Dienstag, 13. April 2021

Wanderten die Wolga-Fischer nicht mit? - Die Indogermanen

Sie vergaßen ihre ursprünglichen Fisch-Namen
- Außer dem Fisch-Namen "Lachs"
Die Menschen der Chwalynsk-Kultur an der Wolga (4.700 v. Ztr.) aßen viel Fisch
- Das einstige "Lachsargument" in der Indogermanen-Forschung 
- Lachs und Meeresforelle in der Völkergeschichte  

Eine neue Studie macht sich Gedanken darüber, wie sich Völker ernähren müssen, deren Hauptnahrungsbestandteil in dem mageren, proteinreichen Fleisch des Lachs-Fisches besteht. Es wird dies festgemacht insbesondere an den Indianervölkern an der Nordwestküste Nordamerikas (1) (Abb. 1).

Abb. 1: Ergänzende Fett- und Kohlenhydrat-reiche Nahrung, um "Protein-Vergiftung" zu verhindern (Grafik aus 1)

Bei der Ernährung vorwiegend mit Lachs besteht ein ähnliches Problem, wie Forscher ein solches feststellten bei nordamerikanischen Indianern, die hauptsächlich von der Jagd auf Kaninchen lebten. Kaninchen bieten ebenfalls nur fettarmes Fleisch. Die Forscher nannten die daraus sehr leicht folgende "Protein-Vergiftung" "Kaninchenhunger" (Wiki).

Das Ergebnis der neuen Studie ist nun, daß Völker, die vorwiegend vom Lachsfang leben, auf jeden Fall auch noch fett- und kohlehydratreiche andere Nahrungsbestandteile zusätzlich brauchen. Denn zu einseitige Ernährung nur mit Lachs-Fleisch wäre für sich genommen eine zu proteinreiche Nahrung, die die sogenannte "protein starvation" mit sich bringen kann (1). Dies birgt nach Meinung der Autoren Schlußfolgerungen in sich für die bisherigen völkerkundlichen, wirtschaftsgeschichtlichen und archäologischen Annahmen hinsichtlich der Bedeutung des Lachs-Fanges in der Völkergeschichte.

Abb. 2: Vor Sonnenaufgang an der Wolga ("Early Morning"), Gemälde von Alexei Savrasov (1830-1897), 1887*)

Es wäre noch zu überprüfen, ob diesselben Überlegungen auch für die Kaspische Meeresforelle gelten .... Denn diese scheint der "Lachs" unserer indogermanischen Vorfahren gewesen zu sein. Mehr dazu unten. - Doch zunächst: Der (Atlantische) Lachs gilt auch bei uns in Deutschland schon seit vielen Jahrhunderten als eine Delikatesse. Schon 1865 wurde in der damals weit verbreiteten Zeitschrift "Gartenlaube" geschrieben (2):

Wer von den Hunderttausenden der Leserinnen und Leser der Gartenlaube wird nicht mit innerem Wohlbehagen an manches saftige Gericht eines marinirten, geräucherten oder gebratenen Lachses denken, jenes seltsam erzogenen Kindes der Wasser, dessen röth­liches Fleisch uns hungrigen Sterblichen oft so einladend, so delicat und so poetisch entgegenlächelt.

Der Atlantische Lachs (Abb. 5) ist Ende des 19. Jahrhunderts im nördlichen Kontintental-Europa - vornehmlich in den Niederlanden, in Deutschland und im Baltikum, sowie in Südengland - durch die Industrialisierung und die intensive Bewirtschaftung der Flüsse ausgestorben (Abb. 6).

Bis dahin hatte er alle deutschen Flüße bewandert (Wiki). Und es gibt wohl bezüglich fast aller deutschen Flüssen heute Wiederansiedlungsbemühungen hinsichtlich des Atlantischen Lachses (s. z.B. 5-7).

Abb. 3: Fischer an der Wolga - Gemälde von Alexei Savrasov (1830-1897), undatiert

Der Lachs gehörte schon in früheren Jahrhunderten zu den teuren Fischarten. In der deutschen Sprache heißt der Fluß-aufwärts wandernde Lachs "Salm". Und nach diesem Namen sind auch manche Haus- und Straßennamen in Ortschaften am Rhein benannt. "Salm" (Wiki) ist abgeleitet von Lateinisch "Salmo". Diese Benennung "Salmon" (Wiki) hat auch im Englischen heute das vormalige mittelenglische Wort "Lax" verdrängt.

Die eingangs genannte Studie lenkt nun aber auch die Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß es viele traditionell lebende Völker und Stämme gegeben haben muß, in denen der Fischfang, nicht zuletzt auch der Lachs-Fang eine große Rolle spielte und spielt, nicht nur in Nordwest-Amerika, sondern auch in Europa. Am besten erforscht diesbezüglich sind natürlich heute die Indianer Nordwest-Amerikas (Wiki). Sie konnten mit dem Lachs-Fang und der Bevorratung von Lachs für die Wintermonate ihre Bevölkerungsgröße deutlich vergrößern. Dies kam auch in bekannten Volksfesten wie dem "Potlach" (Wiki) zum Ausdruck.

Angesichts des einstigen anzunehmenden Lachs-Reichtums in den Flüssen, die in den Atlantik, in die Nord- und Ostsee münden, wird man annehmen dürfen, das der Lachs für viele Völker der westeuropäischen und der osteuropäische Jäger und Sammler eine nicht unbeträchtliche Nahrungsgrundlage darstellte. Das spiegelt sich auch in der chemischen Zusammensetzung der Knochen spätmesolithischer Menschen an der Atlantikküste wieder (8). Für Irland sind umfangreichere Fisch-Fangvorrichtungen für die Zeit 4.100 bis 3.700 v. Ztr. archäologisch nachgewiesen (9). Auch Lachs-Gräten sind an verschiedenen Ausgrabungsorten nachgewiesen worden (siehe Google Scholar "Mesolithic, Salmon").

Abb. 4: Fischer an der Wolga - Gemälde von Alexei Savrasov (1830-1897), 1872 - Diese Szenerie könnte über Jahrtausende an der Wolga ähnlich geblieben sein

Die Kaspische Meeresforelle - War sie der "Lachs" unserer indogermanischen Vorfahren ...?

Der Name "Lachs" ist nun interessanterweise ein urindogermanisches Wort (Wiki). Und dieses Wort hat in der Indogermanistik zwischen den 1880er und 1950er Jahren eine nicht geringe Rolle gespielt hinsichtlich der Erörterung der Urheimat der Indogermanen. Darüber gibt es erfreulicherweise einen ausführlichen Wikipedia-Artikel. Die diesbezüglichen Auseinandersetzungen sind unter dem Begriff "Lachsargument" in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen (Wiki):

Die Sprachvergleichung deutete auf einen Mangel an indogermanischen Fischnamen. Selbst ein einheitliches indogermanisches Wort für Fisch, der lateinisch piscis, in Sanskrit mátsya-, griechisch ichthýs und altslawisch ryba hieß, fehlte offenbar. Beides machte eine Herkunft der Indogermanen aus einem fischarmen eurasischen Steppen- oder Waldgebiet plausibel. Für den Lachs (Salmo salar) jedoch enthielten die Nachschlagewerke, die seit den 1870er Jahren erschienen, umfangreicher werdende Zusammenstellungen ähnlicher Bezeichnungen in den germanischen, baltischen und slawischen Sprachen. 

Auf Wikipedia ist natürlich in diesen Worten schon implizit der heutigen Forschungsstand vorweg genommen: Womöglich hat der Fischfang im Urvolk der Indogermanen keine große Rolle gespielt, auch wenn es an den Ufern der Mittleren Wolga lebte. Womöglich.

Aber der genannte Umstand, daß es in vielen indogermanischen Sprachen das Wort "Lachs" gibt, wurde in der Forschung bis in die 1950er Jahre als Argument herangezogen dafür, daß die Urheimat der Indogermanen an der Ostsee gelegen haben müsse. Im Verlauf der Jahrzehnte wurde das Wort Lachs dann von den indogermanischen Sprachwissenschaftlern auch in indogermanischen Sprachen wie dem Tocharischen (!), dem Ossetischen und dem Altindischen gefunden.

Abb. 5: Die natürlichen Wanderungsbewegungen des Atlantischen Lachses (aus: 3)

Seit den 1970er Jahren hält man nun die Vermutung für plausibel, daß mit "Lachs" von den Urindogermanen auch - oder sogar ursprünglicher - Unterarten der Lachs- oder Meerforelle (Salmo trutta trutta) benannt worden sind (Englisch "brown trout"), die in den Flüssen zum Kaspischen und zum Schwarzen Meer verbreitet sind (also auch in der Wolga), ebenso wie im Kaukasus (Abb. 7). Auch bezüglich dieser Wander-Fische gibt es Wiederansiedlungsbemühungen (10). 

Es wäre somit plausibel, daß die Lachsforelle schon von unseren Vorfahren, den Urindogermanen an der Mittleren Wolga, ihren osteuropäischen Jäger/Sammler-Vorfahren und ihren kaukasisch-neolithischen bäuerlichen Vorfahren im Kaukasus gefischt worden ist. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist diesbezüglich aber noch vieles ungesichert:

Bei den im Kaukasus und um das Schwarze und Kaspische Meer auftretenden Unterarten der Meerforelle handelt es sich um die Schwarzmeer-Forelle (Salmo trutta labrax) und die Kaspische Forelle (Salmo trutta caspius). Welcher dieser Fische von den ur-indoeuropäischen Sprechern als *loḱs- oder ähnlich bezeichnet wurde, ist ungewiß.

Die Kaspische Forelle weist nach einer genetischen Studie aus dem Jahr 2016 in der Mittleren Wolga und im Unteren Ural nur eine sehr geringe genetische Vielfalt auf und kann diesbezüglich auf Populationen aus dem nördlichen Iran, also dem Bereich des südlichen Kaspischen Meeres zurück geführt werden (11). Dies könnte bedeuten, daß sie auch in der Wolga zeitweise ausgestorben war.

Omega3-Fettsäuren enthält der Lachs ja sehr viel (Wiki). Leinöl und andere pflanzliche Öle enthalten sie auch. Diese Omega3-Fettsäuren sollen mancherlei positive Wirkung im menschlichen Körper entfalten. Vieles davon ist aber wissenschaftlich noch keineswegs besonders gut abgesichert (Wiki). Auch die Massentierhaltung des Lachses wirft viele Umweltprobleme auf, er gilt inzwischen als "das Schwein des Meeres".

Abb. 6: Die natürlichen Wander- und Brutregionen des Atlantischen Lachses - Rot die Regionen, in denen er ausgestorben ist (aus 4)

Was "verschweinert" der moderne Mensch eigentlich nicht in seiner elendig großen Ehrfurchtlosigkeit vor der Natur?

Unsere Vorfahren haben viel Fisch gegessen

Auf jeden Fall gibt es doch mancherelei Grund, die Beziehung unserer Vorfahren an der Mittleren Wolga zu Fischen im Augen zu behalten. Und indem wir noch fragen, finden wir schon Antworten. Für Skelette der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga um 4.750 v. Ztr. wurde 2018 anhand ihrer chemischen Zusammensetzung festgestellt (12):

Dies ist Hinweis auf einen beträchtlichen Anteil an Fisch im Ernährungssystem der Population, die im Spätneolithikum die Region der Mittleren Wolga bewohnte.
This is an indication of a substantial portion of the fish component in the dietary system of the population inhabiting the Middle Volga region in the Eneolithic. Schulting and Richards (2016) came to the same conclusion.

Schon eine Studie aus dem Jahr 2016 war zu demselben Ergebnis gekommen (13). Thomas Terberger und Kollegen haben schon 2013 für archäologische Kulturen an der Oberen Wolga ähnliche Untersuchungen vorgenommen (14).

"Fischarme" Urheimat der Indogermanen - oder: Gehörten die Fischer einfach nicht zu den wandernden Volksteilen?

Die hier gegebene erste Sichtung von Forschungen zum Fischverzehr der Urindogermanen an der Mittleren Wolga aus archäologischer und sprachgeschichtlicher Sicht läßt die Angabe oben, daß die Urheimat der Urindogermanen "fischarm" gewesen sei, höchst fragwürdig erscheinen. 

Noch heute ist eine Kreuzfahrt auf der Mittleren Wolga zwischen Wolgograd und Kasan eines der legendärsten Urlaubsziele der Russen (18). Und die Wolga und insbesondere das Wolgadelta sind ein sehr beliebter Urlaubsort für Angler und Fischer aus aller Welt (15, 16). Unzählige Fischarten werden in der Wolga gefischt und geangelt (15, 16). Ist dieser Umstand eigentlich in das genannte sprachwissenschaftliche Forschungsergebnis eingeflossen, nachdem es außer für den Lachs für keine Fische urindogermanische Worte geben soll? Immerhin lebt in der Wolga aber auch der Weißlachs (Wiki) ist bei dieser Gelegenheit zu erfahren (16). Bekanntlich ist ja auch der Kaviar (Wiki) - Eier diverser Störarten - ein russisches Nationalgericht. Der Name soll auf iranische Volksstämme zurück gehen. Kaviar wurde schon von Aristoteles erwähnt und von den wikingischen Rus nach Byzanz verkauft (16):

Die Wolga hat sich hinter Astrachan in 800 Arme verzweigt und erstreckt sich von West nach Ost über eine Breite von 200 Kilometern. 19 000 Quadratkilomter groß ist das Gebiet – fast so wie Rheinland-Pfalz.

Über das Wolgadelta heißt es auf Wikipedia (Wiki):

Das Wolgadelta gehört mit dem Donaudelta und 230 dort vorkommenden Süßwasserfischarten zu einem der fischreichsten Gebiete Zentralasiens und Europas. Am Unterlauf der Wolga zwischen Wolgograd und Astrachan findet man eines der größten Vorkommen an Wildkarpfen mit einem Durchschnittsgewicht von 12 Kilogramm, die hier bis 35 Kilogramm schwer werden können. Begünstigt wird das Wachstum durch die hohen Wassertemperaturen im Sommer (bis max. 26–28 °C und Außentemperaturen von 50 °C), viele Muschelbänke und großflächig überschwemmte Uferzonen, die den Karpfen ein hohes Nahrungsaufkommen liefern. Außerdem finden sich viele andere Friedfische wie Silberkarpfen, Brassen, Rotaugen und Güster. Rotfedern zeigen hier anders als in Mitteleuropa mit zunehmender Größe ein räuberisches Verhalten. Bei den Raubfischen dominieren in der Wolga Hechte, Rapfen, Wolgazander und die dort bis zu 100 Kilogramm schwer werdenden Welse. Von Astrachan aus wurden ab Ende Juni nach der Hochwassersaison Angeltouren (Heribert's Fishing Tours von 1990–1995 in die KARAI LODGE, eine ehemalige Jagddatscha der russischen Präsidenten) in die Wasserlandschaft aus Seen, Teichen, Gräben, Sümpfen, Schilfinseln und Auenwäldern organisiert.

Vielleicht könnte das Fehlen von gemein-indogermanischen Fisch-Namen auf die soziale Schichtung innerhalb des Volkes der Urindogermanen hinweisen. Wenn Fischer - anzunehmenderweise - auf der sozialen Leiter weiter unten standen (womöglich oft noch mehr der mesolithischen Bevölkerungsweise verhaftet als andere Volksteile), wenn sie aufgrund ihrer Bindung an das Wasser weniger "beweglich" und wanderfreudig waren wie andere Volksteile, wäre es naheliegend, daß die wandernden Volksteile jeweils die Fischnamen jener Bevölkerungen übernommen haben, die sie vor Ort in einer bestimmten Region antrafen.

Abb. 7: Verbreitungsgebiet der Kaspischen Forelle, des "Lachses" unserer Vorfahren (?) (aus: 10)

Unter dieser Annahme hinwiederum würde es auffallend erscheinen, daß der Lachs ihnen offenbar als so bedeutend erschien, daß sie an ausgerechnet diesem Fischnamen sehr häufig dennoch festgehalten haben.

/ 15.4.21 / Auf die Inhalte dieses Blogartikels haben wir auf der Diskussionseite zu dem lesenswerten Artikel "Lachsargument" auf Wikipedia hingewiesen. Der Ersteller des Artikels, "Aalfons", will neue sprachwissenschaftliche Forschungsergebnisse zum Thema einarbeiten, sobald sie erschienen sind.

Der Landschaftsmaler Alexei Sawrassow

Über Bildersuche "fishermen volga" stößt man mehrfach auf den russischen Landschaftsmaler Alexei Sawrassow (1830-1897) (Wiki) (Abb. 2-4). Er wurde in Moskau geboren. Von seinen Bildern geht eine besondere Stimmung aus, nicht nur dann, wenn er Landschaften rund um die Wolga malt. Aber mehrfach wählte er für seine Gemälde das Thema "Fischer an der Wolga" (Abb. 2-4) oder auch sonstige Blicke auf die Wolga. Es wird berichtet (17) (Übersetzung):

1852 reiste der Künstler in die Ukraine, wo er eine Reihe von Ansichten der dortigen weiten Steppen schuf: "Die Steppe bei Tage" (1852), worin sich die vielen Aspekte wieder finden seines Lieblingsthemas: weite, offene Räume.
In 1852, the artist traveled to the Ukraine where he produced a series of views of its rolling steppes The Steppe in Daytime (1852), which reflect the various aspects of his favorite subject, wide-open spaces.

Obwohl er viele Jahre als Professor an der Kunstakademie in Moskau wirkte, verbrachte er - aufgrund von Alkoholismus - seine letzten Jahre als Obdachloser. Nur der Türsteher der Kunstakademie ist zu seinem Begräbnis gegangen (17). Was für ein Schicksal!

Abb. 8: Am Unterlauf der Wolga südlich von Saratow lebten 300 Jahre lang die Wolgadeutschen und hatten sogar zeitweise ihre autonome Wolgadeutsche Republik

Am Unterlauf der Wolga südlich von Saratow lebten 300 Jahre lang auf beiden Seiten der Wolga die Wolgadeutschen (Wiki). Sie hatten sogar zeitweise ihre Autonome Wolgadeutsche Republik (Abb. 8).

 

/ Letzte Ergänzung (Abb. 1):
22.7.2021 /

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  1. How ancestral subsistence strategies solve salmon starvation and the “protein problem” of Pacific Rim resources Shannon Tushingham, Loukas Barton, Robert L. Bettinger. American Journal of Physical Anthropology First published: 08 April 2021 https://doi.org/10.1002/ajpa.24281
  2. Theodor Kirchhoff: Die Indianer beim Lachsfang. In: Die Gartenlaube, Heft 48, 1865, S. 760-762, https://de.wikisource.org/wiki/Die_Indianer_beim_Lachsfang
  3. Geisler, Eva, 2006, https://docplayer.org/62808887-Gliederung-steckbriefe-ausgewaehlter-fischarten.html
  4. Why aren’t there more Atlantic salmon (Salmo salar)? Donna L. Parrish, Robert J. Behnke, Stephen R. Gephard,Stephen D. McCormick, and Gordon H. Reeves, 1998 (pdf
  5. Historisch: Lachsfang auf der Weser in Hameln. Die Weser July 17, 2017 | Author: Teresa Lenz, https://silo.tips/download/historisch-lachsfang-auf-der-weser-in-hameln-die-weser
  6. Der Elblachs. Ergebnisse der Wiedereinbürgerung in Sachsen. November 2003, Publisher: Sächsische Landesanstalt für LandwirtschaftEditor: Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft, Gert Füllner, Matthias Pfeifer, Jens Geisler, Klaus Kohlmann (Researchgate)
  7. https://www.salmoncomeback.org/de/context/
  8. Stable isotope evidence for similarities in the types of marine foods used by Late Mesolithic humans at sites along the Atlantic coast of Europe. MP Richards, REM Hedges - Journal of Archaeological Science, 1999, https://doi.org/10.1006/jasc.1998.0387
  9. Late Mesolithic fish traps from the Liffey estuary, Dublin, Ireland. M McQuade, L O'Donnell - Antiquity, 2007 ( researchgate
  10. Final Report of Coldwater Fishes Research Center Project. August 2013, Project: Production and evaluation of Viral Nervous Necrosis (Caspian Sea serotype), Jalil Zorriehzahra, Shahram Abdolmaleki, Behroz Bahramian, Saltanat Najjar Lashgari (Researchgate)
  11. Marić, S., Askeyev, O., Askeyev, A., Monakhov, S., Yanybaev, N., Askeyev, I., Galimova, D. and Snoj, A. (2016), Lack of mtDNA variation among remote middle Volga and upper Ural brown trout suggests recent and rapid recolonization. J. Appl. Ichthyol., 32: 948-953. https://doi.org/10.1111/jai.13126
  12. Shishlina, N. I., J. Van Der Plicht, and M. A. Turetsky. "The Lebyazhinka burial ground (Middle Volga Region, Russia): new 14C Dates and the reservoir effect." Radiocarbon 60.2 (2018): 681
  13. Schulting RJ, Richards MP. 2016. Stable isotopeanalysis of Neolithic to Late Bronze Age popula-tions in the Samara Valley. In: Anthony DW,Brown  DR,  Khokhlov  AA,  Kuznetsov  PF,Mochalov OD, editors.Bronze Age Landscape inthe Russian Steppes. The Samara Valley Project.p 281–320 (Academia)
  14. PiezonkaH., KostylevaE., ZhilinM. G., DobrovolskayaM., & Terberger T. (2013). Flesh or fish? First results of archaeometric research of prehistoric burials from Sakhtysh IIa, Upper Volga region, Russia. Documenta Praehistorica, 40, 57-73. https://doi.org/10.4312/dp.40.6
  15. https://www.simfisch.de/angeln-in-russland/
  16. Handloik, Volker: Der Fisch stirbt nachts, FOCUS Magazin, Nr. 50 (1998), https://www.focus.de/panorama/reportage/reportage-der-fisch-stirbt-nachts_aid_172409.html 
  17. Alexei Savrasov - A collection of 169 paintings (HD), 2017, https://youtu.be/yu-xyWO_nJQ
  18. Tom Kühne: Kreuzfahrt auf der (Mittleren) Wolga, MDR, 2017, https://www.mdr.de/nachrichten/welt/osteuropa/land-leute/reisen-wolga-russland-100.html

Samstag, 10. April 2021

6.000 v. Ztr. - Domestizierte Schafe im Ferghana-Tal westlich der Seidenstraße

Die frühe Ausbreitung der iranisch-neolithischen Völkergruppe Richtung Osten

Die Geschichte der Ausbreitung des Ackerbaus und der Viehzucht vom Fruchtbaren Halbmond aus über den gesamten Iran hinweg bis nach Innerasien in das Ferghana-Tal (Wiki) (Abb. 1) ist noch wenig gut verstanden. Aber wir haben sie - ansatzweise - hier auf dem Blog 2017 schon einmal behandelt, als wir die Entstehung des Volkes der Urindogermanen an der Mittleren Wolga nördlich des Kaspischen Meeres in den Zusammenhang der vielen benachbarten Kulturen stellen wollten (1).

Abb. 1: Domestizierte Schafe im Ferghana-Tal um 6.000 v. Ztr. (aus 2)

Um das Forschungsergebnis einer neuen archäogenetischen Studie (2) zu verstehen und einzuordnen, seien noch einmal Sachverhalte ausgeführt, die man sich - auch als belesener Mensch - nicht oft genug vor Augen halten kann, da sie so selten in das Blickfeld getreten sind bislang: Seßhafte, ackerbautreibende Kulturen gibt es im Kaukasus-Gebirge in Georgien an der Ostküste des Schwarzen Meeres seit 8.000 v. Ztr. (Wiki). Das ist ein ungeheuer langer Zeitraum.

Seit 6.000 v. Ztr. wird dort Wein angebaut, und zwar durch die Shulaveri-Shomu-Kultur (Wiki). Das ist eine Kultur, mit der man sich als heutiger Europäer womöglich noch viel intensiver auseinander setzen sollte. Denn derzeit ist sie als die älteste Wein-anbauende Kultur weltweit nachgewiesen, da die Zeugnisse hierfür im Iran deutlich jünger sind. Und in dieser Kultur sind - wohl - die Vorfahren der einen Hälfte des Urvolkes der Indogermanen zu suchen, nämlich der - genetisch gesprochen - kaukasisch-neolithischen Herkunftskomponente.

Und indem wir das gerade noch einmal nieder schreiben, kommt uns der Gedanke: Vielleicht haben die indogermanischen Völker eine so intensive Beziehung zu berauschenden Getränken - wie Wein und Met -  über so viele Jahrtausende hinweg, eben weil sie entstanden sind nördlich des Kaukasus aus eben dieser frühen Wein-anbauenden Kultur. Vielleicht wurde deshalb seit dieser Zeit die Völkergeschichte so "beschwingt" (räusper).

Es ist jedenfalls zu erfahren, daß die Shulaveri-Kultur von der berühmten Hassuna- und Halaf-Kultur beeinflußt ist, bzw. abstammt, die sich zuvor im Zagros-Gebirge über weite Gebiete ausgebreitet hatte. Sie ist unter anderem berühmt wegen ihrer eindrucksvollen Keramik (Kaukasus-Wiki):

Um 6.000 bis 4.200 v. Ztr. benutzten die Shulaveri-Shomu-Kultur und andere neolithische/kupferzeitliche Kulturen des Südlichen Kaukasus örtlichen Obsidian für Werkzeuge, hielten Tiere wie Rinder und Schweine, bauten domestizierte Pflanzen an, einschließlich Wein. Von vielen der Merkmale ihrer materiellen Kultur (runde Lehmhütten, Keramik dekoriert durch plastisches Design, anthropomorphe weibliche Figurinen, Osidian-Werkstätten mit einer Betonung auf der Produktion von langen, prismenförmigen Klingen) wird angenommen, daß sie ihren Ursprung im nahöstlichen Neolithikum haben (Hassuna, Halaf).
In around ca. 6000-4200 B.C the Shulaveri-Shomu and other Neolithic/Chalcolithic cultures of the Southern Caucasus use local obsidian for tools, raise animals such as cattle and pigs, and grow crops, including grapes. Many of the characteristic traits of the Shulaverian material culture (circular mudbrick architecture, pottery decorated by plastic design, anthropomorphic female figurines, obsidian industry with an emphasys on production of long prismatic blades) are believed to have their origin in the Near Eastern Neolithic (Hassuna, Halaf).

Eine weitere Ursprungsregion des Ackerbaus scheint in Pakistan und Nordindien gelegen zu haben und sich ebenfalls ab 6.500 v. Ztr. bemerkbar zu machen (Wiki):

Die am besten erforschte Stätte dieser Zeit ist Mehrgarh, die um 6500 v. Chr. entstand. Diese Bauern domestizierten Weizen und Rinder und benutzten ab 5500 v. Chr. auch Töpferwaren. 

Vielleicht entstand der Ackerbau dort auch schon früher (Wiki). Der dort domestizierte Weizen hat sich jedenfalls von dort schon ab 5.500 bis 4.000 v. Ztr. bis nach Innerasien und Tibet ausgebreitet (3). Weiter nach China hinein hat er sich aber nach derzeitigem Kenntnisstand erst ab 3.000, vielleicht auch erst ab 2.200 v. Ztr. ausgebreitet (3), also vermutlich mit der Zuwanderung der Indogermanen nach Innerasien.

Auch die Fischer- und Jäger-Kulturen der Kelteminar (Wiki) - datiert auf die Zeit ab 5.500 v. Ztr. am Aralsee und am Kaspischen Meer (s. Abb. 1) - ist in Rechnung zu stellen. Sie besaß schon 25 Meter lange Häuser, was ja ebenfalls ein Hinweis auf Viehzucht und Ackerbau sein wird, die womöglich nur noch nicht durch die Archäologie festgestellt worden sind. Wir erfahren von dem Archäologen Detlef Gronenborn (4, S. 203):

Keramik tritt nördlich des Kaspischen Meeres und an der Unteren und Mittleren Wolga (Yelshan, ca. 7.200 v. Ztr.) und am Unteren Don (Rakushechnyi Yar; ca. 6800 v. Ztr.) auf. Das Bestehen dauerhafter Siedlungen wird durch Ausgrabungsorte an der Mittleren und Unteren Wolga (Yelshan) um 6.800 v. Ztr. und in der Ebene nördlich des Kaspischen Meeres und am Unteren Don um ca. 6.000 v. Ztr. nahegelegt (...) 
Pottery appears in the north Caspian area, the middle-lower Volga (Yelshan, c. 7200 BC) and the lowe Don (Rakushechnyi Yar; c. 6800 BC). Stable settlement is indicated by sites in the middle-lower Volga (Yelshan) at 6800 BC, and in the Caspian lowland and on the lower Don at c. 6000 BC. (...) The origin of ceramics in eastern Europe was independent from the Near East. However, the early appearance of ceramics at the western margins of the central Asian steppe zone and the high degree of perfection make its local invention unlikely. Vybornov (2008) seeks its sources in the trans-Caspian deserts. Significantly, a network of culturally related pottery-bearing foraging sites arose along the waterways further north (Vinogradov 1981). Ultimately, this pottery horizon might have its origins in the early pottery of Siberia and China (Gronenborn 2009). Future research should be geared towards closing this link. This pottery horizon then spreads from the Russian steppe zone into the forest zone northwards up to the Baltic coast and from there westward until its final outliers are reached with the Ertebolle and Swifterband traditions.

Interessant jedenfalls dürfte sein, daß die halbseßhafte Vorgängerkultur der späteren, quasi "voll-"indogermanischen Samara-Kultur an der Mittleren Wolga, nämlich die Elsan-Kultur um 7.500 v. Ztr. schon von Ostasien her Keramik übernommen hatte (5). Sie war damit die früheste europäische Kultur mit Keramik (5):

Weiter westlich hielt die neue Technologie erst etwa tausend Jahre später Einzug (Bug-Dnestr-Kultur),

dort nun aufgrund der neuen kulturellen Einflüsse aus dem Westen, vom Balkanraum. Und von dort breitete sich die Keramik dann bis zur Ertebolle-Kultur an der Ostsee aus (5). 

Die Dscheitun-Kultur (7.200 bis 4.600 v. Ztr.)

Und nun ist für uns als neues Wissen zu erfahren: Auch östlich des Kaspischen Meeres im heutigen Turkmenistan, nördlich der Grenze zum Iran ist archäologisch schon seit 1950 die seßhafte Kultur von Dscheitun (Wiki) - Englisch Jeitun (Wiki) - für den Zeitraum 7.200 bis 4.600 v. Ztr. bekannt (s. Abb. 1). Diese Kultur geht der später in dieser Region entstandenen, ebensfalls noch wenig ins Bewußtsein getretenen Hochkultur der Marghinana (BMAC) (Wiki) um nicht weniger als 4000 Jahre voraus.

Was für umfangreiche Entwicklungen der Völkergeschichte liegen hier noch im Dunkel und Halbdunkel unseres Wissens und der Forschung. 

Aber das Alter dieser letzteren Kultur macht es nun erklärlich, daß neuerdings in einer archäogenetischen Studie domestizierte Schafe und Ziegen um 6.000 v. Ztr. im heutigen südlichen Kirgisistan, nämlich im berühmten Ferghana-Tal (Wiki) gefunden wurden (2). Dieses neue Forschungsergebnis macht bewußt, was wir alles über die Jahrtausende lange Geschichte einer riesigen Region des eurasischen Kontinents noch nicht wissen und jetzt erst allmählich zu erahnen beginnen.

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  1. Bading, Ingo: Neue Forschungen zur Entstehung der Indogermanen, 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/neue-forschungen-zur-entstehung-der.html
  2. Taylor, W.T.T., Pruvost, M., Posth, C. et al. Evidence for early dispersal of domestic sheep into Central Asia. Nat Hum Behav (2021). https://doi.org/10.1038/s41562-021-01083-y, Published 08 April 2021
  3. Chris J Stevens, Charlene Murphy, Rebecca Roberts, Leilani Lucas, Fabio Silva and Dorian Q Fuller: Between China and South Asia - A Middle Asian corridor of crop dispersal and agricultural innovation in the Bronze Age. In: The Holocene 2016, Vol. 26(10) 1541–1555, pdf: http://journals.sagepub.com/doi/pdf/10.1177/0959683616650268 
  4. Gronenborn, Detlef; Dolukhanov, Pavel: Early Neolithic Manifestations in Central and Eastern Europe. (Verfasst Dezember 2011). In: Chris Fowler, Jan Harding, Daniela Hofmann (Hrsg.): The Oxford Handbook of Neolithic Europe, Oxford University Press, 2015, S. 195ff (GB)
  5. Piezonka, Henny: Neue AMS-Daten zur frühneolithischen Keramikentwicklung in der nordosteuropäischen Waldzone. In: Estonian Journal of Archaeology, 12/2008, S. 67-113
  6. https://www.shh.mpg.de/1977786/taylor-sheep

Donnerstag, 1. April 2021

Die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler

Eine großartige europäische Völkergruppe - Ihre Geschichte, ihr Ende
- Sie sah über die Jahrtausende hinweg viele europäische Völker kommen und gehen (13.000 bis 2.700 v. Ztr.)
- Ihre letzten Vertreter auf der Insel Gotland übernahmen die Kultur der zugewanderten Indogermanen

Die Geschichte der großen - heute ausgestorbenen - Völkergruppe der dunkelhäutigen und blauäugigen Fischer, Jäger und Sammler in Süd-, West-, Mittel- und Nordeuropa (Wiki) ist noch nicht geschrieben. Der genetische Zusammenhang dieser Völkergruppe über viele Jahrtausende hinweg ist erst seit wenigen Jahren durch die Archäogenetik erkannt worden. 

Die Entstehung dieser Völkergruppe kann womöglich ganz gut auf die Zeit um 15.000 v. h. datiert werden. Denn erst seit dieser Zeit finden sich in Europa Menschen mit blauen Augen. Da alle Menschen dieser Völkergruppe blaue Augen haben, wird es sie erst seit 15.000 v. h. geben (28) (etwa Min. 1:00:00).

Erst allmählich werden auch in der traditionellen, archäologischen Forschung alle Funde und Befunde zu dieser großen Völkergruppe in ebensolchen Zusammenhängen gesehen wie sie durch die Genetik aufzeigt worden sind. Im folgenden sollen erste Umrisse der bewegenden, ja, erschütternden Geschichte dieser Völkergruppe gezeichnet werden. Ihrer kann immer nur mit Respekt gedacht werden. Die "westeuropäischen Jäger und Sammler" sind - sozusagen - die "Indianer Europas", die Ureinwohner Europas, die die Ankunft bäuerlicher Bevölkerungen über die Jahrtausende hinweg schlußendlich auch in Rückzugsräumen und Reservaten nicht überlebt haben.

Zur Zeit sind auf dem deutschen Wikipedia zu dieser Völkergruppe nur die archäologischen Daten zusammen getragen (Wiki). Sie bieten eine erste Orientierung (Wiki).

7.100 v. Ztr. - Der "Cheddar Man" auf den britischen Inseln

Am stärksten wird das Bild dieser Völkergruppe derzeit wohl bestimmt durch die Diskussionen, die es rund um den berühmten "Cheddar Man" (Wiki) in Großbritannien im Jahr 2018 gegeben hat. Er ist sicherlich bis heute der bekannteste und berühmteste Vertreter dieser Völkergruppe.


Sein Skelett wurde 1903 in einer Höhle in Südwest-England gefunden. Der zugehörige Mann ist nur 23 Jahre alt geworden und lebte um 7.100 v. Ztr.. Nach archäogenetischen Untersuchungen des Jahres 2018 hatte er die typischen anthropologischen Merkmale dieser Völkergruppe: dunkelbraune Hautfarbe, blaue Augen und dunkle, gelockte Haare.

In England glaubte man anfangs dieses Forschungsergebnis so wahrnehmen zu müssen, als könne es das Herkunftsbild und Selbstverständnis heutiger "weißer" Engländer infrage stellen. Und umgekehrt gingen viele "Patrioten" in England auf diese Wahrnehmung ein. Offenbar von wissenschaftsfernen Menschen wurde ihnen weisgemacht, es wäre sinnvoll, dieses Forschungsergebnis als ein solches wahrnehmen zu müssen, das nur um einer "Multikulti-Agenda" willen herbei "gefälscht" worden sei. Ein grotesker Unsinn.

Eine solche Debatte mutet einem sehr künstlich und geradezu an den Haaren herbei gezogen an vor dem Gesamtbild der europäischen und weltweiten Völkergeschichte wie es sich inzwischen herausgeschält hat sowohl in seinen Kontinuitäten wie in seiner großen Wechselhaftigkeit. Um diese soll es ja auch im vorliegenden Aufsatz gehen.

Aufgrund solcher Debatten jedenfalls ist in England inzwischen der "Cheddar Man" ein "bunter Hund" und ähnlich bekannt wie in Deutschland der "Ötzi". Allerdings ist der Ötzi 4.000 Jahre jünger als der "Cheddar Man" und lebte in einer Zeit, kurz bevor die letzten Reste unvermischt gebliebener westeuropäischer Jäger und Sammler in Skandinavien - zum Beispiel auf der Insel Gotland - ausstarben (siehe unten). Der Ötzi gehörte dementsprechend auch schon der zu seiner Zeit in Europa vorherrschenden anatolisch-neolithischen Völkergruppe an.

Die niederländischen "Kennis-Zwillinge", Kennis & Kennis (Wiki), die beiden bedeutendsten Paläontologie-Konstrukteure der Gegenwart, haben vom "Cheddar Man" - so wie zuvor schon von Neandertalern, dem Ötzi und anderen Vormenschen - eine außerordentlich eindrucksvolle Renstruktion geschaffen. Um ihretwillen haben wir ein Video eingebunden, das diese Rekonstruktion als Vorschaubild zeigt (24). Wie in anderen Fällen auch fließt nämlich ihre Rekonstruktion sehr stark und kaum hintergehbar in das Bild mit ein, das wir uns von den ausgestorbenen westeuropäischen Fischern, Jägern und Sammlern machen.

Ergänzung 2.11.2021: In einem neuen Vortrag zeigt der Archäogenetiker David Reich auf, wieviel genetische Veränderung es in Großbritannien seit dem "Cheddar-Man" gegeben hat, so daß die westeuropäischen Jäger und Sammler, die er repräsentiert, heute nur noch 0,03 % unserer Herkunftsgenetik ausmachen (30). Das beruht darauf, daß es Bevölkerungsaustausch auf den britischen Inseln gegeben hat um 4000 v. Ztr. zu 99 %, um 2.500 v. Ztr. (Glockenbecher-Zuwanderung) zu 90 %, um 900 v. Ztr. (keltische Zuwanderung?) zu 50 % und um 400 n. Ztr. (Zuwanderung der Angelsachsen) zu 40 % (30).

12.000 v. Ztr. - Villabruna-Cluster

Zur Zeit des "Cheddar Man" hatte es die Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler (Wiki) aber schon viele Jahrtausende lang in Europa gegeben. Sie hatte den Höhepunkt der Eiszeit im mediterranen Raum überstanden, nämlich vor allem in Italien (um 12.000 v. Ztr.) als sogenannter "Villabruna-Cluster". Von dort aus breitete sie sich dann wieder über ganz West- und Mitteleuropa bis nach England, Skandinavien und Ostmitteleuropa aus (1).

Wie es um die genetische Kontinuität der im vorliegenden Artikel behandelten mesolithischen west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler gegenüber den eiszeitlichen Vorgängerkulturen in Mitteleuropa bestellt ist, insbesondere gegenüber der Magdalénien-Kultur (18.000-12.000 v. Ztr.) (Wiki) und den damit im Zusammenhang stehenden Kulturen - wie Hamburger Kultur (13.700-12.200 v. Ztr.) (Wiki) und Federmesser-Kultur (12.000-10.000 v. Ztr.) (Wiki), sowie das "Doppelgrab von Oberkassel" bei Bonn (um 13.500 v. Ztr.) (Wiki), all das wäre noch einmal gesondert zu behandeln, bzw. hier nachzutragen. Jedenfalls deckt sich der Verbreitungsraum der eben genannten Kulturen und Funde ja schon einmal sehr deutlich mit dem der nachfolgenden mesolithischen, west- und mitteleuropäischen Jäger und Sammler.  Um 11.000 v. Ztr. reichte er bis ins heutige östliche Polen (Antiquity 2021).

Aus der Grotte Bichon in der Schweiz ist ein Menschenfund bekannt, auf 11.500 v. Ztr. datiert (Wiki), der in Zusammenhang mit den Knochen eines weiblichen  Bären gefunden wurde. Aus dieser Völkergruppe finden sich wiederholt Hinweise auf gemeinsame Niederlegung von Bären- und Menschenknochen, später etwa auch in der Blätterhöhle in Westfalen (Researchgate).

Abb. 1: Die früheste Besiedlung Skandinaviens während des Rückgangs des Inlandeises (aus: 22) - Von west- und osteuropäischen Jägern und Sammlern gleichzeitig

11.300 v. Ztr. - Beginn der Besiedlung Skandinaviens

Die neueste archäologische Studie datiert die Besiedlung Skandinaviens zeitgleich mit dem Rückgang des dortigen Inlandeises auf die Zeit ab 11.300 v. Ztr., und zwar zunächst von Süden durch "westeuropäische Jäger und Sammler" (Abb. 1 rot), wenig später von Osten durch "osteuropäische Jäger und Sammler" (Abb. 1 grün). Nach 8.600 v. Ztr. werden die westeuropäischen Jäger und Sammler in vielen Regionen von der anderen Herkunftsgruppe zurück gedrängt, bzw. ersetzt, wobei sie Menschen offenbar auch über das Meer übersetzen.

Dieser Vorgang ist womöglich spannender als man auf den ersten Blick denken sollte. Immerhin begegneten den dunkelhäutigen und dunkelhaarigen Angehörigen der westeuropäischen Jäger und Sammler Menschen der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, bei denen es schon Menschen gab, die blonde Haare hatten und helle Haut. Die Abfolge der Ereignisse wird zusammenfassend folgendermaßen charakterisiert (22):

1) Das erste Eindringen ins südliche Schweden von Süden aus, zirka 11.300 bis 10.000 v. Ztr.
2) Die Ausbreitung entlang der norwegischen Küste vom westlichen Schweden aus Richtung Nordwesten, zirka 9.500 bis 9.300 v. Ztr.
3) Eine nordöstliche Ausbreitung ins nördliche Norwegen und auf die Kola-Halbinsel vor 9.000 v. Ztr.
4) ...
5) ...
6) ...
Original: 1) The initial dispersal into southern Sweden from the south c. 11 300–10 000 BC.
2) The north-westward migration along the Norwegian coast from western Sweden c. 9500–9300 BC.
3) The pre-9000 BC north-eastern migration into northern Norway and Kola.
4) The eastern dispersal into Finland and Karelia c. 9000–8400 BC.
5) The movement of quartz-using groups into northern Sweden from the east between 8900–8200 BC.
6) The southward migration of groups using the eastern technology along the Norwegian coast and into central Sweden c. 8400–8000 BC.
Furthermore, a migration across the Baltic Sea Basin to southern Sweden c. 8500 BC can be suggested (Figure 10).

Im ersten Jahrtausend hat es in Skandinavien nach dieser Studie keine kulturelle und genetische Vermischung der beiden Zuwanderergruppen - nämlich von südlichen "westeuropäischen Jägern und Sammlern" und östlichen "osteuropäischen Jägern und Sammlern" - gegeben (22). Nach 8.300 v. Ztr. kommt es dann aber - nach Zeugnis der Archäologie - innerhalb von Skandinavien zu kulturellen und auch genetischen Vermischungen zwischen der östlichen kulturellen Tradition und der westlichen (22):

Deshalb schlagen wir vor, daß der Prozeß, der zu einer vermehrten archäologischen Sichtbarkeit der östlichen technologischen Tradition nach 8.300 v. Ztr. führte und zu jener genetischen Vermischung, die in den aDNA-Daten für etwa 7.500 v. Ztr. festgestellt worden ist, auf ein Jahrtausend früher datiert werden kann als die Ausbreitung der östlichen Technologie vom nördlichen ins südliche Skandinavien.
We therefore suggest that the processes that led to the increased archaeological visibility of the eastern technological tradition after 8300 BC and the genetic admixture detected in aDNA samples at c. 7500 BC can be traced back one millennium earlier than the expansion of the eastern technology from the north into Southern Scandinavia.

Mit diesen Ausführungen wird eine archäogenetische Studie ergänzt und präzisiert, die im Jahr 2017 erschienen war. Sie hatte die genetische Geschichte der Maglemose- (Wiki), der Kongemose- (Wiki) untersucht, sowie der aus ihr folgenden Ertebolle-Kultur (Wiki) im Nord- und Ostseeraum zwischen dem heutigen England und Finnland. Dabei hat sie aber ein Zeitraum behandelt, der nach dem eben behandelten Zeitraum liegt. In ihr hieß es (2):

Wir sequenzierten die Genome von sieben Jägern und Sammlern aus Skandinavien (...). Die Überreste konnten direkt datiert werden auf 7.500 v. Ztr. und 4.000 v. Ztr. und wurden im südwestlichen Norwegen (Hum1, Hum2), nördlichen Norwegen (Steigen) und auf den Ostsee-Inseln Stora Karlsö und Gotland (SF9, SF11, SF12 and SBj) gefunden. Sie repräsentieren 18 % (6 von 33) aller bekannten menschlichen Überreste in Skandinavien, die älter als 8000 Jahre sind.
We sequenced the genomes of seven hunter-gatherers from Scandinavia (...). The remains were directly dated to between 9,500 BP and 6,000 BP, and were excavated in southwestern Norway (Hum1, Hum2), northern Norway (Steigen), and the Baltic islands of Stora Karlsö and Gotland (SF9, SF11, SF12 and SBj) and represent 18% (6 of 33) of all known human remains in Scandinavia older than 8,000.

Und sie schrieben weiter (2):

Die skandinavischen Jäger und Sammler (SHG) haben keinerlei direkte Nachfahren hinterlassen oder eine Population, die direkte (genetische) Kontinuität mit mesolithischen Populationen aufweisen würde.  Deshalb haben sich viele genetische Varianten, die in mesolithischen Individuen gefunden werden, in heutigen Völkern nicht erhalten.
Original: The SHGs (as well as WHGs and EHGs) have no direct descendants, or a population that show direct continuity with the Mesolithic populations. Thus, many genetic variants found in Mesolithic individuals have not been carried over to modern-day groups.
Dieser Umstand, daß die skandinavischen Jäger und Sammler bis heute keinerlei direkte Nachfahren hinterlassen haben, gilt auch für die west- und die osteuropäischen Jäger und Sammler (WHG und EHG). Diese drei großen europäischen, mesolithischen Völkergruppen müssen heute - vom Prinzip her - als ausgestorben gelten. Das Fischer-Volk der Ertebolle-Kultur im Ostseeraum war aus genetischer Sicht ein komplexes Mischvolk aus westeuropäischen und osteuropäischen Jägern und Sammlern, wie es sich aus der eben geschilderten Erstbesiedlung ergeben hat. Es hieß in der Studie von 2017 (2):
Die skandinavischen Jäger und Sammler des nördlichen und westlichen Skandinavien zeigen eine scharf umrissene und bedeutsam stärkere Nähe zu den osteuropäischen Jägern und Sammlern auf, verglichen mit den zentralen und östlichen skandinavischen Jägern und Sammlern. Umgekehrt waren die skandinavischen Jäger und Sammler im östlichen und zentralen Skandinavien genetisch näher den westeuropäischen Jägern und Sammlern, verglichen mit den nördlichen und westlichen skandinavischen Jägern und Sammlern.
Original: The SHGs from northern and western Scandinavia show a distinct and significantly stronger affinity to the EHGs compared to the central and eastern SHGs. Conversely, the SHGs from eastern and central Scandinavia were genetically more similar to WHGs compared to the northern and western SHGs.

Der genetische Anteil der osteuropäischen Jäger und Sammler betrug im Norden und Westen Skandinaviens zu dieser Zeit - also nach 7.500 v. Ztr. - 55 % und auf den Ostseeinseln und in Lettland 35 %. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse war damals vorgeschlagen worden, daß das eisfreie Skandinavien, vor allem die Südküste der Ostsee erst von Süden aus von den mittel-, bzw. westeuropäischen Mesolithikern besiedelt wurde, und daß später die Nordküste der Ostsee von Osten aus von den osteuropäischen Jägern und Sammlern besiedelt wurde. So wird es ja auch von der Archäologie 2021 dargestellt (22).

Abb. 2: Umiak der Grönländischen Inuit (aus: 23)

Beide Gruppen hätten sich dann im Ostseeraum miteinander vermischt. Aber es scheint auch Gegenden gegeben zu haben, wo sich beide Völkergruppen niemals miteinander vermischt haben. Auf der dänischen Insel Lolland hat sich nämlich noch sehr später reine westeuropäische Jäger-Sammler-Genetik gefunden (siehe unten).

Immerhin könnte auch eine der ältesten Bootsdarstellungen Nordeuropas aus dem nördlichen Norwegen (23) damit den westeuropäischen Jägern und Sammlern zugesprochen werden. Die Bootsdarstellung stellt wahrscheinlich ein Boot von Art der "Umiak" (Wiki) dar (s. Abb. 2). Sein inneres tragendes Gerüst wurde aus Treibholz oder Walknochen hergestellt. Es wurde dann von einer Seerobben-Haut überzogen. Es gibt auch sehr schöne bildliche Rekonstruktionen des Lebens dieser Meeresfischer (25).

Zur Vermischung zwischen westeuropäischen und osteuropäischen Jägern und Sammlern scheint es im gesamten ostmitteleuropäischen Raum gekommen zu sein. Wo dies genau geschah und zu welchen Anteilen wird in der künftigen Forschung sicher noch deutlicher heraus gearbeitet werden.

Abb. 3: Der Feuerstein, der um 9.000 v. Ztr. in einer Werkstatt in Mittelhessen verarbeitet wurde, stammte aus allen Richtungen und ist bis zu 150 Kilometer weit transportiert worden (aus: 17)

9.000 v. Ztr. - Eine Feuerstein-Werkstatt in Mittelhessen

Welche komplexe Lebensweise die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler aufgewiesen haben müssen, wird durch die Herkunft von 8.000 Feuerstein-Funden auf dem sogenannten "Feuersteinacker" bei dem Dorf Stumpertenrod im nördlichen Vogelsberg-Gebirge in Mittelhessen deutlich (16, 17). Die Rohmaterialien dieser - sozusagen "indianischen" - Feuerstein-Werkstatt stammten aus allen Himmelsrichtungen und sind bis zu 150 Kilometer weit transportiert worden (Abb. 3). Die Masse der Feuersteine stammten aus etwa 60 Kilometer Entfernung. Es ist dazu zu erfahren (16):

"Das Farbspektrum des Inventars ist besonders vielfältig", sagt (Erstautor) Hess, "und es ist möglich, daß den Materialien neben einer funktionalen auch eine symbolische Bedeutung zukam." Im Vogelsberggebiet, im größten vulkanischen Gebirge Mitteleuropas, entspringen zahlreiche Flüsse, an denen sich die Menschen damals orientierten. Der heute abgelegene Feuersteinacker war in der Mittelsteinzeit ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt und diente als Versammlungsort.

Abb. 4: Venus von Bierden (W)

Vielleicht ist an diesem Ort durch beabsichtigte Brandrodung auch eine größere, freie Fläche entstanden, die als Versammlungsort für "Indianer-Stämme" genutzt wurde, die von weit her entlang der Flüsse gekommen sein mögen (17):

Die Transportwege, die die Orte, wo das Rohmaterial gewonnen wurde, mit den Siedlungen verbanden, folgten dem Flußsystem von Lahn, Main, Fulda, Schwalm, Ohm, und Eder. (...). Mesolithische Siedlungsorte liegen oft auf erhöhten Terrassen, durch die sie vor Überflutung geschützt sind, nahe von kleinen Flüssen, die zu größeren Flüssen führen.
Original: Transportation routes, linking raw material outcrops and settlements, followed the river systems of Lahn, Main, Fulda, Schwalm, Ohm, and Eder. (...) Mesolithic sites are often situated on elevated terraces that are protected from floods, near small streams leading to the tributary waters of larger rivers.

Diesen Umstand finden wir auffallenderweise auch noch in der Bronzezeit vor, etwa am Königsgrab von Seddin, wo eine Wallanlage an einem sehr kleinen Flüsschen gelegen war, das als Schutz genutzt wurde. Neben Siedlungsorten finden sich aber auch Jagd-Camps (17). 

9.000 v. Ztr. - Venusdarstellung in der Lüneburger Heide

Daß es in dieser Völkergruppe ähnliche künstlerische Ambitionen gab wie in den europäischen Völkern der Eiszeit, bezeugt unter anderem die Venus von Bierden (Wiki) bei Verden an der Aller, eine Venus-Darstellung, die 2011 entdeckt wurde (Abb. 4).


8.500 v. Ztr. - Geweihmasken, Schamanismus

Welcher Art der Schamanismus war, der in dieser Völkergruppe praktiziert wurde, kann abgelesen werden anhand der 1953 an der Wuhle in Ost-Berlin gefundenen Hirschgeweihmaske (Wiki). Von solchen gibt es auch Exemplare aus England, Westfalen (Wiki), Mecklenburg oder Bad Dürrenberg an der Saale (21). An letzterem Ort wurde das Grab einer eindrucksvollen Schamanin gefunden, das im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Halle ausgestellt ist (siehe Video) (21).

Abb. 5: Nordrußland, 1692 (W)

Die Geweihmasken werden als Hinweise auf Schamanismus gedeutet.

Schamanen in Nordrußland trugen solche auch noch im 17. Jahrhundert (Abb. 5). Sie sind auch auf dem Kessel von Gundestrup aus dem 2. Jhdt. v. Ztr. dargestellt.

7.000 v. Ztr. - Ausbreitung nach Nordwest-Spanien

Westeuropäische Jäger und Sammler haben sich noch vor der Ausbreitung des Ackerbaus auch nach Nordwest-Spanien ausgebreitet. Darauf wies der Archäogenetiker David Reich in einem Vortrag im November 2019 hin (13). Anhand der Folie "A population turnover in northwest (Iberia) between 7.000-6.000 BCE" (Minute 3:00) referiert er das Forschungsergebnis einer zuvor veröffentlichten Studie (14):

In Nordwestspanien dokumentieren wir eine Herkunfts-Verschiebung schon vor der Verbreitung des Ackerbaus, auf die zuvor niemand aufmerksam geworden war. Das älteste Individuum "Chan" wies Ähnlichkeit auf zu dem etwa 19.000 Jahre alten Individuum von "El Mirón", während die "La Braña"-Brüder aus der Zeit etwa 1300 Jahre später größere Ähnlichkeit mit zentraleuropäischen Jägern und Sammlern aufweisen wie dem ungarischen Individumm "KO1", wobei das Individuum "Canes1" aus der Zeit von etwa 700 Jahren später eine noch extremere genetische Verschiebung aufweist. Darin könnte sich ein Genfluß wiederspiegeln, der den Nordwesten der iberischen Halbinsel betroffen hat, nicht aber ihren Südosten, wo Individuen mit großer Ähnlichkeit zu El Miron fortlebten.
Original: In northwest Iberia, we document a previously un-appreciated ancestry shift before the arrival of farming (Fig. 2A, fig. S5, and table S7). The oldest individual Chan was similar to the ~19,000-year-old El Mirón, whereas the La Braña brothers from ~1300 years later were closer to central European hunter-gatherers like the Hungarian KO1, with an even more extreme shift ~700 years later in Canes1. This likely reflects gene flow affecting northwest Iberia but not the southeast, where individuals remained close to El Mirón (Fig. 2A). More data from the Mesolithic period, especially from currently unsampled areas, would provide additional insight into the geographical impact and archaeological correlates of this ancestry shift.

Solche vorneolithischen Bevölkerungsverschiebungen sind ja neuerdings (2021) auch für die Philippinen festgestellt worden (siehe Beitrag vor einigen Tagen).

7.000 v. Ztr. - Mesolithische Menschenfunde in Schweden

Die sitzende Bestattungsweise war in dieser Völkergruppe sehr weit verbreitet. Um 7.000 v. Ztr. wurde so auch eine Frau in Schweden bestattet (Wiki) ("Frau von Bäckaskog") (Abb. 6).

Abb. 6: Frau von Bäckaskog (W)

Die Schädelfunde von Motala in Schweden (Wiki) aus der Zeit um 5.500 v. Ztr. deuten noch auf mancherlei Rituelles mehr hin in der Umgangsweise mit den Gestorbenen und ihren Überresten. 

Auch in Motala sind unter anderem Bärenknochen um die Menschenknochen herum gruppiert (Sciencealert).

5.500 v. Ztr. - Hellhäutige Bauern aus dem Süden kommen

Der schon 1878 erschienene historische Roman "Rulaman" von David Friedrich Weinland (Wiki) hat das Zusammentreffen von hellhäutigen Bauern aus dem Süden mit dunkelhäutigen Einheimischen, die in den Höhlen der Schwäbischen Alp lebten, beschrieben. Er hat damit intuitiv ein Geschehen nachgezeichnet, das sich - nach heutigem Kenntnisstand - genau so ab etwa 5.500 v. Ztr. in Höhlen in der Schwäbischen Alp abgespielt haben kann.

Während der Besiedlung Europas durch die hellhäutige, braunhaarige Völkergruppe der anatolisch-neolithischen Bauern kam es nämlich dann auch tatsächlich nicht nur zu friedlichem Kontakt, sondern auch zu Kämpfen zwischen beiden Völkergruppen (3) ebenso wie zu Vermischungen beider Völkergruppen. Durch die Vermischungen sind dann ganz neue Völker und Kulturen entstanden, insbesondere im Mittelneolithikum. In Rückzugsräumen lebten Stämme dieser dunkelhäutigen Ursprungsbevölkerung allerorten noch tausende von Jahren parallel zu den aus Anatolien stammenden hellhäutigeren Bauernkulturen. Erst in der Frühbronzezeit, als sich die indogermanischen Kulturen der Schnurkeramiker und der Glockenbecherleute bis nach Skandinavien, bzw. England und bis in den Mittelmeerraum ausbreiteten, sind - in Skandinavien - die letzten Stämme der dunkelhäutigen Ursprungsbevölkerung in Form des Volkes der Grübchenkeramischen Kultur untergegangen.

Auch Schädelfunde am Pritzerber See an der Unteren Havel bei Brandenburg sind - mit großer Wahrscheinlichkeit - dieser Völkergruppe zuzuordnen. Seit  den 1920er Jahren hatten sie in der anthropologischen Forschung eine Rolle gespielt und es war darüber nachgedacht worden, ob sie eine Vorform der "nordischen Rasse" darstellen würden (4). Seit den großen Erkenntnisfortschritten der Archäogenetik ab 2015 wird diese Annahme aber wohl als widerlegt gelten müssen. (In welchem Umfang, hinge von der genauen Datierung dieser Schädelfunde ab.)

Als sich die hellhäutigen, braunhaarigen Bauern anatolisch-neolithischer Herkunft um 5.700 v. Ztr. von Süden her bis in das Wiener Becken ausgebreitet hatte, entstand an der dortige Siedlungsgrenze ein neues Volk, in das 7 % Genetik der einheimischen osteuropäischen Jäger und Sammler eingemischt war, wobei letztere - anzunehmenderweise - auch sprachlich Einfluß genommen haben auf die Ausformung eines neuen Volkes und einer neuen Kultur, nämlich der Bandkeramik. Die Siedlungsweise der Bandkeramik war nämlich nun etwas historisch ganz Neues, nicht mehr eine Dorfkultur wie bisher im Balkan-Raum, sondern eine Kultur, die in einzel oder weilerartig angeordneten Langhäusern lebte.

Diese großartige Kultur breitete sich dann sehr schnell über weite Räume Mitteleuropas aus, natürlich auch bis zu den Südhängen der Schwäbischen Alp (wo dies "Rulaman" und die alte Urahne des Romans so eindrucksvoll erleben). Diese Kultur hat allerdings nur die Täler besiedelt, die einheimischen Fischer, Jäger und Sammler blieben weiterhin in den Höhenlagen der europäischen Mittelgebirge wohnhaft. Das Volk des Rulman könnte also auch in der Schwäbischen Alp noch Jahrhunderte oder Jahrtausende lang fortgelebt haben.

4.900 v. Ztr. - Die geschlossene Welt der Bandkeramik-Bauern löst sich auf

Spätestens ab 5.000 v. Ztr., im Zuge der Auflösung der europaweit sehr einheitlichen Bandkeramik in Regional-Kulturen, kam es offenbar auch zu blutigen Kriegen zwischen den Bandkeramikern und der ursprünglicher einheimischen Bevölkerung in den Mittelgebirgen.

Womöglich auf Kriegszügen in Gefangenschaft geratene Fischer, Jäger und Sammler wurden von den Bandkeramikern an Zentralorten rituell in größeren Zahlen getötet (3). Die auf die Bandkeramiker folgenden Bauernkulturen, deren Vorfahren oder Verwandten westeuropäische Jäger und Sammler zeitweise so grausam getötet hatten, haben sich dann aber dennoch verstärkt auch mit ihnen vermischt. Der genetische Anteil der westeuropäischen Jäger und Sammler in den Bauernvölkern stieg nun auf 15 bis 20 % an, in Mittelhessen zeitweise sogar auf 30 und 40 %. Wiederum können natürlich auch sprachliche Einflüsse der Jäger und Sammler bei der Neuentstehung der Völker und Kulturen des Mittelneolithikums angenommen werden.

 
Abb. 7: Die letzte Ausdehnung der Grübchekeramischen Kultur, nachdem sie vormalige Siedlungsräume der Trichterbecherkultur wieder übernommen hatte

Nachgewiesene Rückzugsräume der westeuropäischen Jäger und Sammler waren die Blätterhöhle in Westfalen, der Schweriner See, Neuwasser an der Pommerschen Ostseeküste (5), Schweden und Norwegen, sowie die dänischen und schwedischen Inseln in der Ostsee. Etwa von Neuwasser in Pommern aus unternahmen halbseßhafte Angehörige dieses Volkes als Fischer Handelsschiffahrten auf den großen Flüssen Oder und Weichsel bis weit in das Innere des Landes der Bauernkulturen hinein (5).

4.900 v. Ztr. - Beitrag zur Ethnogenese der mittelneolithischen Kulturen, insbesondere auch der Cucuteni-Tripolje-Kultur

Zu den Rückzugsräumen der westeuropäischen Jäger und Sammler müssen auch die Karpaten gehört haben. Denn wir schrieben schon 2019 hier auf dem Blog aufgrund der damals neuesten archäogenetischen Erkenntnisse, daß sich die westeuropäischen Jäger und Sammler schon vor der Ausbreitung des Ackerbaus so weit nach Osteuropa ausgebreitet haben müssen, daß ihre Nachkommen nach dem Untergang der Bandkeramik um 4.900 v. Ztr. in Moldawien - so wie zu den mittelneolithischen Völkern in Mitteleuropa - zu etwa 20 % zur Ethnogenese der mittelneolithischen Cucuteni-Tripolje-Kultur beitragen konnten. Die anderen 80 % Herkunftsanteil stellten die Bandkeramiker.

Zu gleicher Zeit breiteten sich übrigens Keramik-Kulturen der iranisch-neolithischen Völkergruppe rund um das Kaspische Meer und das Schwarze Meer, sowie entlang der in diese von Norden her mündenden Flüsse - Wolga, Don, Dnjepr, Dnjestr - aus (26). Daraus ergab sich an der Mittleren Wolga - zwischen Samara und Chwalynsk an der Grenze zwischen Waldsteppe und Steppe - die Ethnogenese der Indogermanen, die dann etwa um 3.600 v. Ztr. sich mit den Menschen der Cucuteni-Tripolje-Kultur vermischten.

4.300 v. Ztr. - Beitrag zur Ethnogenese der Trichterbecherkultur - Sie verdrängt die einheimische Ertebolle-Kultur im westlichen Ostseeraum

Um 4.300 v. Ztr. entsteht auf dem Festland in Ostholstein die erste Bauernkultur des Ostseeraumes, die Trichterbecherkultur. Auch die Trichterbecherleute hatten etwa 18 % Herkunftsanteil westeuropäischer Jäger-Sammler in sich, der Rest ihrer genetischen Herkunft bestand aus anatolisch-neolithischer Genetik.

Sie hatte sich von dort in den nächsten Jahrhunderten rund um den westlichen Ostseeraum ausgebreitet. Ob sie um 3.700 v. Ztr. auch schon auf der dänischen Insel Lolland nachweisbar ist, wäre interessant zu erfahren, denn dort lebten auf jeden Fall noch unvermischte, einheimische Fischer, Jäger und Sammler, die dort schon seit vielen Jahrtausenden gelebt hatten.

Gleichzeitig lebten aber noch bis 3.900 v. Ztr. im östlichen Ostseeraum, sprich im heutigen Finnland und in angrenzenden Ländern, westeuropäische Jäger und Sammler, bzw. Fischer weiter. In Finnland wurden diese westeuropäischen Jäger und Sammler ab 3.900 v. Ztr. durch osteuropäische Jäger und Sammler der Grübchenkeramik (Wiki, engl) ersetzt. Auch hier werden "nicht-neolithische" Völkerverschiebungen innerhalb von Europa greifbar.

3.700 v. Ztr. - Eine der "Letzten ihres Stammes" auf der Insel Lolland

Um 3.700 v. Ztr., also tausend Jahre VOR dem Untergang der letzten Völker dieser Völkergruppe, lebte auf der dänischen Insel Lolland (beim heutigen Syltholm) eine solche braunhäutige, braunhaarige, blauäugige Frau dieses Volkes noch mit der reinen Genetik desselben. Sie kaute ein Birkenpech-Kaugummi. Und dieses wurde von Archäologen gefunden und in ihm haben sich Gene erhalten, die 2019 sequenziert werden konnten (6, 7).

Die Grübchenkeramische Kultur bestand im nördlichen Dänemark bis 2.700 v. Ztr. fort, also eintausend Jahre lang parallel zur Trichterbecherkultur (8). Es findet sich auf einer Grafik (6) auch, daß sequenzierte Träger dieser Kultur etwa 20 % Herkunftsanteile osteuropäischer Jäger und Sammler in sich trugen. Mit solchen Mischungsverhältnissen könnte diese Jäger-Sammler-Kultur auch in Finnland bis zur Ankunft der Schnurkeramiker fortbestanden haben.

Also die wirklich "Letzte ihres Stammes" kann man diese Birkenpech kauende Frau auf Lolland noch nicht wirklich nennen. Sie erscheint den Forschern deshalb so auffällig, weil sie noch keinerlei osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik in sich trug - wie es sonst recht häufig im Ostsee-Raum vorkam in der Ertebollekultur. Jedenfalls scheinen es erst die nachfolgenden Indogermanen gewesen zu sein, die diesem Jahrtausende alten Jäger-Sammler-Volk sowohl im westlichen wie im östlichen Ostseeraum den endgültigen Garaus gemacht haben. Und es schwant einem so ein wenig, daß sich die Indogermanen mit ihnen auch direkt vermischt haben könnten (so wie sie es zuvor mit den Trichterbecherleuten getan haben). Insbesondere in Finnland könnte das der Fall gewesen sein.

3.100 v. Ztr. - Völker im Umbruch auf der dänischen Halbinsel

Vor zehn Jahren veröffentlichten wir unseren Artikel "3.100 v. Ztr. - Der Rinderwagen in der Weltgeschichte" über damals neu gedeutete Rinderwagen-Gräber in Norddänemark. Dort hatten wir in einer Nebenbemerkung festgehalten (18):

Wagenräder als Grabgut kennt die "Majkop-Kultur" am Westkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. (...) Die neue Studie läßt sogar die Vermutung verschiedener Forscher anklingen, daß die parallelen Erscheinungen von Wagengräbern zwischen Westkaukasus und Norddänemark ähnlich wie die nachfolgende Ausbreitung der Indogermanen mit ihrer Kultur Pferde-gezogener Streitwagen auf großflächigen kulturellen oder sogar bevölkerungsmäßigen Ausbreitungsbewegungen beruhen könnte. 

Zu unserer Überraschung findet sich inzwischen in einer neuen archäologischen Studie, daß diese Rinderwagen-Gräber in Dänemark zeitgleich auftreten mit der Schnurkeramik-Kultur, also mit den Indogermanen (19):

Um 3.100 v. Ztr. breitet sich das Kugelamphoren-Phänomen mit seiner eigenen groben Keramik, Äxten, Dechsel-Typen ebenso wie Rindergräbern vom Südosten ins nördliche Jütland aus. Zur selben Zeit entwickelt sich das Phänomen der Einzelgrabkultur, räumlich verteilt in unterschiedlicher Intensität mit seinen eigenen Formen sozialer Organisation und seinen eigenen Symbolen sowie mit der Betonung auf einem zweiten Monumenten-Boom oder vielleicht auch auf der Rolle von Kriegern.
In 3100 BCE, the Globular Amphora phenomenon, with its own coarse ware, axe and adze types, as well as cattle burials, spreads from southeast to northern Jutland. At the same time, the phenomenon of the SGC develops, spatially in different intensities, with  its own forms of social organization and its own symbols, such as emphases on a second  monumental boom or perhaps on the role of warriors.

Im Süden der dänischen Halbinsel tritt diese Einzelgrabkultur ab 2.950 v. Ztr. auf, im Norden der dänischen Halbinsel ab 2.750 v. Ztr. (Abb. 6).

Der Begriff "Dunkle Jahrhunderte" (Wiki) wird auf eine Phase der Geschichte Griechenlands zwischen 1200 und 800 v. Ztr. angewendet. Für diese Zeit nach dem "Seevölkersturm" beobachten Archäologen fundarme Jahrhunderte in Griechenland. Diese Jahrhunderte markieren dort den Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit, den Untergang des mykischen und die Entstehung des klassischen Griechenland. Ähnliche "Dunkle Jahrhunderte" werden nun auch im Zusammenhang der Zuwanderung der Indogermanen nach dem heutigen Norddeutschland und Dänemark festgestellt (19):

Neue Studien über die Umweltveränderungen, das Ausmaß der Bewaldung, die Zahl der Großbauten (Monumente) und allgemein über den wirtschaftlichen Wandel haben eine Periode aufscheinen lassen zwischen 3.100 und 2.800 v. Ztr., in der keine neuen Monumente errichtet werden, und in der ein Rückgang des menschlichen Einflusses auf die Landschaft sowohl im nördlichen Deutschland als auch im südlichen Teil der dänischen Halbinsel festzustellen ist.
Original: New studies on environmental change, the degree of opening up of the land, the quantities of monuments, and economic change have shown a period between ca. 3100 and 2800 BCE without monumental building activity and a decrease in human impact on the environment in northern Germany and the southern part of  the Cimbrian peninsula.

Auf diesen "Hiatus", bzw. Bevölkerungsrückgang in Europa vor, bzw. während der Zeit der Ankunft der Indogermanen wird neuerdings auch von Seiten des Archäogenetikers Johannes Krause in seinem inhaltsreichen Buch "Die Reise unserer Gene" hingewiesen (20). Genau in diese Zeit der "Dunklen Jahrhunderte" fällt nun das Auftreten eines (neuen) Keramiktyps, der schon in den 1950er Jahren nahe des dänischen Ortes Store Valby gefunden wurde. Er wird deshalb "Store Valby Keramik" genannt. Diese Keramik war in ganz Dänemark, ebenso in Ostholstein ("Wagrien") und bis nach Dithmarschen verbreitet.


Abb. 8: Chronologische Einordnung der "Store-Valby-Übergangsgesellschaften auf der dänischen Halbinsel (aus: 19)

Dieser Keramiktyp wird nun in einer neuen Studie deutscher Archäologen als Keramiktyp der Zeit des Übergangs, der Zeit der "Dunklen Jahrhunderte des Nordens" gekennzeichnet. Und man glaubt mit diesem fehlenden Puzzleteil nun die Kulturabfolge in diesem Raum noch genauer zeitlich, räumlich und kulturell einordnen zu können (s. Abb. 8). Dabei ist zu berücksichtigen, daß in nördlichen Teilen der jütländischen Halbinsel bis 2.700 v. Ztr. interessanterweise sogar noch die Grübchenkeramik-Kultur ("Pitted Ware Societies"; Abb. 8) fortbestand, jenes Jahrzehntausende Jahre alte Volk westeuropäischer Jäger, Sammler und Fischer, das sich für den westlichen Ostseeraum hier mit seinen letzten Rückzugsorten bis zur Ausbreitung der Indogermanen hielt. (Etwas später ging dieses Volk auch im östlichen Ostseeraum unter.) Das Ergebnis der Studie lautet nun für die Viehzucht und ackerbautreibenden Kulturen (19):

In der Zeit 3.100 bis 2.900 v. Ztr. hatten die Menschen Zugang zu Keramik der Trichterbecherkultur, der Kugelamphorenkultur und der (regionalen) Store Valby-Keramik.
In  the  period 3100-2900 BCE, people could have had access to Bundsø/Lindø, Globular Amphora and Store Valby ceramics. 

Das könnte heißen, daß in dieser Zeit der "Landnahme" Menschen ganz unterschiedlicher kultureller und ggfs. auch genetischer Herkunft neben einander lebten. Im weiteren Verlauf, in der Zeit von 2.900 bis 2.600 v. Ztr. kam zu der soeben beschriebenen, schon vorhandenen Keramik noch die Keramik der Schnurkeramiker dazu (in Abb. 6 "Single Grave Societies", sprich Einzelgrab-Kultur).  Die kulturellen Spuren der Kugelamphorenkultur verlieren sich aber hinwiederum nach 2.700 v. Ztr. im Norden ebenso wie die der Grübchenkeramik-Kultur. Nur die Kultur der Schnurkeramik bleibt übrig.

Unsere Frage, bzw. Vermutung, bzw. Deutung: War das etwaige Großreich der Kugelamphoren-Kultur von den Indogermanen aus dem Osten erobert worden, haben diese Indogermanen Teile des Heeres des Großreiches der Kugelamphoren-Kultur in ihr eigenes Heer aufgenommen und haben wurden während der Landnahme auf der dänischen Halbinsel unterschiedlichen Heeresteilen unterschiedliche Siedlungsräume zugeordnet? Das ist jedenfalls das, was sich uns in diesen Zusammenhängen schemenhaft andeutet.

2.800 v. Ztr. - Die Indogermanen sind da

Erst also also die Indogermanen ab 2.800 v. Ztr. als Schnurkeramiker - womöglich in großen Heerzügen gemeinsam mit Kriegern der Kugelamphoren-Kultur - den westlichen Ostseeraum erobern, verlieren sich dort die kulturellen und genetischen Spuren der großartigen Völkergruppe der westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler, die sich dort lange als Ertebolle-Kultur (Wiki) und zuletzt als Grübchenkeramische Kultur ("pitted ware culture") (Wiki) gehalten hatte.

Zu dieser Zeit brachten die Schnurkeramiker den Ackerbau auch nach Finnland, also in den östlichen Ostseeraum. 

Es deutet inzwischen immer mehr darauf hin, daß hier sowohl in Form der anatolisch-neolithischen Trichterbecher- und Kugelamphoren-Kultur wie auch auf Seiten der Indogermanen stattliche Strukturen vorlagen, wie sie am ehesten in der Eisenzeit "Altitaliens" greifbar werden, das heißt, mit einer kriegerischen Adelsschicht, die sich Steinstelen als Grabsteine setzte, freien "Patriziern" und dem einfachen Volk, sowie auch Sklaven und Kriegsgefangene.

2.700 v. Ztr. - Die letzten einheimischen Fischer auf Gotland nehmen die indogermanische Streitaxt-Kultur an

Auf der Insel Gotland haben zwischen 3.300 v. Ztr. und 2.700 v. Ztr. Menschen der bäuerlichen Trichterbecherkultur gelebt, die mehrheitlich anatolisch-neolithischer genetischer Herkunft waren. Im Verlauf des Untergangs dieser bäuerlichen Trichterbecherkultur durch die Zuwanderung der Schnurkeramischen Kultur von Süden her bis nach Dänemark hinein, wurde diese Kultur ab 2.700 v. Ztr. noch einmal ersetzt von jenem im skandinavischen Raum schon viel länger einheimischen Fischer-Volk mesolithischer, genetischer Herkunft. Es war dies das Volk der Grübchenkeramischen Kultur. Was für ein verrückter Vorgang!

Die Archäologen hatten nämlich schon länger beobachtet, daß diese Grübchenkeramische Kultur auf Gotland zwischen 2.900 und 2.500 v. Ztr. etwa zur Hälfte Grabsitten und Grabausstattungen jener indogermanischen Streitaxt-Kultur angenommen hatte, die sich in dieser Zeit rund um den Ostsee-Raum ausgebreitet hat. Eine archäogenetische Studie von 25 Skeletten der Insel Gotland aus dem Juni 2020 zeigt nun auf, daß die dortigen Menschen der Grübchenkeramischen Kultur, die teilweise mit Streitäxten und in Hockerstellung begraben wurden, aus genetischer Sicht von skandinavischen Fischer-, Jäger und Sammler-Populationen abstammen (15) (Abb. 7). Vielleicht waren diese Menschen als "Verbündete" des Königs oder Fürsten der Streitaxt-Kultur sehr bewußt von anderen Gegenden her um- und auf Gotland angesiedelt worden.


Abb. 9: Die kulturell von der Streitaxt-Kultur beeinflußten Grübchenkeramischen Gräber auf Gotland (rote und orangene Dreiecke) waren genetisch identisch mit sonstigen Grübchenkeramischen Gräbern in Skandinavien. Insgesamt standen diese letzten Jäger und Sammler Skandinaviens genetisch den westeuropäischen Jägern und Sammlern näher als den osteuropäischen (aus: 15).

Zwölf der von der Insel Gotland sequenzierten Skelette waren jedenfalls in der typischen Rückenlage der Grübchenkeramischen Kultur bestattet, elf dieser Skeletten waren in der typischen Hockerlage der Streitaxt-Kultur bestattet. Letzteren war auch eine entsprechende typische Streitaxt beigegeben worden. Aber alle diese Skelette wiesen einheitliche, einheimische mesolithische, skandinavische Genetik auf. Trotz ihrer Streitaxt-Grabkultur hatten alle diese Menschen sich vornehmlich von Meerestieren ernährt, was untypisch ist für die Herdenhalter der Streitaxt-Kultur (15).

Ob wohl diese kulturell von der Streitaxt-Kultur überformten Menschen auf Gotland aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr. als die geschichtlich letzten Vertreter der einstmals so großen Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler angesprochen werden können? Und ob es solche kulturelle Überformung auch noch an anderen Orten des Ostseeraumes gegeben hat?

 
/ Entwurf: 30.6.2020;
Ergänzung,
Überarbeitung: 8.5.2021;
letzte (28): 1.8.2021 /
_________________

  1. Bading, Ingo: 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/10/jager-und-sammler-im-kaukasus-ganz.html 
  2. Torsten Günther, Helena Malmström, Emma Svensson, (...) Jan Storå, Anders Götherström, Mattias Jakobsson: Genomics of Mesolithic Scandinavia reveal colonization routes and high-latitude adaptation. doi: https://doi.org/10.1101/164400, Preprint 30.7.2017, https://www.biorxiv.org/content/early/2017/07/30/164400, veröffentlicht 9.1.2018, https://journals.plos.org/plosbiology/article?id=10.1371/journal.pbio.2003703
  3. https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-rassekrieg-am-ende-des-europaischen.html
  4. http://preussenlebt.blogspot.com/2017/04/zur-geschichte-des-dorfes-bahnitz-der.html
  5. Bading, Ingo: Ostsee-Handels-Schifffahrt lange vor dem Ackerbau Über die Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003, 11. Juli 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ostsee-handels-schifffahrt-lange-vor.html
  6. https://www.nature.com/articles/s41467-019-13549-9
  7. https://www.spektrum.de/news/kaugummi-aus-der-jungsteinzeit/1693536 
  8. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000-2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: . Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  9. https://www.nature.com/articles/s41598-019-41293-z
  10. https://www.helsinki.fi/en/news/language-culture/a-5000-year-old-barley-grain-discovered-in-aland-southern-finland-turns-researchers-understanding-of-ancient-northern-livelihoods-upside-down 
  11. https://studgendeutsch.blogspot.com/2014/08/die-schnurkeramiker-brachten-die.html 
  12. 1900 v. Ztr. - Sibirische Jäger und Sammler wandern nach Ost-Skandinavien ein - Forschungen zur Entstehung und Ausbreitung der finno-ugrischen Völkergruppe, 19. Juli 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/1900-v-ztr-sibirische-jager-und-sammler.html 
  13. Reich, David: The Genomic History of the Iberian Peninsula over the past eight-thousand years. 1.11.2019, https://youtu.be/aOix-8DSzRQ  
  14. Olalde I, Mallick S, Patterson N, (...) Haak W, Pinhasi R, Lalueza-Fox C, Reich D (2019) The genomic history of the Iberian Peninsula over the past 8000 years. Science 363, 1230-4 (pdf)
  15. The Neolithic Pitted Ware culture foragers were culturally but not genetically influenced by the Battle Axe culture herders. Alexandra Coutinho, Torsten Günther, Arielle R. Munters, Emma M. Svensson, Anders Götherström, Jan Storå, Helena Malmström, Mattias Jakobsson. American Journal of Physical Anthropology, First published: 04 June 2020 https://doi.org/10.1002/ajpa.24079, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ajpa.24079?campaign=wolearlyview.
  16. Dieffenbacher, Christoph: Steinzeitliche Massenproduktion, März 2021, Horizonte - Schweizer Forschungsmagazin, https://www.horizonte-magazin.ch/2021/03/04/steinzeitliche-massenproduktion/ 
  17. Hess, T, Riede, F. The use of lithic raw materials at the Early Mesolithic open‐air site Feuersteinacker (Vogelsbergkreis, Germany). Geoarchaeology. 2021; 36: 252– 265. https://doi.org/10.1002/gea.21828
  18. Bading, Ingo: 3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte - Prozessionen an Königsgräbern lassen um 3.100 v. Ztr. staatliche Strukturen in Norddänemark erkennen, Oktober 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html
  19. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000–2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/181>. Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6. 
  20. Krause, Johannes: Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren. Propyläen Berlin 2019
  21. Das Grab der Schamanin von Bad Dürrenberg, 2021, https://youtu.be/ZzNYOaa4bEE
  22. Manninen, M., Damlien, H., Kleppe, J., Knutsson, K., Murashkin, A., Niemi, A., . . . Persson, P. (2021). First encounters in the north: Cultural diversity and gene flow in Early Mesolithic Scandinavia. Antiquity, 95(380), 310-328. doi:10.15184/aqy.2020.252
  23. Gjerde, J. M. (2021) The earliest boat depiction in northern Europe: Newly discovered early Mesolithic Rock Art at Valle, Northern Norway. Oxford Journal of Archaeology, 40: Pages: 136-152 | First Published: 19 April 2021. https://doi.org/10.1111/ojoa.12214. 
  24. The 10,000 Year Old Man - The National History Museum - Channel 5, 11.03.2021, https://youtu.be/cUx_HLRPnvk.
  25. Renum63: Mesolithic western (European) hunter-gatherers, https://www.deviantart.com/renum63/art/Mesolithic-western-European-hunter-gatherers-777521526
  26. Frank N.:  How did CHG get into Steppe_EMBA? Part 2: The Pottery Neolithic. https://adnaera.com/2019/01/11/how-did-chg-get-into-steppe_emba-part-2-the-pottery-neolithic/
  27. Bading, Ingo: Die Indogermanen kommen nach Siebenbürgen, 3.500 v. Ztr., 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-indogermanen-foderaten-fruher.html
  28. Johannes Krause: Die genetische Geschichte der Schweiz - Von der Steinzeit bis zur Eisenzeit, Live übertragen am 15.06.2021, https://youtu.be/CObOcPfRjIk.  
  29. Reich, David: Origins of Humans and Culture, 12.7.2021, https://youtu.be/rXsNKNZtdM0
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