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Freitag, 15. Mai 2026

Die steinernen Zeugnisse der Keltoromanen im Elsaß

Ein Blick in die keltoromanische Kultur
- Steinerne Zeugnisse eines unterworfenen, seelisch deformierten Volkes?

Unterworfene Völker geben oft kein schönes Bild ab. Insbesondere wenn ihnen ihr Stolz gebrochen wird und sie in ihrem kulturellen Sein zutiefst gedemütigt werden (Stg21).

Was für stolze, prachtvolle, selbstbewußte Kulturen sehen wir auf dem amerikanischen Kontinent - von ganz oben im Norden bis ganz tief hinunter im Süden, bevor dorthin die christlichen Europäer angekommen waren. Und wie so zutiefst gedemütigt und im Vergleich zu vorher fast kulturlos sehen wir die einheimischen amerikanischen Völker nach ihrer Unterwerfung durch die europäischen Christen.

Abb. 1: Der keltische Hirschgott vom Hohen Donn, 3. Jhdt. n. Ztr., ausgestellt im Archäologischen Museum in Straßburg (MusStrasbg)

Ähnliches sehen wir bei den durch die Römer unterworfenen Völker: Seltsam "gebrochene", gedemütigte, deformierte Kulturen. Kein prachtvolles, stolzes, selbstbewußtes Sein mehr.

Es gibt in der Geschichte allerdings auch "Unterwerfungen", die den Stolz der unterworfenen Völker zu schonen scheinen. Die den Stolz keineswegs besonders stark antasten. Wir möchten meinen, daß dies vorliegt im Großreich von Alexander dem Großen und in seinen Nachfolgereichen. Jedenfalls sehen wir hier überall ein Aufblühen der Kulturen, ein weiteres lebendiges, seelisches Leben, auch ein stolzes religiöses Leben trotz der Unterwerfung. Wir sehen beispielsweise, daß sich Isis-Tempel in dieser Zeit von Ägypten aus im ganzen hellenistischen Machtbereich, ja später im römischen Machtbereich ausbreiteten. Der religiöse Stolz der Ägypter also wurde nicht gedemütigt, vielmehr wertgeschätzt, ja, als Bereicherung empfunden. Ein vielleicht ungewöhnliches Geschehen.

Wir sehen sogar, daß die Griechen, die schließlich von den Römern unterworfen wurden, als vielleicht einziges von allen von den Römern unterworfenen Völkern (abgesehen vielleicht von den Ägyptern) ihr kulturelles Sein, ihren Stolz auf ihre eigene Kultur, ihr Selbstbewußtsein bewahren konnten und auch noch "Lehrer" werden konnten der Römer, von denen sie unterworfen worden waren. Im Grunde haben die Römer von den Griechen die gesamte Kultur, die gesamte Kunst, die gesamte Wertschätzung für das Wahre, Gute und Schöne übernommen.

Wir möchten fast meinen, daß Unterwerfungen solchen Charakters wie sie in Zusammenhang mit der antik-griechischen Kultur standen, zumindest für indogermanische Völker eher die Regel als die Ausnahme dargestellt haben könnten schon seit dem Mittel- und Spätneolithikum. Aber das ist vielleicht zunächst nur eine "Hypothese", Spekulation. 

Aber man denke doch nur: Marsyas, vielleicht eine Verkörperung der nicht-indogermanischen Vorfahren der indogermanisierten antiken Griechen, wird zwar von Apollon nichts weniger als "gehäutet". Dennoch lebt er im kulturellen Gedächtnis der antiken Griechen mit großer Wertschätzung, Liebe und Anteilnahme fort (Stg23). Neben der "apollinischen" Religiosität der Indogermanen fand die vorindogermanische, nun als "Satyr-haft" empfundene Kultur weiterhin einen liebevoll eingeräumten Platz. Sie wurde nicht verteufelt. Sozusagen der Stolz des Marsyas wurde selbst durch seine "Häutung" im kulturellen Gedächtnis nicht gebrochen. Das mag Zeugnis der indogermanischen Duldsamkeit gegenüber nicht-indogermanischen Kulturelementen sein, für die man Hinweise womöglich vielfach auch sonst findet. 

Abb. 2: Die Keltische Amphyktionie um den Hohen Donn - Der Weg von Metz über Toul zum Hohen Donn und weiter nach Brumath (und zum Wasgenstein) (GMaps)

Daß wir jene Völker, die durch die Römer unterworfen worden waren - mit Ausnahme der Griechen - nach der Unterwerfung so "ernüchtert" sehen, so gebrochen sehen in ihrem kulturellen Stolz - woran kann das liegen? Schließlich sind die Römer ja auch Indogermanen. Von ihrer Genetik her gesehen sind sie sogar viel mehr Indogermanen als die antiken Griechen. Liegt es an der großen Nüchternheit der Römer? Sie konnten keine wirklich neue kulturelle Blüte bei den unterworfenen Völkern hervor rufen. Gewiß, Tacitus konnte in seiner "Germania" den Germanen große Wertschätzung entgegen bringen. Manche brachten diese Wertschätzung auch den Galliern entgegen, den Kelten. Aber insgesamt waren die Römer wohl selbst viel zu nüchtern, viel zu sehr "Tatmenschen", "Machtmenschen". Sie mögen sich selbst aus ihrer Nüchternheit womöglich durch die Einflüssen von Seiten der seelisch lebendigen Griechen "erhoben" haben, vor kultureller Erstarrung bewahrt haben. Aber sie konnten diese kulturelle seelische Erhebung - soweit übersehbar - nicht zu den vielen sonstigen Völkern bringen, die sie unterworfen haben - wie die Karthager, die Iberer, die Illyrer, die Kelten oder die Germanen.  

Aus den keltoromanischen steinernen Zeugnissen blicken uns unsere eigenen keltoromanischen Vorfahren meistens seltsam starr, seltsam unlebendig entgegen, seltsam "erstarrt". Das frühere, lebendige kulturelle Selbstbewußtsein der Kelten ist völlig dahin. Deshalb ist es auch so vergleichsweise mühsam, sich mit diesen Keltoromanen und ihrem kulturellen Erbe auseinander zu setzen: gebrochene, gedemütigte, traumatisierte Menschen, so will es einem erscheinen anhand der steinernen Zeugnisse, die uns von ihnen überliefert sind - in Bayern, in Württemberg, im Elsaß, im Rheinland, in Kärnten und im ganzen heutigen Frankreich.

Nur dort, wo Hochkultur geschaffen wurde im Sinne der griechisch-römischen Mittelmeer-Kultur, nur dort fühlen wir uns ganz zu Hause, fühlen wir seelische Lebendigkeit - auch wenn es sich nur um "kopierte" handeln sollte.

Der Hohen Donn in den Vogesen - Zentralheiligtum der Kelten

Im antiken Griechenland bildeten sich rund um zentrale Heiligtümer wie Delphi lose Bündnisse der umwohnenden Stämme zum Schutze des zentralen Heiligtums. Diese Bündnisse dienten auch zu seiner Verwaltung und zur Organisation gemeinsamer Feste an diesen. Diese Bündnisse wurden "Amphyktionie" genannt (Wiki). Solche gab es auch in Kleinasien oder Etrurien. Und solche gab es auch unter den Stämmen der Gallier.

Gehen wir doch einmal in das Archäologische Museum Straßburg direkt neben dem berühmten Straßburger Dom. Seine berühmten Skulpturen "Ekklesia" und "Synagoge" blicken mitten in dieses Museum hinein! In diesem Museum ist eine Fülle von steinernen Zeugnissen unserer romanisierten, keltischen und germanischen Vorfahren ausgestellt.

Abb. 3: Merkur-Stele in Wasslnheim (franz. Wasselonne) im Elsaß (ArchMusStrbg), entdeckt 1991, gelegen 26 Kilometer westlich von Straßburg, Archäologisches Museum Straßburg

So etwa die Götterfigur eines keltischen "Hirschgottes" vom Hohen Donn in den Vogesen (MusStrasbg) (Wiki) (Abb. 1). Die Skulptur ist 1,76 Meter hoch. Der Gott ist nackt dargestellt. Er wird von einem Hirsch begleitet. Der bärtige Gott trägt Stiefel und ein Wolfsfell über den Schultern. Er hält eine Art Hirtenstab (oder ein Zepter? oder eine Axt?) in der Hand. Er trägt über der Schulter einen Beutel voller Kiefernzapfen.

Die Vogesen werden in der germanischen Sage Wasgenwald genannt (im Waltharilied) (Wiki). Der Zauber rund um die Sage von "Walter und Hildegund" (Wiki) liegt darin, der Zauber davon, daß ein Paar, ein Mann und eine Frau, einträchtig und gemeinsam alle Gefahren einer Flucht aus der Gefangenschaft beim Hunnenkönig Attila in Ungarn bestehen, sowie eine Verteidigung des mitgeführten, reichen Schatzes im Kampf am "Wasigenstein" (Wiki) durch Walthari, bzw. Walter. Der Zauber dieser Sage liegt noch heute über den Vogesen, mögen die Kämpfe des Ersten und Zweiten Weltkrieges auch noch so erbarmungslos über sie hinweg gegangen sein. Und der Zauber wird auch etwas damit zu tun haben, daß sich auf den höchsten Berggipfeln der Vogesen schon in keltischer Zeit bedeutende Heiligtümer befanden. 

Der genannte Hohen Donn liegt fünfzig Kilometer westlich von Straßburg. Auch er hat eine sagenumwobene Geschichte, eine, die noch deutlich älter ist als die genannte germanische Heldensage. Auf Französisch wird der Gipfel "Donon" genannt. Er bietet eine außergewöhnliche Aussicht in alle Richtungen. Spätestens seit dem 3. Jahrtausend v. Ztr. scheint er regelmäßig von den umwohnenden Bewohnern aufgesucht worden zu sein. Vermutlich so ähnlich wie die Zeus-Heiligtümer in Griechenland auch Bezüge zu Bergesgipfeln aufwiesen.

Abb. 4: Jupiter-Kopf, vermutlich von einer Jupiter-Giganten-Säule, Archäologisches Museum Straßburg (ArchMusStrbg)

Für die Zeit vor der Eroberung Galliens durch Caesar ist zu erfahren (Wiki):

Dieser von weitem sichtbare Gipfel war ein Berührungspunkt zwischen drei keltischen Völkern:
- im Norden die Mediomatriker mit ihrer Hauptstadt Divodurum (Metz);
- im Osten die Triboker mit ihrer Hauptstadt Brocomagus (Brumath);
- im Süden die Leuker mit ihrer Hauptstadt Tullum (Toul).

Dies war also eine keltische "Amphyktionie", deren Einzugsbereich in Abbildung 2 festgehalten ist: Brumath liegt 57 Kilometer nordöstlich vom Hohen Donn (und zwanzig Kilometer nördlich von Straßburg), Toul liegt 111 Kilometer westlich vom Hohen Donn, Metz liegt 119 Kilometer westlich vom Hohen Donn. Die Triboker in ihrem Hauptort Brocomagus werden von den römischen Geschichtsschreibern übrigens als Germanen angesehen (siehe unten). 

Erst in gallo-römischer Zeit entstanden ab dem 2. und 3. Jhdt. n. Ztr. auf dem Hohen Donn steinerne Bauten und damit verbundene steinerne Skulpturen. Diese waren nun dem Merkur geweiht, mit dem der vormals verehrte keltische Hauptgott in eins gesetzt wurde. Die religiöse Eigenständigkeit wurde also nicht wirklich gewürdigt und gepflegt, vielmehr sollte alles "vereinheitlicht" werden. Ein Zeugnis keltischer religiöser Überlieferung sind solche Skulpturen dennoch. Aber als ein Zeugnis seelischer Lebendigkeit wird man solche Skulpturen nur selten empfinden wollen. Wir haben es offenbar nicht mit einem Isis-Tempel zu tun, der lebendigen Respekt, lebendiges Interesse und Anteilnahme von Seiten der römischen Sieger auf sich zog (Wiki):

Auf dem Donon befand sich ein (Mercurius-)Heiligtum, um welches eine lose Stammeskonföderation zu dessen Schutz und Kult bestand (entsprechend der klassischen Amphiktyonie). Eine Interpretatio Romana des (unbekannten) göttlichen Stammesgründers oder der Lokalgottheit als Mercurius wäre deshalb möglich. In der Mitte des Kultortes befand sich eine 6,35 m tiefe trichterförmige Opfer­grube, früher als ein Heroengrab gedeutet.

Über das archäologisch festgestellte gallo-römische Heiligtum auf dem Gipfel heißt es (Wiki):

Das Heiligtum bestand aus vier Steingebäuden und einem Holzgebäude. Letzteres, ein rundes Holzgebäude, befand sich in der Nähe eines Brunnens (oder einer Zisterne). Die Steingebäude dienten der Kultstätte; die (...) Gebäude dienten vermutlich als Empfangsbereiche (Versammlungsorte für Gläubige, Aufbewahrungsort für Kultgegenstände usw.). Die Funktion des mit II nummerierten Gebäudes (unweit des Brunnens und durch Pfostenlöcher gekennzeichnet) ist noch nicht vollständig geklärt. Das Bauwerk III, das sich direkt unterhalb des Sandsteingesimses am Gipfel befand, besaß zweifellos große kultische Bedeutung. Die Ecksteine ​​der Giebel wiesen jeweils einen gemeißelten Kopf auf.

Wie wohl die Kelten und die germanischen Triboker als besiegte und gedemütigte Stämme zu ihrem einstigen Stammesheiligtum zurück gekehrt waren? Konnten sie noch freudig in die Fernen blicken und ihrem Gott und ihren Göttern dienen auf dem Hohen Donn? Sie konnten es offenbar durchaus, wenn auch von den zugezogenen römischen Städtern und Eliten vermutlich völlig unbeachtet. Denn die keltischen Götter lebten schließlich sogar trotz Christianisierung weiter, wie wir hören (Wiki):

Während die Region christianisiert wurde, versammelten sich Teile der Bevölkerung im frühen Mittelalter immer noch, so wie auch an anderen Orten, um Kulte und heilige Handlungen auszuüben (Verehrung von Felsen, Quellen, Verkleidung als Hirsche und Hirschkühe usw.), was im Widerspruch zu der neuen Religion stand, die von den Mönchen der vielen Abteien verbreitet wurde, die sich in der Region niederließen, um die Bevölkerung der Region zu evangelisieren.

Auffallenderweise findet sich diese Verkleidung als Hirsche und Hirschkühe in ähnlicher Weise auch im Dionysos-Kultur im antiken Griechenland. Jedenfalls wird hier erkennbar, wie zäh die einheimische Bevölkerung des Elsaß trotz Christentum an den heidnischen, religiösen Vorstellungen und Gebräuchen festhielt. Ob etwas Ähnliches auch für die Vindeliker in Bayern galt? Zumindest für die Noriker (Wiki) gilt Ähnliches, erkennbar etwa an der fortwirkende Bedeutung des keltischen Heiligtums auf dem Magdalensberg in Kärnten. Er war in der Antike Helenensberg genannt worden (Wiki).

Die Verehrung des Cernunnos (Wiki), des keltischen Hirschgottes, hatte über den ganzen keltischen Kulturbereich hinweg Verbreitung, etwa auch bei den eben genannten Norikern, die - wie alle anderen keltischen Stämme - eine Fülle von weiteren Göttern verehrten. Cernunnos findet sich auch auf dem Gundestrup-Kessel in Dänemark aus dem 1. Jahrhundert v. Ztr. dargestellt (heute im Nationalmuseum in Kopenhagen ausgestellt).

Abb. 5: Merkur und Rosmerta - Stele gefunden bei Sulz am Neckar, 150-200 n. Ztr. (Wiki)

Auf dem Hohen Donn wurde auch der keltische Gott Vosegus (Wiki) verehrt, nach dem vermutlich der Wasgenwald, der Wasgengau und die Vogesen benannt sind.

Nicht weniger als sieben (!) Jupiter-Giganten-Säulen sind auf dem Hohen Donn aufgestellt gewesen. Diese sind bildliche Zeugnisse davon, wie der Cäsaren-Wahn den Stolz unterworfener Völker bricht, wie der römische Jupiter den keltischen Giganten niederreitet. Über diese Säulen im gallo-romanischen Bereich haben wir schon vor fünf Jahren einen eigenen Blogartikel veröffentlicht (Stg2021). Sogar offenbar die häufigste Ansammlung auf dichtem Raum von solchen Jupiter-Giganten-Säulen fand sich auf dem Hohen Donn. Jeder wohlhabende keltische Adlige scheint das Bedürfnis empfunden zu haben, eine solche Säule aufrichten zu müssen. Daß man auch wirklich sähe, wie er sich zu der "neuen Zeit" bekennen würde. Rund um Mainz fanden sich 76 solcher Säulen. Sie scheinen aufgestellt worden zu sein so wie später christliche Wegekreuze. Zur Erinnerung daran, ja nicht zu vergessen, daß der Stolz der keltischen, barbarischen Vorfahren durch den römischen Cäsar auf immer und ewig gebrochen worden ist und sich nie wieder aufrichten soll (das scheint uns jedenfalls der Sinn zu sein). Zur Erinnerung daran, daß man zuvor "Barbar" ("Gigant") gewesen sei und es jetzt nicht mehr sein wolle. Sondern daß man jetzt "zivilisiert" sein wolle. Und daß man sich dazu demütigen müsse, niederreiten lassen müsse. Über solche Säulen lesen wir auf dem französischen Wikipedia (Wiki):

Solche Statuen sind in Ostfrankreich sehr verbreitet (Grand, Säule von Merten (Metz), am Hohen Donn (Donon) (im Elsaß) (fünf Reiter über einem Schlangenfüßigen, drei weitere auf Säulen). Zwei weitere Säulen befinden sich an jedem Ende des Landwegs zwischen der Saône und der Mosel: in Corre und in Portieux. Weitere Statuen wurden gefunden in Corseul (Côtes-d'Armor), Neschers (Puy-de-Dôme), Briec (Finistère), Landudal (Finistère), Riom (Puy-de-Dôme), Saint-Méloir-des-Bois (Côtes-d'Armor), Steinburg (Elsaß), Seltz (Elsaß), Plouaret (Côtes-d'Armor), Plomelin (Finistère) und Plobannalec (Finistère). Eine Umhegung für einen solchen Kult wurde in Bavilliers bei Belfort ausgegraben.

Von 58 bis 51 v. Ztr. hatte Gaius Julius Cäsar Gallien erobert. Er hatte die Germanen des Ariovist (der als Zweitfrau mit einer Norikerin verheiratet war) zusammen mit den Tribokern über den Rhein zurück gejagt (Wiki). Im Jahr 49 v. Ztr. begann dann der römische Bürgerkrieg. Cäsar zog mit seinem Heer und mit verbündeten Galliern von Gallien aus zurück nach Italien.

Die keltischen Stämme im heutigen Frankreich

Der römische Dichter Lukan (39-65 n. Ztr.) (Wiki) besang hundert Jahre nach dem Bürgerkrieg denselben in seinem Werk "De bello civili". In dem ersten Gesang desselben ist eine nicht uninteressante Übersicht über die unterworfenen gallischen Stämme gegeben. Er beschreibt recht ausführlich das Sammeln der römischen Truppen in Gallien durch Cäsar. Und er beschreibt das Aufatmen der dortigen besiegten gallischen Stämme. Viele dieser Stämme zählt er auf. Dabei erwähnt er auch den keltischen Stamm der Lingonen, dessen Siedlungsraum im Südwesten der Vogesen gelegen war (1) (Arch):

Cäsar ...
Ruft die Kohorten, die sonst zerstreut durch die gallischen Fluren,
Auf und Rom zu eilt er mit ringsher fliegenden Fahnen.
Sie verlassen die Zelt', an das Ufer des Lemans geheftet,          [Genfer See] 
Und ihr Lager, das, hoch am Felsabhang der Vogesen,
Zähmte das wilde Lingonenvolk mit bemalten Waffen.
Diese verlassen die Isara nun, die ihre Gewässer                       [den Fluß Isère] 
Weit durch's Land schon geführt, doch in einen berühmteren Strom dann
Fällt ...                                                                                         [die Rhone]
Ledig werden die blonden Rutener der langen Bewachung,
Frei die Welle des milden Atax von lateinischen Fähren,           [der Fluß Aude]
Und Hesperiens Mark, Varus, nach erweiterten Grenzen;          [Fluß Var]
(...) 
                                               ... Ach sie, die Nemausus             [heute: Nîmes]
Fluren bewohnen und des tarbellischen Atturus krummes         [Stamm der Tarbelli am Fluß Adour]
Ufer, wo er bespült die sanft hinwallende Meerflut,
Ziehen hinweg; der Santon ist erfreut ob des Feindes Entfernung,        [Stamm der Santonen]
Der Bituriger, und mit langem Schilde Suessonen.
Leukrer und Rhemier dann, gar trefflich gewandt in dem Speerwurf,
Sequanervolk, das die Rosse versteht im Kreise zu tummeln,
Belgier auch, als Lenker geschickt des geschnäbelten Wagens.
Die Averner, so kühn, sich Latiums Brüder zu nennen,
Völker von ilischem Stamm, der stets zur Empörung geneigte
Nervier, mit dem Blute befleckt des erschlagenen Cotta;
Vangionen, die ähnlich, Sarmat', an geräumigen Hosen;              [Stamm bei Worms]
Trutzige Bataver, die der Trommeten hallendes Schmettern
Aus rückwärts gebogenem Erz anstachelt zum Kampfe;
Und du Trevirer, froh, daß von dir weg die Schlachten sich wenden,
Du beschorener Ligurer, vor der ganzen Comata                          [s. "Gallia Comata" [W]]
Einst den Nacken geschmückt durch stolz hinwallende Locken,
Und die, welche mit schrecklichem Blut versöhnen den wilden
Teutates und den Hesus mit Schauer erweckenden Opfern
Und des Taranis Altar, wie Dianas, der skythischen, grausam.
Ihr auch, die ihr die tapferen Geister gefallener Krieger
Durch des Gesanges Preis aussendet in kommende Zeiten,
Konntet nun ruhig, o Barden, ergießen die Fülle der Lieder ...

All das klingt so, als hätten die gallischen Stämme nun Möglichkeiten gehabt, erneut um ihre Freiheit zu kämpfen.

Kein neuer Aufstand gegen Rom

Deshalb fragen wir, angeregt durch diese Dichtung, ChatGPT danach, wie sich die gallischen Stämme während des römischen Bürgerkrieges verhalten haben. Und wir erhalten die Antwort:

Während der römischen Bürgerkriege - vor allem im Konflikt zwischen Gaius Julius Caesar und Gnaeus Pompeius Magnus (49-45 v. Ztr.) - spielten die gallischen Stämme eine wichtige, aber oft pragmatische Rolle. Ihr Verhalten war keineswegs einheitlich, sondern stark von Eigeninteressen geprägt.
Viele gallische Stämme unterstützten Caesar, und das hatte mehrere Gründe:
Frühere Unterwerfung: Nach den Gallischen Kriegen (58-50 v. Ztr.) standen große Teile Galliens bereits unter römischer Kontrolle.
Einige Eliten hatten Vorteile aus der Zusammenarbeit mit Caesar gezogen (z. B. Macht, Schutz, Handelsvorteile).
Gallische Reitertruppen und Hilfseinheiten kämpften aktiv in Caesars Armee. Besonders die Aeduer (anfangs) und andere verbündete Stämme stellten Truppen.
Einige Stämme nutzten den Bürgerkrieg, um sich neu zu positionieren. Die Aeduer etwa wechselten zeitweise die Seite und unterstützten Pompeius, als Caesars Lage unsicher schien. Pompeius hatte ebenfalls Unterstützung in Gallien, aber weniger direkt: Vor allem konservative Kräfte und Gegner Caesars sahen in ihm die legitime Autorität. Dennoch war sein Einfluß in Gallien schwächer, da Caesar dort militärisch präsent war.
Nach dem großen Aufstand unter Vercingetorix (52 v. Ztr.) waren die meisten Stämme militärisch geschwächt und politisch kontrolliert. Deshalb kam es während des Bürgerkriegs nicht zu einem großen, gemeinsamen gallischen Aufstand gegen Rom.

Die Kelten fanden sich also nach den erschütternden Anstrengungen, Siegen und Niederlagen im Kampf gegen Cäsar mit ihrer Niederlage ab.

Abb. 6: Sonnenuhr mit einer tanzenden Stunde, gefunden in Bettwiller im Elsaß, aus dem 2. Jhdt. n. Ztr. (Archäolog. Museum Straßburg)

In den kommenden Jahrzehnten und Jahrhunderten wurde Gallien durch Straßen- und Städtebau nach und nach immer stärker in die römische Infrastruktur und Verwaltung einbezogen.

Die romanisierten Kelten

Die umfangreichste Abteilung des Archäologischen Museums in Straßburg stellt die Sammlung steinerner Hinterlassenschaften der im Elsaß lebenden romanisierten Kelten und Germanen dar.

Man begibt sich hier in eine "kunterbunte" Welt. Alle Übergänge auf dem Weg von archaischen Menschendarstellungen bis hin zu echter Hochkunst sind vertreten. Man bekommt es sprichwörtlich zu spüren, was es hieß, "Barbar" zu sein im Angesicht der römischen Hochkultur. Diese romanisierten Kelten oder Germanen haben sowohl eigene als auch römische Götter dargestellt. Aber es finden sich im Grunde keine Zeugnisse echter kultureller Eigenständigkeit und echten eigenen, kulturellen Selbstbewußtseins, eigenen kulturellen Stolzes. Welch ein Gegensatz zu den früheren, freien, stolzen, hochfahrenden Kelten. 

Da ist etwa die "Merkur"-Stele von Wasslnheim, entdeckt 1991 (Abb. 3): Vor ihr mag man - ob ihres archaischen ernsten Blickes - noch heute mit Furcht und Schrecken stehen. Kriegern mit so ernstem Blick und Gesichtsausdruck möchte man womöglich im Ernstfall nicht bei Nacht und Nebel begegnen. Aber als Zeugnis echten, eigenen kulturellen Selbstbewußtseins möchte man sie auch nicht unbedingt einordnen. 

Germanen im Elsaß?

Diese Hinterlassenschaften weisen - zumindest auf den ersten Blick - wenig "Germanisches" auf. Und doch sprechen die römischen Schriftsteller dieser Zeit alle davon, daß Germanen im Elsaß gesiedelt hätten, nämlich die Triboker (Wiki) und die Nemeter, die ab 70 v. Ztr. mit dem Suebenkönig Ariovist in das Elsaß gekommen waren, um gegen die keltischen Sequentiner zu kämpfen, die hinwiederum dann Cäsar gerufen hatten, der diese germanischen Stämme unter Ariovist dann geschlagen hat. Ariovist selbst war mit einer Germanin und - wie gesagt - mit einer Keltin aus dem Stamm der Noriker verheiratet. Dieser Umstand macht deutlich, wie viele keltische Stämme sich seiner Oberherrschaft unterordneten.

Abb. 7: Weiblicher Kopf, vielleicht eine Diana, um 150 n. Ztr., Archäologisches Museum Straßburg (ArchMusStrbg)

Deshalb mag auch die ethnische Zugehörigkeit der Triboker und Nemeter keineswegs so eindeutig gewesen sein als es die römischen Schriftsteller Glauben machen (Wiki):

Caesar bezeichnet die sieben Volksstämme der Schlacht am Rhein als Germanen. Neben den Tribokern nennt Caesar in seinem Kriegsbericht noch die Haruder, Markomannen, Vangionen, Nemeter, Sedusier und Sueben. Heute wird angenommen, daß bestimmte der aufgezählten Stämme wie die Nemeter ursprünglich Kelten waren, die sich vor der Schlacht in germanischem Siedlungsgebiet niedergelassen und sich dann der Führung des germanischen Fürsten Ariovist angeschlossen hätten. Über die ethnische Zugehörigkeit der Stämme im rechtsrheinischen Vorfeld des Rheins ist im 1. Jahrhundert v. Ztr. aufgrund der sogenannten „Helvetier-Einöde“ wenig bekannt.

Auf dem französischen Wikipedia lesen wir dazu noch etwas genauer (Wiki):

Die Triboker (lateinisch Triboci oder Tribocchi) waren ein germanisches Volk (manche Autoren halten sie jedoch für Kelten), das in der Antike die elsässische Tiefebene und die Ortenau besiedelte (im archäologischen Sinne). Ihre Hauptstadt in der Römerzeit war Brocomagus. Eine ihrer Befestigungsanlagen, Tribunci genannt, liegt in der Nähe von Lauterburg. Medru (oder Mider) war ihr Hauptgott, neben den anderen germanischen Göttern, die sie verehrten. (...) Im Archäologischen Museum Straßburg ist eine Inschrift aus Brumath zu sehen. Die darauf genannten Namen bedeutender Triboker sind entweder lateinischen oder keltischen Ursprungs. Keiner ist germanischen Ursprungs. (...) Strabo erwähnt zu Beginn der Kaiserzeit: „Nach den Helvetiern waren die Bewohner der Rheinufer die Sequaner und die Mediomatriker; unter ihnen siedelten sich die Triboker an, ein germanisches Volk, das aus seiner Heimat in diese Region gebracht worden war.“ Mit anderen Worten: Das Oberelsaß war noch im Besitz der Sequaner aus dem Jura (die es um 60 v. Ztr. an Ariovist abtraten), dann kamen die Mediomatriker, deren Gebiet sich ursprünglich von Metz bis zum Rhein erstreckte. Dieser Stamm scheint den Kontakt zum Rhein aufrechterhalten zu haben, aber die Triboker waren dort bereits ansässig.

Zu der Zeit als Cäsar Gallien eroberte, standen die Kelten in einem Stadium ihrer zivilisatorischen Entwicklung, in dem sich gerade die "Künste", das Handwerk und der Handel am deutlichsten zu entfalten und zu entwickeln begannen.

Die Merkur-Verehrung bei Kelten und Germanen

Sie standen auf einer Zwischenstufe zwischen der zivilisatorischen Schlichtheit der Germanen einerseits und der reichen zivilisatorischen und kulturellen Ausdifferenzierung der antiken Mittelmeerkulturen. Aufgrund dieses Umstandes wohl spielte bei den Kelto-Romanen allgemein der Gott Merkur eine große, wenn nicht die wichtigste Rolle (WikiC).

Abb. 8: Skulptur aus Könighoffen im Elsaß, 3. Jhdt. n. Ztr. (MusStrbg), entdeckt 1927, evtl. Porträt eines römischen Kaisers

Schon Cäsar berichtet über die Gallier (Wiki):

Der Gott, den sie am meisten verehren, ist Merkur. Ihm stehen zahlreiche Statuen; sie betrachten ihn als den Erfinder aller Künste, als den Führer der Reisenden und als den Hüter aller Arten von Gewinnen und Handel.

Auf dem deutschen Wikipedia lesen wir über den römischen Gott Merkur (Wiki):

Das Ansehen von Mercurius als Gott des Handels und der Kaufleute, aber auch der Diebe und des Gewinns, verbreitete sich im Römischen Reich während der Kaiserzeit (27 v. Ztr. bis 284 n. Ztr.) nach Westen und nach Rätien im Norden. In den keltischen und germanischen Provinzen nahm die Verehrung Merkurs enorm zu und wurde sogar stärker als in Rom selbst. Darauf weisen hunderte von Funden hin, bei denen es sich zumeist um Inschriften auf Weihesteinen oder um Tafeln aus Bronze handelt. Die Darstellungen des Mercurius auf den Steinen, die in den germanischen Rheinprovinzen gefunden wurden, sind von Form und Ausdruck her römisch, aber die Namenskomposite sind germanischer Herkunft und verbunden mit dem Stiftungszweck und einer bestimmten Personengruppe, seien es einzelne Stämme oder ein lokaler Bezug. In den Provinzen erhält Mercurius jeweils auch zahlreiche einheimische Beinamen wie Mercurius Cissonius oder Mercurius Gebrinius.
Die Verehrung Merkurs zeigte sich auch im Privatleben wohlhabender Siedler. So wurde 1836 im Ort Rogging im Oberpfälzer Landkreis Regensburg eine 14 cm hohe, gut erhaltene bronzene Merkurstatuette („Merkur von Rogging“) aufgefunden, die wahrscheinlich aus dem Hausheiligtum eines römischen Gutshofes stammt und als Erzeugnis einer italischen Werkstatt eingestuft wird. (...)
Auch reisende Kaufleute hatten Gelegenheit, Merkur zu verehren. So konnte in Regensburg, 2 km südlich vom römischen Legionslager Castra Regina auf der beherrschenden Höhe des umgebenden Hügellandes, ein Merkur geweihter Tempelbezirk nachgewiesen werden, der direkt an der von Augsburg nach Regensburg führenden heutigen Kumpfmühler Straße liegt. 1934 wurden bei Grabungen die Fundamente eines großen und zweier kleiner Tempelgebäude freigelegt. Das große Gebäude war ein quadratischer Umgangstempel mit einer Seitenlänge von 7 m. Der Stifter der Tempelanlage, deren Gesamtausdehnung nicht genau bestimmt werden konnte, war der Lagerkommandant von Castra Regina, wie man aus den Stempeln der Dachziegel schließen kann. Der nach Zerstörungen zweimal wiederaufgebaute Tempelbezirk war den archäologischen Befunden zufolge um 200 n. Ztr. entstanden und entweder 357 n. Ztr. beim Einfall der Juthungen oder im Laufe des Erstarkens des Christentums endgültig verwüstet worden.

Die vielen Tiergötter bei den Kelten

Auf dem französischen Wikipedia wird allerdings präzisiert, daß der "gallische Merkur" mit dem "römischen Merkur" nur flüchtige Gemeinsamkeiten hatte (Wiki):

Im römischen Gallien wurde jedoch nicht der römische Merkur verehrt - außer bei offiziellen römischen Zeremonien, die von ausländischen Kolonisten abgehalten wurden -, sondern ein gallischer Merkur, eine Gottheit, die unter anderem mit Handwerkern in Verbindung gebracht wurde. Dieser Lugus Mercurius übernahm dann die meisten Aspekte des keltischen Gottes Lugus.
Paul-Marie Duval bemerkt, daß die Scholiater zögerten, die keltischen Götter mit den römischen Göttern gleichzusetzen. Dennoch findet sich der Beiname Merkur 45 Mal in Gallien. Nach der römischen Eroberung ist er der Gott, dessen Bildnisse (insbesondere Bronzestatuetten) und Inschriften am zahlreichsten sind. Die Arverner weihten ihm eine der kolossalsten aller bekannten antiken Statuen. Somit erscheint er im Römischen Reich als der bedeutendste Gott der Gallier.
Dennoch ähnelt der einheimische Gott, der Gott des Handwerks, des Handels und der Handelswege, dem römischen Merkur nur teilweise in seinen Attributen, nämlich dem Schutz von Kaufleuten und Reisenden - Attribute, die im Mittelalter dem Heiligen Nikolaus zugeschrieben wurden, dessen Kultstätten an den Eingängen von Städten und Dörfern entlang der Hauptverkehrsstraßen lagen. In seinem ursprünglichen Bild als Erfinder aller Künste, was weder Merkur noch Hermes je waren, steht er dem keltischen Gott Lug viel näher. So wird er mit einem Hammer oder einer Feuerzange in der Hand dargestellt, die in Rom Attribute des Vulkan waren.
Der gallische Merkur (...) wird auch mit anderen keltischen Göttern assoziiert:
Mercurius Artaios, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Artaius, einem Bärengott, der in Beaucroissant , Frankreich, verehrt wurde;
Mercurius Arvernus, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Arvernus. Arvernus wurde im Rheintal in Deutschland verehrt, möglicherweise war er der Stammesgott der Arverner, obwohl in der Auvergne keine Weihung an Mercurius Arvernus gefunden wurde.
Mercurius Cissonius, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Cissonius, die in einem geographischen Gebiet von Köln in Deutschland bis Saintes in Frankreich zu finden ist. Dies ist eine der häufigsten Inschriften. (...)
Mercurius Gebrinius, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen oder germanischen Gott Gebrinius, bekannt unter anderem durch eine Inschrift auf einem Altar in Bonn, Deutschland (ein recht gebräuchlicher Name);
Mercurius Moccus, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Moccus, Inschriften, die in Langres gefunden wurden. Der Name Moccus („Schwein“) macht ihn zu einem Gott, der dem Eber oder der Eberjagd nahesteht;
Mercurius Visucius, eine Verschmelzung des Gottes Merkur mit dem keltischen Gott Visucius, ist auf mehreren Inschriften (etwa 10 an der Zahl) belegt, darunter eine in Stuttgart. Visucius wurde vorwiegend im Grenzgebiet zwischen dem römischen Gallien und Germanien verehrt. Obwohl er ursprünglich mit Merkur in Verbindung gebracht wurde, bestanden auch Assoziationen mit dem römischen Gott Mars, wie Inschriften an „Mars Visucius“ belegen. Visucia, die Gemahlin des Visucius, wurde in Gallien gefunden.
Sowohl in Gallien als auch in Rom verkörperte Merkur zwar oft die dritte Funktion, die Handwerks- und Handelsfunktion im Rahmen der indogermanischen Dreiteilung der Funktionen, doch läßt sich seine Rolle nicht immer auf das Dumézilianische Modell reduzieren. Der Grund dafür liegt darin, daß der Prototyp des keltischen *Lugus der unsterbliche Dioskur ist, eine zwar unbedeutende, aber sehr alte Gestalt der indogermanischen Tradition. Während der keltischen Expansionen (und zuvor in der Glockenbecherkultur) wurde er zum Führer und Erlöser von Göttern und Menschen erhoben, eine Rolle, die er auch in der irischen Mythologie einnimmt. Lugus, die göttliche Entität, die die Götter zurückbringt und die Tagesordnung wiederherstellt, wurde somit die Schirmherrschaft über verschiedene wohltätige Aktivitäten zugeschrieben, die mit der Erneuerung des zeitlichen, kosmischen und jährlichen Zyklus verbunden waren – Aktivitäten, die später als die „dritte soziale Funktion“ protohistorischer Gesellschaften kategorisiert wurden. Mit Lugus (altirisch Lug, walisisch Lleu ) erleben wir die Wiederbelebung einer Gestalt kosmischen Ursprungs, die in Theologie und politischer Doktrin neue Verwendung findet. Wie bei allem, was mit den göttlichen Zwillingen während ihrer langen mythologischen Geschichte (repräsentiert durch den Abend- und Morgenstern) zusammenhängt, ist es notwendig, die Daten zu periodisieren, um die Vorgeschichte von Lugus zu rekonstruieren.

Er wird hier oft dargestellt in Begleitung von Rosmerta. Von den Germanen wurde Merkur mit Wodan gleichgesetzt. Deshalb wurde der "Tag des Merkur" im Englischen zum "Wedensday". In der keltischen Kultur und Religion spielten bestimmte Tiere und Pflanzen eine große Rolle (Wiki). 

Es ist sehr spannend, daß man bei den keltischen Göttern noch sehr viele Tier-Götter findet. Diese mögen uralt sein und ihre Verehrung mag bis ins Mesolithkum zurück reichen. So kann man etwa bei den zum Teil heute noch mesolithisch lebenden Chanten und Mansen östlich des Ural eine Fülle von göttlicher Verehrung von Tieren finden.

Erwähnt sei noch, daß sich im Archäologischen Museum Straßburg auch eine keltoromanische Frauen-Darstellung findet (Abb. 7). Und es findet sich eine "Sonnenuhr, die an allen vier Seiten graviert ist", gefunden in Bettwiller im Elsaß (Abb. 6). Sie stammt aus dem 2. Jhdt. n. Ztr.. Dargestellt sind Apollon, Merkur und "die tanzenden Stunden" (MLaosWikiC). Wir erfahren (Wiki):

Das hier sichtbare Zifferblatt zeigt eine tanzende, nackte Stundenfigur.

Wenn wir die Ansage im Museum richtig verstanden haben, hat hier der gallo-romanische Künstler eine römische Skulptur nachgeahmt, ohne selbst das Prinzip der Sonnenuhr verstanden zu haben. Von griechischer leichter, tanzender Heiterkeit kann nicht die Rede sein, obwohl sie der Vorlage sicherlich innewohnte.

Es wurden in römischer Zeit auch tanzenden Mänaden an den Straßen aufgestellt, so etwa in Tiffen in Kärnten (UniKlagenfurt). Soweit nur flüchtige Einblicke, die sicherlich der Vervollständigung harren.

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  1. Des Markus Annäus Lukanus Pharsalia. Übersetzt im Versmaaße der Urschrift. Julius Krais (Übers.). Stuttgart 1863 (Arch)

Sonntag, 25. Dezember 2022

"Besuche voll Freude uns, die Kenner der Feiern, zur heiligen, leuchtenden Weihe."

Die antike, orphische Lebenshaltung und Weltauffassung ist die womöglich zukunftsträchtigste, die wir kennen
- Darin wird das Weltei verehrt - Als eine urindogermanische Ursprungssage
  • In der Vorstellung vom Weltei, einer urindogermanischen Vorstellung, ist die Entdeckung des Urknalls des 20. Jahrhunderts vorweg genommen worden
  • Das Feiern dieses unseres Ursprungs im antiken, orphischen Sinne könnte der angemessenste Umgang mit den modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen sein
  • Die orphischen Gesänge waren Schullektüre - so wie die "Ilias" 
  • Für die antiken Griechen sind die Gesänge des Orpheus an Schönheit nur von denen des Homer übertroffen worden 
 

1. Einleitung

Verloren geglaubte Gesänge des Orpheus (Wiki) sind wieder entdeckt worden. So wurde es im September 2021 gemeldet (1-4).

Abb. 1: Das schönste Wissenschaftsbuch des Jahres 2024: "Die Welt in einer Eierschale"

Merkwürdig beziehungslos ist diese Meldung von der Wissenschaft an die Gesellschaft weiter gegeben worden. Merkwürdig anteilnahmslos hat die Gesellschaft diese Meldung entgegen genommen. Der Versuch einer geistesgeschichtlichen Einordnung und Würdigung aus diesem Anlaß wurde nicht unternommen. Nicht ansatzweise.

Wer denn eigentlich war Orpheus? Was bedeutete er für die griechische Antike? Mehr aber noch: Was bedeutet er für uns heute? Was könnte er für uns heute bedeuten?

Erst während wir diesen Beitrag nach und nach - anfangs ein wenig zäh und mühsam - erarbeiten, fragen wir uns, was es mit diesem merkwürdigen "Weltei" der Orphiker eigentlich auf sich hat (Abb. 2). Und erst aus Anlaß der Veröffentlichung dieses Beitrages machen wir uns wirklich klar, daß es sich doch schlicht um nichts geringeres handelt als um den fortschrittlichsten Gedanken, den die Antike überhaupt hervor gebracht hat. Er war so fortschrittlich, daß er erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts überhaupt voll gewürdigt werden kann, nämlich seit bekannt ist, daß unser Universum einen Anfang hatte, daß es aus einem Urknall heraus, also schlichtweg aus einem "Weltei" heraus entstanden ist!!!

2. Das Weltei - Eine indogermanische Vorstellung

Als ein geschichtliches Zeugnis für die Orphiker wird das Grab eines jungen Mannes im unteren Italien angeführt (Wiki) (Abb. 2 und 3). Nämlich um dessen Wandmalereien willen, in der sich auch die Darstellung eines einzelnen jüngeren Mannes findet, der in der linken Hand ein Ei hält. In der rechten Hand hält er eine siebensaitige Lyra (Abb. 3) (Aurich, S. 13). Das Ei, so sagt uns die Wissenschaft, ist eine Anspielung auf das "Weltei" (Wiki), aus dem - nach der Weltlehre des Orpheus (Wiki) - die Welt entstanden ist. Aufgrund dessen wird geschlußfolgert, daß es sich bei den übrigen zwölf Männern des sonst dargestellten Symposions um Anhänger des Orpheus handelt und um Menschen, die - in orphischer Weltauffassung - die Macht des Gesanges, der Musik geschätzt haben, erkennbar auch daran, daß sowohl auf der Nord- wie auf der Südwand des Grabes Musikinstrumente dargestellt sind, nämlich insgesamt vier Stück. 

Doch eben nicht nur die Macht der Musik war ihnen wichtig. Auch die Lehren des Orpheus waren ihnen wichtig. Sie gedenken ihrer, sie umsinnen sie. Darauf deutet das Ei. Und schon diese Vorstellung vom Weltei als Ursprung der Welt ist ja - aus heutiger Sicht - außerordentlich fortschrittlich. Auch die heutige Erklärung der Entstehung des Universums nimmt ein "Ur-Ei" an, das aus und mit dem Urknall heraus entstanden ist.

Zu diesem Ur-Ei lesen wir nämlich (was wir in diesen Blogbeitrag erst nachträglich am 25.12.22 einarbeiteten) (Wiki):

Es symbolisiert in den Weltentstehungslegenden vieler indoeuropäischer Kulturen den absoluten Urzustand des Universums, unter anderem in der indischen, griechischen, persischen und den baltischen.

Im weiteren lesen wir dann, daß sogar die "Urschlange", die ja im germanischen Kulturraum von der Mitgartschlange verkörpert war, dieses Urei umschlungen hält, daß also hier zwei Prinzipien zugleich am Wirken sind: das entstehende und das vernichtende Prinzip (Wiki):

Das Ei wird oft mit einer um es gewundenen Schlange dargestellt. In einem orphischen Hymnos wird er angerufen:
"Urwesen, doppelgestaltiger, ätherdurchfliegender Riese, 
der du dem Ei entschlüpftest, prangend mit goldenen Schwingen,
brüllend so laut wie ein Stier, du Ursprung der Götter und Menschen …
Seliger, Kluger, an Samen Reicher, besuche voll Freude
uns, die Kenner der Feiern, zur heiligen, leuchtenden Weihe."
Ähnlich wie der ägyptische Amun gilt auch der orphische Protogonos/Phanes als eine besonders "geheimnisumwitterte Gottheit". Er zieht den "Kennern der Feier" den "Schleier der dunstigen Finsternis fort von den Augen".

Sofort wird uns klar: Wie angemessen ist eine solche Anrufung, eine solche Bezugnahme auf die Urkräfte des Universums im Zusammenhang mit der Feier des Lebens selbst.

Abb. 2: Symposium, Wandmalerei im "Grab des Tauchers", Südwand, gefunden bei Paestum in Süditalien, etwa 475 v. Ztr.

Sofort wird uns klar: Wie viel Lebensbejahung in dieser orphischen Weltlehre enthalten ist, was für eine durch und durch von Freude erfüllte Lebensanschauung. Wie kommt es, daß wir - mit der Wissenschaft - seit Jahrzehnten von diesen Urkräften nicht nur Ahnungen haben, sondern sicher um sie wissen. Und uns dennoch nicht - feierlich - auf sie beziehen? So wie die antiken Griechen? Daß wir unser Wissen nicht feiern? In Andacht, Ehrfurcht, Freude?

So viele Fragen tauchen hier auf, die noch nicht ansatzweise gestellt, geschweige denn beantwortet sind.

Die Phrase "brüllend so laut wie ein Stier" ist - für die Zeiten der Antike - eine angemessene Vorwegnahme jener Urgewalt, jener Urkraft nehmen, von der die heutige Wissenschaft zu berichten weiß (siehe etwa Paul Davies "Die Urkraft"). Und ist es nicht ungeheuer bewegend zu erfahren, daß die Entstehung des Universums aus einem Ei sogar schon von den Indogermanen vorweg genommen worden war, und zwar offenbar doch schon von jenen Urindogermanen, die auch - unter anderem - die Göttin der Morgenröte anbeteten (Stgen2021)?

Was für einen tiefen Blick in die Vergangenheit erhalten wir hier? Nicht nur älteste Bestandteile unserer Jahrtausende alten Märchen lassen sich auf die Urindogermanen zurück führen (Wiki). Nein, mehr noch, sogar die angemessenste Weltentstehungs-Lehre, die uns aus vorwissenschaftlicher Zeit überkommen ist, stammt von ihnen.

Damit ist doch nichts weniger gesagt als daß die Urindogermanen der Chwalynsk-Kultur keineswegs nur jene Spezialisten im Kriegshandwerk waren, als die wir sie hier auf dem Blog bislang wahrgenommen hatten, sondern zugleich auch schon die erhabendsten Philosophen!!! Vielleicht deshalb auch diese riesigen Kurgane, in denen sie sich bestatteten, und die zeigen, daß sie "groß" von sich dachten. Vielleicht deshalb. 

Natürlich wird man auch nicht ausschließen können, daß die Urindogermanen diese Vorstellung von anderen Kulturen übernommen haben. Schließlich findet sich die Vorstellung vom Urei auch in der chinesischen, ägyptischen und finnischen Kultur. (Soweit der Nachtrag vom 25.12.22, ergänzt durch weitere Gedanken am 3.2.23.)

3. "Besuche voll Freude uns, die Kenner der Feiern, zur heiligen, leuchtenden Weihe"

Ein anderes Zeugnis von der Orpheus-Verehrung findet sich auf der rotfigurigen Vasenmalerei aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Ztr.: Orpheus singt und andächtig lauschen die Thraker, seine Stammesangehörigen. So ist es dargestellt in einer der ältesten bildlichen Darstellungen zum Orpheus-Mythos (Abb. 4). 

Abb. 3: Mann mit Weltei und siebensaitige Lyra - Ausschnitt aus Abb. 2

Orpheus ist also die Verkörperung der Feier und darin insbesondere der Urgewalt des heiligen Gesanges, der Urgewalt der Dichtung, der Urgewalt der Musik, der Urgewalt des Kulturellen, das sich in eins setzt mit den urgewaltigen Kräften der Weltenschöpfung.

Vor der Verbreitung der Schriftkultur in einem Volk verschwimmt alle Überlieferung im Legendären, Sagenhaften und Mythischen. Daß der griechische Dichter Homer eine historische Gestalt gewesen ist, das glaubt man aufgrund des großen Wurfs und der großen Einheitlichkeit seiner Dichtung annehmen zu können. Sicher kann man sich dessen freilich nie sein. Behauptetermaßen nun aus einer Zeit noch ein oder zwei Generationen vor Homer sollen jene Schriften des Sängers Orpheus (Wiki) stammen, die ähnlichen Einfluß auf das Denken und Erleben der antiken Griechen hatten wie die Gesänge des Homer.

Und diese gewaltige kulturelle Kraft der Orpheus-Überlieferung ist insbesondere auch daran noch erkennbar, daß diese Dichtungen des Orpheus offenbar noch gründlicher scheinen zerstört worden zu sein - vom kulturfeindlichen und kulturzerstörerischen Christentum - als viele andere literarische Überlieferungen der Antike.

4. Die Liebesgeschichte um Orpheus und Euridike ist Ausdruck einer Verfallszeit

Wer sich mit Orpheus beschäftigt, muß sich außerdem bewußt machen, daß die romantische Liebes-Geschichte rund um Orpheus und Eurydike eine spätere Zutat zu diesem Mythos ist, die von dem römischen Dichter Vergil stammt, daß sie also gegenüber dem zuvor eher unanschaulichen, weniger scharf umrissenen und damit weniger gut "greifbaren", viel rätselhafteren Orpheus-Bild eine eher schlichte und sehr "greifbare" Liebesgeschichte in den Vordergrund stellt, die die Urgewalt des ursprünglichen Mythos viel zu stark in den Hintergrund treten läßt.

Sie stellt keinen ursprünglichen Wesensbestandteil der Überlieferung zu Orpheus dar (Aulich, S. 10). Ursprünglicher Wesensbestandteil war vielmehr die Emphase der Anhänger der orphischen Bewegung in Bezug auf Gesang, auf Musik und auf Dichtung, die sich in eins setzt mit den Kräften, die schon in den Uranfängen des Universums wirksam waren. Diese Emphase ist das "Herzstück" dieser Überlieferung und der orphischen Bewegung (Aulich, S. 12).

Zwar galt auch lange als eine der ältesten Orpheus-Darstellungen der Geschichte - und gilt es mitunter noch heute - das Relief von "Eurydike und Orpheus, von Hermes begleitet" (Aulich, S. 10) (Abb. 6). Nach jüngerer Deutung handelt es sich bei diesem Kunstwerk aber um eine typische neuattische Neuschöpfung (Nulton 2009), die aus den letzten vor- und ersten nachchristlichen Jahrhunderten (Wiki) stammt, bei der es sich also nicht um eine römische Kopie eines klassischen Reliefs handelt, das kurz nach Vollendung des Parthenon in Athen entstanden sei und in sehr ähnlichem Stil wie die Figuren des Parthenon gehalten wäre - wie es zuvor gemutmaßt worden war (Cambridge). Das Parthenon war 438 v. Ztr. in Athen vollendet worden (Wiki). Das Relief hätte dementsprechend - nach älterer Auffassung - von dem Bildhauer Phidias selbst stammen können oder von einem seiner Schüler.

Abb. 4: Orpheus unter den Thrakern, Mitte 5. Jhdt. v. Ztr., Athen - Rotfigurige Vasenmalerei - Ebenfalls mit siebensaitiger Lyra dargestellt

Aber romantische Liebe in einer solchen Stimmung und in einem solchen Sinne wie die Geschichte von Eurydike und Orpheus war kein Thema der klassischen Griechen. Deshalb ist es plausibler, daß dieses Relief eine Neuschöpfung der neoattischen Epoche darstellt, also aus jener Zeit, in der auch Virgil den Orpheus-Mythos als romantische Liebesgeschichte neu faßte. Der Begriff des neo-attischen Kunststils stammt im übrigen von dem deutschen Kunsthistoriker Friedrich Hauser (1859-1917).

Es ist nach der Wissenschaft nicht ausgeschlossen, daß Orpheus eine historische Figur gewesen ist. Einheitlich wird angenommen, daß Orpheus aus Thrakien stammte. Zum Teil wird angenommen, daß Orpheus den Dionysos-Kult seiner Zeit reformiert hat. Orpheus wurde - wie oben schon angedeutet - eine eigene Theogenie, ein eigenes Welterklärungsmodell zugesprochen, das in Kernbestandteilen überraschend modern anmutet. Zusammen genommen mit der Hochwertung des Kulturellen, des Feierlichen, des Gesangs, der Musik und der Dichtung bietet die orphische Bewegung viele Anknüpfungspunkte für eine moderne, zukunftsgerichtete Kulturgestaltung. 

Das wird uns hier schlagartig bewußt.

5. Ein "Orphischer Kreis" heute

[25.12.22] Und dieser Umstand weckt die Erinnerung daran, daß es ja einen von Baal Müller (geb 1967) (Wiki) und Uwe Nolte (geb. 1967) (Wiki) begründeten "Orphischen Kreis" gibt (den wir bislang nie hatten einordnen können). Dieser scheint den in unserem Beitrag entdeckten Zusammenhängen schon seit Jahren nachzugehen (Fb). Da der von Baal Müller geleitete Telesma-Verlag Bücher von mehreren äußerst bösartige Schriftstellern wieder aufgelegt hat - oder über diesselben - wie unter anderem solche von dem "Religionsbastler" des Dritten Reiches, dem Freimaurer Friedrich Hielscher, bzw. Bücher über denselben, der zugleich guter Freund war des Freimaurers, Untergangspropheten, Katholiken und offensichtlichen Satanisten Ernst Jünger, sowie vieles ähnliche auf dieser Linie - deshalb haben wir diesen "Orphischen Kreis" niemals auch nur ansatzweise wahrnehmen können als einen Anknüpfungspunkt, der weiterführend sein könnte. 

Ganz im Gegenteil. Es scheint sich uns hier doch eher um den typischen Versuch von Hijacking zu handeln, von Hijacking von durch und durch begeisternden, heidnischen Gedanken. Von einem solchen Hijacking von positiv besetzten Gedankeninhalten durch monotheistische und okkulte, geheime Männerorden ist die Geschichte insbesondere der letzten Jahrhunderte ja überhäuft. Ein solches Hijacking ist ja schon von Seiten der antiken Juden gegenüber der orphischen Bewegung versucht worden.

Abb. 5: Der Tod des Orpheus, Detail eines Silber-Kantharos, 420/410 v. Ztr., Teil der Vassil Bojkov-Sammlung in Sofia, Bulgarien (Wiki)

Von dem durch und durch lebenszugewandten, hellen, leuchtenden Geist der Antike findet sich in den Kunstwerken dieser Künstlergruppe des "Orphischen Kreises" dementsprechend auch so gut wie nichts. Alles mutet düster, dunkel, "barbarisch", "nordisch" an, also alles so wie Christen beliebten, die germanische Welt des Nordens wahrzunehmen und darzustellen, nämlich als: teuflisch. Das beliebte Spiel der Satanisten mit tausend Masken: Das Teuflische ist das Gute, das Gute ist das Teuflische, findet sich hier - und stößt ab. 

In Videos zeigt sich ja Baal Müller dementsprechend auch gern mit dem Kreuz der Satanisten auf der Stirn. Von antikem griechischen Geist kann hier also Nullkommanichts die Rede sein. Soweit wir das bislang einschätzen können, handelt es sich hier um Etikettenschwindel vom Allerfeinsten. Das heißt, es wird genau und wohl geradezu bewußt das Gegenteil von dem vertreten, was Wesenskern der orphischen Bewegung darstellt. [Ende Ergänzung]

6. Empedokles, Platon, Neuplatoniker, Herder, Hölderlin, Rilke

Schon viele Philosophen der antik-griechischen Kultur weisen Anklänge an "orphisches Denken" auf. So etwa Empedokles, ebenso Platon und ebenso auch viele Neuplatoniker. Entsprechend viele Menschen in der griechischen Kultur gab es insgesamt, die sich auf Orpheus in religiösem Sinne bezogen haben. Es ist deshalb von einer religiösen Strömung die Rede, die die Orphiker (Wiki) genannt werden.

Johann Gottfried Herder war es, der das orphische Denken zurück holte in das kulturelle Bewußtsein des Abendlandes. Hölderlin bezog sich in seinem Dichten auf Orpheus. Nietzsche ebenfalls. Und noch Rainer Maria Rilke dichtete im Nachbeben der Entstehung seiner Dunineser Elegien "Sonette an Orpheus". Die orphische Weltwahrnehmung wirkte also sehr stark weiter, ist aber heute noch weitaus mehr in den Hintergrund des kulturellen Bewußtseins getreten als - etwa - die Dichtungen des Homer. [Um so auffallender, daß es ausgerechnet Randgruppen eines ganz bestimmten Spektrums sind, die diese Bewegung gegenwärtig wieder beleben wollen.]

7. Originale aus der orphischen Dichtung und Theogenie 2021 entdeckt

Der Wiedererweckung des orphischen Gedankens war in der Frühen Neuzeit der Weg insbesondere durch die Musik geebnet worden. Zahllose Opern sind zu dem Thema "Orpheus und Euridike" geschrieben worden, die berühmteste stammt natürlich von Christoph Willibald Gluck (1714-1787) aus dem Jahr 1762 mit ihren so unendlich tief ins Herz greifenden Melodien. Johann Gottfried Herder hat 1774 die oft zitierten Worte über Orpheus geschrieben (zit. n. 1, S. 5):

"Hätten wir von diesem göttlichen Urheber der griechischen Weisheit und Religion seine unverfälschten Schriften: so hätten wir in ihnen den Schatz der ältesten Meinungen, den wahrsten Ursprung der heiligen Dichtkunst unter den Griechen."

Und dieser Wunsch des Herrn Herder soll sich nun knapp 250 Jahre später, im Jahr 2021 - ein kleines Stück weit - erfüllen: An der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien hat man - ausradiert unter mittelalterlichen, christlichen Texten - originale Ausschnitte aus der Theogenie-Dichtung gefunden, die in der Antike dem Orpheus zugeschrieben worden ist, und die bislang nur durch indirekte Erwähnungen, Hinweise, Verweise und Zitate in erhaltenen antiken Schriften bekannt gewesen war (2-6).

Abb. 6: Späthellenistische Ausdeutung der Orpheus-Überlieferung: Euridike wird von Orpheus aus der Unterwelt geführt

Es handelt es sich um die sogenannten "Orphischen Hymnen" (Wiki). Die orphischen Hymnen bilden eine zentrale Textüberlieferung der antik-religiösen Strömung, die sich Orphiker (Wiki) nannte, und auf die sich in der Spätantike insbesondere auch die Neuplatoniker bezogen. Aber zu dieser Strömung zählte sich zum Beispiel auch schon ein solch berühmter vorsokratischer Philosoph wie Empedokles. Empedokles hinwiederum ist ja unter anderem berühmt geworden durch die Dichtungen von Friedrich Hölderlin, der in Empedokles einen Geistesverwandten sah.

In außerordentlich weite geistesgeschichtliche Bezüge also läßt sich diese Neuentdecktung stellen!*) Über die "Orphischen Hymnen" ist zu erfahren (Wiki):

Schließlich erwähnt Pausanias, daß bei den Mysterienfeiern von Phlya in Attika die Priester aus dem Geschlecht der Lykomidai kurze hymnische Lieder sangen, als deren Verfasser Orpheus galt und die nach Pausanias den Vergleich mit den Homerischen Hymnen nicht zu scheuen brauchten.

An anderer Stelle lesen wir (Wiki):

Im 2. Jahrhundert berichtete der Schriftsteller Pausanias von hymnischen Gesängen, die Orpheus verfaßt habe und die von den Lykomiden, den Angehörigen eines athenischen Priestergeschlechts, bei ihren Kulthandlungen gesungen würden. Pausanias meinte, die Hymnen des Orpheus würden an Schönheit nur von denen Homers übertroffen.

All dies macht klar, daß Homer und Orpheus gemeinsam betrachtet werden müssen, wenn man sich den Gesamtgehalt der antik-griechischen Kultur erschließen will, wenn es also um wesentliche Dichtungen geht, die an der Formung der antik-griechischen Kultur und dem in ihr vorherrschenden philosophischen und religiösen Denken, die an ihrem "Zeitgeist" mitgewirkt haben.

Wir erfahren, daß die religiöse Strömung der Orphiker wahrscheinlich aus Thrakien stammt, womöglich schon aus homerischer Zeit und aus der Zeit homerischer Heroengräber (mit denen wir uns seit einiger Zeit auch hier auf dem Blog beschäftigen).

8. Zerstückelt und neu geschaffen - Der exzentrische Ursprungsmythos

Die Weltentstehungslehre und menschliche Abstammungslehre verläuft nach den Orphikern in vielen Phasen. Über die fünfte Phase, über die Herrschaft des Zeus und die Schaffung des Menschengeschlechtes wird folgende Geschichte zu Zeus erzählt (Wiki):

Mit seiner Mutter zeugt er (Zeus) die Tochter Persephone, mit Persephone den Sohn Dionysos.

Und weiter (Wiki):

Später überläßt Zeus die Herrschaft dem noch kindlichen Dionysos, womit die sechste Phase beginnt.

Und weiter (Wiki):

Gegen Dionysos stachelt Hera, die eifersüchtige Gattin des Zeus, die Titanen auf. Die Titanen locken Dionysos in eine Falle, töten und zerstückeln ihn. Dann kochen sie seinen Leichnam und beginnen ihn zu verzehren, wodurch sie etwas von seinem Wesen in sich aufnehmen.

Und weiter (Wiki):

Zeus überrascht die Mörder jedoch und verbrennt sie mit seinem Blitz zu Asche. Aus der Asche, in der Titanisches mit Dionysischem gemischt ist, steigt Rauch auf und es bildet sich Ruß; daraus erschafft Zeus das Menschengeschlecht. 

Die Menschen werden sich also gedacht als geformt aus dem Ruß von verbrannten Titanen, die einen zerstückelten Dionysos aufgegessen haben, der in der Folge eines zweimaligen Inzestes von Zeus gezeugt worden ist. Ganz gelassen kann hier gesagt werden: Eines scheint sicher: Von Trivialitäten waren die Griechen gelangweilt. Wenn es nicht exzentrisch war, waren sie davon nicht "gepackt",  erschüttert und zur Emphase getrieben.

Abb. 7: Die Klage des Orpheus - Paul Duqueylard (1771-1845)

Da wir aber in der modernen Kosmologie ebenfalls "unglaubliche" Vorgänge von Kraftentladungen, aufbauenden und vernichtenden Kräften sehen, scheinen hier gerade deshalb doch sehr viele Anknüpfungspunkte zum modernen Weltbild gegeben zu sein. Das Werden des Weltalls aus "Nichts" heraus oder auch nur das "Leben" eines einzelnen Sterns in diesem Universum, sowie das "Leben" von Galaxien war und ist aben auch nie "trivial" in irgend einen Sinne gewesen. Auch innerhalb des Universums findet ja ständiges "Umschaffen" statt, auch wir Menschen sind "Sternenstaub", bestehen also aus Substanzen, die vielfach "zerstückelt" und wieder "neu geschaffen", "gezeugt" worden waren.

Ist womöglich sogar gerade ein solcher Mythos ein Zeichen dafür, daß die Einführung des indogermanischen Zeitgeistes, der indogermanischen Religion und Sprache in Griechenland "Kontrastwertungen" mit sich gebracht haben, hervor gerufen haben und mit ihnen eine Exzentrik hervor gerufen haben, die dann bis in die Spätantike hinein so außerordentlich stetig, unbeirrbar, siegreich fortgelebt haben, und die nur von so etwas Exzentrischem und Abstrusen wie dem Monothismus dann auch wirklich "tot zu kriegen" waren ("einige" Jahrhunderte lang)?

9. Titanisches mit Dionysischem gemischt 

Über die originalen Textreste nun, deren Entdeckung der Öffentlichkeit 2021 bekannt gegeben worden ist, erfahren wir (2):

"Es ist ein poetischer Text in Hexametern, also dem klassischen Versmaß der epischen Dichtung. Dieser entstammte einem Epos, das ursprünglich wahrscheinlich 24 Bücher umfaßte, und dessen Existenz bisher nur indirekt belegt war", sagt Giulia Rossetto vom Institut für Mittelalterforschung der ÖAW. In mühsamer Arbeit konnte sie Buchstaben für Buchstaben der ausradierten Schrift auf den beiden Pergamentblättern entziffern. Die Erwähnung des Namen Dionysos, des antiken Gottes des Weines, war ein wichtiger Hinweis auf die Bedeutung des Textes, erzählt sie. (...) Inhaltlich kreist der Text um die Kindheit des Gottes Dionysos. Es werden Spielzeug und Geschenke erwähnt, die von Widersachern -  den Titanen - eingesetzt werden, um das Kind abzulenken.

Die hungrigen Titanen, sie vergreifen sich an einem spielenden Kind, das sie aufessen wollen, angestachelt von der Stiefmutter Hera. Die Handschriften, in denen in ausradierter Form diese Textreste gefunden worden sind, sind in einem christlichen Kloster auf dem Sinai im 10. Jahrhundert entstanden. Ob nicht auch dieser Ort einigermaßen auffällig ist? Auch das wäre wieder für sich eine verrückte Geschichte. An dieser Stellen wollen ihr aber zunächst nicht weiter nachgehen. In der Zusammenfassung der Studie heißt es (1):

... Es wird vorgeschlagen, daß die Sinai-Hexameter aus dem Hieroi Logoi in 24 Büchern stammen, der längsten, verlorenen orphischen Dichtung, von der wir wissen.
... It will be suggested that the Sinai hexameters might originate from the Hieroi Logoi in 24 Rhapsodies, i.e. the longest lost Orphic poem we know of.

24 Bücher, das klingt in der Tat nach einer umfangreichen Dichtung. Offenbar hat sie allein schon vom Umfang her den Vergleich mit der "Ilias" des Homer nicht zu scheuen gehabt. Im Zusammenhang damit ist die Rede von (2) ...

... Passagen eines verschollenen Texts der Antike, der bis auf die Zeit Homers zurückgeht.

Da würde sich ja die Frage anschließen, ob die Vorstellungen der Orphiker zur Zeit des Homer auch in die Ilias eingeflossen sind oder ob es sich bei beiden Dichtungen um zwei Geistestraditionen handelt, die sich völlig unabhängig voneinander entwickelt haben und fortgewirkt haben. Die genannte Geschichte des ermordeten Dionysos geht im übrigen sogar noch weiter (Wiki):

Apollon sammelt die Stücke von Dionysos’ Leichnam ein, Athene bringt sein intaktes Herz zu Zeus, der nunmehr den Ermordeten zu neuem Leben erweckt. 

Als philosophische Deutung hören wir dazu (Wiki):

Damit erklärt eine Variante des Mythos die Ambivalenz der menschlichen Natur, die zwei gegensätzliche Tendenzen aufweist: einerseits einen zerstörerischen, titanischen Zug, der zur Rebellion gegen die göttliche Ordnung anstachelt, andererseits aber auch ein dionysisches Element, das zum Göttlichen hinführt.

Der neue Artikel (1) ist auf Academia verschlagwortet unter anderem unter: Orphische Literatur, Orphische Dichtung, Hexameter, Orpheus, Orphismus, Hellenismus, Neoplatonismus.

Immerhin sind insgesamt 87 orphische Hymnen im Zusammenhang überliefert (Wiki). Es gab auch eine orphische Dichtung über Sternenkunde.

Allein an der Tatsache, daß es mehrere jüdische Schriften seit dem 2. Jahrhundert v. Ztr. gibt, die - zum Beispiel - nachzuweisen bemühten, daß Orpheus ein Sohn des Moses gewesen sei, zeigt, daß die religiöse Strömung der Orphiker in dieser Zeit weit verbreitet war. Wir erfahren außerdem (Wiki):

Gegen Ende des 4. Jahrhunderts, als das Römische Reich bereits christianisiert war, gehörte "Orpheus" ebenso wie Homer zu den Autoren, deren Werke Schullektüre waren.

Auch hieran wird erkennbar, welche angesehene literarische Überlieferung die orphischen Dichtungen darstellten. Und wenn sich die Ilias viel besser erhalten hat heute als die Dichtungen des Orpheus, obwohl letzterer in der Spätantike genauso verbreitet waren wie die Ilias, dann wäre auch dies ein Hinweis darauf, daß die Dichtungen des Orpheus gezielter von monotheistischen Fanatikern vernichtet wurden als die Gesänge des Homer.

10.  Weitere Anhaltspunkte zur Bedeutung des Themas

Der Verfasser dieser Zeilen hätte vor Erarbeitung des vorliegenden Beitrages Nullkommanichts dazu sagen können, um was es sich bei Orpheus und bei der orphischen Bewegung in der Antike gehandelt hat - trotz Grundstudium Alte Geschichte. Es ist ja schon viel, wenn man sich heutzutage auf Homer und die Ilias oder die Odysee beziehen kann, ohne daß man dazu umfangreichere Erläuterungen geben muß, Erläuterungen, die einem Zeitgenossen und Leser von Goethes "Werther" nicht hätten gegeben werden müssen. Aber nun auch noch Orpheus!? 

Nachdem Orpheus im letzten Beitrag einmal erneut - aber eher nur im Vorübergehen - Thema war, wird hier nun ein Beitrag, der in einem ersten, noch verständnisloseren Entwurf letzten Herbst erarbeitet worden war, endlich veröffentlicht. Und indem wir ihn zur Veröffentlichung und danach weiter überarbeiten, wird uns nach und nach immer mehr zu diesem Thema klar. Es wird klar, daß es sich um ein sehr reiches und womöglich auch sehr zukünftiges Thema handelt.

In diesem Beitrag versuchten wir also - anfangs eher mühesam (5-8) - ein völlig neues Thema zu erarbeiten. 

Dabei ist ein erster wichtiger Anhaltspunkt: Von den antiken Griechen sind die orphischen Gesänge fast als genauso bedeutend angesehen worden wie die Gesänge des Homer. Und das will - angesichts der immensen Bedeutung der homerischen Gesänge für die gesamte Antike - nicht wenig heißen. Die orphischen Gesänge waren ebenso wie der Homer damals Schullektüre. Auch diesen Umstand wird man sich gar nicht genügend klar machen können, wenn man das innere Wesen der antik-griechischen Kultur als eine Gesamtheit überblicken und verstehen will.

Ein zweiter wichtiger Anhaltspunkt: Noch die antiken Juden der hellenistischen Zeit, die damals auch sonst - reichlich verwegen - in propagandistischer Weise versuchten, einflußreichere religiöse Richtungen ihrer Zeit in ein monotheistisches Fahrwasser "umzuleiten", indem sie sie jeweils auf ihre eigenen verehrten religiösen Gestalten und Vorstellungen zurück führten, diese antiken Juden also versuchten, auch Orpheus als einen Sohn des Moses darzustellen. Es ist also auch dort wahrgenommen worden, wie bedeutend die orphische Bewegung für die damalige heidnische Welt war, in diesem Fall sozusagen eine Konkurenz zur eigenen religiösen Bewegung, für die ja damals wie heute gilt: "Kein Gott außer Gott", für die also auch die orphische Bewegung "vom Teufel" war (falls eben Orpheus kein Sohn von Moses wäre). 

Dritter Anhaltspunkt: Ebenso die christlichen Kirchenväter reagieren zum Teil heftig auf die religiöse Strömung der Orphiker. Auch an diesem Umstand wird sichtbar, daß die Orphiker eine einflußreiche Denkrichtung, bzw. religiöse Richtung in der Antike darstellten. Sonst hätten monotheistische jüdische oder christliche Fanatiker nicht die Notwendigkeit gesehen, an sie anzuknüpfen oder sich mit ihr auseinander setzen zu müssen.

Dennoch stochert man ziemlich im Nebel, wenn man nach gesichertem Wissen fragt zu Orpheus und seinen Gesänge. Die Quellenlage scheint vergleichsweise "ominös" und auch unübersichtlich zu sein. Ebenso "fremd" muten einem die meisten Vorstellungen überhaupt der Orphiker an. 

Das Grab des Tauchers

Insofern sind "Verbildlichungen" wie sie in dem oben schon behandelten "Grab des Tauchers" gesichert sind, erwünscht. Es wurde 1968 eineinhalb Kilometer südlich der antiken Weltkulturerbe-Stadt Paestum (Wiki) entdeckt. Paestum liegt 65 Kilometer südlich von Pompeji bei Neapel an der italienischen Westküste. Es handelt sich um das Grab eines jungen Mannes, natürlich eines begüterten jungen Mannes. Es stammte aus der Zeit um 475 v. Ztr., also aus der Zeit der klassischen griechischen Kultur (Wiki). Es könnte sich also - einfach der Möglichkeit nach - um einen jungen Mann handeln, der mit seinen Freunden an der Schlacht bei Himera 480 v. Ztr. teilgenommen hat (Stgen2020). Um nur einen von vielen möglichen Anhaltspunkten zu geben. 

Abb. 8: Deckengemälde im "Grab des Tauchers"

In dem Grab dieses jungen Mannes haben sich bedeutende Wandmalereien erhalten. Sie sind gänzlich lebenszugewandten Charaters, Wandmalereien, die ein Symposium, ein Gastmahl darstellen (Abb. 2 und 3). Auf der nördlichen Wandfläche finden sich zwei auf Liegen gelagerte Männerpaare dargestellt, außerdem ein einzelner Mann. Ebenso auf der südlichen Wandfläche des Grabes. Auf der Ost- und Westwand sind drei weitere Männer in hinzukommender oder stehender Haltung dargestellt. 

Es nehmen also - nach dieser Bilderwelt - dreizehn Männer an dem dargestellten Symposion teil. Auf der Decke des Grabes ist - in eher etruskischer (oder minoischer?) Weise - ein Jüngling dargestellt, der mit einem Kopfsprung ins Wasser springt. Aus diesem Grund hat die gesamte Anlage den Namen "Das Grab des Tauchers" erhalten.

Bei den dargestellten Männerpaaren handelt es sich immer um einen älteren und einen jungen bartlosen Mann. Bei einem der Paare auf der Nordwand umfaßt der ältere Mann den Kopf des jüngeren, während dieser ihm die Brust streichelt - oder ihn abzuhalten versucht. Die Geschlechtsliebe unter Männern wie sie auch in den Dialogen des Sokrates immer einmal wieder als völlig selbstverständliche Sache zur Sprache kommt und wie sie auch sonst als völlig normal galt in der griechischen Kultur, findet hier eine bildliche Darstellung. 

Und da wir gesehen haben, daß der Schöpfungsmythos des Orpheus voller philosophischer Gedanken ist, könnte auch die Darstellung des mit Kopfsprung ins Wasser springenden Mannes auf dem Deckengemälde philosophische Bedeutung haben. Man springe entschlußkräftig und beherzt ins volle Leben der Gottheit hinein, ins volle Leben der Musik und des Feierns der Gottheit hinein, könnte sie als Aussage haben.


/ Erster Entwurf: 19.10.21,
erste Veröffentlichung: 24.12.22
erneut mit deutlich erweiterter 
inhaltlicher Deutung: 25.12.22;
letzte Bearbeitung: 3. und 12.1.23
Ergänzung um Abb. 1; Titel geändert: 17.12.24 /

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*) Die "Ilias" des Homer hat man ja allemal Grund zu lieben. Jeder wird Achtung vor ihr entwickelt haben, der jemals auch nur flüchtig in Goethe's "Leiden des jungen Werther" hinein gesehen hat. In diesem Roman nämlich liest der junge Werther immer wieder in seinen freien, träumerischen Stunden in der "Ilias". Er kommt dadurch in jene Stimmung, von der auch dieser Roman von Goethe getragen gewesen ist. Liebenden wird es wohl in allen Zeiten gut getan haben und gut tun, in der "Ilias" zu lesen, auch wenn die Haupthandlung derselben nur von Krieg und Kriegslärm getragen ist. Aber all die vielen dichterischen Details, die gesamte dichterische Stimmung, die sich besonders in den stehenden Redewendungen wiederfindet wie in den "hellumschienten Achaiern", den "hauptumlockten Trojern", der "rosenfingrigen Eos", dem "erzumschirmten Hektor", der Geist dieser Dichtung, in der kein Beteiligter nicht in letzter Instanz edel, erhaben, groß, schön ist, in der alles, was geschieht, edel, mutig, tapfer, hinaufreißend ist, dieser Geist hebt den Leser so weit aus seiner eigenen Gegenwart heraus, daß die Ilias noch heute Einfluß nehmen kann auf die Ausgestaltung unserer Kultur. Wenn wir das wollen. Und womöglich wäre ähnliches von den orphischen Hymnen zu sagen.

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  1. Fragments from the Orphic Rhapsodies? Hitherto Unknown Hexameters in the Palimpsest Sin. ar. NF 66, Giulia Rossetto, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 219 (2021), 34–60 (Academia)
  2. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/verschollener-text-der-antike-entdeckt/, 17-09-2021
  3. https://www.oeaw.ac.at/detail/news/bislang-unbekannter-mythologischer-text-der-antike-entdeckt-1
  4. https://www.roger-pearse.com/weblog/2021/09/09/two-pages-of-lost-ancient-text-the-orphic-rhapsodies-found-in-sinai-palimpsest/
  5. https://wissen.newzs.de/geowissen/2021/09/09/bislang-unbekannter-mythologischer-text-der-antike-entdeckt/
  6. Aulich, Johanna Janina S.: Orphische Weltanschauung der Antike und ihr Erbe bei den Dichtern Nietzsche, Hölderlin, Novalis und Rilke. Diss. Simon Frazer University 1990; frei zugängliches pdf auf: https://core.ac.uk › download › pdf
  7. Die Hymnen des Orpheus, griechisch und deutsch. In dem Versmaße des Urtextes zum erstenmale ganz übersetzt von David Karl Philipp Dietsch. Bei I. I. Palm und Ernst Enke, Erlangen 1822,  https://books.google.de/books?id=DNi7U7bJDkIC
  8. Plaßmann, J. O.: Orpheus. Altgriechische Mysteriengesänge. Aus dem Urtext übertragen und erläutert. Diederichs, Jena 1928, S. IV; 2. Auflage: Diederichs, München 1992 (Scribd)
  9. Peter E. Nulton, The Three-Figured Reliefs: Copies or Neoattic Creations? In D.  B. Counts and A. S. Tuck (eds), Koine: Mediterranean Studies in Honor of R. Ross Holloway, pp. 30-34.  Oxbow Books, 2009 (Res,gate)
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