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Samstag, 6. Oktober 2007

Gysi, die BRD und der "große Respekt vor den Kirchen"

Neue ideologische Grundlagen für die Bundesrepublik Deutschland?

Gregor Gysi hat es quasi beworben, das Buch. Da muß man doch mal hineinschauen, was ein Gregor Gysi für diskussionswürdig, für bewerbenswürdig hält. Manfred Lütz "Gott - Kleine Geschichte vom Größten". (Amaz.) Vorgestellt wurde das Buch in einer "Bundespressekonferenz" von "Spiegel"-Redakteur Matthias Mattusek. Diskutiert haben darüber mit dem Autor Gregor Gysi und Friedrich Merz. (Tagessp., Märk. Allg.) Alle waren sich irgendwie merkwürdig einig ...

Also eine Buchvorstellung, so darf man sagen, auf höchster (zumindest: national-) politischer Ebene. Sollen hier die neuen ideologischen Grundlagen für die Bundesrepublik Deutschland gelegt werden, nachdem die Frankfurter Schule ausgedient hat und sogar Jürgen Habermas ..., nun ja, sagen wir: zumindest kein ausgesprochener Papstkritiker mehr ist? Denn wir wissen ja: Jeder Staat braucht seine Staatsphilosophie. Preußen hatte seinen Hegel, die DDR hatte ihren Marx und die BRD hatte eben ihren Habermas. (Buchtitel wie "Die intellektuelle Gründung der Bundesrepublik Deutschland - Eine Wirkungsgeschichte der Frankfurter Schule" [Amaz. 1, 2] sagen dazu eigentlich schon alles.) Und das neue Deutschland hat nun also seinen - - - ... ähm, ... Manfred Lütz? - Jedenfalls: So möchte man auch einmal in die Öffentlichkeit eingeführt werden als Autor.

"Großer Respekt vor den Kirchen"
... Friedrich Merz nennt das Buch einen „schlichten, zwischen zwei Buchdeckel passenden Gottesbeweis“. ...
Man kann das Buch ja mal durchblättern. Aber einige Leseproben genügen. Und so mancher wird sich gestatten zu lächeln bei dem Satz:
... Gysi referiert über Kant und Nietzsche, und über seinen Vater, der DDR-Staatssekretär für Kirchenfragen war. Er habe ihm großen Respekt vor den Kirchen mitgegeben, schließlich seien die Ideale des Sozialismus auf dem Boden der christlich-jüdischen Moral gewachsen. ...
Schade. Da scheint die Giordano Bruno-Stiftung auf die ausgesprochenere Unterstützung durch einen Gregor Gysi verzichten zu müssen. Schade. Da wird von einer totalitaristischen Tendenz hinüber zu einer anderen gekrochen. Wenn doch bloß die DDR-Vergangenheit nicht so nachwirken würde ... Aber lassen wir nun einmal die großen "Staatsinteressen" (! - ?) beiseite, und gehen zum Buch selbst.

Hier redet ein Theologe über - - - Gott.

Öha. Hier redet also jemand genau über das, über das ausgerechnet er am wenigsten Ahnung hat. Haben kann. Schon aus beruflichen Gründen ...

Hilfe, ein Theologe ...

Manfred Lütz hat zehn Semester katholische Theologie studiert und auch eine theologische Examensarbeit verfaßt. Damit sollte er eigentlich schon disqualifiziert sein. - Ja. So muß man sprechen nach all den Erfahrungen, die man immer wieder mit diesem merkwürdigsten aller Berufsstände macht, genannt "Theologen".

Es genügen wahrhaftig nur wenige Leseproben, um sich davon zu überzeugen, daß nur ein einziger Satz dieses Buches so einigermaßen wahrhaftig überhaupt gemeint sein kann, der da nämlich noch einmal so läppisch wie der ganze Rest des Buches lautet:
Ganz am Schluß beschleicht mich dann noch einmal die Sorge, daß man die unbestreitbaren Defizite dieses Buches zum Anlaß nehmen könnte, nun endgültig die Suche nach Gott aufzugeben.
Dieses Buch kann einen von vorne bis hinten ekeln. Genauso gut hätte man Harald Schmidt eine "Kleine Geschichte vom Größten" schreiben lassen können. Viel anzüglicher hätte er es auch nicht hinkriegen können.

Spaemann telefoniert mit Gott

Der Papstberater und katholische Philosoph Robert Spaemann wird beispielsweise damit zitiert, daß er an Wunder glaubt. Er habe in einer französischen Telefonzelle nur aus Versehen eine "Eins" gewählt und habe damit "wie durch ein Wunder" in Stuttgart jenen Priester erreicht, den er hatte erreichen wollen, um diesen zu fragen, ob er seiner Frau die Sterbesakramente reichen könne. Nun wird man einen Kritiker einer solchen Anekdote leicht der Ehrfurchtsloigkeit zeihen können, da ja immerhin Spaemann's Frau im Sterben lag und da er es selbst erlebt haben will. Na klar. Aber ist es nicht umgekehrt? Ist die Anekdoten selbst nicht ehrfurchtslos? - - -

So manchem jedenfalls reicht diese Anekdote (und natürlich der argumentative Zusammenhang, in der sie gebracht wird) völlig aus, um an der intellektuellen Seriösität dieses katholischen "Philosophen", dieses Robert Spaemann zu zweifeln - und zwar heftig. Und natürlich an dem Popularisierer dieser Anekdote, dem lieben Herrn Lütz. Von den Herren Gysi, Merz und Mattusek sowieso ganz zu schweigen. Monotheismus als Staatsreligion dient männlichem Machtwahn, das wird auch daran erkennbar, daß so wenig Frauen an der Diskussion beteiligt sind. Freilich, eines der letzten Kapitel, das über "Schönheit", ist der Jungfrau Maria gewidmet. Tizian und so, Venedig ...

Die durchgehend flappsige Schreibweise dieses Buches soll wohl ein Versuch sein, die Menschen, die man mit ernsthafterer theologischer Redeweise nicht mehr erreichen kann - "Des Herrn Zorn komme über Euch!" - mit flappsigem Geplapper zu erreichen. Nun, einige Herren hat Manfred Lütz ja schon erreicht und ihren "Respekt vor den Kirchen" - offenbar - aufs Neue bekräftigt. Da kann man ja Herrn Lütz nur gratulieren! Mit einer so einflußreichen Organisation im Rücken möchte einem das wohl allerdings auch gelingen.

Glaube24.de bewirbt das Buch mit folgendem Text: "Ihr Freund ist Atheist und keineswegs humorverstopft? Dann haben wir das richtige Buch für Ihn. ..." (Glaube24.de) Ulk, igs, igs, igs - selten so gelacht.

Freitag, 27. Juli 2007

Matthias Matussek und - - - Hölderlin

"Matussek's Kulturtipp" von dieser Woche ist deshalb zu loben, weil Herr Matussek jüngst in Bad Driburg Kur gemacht hat, und weil er dies zum Anlaß nimmt, direkt vor Ort davon zu berichten. Und er ruft dabei in Erinnerung, daß der größte deutsche Lyriker, Friedrich Hölderlin, im August und September 1796 ebenfalls in Bad Driburg gelebt hat. Es geschah dies in der glücklichsten Zeit seines Lebens, nämlich zusammen mit Susette Gontard, der "Diotima" seiner Dichtung. Die Spekulationen, die auch Matthias Matussek anklingen läßt, daß das Verhältnis zwischen beiden mehr als "platonisch" gewesen sei, kann man getrost unbeachtet lassen. Es ist das sicherlich auch nicht die einzige Frage, die in diesem Zusammenhang von Interesse sein könnte.

Es gibt in Bad Driburg heute, so berichtet Matussek, einen "Hölderlin-Hain" mit Bäumen, die die Namen der Freunde Hölderlins tragen. Auch eine Büste Susette Gontards ist dort aufgestellt von derselben Grafen-Familie, die heute immer noch wie damals im Besitz dieser Kur-Liegenschaften ist.

Bad Driburg - eine Hölderlin-Stadt

Ganz offenbar also nimmt man sich des Andenkens an Friedrich Hölderlin in Bad Driburg, wo Hölderlin nur zwei Monate gelebt hat, wesentlich intensiver an, als in Frankfurt am Main, wo er mehrere Jahre im Hause Gontard lebte. Das Haus der Bankiersfamilie von Gontard von damals am "Großen Hirschgraben" ist heute in Frankfurt abgerissen. An seiner Stelle steht das Hotel "Frankfurter Hof". Über den ehemaligen weitläufigen Garten rast eine vierspurige Durchgangsstraße hinweg. Nur im nicht weit entfernten Goethe-Haus kann man sich heute noch einen Eindruck von der damaligen Zeit in Frankfurt verschaffen. Das Museum des Goethe-Hauses zähle ich zu den sehenswertesten Museen in Frankfurt.

Frankfurt am Main sollte genauso als Stadt Friedrich Hölderlins gelten, wie sie viel gepriesene "Goethe-Stadt" genannt wird. Denn Hölderlin ist als Dichter und Denker mindestens gleichrangig und hat in Frankfurt seine wesentlichsten Lebensjahre verbracht, nicht in Tübingen und auch nicht in Bad Homburg. Aber um sich dieser großen Bedeutung bewußt zu werden, fehlt es heute in der großen Stadt Frankfurt am Main an Ruhe, Besinnung und bürgerlicher alteingesessener Behaglichkeit. - - Steht es damit aber nun im ländlichen Bad Driburg oder in der Kulturredaktion des "Spiegel" wesentlich anders?

Matussek und die derzeitige Gräfin in Bad Driburg äußern viele Dummheiten und Unkenntnisse über Hölderlin in diesem kleinen Video. Hölderlin war keineswegs "ungeeignet" zur Kindererziehung. Der Sohn von Susette Gontard erwies Hölderlin eine große Anhänglichkeit und zeigte nicht geringe Bestürzung als Hölderlin so plötzlich das Haus verlassen mußte aufgrund eines Zwistes mit dem Hausherren.

Viele Fehldeutungen zur Person Hölderlins

Ein riesen großer Unsinn wird verzapft, wenn vermutet wird, Susette Gontard wäre die "einzige" gewesen, die Hölderlin "zugehört" hätte. Matussek könnte derart groteske Unkenntnisse einmal zum Anlaß nehmen zu einem langen Spiegel-Interview mit dem Münchener Philosophen und derzeit bedeutendsten Hölderlin-Forscher weltweit: Dieter Henrich.

Die Philosophie Hegels wäre gar nicht denkbar, wenn man nicht viele, tiefschürfende Gespräche zwischen Hölderlin und Hegel in ihrer gemeinsamen Frankfurter Zeit voraussetzen würde. Hölderlin hatte unzählige Freunde, mit denen er intensiven Austausch pflegte. Nicht zufällig sind fast alle damaligen deutschen Geistesgrößen darunter. Aber auch viele weniger bekannte Studenten. Freilich konnte er sich - gerade aufgrund dieser Intensität - ebenso abrupt abwenden vom Austausch mit den Freunden, um - wie es gerade für Hölderlin so typisch ist - die besondere, eigene, sehr fortschrittliche, weit seiner Zeit voraus eilende Individualität zu wahren.

Außerdem wird von der heutigen Bad Driburger Gräfin vermutet, daß Hölderlin vom regelmäßigen Weintrinken ständig "duhn" gewesen sei. Das ist natürlich ein eben solcher Quatsch und Unfug. Es muß also geschlußfolgert werden, daß man auch im ländlichen, alteingesessenen Bad Driburg in betreff von Hölderlin-Unkenntnis heute nicht wesentlich hinter der Stadt Frankfurt am Main zurückbleibt. Aber daß so viel Halb- und Fehlinformation auch noch vom Leiter der Kulturredaktion des wohl bedeutendsten Intellektuellen-Blattes Deutschlands weitergegeben wird, spricht gleich bibliotheksweise Bände. Nichtsdestoweniger ist man ja schon froh, wenn man sich überhaupt eines Hölderlin erinnert ... Wir sind ja schon so anspruchslos geworden ...

(16. 9. 2012: Bei der Abfassung dieses Beitrages war dem Autor noch nicht bewußt, daß Matthias Matussek katholische Lobbyarbeit macht. Sein allseitig flappsiges Reden über Kultur - so wie hier über Hölderlin - ist paßgenau auf diese Lobbyarbeit zugeschnitten. Hölderlin war ja Heide und auf der Suche nach einer neuen Religion.)

Montag, 9. Juli 2007

"Wir Deutschen ..." - "Wir werden die Mütter mit Kindergeld überschütten ..." - Matussek's Traum

Fast regelmäßig rufen Beiträge zu "Deutschland", zu "Patriotismus", zu Vaterlands- und Heimatliebe oder ähnliche Themen hier auf dem Blog lebhaftere Diskussionen hervor. Zumindest lebhaftere als "sonst so" im allgemeinen. Vielleicht hilft einem bei diesem Thema auch Matthias Matussek's Buch vom letzten Jahr weiter. Und deshalb hab ich mal rein geschaut:
Wir Deutschen. Warum uns die anderen gern haben können.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2006
Ich glaube, es lohnt sich, dieses Buch zu kennen.

Freilich: Der fröhliche Nationalismus des Herrn Matussek wirkt über weite Strecken leicht überdreht. Matussek kann fast zu gut schreiben, als daß man diesen prickelnden Champagner über 350 Seiten hinweg durchhält. Aber schon der Anfang ist toll. Wie er da mit einer britischen Aristokratin zusammen sitzt und diese arrogant auf ihn als Deutschen herabschaut. Und wie er sich im Nachhinein denkt: "... Hatte die Dame Recht? Sind wir wirklich erst gestern aus dem Eichenwald gekrochen?" etc. pp.. (S. 12)

Fröhlicher Nationalismus

Es ist wohl wirklich so: Matussek hat tatsächlich ein - offenbar - gar nicht so unwichtiges Thema entdeckt: den Patriotismus. Den Nationalismus. Den Nationalstolz. Nicht von irgend einer anderen Nation. Sondern den von uns Deutschen. Das ist schon ein etwas ungewöhnliches Thema. Ähm, ich meine: Für einen leitenden Spiegel-Redakteur ...

Aber wird dadurch, daß man Altbekanntes (zumindest für mich Altbekanntes) zur deutschen Geschichte und zur deutschen Lage zum 375. mal durchkaut, irgend etwas anders?

- Hm! Ein bischen vielleicht schon. Es ist gut, es tut gut, von Matthias Mattusek zu wissen. Und von seinem Buch. Es tut gut, mit ihm in einem Land zu leben, mit jemandem, der nicht ständig in ätzender Häme, nicht ständig in ätzendem Spott und mit ätzender Gehässigkeit auf seinem eigenen Land herumreitet, mit gerunzelten Stirnfalten auf sein Land blickt, sondern der mal sagt: Bleibt fröhlich, Leute. Wenn wir anfangen, uns alles mießmachen zu lassen, schaffen wir die geradezu ungeheuerlichen Aufgaben, die vor uns liegen, als Kultur, als Nation ganz gewiß nicht.

Das Schöne ist: Mattusek spielt mit der "Unpopularität". I wo. Er würde es gar nicht aushalten, wirklich unpopulär zu sein. Und deshalb ist damit abgesteckt, inwieweit sein Buch überzeugt und inwieweit nicht. Alles nur Spielerei. Aber er läßt sich zumindest die Hintertür offen für Unpopularität. Er sieht, daß Ehrlichkeit (auch in Fragen des Nationalismus) - heute - eigentlich immer nur unpopulär enden kann. Und das ist schön, daß er das wenigstens weiß, erkennt. Daß er das wenigstens anerkennt.

"Uns ist die Familie heilig"

Da redet einer von Kriemhild und Gunther und Siegfried und Arminius und Heinrich Heine und Beethoven und Mozart und Schiller, als wären die gestern erst gestorben. Das ist erholsam. Das tut gut. Bitte mehr "Matussek's" in unserer Gesellschaft und unter unseren Gebildeten.

Zum Thema Unpopularität z.B.: Da stellt er sich in einer Art Traum vor, wie einer wie er selbst oder wie sein Vater als Politiker eine (unpopuläre) "Rede ans Vaterland" hält. Und in dieser Rede heißt es dann unter anderem:
"... Nein, meine Damen und Herren, uns ist die Familie heilig, und wir werden als Erstes die Frauenrolle aufwerten. Ja, wir werden jene Frauen aufwerten, die von Feministinnen verachtet werden: die Mütter und die Hausfrauen. Sie sind die Heldinnen inmitten unserer demographischen und pädagogischen Katastrophe.

Sie sind unendlich viel wichtiger als unser egoistischer kinderloser Lifestyle-Betrieb, weil sie Mitgefühl, Aufopferung, Hingabe verkörpern in einer zunehmend verrohenden Welt. Und weil sie erziehen und damit unsere Zukunft gestalten."
(Meiner Meinung nach hätte Matussek an dieser Stelle ruhig von "Eltern", statt nur von Müttern sprechen können - schon gar als Autor eines sehr bitteren Buches über die "vaterlose Gesellschaft" - aber sei's drum - es geht ihm hier wohl mehr um die "Rhetorik". Um den "Effekt". Um den Pathos, die Gefühle. Also weiter.)

"Wir werden die Mütter in diesen Land mit Kindergeld überschütten ..."
"Und der Kandidat ruft, hingerissen von sich selbst, in den Tumult hinein: 'Wir werden die Mütter in diesem Land mit Kindergeld überschütten, und wir werden ihnen Denkmäler setzen. Wir werden aber auch die Vaterrolle wieder stärken, und wir werden Eltern ermuntern zusammenzubleiben. Wir werden ihnen Hymnen dichten, wir werden ihnen Lieder singen. Wir Deutschen sind ein aussterbendes Volk. Unser Schicksal liegt in Ihren Händen.' " (S. 143f)
Diese Sätze kann man auswendig lernen. Sie tragen "Zukunft" in sich. Oder doch nicht? Matussek's Traum geht noch weiter:
"... Und dann endet der junge Konservative, erschöpft, zitternd am ganzen Leibe, und Beifall rauscht auf, Hüte fliegen in die Luft, und wie nach der Mannheimer Uraufführung der 'Räuber' werden sich die Zuhörer tränenüberströmt um den Hals fallen, und unser romantischer Jüngling wird schweißnaß vom Podium getragen und im Triumphzug durchs Städtchen geführt ..." (S. 146)
Irgend so etwas muß ja wohl doch geschehen. Aber Matthias Matussek gräbt was all diese Dinge betrifft, noch lange nicht tief genug. Aber er gibt Anregung, tiefer zu graben.
___________
Ergänzung:

Übrigens gibt es beim "Spiegel" eine Video-Sammlung "Matussek's Kulturtipp", die sehenswert ist, und durch die man einen persönlicheren Eindruck von diesem Mann bekommt. Im letzten Video ist Sloterdijk's 60. Geburtstag Thema - - - und der 13. Geburtstag von Matussek's Sohn, um dessentwillen der Vater nicht zu Sloterdijk's Geburtstag fahren konnte wie er wollte. (... Seine Frau setzte sich durch ...) ;-)

Samstag, 2. Juni 2007

Ein dritter Weg zwischen Atheismus und Monotheismus?

Der neueste "Spiegel" macht ja ziemlich viel Wind um den "Kreuzzug der neuen Atheisten". (Studium generale 1, 2) Nun haben wir es endlich auch gelesen. Auch wenn man sonst weiter nichts von dem Autor Alexander Smoltczyk weiß, will einem scheinen, daß all das - wieder einmal - aus dem "intellektuellen Kernschatten von Jürgen Habermas" heraus geschrieben worden ist. (TAZ, 2004) Und solche Leute wollen - im Grunde merkwürdigerweise - nicht, daß Monotheismus zu heftig angegriffen wird, deshalb greifen sie Dawkins und Co. an, was soweit übersehbar bisher noch nie ein Atheist oder ein atheistisches Blatt in einer solchen Schärfe getan hat wie jetzt der "Spiegel". Ohne allzu viele Intim-Kenntnisse über die ideologischen Fronten im derzeitigen Journalismus zu haben, kann man sich vorstellen, daß auch ein Thomas Assheuer von der "Zeit" einen Artikel mit solcher Tonlage hingekriegt hätte. - Man will also - und zum Teil ziemlich heftig - Emotionen schüren. Aber warum?

Weil niemand auf die Idee der Möglichkeit eines "Dritten Weges" zwischen Atheismus und Monotheismus kommen soll, was wirklich, wirklich, wirklich das Naheliegendste wäre beim derzeitgen Stand des Wissens und des gesellschaftlichen Bewußtseins. Diese Kuppelei zwischen "Thron und Altar", zwischen Frankfurter Schule und katholischer Kirche, und das merkwürdige und zutiefst lächerliche Emotionen-Schüren, das sich aus einer solchen Kuppelei - offenbar - ergibt (notwendigerweise?), ist einem im Grunde viel zu lächerlich, als daß es ergiebig erscheint, sich damit ernsthafter auseinanderzusetzen. Das ist alles nur auf leicht manipulierbare Menschen berechnet. Auf sehr leicht manipulierbare.

Aber daß keine "dritte Stimme" auch nur "irgendwo" prononcierter hindurchschimmert in gegenwärtigen gesellschaftlichen Debatten, zeigt, wie viel schon geistig "auf den Hund gekommen" ist. Heute mag gar nicht mehr so entscheidend sein die Frage: Gott oder nicht Gott, supernaturalistisch oder naturalistisch etc. pp.. Das ist doch im Grunde längst geklärt. Die entscheidende Frage wird jetzt und künftig immer mehr lauten: Seele oder keine Seele. Und das ist keine theoretische Frage, sondern bewährt sich an der Praxis und im Umgang mit unseren heutigen gesellschaftlichen Problemen.

Unter anderem - oder vielleicht sogar: vor allem - daran, wie unsere Gesellschaft und ihre einzelnen Mitglieder mit Kindern umgehen, welche Priorität sie der Kinderseele, ihrem Schutz, ihrem Gedeihen zusprechen. Und zu diesem Thema ist sowohl von der katholischen Kirche wie von einer von Atheismus und Materialismus durchtränkten Gesellschaft schon reichlich Anschauungsmaterial geliefert worden. Natürlich mag es auch noch andere - wichtige - Fragen geben. Krieg oder nicht Krieg, Klimaschutz oder nicht Klimaschutz ...

Aber selbst all die anderen Fragen werden sich letztlich künftig am besten daran messen lassen, ob Menschen mit Seele und echter, wahrhaftiger Persönlichkeit nach Antwort suchen oder Menschen, die sich von hohen Gehältern ihre Unzufriedenheit "mäßigen" lassen, Menschen, die glauben, mit Geld alles bezahlen zu können, Menschen, die mit - genügend - Geld käuflich sind für alles.
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Damit könnte man diesen Beitrag abschließen. Aber die zuletzt geäußerten Gedanken erinnern einen wieder daran, was man vor kurzem in einer Charles Lindbergh-Biographie gelesen hat (Studium generale), und wie beeindruckt man davon war, wie souverän Charles Lindbergh unmoralische Angebote abgelehnt hat - oder doch zumindest solche, die in seinen Augen unmoralisch waren. Charles Lindbergh war nicht käuflich. In einer Welt voller Schlamm und Unmoral, vor allem in einer Welt voller käuflicher "Sensationslust", bewegte er sich - noch dazu als Jahrzehnte langer Mittelpunkt dieser Sensationslust - wie ein "Reiner". Ist diese vielleicht zu blumige Sprache wirklich gerechtfertigt. Aber man mache Alternativ-Vorschläge: Wie soll man es denn sonst nennen?

Nachdem der Biograph (1) dem Leser über Seiten und Seiten hinweg die zehn- und hunderttausende von Menschen vorgeführt hat, die Charles Lindbergh nach dem Atlantik-Flug zugejubelt hatten, so daß es einem schon längst zum Hals heraushängt (denn zu gleicher Zeit jubelten andere Menschen ganz anderen "Persönlichkeiten" zu ...), referiert er Lindbergh's Gedanken, in welcher Weise er nun seinen "Ruhm" ausnutzen sollte. Und er zitiert einen Historiker, der über Lindbergh sagte: "Noch beeindruckender als Lindberghs Flug über den Atlantik war die Art, wie er sich nachher verhielt. " (1, S. 149) Das finanziell attraktivste Angebot kam von dem Multimillionär W. R. Hearst, dem Inhaber des einflußreichen Medienimperiums der amerikanischen "Hearst-Presse".
"Lindbergh sollte in einem Film über die Luftfahrt die Hauptrolle spielen, mit Marion Davies, der Geliebten Hearst, als Partnerin. Hearst bot Lindbergh 500.000 Dollar plus zehn Prozent der Bruttoeinnahmen. (...) Hearst drängte Lindbergh, es nicht nur um seinetwillen zu überdenken, sondern es auch als Ermutigung für andere zu sehen." (!!!)
Wie nun reagiert der 25-jährige, scheinbar ganz naiv aussehende Farmerjunge aus dem amerikanischen Mittelwesten? Vielleicht sah er sein Verhalten wirklich auch als eine Ermutigung für andere an. Aber nicht in dem Sinne, in dem sich Hearst das vorgestellt hatte.
" 'Ich wollte, ich könnte Ihnen den Gefallen tun', wandte Lindbergh ein, 'aber es geht nicht. Ich habe erklärt, ich werde nicht in Filmen auftreten.'

Erst viele Jahre später sprach Lindbergh in seinen Memoiren aus, daß er an Hearst selbst Anstoß genommen hatte. Der Mogul, so schrieb Lindbergh, 'kontrollierte eine Zeitungskette von New York bis Kalifornien, deren sittliche Maßstäbe sich von den meinen sehr unterschieden.
'Sie scheinen mir allzu sensationslüstern, unverzeihlich ungenau und übertrieben besessen von den Leiden und Lastern der Menschheit. Die Männer, die ihn vertraten und die ich kennengelernt hatte, waren mir fast alle zuwider, und ich wollte nicht mit dem Unternehmen in Verbindung gebracht werden, das er aufgebaut hatte.' "
So denken und handeln heute bestimmt nicht mehr sehr viele Menschen in vergleichbaren Situationen:
" 'Na gut', sagte Hearst schließlich, 'aber den Vertrag müssen Sie zerreißen, ich hab' nicht das Herz dazu.'

Verlegener als je versuchte Lindbergh, ihm den Vertrag zurückzugeben. 'Nein', sagte Hearst ruhig und maß den jungen Mann prüfend von oben bis unten, 'wenn Sie keinen Film drehen wollen, zerreißen Sie das Papier und werfen Sie es fort.' Auf diese zweite Herausforderung hin riß Lindbergh die Seiten entzwei und warf sie in den Kamin. Hearst sah ihm 'mit einem Ausdruck belustigten Staunens' zu, an den Lindbergh sich noch lange erinnerte." (1, S. 151)
Was für ein souveräner Mensch. Ein Mensch, der nicht käuflicher war. Mehr Menschen von seiner Statur und das 20. Jahrhundert wäre - so möchte man ohne zu zögern vermuten - wesentlich anders verlaufen. Man könnte zu der Meinung kommen, daß wir Menschen wie Lindbergh brauchen, wenn wir das 21. Jahrhundert wirklich zukunftsweisend gestalten wollen.

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1. Berg, A. Scott: Charles Lindbergh. Karl Blessing Verlag, München 1999
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