Posts mit dem Label Feiergestaltung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Feiergestaltung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Freitag, 14. Februar 2025

Völker und Feste

Natürlich - Selbst bestimmt - Lokal

Wer sich mit der Rigveda, dem ältesten indoeuropäischen Schriftzeugnis beschäftigt, wird aufmerksam auf die uralte Bedeutung des Agnihotra (Wiki). Es spielt noch heute im religiösen Alltag Indiens eine große Rolle. Es handelt sich um ein Ritualfeuer, angezündet mit trockenem Kuhdung bei Sonnenauf-, bzw. -untergang. Schon der trockene Kuhdung zeigt, in welche uralten Zeiten  dieser Brauch zurück reicht.

Abb. 1: "Die weißrussische, heidnische Tradition der Kupala-Nacht im Dorf Rakov in der Region Minsk in  Weißrußland", 2015 -Vor dem Hintergrund der örtlichen Hügelgräber der indogermanischen Vorfahren (Fotograf: Aliaksei Staliarou) (Wiki)

Dadurch wird man darauf gestoßen, wie weit verbreitete "Feuerbrauchtum" (Wiki) insgesamt, Englisch "Bonfire" (Wiki) (WikiCom) unter den Völkern ist. Da ist zunächst das Feuerbrauchtum im Iran aber schließlich auch das vielfältige Geschehen rund um Feuerbräuche in europäischen Völkern: Osterfeuer, Sonnenwend-Feuer und vieles ähnliches mehr.

Wie schön ist es überhaupt, Völker feiern zu sehen. Und wie sehr fühlt man sich mit Völkern verwandt, wenn man darauf aufmerksam wird, daß sie ähnliche jahreszeitliche Feste feiern wie das im eigenen Kulturraum üblich ist. 

So kennt man in Mitteleuropa die Sommersonnenwende. In Schweden handelt es sich um das Mitsommerfest. Und dasselbe gibt es auch in in Rußland, in Weißrußland und in der Ukraine. Man muß nur den Namen wissen. Hier heißt das Mittsommerfest "Iwan-Kupala-Tag" (Wikiengl) und hat ähnlich gemeinschaftsstiftende, naturverbundene Funktionen wie das Mittsommerfest in Schweden. 

Abb. 2: Mittsommerfest am Unteren Dnjepr auf der Insel Chortitza bei Saporischja ("Ivan-Kupala-Tag") (Fotografin Valeria Matveeva [Валерія Матвєєва]) (Wiki)

Am Ivan-Kupala-Tag werden der Frühsommer und die voll entfaltete Lebensfülle gefeiert, es werden Feuer, Sonne, Wasser, Schönheit, Fruchtbarkeit, Freude und die Schönheit der Frauen gefeiert. Als Deutscher und Mitteleuropäer bekommt man ein größeres Gefühl der Verbundenheit mit den genannten slawischen Völkern, wenn man sich mit ihrer Form des Mittsommerfestes als Ivan-Kupala-Tag beschäftigt. 

Der Iwan-Kupala-Tag - In Rußland, in Weißrußland und in der Ukraine

Es wird einem dann klar, daß all die schönen, "romantischen" Bilder aus dem russischen Raum zu diesem Fest einem natürlichen Volksbrauch seit Jahrhunderten entspringen. Schönheitssinn und Naturverbundenheit werden noch heute von den Russen, von den Weißrussen, von den Ukrainern und anderen Völkern in dieses Fest gelegt.

Abb. 3: Vaxholm in Schweden, Mittsommerfest (Fotograf Bengt Nyman) (Wiki)

Eigentlich alles sehr ähnlich zu dem Mittsommerfest in Schweden (Abb. 2). Und eigentlich sehr ähnlich zu mancherlei Bräuchen, die es früher auch in Mitteleuropa gegeben hat. Mädchen winden sich Blumenkränze in die Haare, es werden Feuer angezündet, es wird ein heimlicher, stiller Weg gegangen morgens vor Sonnenaufgang zu stillen Gewässern, begleitet von geheimnisvollen, freundlichen Wünschen. 

Man findet etwa auch schöne Fotografien aus Saporischja am Unteren Dnjepr, also aus der Urheimat der Späten Urindogermanen (Abb. 1 und 3) (von Seiten der dortigen Biologielehrerin Valeria Matveeva/Валерія Матвєєва) (WikiCom).

Von dem gibt es noch weitere schöne Fotografien zur Kupala-Nacht 

Auch aus Weißrußland gibt es schöne Fotografien (von dem Fotografen Aliaksei Staliarou) (WikiCom(s. Abb. 1), außerdem etwaLiebespaar am Feuer (Wiki) und dann aus der Erntezeit: Der Kuß im Roggenfeld (Wiki), Roggenernte mit der Sichel und ähnliches.

Abb. 4: Mittsommerfest am Unteren Dnjepr auf der Insel Chortitza bei Saporischja( "Ivan-Kupala-Tag") (Fotografin Valeria Matveeva [Валерія Матвєєва]) (Wiki)

Es werden schöne Kleider angezogen, ja, mitunter sogar erst ganz neue für das Fest genäht.

Abb. 5: Wola Sekowa in Südostpolen, Mittsommer-Fest ("Wickerman Fest") am Kiczera-Hügel, 2014 - "Slow Fashion"-Vorstellung (Fotograf: Silar) (Wiki)

So gab es schon 2014 eine "Slow-Fashion"-Vorstellung anläßlich des Mittsommerfestes in einer Ortschaft im Südosten Polens (Abb. 5-7).

Abb. 6: Wola Sekowa in Südostpolen, Mittsommer-Fest ("Wickerman Fest") am Kiczera-Hügel 2014 - "Slow Fashion"-Vorstellung (Fotograf: Silar) (Wiki)

Alles natürlich, selbst bestimmt, "lokal". So wie Völker Jahrtausende lang gefeiert haben. 

Abb. 7: Wola Sekowa in Südostpolen, Mittsommer-Fest ("Wickerman Fest") am Kiczera-Hügel, 2014 - "Slow Fashion"-Vorstellung (Fotograf: Silar) (Wiki)

Es werden Tänze getanzt (Abb. 8, 9). 

Abb. 8: Ivan Kupala-Tag in Serebryany bor, 2015

Auch ukrainische Frauen schmücken sich am Mittsommerfest (am Ivan Kupala Tag) mit Blumenkränzen (s. WikiCom) (abc).

Abb. 9: Ivan Kupala-Tag in Serebryany bor, 2015

Keine "Massenveranstaltungen", keine "Events", keine brummenden Bässe, keine flackernde Discobeleuchtung, keine Bierfässer und Bierkrüge sind notwendig - wenn Völker vor Ort, lokal und selbst bestimmt, selbst bewußt feiern.

Sie müssen nur wieder zu sich selber finden. Indem sie an uralte lokale Traditionen anknüpfen. Ohne Priester und Weihrauch, ohne Moralpredigten und Kater. 

Die Hochzeit von Feuer und Wasser

Es gibt da etwa eine uralte Beziehung zwischen den Frauen und dem heiligen Wasser. Daß unverheirateten Frauen (mitunter auch Männer) zu Ostern vor Sonnenaufgang das Osterwasser holen, ist aus Deutschland (Wiki), Polen (Wiki), Ungarn, der Slowakei, Tschechien und der Ukraine als Brauch überliefert

Abb. 10: Wahrsagen mit Kränzen - Gemälde von Simon Kozhin (geb. 1979) (Wiki)

Und man erinnert sich in diesem Zusammenhang daran, daß die Menschen etwa in Brandenburg während der Bronzezeit sehr stark ausgeprägt an Flußläufen und Seen siedelten und an Gewässern oder im Bezug zu Gewässern auch Weihgaben für die Götter niederlegten (sogenannte "Depotfunde"). 

Der russische Maler Simon Kozhin (geb. 1979) schreibt über den Brauch des Wahrsagens mit Kränzen in Rußland (Wiki):

Seine Bedeutung stammt aus dem Denken rund um die Bräuche des Heidentums und des frühen Christentums. Schon in alten Zeiten fragten junge Menschen bei Wahrsagern nach ihrem Schicksal. Manchmal wurden diese abergläubischen Vorstellungen als eine Art Unterhaltung und Spiel angesehen. Normalerweise fand die Wahrsagezeremonie im Einklang mit den örtlichen Bräuchen statt und variierte von Bezirk zu Bezirk. Der Tauftag des Johannes wurde am 24. Juni gefeiert. Bis heute stellt er eine der wichtigsten und lebendigsten Feierlichkeiten in der russischen Orthodoxie dar. Dieser Tag gilt auch als der Tag von Johann Kupala. (...) Es war allgemein üblich, an diesen Tagen zu baden, da diese Feierlichkeiten mit Gebeten an Flüssen und heiligen Quellen verbunden waren. Im südlichen Teil Russlands und der Ukraine versammelten sich die Mädchen am Johann-Kupala-Tag nach Sonnenuntergang mit Weidenzweigen (Verba), die mit Blumen und Bändern geschmückt waren - sie faßten sich zum Kreis. Wahrsagen mit Rosenkränzen war eine der Arten dieser Zeremonie. Die Mädchen mußten Kränze winden, sie dekorieren und sie flußabwärts ins Wasser legen. Oft wurden diese Kränze mit Kerzen versehen, damit sie besser sichtbar waren. Wenn die Kerze nicht erlosch, sollte der Wunsch in Erfüllung gehen: Derjenige Mann, der diesen Kranz aus dem Wasser holte, sollte das Mädchen heiraten, das ihn hergestellt hatte.*)

Das rituelle Baden in Flüssen findet sich hinwiederum auch in Indien. Und es wird in der Bronzezeit in allen indogermanischen Völkern eine Rolle spielen. Es hat ja noch im antiken Athen eine Rolle gespielt. 

Abb. 11: Mittsommerfest (Ivan Kupala) in der Mykolaiv Region, 2021 (Fotograf: Ilfen Igor) (Wiki)

Wir lesen (Wiki):

An diesem Feiertag kann sich Wasser - einem verbreiteten Glauben zufolge - mit Feuer „anfreunden“. Das Symbol dieser Verbindung war ein Freudenfeuer, das an den Ufern der Flüsse entzündet wurde. Kränze wurden in der Kupala-Nacht oft zur Wahrsagerei verwendet: Wenn sie auf dem Wasser schwammen, bedeutete dies Glück und ein langes Leben oder eine lange Ehe.
On this holiday, according to a common sign, water can "make friends" with fire. The symbol of this union was a bonfire lit along the banks of rivers. Wreaths were often used for divination on Kupala Night: if they floated on the water, it meant good luck and long life or marriage.

Aus der reichen Auswahl von Fotografien zum Ivan-Kupala-Tag folgen nun als vorläufiger Abschluß noch einige weitere Beispiele (Abb. 11-16). 

Abb. 12: Mittsommerfest ("Ivan Kupala holiday") in der Familien-Siedlung "Serebryany Bor" in der Belgorod region, Rußland 2017 (Fotograf: Лобачев Владимир = Vladimir Lobachev) (Wiki)

In aller Stille vor Sonnenaufgang. Oder nach Sonnenuntergang ....

Abb. 13: "Marichka am Kupala-Feiertag", 2019 (Fotografen: Олександр Майоров, Майкл Ендрюс, Світлана Буланова) (Wiki)

Das strahlende, lachende Leben.

Abb. 14: "Die Feier der Hochzeit von Wasser und Feuer", Sommersonnenwende, Ivan Kupala, Ukraine 2020 (Fotograf: Наталія Рута) (Wiki

äölkäökä

Abb. 15: Ivan Kupala-Tag in Khmelnytskyi, Ukraine, 2015 (Fotografin: Alina Vozna) (Wiki)

äölkäölkäölk

Abb. 16: Die Iwan Kupala-Nacht (1856) (Wiki) - Gemälde von Iwan Sokolow (1823-1910) (Wiki

#äöl#äö#äöl

_____________

*) Original: "The meaning of it comes from the concept of the heathendoms and early Christians ceremonies. From of old the youth were looking for the fortune from the fortune tellers. Sometimes these superstitious beliefs were regarded as a kind of amusement and game. Usually the ceremony of fortunetelling took place in line with the local customs and varies from district to district. Christmas Day of Johan Ancestor was celebrated on June 24. Up-to-date it is still one of the most important and vivid celebrations in Russian Orthodoxy. This day is also regarded as a day of Johan Kupala. In heathendom Kupala is respected as Fertility Idol. It was generally accepted to bath in these days as this celebration were combined with pray to rivers and saint springs. In southern part of Russia and Ukraine on Johan Kupala’s day the girls gathered together after sunset with the branch lines of willows (verba) decorated with flowers and bands - they reels in rounds. Fortunetelling with Chaplets was one of the kinds of this ceremony. Girls were to make chaplets, decorate it and put it into the water downstream. It was often that this chaplets were accompanies with the candles to be more visible. If the candle were not quenched so the wish should come true: who would be the one man to take this chaplet out of water is to marry this girl who made it."

Sonntag, 10. Februar 2008

Der Hohe Meißner und die deutsche Jugendbewegung

Der Hohe Meißner, gelegen östlich von Kassel zwischen Kaufunger Wald und Werratal, wird als der "König der nordhessischen Berge" bezeichnet. *) Er ist 753 Meter hoch. Nach dem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm wohnt hier oben auf diesem Berg die Frau Holle und schüttelt ihre Betten aus.

Für alle diejenigen jedoch, denen die Geschichte der deutschen Jugendbewegung etwas bedeutet, und die sich auch heute noch mit ihr verbunden fühlen, für die ist dieser ansonsten eher unbekannte Berg im wälderreichen Nordhessen eine bedeutende Stätte der deutschen Kulturgeschichte. Denn hier fand im Jahr 1913 das Zentralereignis der Geschichte der deutschen Jugendbewegung statt. (Wikipedia) 3.000 Wandervögel begingen hier den hundersten Jahrestag der Vielvölkerschlacht bei Leipzig, also den Sieg über Napoleon in den europäischen Freiheitskriegen jener Zeit. Unter ihnen befanden sich so bedeutende Persönlichkeiten wie etwa der Verleger Eugen Diederichs, der (spätere) Dichter Manfred Hausmann und viele andere.

Insbesondere blieb dieses Treffen bedeutsam, weil hier die berühmte "Meißner-Formel" formuliert worden ist. Sie lautet:
Die Freideutsche Jugend will nach
- eigener Bestimmung, vor
- eigener Verantwortung und in
- innerer Wahrhaftigkeit
ihr Leben gestalten.
Aufgerufen hatte zu diesem Treffen der 22-jährige Göttinger Student Christian Schneehagen. Er hatte es auch organisiert. Fünf Jahre später schon, am 25. April 1918 fiel er in Flandern als Soldat wie so viele Angehörige der deutschen Jugendbewegung. Von den 12.000 deutschen Wandervögeln, die am Ersten Weltkrieg teilnahmen, fielen mehr als 7.000. (Burgludwigstein.de 1, 2) Nach Christian Schneehagen ist heute ein Wanderweg benannt, der von der Burg der Wandervögel, der Burg Ludwigstein im Werratal, zum Hohen Meißner führt. (Zweiburgenblick.de)

Die Jugendburg Burg Ludwigstein über dem Werratal ist heute nicht nur eine Tagungsstätte, sondern sie beherbergt auch das "Archiv der deutschen Jugendbewegung":

Zur Erinnerung an das Treffen auf dem Hohen Meißner ließ einer der letzten lebenden Teilnehmer, Alfred Toepfer, im Jahr 1988 einen Findling an der Stelle errichten, von wo aus nach seiner Erinnerung in etwa die Redner auf diesem Treffen zu den Teilnehmern sprachen. (Alfred Toepfer-Stiftung)


Der Gedenkstein

Der Gedenkstein mit Wegweisern und Erläuterungstafeln

Vom Ort des Gedenksteines aus hat man einen schönen Überblick über die "Hausener Hute",
auf der damals hunderte von Zelten standen.

Ein Jahr später also schon zog die Wandervogel-Jugend in den Ersten Weltkrieg und es ist bis heute unentschieden geblieben, ob das Erstreben solcher Zielsetzungen wie jene der berühmten "Meißner-Formel" heute als mit Erfolg gekrönt bezeichnet werden darf. Den emanzipatorischen Bestrebungen der deutschen Lebensreformbewegung stand und steht bis heute entgegen entweder "Diktatur durch Gewalt" oder "Diktatur durch Verwöhnung". Beide haben die jungen, junggebliebenen und älteren Deutschen und Europäer bis heute eher von der Erfüllung solcher Zielsetzungen entfernt, als sie in ihrer Mehrheit an dieselben angenähert.

Eine Einkehr an dieser Erinnerungsstätte bräuchte niemanden zu schaden. Ein so freier, weiter Blick.

_
______________

*) Die Fotos dieses Beitrages sind
am heutigen Tag aufgenommen worden (- außer das der Burg Ludwigstein).

Mittwoch, 26. Dezember 2007

"Samson" - Händels Oper macht traditionelle Gruppen- und Religionspsychologie nachvollziehbar

Zu Weihnachten kann man sich schenken lassen zum Beispiel eine vollständige CD-Aufnahme der Oper "Samson" von Georg Friedrich Händel (1685-1759) (Wiki), die im Jahr 1741 uraufgeführt wurde. Und damit kann man seine religionswissenschaftlichen und gruppenpsychologischen Studien erweitern.

G. F. Händel v. W. Hogharth (von Wiki Commons)

Diese Oper scheint sehr gut für letzteres geeignet zu sein. Geht es in ihr doch um den biblischen, israelitischen Helden Samson, der im Kampf für (seinen) Gott und für sein Volk schlimmste Leiden erfährt. Dabei werden Gott und Volk durchgängig als eine tiefe und selbstverständliche Einheit angesehen. Samson erleidet Gefangenschaft, Blindheit, Verspottung durch ein feindliches, siegreiches Volk, durch die Philister, die einen anderen Gott anbeten.

Und letzteres ist das Schlimmste: daß ein anderes Volk mit einem anderen Gott - und damit dieser Gott selbst - siegreich sind und bleiben sollen. Schließlich gibt Samson seinem Leiden und seinem Tod dadurch einen Sinn, daß er noch zahlreiche Feinde mit sich in seinen Tod hineinzieht und dadurch aus seinem Tod und Untergang ein Triumphlied, ein Siegeslied für seinen eigenen Gott und sein eigenes Volk gestaltet.

Man spürt sofort: Dieser Herr Händel und seine Zeitgenossen haben noch nie etwas von politischer Korrektheit gehört. Wahrscheinlich, nunja, führt eine gerade Linie von Händel zu Hitler. Ob das schon jemand gemerkt hat? (Google-Suche sagt: nein, erstaunlich wenige haben das bis heute gemerkt!)

Händel hat das genannte biblische Geschehen, das zu seiner Zeit ja noch ganz "naiv" gelesen und verstanden wurde (auch ohne jede verweichlichende "Metaphorik"), in eine Musik umgesetzt, die die Handlung und das Leiden des Helden - und das Mitgehen der mitfühlenden "Stammesbrüder", "Volks-" und Religionsgenossen (in Form der Frauen- und Männer-Chöre) - emotional nachvollziehbar macht, wie dies wohl selten später in ähnlicher dichter Weise geschehen ist.

Seine starken und stolzen Rhythmen, seine Sieges-Trompeten und -Gesänge, seine Klagegesänge ...

Aber eine erhöhte Bedeutung erhält all diese Musik erst, wenn man den Text ganz naiv parallel dazu liest und so ernst nimmt, wie er auch von allen Zeitgenossen Händel's und von diesem selbst ernst genommen wurde. Davon, daß Händel diesen Text ernst genommen hat, davon zeugt seine ganze Oper, die Musik von Anfang bis Ende.

Tod des Samson von Gustave Doré (1866)

Man erlebt das erschütternde Schicksal eines für seinen Gott und für sein Volk leidenden und schließlich triumphierenden Menschen. Eines Helden, von dem es abschließend heißt im Text (deutsche Übersetzung):

Glorreicher Held, mag nun dein Grab
Frieden und Ehre allzeit genießen;
nach all dem Leiden, all dem Weh
jetzt ewige Rast und süße Ruh!

Die Jungfrauen werden an Festtagen ihrerseits
sein Grab besuchen mit Blumen und dort beweinen
sein unglückliches Los bei seiner Gattenwahl. (...)

Mag jeder Held den Weg sich bahnen wie du,
durch Kummer zur Glückseligkeit. (...)

Kommt, kommt! Jetzt ist nicht die Zeit zum Klagen,
auch kein Grund zur Trauer: Samson wie Samson starb,
im Leben wie im Tod ein Held. Seinen Feinden
bleibt das Verderben; ihm der ewige Ruhm.

Laßt alle die Seraphim in glühendem Spektakel
die lauten, himmelwärts erhobenen Engelstrompeten blasen.
Laßt die Schar der Cherubime in sangesfreudigen Chören
ihre unsterblichen Harfen mit den goldenen Saiten zupfen.

"Let the bright Seraphim"

Dieser abschließende Absatz beginnt im englischen Original mit den Worten der berühmten Händel-Arie "Let the bright Seraphim", jener Sopran-Arie, die von einer Solo-Trompete begleitet wird und einer der emphatischsten Triumph- und Siegesgesänge der Menschheits- und Musikgeschichte darstellen wird. Bei Youtube findet man zahlreiche Aufnahmen dieser Arie. Die folgende erstgenannte, gesungen von einer Dänin 1993, ist die, die mir selbst am besten gefällt, aber auch die anderen haben ihre Qualitäten. (Youtube 1, 2, 3) Auch die Aufnahme eines Kinderchors ist sehr eindrucksvoll:




Auch die Arie "Total eclipse ..." ("Völlige Dunkelheit") aus dem 1. Akt, 2. Szene der Oper kann einen Eindruck von dem Geist der Oper und seines Helden insgesamt geben:




Samson besingt sein Leiden:

Völlige Dunkelheit! Keine Sonne, kein Mond,
alles finster im Mittagslicht!
O glorreiches Licht! Kein aufmunternder Strahl,
der mir die Augen erfreute mit dem willkommenen Tag!
Weshalb nur hieß Dein Ratschluß, daß ich so elend jetzt beraubt?
Nicht Sonne, Mond noch Sterne kann ich jemals sehen.

Oder die klagende, flammende Arie Samon's "Warum schläft der Gott Israels?" - "Why does the God of Israel sleeps?"




Etwas Aufrüttelnderes als diese Oper wird man selten zu hören bekommen. Georg Friedrich Händel hat diese Oper 1741 komponiert, kurz nachdem er den "Messias" vollendet hatte. Er leitete in den kommenden Jahren neun Aufführungen dieser Oper selbst. Diese riefen die volle Anerkennung im englischen Publikum hervor. Es war dies die Zeit, in der Friedrich II. von Preußen mit seinem ersten schlesischen Krieg begann.

Friedrich II. betrieb einen ähnlichen Heroen-Kult wie Händel. Dieser wurde dann vom deutschen "Sturm und Drang" und der deutschen Klassik, also von Schiller, Goethe, Hölderlin und ihren Zeitgenossen aufgenommen. Auch ein Dichter wie Klopstock muß berücksichtigt werden, wenn man diese "heroische" Zeit der mittel- und nordeuropäischen Geistes- und Kulturgeschichte verstehen will. Ohne sie sind die Französische Revolution und sind damit alle modernen abendländischen Errungenschaften nicht denkbar.

Und möglicherweise bedarf es auch eines ähnlichen Geistes, einer ähnlichen Emphase, einer ähnlichen Bereitschaft zum Leiden, eine ähnlichen Leidensfähigkeit, um den Fortbestand dieser Errungenschaften heute sicherzustellen.


(leicht ergänzt und überarbeitet: 4.11.16)

Donnerstag, 20. Dezember 2007

Ein "Olympia des Nordens"? - Der Glauberg in Mittelhessen (460 v. Ztr.)

Vor 2.500 Jahren verehrten die Menschen in Hessen einen großen König und Heerführer, bzw. sicherlich einen "Friedensfürsten", der zu den Göttern emporgehoben wurde, den "Fürsten vom Glauberg". 

Abb.: Der Keltenfürste vom Glauberg

Ihm errichteten sie die früheste menschliche, steinerne Statue in diesem Raum. Aus dem Süden, dem Mittelmeer-Raum, war nach Hessen hin - zusammen mit Handelswaren und Geschirr - das Gerücht gedrungen, daß es dort Hellenen gäbe, die ihren Göttern steinerne Figuren in Menschengestalt errichteten (1, S. 219ff). Da wollte man gegebenenfalls irgendwann nicht mehr nachstehen. 

Wenn es den Menschen in Mitteleuropa anfangs auch "komisch", merkwürdig und sonderbar vorgekommen sein ma, Götter oder Heroen in Menschengestalt darzustellen.

Grimmig freilich mußte er dreinschauen, dieser Heros, sonst hätte man ihn womöglich nicht ernst genommen. Das süßliche Lächeln der Hellenen, das lag den Menschen nicht hier oben in den kalten Wäldern mit den langen Wintern damals nicht so sehr. Da kann man nur grimmig, nicht heiter in die Welt hinausschauen. Außerdem gab es damals unter den mitteleuropäichen Fürsten diese merkwürdige Mode, lederne "Blattkronen" zu tragen ... (2, S. 24).

Abb.: Eine lederne Blattkrone

Irgend etwas Merkwürdiges müssen die "Großkopferten" ja immer auf dem Kopf tragen, das sie von "gewöhnlichen" Leuten unterscheidet. Damals waren es diese merkwürdigen "großohrigen" Lederkappen. 

Natürlich, imponiert hat das die Menschen damals sicherlich, zumal die Fürsten im Westen am Rhein und im Süden im Odenwald (Heidelberg) ähnlich gekleidet waren.

Abb.: Fragment aus Heidelberg (1, S. 208)

Der Hutmacherdraht, der noch im 20. Jahrhundert verwendet wird, wurde auch im Grab dieses Fürsten gefunden. Überhaupt ist seine Statue eine sehr getreue Wiedergabe des Fürsten in voller Bewaffnung so, wie er auch begraben worden ist und wie er gelebt haben muß. Es ist schon etwas Besonderes, dieser prächtige symbolische, lederne Efeukranz.

Abb.: Rekonstruktion der Steinstele von Pfalzfeld, Hunsrück (1, S. 41)

Sehen diese Ohren denn nicht aus wie ein in Mützenform symbolisierter Efeu- oder Lorbeerkranz? Von den Hellenen mag man gehört haben, daß sie den Siegern in Olympia Lorbeerkränze um's Haupt wanden. In Mitteleuropa waren es Efeukränze.

Abb.: Fürstinnengrab Waldalgesheim, Kreis Mainz-Bingen (1, S. 304)
Bronzebleche eines Streitwagens (330. v. Ztr., entdeckt 1869)
Halbfiguren mit Blattkronen

Der Reichtum dieser "frühkeltischen" Fürsten und ihrer städtischen, bzw. vorstädtischen Gesellschaften in damaliger Zeit in ganz Süddeutschland und im Alpenraum beruhte zu einem nicht geringen Teil auf der Salzgewinnung und dem Salzhandel. Das meiste Salz wurde in damaliger Zeit nicht dazu verwendet, um dem Essen die richtige Prise zu geben, sondern um das Essen zu konservieren

Sicherlich ist auch der Fürst vom Glauberg in Mittelhessen, dessen Volksburg auf dem Glauberg in geographischer Nähe der Salz-Saline von Bad Nauheim liegt, ein "Salzfürst" gewesen. So darf man sich seine Burg vorstellen:

Abb.: Heuneburg, Donautal, rekonstruiert (1, S. 25)

Eine weiträumige, prächtige Prozessions-Straße wurde bei seinem Tod errichtet, ausgerichtet auf die astronomische Mond-Sonnenwende (Glauberg.de , Hess. Ferns. Febr. 2007):

Abordnungen aus viele Gauen, vom Rhein, aus dem Odenwald, von allen Stämmen ringsum, aus Thüringen, aus dem Hunsrück, befreudet oder unterworfen, mögen damals am Glauberg eingetroffen sein, mit oder ohne ihre jährlichen Geschenke, Tribut- und/oder Steuer-Zahlungen. Sie kamen, um den Tod dieses großen Fürsten zu betrauern. 

Am Fuße des Burgberges wurde ihm sei Hügelgrab aufgeschüttet. Und zu diesem hin wurde eine prächtige, astromonisch ausgerichtete, zehn Meter breite Prozessionsstraße angelegt, die zu beiden Seiten mit Wällen und Gräben begrenzt war. Nichts war zu teuer, um den Ruhm und Nachruhm dieses Fürsten und Heroen vor aller Welt und vor den Sternen, der Sonne und dem Mond zu manifestieren. Denn der Heros stand natürlich den Sternen nahe.

Natürlich trug er auch das typische goldene keltische Halsband der damaligen Zeit:

Ihr fernen Nachfahren rätselt herum - "Ahnen-, Heroen- oder Götterbildnisse? (...) vergöttlichte Ahnen oder Heroen" ...? (1). Dabei ist es doch längst klar, daß wir in unseren Fürsten das alles so mehr oder weniger zugleich sahen. Unser großer, erhabener Fürst war sicherlich auch selbst ein Kundiger der Sterne ...

So stand er oft da, vor seiner Burg und dachte sich ...: "... Samhain, Wintersonnenwende, Große Südliche Mondwende ..., oh, Ihr heiligen Götter!" Und schaute erhabenen Sinnes in die Landschaft hinaus, die er so liebte ...

Der Fürst wurde in einem großen "geweihten Bezirk" begraben, der mit Graben- und Wallanlagen abgegrenzt worden war von den profanen Ackerbau- und Weide-Gebieten ringsum. Hier war heiliger Bezirk, nur heilige Tiere, den Göttern gewidmet, durften hier grasen (1, S. 26):

"Mächtige Anlagen waren es auf jeden Fall, die im Wald erhaltenen Reste mit 20 m breiten und 5 m hohen Wällen und 15 - 20 m breiten Gräben bieten auch heute noch ein eindrucksvolles Bild." 

Es wird ein "Olympia des Nordens" an diesem Ort vermutet, eine solche Vermutung hätte ...

... durchaus einen ernsthaften Hintergrund. Denn angesichts des Stromes von Gütern aus dem Mittelmeerraum in das nordalpine keltische Gebiet, der verschiedentlich nachgewiesenen engen Verbindungen und der Übernahme von Sitten und Kunstformen weigern wir uns zu glauben, daß dieser Verkehr nur auf das Materielle beschränkt war und nicht ebenso geistige und religiöse Vorstellungen in den Norden ausstrahlten und übernommen wurden.
Insofern ist ein Vergleich mit antiken Heiligtümern und dem dortigen Geschehen naheliegend. Hier am Glauberg, am Ort eines Ahnengrabes, neben dem ein Bezirk eingerichtet war, den wir Heroon bezeichnen können, rechnen wir mit Leichenspielen und Wettkämpfen, aus denen zu Ehren der vergöttlichten Ahnen und schließlich eines Gottes oder der Götter Festspiele hervorgegangen sind.
An einem solchen Platz ist auch ein Orakel zu erwarten, und daß hier Versammlungen und Rechtsprechung stattfanden, ist sowieso wahrscheinlich. ...

Dieser unserer Landesarchäologe, Fritz-Rudolf Herrmann, führte an anderer Stelle ähnlich aus:

Nach unseren Vorstellungen könnte die Anlage am Glauberg das zentrale Heiligtum für dieses Herrschaftsgebiet gewesen sein. Und ich zögere nicht und immer weniger, das auch zu vergleichen mit den großen antiken Heiligtümern, die wir kennen. Am bekanntesten ist da Olympia. Das mag verwegen und sehr kühn klingen, aber auch dort ist die Entwicklung: das Ahnengrab, dann Festspiele zu Ehren dieses vergöttlichten Ahnen, die ich mir am Glauberg genauso vorstelle. Wir können nicht ausschließen, es ist sogar wahrscheinlich, daß sogar Orakel an diesem Ort gegeben wurden. (Deutschlandradio 2002)

Den Bezirk rund um den Glauberg hält er für ein großes Heiligtum und vermutet, daß auf der Prozessionsstraße und auf den anderen abgegrenzten Flächen um den Fürstengrabhügel "Leichenspiele" und Wettkämpfe wie in Olympia stattfanden. (Stuttg. Ztg. 2003)

Einer seiner späten Nachfahren, dem man diese schöne Religion genommen hatte, rief schon vor 200 Jahren dem Chattenlande zu:

Wo ist dein Delos, wo dein Olympia,
Daß wir uns alle finden am höchsten Fest? -
Doch wie errät der Sohn, was du den
Deinen, Unsterbliche, längst bereitest?

(Friedrich Hölderlin, Gesang des Deutschen)
__________________________
  1. Das Rätsel der Kelten vom Glauberg. Glaube, Mythos, Wirklichkeit. Katalog zur Ausstellung in Frankfurt am Main. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2002
  2. Herrmann, Fritz Rudolf: Glauberg - Olympia des Nordens oder unvollendete Stadtgründung? In: Biel, J.; Krausse, D. (Hg.): Frühkeltische Fürstensitze. Älteste Städte und Herrschaftszentren nördlich der Alpen? Internationaler Workshop zur keltischen Archäologie in Eberdingen-Hochdorf, 12. und 13.9.2003. Archäologische Informationen aus Baden-Württemberg, Heft 51, Esslingen 2005, S. 18-27

Sonntag, 9. Dezember 2007

Kirahe - Weißer Fremder

Bei Amazon.de stieß ich - irgendwie - auf das Buch von Roland Garve "Kirahe - Der weiße Fremde. Unterwegs zu den letzten Naturvölkern" (Ch. Links Verlag, Berlin 2007). Die vielen Leser-Rezensionen dort sind alle so begeistert, daß ich schließlich doch nicht "weiterblätterte", sondern mir das Buch besorgte.

Es ist so ein richtiges "Abenteuer-Buch". Aber anders als etwa Bücher von Reinhold Messner, Arved Fuchs oder auch Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Und was ist der Unterschied? Der Autor ist in der DDR aufgewachsen (geboren 1955), begeisterte sich schon als kleiner Junge für die Indianer und wollte Völkerkunde studieren. Dafür bekam er aber keinen Studienplatz, sondern er wurde Zahnmediziner. Doch nach seiner NVA-(Militär-)Dienstzeit war für ihn klar: Er wollte "raus" aus dieser DDR. Und damit begann für ihn - - - das "Abenteuer". Die Fluchtvorbereitungen (er wollte zusammen mit einem Freund die Elbe durchtauchen) wurden von der Stasi entdeckt, er wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Ekelhafte Lebensverhältnisse muß man hassen


Er kam nach Brandenburg-Görden in jenes Gefängnis, in dem während des Dritten Reiches Erich Honecker einsaß. Er wurde zusammen mit lauter Schwer- und Sexualverbrechern eingesperrt und mußte sich seinen Platz in der Gefangenen-Hierarchie erst schwer erkämpfen. Das erleichterte ihm seine Judo-Ausbildung und sein doch relativ kräftiger Körperbau.

All diese Erlebnisse sind so aufregend geschildert, daß man das Buch schwer aus der Hand legt, ohne die letzte Seite gelesen zu haben. Nach den zwei Jahren Gefängnis wurde er 1983 nicht nach Westdeutschland entlassen, wie damals schon viele, sondern zu seiner riesengroßen Enttäuschung zurück in die DDR. Dort wurde er als Zahnmediziner angestellt. Er machte aber nirgends mehr einen Hehl aus seinem Haß gegen die DDR und den Kommunismus. Er hörte ostentativ den westdeutschen Radiosender NDR während der Arbeitszeit (was streng verboten war), schüttelte dem Bürgermeister nicht mehr die Hand: "Einem Kommunisten gebe ich nicht mehr die Hand," sagte er.

Er hatte in der NVA- und Gefängnis-Zeit einen solchen Haß gegen diese Verhältnisse entwickelt, daß ihm alles egal war, daß er nur noch seinen Haß lebte. Schließlich wurde er einige Monate später tatsächlich in den Westen abgeschoben. Beim Abschied von seinen Eltern rief er laut über den Bahnsteig hinweg: "Freiheit!" und immer wieder nur: "Freiheit!"

Auch sein sehr schnelles und erfolgreiches Einleben in Westdeutschland als Zahnarzt ist sehr spannend. Das gute Einkommen, das er dabei - wie er empfand unglaublich leicht - verdiente, benutzte er erst dazu, sich einen Porsche zu kaufen. Er stellte aber bald fest, daß das oberflächlich ist und konzentrierte sich wieder - endlich - auf sein eigentliches Lebensziel: Die Indianer, die letzten Naturvölker der Erde kennenzulernen.

Wahrscheinlich sind viele der begeisterten Amazon-Rezensenten selbst in der DDR aufgewachsen und finden sich in der eigenen oder anderen Weise in dieser Biographie wieder.

Roland Garve ist, wie mir scheint, in seiner DDR-Zeit weniger als wir Westdeutschen verwöhnt worden, bzw. hat sich von den Verhältnissen nicht verwöhnen lassen und hat sich deshalb eine gewisse "Geradheit", Unbedingtheit - nicht nur in der Liebe, sondern auch im Haß - erhalten, die einem diese Biographie lesenswert erscheinen läßt. Ekelhafte Lebensverhältnisse muß man hassen, da führt gar kein Weg daran vorbei. Wer es sich auch unter ekelhaften, inhumanen Lebensverhältnissen "gut" gehen lassen will und deshalb nicht das Unangenehme auf sich nehmen will zu hassen, verrät seine Menschlichkeit, verrät sein Menschsein selbst.

Das ist vielleicht das Wesentlichere, was man aus diesem Buch lernen könnte.

Echtes Menschsein bei den Naturvölkern


Und echtes Menschsein fand Garve dann, wie er sagt, auch gar nicht einmal besonders stark in Westdeutschland wieder, sondern vor allem - bei den Naturvölkern dieser Erde. Das ist der Hauptgrund, weshalb er immer wieder zu ihnen hinfährt und sie besucht:
"Ich wollte zurück zu den Wurzeln. Ich wollte dorthin, woher unsere Vorfahren einmal kamen. Wo man lebt, wie sie einst gelebt haben. Ich bin überzeugt, daß man von ihnen lernen kann. Daß sie Prinzipien und Weltanschauungen haben, über die es sich lohnt nachzudenken, auch für unsere Zukunft. Die Zukunft der ganzen Menschheit." (S. 26)

"Mehr als sechzig Expeditionen haben mich seither in die entferntesten Gebiete dieser Erde und zu etwa vierzig verschiedenen Naturvölkern geführt. Wenn ich auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückblicke, dann ist meine wichtigste Erkenntnis, wie unglaublich schön es ist, daß es nicht nur eine Biodiversität in der Natur gibt, sondern auch - noch! - diese gewaltige kulturelle Vielfalt der Menschen auf der Welt. Leider wird sie peu a peu zerstört, oder eigentlich amerikanisiert. Mir aber liegt daran, die kulturelle Vielfalt zu erhalten - ganz egal, was die Leute in unseren Augen für kulturelle Merkwürdigkeiten aufweisen." (S. 27f)
Die Bebilderung des Buches ist phantastisch, meistens Fotos, die Garve selbst bei den Naturvölkern gemacht hat, "mehr als 250 Farbfotos". Sie allein schon sind es wert, in dieses Buch hineinzuschauen und es durchzublättern. (Mehr Fotos bspw. auch auf kirahe.de)

(Ein zweiter Beitrag auf "Studium generale" zu diesem Buch -> hier.)

Abb.: Roland Garve

Freitag, 13. Juli 2007

Volkstanz



________________________

Warum Video's bei "Studium generale"? Sie werden zusammen gestellt aus der Erkenntnis heraus, daß Kulturgestaltung, Lebensreform, Gesellschaftsreform immer auch etwas mit "Stimmungen" zu tun hat - und nicht nur mit rein rationalen Erkenntnissen. Man kann Video's als gut geeignet empfinden, sich auch über zukunftsweisende (gesellschaftliche) "Stimmungen" zu verständigen. - Die Auswahl der Video's ist sehr willkürlich und natürlich auch vom persönlichen Geschmack bestimmt und von dem, was sich im Netz gegenwärtig findet. - Auch mancherlei Dokumente zur Zeitgeschichte in Ton und Bild befinden sich unter ihnen.

Donnerstag, 12. Juli 2007

Die "Jungen Pioniere" auf dem Weg zur Weltrevolution

"Fröhlich sein und singen", so heißt eine in den neuen Bundesländern viel verkaufte CD, auf der die "schönsten Lieder" der "Jungen Pioniere" drauf sind, der Jugend-Organisation der DDR. Davon kann man sich auch im Netz einen Eindruck verschaffen. (Superillu) Zum Beispiel das "Lied vom kleinen Trompeter". Er fiel. "Mit einem mutigen Lächeln." Im Kampf für die Weltrevolution. Und die Kinder sind traurig.

Es geht so viel Optimismus und Kampfbereitschaft und Opferbereitschaft und Gemeinschaftssinn von diesen Liedern aus, daß man sich wundert und fragt: Wie konnte da trotzdem alles so schief gehen in der DDR? Wahrscheinlich einfach, weil das Grundkonzept - Aufhebung des Privateigentums - Mist war.

Da nützt dann auch der beste Idealismus und Gemeinschaftsgeist nichts mehr. Man muß die Menschen terrorisieren und einsperren, damit sie nicht aufbegehren. Schade. - Aber die Lieder sind trotzdem schön. Denn: "Jung sein" und Optimismus haben ist doch eigentlich gleichbedeutend. Aber "Jung sein" und leichter verführt werden können, manipulierbar zu sein, ist auch gleichbedeutend. Und dennoch: Die Lieder - und Texte - sind schön. Mit dem geschichtlichen Abstand tritt in den Hintergrund, daß diese Lieder auch dazu dienten, schlechte und böse Absichten zu verbrämen und die Menschen dazu zu befähigen, solche zu haben. (Superillu)

Donnerstag, 5. Juli 2007

Nicht arbeitsfreies Grundeinkommen ist wichtig, sondern Erziehungsgehalt

Der letzte, feste soziale Zusammenhalt, den unsere Gesellschaft kennt und besitzt, ist die Berufsarbeit. (1) In früheren Jahrhunderten gab es noch viele andere Bereiche, durch die der soziale Zusammenhalt, der soziale Kitt einer Gesellschaft sichergestellt wurde: Familie, Großfamilie, Verwandtschaft, Hausgemeinschaft (also zusammen mit den im Haus und auf dem Hof Angestellten), Nachbarschaft, Dorfgemeinschaft, Kirchengemeinde, Religionsgemeinschaft. Alles überschaubare Strukturen, in denen jeder weitgehend jeden kannte, in denen dadurch nicht nur der vielerseits verabscheute "Klatsch und Tratsch" übereinander stattfand, sondern in denen man eben auch jederzeit bereit war, Verantwortung füreinander zu übernehmen, sich gegenseitig zu helfen.

Auch die Orientierung an eine fest umrissene "Obrigkeit" (Thron und Altar ...), an den in der Schule vermittelten Wertekanon, an den im Militärdienst vermittelten Werten usw. usf. halfen in früherer Zeit, die soziale Verantwortlichkeit der Menschen füreinander, den sozialen Zusammenhalt, Kitt zu stärken. Man kann sagen, daß durch eine weitgehende Sinnentleerung vieler weiter gefaßter sozialer Institutionen, Organisationen und Strukturen eine Stärkung des sozialen Zusammenhalts durch all solche Institutionen heute nicht mehr in dem Umfang gegeben ist, wie dies für viele Jahrhunderte ganz selbstverständlich war.

Zu einem großen Teil zieht die moderne Gesellschaft reine Autisten und Individualisten heran, die nirgends mehr eingebunden und integriert sind, oft auch nicht in jene primäre Lebensstruktur, die sich fast alle wünschen: eine feste Lebenspartnerschaft. Sie sind oft also nirgends sonst fest eingebunden, wenn nicht: in der Berufsarbeit.

Soziale Bedeutung der Berufsarbeit

Tatsächlich: das, was übrig bleibt von all diesen genannten "Institutionen" ist in großer Allgemeinheit allein noch die Berufsarbeit. Dieser Umstand ist es, der heute der Berufsarbeit eine oft schon allein rein soziale Bedeutung für den einzelnen Menschen gibt, wie diese in früheren Zeiten so nicht gegeben war. Da standen die anderen genannten Lebensbereiche der Berufsarbeit eher gleichwertig gegenüber. Wenn früher ein Mensch "arbeitslos" war, im Rentenalter stand, dann konnte er sich leicht irgendwo anders nützlich machen in den genannten gemeinschaftlichen Strukturen. Er war dadurch selten gleich ganz aus dem gesellschaftlichen Zusammenhang "herausgefallen", so wie das heute so leicht geschieht und empfunden wird.

Und genau dieser Umstand ist der Hauptgrund dafür, daß man heute die Einführung eines arbeitsfreien Grundeinkommens fürchtet, ja, fürchten muß. Denn es ist nicht abzusehen, daß dadurch - insgesamt gesehen - eine größere soziale Integration innerhalb unserer Gesellschaft gefördert werden wird. Viel eher ist das Gegenteil zu erwarten.

Die ungleiche Verteilung des Reichtums in unserer Gesellschaft ist ein Skandal

Dennoch ist die kraß ungleichgewichtige Verteilung des Reichtums in unserer Gesellschaft auf die 10 oder 20 Prozent der Reichsten in unserem Land nicht etwas, was weiterhin empörungslos hingenommen werden darf. Das Gerechtigkeitsempfinden jedes Bürgers sagt etwas massiv anderes dazu. Der Grundzusammenhang, der dieser berechtigten Empörung zugrunde liegt, ist der folgende: Der Reiche - egal in welcher Funktion - tut heute nicht sehr viel mehr und nicht sehr viel weniger für die Aufrechterhaltung der Stabilität einer Gesellschaft als eine Familie, die sich aufrichtig bemüht, die sozialen Bindungen innerhalb der Familie selbst und nach außen aufrecht zu erhalten und damit auf elementarster Ebene die Zukunft der Gesellschaft sicherzustellen. Ein Bill Gates kann nicht millionenweise neue Techniken einführen, wenn nicht vorher Mütter und Väter Kinder aufgezogen haben, die diese Techniken dann nutzen werden und auch die soziale Kompetenz besitzen, eine arbeitsteilige Gesellschaft aufrecht zu erhalten, in denen solche Techniken überhaupt nur entwickelt werden können.

Die Hauptleistungen für den Erfolg von Bill Gates hat also gar nicht Bill Gates erbracht, sondern den haben schon lange vorher diese Mütter und Väter erbracht und erbringen sie weiterhin. Und so auch der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, so auch der Bundestagsabgeordnete, so auch die Familienministerin etc. pp.. Und dennoch schwimmen die einen im Reichtum, während die anderen von der Sozialhilfe leben. Das ist ein Skandal, demgegenüber einem in einer solchen "emanzipierten" und sozial angeblich so "bewußten" Gesellschaft schlicht nur noch die Worte fehlen.

Leistungsgerechtes Eltern- (oder Familienmanager-)Gehalt ist die Lösung

Und genau diese Umstände sind dann auch der Hauptgrund dafür, weshalb die Einführung eines leistungsgerechten Elterngehaltes (die Einführung des Berufes eines/einer Familienmanagers/in) der erste Schritt zu einer Etablierung (bzw. Erneuerung) sozialer Bindekräfte sein wird und muß, die nicht in erster Linie in Berufsarbeit bestehen. Plötzlich wird der soziale Zusammenhalt, der durch Familienarbeit hergestellt wird, drastisch aufgewertet. Das ist der erste Schritt zur Etablierung sozialer Bindekräfte, die zukünftigen Gesellschaften langfristige Stabilität verleihen. Hier hat Peter Mersch (s. früherer Beitrag) völlig recht.

Bekannt ist, daß schon heute Mitglieder (großer) Familien, auch Familienmütter und -väter - trotz ihrer sowieso schon gegebenen familiären Mehrbelastung - zusätzlich auch noch bereit sind, erheblich mehr ehrenamtliche Arbeit in der Gesellschaft zu übernehmen als Kinderlose. (siehe z.B. Geo) Das kann nicht als allgemeiner Vorwurf an Kinderlose verstanden werden. Es wird einfach so sein, daß dem einzelnen Menschen durch Stabilität in familiären Beziehungen auch die Kraft gegeben wird, sich nicht nur im Beruf, sondern auch noch im Ehrenamt zu engagieren, während dem Kinderlosen - und (wohl) auch dem Einzelkind - diese seelische Beflügelung durch eine gedeihliche Partnerschaft oder größere Familie - oft - fehlt.

Also fördert eine durch eine Erziehungsgehalt erleichterte Familiengründung oder Familienerweiterung auch die Aufwertung des Ehrenamtes in unserer Gesellschaft, also sozialer Bindekräfte, die nicht in erster Linie in die rein zweckverhafteten, materiellen Austauschprozesse von Geldverdienen und Geldausgeben eingeordnet sind.

Ein neuer öffentlicher Festkalender?

Wolfgang Engler spricht übrigens von einem "öffentlichen Festkalender", der von Gemeinden in den neuen Bundesländern ersonnen wurde, um dem Alltag der vielen Arbeitslosen in der Gemeinde eine neue zeitliche und inhaltliche Struktur zu geben: "Sportliche Wettbewerbe, Treffen im Jugendklub, Erntefest, Kindertag, Tag der Freiwilligen Feuerwehr, Jubiläen aller Art. Um die Geselligkeit zu fördern, schien kein Anlaß zu gering." (1, S. 57) Und diese Worte machen einem beim Lesen - erstmals - geradezu blitzartig klar, weshalb es in der griechischen Polis der Antike so viele öffentliche Feste und Feiern über das Jahr hinweg gab. Auch Sportereignisse, Theatervorstellungen und so vieles andere mehr. Und auch von den italienischen Städten der Renaissance wird ja eine reiche Festtags-Kultur berichtet, wie man ja überhaupt sich auch den Alltag im mittelalterlichen und vorindustriellen Europa als wesentlich gelassener und museintensiver vorstellen muß als wir dazu in unserer gehetzten Zeit fähig sind. (Der Maurer August Winning hat einmal die Beschleunigung der Arbeitsvorgänge in seinem Handwerk während seiner eigenen Lebenszeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zahlenmäßig deutlich gemacht. Und zwar schon ganz unabhängig von der Einführung neuer Maschinen.)

In den griechischen Polei jedenfalls gab es diese vielen öffentlichen Feste, Feiern und Umzüge schlicht, um den Lebensalltag der primär arbeitslosen, muse-intensiven Schicht der freien Polisbürger zu organisieren. Und zu strukturieren. Möglicherweise war diese viele freie Zeit auch ein Grund für den starken juristischen, politischen und militärische Aktionismus der griechischen Polei.

Vor dem Fernseher jedenfalls hockte damals keiner. Und auch unsere Gesellschaft muß sich mehr Gedanken darüber machen, wie sie - sinnvoll - mit der durch die moderne Technik geschenkten, muse-intensiven Zeit umgeht. Die Antike ist dazu wohl der beste Orientierungspunkt und das beste Vorbild (wenn auch nicht in den militärischen Aspekten).

_______________

1. Engler, Wolfgang: Bürger, ohne Arbeit. Für eine radikale Erneuerung der Gesellschaft. Aufbau-Verlag, Berlin 2005

Donnerstag, 7. Juni 2007

Die Deutschen sind nicht christlich

"Fronleichnam"! Um halb neun schon dröhnten die Drommeten (?) im buddhistischen Gemeindezentrum nebenan. Jetzt um zehn läuten die Glocken. Sie locken die Scharen der Gläubigen in den Schoß der heiligen Mutter Kirche. - Hm! - Die Welt "zählt die Häupter ihrer Lieben" - und sieh, es sind nur noch wenige geblieben:

... Bei einer Bevölkerung von 82 Millionen Deutschen darf im Jahresschnitt also wohl mit höchstens fünf Millionen aktiven Christen gerechnet werden.

Die Bestandsaufnahme, die auch 15.000 Eintritte 90.000 Austritten aus der katholischen Kirche im letzten Jahr gegenüberstellt (was lediglich die geringsten Austrittszahlen seit 1989 darstellt!), endet folgendermaßen:

Das Bedürfnis vieler im säkularisierten Westen nach Antwort auf letzte Fragen, nach Wurzeln in einer sich beschleunigenden, globalisierten Welt ist überdeutlich. Doch die Anzeichen dafür, dass sie hierzulande wieder im Schoße der Großkirchen gefunden werden, sind bislang recht spärlich.

Montag, 9. April 2007

Das alles ist Deutschland ...

In der heutigen Tageszeitung fand sich - wieder einmal - eine Anzeige von Volkswagen: "Wir Deutschen," so fängt sie an, "wir Deutschen sind vielleicht nicht die Lockersten. Aber wer will schon ein Auto, das auseinander fällt." Nun, nun. Wer schon?

Und dann stehen um das neueste VW-Modell drei tatsächlich "weniger lockere" typische Deutsche der heutigen Dienstleistungs-Gesellschaft herum. Alles sauber. Alles steril. Wollen die einen verar...? Als Kinderkrippen-Gärtner(/innen) wünscht man die sich nun wirklich nicht ... in erster Linie. - Provoziert die Anzeige? Löst sie Emotionen aus? Ja. Der Eindruck: Das gepflegte und gehätschelte Kind der Deutschen: Das Auto. Ihr Kind - so sie eins haben - befindet sich derweil bei - etwas - "lockereren" Deutschen, wahrscheinlich in der Kinderkrippe ...

Mir kam der Einfall, man müßte mal schauen, was es noch so alles an Werbeslogans gibt, in denen "die Deutschen", ihr Land und das Deutschsein thematisiert werden. Google-Bilder-Suche brachte mich nicht wirklich weiter. Aber erst da wurde mir bewußt, was für eine Fülle von Diskussionsbeiträgen es im Internet zu der Werbekampagne "Du bist Deutschland" im letzten Jahr gegeben hat. Ich hatte das letztes Jahr überhaupt nicht beachtet, nicht wirklich "mitgekriegt". (Auch im November 1989 bekam man einiges ja nicht wirklich mit, wenn man - "irgendwo" in Westdeutschland - keinen Fernseher hatte ...)

Mir kam das also (letztes Jahr) alles nur kitschig vor. Unernst. "Marktschreierisch" im übelsten Sinne des Wortes. Aber bei genauerem Hinsehen - vor allem auch auf all die Reaktionen und die Kritik - läßt diese Kampagne doch über eines sehr wohl nachdenken, so dachte ich mir zwischenzeitlich, nämlich über die Beziehung des einzelnen, des Individuums zu einem größeren Ganzen, zur Gemeinschaft ... und las nun einmal so ein bischen die pdf.-"Dokumentation", die zu dieser Kampange im Nachgang von ihren Machern (Holger Jung, Hamburg) ins Internet gestellt worden ist. ... Viele schöne Worte. Viele schöne Bilder.

Ziele der Kampagne seien gewesen: Deutschland solle optimistischer und zuversichtlicher werden, denn das seien die Voraussetzungen, so wörtlich, ähm, lieber Leser, Du brauchst jetzt nicht weiterlesen, wenn Dir Dein Essen abends noch schmecken soll ...:

"... für den Kauf eines Autos
... für das Buchen einer Reise
... für die Bereitschaft zu politischen Reformen
... für ein Engagement für die Allgemeinheit
... für das Gründen einer eigenen Existenz."

Nein wirklich. Es braucht Dir nicht mehr zu schmecken.

Ganz unerwartet schneller Weise bin ich damit nämlich schon wieder an den Beginn meines Beitrages gekommen, nämlich zum, ähm, ... "Kauf eines Autos". Das steht hier tatsächlich unverhüllt an erster Stelle.

Ist das also der erste und letzte Sinn deutschen Lebens, deutscher Existenz? (Post-metaphysischen Lebens, versteht sich, gesalzen mit einer kleinen Prise Kirchlichkeit, um den Peinlichkeiten bei der Beerdigung zu entgehen.) Konsumieren und die vorher zum Konsumieren notwendigen Tätigkeiten ...? "Die größte Social Marketing Kampagne in der Mediengeschichte der Bundesrepublik" ... Und ihr erstes Ziel lautet: Der Kauf eines Autos. Und eine Seite weiter: "... schon Ludwig Erhard sagte: 50% der Wirtschaft sind Psychologie ..." - Nein, daß es so nackt, so bloß, so unverhüllt da steht ... Das ist es, was einem - vor allem - den Appetit verdirbt. Daß man sich noch nicht einmal mehr Mühe gibt ...

Es ging darum, so die letzte Seite der Dokumentation, "Deutschland ein klein wenig zu verändern". Und nachdem dies offenbar jetzt geschehen ist, darf man sich wieder behaglich zurück in den biedermeierlichen Dornröschenschlaf fallen lassen: "Drei zwei eins ... meins!" (So nämlich ein anderer erfolgreicher Werbe-Slogan des Herrn Jung aus Hamburg.)

Ach, und ihr Kind war heute morgen wieder quengelig, als Sie es zur Kinderkrippe bringen wollten? Ach? Es weinte? ... Versteh' ich auch nicht, warum die Kinder nicht kapieren wollen, daß Autos wichtiger sind.Ach, hier noch so ein Fund. Auf einer Gewerkschafts-Seite. Ein "kritischer" Beitrag zur "Auto-Kauf-Kampagne":

... Nekrophilie. Oder was? - Doch bei all diesen merkwürdig "gemischten" Gefühlen, die all diese Dinge hervorrufen, glaube ich, daß die "Diskussionsbeiträge" zu dieser Kampagne tatsächlich irgendwie "in die Geschichte" eingehen werden - so richtig rationale Gründe kann ich für diesen Eindruck derzeit nicht nennen. Schon daß es mir so den Appetit dabei verdorben hat, ist ein Anzeichen. Deshalb ... doch einmal eine kleine Zusammenstellung von Beiträgen. Das erste, auf das man derzeit bei seiner Internet-Suche stößt, ist wohl diese Parodie hier mit einem Text, der von einem Sprecher mit schwäbischem Dialekt gesprochen wird. Dann die - Fernsehzuschauern wahrscheinlich bekannte - Parodie von "TV-Total". Dann eine "Deutschpunk"-Musikgruppe ("Die Mimmies"). Ach ja, und die Original-Fassung der Werbekampagne sollte man natürlich auch kennen. Und dann gibt es da noch "Die Prinzen" mit ihrem Lied "Deutschland" von 2001. Der Refrain lautet:

Das alles ist Deutschland - das alles sind wir.
Das gibt es nirgendwo anders - nur hier nur hier.
Das alles ist Deutschland - das sind alle's wir. Wir
leben und wir sterben hier.
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Beliebte Posts (*darunter finden sich leider selten neuere Beiträge*)

Registriert unter Wissenschafts-Blogs

bloggerei.de - deutsches Blogverzeichnis

Haftungsausschluß

Urheber- und Kennzeichenrecht

1. Der Autor ist bestrebt, in allen Publikationen die Urheberrechte der verwendeten Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu beachten, von ihm selbst erstellte Bilder, Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zu nutzen oder auf lizenzfreie Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte zurückzugreifen.

2. Keine Abmahnung ohne sich vorher mit mir in Verbindung zu setzen.

Wenn der Inhalt oder die Aufmachung meiner Seiten gegen fremde Rechte Dritter oder gesetzliche Bestimmungen verstößt, so wünschen wir eine entsprechende Nachricht ohne Kostennote. Wir werden die entsprechenden Grafiken, Tondokumente, Videosequenzen und Texte sofort löschen, falls zu Recht beanstandet.