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Samstag, 23. November 2013

"Im ruhigen Ton der klassischen griechischen Tragödie ..."

In der antik-griechischen Kultur galt der Mord an Wehrlosen noch nicht per se als moralisch minderwertig

Woher kommt eigentlich der Gedanke, daß jenseits der Notwehr der Mord an anderen Menschen etwas per se moralisch Minderwertiges ist? Insbesondere auch der Mord an Mitgliedern anderer Ethnien und Religionsgesmeinschaften? Und insbesondere auch in Kriegszeiten? Dieser Gedanke ist weltgeschichtlich ein erstaunlich junger Gedanke. Er findet sich nicht nur nicht im blutrünstigen Alten Testament (und auch an vielen Stellen nicht im Neuen Testament), er findet sich auch nicht in der klassischen griechischen Kultur. Edward O. Wilson bringt in seinem neuesten Buch "Die soziale Eroberung der Erde" dafür ein eindrucksvolles, ja, ein geradezu erschütterndes Beispiel. Wie eine Kultur von - Philosophen, deren Gesandte quasi philosophisch argumentieren, eine benachbarte Stadt fast der gleichen Kultur grausam niedermetzelt und ausrottet. Wilson (1, S. 84f):

Thukydides berichtet, die Athener hätten das unabhängige Volk von Melos aufgefordert, im Peloponnesischen Krieg das Bündnis mit Sparta aufzukündigen und sich dem Attischen Seebund anzuschließen. Gesandte beider Städte diskutierten die Frage. Die Athener erklärten: "Doch das Mögliche der Überlegene durchsetzt, der Schwache hinnimmt." Die Melier erwiderten, sie würden sich niemals verskalven lassen und überließen sich der Gerechtigkeit der Götter. Daraufhin die Athener: "Wir glauben nämlich, vermutungsweise, daß das Göttliche, ganz gewiß aber, daß das Menschenwesen allezeit nach dem Zwang seiner Natur, soweit es Macht hat, herrscht. Wir haben dies Gesetz weder gegeben noch ein vorgegebenes zuerst befolgt, als gültig überkamen wir es, und zu ewiger Geltung werden wir es hinterlassen, und wenn wir uns daran halten, so wissen wir, daß auch ihr und jeder, der zu selben Macht wie wir gelangt, ebenso handeln würde. Vor den Göttern brauchen wir also darum nach der Wahrscheinlichkeit keinen Nachteil zu befürchten." Als die Melier sich weiterhin weigerten, rückten bald die attischen Streitkräfte an, um Melos gewaltsam zu erobern. Im ruhigen Ton der klassischen griechischen Tragödie berichtet Thukydides: "Die Athener richteten alle erwachsenen Melier hin, soweit sie in ihre Hand fielen, die Frauen und Kinder verkauften sie in die Sklaverei. Den Ort gründeten sie selbst neu, indem sie später 500 attische Bürger dort ansiedelten."

Was für ein Wahnsinn. So sagen wir aus heutiger Sicht. Ein wenig scheint den philosophisch gebildeten Athenern ihr Handeln auch der Rechtfertigung bedürftig zu sein. Ein wenig. Wenn es dann aber zum Handeln kommt, wird nicht mehr gezaudert und gezögert. Könnte man sich Sokrates unter den Soldaten der Athener vorstellen? Hat sich Sokrates über so etwas Gedanken gemacht?

Dieser kurze Bericht wirft einmal neu die Frage auf: Wo also stammt unsere heutige Moral der "Humanitas" eigentlich her? Wenn wir sie noch nicht einmal finden in der als über weite Strecken vorbildlich zu erachtenden, kulturell hochstehenden antik-griechischen Kultur? Gab es dafür Ansätze in der antiken Mittelmeerkultur? Ist wirklich die Bergpredigt des Neuen Testaments - und damit eine Geistestradition, die sicherlich auf wichtige Bestandteile des Buddhismus in Indien zurückgeht - der wesentlichste Ausgangspunkt gewesen für diese "Humanitas"?

Daß sich diese "Humanitas" dann mit Hilfe des Christentums erst auf merkwürdigen weltgeschichtlichen Umwegen Geltung verschafft - bis heute -, braucht ja nicht weiter erörtert zu werden. Es ging damit eine Heuchelei einher, die geradezu grenzenlos ist.

Aber schon im 18. Jahrhundert wurden wohl Soldaten, die Kriegsgefangene oder sonstige wehrlose Bevölkerung einfach niedermetzelten und mißhandelten, als minderwertig erachtet. Da bildete sich ein neuer Ethos der Ritterlichkeit und des "anständigen Soldaten" heraus. Ohne Frage. Ein Ethos, gegen den dann insbesondere im Zwanzigsten Jahrhundert in geradezu lächerlich umfangreicher Weise wieder verstoßen worden ist. Es stammt wohl aus dem Ethos des christlichen Ritters, des Schützers der Witwen und Waisen, des Rächers der Enterbten. Insgesamt scheint dabei doch der Geist des Christentums, der nicht der Geist des Alten Testaments ist, einen nicht unwesentlichen Zivilisationsbeitrag geleistet zu haben.

Aber den Einzelheiten wird bei Gelegenheit noch einmal genauer nachzugehen sein.

Abb 1: Krieger im Zweikampf, angefeuert von Athena und Hermes. Rotfigurige Vasenmalerei, um 530 v.C. Amphore im Louvre, Paris

Einerseits wäre zu sagen, daß es in der Zeit vor dem mörderischen Peloponnesischen Krieg durchaus Kräfte und Tendenzen gab, die diese Selbstzerfleischung der antik-griechischen Kultur als eine Gefahr sahen. So haben die Spartaner beispielsweise über viele Jahrzehnte hinweg ihre militärische Überlegenheit allen anderen grieichischen Stadtstaaten, ja, noch nicht einmal Persien gegenüber ausgespielt. Sie wurden diesbezüglich nicht zu "überschwenglich", wohl nicht zuletzt auch aus der Ahnung heraus, daß das langfristig keine guten Folgen haben könnte für das innergriechische politische Gleichgewicht. Und so verhielt sich auch der Stadtstaat Athen über lange Zeit hinweg.

Erst der Sieg der Athener bei Marathon und im Krieg gegen die Perser, die Verwirklichung der attischen Demokratie, der Aufschwung in Kunst, Dichtung und Philosophie in Athen bewirkten jene "Überschwenglichkeit" Athens auch auf politischem Gebiet, die das politische Gleichgewicht der Kultur der griechischen Stadtstaaten so nachhaltig aus dem Gleichgewicht brachten.

Einhegung menschlicher Gewalttätigkeit nach dem Dreißigjährigen Krieg

Doch erklärt das nicht das grundlegendere Problem, daß Mord an Kriegsgefangenen per se nicht als moralisch minderwertig erachtet worden ist. Die antik-griechische Kultur - wie überhaupt viele vormittelalterliche Kulturen in Europa und im Vorderen Orient -, so wird man womöglich mutmaßen können, lebten noch aus einem Geist seelischen Reichtums und seelischer Überschwänglichkeit heraus, bei dem es auf eine ausgerottete Stadt mehr oder weniger nicht ankam. Wobei auch der Erschütterung über den Untergang einer solchen Stadt oder eines ganzen Reiches, Volkes (siehe die "Ilias", siehe die Tragödie "Die Perser", oder siehe den "Sterbenden Gallier" etc.) ja keineswegs unbeachtet blieb. Sondern sogar Antrieb wurde zu weltgeschichtlich bedeutsamstem kulturellem Schaffen.

Aber zur Herausbildung der spezifisch modernen Humanitas wird beigetragen haben, daß die christlichen, abendländischen Völker und Kulturen aus einem solchen seelischen Reichtum, einer solchen seelischen Überschwänglichkeit, Überfluß heraus nicht mehr lebten. Und daß womöglich aus dieser allgemeinen seelischen Armut heraus das Bedürfnis als dringender empfunden worden ist- zumal etwa nach Ereignissen wie dem Dreißigjährigen Krieg - wenigstens im menschlichen Verhaltensbereich des Mordens und Tötens, des Völkermordes einem solchen disharmonischen Unfrieden nach und nach mehr Einhalt zu gebieten, diesen Verhaltensbereich "einzuhegen", "einzugrenzen", zu "zivilisieren". 

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  1. Wilson, Edward O.: Die soziale Eroberung der Erde: Eine biologische Geschichte des Menschen. C. H. Beck 2013
  2. Pinker, Steven: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit. Fischer, Frankfurt am Main 2011

Samstag, 14. Juli 2007

Bedenklich - Morde an Regime-Gegnern sind "bedenklich"

"Bedenklich" findet es die "FAZ", daß in Rußland reihenweise regimekritische Journalisten ermordet werden, ohne daß inzwischen auch nur einMord aufgeklärt worden wäre. (FAZ) "Bedenklich".

Ob wohl auch die Ehefrau von Alexander Litwinenko das "bedenklich" findet? Oder die Familie von Anna Politowskaja? - "Bedenklich". Hänge er sich dieses Wort über den Schreibtisch, Herr Werner Adam von der "FAZ".

Es gibt manche, die finden ganz anderes "bedenklich", als das, was der Herr Werner Adam von der "FAZ" bedenklich findet. Dazu gehören aber nicht westliche Geschäftsleute in Rußland. Sie sind noch wesentlich "unbedenklicher":
... Vor allem deutsche Unternehmer (sehen) in Putin einen entschlussfähigen Politiker, der für Stabilität und Ordnung in Russland eintrete. (...) Selbst russische Kritik an russischen Zuständen (wird) von westlichen Geschäftsleuten, von deutschen zumal, gewöhnlich als störend und lästig empfunden.
Auch das mögen sie sich über ihren Schreibtisch hängen: "störend" und "lästig" - also ermorden, all diese Störenfriede und Lästigen. Deutschland! Du bist so auf den Hund gekommen, daß Du es gar nicht mehr merkst, wie sehr du auf den Hund gekommen bist.

Zum Glück hast Du ja Herrn Schäuble, der das Recht auf Mord von Staats wegen an Regimegegnern auch gleich noch mit in die Verfassung aufnehmen will. - Ein einziges Irrenhaus.

Montag, 25. Juni 2007

Kann der Kampf selbst eine Religion sein?

"Früher war alles viel leichter" - Ein alter Kopfjäger erzählt ...

Lohang Hoto
Noch heute überkommt einen ein sehr sonderbares Gefühl, wenn man auf andere, sehr andere Kulturen und ihre sehr anderen Denkweisen und Gebräuche aufmerksam gemacht wird. Aber vielleicht kann man sich ja auch in einfachen, abgelegenen Kulturen über "thymotische Energien" informieren? Aglaja Stirn und Peter van Ham haben die Kopfjäger im Nordosten Indiens besucht, den Stamm der Naga (Wiki). Ihre Forschungen, die sie auch schon in Buchform und in Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht haben, kann man unglaublich spannend finden. Sie waren nach fünfzig Jahren die ersten Weißen, die diese Gebiete wieder bereisen durften. Und darüber berichten sie unter anderem (Paraplui, Winter 2001/2002):

... Einer dieser ehemaligen Kopfjäger ist Lohang Hoto (Bild rechts), ein 75 Jahre alter Mann mit warmherzigen, freundlichen Augen in seinem ledrigen Gesicht, der uns in einem grauen T-Shirt mit aufgedruckten Teddybären empfängt. Auf der Veranda seines Hauses bitten wir ihn, aus den Tagen der Kopfjagd zu berichten. Früher, so sagt er, sei alles viel leichter gewesen. Da habe es sie, die Nocte, gegeben, und ihre Feinde, die Wancho. Jedes Jahr zwischen Ernte und Aussaat haben die großen Baumstammtrommeln verkündet, daß nun die gefährliche Zeit beginne - die Zeit der Kopfjagd. Denn Köpfe seien wichtig gewesen: für die Fruchtbarkeit der Felder und die Fruchtbarkeit des Dorfes. Man sei ausgezogen mit den anderen Jungen aus dem Junggesellenhaus und habe seinen Mut unter Beweis gestellt, indem man der Forderung nach Steigerung der Fruchtbarkeit nachkam und die Wancho überfiel. Zusammen habe man die Feinde geköpft, sei nach Hause geeilt, um dem Häuptling die Trophäen zu übergeben, und dieser habe dann mit dem Ältestenrat die Belohnungen festgelegt: spezielle Stoffe und Amulette, Erlaubnis zur Hausdekoration, Heiratsbewilligung, Tätowierung!
Auch er, Lohang Hoto, habe sein Tattoo erhalten: für den Kopf, den er dem Häuptling zu Füßen gelegt habe, die kunstvollen Linienanordnungen auf der Brust und dafür, daß auch sein Speer sich in das Blut eines von anderen erlegten Feindes gesenkt habe, die Querstreifen am Oberarm. Da springt Lohang plötzlich auf, schwingt den dao, seinen Kopfjägerdolch und fällt in einen eigentümlichen Singsang. Lohang singt von den ruhmreichen Zeiten, von Mut und Stärke, von der Feigheit der Wancho, vom Abtrennen des Kopfes, von der Kraft, mit der er nach der Jagd die Frauen beglückt habe. Doch dann bricht der Alte plötzlich ab und setzt sich wieder. Das Lied ist auf den Vorgang der Tätowierung zu sprechen gekommen. Wir fragen Lohang nach dem Grund für sein Verstummen. Nun, antwortet er traurig, kurz nach seiner erfolgreichen ersten Jagd, seien die Engländer mit ihren Waffen gekommen und hätten die Kopfjagd unter Androhung von schweren Strafen verboten. Da es ihm fortan nie mehr vergönnt gewesen sei, einen zweiten Kopf zu erbeuten, habe er auch nie seine Tätowierung vervollständigen dürfen. Und so habe er sein Leben halbnackt fristen müssen -- nicht mehr ganz Tier aber auch noch nicht ganz Mensch, sagt er und weist damit auf die zentrale Rolle der Tätowierung in seinem Volk hin: Tätowierung ist Kulturgut. Sie steht als unmittelbares Zeichen dafür, daß er, Lohang Hoto, mit seinem Akt der Kopfjagd die Fruchtbarkeit seines Volkes gemehrt hat, daß er dazu beigetragen hat, daß seinem Volk Wohlstand zuteil wurde -- Wohlstand, der nur aus guten Ernten entsteht und den Frauen seines Volkes das Weben neuer Stoffe ermöglicht, den Männern das Schnitzen neuer Skulpturen, das Gießen neuer Amulette, das Errichten neuer Gedenksteine... Und diese Fähigkeit, Kultur zu schaffen unterscheidet den Mensch vom kulturlosen Tier.

Wer m wäre diese gewisse Wehmut des Erzählers beim Lesen dieser Erzählung nicht zugänglich? "Früher war alles viel leichter: Es gab die Nocte und ihre Feinde. ..." Ach ja, früher! Man weiß schon: "früher". Kopf ab und alles war gut.

Aber interessant erscheint auch folgendes: Offenbar gibt es bei diesen Stämmen auch die Fähigkeit, ihre eigene Kultur produktiv weiterzuentwickeln und an die modernen Moralvorstellungen anzupassen, ohne dabei ihre eigene Kultur aufzugeben:

Obwohl die Kopfjagd heutzutage offiziell untersagt ist, praktizieren Wancho wie Konyak-Naga sie immer noch -- allerdings nur noch in symbolischer Weise. Will ein Wancho-Jüngling heiraten, verstecken seine Stammesangehörigen eine hölzerne Figur auf dem Territorium eines verfeindeten Nachbarn. Der jugendliche Krieger zieht mit seinem Gefolge los, jagt und erlegt den "Feind" und bringt den Kopf als Trophäe heim. Manchmal wird es auch als ausreichend angesehen, Gras oder Büsche von einem feindlichen Territorium mitzubringen -- wobei das Gras die Haare des Feindes symbolisiert. Nun kann sich der erfolgreiche "Kopfjäger" dem Tätowierungsritus unterziehen, der ihn fortan als Mann auszeichnet und ohne den es unmöglich ist, zu heiraten. ...

Ach, ja: "früher" !!! ....

Der Kampf ist Religion

Diese kurze Erzählung des Lohang Hoto läßt einen nicht los. Deshalb noch ein Gedanke: Zwischen Religiosität und "thymotischen Energien" können offenbar die vielfältigsten Beziehungen bestehen. Peter Sloterdijk hat da möglicherweise erst die Spitze eines Eisberges entdeckt. Wenn Religionswissenschaftler Michael Blume sagt (oder vermutet): Die Männer, die die religiösesten waren, hatten - auch bei Jäger/Sammler-Völkern - die meisten Kinder, so kann das vielleicht erweitert werden zu dem Satz: Für viele Stämme und Völker gilt sicherlich: Wenn ihre Religion der Kampf war, dann ganz sicher.

Man denke doch nur an die Yanömamö im südamerikanischen Regenwald, die - offenbar - hochgradig ADHS-veranlagt sind, und für die die Korrelation von "Kampfestüchtigkeit" und Kinderreichtum von der soziobiologischen Forschung ja schon aufgezeigt worden ist.

Und wie nähme sich in diesem Umfeld die Religiosität der modernen Weltreligionen aus? Lehren sie doch bemerkenswerterweise alle vor allem eines: die Friedfertigkeit. Der Buddhismus ebenso wie das Christentum.

Freitag, 15. Juni 2007

Gerhard Schröder und Prostituierte

Kleine Meldung zum Ansehen unseres "allseits beliebten" Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder in den USA:
»Die Prostituierten in meinem Wahlbezirk wären beleidigt.«

Tom Lantos, US-Demokrat, darüber, warum er Gerhard Schroeder aufgrund seiner Beziehungen zu Putin doch nicht als »politische Prostituierte« bezeichnet.
(Quelle: "Zeit"-Newsletter, 13.6.07)

Sonntag, 27. Mai 2007

Unkritische Berichterstattung im "Spiegel"

Spiegel TV hat eine neue, umglaublich emotionale Dokumentation ins Netz gestellt, in der - höchstwahrscheinlich - - - ein Kriegsverbrecher gefeiert wird. (Spiegel) Die Sprecherin beginnt mit den Worten "Heimkehr eines amerikanischen Helden". Im Verlauf der kleinen Sendung stellt sich heraus, daß es sich um einen am 13. April 1945 bei der Stadt Leipzig von der deutschen Flugabwehr abgeschossenen amerikanischen Jagdbomberpiloten handelt, der im Krieg 33 Einsätze geflogen hat, sicherlich auch als Begleitschutz von Bomberflotten. Und diese amerikanischen Bomberflotten hatten den Auftrag, unterschiedslos die Wohngebiete von Frauen und Kindern, alten Menschen in Feuerhöllen zu verwandeln. - Kein Wort davon in diesem Film und dazugehörigen Artikel, ganz im Gegenteil, es ist die Rede von der "Heimkehr eines amerikanischen Helden", "eines Soldaten, der für die Freiheit kämpfte". Das ist zu undifferenziert. Man muß ihn nicht in die Hölle verdammen, aber ihn kritiklos als "Helden" zu feiern, das geht gewiß auch nicht. Diese Jagdbomber waren in jenen Tagen dafür bekannt, daß sie auf jedes sich bewegende menschliche Wesen, das auf freiem Feld unterwegs war, "Jagd" machten. Nein, "Spiegel TV", so klischeehaft Schwarz-Weiß-Malerei betreiben, das geht nicht.

Donnerstag, 24. Mai 2007

"Auf's Schärfste klar gemacht ..."

Der Mord an Alexander Litwinenko war - wieder einmal - keine harmlose Angelegenheit, die da mit (?) und unter dem Regime des "lupenreinen Demokraten" Putin gelaufen ist. Daß diesem Herrn Putin westliche Staatsmänner und -frauen noch die Hand reichen, der die Zivilbevölkerung von Grosny bombardieren ließ, sagt viel, wenn nicht alles. Aber die Sprache der britischen Regierung liegt wenigstens im Tonfall einigermaßen richtig (Zeit) - doch ob so eine Sprache nützt, wenn man im nächsten Augenblick schon wieder Hände schüttelt?

Der frühere KGB-Agent Andrej Lugowoi soll in Großbritannien des Mordes an dem früheren russischen Spion Alexander Litwinenko angeklagt werden. Die vorliegenden Beweise reichten dafür aus, erklärte der Chef der Londoner Staatsanwaltschaft, Ken Macdonald, am Dienstag. Demnach habe Lugowoi Litwinenko absichtlich vergiftet.

Macdonald sagte, Großbritannien verlange von Russland Lugowois Auslieferung. Die russische Generalstaatsanwaltschaft erteilte dem aber unverzüglich eine Absage: Die russische Verfassung verbietet die Auslieferung russischer Bürger.

Die britische Außenministerin Margaret Beckett forderte von Russland eine umfassende Unterstützung. "Dies war ein schweres Verbrechen", erklärte sie. Großbritannien erwarte "die vollständige Zusammenarbeit" der russischen Behörden. "Diese Punkte haben wir dem russischen Botschafter aufs Schärfste klar gemacht, als wir ihn heute in das Außenministerium einbestellten."

Dienstag, 27. März 2007

Steven Pinker, "The New Republic" und die Gewalt in der Menschheitsgeschichte

Steven Pinker, von dem für September eine Buchneuerscheinung angekündigt ist, ist Stammautor des amerikanischen "neoliberalen" Magazins "The New Republic", vormals "das" "Flagschiff" der amerikanischen Linken.

Zunächst einmal zu dieser Zeitschrift, denn ihre Geschichte ist, wie man bei Wikipedia sehen kann, auch interessant. Sie wurde unter anderem von Walter Lippmann begründet, jenem einflußreichen amerikanischen Journalisten und Präsidenten-Berater, der kurz nach dem Ersten Weltkrieg die erste Theorie über "Öffentliche Meinung" veröffentlichte (sehr geschätzt von der deutschen Erforscherin der Gesetze der öffentlichen Meinung, Elisabeth Noelle-Neumann, z.B. in ihrem Buch "Die Schweigespirale"). Durch seine Veröffentlichungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte Walter Lippmann auf, daß er die Gesetze der Formung öffentlicher Meinung (z.B. durch "Stereotypen-Bildung" und vieles andere) hervorragend beherrschte und diese Fähigkeit auch dazu benutzte, nun selbst amerikanische Führungskreise und die Öffentlichkeit auf jene merkwürdige bipolare Weltordnung vorzubereiten, die spätestens seit 1941 Teil der Kriegsziele der westlichen Demokratien gewesen ist. (Das entscheidende Merkmal dieser Kriegsziele war die "Bolschewisierung Ostdeutschlands und Osteuropas" bis zur Elbe. Falls sich herausstellen sollte, daß dies tatsächlich das Kriegsziel der westlichen Demokratien seit 1941 gewesen ist, wäre alles Gerede über eine "Zweite Front" auf dem Balkan, wie sie Churchill angeblich favorisiert hatte, um der Sowjetunion in Osteuropa zuvorzukommen, Kriegs- und Nachkriegspropaganda gewesen. Und genau dies ist auch die These einer Doktorarbeit von Peter Böttger ["Winston Churchill und die Zweite Front", Peter Lang 1984].) Jedenfalls: Die Vorbereitung der westlichen Welt auf die bipolare Weltordnung und die Popularisierung des neuen Denkens in solchen Kategorien ("Stereotypen") unternahm Walter Lippmann insbesondere in seinen Schriften "U.S. War Aims" (1944) und "Der Kalte Krieg"(1947). Wie konsterniert britische Linke auf die flüssig wechselnden Allianzen solcher "Weltordnungen" reagieren konnten, kann man ja geradezu klassisch in dem 1948 veröffentlichten Roman "1984" nachlesen, der kein Zukunftsroman ist, sondern die britische Kriegs- und Nachkriegserfahrung von George Orwell widerspiegelt, der in einer solchen Welt bewußt nicht weiterleben wollte.

Da der heutige Herausgeber des
"New Republic", Martin Peretz, seit einigen Jahrzehnten sehr prononciert Israel, den Zionismus und den amerikanischen Interventionismus weltweit unterstützt, gilt die Zeitschrift "New Republic" heute vielen amerikanischen Linken als neokonservativ. (Noch mancherlei anderes Erhellendes zum "New Republic" findet man auf Wikipedia deutsch und englisch.)

Doch zurück zu Steven Pinker. - Schon im Juni letzten Jahres veröffentlichte Steven Pinker im "New Republic" seinen wichtigen Aufsatz "Groups and Genes" über die Evolution des hohen aschkenasischen Intelligenz-Quotienten. Und schon im "Weltfragezentrum" von "The Edge" hatte er Anfang dieses Jahres seine These zum Rückgang der physischen Gewalt in der Menschheitsgeschichte vertreten. In seinem neuen "New Republic"-Aufsatz "A History of Violence" erläutert er diese These nun noch einmal. (hier oder hier)

Es scheint - obwohl man es noch nirgends ausdrücklich gelesen hat -, als ob Steven Pinker einen Zusammenhang sieht zwischen dem Rückgang physischer Gewalt in der Menschheits-Geschichte und der parallelen IQ-Evolution. Jedenfalls kommt einem dieser Gedanke, daß eine solche These naheliegend sein könnte. Um so weniger man nämlich in zwischenmenschlichen Beziehungen und in Beziehungen zwischen menschlichen Gruppen aufgrund von "Zivilisations-Prozessen" mit "roher Gewalt" ausrichten kann, um so mehr muß man seinen "Grips" anstrengen, um so intelligenter und klüger muß man mit zwischenmenschlichen Einzel- und Gruppenbeziehungen umgehen. Und das könnte die IQ-Evolution gefördert haben.

Zu dieser IQ-Evolution würde dann ganz besonders passen, daß man sich selbst und seine Gruppe befähigt, die öffentliche Meinung von Gesellschaften zu beeinflussen, was ja auch Kevin MacDonald in "The Culture of Critique" klar herausarbeitet.
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