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Freitag, 19. April 2019

Die bronzezeitlichen Gesellschaften Nordeuropas - Ihre Komplexität wurde bislang unterschätzt

"Zwingen zur Korrektur" - Die Forschungen auf dem ältesten Schlachtfeld Europas im Tollensetal in Mecklenburg, 1.300 v. Ztr.

Das älteste Schlachtfeld Europas (1.300 v. Ztr.) befindet sich im Tollensetal in Mecklenburg zwischen den Dörfern Weltzin im Süden und Burow im Norden (der braun markierte Bereich beiderseits des Flüßchens auf der Karte von Abb. 1).

Abb. 1: Das drei Kilometer lange, bzw. breite spätbronzezeitliche Schlachtfeld an der Tollense in Mecklenburg (aus 1)

Man fand am südlichen Ende des Schlachtfeldes Holzreste einer Brücke jener Zeit (1; Min. 4) und vermutet, daß eines der beiden Heere, die hier aufeinander trafen, diese Brücke (von Osten aus?) überqueren wollte und daß die Brücke (von der Anhöhe im Westen aus?) erbittert verteidigt wurde, so daß die Angreifer nach Norden ausgewichen sind, um dort die Tollense zu überschreiten.

Der Autor dieser Zeilen hat sich das Schlachtfeld erstmals im Juni 2010 angesehen (2). Damals war die Gegend so verschlafen wie man sich nur immer denken kann. Ob sie das heute, neun Jahre später noch immer ist? Oder ob man schon beginnt, sie touristisch zu erschließen ähnlich wie in Kalkriese oder andernorts? In Bezug auf die weltgeschichtliche Einordnung der Schlacht an der Tollense in Mecklenburg um 1.300 v. Ztr. kommen die Archäologen allmählich nämlich zu immer wirklichkeitsnäheren Einschätzungen (3):

Die Zahl (der anzunehmenden Schlachtteilnehmer) zwingt zur Korrektur des bisherigen Wissens. (...) Sie kann nur mit der Existenz einer zentralen Herrschaft erklärt werden, die für jene Epoche bislang kaum vorstellbar schien.

Man möchte meinen, daß es vor allem die heute "übervorsichtig" gewordene Vorgehensweise der Archäologen beim Interpretieren der von ihnen vorgefundenen Befunde ist, die zu solchen "Überraschungen" führt. Oder stellen sie einfach nicht genug in Rechnung, was alles schon bekannt ist? Die größte Siedlungsdichte vor dem Frühmittelalter gab es in Europa schon mit der ersten bäuerlichen Kultur, der Bandkeramik um 5.000 v. Ztr.. Das haben wir hier auf dem Blog schon vor Jahren behandelt.

"Weitreichende Bevölkerungsverschiebungen" kinderreicher Völker

Braucht man - wenn man das weiß - nicht in der Wissenschaft auch für die Nachfolgekulturen mitunter nur einmal ein wenig Phantasie? Wenn es schon um 3.100 v. Ztr. - wie ebenfalls hier auf dem Blog berichtet - Rinderwagen-Prozessionen an den Gräbern bedeutender Vorfahren in Norddänemark gegeben hat, wenn es Prozessionsstraßen gegeben, dann hat es Herrscher gegeben, Fürsten, Könige, die zentrale Herrschaften errichtet hatten (4, 5). Alle bekannten Kulturen, die heute oder bis vor kurzem noch den Rinderwagen als Transportmittel kannten (in Südostasien vor allem), waren gesellschaftlich und wirtschaftlich sehr komplexe Kulturen. Es wird also auch schon in der Bronzezeit in Nordeuropa ein staatliches Abgabensystem gegeben haben, es gab zentrale Kult-Orte, Herrschersitze und vieles dergleichen mehr.

Außerdem werden ja auch reiche "Salzherren" für die Fürstengräber der bronzezeitlichen Aunjetitzer Kultur im Süden vermutet. Wie überhaupt - erstmals von dem Archäologen Häusler und anderen - mit guten Gründen schon für die Aunjetitzer Kultur stadtähnliche Siedlungen ("Höhenburgen") angenommen werden. Angesichts all dessen überrascht es einen eher, daß man hier allseits so "überrascht" ist. - Immerhin werden allmählich auch deutlichere Bezüge zu den Vorgängen sonst in der Welt hergestellt, etwa im Mittelmeer-Raum (3):

Veränderte Begräbnisformen - Brand- statt Erdbestattung - deuten auf weitreichende Bevölkerungsverschiebungen hin. Der Einbruch des Fernhandels nahm ein Szenario vorweg, das 50 Jahre später die Hochkulturen des Vorderen Orients überwältigen sollte: Invasionen, Aufstände, Hungerkatastrophen und Ressourcenmangel machten dem hoch entwickelten Staatensystem der Bronzezeit den Garaus.

Damals gab es im Levanteraum archäologisch durch Keramik gut bezeugte Zuwanderung aus Mitteldeutschland. Die Zusammenhänge zwischen Mitteleuropa und dem Mittelmeerraum sind also schon länger bekannt. Deshalb gehört auch diese Schlacht an der Tollense offensichtlich ebenfalls in das große weltgeschichtliche Szenario des Seevölkersturms im Mittelmeerraum hinein. Womit die lange verrufene These des Jürgen Spanuth weiterhin ihr Gewicht behält, nach dem die Seevölker ("Atlanter") von der Insel Helgoland gekommen seien.

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  1. Tollense - Die erste Schlacht Mitteleuropas? In: W wie Wissen - Das Erste. 21.12. 2016, https://youtu.be/H8fj70enl1Q
  2. Bading, Ingo: 1320 v. Ztr. - Die Schlacht an der Tollense in Mecklenburg - Ein Ortstermin, 30. Juni 2010, https://studgenpol.blogspot.com/2010/06/1320-v-ztr-die-schlacht-der-tollense-in.html
  3. Seewald, Berthold: Fernhandel provozierte größte Schlacht der Bronzezeit. In: Die Welt, 28.11.2017, https://www.welt.de/geschichte/article171024374/Fernhandel-provozierte-groesste-Schlacht-der-Bronzezeit.html
  4. Johannsen, N., & Laursen, S. (2010). Routes and Wheeled Transport in Late 4th–Early 3rd Millennium Funerary Customs of the Jutland Peninsula: Regional Evidence and European Context Praehistorische Zeitschrift, 85 (1), 15-58 DOI: 10.1515/PZ.2010.004
  5. Bading, Ingo: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte, 2010, http://studgendeutsch.blogspot.de/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html
  6. Bading, Ingo: Schlacht mit Holzknüppeln, 2010, https://studgenpol.blogspot.com/2008/10/schlacht-mit-holzknppeln-in-der-ostsee.html

Freitag, 21. September 2018

Ameisen - Gehirngröße korreliert mit arbeitsteiliger Spezialisierung

Um so monogamer, um so größer das Gehirn (bei Vögeln und Säugetieren). Um so größer die Gruppe, die zusammen hält, um so größer das Gehirn (bei Primaten). So lauten die bisherigen Forschungsergebnisse der Social-Brain-Theorie nach Robin Dunbar.

Ob diese Prinzipien auch für Ameisen, Bienen und andere soziale Insekten gelten? Diese Frage stellt sich schon seit 20 Jahren, seit Robin Dunbar die ersten Ergebnisse veröffentlichte. Damals hielt man es fast für absurd, Gehirngrößen von Insekten zu "messen". Aber genau das geschieht heute. Und heute ist bekannt (worüber ich auf meinem Blog schon berichtete): Um so monogamer, um so leichter der evolutionäre Übergang zu komplex-sozialem, gesellschaftlich-arbeitsteiligem Leben (Boosmas' Monogamie-Prinzip von 2008). Gilt bei diesen dann auch - wie bei Primaten und Menschen: Um so größer die Gruppe, die zusammen hält, um so größer das Gehirn?
 
Abb. 1: Querschnitte durch Gehirne von Ameisen (aus: 1)

Erste Daten scheinen darauf hinzuweisen (1), allerdings ergibt sich noch kein einheitliches Bild. Einige Daten sagen: Um so herausforderungsvoller die Aufgaben in einer komplexer arbeitsteilig gegliederten Gesellschaft, um so größer das Gehirn - aber - nach einer Studie (1) - nicht die Gehirn-Aktivität - bei einer Ameisenart.

Beim Menschen korreliert ja heute die berufliche Spezialisierung mit dem Intelligenz-Quotienten.

Bei Wespen wurde neuerdings festgestellt, daß die Gehirngröße mit der sozialen Dominanz korreliert, das heißt, die Königin hat das größte Gehirn (2).
 
Zuerst auf Google+
21.9.2018
 


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  1. Social complexity influences brain investment and neural operation costs in ants. By J. Frances Kamhi, Wulfila Gronenberg, Simon K. A. Robson, James F. A. Traniello, Published 19 October 2016.DOI: 10.1098/rspb.2016.1949 , http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/283/1841/20161949
  2. Sean O’Donnell, Susan J. Bulova, Sara DeLeon, Meghan Barrett, Katherine Fiocca: Caste differences in the mushroom bodies of swarm-founding paper wasps: implications for brain plasticity and brain evolution (Vespidae, Epiponini). In: Behavioral Ecology and Sociobiology, 13.7.2017, https://link.springer.com/article/10.1007/s00265-017-2344-y

Montag, 3. Oktober 2016

Die Tsimane in Brasilien - Ihr gegenseitiges Helfen untereinander

Arbeitsteilungs-Assymetrien, Verwandtschaft und Gegenseitigkeit 
- In einfachen arbeitsteiligen, menschlichen Wirtschaftssystemen

Peter Hammerstein, Professor für Theoretische Biologie an der Humboldt-Universität Berlin, hat 2003 darauf hingewiesen, daß im Tierreich gegenseitige Hilfe keineswegs so allseits verbreitet und vorherrschend ist wie das lange angenommen worden war und wie das ja für den Verwandten-Altruismus auf jeden Fall gilt (1). 

Deshalb ging er schon spätestens ab 1994 Assymetrien in Gegenseitigkeits-Verhältnissen beim Menschen nach, weil Assymetrien - z.B. in Angebot und Nachfrage - zur Stabilisierung von Gegenseitigkeitsverhältnissen beitragen können (siehe z.B.: "Angebot und Nachfrage bestimmen den Erfolg bei der Partnerwahl hinsichtlich Kooperation, Gegenseitigkeit und Partnerfindung" [2]).

Der Züricher Evolutionäre Anthropologe Adrian Jaeggi und seine Mitarbeiter sind nun bei einem brasilianischen Indianerstamm, den Tsimane, solchen Assymetrien in gegenseitigen Austauschverhältnissen noch genauer nachgegangen (3, 4).

Ergebnis: 

Fleisch wurde innerhalb der Gruppe häufiger gegen Fleisch und Gartenprodukte eingetauscht, aber nicht für Gartenarbeit, Kinder- und Krankenbetreuung. Kinderbetreuung wurde geleistet im Austausch gegen Gartenarbeit, Kinder- und Krankenbetreuung, aber nicht im Austausch gegen Fleisch.

Das heißt: materielle Dinge, die schwerpunktmäßig Männer "erwirtschaften", werden gegen materielle Dinge eingetauscht, während soziale Fürsorge, die schwerpunktmäßig von Frauen erbracht wird, gegen soziale Fürsorge getauscht wird (Abb. 1).

Übrigens wurden in der Regel 100 Kilokalorien Fleisch gegen 300 Kilokalorien Gartenprodukte eingetauscht. Wenn das Angebot an Fleisch allerdings größer war, konnte sein Preis auch sinken.*) In einem kommentierenden und erläuterndenArtikel zu diesen Forschugnsergebnissen schrieben Fachkollegen (3):
"Eine lange Lebenszeit und ein Nahrungserwerb, der in Nischen stattfindet, in denen intensiv Fähigkeiten erworben werden müssen, erhöhen einerseits den Gewinn, der aus Spezialisierung gezogen werden kann, schaffen andererseits aber auch eine Abhängigkeit zwischen und innerhalb der Generationen, durch die die Kooperation stabilisiert und die Arbeitsteilung gefördert wird - schon in einfachen Wirtschaftssystemen."
"Humans’ slow life history and skill-intensive foraging niche increase the payoffs to specialization and create interdependence within and among generations, thus stabilizing cooperation and fostering divisions of labor even in informal economies."
Die Forscher meinen, das weitere Wachstum sozialer Komplexität beim Menschen wäre dann insbesondere durch kulturelle Normen und Institutionen stabilisiert worden.

Abb. 1: Zusammenfassung der Forschugnsergebnisse, aus: 4

In meiner eigenen  Forschungsarbeit gehe ich schwerpunktmäßig einer anderen These nach: Warum sollte Spezialisierung in einer komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaft nicht auch von Verwandtenaltruismus geleitet sein, wo sie doch - das ist ja das Prinzip - die Kosten (für den Altruisten) erniedrigt und den Nutzen (für die Nutznießer) erhöht - ?

Dieser Zusammenhang gilt übrigens auch schon bei der geschlechtlichen Arbeitsteilung der Tsimane. Genau dieser Zusammenhang ist ja auch die beschriebene "assymetrische Gegenseitigkeit", die auf Spezialisierung beruht. Allerdings ist der durchschnittliche genetische Verwandtschaftsgrad bei so kleinen, endogamen Gruppen sowieso schon so hoch, daß ein großer Teil der hier feststellbaren gegenseitigen Hilfe vermutlich als Verwandtenaltruismus zu beschreiben ist. Deshalb können die Forscher in ihrer Studie auch gar nicht "reinen" Gegenseitigkeits-Altruismus erforscht haben. Dessen sind sie sich auch bewußt, schreiben sie doch:
"Die wechselnde Bedeutung des Prinzips Gegenseitigkeit wie sie durch die langfristigen Ungewißheiten zwischen Geben und Nehmen bezeugt sind, könnten in einem Gleichgewicht bestehen mit dem Prinzip Verwandtschaft oder dieses sogar an Bedeutung übertreffen." 
"The relative importance of reciprocity, as evidenced by long-term contingencies between giving and receiving, may equal or outweigh that of kinship."
Insbesondere aber schreiben sie:
"Verwandtschaft war über alle Austauschbeziehungen hinweg verbunden mit einem größeren Umfang in den gewährten Sach- und Hilfeleistungen."
"Kinship was associated with greater giving for all commodities."
Und noch genauer:
"Das Prinzip Verwandtschaft wird am ehesten die Grundlage bilden für die ursprüngliche Auswahl der Menschen, mit denen Gegenseitigkeitsbeziehungen eingegangen werden."
"Kinship most likely provides a basis for the initial assortment of reciprocators".
Trotz ihres zum Teil irreführenden Titels und diesbezüglich vieler irreführender Textabschnitte handelt diese Studie also wiederum (!) vornehmlich vom: Verwandten-Altruismus. Welcher Altruismus hier ganz unabhängig von genetischer Verwandtschaft geleistet wird, dieser Frage gehen die Forscher überhaupt nicht nach. Ihnen scheint die Klärung dieser Frage auch nicht besonders wichtig zu sein. Dieser Punkt ist vielleicht der wichtigste Kritikpunkt an dieser Studie.

Dementsprechend erschien unter den nachfolgenden Studien, in denen diese zitiert wird, 2018 auch eine mit dem Titel: "Kinship underlies costly cooperation in Mosuo villages" (5). Diese Studie beinhaltet Netzwerkanalysen von Austauschbeziehungen in einer bäuerlichen Gesellschaft in Südchina.

/2016 auf Google-Plus eingestellt, 
überarbeitet auf diesen Blog 
übernommen: 9.3.2020/
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*) Im genaueren Wortlaut einer Zusammenfassung der Forschungsergebnisse (3):
"Fleisch wurde häufiger gegen Fleisch und für Gartenprodukte getauscht, aber nicht für Gartenarbeit, Kinder- oder Krankenbetreuung, während für Kinderbetreuung Gegenleistungen erbracht wurden auf dem Gebiet der Gartenarbeit, der Kinder- und Krankenbetreuung, aber nicht in Form von Fleisch. Diese Ergebnisse legen nahe, daß der größte Teil der Austauschbeziehungen durch Spezialisierungen bestimmt wird, die innerhalb von Wohlstandsklassen ausgebildet werden: Materielles Kapital wird eingetauscht gegen materielles Kapital, soziales Kapital wird eingetauscht gegen soziales Kapital. Die Spezialisierungen gründen auch auf einer Arbeitsteilung, die von Alter und Geschlecht bestimmt wird: erwachsene Männer widmen mehr Aufwand der Gewinnung von Fleisch und der Gartenarbeit als Frauen, während Frauen mehr Zeit dem Ernten von Gartenprodukten und der Fürsorge der Mitmenschen widmen als Männer. Und heranwachsende Mädchen widmen anteilmäßig mehr Zeit der Kinderbetreuung als heranwachsende Jungen."
Original: "Meat was exchanged more often for meat and for garden produce, but not for garden labor, childcare, or sickcare, while childcare was exchanged for garden labor, childcare, and sickcare, but not meat. These analyses suggest that most trade is patterned by labor specializations occurring within wealth classes: material capital for material capital and social capital for social capital. These specializations are also based on divisions of labor based on age and gender: adult males dedicate more effort to meat production and garden labor than females, while adult females spend more time harvesting garden produce and caring for the infirm than males, and adolescent females allocate proportionally more time to childcare than adolescent males."
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  1. Hammerstein, P. (2003). Why is reciprocity so rare in social animals? A protestant appeal. In Genetic and Cultural Evolution of Cooperation, ed. P. Hammerstein, pp. 84-93, Cambridge, MA: MIT Press.
  2. Noë, R. & Hammerstein, P. (1994). Biological markets: Supply and demand determine the effect of partner choice in cooperation, mutualism and mating. Behavioural Ecology and Sociobiology, 35, 1-11
  3. Shane J. Macfarlan: Social Evolution: The Force of the Market. In: The Cell, 2016, http://www.cell.com/current-biology/abstract/S0960-9822(16)30793-X
  4. Adrian Jaeggi et.al.: Reciprocal Exchange Patterned by Market Forces Helps Explain Cooperation in a Small-Scale Society. 2016, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982216306583
  5. Kinship underlies costly cooperation in Mosuo villages Matthew Gwynfryn Thomas , Ting Ji , Jiajia Wu , QiaoQiao He , Yi Tao and Ruth Mace Published:21 February 2018, https://doi.org/10.1098/rsos.171535 

Dienstag, 17. Februar 2009

Der Buntbarsch, der Gentleman

In dem Buch "Life's Solution - Inevitable Humans in a Lonely Universe" (2004) (inzwischen auch auf Deutsch erschienen) nennt Simon Conway Morris als eines unter unzähligen anderen Beispielen für "konvergente Evolution" die Evolution arbeitsteiliger Gesellschaften, und zwar nicht nur beim Menschen, sondern auch bei Insekten oder den Nacktmullen. Seine Aufzählung war aber noch nicht vollständig. In den letzten Jahren wurden auch arbeitsteilige Gruppen bei den ostafrikanischen Buntbarschen festgestellt. Hier gibt es Gruppen von bis zu 30 oder mehr Einzeltieren, die sich arbeitsteilig gliedern und ein gemeinsames Territorium verteidigen. Zum Beispiel bei der Art Neolamprologus tetracanthus (siehe Bild).

Die ostafrikanischen Buntbarsche allgemein sind ja auch deshalb von so großem Interesse, weil sie ein Beispiel für "jüngste Evolution", also innerhalb der letzten Jahrzehntausende sind. (Siehe frühere Beiträge auf Stud. gen..) Denn viele ostafrikanische Seen mit ihrer einzigartigen Buntbarsch-Artenfülle waren vor wenigen tausend, bis zehntausenden Jahren ausgetrocknet.

Eine spannede Studie in der Zeitschrift "Journal of Ethology" (1) berichtet: Bei Neolamprologus tetracanthus verteidigt ein Buntbarsch-Männchen ein Revier, das aus den Territorien mehrerer seiner Buntbarsch-Weibchen besteht. Aber das Männchen selbst meidet die Jagd-Territorien der eigenen Weibchen (die es jedoch gegen Fremde verteidigt), wenn es selbst auf Jagd geht. Also offenbar ein Verhalten, "gentleman-like" wie es gar nicht besser sein kann.

Im folgenden die Skizze der Territorien-Aufteilung nach der genannten Studie. Die dicken durchgezogenen Linien sind die Territorien der Männchen mit Harem, die dicken gestrichelten Linien die der Männchen ohne Weibchen. Die dünnen Linien sind die Territorien der Weibchen:

In der Zusammenfassung des Artikels heißt es:

We studied foraging site partitioning between the sexes in Neolamprologus tetracanthus, a shrimp-eating Tanganyikan cichlid with harem-polygyny. Females maintained small territories against heterospecific food competitors within large territories of males, foraging exclusively at the inner side of their own territories (foraging areas). Males fed as frequently as females in their own territories, but mostly outside female foraging areas, although they frequently entered female territories and repelled food competitors from the territories. Soon after removal of the resident females, however, harem males, as well as many food competitors, invaded the vacant territories and intensively devoured prey of female foraging areas. This indicates that although female foraging areas appear to contain more food than outside the areas, harem males refrained from foraging there when the resident females were present. We suggest that harem males will attempt to keep female foraging areas in good condition, whereby they may get females to reside in male territories and/or promote female gonadal maturation.
Und im Diskussionsteil heißt es:
Although harem males entered female territories without receiving any agonistic behavior from the territory owners, they did not forage actively in female foraging areas when females were present. However, after female removal, the males intensively foraged in female foraging areas of the vacant territories, indicating that the presence of females discouraged males from feeding in the foraging areas.
Sicherlich werfen diese arbeitsteiligen Buntbarsch-Gesellschaften noch viele weitere Forschungsfragen auf. Auch wird erkennbar, daß "Single-Mütter" bei Buntbarschen (siehe Stud. gen.) möglicherweise in einem Kontinuum von verschiedenen Formen der Kooperation zwischen Männchen und Weibchen bei Buntbarschen angesiedelt sein können - und vielleicht gar nicht einmal im strengen Sinne "Single-Mütter" sein müssen.

ResearchBlogging.org
/ Leicht überarbeiteter Beitrag aus dem alten Blog "Studium generale". /

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  1. Kazunori Matsumoto, Masanori Kohda (2006). Male foraging avoidance in female feeding territories in a harem polygynous cichlid in Lake Tanganyika Journal of Ethology, 25 (1), 21-27 DOI: 10.1007/s10164-006-0200-z

Montag, 15. September 2008

Wissenslogs: Die ländliche, nichtbäuerliche Wirtschaft

"Rural Nonfarm Economy" (RNE), die Entwicklung der ländlichen, nichtbäuerlichen Wirtschaft wird als ein entscheidender Faktor in der wirtschaftlichen Entwicklung der heutigen Entwicklungsländer gesehen, so erfahren wir im Interview von Stefan Ohm vom Wissenschaftsblog "Geo-Log" mit dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Steven Haggblade (Geo-Log), der zu diesem Thema gerade ein Buch veröffentlicht hat. (Amazon)

Auf dieses Thema habe ich selbst schon im Zusammenhang mit der Diskussion um die Evolution des (beruflichen) Verantwortungsbewußtseins und der Amischen hingewiesen auf den Chronologs (Natur des Glaubens von Michael Blume). Ich schrieb dort:

... Bei den Amischen kann man ja heute auch eine berufliche "Spezialisierung" im wirtschaftlichen sekundären Sektor (Handwerk usw.) beobachten, (die insbesondere von Donald Kraybill wissenschaftlich aufgearbeitet wird), da nicht alle amischen Kinder selbst Land kaufen können und selbst Landwirte werden können. Auf der Farm des Bruders richten sie deshalb handwerkliche Betriebe ein und gründen auf diese Weise selbst Familie.

Sie exerzieren gegenwärtig eine Entwicklung vor, die alle komplexer-arbeitsteiligen Gesellschaften geschichtlich durchlaufen haben, (in Mittel- und Nordeuropa besonders seit dem Frühmittelalter - aber sicherlich letztlich schon seit Einführung des Ackerbaus überhaupt).

Auch bei den Amischen ermöglicht und stabilisiert arbeitsteilige-gesellschaftliche Gliederung, Spezialisierung derjenigen, die nicht Bauern werden können, das weitere Wachstum, also die biologische Fitneß der Gruppe.

Siehe dazu das Buch von Donald Kraybill "Amish Enterprise" (Amazon).

"Pull-" und "Push-"Faktoren bezüglich ländlicher, nichtbäuerlicher Wirtschaft (NRE)

Steven Haggblade sagt nun in dem Interview:

Nonfarm earnings account for 35% to 50% of rural household income across the developing world. Landless and near-landless households everywhere depend heavily on nonfarm income for their survival, while agricultural households count on nonfarm earnings to diversify risk, moderate seasonal income swings and finance agricultural input purchases. (...)

Since many of the resource flows from agriculture to the secondary and tertiary sectors of the economy transit functionally and spatially via the rural nonfarm economy, an understanding of the forces that drive change in the RNFE becomes central to understanding the processes that drive overall economic growth. Rural households diversify into nonfarm activities in response to “pull” factors such as growing markets and rising rural purchasing power or in response to “push” factors such as falling rural wage rates and declining land availability. Thus the trajectory of rural nonfarm growth and development differs substantially across settings, driven by changes in agriculture, population and integration with urban markets.

Und dann sagt er weiter:

In successfully transforming economies, policy makers see the RNFE as a sector that can productively absorb the many agricultural workers and small farmers being squeezed out of agriculture by increasingly commercialized and capital intensive modes of farming. Given frequently low capital requirements in the nonfarm economy, policy makers in both settings view the RNFE as offering a potential pathway out of poverty for many of their rural poor.

(Ich schrieb dort gerade den folgenden Kommentar.)

Wenn ich Haggblade recht verstehe, dann sieht er im gegenwärtigen Afrika die "Zug"-Faktoren, die in einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung liegen, positiv, die "Druck"-Faktoren, die aus einer stagnierenden oder rückläufigen landwirtschaftlichen Entwicklung folgen, als negative Folgen für die RNE. Es entsteht der Eindruck, als würde Haggblade alles von einer prosperierenden landwirtschaftlichen Entwicklung erwarten. Ich habe das Buch selbst noch nicht gelesen und würde deshalb gerne fragen: Ist dieser Eindruck richtig?

Wie war es in der europäischen Entwicklung?

Als Mittelalter- und Neuzeithistoriker würde ich dazu sagen: In der europäischen mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Entwicklung war ja alles ein bischen anders. Da bekamen nur diejenigen eine Heiratserlaubnis, die eine zuverlässige wirtschaftliche Versorgung der künftigen Familie nachweisen konnten, damit diese neu gegründeten Familien nicht künftig die Armenhäusern der jeweiligen Dörfer füllen würden, die von den Dorfbewohnern jeweils ja selbst finanziert werden mußten, ihnen selbst zur Last fielen.

Damit war ein letztlich durch "sexuelle Askese" (Max Weber) angetriebener Anreiz gegeben, sich wirtschaftlich so zu positionieren, daß man an diese wertvolle Glücks-Ressource "Sexualität" herankam (als Mann oder auch als Frau). (Auch spätes Heiraten von wirtschaftlich nicht gut Versorgten wurde dadurch gefördert, was ja die Nachkommenzahl herabsetzt.)

In der Dritten Welt gibt es diese typisch europäische mittelalterliche und frühneuzeitliche Steuerung des Bevölkerungswachstums, um allgemeinen gesellschaftlichen Rückgang des Wohlstandes zu vermeiden, so weit ich weiß ja nicht.

Übrigens gab es diese Steuerung laut dem französischen Bevölkerungswissenschaftler Pierre Chaunu ("Die verhütete Zukunft") auch nicht in der Geschichte Chinas, in der immer fast 100 % der Bevölkerung auch verheiratet war, und in der chinesische Kaiser es sich sogar zur Pflicht machten, dafür zu sorgen, daß alle Chinesen heiraten konnten. Was immer wieder zu übertrieben starkem Bevölkerungswachstum führte, ohne daß die wirtschaftliche Komplexität parallel mitwachsen konnte.

Die chinesische Geschichte war dementsprechend von geradezu periodisch wiederkehrenden, katastrophalen Bevölkerungszusammenbrüchen gekennzeichnet, die nicht zu vergleichen wären mit den parallelen in Europa. Diesen gegenüber hätte Europa eine viel kontinuierlichere Entwicklung aufzuweisen. (Ich weiß nicht, ob das alles wirklich exakt so stimmt - so aber zumindest Chaunu.)

Wenn man die Aids-Epidemie im heutigen Afrika berücksichtigt und anderes, auf das diese Gesellschaften immer noch nur sehr unflexibel reagieren können, möchte man doch meinen, daß Afrika sich - unbewußt - eher an das von Chaunu beschriebene "chinesische Modell" ökonomisch-demographischer Entwicklung hält, als an das mittelalterlich-frühneuzeitlich europäische.

Nimmt denn Haggblade in seinem Buch auch demographische Entwicklungen in die Betrachtung hinein?

Sonntag, 7. September 2008

Das "Gefühl persönlicher Verantwortung"

Und wie es derzeit in der Hirnforschung erforscht wird

Was sagt die Wissenschaft über die evolutionäre Herkunft des menschlichen Verantwortungsgefühls?

Ein Weg, sich an die seelische Haltung der Verantwortlichkeit anzunähern, kann sein, sich zunächst an Bereiche zu erinnern, in denen es keinen Sinn macht, sich verantwortlich zu fühlen. 

Abb. 1: In Bildnissen bedeutender Herrschern ist das Gefühl für Verantwortlichkeit und damit einhergehende Würde oft besonders deutlich verkörpert - Hier Andreas Schlüter's Reiterstandbild vom Großen Kurfürsten (1700) (Wiki)

Manfred Eigen und Ruthild Winkler schreiben in "Das Spiel - Naturgesetze steuern den Zufall" [1]:

"Der Zufall hat im Reiche des Spiels einen besonderen Namen." 

Nämlich:

"Wir bezeichnen ihn als Glück, wenn er uns gewogen ist, und als Pech, wenn er uns nur Nachteile bringt. Damit befreien wir ihn aus seiner ursprünglichen Beziehungslosigkeit." 

Hier wäre also von einem Geschehen die Rede, auf das der einzelne durch eigenes Handeln oder Nichthandeln - auch bei sorgfältigster Überprüfung - keinen Einfluß hat.

Wenn durch eigenes Handeln jedoch auf den Ausgang eines Geschehens Einfluß genommen werden kann, dann erleben wir den negativen Ausgang eines solchen Geschehens nicht nur als (willkürliches) "Pech" und Enttäuschung. Und wir erleben den positiven Ausgang eines solchen Geschehens nicht nur als (willkürliches) "Glück" und Erfolgserlebnis. Vielmehr tritt zu der Enttäuschung die Reue dazu: "Hättest du es doch anders gemacht!" Und zu dem Erfolgserlebnis tritt die Bekräftigung und Bestätigung hinzu: "Jawohl, so muß man es machen! Gut gemacht!" In beiden Fällen "lernen" wir durch das, was geschehen ist, über eine positive oder negative Rückkoppelung, durch an- oder abdressierende psychische "Konditionierungen" ("conditioning by reinforcement"). Diese Art des Lernens hat stammesgeschichtlich im Tierreich eine lange Vergangenheit [2].

Wenn die Ursachen des Mißerfolges nicht sofort sichtbar sind, kann der Mißerfolg und das Bedauern, sowie die Reue über diesen Mißerfolg auch zu umfangreichen Forschungen nach den Ursachen dieses Mißerfolges führen.

Verantwortung und die Möglichkeit des Mißlingens

Die Unterscheidung zwischen bloßer Enttäuschung (engl. "disappointment") und Reue (Wiki) (englisch "regret" oder "remorse") spielt in der psychologischen Forschung derzeit eine Rolle (Wissenschaft.de, 2004) [3]. Die Reue "hängt mit dem Gefühl persönlicher Verantwortung zusammen". Denn erst die Möglichkeit des Mißlingens eines Vorhabens aufgrund eigener Fehlentscheidungen schafft ja diese.

Verantwortung (Wiki) und die Möglichkeit des Mißlingens hängen also miteinander zusammen. Man übernimmt die "Verantwortung" - sich selbst oder anderen gegenüber - dafür, daß etwas gelingt, und dafür, daß Mißlingen - soweit als möglich - verhindert wird. Und das ist um so eher möglich, um so besser man sich mit einer Sache auskennt, um so besser man vorbereitet ist auf eine Sache, um besser die Ausbildung ist, die man genossen hat, und die zur Bewältigung der jeweiligen Aufgabe befähigt. Oder auch um so mehr Lebenserfahrung man besitzt.

Mit den Fähigkeiten steigt die Verantwortung.

Angelegenheit des erwachsenen Menschen

Die Volljährigkeit bringt dementsprechend im Rechtsleben erhöhte Verantwortung mit sich. Verantwortung zu übernehmen, ist also Angelegenheit des erwachsenen Menschen. Wenn junge Menschen große Verantwortung übernehmen, erscheint das als auffällig.

Einige Menschen mit Persönlichkeitsstörungen, unter anderem mit Soziopathie oder einer antisozialen Persönlichkeitsstörung, sind nicht oder kaum zur Reue fähig.

Und damit sind sie offenbar auch nicht dazu fähig, sich verantwortlich fühlen zu können für das eigene Verhalten, heißt es auf dem deutschen Wikipedia und auf dem englischen:

Remorse (also called compunction) is an emotional expression of personal regret - that is, the emotion felt by the injurer after he or she has injured. Remorse is closely allied to guilt and self directed resentment (e.g. - The boy felt much remorse after hitting the old lady. The idea of remorse is used in restorative justice). One incapable of feeling remorse is often labelled a sociopath (US) or psychopath (UK).

Die Unfähigkeit, Reue und damit Verantwortung zu empfinden

Diese Fähigkeiten zur Reue und damit zur Verantwortung nun sind im menschlichen Stirnhirn lokalisiert:

Patienten mit Schädigungen des orbitofrontalen Cortex empfinden kein Bedauern und können daher aus den negativen Konsequenzen ihrer Handlungen nicht lernen, fanden Nathalie Camille und ihrer Kollegen am Institut für Kognitionswissenschaften in Bron (Frankreich) mit einem Glücksspielexperiment heraus. Während des Experiments berichteten nur die gesunden Probanden darüber, Bedauern zu empfinden, wenn sie ihre Spielentscheidungen Geld kosteten. Dadurch gelang es ihnen, im Lauf des Experiments eine gewinnbringende Strategie zu entwickeln, während die hirngeschädigten Patienten am Ende Verluste erzielt hatten.

Der orbitofrontale Cortex scheint eine wichtige Rolle beim Empfinden von Verantwortung für die eigenen Handlungen zu spielen, schließen die Wissenschaftler aus den Ergebnissen. Dies sei nicht nur bei persönlichen, sondern auch bei einer Vielzahl von sozialen Entscheidungen von Bedeutung.

Auch bei Jugendlichen, die besonders vielen Gewaltvideos und Computerspielen ausgesetzt waren, sind Bereiche des Stirnhirns, die für Aufmerksamkeit und Selbstkontrolle zuständig sind, auffallend weniger durchblutet (Wissenschaft.de, 2005):

Eine derart verringerte Stirnhirnaktivität wird mit Aufmerksamkeitsproblemen, geringer Selbstkontrolle und gestörter Entscheidungsfindung in Zusammenhang gebracht.

Auswirkungen auf die Stabilität von Gesellschaften?

Es gibt also Möglichkeiten, die Fähigkeit zur menschlichen Freiheit (siehe St. gen.) so weit auszuschöpfen, daß darunter die Fähigkeit zur menschlichen Verantwortungsübernahme leidet. Dies wird in diffiziler und abgestufter Weise auch für andere Gebiete gelten als nur für die emotional-brutale Medienbeeinflussung. Wobei dennoch berücksichtigt sein soll, daß schon in der Antike mediale Beeinflussung - in Form von Besuchen der Theater und Zirkusse - als besonders schädlich für die Moral der Menschen erkannt worden ist.

Könnte es sein, daß menschliche, arbeitsteilige Gesellschaften nur dann dauerhaft stabil bleiben, wenn ein höherer Prozentsatz ihrer Angehörigen die Fähigkeit zum Fühlen von Verantwortung nicht nur nicht "degenerieren" läßt, sondern weiterentwickelt? Aufgrund welcher bewußter oder halbbewußter verhaltenspsychologischer, evolutionspsychologischer Mechanismen und Motivationen könnte die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme, zum Fühlen von Verantwortung nun aber wachsen? Und zwar ohne daß diese Mechanismen in Widerspruch geraten zu den Gesetzen der genetischen Fitneß-Maximierung wie sie in der Soziobiologie und Evolutionären Anthropologie erforscht werden [s. z.B. 6]?

Die Übernahme von Verantwortung wird in komplexen, arbeitsteiligen Gesellschaften - zum Beispiel - ermöglicht, bzw. erleichtert, durch eine langjährige Berufsausbildung. Und das dürfte auch schon für die ersten arbeitsteiligen Gesellschaften in der Menschheitsgeschichte vor zehn- bis zwölftausend Jahren gelten.

Gerade in frühen arbeitsteilig gegliederten Gesellschaften wurde die ungewohnte emotionale Destabilisierung des einzelnen aufgrund der beruflichen Spezialisierung oft durch umfangreiche religiöse Rituale aufgefangen. Es sei in diesem Zusammenhang etwa erinnert an die "Moieties" bei den amerikanischen Pueblo-Indianern, also an Vorstufen von beruflichen "Gilden" und "Zünften", "Maurerbünden" etc. pp.. Die "aufreibende" Arbeit, der "Streß" in der Ausbildung und in der Ausübung des Berufes, die ja zwangsläufig mit einer gewissen äußeren Absonderung von der übrigen Gesellschaft verbunden sind (das ist ja eben das Wesen von "Spezialisierung"), können dazu führen, daß derjenige oder diejenige, die derartige berufliche Verantwortung übernehmen, diese Verantwortung (nur) auf Kosten der eigenen direkten Fitneß, also auf Kosten eigener Fortpflanzungsmöglichkeiten, Kinder übernehmen (können). In der heutigen Zeit ist dies ja offensichtlich ein ganz häufiges Geschehen.

Berufliche Spezialisierung auf Kosten eigener Nachkommen?

Aber wir wissen es auch von vielen kulturschöpfenden und -tragenden Menschen in den letzten 2000 Jahren, die besondere Verantwortung für ihre Gesellschaft übernommen haben, daß sie oft weniger eigene Kinder hatten, als die Durchschnittsbevölkerung. Denken wir an Kinderlose - oder doch zumindest Kinderarme - schöpferische Menschen wie Michelangelo, Friedrich der Große, Lessing, Kant, Beethoven, Hölderlin, Schubert oder Brahms. Die Aufzählung könnte wohl noch lange fortgesetzt werden und beschränkt sich sicherlich nicht nur auf die aller oberste Spitze derjenigen, die für das "Human Accomplishment", für die höchsten kulturellen Errungenschaften der Menschheitsgeschichte [4] verantwortlich gewesen sind. Die Frage, ob die Menschen, die kulturelle Höchstleistungen in der Geschichte hervorgebracht haben, insgesamt durchschnittliche Nachkommenzahlen hatten oder nicht, ist nach Kenntnis des Autors dieser Zeilen noch nicht auf breiter Grundlage untersucht worden.

Aber denken wir auch daran, daß überhaupt die westeuropäischen Gesellschaften des Mittelalters und der Neuzeit im Gegensatz zu den osteuropäischen Gesellschaften und mehr noch im Gegensatz zu den ostasiatischen Gesellschaften durch einen hohen Anteil Nichtverheirateter und sehr spät Heiratender gekennzeichnet sind. Dies kann sich sowohl auf stärker spezialisierte Handwerkerberufe erstrecken (in den städtischen Siedlungen), wie auch auf weniger spezialisierte Kleinhäusler- und Tagelöhner-Schichten (in den ländlichen Siedlungen).

In jedem Fall: Sollte es in einer bestimmten Gesellschaft und unter bestimmten Zeitumständen Verhaltens- und Intelligenz-Gene geben, die besonders dazu veranlassen oder es erleichtern, Verantwortung zu übernehmen und kulturelle, wirtschaftliche oder politische Leistungen zu erbringen (nicht nur Höchstleistungen, sondern auch Durchschnittsleistungen), die die Fähigkeit mit sich bringen, "to delay gratification", wie es in der Forschung vielerorts heißt [bspw. 5], dann müßte weiterhin noch geklärt werden, aufgrund welcher evolutiver Zusammenhänge dafür gesorgt ist, daß nicht gerade diese Verhaltensgene im Laufe der Generationen in ihrer Häufigkeit in der Population abnehmen in arbeitsteiligen Gesellschaften, in denen Menschen zu derartiger Verantwortungsübernahme ja sogar auf Kosten der eigenen, direkten Fitneß bereit sind oder sein können.

Klöster und hohe Nichtverheirateten-Rate

Im europäischen Mittelalter gehörte dazu zum Beispiel sehr weitgehend die gesamte intellektuelle Elite in den Klöstern. Daß also die westeuropäischen Gesellschaften trotz dieser vermutlich immensen "Selektion gegen höhere Intelligenz" im Mittelalter durch die Klöster und in Form von kinderlosen Priestern in der Neuzeit dennoch so hohe kulturelle und wirtschaftliche Erfolge aufzuweisen hatten und haben, bleibt aus evolutionspsychologischer Sicht sicherlich weiterhin erklärungsbedürftig. (Die Überlegungen des Historikers Gregory Clark wird man dabei durchaus in Rechnung stellen können. Aber vermutlich werden sie sich als noch nicht ausreichend, bzw. tlw. fehlerhaft erweisen.)

All das sind Fragestellungen, denen in künftigen Beiträgen weiter nachgegangen werden soll. (Aber dabei soll noch wesentlich grundlegender angesetzt werden, als bei dem Ansatz des Historikers Gregory Clark. - Und um zurück zum Ausgangspunkt zu kommen: Der Begriff Reue hat übrigens auch deutlich religiöse Bezüge, denen man nachgehen könnte im Rahmen der sich derzeit rasch weiter entwickelnden "Religionsbiologie".)


ResearchBlogging.org
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  1. Eigen, Manfred; Winkler, Ruthild (1975): Das Spiel. Naturgesetze steuern den Zufall. Piper, München, Zürich (9. Aufl.) 1990, S. 22
  2. Lorenz, Konrad (1973): Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1977
  3. N. Camille (2004). The Involvement of the Orbitofrontal Cortex in the Experience of Regret Science, 304 (5674), 1167-1170 DOI: 10.1126/science.1094550
  4. Murray, Charles (2003): Human Accomplishment. The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 B.C. to 1950. Harper Collins.
  5. V REYESGARCIA, R GODOY, T HUANCA, W LEONARD, T MCDADE, S TANNER, V VADEZ (2007). The origins of monetary income inequality☆Patience, human capital, and division of labor Evolution and Human Behavior, 28 (1), 37-47 DOI: 10.1016/j.evolhumbehav.2006.07.001
  6. Voland, Eckart: Soziobiologie. Die Evolution von Kooperation und Konkurrenz. 4. Auflage. Springer, Berlin 2013

Mittwoch, 9. Juli 2008

Die europäischen Völker im Frühmittelalter

Es könnte von Interesse sein, künftig die Forschungsergebnisse des Wiener Frühmittelalter-Forschers Walter Pohl (geb. 1953) (Wiki) im Auge zu behalten (1).

Er ist Schüler von Herwig Wolfram (geb. 1934) (Wiki), der 1979 ein Standardwerk zur Geschichte der Goten heraus gebracht hat, das bis heute internationale Beachtung gefunden hat und seither in fünf Auflagen erschienen ist ("Geschichte der Goten. Entwurf einer historischen Ethnographie") (2). 

Abb. 1: Jugendbuch von Herwig Wolfram aus dem Jahr 2002 (Amaz)

Walter Pohl hat 2004 den mit 1,5 Millionen Euro dotierten Wittgenstein-Preis erhalten, den inoffiziellen "Nobelpreis Österreichs". Wissenschafts-Blogger und -Journalist Ferdinand Knauß ("Geschlechterverwirrung") hat im "Handelsblatt" auch schon über die Forschungen von Pohl berichtet (2.7.2008).

Hier einmal Auszüge aus der Antrittsvorlesung von Walter Pohl im Mai 2006, in der er über das Forschungsprojekt berichtet, für das die Gelder des Wittgenstein-Preises derzeit ausgegeben werden (1):

Viele Völker Europas sind zwischen 400 und 1000 n. Chr. entstanden, oder suchen in dieser Zeit ihren Ursprung. Zugleich entstand überhaupt die abendländische Art und Weise, wie man über Völker dachte und wie ethnische Identitäten zur Grundlage politischer Macht und individueller Selbstwahrnehmung wurden. Europa ist in dieser Hinsicht außergewöhnlich, denn es besteht aus einer Vielzahl von stabil bestehenden Staaten, die ethnisch bestimmt sind. In den meisten anderen Kulturräumen der Weltgeschichte (etwa in der römischen Antike, in der islamischen Welt oder in Indien) war das anders. Der Ansatz dieser Entwicklung liegt in der "ethnischen Wende" des Frühmittelalters. (...)

Die Fallbeispiele aus jener Zeit erlauben es, über einen Zeitraum von Jahrhunderten hinweg einigermaßen kontinuierlich das Schicksal ethnischer Prozesse zu verfolgen und dabei fast wie in einem Laboratorium der Sozialforschung Identitätsbildung, Identitätskrisen und Identitätsverlust unter den unterschiedlichsten Bedingungen zu verfolgen.

Seit dem 5. Jahrhundert konnte sich ein neues Element innerhalb der lateinischen politischen Kultur durchsetzen: Königreiche auf ethnischer Grundlage, zum Beispiel die Regna der Goten, Franken oder Langobarden. Völker, in deren Namen Könige die Herrschaft beanspruchten, hatte es ein Jahrtausend lang nur am Rand der klassischen Welt gegeben; Griechen und Römer waren vor allem Angehörige ihrer polis, ihrer civitas oder res publica. Nun herrschte ein rex Francorum über ehemalige römische Provinzen und ihre vorwiegend romanische Bevölkerung und stützte sich dabei auf die spätantike Infrastruktur (einschließlich der Bischöfe). Die meisten Reiche der Völkerwanderungszeit zerfielen bald wieder, aber das Prinzip blieb; um 1000 war Europa bis Polen, Ungarn und Bulgarien unter ethnisch bezeichneten christlichen Regna mit lateinischer (oder griechischer) Staatssprache aufgeteilt. Die Errichtung großräumiger politischer Herrschaft durch eine ethnisch definierte Führungsgruppe gelang nur christlichen Königen, die über lateinische Schriftlichkeit und Elemente spätrömischer Organisation verfügten.

Ethnisch begründete Herrschaft war im mittelalterlichen Europa von Anfang an kein archaisches Element, sondern Teil eines komplexen Modells politischer Kultur. Dass die Welt aus unterschiedlichen Völkern besteht, die sich durch jeweils spezifische Merkmale unterscheiden, ist keine selbstverständliche Erkenntnis, sondern setzt eine beachtliche Abstraktionsleistung voraus. Die Festigung überregionaler ethnischer Identitäten erforderte beträchtliche Anstrengungen gesellschaftlicher Bedeutungsproduktion, von denen die uns erhaltenen Texte vielfältige Spuren erkennen lassen.


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  1. Pohl, Walter: Die 'ethnische Wende' des Frühmittelalters und ihre Folgen. Antrittsvorlesungen. Gastbeitrag von Walter Pohl am 22. Mai 2006 (OEAW)
  2. Wolfram, Herwig: Geschichte der Goten. Entwurf einer historischen Ethnographie. C. H. Beck, München 1979, 2. Auflage 1980, unter dem Titel: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. 3., 4. und 5. Auflage (1990/2001/2009), Italienische, amerikanische, französische, polnische und russische Übersetzungen. Überarbeitet und gekürzt als Beck’sche Sonderausgabe (München 1983)

Dienstag, 30. Oktober 2007

China - das unsterbliche Reich und Volk

Ein "Augenzeugen"-Bericht von Eva Rosenstock über die gegenwärtige chinesische Archäologie (Abenteuer-Archaeologie.de) macht sich einerseits Gedanken über die - europäische? - Abkunft der frühen chinesischen Ackerbau-Kulturen im Neolithikum.

Abb. 1: Im Herzen Chinas - Die Stadtmauer von Xi'an (Wiki)

Er berichtet außerdem über "die mit riesigen Kaisergrabhügeln nur so gespickte Ebene von Xi'an", der Zentralprovinz des chinesischen Reiches (über lange Jahrtausende hinweg). Besonders auch die Schlußsätze sind bemerkenswert:

"Was für eine immense Tradition! Man stelle sich vor, ein Habsburger Kaiser wie Karl V. hätte sich noch ebenso wie in der Latènezeit bestatten lassen..."

Aber vor allem wird berichtet von einem ...

"... Taxi-Ausflug zu den archäologischen Stätten um Xi'an. Zunächst zog es mich natürlich zum neolithischen Fundplatz Banpo.
Besiedelt in der Zeit der Yangshao-Kultur (5. und 4. Jt. v. Chr.), deren mit geometrischen Mustern bemalte Keramik mich schon im Museum von Lanzhou am Gelben Fluss an die Cucuteni-Kultur der nordpontischen Steppen hat denken lassen (wie und woher kam das Neolithikum eigentlich genau nach China?), bestand das Dorf aus Pfostenhäusern mit dickem Lehmverputz, ganz ähnlich wie man es auch vom Balkan her kennt. Der fruchtbare Lößboden, der noch heute den Huang He gelb färbt, ließ schon im Neolithikum Hirse und Weizen gut gedeihen. Noch heute ißt man in Nordchina mehr Weizenfladen - übrigens die Standardbeilage zur Pekingente - als Reis."

Zu dem Thema der mesolithischen und frühneolitischen Kontakte zwischen Europa und Ostasien erfährt man derzeit in der Wissenschafts-Berichterstattung immer noch recht selten etwas. Die Thematik wird aber zur Zeit eifrig erforscht (siehe z.B. Stud. gen. 1, 2, 3).

Abb. 2: In und um Xi'an

(Siehe auch Henriette Pleiger:  Xi'an, die Hauptstadt des Alten China. In: Spektr. d. Wiss. 2006) 

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/ Beitrag überarbeitet und gekürzt am 3.6.2008 / 

Montag, 1. Oktober 2007

Beschäftigungsquote protestantischer Länder höher als katholischer Länder

Die traditionelle Religiosität eines Landes hat auch heute noch Einfluß auf die Beschäftigungsquote dieses Landes, wie eine neue Studie des Ökonomen Horst Feldmann herausarbeitete. (Wissenschaft.de)
... Feldmann sammelte die Wirtschaftsdaten und die Zahlen der religiösen Zusammensetzung der Bevölkerung von achtzig Ländern. Darunter befanden sich sowohl Industrieländer als auch Schwellen- und Entwicklungsländer. Feldmann berechnete, wie sich wirtschaftliche Faktoren wie Steuern, Einkommensstruktur, Gewerkschaften und Arbeitsschutzgesetze auswirken. Außerdem berücksichtigte er, welchen Einfluss Kriege und die geographische Lage haben. Diese Faktoren konnte er dadurch als Einflussgrößen auf die Beschäftigung herausrechnen, so dass der Faktor Religion übrig blieb.

Protestantische Länder haben den Ergebnissen zufolge im Durchschnitt eine um sechs Prozentpunkte höhere Beschäftigungsquote im Vergleich zu nichtprotestantischen Ländern. Frauen sind in protestantischen Ländern sogar mit elf Prozentpunkten höher beschäftigt. In diese Ländergruppe fallen beispielsweise die USA, Großbritannien, Dänemark und Schweden. Deutschland mit seinen jeweils rund 25 Millionen Protestanten wie Katholiken zählte der Forscher ebenfalls zur protestantisch geprägten Ländergruppe. (...)

In weiteren Studien will Feldmann nun untersuchen, wie sich die Beschäftigung in überwiegend katholisch oder islamisch geprägten Volkswirtschaften entwickelt.
Auch der durchschnittliche angeborene Intelligenzquotient der Bewohner eines Landes hat großen Einfluß auf die Wirtschaftsgestaltung desselben. Ein Abwägung wäre interessant dahingehend, ob die traditionelle Religiosität oder der IQ eines Landes insgesamt gesehen einen größeren Einfluß haben. Ich nehme an, daß der IQ einen größeren Einfluß hat, zugleich aber auch mit protestantischer Religiosität korrellieren wird.

Mittwoch, 20. Juni 2007

"Risiken einer globalisierten und hochgradig arbeitsteiligen Welt"

Der Untergang des Römischen Reiches war so harmlos nicht, wie es heutige Zeitgeist-beeinflußte Althistoriker mitunter dazustellen belieben. Man kann das auch nach jeder Richtung wesentlich differenzierter betrachten. So jedenfalls die Herangehensweise eines neuen Buches (1), das in der FAZ besprochen wird. So heißt es in der Rezension:

.... Römern und Germanen. Letztere veränderten das Leben der Bevölkerung langfristig und gründlich. Hochwertige Produkte wurden nicht mehr hergestellt, die regionalen und überregionalen Netzwerke des Austausches kollabierten, das Münzgeld verschwand aus dem Alltag. Es dauerte nicht lange, bis in Britannien Produktion und Zivilisation auf ein früheisenzeitliches Niveau zurückgefallen waren. Und die Regionen am anderen Ende der Skala und des Reiches, Ägypten, die Levante und Nordafrika, wo sich die materielle Zivilisation noch am besten erhalten hatte, wurden als Erste von der arabischen Eroberung erfasst.

Und abschließend:

"Die hohe Entwicklungsstufe der römischen Epoche hatte, indem sie qualitativ hochwertige Güter weit in der Gesellschaft verbreitete, die lokalen Fertigkeiten und die lokalen Netzwerke zerstört, die in vorrömischer Zeit für wirtschaftliche Komplexität auf niedrigerem Niveau gesorgt hatte." Wer heute die Risiken einer globalisierten und hochgradig arbeitsteiligen Welt besser verstehen möchte, kann viel daraus lernen.
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1. Ward-Perkins, Bryan: "Der Untergang des Römischen Reiches und das Ende der Zivilisation".

Dienstag, 19. Juni 2007

Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen

Christoph Butterwegge, Kölner Politikwissenschaftler und familienpolitischer Autor sagt in der "Zeit":

Will man die Erwerbslosigkeit und die (Kinder-)Armut reduzieren, kommt man an der Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen nicht vorbei, auch wenn dies dem neoliberalen Zeitgeist widerspricht.

Im Juli erscheint sein neues Buch "Kritik des Neoliberalismus".

- Es ist merkwürdig, daß es diesem "neoliberalen Zeitgeist" immer noch gelingt, sich so zu spreizen.

Sonntag, 17. Juni 2007

"Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter"

"Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter" - diesen Spruch muß man sich erst mal auf der Zunge zergehen lassen: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter". Noch einmal: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter".

Oh, ich versuche zurückhaltend zu bleiben. Und nicht in blasphemische Zornausbrüche zu geraten. Ok ... ruhig bleiben. Ganz ruhig.

Mir liegt vor:

Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002

Ein vielgelesener Schinken aus der UB - viele Bleistift-Anmerkungen in den letzten fünf Jahren. Sehr lobenswert. Zeugt von großem Fleiß. Zum Beispiel steht da auf Seite 214 an den Rand geschrieben nebem dem Buchtext "Es wird eine klare und leicht handhabbare Lösung empfohlen: ein ausreichendes Erziehungsgehalt oder -entgelt soll - zahlbar bis zum Ende der Schulpflicht von Kindern - die Bereitschaft zur Übernahme von Erziehungsverantwortung stärken und Eltern eine Alternative zur Erwerbsarbeit und außerhäuslichen Kinderbetreuung erschließen." Zu diesem Buchtext also hat eine freundliche Leserin oder ein freundlicher Leser (die Schrift sieht eher weiblich aus) geschrieben: "aber: Förderung des Hausfrauendaseins". Na. Da wird ja in den Soziologie-Seminaren sehr altklug diskutiert worden sein.

Zwei Beiträge sind es jedenfalls, die in diesem Band zunächst besondere Aufmerksamkeit erregen:

Ebert, Thomas: Beutet der Sozialstaat die Familien aus? - Darstellung und Kritik einer politisch einflußreichen Ideologie (S. 99ff) und:

Stolz-Willig, Brigitte: Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit oder:Familienarbeit neu bewerten - aber wie? (S. 213ff)

Nachdem ich beide Artikel (an-)gelesen habe, wird mir klar, daß es gegen ein Elterngehalt im Grunde keine vernünftigen Argumente gibt. Die genannte Bleistift-Anmerkung ist eigentlich alles, was dagegen vorgebracht wird. Und ist das ein Argument? Oder ist es Ideologie? - Man muß sich nur erst einmal die Argumente angesehen haben, und erkennt sofort, wie schwach und ärmlich sie sind, auf welchen dünnen, ja absurden Füßen sie stehen.

Das wichtigste Stichwort: "Erziehungsgehalt"

Das Schöne an den Beiträgen ist aber, daß sie die Literatur und die Stichworte nennen, die man konsultieren muß, wenn man sich über die Diskussion zu dieser Thematik auf dem Laufenden halten will. Das wichtigste Stichwort lautet "Erziehungsgehalt". Unter diesem Stichwort läuft die Diskussion. (Wikipedia) Ich würde es lieber Elterngehalt nennen. Denn es soll deutlich werden, daß es Müttern wie Vätern gleichermaßen zusteht. Außerdem ist Erziehung nicht das Einzige - vielleicht noch nicht einmal das Vorwiegende, was geschieht, wenn man Kinder aufzieht. Sie müssen gewickelt werden, gebadet werden, getröstet werden, man muß ihnen Einschlaflieder singen, sie wollen etwas vorgelesen bekommen, man muß ihnen Essen zu bereiten, man muß mit ihnen spazieren gehen, man muß - im Grunde meist - "nur" aufpassen, daß sie keinen Blödsinn anstellen, nicht sich und andere gefährden. "Erziehung" im engeren Sinne ist wohl bei all dem noch das Allergeringste. Im Grunde ist eine solche Benennung wiederum ein Ausfluß, ein Kennzeichen von "Verkopfung" unserer Gesellschaft, die gar nicht mehr realisiert - wie das schon Friedrich Hölderlin wußte -, daß Kinder im wesentlichen wie Pflanzen aufwachsen. Man muß sie begießen, sie brauchen Licht und Sonne. Aber wenn sie das haben, können sie von allein wachsen. Man soll ihre zarten Blätter nicht dauernd betasten und befühlen. Deshalb bleibe ich bei meinem Wort Elterngehalt. Es ist - quasi - im Wesentlichen ein "Gärtner-Gehalt". (Das Wort steckt ja auch im Wort Kindergarten drin, merke ich grade ... ;-) )

Ruhig bleiben, ganz ruhig bleiben ...

Wikipedia ist nun schon etwas einseitig ideologisch vorprogrammiert, was diesen Eintrag zu "Erzieungsgehalt" betrifft. Aber es bringt halt doch sehr aktuelle Literaturverweise. Und da entdecke ich als erstes die Überschrift: "Fernhalteprämie vom Arbeitsmarkt für Mütter". Ok. Also ... Weiter versuchen, ruhig zu bleiben. Ganz ruhig. Was steht denn in dem Artikel drin, einem Artikel vom renommierten "idw - Informationsdienst Wissenschaft"? (idw) "Erwerbswillige Zweitverdiener", "Fachkräftemangel", Reduktion der "Einnahmeeffekte für die öffentliche Hand" (wenn Eltern bei Kindern bleiben). "Verringerung des Fachkräftemangels im demografischen Wandel". Die Formulierung, die mir die Zornader schwillen läßt, stammt von "Bildungsökonom Dr. Dieter Dohmen". Ok. Lieber Herr Dr. Dohmen. Ok. ... Ruhig bleiben. Ruhig. Abschließend wird er zitiert mit den Worten:

"Das von den Befürwortern des Erziehungsbonus' dafür ins Feld geführte Gerechtigkeitsargument ist vorgeschoben. Nicht erwerbstätige Ehefrauen werden in beträchtlichem Umfang auch heute schon durch indirekte staatliche Leistungen unterstützt. Der Erziehungsbonus verstärkt die bestehende Subventionierung nur noch."

Ja. Und dazu schlage ich vor, daß man einfach allen staatlichen Familien-Förderungs-Wirrwarr streicht und dann
1. den reinen materiellen Unterhalt der Kinder staatlich sicherstellt (was heute wohl schon sowieso in weiten Teilen sichergestellt ist - halt durch "Wirrwarr") und
2. zusätzlich ein vollkommen reguläres Elterngehalt einführt.
Wir werden ja dann sehen, ob die derzeitige Lösung gerecht ist oder ob die dann eingeführte Lösung nicht um einiges gerechter ist.

Das "Gerechtigkeitsargument" - vorgeschoben?

Derzeit ist die Gerechtigkeitsfrage - offenbar - gar nicht so schnell zu klären, weil all die "Ökonomen" völlig den Überblick verloren haben, bzw. noch nie richtig versucht haben, ihn zu gewinnen, sich auf einen gemeinschaftlichen Überblick zu einigen. (Siehe frühere St. g.-Beiträge.)

Soweit ich sehe, wird jeder moderne Arbeitsmarkt durch Lohne und ihre Höhe reguliert. Das ist Thema fast jeder zweiten oder dritten Nachricht in Presse und Rundfunk. Also. Dann wendet das für die Mütter und Väter an, die ihr auf dem Arbeitsmarkt braucht. Was mich aber eben immer wieder am meisten ekelt, ja ekelt, an all den Äußerungen von "Bildungsökonomen" das ist, daß eben - und hier nur wieder allzu kraß - mit dem augenblicklichen ökonomischen Nutzen argumentiert wird. Weder wird auf die langfristige Stabilität einer hochkomplexen arbeitsteiligen Gesellschaft Rücksicht genommen, ausreichend Rücksicht genommen (die eben nur durch Kinderzahlen zu sichern ist), noch aber - was im Grunde viel schlimmer ist - auf irgendein Kindeswohl, auf irgendeinen Kinderwillen. Das taucht überhaupt nicht auf!

Kinder wollen nicht Eltern, die arbeiten. Kinder wollen Eltern. Und sie allein, diese Kinder werden die Eltern und Großeltern künftiger Facharbeiterinnen und Facharbeiter sein. Sie sollen mit Freude in das Leben hineingehen. Sie sollen Urvertrauen dem Leben gegenüber gewinnen. Sie sollen bindungsfreudige, bindungsfähige, nicht bindungsängstliche und bindungsunfähige Menschen werden. Sie sollen mutig sein. Sie sollen später "Männer- und Frauenstolz vor Königsthronen" (Schiller) beweisen. Sie sollen also in ihrer Kindheit möglichst wenig beunruhigt werden durch die Bedingungen, in denen sie aufwachsen. Sie brauchen Ruhe und streßfreie Zonen. Sie brauchen: liebende, verständnisvolle Eltern.

"Kinder vor dem Fernseher"

Oh ja, das Kindeswohl taucht dann auf, wenn man Geld sparen und Eltern verunglimpfen will. Das bei Wikipedia zitierte Handelsblatt läßt den CDU-Familienminister von Nordrhein-Westfalen, Herrn Armin Laschet, in die gleiche Kerbe hauen wie seine Bundesfamilienministerin: „Da droht die Gefahr, dass Eltern aus sozial schwachen Schichten und Eltern mit Migrationshintergrund das Geld behalten, um ihr Einkommen aufzubessern, und ihre Kinder vor den Fernseher setzen.“

Frau von der Leyen hat es mit Zigarettenautomaten und Kneipen, Herr Laschet hat es mit dem Fernseher. Wie toll! - Wenn der Staat seine Bürger im Bildungssystem auch nicht auf Elternschaft vorbereitet, wenn er nicht Verantwortungsbewußtsein fördert, wenn er den Menschen nicht "Daseinskompetenzen" vermittelt, die das klare Wissen beinhalten, daß Fernsehen nichts für Kinder ist, wenn er überhaupt eine Medienpolitik betreibt, die unter aller Sau ist - mit Verlaub gesagt - ja, dann muß er Eltern so "infantilisieren", wie er es mit einer solchen Argumentation tut. Aber mal ganz andere Frage: Wenn der Staat den Eltern nicht mehr zutraut, Kinder richtig aufzuziehen, wie will er ihnen dann zutrauen, die richtigen Politiker zu wählen? Sollte er dann nicht auch das allgemeine Wahlrecht abschaffen? Kein Wahlrecht für Eltern! Es besteht Gefahr, daß sie die falschen Parteien wählen. - Mit Verlaub gefragt. Das sind also ganz und gar undemokratische, bevormundende Argumentationsweisen.

Der Staat kann von jenen Menschen, denen er ein Erziehungsgehalt, ein Elterngehalt bezahlt, verlangen, daß sie ihre Befähigungen vorweisen und sich auf diese immer wieder prüfen lassen. Wie das in jeder sozialen Einrichtung geschieht. Er kann verlangen, daß die Eltern ihrer Erziehungspflicht in ordentlicher Weise nachkommen. Er kann das aber nur tun, wenn er auch selbst seinen Pflichten zum Schutz der Kinder vor Kinder- und Jugendgefährdung nachkommt. Solange der Staat selbst hier seine Pflichten nicht erfüllt, hat er keinerlei Recht, bevormundend gegenüber Eltern aufzutreten.

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1. Ebert, Thomas: Beutet der Sozialstaat die Familien aus? - Darstellung und Kritik einer politisch einflußreichen Ideologie. In: Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002, S. 99ff
2. Stolz-Willig, Brigitte: Generationen- und Geschlechtergerechtigkeit oder:Familienarbeit neu bewerten - aber wie? In: Butterwegge, Christoph/Klundt, Michael (Hg.): Kinderarmut und Generationengerechtigkeit. Familien- und Sozialpolitik im demographischen Wandel. Leske & Budrich, Opladen 2002, S. 213ff
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