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Dienstag, 5. August 2008

Beeinflussen Krankheitsgefahren die Gruppen- und Religionspsychologie?

Neue Forschungsansätze aus der Soziobiologie

Die amerikanischen Biologen Corey L. Fincher und Randy Thornhill haben eine neue These zur Evolution menschlicher Sprach- und Religionsgemeinschaften erarbeitet. Da über diese These zumeist im Zusammenhang mit dem Schlagwort "Parasitenbefall" berichtet wurde, haben das viele Leser womöglich ein wenig zu abwegig gefunden, um weiterzulesen.

Abb.: Kranker Mensch - Gemälde von Ferdinand Hodler, Juni 1914 (Wiki)

Aber die These ist letztlich viel allgemeiner, so wird es deutlich wird, wenn man sich die Originalartikel anschaut (Oikos, Proc. Roy. Soc. B, Proc. Roy. Soc. B).

Der Ausgangspunkt ist lokale genetische Humanevolution, zunächst bei der Krankheitsabwehr des Menschen. Für solche lokale genetische Humanevolution haben ja die Genetiker in den letzten Jahren eine Fülle von neuen Hinweisen gefunden. ("Studium generale" berichtete häufig darüber.) Es handelt sich hier um sehr allgemeine Erkenntnisse und Konzepte, die weit über lokal unterschiedlichen Parasitenbefall und genetische, psychologische und kulturelle Anpassung an diesen auf Gruppenebene hinausgehen.

Jüngste, lokale Humanevolution aus der Sicht der traditionellen Soziobiologie

Soweit übersehbar sind das zwei erste Studien von Seiten der "traditionellen" Evolutionären Psychologie (bzw. der Soziobiologie), die konkreter alle die neuen Erkenntnisse in der Humangenetik der letzten zwei, drei Jahre zu jüngster, lokaler Humanevolution aufnehmen - oder sich doch sehr konkret auf theoretischer Ebene an sie annähern. Allein aufgrund dieses allgemeinen theoretischen Ansatzes verdienen die beiden Studien von Fincher und Thornhill Beachtung, auch wenn der in diesen Studien erörterte Ansatz selbst noch nicht für sich verbürgen sollte, daß man gleich im ersten Schritt schon zu sehr gut verallgemeinerbaren Ergebnissen kommt.

Anpassung an unterschiedlichen Krankheitsgefahren ist sicherlich ein Aspekt von menschlichem Gruppenverhalten. Aber sicherlich auch nicht der einzige. Der Denkansatz selbst ist jedoch so grundlegend, daß er sehr leicht erweiterungsfähig sein wird in viele Richtungen. Das mag spürbar werden, wenn nur allein einige Stichworte genannt werden aus dem zweiten Originalartikel: "locally adaptive immunity", "spacial variance in the immunbiology", was beides sowohl auf genetischer, wie psychologischer wie kultureller Ebene Auswirkungen hat, nämlich in Richtung von: "philopatry" (Heimatliebe), "ethnocentrism", "xenophobia", "collectivism", "individualism", "average coefficient of relatedness of ego's interactions over the lifetime", "flow of ideas and values", "markers of commitment", "ethnic code as a honest signal" (der "ethnische Code als ein ehrliches Signal") und so weiter und so fort.

Wie man in der Wissenschaftsberichterstattung und in der Blogszene sehen kann, sind das Studien, die beispielsweise Sprachwissenschaftler gleichermaßen interessieren wie Religionswissenschaftler. Auch dieser Umstand deutet darauf hin, daß man es hier mit einem sehr grundlegenden Denk- und Forschungsansatz zu tun hat. Die Berichte und Blog-Stellungnahmen (hier eine Auswahl: Spektr. d. Wiss., BdW, ORF, Kath.net, Spiegel, Tagesspiegel, New Scientist, Science, Telegraph, Homo economicus' Weblog, Bad Idea, Bremer Sprachblog) sind, wenn man sie mit den Originalartikeln vergleicht, oft noch viel zu oberflächlich und undifferenziert. "Studium generale" wird deshalb versuchen, auf diese Studien noch einmal differenzierter zurückzukommen.

Auszüge aus der Wissenschafts-Berichterstattung 

Hier zunächst nur einige wertvollere Auszüge aus der Berichterstattung. Der ORF schreibt:

Überprüft wurde diese These erstmals in den 1970er Jahren, als Forscher verschiedene Pavianpopulationen untersuchten. Es zeigte sich, dass in der afrikanischen Savanne die Affen von ähnlichen Bakterien befallen waren und in regem Austausch miteinander standen. In den Regenwäldern hingegen unterschied sich der Bakterienbefall zwischen den Populationen stark und die Paviane interagierten weit weniger. Die verschiedenen Parasiten, so lautete der Schluss, sind eine treibende Kraft der Evolution. Corey Fincher und Randy Thornhill meinen, daß dies auf für die Menschen gilt. (...) Wie sie in ihrer Studie schreiben, gab es überall eine strenge Korrelation zwischen diesen beiden Größen: Je mehr Sprachen es in einem Gebiet gibt, desto unterschiedlicher sind auch die Krankheitserreger, die die verschiedenen Menschengruppen tragen.
Und:
"Individuen müssen Kosten und Nutzen beim Kontakt mit Artgenossen abwägen", meinte Fincher gegenüber dem Online-Dienst des "New Scientist". Zu den Kosten zähle die Gefahr, sich mit Krankheitserregern eines fremden Individuums anzustecken, an die das eigene Immunsystem nicht angepaßt ist. Ist diese Gefahr hoch, wird der Kontakt eingeschränkt.
Man meidet also Gruppenfremde, um etwaige Ansteckungen zu vermeiden. Dazu paßt ein früheres Forschungsergebnis, nach dem vor allem schwangere Frauen stärker zwischen Gruppenfremden und Gruppenzugehörigen unterscheiden, da sie gesundheitlich besonders gefährdet sind (EHB 2007). Weiter:
Hintergrund der Studie ist ein bekanntes Phänomen der Ökologie: Die Artenvielfalt ist rund um den Äquator, in den Tropen und Subtropen, am größten, die Regenwälder sind jene Regionen mit der höchsten Artendichte und -vielfalt. Je näher man zu den Polen kommt, desto geringer ist die Biodiversität.

Aber die Forscher ziehen noch viele weitere Implikationen aus ihren Studien. Nicht nur die Größe, sondern auch die Art der Sprach- und Religionsgemeinschaften sei durch die Häufigkeit unterschiedlichen Parasitenbefalls bedingt. Hier geht es um den Unterschied zwischen mehr kollektivistischen oder mehr individualistischen Gesellschaften. Vor zwei Jahren hat der ORF schon über eine ähnliche Studie zu Parasiten berichtet (ORF, Proc. Royal Soc.). Hier wurde behauptet, daß der höhere Befall mit einer Parasitenart in Brasilien zu höheren Ängstlichkeits- und Neurotizismus-Raten, sowie zu höherer Betonung von Männlichkeit führe:

... Könnten gewisse Charakteristika nationaler Kulturen auf den Einfluß eines Parasiten zurückzuführen sein? Für die Hypothese spricht, daß der Infektionsgrad mit T. gondii regional sehr unterschiedlich ist. In Großbritannien und Norwegen liegt er bei sieben bzw. neun Prozent, in Brasilien und dem Balkan sind hingegen zwei Drittel der Bevölkerung infiziert.
Eine statistische Analyse von Lafferty zeigt indes, daß tatsächlich ein Zusammenhang zwischen der Verbreitung des Parasiten und gewissen Persönlichkeitsfaktoren besteht: Gesellschaften, die eine hohen Anteil Infizierter aufweisen, erreichen auch höhere Werte bei Persönlichkeitstests bezüglich Neurotizismus. Zusammenhänge, wenn auch weniger ausgeprägt, gibt es außerdem bei zwei Faktoren, die vom Niederländer Geert Hofstede eingeführt wurden, um das gesellschaftliche Klima in Kulturgruppen zu charakterisieren: Gesellschaften mit vielen Infizierten weisen eine tendenziell geringere Risikobereitschaft (bzw. höhere "uncertainty avoidance") auf und orientieren sich daher vermehrt an vorgegebenen Regeln. Und sie sind, in der Terminologie von Hofstede, eher "maskulin" - d.h., sie halten eher an traditionellen Geschlechterrollen fest.

Detaillierteres zu diesen Dingen noch einmal in einem weiteren Beitrag.

ResearchBlogging.org

/ leicht überarbeitet: 10.3.2021 /

_______________
  1. Corey L. Fincher, Randy Thornhill (2008). Assortative sociality, limited dispersal, infectious disease and the genesis of the global pattern of religion diversity Proceedings of the Royal Society B: Biological Sciences, -1 (-1), -1--1 DOI: 10.1098/rspb.2008.0688

Dienstag, 30. Oktober 2007

Die "Eindimonsionalität" der Muttersprache ERLEICHTERT offenbar das Wahrnehmen von Welt

Das prägungsähnliche Lernen der Muttersprache beim Menschen ist ein sehr geheimnisvolles Phänomen. Während Eckart Voland in seinem neuesten Buch gerade erst ausgeführt hatte, daß eine derartige Prägung oftmals eine Einschränkung in den zuvor noch umfangreicher vorhandenen Möglichkeiten der Weltwahrnehmung bedeutet (siehe Beitrag vor einigen Tagen), macht eine neue Studie (New Scientist) darauf aufmerksam, daß zweisprachig aufgezogene Kinder erst drei Monate nach einsprachig aufgezogenen Kindern die Unterscheidung von bestimmten Lauten lernen, nämlich erst im 20., nicht schon im 17. Lebensmonat.

Daraus würde zu schlußfolgern sein: "Eindimensionales" Erwerben von Muttersprache erleichtert offenbar das Wahrnehmen von Welt, während "mehrdimensionales" (gleichzeitiges) Lernen das Wahrnehmen von Welt "verkompliziert". - Ist das richtig interpretiert? Dient Muttersprache dazu, das Wahrnehmen der Umwelt zu erleichern? Wer könnte schon von sich behaupten, er habe wirklich verstanden, was das eigentlich ist: prägungsähnliches Lernen. Und "wozu" es eigentlich - ultimat und/oder proximat - entstanden ist!

Sonntag, 21. Oktober 2007

Menschliche kulturelle Vielfalt in Gefahr

Die kulturelle Vielfalt der Menschheit nimmt drastisch ab, weil die Sprachen vieler kleiner Völker und Volksstämme aussterben und mit ihnen ein einzigartiger, nie mehr zu konstruierender Blick auf die Welt, bzw. Wissen über die Welt. ("National Geographic")
The research has revealed five hotspots where languages are vanishing most rapidly: eastern Siberia, northern Australia, central South America, Oklahoma, and the U.S. Pacific Northwest.
Bildunterschrift in "National Geographic": Among the world's disappearing tongues is northern Australia's Magati Ke—still spoken by "Old Man" Patrick Nanudjul (far left), who is in his 70s.

Freitag, 28. September 2007

Neues zur genetischen Geschichte der Klicksprachenvölker in Südafrika

Die wenigen heutigen Völker in Südafrika, die noch eine Klicksprache sprechen, sprechen höchstwahrscheinlich die älteste Sprache der Menschheit, da diese Völker und Stämme (Buschleute und andere) auch genetisch an der Wurzel des Stammbaumes der Menschenvölker stehen. Es war bis heute aber noch nicht klar, warum die verschiedenen südafrikanischen Klicksprachen-Stämme heute so weit voneinander entfernt leben und untereinander jeweils ganz unterschiedliche Sprachen sprechen.

Bekannt ist, daß sich zwischen ihnen vor etwa 2.000 Jahren aus dem Norden zugewanderte Bantu-sprechende Rinderzüchter ansiedelten und sich mit ihnen - oft - vermischten. Das sind also jene Schwarzafrikaner, deren Nachkommen heute die Bevölkerungsmehrheit in Südafrika darstellen, und deren Vorfahren ursprünglich aus Westafrika stammten. Ihnen gegenüber sind die Buschleute viel hellhäutiger und kleinwüchsiger.

Nach neuen genetischen Untersuchungen (Dienekes) haben sich die heute noch lebenden Klicksprachen-Völker in Süd- und Ostafrika genetisch schon vor 35.000 bzw. 15.000 Jahren getrennt. Zu ihnen gehören die Sandawe, nur die 150 Kilometer von den Hadza entfernt leben (beide in Tansania), die beide als einzige in Ostafrika zu den Klicksprachen-Völkern gehören. Nun haben sich die Sandawe schon vor 35.000 Jahren genetisch von den südafrikanischen Buschleuten getrennt aber überraschenderweise auch schon vor 15.000 Jahren von den ganz benachbart lebenden Hadza.

Sonntag, 24. Juni 2007

Plastikwörter - Die Sprache einer internationalen Diktatur

Aus einer Rede, die am Donnerstag vor dem deutschen Bundestag gehalten wurde (Welt), sei das folgende zitiert. Man sollte hoffen, daß wenigstens einige Politiker mit dieser Rede etwas haben anfangen können. (Hoffen darf man immer - man braucht es aber nicht zu glauben ...):

"Was würdest du als erstes tun, wenn man dich mit den Regierungsgeschäften beauftragen würde?", wurde einmal Konfuzius gefragt. Die Antwort lautete folgendermaßen: "Das Wesentliche ist, die Dinge korrekt zu benennen. Wenn die Bezeichnungen nicht korrekt sind, passen die Wörter nicht mehr. Wenn die Wörter nicht mehr passen, gehen die Staatsgeschäfte schlecht. Wenn die Staatsgeschäfte schlecht gehen, können auch Rituale und Musik nicht gedeihen. Wenn Rituale und Musik nicht gedeihen können, sind Urteile und Strafen nicht länger gerecht. Wenn Urteile nicht mehr gerecht sind, weiß das Volk nicht mehr, wie es sich verhalten soll."...

Die Tugenden und die ausstrahlende Macht der Sprache haben jedoch auch eine Kehrseite der Medaille, und diese resultiert aus rhetorischem Missbrauch, ideologischer Missbildung, lexikaler Armut, grammatikalischem Primitivismus, schlechtem Geschmack und Falschheit. (...) Wir sprechen über brain-washing, Manipulation und psychischen Terror. Für jemand, der wie ich aus dem europäischen Osten kommt, heißt all dies "hölzerne Sprache". ... Die hölzerne Sprache ist ein Gemisch aus Armut und Redseligkeit.

Ich möchte hier dem ehemaligen rumänischen Außenminister, der diese wesentliche Rede gehalten hat, den Vorschlag machen, daß wir auf Deutsch nicht - wie er - von "hölzerner Sprache" sprechen, sondern von "holzschnittartiger Sprache". Das ist es nämlich genau, was in ideologisch geformten Sprachen geschieht: die vielen wesentlichen Details, die Schattierungen, die exakte Kennzeichnung des Individuellen, Persönlichen in der Wirklichkeit geht verloren. Das Bild, das gezeichnet wird, wird "holzschnitt-artig". Walter Lippmann spricht in seinem wichtigen Buch "Öffentliche Meinung" von "Stereotypisierung".

"Die holzschnittartige Sprache der westeuropäischen intellektuellen Linken"

Doch nun weiter Andrei Plesu:

Eine Statistik belegt, dass die Sprache der sowjetischen Presse, die zur Erziehung des "neuen Menschen" berufen war, nur 1500 von insgesamt 220.000 im Wörterbuch der russischen Sprache verzeichneten Wörtern verwendete. ...Wir finden äquivalente Missbildungen im Nazi-Diskurs, im kommunistischen Diskurs und, bis zu einem Punkt, in einer gewissen Demagogie der Französischen Revolution. Es gibt eine Holzsprache des Maoismus, eine der westeuropäischen intellektuellen Linken und eine der rechtsextremen Xenophobien. Mit dem von den beiden großen Totalitarismen des vergangenen Jahrhunderts hervorgerufenen linguistischen Desaster lässt sich sicherlich nichts vergleichen. Es schadet aber nicht, besondere Vorsicht walten zu lassen bei den bereits "holzigen" Komponenten des EU-Diskurses (Integration, Triumphalismus, Anti-Amerikanismus), des "liberalen Fundamentalismus" - wie John Gray ihn nennt - der Säkularisation, des missionarischen amerikanischen Ethizismus, des Ökologismus, des Macho-Konservatismus und der Homo-Emanzipation.

Und auch das sind schöne Worte:

Mir bleibt jetzt nichts anderes mehr übrig, als Sie zu warnen, dass jedes Mal, wenn Sie Scheu oder "political correctness"-Skrupel dazu bewegen, nicht Deutsch zu sprechen, Ihr Teil des Himmels unerforscht bleibt und Ihr Engel melancholisch wird.

So also der ehemalige Außenminister Rumäniens Andrei Plesu am Donnerstag vor dem deutschen Bundestag.

Weiterführender Literaturhinweis:

"Plastikwörter - Die Sprache einer internationalen Diktatur" von Uwe Pörksen (Klett-Cotta, 6. Aufl. 2004) (Amazon).

Dienstag, 12. Juni 2007

"Spannender als die Papstwahl" - Ein Kleinod wurde gewählt

Der Wettbewerb "Das bedrohte Wort"

In seinem jüngsten Rundbrief (nicht: Newsletter!) schreibt Richard Zinken von "Spektrum der Wissenschaft":
Liebe Leserin, lieber Leser,

Kleinod...
Welch wundervolles Wort. Und zu Recht Sieger im Wettbewerb "Das bedrohte Wort". Sicher werde ich mein Möglichstes tun, sein Verschwinden zu verhindern. ...
Hm! Das klingt ja spannend. Gleich mal recherchieren (Bedrohte-Woerter.de, Spiegel, Wikipedia 1, 2).
Folgende Wörter prämierte die Jury:

Platz 1: Kleinod
Platz 2: blümerant
Platz 3: Dreikäsehoch
Platz 4: Labsal
Platz 5: bauchpinseln
Platz 6: Augenstern
Platz 7: fernmündlich
Platz 8: Lichtspielhaus
Platz 9: hold
Platz 10: Schlüpfer
Nun gut, warum unter mehr als 2.000 verschiedenen eingereichten Worten der Schlüpfer ausgerechnet noch Platz 10 erreichen muß, bleibe dahingestellt. Ist der Jury wohl "hindurchgeschlüpft". Aber sonst: eine tolle Idee. Ich glaube, ich werde dann künftig auch mal wieder Dinge fernmündlich klären. Und mein Augenstern, wo ist er? Na, lassen wir das Thema. Aber das Lichtspielhaus: wunderbar!!! Holde Frauen wird man dort zu sehen bekommen. Aber manchmal auch weniger holde. Denn hier soll ja niemand gebauchpinselt werden. Obwohl: Ein Labsal wäre das schon, wenn so ein Dreikäsehoch anfängt blümerant daherzureden. Manchmal sind so kleine Dreikäsehochs auch die Kleinode der Schöpfung. Nur der Schlüpfer wie gesagt. Aber lassen wir das ...
Die Worte, die am häufigsten eingereicht wurden: Backfisch (35 Nennungen), hanebüchen (28), Sommerfrische (20), blümerant (16), Pfennigfuchser (15).
- Und was lernen wir daraus über die deutsche Volksseele? - Alles hanebüchen!!!!

Ich werde dann fürderhin mal öfter wieder versuchen, Begriffe zu gebrauchen wie Anmut, danke (!!! - grins), Demut, Kinkerlitzchen, Kokolores, Muckefuck, Münzfernsprecher (!!!), nichtsdestoweniger, sintemalen, Techtelmechtel ...

Die preußischen Damen der alten Zeiten
... Der Jury-Vorsitzende wird mehrfach überstimmt, allmählich zeichnet sich ein Ergebnis ab. Ein Juror bringt die Stimmung auf den Punkt: "Es ist spannender als die Papstwahl." Am Ende steigt zwar kein weißer Rauch auf. Doch das Wort auf Platz eins ist konsensfähig. Es lautet Kleinod. Warum? ...
Ja, Ritter, Mittelalter und so.
Auf den zweiten Platz wählt die Jury das alte Adjektiv blümerant. (...) Es leitet sich vom Französischen "bleu-mourant" her und bedeutet wörtlich übersetzt "sterbendes Blau". Friedrich II. ließ sein Porzellan in diesem Pastellblau bemalen. Hugenottische Einwanderer hatten das Wort nach Preußen mitgebracht. Wenn in jener Zeit eine Dame im zu eng geschnürten Korsett in Ohnmacht fiel, so wurde ihr nicht schwarz, sondern blassblau vor Augen. "Mir wird janz blümerant" hieß es dann. "Das sterbende Blau ist eine sehr noble Begründung um zu sagen: Mir schwinden die Sinne!".
Und ich dachte, blümerant heißt geschwollen, blumig. Nein, in meinem Duden steht: schwindlig, flau. Hm! Das hat man von diesen Fremdworten. - Ach, die preußischen Damen der alten Zeiten ...

Na gut, so kann man mich auch für den 10. Platz überzeugen:
Das als String, Tanga oder Boxershorts entfremdete und sprachlich wie symbolisch oftmals überhöhte Kleidungsstück, wird mit dem alten Wort Schlüpfer gewissermaßen geerdet. (...) Eine Jurorin lobt sogar die erotische Qualität des Wortes. Überzeugend in jedem Fall die Begründung der Einsenderin aus Sarstedt: "Das Wort passt so schön zu Büstenhalter."
Naja. Schlüpfrig bleibt's in jedem Fall. In Preußens alten Tagen hätte man solche Worte nicht prämiert! Da wäre verschiedenen Leuten ganz blümerant zu Mute geworden.

Sonntag, 3. Juni 2007

Keine Forschungsgelder für die Erforschung lokaler Sprach-Gen-Ko-Evolution

Die inzwischen erschienene Literatur zu den genannten Forschungen über die Evolution nicht-tonaler Sprachen (Stud. gen.) enthält noch mancherlei spannende Details. Im National Geographic erklärt Robert Ladd kurz und knapp wie er auf die Hypothese kam:
"I looked at maps of the distributions of the old and new versions of the genes," Ladd said. "And I said, that looks like the distribution of tonal languages."
Und Wissenschaftsjournalist Michael Balter erklärt es in "Science" noch einmal ganz gut:
Taking genetic data from 49 populations worldwide, Dediu and Ladd searched for correlations between 983 genetic variants, including ASPM-D and microcephalin-D , and 26 features of the languages spoken by the populations, including the number of consonants and the use of inflections or tones. There was little overall correlation, meaning that most of these language differences are unlikely to be affected by genetics.

In the case of ASPM-D and microcephalin-D , however, there was a highly significant correlation between possession of these variants and speaking a nontonal language, even after the researchers made statistical corrections for the effects of shared linguistic histories. (...) Bruce Lahn, a geneticist at the University of Chicago in Illinois whose team first identified ASPM-D and microcephalin-D , says that the "work is obviously highly significant if confirmed." Nevertheless, Lahn says, the authors still need to rule out other possible explanations for their results.
Robert Ladd sagt dann als Antwort auf dem Wissenschafts-Blog von Mark Libermann noch weitere spannende Dinge. Da heißt es zunächst:
"Our work is really hypothesis-generating rather than hypothesis-testing."
Und er erläutert die Entwicklung der Hypothese als Antwort auf die Kritik von Mark Libermann weiterhin folgendermaßen:
"Mark is right that our original hypothesis was not much more than a hunch based on human pattern recognition abilities. (Several referees said similar things on our way to publication.) Specifically, this project began in earnest when I pattern-recognized a connection between the Lahn group's gene maps and my mental map of the distribution of tone languages. But I have been thinking for some time about the cognitive status of tone, paralanguage and other non-sequential linguistic features (... ); Dan's PhD research, starting from entirely different premises based on evolutionary genetics and the study of human prehistory, was looking for evidence of gene-language correlations of exactly the sort we've documented; and of course, we knew that ASPM and Microcephalin are involved in brain development. So if it was a hunch, it was a reasonably well-grounded hunch."
Und dann folgen noch weitere Erläuterungen zu den Gründen für die bisherige Vorgehensweise:
"Now, it's certainly true, as Mark says, that our geographical correlations would mean more if they had proceeded from some experimental demonstration of some sort of genetically linked, language-related, cognitive/behavioral/perceptual difference. But given the widespread assumption (rooted in the Boasian tradition, but with a significant contemporary boost from Chomsky) that the human language faculty is absolutely uniform across the species, it's very unlikely that we would have been able to get funding to look for such a difference first. So we started by doing something we could do on our own without such support, namely testing the apparent correlation. Having done that, we hope we are now in a better position to apply for funding for the expensive part of the research. This might seem backwards, but it's a pretty common way of doing genetic mapping studies: start from your phenotype, use correlational studies to identify plausibly associated genetic markers, and then try to understand experimentally what the genetic markers actually do."
Das Thema wurde bisher in drei Beiträgen auf "Studium generale" behandelt (1, 2, 3)

Genetische Veranlagung fördert Sprachwandel?

Der Forschungsartikel zum Zusammenhang zwischen jüngst- und lokalselektierten Gehirnwachstums-Genen und nicht-tonalen Sprachen (Stud. gen., Gene Expr. 1, 2) wirft noch weitaus überraschendere und neuartigere Fragestellungen auf, als auf den ersten Blick erkennbar gewesen war. Inzwischen ist der Artikel veröffentlicht worden (PNAS), leider im Netz noch nicht frei zugänglich.

Aber wenn man einen sauber ausgearbeiteten, argumentierenden und ausformulierten Forschungsartikel lesen möchte, dann lese man diesen. Man ist durch und durch erstaunt, auf wie viele verschiedene Dinge Rücksicht genommen worden ist, wie breit und gründlich der derzeitige Forschungsstand referiert wird und dann von diesem die neue Hypothese abgeleitet wird. All das mutet außerordentlich vorbildlich an. Man lernt gleichzeitig - ganz unabhängig von der neuen Hypothese - viele Details zum derzeitigen Forschungsstand überhaupt, die man in einem solchen Überblick an anderer Stelle noch nicht fand.

Und zwar im wesentlichen Forschungsstand zur Genetik. Und das von zwei Sprachwissenschaftlern. Das ist interdisziplinäre Arbeit, wie man sie sich wohl besser gar nicht wünschen kann.

Die Argumentationsweise des Artikels ist also weitaus differenzierter und damit beeindruckender und überzeugender, als man ursprünglich gedacht oder auch nur erwartet hatte, ja als man vielleicht auch nur erwarten konnte. Ganz erstaunlich. Erwachsene nicht-tonale Muttersprachler (Englisch) wurden mit einer künstlichen Sprach-Lern-Aufgabe konfrontiert, die die Unterscheidung tonaler Unterschiede beinhaltete. Dabei erfolgreich Lernende hatten im Gehirn einen größeren linken (aber nicht rechten!) Heschl-Gyrus. (Was immer das jetzt im einzelnen gehirnanatomisch sein mag.) Nun ist die Hypothese dieser Arbeit, daß das etwas mit den beiden jüngst- und lokalselektierten Gehirnwachstums-Genen zu tun hat, die zuvor schon von dem Genetiker Bruce Lahn erforscht worden waren (also ASPM und Microcephalin), und von denen man bisher noch nicht so recht weiß, für welchen Phänotyp sie eigentlich verantwortlich sind.

Der Artikel zählt auf: Sie sind nach jüngsten Studien weder verantwortlich für Intelligenz-Unterschiede, Gehirngröße, Kopfumfang, allgemeine mentale Fähigkeiten, soziale Intelligenz, noch für das Auftreten von Schizophrenie.

Die beiden Wissenschaftler machen eine Auswertung zu statistischen Korrelationen zwischen dem lokalen Auftreten der beiden neuen Gehirnwachstums-Gene und dem Auftreten nicht-tonaler Sprachen. Die mathematischen Einzelheiten seien übergangen. Hier nur das Ergebnis.

Sie verglichen die schon früher von dem Genetiker Luigi Lucca Cavalli-Sforza erforschte Korrelation zwischen allgemeiner Sprachvielfalt und allgemeiner genetischer Populationsvielfalt mit ihrer neu erforschten spezifischen Korrelation zwischen nichttonalen Sprachen und diesen beiden jüngstselektierten Genen. Und sie kommen zu dem Ergebnis:
"Wir fanden, daß im allgemeinen die Beziehung zwischen diesen beiden Arten von Vielfalt" (also der genetischen und der sprachlichen) "vollständig durch geographische und historische Faktoren erklärt werden kann, während in dem spezifischen Falle von Tonalität und den beiden jüngstselektierten Genen es eine wichtige und signifikante Korrelation zwische ihren Verteilungen gibt auch noch nachdem auf Geographie und Geschichte kontrolliert worden ist."
Das ist ihr wesentliches Ergebnis. Und sie schreiben weiter:
"Deshalb schlagen wir vor, daß diese Beziehung kausal ist; das heißt, die genetische Struktur einer Population kann einen Einfluß auf die gesprochene(n) Sprache(n) dieser Population ausüben."

Oder in anderen Worten:
"Im besonderen haben wir gefunden, daß die negative Korrelation zwischen Tonalität und der Populationsfrequenz der beiden jüngstselektierten Gene nicht durch historische und geographische Faktoren erklärt werden kann, was unsere Behauptung einer kausalen Beziehung zwischen beiden stützt."
Nun ist aber die Frage: Wie soll man sich diese kausale Beziehung im einzelnen vorstellen? Hierfür hatten sie schon in der Einleitung überzeugend auf die erforschten Prozesse des individuellen Spracherwerbs hingewiesen und auf die - sozusagen - "mikrohistorischen" Veränderungen, die sich dabei von Generation zu Generation in einer Population ergeben. Und nun argumentieren sie: Wenn Träger dieser beiden neuen Gene in eine bestehende Population hineinkommen (etwa durch Einwanderung, Vermischung), dann könnte dieser subtile, mikrohistorische Sprachwandel über die Generationen hinweg Schritt für Schritt zu einer Veränderung von tonaler zu nicht-tonaler Sprache führen. Man kann sich das wahrscheinlich gut veranschaulichen an so berühmten Lautverschiebungen wie den beiden von Jacob Grimm entdeckten "germanischen" (ick-/ich-Grenze und appel-/apfel-Grenze), wenn es sich hierbei auch nicht um Tonalität handelt.

Und schließlich sagen sie: Diese mikrohistorischen, Sprach- und Gen-selektiven Prozesse können sowohl zugunsten als auch zum Nachteil der weiteren Ausbreitung tonaler Sprachen führen. Doch alles weist ja darauf hin, daß nicht-tonale Sprachen und die sie (vielleicht) kodierenden Gene phylogenetisch jünger sind. Nun sagen die Forscher, daß die genetische Veranlagung, die dazu führt, daß ein einzelner Mensch - wohl ganz unbewußt - eine Sprache schrittweise von einer tonalen zu einer nicht-tonalen Sprache verändert, möglicherweise auch ein "selektiv neutrales Nebenprodukt" der beiden jüngstselektierten Gehirnwachstums-Gene sein kann, weil man bisher keinerlei Hinweise darauf hat, warum eine nicht-tonale Sprache selektiv vorteilhafter sein soll als eine tonale Sprache oder daß die jeweilige Sprache einem Sprecher irgendeinen (selektiven) individuellen Vor- oder Nachteil verschafft.

Sie schlagen dann noch einige Möglichkeiten der Überprüfung vor. Ihre These ist also - im Gegensatz zu p-ter's Behauptung auf "Gene Expression" sehr wohl falsifizierbar. Einer von mehreren vorgeschlagenen Testfällen für ihre Hypothese wäre, die noch nicht erforschte Korrelation zwischen den Sprachen der australischen Ureinwohner und ihren Gehirnwachstums-Genen zu überprüfen, da die australischen Sprachen - merkwürdigerweise - nicht-tonale Sprachen sind.

Die Forscher betonen ausdrücklich, daß ihr Modell kein - sozusagen - rein "deterministisches" ist, sondern daß nach diesem Modell durch eine bestimmte genetische Veranlagung nur die Wahrscheinlichkeit erhöht oder erniedrigt ist, daß der einzelne Träger derselben den Sprachwandel der Population, zu der er gehört, in die eine oder die andere Richtung vorantreibt. Das ist auch deshalb von Interesse, weil man sich in dieser Weise wohl den größten Teil der Wirkung von Verhaltensgenen auf die menschliche Kultur vorstellen kann, so etwa auch ADHS-Gen(e) oder Intelligenz-Gene. Bei Intelligenz allerdings dürfte der Zusammenhang zwischen Genen und Kultur noch wesentlich klarer und eindeutiger zu formulieren sein, als hier bei diesen neuen, etwaigen "Sprach-Genen".

Auf ihrer Heimatseite dokumentieren die Forscher die wissenschaftliche Diskussion. (Und dort findet sich ganz oben rechts auch ein "pre-print"-pdf.-Version, die vom Original nicht allzu wesentlich abweichen dürfte.)

Das Thema wurde bisher in drei Beiträgen auf "Studium generale" behandelt (1, 2, 3).


ResearchBlogging.org1. Dediu, D., & Ladd, D. (2007). From the Cover: Linguistic tone is related to the population frequency of the adaptive haplogroups of two brain size genes, ASPM and Microcephalin Proceedings of the National Academy of Sciences, 104 (26), 10944-10949 DOI: 10.1073/pnas.0610848104

Dienstag, 29. Mai 2007

Muttersprache - ein Evolutionsfaktor?

Die Indogermanen und ihre atonale Sprache(n)

Die Völker auf der Welt sprechen zwei verschiedene Arten von Muttersprachen (Wikipedia): Tonale Sprachen (oder Tonsprachen) und nicht-tonale Sprachen. Die Sprachen der meisten südafrikanischen, afrikanischen, asiatischen und amerikanischen (Ureinwohner-)Völker sind tonale Sprachen, das heißt, die Bedeutung eines Wortes hängt (auch) von der Tonhöhe bei der Aussprache ab. Schon von dieser geschilderten geographischen Verteilung her geurteilt wird es sich bei den tonalen Sprachen um die - evolutiv gesehen - ursprünglichere Sprachform handeln.

Die meisten indo-europäischen Sprachen, so auch das Englische oder das Deutsche sind nicht-tonale Sprachen. Wenn nicht-tonale Sprachen tatsächlich erst mit der indo-germanischen Sprachfamilie in der Welt entstanden sind und sich mit ihr ausgebreitet haben sollten, dann wäre diese Art von Sprache weltgeschichtlich gesehen erst sehr spät entstanden (etwa 4.500 v. Ztr. nördlich des Schwarzen Meeres, wobei noch zu überlegen wäre, ob die vor-indogermanischen Sprachen in Europa nicht auch nicht-tonale Sprachen waren).

Es gibt aber auch überall wichtige Ausnahmen. Einige indo-germanische Sprachen wie das Schwedische, das Altgriechische und auch indischen Sprachen sind tonal, während zum Beispiel west-tibetische Sprachen im Gegensatz zu ost-tibetischen Sprachen nicht-tonal sind.


Abb.: Aus einer Powerpoint-Präsentation von Dan Dediu 2016

Nun haben zwei schottische Forscher aus Edinburgh staunenswerterweise entdeckt (Wissenschaft.de, Gene Expression, Heimatseite der Forscher, Times), daß die beiden von dem in Chicago arbeitenden chinesischen Humangenetiker Bruce Lahn erforschten Gehirnwachstumsgene, die erst vor 37.000 bzw. 6.000 Jahre selektiv bedeutsam wurden in der Humanevolution (siehe bspw. vorletzter Stud. gen.-Beitrag) sehr gut korrelieren mit der geographischen Verbreitung von tonalen und nicht-tonalen Sprachen, wobei die um 37.000 vor heute, bzw. 6.000 vor heute eingeführte genetische Variante dann mit der "moderneren" (europäischen) Sprachform korrelieren würde.

Diese Entdeckung verleitete die Forscher zu einem waghalsigen Schluß: Die Wahrscheinlichkeit des Vorkommens einer bestimmten Art von Sprache könnte (auch) genetische Ursachen haben. Das ist eine Hypothese, die man - ehrlich gesagt - bisher nie auch nur annähernd für möglich gehalten und in Erwägung gezogen hat. Bisher war man sehr sicher davon ausgegangen, daß es keine besonders direkte kausale Verbindung zwischen Muttersprache und (Gehirn-)Genen gibt, da Muttersprache etwas durch Prägung Erworbenes ist, und da ja jeder Mensch jede Muttersprache erwerben kann.

Sollte sich aber diese Forschungshypothese als richtig erweisen, dann wäre offenbar Muttersprache (zumindest) in den letzten Jahrtausenden auch ein sehr direkter Selektionsfaktor gewesen, das heißt, in Kulturräumen, in denen eine bestimmte Art von Muttersprache vorherrscht, wäre auf die Dauer gegen bestimmte Gehirn-Gene selektiert worden, das heißt, die Träger dieser Gene hätten in Kulturen mit dieser Art von Muttersprache wenig Fortpflanzungs-Erfolg gehabt. Dies würde sowohl für Europäer außerhalb Europas gelten, zum Beispiel in China - siehe als Beispiel das wahrscheinlich ausgestorbene Volk der Sogder. Aber auch für Außereuropäer in Europa, man könnte an mancherlei Westwanderung von asiatischen Völkern denken. Aber man beachte die in diesem Zusammenhang hochinteressante Tatsache, daß es gerade in Osteuropa viele tonale indogermanische Sprachen gibt: Litauisch, Serbisch, Kroatisch, Slowenisch. Das könnte gut parallel gesetzt werden zu mancherlei auch sonst bekannten, asiatischen, genetischen Einflüssen in diesen Räumen.

Gründe für diesen mangelnden Fortpflanzungserfolg in der jeweils anderen sprachlichen Umgebung kann man sich dann noch mancherlei ausdenken, also "Szenarien" der evolutiven Mechanismen. Natürlich kann es schlicht etwas mit einer angeborenen Leichtigkeit zu tun haben, eine bestimmte Art von Sprache zu verstehen. Aber es kann sich auch um subtilere Dinge handeln, also etwa könnte es auf die Dauer um das "psycho-physischen Wohlbefinden" in einer durch eine bestimmte Art von Sprache hervorgerufenen Mentaltität gehen. Oder noch mit ganz anderen Dingen. (Natürlich besteht auch die Möglichkeit, daß es sich um Folgen des Aufbauschens von mehr oder weniger zufälligen Gründereffekten handelt, also von "Drift". Es lägen dann gar keine direkteren selektiven Vorteile, bzw. Nachteile jeweilig vor.)

Für den Fall, daß man Selektion als mitbedingend ansieht, kann man es aber auch umgekehrt formulieren. Es könnte also sein, daß eine Gen-Mutation vor 37.000, bzw. 6.000 Jahren neue Wahrnehmungspräferenzen bei dem Hören von Sprachen auslöste und damit Menschen bestimmter genetischer Veranlagung in einer Kultur, in der eine bestimmte Art von Sprache gesprochen wird, bessere Fortpflanzungschancen haben. (Wieder: aufgrund welcher Art von detaillierten Szenarien auch immer.)

Aber nun noch der deutsche Bericht, der das Hypothetische der Forschungsthese noch bei weitem nicht deutlich genug herausstellen mag, aber sei's drum:

Wie die Gene die Sprache prägen

Forscher finden Zusammenhang zwischen Genen für die Hirnentwicklung und Tonsprachen

Die Unterschiede zwischen Englisch und Chinesisch lassen sich zumindest teilweise auf die genetische Veranlagung ihrer Sprecher zurückführen, haben zwei schottische Forscher entdeckt. Entscheidend sind dabei zwei Gene, die wichtig für die Gehirnentwicklung sind: Kommen davon bestimmte Varianten in einer Volksgruppe nur selten vor, tendieren die Menschen zur Entwicklung so genannter Tonsprachen wie Chinesisch, in denen die Bedeutung eines Wortes von der Tonhöhe bei der Aussprache abhängt. Dominieren diese Genformen hingegen in der Bevölkerung, neigen die Menschen eher dazu, Sprachen wie Englisch oder Deutsch zu sprechen, in denen es diese Abhängigkeit von der Tonhöhe nicht gibt.

Die Wissenschaftler konzentrierten sich in ihrer Studie auf zwei Gene namens Microcephalin und ASPM. Beide spielen wichtige, bisher aber noch unbekannte Rollen bei der Gehirnentwicklung und kommen jeweils in einer ursprünglichen und in einer neueren Variante vor. Bei Microcephalin entstand diese neuere Form vor etwa 37.000 und bei ASPM vor etwa 5.800 Jahren. Die unterschiedlichen Varianten sind allerdings nicht gleichmäßig auf der Erde verteilt. So ist die neue ASPM-Form beispielsweise in Asien, Europa und Nordafrika häufig und in Ostasien, Südafrika und Nord- sowie Südamerika sehr selten. Ein ähnliches Verteilungsmuster findet sich auch für die neuere Microcephalin-Variante.

Interessanterweise gibt es genau dort, wo die neuen Genformen kaum vorkommen, sehr häufig Tonsprachen, stellten die Wissenschaftler bei einem Vergleich verschiedener genetischer Marker mit linguistischen Eigenheiten der jeweiligen Bevölkerung fest. Ihre Erklärung: Die Gene prägen die individuelle Hirnstruktur ihrer Träger und damit auch ihre Fähigkeit, Sprachen zu lernen. Da eine Sprache jedoch nur dadurch weitergegeben wird, dass Kinder beim Lernen versuchen, die Laute ihrer Umgebung nachzuahmen, kann eine derartig veränderte Lernfähigkeit mit der Zeit die gesamte Sprache verändern – etwa dann, wenn sich eine Genvariante durchsetzt, die es dem Gehirn erschwert, Tonhöhen zu erfassen. In einem solchen Fall würde diese Eigenschaft der Sprache irgendwann verschwinden, so die Forscher.

Da im Fall von Microcephalin und ASPM die neueren Varianten mit einem selteneren Auftreten der Tonsprachen zusammenhängen, waren solche Sprachen ursprünglich wohl sehr viel häufiger vertreten als heute, schließen die Forscher. Allerdings sollte die Verbindung Gene und Sprache nicht überinterpretiert werden: Es stehe schließlich außer Frage, dass heute jedes kleine Kind jede Sprache lernen könne, es existieren also keine "Chinesisch-Gene".
Der Implikationen wären wohl sehr viele, wenn sich diese Forschungshypothese als richtig herausstellen sollte. Recht aufregend ... Das Thema wurde bisher in drei Beiträgen auf "Studium generale" behandelt (1, 2, 3).

Aktualisierung 5.12.2017: Dan Dediu hat die wissenschaftlichen Arbeiten rund um das Thema bis heute weiter verfolgt (2-4) und erörtert die verschiedenen, seither erörterten Thesen zur Erklärung der weltweiten Verteilung der tonalen und atonalen Sprachen in einer Powerpoint-Präsentationen des Jahres 2016 (5) (s.a. Abb. 1). Er geht von einer komplexen Gen-Kultur-Koevolution aus zur Erklärung der weltweiten Verteilung dieser Sprachen.
______________________________________________________

  1. Dan Dediu and D. Robert Ladd: Linguistic tone is related to the population frequency of the adaptive haplogroups of two brain size genes, ASPM and Microcephalin. In: PNAS, Juni 2007, vol. 104 no. 26, 10944-10949, doi: 10.1073/pnas.0610848104, http://www.pnas.org/content/104/26/10944
  2. Dediu D (2011) Are languages really independent from genes? If not, what would a genetic bias affecting language diversity look like? Hum Biol 83:279–296
  3. Everett C, Blasi D & Roberts S (2015) Climate, vocal folds, and tonal languages: Connecting the physiological and geographic dots. PNAS 112:1322–1327. doi:10.1073/pnas.1417413112
  4. Siehe auch Debatte im Journal of Language Evolution Issue 1 2016
  5. Dan Dediu: Language and non-language - environmental factors, biological biases & cultural niche construction. 2016, http://www.mpi.nl/people/dediu-dan/EFL2016L3web.pdf

Dienstag, 8. Mai 2007

Die Muttersprache beeinflußt die Wahrnehmung II

Auch die "Welt" hat einen Artikel zur unterschiedlichen Farbwahrnehmung von Russen und Amerikanern. (Siehe Studium generale vor einer Woche.) Zwei kluge Kommentatoren haben sich dort gemeldet:

Pete meint:
01-05-2007, 10:14 Uhr

Die Untersuchung ist schon bedeutend. Es macht einen riesigen Unterschied ob ich dunkelblau als Subkategorie von blau klassifiziere, oder ob ich ciniy und goluboy den Status von Grundfarben neben grün, gelb und rot gebe. Wenn die MIT-Forscher recht haben, hat diese linguistische Unterscheidung Einfluss auch auf ganz andere Bereiche der menschlichen KOgnition. Das ist aber seit Jahrzehnten umstritten:

Die dahinter stehende Frage wird spätestens seit den 50er Jahren sehr kontrovers in der Linguistik diskutiert (Sapir Whorf). Im Kern geht es um die Frage, ob die Sprache Einfluss auf unser Denken hat. Das würde bedeuten, dass z.B. ein totalitärer Staat durch verbindliche Sprachregeln Einfluss auf das Denken der Menschen hätte. Es gibt aber auch höchst umstrittene kulturelle Implikationen. Ist das Weltbild eines Russen nur schon deswegen anders, weil er eine andere Sprache hat? Sapir und Whorf hatten schon ähnliche linguistische Unterscheidungen bei Indianersprachen untersucht. In Deutschland ist die Kontroverse unter dem Namen Humboldt-Weißgerber bekannt.

Golub meint:
01-05-2007, 13:23 Uhr

Zu Dunkelblaubär: Für dich als Deutschen wechselt auf dem Bild nur der Ton des Blau von Dunkel zu Hell. Für einen Russen wechseln sich da zwei Farben ab, goluboj und sinij, genau wie sich für dich bei einem Sonnenuntergang zwei Farben (gelb und rot) abwechseln. Für einen Russen ist goluboj von sinij genau so verschieden wie von zelenyj (grün). Wenn man im Russischen das falsche Wort benutzt, kann es auch sein, dass man nicht verstanden wird ("Schau mal das 'goluboj' Auto! - Wo????" - wenn es nur eines in der Farbe sinij gibt, wird er erst mal nicht erkennen, welches Auto gemeint ist....)

In anderen Sprachen gibt es übrigens beispielsweise keine Unterscheidung zwischen grün und blau. Für diese Menschen hat das Meer die gleiche Farbe wie der Rasen und sie verstehen nicht warum wir dafür unterschiedliche Wörter brauchen.

Übrigens, nur am Rande: Das russische Wort goluboj kommt von golub' = die Taube, bedeutet also letztlich "taubenblau".

Neue genetische Forschungen zu den australischen Ureinwohnern

Spektrum der Wissenschaft (nach PNAS):

"... Australier und Melanesier stammen von einer einzigen alten Gründerpopulation ab, die es vor etwa 50 000 bis 70 000 Jahren nach nur etwa gut 5000 Jahren Wanderschaft aus Afrika nach Ozeanien geschafft hatte. Auch alle anderen Menschen weltweit gehörten ursprünglich zu dieser alten Gruppe, die sich an Varianten der so genannten Haplotypen M und N verrät. In anderen Erdteilen aber haben sich daraus Menschenformen mit anderen Genvarianten entwickelt. Keine dieser Gruppen - weder aus Indien noch aus Ostasien - hat sich dann aber später noch einmal in den Genpool der Australier und Neuguinea-Bewohner gemischt, so die Forscher. Stattdessen blieben die Ureinwohner auf Kontinent Fünf also wohl sehr lange unter sich.

Das allerletzte Wort zur Aborigines-Evolution, so die Wissenschaftler, ist mit diesem erfreulich eindeutigen Ergebnis allerdings nicht gesprochen - eher im Gegenteil. Denn wo keine großflächige Einwanderung von außen erfolgte, müssen für nachgewiesene kulturelle Revolutionen, die bislang einem plötzlichen Fremdeinfluss zugeschrieben wurden, andere Erklärungen gefunden werden. Warum entwickelten sich in dem lang isoliert im eigenen Saft brütenden Australien zum Beispiel von heute auf morgen plötzlich neue Steinwerkzeug-Traditionen, die zudem denen an anderen Orten der Welt glichen? Oder warum trennten sich irgendwann die australischen Sprachen so gründlich, dass noch heute eine deutliche linguistische Grenze durch den Kontinent verläuft?

Eine Zuwanderung revolutionärer Ideen ohne die gleichzeitige Zuwanderung von Menschen kann all dies kaum erklären. Eher, so glauben Kivisild und Ko, haben irgendwann die vom Rest der Welt isolierten Australier selbst wohl begonnen, sich auch voneinander abzugrenzen - und auseinander zu entwickeln."

Man könnte auch vermuten, daß kleine Gruppen von Zuwanderern neue Ideen und Sprachen brachten, daß es aber in der Folgezeit "Selektion gegen" ihre Gene gegeben hat. Dies darf man ja auch für China und Ostasien vermuten. Doch auch eigenständige genetische Evolution (sie kann natürlich auch ebenfalls durch kleine aber entscheidende Einflüsse von außen in Gang gesetzt worden sein) scheint es in diesen 50.000 Jahren gegeben zu haben, erfahren wir doch einige Absätze vorher:

"Rätselhaft, weil nicht recht in die Evolutionsgeschichte der Restmenschheit passend, ist weiterhin die Form der alten Knochen selbst, die in Australien gefunden werden: Ganz frühe sind sehr fragil, etwas jüngere stattdessen von einer merkwürdig abweichenden Robustheit, die sich auch heute noch teilweise als Merkmal der lebenden Ureinwohner Australiens zeigt."

Mittwoch, 2. Mai 2007

Die Muttersprache beeinflußt die Wahrnehmung

Das folgende aus der Frankfurter Rundschau. Dazugehöriger Forschungs-Artikel in PNAS (dort aber nur die Zusammenfassung frei).

Washington (dpa) - Russen sehen Blau mit anderen Augen als Amerikaner: Die Muttersprache hat Einfluss darauf, wie Farben wahrgenommen werden. Das berichten US-Psychologen nach Tests mit russisch- und englischsprachigen Probanden in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften ("PNAS").

Das Russische kennt kein Wort für Blau, sondern differenziert Hellblau (goluboi) und Dunkelblau (sinij). Russische Muttersprachler konnten entsprechend im Test schneller zwischen hell- und dunkelblauen Schattierungen unterscheiden als zwischen zwei hell- oder zwei dunkelblauen. Amerikaner waren bei allen Blautönen gleich schnell.
Die Forscher um Jonathan Winawer vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) ließen 26 Probanden mit Russisch als Muttersprache und 24 englischsprachige Amerikaner unterschiedliche Blautöne zuordnen. Die Versuchsteilnehmer sollten dabei entscheiden, welches von zwei unterschiedlich blauen Quadraten dem Farbton eines dritten gleicht. War von den beiden fraglichen Quadraten eines hell- und das andere dunkelblau, entschieden sich die russischsprachigen Probanden wesentlich schneller als bei zwei Quadraten derselben Kategorie. Bei englischsprachigen Probanden gab es diesen Unterschied nicht.

Sollten sich die Versuchsteilnehmer zusätzlich eine achtstellige Zahl merken, verschwand der Geschwindigkeitsvorteil bei den russischsprachigen Probanden. Sollten sie sich hingegen statt dieser sprachbezogenen Aufgabe ein räumliches Muster merken, blieb der Vorteil bestehen. Die Forscher schließen daraus, dass die Sprache eine große Rolle bei der Farbunterscheidung im Gehirn spielt. Ihre Analyse berücksichtigte für jeden Probanden dessen individuelle Grenze zwischen Hell- und Dunkelblau. Interessanterweise zogen beide Sprachgruppen diese Grenze im Mittel an fast derselben Stelle.

Mittwoch, 4. April 2007

Sprache und Denkstil - Zusammenhänge sollen erforscht werden

Die "Volkswagenstiftung" fördert aktuell manche sehr aufregenden Fragestellungen in der Forschung, zum Beispiel die Frage danach, in welcher Weise eine Muttersprache den Denk- und Forschungsstil prägt. Dazu heißt es (hier):

"Der Gebrauch der englischen Sprache ist bei wissenschaftlichen Veröffentlichungen und auch bei Tagungen in Deutschland in vielen Disziplinen gang und gäbe. Doch Denkstil und Sprache sind eng miteinander verknüpft, und die schlichte Übersetzung einer wissenschaftlichen Arbeit in eine andere Sprache ist nicht selten mit deutlichen Veränderungen und Einbußen in Ausdruck, Akzentuierung und Bedeutung verbunden. Gerade über die jeweils verwendete Sprache finden spezifische Begriffe, Erkenntnis- und Deutungsmuster Eingang in die Prozesse von Forschung und Lehre."

Unter anderem soll "den in deutscher Sprache erarbeiteten wissenschaftlichen Erkenntnissen international angemessener Raum und mehr Gewicht" gegeben werden. Dazu sollen "Übersetzungen herausragender deutschsprachiger wissenschaftlicher Arbeiten" gefördert werden. Vor allem aber sollen "Forschungsvorhaben zu Fragen der sprachlichen und kulturellen Prägung wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens" gefördert werden.

Donnerstag, 22. März 2007

Zweisprachigkeit hat Vor- und Nachteile

Vorteile: Etwas bessere Fähigkeit zur Konzentration in Großraumbüros, im Straßenverkehr, etwas späteres Auftreten von Alzheimer und anderen degenerativen Hirnleiden.

Nachteile: Etwas langsameres Finden der richtigen Worte, dadurch etwas langsameres Sprechen.

"Zweisprachige müssen ständig aufpassen, daß sie ihre beiden Sprachen nicht durcheinander bringen" , erläuterte der Neurologe Albert Costa der Zeitung "El País".

Dienstag, 13. Februar 2007

Durch Gesang sein Revier verteidigen

Was für ein schöner Gedanke, daß Vögel durch Gesang ihr Revier verteidigen. Man stelle sich einmal vor, (menschliche) Staaten, Völker und Volksgruppen würden durch Gesang ihr "Revier", ihr Territorium verteidigen (können). Dann wäre - wahrscheinlich - eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte angebrochen. Warum also immer und ausschließlich zu den (gewalttätigen) Schimpansen schauen, wenn es um die evolutionären Wurzeln des Territorialverhaltens des Menschen und seiner Gruppen geht? So schreibt heute (13.2.07) Kerstin Viering in der "Berliner Zeitung":

So richtig nach Winter klingt das nicht mehr. Amseln und Meisen scheinen sich in diesen Tagen schon auf Partnersuche und Fortpflanzung eingestellt zu haben und zwitschern in den höchsten Tönen. Sogar eine Feldlerche hat Markus Nipkow vom Naturschutzbund Deutschland schon gehört. Dabei kehren diese Vögel normalerweise erst Ende Februar oder Anfang März aus ihren Winterquartieren am Mittelmeer zurück. Haben die milden Temperaturen die Vogelwelt aus dem Konzept gebracht? "Nicht jeder Gesang im Winter ist ungewöhnlich", sagt Nipkow. Bei Rotkehlchen etwa ist es üblich, auch in der kalten Jahreszeit ein Revier zu verteidigen. Da brauchen sie ihr Gezwitscher, um möglichen Rivalen Respekt einzuflößen. ...

- Oder sollte das etwa auch in Beziehung gesetzt werden können zu der These, daß Sprachevolution Humanevolution gewesen ist und ist (siehe zum Beispiel der britische Anthropologe Robin Dunbar in seinem Buch "Klatsch und Tratsch")? Vielleicht stellt ja menschlicher Gesang, menschliche Tratscherei, menschliches Kulturleben und seine Äußerungen, seine Reichhaltigkeit und Buntheit tatsächlich einen Faktor dar, der andere menschliche Gruppen davon abhält, das Kulturleben dieser Gruppe zu beeinträchtigen? Man denke etwa an die "singende Revolution" des lettischen Volkes vor einigen Jahren (1987 - 1992). Vielleicht flößt die Kultur eines Volkes, eines Volksstammes ja bei einem anderen Volk oder Volksstamm (und seinen regierenden Kreisen) tatsächlich ab und an auch einmal Respekt ein gegenüber dem Leben und der kulturellen Entfaltung derselben?

Es ist wahrscheinlich sowieso gefährlich, von den deprimierendsten menschlichen politischen Erfahrungen des 20. Jahrhunderts GAR zu allgemeingültig auf andere Epochen der Humanevolution der Vergangenheit und Zukunft zu schließen und ganz andere Formen, Möglichkeiten und Wege von Humanevolution dabei ganz unberücksichtigt zu lassen.

Auch an die alten "männlichen-festen, trotzigen" Kirchenlieder könnte man sich erinnert fühlen, beispielsweise an Luthers "Eine feste Burg ist unser Gott". Oder auch Protestlieder gesellschaftlicher Bewegungen am Ende des 20. Jahrhunderts. Lieder also, die zum trotzigen Ausharren auffordern, zum Festhalten an für wertvoll erkannten kulturellen Gütern oder Standpunkten, wie "ernst er's jetzt (auch) meint", der "altböse Feind". Man singt sich dadurch ja auch Mut zu - so wie das kleine Rotkehlchen im tiefsten Winter.

Auf dem Wikipedia-Eintrag zu Luthers Lied heißt es, daß Heinrich Heine Luthers Protestlied als die "Marseillaise der Reformation" bezeichnet hat. Es hat auch wirklich mitreißenden Klang:
... Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
laß fahren dahin, sie haben's kein' Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben.


**********
Aktualisierung - 5.9.2008 hier:

http://studgenpol.blogspot.com/2008/09/durch-gesang-sein-revier-verteidigen-ii.html

Mittwoch, 24. Januar 2007

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