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Samstag, 18. Juni 2016

"Damals war nichts heilig als das Schöne"

Side - Die Hauptstadt Pamphyliens
Die Stadt des Granatapfels und der Fruchtbarkeit
Die Stadt des Mondgottes Men, der Göttin Athene, des Gottes Apollon

Die Stadt Side an der Südküste der Türkei ist heute eine Hochburg des Tourismus. Auf beiden Seiten eingerahmt von riesigen hässlichen Bettenburgen, Kilometerweit aufgereiht entlang der Küste in erster, zweiter und dritter Reihe, waren der ursprüngliche Anlass für diesen Tourismus in den 1970er Jahren die anziehenden und großes Interesse weckenden Ruinen einer im Grundriss und in wichtigen Ruinen fast vollständig erhaltenen antik-griechischen Stadt, der ehemaligen Hauptstadt einer ganzen Provinz an der Südküste Kleinasiens, nämlich Sides.

Abb. 1: Kopf einer Apollon-Statue aus Side, Pamphylien (2. Jahrhundert n. Ztr.)

Im vorletzten Beitrag ("... Iß, trink und scherze - das übrige ist nicht so viel wert ...") wiesen wir schon hin auf das reichhaltige kulturelle Leben in den antikgriechischen Städten an der Südküste Kleinasiens vor 2000 Jahren. Von Side war in diesem Beitrag dabei noch gar nicht so viel die Rede. Sie soll im folgenden beispielhaft als eine solche - vielleicht ganz willkürlich gewählte - Stadt behandelt werden. Denn selbst eine so unbekannte antik-griechische Stadt wie Side, eine Stadt wie es solche vor 2000 Jahren im östlichen und westlichen Mittelmeer-Raum zu hunderten oder tausenden gab, kann - zu einiger Überraschung - mit namhaften Vertretern der antik-griechischen Kultur als Söhne dieser Stadt aufwarten. Indem man diese Namen nennt, tritt man sogleich mitten hinein in die gelebte Kultur einer solchen Stadt vor 2000 Jahren, eine gelebte Kultur, wie man sie dort vor Ort heute über hunderte von Kilometern hinweg - siehe Bettenburgen*) - gänzlich umsonst sucht.

Side war die Geburtsstadt des Bischofs Eustathios von Antiochia (290-350 n. Ztr.) (Wiki). Dieser gehörte zu den namhaften katholischen Bischöfen des römischen Reiches, die in der Zeit des Konzils von Nicäa die Arianer mit großer Schärfe bekämpften. Er gehörte also zu jenen religiösen Eiferern, die der vormaligen heidnischen Antike das Grab schaufelten. Side war auch die Geburtsstadt des siebzig Jahre später lebenden sophistischen Philosophen Troilus von Konstantinopel (390-450 n. Ztr.) (Wiki), eines Vertreters des ursprünglichen, freien Geistes der griechischen Antike. Side war die Geburtsstadt des letzten großen Rechtsgelehrte der Antike, des Justizministers unter dem oströmischen Kaiser Justinian, nämlich Flavius Tribonianus (gest. 542) (Wiki). Dieser Mensch hat maßgeblich zur Fertigstellung des berühmten "Corpus Iuris" beigetragen. Andererseits beschreibt ihn der griechische Geschichtsschreiber Prokop als "geldgierig". Tribonianus war außerdem des Heidentums verdächtig. Aber das sind alles Namen der Spätantike. Über das ebenfalls vorhandene Geistesleben und kulturelle Leben Sides vor Beginn der Spätantike, also in klassischer Zeit, ist weniger bekannt. Es darf aber nach dem Zeugnis der Hinterlassenschaften, von denen im folgenden einige aufgeführt werden sollen, als ähnlich reichhaltig angenommen werden.

Abb. 2: Reliefs vom Osttor von Side (650 v. Ztr.), ausgegraben aus den Dünen in den 1980er Jahren, heute im Museum von Side (eig. Aufn.)

Side hatte in der Antike 40.000 Einwohner, das sind etwa halb so viel wie die Einwohner der damaligen größten griechischen Stadt, nämlich Korinth. Side hatte einen Hafen, vier Tempel, zwei Marktplätze (Agoren), zwei repräsentative, mit Säulen eingerahmte Kolonadenstrassen. Die Stadt hatte ein Theater und eine Bibliothek, sowie einen Gouverneurspalast. Ihre wehrhaften Mauern hatten 13 Türme. Das bis heute ebenfalls gut erhaltene Aquädukt, das Side mit Wasser aus dem Taurus-Gebirge versorgte, war 29 Kilometer lang. Side war hunderte von Jahren der Sitz des römischen Provinz-Gouverneurs von Pamphilien. In christlicher Zeit, zwischen 300 und 1400, war es Sitz des zuständigen katholischen Bischofs. Auch die Bischöfe haben in der Spätantike zunächst noch in der ungebrochenen Bautradition der Antike gebaut, obwohl sie zu dieser Zeit die heidnischen Tempel schon zerstört hatten.

Der Spätantike waren ja auch in Side wie in so vielen ihrer Nachbarstädte, glänzende Epochen der Kulturgeschichte vorangegangen. Side hatte den Aufstieg und Fall des Großreiches der Hethiter erlebt, jenes wenig bekannten, aber sehr Pferde-liebenden Volkes, das den ersten Friedensvertrag der Weltgeschichte, nämlich mit Ägypten schloß. 

So wie nach Homer im Kampf vor Toja "tapfere Helden" aus ganz Lykien beteiligt waren, werden auch solche aus Side dabei gewesen sein (oder hätten sein können). Also Helden wie Hektor, Achill und Odysseus. Aus dieser kriegerischen Heldenzeit haben sich in Side Reliefs erhalten, die bis zum Untergang der Stadt im Eingangsbereich des Osttores der Stadt hingen und die Feinde der Stadt schrecken sollten. In diesen waren nämlich die den besiegten Feinden der Stadt abgenommenen Rüstungen und Waffen dargestellt (Abb. 2).

Side erlebte den Aufstieg und Fall erst von Athen, dann von Rom. Side versank schließlich - mit dem Fall des Römischen Reiches - in das erinneungsreiche Land des "es war einmal und ist nicht mehr". Die Stadt war also mit bewegt worden von den hethitischen Schicksalen, den athenisch-hellenischen Schicksalen und schließlich erst denen des Römischen, dann des Oströmischen Reiches. Und auch noch die Frühzeit des byzantinischen Reiches erlebte die Stadt mit. Dann ging die blühende Kultur dieser Stadt unter und die letzten Einwohner von Side zogen nach Antalya.

Abb. 3: Frauenstatue aus den Ruinen des Theaters von Side (Museum Side) (eig. Aufn.)

Schon im Jahr 650 v. Ztr. war an der Stelle des bis heute berühmten Apollontempels von Side ein Vorgängerbau errichtet worden im hethitischen Stil, von dem sich wenige Reste erhalten haben. Aus jener Zeit stammen auch die Reliefs von den erbeuteten Waffen der Feinde Sides, die bis in byzantische Zeit zusammen mit sidetischer Inschrift das Osttor der Stadt schmückten und die Feinde abschrecken sollten. Dann war Side eine Zeit lang Mitglied des delisch-attischen Seebundes unter der Vorherrschaft von Athen.

Abb. 4: Frauenstatue aus den Ruinen des Theaters von Side (Museum Side) (eig. Aufn.)

Von den reichhaltigen Kunstwerken, die in den Ruinen der Stadt bis heute gefunden werden, kann in diesem Beitrag nur ein verschwindend kleiner Teil beispielhaft gezeigt werden. Sie finden sich im Museum von Side ausgestellt, das in den wiederhergestellten Räumen einer der erhaltenen antiken Thermen der Stadt eingerichtet wurde. 

Die Ruinen dieser Stadt sagen schlichtweg dasselbe über ihre Bewohner, was die Ruinen von Pompeji und Herculaneum über die Bewohner dieser Städte sagen: Es handelte sich um schönheitstrunkene Menschen, die in einer schönheitstrunkenen Kultur gelebt haben.

Abb. 5: Eine Ecke des wieder errichteten Apollontempels in Side (eigene Aufnahme)

333 v. Ztr. brachte Alexander der Große die griechische Kultur nach Side, nachdem sich Einflüsse derselben natürlich auch schon vorher in der Stadt sichtbar gemacht hatten.

Die noch heute sichtbaren, eindrucksvollen Stadtmauern von Side sind zwischen 188 und 102 v. Ztr. unter der Herrschaft der Seleukiden in Syrien errichtet. Die Stadtmauern dienten der Abwehr der Ptolomäer in Pergamon in den Diadochenkämpfen. 

Zwischen 78 und 25 v. Ztr. wurde Side römisch. Ein Feldherr im Auftrag Roms machte in dieser Zeit jenem Piratenwesen ein Ende, das sich in Side und Coracaesium (Alanya) breit gemacht hatte als Folge eines Machtvakuums, das die Diadochenkämpfe hinterlassen hatten. Side wurde dann Sitz des römischen Provinzgouverneurs von Pamphylien.

Abb. 6: Die von Säulen eingerahmte antike Hauptstraße, die hinter dem inneren Stadttor der Stadt hier
am Theater vorbei quer durch die Stadt hinunter zum Apollontempel führte (eig. Aufn.)

Im zweiten Jahrhundert nach der Zeitrechnung wurden schließlich jene Tempel, der kaiserliche Palast, die Bibliothek und die Staatsagora, das Theater und seine Agora, die eindrucksvollen beiden Stadttore, die innere Dekoration der Stadtmauer, das 29 Kilometer lange Aquädukt, das prachtvolle Nymphäum an seinem Ende vor dem Haupttor der Stadt, die Säulen-bestandene Hauptstraße quer durch die Stadt (Abb. 6) und durch einen mit einem Pferdegespann gekrönten Triumphbogen hindurch erbaut - samt dem damit verbundenen prächtigen Figurenschmuck.

Um der Reste dieser Bauten willen wird Side von Besuchern noch heute als so eindrucksvoll und sehenswert erachtet. 

Natürlich abgesehen von seiner naturschönen Lage auf einer Halbinsel am Mittelmeer im fruchtbarsten Küstenstrichs Kleinasiens.

Abb. 7: Ausblick von der Stadtmauer auf die Bucht westlich von Side (eig. Aufn.)

Die Verehrung des Schönen war alltäglich in den Städten der Antike. Das zeigt auch diese Stadt und der Inhalt seines Museums, der den Ruinen dieser Stadt entstammt. 

Anhand insbesondere von Pompeji läßt sich aufzeigen, daß sich diese Verehrung des Schönen bis in die kleinsten Wohneinheiten der ärmsten Schichten der Stadt hinein nachverfolgen läßt

Sie alle legten wohlproportionierte Gärten in ihren Häusern an, sozusagen auch noch "in der kleinste Hütte". Sie bemalten die Wände mit Malereien, von denen schon Goethe bei seinem Besuch von Pompeji sagte, daß man eine solche Dichte wertvoller Kunstwerke selbst in Holland in der Hochzeit der dortigen Malerei in den Bürgerhäusern nicht wird angetroffen haben.

Abb. 8: Kopf einer Apollon-Statue aus Side, Pamphylien (2. Jhdt. n. Ztr.) - wie Abb. 1 - aber hier in eigener Aufnahme

Auch der erste Thermenbau entstand im zweiten Jahrhundert - die Hafen-Therme. 

Um 250 n. Ztr. wurde ein weiterer großer Thermenbau errichtet, und zwar links an der Kolonadenstraße Richtung Men-Tempel. All dies zeigt, welcher wirtschaftliche Wohlstand hier über Jahrhunderte hinweg vorgeherrscht hat.

Um 350 n. Ztr. wurde eine Stadtmauer quer durch die Stadt errichtet an der schmalsten Stelle der Halbinsel. Die Mauer wurde aus dem Bauschutt aus vormaligen Gebäuden der Stadt erreichtet. Der Triumphbogen und das Theater wurden dabei Teil der Stadtbefestigung (Abb. 9).

Abb. 9: Die Säulen-umstandene Agora mit Fortuna-Tempel in der Mitte. Dahinter das Theater, daneben das innere Stadttor, ein Triumphbogen, auf dem früher ein Pferdegespann thronte, daneben die Therme (heute Museum), im Vordergrund verfallene Bürgerhäuser
- Die reichhaltigen Ruinen von Side erstrecken sich über seine gesamte frühere Ausdehnung, also über mehrere Kilometer (eigene Aufnahme)

Um 450 n. Ztr. wurde die Therme an der Agora (Abb. 9) erbaut. Sie hat sich so gut erhalten, daß in ihr das heutige reichhaltige Museum von Side eingerichtet werden konnte.

Um 490 n. Ztr. war der Baubeginn des Bischofspalastes zwischen dem West- und Osttor der Stadt, im Außenbereich der Stadt. Es handelte sich um einen Palast, an dem bis 950 weiter gebaut wurde. Hierfür wurde sogar noch einmal eine neue, repräsentative, mit Säulen eingerahmte Straße, eine sogenannte Kolonadenstraße erbaut. 

Nun aber machte sich zunehmend christlicher Eifer unter den Menschen der Zeit breit. In der gleichen Jahren wurden die Tempel für die Götter Men, Athene und Apollon, die Wahrzeichen der Stadt auf der Spitze der Halbinsel, abgerissen und zerstört. 

An ihrer Stelle wurde - unglaublich - eine dumpfe christliche Basilika errichtet. In was für eine geistige Umnachtung müsssen die Menschen der damaligen Zeit verfallen sein, daß sie helle, lichtumflutete Tempel ersetzten durch solche Basiliken!

Was für eine vielfältige, Jahrtausende alte Geschichte. 

Die um 490 n. Ztr. abgebrannten Atriumhäuser nördlich der Agora, bei denen es sich um reiche Bürgerhäuser handelte, wurden in jener Zeit nicht mehr wieder aufgebaut. Sie blieben - bis heute - in ihrem Brandschutt liegen (Abb. 9 im Vordergrund).

Abb. 10: Abendstimmung westlich von Side (eigene Aufnahme)

Eine antike Stadt. Mit so großer, weiter Geschichte. Und noch heute rauscht das Meer - wie eh und je - an seine Gestade. An Gestade, die so helle, frei gesinnte, schönheitstrunkene Menschen über Jahrhunderte, Jahrtausende hinweg gesehen haben. 

Die Palmen wehen im Wind. Und die üppige Natur - samt jener Granatäpfel, die Side einst ihren Namen gegeben haben - sie treiben im Frühjahr jedes Jahr aufs Neue aus.

Im Frühjahr. 

Das heißt in dieser Region: Februar.

Bedarf es eines solchen, von der Sonne verwöhnten Klimas, um götterfrohe Menschen hervor zu bringen? 

Wie noch einmal hatte es Friedrich Schiller aufgefaßt, dieses "Blütenalter der Natur", vor dem Einzug des dumpfen, geistig ohnmächtigen, christlichen Mittelalters, in dessen Schlacken wir uns auch heute noch allerorten bewegen? ...

Die Götter Griechenlands
Da ihr noch die schöne Welt regieret,
An der Freude leichtem Gängelband
Selige Geschlechter noch geführet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!
(...)
Finstrer Ernst und trauriges Entsagen
War aus eurem heitern Dienst verbannt;
Glücklich sollten alle Herzen schlagen,
Denn euch war der Glückliche verwandt.
Damals war nichts heilig, als das Schöne,
Keiner Freude schämte sich der Gott,
Wo die keusch errötende Kamöne,
Wo die Grazie gebot.
Eure Tempel lachten gleich Palästen,
Euch verherrlichte das Heldenspiel
An des Isthmus kronenreichen Festen,
Und die Wagen donnerten zum Ziel.
Schön geschlungne, seelenvolle Tänze
Kreisten um den prangenden Altar,
Eure Schläfe schmückten Siegeskränze,
Kronen euer duftend Haar.
(...)
Schöne Welt, wo bist du? - Kehre wieder,
Holdes Blütenalter der Natur!
Ach, nur in dem Feenland der Lieder
Lebt noch deine fabelhafte Spur.
Ausgestorben trauert das Gefilde,
Keine Gottheit zeigt sich meinem Blick,
Ach, von jenem lebenwarmen Bilde
Blieb der Schatten nur zurück.
Alle jene Blüten sind gefallen
Von des Nordes schauerlichem Wehn;
Einen zu bereichern unter Allen,
Mußte diese Götterwelt vergehn.
Traurig such' ich an dem Sternenbogen,
Dich, Selene, find' ich dort nicht mehr;
Durch die Wälder ruf' ich, durch die Wogen,
Ach! sie wiederhallen leer!
Unbewußt der Freuden, die sie schenket,
Nie entzückt von ihrer Herrlichkeit,
Nie gewahr des Geistes, der sie lenket,
Sel'ger nie durch meine Seligkeit,
Fühllos selbst für ihres Künstlers Ehre,
Gleich dem todten Schlag der Pendeluhr,
Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere,
Die entgötterte Natur.
Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne,
Alles Hohe nahmen sie mit fort,
Alle Farben, alle Lebenstöne,
Und uns blieb nur das entseelte Wort.
                                           Friedrich Schiller
 
 
/ Vom Sprachgebrauch her 
überarbeitet: 3.2.23 /
 
 
_____________________
*) Ja, diese greulichen, scheußlichen Bettenburgen, Schandmale der Kulturlosigkeit unserer Zeit. Im leeren Zustand sind sie übrigens im Winter, also bis Februar oder März weitaus besser zu ertragen und - soweit als möglich - zu ignorieren, als wenn die moderne Massenverblödung etwa April/Mai anfängt, überraschend schnell und kräftig in diesen Gegenden Einzug zu halten. Den Typus des modernen Massenmenschen in seiner (im übrigen: wohlverdienten) Urlaubs- und Freizeit zu erleben, ist womöglich noch erschreckender, als wenn man ihn im seelenlosen Hamsterrad seiner Arbeit in der modernen Dienstleistungsgesellschaft erlebt. Dort wo jeder so tut, als wäre er "Mensch". Erst im Urlaub offenbar der Massenmensch dann sein "wahres Gesicht". (Nietzsche sind demgegenüber schon lange die Worte ausgegangen zur Charakterisierung dieses Typus von "allerletzten Menschen" ....) 
_________________
  1. Huglstad, Allan: Alanya und Umgebung. Von Antalya bis Anamur. Alanya 2008 (220 S.)
  2. Atvur, Orhan: Side. A guide to the ancient city and the Museum. 7. Auflage 2010

Samstag, 20. August 2011

Die Aphrodite von Knidos und ein tanzender Satyr

- Ein Ausflug in die Kunstgeschichte der Antike

1998 wurde in der Straße von Sizilien zwischen Sizilien und Tunesien im Schleppnetz eines Fischerbootes in 500 Meter Tiefe die Bronzeskulptur des "Tanzenden Satyr" (genannt "von Mazara del Vallo") (Wiki) gefunden (Abb. 1- 12).

Der "tanzende Satyr" (genannt "von Mazara del Vallo")

Sehr bald schon nach ihrer Auffindung wurde sie dem griechischen Bildhauer Praxiteles (390-320 v. Ztr.) (Wiki) aus Athen zugeschrieben.

Abb. 1: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Kopf) (Ancwlds)

Auf Wikipedia heißt es jedoch sehr kritisch zu dieser These (Wiki):

Obwohl sie von einigen in das 4. Jahrhundert v. Ztr. datiert worden ist und sie als die Originalarbeit von Praxiteles angesprochen haben oder als eine authentische Kopie, ist sie mit größerer Wahrscheinlichkeit entweder in die hellenistische Epoche des 3. und 2. Jahrhunderts v. Ztr. zu datieren oder womöglich in die "athenisierende" Phase des römischen Geschmacks im frühen 2. Jahrhundert v. Ztr.. Ein hoher Anteil von Blei in der Bronze legt nahe, daß sie in Rom selbst hergestellt worden ist.
Though some have dated it to the 4th century BCE and said it was an original work by Praxiteles or a faithful copy, it is more securely dated either to the Hellenistic period of the 3rd and 2nd centuries BCE, or possibly to the "Atticising" phase of Roman taste in the early 2nd century CE. A high percentage of lead in the bronze alloy suggests its being made in Rome itself.
Abb. 2: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Kopf) (Anciwlds

Demgegenüber trägt nun (2)

Bernard Andreae, langjähriger Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom bis 1995, acht neue Argumente für die These vor, daß es sich um das hochberühmte Meisterwerk des spätklassischen Bildhauers Praxiteles handelt.

So heißt es im Verlagstext zu seiner kleinen Schrift. 

Abb. 3: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo (Ancwlds) 

In der FAZ sagt er dazu unter anderem (1):

Aus zahlreichen Wiedergaben in stadtrömischen Reliefs weiß man, daß die Figur sich bis zur Spätantike in Rom befand. Daß sie von dort stammen muß, geht auch daraus hervor, daß mit ihr zusammen ein lebensgroßes Elefantenbein aus Bronze geborgen wurde. Dieses muß von einem Elefantenviergespann stammen, welche es nachweislich nur auf Triumphbögen in Rom gab. Bekannt ist, daß der Vandalenkönig Geiserich bei seiner den Begriff des Vandalismus prägenden Plünderung Roms im Jahre 455 Raubgut auf dreißig Schiffen in die Hauptstadt seines Reiches in Tunesien verfrachten ließ. Wörtlich heißt es im „Vandalenkrieg“ des Historikers Prokop 1,5: „Eines der Schiffe von Geiserich, und zwar dasjenige, welches die Statuen transportierte, ging verloren, während die Vandalen mit allen anderen den Hafen von Karthago erreichten.“
Abb. 4: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo

Andrae hält abschließend fest:

Bleibt die Frage nach dem Schöpfer, die allein aufgrund der Beurteilung des Stiles beantwortet werden kann. Nicht nur ich halte den Satyr für rein praxitelisch. Hier wird es immer verschiedene Meinungen geben. Aber gerade ein Detail, nämlich die Formung des männlichen Gliedes, die bei diesem Meister besonders charakteristisch ist, spricht dafür, daß wir es wirklich mit dem hochberühmten Satyr des Praxiteles zu tun haben.
Abb. 5: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo 

Ob Andreae damit das letzte Wort behalten wird? Die Satyr-Skulptur zeigt doch ein vergleichsweise wenig vergeistigtes Gesicht, das man zumindest auf den ersten Blick nicht unbedingt einem Praxiteles zusprechen möchte, der zugleich die Aphrodite von Knidos geschaffen hat.

Abb. 6: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo

Es ist dennoch faszinierend, daß der byzantinische Geschichtsschreiber Prokop vor 1500 Jahren von dem Verlust eines wandalischen Schiffes, beladen mit römischen Kunstwerken, berichten konnte, und daß 1500 Jahre später sizilianische Fischer Kunstwerke dieses Schiffes aus dem Meer ziehen. Während einen zeitgleich erschienenen Blogartikel über den "Wandalenkrieg" des Prokop schreiben (Stgen2011), sind wir auf die Thematik dieses tanzenden Satyrs gestoßen.

Abb. 7:  Satyr

Die Entdeckung dieses neuen antiken Kunstwerkes hat den vormaligen Direktor des Deutschen Archäologischen Instituts in Rom Bernard Andreae jedoch auch sonst zu sehr begeisterten Ausführungen über den bedeutendsten Bildhauer der Antike und über die Darstellung männlicher und weiblicher Körper in der Antike hingerissen (1):

Über Praxiteles, der sowohl in Bronze als auch in Marmor arbeitete, gibt es mehr Nachrichten aus der Antike als von anderen Künstlern. Er ist auch der einzige, von dem ein Original erhalten ist: die marmorne nackte Hermesstatue in Olympia. Wenn die Nacktheit der Frau weiser ist als die Lehre der Philosophen, wie Max Ernst gesagt haben soll, wie ist es dann mit der Nacktheit des Mannes? Männliche Nacktheit wird heutzutage seltener ins Bild gesetzt als die der Frau. In der griechischen Kunst war es umgekehrt. Seit archaischer Zeit gab es unbekleidete Jünglingsstatuen, die sogenannten Kuroi. Apollo sowie andere männliche Götter und auf jeden Fall die halbgöttlichen Satyrn wurden nackt dargestellt, nicht aber die Mänaden; unter den weiblichen Göttinnen nur die Liebesgöttin, und auch diese erst seit der Zeit des zwischen 370 und 320 tätigen Praxiteles.
Hier kommt Phryne, seine Geliebte ins Spiel, die das Vorbild der ersten unbekleideten Aphroditestatue, der „Venus von Knidos“, gewesen sein soll. Von ihr sprechen antike Quellen auch im Zusammenhang mit einem Satyr: Phryne wollte wissen, welches seiner Werke Praxiteles das liebste sei, und schickte einen Sklaven zu ihm mit der Botschaft, die Werkstatt sei verbrannt. Praxiteles rief verzweifelt aus: „Auch der Satyr? Dann bin ich verloren!“ Da trat Phryne vor und beruhigte ihn; sie wisse jetzt wenigstens, welche seiner Skulpturen er am  höchsten schätzte.
Praxiteles hat noch zwei andere durch römische Marmorkopien bekannte Satyrn geschaffen: den Einschenkenden und den Angelehnten. Man kann also nicht sagen, welcher der in der Phryne-Anekdote erwähnte ist. Doch wenn der Satyr von Mazara del Vallo ein Werk des Praxiteles wäre, wüsste man, warum er einen seiner drei Satyrn so über alles stellte. Denn in dieser frei stehenden Plastik hat der Schöpfer eine Grenze überschritten – die wirbelnde Bewegung auf der Spitze eines Fußes übertrifft noch die des berühmten Diskuswerfers von Myron.

Die berühmte Aphrodite von Knidos (Wiki), geschaffen von Praxiteles aber nur in Kopien überliefert zieht da noch einmal erneut die Aufmerksamkeit auf sich (Abb. 8-11). 

Abb. 8: Aphrodite von Knidos im Palazzo Altemps in Rom / Fotografiert von José Luiz Bernardes Ribeiro (Wiki)

Auf Wikipedia heißt es (Wiki):

Die Statue war für ihre außerordentliche Schönheit berühmt, die von allen Seiten bewundert werden konnte (Rundansichtigkeit), sowie dafür, die erste lebensgroße Darstellung des nackten weiblichen Körpers in klassischer Zeit zu sein. Dargestellt war die Göttin Aphrodite, wie sie sich auf das rituelle Bad zur Wiederherstellung ihrer Jungfräulichkeit vorbereitet; in ihrer linken Hand hält sie ihr Gewand, während sie mit der Rechten die Scham verbirgt.

Abb. 9: Kopf der Aphrodite von Knidos im Louvre, Paris / Fotografiert von Marie-Lan Nguyen (2010) (Wiki)

Weiter heißt es auf Wikipedia über sie (Wiki):

Auf Grund der revolutionären Darstellung der Göttin in völliger und selbstbewußter Nacktheit wurde sie schnell zu einem der berühmtesten Werke des Praxiteles. Plinius berichtete: "Die Venus des Praxiteles übertrifft alle Kunstwerke der ganzen Welt. Viele haben die Seefahrt nach Knidos unternommen, bloß um diese Statue zu sehen."

Die Schönheitsbegeisterung der antiken Griechen.

Abb 10: Aphrodite von Knidos

Und weiter (Wiki):

Die Statue wurde so bekannt und vielfach kopiert, daß einer Legende zufolge die Göttin Aphrodite schließlich selbst nach Knidos kam und anschließend fragte: „Wo hat mich Praxiteles denn nackt gesehen?“
Abb 11: Aphrodite von Knidos

 Siehe auch (Welt, 30.3.07; s.a. hier).

_____________
  1. Andreae, Bernard: Tanz auf der Nadelspitze. Der „Tanzende Satyr“ von Mazara del Vallo. FAZ, 16.12.2008
  2.  Andreae, Bernard: Der tanzende Satyr von Mazara del Vallo und Praxiteles. Franz Steiner 2009
  3. Bading, Ingo: Von der Schönheit des menschlichen Körpers, Studium generale, 13.3.2007
  4.  Bading, Ingo: "Die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen", Studium generale, 19.7.2008
  5. Bading, Ingo: Berlin praßt und wuchert ... (Teil 1) (November 2009)
  6. Bading, Ingo: Berlin praßt und wuchert ... (Teil 2) (November 2009)
  7. Dancing Satyr Of Mazara Del Vallo. Video auf: Wn.com; auch hier.

Samstag, 19. Juli 2008

"Die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen"

Basty hat einen längeren Disput angeregt über den gebrachten Text von Nietzsche zur "Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft" (St. gen. 07/2008). Ein Text, der zunächst dahingehend interpretiert worden war, daß er etwas dazu aussagen könne, wie die mosaische Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch formuliert worden sein könnte mehr oder weniger bewußt als Gegenbild zur wissenschaftlichen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch, die sich etwa gleichzeitig in der antiken Welt ausbildete. Das ist ja die These des Kultur- und Religionshistorikers Jan Assmann.

Im Verlauf der Diskussion mit Basty wurde aber klar, daß die Dinge doch noch ein bischen verwickelter sein werden, als es auf den ersten Blick aussieht. Die mosaische Unterscheidung, also der jüdische Monotheismus, ist entstanden in Auseinandersetzung mit den assyrischen Welteroberungsplänen und dabei vor allem auch während der Belagerung Jerusalems irgendwann um 500 v. Ztr. (so vermutet es Archäologe Israel Finkelstein). Aber seine erste große Bewährungsprobe (oder eine seiner ersten großen) wird vor allem auch seine Auseinandersetzung mit dem Hellenismus gewesen sein, mit dem Begeisterungsrausch für Kunst, Schönheit und auch Wissenschaft, den damals die Welt im Vorderen Orient ergriff.

Antik-griechische versus mosaische Unterscheidung zwischen Schön und Häßlich

Wenn man es noch recht von seinem althistorischen Hauptseminar und damit in Zusammenhang gelesenen Quellen zur Geschichte des antiken Judentums in Erinnerung hat, wollten damals auch viele Juden in die Gymnasien gehen, wurden dort aber beim Nacktturnen als Beschnittene erkannt und wollten sich deshalb dann auch nicht mehr beschneiden lassen. In jener Zeit wird man also sehr eifrig mosaisch gewesen sein müssen, wenn man sich durch den um sich greifenden "Hellenismus-Wahn" nicht ganz und gar religiös wollte umpolen lassen.

Insofern könnte die geschichtliche Ausbildung der "eifrigen", "fanatischen" mosaischen Unterscheidung zwischen Wahr und Falsch sehr stark mitbeeinflußt worden sein - in den Worten Nietzsches - durch "die Höllenangst Gottes vor dem Nacktturnen". (!)*)

Was hier also zunächst eher als ein Scherz formuliert worden war, könnte doch allerhand Körnchen Wahrheit in sich bergen. Was einem aber damit in Zusammenhang vor allem bewußt wird: Für die Griechen war jene Wissenschaft, die bemerkenswerter Weise ebenfalls vor allem in den Gymnasien gelehrt und verbreitet wurde, nur ein Teilaspekt dessen, was ihnen im Leben wichtig war. Schönheit, auch die Schönheit des menschlichen Körpers und sein Training - in der Natur und in der Kunst - war da für sie mindestens ein ebenso wichtiger Aspekt. Das wird ja auch in vielen philosophischen Gesprächen des Sokrates, überliefert von Platon deutlich. Insofern könnte klar werden, daß der Nietzsche-Text ein Text der Zeit von Nietzsche war. und auf Probleme der Zeit von Nietzsche - vor allem - reagierte. Damals wurde das Unfehlbarkeitsdogma des Papstes diskutiert und so vieles andere mehr.

Und es wird vor allem deutlich, daß auch die These von Jan Assmann eine auf unsere Zeit gemünzte These darstellt, die manche wesentlicheren Aspekte wohl noch ausblendet. Und woran das liegt? Weil wir heute noch fast die gleichen Probleme mit der Nacktheit im Sport haben (siehe Abbildung), wie sie schon der liebe Gott, bzw. der Hohepriester im Paradies (oder in Israel) gehabt haben müssen, als sie sahen, daß Adam und Eva mit dem nackten Frühturnen anfingen. Welche Tyrannen das wohl heute - außer "Gott" - fürchten?

Wir sind heute medial so sehr mit Nacktheit überflutet, daß über diese so recht Freude nicht aufkommen will. Zumindest nicht jene leichte, beschwingte, griechische Heiterkeit. Aber vielleicht ist auch diese - eher Mißmut als Freude verbreitende - mediale Überflutung nur eine Rache des monotheistischen Gottes an all jenen, die ihm untreu geworden sind? ... **)

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*) Ergänzung vom 7.9.08: Nicht nur "Gott" Jehova scheint vor dem Nacktturnen und der Verherrlichung körperlicher Schönheit Angst gehabt zu haben, offenbar auch "andere" antike Tyrannen. Auf dem englischen Wikipedia-Eintrag steht: "Athletes competed in the nude, a practice said to encourage aesthetic appreciation of the male body and a tribute to the Gods." Hier geht es gewiß um andere Götter (Konkurrenz-Götter gegenüber dem Gott der Bibel). Und weiter: "Some early tyrants feared gymnasia facilitated politically subversive erotic attachments between competitors." (1)] 
**) Ergänzung (6.1.2023): Der tändelnde, unernste Tonfall dieses Beitrages entstammt einer Zeit vor dem Bekanntwerden der umfangreichen Pädokriminalität innerhalb der katholischen Kirche und innerhalb vieler katholischer Orden, insbesondere auch innerhalb des Jesuitenordens weltweit im Jahr 2010. Seit dieser Zeit ist uns ein solcher tändelnder Tonfall auf unseren Blogs gegenüber dem Monotheismus, der allzu leicht dazu neigt, pädokriminelle Psychosekten auszubilden, abhanden gekommen.
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  1. Ein deutscher Tagungsband zum Thema aus dem Jahr 2004 wird übrigens bei HSozKult besprochen: Dorit Engster: Rezension zu: Kah, Daniel; Scholz, Peter (Hrsg.): Das hellenistische Gymnasion. Berlin 2004. In: H-Soz-u-Kult, 14.03.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-189>.

Sonntag, 20. Januar 2008

Die letzten Naturvölker auf der Erde - ihr Schutz, ihre Erforschung ist ein großes Abenteuer

Ein unglaubliches Buch! Über 500 Seiten hat es. Und man denkt etwa nach den ersten hundert Seiten, nun hätte man aber bestimmt schon die spektakulärsten Inhalte dieses Lebensberichtes gelesen, noch Spannenderes kann ja nun wohl nicht mehr kommen. Nun muß es ja doch - irgendwann - einmal etwas "gewöhnlicher" werden in diesem Buch. Aber weit gefehlt. Ein Buch voller Abenteuer, voller Überraschungen, voller unterschiedlicher Erlebnisse und menschlicher Begegnungen. Die Spannung erreicht noch Höhepunkte, wenn man sich dem Ende dieses Bandes nähert.

Autor Roland Garve

Die Rede ist von "Kirahe - Der weiße Fremde", dem im letzten Jahr erschienenen Lebensbericht des 52-jährigen Zahnarztes, Völkerkundlers und Filmemachers Roland Garve, über das an früherer Stelle (9.12.07) schon einmal berichtet worden war, nachdem die ersten hundert Seiten gründlich gelesen waren. Aber wie wenig hatte man damit erst von diesem Buch gelesen. Nun aber bin ich mit dem gründlichen Lesen ganz durch. Und immer noch ganz gefangen, gefesselt von diesem "Abenteuer"-Bericht.

Der Selbstmörder-Stamm der Suruaha

Zum Schluß wird es noch einmal kraß dramatisch. Da reist Roland Garve zu dem südamerikanischen "Selbstmörder-Stamm" der Suruaha (auch Zuruaha) - einer ethnischen Ausnahme-Erscheinung, von der man absolut nicht glauben sollte, daß es etwas derartiges gibt: Ein Stamm, in dem fast alle Stammesmitglieder zumeist schon in frühen Jahren Selbstmord begehen. Da genug Kinder geboren werden, ist er mindestens in den letzten hundert Jahren nicht vom Aussterben bedroht gewesen und so auch nicht in der Gegenwart. Sie nehmen eine Selbstmord-Droge - oft aus ganz nichtigen Anlässen oder aus einer flüchtigen, alltäglichen Enttäuschung heraus. Und sie überlassen es dem Zufall, der Dosis, den anderen, helfenden oder nicht helfenden Stammesangehörigen, ob sie die jeweilige Dosis überleben werden, oder ob sie "hinüber" gehen werden zu den Verwandten, zu den schon Voraus-Gegangenen. Denn sie sind fest davon überzeugt, daß alle Selbstmörder in einem "Jenseits" weiterleben werden. Alle jene aber, die sich nicht selbst umbringen, werden auch nicht im Jenseits weiterleben.

Typische Gesichter des Stammes der Suruaha
(Titelfoto eines anderen Buches über die Suruaha von Gernot Schley)

Das, was man - mehr aus Spaß - immer zu Christen und anderen Menschen gesagt hat, die an ein Weiterleben nach dem Tod glauben - nämlich, daß ihnen doch der Tod das erfreulichste Ereignis ihres Lebens sein müßte, da sie doch dann in das Paradies kommen würden, das leben diese Amazonas-Indianer tatsächlich mit einer derartigen schlichten und einfachen Konsequenz, die aber zugleich vollkommen erschreckend und erschütternd ist. Die bringen sich tatsächlich selber um. Und derjenige, der es nicht schafft, die alten Leute also, sind sozial massiv geächtet in diesem Stamm, werden gehänselt und ausgelacht bei jeder sich bietenden Gelegenheit - und zwar oft am meisten von den eigenen Kindern! - Diesen Bericht auf den Seiten 496 bis 518 muß man erst einmal verdauen. ... Ich habe das noch nicht. Ich glaube, dazu braucht man eine ganze Weile. Und dieser Bericht ist wirklich geeignet, manches am eigenen Weltbild zu verändern. Man möchte glauben, daß er ein starkes Argument sein könnte in religiösen oder philosophischen Grundsatz- und Weltbild-Debatten.

Man möchte fast vermuten, daß unter allen Menschen, die an ein Weiterleben nach dem Tod wirklich glauben, die Suruaha die ehrlichsten, wahrhaftigsten und konsequentesten sind. Aber von wieviel schriller Wildheit ist eine solche "Glaubenspraxis" im Alltag begleitet! (Nachtrag Juli 2009: Der begeisternde, halbstündige Film von Roland Garve über seine Reise zu den Suruaha ist für nur 99 Cent hier zu sehen.)

- - - Dabei hatte man zuvor schon zu "knabbern" genug gehabt an dem Bericht, der von der Erst-Kontaktierung eines (nach außen hin) sehr gewalttätigen Indianer-Stammes handelte, der noch niemals zuvor friedliche Kontakte zur nicht-indianischen Außenwelt hatte, nämlich der Korubo (Seiten 428 bis 480). Und davor der Bericht über die Besuche bei den Zoe, dem Lieblingsstamm Roland Garves. Und dann so viele anderen Berichte mehr. Etwa über einige der bedeutendsten Persönlichkeiten in der Geschichte und Gegenwart der Erforschung und des Schutzes der Indianer-Stämmer Brasiliens, unter denen sich viele Deutsche befinden, von denen man aber noch nie etwas zuvor gehört hatte. Etwa der jüngst verstorbene Deutsche Jesco von Puttkammer, ein Neffe des letzten Gouverneurs der deutschen ostafrikanischen Kolonie Kamerun, selbst nun Zeit seines Lebens der bedeutendste Fotograph der Indianer-Stämme Südamerikas. Aber noch so viele andere Dinge mehr.

Ein "Selfmade"-Mann auf dem Gebiet der Völkerkunde

Und dann über die Arbeit der brasilianischen Indianer- und Regenwald-Schutzbehörde, mit der Roland Garve und seine sächsischen Völkerkunde-Freunde in enge Zusammenarbeit kamen. Und dann über die in Brasilien offenbar so wertvolle Arbeit der deutschen GTZ, der deutschen "Gesellschaft für technische Zusammenarbeit", die Wertvolles leistet bei der Erhaltung der südamerikanischen Regenwälder. Und über so vieles andere mehr.

Ich wiederhole: Dies ist ein ganz unglaubliches Buch. Ein ganz und gar unglaubliches Buch. Von diesem Roland Garve muß man sich auch alle anderen Bücher besorgen, die von ihm bisher schon erschienen sind, und die zumindest in Südamerika weit verbreitet sind, auch unter den besuchten Indianer-Stämmen selbst, wie Garve immer wieder berichtet. Dort gelten sie nämlich als eine Art "Totenbücher", die sich die Stammesangehörigen immer wieder gern ansehen, weil sie dort inzwischen schon gestorbene Stammesangehörige abgebildet finden. (1, 2, 3, 4) Und auch all die Filme, die schon in deutschen Fernseh-Sendern von Garve ausgestrahlt worden sind, von deren Produktion er hier berichtet, würde man gerne sehen. Von einem Zahnarzt und "Selfmade"-Mann auf dem Gebiet der Völkerkunde und des Filmemachens. Ganz und gar unerwartet. - Noch einmal: Ein ganz und gar unglaubliches Buch.

Roland Garve

Man darf wohl sagen, daß hier ein Erforscher ursprünglicher Völker wie der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt in Roland Garve (und manchen seiner Kollegen) würdige Nachfolger gefunden hat. Es ist auch ein wenig erhebend zu sehen, daß es doch auch viele Deutsche in der Welt waren und sind, die sich für die Erforschung und die Erhaltung der Ureinwohner-Völker weltweit eingesetzt haben und einsetzen, und daß auch heute noch allein eine "heute Journal-Sendung" und der internationale Druck, der durch sie auf die brasilianische Regierung ausgeübt werden kann, einen Indianer-Stamm in Brasilien (die Zoe) vor der kulturellen Vernichtung bewahren kann!

Dies ist ein Buch, das einem viel Mut und auch Vertrauen in die Zukunft geben kann - bei all dem Deprimierenden, das es auch zu schildern weiß. (Etwa die Slums, in denen "christianisierte", "zivilisierte" Indianer-Stämme meistens enden ...)

Zerstörung indigener Kulturen

Ein Buch, auch z.B. deshalb so ungewöhnlich, weil es in scharfen Worten und deutlichen Kennzeichnungen die Arbeit christlicher, zumeist US-amerikanischer, sehr aggressiver Missions-Sekten verurteilt, die die Kultur unglaublich vieler Ureinwohner-Völker auf der Welt schon ganz gezielt und bewußt und mit unglaublicher Hartnäckigkeit, Energie und starkem finanziellem Hintergrund zerstört haben. Das Christentum scheint weltweit und Jahrhunderte lang immer mit den gleichen Methoden gearbeitet zu haben, von denen Garve nun auch in Brasilien erfährt (S. 363):
"Sie haben ein ausgeklügeltes System, sich den Naturvölkern zu nähern, sie zu manipulieren und dann umzudrehen. (...) Dabei würden die Missionare geschult, in die Seelenwelt der Eingeborenen einzudringen, um deren 'Knackpunkte' zu finden: Was ist identisch mit dem Christentum? Wo kann man ansetzen? Was entspricht in ihrer Kultur dem Teufel und was könnte mit Jesus identifiziert werden? Anschließend werde zunächst das christliche Universum quasi in die einheimische Kultur 'übersetzt', um die 'heidnische' Identität zu überlagern und auszulöschen. Mit dem ständigen 'Wort Gottes' im Nacken sollten sodann indigene Wertvorstellungen und religiöse Denkinhalte systematisch verändert werden. (...) Diese Missionare machten vielerorts stolze Waldbewohner zu gebrochenen Almosenempfängern."
- Aber allein dieses Thema wäre mehrere neue Blog-Einträge wert - wie so viele andere in diesem Buch angesprochene Themen. Roland Garve eröffnet dem Leser einen völlig neuen Blick in die Welt des Schutzes der menschlichen kulturellen Vielfalt weltweit.

Man wird ihm dafür ein tief empfundenes Wort des Dankes sagen müssen. Und man kann nur hoffen, daß er noch viel auf dieser Linie künftig wird berichten, erforschen und dokumentieren können. Wenn man weiß, daß sich solche Menschen wie Roland Garve des Schutzes des kulturellen Erbes und der kulturellen Vielfalt der Menschheit annehmen, dann meint man, dieselben in guten Händen zu wissen.

(Der Text dieses Beitrages wurde nach der Erstveröffentlichung hier auf dem Blog noch leicht überarbeitet und verändert.)

Sonntag, 9. Dezember 2007

Kirahe - Weißer Fremder

Bei Amazon.de stieß ich - irgendwie - auf das Buch von Roland Garve "Kirahe - Der weiße Fremde. Unterwegs zu den letzten Naturvölkern" (Ch. Links Verlag, Berlin 2007). Die vielen Leser-Rezensionen dort sind alle so begeistert, daß ich schließlich doch nicht "weiterblätterte", sondern mir das Buch besorgte.

Es ist so ein richtiges "Abenteuer-Buch". Aber anders als etwa Bücher von Reinhold Messner, Arved Fuchs oder auch Irenäus Eibl-Eibesfeldt. Und was ist der Unterschied? Der Autor ist in der DDR aufgewachsen (geboren 1955), begeisterte sich schon als kleiner Junge für die Indianer und wollte Völkerkunde studieren. Dafür bekam er aber keinen Studienplatz, sondern er wurde Zahnmediziner. Doch nach seiner NVA-(Militär-)Dienstzeit war für ihn klar: Er wollte "raus" aus dieser DDR. Und damit begann für ihn - - - das "Abenteuer". Die Fluchtvorbereitungen (er wollte zusammen mit einem Freund die Elbe durchtauchen) wurden von der Stasi entdeckt, er wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Ekelhafte Lebensverhältnisse muß man hassen


Er kam nach Brandenburg-Görden in jenes Gefängnis, in dem während des Dritten Reiches Erich Honecker einsaß. Er wurde zusammen mit lauter Schwer- und Sexualverbrechern eingesperrt und mußte sich seinen Platz in der Gefangenen-Hierarchie erst schwer erkämpfen. Das erleichterte ihm seine Judo-Ausbildung und sein doch relativ kräftiger Körperbau.

All diese Erlebnisse sind so aufregend geschildert, daß man das Buch schwer aus der Hand legt, ohne die letzte Seite gelesen zu haben. Nach den zwei Jahren Gefängnis wurde er 1983 nicht nach Westdeutschland entlassen, wie damals schon viele, sondern zu seiner riesengroßen Enttäuschung zurück in die DDR. Dort wurde er als Zahnmediziner angestellt. Er machte aber nirgends mehr einen Hehl aus seinem Haß gegen die DDR und den Kommunismus. Er hörte ostentativ den westdeutschen Radiosender NDR während der Arbeitszeit (was streng verboten war), schüttelte dem Bürgermeister nicht mehr die Hand: "Einem Kommunisten gebe ich nicht mehr die Hand," sagte er.

Er hatte in der NVA- und Gefängnis-Zeit einen solchen Haß gegen diese Verhältnisse entwickelt, daß ihm alles egal war, daß er nur noch seinen Haß lebte. Schließlich wurde er einige Monate später tatsächlich in den Westen abgeschoben. Beim Abschied von seinen Eltern rief er laut über den Bahnsteig hinweg: "Freiheit!" und immer wieder nur: "Freiheit!"

Auch sein sehr schnelles und erfolgreiches Einleben in Westdeutschland als Zahnarzt ist sehr spannend. Das gute Einkommen, das er dabei - wie er empfand unglaublich leicht - verdiente, benutzte er erst dazu, sich einen Porsche zu kaufen. Er stellte aber bald fest, daß das oberflächlich ist und konzentrierte sich wieder - endlich - auf sein eigentliches Lebensziel: Die Indianer, die letzten Naturvölker der Erde kennenzulernen.

Wahrscheinlich sind viele der begeisterten Amazon-Rezensenten selbst in der DDR aufgewachsen und finden sich in der eigenen oder anderen Weise in dieser Biographie wieder.

Roland Garve ist, wie mir scheint, in seiner DDR-Zeit weniger als wir Westdeutschen verwöhnt worden, bzw. hat sich von den Verhältnissen nicht verwöhnen lassen und hat sich deshalb eine gewisse "Geradheit", Unbedingtheit - nicht nur in der Liebe, sondern auch im Haß - erhalten, die einem diese Biographie lesenswert erscheinen läßt. Ekelhafte Lebensverhältnisse muß man hassen, da führt gar kein Weg daran vorbei. Wer es sich auch unter ekelhaften, inhumanen Lebensverhältnissen "gut" gehen lassen will und deshalb nicht das Unangenehme auf sich nehmen will zu hassen, verrät seine Menschlichkeit, verrät sein Menschsein selbst.

Das ist vielleicht das Wesentlichere, was man aus diesem Buch lernen könnte.

Echtes Menschsein bei den Naturvölkern


Und echtes Menschsein fand Garve dann, wie er sagt, auch gar nicht einmal besonders stark in Westdeutschland wieder, sondern vor allem - bei den Naturvölkern dieser Erde. Das ist der Hauptgrund, weshalb er immer wieder zu ihnen hinfährt und sie besucht:
"Ich wollte zurück zu den Wurzeln. Ich wollte dorthin, woher unsere Vorfahren einmal kamen. Wo man lebt, wie sie einst gelebt haben. Ich bin überzeugt, daß man von ihnen lernen kann. Daß sie Prinzipien und Weltanschauungen haben, über die es sich lohnt nachzudenken, auch für unsere Zukunft. Die Zukunft der ganzen Menschheit." (S. 26)

"Mehr als sechzig Expeditionen haben mich seither in die entferntesten Gebiete dieser Erde und zu etwa vierzig verschiedenen Naturvölkern geführt. Wenn ich auf die vergangenen zwei Jahrzehnte zurückblicke, dann ist meine wichtigste Erkenntnis, wie unglaublich schön es ist, daß es nicht nur eine Biodiversität in der Natur gibt, sondern auch - noch! - diese gewaltige kulturelle Vielfalt der Menschen auf der Welt. Leider wird sie peu a peu zerstört, oder eigentlich amerikanisiert. Mir aber liegt daran, die kulturelle Vielfalt zu erhalten - ganz egal, was die Leute in unseren Augen für kulturelle Merkwürdigkeiten aufweisen." (S. 27f)
Die Bebilderung des Buches ist phantastisch, meistens Fotos, die Garve selbst bei den Naturvölkern gemacht hat, "mehr als 250 Farbfotos". Sie allein schon sind es wert, in dieses Buch hineinzuschauen und es durchzublättern. (Mehr Fotos bspw. auch auf kirahe.de)

(Ein zweiter Beitrag auf "Studium generale" zu diesem Buch -> hier.)

Abb.: Roland Garve
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