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Donnerstag, 19. März 2026

Die Lengyel- und die Trichterbecher-Kultur zwischen Oder und Weichsel

Die Ausbreitung der Lengyel-Kultur vom Donauraum ausgehend

Im vorletzten Blogartikel sind wir auf die Frage gestoßen, ob die Trichterbecherkultur zwischen den Unterläufen von Oder und Weichsel entstanden sein könnte (Stg2026). Die Frage, wo die Trichterbecherkultur entstanden ist, wird sicherlich in den wenigen nächsten Jahren von der Archäogenetik geklärt werden. Indem wir in wissenschaftliche Aufsätze von polnischen Archäologen hinein schauen (1-5), können wir aktuell für uns diese Frage weder klären, noch auch besser eingrenzen. Dennoch können wir unser Gesichtsfeld nach und nach erweitern.

Abb. 1: Gefäße der Jordansmühler Kultur aus Schammerwitz (poln. Racibórz) im Kreis Ratibor in Oberschlesien (Schlesisches Museum Kattowitz) (Wiki) - Auch zugerechnet der Malice-Kultur, bzw. der Lengyel-Kultur

Im letzten Blogartikel (Stg2026) hatten wir uns eingangs auf einen Aufsatz von Marek Nowak (UniKrakau) (Acad) (Resg) bezogen (Nowak2019). Das soll im vorliegenden Blogartikel fortgesetzt werden. Nowak dürfte etwa derselbe Jahrgang sein wie der Verfasser dieser Zeilen (Jg. 1966) (UniKrakau). Nowak hat 2024 in einem ausführlichen polnischsprachigen Interview recht ausführlich über archäogenetische Erkenntnisse gesprochen (Yt2024). Das beeindruckt uns zusätzlich. Mehr dazu weiter unten. 

Schon seine Habilitation im Jahr 2009 war dem Thema der "zweiten Phase der Neolithisierung" zwischen Oder und Weichsel gewidmet. Durch seinen Aufsatz von 2019 lernen wir noch am ehesten Neues zur Charakteristik der Trichterbecherkultur - auch wenn wir der Klärung ihrer Urheimat damit nicht näher kommen. Nowak charakterisiert die Entwicklungen an der Oder und an der Weichsel nach dem Niedergang der Bandkeramik ab 4.900 v. Ztr. folgendermaßen (Nowak2019, S. 106):

Auf den Niedergang der Bandkeramik (LBK) folgte in der ersten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Ztr. die Entwicklung der Stichbandkeramik in Westpolen sowie der sogenannte Lengyel-Polgár-Zyklus bzw. -Komplex. Letzterer Begriff umfaßt mehr als ein Dutzend kleinere Gruppen, die sich im 5. und frühen 4. Jahrtausend v. Ztr. in weiten Teilen Polens (innerhalb der im Text beschriebenen Siedlungskammern) entwickelten. Gemeinsames Merkmal dieser Gruppen ist ihre starke Anlehnung an die in den Kulturzentren von Lengyel und Tisa entstandenen kulturellen Muster.
The decline of LBK is followed by the development of the Stroked Pottery culture in western Poland in the first half of the 5th millennium BC, and the so-called Lengyel-Polgár cycle/complex. The latter term covers more than a dozen smaller groups developing in the 5th and early 4th millennia BC throughout most of Poland (within the enclaves discussed in the text). The trait shared by these groups is their strong dependence on cultural patterns created in that time in the Lengyel and Tisa cultural centres.

Die hier erwähnte Stichbandkeramik (4.900-4.500 v. Ztr.) (Wiki) hat in Böhmen genetisch die Bandkeramik ungebrochen fortgesetzt (Stg2021).

Kulturelle und genetische Kontinuität innerhalb der Stichbandkeramik

Entsprechendes wird man deshalb auch für die Stichbandkeramik in Schlesien und Kleinpolen voraussetzen können. Es hat keinen Siedlungsabbruch für mehrere Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte gegeben wie etwa am Rhein oder auch nur Siedlungsrückgang wie etwa an der Mittleren Donau, vielmehr vollzieht sich (6) ...

... in Mitteldeutschland, Teilen Tschechiens und Polens ein fließender Übergang ohne abrupte Unterbrechungen. Dort entstehen frühe Siedlungen der Stichbandkeramik-Kultur an ehemaligen Fundstätten der Linearbandkeramik (LBK) ohne signifikante und plötzliche Veränderungen oder abrupte Brüche. Gleiches gilt für den Hausbau: LBK-Häuser entwickeln sich allmählich zu Häusern der Stichbandkeramik-Kultur, charakteristisch mit einer Verringerung der Pfostenanzahl und einer Tendenz zu einem massiveren Mittelteil (Link 2012, 120–122; 2014a, 189–206).
A smooth transition without harsh interruptions occurs in Central Germany, parts of the Czech Republic and Poland, where early Stroked Pottery culture settlements appear at former LBK sites without significant and sudden changes or abrupt breaks. The same applies to house construction, where LBK  houses  slowly  evolve  into  Stroked  Pottery  culture  houses,  with  a  characteristic reduction in the number of posts and a tendency towards a more substantial central part (Link 2012, 120–122; 2014a, 189–206).

Wir lesen interessanterweise (Wiki):

Die böhmische Stichbandkeramik zeigt wie die polnische Stichbandkeramik einen deutlichen Einfluß der Lengyel-Kultur.

Nun, anfangs zeigten sich vermutlich kulturelle "Einflüsse", später scheint die Lengyel-Kultur als Jordansmühler Kultur (poln. Jordanow-Kultur) (Wiki) ab 4.300 v. Ztr. in Böhmen eine neue Genetik mit sich herein gebracht zu haben (Stg2021). Dementsprechend wird man annehmen können, daß sie dies auch in Schlesien und in Kleinpolen getan hat. Dort ist auch von der Lengyel-Untergruppe der Malice-Kultur die Rede (Abb. 1).

Ob und in welchem Umfang sich die Lengyel-Kultur - und damit sicherlich auch ihre Genetik - bis an die Untere Weichsel und ggfs. bis an die Untere Oder ausgebreitet hat in die dortigen bisherigen Siedlungskammern der Bandkeramik, wird nicht im Detail beschrieben. Es könnte das aber eine wichtige Frage sein, falls die Trichterbecherkultur im Weichselraum aus der Lengyel-Kultur heraus entstanden sein sollte wie von uns neuerdings gemutmaßt (Stg2026).

Marek Nowak macht dann aber insbesondere aufmerksam auf die weiten Regionen zwischen Oder und Weichsel und darüber hinaus, in denen es keine bandkeramischen Siedlungskammern gegeben hat. Dieses Siedlungsmuster sei auch durch die Ausbreitung der Lengyel-artigen Kulturen nicht geändert worden. Er meint (Nowak2019), ...

... daß bis zum Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. mindestens ca. 70 % des betreffenden Gebiets noch außerhalb der Ausdehnung kompakter neolithischer Siedlungen lagen (Kozłowski, Nowak 2018b).
... that until the end of the 5th millennium BC at least approx. 70% of the territory under discussion still remained beyond the extent of compact Neolithic settlement (Kozłowski, Nowak 2018b).

Genau auf diese von der Bandkeramik nicht besiedelten Gebiete hatte Nowak ja schon 2021 sein Augenmerk gerichtet (s. Stg2021). Nowak weist darauf hin, daß in der zweiten Hälfte des 5. Jahrtausends v. Ztr. in Masuren und in anderen östlichen Gegenden Keramik der Narwa- und der Dnjepr-Donez-Kultur aufgetreten ist. Es handelt sich hierbei um weiterhin mesolithisch lebende Kulturen, die noch keinen Ackerbau kannten, vergleichbar der Fischersiedlung der Ertebolle-Kultur in Neuwasser (poln. Dabki) an der Pommerschen Ostsee-Küste (Stg2017).

Ein neues Modell von Ackerbau: Die Trichterbecher-Kultur

Dann kommt Nowak auf die großen Neuerungen zu sprechen, die durch die Trichterbecher-Kultur in Erscheinung traten (Nowak2019):

Ab dem späten 5. Jahrtausend v. Ztr. begannen an den Flußläufen der Weichsel und der Oder komplexe kulturelle Veränderungen. Diese gingen mit der Ausbreitung eines neuen Modells der Ackerbaukultur in dem hier erörterten Teil Europas einher, die nicht nur die erwähnten fruchtbaren Siedlungskammern besiedelten. Dieses neue Modell, den Archäologen als Trichterbecherkultur (TRB) (Abb. 11) bekannt, erstreckte sich tatsächlich über ein viel größeres Gebiet, von den Niederlanden bis in die Westukraine, einschließlich Südskandinaviens, wo es den Beginn des Neolithikums markierte. An den Flußläufen von Weichsel und Oder, wie auch in anderen Gebieten innerhalb des Verbreitungsgebiets der TRB, läßt sich ein Phänomen beobachten, das man als „das Auffüllen der Landschaft“ bezeichnen könnte. Es sind sehr viele TRB-Fundstätten bekannt, deutlich mehr als jene der Donau-Kulturen (was an sich schon rätselhaft ist), ...

... Mit Donau-Kulturen sind gemeint: Bandkeramik, Stichbandkeramik und Lengyel-Kultur samit ihrer Untergruppen Jordansmühler Kultur, Malice-Kultur oder Brester Kultur ... 

... und sie wurden in nahezu allen ökologischen Zonen nachgewiesen, nicht nur in den fruchtbarsten Gebieten, wie sie von früheren neolithischen Siedlungen bevorzugt wurden. Damit ist die TRB die erste neolithische Kultur, die die zuvor nicht neolithisierten Gebiete in den Tälern der Weichsel und der Oder besiedelte, was de facto den größten Teil des Untersuchungsgebietes umfaßt. Dieses Phänomen, die Ausbreitung des Trichterbecher-Neolithikums in Gebiete außerhalb der vorherigen neolithischen (von der Donau her bestimmten) Besiedlung, wurde daher einst als zweite Phase der Neolithisierung bezeichnet (Nowak 2001; 2009). Letztlich erwies sich dieser Prozeß vielleicht sogar als bedeutsamer als die erste Neolithisierung. So oder so besiedelte die neolithische Formation um die Mitte des 4. Jahrtausends v. Ztr. schließlich relativ kompakt den Großteil des polnischen Territoriums. Als Beispiel für diese Besiedlung kann das zentrale Großpolen angeführt werden (Wierzbicki 2013).
From the late 5th millennium BC onwards, complex cultural transformations started to take place in the Vistula and Oder basins. They were associated with the spread of a new model of farming culture throughout most of the discussed part of Europe, and not only the above-mentioned fertile enclaves. This new model, known to archaeologists as the Funnel Beaker culture (TRB) (Fig. 11), actually covered a much larger area, from the Netherlands to western Ukraine, including the south-Scandinavian zone, where it marked the beginning of the Neolithic. In the Vistula and Oder basins, as in other territories within the TRB range, we can observe a phenomenon that can be called a filling-in of the landscape. A very large number of TRB sites are known, many more than those of the Danubian cultures (which in itself is puzzling), and they have been recorded in nearly all ecological zones, not only in the most fertile areas, as preferred by previous Neolithic settlement. This makes TRB the first Neolithic culture to have covered the previously not Neolithicized areas in the Vistula and Oder basins, which de facto means most of the territory of our interest. Therefore, this phenomenon, i.e. the spread of the ‘Beaker’ Neolithic to areas outside previous Neolithic (Danubian) occupation, was once called the second stage of Neolithisation (Nowak 2001; 2009). In the end, this process proved perhaps even more important than the first Neolithisation. One way or another the Neolithic formation eventually filled, in a relatively compact manner, the majority of the Polish territories around the mid-4th millennium BC. As an example of this filling in of the landscape one can present the case of central Greater Poland (Wierzbicki 2013). 

Mit "Großpolen" ist gemeint das Gebiet an der Mittleren Weichsel rund um die Stadt Posen in der ehemals auch von Deutschen besiedelten Provinz Posen. Zu dieser Region macht Nowak die folgenden Feststellungen (Nowak2019):

In dieser Region gibt es mehr als 3100 Trichterbecher-Fundstellen und weniger als 150 Fundstellen der Bandkeramik und des jüngeren Donau-Neolithikums, wobei die Trichterbecher-Fundstellen dieses Gebiet mehr oder weniger gleichmäßig bedecken (Abb. 12).
There are more than 3100 TRB sites and fewer than 150 sites of LBK and Younger Danubian Neolithic in the region, with TRB sites covering this area more or less uniformly (Fig. 12).

Das heißt also, daß sich die besiedelten Fläche zwischen Weichsel und Oder um nicht weniger als um das 20-fache vergrößert hat!

Abb. 2: Die Trichterbecher-Kultur in der Region der Mittleren Warthe rund um die Stadt Posen (Nowak2019)

Womöglich ist das ein Umbruch wie es ihn so deutlich westlich der Oder nicht gegeben hat. In der hessischen Wetterau bespielsweise hat es nach der Bandkeramik und bis zum Frühmittelalter nie wieder eine so dichte Besiedlung gegeben wie zur Zeit der Bandkeramik. Liegt das daran, daß es in der Zone der deutschen Mittelgebirge mehr Schwarzerdeböden gegeben hat als zwischen Oder und Weichsel? Diese Frage wäre an anderem Ort noch einmal aufzugreifen. Nun wendet sich Nowak der Frage der Entstehung der Trichterbecherkultur direkter zu (Nowak2019):

Das grundlegende Problem des beschriebenen Prozesses ist die Entstehung der TRB und der Mechanismus ihrer Verbreitung. Dies ist sicherlich eine der umstrittensten Fragen des mitteleuropäischen Neolithikums und wurde lange diskutiert und analysiert (z. B. Czerniak 1994; 2018; Grygiel 2016; Jażdżewski 1936; Kośko 1981; Kowalczyk 1970; Kukawka 2015; Nowak 2009; 2017; Wiślański 1979a), natürlich nicht nur im Hinblick auf das Gebiet Polens (z. B. Fischer 2003). Ohne auf Details einzugehen, sei betont, daß all diesen Erörterungen aufgrund ihrer lokalen Betrachtungsweise gewisse Mängel innewohnen. So wurde beispielsweise die Entstehung der TRB in Dänemark so analysiert, als ob den Forschern nicht bewußt wäre, daß die TRB auch außerhalb ihrer nördlichen Gruppe oder außerhalb Dänemarks existierte. Und ebenso wenig reichen die in Polen geführten Diskussionen über dieses Thema über die Grenzen Polens hinaus, als hätten die Archäologen vergessen, daß TRB auch anderswo vorkommt, beispielsweise in Südschweden, den Niederlanden oder Mähren.
The basic problem associated with the described process is the genesis of TRB and the mechanism of its spread. This is surely one of the most controversial issues of the central European Neolithic, and it has long been discussed and analysed (such as Czerniak 1994; 2018; Grygiel 2016; Jażdżewski 1936; Kośko 1981; Kowalczyk 1970; Kukawka 2015; Nowak 2009; 2017; Wiślański 1979a), of course not only with respect to the territory of Poland (e.g., Fischer 2003). Without going into details, it should be emphasised that all these discussions are somewhat flawed due to their local scales. For example, the genesis of TRB in Denmark has been analysed as if the scholars were unaware that TRB also existed outside its northern group, or outside Denmark. And likewise, discussions on the issue carried out in Poland, hardly ever reach beyond the borders of Poland, as if the archaeologists have forgotten that TRB is present also elsewhere, for example in southern Sweden, the Netherlands, or Moravia.

Ganz genau.

Marek Nowak auf Youtube (2024)

Wie schon oben erwähnt, findet sich ein recht guter Vortrag von Marek Nowak auf Polnisch (Yt2024). Gute Vorkenntnisse, übersetzte Untertitel und die vielen Abbildungen ermöglichen es auch jemandem, der nicht Polnisch kann, inhaltlich zu folgen. 

Wir hören da allerdings die Ungenauigkeit heraus, daß sich die Bandkeramiker "immer wieder", "sporadisch", "ein wenig" mit einheimischen Mesolithikern vermischt hätten. Das war so nicht, soweit wir das überblicken. Vielmehr war das ein weiter wirkendes genetisches Signal der Gründerpopulation der Bandkeramiker im Wiener Becken. Derselben Ungenauigkeit scheint Nowak auch zu unterliegen, wenn er über die Herkunft der Trichterbecher-Kultur in Dänemark spricht. Die Möglichkeit, daß die Jäger-Sammler-Komponente in der Trichterbecherkultur von den Karpaten-Jäger-Sammlern stammen könnte, erwähnt Nowak mit keinem Wort.

Immerhin sind wir erstaunt, daß Nowak auf die Studien von Allentoft et al von 2022 und 2024 eingeht (aus der dänischen Forschungsgruppe um Willerslev). Aber er erwähnt die Böhmen-Studie von Papac et al von 2021 (aus den Forschungsgruppen um Wolfgang Haack und Johannes Krause) offenbar nicht. Auch erwähnt er dementsprechend mit keinem Wort, daß die Jordansmühler (Jordanov-) Kultur mit einem Herkunftsanteil von Karpaten-Jägern-Sammlern einher geht (Papac et al) und ebenso - womöglich - die Trichterbecher-Kultur in Dänemark (Allentoft et al 2024).

Eine archäogenetische Magisterarbeit an der Universität Uppsala (2023)

Vierzig Kilometer nördlich von Krakau lieg Miechów (UniKrakau). Hier findet eine Ausgrabung unter der Leitung von Marek Nowak statt. Und hier wurden Angehörige fast aller aufeinanderfolgenden archäologischen Kulturen gefunden, die es in dieser Region bis ins Mittelalter überhaupt gegeben hat. Genetische Daten aus dieser Ausgrabung wurden 2023 unter Betreuung der schwedischen Archäogenetikerin Helena Malmström (Acad) in einer Magisterarbeit der jetzigen schwedischen Doktorandin Freja Lindstedt (UniUppsala)(X) veröffentlicht (Lindstedt2023):

Laut archäologischen Funden war die Fundstätte Miechów vom frühen Neolithikum über das späte Neolithikum, die Bronzezeit und die Eisenzeit bis ins Mittelalter besiedelt (Mnich et al. 2020). Das Material umfaßt die Skelettreste von 42 Individuen, die in 28 Gräbern beigesetzt wurden. Von 37 dieser Individuen konnte bisher durch Shotgun-Sequenzierung alte DNA gewonnen werden. Die vertretenen Kulturen reichen, den archäologischen Daten zufolge, vom frühen Neolithikum (Linearbandkeramik, Lengyel-Polgár-Komplex sowie Lublin-Wolhynische und Malice-Kultur) über das mittlere Neolithikum (Trichterbecherkultur) und Kulturen der Bronzezeit und frühen Eisenzeit (Trzciniec- und Lausitzer Kultur) bis zur späten Eisenzeit (Przeworsk-Kultur). Bemerkenswert ist die zeitliche Lücke von einem Jahrtausend zwischen dem jüngsten Individuum der Trichterbecherkultur und dem frühesten Individuum der Trzciniec-Kultur. Die Fundstätte bietet ein einzigartiges Zeugnis der Bestattungsgeschichte eines einzigen Ortes über 5000 Jahre.
According to the archaeological record, the Miechów site was populated from the early Neolithic, through later Neolithic periods, the Bronze Age, the Iron Age and up until the Middle Ages (Mnich et al. 2020). The material includes skeletal remains of 42 individuals buried across 28 burials. Ancient DNA through shotgun sequencing has so far been recovered from 37 of these individuals. According to archaeological data, the cultures represented span from the Early Neolithic (Linear Band Pottery culture, the Lengyel-Polgár complex, and the Lublin-Wolhynian and Malice cultures), through Middle Neolithic (Funnel Beaker culture) and Bronze Age and Early Iron Age cultures (the Trzciniec culture and the Lusatian culture) to the Late Iron Age (Przeworsk culture). Notably, there is a time-gap of a millenium in the continuity between the latest Funnel Beaker culture individual and the earliest Trzciniec culture individual. The site presents a unique record of a single site’s burial history across 5000 years.

Erstaunlich und verwirrend, daß so wichtige Ergebnisse von einer Einzelautorin in einer Magisterarbeit veröffentlicht werden und nicht in einer angesehenen wissenschaftlichen Zeitschrift mit vielen Autoren, von denen dann einige womöglich auch noch tiefer gehende Analysen des Datenmaterials hätten vornehmen können und sie anderen Studien hätten zuordnen können wie der von uns als so wertvoll angesehenen Böhmen-Studie von 2021 (Stg2021) oder auch der Willerslev-Studie von 2024.

Abb. 3: Archäogenetik in Kleinpolen (Lindstedt 2023) - Die schwarz umrandeten Symbole markieren Miechów-Menschenfunde 

Deutlich ist in der mitgegebenen Grafik (Hauptkomponentenanalyse), daß die Malice-Kultur (dunkelgrüne Quadrate) genetisch schon von der Bandkeramik (hellgrüne Quadrate) abweicht. Noch weiter weicht die Trichterbecher-Kultur (dunkelblaue Kreise) von der Bandkeramik ab.

Die Trichterbecher-Kultur liegt hier genetisch in der Nähe von Lengyel-Polgar (dunkelbraune Quadrate), der mittelneolithischen Bauern in Wolhynien (hellbraune Quadrate) und der "Brester Gruppe" (BKG; hellrote Quadrate). Auffallender Weise liegt ein Individuum der Brester Gruppe genetisch sogar im Bereich der mesolithischen westeuropäischen Jäger und Sammler.  

In der Magisterarbeit werden aber keine Untersuchungen vorgenommen zur Herkunft des Jäger-Sammler-Anteils der genannten Kulturen so wie in der von uns ausgewerteten Böhmen-Studie von 2021 (Stg2021) oder auch in der Willerslev-Studie von 2024. Als Ergebnisse werden in der Arbeit formuliert (Lindstedt2023):

Die bandkeramischen Individuen aus Miechów gruppieren sich mit frühneolithischen anatolischen Bauern und bandkeramischen Individuen aus früheren Studien, sowohl polnischen als auch nicht-polnischen (...). Die der Malice-Kultur zugehörigen Individuen aus Miechów, sowie die der Lengyel-Polgár- und der Lublin-Wolhynien-Kultur zugehörigen Individuen liegen in der Nähe der bandkeramischen Individuen von aus Miechów (hellgrüne Quadrate in Abbildung 10), jedoch im Allgemeinen etwas niedriger auf PC1 und höher auf PC2 als die frühneolithischen anatolischen Bauern und die meisten bandkeramischen Miechów-Individuen. 
The Miechów LBK individuals cluster with early Neolithic Anatolian farmers and LBK individuals from previous studies, both Polish and non-Polish (figure 10). The Miechów Malice, Lengyel-Polgár and Lublin-Volhynian individuals fall close to the Miechów LBK individuals (light green squares in figure 10), but generally a little lower on PC1 and higher on PC2 than the early Neolithic Anatolian farmers and most of the Miechów LBK individuals. 

Das ist ein deutlicher Hinweis dafür, daß sich mit dem Lengyel-Komplex (Jordansmühler-Kultur, Malice-Kultur, Brester Kultur) eine neue Population ausgebreitet hat. Bei der Trichterbecher-Kultur scheint dann noch eine weitere genetische Komponente hinzu gekommen zu sein. Wir lesen (Lindstedt2023):

Die der Trichterbecher-Kultur zugehörigen Individuen aus Miechów liegen größtenteils noch niedriger auf PC1 und unverändert auf PC2, ebenso wie die anderen Trichterbecher-Individuen, sowohl polnische als auch nicht-polnische, sowie die polnischen Individuen der Kugelamphoren-Kultur. Die der Trichterbecher-Kultur zugehörigen Individuen von Miechów sind anderen polnischen Trichterbecher-Individuen näher als den deutschen oder den schwedischen TRB-Individuen. Eines der Individuen aus der TRB-Fundstätte Miechów, poz1115, liegt auf der ersten Hauptkomponente (PC1) deutlich niedriger und gruppiert sich mit Individuen aus der Bronze- und Eisenzeit, nahe dem BKG-Individuum N42 aus Fernandes et al. (2018).
The Miechów TRB individuals mostly fall even lower on PC1 with no change on PC2, as do the other TRB individuals, both Polish and non-Polish, as well as the Polish GAC individuals. The Miechów TRB individuals fall closer to other Polish TRB than German or Swedish TRB. One of the Miechów TRB individuals, poz1115, fall much lower on PC1, clustering with the Bronze Age and Iron Age individuals, close to BKG individual N42 from Fernandes et al. (2018).

Ob die Angabe: "Die der Trichterbecher-Kultur zugehörigen Individuen von Miechów sind anderen polnischen Trichterbecher-Individuen näher als den deutschen oder den schwedischen TRB-Individuen" von Bedeutung ist, um die Entstehung der Trichterbecher-Kultur zu erklären? Die schwedischen und die deutschen Trichterbecher-Individuen scheinen in der Tat eine genetisch andere Signatur aufzuweisen. Das könnte von Bedeutung sein. Dann hat es womöglich doch mehrere Ethnogenesen gegeben (?!?).

Die Kugelamphoren-Kultur bildet genetisch dann doch eindeutig wieder eine andere genetische Gruppe (in Abb. 3 hellila Kreise). Mit dieser - wie uns scheint - noch sehr vorläufigen Analyse von so wesentlichen Funden müssen wir uns einstweilen wohl zufrieden geben.*)

Nach dem Ende der Bandkeramik ...

Nach dem Ende der Bandkeramik kam es nicht nur in Westeuropa, sondern auch zwischen Oder und Weichsel zu einer Regionalisierung. Dabei wies die Stichbandkeramik auch an der Oder mit hoher Wahrscheinlichkeit - wie in Böhmen - genetische Kontinuität mit der Vorbevölkerung auf. Ähnlich vielleicht auch die "Late Band Pottery Culture" (LBPC), als die gelegentlich in Kujawien die nachbandkeramische Kultur bezeichnet wird (Abb. 4) (Żurkiewicz2024). Es gibt dazu unter Archäologen aber unterschiedliche Einschätzungen. Von einigen wird die "Late Band Pottery Culture" ebenfalls der Stichbandkeramik zugeordnet (Żurkiewicz2024).

Abb. 4: Rössener Kultur - Stichbandkeramik (SBK), bzw. "Late Band Pottery Culture" (LBPC) - Lengyel- Malice- und Tiszapolgar-Kultur (Żurkiewicz2024)

Aber bemerkenswert erscheint es allemal, daß es zwischen der Bandkeramik und der "Late Band Pottery Culture" in Kujawien eine Siedlungslücke ("Hiatus") gegeben zu haben scheint (Żurkiewicz2024):

Die inzwischen festgestellte chronologische Lücke zwischen der LBK und der LBPC ist vermutlich auf eine Krise der ersten Bauerngemeinschaften zurückzuführen, die sie zwang, dauerhafte Siedlungen und Ackerbau aufzugeben und stattdessen Viehzucht und temporäre Siedlungen zu betreiben. Daraus entstanden Gemeinschaften, die als LBPC klassifiziert werden (Czerniak – Pyzel 2019, 62). Die weitere Entwicklungsphase, die mit der Brześć-Kujawski-Kultur (BKC) verbunden ist, zeichnet sich durch eine erneute wirtschaftliche und siedlungsbezogene Stabilisierung aus, die sich unter anderem in mehrphasigen Siedlungen mit trapezförmigen Langhäusern manifestiert.
The  currently  revealed  chronological  hiatus  between  the  LBK  and LBPC was likely caused by a crisis experienced by the first farmers communities that forced them to abandon permanent settlements and agriculture and instead base their ex-istence on animal husbandry and temporary settlements. The result was the emergence of communities classified as the LBPC (Czerniak – Pyzel 2019, 62). The further stage of their development associated with the Brześć Kujawski culture (BKC) is characterised by re-newed economic and settlement stabilisation appearing, among other ways, as multi-phase settlements featuring trapezoidal longhouses.

Vielleicht haben sich mit der LBPC nach einer Siedlungslücke unmittelbare Nachkommen von Bandkeramikern regional erneut ausgebreitet? So auch die Annahme einiger polnischer Archäologen (Żurkiewicz2024):

... Vielleicht ist es erlaubt, zumindest einige dieser (LBPC-)Gemeinschaften als Gruppen neu zugewanderter Migranten zu interpretieren, die in fremde Gebiete kamen. Bis vor Kurzem wurde der Ursprung der LBPC mit den LBK-Gemeinschaften in Verbindung gebracht, die neue Migrationswellen und Einflüsse aus anderen Kulturzentren aufnahmen (Czerniak 1994b, 60; Czerniak 2012, 155–156). Daher ging man davon aus, daß sich die LBK-Gemeinschaften im polnischen Tiefland kontinuierlich weiterentwickeln und allmählich in die LBPC übergehen würden. Neuere Daten, die auf die relativ kurze Dauer der LBK-Gemeinschaften im polnischen Tiefland und ihr Verschwinden um 5100 v. Ztr. (Whittle et al. 2022) hinweisen, sowie die Möglichkeit einer frühesten Datierung des Ursprungs der LBPC auf etwa 4800 v. Zt. (Czerniak et al. 2016) legen jedoch ein alternatives Konzept für die Entstehung dieser späteren Gemeinschaften nahe. Die Hypothese von Grygiel (2004, 631) gewinnt daher an Glaubwürdigkeit, da sie davon ausgeht, daß die Auswanderung der LBK-Gemeinschaften aus dem polnischen Tiefland in das Saalebecken auf ungünstige Klimaveränderungen und die Wiederbesiedlung dieser Zone Europas durch Migranten aus Niederschlesien, die die SBK repräsentierten, zurückzuführen ist.
... Perhaps this allows us to interpret at least some of these communities as groups of new  migrants who arrived in foreign areas. Until recently, the origin of the LBPC was associ￾ated with the LBK communities that absorbed new waves of migrants and influences from  other cultural centres (Czerniak 1994b, 60; Czerniak 2012, 155–156). Therefore, it was  assumed that there would be continuous development of LBK communities that would gradually transform into the LBPC in the Polish Lowlands. Currently, new data indicat￾ing the relatively short duration of LBK communities in the Polish Lowlands and their  disappearance around 5100 BC (Whittle et al. 2022) along with the possibility of the earli￾est dating of the origins of the LBPC to around 4800 BC (Czerniak et al. 2016) promote  an alternative concept of the genesis of these latter communities. Thus, the hypothesis by  Grygiel (2004, 631) is gaining credibility, as it assumes that the emigration of LBK com￾munities from the Polish Lowlands to the Saale Basin was the result of unfavourable  climate changes and the re-population of this zone of Europe by migrants from Lower  Silesia representing the SBK.

Das wäre dann allerdings ein sehr dynamisches Geschehen. Vielleicht geschah das zur Ausbreitung der Rössener Kultur in den Raum der Unteren Oder (?).

Die auf die LBPC folgende Brześć-Kujawski-Kultur könnte dann hingegen schon zum Lengyel-Komplex gehört haben (?). Aber das alles kann offenbar aktuell nur mit Fragezeichen formuliert werden.

Eine frühe Trichterbecher-Siedlung zwischen Warthe und Oder

Als Ausklang sei zunächst nur noch auf zwei polnische jüngere archäologische Studien eingegangen, die sich - auch - mit den Ursprüngen der Trichterbecher-Kultur beschäftigen. Es gibt zu diesem Thema noch viele weitere Studien auf polnischer Sprache zu vielen anderen Regionen zwischen Oder und Weichsel. Eines der Hauptprobleme scheint allerorten die Datierung zu sein, die nicht zuverlässig genug ist oder nicht widerspruchsfrei mit anderen Datierungen zu vereinbaren sind.

Abb. 5: Der Flußverlauf der Warthe (poln. Warta) (Wiki)

Vierzig Kilometer südwestlich der Stadt Posen an der Mittleren Warthe, 32 Kilometer nördlich der Stadt Lissa und 65 Kilometer nordöstlich von Glogau in Schlesien liegt die Ortschaft Kiełczewo (GMaps). Über die rein archäologischen Untersuchungen zu der dort entdeckten Trichterbecher-Siedlung heißt es (Szczepaniak2025):

Diese Arbeit konzentriert sich auf die vielschichtige Analyse der Keramikfunde der Trichterbecherkultur aus Kiełczewo (der Siedlungsgemeinschaft um Kosten [poln. Kościan]). Die Lage des Fundorts im Mittleren Warthe-Becken (Großpolen) macht ihn zu einem wichtigen Schnittpunkt südlicher Kulturen (Schlesien, Tschechien und Mähren) und Kulturen von der Unteren Elbe. Stilistische Analysen zeigen zudem, daß die Keramikfunde von Kiełczewo Elemente der späten Lengyel-Kultur (d. h. der Jordansmühler Kultur [poln. Jordanów-Kultur], die sich in Niederschlesien entwickelte - Stempin, 1995; Wierzbicki, 2013) und der Baalberger Kultur (Mittel- und Ostdeutschland und Tschechien - Preuß, 1966; Zápotocký, 2013) aufweisen. Dies macht die Keramik-Ensemble von Kiełczewo zu einer wichtigen Fallstudie für die Untersuchung der Töpferproduktion und die Identifizierung potenzieller Importe oder „Inspirationen“ aus anderen zeitgenössischen TBK-Gemeinschaften. Die lokale Keramik ist zudem die erste, die in dieser Region so detailliert analysiert wurde.

Die Datierungen scheinen noch nicht wirklich eindeutig zu sein.

Abb. 6: Die Warthe bei Wronke (poln. Wronki), 50 Kilometer nordwestlich der Stadt Posen (GMaps)

Wenn man es recht versteht, fällt die Trichterbecher-Siedlung von Kiełczewo nicht in die früheste Phase der Trichterbecherkultur (Szczepaniak2025):

Die Keramik aus Kiełczewo unterscheidet sich deutlich von den klassischen Fundkomplexen der TBK aus Kujawien, sowohl in Bezug auf die Technologie (mit einem Überwiegen dünnwandiger Keramik) als auch auf die Ornamentik. Die genannten Unterschiede legen nahe, daß dieses Gebiet ein wichtiger Knotenpunkt für die Verbreitung der Kulturtraditionen der Jordansmühler Kultur (poln. Jordanów-Kultur) war, ähnlich denen in Kujawien an den Fundstätten Podgaj 7A und Jeziucka Struga 17 (Wierzbicki, 2013). Die petrographischen Unterschiede der Proben KIEL3, 24 und 25 sowie die spezifische Dekoration scheinen diese Hypothese zu bestätigen.

Datierungen, die genau und zuverlässig genug sind, um die Entstehungsregion der Trichterbecher-Kultur besser einzugrenzen, scheinen weiterhin das Hauptproblem bei diesem Thema zu sein - sowohl in Westeuropa wie hier in Ostmitteleuropa.

Die Trichterbecher-Kultur an der Mittleren Warthe 

Wir lesen über die Theorie der Archäologen, daß die Entstehung der Trichterbecher-Kultur (TBK) mit der Lengyel-Kultur in Zusammenhang steht, aus Sicht einer Archäologin der Universität Posen und aus Sicht der Region der Mittleren Warthe ("Großpolen") rund um die Stadt Posen (Żurkiewicz2022):

Die zweite Theorie konzentriert sich auf die Wurzeln der Trichterbecherkultur in ihren ersten Jahrhunderten innerhalb der neolithischen Kulturen des Donauraumes (Czerniak & Kośko, 1993; Kukawka, 1991, 2010). Ein interessanter Ansatz ist der Versuch, die Entstehung des Trichterbecherkultur-„Pakets“ in den Fokus zu rücken; mit anderen Worten, nicht nur die Trichterbecherformen, sondern auch alle anderen keramischen Merkmale, Grabstrukturen, die Landwirtschaft und Siedlungsmuster zu analysieren, die für die gesamte Trichterbecherkultur-Ökumene charakteristisch waren. Jüngste Forschungen zeigen, daß Elemente des TBK-Pakets, darunter die Keramikstile von Wiórek und Luboń, während des Übergangs zwischen der mesolithischen und neolithischen sozioökonomischen Sphäre um 3900–3800 v. Ztr. in der Seenplatte in der Region der Mittleren Warthe ("großpolnische Seenplatte") auftraten (Czerniak, 2018; Rzepecki, 2006, 2011). Diese kulturellen Interaktionen wurden stark von der Michelsberger Kultur beeinflußt. Ein entscheidender Aspekt der Entstehung des TBK-Pakets war das Aufkommen monumentaler Bestattungen im Norden, in denen Migrationen östlicher und südlicher Gruppen der TBK deutlich erkennbar sind. Dieses Konzept ist eine seit langem etablierte archäologische Erklärung (z. B. Childe, 1949; Rzepecki, 2011). Die chronometrischen Belege für diese Hypothese wurden von Czerniak et al. (2016), Grygiel (2016) und Kukawka (2015) vorgelegt und durch DNA-Analysen von Fernandes et al. (2018) gestützt. Darüber hinaus wurde die Möglichkeit vom Autor dieser Arbeit belegt (Żurkiewicz, 2019), daß einige Aspekte der Gewässerweihgaben ("aquatic ritual sphere") früher TRB-Gemeinschaften von jüngeren Donaugesellschaften übernommen wurden.
Die Wechselbeziehungen zwischen der Brester Kultur (poln. Brześć Kujawski-Kultur) (BKC) und der Trichterbecherkultur (TBK) im Wartheland zeigen sich im gemeinsamen Vorkommen beider Kulturen an denselben Fundstätten, oft sogar in denselben Befunden (Jankowska, 1999). Dies wurde beispielsweise in der BKC-Siedlung in Racot beobachtet. Dort wurden zahlreiche FBK-Befunde entdeckt, darunter auch solche mit Spuren von Ritualen und Kannibalismus. Diese Überreste werden der Phase III der TBK (4200–3800 v. Ztr.) zugeordnet; sie treten jedoch, wie neue Radiokohlenstoffdatierungen aus Kotowo bestätigen (Lipińska, 1963; Żurkiewicz, 2020), bereits früher in der unmittelbaren Umgebung der TBK-Gemeinde auf, die der Phase I (4000–3700 v. Ztr.) zugeordnet wird.
The second theory focuses on the roots of the FBC during its first centuries among Danubian Neolithic cultures (Czerniak & Kośko, 1993; Kukawka, 1991, 2010). An interesting approach is the attempt to turn attention to the emergence of the Beaker “package”; in other words, to analyse not only beaker forms but also all other ceramic features, sepulchral structures, agriculture, and settlement patterns that were characteristic of the entire FBC ecumene. The latest research shows that it was during the transition between the Mesolithic and Neolithic socio-economic spheres around 3900–3800 BC that elements of the Beaker package, including Wiórek and Luboń ceramic styles, appeared in the Lake District of Greater Poland (Czerniak, 2018; Rzepecki, 2006, 2011). These cultural interactions were strongly influenced by the Michelsberg culture. A crucial aspect of the creation of the Beaker package was the emergence of monumental burials in the north, in which migrations of eastern and southern FBC groups are clearly visible. This concept is a long-standing archaeological explanation (i.e. Childe, 1949; Rzepecki, 2011). The chronometric evidence for this hypothesis has been presented by Czerniak et al. (2016), Grygiel (2016), and Kukawka (2015), and it has also been supported by DNA analyses by Fernandes et al. (2018). Also, the possibility that some aspects of the aquatic ritual sphere of early FBC communities were derived from younger Danubian societies has been evidenced by the current author (Żurkiewicz, 2019).
The interrelationships of the BKC and FBC in Greater Poland are illustrated by the co-occurrence of both cultures at the same sites, often within the same features (Jankowska, 1999). This situation was noted, for example, at the BKC settlement in Racot. Many FBC features were discovered here, including special ones containing traces of rituals and cannibalism. These remains are dated to III phase of the FBC (4200–3800 BC); however, they do occur earlier within the direct neighbourhood of the FBC community, dated to phase I (4000–3700 BC), as confirmed by new radiocarbon dates from Kotowo (Lipińska, 1963; Żurkiewicz, 2020).

Was hier "früher" und "später" sein soll, wird nicht so ganz klar und kann hier vorerst nicht geklärt werden.

Abb. 7: Die Warthe bei Birnbaum (poln. Międzychód) (Wiki) - 80 Kilometer nordwestlich der Stadt Posen, 50 Kilometer östlich von Landsberg an der Warthe (GMaps)

Abschließend: "Wir Deutschen" leben seit 1945 nicht mehr östlich der Oder und haben deshalb die großen früheren deutschen Landesteile östlich der Oder zumeist völlig aus dem Blickfeld und dem kulturellen Bewußtsein verloren. Was für ein immenser Verlust. Eine Geschichtsvergessenheit ohne Gleichen. Mehr als ein Viertel der Vorfahren aller heute lebenden Deutschen mit deutschen Wurzeln haben viele Jahrhunderte östlich der Oder, östlich des Bayerischen Waldes oder auch südöstlich vom Plattensee bis hinunter nach Siebenbürgen gelebt, haben an der Weichsel und bis hinauf an den Memelstrand, bis hinauf nach Tilsit gelebt.

Die Geschichtsvergessenheit bezüglich dieser Regionen wirkt sich auch auf die archäologische Forschung aus. Die vielfältigen archäologischen Erkenntnisse polnischer Archäologen etwa - oder auch tschechischer oder rumänischer - werden von der deutschen Öffentlichkeit heute viel weniger deutlich wahrgenommen als archäologische Forschungen innerhalb der heutigen deutschsprachigen Regionen. Dabei stellt die Region zwischen Oder und Weichsel für manche Geschichtsepoche (Trichterbecher-Kultur, Kugelamphoren-Kultur, Aunjetitzer Kultur, Ausbreitung der Goten, Ausbreitung der Slawen) eine Schlüsselregion dar. Sie ergänzt das Wissen, das in West- und Mitteleuropa gewonnen wurde, mitunter beträchtlich. Das wird einem aber erst bewußt, wenn man seine Aufmersamkeit gezielt darauf richtet.

Abb. 8: Die Trichterbecher-Kultur rund um die Stadt Posen (aus: OpenArch2022) (Żurkiewicz2022)

So bildete beispielsweise die Region Kujawien an der Weichsel schon während der Zeit der Bandkeramik und der Trichterbecherkultur und noch deutlicher während der nachfolgenden Kugelamphorenkultur und der ihr zeitweise zeitgleichen Schnurkeramikkultur - aufgrund von Salzvorkommen - ein äußerst wichtiges Siedlungszentrum. Auch darauf wollen wir noch einmal zurück kommen. 

Drei Pest-Epidemien innerhalb von 150 Jahren

Ergänzung 26.5.26: In einer neuen schwedischen Dissertation wird aufgezeigt, daß die Trichterbecher-Gemeinschaften in Südskandinavien auf lokaler Ebene kulturell vergleichsweise große Vielfalt aufgewiesen haben. Es hat in der Trichterbecher-Zeit innerhalb von 150 Jahren offenbar drei Pest-Epidemien gegeben (7):

Metagenomische Analysen zeigten zudem, dass *Yersinia pestis* im neolithischen Südskandinavien weit verbreitet war, mit mindestens drei voneinander unabhängigen Infektionsereignissen innerhalb von rund 120 Jahren.Metagenomic analyses further showed that Yer-sinia pestis was widespread in Neolithic southern Scandinavia, with at least three distinct infection events within around 120 years.

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*) Weiter lesen wir (Lindstedt2023):

Die Individuen aus Trzciniec, Lausitzer Zeit und Przeworsk aus der Bronze- und Eisenzeit Miechóws gruppieren sich größtenteils mit bereits publizierten Individuen aus Trzciniec, niedriger auf PC1 und höher auf PC2 als die neolithischen Bauerngruppen. Die beiden Lausitzer Individuen liegen auf PC1 etwas höher als die übrigen Individuen der polnischen Bronzezeit, näher an Vatya.
As for the Miechów Bronze and Iron Age individuals, the Trzciniec, Lusatian and Przeworsk individuals mostly cluster with previously published Trzciniec individuals, lower on PC1 and higher on PC2 than the Neolithic farmer groups. The two Lusatian individuals fall slightly higher on PC1 than the rest of the Polish Bronze Age cluster, closer to Vatya.

Nicht unerwähnt bleiben soll, daß die Archäogenetikerin Freija Lindstedt Schottischen Volkstanz macht (Göteborg2024). 

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  1. Nowak, Marek. "The first vs. second stage of neolithisation in Polish territories (to say nothing of the third?)." Documenta Praehistorica 46 (2019): 102-127 (Resg)
  2. Lindstedt, Freja. "Genetic affinities among individuals buried at a multi-period site in East-Central Europe." Examensarbeit für den Master of Science am Biology Education Centre and Department of Organismal Biology, Human Evolution, Universität Uppsala, betreut von Helena Malmström und Jules Koelman, 2023 (Diva-Portal) 
  3. Szczepaniak, Małgorzata, et al. "From Macro to Micro: Integrated analysis of Funnel Beaker Culture pottery from Kiełczewo (Western Poland)." Journal of Archaeological Science: Reports 61 (2025): 104938 (JArchSc2025)
  4. Żurkiewicz, Danuta. "Colonists and Natives. The Beginning of the Eneolithic in the Middle Warta Catchment. 4500–3500 BC" Open Archaeology, vol. 8, no. 1, 2022, pp. 390-401. https://doi.org/10.1515/opar-2022-0240 (OpenArch2022)
  5. Żurkiewicz, Danuta. "Far from home: Stroke-Ornamented Ware and grog temper in the Polish Lowlands." Archeologické rozhledy 76.2 (2024): 189-210 (Rozhledy) (Acad)
  6. Becker et al. 2024: V. Becker/C. Fiutak/R. Bristow/R. Iversen, Everything Was Better in the Good Old Days: On the End of the LBK and the Emergence of Lengyel Culture Figurines. JNA 26, 2024, 115–145. DOI: https://doi.org/10.12766/jna.2024.5 (UniKiel)
  7. Julian Koelman: Intertwined lives across parallel worlds: Ancestry, kinship, mobility, and disease in Neolithic southern Scandinavia. Diss Uppsala 2026 (Diss)

Samstag, 22. Juli 2023

"500 Jahre früher als erwartet" - Die Indogermanen an der Unteren Donau

4.100 v. Ztr. - Fürsten der Chwalynsk-Kultur erobern mit ihren Heeren die Untere Donau, ihre Krieger vermischen sich zu 50 % mit den einheimischen Bauern

An der Unteren Donau im heutigen Rumänien und Bulgarien gab es die bedeutende mittelneolithische Gumelniţa-Kultur (4.600 bis 4.250 v. Ztr.) (Wiki). Sie bestand zeitgleich zur ebenfalls großartigen Cucuteni-Tripolje-Kultur im Osten der Karpaten und war aus derselben anatolisch-neolithischen Völkergruppe hervor gegangen (Abb. 1a). Sie wies eine hohe Siedlungsdichte auf.

Abb. 1: Unterer Donau-Raum 4.500 bis 3.500 v. Ztr. - a) Vorherrschen der anatolisch-neolithischen Herkunft (aber schon vereinzelt Steppengenetik!), b) Die Steppengenetik kommt massiv ab 4.100 v. Ztr., c) Die Indogermanen vermischen sich auch mit Karpaten-Jäger-Sammlern 

Sie ging aber viele hundert Jahre früher unter als die Cucuteni-Tripolje-Kultur östlich der Karpaten. Eine der Großsiedlungen der Gumelniţa-Kultur war der Siedlungshügel Magură Gorgana bei Pietrele (Wiki) in Rumänien (4550-4250 v. Ztr.) am Nordufer der Unteren Donau. Dieser Siedlungshügel liegt 230 Kilometer nordwestlich von Warna und 50 Kilometer südlich von Bukarest (GMaps). Seit 2002 wird er von deutschen Archäologen rund um Svend Hansen (Berlin) ergraben (DaInst2020).

4.500 v. Ztr. - Ein dünner Schleier indogermanischer Ausbreitung donauaufwärts

Eine gerade neu erschienene archäogenetische Studie zeigt auf, daß sich vereinzelte Angehörige dieser Kultur schon früh mit Angehörigen der Indogermanen der Chwalynsk-Kultur von der Mittleren Wolga vermischt haben (Abb 1a), ein Geschehen, das schon in früheren Beiträgen hier auf dem Blog Thema war (z.B. Stgen2021, Stgen2022). Sozusagen ein erster dünner Schleier von indogermanischer Ausbreitung ab 4.700 v. Ztr. bis in die Donau-Region von Ungarn hinein.

4.100 v. Ztr. - Die Indogermanen kommen massiv ins Donau-Delta

Die grundlegendere Neuerkenntnis dieser Studie ist, daß die der Gumelniţa-Kultur ab 4.100 v. nachfolgende Cernodova-Kultur (4100 bis 3.200 v. Ztr.) (Wiki) von Menschen getragen wurde, die vergleichsweise einheitlich mehr oder weniger als 50 % indogermanische Steppengenetik aufgewiesen haben (1) (Abb. 1b). Es sind insbesondere Skelette des Fundortes Kartal (4150-3400 v. Ztr.) im Donau-Delta am nördlichen Rand der vormaligen Gumelniţa-Kultur untersucht worden. Dieser gehörte zur Cernodova-Kultur. Die deutschen Archäogenetiker aus Leipzig schreiben (1):

Ein Hauptergebnis unserer Studie legt einen frühen Kontakt und eine Vermischung zwischen kupferzeitlichen Bauern-Gruppen des südöstlichen Europa mit spätneolithischen Gruppen aus der Steppenzone der heutigen südlichen Ukraine nahe, beginnend vermutlich ab der Mitte des fünften Jahrtausends v. Ztr., als sich die Siedlungsdichte weiter nach Norden verlagerte und die Region der Unteren Donau in Verbindung kam mit der Steppenregion an der Küste und mit Gruppen der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Waldsteppe. 
A principal finding from our study indicates early contact and admixture between CA farming groups from SEE and Eneolithic groups from the steppe zone in today’s southern Ukraine, possibly starting in the middle of the fifth millennium BC when settlement densities shifted further north, connecting the lower Danube region with the coastal steppe and Cucuteni–Trypillia groups of the forest–steppe.

In diesen neuen Sequenzierungen von Kartal, die auf die Zeit nach 4.100 v. Ztr. weisen, wird also eine zweite, deutlich massivere Einwanderungs-Welle von indogermanischen Steppen-Gruppen sichtbar. Weiter heißt es (1):

Während des vierten Jahrtausend v. Ztr. kam es in der nordwestlichen pontischen Raum zu verstärktem Kontakt mit spätneolithischen Gruppen der Steppe, während diese wiederum auch Kontakt mit Gruppen im Nordkaukasus wie der Maikop-Kultur hatten, was sich alles in den hier vorgelegten Genom-Daten widerspiegelt.
During the fourth millennium BC, the northwestern Pontic region experienced intensified contact with Steppe Eneolithic groups, while these in turn also had contact with groups in the North Caucasus, such as Maykop, all of which are mirrored by the genomic data presented here.

Diese Erkenntnis wirft natürlich auch einen neuen Blick auf jenen Eroberungszug, jene Militärinvasion der Maikop-Kultur um 3.500 v. Ztr. über das gesamte Gebiet der Cucuteni-Tripolje-Kultur hinweg, wie sie letztes Jahr von dem moldawischen Archäologen Valentin Dergachev jüngst herausgearbeitet worden war (Studgen2022). Diese war also - von dem Geschehen im Donau-Delta her gesehen - kein besonders "frühes", sondern schon ein vergleichsweise "spätes" Eroberung-Geschehen. Diesem war jedenfalls schon die vergleichsweise massive Eroberung der Unteren Donau-Region durch Angehörige, bzw. Nachkommen der Chwalynsk-Kultur voraus gegangen.

Nach den Daten, die bis heute vorliegen, war also die Einmischung indogermanischer Steppengenetik um 4.100 v. Ztr. innerhalb der Cucuteni-Tripolje-Kultur noch deutlich geringer. Die Cucuteni-Tripolje-Kultur begann in jener Zeit auch eine zweite Blütezeit, während es an der Unteren Donau schon zu viel umwälzenderen kulturellen und genetischen Umbrüchen gekommen ist.

Karpaten-Jäger-Sammler als Verbündete der Indogermanen?

Ein weiteres Ergebnis dieser neuen archäogenetischen Studie der Forscher rund Ringbauer, Stockhammer, Svend Hansen, Johannes Krause und Wolfgang Haak (Penske et al 2023) ist, daß in der mittelneolilthischen Siedlung Magură Gorgana bei Pietrele in Ausnahmefällen auch Menschen lebten (hier ein Individuum, das "PIE060" benannt wird), die neben der sonst für diese Region für das Mittelneolithikum typischen und gut bekannten anatolisch-neolithischen genetischen Herkunft um die 35 % westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft aufwiesen (1) (s. Abb. 1a). 

Man möchte annehmen, sie stammten von den Karpaten-Jäger-Sammlern ab, die ja zwischen Böhmen und Griechenland über viele Jahrtausende an den Ethnogenesen zahlreicher Völker und Kulturen dieser Region Anteil hatten, da sie sich offenbar in den Höhenlagen der Karpaten über lange Zeiträume hinweg unvermischt erhalten haben. Es könnte sich unserer Meinung nach um dieselbe Herkunftsgruppe handeln, die ursprünglich als "Körös-Jäger-Sammler" bezeichnet worden war (s. z.B. Stgen2021, Stgen2022). Die Forscher schreiben (1):

Die Herkunftsmodellierung (...) unterstützt ein Zwei-Wege-Modell (Abb. 3d ) mit südosteuropäisch-neolithischer Herkunft (SEE N) (ca. 65 %) und Jäger-Sammler-Genetik vom Eisernen Tor oder KO1 (osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik von Kosteniki) (ca. 35 %) als besten Annäherungen. (...) Was darauf hindeutet, daß PIE060 aus einer Gemeinschaft außerhalb von Pietrele stammte, die kürzlich Kontakt mit Jäger-Sammlern hatte. Tatsächlich wurde von Individuen mit ähnlich hohen Anteilen an Jäger-Sammler-Abstammung auch aus nahegelegenen Orten wie Malak Preslavets (ca. 70 km) und Dzhulyunitsa (ca. 140 km) berichtet.
Ancestry modelling with qpAdm supports a two-way model (Fig. 3d) with SEE N (around 65%) and Iron Gates HG or KO1 (around 35%) as the best proxies. Using DATES33 to determine the time of admixture between SEE N and Iron Gates HG as a local HG ancestry, we obtained an admixture estimate of 16.3 ± 13.4 generations (Z = 1.213), which corresponds to around 81–832 years before the mean 14C date of PIE060, when a generation time of 28 years is assumed34. A flat decay curve (Extended Data Fig. 3a) supports the interpretation of a recent admixture date, which suggests that PIE060 came from a community outside Pietrele with recent contact with HGs. Indeed, individuals with similarly high amounts of HG ancestry have been reported from nearby sites in Malak Preslavets (around 70 km) and Dzhulyunitsa (around 140 km)29.

Man könnte auch hier der These nachgehen, die wir hier auf dem Blog schon mehrfach formuliert und verfolgt haben, nämlich daß einheimische Jäger und Sammler als "Randkulturen" und "Unterschichten" der großen mittelneolithischen Bauernkulturen und Königreiche sich mit den halbnomadischen Indogermanen von auswärts verbündet haben und es auf diese Weise zum vergleichsweise frühen Zusammenbruch der mittelneolithischen Gumelniţa-Kultur gekommen ist. 

In der neuen Studie fanden sich für die frühe Bronzezeit auch Menschen, die nur Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik und Steppen-Genetik aufwiesen (s. Abb. 1c), was auch ein Hinweis auf das Bestehen eines solchen "Bündnisses" angsesehen werden könnte.

4.100 v. Ztr. - Entstehungszeit des indogermanisch-ägäischen Götter-Pantheons?

Diese neuen Erkenntnisse unterstreichen noch einmal die bedeutende Rolle, die schon frühe Wellen der indogermanischen Westausbreitung für die betroffenen Kulturen haben konnten, auch für die östlich benachbarte Cucuteni-Tripolje-Kultur. Womöglich erwies sich aber die Cucuteni-Tripolje-Kultur noch für mehrere Jahrhunderte - bis 3.500 v. Ztr. - als kulturell und militärisch stabiler und anpassungsfähiger im Vergleich zu der zeitgleichen Gumelniţa-Kultur in Rumänien, die eben schon vor 4.100 v. Ztr. vollständig scheint zusammen gebrochen zu sein und von der indogermanisierten Cernodova-Kultur ersetzt worden ist, die nun schon ein ganz anderes kulturelles und genetisches Gepräge aufwies. 

Man möchte auch meinen, daß jene indogermanische-mediterrane Mischkultur, als die sich uns die antiken Griechen in klassischer Zeit religiös, sprachlich, kulturell und genetisch zeigen, ihre Wurzeln haben könnten in einer Geschichte, die bis in das Geschehen um 4.100 v. Ztr. zurück weist. Ab 4.100 v. Ztr. könnte sich jedenfalls erstmals der Götter-Pantheon der Ägäis-Bauern mit dem Götter-Pantheon der Indogermanen von der Mittleren Wolga vermischt haben, grob gesagt: Zeus einerseits mit Apollon und Dionysos andererseits.  

"500 Jahre früher als erwartet"

In der Presseerklärung des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig äußert sich die Erstautorin ähnlich überrascht von ihren Ergebnissen wie wir es sind (MPG2023):

„Die größte Überraschung für uns war, daß wir eine Beimischung der typischen genetischen Steppensignatur nun mehr als 500 Jahre früher als erwartet fanden“, sagt Erstautorin Sandra Penske vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie.

In der Studie selbst wie auch in der Presseerklärung wird ausdrücklich betont, daß es aktuell keine Beweise gäbe dafür, daß es die Indogermanen waren, die die mittelneolithische Kultur im Donauraum zum Zusammenbruch gebracht hätten.

Das ist ja sehr nett von Seiten der Forscher. Aber wer möchte das glauben? Sie haben scheinbar einfach ein Problem damit, auch noch in diesem Punkt Marija Gimbutas recht zu geben, nachdem sie ihr schon sonst so viel Recht hatten geben müssen. Aber das wirkt dann wahrlich ein wenig kleinkariert.

Gewiß, so viel dürfte stimmen: Damit Großkulturen zusammen brechen, bedarf es mehr als nur einer Bedrohung von außen. Sie müssen auch von innen heraus - sozusagen - "reif zum Zusammenbruch" sein. Aber daß das Waffenarsenal, das die Indogermanen jener Zeit in so besonders auffälliger Weise - und im Gegensatz zu allen anderen Kulturen ihrer Zeit - mit sich führten, überhaupt nichts mit diesem Zusammenbruch zu tun gehabt haben soll, das möchte einem wahrlich nicht als besonders wahrscheinlich in den Sinn kommen .....

Aber vielleicht standen an den Bahnsteigen der ankommenden Indogermanen im Bereich der Unteren Donau um 4.100 v. Ztr. ebenfalls viele Menschen, schwenkten Fahnen und riefen: "Refugees welcome". Alles ist möglich. (Wir könnten uns ja vorstellen, daß das die an den Rand der Gesellschaft gedrängten Karpaten-Jäger-Sammler waren ...)

/ leicht überarbeitet: 
31.7.2023 /

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  1. Penske, S., Rohrlach, A.B., Childebayeva, A. et al. Early contact between late farming and pastoralist societies in southeastern Europe. Nature (2023). https://doi.org/10.1038/s41586-023-06334-8, Published 19 July 2023, https://www.nature.com/articles/s41586-023-06334-8.

Sonntag, 6. November 2022

Die Rolle der Indogermanen in der Geschichte der Cucuteni-Tripolje-Kultur (ab 4.700 v. Ztr.)

Indogermanen als Mitbewohner der "Megasites" in der Ukraine
- Steppen-Hirten lebten schon früh innerhalb der reichen bäuerlichen Siedlungen
- Ein isolierter Oberarm-Knochenfund aus der Zeit um 4.000 v. Ztr. westlich des Dnjepr macht die Archäologen diesbezüglich sicherer

Einzelne Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur (4.900 bis 3.000 v. Ztr.) (Wiki) waren so groß, daß sie von der Forschung "Megasites" genannt werden. Sie umfaßten die Einwohnerschaft des mittelalterlichen London (6). Die Menschen dieser Kultur waren aus der anatolisch-neolithischen Völkergruppe hervorgegangen, nachdem ihre Vorgänger-Kultur am Osthang der Karpaten, die Bandkeramik, daselbst untergegangen war. Von diesen Osthängen der Karpaten aus breitete sich das neue Volk dann überraschend zügig bis zum Dnjepr aus (Stgen2021).

Abb. 1: Tierfigurine der Cucuteni-Tripolje-Kultur in Moldawien und der Ukraine (aus: 6)

Von Osten her hat sich zu ähnlicher Zeit das Urvolk der Indogermanen, die Chwalynsk-Kultur (4700 bis 3800 v. Ztr.) (Wiki), von der Mittleren Wolga nach Westen bis zum Dnjepr ausgebreitet - und weit darüber hinaus. Sie waren vermutlich die ersten "vollberuflichen" Krieger der Menschheitsgeschichte. Sie waren entstanden als sich Bauernkulturen vom Nordufer des Kaspischen Meeres aus zu beiden Seiten der Wolga Richtung Norden ausbreiteten. Dort trafen sie auf Menschen der Völkergruppe der osteuropäischen Fischer, Jäger und Sammler. Aus der je hälftigen Vermischung beider Völker entstand das Urvolk der Indogermanen, ein völlig neues Volk, das sich von der Mittleren Wolga aus dann sehr zügig nach Süden über den Kaukasus hinweg bis nach Armenien (Stgen2022) ausbreitete, sowie nach Bulgarien und - "sporadisch" - nach Nordgriechenland, sowie die Donau aufwärts bis nach Ungarn. 

Am Dnjepr bei Kiew sind diese beiden großen Kulturen - die bäuerlich-städtische Siedler-Kultur aus den Karpaten und die kriegerische Hirten-Kultur von der Wolga - aufeinander getroffen. 40 Kilometer südlich des heutigen Kiew, nahe der heutigen Ortschaft Tripolje am Dnjepr, wurde 1897 eine der ältesten Städte dieser Kultur, sowie der Menschheit insgesamt ausgegraben. Sie hatte einstmals zehn- bis zwanzigtausend Einwohner. Sie bildete zwischen 4.700 und 4.000 v. Ztr. einen der östlichsten "Vorposten" dieses Volkes.

Auf der anderen, östlichen Seite des Dnjepr und weiter bis zum Don trat das Urvolk der Indogermanen in Form der Sredny-Stog-Kultur (4.700 bis 3.300 v. Ztr.) (Wiki, engl) auf, eine Kultur, die Elemente der Hirten-Kultur mit Elementen bäuerlicher Kultur vermischte.

Bisherige Sichtweise hier auf dem Blog

In früheren Beiträgen hier auf dem Blog (erschienen seit 2017) hatten wir es schon als sehr wahrscheinlich erachtet, daß der kulturelle und genetische Einfluß der indogermanischen Steppenkultur auf die bäuerliche Cucuteni-Tripolje-Kultur und umgekehrt älter und umfangreicher gewesen sein könnte als man das in der Forschung - und besonders betont in der westlichen - in den letzten Jahrzehnten hat annehmen wollen. Archäologen in Moldawien (Dergachev) und - wie wir gleich sehen werden auch in der Ukraine - sehen das schon seit längerem weitaus differenzierter. In früheren Beiträgen hier auf dem Blog war uns dieser Einfluß unter anderem erkennbar an der gleichmäßigen Verteilung eines Steppengenetik-Herkunftsanteiles in sequenzierten Skeletten aus dem Kernraum und westlichen Teil der Cucuteni-Tripolje-Kultur während des 4. Jahrtausend v. Ztr.. Er war uns erkennbar außerdem anhand der Studien von Dergachev zur geographischen Verteilung von indogermanischen Tierkopf-Zeptern, sowie an der Verteilung der Häufung von Pfeilspitzen-Funden als Hinweise auf kriegerische Aktivitäten rund um Siedlungen, sowie anhand der immer wieder wechselnden Siedlungsverteilung zwischen den Karpaten und dem Dnjepr (Stgen2021).

Etwas anderes als eine solche Mitbeteiligung der Indogermanen würde ja auch gar nicht mehr passen zu dem sonstigen großen Bild der Süd- und Westausbreitung der Chwalynsk-Kultur ab 4.700 v. Ztr., das durch die Archäogenetik der letzten Jahre gewonnen worden ist. Darauf wird allerdings - nebenbei gesagt - auffallend wenig in der Wissenschaftsberichterstattung hingewiesen, obwohl die grundlegende weltgeschichtliche Bedeutung der Entstehung und frühen Geschichte der indogermanischen Völkergruppe, aus der die westliche Kultur hervorgegangen ist, ja im Grunde unübersehbar ist. Aber das sei nur am Rande bemerkt.

Abb. 2: Aufbewahrungsbehälter in Form eines Stiers aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur, Nationalmuseum für die Geschichte Moldawiens in Chisinau (Wiki), Fotograf Cristian Chirita

Auf jeden Fall finden wir unsere genannte Annahme nun bestätigt in einer Preprint-Studie vom 1. November 2022 von Seiten von Archäogenetikern rund um David Reich in Zusammenarbeit mit dem Kiewer Archäologen Mykhailo Videiko (Res, Acad) (1, 2, 6).

Die Sredny-Stog-Kultur wird im allgemeinen als die Herkunftskultur der nachfolgenden großen indogermanischen Jamnaja-Kultur angesehen. Von dieser wiederum scheinen sowohl die antiken Griechen wie auch die antiken Armenier ihre indogermanische Sprache, Religion und Kultur bekommen zu haben (sowie in unterschiedlichen, geringeren Anteilen ihre Genetik). Zugleich aber nun hat diese Jamnaja-Kultur auch die Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine und andere bäuerliche Kulturen auf dem Balkan unterworfen und "beerbt". (Immerhin hat die Cucuteni-Tripolje-Kultur in der sogenannten "Nach-Cucuteni-Tripolje-Kultur" in verschiedenen Enklaven noch Jahrhunderte lang fortgelebt, was auch ein interessanter Umstand sein dürfte, der von dem Archäologen Videiko auch schon thematisiert worden ist ein einer seiner Studien.)

Auf die Sredny-Stog-Kultur waren wir hier auf dem Blog schon verschiedentlich zu sprechen gekommen. Allerdings hatten wir jeweils widersprüchliche Aussagen zu ihr zu referieren gehabt. Einmal wurde sie vornehmlich der anatolisch-neolithischen Völkergruppe zugesprochen von Seiten der Archäogenetiker (Stgen2017). Ein anderes mal war sie von ihnen vornehmlich der Völkergruppe der Urindogermanen zugesprochen worden (Stgen2020, Stgen2022). Welche komplexeren (?) genetischen und kulturellen Verhältnisse hier nun wirklich vorliegen, wird wohl erst die künftige Forschung abschließender klären können.

Menschliche Überreste aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur sind von der Forschung bislang nur sehr selten gefunden worden. Deshalb tut sich die Archäogenetik weiterhin schwer, zuverlässige und insbesondere lückenlose Aussagen zur Geschichte derselben zu treffen. 

Ein Oberarm-Knochen dreißig Kilometer westlich des Dnjepr

2006/07 fand 40 Kilometer südlich von Kiew (südlich von seinem Zentrum, 25 Kilomter südlich von seinem Stadtrand), sowie 30 Kilometer westlich des Dorfes Tripolje am Dnjepr die Ausgrabung einer weiteren, 15 Hektar großen Siedlung der Cucuteni-Tripolje-Kultur statt, 2016 gab es zu dieser noch eine Nachuntersuchung von Seiten der Universität Kiel (1). 

Hier wurde nun in einem für diese Kultur typischen "verbrannten Haus" isoliert für sich der Oberarm-Knochen einer Frau gefunden, für die in der neuen Studie reine indogermanische Steppengenetik nachgewiesen werden kann (1). Denn aus ihm konnten archäogenetische Daten gewonnen werden, ebenso wie chemische Isotopen-Daten, die Hinweise auf die Ernährung der Frau lieferten. Die chemische Signatur des Oberarmknochens dieser Frau entspricht zugleich auch der Ernährung von Hirten, nicht von seßhaften Bauern (1). Das würde heißen, daß Angehörige der indogermanischen Sredny-Stog-Kultur um 4.000 v. Ztr. dreißig Kilometer westlich des Dnjepr unvermischt gelebt haben und zu Tode gekommen sind.

Abb. 3: Eine Großsiedlung (Megasite) der Cucuteni-Tripolje-Kultur aus Sicht des Künstlers (aus: 6)

Der Ausgrabungsort "Kolomiytsiv Yar Tract", an dem dieser Oberarm-Knochen gefunden wurde, liegt nahe des heutigen ukrainischen Dorfes Kopatschiw (Oblast Kiew, Ukraine, 08715) (s. G-Maps).

In der Einordnung der neuen Erkenntnisse schreibt der archäologische Koautor Mykhailo Videiko in Kernsätzen (1):

Enge Kontakte zwischen Tripolje und Sredny Stog begannen schon am Ende der Tripolje A-Zeit (um 4.700 bis 4.600 v. Ztr.) und setzten sich durch das ganze Spätneolithikum hin fort (Kotova 2013). Archäologisch zeigt sich wechselseitiger Einfluß von Sredny Stog und Tripolje auf die jeweilige kulturelle Entwicklung des anderen. Siedlungen der Dereivka-Gruppe des Sredny-Stog-Horizonts wie Dereivka II und Mlyukhiv Bugor zeigen Hinweise auf bäuerliche Praktiken, die von den benachbarten Tripolje-Gruppen beeinflußt sein könnten (Kotova 2013). Der Einfluß der Sredny Stog auf die Tripolje-Kultur zeigt sich am deutlichsten in Sredny Stog-Keramik-Motiven in der Tripolje-Keramik.
Close contacts between Trypillia and Sredny Stog began as early as the end of the Trypillia A period (ca. 4700-4600 BCE) and continued throughout the Eneolithic (Kotova 2013). Archaeological evidence shows reciprocal influence of Sredny Stog and Trypillia on each other’s cultural development. Settlements of the Deriivka group of the Sredny Stog horizon such as Deriivka II and Molyukhiv Bugor contain evidence of agricultural practices, likely influenced by the neighboring Trypillian groups (Kotova 2013). The influence of Sredny Stog on Trypillian culture is most evident in the presence of Sredny Stog ceramic motifs in Trypillian pottery.

Welche genauen Unterschiede die Archäologen zwischen der einheimischen und auswärtigen Keramik sehen, wünschte man sich noch einmal in einem Video erklärt. Wir wollen dem an dieser Stelle nicht nachgehen. Aber es sind das sehr aufregende Erkenntnisse, da sie das Bild, das wir uns bislang von dieser Zeitepoche in diesem geographischen Raum gemacht hatten, noch deutlich ergänzen und präzisieren. Von einer so konkreten Durchdringung beider Kulturen hatten wir in bisherigen archäologischen Studien - abgesehen vielleicht von den sprachlich schwer zugänglichen von Dergachev - noch nicht gelesen. Das liegt aber wohl hauptsächlich an der Sprachbarriere. Es wird weiter ausgeführt (1):

Die Haushaltskeramik der Tripolje-Kultur unterscheidet sich von der anderer Keramiktypen durch die Zusammensetzung des Tons, bzw. Lehms in der Weise, daß in diesen gelegentlich zerriebene Flußmuscheln eingemischt wurden, ebenso wie durch die Form der Töpfe und Schüsseln, sowie der Methode, mit der sie ornamental geschmückt wurden durch Eindrücke von Kämmen oder anderen Vertiefungen. Dieser Haushaltskeramik-Stil wird "Cucuteni C"-Typ genannt. Cucuteni C-Keramik wird als Indikator für Steppen-Einfluß auf die Tripolje-Keramik angesehen (Burdo 2016).
Trypillian kitchenware is distinctive from other ceramic types by the composition of clay, which occasionally included crushed river shells, as well as by the shape of vessels (pots and bowls) and the method of applying ornamental compositions using stamping such as imprints of comb and pits (Figures S3, S4). This kitchenware ceramic style is known as the “Cucuteni C” type. Cucuteni C ceramics is considered an indicator of the steppe influence on Trypillian ceramics (Burdo 2016).

Das erinnert auch daran, daß Flußmuscheln (die "Malermuschel") in der Chwalynsk-Kultur an der Wolga eine nicht geringe Rolle gespielt hat. In der englischsprachigen Zusammenfassung des zitierten Aufsatz von Nataliia Burdo aus dem Jahr 2016 heißt es (3):

Funde der Sredny-Stog-Kultur innerhalb von Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur gibt es unzählige. Solche Siedlungen verteilen sich über ein großes Gebiet vornehmlich im westlichen und nicht im östlichen Teil nahe des Gebietes der Sredny-Stog-Kultur. In der Zeitstufe Tripolje B1-B2 - Cucuteni A-B stammen die meisten Funde in der der lokalen Gruppe von Soloncheny.
Samples of Serednyi Stig Culture from Cucuteni-Trypillia sites are innumerous. These sites are distributed on large area, but mainly in the western rather than eastern part, close to the Serednii Stig Culture area. For Trypillia B1-B2 - Cucuteni A-B stages the most of finds come from sites of the Soloncheny local group.

Es gibt davon sogar unzählige. Merkwürdig, daß man davon erst jetzt erfährt. Der angeführte Ausgrabungsort Solonceni (Wiki, engl) liegt am Dnjestr (Tyra) in Moldawien, 370 Kilometer südlich von Tripolje am Dnjepr. Und dazu lesen wir weiter (3):

In Siedlungen vom Typ Soloncheny und Myropillia weist diese Keramik am meisten Ähnlichkeit mit Steppen-Keramik auf, soweit es Technologie, Stil und zum Teil die Form der Gefäße betrifft. Einige mögen tatsächlich von Trägern der Sredny-Stog-Kultur produziert und importiert worden sein. Aber das Auftreten von Cucuteni C-Keramik zu dieser Zeit veränderte ansonsten die ursprünglichen Tripolje-Cucuteni-Traditionen nicht und der Einfluß der Sredny-Stog-Kultur war begrenzt. (...) Andererseits: Cucuteni C-Keramik war das hauptsächliche gemeinsame Merkmal von Keramik-Sammlungen über das gesamte Gebiet des Volkes der Cucuteni-Tripolje-Kultur hinweg. Die angemessendste Deutung dieses Umstandes ist die, daß die Verbreitung der Cucuteni C-Keramik eher Stammes-Beziehungen als bloßen kulturellen Austausch widerspiegelt.
At the Soloncheny and Myropillia sites this pottery is most similar to Steppe samples in terms of technology, stylistics and, partly, forms of pots. Some of samples may have been really imported of produced by the bearers of Serednii Stig Culture. But the appearing of Cucucteni C pottery at this time did not change the original Trypillia-Cucuteni traditions and the Serednii Stig Culture influence was limited. The use of cord decorations from BII stage may have been connected  with the influence of Chernavoda I Culture. On the other hand, the Cucuteni C pottery was the main common feature of pottery assemblages at whole area inhabited by the Cucuteni-Trypillia people. The most realistic point of  view is that the spreading of Cucuteni C pottery reflected more tribal than intercultural relations.

Mit "Stammes-Beziehungen" soll offensichtlich gesagt werden, daß sich die Keramik gemeinsam mit den zugehörigen Menschen ausgebreitet hat, daß also über die gesamte Fläche der Cucuteni-Tripolje-Kultur - und zwar beginnend im Westen! - Angehörige indogermanischer Stämme der Stredny-Stog-Kultur aufgetreten sind. Und das ist ja auch schon von Dergachev angenommen worden.

2018 haben Videiko und Burdo dann gemeinsam in einem kleinen Aufsatz mit Bezug auf ihre Ausgrabungen bei Kolomyitsiv Yar auch noch einmal geschrieben (5):

Zur selben Zeit haben neue Siedler einige Keramik-Traditionen der Stog-Kultur übernommen. Wir meinen Formen und Dekorationen der "Küchen"-Keramik, die durch die Glättung der inneren Oberfläche der Schüsseln entstand (mit "echtem" eingeritzten Tripolje-Dekor auf der Außenseite!). Vielleicht bedeutet das, daß in die lokale Gemeinschaft auch einige Angehörige der Stog-Population mit einschlossen war.
At the same time new settlers adopted some pottery traditions from Stog Culture. We are talking about forms and decoration of “kitchen” pottery, processing by smoothing the interior surface of the pots (with “true” Trypillia carved decor on the other side!) (fig. 2:6). Probably it means that local communities included some part of Stog population.

Und genau dieser Umstand wird nun durch die Archäogenetik aufs Genaueste bestätigt. Der in Kolomyitsiv Yar  gefundene Oberarm-Knochen wird auf die Zeit 4.000 bis 3.800 v. Ztr. datiert. Ihr mitochondrialer, nur über die mütterliche Linie weitergegebener Haplotyp verweist auf Herkunft von der Vorfahrengruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler (1):

.... mtDNA haplogroup U4b1b2. Träger der U4b-Untergruppe sind identifiziert worden bei mesolithischen und neolithischen Fischern und Sammlern der Ukraine, aus der Gegend des Eisernen Tores an der Donau, sowie an der Ostseesküste. Die U4-Untergruppe bestand im Mittleren Dnjepr-Tal (...) bis ins Spätneolithikum.
Genetic analysis revealed that the individual was a female, carrying mtDNA haplogroup U4b1b2 (Table 2). Carriers of the U4b subclade were identified in Mesolithic and Neolithic fishers and foragers from Ukraine, the Iron Gates area of the Danube, and the Baltic coast (Mathieson et al. 2018). The U4 mtDNA clade was present in the Middle Dnipro Valley from the beginning of the Holocene and persisted in the North Pontic steppe through at least the late Eneolithic (Nikitin et al. 2017a; Mathieson et al. 2018; Allentoft et al. 2022; Mattila et al. 2022).

Die mitochondriale Haplogruppe fand sich schon bei anderen Individuen aus der Endzeit der Cucuteni-Tripolje-Kultur, bei denen ebenfalls schon ein erhöhter Steppen-Genetik-Anteil festgestellt worden war. Besonders viel autosomale DNA hat man aus diesem Knochen nicht gewinnen können. Doch die wenige, die man gewonnen hat, zeigt - ebenfalls - genetische Nähe zu Jamna-Individuen (1):

Der Knochenfund von KYT liegt genetisch in der Nähe der Jamna-Herdenhalter der Frühen Bronzezeit. Er hat mehr Herkunft von der frühen Steppe als jeder heute (in Westeurasien) lebende Mensch. Aber er unterscheidet sich stark von mesolithischen und neolithischen Jägern und Sammlern, sowohl von den osteuropäischen und mehr noch von Menschenfunden aus dem Mesolithikum in Serbien (Eisernes Tor), die genetisch vornehmlich westeuropäische Jäger-Sammler-Herkunft aufweisen.
The KYT sample (marked as SSX in Figure 3) falls close to Yamna pastoralists of the EBA. KYT-SSX has more ancestry from the ancient steppe than any modern West Eurasian sample, but is very distinct from Mesolithic-Neolithic hunter-gatherers, either Eastern Hunter Gatherers (EHG) or even more so samples from the Mesolithic in Serbia (Iron Gates) which are genetically primarily of Western Hunter Gatherer (WHG)-associated ancestry.

Abschließend wiederholen die Forscher noch einmal (1):

Das weit verbreitete Vorhandensein von Cucuteni C-Keramik in Tripolje-Siedlungsorten der frühen mittleren Zeitepoche, einschließlich Verteba legt nahe, daß die Sredny-Stog-Tripolje-Interaktionen umfangreich waren, wodurch es ebenso vielfältige Möglichkeiten für genetischen Austausch zwischen den beiden kulturellen Gruppen gegeben hat.
The widespread presence of Cucuteni C pottery at Trypillian sites of the early-middle period, including Verteba, suggests the Sredny Stog-Trypillia interactions were extensive, thus providing multiple opportunities for biological interactions between the two culture groups as well.

Genau solche Aussagen hatte uns in früheren archäogenetischen Studien zur selben Thematik noch gefehlt.

Insgesamt drängt sich ja damit jetzt immer mehr der Eindruck auf -  da es um 4.000 v. Ztr. noch genetisch unvermischte Indogermanen in einer Siedlung der Tripolje-Kultur nahe des Dnjepr geben konnte - daß die genetische Einmischung der Steppenkultur dort auch vergleichsweise spät erfolgt sein kann im Vergleich zu anderen Gebieten dieser Kultur viel weiter westlich. Es drängt sich der Eindruck auf als ob es auch sehr vielfältige individuelle "Regionalgeschichten" innerhalb der Cucuteni-Tripolje-Kultur gegeben haben könnte im Austausch mit den jeweiligen Indogermanen vor Ort, die vermutlich jeweils vor Ort aus dem Süden, aus der Steppe gekommen sein werden.

_______

  1. Interactions between Trypillian farmers and North Pontic forager-pastoralists in Eneolithic central Ukraine. Alexey G. Nikitin, Mykhailo Videiko, Nick Patterson, Virginie Renson, David Reich bioRxiv 2022.10.31.514526; doi: https://doi.org/10.1101/2022.10.31.514526, 1.11.2022, biorxiv; inzwischen begutachtet und endgültig erschienen: Nikitin AG, Videiko M, Patterson N, Renson V, Reich D (2023) Interactions between Trypillian farmers and North Pontic forager-pastoralists in Eneolithic central Ukraine. PLoS ONE 18, e0285449, 14.6.2023 (pdf).
  2. Mykhailo Videiko on History of Ukraine From Trypillian to Rus, 5.3.2022, https://youtu.be/2Pw3lTzB0jY
  3. Kotova, N.S. 2013. Dereivskaya kul’tura i pamyatniki Nizhnemikhaylovskogo tipa. Kiev, Kharkov: Maidan [Dereivskaya culture and monuments of the Nizhnemikhailovskiy type]
  4. Burdo, N.B. 2016: The Cucuteni C pottery in the Cucuteni-Trypillia cultural complex (Formulation of the problem and a brief historiography) - Керамика «типа Кукутень С» в керамических ансамблях культурного комплекса Кукутень-Триполье (Постановка проблемы и краткая историог. Tyragetia X [XXV]: 7-38 (Acad)
  5. Videiko, Mykhailo; Burdo, Nataliia: Life on the Eastern frontiers of Old Europe. In: Vita Antiqua, 2018 (Acad) 
  6. Kovtun, Valeria; Sarkis, Christine: Trypilla civilisaion - Silenced by communists. BBC, August 2021, https://youtu.be/3IpCTtmrDfM, https://www.bbc.com/travel/article/20210805-cucuteni-trypillia-eastern-europes-lost-civilisation
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