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Sonntag, 14. Juni 2026

In den Höllen der Eifersucht ...

... die Gaspara Stampa entdecken
... und sich selbst - ?

Der norwegische Zeichner Olaf Gulbransson (1873-1958) lebte mit seiner norwegischen Ehefrau Dagny sein Leben lang in Bayern. Seine Ehefrau berichtet, daß ihr Ehemann auf den bloßen, ganz unbegründeten Verdacht hin, seine Eheliebste würde sich für einen anderen mehr als für ihn selbst interessieren, wild in die Berge und Wälder rannte, Tage lang nicht wieder nach Hause zurück kehrte, eine tiefe, höllische, existentielle Krise erlebte. Und das alles nur, um bei seiner Rückkehr zu erfahren: Nichts von seinem ganzen, riesen großen Verdacht hatte auch nur ansatzweise Anhaltspunkte in der Wirklichkeit. (So erzählt es, wenn wir das richtig wieder geben, Dagny Björnson-Gulbransson in ihren Erinnerungen, die wir vor vielen Jahren gelesen haben.) Schlußfolgerung: Ein Liebender kann sich gerne auch geradezu mit Heißhunger in die Eifersucht stürzen - unbewußt womöglich nur, um zu erfahren, was es heißt, zu leben und - noch - leidensfähig zu sein.    

Abb. 1: Eifersucht - Gemälde von Edvard Munch, 1898

Die Eifersucht, was für ein Thema. - - - Robert A. (Name wurde von der Redaktion geändert) war so aufgewühlt wie schon lange nicht mehr. Schließlich richtete er die Frage an die Göttin der Weltweisheit, genannt Google: "Kann es Eifersucht ohne Liebe geben?" (Denn er ging so manche seiner Themen gerne vom völligen Gegenteil dessen an, was ihn interessierte.)

Er fand so unzählige viele dumme Antworten. Gott!, das Internet, die gesammelte "Weltweisheit", war ein angesammelter Haufen von Dummheit. Aber sonderbar auch: Wie viele Menschen dieselbe "dumme" Frage stellten wie er selbst. Sonderbar, höchst sonderbar. Aber dumm, ach dumm auch all die vielen, vielen Antworten. Wie kann das sein?

All das Verwirrende, das er in sich erlebte, es kam durch die noch viel größere Verwirrung im Internet keineswegs zur Klärung.

Wo war Klarheit? Wo war Klärung? Nichts von dem, was er da fand, erreichte ihn.

Dann las er den Wikipedia-Artikel über Eifersucht. Nichts erreichte ihn, nichts. War denn Eifersucht einfach nur - - - "dumm", "egoistisch"? Oder war sie - - - groß? Merkwürdig, wie wenig Klarheit es in der Weltantwort-Zentrale, genannt Internet, gab. Zu diesem, womöglich entscheidenden Thema.

Erste Antworten - Edvard Munch 

Edvard Munch war erwähnt (Wiki). Natürlich, dieser große, große Kerl. Ja, von seinen Bildern geht Wahrheit aus. Wer wollte das infrage stellen? Dieser Maler, er hat so gräßliche Bilder gemalt. Und er hat die Wahrheit dabei gemalt. Ohne Frage (Abb. 1). "Denn das Schöne ist nichts als des Schrecklichen Anfang," hatte doch einer gedichtet, einer, der es aushalten wollte, aushalten konnte - - - das Schöne (gemeint ist R. M. Rilke). Oder der doch - zumindest - wie ein Wilder in Berge rennen konnte ... 

Und er? Er sehnte sich nach Wahrheit, nach wahrhaftiger Einsicht. Mochte er damit nun im Himmel oder in die Hölle landen.

Er beschäftigte sich ein wenig mit jener Dagny Juel, die den Anstoß für so viele Bilder von Edvard Munch gegeben hatte. Was für eine Frau. Was für ein Schicksal (Yt23) (1). Solche Frauen scheinen dazu zu gehören, zum Leben, eine solche "femme fatale". Wem hätte es nicht schon wohlige Schauer über den Rücken gejagt bei dem Gedanken, einer solchen zu begegnen? Und wer würde es, sollte er wirklich einer solchen begegnet sein, jemals wirklich bereuen, in die Höllen-Flammen ihrer Liebe getreten zu sein - ? Wer? Mag er nun zu Leben aufgeflammt sein in diesen Höllen-Flammen oder mag er an ihnen zugrunde gegangen sein - - -?

War es nicht die Größe allein, die zählte? Die Größe, das Feuer des Erlebten? Sei es nun Himmel oder Hölle gewesen? 

Ach, so war es wohl. So dachte man wohl, damals, im "Ferkel", im Künstlerkreis um Edvard Munch und Dagny Juel in Berlin-Mitte. Nur groß sein, nur groß lieben, groß handeln - niemals kleingeistig.

Ja, Teufel, geh weg mit deiner Kleingeistigkeit, geh weg. Kleingeistigkeit ist die Hölle - auch wenn diese nur noch von den wenigsten überhaupt wahrgenommen wird.

Weiter Antworten - Die Nibelungen

Und so fragte er Google einfach ganz willkürlich weiter: "Welche Rolle spielt die Eifersucht in der Nibelungensage?" Ja, natürlich: darin spielt sie eine große Rolle. Mensch, und Wikipedia hatte diese Rolle gar nicht erwähnt. Wie kann das sein? Verleugnet Wikipedia das Große?

Nun gut, sie ist wichtig: die Nibelungensage. 

Denn es ist nicht trivial, was passiert - möglicherweise - wenn Eifersucht im Spiel ist. Möglicherweise. Helden können daran zugrunde gehen. Mit dem Speer im Rücken. Helden können durch ein Flammenmeer schreiten und die Frau ihres Lebens erobern - wie Siegfried die Brünhildis auf dem Brünhildisfelsen.

Gut, wichtig.

Ein weiterer Schritt zur Einsicht in das Wesen der Eifersucht: die Nibelungensage. Eifersucht kann die Stelle sein, in der du allein noch verwundbar bist - in all deiner stumpfen oder auch veredelten Unverletzlichkeit.

Wikipedia meinte sogar - oh Gott, wie dumm! - Eifersucht wäre ein Wort und Konzept der Neuzeit. Wie so durch und durch ungebildet kann Wikipedia sein. Wie so enttäuschend. Und es hätte in der Antike keine Eifersucht gegeben? Glaubst du das wirklich, Wikipedia? (Auch der "Große Brockhaus" aus den 1880er Jahren gibt sich in seinem Artikel "Eifersucht" übrigens erstaunlich wortkarg. Erstaunlich.)

Aber dieser Gedanke an die Nibelungensage erhebt das Thema gleich hoch, sehr hoch. Ins Große. Dorthin, wo es - sicherlich - gehört. Denn wer möchte schon "im Kleinen" sein? Im Niedrigen, Seichten, Flachen, im nichtigen Nichts? Wollen wir denn nicht alle, daß die Dinge uns etwas - - - bedeuten? Und nicht nur im Sinne von "angenehm" oder "unangenehm"?

Beim weiteren Nachdenken gingen ihm irgendwann Worte durch den Sinn, von denen er zunächst nur die "Stimmung" wahrnahm, den "Rhythmus" derselben, den er in Erinnerung hatte. Dann erst dämmerte ihm, um welche Worte es sich handelte:

                             ... Hast du der Gaspara Stampa
denn genügend gedacht ...

Ja, nun war er angekommen.

Dort war die Antwort. Dort wollte er hin. Hier war sie, die Antwort in all der Verwirrung. Das waren Worte, die waren ihm schon früher ins Blut gegangen. Berühmt genug waren sie. Aber wer, dem sie schon einmal ins Blut gegangen sein mochten, wußte eigentlich jemals schon, warum sie ihm ins Blut gegangen waren? Einfach nur, weil einem wertvolle Dichtung überhaupt leicht ins Blut geht - - - ?

Angekommen - Rainer Maria Rilke

Die Worte stammen aus den Duineser Elegien, also natürlich von Rainer Maria Rilke. Und, ja, sie sind berühmt genug, und zwar mit Recht. Aber indem er nun "Rilke Gaspara Stampa" googelte, erhielt er eine Deutung dieser Dichtung, die ihm jetzt - zum ersten mal - auch rein gedanklich wirklich einging, die sich ihm jetzt zum ersten mal wirklich erschloß:

Rainer Maria Rilke verewigte die italienische Dichterin Gaspara Stampa (1523-1554) in der Ersten Elegie seiner Duineser Elegien. Er porträtiert sie als das Urbild der unerfüllt Liebenden, die ihren Schmerz in höchste künstlerische Hingabe und Energie verwandelte.
Die Bedeutung von Gaspara Stampa bei Rilke
Das Vorbild der Liebenden: Gleich zu Beginn der Ersten Elegie fragt Rilke, ob ein verlassenes Mädchen nicht an Gaspara Stampa denken und sich wünschen sollte: "daß ich würde wie sie?"
Liebe als Befreiung: Er stilisiert sie zum Sinnbild dafür, sich liebend vom Geliebten zu befreien, indem man die Spannung des Kummers aushält.
Gesammelt im Absprung: Rilke nutzt sie als Metapher für spirituelle und emotionale Transformation: Sie hält dem Liebeskummer stand, "wie der Pfeil die Sehne besteht, um gesammelt im Absprung mehr zu sein als er selbst."

Nun mit einem mal erschloß sich ihm eine ganze neue Welt in dieser Dichtung.*) Und er las noch einmal ein wenig in den Elegien (s. Kalliop). Und er wußte: Hier stand die Antwort. Und in diesen Elegien würde er künftig noch häufiger lesen. Denn darum ging es. Darum allein. 

Und er wußte auch: Rilke hatte Ähnliches erlebt. Rilke hatte Ähnliches durchgestanden. Für Rilke war dies nichts weniger als der Weg zu Gott.

Rilke über die Ehe

Rilke hat wertvolle, große Liebe zu Frauen erfahren, etwa zu Lou Andreas-Salomé, etwa zu Sidonie Nádherná oder zu Lou Albert-Lasard. Zum Schluß zu Baladine Klossowska. Und damit sind wohl auch nur einige der bedeutenderen Begegnungen genannt. Wobei ja für Rilkes Leben gilt, daß es in diesem eigentlich gar nichts "Unbedeutendes" gab. Am Ende seines Lebens stand die Liebe zu Baladine Klosswska. Er las (KulturC):

1920 begegnet die Malerin Baladine Klossowska dem Dichter Rainer Maira Rilke wieder. Sie, die geschiedene Mutter zweier halbwüchsiger Söhne - einer ist der Maler Balthus -, verliebt sich leidenschaftlich in ihn. Nach einer kurzen Amour fou geht Rilke immer mehr auf Abstand zu der Geliebten. Wo sie unbedingte Nähe und Gemeinschaft sucht und sich in der Liebe zu ihm verliert, braucht er Abstand und Ruhe, um schreiben zu können. Sie schreiben sich sehnsuchtsvolle Briefe, immer auf der Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz. "Mouky" nennt Rilke seine Freundin darin zärtlich. Ein Brief an sie wird der letzte sein, den er kurz vor seinem Tod schreibt.

Diese "Suche nach dem richtigen Maß von Nähe und Distanz" hat im Leben von Rainer Maria Rilke schon früh begonnen. Von der KI kann man sich belehren lassen, was Rainer Maria Rilke schon im Jahr 1901 für sein Leben erkannt hatte:

In seinen "Briefen an einen jungen Dichter" beschreibt Rainer Maria Rilke eine tiefe, reife Form der Liebe, die nicht auf Besitz oder Klammern beruht, sondern darauf, einander den Raum zur Entfaltung zu lassen. Das entsprechende Originalzitat lautet: „Ich halte dies für die höchste Aufgabe einer Verbindung zwischen zwei Menschen: daß jeder die Einsamkeit des anderen behütet und bewacht.“ In einem anderen bekannten Brief aus derselben Sammlung formuliert er diesen Gedanken ganz ähnlich: „... der Liebe, die darin besteht, daß zwei Einsamkeiten einander schützen, grenzen und grüßen.“ Für Rilke war das Alleinsein keine schmerzhafte Leere, sondern ein fruchtbarer Zustand. Er sah die Einsamkeit als eine notwendige Voraussetzung für inneres Wachstum und die Entfaltung der eigenen Kreativität.

Und er fand, daß Rilke in diesen "Briefen an einen jungen Dichter" noch viel mehr geschrieben hatte. Er hatte im Jahr 1901 geschrieben (Rilke1901):

Es fällt niemandem ein, von einem einzelnen zu verlangen, daß er “glücklich” sein soll, - heiratet aber einer, so ist man sehr erstaunt, wenn er es nicht ist! (Und dabei ist es wirklich gar nicht wichtig, glücklich zu sein, weder als Einzelner noch als Verheirateter.)

Was für Worte. - Was für Worte. - - - Und Rilke schrieb auch (Rilke1904):

Es handelt sich in der Ehe für mein Gefühl nicht darum, durch Niederreißung und Umstürzung aller Grenzen eine rasche Gemeinsamkeit zu schaffen, vielmehr ist die gute Ehe die, in welcher jeder den anderen zum Wächter seiner Einsamkeit bestellt und ihm dieses größte Vertrauen beweist, das er zu verleihen hat.

Aber von einigen dieser Frauen hat sich Rilke schwer, nur sehr schwer wieder gelöst.

Aber er hat sich gelöst.

Und er ist früh gestorben.

Einsam.

Seine letzten Jahre waren einsam. Und es ist ja bekannt, daß Einsamkeit nicht gerade das Leben verlängert. Rilke aber hatte es bewußt so für sich entschieden. Und in den Elegien waren die Gründe dafür klar und deutlich verzeichnet. Von Seiten eines Mannes, der dem Leben alles abgerungen hatte, was ihm abzuringen war.

Schon in dieser ersten Elegie steht - fast - alles über sein Leben: Die Spannung aushalten. Sich der Liebe ergeben, sich ihr ausliefern - aber nicht vollständig. Achtung behalten, Distanz wahren. Vor ihrer großen Macht.

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*) Sie gehen noch weiter Aber das gehört nicht mehr so sehr hierher, kann bei anderer Gelegenheit weiter verfolgt werden:
Die historische Gaspara Stampa
Wer war sie? Eine der bedeutendsten italienischen Dichterinnen der Renaissance (geboren um 1523 in Padua, gestorben 1554 in Venedig).
Literarisches Schaffen: Sie war eine Kurtisane und führte einen literarischen Salon. Sie gilt als die größte italienische Lyrikerin des 16. Jahrhunderts.
Ihr Werk: Ihre berühmte Gedichtsammlung Rime kreist um die schmerzhafte, unglückliche Liebe zu dem Grafen Collaltino di Collalto.

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  1. Nos, Karolina: Dagny, czyli Jutrzenka. O artystce i muzie – Dagny Juel (zu Deutsch: "Dagny oder Jutrzenka. Über die Künstlerin und Muse – Dagny Juel") 2016 (NiezlaSztuka2016)

Donnerstag, 14. Mai 2026

Gopal Norbert Klein - - - und das von der Aufmerksamkeit völlig Unbelichtete

Gopal Norbert Klein: Was wir von ihm lernen und was uns bei ihm (noch) fehlt

Ein wilder, zugewachsener Garten, davor eine verschlossene Tür.

Abb. 1: Ein verwilderter Garten - hinter verschlossener Tür (Wiki)

Das ist das Bild, das sich uns inzwischen aufdrängt, nachdem wir uns zwei Jahre lang mit Gopal Norbert Klein (Yt2026) beschäftigt haben. Und dieses Bild erscheint uns hilfreich, weiter führend. Für Betroffene ebenso wie für Angehörige und jeden Menschen sonst.

Der Traumatherapeut Gopal Norbert Klein verströmt erstaunlich viel Zuversicht. Er tut es wie kaum ein anderer, der in seinem Themenbereich tätig ist und der zumindest uns bekannt ist. Freilich, zuversichtlich kann jeder sein. Aber selten möchte man Menschen bei so schwierigen Themen wie sie Gopal behandelt, auch ebenso viel Recht zusprechen zu Zuversicht. Gegenüber Gopal sind wie dazu gerne bereit.

Kritisieren kann jeder. Aber wer kann es besser machen? Wer bringt es treffender auf den Punkt?

Gopal Norbert Klein sagt mit großer Zuversicht: Kindheits-, bzw. Entwicklungstraumata können geheilt werden. Es tut immer wieder so gut, ihn mit so großer Zuversicht und so viel Sachkenntnis und aus der Sache selbst geborener Energie sprechen zu hören. Zumal für Betroffene, zumal für Angehörige von Betroffenen. Seit zwei Jahren wird er diesbezüglich für uns hier auf dem Blog immer wieder als sehr hilfreich erlebt.

Seine Zuversicht scheint uns deshalb so berechtigt, weil die Wege, die er zur Heilung aufzeigt, treffsicher, gültig und richtig erscheinen. Und weil sie sich auch wiederholt als solche erweisen. Oft mag man das als Angehöriger noch früher und deutlicher sehen denn als Betroffener selbst.

Und die neueste Erkenntnis für uns ist: Nicht nur als Betroffener, mehr vielleicht noch als Angehöriger kann man für sich selbst erstaunlich viel lernen.

Das letzte, was uns von Gopal besonders beeindruckt hat, ist das von ihm entworfene "Projektions-Schema" (s. Abb. 2). Dieses erläutert er in zwei Video's. Das erste erschien am 16. Januar 2026 (Yt2026), das zweite am 15. Februar diesen Jahres (Yt2026). Wer nach der in diesen Videos gegebenen Anleitung in Gesprächen, Zwiegesprächen vorgeht, könnte schnell feststellen, wie direkt man mit dieser Vorgehensweise auf den Punkt kommt oder kommen kann.

Abb. 2: Projektionsschema nach Gopal Norbert Klein, Januar 2026 (Yt2026)

Was man dann aber auch feststellen könnte, ist, daß das "Auf den Punkt"-Kommen noch gar nicht der letzte Schritt ist, noch gar nicht zwangsläufig eine Lösung darstellen muß. Dieses "Auf den Punkt"-Kommen kann nämlich von dem Traumatisierten fast regelmäßig und fast reflexhaft als Grenzüberschreitung erlebt werden - mit den entsprechenden, damit einhergehenden - gerne auch außerordentlich heftigen - emotionalen Reaktionen. Dies liegt auch daran, daß man als Nichttraumatisierter in der Beziehung zunächst sich selbst, dann aber auch dem Traumatisierten "erklären" will, "wie alles ist", was "los ist" (vor allem beim Betroffenen). Und genau dieses "Erklären" kann dann ebenso wiederum leicht als Grenzüberschreitung erlebt werden: Der Gottesstolz des Menschen, vor allem des europäischen oder nordeuropäischen Menschen wünscht, alles aus eigener Kraft zu erkennen und finden zu wollen. Er nimmt so außerordentlich ungern Rat von anderen, von außen an.

Auch das ist nachvollziehbar, auch diesem Geschehen kann man Verständnis entgegen bringen. Aber als Nichttraumatisierter hat man eben auch genau all diese Fragen und sehnt sich nach einer Klärung. Und man möchte eine solche Klärung durch Gespräch herbei führen. Und dabei kann man auch nicht ständig um den "heißen Brei" herum reden.

Welche Ressourcen gibt es denn?

Nun aber unsere einigermaßen neueste Erkenntnis: Dieses vernunftmäßige "Auf den Punkt"-Kommen scheint - erfahrungsgemäß - noch keineswegs die Lösung selbst zu sein. Und zwar insbesondere dann nicht, wenn auf den ersten Blick gar keine "Ressourcen" erkennbar sind, um diesen Schritt nun nicht nur vernunftmäßig gelassen, sondern auch emotional gelassen und entspannt sehen und gehen zu können. Das heißt: Wenn der traumatisierte Mensch "mit dem Rücken an der Wand" steht - auch und vielleicht sogar gerade durch diese Vorgehensweise und wenn er auch dann noch - wie reflexhaft - mit Streßsystem-Reaktionen reagiert - wie soll das dann Heilung bewirken? Der Betroffene ist es doch gar nicht anders gewohnt. Und es ist doch - womöglich - überhaupt keine "Ressource" erkennbar, auf die er zurück greifen könnte, um - sozusagen - "von einer anderen Ebene aus" auf das Geschehen zu blicken, um - sozusagen - innerlich zu sich selbst auf Abstand gehen zu können. Und auch um auf Abstand gehen zu können gegenüber dem eigenen "Streß-Geschehen" in der eigenen Seele. Und ebenso im eigenen Körper, der ja ein Leben lang - womöglich von Geburt an - an dieses Geschehen gewohnt ist.

Auf welche "Instanz" (im seelischen Geschehen) könnte denn da dann noch Bezug genommen werden? Das Ich steckt mitten in dem Streßsystem drin und reguliert sich allein damit. Und es scheint in der Seele gar nichts anderes zu geben als das.*)

Eine innere Bühne ...

Gopal hatte schon vorher in einem Video vom 10. Januar 2026 schön dargestellt, wie man als Betroffener die Reaktionen des Streßsystems - "bei schwierigen Entscheidungen und inneren Konflikten" - wie vor einer "inneren Bühne" vor sich ablaufen lassen könne, ganz ohne selbst "einzugreifen", ganz ohne sich zu "engagieren", ganz ohne "Partei" zu ergreifen (Yt2026). Auch das ist, wie wir meinen, ein außerordentlich treffendes Bild.

Und man glaubt sofort, daß es doch heilsam sein muß, dieses Bild in sich nachwirken zu lassen. Auch noch in allgemeineren Fällen als in diesem Video behandelt. Wir jedenfalls ordnen für uns dieses Video noch allgemeiner ein als nur bezogen auf "schwierige Entscheidungen und innere Konflikte".

Aber auch dieses Hinblicken auf das Geschehen wie auf einer inneren Bühne setzt ja voraus, daß ich in der Lage bin, innerlich auf Abstand zu mir selbst und meinen Streß-Reaktionen gehen zu können. Aufgrund welcher "Ressource" soll ich dazu aber nun in der Lage sein? Wo ist der Ort in meiner Seele, von dem aus gesehen ich Abstand gewinne zu dem Geschehen, das meine Seele von A bis Z erfüllt?

Diese Frage war für den Verfasser dieser Zeilen bislang nicht wirklich ausreichend geklärt.

Was und wie auch Angehörige aus Traumatherapie - für sich selbst - lernen können 

Aber in Auseinandersetzung mit dem vorstehend Geschilderten sind dem Verfasser dieser Zeilen nach und nach Erkenntnisse zugewachsen, die aktuell auch recht deutlich sein eigenes Leben verändern. Es ist womöglich so, daß "Nicht-Traumatisierte" genau an einem solchen Punkt auch besonders viel über sich selbst lernen können. Denn das Geschehen wirft auf sie selbst die Frage zurück: Hast du denn eigentlich selbst wenigstens jene Ressourcen, die dem anderen hilfreich sein könnten? Bewegst du dich eigentlich selbst in einem Bereich, aus dem heraus dieses unentwegte Aktiviert-Sein des Streß-Systems wie von einer inneren Bühne mit Ruhe und Gelassenheit angeschaut werden kann? Und in dem man sich - geradezu mit Abscheu - von diesem "Plastik-(Streß-)Geschehen" abwendet? Weil es die Aufmerksamkeit völlig von dem eigentlich wesentlichen Geschehen der Seele ablenkt?

Noch im Sommer letzten Jahres war der Verfasser dieser Zeilen mit völligem Unverständnis vor genau dieser Frage gestanden: Ja, wenn das Streßsystem so unentwegt aktiviert ist, daß daraus chronische Erschöpfung entstehen kann: Woran erkenne ich das eigentlich im Alltag, daß es aktiviert ist? Er konnte es nicht "sehen". Er war wie "blind", er war wie vor den Kopf geschlagen. Obwohl er unbewußt, halb bewußt oder gar bewußt mit einigem Nachdruck danach suchte. Es mußte ja schließlich irgendwo sein und sich äußern. Und nicht nur in den eher seltenen Momenten, wo in einer Beziehung plötzlich alles kippt, wo mit einem mal und plötzlich große Uneinigkeit und Streit entsteht, der dann für den gegebenen Moment nur noch schwer scheint, wieder geglättet werden zu können.

Insbesondere in Urlaubszeiten ist es gut möglich, seine Aufmerksamkeit in Richtung dieser Frage zu lenken. Weil man hier für längere Zeit nicht abgelenkt ist und weil man über längere Zeit ununterbrochen zu zweit ist und deshalb besonders gut dieser Frage hinterher horchen kann. Und so war auch der Stand des Verfassers dieser Zeilen im letzten Sommer. Er "sah" nichts (außer in selteneren Streitfällen).

Eine wesentliche Einsicht bahnt sich an ...

Aber jetzt im Januar, Februar und März diesen Jahres bahnte sich - in Auseinandersetzung mit den genannten Videos von Gopal und in Auseinandersetzungen innerhalb der Beziehung (also "im Kontakt") - für den Verfasser dieser Zeilen eine Lösung an. Er nahm plötzlich zum ersten mal wahr, wie geradezu "unentwegt" dieses Streßsystem beim Betroffenen aktiviert ist. Wie es gar nicht anders kann als aktiviert zu sein. Und zwar von der ersten wachen Minute des Tages an bis zum Einschlafen am Ende des Tages. (Wobei auch das Einschlafen selbst - aufgrund der ständigen Aktivierung des Streß-Systems - sehr schwer sein kann.) Er nahm wahr, wie es in der Seele gar nichts anderes gibt als dieses Streßsystem.

Eine krasse Erkenntnis. Er konnte dies wahrnehmen, denn er hatte nun eine innere Bühne, von der aus ihm das wahrnehmbar geworden war.

Das war eine ungeheuerlich anmutende Erkenntnis. Diese Erkenntnis wirft einen aber nach und nach auch unglaublich stark auf einen selbst zurück (obwohl man nur Angehöriger eines Betroffenen ist). Insbesondere nachdem sichtbar geworden war, daß all das "Erklären", das man dem anderen offenbar geradezu "aufnötigen" wollte, das dieser jedenfalls als "Aufnötigung" erlebte, sich immer nur kontraproduktiv auswirkte, sprich, die Beziehung untergrub und zerstörte.

Aber es keimte nun der Verdacht auf und wurde nach und nach zum ersten mal völlig sichtbar, daß man in einer Beziehung acht Jahre lang fast ausschließlich mit "Streßsystem" zu tun gehabt haben könnte. Daß man Jahre lang (ohne daß man sich dessen auch nur ansatzweise bewußt gewesen war) auf dieses Streßsystem starrte. Wie die Maus auf die Katze. Und daß man gar nichts anders "sah" - weder in sich noch im anderen. Wie hypnotisiert. Die eigene Seele hatte einen "Schlafsack" über sich gezogen, sie war ein plappernder Toter geworden, es gab gar kein echtes seelisches Erleben in ihr mehr. Sondern bestenfalls "Scheinerleben". All das wurde einem - zum Teil nach und nach, zum Teil plötzlich - klar.

Das aktivierte Streßsystem des anderen war einem Jahrelang unbewußt sehr willkommen gewesen. Denn es stellte keine "Gefahr" für den eigenen Zustand dar. Es war vielmehr geradezu eine "Hilfe" dabei, den eigenen Zustand weiter aufrecht zu erhalten, weiter in der eigenen "Schläfrigkeit", seelischen Apathie, Anteilnahmslosigkeit, seelischen Unaktiviertheit zu bleiben und dahin zu leben (wofür der Verfasser dieser Zeilen sich wohl seit der Mitte seines vierten Lebensjahrzehnts allzu ausschließlich entschieden hatte).

Das von der Aufmerksamkeit völlig Unbelichtete ...

So entstand in einem das innere Bild, daß sich da in einer Beziehung zwei auf der Ebene von Streßreaktionen aneinander abarbeiten und nur auf dieser Ebene überhaupt unterwegs sind - viele Jahre lang - und daß es da ganz verborgen und im Hintergrund irgendeine Tür gäbe, einen Ausgang gäbe in einen Garten. Die Jahre oder Jahrzehnte lang völlig außerhalb des Lichtkegels der Aufmerksamkeit lagen. Und daß dieser Garten hinter dieser Tür vollkommen verwildert wäre, vollkommen verwuchert, vereinsamt, verlassen wäre. Weil niemand diese Tür überhaupt sah, geschweige denn sie öffnete. Weil die Tür selbst ganz verstaubt war und voller Spinnweben. Denn niemand hatte sie seit Jahren benutzt.

Es war - und ist - das im ersten Moment ein ungeheures Geschehen. Als der "Nichttraumatisierte" in seiner Beziehung nahm man zum ersten mal wahr, in welcher Weise man selbst zur Stabilisierung des Geschehens und des Systems beitrug. Man nahm wahr, wie man es sich selbst allzu willig gefallen ließ, daß in ständiger Auseinandersetzung mit diesem Streßsystem diese Tür dort hinten in den Garten hinaus gar nicht in den Blick kommen konnte, gar nicht sichtbar wurde. Daß man sich durch dieses Starren auf das Streßsystem allzu willig davon ablenken ließ.

Und es war ein höchst sonderbares Geschehen: Genau in dem Augenblick, in dem man - aufgrund all dieser Ahnungen und Erkenntnisse - die eheliche Gemeinschaft mit dem geliebten Menschen aufgab, genau in diesem Augenblick spielte der eigene Körper völlig verrückt. Mehrere Wochen lang reagierte er mit ganz ekelhaften, außerordentlich lästigen, riesigen Nasenpolypen (wie man sie schon seit mehr als zehn Jahre nicht mehr kannte). Und er hatte ständiges Hautjucken am ganzen Körper. Es war, als wollte der Körper sagen: Ich will in dem Zustand bleiben, an den ich mich in den letzten zwanzig Jahren gewöhnt habe. Es war, als wolle der Körper sich gegen seelische Veränderungen "aufbäumen".

Nutzlos, lieber Körper. Du mußt.

All das begann etwa ein oder zwei Wochen vor Ostern (Ende März) und hat sich etwa einen Monat lang hin gezogen (bis Ende April). Eine verdammt schlimme Zeit.

Einsamkeit ist möglich

Man hatte gemerkt: Man braucht "Abstand" zu dem geliebten Menschen. Man mußte allein sein. Während man sich in den vielen Jahren zuvor, ja, über zwei Lebensjahrzehnte hinweg immer und immer wieder wunderte, warum man gar nicht allein sein konnte (was man als Jugendlicher und junger Erwachsener bis etwa zum 35. Lebensjahr sehr gut konnte), entstand nun zum ersten mal - nach Jahrzehnten - in einem eine Sehnsucht nach Einsamkeit, eine Sehnsucht danach, auf sich selbst zu hören, nur noch auf sich selbst zu hören, in sich hinein zu hören, eine Sehnsucht, nur mit sich selbst im Einklang zu sein, nur seinen eigenen Empfindungen, Befindlichkeiten gegenüber aufmerksam zu sein. Sich selbst der beste Freund zu sein. Und nicht ständig mit der Aufmerksamkeit bei jemand anderen zu sein.

Es entstand eine Sehnsucht, die verstaubte Tür zu dem Garten dahinter zu öffnen und zunächst, ja: den Verwesung-Gestank abziehen zu lassen, der mit dem Öffnen dieser Tür plötzlich wahrnehmbar war. Lagen doch Tote hier im Keller: Man selbst. Und all die eigenen, vergeudeten Lebensjahre. 

Man merkte plötzlich, daß man all die Jahre über - zwei Jahrzehnte über - völlig "im außen" war. Man hatte seiner Seele einen Schlafsack über gezogen, eine "Schutzhülle". Die eigene Seele hatte sich wie in einen Kokon zurück gezogen. Und der eigene Körper und die eigene Vernunft waren nur noch im außen - sozusagen "materialistisch" - sichtbar. Für einen selbst und für andere. Man selbst - das eigene Ich - "lebte" gar nicht mehr. Man selbst, das eigene Ich hatten eine Tür zugestoßen und hatten die eigene Seele als einen absolut haltlos verwilderten Garten ganz weit hinten, fast unsichtbar für die eigene Seele hinter sich gelassen.

All das kam der eigene Seele sehr gelegen, denn nun mußte sie nicht mehr den ständigen tiefen Zwiespalt erleben gegenüber einer abgestumpften, unlebendig gewordenen menschlichen Mitwelt, die heute so allgemein vorherrschend geworden ist.

Aber genau dieser "Garten" nun erscheint uns als die Ressource, um die es geht, um die es allein gehen kann.

Schon als Nichttraumatisierter zu diesem Garten hinzufinden in einer Zeit, in der alle Menschen abgestumpft und seelenlos dahin vegetieren, scheint schwer genug zu sein. Aber wie erst soll ein Traumatisierter zu diesem Garten hinfinden, wenn er in seinem Leben nur auf abgestumpfte, seelenlos dahin lebende Menschen stößt? Und mögen sie noch so sehr in Biomärkten einkaufen, naturgewaschene Baumwoll-Kleidung tragen und - angeblich - auch sonst ihre Seele pflegen. Wo täten sie das denn? Sähe die Welt nicht anders aus, wenn sie es wirklich täten? - ???

Aber das sollen an dieser Stelle nur Randfragen sein. An dieser Stelle geht es um etwas anderes.

Eine gotterfüllte Kindheit

Wir fragen uns nun: Kinder werden gotterfüllt geboren. Ihre Seele ist - unbewußt - vom Göttlichen durchflutet. Jeder, der Kinder mit wachen Augen ansieht, sieht das. Sie sind voller Güte, voller Aufgeschlossenheit für das Leben, voller Neugier, voller Anteilnahme. Sie sind völlig bei sich. Von ihnen geht so viel Gutes aus. Man möchte diese trippelnden, kleinen Kameraden ein Leben lang bei sich behalten, ruht ihr Dasein und ihr Seelenfrieden doch wie ein Segen auf dem eigenen erwachsenen Leben. Vorfeierzeit des Lebens nannte das eine frühe deutsche Traumatherapeutin und Evolutionäre Psychologin (1).

(Die Menschen wissen gar nicht, was sie sich selbst nehmen, wenn sie Kinder in Krippen und Kindergärten "abschieben" während der schönsten Lebenszeit, die sie mit Kindern haben können. Und damit ist noch nichts darüber gesagt, daß sich Krippen und Kindergärten, Fremdbetreuung nicht nur schlecht für sie selbst, sondern mehr noch für die Kinder auswirkt. So ziehen eben seelisch abgestumpfte Menschen neue seelisch abgestumpfte Menschen heran. So ist es offenbar gewollt und alle machen mit.)

Aber wie ist es mit Kindern, die ein Entwicklungstrauma, ein Kindheitstrauma erleben? Sind sie auch so gotterfüllt? Wir glauben ja. Auch durch sie hat sich in ihrer Kindheit - unbewußt - Gott offenbart. Auch sie waren - in ihrer Kindheit - von Gott erfüllt. Auch ihre Seele kannte diesen blühenden, schwingenden, lebensvollen, lebendigen Raum und Garten des Lebens. Dieser Garten war immer da. Aber es war zugleich - von Anfang an - diese Streßaktivierung da. Wie mag sich das auswirken bis heute?

Die genannte Evolutionäre Psychologin geht von einer naturgewollten Einsargung der Menschenseele, einem naturgewollten seelischen Abstieg der Menschenseele während des Heranwachsens aus (1). Dies ist durch die Wissenschaft bestätigt worden: Während Kinder mit drei Jahren nicht lügen "können", lernen sie es bis zum sechsten Lebensjahr "natürlicherweise" (2). Sie lernen damit auch, daß andere lügen können. Sie lassen sich auf das gesellschaftliche Spiel unseres Lebens ein. Genau das heißt Erwachsenwerden: Seelischer Abstieg. Eine Tür nach der anderen in den Garten des lebendigsten Lebens wird verschlossen. Die Pubertät ist der Höhepunkt dieses "Verschließens" gegenüber dem Göttlichen - wenn anfangs auch noch sehr oft jugendliche Lebendigkeit und Begeisterungsfähigkeit dieses Verschließen sozusagen verhüllen. Aber diese jugendliche Lebendigkeit und Begeisterungsfähigkeit verfliegen in der Regel nach und nach im Laufe des Lebens, spätestens zur Zeit des Berufseintritts, spätestens zur Zeit der Familiengründung.

Und dann zeigt sich, wie es um die Menschen wirklich bestellt ist: Die Gesichter verhärten sich, die Seelen verschließen sich. Lügen und Lügen Durchschauen. Täuschen und Täuschen Durchschauen stehen im Vordergrund. Häme macht sich breit, Zynismus, ätzende Säure, Verbitterung, Hohn. Und bei Menschen, die irgendwann einmal mehr wahrgenommen hatten, aber im Angesicht dieses gesellschaftlichen Spieles nicht die Kraft zur Selbstbewahrung aufrecht erhalten haben, mögen sich allzu schlaffe Gesichtszüge einstellen.

Nur wenige erhalten sich ihre seelische Lebendigkeit oder gewinnen sie nach und nach - auf mitunter holprigen, schwer zu gehenden Wegen - zurück.

Und die Traumatsierten? Wo knüpfen diese an? An ihre gotterfüllte - aber völlig einsame - Kindheit? Diese Frage ist für uns noch nicht völlig geklärt. Aber an dieser Stelle steht nun unser Nachdenken.

Es scheint uns folgendermaßen zu sein: Um so mehr traumatisierte Menschen auf seelisch lebendige, wache Menschen treffen, um so leichter sollte ihnen wahrnehmbar sein, daß sich ihrem seelischen Erleben da ständig das aktivierte Streßsystem wie eine "Kühlerhaube" vor die Nase setzt, ständig. Wenn sie in die Wahrnehmung dieses Geschehens kommen, werden sie nach und nach mehr nach dem fragen, was dahinter liegen könnte. 

Aber zuvor gilt es auch, mühsam über die Leichen im Keller zu stolpern - und allerhand ungute Gefühle auszuhalten, die da aus dem Körper heraus hervorquellen. All das Leichengift ... 

/ So weit schrieben wir bis 27.4.26. / 

Da bleibt ja "nichts" übrig ...

Nun noch eine kleine Ergänzung (14.5.2026) - Was man sich immer wieder viel zu wenig klar macht und worauf man nach und nach immer besser hinhören könnte: Für die meisten sogenannten "Probleme" gibt es gar keine realen Gründe. Es gibt gar keine realen Probleme. Insofern gibt es auch keine realen Lösungen.

Es gilt deshalb: All die "Probleme" mit sich selbst und mit anderen einfach nur ausklingen lassen, sie nicht "lösen" wollen, nicht nach "Antwort" suchen, sich nicht in irgendeiner Weise "engagieren" wollen, nicht für irgendeine Seite "Partei ergreifen" wollen, nicht nach "Schuld" fragen, nicht "anklagen", nicht "entschuldigen". Diesem ganzen "Bohai" größtmögliche Gleichgültigkeit entgegen bringen.

Natürlich bleibt dann vermeintlich nicht mehr viel übrig. Aber das darf eben infrage gestellt werden, ob da nicht viel übrig bleibt. Das, was dann "übrig" bleibt und wie "Nichts" aussieht, das könnte ja dann - plötzlich - doch eine ganze Menge sein. Wer weiß das schon? Es sieht halt vielleicht nur sehr leichenblaß - und deshalb völlig unscheinbar - aus, dieses "Nichts".

Aber es könnte ja das sein, was von Seiten des Streßsystems so sehr ins Dunkle gedrängt worden ist, daß es sich noch nie hatte entwickeln können. Und dennoch wäre es eben doch dasjenige, was nicht halluziniert, nicht projiziert. Aber weil es wie "Nichts" aussieht (für das so außerordentlich vielfältig projizierende und sich dabei sehr "lebendig" fühlende Ich), wird es null Komma null überhaupt wahrgenommen.

Das ist im Grunde sehr schade.

Deshalb: Dieses Pflänzchen, das "Nichts" möge aufkeimen. Es möge Licht da ran kommen, es möge frische Luft da rankommen, es möge in den Lichtkegel der Aufmerksamkeit hinein kommen. Es möge darin stärker werden, erstarken. Denn es liegt wie scheintot in uns, unlebendig - - - wie Nichts. Wie eine Leiche im Keller.

Zwei "Systeme" in der menschlichen Seele

Noch eine Ergänzung (30.5.2026): Soweit wir das überblicken, scheint es zwei "Systeme" in der menschlichen Seele zu geben. Ein System, das wir einmal "Streß- und Bedürftigkeits-System" nennen möchten. Dieses kann bei Traumatisierten ebenso wie bei Nichttraumatisierten in der einen oder anderen Form über Jahre und Jahrzehnte hinweg im Vordergrund stehen, weitgehend allein "aktiv" sein und das Leben bestimmen. Wenn dieses System aktiviert ist und weitgehend allein vorherrschend ist in der Seele, stehen diverse Bedürfnisse im Vordergrund, man kann das System auch nennen eine Art "Suchtverhalten", es gibt Sucht nach Bedürfnisbefriedigung und - oft - (gerade auch bei Traumatisierten) "Sucht nach Streß". Weil dieser Streß oft als Normalzustand erlebt wird, als seelische Heimat, die aus Gewohnheit immer wieder aufgesucht wird und weil etwas anderes auch gar nicht bekannt ist oder oft auch nicht einmal ansatzweise in das Gesichtsfeld jemals trat oder tritt. Wenn dieses System aktiviert ist, ist man in einer Art "Traumwelt", ist im Außen, ist mit seiner Aufmerksamkeit ständig bei anderen, ist gar nicht richtig bei sich selbst und gar nicht richtig "vor Ort" und auch - sozusagen - gar nicht in der "Jetztzeit".

Und dann könnte es noch ein zweites System in der menschlichen Seele geben. Dieses System würde heißen: "Bei sich selbst ankommen", "sich selbst wahrnehmen", "sich selbst der beste Freund sein", den Antrieben zur Bedürfnisbefriedigung mit Ruhe und Gelassenheit gegenüber stehen, ihnen jeweils im einzelnen in Ruhe sagen: ja, du darfst sein, nein, du bist jetzt nicht das, von dem ich möchte, daß es im Vordergrund meines seelischen Geschehens steht. In Ruhe wägen und auswählen, was ich möchte, was da ist und was nicht. Insbesondere in Bezug auf "Bedürfnisse" und "Bedürftigkeiten". Dadurch wird das "Getriebensein", das "Reflexhafte", das "Getriggerte" mit einem mal ausgehebelt und an seinen Ort zurück gestellt, an den es gehört. Nämlich: in die zweite Reihe. Erst dann, wenn ich bei mir selbst bin, darf auch dieses Getriebensein - und zwar dann, wenn ich es will und in dem Ausmaß, in dem ich es will - in den Vordergrund treten. Vorher nicht. Nicht das Getriebensein soll mich beherrschen, sondern ich beherrsche das Getriebensein.

Die erste Voraussetzung dazu ist eine große Ruhe und Gelassenheit. Die erste Voraussetzung dazu ist ein "Bei-sich-selbst-Ankommen". Die erste Voraussetzung dafür ist das Gefühl der tiefen Befriedigung, sich selbst der beste Freund zu sein, mit sich selbst in bester Freundschaft zu stehen.

/ Letzte Änderungen: 19. und 30.5.26 /

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*) Es ist vielleicht von Interesse, daß die Evolutionäre Psychologin Mathilde Ludendorff das seelische Geschehen im Menschen bestimmt sieht von einem "Widerspiel" zwischen dem "gottahnenden Ich" in der Menschenseele einerseits und dem "gottverlassenen Selbsterhaltungswillen" in derselben andererseits. Und es wird ja sofort erkennbar, daß elementare Streßreaktionen aller Art Ausdruck des Selbsterhaltungswillens der Menschenseele sind. Mit dem Begriff "gottverlassener Selbsterhaltungswille" wird im Grunde sehr gut gekennzeichnet, daß solche Streßreaktionen in keinerlei Bezug mehr stehen brauchen zum Gotterleben der Menschenseele, und daß das Ich der Menschenseele im Grunde nur noch Zuschauer und Befehlsempfänger des Streßgeschehens in der eigenen Seele ist, daß dieses Ich "verklavt" ist an dasselbe. Wobei es aber zugleich der Illusion erliegt, daß das alles doch sehr, sehr "lebendig" wäre.

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  1. Ludendorff, Mathilde: Des Kindes Seele und der Eltern Amt. Eine Philosophie der Erziehung. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (EA 1930) (Archiv)
  2. Meinecke, Erich: Der Wille zur Wahrheit im Kind. In: Mensch&Maß, Jg. 2000

Montag, 21. Juli 2025

Vom Stolz der Menschenseele

Und was dieser mit Traumaheilung zu tun hat

Adler - Ausdruck von Stolz

Die Herangehensweise des Traumatherapeuten Gopal Norbert Klein im Zusammenhang mit der Heilung von Kindheitstraumata ist schon seit mehr als einem Jahr Thema hier auf dem Blog (s. z.B. Stg24). Gopal stammt aus Wiesbaden und Gießen. Er hat selbst ein Kindheitstrauma erlebt. Er hat sich in Auseinandersetzung mit diesem zum Traumatherapeuten entwickelt. Er scheint uns wesentliche Antworten auf all die ungelösten Fragen zu geben, die der Hirnforscher Gerhard Roth in seinem Vortrag "Wie das Gehirn die Seele macht" von 2013 noch als weitgehend ungeklärt dargestellt hatte.

Nämlich: Kann man Kindheitstraumata überhaupt heilen. Gopal sagt: Ja. Und zwar: "Durch Kontakt". Das ist die wesentliche Botschaft. Durch Kontakt, durch "ehrliches Mitteilen" und durch Hören auf das, was gesagt wird und wie sich mitgeteilt wird. Wenn man sich auf diesen Weg begibt, kann man immer wieder neue Entdeckungen machen. 

"Wie du jede Psychotherapie scheitern läßt - Kontextwechsel, Kulissenschieben, Reframing"

Immer einmal wieder sehen wir deshalb in die Video's oder Interviews mit Gopal Norbert Klein hinein. Das hier eingestellte Video (1) habe ich mir vor einigen Wochen - zunächst ein wenig gleichgültig - angesehen. An der Stelle, wo ich es einsetzen lasse (bei Minute 6), habe ich schon damals ein bisschen mehr aufgehorcht. Ich habe mir gedacht: Wow, mit was für krassen Fällen Therapeuten beschäftigt sein können. 

Aber so wirklich auf eigene Erfahrungen habe ich das damals nicht beziehen können oder höchstens - wie ich mir damals dachte - "in groben Zügen".

Zum Beispiel hatte ich bis dahin nie so recht für mich verstanden, wie ich mir die Strategie "Manipulation" in Aktion und Reaktion eigentlich konkret vorstellen sollte. So dachte ich damals. Traumatherapeuten sprechen ja von drei bis vier verschiedenen, tief in der tierlichen Evolution und damit im Stamm- und Zwischenhirn angelegten, körperlichen und seelischen Strategien, mit "Todesgefahr" umzugehen: Angriff, Verteidigung und Totstellen (Erstarrung), sowie - mitunter als vierte Strategie genannt: Manipulieren, Tricksen. Die drei erstgenannten kann man sich ja ohne Schwierigkeiten vorstellen. Aber was soll "Manipulieren", Tricksen in Todesgefahr bedeuten? Hier war nun einmal ein sehr konkreter Ausschnitt von "Manipulationsmöglichkeiten" sehr anschaulich beschrieben: Den Gegner oder das projizierte "gefährliche" Gegenüber in die Irre führen, Tarnen und Täuschen, Antäuschen, Ausweichen, Angriffe ins Leere laufen lassen, Tricksen. Und zwar kann das alles für alle Beteiligten völlig unbewußt stattfinden. Es wird aber schon deutlich, daß die Überlebensstrategie Manipulation schon etwas mehr benötigt als nur Stamm- und Zwischenhirn, um ausgeführt zu werden. Da kommen offenbar auch höhere Gehirnregionen mit ins Spiel, die verdammt schnell reagieren können.

Vor einigen Tagen jedenfalls kam mir genau dieses Video wieder in den Sinn. Es hatte einige Enttäuschungen in meinem Leben gegeben. Alte Strategien (Handlungsstrategien) "fruchteten" nicht mehr. Tagelang fühlte ich mich deshalb wie ohnmächtig, funktionierte nur noch wie eine Maschine, wollte über nichts mehr nachdenken. Bis allmählich so der eine oder andere neue, weiterführende Gedanke "wie von selbst" in die Wahrnehmung kam.

Und in diesem Zusammenhang fiel mir dann auch dieses Video wieder ein. Und plötzlich machte alles so viel mehr Sinn. Das, wovon in diesem Video die Rede ist, war - und ist - meine Jahre lange Erfahrung gewesen. Nein, meine Jahrzehnte lange Erfahrung gewesen mit nahen Angehörigen.

Ich habe jetzt lange auf Youtube gesucht, um dieses Video wieder zu finden.

Ich finde: In diesem Video kommt der Gopal auf Themen zu sprechen, von denen er sonst relativ selten - zumindest so direkt und anschaulich - spricht. Aber für mich sind diese Dinge ein wichtiger Schlüssel.

Es ist der Menschenstolz der Menschenseele

Und indem ich die Inhalte dieses Videos weiter dachte, schrieb ich mir vor zwei Tagen (am 19. Juli 2025) auf:

Jemand müßte dem Gopal Norbert Klein einmal sagen, daß es der Menschenstolz der Menschenseele ist, der sich in der Nähe des Erlebensbereiches der Menschenwürde bewegt (von der schon im Artikel 1 des Grundgesetzes die Rede ist), und die zum Beispiel von der Psychiaterin Mathilde Ludendorff oder von dem Philosophen Peter  Sloterdijk als so wesentlich angesehen werden (von Mathilde Ludendorff "Gottesstolz" genannt, Sloterdijk spricht von "thymotischen Energien"), daß diese Erlebensbereiche von Stolz und Würde sehr oft Heilungsvorgänge verhindern, weil sie alle die manipulativen Vorgänge, die Heilungen verhindern, befördern, daß sie aber auch, wenn es in glücklicher Zeit zu ehrlicher Mitteilung dieser Erlebensbereiche kommt, erste authentische, ehrliche Mitteilungen in die Kommunikation einfließen läßt. Oft zunächst als Empörung. Was dann wiederum heilsam sein könnte. Der Gottesstolz möchte immer Herr der Situation bleiben*), sehr, sehr gerne auch einmal auf Kosten ehrlicher Mitteilung und auf Kosten der Wahrheit und damit - unbewußt - auf Kosten körperlicher und seelischer Gesundheit. Nämlich indem er sich selbst und andere "manipuliert".

Wie kann ich reagieren? - Im Innern Abstand schaffen zwischen mir selbst und der Situation

 14./28.2.26 / Es sollen noch weitere Ausführungen, bzw. Einsichten zu dem Thema hier festgehalten werden. In Anwendung der Erläuterungen eines neuen Videos von Gopal (Yt2026) (5) kann einem bewußt werden: Die (projizierte) Wahrnehmung von "Angriff" (auf das eigene Selbst) muß sich nicht nur auf körperlich-physische Angriffe beziehen, sondern kann auch als "Angriff" auf den Gottesstolz, auf das Selbstwertgefühl, auf die Erfahrung, "Herr der eigenen Situation" zu sein und zu bleiben, wahrgenommen werden (hier vor allem vorwiegend als Vorstellung, als Projektion gemeint). Falls ein solcher projizierter Angriff als solcher wahrgenommen wird, reagiert das halbautonome Streßprogramm fast automatisch mit "Gegenangriff". Dieser besteht dann "ebenfalls" in "Herabwertung". Im Miteinander kann das dann leicht zum Aufschaukeln von Wut- und Streßprogrammen führen.

Was wäre die Lösung? Wird eine Situation als "Angriff" wahrgenommen, kann das eigene Ich innerlich auf Abstand zunächst zur eigenen unmittelbaren Reaktion, zum eigenen unmittelbaren "Reflex" gehen ebenso wie es innerlich auf Abstand gehen kann zur Situation selbst. Es kann zunächst einmal genau beobachten: Was genau geschieht? Was passiert wirklich? Wer sagt genau was? Was ist damit gemeint? Und nachdem es auf diese Weise ruhig und gelassen zu einer Einschätzung der Situation insgesamt gekommen ist, kann das eigene Ich zu sich selbst sagen: "Ich" "bin" nicht diese Situation. Ich bin etwas anderes. Ich gehöre nicht - zwangsläufig - zur Situation. Das was in dieser Situation an "Nichtrespektieren meiner Person" zu geschehen scheint, muß gar nichts mit mir zu tun haben. Es hat auch gar nichts mit mir zu tun. Ich gebe mir selbst meinen Wert oder Unwert. Ich selbst lasse nicht zu, daß diese Zuschreibungen durch andere geschehen. Ich habe das letzte Wort über mich selbst. Ich sage vielmehr mit Theodor Fontane zu mir selbst:

Es kann die Ehre dieser Welt
Dir keine Ehre geben.
Was dich in Wahrheit hebt und hält,
Muß in dir selber leben. 

Und wenn es so durch ruhige Beobachtung der eigenen Situation und der Wahrnehmung des eigenen Ichs und des eigenen Wertes zu einer ruhige Einschätzung der Gesamtsituation gekommen ist, kann das eigene Ich sich auch von dieser Gesamtsituation insgesamt ruhig abgrenzen, absetzen, entfernen. 

Und zwar eben dann nicht durch reflexhaftes "Zurück-Schlagen", sondern indem es einfach - zum Beispiel - einfach ruhig mitteilt: "Ich fühle Wut." Dann ist das eigene Selbstwertgefühl in Schutz genommen, dann ist der eigene Stolz in Schutz genommen, ohne daß deshalb Mitmenschen blindwütig angegriffen werden müssen. Und die Mitmenschen freuen sich - in der Regel - über diese ruhige Wut. Sie freuen sich, von Emotionen zu hören, sie freuen sich, daß sie ein Gegenüber haben, mit dem sie kommunizieren können, und das sie an sich selbst teilhaben läßt. (Letzteres ist alles bei reflexhaften Streßreaktionen vollkommen ausgeschlossen.) Und so kommt dann ein gedeihliches Miteinander zustande, in dem das Selbstwertgefühl des einen frei und selbstbewußt neben dem Selbstwertgefühl des anderen bestehen kann, ohne daß es zu Streßreaktionen kommen braucht.

Wenn der Gottesstolz sich aber mittels einer reflexiven Streßreaktion nicht ruhig abgrenzt, sondern nervös, hektisch und aufgeregt "wehrt", wird sehr viel Unruhe auch in das Leben des anderen hinein getragen. Es kann vorkommen, daß das Gegenüber nun auch seinerseits viel stärker im "Kern" von dessen eigener Persönlichkeit getroffen fühlt als das in anderen Fällen von alltäglichem Abgrenzen und ruhigem Zurückweisen von Zuschreibungen der Fall ist. Das nicht-traumatisierte Gegenüber mag sich dann darüber wundern, daß es sich nun seinerseits in einem solch starken Umfang verletzt und erregt fühlt. Ein solches Aufschaukeln von Wut- und Steß-Programmen kann ein gedeihliches Miteinander von Menschen bis in den Grund hinein zerstören.

Gerade auch deshalb ist die Methode des ehrlichen Mitteilens nach Gopal Norbert Klein so wesentlich. Weil diese implizit dazu angetan ist, "Gegenangriffen" zu vermeiden. Es muß aber die Erkenntnis hinzutreten, daß das traumatisierte Ich sich nicht nur körperlich-physisch angegriffen fühlen muß, sondern daß es eben auch einen sehr empfindsamen Stolz geben kann, der Angriffe wahrnimmt, auf die er wie in Lebensgefahr reagiert.

Übrigens dürfte es sinnvoll sein, in solchen Fällen alles langwierige "Rechtfertigen" und "Erklären" zu unterlassen. Denn klar ist: Unter Menschen, die sich untereinander gut voneinander abgrenzen können (die also nicht traumatisiert sind), muß man sich gegenseitig nicht "wie ein rohes Ei" behandeln und kann dann auch gut und gerne von einer "Grenzüberschreitung" zur nächsten weiter gehen, ohne daß sich jemand verletzt fühlen muß. Das kann in Übermut, "Tollheit" und "Dreistigkeit" oft unter Menschen statthaben, die einander vertraut sind und sich deshalb auch voll gegenseitig vertrauen. Weil sie einerseits wissen, "daß es nicht so gemeint ist", und weil sie andererseits lässig ihnen unzulässige Zuschreibungen von sich auf Abstand halten können.

Übrigens kann das zugleich auch als ein Zeichen von tiefgegründetem Urvertrauen schon im Mitteinander mit Babies und Kleinkindern gelten: Wie "toll" und "dreist" können gegenseitig "Grenzen" übertreten werden, ohne daß der Spaß und die Freude am Miteinander dabei verloren gehen.

Anhang

Noch einiges zu den beiden erwähnten Philosophen.

Peter Sloterdijk

Wir haben mindestens zwei Beiträge veröffentlicht zu seiner Sicht auf "thymotische Energien". Wir haben dabei hervorgehoben, daß Sloterdijk seine Sicht prägnanter in einem Cicero-Interview geäußert hat als in seinem ganzen Buch "Zorn und Zeit" (Stg07aStg07a). Sloterdijk sagt zum Beispiel die schönen Worte:

Der Stolz kommt allem Nötighaben zuvor, er ist die im Sein selbst gesetzte Tendenz, geltend zu machen, was man will und was man kann. Und wenn das zu sehr deformiert, entstehen ressentimenthafte Ausbildungen des Stolzes.

Schon die Psychiaterin und frühe Evolutionäre Psychologin Mathilde Ludendorff (1872-1966) hat diesem, von ihr "Gottesstolz" genannten Phänomen viel Bedeutung zugesprochen für das Schicksal jeder einzelnen Menschenseele (2) (Archiv).

Mathilde Ludendorff

Sie war selbst während des Ersten Weltkrieges als Psychiaterin sehr intensiv mit Kriegstraumata beschäftigt und führt unter anderem auch deshalb aus, daß der Gottestolz in physischer Todesnot oder in sonstigen traumatischen Zusammenhängen "Boten" an das Unbewußtsein senden kann, die dann "lebenslang" Traumafolgen bewirken können auf körperlicher und/oder seelischer Ebene (heute würde man sagen: "Programmierungen", "Reflexe"). Und auf diesen Ebenen können sie dann oft Jahrzehnte lang völlig unverändert in immer derselben Weise fortwirken und ausgelöst werden. Weil ein bestimmtes Erleben oder Verhalten ins Unterbewußtsein "verdrängt" worden ist und dort doppelt weiter wirkt, anstatt daß es zurück ins Bewußtsein geholt wird und neuen Bewertungen unterzogen wird, so daß neue "Programmierungen" alte überlagern können. 

"Ich fühle mich unsicher, ich habe Angst, ich erlebe Todesgefahr. Ich erlebe keine Sicherheit," sagt - unbewußt - der Gottesstolz. "Ich bin nicht Herr der Situation. Ich muß Herr der Situation bleiben und darf niemanden heran lassen." "Ich muß tricksen, ich muß täuschen, sonst gerate ich in Gefahr."

Der Gottesstolz ist vermutlich - zumindest bei manchen Menschen  etwas sehr besonderes. Und jeder, der diesem Gottesstolz zuhört, ihm hinterher lauscht, ihn im Wesenskern zu verstehen sucht, mag als heilig erachtet werden. Jeder, der ihm zuhört sowohl dann, wenn dieser Stolz auf dem manipulativem und zerstörerischen Wege unterwegs ist oder aber auch dann, wenn er sich von äußeren Zuschreibungen, auf die er reflexhaft reagiert, frei macht und dadurch - sich selbst und andere Mitmenschen - im wahrsten Sinne des Wortes "befreit": Befreit zu Würde und Anstand - anstatt zum Kriechen im Taumel der eigenen Unwürdigkeit.

Fast "ohne Rücksicht auf Verluste" zerstört ansonsten dieser Gottestolz, weil er glaubt, er müsse Herr der Situation bleiben und das ginge nur durch Streßreaktion und gebahnte Reflexe. Ihm ist es in solchen Situationen "unerträglich", sich "unterwürfig", ohnmächtig zu zeigen, sich der Situation nicht gewachsen zu zeigen.

Der Gottesstolz mag als ein Recke aus uralten Zeiten gekennzeichnet werden. Denn schon aus jeder uralten Isländer-Saga mag er geradezu kraftvoll und unbeugsam hervor leuchten.

Abb. 2: Gorch Fock (1880-1916)

So schrieb der Verfasser dieser Zeilen in groben Zügen vor zwei Tagen (heute und am 18.10.25 und am 28.2.2926 noch einmal etwas überarbeitet, weil einem immer wieder einmal dazu neue Gedanken kommen).

Gorch Fock

Und heute kommt uns auch noch in den Sinn: Vielleicht hatte der Hamburger Schriftsteller Gorch Fock (1880-1916) eine Ahnung von der großen Bedeutung dieses Stolzes - sowohl im "freien" Zustand wie im "gefangenen, unfreien" Zustand - als er irgendwann als Eintrag in sein Tagebuch schrieb:

"Mein Herz, sei streng und halt dich frei von Dünkel und von falschem Stolz! Sei gütig, mein Herz, und beschenke dich immer mehr mit echtem, freiem Stolz."

Dieses Zitat hat sich der Verfasser dieser Zeilen schon in seiner Jugend mit 17 oder 18 Jahren als bedenkenswert aufgeschrieben.

Noch einige Zitate, aus denen hervor geht, wie Mathilde Ludendorff das Wesen des Gottesstolzes sieht. In ihrem Buch "Des Menschen Seele" schreibt in der grundlegenden Charakterisierung der menschlichen Bewußtseinskräfte mit Bezug zu dem vorausgegangenen Buch "Schöpfungsgeschichte" (2, S. 80):

Zu dem Ich hin führt, wie uns die "Schöpfungsgeschichte" lehrte, ein "Strahl aus dem Äther", ein Erleben göttlicher Würde und Erhabenheit, den wir den "Gottesstolz" nannten und der weder mit der Leistung des Menschen, noch mit der Anerkennung, die er findet, irgendeinen Zusammenhang hat.

Sie schreibt auch (2, S. 133f):

Zorn ist die Vernunfterkenntnis einer feindlichen Tat des Mitmenschen, der sich das Erlebnis des Gottesstolzes und die Empfindung der Unlust gesellt. Überwiegt die Unlust und gesellt sich ein starkes Gefühl des Hasses, ist endlich der Gottesstolz im Menschen verzerrt, so wird aus Zorn die Wut. Die Willensrichtung, die sich hiermit verbindet, ist meist der Wille zur Abwehr eines Feindes. Eine derartige Zergliederung aller Eigenschaften fördert sehr die seelische Erkenntnis.

Der Gottesstolz tritt - nach diesem von Mathilde Ludendorff gegebenen Seelenbild - als gleichwertig neben das Erleben der Eltern- und der Mutterliebe. Das Wesen des Gottesstolzes ist nach dieser Seelenlehre etwa auch erkennbar anhand der Umwertung des von den germanischen Nordeuropäern erlebten und gelebten Gottesstolzes in christlicher Zeit, als sie religiös und moralisch entwurzelt wurden, eine "Umerziehung", eine "Umwertung aller Werte" erfuhren. Es würde dann nämlich ein bestimmtes seelisches Gesetz wirksam (2, S. 138f):

Ich nenne es das Gesetz der Kontrastwertung (gegensätzlichen Wertung). Das Erbgut im Unterbewußtsein kann nämlich nicht machtlos werden. Es übt seinen Einfluß auf das Handeln und Werten des Menschen. (...) Gegenüber dem aus dem Erleben der Gottgemeinschaft geborenen starken Gottesstolz unserer Ahnen, den er in seinem Unterbewußtsein als Erbgut trägt, schützt er (der Christ) sich durch fortwährende Beteuerung der "Demut vor Gott", des "Unwürdigseins der Gnade", des "Allzumal-Sünder-Seins". Dem aus diesem Gottesstolz und der Gottgemeinschaft geborenen Vertrauen auf die eigene Kraft zur Vollkommenheit gegenüber beteuert er seine "Ohnmacht", fleht auf den Knien um "Erbarmen und Gnade". Dem aus dem Gottesstolz geborenen Erbgut des heldischen Wollens, sich in kraftvollster Abwehr der feindlichen Mächte sein Schicksal zu gestalten, sucht er sich zu entziehen durch fortwährendes Beteuern, man müsse das "vom Herrn gesandte Schicksal geduldig und demütig hinnehmen". (...) So stellt also ein solcher Mensch mit der Treue einer Lichtbildplatte das Gegenteil („Negativ"), das Kontrastbild des Erbgutes in seinen Wertungen dar.

Womöglich könnte es Sinn machen, noch weitere solche Zitate zu bringen, die das vielfältige Wirken des Gottesstolzes in der Menschenseele aus Sicht dieser Seelenlehre verständlich machen können. Aber als eine erste Annäherung sollen die gebrachten Zitate einmal reichen. 

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  1. Gopal Norbert Klein: Wie du jede Psychotherapie scheitern läßt: Kontextwechsel, Kulissenschieben, Reframing. Traumaheilung & Medialität, 12.02.2024 (Yt2024)
  2. Ludendorff, Mathilde: Des Menschen Seele. Ersterscheinen 1925 (Archive)
  3. Bading, Ingo: Peter Sloterdijk und sein Buch Zorn und Zeit. (Stg07aStg07a)
  4. Gorch Fock - Sterne überm Meer. Tagebuchblätter und Gedichte. Aus dem Nachlaß herausgegeben von Aline Bussmann. Glogau 1918 (GB)
  5. Klein, Gopal Norbert: Traumatherapie: Arbeiten wie Gopal, ohne Fortbildung. Traumaheilung & Medialität: Gopal Norbert Klein, 92.700 Abonnenten, 10.096 Aufrufe, 16.01.2026 [Stand 14.2.2026] (Yt2026)

Samstag, 31. Januar 2009

Sehnsucht - ein psychologisches Konzept wird erforscht

Im Forschungs-Magazin der Max-Planck-Gesellschaft (3/2008) findet sich ein Artikel über die Erforschung der Sehnsucht (MPG-html, MPG-pdf.). Sie wird insbesondere dem psychologischen Konzept des Bedauerns ("regret") an die Seite gestellt und von ihm unterschieden. Das Konzept des Bedauerns und das damit verbundene Konzept der Verantwortung ist ja auf diesem Blog schon behandelt worden. (7.9.08) Bedauern stellt sich ein, wenn ein Ziel nicht erreicht worden ist. Sehnsucht ist diffuser: "Niemand würde sagen, ich sehne mich nach einem Doktortitel," wird eine der Erforscherinnen der Sehnsucht zitiert. Und man möchte anfügen: Allerdings. Aber man sehnt sich - mitunter - nach wissenschaftlicher Erkenntnis.


Abb.: ... Mancher Städter sehnt sich danach, auf dem Land leben zu können ...
Der Rhin - Wasserperle im Land Brandenburg
Blick auf das Dorf Molchow

Susanne E. Scheibe und Alexandra M. Freund erforschen die menschliche Sehnsucht auf den vorgegebenen Linien ihres 2006 verstorbenen Doktorvaters Paul B. Baltes. Forschungsliteratur ist dem MPG-Artikel nicht angefügt. Aber man findet zum Einstieg wohl einiges Wichtige ---> hier oder hier, insbesondere ein Review-Artikel im Gedenken an Paul B. Baltes (1, frei zugänglich ---> hier, pdf.) Einleitend schreiben darin die Forscherinnen, was ziemlich exakt so auch in den MPG-Artikel übernommen wurde (und dort auf deutsch gelesen werden kann):
The concept of Sehnsucht is strongly rooted in German culture and history. It has a central place in romantic literature and art, and a strong presence in contemporary media. In their writings and paintings, romantic poets such as Novalis or painters such as Caspar David Friedrich often expressed longing or yearning for something that is remote and often rather vague. The things longed for were perceived as unattainable but still created a want that guided passionate striving towards it. Symbolizing this quest, in Novalis’ (1876/ 1990) Heinrich Von Ofterdingen, a young medieval poet seeks the mysterious Blue Flower, the romantic movement’s symbol of the quest for the perfect yet unattainable. As the hero states, "It is not the treasures which have awakened such an inexpressible longing in me. There is no greed in my heart; but I yearn to get a glimpse of the blue flower." In its full sense, the German concept of Sehnsucht is difficult to translate into English. Yet, the basic components, such as fantasizing about and striving for ideal conditions that cannot be reached or only with high uncertainty, represent key aspects of lifespan development and should apply widely across cultures, including English speaking countries such as the U.S.A..
Und am Ende:
The research presented here is but the beginning of a psychology of Sehnsucht and many questions remain open. One is the generality of findings in cultural contexts other than Germany. As noted at the outset, the concept of “Sehnsucht” is salient in German culture, and its core connotations have evolved during the cultural era of Romanticism. The German word "Sehnsucht" is difficult to translate into most other languages. Does this suggest that Sehnsucht does not exist in other cultures? As its structural characteristics and developmental functions are assumed to reflect basic, universal aspects of lifespan development, they are theoretically expected to be universal, although cultural differences may produce some variation in their manifestation.
Und im MPG-Journal heißt es dazu noch konkreter:
Im amerikanischen Kulturkreis berichten die Menschen von ähnlichen Sehnsüchten wie Deutsche, obwohl ihnen das Konzept in seiner ganzen Breite unbekannt ist. Sehnsucht speist sich aus sechs Komponenten, die verankert sind in der Lebensspannen-Psychologie und der deutschen Kulturgeschichte, etwa in Malerei und Literatur.
Merkwürdig mutet die Behauptung der Forscherinnen an, daß erst 15- bis 16-Jährige konkrete Sehnsüchte würden benennen können. Aber was soll damit gesagt sein? Kinder haben doch auch dann Sehnsüchte, Wünsche, wenn diese nicht konkret in Fragebogen-Form abgefragt werden können? Das ist doch nur allzu offensichtlich. Überhaupt mutet es einem sonderbar an, falls ein solches Konzept wie Sehnsucht in der Psychologie nicht schon unter einer solchen breiteren Rubrik wie der des "Wünschens" ("desire") erforscht worden sein sollte. Es wird zwar eine Abgrenzung zum Konzept des Bedauerns und dem damit verbundenen Konzept des Anstrebens von konkreten Zielen vorgenommen. Nirgends aber wird - soweit übersehbar - eine Abgrenzung des Konzeptes Sehnsucht von dem noch breiteren Konzept des Wünschens diskutiert. Auch Suchterscheinungen wie Liebe wären hier zu diskutieren auf der Linie von Joachim Bauer. (---> Bücher)

Evolutionäre Wurzel der Sehnsucht: die Sucht

Und wie elementar, ja überlebenswichtig die Sehnsüchte und Wünsche ja schon bei Tieren sein können - etwa auf sozialem Gebiet (Mutter-Kind-Bindung, Gruppenzugehörigkeit) - das kann ein Blick in die Bindungsforschung, ein Blick in die Verhaltensforschung überhaupt schnell lehren. Man nehme nur die Nachfolgeprägung der Gänseküken in den Blick, diese unglaubliche Sehnsucht, der Nähe des Muttertieres versichert zu sein: "Hier bin ich - wo bist du?" Auch könnten sich Anknüpfungspunkte ergeben zu dem Konzept des "Sich-zugehörig-Fühlens-zu", das die amerikanische Primatologin Barbara J. King als die evolutionspsychologische Grundlage der menschlichen Religiosität benannt hat. (---> Bücher)

Die verhaltensphysiologischen Grundlagen von Hunger, Sucht und Sehnsucht sind übrigens auch schon in sehr weitgehendem Maße von Konrad Lorenz und seinen Nachfolgern erforscht worden. Auch hier gäbe es viele Anknüpfungspunkte: Appetenzverhalten, Schlüsselreize, Schwellenwerte und vieles andere mehr.

Hier scheint einem überall noch viel Forschungspotential vorhanden zu sein und auch Klärungs- und Abgrenzungsbedarf in den Begrifflichkeiten und Konzepten. Aber daß überhaupt das Konzept der Sehnsucht thematisiert wird, kann man für sehr wichtig erachten. Setzt es doch - um nur einen und zugleich auch schon sehr grundlegenden Aspekt zu nennen - der monotheistischen Religiosität mit ihrer mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch (Jan Assmann) ein ganz anderes - vielleicht seelenvolleres - Konzept entgegen, das dem seelischen und kulturellen Spielraum viel mehr Freiheit gewährt, als die eng umgrenzten Handlungsanweisungen eines monotheistischen Gottes wie: "Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß ..." etc. pp.. Solche Befehle weitab aller spontanen Sehnsucht kann alle (freiwillig empfundene) Sehnsucht und daraus abgeleitetes Handeln abtöten und vernichten. Und das haben sie wohl zu weiten Teilen auch schon in westlichen Gesellschaften über viele Jahrhunderte hinweg getan. - Übrigens kann man das für einen ganz wesentlichen Aspekt von Sehnsucht überhaupt halten: Sehnsucht kann - wohl - nur freiwillig empfunden werden, sie kann nicht befohlen werden. (Höchstens könnte sie durch das Anbieten von Schlüsselreizen gesteigert werden, wobei dann der Übergang von Sehnsucht zur Sucht schnell fließend wird ...).

Und nicht umsonst entstand das deutsche, "romantische" Konzept der Sehnsucht im Zusammenhang mit dem Aufschwung der deutschen, bürgerlichen Philosophie nach Immanuel Kant, ihm, dem Henker des monotheistischen Gottes - um im Bild von H. Heine zu bleiben, und um einige geistes- und weltgeschichtliche Aspekte zu benennen, um derentwillen Sehnsucht auch etwas mit Geschichtsphilosophie zu tun haben könnte und mit der Frage nach einem etwaigen (noch nicht erreichten) Ziel der Geschichte. (Man vgl. dazu etwa ---> F. Schiller)

ResearchBlogging.org



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  1. Susanne Scheibe, Alexandra Freund (2008). Approaching Sehnsucht (Life Longings) from a Life-Span Perspective: The Role of Personal Utopias in Development Research in Human Development, 5 (2), 121-133 DOI: 10.1080/15427600802034868

Freitag, 26. Dezember 2008

Rez. J. Asendorpf: Psychologie der Persönlichkeit

Autor: Asendorpf, Jens B.
Titel: Psychologie der Persönlichkeit.
Ort: Berlin
Verlag: Springer-Verlag
Jahr: 2004, 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage
ISBN-10: 3540007288
Umfang, Preis: 518 Seiten, 39,95

Rezension

Die Verhaltensgenetik des Menschen wird zu einem immer bedeutenderen Gebiet der Forschung. Nachdem wesentlichste Paradigmen des Faches Psychologie, insbesondere die Psychoanalyse von Sigmund Freud, ihren vorherrschenden, weitgehenden Alleinerklärungs-Anspruch in der Psychologie verloren haben, könnte es von mancherlei Interesse sein zu erfahren, in welchen größeren argumentativen Rahmen die Psychologie ihr Forschen und Denken heute und künftig stellen wird.

Einen Orientierungspunkt hierfür könnte bieten das Lehrbuch "Psychologie der Persönlichkeit" von Professor Jens B. Asendorpf, Berlin. Es ist in erster Auflage 1996, in dritter, aktualisierter Auflage 2004 und jüngst in vierter, aktualisierter Auflage 2007 erschienen. (1) Es liest sich sehr eingängig. Es scheint genau jene thematische Breite und zugleich fachliche Tiefe aufzuweisen, wie sie jemandem nützlich erscheinen muß, der sich als Laie und Neuling eines Faches in ein neues Forschungsgebiet (interdisziplinär) einzuarbeiten versucht. Und derartiges wird ja für viele heutige Forscher immer notwendiger aufgrund des Wandels in der Wissenslandschaft vor allem durch die moderne Humangenom-Forschung.

Die allgemeinere Fragestellung, unter die dieses Lehrbuch gestellt ist, geht möglicherwweise am prägnantesten aus dem Nachwort hervor. "Unterschiede sind menschlich," ist es überschrieben. Und hier wird ausgeführt, daß es in westlichen Kulturen eine starke Tendenz gäbe,
"nicht die vorhandene Vielfalt der Persönlichkeit, sondern ein einseitiges Persönlichkeitsideal als erstrebenswert anzusehen. Ob 'gottesfürchtig', 'nordisch', 'allseits entwickelte sozialistische Persönlichkeit' oder 'dynamischer Unternehmer' - die gerade vorherrschende Ideologie einer Kultur beinhaltet mit großer Regelmäßigkeit auch ein bestimmtes Persönlichkeitsideal."
Dieser Tendenz wird die folgende, in den wesentlichen Punkten evolutionsbiologische Argumentation gegenübergestellt: "Diese hohe Variabilität", die in den genetisch und kulturell weitergegebenen und geformten Persönlichkeitsmerkmalen von Einzelmenschen und Kulturen vorliegt,
"stellt so etwas wie ein Sicherheitsreservoir für das Überleben dar. Denn Gene bzw. kulturelle Inhalte sind nur den Umweltbedingungen ihrer evolutionären Vergangenheit gut angepaßt; ändert sich die Umwelt, ändern sich die Anpassungsbedingungen. Je variabler Genome bzw. kulturelle Inhalte sind, desto höher ist die Chance, daß jedenfalls einige diese Umweltveränderungen überleben werden."
Die in diesen Gedanken implizit enthaltenen Annahmen und der in ihnen enthaltene Wissenshorizont ist sehr intensiv am aktuellen humangenetischen Wissensstand orientiert. Etwas weiter heißt es:
"Aus der Einsicht in die Vielfalt der Persönlichkeit und ihrer Notwendigkeit für das genetische und kulturelle Überleben erwächst die Forderung, gerade nicht einen bestimmten Persönlichkeitstyp anzustreben, sondern die Vielfalt der Persönlichkeit zu achten und zu wahren."
Und der letzte Satz dieses Nachwortes und damit des Lehrbuches insgesamt lautet dann:
"Merke: Es gilt, die genetische und kulturelle Vielfalt der Menschheit zu bewahren." (1, S. 449)
Es scheint dies genau jene Argumentation zu sein, mit der sich eine Wissenschaft der Öffentlichkeit präsentieren könnte oder sollte, in der derzeit immer stärker nicht nur kulturelle, sondern auch genetische Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen in den Vordergrund des Forschens treten. (vgl. etwa: 2 - 4) Deshalb heißt es auch schon im Vorwort dieses Lehrbuches auf der gleichen Linie:
"... Im Mittelpunkt steht also die Frage, wie stark und warum sich Menschen in ihrem typischen Erleben und Verhalten unterscheiden. Mit dieser differenzierten Fragestellung ist die Persönlichkeitspsychologie komplementär zur allgemeinen Psychologie, die zu beschreiben und erklären sucht, was Menschen gemeinsam ist."
Auch noch die bekannten Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt und Konrad Lorenz versuchten vor allem, evolutionsbiologische Gemeinsamkeiten zu beschreiben und zu erklären, weniger die individuellen Unterschiede. Aber wenn angeborene Unterschiede zwischen Menschen und Menschengruppen erforscht werden, was derzeit ein ganz neues Forschungsgebiet in der Wissenschaft wird (2 - 4), dann müssen zugleich auch völlig neue Kriterien und Kategorien zur ethischen Einordnung und Bewertung all dieses Wissens entwickelt werden. Dies wird von Asendorpf geleistet. Weiter im Zitat:
"Im Gegensatz zur klinischen Psychologie, die sich mit pathologischen Besonderheiten beschäftigt, interessieren in der Persönlichkeitspsychologie vor allem die Normalvarianten des Erlebens und Verhaltens."
Bei der Humangenom-Forschung und der damit verbundenen derzeitigen Populations-Genetik stehen derzeit noch oft die "pathologischen Besonderheiten" im Vordergrund, da hier oft sehr stark die Interessen der Pharma-Industrie mit hineinspielen, beziehungsweise überhaupt jegliche Art von unmittelbarer "Anwendbarkeit" von Forschungsergebnissen näher liegen.

Aus der Sicht des heutigen Forschungsstandes taucht tatsächlich die Frage auf, wie zum Beispiel Forscher wie Konrad Lorenz und Eibl-Eibesfeldt ein solches riesiges Forschungsgebiet der angeborenen Unterschiede zwischen Menschen in seiner Bedeutung so lange Zeit hatten unterbewerten können. Doch geben wir uns an dieser Stelle mit der Antwort zufrieden: Fortschritt heißt immer: Man weiß heute etwas besser als gestern. Und die Zwerge von heute stehen auf den Schultern der Riesen von gestern und sehen weiter als letztere.

Steigen wir gleich in Kapitel 4 ein. Hier wird das sogenannte "Five-Factor-Modell" der Persönlichkeitsbeschreibung vorgestellt, das heute in der psychologischen Wissenschaft eine so große Rolle spielt. Immer wieder stößt man auf dieses in der Literatur. Wo kommt es überhaupt her? Wie ist es einzuschätzen? Wo findet man die deutsche Begrifflichkeit dafür? Wie kann man damit umgehen? - Alles dies ist hier auf wenigen Seiten zu finden rund um die Seite 147. Wichtigstes Faktum: Das "Fünf-Faktoren-Modell" der Persönlichkeits-Beschreibung wurde im Jahr 1990 aufgrund vieler anderer Studien formuliert, sowohl in den USA wie in Deutschland. Vorläufer reichen bis in die 1930er Jahre zurück. Das muß man dann wohl einfach so hinnehmen und sehen, wie sich dieses Modell auch künftig bewähren wird.

Interessant erscheint aber im Zusammenhang damit, daß für kulturvergleichende Studien, in denen z.B. ostasiatische Kulturen mit eingeschlossen werden, dieses Fünf-Faktoren-Modell nicht so brauchbar ist, wie für Studien, die nur innerhalb der westlichen Kultur vorgenommen werden. Für kulturvergleichende Studien hat sich oft ein Drei-Faktoren-Modell besser bewährt. (1, S. 147) Dazu noch einmal der Originaltext:
"Diese 'Big Three' sind im Kulturvergleich besser replizierbar als die Big Five, können aber wegen der geringeren Faktorenzahl weniger Persönlichkeitsunterschiede erklären als die Big Five."
Richard Dawkins Gedanken über Gruppenunterschiede in seinem Buch "Ancestor's Tale" kommen einem dabei in den Sinn und die von Dawkins geäußerte Vermutung, daß es in Asien allgemein weniger Persönlichkeitsunterschiede gäbe (die Persönlichkeits-Vielfalt also geringer wäre) als in westlichen Ländern. Allerdings waren Richard Dawkins Vermutungen noch allein auf das körperliche Aussehen beschränkt und von ihm abgeleitet. (5, S. 421f)

Gleich darauf wird das Thema "Intelligenz" ebenso belehrend abgehandelt, seine Bedeutung wird sehr klar herausgestellt. Weil es vielen Menschen noch nicht so recht bewußt geworden ist, sei hier noch einmal "Lehrbuch-Text" angeführt:
"Intelligenzunterschiede beruhen wesentlich auf Unterschieden in der Geschwindigkeit elementarer Informationsverarbeitungsprozesse".
Und auch die Sätze davor:
"Intelligenztests sagen deshalb Bildung, Berufsprestige und Berufserfolg so gut vorher, weil sie eine Vielzahl unterschiedlicher kognitiver und motivationaler Anforderungen erfassen." (1, S. 198)
Zu einer klassischen IQ-Rasse-Adoptionsstudie der Autoren Weinberg und Scarr heißt es dann:
"Die sparsamste Erklärung scheint die Annahme genetisch bedingter Intelligenzunterschiede zwischen Schwarzen und Weißen in den USA zu sein, denn die über die weißen Elternhäuser hergestellte 'weiße' Umwelt verringerte den IQ-Unterschied zwischen schwarzen und weißen Kindern nicht wesentlich." (1, S. 434f)
Damit würde sich das Lehrbuch auf die Seite der Interpretation dieser IQ-Studie stellen, wie sie von IQ-Forschern wie Richard Lynn, Volkmar Weiß, Charles Murray, David C. Rowe gegeben worden sind, wenn es dann nicht weiter einschränkend heißen würde: "Diese mögliche Interpretation muß jedoch in dreifacher Hinsicht relativiert werden ..." Dabei war doch schon im Methodenteil des Lehrbuches ausgeführt worden, daß es das Kennzeichen empirischer Wissenschaft sei, nach der sparsamsten Erklärung zu suchen ...!

Das Konzept der "emotionalen Intelligenz", das 1995 von dem Journalisten D. Goleman vorgeschlagen wurde, und das im Denken vieler Menschen eine diffuse Rolle spielt, obwohl es mit dem viel schärfer und klarer umrissenen und weitaus besser erforschten Konzept der "kognitiven Intelligenz" überhaupt nichts zu tun hat, wird kurz und prägnant als ein sehr unausgereiftes Konzept charakterisiert. (1, S. 204)
"Das Konzept 'der' emotionalen 'Intelligenz' (...) suggeriert, daß es eine einheitliche Fähigkeit zum Umgang mit Gefühlen jeder Art gibt."
Empirische Forschungen dazu werden kurz referiert und dann folgendermaßen zusammengefaßt:
"'Emotionale Intelligenz' erwies sich damit weder als einheitlicher Fähigkeitsbereich noch als ein Merkmal von Intelligenz." "Das sollte die Psychologie aber nicht davon abhalten, das weite und unübersichtliche Feld der emotionalen Kompetenzen zu bearbeiten, auch wenn schnelle Erträge dort nicht zu erwarten sind." (1, S. 204f)
In Kapitel 2 werden die "Sechs Paradigmen der Persönlichkeitspsychologie" abgehandelt. Zuerst die Psychoanalyse. Von ihr bleibt an wissenschaftlichem Wert so gut wie "kein Haar". Wieder nur ein paar Merksätze aus dem Buch:
"Die klassische psychoanalytische Methodik ist aufgrund ihrer suggestiven Wirkung auf Patient und Therapeut in Gefahr, selbsterfüllende Prophezeiungen zu produzieren und ist von daher nicht akzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft." - "Die klassische psychoanalytische Methodik der Persönlichkeitserklärung beruht auf Erinnerungen von Erwachsenen an Kindheitserlebnisse; dies ist wegen der bekannten Erinnerungsfehler inakzeptabel als Methodik einer empirischen Wissenschaft." - "Die klassische Psychoanalyse ist aus methodischen Gründen keine empirische Wissenschaft." (1, S. 23)
Das nur in Andeutungen und auszugsweise. Und am Ende dieses Kapitels 2, neu aufgenommen in der 3. Auflage, wird "Das evolutionspsychologische Paradigma" behandelt. Knapp und eindringlich werden William D. Hamilton, Richard Dawkins, Edward O. Wilson und ihre Ideen erläutert. Bis zu diesem Punkt ist also jetzt schon der Stand der Wissenschaft auch in der Persönlichkeitspsychologie angelangt. Zumindest an einem nicht unbedeutenden Lehrstuhl an der Humboldt-Universtität Berlin.

Es gibt dann ein Kapitel über "soziale Bindungen" und "soziale Unterstützung" (Mutter-Kind-Bezeihung, Beziehungen zwischen Ehepartnern) (Kapitel 5), sowie über Lebensphasen (Kapitel 6). Hier wird auch schon über das für die Wissenschaft immer interessanter werdende sogenannte Neugier- und Unruhe-Gen (ADHS) (1, S. 347) berichtet, das auf Völker sehr unterschiedlich verteilt ist. Kapitel 7: Geschlechtsunterschiede. Im Kapitel 8 gibt es Unterkapitel wie "Genpool, Kultur und Persönlichkeit", "Rasseunterschiede". Das nordeuropäische Milchverdauungs-Gen wird abgehandelt und einiges ähnliche. Alles entsprechend des Buches des Forschers Durham von 1991. Also ein bischen veraltet - dennoch möchte man sagen: immerhin! Der Fragehorizont ist für ein gewöhnliches Psychologie-Lehrbuch sehr bemerkenswert.

Hochinteressant auch die völlig unterschiedlichen Ergebnisse des standardisierten (auch vom Ehepaar Großmann in Regensburg [Schüler von Konrad Lorenz] verwendeten) "Fremde-Situation(en)-Tests" an zweijährigen Kindern in Japan und in westlichen Ländern. (1, S. 436) Dieser sagt bisher noch nichts über genetische, sondern bislang nur über kulturelle Unterschiede aus. Die engere körperliche Nähe der japanischen Kinder zur Mutter während der frühen Lebensjahre führt, so die naheliegende Vermutung, zu viel größerer Ängstlichkeit bei ihrer kurzzeitigen Trennung von der Mutter als im Westen. Aber diese enge körperliche Nähe ist natürlich eine sehr tiefgehende frühkindliche Prägung, die gar nicht unterschätzt werden kann und sicherlich ziemlich dauerhaft zum Beispiel das spezifische "Cocktail" von Verhaltens- und Streß-Hormonen in der Blutbahn und die dazugehörigen Nervenbahnungen für jeweilige Lebens-Situationen "prägt". Und davon könnte die Ausprägung ganzer kontinentweiter Kulturen bestimmt sein.


Anmerkungen

1. Asendorpf, Jens B.: Psychologie der Persönlichkeit. 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Springer-Verlag Berlin 2004 (diese Ausgabe wird hier zitiert, obwohl 2007 schon die 4. Auflage erschienen ist)
2. Wade, Nicholas: Still Evolving, Human Genes Tell New Story. In: The New York Times, 7. März 2006
3. Wade, Nicholas: The Twists and Turns of History, and of DNA. In: The New York Times, 12. März 2006
4. Wade, Nicholas: Before the Dawn. Recovering the Lost History of Our Ancestors. Penguin Press, Mai 2006; siehe auch --> hier.
5. Dawkins, Richard: The Ancestors Tale. A Pilgrimage to the Dawn of Life. Phoenix, London 2005 (2004), S. 331, 343 (2008 auf deutsch erschienen unter dem Titel "Geschichten vom Ursprung des Lebens")
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