This confirms the cultural interaction with the South and the integration of this area into the koine of Kura Araxes culture. 

Da dies zunächst nur Zusammenfassungen für den Tagungsband sind, wird man die Veröffentlichung der eigentlichen Studien noch abwarten müssen.

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  1. The mixed genetic origin of the first farmers of Europe. Nina Marchi, Laura Winkelbach, Ilektra Schulz, Maxime Brami, Zuzana     Hofmanova, Jens Blocher, Carlos S. Reyna-Blanco, Yoan Diekmann,     Alexandre Thiery, Adamandia Kapopoulou, Vivian Link, Valerie Piuz,     Susanne Kreutzer, Sylwia M. Figarska, Elissavet Ganiatsou, Albert     Pukaj, Necmi Karul, Fokke Gerritsen, Joachim Pechtl, Joris Peters,     Andrea Zeeb-Lanz, Eva Lenneis, Maria Teschler-Nicola, Sevasti     Triantaphyllou, Sofija Stefanovi, Christina Papageorgopoulou, Daniel     Wegmann, Joachim Burger and Laurent Excoffier     bioRxiv. posted 23 November 2020, 10.1101/2020.11.23.394502, http://biorxiv.org/content/early/2020/11/23/2020.11.23.394502?ct=ct
  2. Archeaeological Heritage of the Caucasus - Topical Problems of Study and Preservation THE XXXIst KRUPNOV’S READINGS. Proceedings of the International Scientific Conference dedicated to the 50th Anniversary of the Krupnov’s Readings and the 50th Anniversary of the Derbent Archaeological Expedition Makhachkala, April 20-25, 2020 Makhachkala 2020
  3. New approaches in bioarcheology of the North Caucasus - 5 years BIOARCCAUCASUS & Genetic History of the Caucasus - First Results, Surprises and Implications. Belinskiy A.B., Hansen S., Haak W., Wang Ch Ch, Reinhold S., Kalmykov A., Krause J., Berezina N., Buzhilova A., Knipper C., Gerling C., Pichler S., Alt K.W., Erlikh V.R., Kantorovich A.R., Maslov V.E., Trifonov V.A., Rezepkin A.D., Atabiev B.Ch, Magomedov R.G., Kohl Ph.. In: siehe 1, S. 165f    
  4. The Genetics of Caucasus Mountain Dwellers - First Results from Dagestan Bronze Age Sites. Ghalici A., Reinhold S., Magomedov R., Belinskiy A., Kalmykov A., Krause J., Berezina N., Buzhilova A., Haak W., Hansen S., In: siehe 1, S. 167f 

Dienstag, 17. November 2020

Die Urheimat der Arier - Ist sie gefunden?

Ein nicht unbedeutendes, "vergessenes Kind der Schnurkeramik-Familie"

- Aus der schnurkeramischen Fatyanovo-Kultur Rußlands gingen die Sintashta-Kultur im Ural und die Andronowo-Kultur Sibiriens hervor, ebenso wie - vermutlich - die Kultur der "Arier" in Nordindien und wohl auch der Perser im Iran und schließlich der Skythen in der Steppe.

Immer einmal wieder ein Mann der griffigen, einprägsamen Formulierungen ist der deutsche Archäologe Volker Heyd. Dabei greift er gerne Themen heraus, die zentral sind zum Verständnis größerer weltgeschichtlicher Zusammenhänge. 2017 prägte er das Wort von "Kossina's smile" (1). Damit gab er dem Umstand eine Kennzeichnung, daß der lange vergessene, große deutsche Archäologe Gustaf Kossinna oben im Himmel sitzt und daß er - - - lacht und lacht und lacht. Diese herzhafte Formulierung hatten wir hier auf dem Blog gerne aufgegriffen. Und wir hatten mitgelacht: gelacht, gelacht und gelacht (1). Daß die Erde bebte. Und der Himmel sowieso.

Abb. 1: Die Fatyanovo-Kultur (aus 2)

Nun hat Volker Heyd eine neue treffende, einprägsame Formulierung gefunden zu einem zentraleren Thema. Sein neuer Aufsatz vom 12. November 2020 hat laut Titel das "Vergessene Kind der Schnurkeramik-Familie" gefunden (2). Und damit ist die Fatyanovo-Kultur (Wiki) gemeint, die erste Hirten- und Bauern-Kultur im heutigen nördlichen Rußland. Sie hat sich ab 2.900 v. Ztr. von der baltischen - oder aus anderer Sicht (3): von der ukrainischen - Schnurkeramik aus nach Osten bis zur Wolga ausgebreitet. Und sie hat die bis dahin dort ansässigen osteuropäischen Fischer-, Jäger und Sammler-Völker verdrängt oder sogar: weitgehend ersetzt.

Die Archäologen haben im Zusammenhang dieser Kultur auch Massengräber entdeckt. Bei ihnen scheint aber noch nicht geklärt zu sein, ob die dort Begrabenen durch Gewalt oder durch Seuchen ums Leben gekommen sind.

Aus der Fatyanovo-Kultur ging dann die Abeshovo-Kultur hervor. Und aus dieser schließlich die berühmte Sintashta-Kultur im südlichen Ural, sowie die Andronovo-Kultur im westlichen Sibirien (Abb. 1).

Die Urheimat der Arier

Indem in diesem neuen Aufsatz auf diese Zusammenhänge hingewiesen wird, schließt sich für uns eine Wissenslücke, die auch in der Archäologie selbst lange bestanden hat, da es im Umkreis der Indogermanen-Forschung genügend andere offene Fragestellungen gab. Nachdem diese anderen großen Fragen aber inzwischen - in den Grundzügen - gelöst zu sein scheinen (was eben das brachialische Lachen des Gustaf Kossinna auslöste), kann man sich eher "zweitrangigeren" Fragen zuwenden. Und zu diesen gehört nicht nur die Frage nach der Urheimat der Indogermanen selbst, sondern auch die Frage nach der Heimat eines Zweiges von ihnen, nämlich der berühmten "Arier" (Wiki) und ihrer indoarischen Sprachen (Wiki), ihrer indoiranischen Sprachen (Wiki), die ab 2000 v. Ztr. in Nordindien eingewandert sind. Sie könnten - so Heyd - von diesem "vergessenen Kind der Schnurkeramik-Familie" abstammen, denn von diesem ging vermutlich aus, so Heyd und sein Koautor .... (1, S. 19)

... die Entwicklung der Sintashta-Kultur, deren Zentrum im südlichen Ural liegt und der Andronovo-Kultur im südwestlichen Sibirien. Beide sind innovativ was ihre befestigten Siedlungen betrifft, ihr fortgeschrittenes Metallhandwerk, ihre Pferde-gezogenen Streitwagen und ihre Krieger-Ideale, um nur einiges wenige des Wichtigsten zu benennen, ebenso wie in ihrer geographischen Expansivkraft. (...) Im Besonderen wird der Andronowo-Kultur dahingehend eine besondere Rolle zugesprochen dahingehend, daß sie Weltgeschichte schrieb, als sie vielleicht das Substrat bildete für die Steppen-Herkunft im südlichen Asien (Indien).
This Abashevo and the key lands of the forest-steppe between Don and Volga its cultural proponents inhabit are, in turn, regarded the starting point for the next pieces in the big dominoes game of the Eurasian Bronze Age: The development of the Sintashta Culture centred in the southern Urals and of the Andronovo Culture in south-western Siberia (Anthony 2007, 381; Koryakova & Epimakhov 2007, 59; Parzinger 2011, 246ff.) (Fig. 11: A). Both are innovative, in terms of their fortified sites, advanced metallurgy, horse-drawn chariots, and warrior ideals, to name only the most important, as well as geographically expansive. Their link to the CWC has recently been strengthened by aDNA studies proposing similarity between individuals affiliated with the CWC, on the one hand, and Sintashta and Andronovo, on the other (Allentoft et al. 2015, 169; Damgaard et al. 2018a). In particular, a special role of writing world history is conferred on Andronovo in that it likely forms a substrate in the forwarding of steppe ancestry to southern Asia (Parpola 2015; Damgaard et al. 2018b; Narasimhan et al. 2019).

Damit wäre also gesagt: Wir hätten es hier mit dem "Urvolk" der Arier zu tun und mit jenem Prozeß, der Kentum- und Satem-Sprachen in der indogermanischen Sprachfamilie voneinander trennten (Wiki). Ausgangspunkt der archäologischen Überlegungen aus (2) ist aber wiederum eine neue archäogenetische Studie zur Fatyanovo-Kultur aus dem Sommer dieses Jahres (3). Als Ergebnis der letzteren wird formuliert (3):

Die steinzeitlichen Jäger und Sammler einerseits und die bronzezeitliche Fatyanovo-Angehörigen andererseits sind genetisch klar zu unterscheiden. (...) Mehr noch, die Fatyanovo-Angehörigen (ähnlich wie andere Schnurkeramiker) haben vornehmlich Steppen-Herkunft, aber ebenso einige anatolisch-neolithische Herkunft, die in dieser Region zuvor nicht vorgekommen war, weshalb auch eine Nordwärts-Ausbreitung der Yamnaya-Kultur als Ursprung der Fatyanovo-Kultur ausgeschlossen werden kann, da die Yamnaya nur Steppen-Herkunft (ohne anatolisch-neolithische Herkunftskomponente) aufweisen.
The Stone Age Hunter Gatherer (HG) and the Bronze Age Fatyanovo individuals are genetically clearly distinguishable. (...) What is more, the Fatyanovo Culture individuals (similarly to other CWC people) have mostly Steppe ancestry, but also some EF ancestry which was not present in the area before and thus excludes the northward migration of Yamnaya Culture people with only Steppe ancestry as the source of Fatyanovo Culture population.

Die offene Frage, die jetzt noch zu klären bleibt, ist die, ob die Fatyanovo-Kultur von der Schnurkeramik-Kultur am Mittleren Dnjepr - so sagen es die Forscher in (3) - oder aber ob sie von der Schnurkeramik-Kultur im Baltikum - so sagen es die Forscher in (2) - abstammt.

Ein Drittel waren blond und blauäugig

Dabei ist aber die eigentliche Urheimat der Schnurkeramiker noch nicht gefunden. Der Umstand, daß die erste Generation der Schnurkeramiker auch in Mitteleuropa scheinbar noch reine Steppen-Herkunft aufgewiesen hat und auch dort erst in den nachfolgenden Generationen die anatolisch-neolithische Herkunftskomponente hinzu kam, gibt schon erste Anhaltspunkte, wo diese Urheimat zu suchen sein könnte, nämlich in Grenzregionen der Yamnaya-Kultur. Auf dem englischen Wikipedia werden die wesentlichsten Ergebnisse der hier erwähnte archäogenetische Studie übrigens schon folgendermaßen zusammen gefaßt (Wiki):

Etwa ein Drittel der untersuchten Skelette hatten zu Lebzeiten blaue Augen und/oder blonde Haare, während der Rest braune Augen und schwarze oder braune Haare hatten. .... Mit der vorhergehenden Volosovo-Kultur scheinen sie sich nicht vermischt zu haben. ...
Around a third of the samples had blue eyes and/or blond hair, while the rest had brown eyes and black or brown hair. The genetics of the people of the Fatyanovo culture was found to be substantially different from preceding Volosovo culture, with whom they do not appear to have mixed. Their EEF admixture has not been detected in the earlier Yamnaya culture, suggesting that the Fatyaovo people did not directly descend from the Yamnaya.

Interessant ist übrigens, daß die Verwandtschaft der modernen indoarischen Sprachen mit den modernen westindogermanischen Sprachen gar nicht so leicht sichtbar ist, daß sie aber bei den antiken Sprachen noch viel deutlicher war (Wiki):

Für einen Großteil des Wortschatzes und insbesondere der Grammatik der modernen indoarischen Sprachen läßt sich gar keine Entsprechung in den heutigen europäischen Sprachen finden. Zwischen im Altertum gesprochenen Sprachen wie dem Sanskrit und dem Lateinischen oder Altgriechischen sind die Übereinstimmungen hingegen weitaus größer, sowohl was den Wortschatz als auch die Morphologie angeht. Man vergleiche hierzu Formen wie Sanskrit dantam und Latein dentem „den Zahn“ oder Sanskrit abharan und Altgriechisch epheron „sie trugen“.

Hier wird auch "spürbar", daß vielleicht schon mit der Ausbreitung der Schnurkeramiker und der Glockenbecher-Kultur selbst die Ausgangspunkte der späteren indogermanischen Einzelsprachen in Europa entstanden sind (zum Beispiel eben von Latein oder Griechisch).

[31.3.2021] Inzwischen ist das Thema auch in Videoform aufgegriffen worden (4).

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  1. Bading, Ingo: 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  2. The Forgotten Child of the Wider Corded Ware Family: Russian Fatyanovo Culture in Context. K Nordqvist, Volker Heyd - Proceedings of the Prehistoric Society, 12.11.2020 (Cambridge)
  3. Genetic ancestry changes in Stone to Bronze Age transition in the East European plain Lehti Saag, Sergey V. Vasilyev, Liivi Varul, Natalia V. Kosorukova, Dmitri V. Gerasimov, Svetlana V. Oshibkina, Samuel J. Griffith, Anu Solnik, Lauri Saag, Eugenia D’Atanasio, Ene Metspalu, Maere Reidla, Siiri Rootsi, Toomas Kivisild, Christiana Lyn Scheib, Kristiina Tambets, Aivar Kriiska, Mait Metspalu bioRxiv 2020.07.02.184507; doi: https://doi.org/10.1101/2020.07.02.184507, https://www.biorxiv.org/content/10.1101/2020.07.02.184507v1, https://advances.sciencemag.org/content/7/4/eabd6535
  4. Genos Historia: Fatyanovo the Ancestor of the Indo Iranians (Documentary), 01.02.2021, https://youtu.be/TupNpqfAIIQ

Unser Ort in der Weltgeschichte

Wir späten Nachfahren - Einer Entwicklung vom "Goldenen Zeitalter" über das "Eiserne Zeitalter" zu uns

Eine "psychohistorische" Deutung der ersten Staaten und Reiche der Weltgeschichte und des mit ihnen einhergehenden seelischen Aufschwungs 

Aufgrund der neuesten Erkenntnisse - a) in der Archäologie des Mittelneolithikums und der Bronzezeit einerseits und b) der Archäogenetik andererseits - wird immer besser übersehbar, welchen Flug des Geistes und der Seele der Mensch in der Menschheits- und Weltgeschichte genommen hat: Auf einen Aufflug des Geistes und der Seele der Menschen in der Bronzezeit und in der Antike folgte ein seelischer Niedergang sondergleichen weltweit. Allerdings regional zeitversetzt. In China erblühte noch die Tang-Zeit in großer Kontinuität als westlich von China schon hunderte von blühenden Kulturen und Fürstentümern, von Königreichen und Völkern untergegangen waren, als dort bloßer nüchterner kriegerischer Geist an die Stelle von reichem, kulturellem Leben getreten war. 

Wie war es so weit gekommen? Und wie ist unsere eigene Situation in diesen Geschichtsablauf einzuordnen?

Abb. 1: Huldigung des persischen Großkönigs, Felsrelief (Ausschnitt), Persepolis, Iran, 520 v. Ztr. (Wiki)

Als Fischer, Jäger und Sammler waren - und sind - die Menschen weltweit eher "schlichten", "biederen" Gemütes. Mitunter voller Schönheitssinn, voller Innerlichkeit (man denke etwa an bestimmte, sehr abgelegen lebende afrikanische Stämme), voller Würde (man denke etwa auch an Stämme nordamerikanischer Indianer), voller Andacht (man denke an die Naturreligionen in Asien) - aber auf jeden Fall immer in ihrer seelischen Mitte bleibend, ohne gar zu viel "Exzentrik".

Hochfahrender Sinn, Stolz, eine erhabene Seele kommt in die Menschen dann vor allem - und erst - durch die Begründung der ersten Staaten und Königreiche. Die Menschen sehen sich repräsentiert in Königen und Fürsten, blicken mit ihren Augen über die "Völker und Heerscharen". Und ihre Seelen fühlen sich machtvoll, "göttergleich". Denn sie schaffen ähnliches wie Götter selbst, sie schaffen die Welt um, erschaffen die Welt neu, sie schaffen Städte, Völker, Königreiche, Handwerker-Stände und Kunstfertigkeit auf vielen Gebieten. Dadurch ändern sich ihre Gottvorstellungen. Der Marsch disziplinierter Kolonnen, von Soldaten und Kriegern, Händlern und Seefahrern durch die Weltgeschichte, ihre Huldigung vor Königsthronen (Abb. 1) beginnt.

Dieses Geschehen dürfte sich erstmals in ausgeprägterem Maße im Fruchtbaren Halbmond vollzogen haben, und zwar im Vorkeramischen Neolithikum B ("PPNB") ab 9.500 v. Ztr.. Die damaligen Darstellungen von "Stadtdespoten" ("plastered skulls")  und "Furchtbaren Göttinnen" (Kaffeebohnen-Augen-Göttinnen) zeigten auf, welchen "Geistes Kind" die damaligen Menschen waren. Ab 6.500 v. Ztr. entstehen erste Städte, dichte Besiedlung und damit staatliche Strukturen, Fürstentümer und Reiche dann auch im Iran, in Anatolien und im Mittelmeerraum.

Ab dem Mittelneolithikum, also ab 4.800 v. Ztr. gibt es Adelsdynastien und Königreiche sowohl im Mittelmeerraum, in Sumer, Ägypten und in ganz Europa. Sie breiten sich bis hinauf nach Irland, Schottland und Skandinavien aus. Sie breiten sich zugleich vom Unterlauf der Wolga ausgehend hinauf nach Norden aus.

Der Mensch führte damals verschiedenste "Experimente" des staatlichen Zusammenlebens durch. Die Vielfalt der Möglichkeiten staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenlebens wird noch durch ethnographische Berichte der Griechen und Römer über die sie umgebende Völkerwelt sichtbar. Blühende Reiche solcher Art gingen auf und unter. Menschen wurden - etwa am Mittellauf der Elbe in der Nähe der heutigen Stadt Magdeburg - schon im Mittelneolithikum in ersten Städten grausam behandelt. Völker entstanden nicht nur als Völker, sondern als Ausdruck der Art des sozialen Zusammenlebens, das sie charakterisiert und das - durch den Stand der technologischen Entwicklung - möglich geworden war.

Mit dem Rinderwagen intensivierte sich der Austausch von Gedanken und Gütern in diesen frühen Königreichen. Stolz stellten sich Adlige in frühen Stelen und Steinmonumenten als kriegerische "Helden" dar, als nah den Göttern. Rinderwagen-Prozessionen vor den Gräbern der Ahnen wurden abgehalten. Die Kultur verfeinerte sich.

Eine bislang letzte Steigerung des Aufschwungs der Menschenseele

Eine letzte Steigerung dieses Aufschwungs der Menschenseele, des Seelischen im Menschen stellt sich dann in der Ethnogenese der Indogermanen dar. Sie vollzog sich ab 4.800 v. Ztr. von der Mittleren Wolga ausgehend gen Süden bis hin zu den Nordhängen des Kaukasus (innerhalb der sogenannten "Chwalynsk-Kultur"). Eine heldische Ausbreitungsbewegung, die von großer Exzentrik geprägt ist. Riesige Kurgane, Grabhügel werden für mächtige Könige errichtet, Könige, die zugleich - vermutlich - als "Gleiche unter Gleichen" innerhalb einer Adelsschicht in ihr Amt gelangen. So wie in der urindogermanischen Religion der Gottvater Zeus als quasi "Gleicher unter Gleichen", unter fast gleichrangigen Mitgöttern und Göttinnen herrscht. Die Herrschaft dürften diese indogermanischen Könige selten als leicht gesichert angesehen haben können. In kriegerischen Auseinandersetzungen mit anderen Adligen mußte sie immer wieder neu gesichert und abgesichert werden. Diese Verhältnisse sind noch im antiken Mittelmeerraum und im europäischen Mittelalter allzu deutlich sichtbar. Die Vorherrschaft eines Großkönigs bleibt hier immer wieder prekär und wird angefochten (Beispiel: Achill gegenüber Agamemnon in der "Ilias").

Aber schon spätestens fünfhundert Jahre nach der Volkwerdung des Urvolkes der Indogermanen heiraten Angehörige dieses Volkes in die Königsfamilie in Warna in Bulgarien ein, in eines der reichsten Königreiche der damaligen Zeit. Rückhalt in einer großen staatlichen Gemeinschaft zu besitzen, Herrschaft auszuüben oder vertrauensvoll zu Herrschern aufzublicken, diszipliniert zu sein, ohne das innere Wilde, Exzentrische völlig abzulegen, all das kann die Seele der Menschen beflügeln, kann sie frei machen.

Noch in der "Ilias", in frühen indischen Dichtungen, in der Überlieferungen der Hethiter ist sichtbar, daß sich hier mit den Indogermanen eine Welt ausbildete "ohne Falsch", voll innigen Vertrauens ineinander und in die Götter und in die Götter anderer Völker, vor allem aber voll innigen Vertrauens in die eigene Kraft. Auch schon der Geist des Mittelneolithikums - vielleicht repräsentiert durch eine Dichtung wie das Gilgamesch-Epos - ist voller Adel der Seele und voller Heldentum, voll innerer Freiheit. Bösartiger Geist, despotischer Geist, hinterhältiger Geist, das gar zu ausgeklügelte Arbeiten mit Lug, List und Intrige scheinen - vorläufig, zumindest außerhalb Anatoliens und des Levanteraumes - überwunden zu sein.

Stolz, edel, ehrlich und offen schreitet der Mensch während der Bronzezeit durch die Weltgeschichte. Ehrlich und offen werden die Feinde erschlagen oder zu Verbündeten erklärt. Die Menschen handeln nach ihrem eigenen "inneren Gesetz". Innere Unsicherheit darüber, ob richtig oder falsch gehandelt wird, ist nur selten erkennbar und wird - wenn aufdämmernd - ehrlich ausgehandelt.

Die bislang modernste Lebensäußerung des Menschen

Als letzter Aufschwung im Seelischen hat dann die Ausbildung der antik-griechischen Philosophie und Wissenschaft zu gelten. Die bislang modernste Lebensäußerung des Menschen, die wissenschaftliche Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, die "aristotelische" Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, sie tritt in das Licht der Sonne und sie leuchtet - und leuchtet und leuchtet - von innen heraus als wäre sie die Sonne selbst und als wollte sie sich an die Stelle der Sonne selbst setzen.

Aber jeder seelische Aufschwung birgt gesetzmäßig seinen eigenen "Untergang" in sich. Im Übermut gehen die Völker indogermanischen Geistes zu weit. Viel zu weit. Sie verlieren sich in der Andersartigkeit anderer Völker, Kulturen und Religionen, durch die sie sich anfangs nur zu höherem Flug des Geistes hatten anregen lassen. Sie wenden ihre kriegerischen Kräfte - wie im Peloponesischen Krieg - vor allem auch gegen sich selbst. Während ab 500 v. Ztr. in der sogenannten "Achsenzeit" noch die Völker zwischen China und Athen zu Äußerungen höchsten Geisteslebens fähig sind, beginnen die Ausgangspunkte und Grundlagen dieses Geisteslebens und dieser kulturellen Entfaltung zu bröckeln. Die erhabenen skythischen Völker gehen unter und werden zu - - - - Hunnen, Sarmaten und Alanen, zu Völkern, die zu kriegerischen Leistungen befähigt sind, aber - offenbar - nicht mehr zum Aufbau und zur Erhaltung dauerhafter staatlicher Strukturen und blühender Kulturen. Wo sie hinkommen, brechen Königreiche und Staaten - innerlich morsch geworden - zusammen. Der skythische Tierstil, umgewandelt in den germanischen Tierstil breitet sich in Mittel- und Nordeuropa aus. Mit ihm breiten sich - vermutlich - auch östliche Gottvorstellungen aus, Vorstellungen von Trickster-Gottheiten (Odin und Loki).

Gleichzeitig tritt von Süden her mit dem Christentum eine noch heftigere Gottvorstellung in die Menschheitsgeschichte ein.

Die Weltgeschichte "erkennt sich selbst"

In der Morschheit des Zeitalters setzte sich dem Aufschwung des menschlichen Geistes zwischen China und Athen ein andersartiger menschlicher Geist entgegen, herstammend aus den seelischen Bereichen der Despotie, wie er am deutlichsten im Levanteraum und in angrenzenden Regionen ausgeprägt war, wie er sich im Geist und Denken der Gnosis widerspiegelt. Mit großer Heftigkeit und "Klugheit" setzt er sich den Lebensäußerungen der Indogermanen und anderer Völker entgegen, es kristallisieren sich schließlich die buddhistische und die "mosaische" Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch heraus, die willkürliche Setzung von Wahr und Falsch, das "Kein Gott außer Gott", sie treten in die Weltgeschichte und verdrängen die vormaligen Volksreligionen. Diese beiden Geistesrichtungen - a) despotische Weltreligionen, gelehrt von elitären, männlichen Priesterkasten einerseits und b) freiheitliche, wissenschaftliche, wenig hierarchische Wahrheitsauffassungen der Völker andererseits - sie ringen seither miteinander.

Dieses Ringen ist nicht abgeschlossen. Es treibt gegenwärtig immer neuen Höhepunkten entgegen. Dabei ist zu bemerken, daß die Völker der westlichen Welt seit etwa 1500 n. Ztr. einen Grad von gesellschaftlicher Komplexität erreicht und ein Ausmaß von gesellschaftlichem Wissen und von gesellschaftlicher Weisheit angesammelt haben wie es das noch nie in der Weltgeschichte gegeben hat. Die Weltgeschichte "erkennt sich selbst". Sie wird sich ihrer selbst bewußt. Sie kulminiert. In uns.

Aber der "Neidwurm Niedertracht" nagt an den Wurzeln dieser Weltauffassung, die Mitgartschlange hält alles umfangen. Sie würgt - und würgt - und würgt.

Freitag, 13. November 2020

Die Altai-Skythen - Und ihre Vorgänger-Kulturen

Zunächst einiges zur Pasyryk-Kultur (500 v. Ztr.)

Ein langhaariger, blonder, bärtiger Mann reitet auf prächtig geschmücktem Hengst, einem Schimmel dahin. Er reitet in der Reihe vieler anderer blonder, langhaariger bärtiger Männer, die ebenfalls auf Hengst-Schimmeln reiten.

Abb. 1: Pasyryk-Teppich - Blonder Reiter, hinter seinem Pferd gehend mit bunten Hosen

Es sind Männer des stolzen Volkes der Altai-Skythen. Dieses Volk lebt - wie der Name schon sagt - im Altai-Gebirge, 500 v. Ztr.. Als der König dieses Volkes stirbt, wird ihm ein Teppich mit ins Grab gegeben, der älteste, erhaltene Teppich der Welt, ein typischer "Orientteppich". Auf ihm ist dieser blonde, bärtiger Reiter dargestellt mit 27 weiteren Angehörigen - vermutlich - sozusagen der "Königsgarde" (Wiki).

Und auf einem inneren Fries auf diesem Teppich traben dann in entgegengesetzter Richtung Tiere jener Art, die einen zweiten Reichtum dieses Volkes darstellten: Vierundzwanzig Elche, ihr Jagdwild, mit rötlichem Fell dargestellt (Abb. 3, 4). Auf dem Teppich sind sogar recht genau die inneren Organe der Elche dargestellt. Diesen waren den Altai-Skythen offenbar wichtig (Abb. 4). So wie es ihnen offenbar auch wichtig war, zur Darstellung zu bringen, daß es sich bei den Pferden um Hengste und um Schimmel handelte. Noch die Wikinger auf Island ließen sich - tausendfünfhundert Jahre später - regelmäßig zusammen mit Hengsten begraben.


Abb. 2: Pasyryk-Teppich - Blonder Reiter mit schwarzer langer Hose und Umhang

Die Skythen reiten noch weder auf Sätteln, noch mit Steigbügeln. Das sind erst Erfindungen der Chinesen aus einer späteren Zeitepoche. Aber sie sitzen auf farbenprächtigen "Satteldecken", solchen mit vorwiegend rotem oder auf solchen mit vorwiegend gelbem Muster. Sie tragen außerdem lange Hosen. Der Pasyryk-Teppich wurde in einem Fürstengrabhügel im Pasyryk-Hochtal im Altai-Gebirge gefunden, zusammen mit dem mumifizierten, bestatteten Fürsten selbst und mit geopferten Pferden. Der Teppich zeigt auf, daß es schon damals eine uralte Teppich-Knüpftradition gab (Wiki):

An ihm erkennt man bereits alle Merkmale des Orientteppichs. 


Abb. 3: Der Pasyryk-Teppich (Ausschnitt)

 

Aber natürlich gab es auch in anderen Kulturen - nicht nur in Nomaden-Kulturen - Teppiche (Wiki):

Griechische Quellen beschrieben häufiger die „weichen Teppiche“ der Babylonier und Perser.

Und (Wiki):

Man geht weiterhin davon aus, daß es eine Entwicklungszeit von mehreren hundert Jahren gegeben haben muß, um den hohen Standard des Pasyryk-Teppichs zu erreichen, was bedeuten würde, daß die Teppichknüpfkunst möglicherweise bis tief in die Bronzezeit zurückreicht.

Und (Wiki):

Nach Milhofer weist der Teppich in Stil, Format, Materialwahl, Technik sowie Struktur eine hohe Übereinstimmung mit neuzeitlichen Knüpfarbeiten der trans-kaspischen Turkmenen auf.

1947 ist der Pasyryk-Teppich gefunden worden. Solche und viele andere - zum Beispiel in der Eremitage in Sankt Petersburg zu besichtigende - Hinterlassenschaften (1) machen deutlich, daß es sich bei diesen "Nomaden-Völkern" um sehr stolze, wohlhabende Fürstentümer und Königreiche gehandelt haben muß (s.a.: 2).

Abb. 4: Elch vom Pasyryk-Teppich

Aus dieser Perspektive darf man gerne vermuten, daß dies schon für das Urvolk der Indogermanen, für die hier auf dem Blog schon mehrmals behandelte Chwalynsk-Kultur gegolten haben kann. Denn deren Grabfunde - Kurgane -  sind schon genauso eindrucksvoll wie später noch die Grabhügel der Könige, Fürsten und Hochadligen der Skythen (2).

Auf seiner äußersten Borte zeigt der Teppich also 28 langhaarige, blonde Männer, die im bunten Wechsel reiten oder ihr Pferd gehend führen in einer Prozession. Es handelt sich bei ihnen um solche typischen Skythen wie man sie auch in vielen Eigendarstellungen skythischer Kunst viel weiter im Westen gefunden hat in prächtigen Gegenständen aus Gold. Hier auf dem Teppich tragen die Männer lange Hosen, zum Teil sehr bunte. Der Skythe auf Abbildung 1 geht ja neben und hinter seinem Pferd. Er trägt eine bunt gepunktete Hose (Abb. 1).

Neue archäogenetische Erkenntnisse intensivieren Interesse

Im letzten  Beitrag war von der genetischen Zusammensetzung der skythischen Völker im Altai-Gebirge und in der heutigen Mongolei die Rede (3). All diese neuen Erkenntnisse lassen noch einmal verstärkt danach fragen, was über dieses Volk der Skythen eigentlich bekannt ist, selbst wenn man schon vor 25 Jahren die eindrucksvolle Ausstellung "Das Gold der Skythen" im Schloß Gottorf in Schleswig-Holstein besucht haben sollte (4). In der Eremitage in St. Petersburg sind heute viele der wertvollsten Hinterlassenschaften der Skythen ausgestellt, zum Beispiel eben der berühmte Pasyryk-Teppich (Wiki) (1). Es fand sich auch eine Harfe. Vieles erinnert an die Fürstengräber der zeitgleichen Kelten in Süddeutschland oder an die Fürstengräber der Alemannen des Frühmittelalters.

All diese Grabfunde stammen also - weltgeschichtlich gesehen - aus Zeiten, "kurz bevor" die Nachfahren dieser Menschen zum Christentum oder Islam übergetreten sind. Auch aus dieser Sicht wird noch einmal deutlich, was sich alles verändert hat mit der Ausbreitung der monotheistischen Religionen weltweit.

Abb. 5: Darstellung einer Siedlung der Tagar-Kultur im Felsbild (Wiki) //Von User:Schreiber - M. G. Moshkova (ed.), Stepnaya polosa Aziatskoy chasti SSSR v skifo-sarmatskoye vremya. Moskva 1992, p. 438, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3173333 (Wiki)//

1993 wurde ein weiterer erhaltener Kurgan geöffnet. Unter ihm war eine 20-jährige Adlige des Volkes der Altai-Skythen (Pasyryk-Kultur) begraben, sie wird gelegentlich "Sibirische Eisprinzessin" (Wiki) genannt (5, 6). Wie fast alle Skythen war sie reich tätowiert. Sie ist vermutlich schon mit 20 Jahren an Brustkrebs gestorben. Um die Schmerzen vor ihrem Tod zu lindern, nahm sie Cannabis (Sensi Seeds 2020):
Ihre Kleider waren von hervorragender Qualität - eine Tunika aus gelber Wildseide, ein gestreifter Rock aus Wolle und lange, reich dekorierte Pelzstiefel. Man geht davon aus, daß Seide für die Pasyryk-Menschen aus jener Zeit seltener und vielleicht sogar wertvoller als Gold war, da man sie normalerweise nur in „königlichen“ Pasyryk-Gräbern finden kann. 
Sie lag in einem Baumsarg aus Lerchenholz. Diese Altai-Skythen waren Nachkommen der zweiten indogermanischen Ausbreitung im Zusammenhang mit der Andronowo-Kultur. Aber die Archäologie weiß noch über viele andere Kulturen im Umfeld des Altai- und des Tianshan-Gebirges zu berichten. Insbesondere ist zu beachten, daß sich mit den Skythen eine neue, eher nomadische Lebensweise ausbildete, während zuvor in diesen Regionen eher seßhafte Rinderzüchter gelebt hatten (Wiki):
Die kulturelle Kontinuität am Ob hielt im ersten Jahrtausend v. Chr., als in Sibirien die Eisenzeit anbrach, weiter an; es findet sich dort immer noch die heimische Keramik. Ein umso größerer Umbruch machte sich nun im zentralasiatischen Steppengürtel bemerkbar: Die seßhaften, vorwiegend viehzüchtenden Gesellschaften der späten Bronzezeit wurden abgelöst durch mobile Reiternomadenverbände, die bis in die Neuzeit Bestand haben sollten. Die Mobilität, die die neue Gesellschaftsform ermöglichte, entfesselte eine ungeheure Dynamik, mit der sich die Völker Mittelasiens fortan in der Steppe bewegen konnten. Davon waren nicht zuletzt auch die benachbarten Hochkulturen betroffen. Das alte China wurde von den Xiongnu und ihren Nachfolgern bedroht, die antiken Staaten des heutigen Iran hatten sich gegen die Massageten und Saken, und das Römische Reich, dessen Westteil wenig später unterging, schließlich gegen die Hunnen zu verteidigen. Die gesellschaftlichen Veränderungen schlugen sich auch im Fundgut deutlich nieder: Es finden sich keine Siedlungen mehr, Angehörige der neu gebildeten Oberschicht wurden in riesigen Kurganen reich ausgestattet begraben, und völlig neue Formen der Kunst bildeten sich heraus.
Es macht also womöglich wenig Sinn, sich die indogermanischen Völker vor der Eisenzeit vornehmlich als Völker vorzustellen, die wie die Skythen gelebt haben. Im folgenden noch einige Eindrücke von dem aktuellen Forschungsstand zum Spätneolithikum und zur Bronzezeit Mittelasiens (10-16).
 

4.000 v. Ztr. - Europäische Kulturen breiten sich bis zum Altai-Gebirge und zur Seidenstraße aus

Die spätneolithischen bis vormittelalterlichen Ausbreitungsbewegungen europäischer Völker und Kulturen bis an den Nord- und Westrand Chinas werden immer genauer nachvollziehbar (10-12). Wir stoßen auf eine Grafik, die gerade die frühesten dieser Ausbreitungsbewegungen nach derzeitigem Forschungsstand sehr gut zusammen zu fassen scheint (Abb. 6) (10).

Abb. 6: Europäische Kulturen rund um das Altai-Gebirge ab 4.000 v. Ztr. - Die iranisch-neolithische Oxus-Zivilisation (BMAC) und die indogermanische Afanasievo-Kultur (aus: 10)

Dargestellt ist auf dieser, wie die iranisch-neolithische "Oxus-Zivilisation" (auch benannt "Baktria-Marghiana-Archäologischer-Komplex" = BMAC) (Wiki) sich vom östlichen Iran aus am Nordhang des Tianshan-Gebirges bis in den Süden des Altai-Gebirges ausgebreitet hat. Dort wird sie von den Archäologen "Chemurchek-Kultur" benannt. Ihre anthropomorphen Stelen gleichen sehr zeitgleichen anthropomorphen Stelen in Europa und Arabien (Abb. 7) (13). Diese Kultur ist gerade erst neu von den Archäogenetikern eingeordnet worden - wie wir im letzten Beitrag berichteten (3). Die Archäologen benennen als einen Ausgangsort dieser Kultur (12, S. 6) ...

... den Fundort Sarazm in Tadschikistan am Zarafshan-Fluß, flankiert von Bergen und unterhalb der Oase von Samarkand. In der Keramik findet man Einflüsse aus der südlichen zentralasiatischen Oasenkultur von Namazga II. In Sarazm finden sich Belege für Weizenanbau 3.905-3.645 v. Ztr..

... the site of Sarazm in Tajikistan, on the Zarafshan river, flanked by mountains and upstream from the oasis of Samarkand. (...) The ceramic forms (...) reflect influences from the south Central Asian oasis culture of Namazga II. Sarazm has evidence for wheat cultivation (T. aestivum/ durum) from the mid-4th millennium BCE (3905–3645 cal. BCE) (Isakov, 1996; Isakov et al., 1987; Spengler & Willcox, 2013).

Diese Hochkultur hat sich also über Samarkand Richtung Altai-Gebirge ausgebreitet.

Abb. 7: Die anthropomorphen Stelen der Chermurchek-Kultur, die sowohl Männer wie Frauen darstellen (aus: 12) - Sie ähneln stark zeitgleichen aus ganz Europa (13)

Mehrere Jahrhunderte später erfolgte dann die Ausbreitungsbewegung der ersten Welle der Indogermanen, der indogermanischen Afanasievo-Kultur, ebenfalls bis zum Altai-Gebirge. Aus Sicht der Archäologie Xianjiang's wird referiert (12, S. 5):

Im Nordwesten hatte sich die Afanasievo-Kultur ausgebreitet, deren Zentrum westlich des Altai und im Minusinsk-Tales lag. Sie repräsentiert den frühesten Beleg für spätneolithisch/bronzezeitliche Herdenhaltung in der östlichen Steppe und ist jüngst auf 3.300 bis 2.500 v. Ztr. datiert worden. Die wirtschaftliche Grundlage der Afanasievo-Kultur beruhte zu bis zu 50 % auf der Jagd, außerdem auf der Haltung einer Mischung von domestizierten Herdentieren, wobei Schafe und Ziegen mit Rindern kombiniert wurden. Weizenkörner, die auf 3.000 v. Ztr. datiert werden, sind jüngst in Verbindung mit Afanasievo-Keramik an dem Fundort Tongtiandong im westlichen Xinjiang am Südufer des Irtysch-Flusses gefunden worden.

Original: To the northwest was the Afanasievo, centred on the western Altai and Minusinsk basin. It represents the earliest evidence for Éneolithic/ Bronze Age herding in the eastern steppe region (Frachetti, 2008, 2012) and has been recently dated to 3300–2500 cal. BCE (Svyatko et al., 2009). The Afanasievo economy included up to 50% reliance on hunting, together with a mix of domestic herds combining sheep/goat and cattle. Wheat grains dating from c. 3000 BCE associated with Afanasievo pottery have recently been found at the site of Tongtiandong in western Xinjiang on the south bank of the Irtysh river (Yu & He, 2017).

Das heißt also, daß neben Jagd und Herdenhaltung auch Ackerbau getrieben wurde. Der Irtysch (Wiki) entspringt übrigens im Altai. Er fließt durch die weiten Steppen Kasachstans und erreicht über sie östlich des Urals das Westsibirische Tiefland. Er fließt insbesondere durch die Stadt Omsk und mündet schließlich in den Ob (Wiki), mit dem zusammen er den Arktischen Ozean erreicht.

Die Xiaohe-Kultur am Tarim-Fluß mit ihren blonden, hochgewachsenen Wüstenmumien scheint archäogenetisch noch nicht so gut erforscht zu sein (?), aber sie scheint doch im Wesentlichen indogermanischer Steppen-Herkunft zu sein (2):

Die Genetik platziert die Herkunft der Xiaohe-Populationen vornehmlich in die eurasische Steppe und jenseits derselben.

The human DNA places the ancestry of the Xiaohe population predominantly in the Eurasian steppe and beyond.

Die Archäologen schreiben hinsichtlich der genetischen Herkunft ansonsten noch sehr vage (12):

Die Chermurchek- und Xiaohe-Kulturen entstanden aus Populationen des Altai und der Mongolei, sowie aus eurasischen Populationen heraus, während sich eine dritte frühe Gruppe, die Tianshanbeilu-Kultur am östlichen Ende des Tianshan von Oasen-Bauern in Gansu und dem Hexi-Korridor herleitet. Im frühen 2. Jahrtausend v. Ztr. breiteten sich neue eurasische, bäuerliche Herdenhalter vom Westen her aus, die dieselben Landstriche besiedelten wie die Chemurchek-Kultur. Sie breiteten sich entlang der westlichen Hügel und Berge von Xianjiang aus, entlang des Tianshan Richtung Osten und nach Süden in den Pamir bis an das westliche Ende der tibetischen Hochebene. Diese Gruppe wies im Großen und Ganzen eine Ähnlichkeit auf mit dem Andronovo-Kultur, die sich weit über Eurasien in der späteren Bronzezeit ausbreitete, am meisten mit der östlichen Federovo-Variante.

Qiemu’erqieke and Xiaohe/Gumugou emerged out of Altaic/Mongolian and east Eurasian populations [11–13], while a third early group, the Tianshanbeilu culture, appearing in the oasis of Hami at the eastern end of the Tianshan, had its ancestry to the east in early oasis farming populations in Gansu and the Hexi Corridor. [10, 14]. By the early 2nd millennium BCE, new Eurasian agro-pastoralists moved in from the west, occupying some of the same lands as the southerly expansion of Qiemu’erqieke peoples. They spread into the western hills and mountains of Xinjiang, along the Tianshan towards the east, and south into the Pamirs, close to the western end of the Tibetan Plateau. This group shared broad affinity with the loosely defined Andronovo complex that appeared widely across Eurasia in the later Bronze Age [15–17], more specifically the eastern Federovo variant [18].

Da die Xiaohe-Kultur aber deutlich älter zu sein scheint als die hier genannte Andronovo-Kultur wäre damit nahegelegt, daß sich auch schon die erste Welle der indogermanischen Ausbreitung - in Form der Afanasievo-Kultur - bis in das Tarim-Becken als Xiaohe-Kultur ausgebreitet haben könnte. Das wäre aber vorerst noch schwer in Einklang zu bringen mit dem Umstand, daß in den Oasenstädten der Seidenstraße in späteren Jahrtausenden auch Tocharisch gesprochen wurde, eine dezidiert westindogermanische Sprache, von der man annehmen sollte, daß sie erst mit der zweiten Welle der indogermanischen Ausbreitung nach Innerasien gelangt ist. Das Bild der hier aufeinander folgenden Völker und Kulturen scheint immer vielfältiger zu werden.


Abb. 7: Die bronzezeitliche Chemurchek-Kultur südlich des Altai-Gebirges (2.500-1.700 v. Ztr.), die Xiaohe-Kultur am Tarim-Fluß (2.200-1.500 v. Ztr.) (aus: 3)

Von der Xiaohe-Kultur wird von Seiten der Archäologen gesagt, daß sie weitgehend akeramisch gewesen sei und von dem Anbau von Weizen und Gerste, sowie von Rinderhaltung lebte (12, S. 4f). Daß die Xiaohe-Kultur von anderen Kulturen abgeleitet werden könnte, etwa von der Chermurchek-Kultur wird von den Archäologen aufgrund des sehr unterschiedlichen kulturellen Inventar-Vergleichs verneint. 

Damit sollte nur ausschnitthaft einiges zum archäologischen Forschungsstand jener Völker und Kulturen gesagt werden, deren Archäogenetik Thema des letzten Beitrages war (3). Wichtig ist es auch, sich klar zu machen, daß auch schon die Andronowo-Kultur Stadtkultur östlich des Ural ausgebreitet hat, aufgezeigt unter anderem durch die Spiralstadt Arkaim im Osten des Ural (Wiki). Aber auch stadtartige Siedlungen der Skythen sind inzwischen bekannt.

"Low-investment Agropastoralists"

Ergänzung, 17.5.21: In einer neuen Studie wird darauf abgehoben, daß die skythischen Völker der Andronowo-Kultur keineswegs Nomaden im klassischen Sinne waren, sondern "low-investment agropastoralits" waren, also Herdenhalter und Ackerbauern, die nicht zu viel Mühe in den Anbau von Getreide gesteckt haben, die aber dennoch viele Züge von Seßhaftigkeit aufweisen. Sie sprechen von (17)

the widespread presence of sedentary architectural structures (farmsteads and villages) and abundant grinding stones, in addition to farming implements, storage pits, irrigation canals, twills made with nonportable up-right looms, and bulky nonportable bronze and ceramic cooking cauldrons. In linking these archaeological data to recently accrued information emerging from the application of archaeological scientific methods, including isotope evidence, phytolith and macrobotanical data attesting to farming and grain processing practices, and seasonality estimates from zooarchaeological and macrobotanical studies, we can piece together a much more detailed and complex image of life in eastern Central Asia during the second and first millennia BC.
Also viele Zeichen von Seßhaftigkeit bei diesen vorgeblichen "Nomaden".

____________

  1. Pazyryk. Tour in English. Eremitage - The State Hermitage Museum, Sankt Petersburg, 10.04.2020, https://youtu.be/rAvoeqxfEHI.  
  2. Barry Cunliffe: The Scythians: Nomad Warriors of the Steppe. Talks at Google, 03.12.2019, https://youtu.be/XFsd_LyYZdo.
  3. Bading, Ingo: Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen, November 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/turkvolker-indogermanen-sarmaten-und.html
  4. Berthild Gossel-Raeck; Ralf Busch (Hrsg.): Gold der Skythen. Schätze aus der Staatlichen Eremitage St. Petersburg. Wachholtz, Münster 1993, ISBN 3529018457. (Katalog zur Ausstellung) 
  5. The Ice Maiden's Treasure - Ascent of Woman, 29.05.2017, https://youtu.be/UCmeU2-zBGo.
  6. NOVA: Ice Mummies: Siberian Ice Maiden (1998-TV), 11.02.2020, https://youtu.be/ZUtgQ6dQUF0.
  7. Hermann Parzinger: Das Gold der Skythen - Über ein sagenhaftes Reitervolk in der Antike (dctp.tv), 10.08.2020, https://youtu.be/o-vI_Jzf1_Y.
  8. Schliemanns Erben 05 Der Fluch der Skythen, 07.04.2013, https://youtu.be/WFLlAF2u5CQ. [Ein Kamerateam begleitet die Grabungen von Hermann Parzinger]
  9. Grandits, Victor: Die Amazonen - Auf der Spur antiker Kämpferinnen DOKU HD 11.01.2017, https://youtu.be/TIyMbzAmy24.
  10. Daniel Yang: Wann wurden Weizen und Hochlandgerste in China eingeführt? Quelle: China Tibet Online, 17.03.2020, http://german.tibet.cn/de/culture/news/202003/t20200317_6754986.html
  11. Jia P, Caspari G, Betts A, Mohamadi B, Balz T, Cong D, et al. (2020) Seasonal movements of Bronze Age transhumant pastoralists in western Xinjiang. PLoS ONE 15(11): e0240739. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0240739, https://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0240739
  12. A new hypothesis for early Bronze Age cultural diversity in Xinjiang, China. A. Bettsa, P. Jiaa, I. Abuduresule. Archaeological Research in Asia, 2019
  13. Bading, Ingo: Die ältesten Eigendarstellungen seßhafter, europäischer Völker (ab 4200 v. Ztr.) , Dezember 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-altesten-eigendarstellungen-der.html
  14. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Gold von Tuva. Schliemanns Erben - Spezial 1. ZDF 2002, https://youtu.be/1sOHDO_a5aI. [Grabungen Hermann Parzingers]
  15. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Geheimnis der Eismumie. Schliemanns Erben - Spezial 2, ZDF 2006, https://youtu.be/aTcRuHE8J3c. [Grabungen Hermann Parzingers 2006]
  16. Prestel, Peter; Graichen, Gisela: Das Vermächtnis der Steppenkrieger. Schliemanns Erben 32, ZDF 2010, https://youtu.be/6PcDHUSc_2w. [Archäologe Rüdiger Krause, Spiralstadt Arkaim im Ural (Wiki), Andronowo-Kultur, 2.000 v. Ztr., Sarmaten 200 v. Ztr.]
  17. Spengler III, R. N., Miller, A. V., Schmaus, T., Matuzevičiūtė, G. M., Miller, B. K., Wilkin, S., ... & Boivin, N. (2021). Agropastoralism Served as the Best Choice of Human Subsistence in Ancient Arid Central Asia. Current Anthropology, 62(3), Juni 2021, https://www.journals.uchicago.edu/doi/pdf/10.1086/714245
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