- Hat man eigentlich die berühmte Geschichte verstanden, die am Anfang der Bibel steht, - von der Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft? ... Man hat sie nicht verstanden. Dies Priesterbuch par excellence beginnt, wie billig, mit der großen inneren Schwierigkeit des Priesters: er hat nur Eine große Gefahr, folglich hat "Gott" nur Eine große Gefahr. -Der alte Gott, ganz "Geist", ganz Hoherpriester, ganz Vollkommenheit, lustwandelt in seinem Garten: nur daß er sich langweilt. Gegen die Langeweile kämpfen Götter selbst vergebens. Was tut er? Er erfindet den Menschen, - der Mensch ist unterhaltend ... Aber siehe da, auch der Mensch langweilt sich. Das Erbarmen Gottes mit der einzigen Not, die alle Paradiese an sich haben, kennt keine Grenzen: er schuf alsbald noch andre Tiere. Erster Fehlgriff Gottes: der Mensch fand die Tiere nicht unterhaltend, - er herrschte über sie, er wollte nicht einmal "Tier" sein. - Folglich schuf Gott das Weib. Und in der Tat, mit der Langenweile hatte es nun ein Ende, - aber auch mit anderem noch! Das Weib war der zweite Fehlgriff Gottes. - "Das Weib ist seinem Wesen nach Schlange, Heva" - das weiß jeder Priester; "vom Weib kommt jedes Unheil in der Welt" - das weiß ebenfalls jeder Priester. "Folglich kommt von ihm auch die Wissenschaft" ... Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baume der Erkenntnis kosten. - Was war geschehen? Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein größter Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich, - es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird! - Moral: die Wissenschaft ist das Verbotene an sich, - sie allein ist verboten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde. Dies allein ist Moral. - "Du sollst nicht erkennen": - der Rest folgt daraus. - Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein. Wie wehrt man sich gegen die Wissenschaft? das wurde für lange sein Hauptproblem. Antwort: fort mit dem Menschen aus dem Paradiese! Das Glück, der Müßiggang bringt auf Gedanken, - alle Gedanken sind schlechte Gedanken ... Der Mensch soll nicht denken. - Und der "Priester an sich" erfindet die Not, den Tod, die Lebensgefahr der Schwangerschaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal, die Krankheit vor allem, - lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft! Die Not erlaubt dem Menschen nicht, zu denken ... Und trotzdem! entsetzlich! Das Werk der Erkenntnis türmt sich auf, himmelstürmend, götter-andämmernd, - was tun! - Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker, er macht, daß die Menschen sich gegenseitig vernichten (- die Priester haben immer den Krieg nötig gehabt ...). Der Krieg - unter anderem ein großer Störenfried der Wissenschaft! - Unglaublich! Die Erkenntnis, die Emanzipation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. - Und sein letzter Entschluß kommt dem alten Gotte: "der Mensch ward wissenschaftlich, - es hilft nichts, man muß ihn ersäufen!" ...
Samstag, 12. Juli 2008
Die Höllenangst Gottes vor der Wissenschaft
Mittwoch, 9. Juli 2008
"Brachiales", "intolerantes", "weltanschauliches Geschäft"?
Dieser Artikel in der "Süddeutschen" (siehe auch ORF) macht auf eine möglicherweise neu sich entwickelnde öffentliche Kontroverse aufmerksam, die für "Studium generale" natürlich von Bedeutung ist. In ihrem Mittelpunkt steht der Kasseler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, ein treuer Streiter an der Seite von Richard Dawkins. Er hat sich einen Namen gemacht durch die Widerlegung all des vielen kreationistischen Unsinns, mit dem derzeit immer weitere Teile der Öffentlichkeit - und nicht nur in den USA - verwirrt werden.
Ulrich Kutschera ist nun offenbar durch seine Auseinandersetzungen dazu herausgefordert worden, einen Schritt weiter zu gehen. Er wird - oh Gott, oh Gott! - "imperialistisch". Er stellt den Satz zur Diskussion:
"Nichts in den Geisteswissenschaften ergibt einen Sinn außer im Lichte der Biologie."
So könnte man allerdings auch das Credo des Schreibers dieser Zeilen seit vielen Jahren und aller konsequent natrualistisch Denkenden nennen. - Nun ist es ja spannend, ob oder wie noch "Ideologen" aller politischer Windrichtungen ihr Weltbild aufrecht erhalten können, wenn sich ein solches Denken einmal allgemeiner wird durchgesetzt haben.
Nein, das kann man dem lieben Herrn Kutschera deshalb offenbar doch nicht so ganz durchgehen lassen, daß jetzt plötzlich alles mit dem Maßstab der Naturwissenschaft gemessen werden soll. Da wird er dann plötzlich sogar mit einem "Kommunistenjäger" aus der Zeit des Kalten Krieges vergleichen. (Das Schlagwort vom "McCharty aus Kassel" scheint vor allem durch einen Benno Kirsch in Umlauf gebracht worden zu sein.)
Denn wenn sich ein solches Weltbild ausbreiten sollte, dann bleibt ja der ideologischen Willkür in all dem politischen Hin und Her des Tagesgeschehens gar nicht mehr so viel Spielraum für Manipulationsmöglichkeiten und Kulissenschiebereien wie das Jahrzehnte lang so schön genutzt wurde. Wie konnte man da doch so schön das Denken der Menschen manipulieren mit wissenschaftsfernem, ideologie-geleitetem Denken. Wie immer man es gerade haben wollte. Wer am lautesten und "seriösesten" redete, wer Kriege gewann, wer die meisten und größten Bomben besaß, der hatte auch - - - "recht".
Und all diese "schönen" Zeiten sollen nun vorbei sein?
"Brachiales", "intolerantes" "weltanschauliches Geschäft"?
Da wird der Kampf des Herrn Kutschera, dem man bislang über den Wissenschaftsgraben hinweg immer so unberührt-wohlgefällig zugenickt hatte, plötzlich "brachial". "Intolerant" gar. Da betreibt er jetzt plötzlich ein - "weltanschauliches Geschäft". Vorher wohl nicht? Als er abgesteckte Reviergrenzen offenbar sorgsamer vermied als neuerdings?
Und seine Kritiker betreiben ein solches "weltanschauliches Geschäft" natürlich nicht. Und schon gar nicht "brachial", "intolerant" oder wie "Kommunistenjäger". ... Kutschera also:
Er sieht sich als Streiter für eine ideologiefreie Naturwissenschaft und muss sich doch immer wieder Anwürfen erwehren, er betreibe ein weltanschauliches Geschäft, ja er wolle recht intolerant zum Materialismus bekehren.Der Artikel des Humanistischen Pressedienstes ist verfügbar. Und weiter:Da Kutschera in seiner Offensive gegen den Kreationismus zuweilen übers Ziel hinausschießt, wurde er unlängst von einem Historiker in einer linken Berliner Wochenzeitung als "McCarthy aus Kassel" bezeichnet. Darauf warf sich der Humanistische Pressedienst für Kutschera in die Bresche und verwies, zur Ehrenrettung gewissermaßen, auf dessen Attacke wider die Geisteswissenschaften. Die apologetische Übung dürfte aber ihren Zweck verfehlen.
An der fraglichen Stelle nämlich, in der jüngsten Ausgabe der Fachzeitschrift Laborjournal, rückt Kutschera die gesamte Geisteswissenschaft in die Nähe des Privatvergnügens. Er nennt sie "Verbalwissenschaft" und scheidet sie scharf von der "Realwissenschaft".
Diese erforsche "real existierende Dinge, vom subatomaren Teilchen bis hin zur Biodiversität von Regionen", während der Verbalwissenschaftler, wie es der Name schon sagt, im Reich bloßer Worte hause und deshalb in einem hermetischen Zirkel gefangen sei: "Er beschäftigt sich bevorzugt damit, was andere über reale Sachverhalte gedacht und geschrieben haben, gegeneinander abzuwägen, neu auszulegen und zu kommentieren."
Dem Resultat solch unwirklicher Wortakrobatik, einer "meist in Buchform verbreiteten Tertiärliteratur", komme "bei weitem nicht dieselbe Bedeutung" zu wie den Erkenntnissen der Naturwissenschaftler - jener "Personen, die unter Einsatz enormer persönlicher und technischer Aufwendungen reale Phänomene der Natur erforschen."
"Die Witzigkeit kennt keine Grenzen"
Man weiß, Sekundärliteratur ist kommentierende Literatur zu Primärliteratur, also etwa ein Kommentar zu Kants "Kritik der reinen Vernunft". Aber gewiß gibt es in diesem Gebiet inzwischen noch viele Steigerungen von "Tertiärliteratur", also kommentierende Literatur zu kommentierender Literatur zu kommentierender Literatur ... Das ist ungefähr so, wie heute in der allbekannten "gehobenen" Fernseh-Unterhaltung zumeist nur noch Witze gemacht werden über Witze, die andere über Witze anderer gemacht haben ... Da kennt dann die "Witzigkeit keine Grenzen" mehr. (Harpe Kerkeling und Heinz Schenk, man weiß ...)
Die Biologie soll aufsteigen zur Königsdisziplin, deren hartem Urteil sich alles Geistige zu fügen habe.
Die Biologie als "Königsdisziplin"?
Welch schlimmer Frevel, eine solche Forderung aufzustellen.
Unterstützung erhält Kutschera von dem Chemiker Peter Atkins. Für den 69-jährigen Oxforder Gelehrten ist die Philosophie nichts anderes als ein "primitiverer Vorgänger der Wissenschaft", unter welcher auch Atkins ausschließlich die experimentierende Naturwissenschaft verstanden wissen will. Atkins wie Kutschera arbeiten einem "Neuen Humanismus" zu. Dessen Ziel ist die "Einheit des Wissens", ein streng naturalistischer Monismus, an dem sich die Pythagoräer ebenso schon versuchten wie Descartes, Laplace, Haeckel, Dawkins.Atkins hat das schöne kleine Buch "Schöpfung ohne Schöpfer" geschrieben. Aber auch ganz hervorragende, dickleibige Chemie-Lehrbücher. Alexander Kissler von der "Süddeutschen" steht all dem sketpisch gegenüber.
In den bislang 49 recht gemischten Leserkommentaren steht das eine oder andere Interessante, so zum Beispiel eine schöne Definition zum Unterschied von Geistes- und Naturwissenschaft, auch mal wieder ein bischen "witzich" - womit an dieser Stelle abgeschlossen werden soll:
Sie kennen die Gemeinsamkeit zwischen einem Geisteswissenschaftler und einem Naturwissenschaftler? Beide brauchen theoretisch nur Papier und Bleistift um arbeiten zu können. Und kennen Sie den kleinen Unterschied? Der Naturwissenschaftler braucht auch einen Papierkorb.
Dienstag, 20. November 2007
Die Atheisten in Deutschland sind stark "Männer-lastig"
"Die Giordano Bruno Stiftung ist stark Männer lastig. Nur knapp 13 % der Mitglieder im Förderkreis sind Frauen."Ich habe den starken Verdacht, daß diese Ungleichgewichtigkeit sehr leicht und zügig verringert werden könnte, wenn sich die Stiftung weniger atheistisch und stärker pantheistisch positionieren würde. Letzteres wäre ja die naheliegendste Alternative, die auch Richard Dawkins oder Karlheinz Deschner sehen. Auch Michael Schmidt-Salomon hat eine solche Positionierung in jüngeren Äußerungen keineswegs ausgeschlossen. Auch stärkere Positionierung in Richtung "Verantwortungs-Ethik" statt bloßer "hedonistischer Ethik" dürfte übrigens in diese Richtung wirken. So möchte man es zumindest aus den evolutionspsychologischen Interpretationen von Michael Blume ableiten.
83 % der Förderkreis-Mitglieder, die an der Umfrage mitmachten, wünschen sich eine "Zurückdrängung des gesellschaftlichen Einflusses der Religionen". (S. 11) Die Umfrage hat auch zum Ergebnis, daß künftig "lokale Gruppen" aufgebaut werden sollen, da sich in diesen viele Mitglieder engagieren wollen. (Auch dies könnte/wird übrigens die Frauenquote heben, da "Netzwerk"-Bildung für Frauen in vieler Beziehung noch wichtiger ist als für Männer.)
Die Frage "Natürliche Evolution oder religiöse Schöpfungslehre" steht für die Mitglieder übrigens im Zentrum der Definition dessen, was unter säkularem Humanismus heute zu verstehen ist (für 80 % der Antwortenden). Auch "Diesseitsorientierung (Es gibt kein Jenseits)" (S. 20)
Ich halte die von der Giordano Bruno Stiftung vertretene Menschengruppe derzeit für die wichtigste und zukunftsweisende gesellschaftliche Gruppierung in Deutschland, auch wenn sie sich derzeit bezüglich der Notwendigkeit gesellschaftspolitischer Reformen - jenseits der engeren Religionsproblematik - noch sehr schwammig und unklar positioniert. Das müßte aus der Sicht eines weiterzuentwickelnden "darwinischen Konservatismus" nicht nötig sein.
Samstag, 23. Juni 2007
"Sinkt die durchschnittliche Intelligenz des Westens?", fragt Steven Pinker

In diesem Jahr 2007 ist ein Buch herausgekommen, in dem 109 bekannte Wissenschaftler aus dem Bereich der sogenannten "Dritten Kultur" (John Brockman) sich Gedanken darüber machen, was sie selbst für "gefährliche Ideen" halten (1) (Wiki). Als Nachwort sind diesem Buch jene Worte von Richard Dawkins nachgestellt worden, die schon vor etwa einem halben Jahr in einer Vorveröffentlichung für Aufsehen gesorgt hatten (Edge). In diesen macht Dawkins sich Gedanken über moderne "Eugenik":
Gibt es gefährliche Ideen, die in diesem Buch auffällig unterrepräsentiert sind? Ich habe zwei Vorschläge, die sich beide sowohl dem „Sein“ als auch dem „Sollen“ zuordnen lassen. Erstens fielen mir nur flüchtige und abfällige Erwähnungen der Eugenik auf. In den 1920er und 30er Jahren hätten Wissenschaftler des linken wie des rechten politischen Spektrums die Idee von Designerbabys nicht als besonders gefährlich empfunden - auch wenn sie diesen Begriff natürlich nicht verwendet hätten. Heute vermute ich, daß die Idee selbst unter den Bedingungen, die ein Buch wie dieses bietet, für eine offene Diskussion zu heikel ist, und ich vermute, daß Adolf Hitler für diesen Wandel verantwortlich ist. Niemand möchte diesem Ungeheuer auch nur in einem einzigen Punkt zustimmen.Das Schreckgespenst Hitlers hat einige Wissenschaftler dazu verleitet, vom „Sollen“ zum „Sein“ überzugehen und die Möglichkeit der Züchtung menschlicher Eigenschaften überhaupt zu leugnen. Aber wenn man Rinder auf Milchleistung, Pferde auf Schnelligkeit und Hunde auf Hütefähigkeit züchten kann, warum sollte es dann unmöglich sein, Menschen auf mathematische, musikalische oder sportliche Fähigkeiten zu züchten? Einwände wie „Das sind keine eindimensionalen Fähigkeiten“ gelten gleichermaßen für Kühe, Pferde und Hunde und haben in der Praxis noch nie jemanden aufgehalten. Ich frage mich, ob wir sechzig Jahre nach Hitlers Tod nicht zumindest wagen sollten zu fragen, worin der moralische Unterschied zwischen der Zucht auf musikalische Begabung und dem erzwungenen Musikunterricht für ein Kind besteht. Oder warum es akzeptabel ist, schnelle Läufer und Hochspringer zu trainieren, aber nicht zu züchten? Mir fallen einige Antworten ein, und sie sind gut und würden mich wahrscheinlich überzeugen. Aber ist es nicht an der Zeit, daß wir uns nicht länger scheuen, diese Frage überhaupt zu stellen?.... Are there any dangerous ideas that are conspicuously under-represented in this book? I have two suggestions, both of which can be spun into either the 'is' or the 'ought' box. First, I noticed only fleeting references to eugenics, and they were disparaging. In the 1920s and 30s, scientists from the political left as well as right would not have found the idea of designer babies particularly dangerous — though of course they would not have used that phrase. Today, I suspect that the idea is too dangerous for comfortable discussion, even under the license granted by a book like this, and my conjecture is that Adolf Hitler is responsible for the change. Nobody wants to be caught agreeing with that monster, even in a single particular.The spectre of Hitler has led some scientists to stray from 'ought' to 'is' and deny that breeding for human qualities is even possible. But if you can breed cattle for milk yield, horses for running speed and dogs for herding skill, why on earth should it be impossible to breed humans for mathematical, musical or athletic ability? Objections such as 'These are not one-dimentional abilities' apply equally to cows, horses and dogs, and never stopped anybody in practice. I wonder whether, sixty years after Hitler's death, we might at least venture to ask what is the moral difference between breeding for musical ability, and forcing a child to take music lessons. Or, why is it acceptable to train fast runners and high jumpers, but not breed them? I can think of some answers, and they are good ones which would probably end up persuading me. But hasn't the time come when we should stop being frightened even to put the question?
Und auch Steven Pinker (siehe eingestelltes Bild), der die Titel-Frage des Buches aufgeworfen hatte, wirft im Vorwort des Buches viele ähnlich gelagerte Fragen auf.
"Sinkt die durchschnittliche Intelligenz des Westens?"
Be ihnen geht es vor allem auch um angeborene Unterschiede bei Menschen und Menschengruppen. Aber auch um viele andere Fragen. Im folgenden eine Auswahl:
Haben Frauen im Durchschnitt ein anderes Fähigkeits- und Emotions-Profil als Männer? (...) Sind aschkenasische Juden im Durchschnitt intelligenter als Nichtjuden, weil ihre Vorfahren aufgrund ihrer im Geldverleihgeschäft notwendigen Klugheit ausgewählt wurden? (...) Haben afroamerikanische Männer im Durchschnitt einen höheren Testosteronspiegel als weiße Männer? (...) Wäre es mit unseren moralischen Prinzipien vereinbar, Eltern die Möglichkeit zu geben, Neugeborene mit Geburtsfehlern, die sie zu einem Leben voller Schmerzen und Behinderungen verdammen würden, zu euthanasieren? Haben Eltern Einfluß auf den Charakter oder die Intelligenz ihrer Kinder? Haben Religionen einen größeren Anteil der Bevölkerung getötet als der Nationalsozialismus? (...) Sinkt die durchschnittliche Intelligenz westlicher Nationen, weil weniger intelligente Menschen mehr Kinder bekommen als intelligentere? (...) Sollten Menschen das Recht haben, sich selbst zu klonen oder die genetischen Merkmale ihrer Kinder zu verbessern?Do women, on average, have a different profile of aptitudes and emotions than men? (...)Are Ashkenazi Jews, on average, smarter than gentiles because their ancestors were selected for the shrewdness needed in money lending? (...) Do African American men have higher levels of testosterone, on average, than white men? (...) Would it be consistent with our moral principles to give parents the option of euthanizing newborns with birth defects that would consign them to a life of pain and disability? Do parents have any effect on the character or intelligence of their children? Have religions killed a greater proportion of people than Nazism? (...) Is the average intelligence of Western nations declining because duller people are having more children than smarter people? (...) Should people have the right to clone themselves, or enhance the genetic traits of their children?
Er setzt fort:
Unter „gefährlichen Ideen“ meine ich nicht schädliche Technologien wie jene hinter Massenvernichtungswaffen oder verwerfliche Ideologien wie die rassistischer, faschistischer oder anderer fanatischer Sekten. Ich meine vielmehr Tatsachenbehauptungen oder politische Aussagen, die von seriösen Wissenschaftlern und Denkern mit Beweisen und Argumenten untermauert werden, aber als Verstoß gegen die gesellschaftlichen Normen unserer Zeit empfunden werden.By "dangerous ideas" I don't have in mind harmful technologies, like those behind weapons of mass destruction, or evil ideologies, like those of racist, fascist, or other fanatical cults. I have in mind statements of fact or policy that are defended with evidence and argument by serious scientists and thinkers but which are felt to challenge the collective decency of an age.
Gegen Ende des Vorworts macht er sich - im Grunde - vor allem über Wissenschafts-Blogs Gedanken.
Wissenschaftler sollen die Diskussion nicht unterdrücken
Er schreibt:
Obwohl ich eher Verständnis für das Argument habe, wichtige Ideen zu äußern, als für das, sie mitunter zu unterdrücken, halte ich diese Debatte für notwendig. Ob es uns gefällt oder nicht, die Wissenschaft fördert immer wieder unbequeme Gedanken zutage, und das Internet enthüllt sie nur allzu oft. Tragischerweise deutet wenig darauf hin, daß diese Debatten dort stattfinden werden, wo wir sie am ehesten erwarten würden: in der akademischen Welt. Obwohl Akademikerinnen und Akademiker den außergewöhnlichen Vorteil der Festanstellung dem Ideal der Förderung freier Forschung und der Bewertung unpopulärer Ideen verdanken, sind sie allzu oft die Ersten, die versuchen, diese zu unterdrücken.Though I am more sympathetic to the argument that important ideas be aired than to the argument that they should sometimes be suppressed, I think it is a debate we need to have. Whether we like it or not, science has a habit of turning up discomfiting thoughts, and the Internet has a habit of blowing their cover. Tragically, there are few signs that the debates will happen in the place where we might most expect it: academia. Though academics owe the extraordinary perquisite of tenure to the ideal of encouraging free inquiry and the evaluation of unpopular ideas, all too often academics are the first to try to quash them.
Das sind schwerwiegende Sätze. Durch dieses Buch werden sich also wohl auch weiterhin bestimmte Grundgesetze der Welt, auch der akademischen Welt nicht von heute auf morgen ändern. Es wird weiterhin so bleiben, wie es schon die "Bild"-Zeitung sagte: "Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht." Es gibt viele, auch von der "Bild"-Zeitung genannte Mutige, die ihren Mut mit dem Leben oder mit schweren Beeinträchtigungen in ihrem Leben bezahlt haben. Solche Menschen bleiben auch weiterhin Vorbild.
In einem Vorwort, das Konrad Lorenz mal für ein Buch geschrieben hatte, zitierte er den schönen Satz, an den es gut ist, sich häufig zu erinnern: "Jede neue Wahrheit beginnt ihren Weg als Ketzerei und beendet ihn als Orthodoxie." (T.H. Huxley).
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Was für ein Mief - Unsere Sicht 18 Jahre später
Der vorliegende Blogartikel endete bis heute, 23.11.2025, mit den beiden Absätzen nach dem letzten Zitat. Der vorletzte Absatz berührt uns heute äußerst unangenehm. Was hätte nicht viel eher in diesem stehen müssen? Zum Beispiel das folgende:
Was für ein Mief aus diesen Worten spricht. Und welcher Mief in ihnen akzeptiert wird.
Es ist ebenso Orwell-Sprech und damit übelster Mief, wenn zu gleicher Zeit die "Bild"-Zeitung überall plakatiert: "Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht." Wie viel Mief akzeptieren gleichzeitig die öffentlich "Mutigsten" ihres Zeitalters in Form der Worte eines Steven Pinker. Grauenhaft. Die Wahrheit kann niemals "gefährlich" sein. Und es geht hier nicht um "Ideen", sondern um Forschungsergebnisse. Es geht darum, wie die Natur ist. Ein unglaublicher Frevel wird mit diesen Worten begangen auf mehreren, auf vielen Ebenen. Diesen Frevel nehmen wir in diesem Umfang erst heute, im Jahr 2025 wahr. Es ist auch genug seither geschehen - als Folge dieses Frevels. Diesen Frevel an der wissenschaftlichen Redlichkeit haben wir damals - 2007 - so erschütternd gar nicht wahrgenommen wie wir das heute, fast zwanzig Jahre - und mindestens eine "Migrationskrise" - später wahrnehmen, eine "Krise" später, in der "Migration als Waffe" gegen das Überleben von Völkern genutzt wird.
Epstein ... - Es ist zum Kotzen
In diesem Zusammenhang ist aber noch über viel, viel mehr zu sprechen.
Der bei weitem größte Finanzier von "The Edge" (Wiki) und John Brockman (Wiki) war niemand geringerer als - - - Jeffrey Epstein. John Brockman wird geradezu als intellektueller Wegbereiter von Jeffrey Epstein bezeichnet, und es wird ausgeführt, daß Epstein's „Verbindung zu Edge ihm Zugang zu führenden Wissenschaftlern und Persönlichkeiten der Technologiebranche verschaffte“ (Wiki):
In einem Interview mit Prinz Andrew am 17. November 2019 erwähnte die BBC-Reporterin Emily Maitlis, daß sowohl Andrew als auch John Brockman an einem Abendessen in der Villa des Kinderhändlers Jeffrey Epstein teilnahmen, um Epsteins Haftentlassung zu feiern. Die Anklagepunkte bezogen sich auf mindestens ein Jahrzehnt Kinderhandel. Brockmans Name tauchte auch in Epsteins Privatjet-Logbuch auf. Andrews Anwesenheit in Jeffrey Epsteins New Yorker Villa wurde von Brockman selbst in E-Mails bestätigt, die in einem Bericht der New Republic vom Oktober 2019 veröffentlicht wurden. Der Bericht legte nahe, daß Brockman der „intellektuelle Wegbereiter“ von Jeffrey Epstein war.
Schon im Jahr 2004 hatte sich Jeffrey Epstein, verheiratet mit der Tochter des britisch-jüdischen Presse-Tycoons Robert Maxewell (1923-1991) (Wiki), der Wissenschaftselite der USA - - - "angenommen" (s. Abb. 2). Man sieht auf dem Foto in der zweiten Reihe stehen von links: Edward O. Wilson, Martin Nowak und auch: Daniel Dennett. Vorne am Tisch sitzt ganz links unser Idol Alan Guth. Der vierte von links scheint Robert Trivers zu sein, der fünfte Larry Summers, damals Präsident der Harvard Universität (Wiki).
Wir selbst hatten uns schon 2011 das erste mal mit der Verbindung zwischen Epstein und Martin Nowak beschäftigt (GAj2011), hatten seither aber keinen Blick mehr auf die Thematik geworfen.
Was für ein Wandel deshalb jetzt in der Sichtweise auf "The Edge", auf die von ihm beworbene "Dritte Kultur" und auf John Brockman, denen gegenüber dieser Blog seit 2006 so große Sympathien gehegt hatte. Was für ein Wandel. Was für ein Verbrechen an der Wissenschaft und ihrem bisher - über weite Bereiche - so untadeligen Ruf. Unter dem Schlagwort "Dritte Kultur" haben wir hier auf dem Blog acht Blogartikel verschlagwortet, so sehr identifizierten wir uns mit diesem Denk-Ansatz. Und nun sehen wir mehrere Idole unseres wissenschaftlichen Lebens - Edward O. Wilson, Steven Pinker, Robert Trivers, Alan Guth - mit "so jemandem" verkehren.
Unserer Wahrnehmung nach standen die Vordenker der "Dritten Kultur" immer auch der Giordano-Bruno-Stiftung in Deutschland nahe.
Steht nicht - endlich - ein tiefes Umdenken an?!
___________
- Brockman, John: What is Your Dangerous Idea? Today's Leading Thinkers on the Unthinkable. Harper Perennial, New York 2007 (Wiki)
Donnerstag, 22. März 2007
Verhindert Wissenschaft das Verstehen der Welt?
"... Nun sind auch Atheisten nur Menschen, weshalb sich etliche von ihnen den irdischen Autoritäten in die Arme werfen." - Halt! Zwischenfrage: "Irdische Autoritäten"? Was für andere Autoritäten könnte es denn geben für einen Ungläubigen, einen Atheisten als irdische? Aber weiter: "No Heaven – No Hell – Just Science lautete die Titelzeile des amerikanischen Magazins Wired, mit der es kürzlich eine Geschichte über die »Neuen Atheisten« ankündigte. Dabei handelt es sich um angesehene Naturwissenschaftler und Philosophen, die dieser Tage im angelsächsischen Raum einigen Wirbel machen und die Welt davon überzeugen wollen, dass die Existenz Gottes eine widerlegte Hypothese sei und ihr daher mitnichten Respekt gebühre. Ob den Neuen Atheisten der negative Gottesbeweis gelungen sei, darüber ließe sich unter Unglaubensbrüdern streiten," (wie wahr!) "unangenehm jedenfalls fällt an dieser Propaganda der penetrante Weihrauch der Wissenschaftsanbetung auf. Die aber hat der rechte Atheist nicht nötig. Sie verhindert geradezu das Verstehen der Welt. Ein schlechter Polynesier, der glaubte, die Betrachtung der Himmelslichter, der Winde, Wellen und Lebewesen garantiere ihm sichere Überfahrt!"
Liest man hier irgend etwas verkehrt? Versteht man hier irgend etwas falsch? Wissenschaft verhindert das Verstehen der Welt? Und was ist es dann, was das Verstehen der Welt fördert? Wird an keiner Stelle gesagt! Und weiter: Man entschuldige! - "Ein schlechter Polynesier"? Man sollte meinen, daß die heutigen Polynesier Nachfahren jener alten Polynesier sind, die sich so ziemlich am besten mit der "Betrachtung der Himmelslichter, der Winde, Wellen und Lebewesen" auskannten. Oder kann man irgend etwas anderes vermuten? Kopfschüttelnd liest man weiter.
"Der Atheist beispielsweise, der leise lächelnd seinen Gibbon, Ranke oder andere Klassiker liest und die Ausbreitungsgeschichte des Christentums als rein irdischen Vorgang begreifen lernt, sollte daraus lieber Demut ziehen und auch die Wissenschaft als Überzeugungsbildung, Machtkampf und Ideologiestreit betrachten, anstatt sie anzuhimmeln. Schon gar nicht sollte er auf die Idee verfallen, von der Wissenschaft zu verlangen, dem Leben einen Sinn zu geben. Sie handelt vom Sein, nicht vom Sollen."
Eine billige Phrase, die ständig wiederholt wird. Ist sie deshalb schon wahrer? Ich glaube, es wird der gebildeten Öffentlichkeit ziemlich bald schon zum Bewußtsein kommen (oder ist es ihr nicht längst zum Bewußtsein gekommen?), daß dieser alte Spruch von "Sein und Sollen" doch meist gar zu platt, billig und simpel rüber kommt. Tatsächlich ist es doch wohl wirklich viel zu leicht einzusehen, daß ein "gelungenes Leben" (gesellschaftlich-politisch wie privat) sehr viel wahrscheinlicher wird, wenn ich das Sein so umfassend wie möglich berücksichtige, wann auch immer ich zugleich über das Sollen nachdenke, als wenn ich dies nicht tue ... (Im Grunde viel zu trivial dieser Gedanke - ...)
Wie nun? Jeder möchte halt irgendwie originell sein? Gero von Randow von der "Zeit" also nun auf die Weise, daß er nun mal eben so sagt, Wissenschaft würde das Verstehen der Welt verhindern!!! Ist ja auch wirklich neu. Haben wir bisher so noch nicht gehört - es sei denn aus Priester-Mund. (Als hätten übrigens Gibbon, Ranke und andere Klassiker nicht die Wissenschaft benutzt, um die Welt zu verstehen ...) O Sancta simplicitas - heilige Einfalt! Wieder mal jemand, der sich an seiner eigenen Rhetorik berauscht und im Grunde genommen nichts sagt?
Freitag, 23. Februar 2007
Das Streben nach Unsterblichkeit in einem "naturalistischen Menschen- und Weltbild"
Ich hatte - ehrlich gesagt! - nicht mehr erwartet, daß irgend wann noch einmal von einem deutschsprachigen Philosophen ein Text gelesen werden könnte, der sich so dicht am "Puls der Zeit" bewegt und zugleich so viele so grundsätzliche Fragen versucht, in einem völlig neuen Rahmen, aus einer völlig neuen Sichtweise heraus zu beantworten. (- Ehrlich gesagt!) Aber man muß den Text vollständig lesen. Er wird künftig einen wichtigen Bestandteil meiner intellektuellen Biographie darstellen. Als Ausgangspunkt ist vielleicht Metzingers Satz (und Selbstverständnis?) beachtenswert: "Nehmen wir einmal an, daß die naturalistische Wende im Menschenbild unwiderruflich ist ..."
Genau DIESE "naturalistische Wende im Menschenbild" scheint Thomas Metzinger selbst als Philosoph besonders gut zu repräsentieren, so vorsichtig er sich hier auch noch ausdrückt. Man hat ja schon Jahre lang darauf gewartet, daß die ungeheuer vielschichtigen und umfassenden Entwicklungen in der Naturwissenschaft der letzten Jahrzehnte endlich einmal umfassende Auswirkungen zeitigen Richtung jenem Menschenbild, mit dem sich (normalerweise) die Philosophen (deutend) beschäftigen. Thomas Metzinger scheint einer der ersten deutschsprachigen Philosophen zu sein, der den Handlungsbedarf und die Handlungsmöglichkeiten klar, präzise und umfassend erkennt.
Metzinger sieht die Gefahr, daß aus diesem neuen "naturalistischen Menschenbild" geschlußfolgert sich "ein primitiver Materialismus in der Bevölkerung ausbreiten" könnte. Weiterhin sieht er damit zusammenhängend Gefahren hinsichtlich eines neuen religiösen Fundamentalismus ebenso wie hinsichtlich "einer neuen Sehnsucht nach geschlossenen Gesellschaften" - wie immer das im einzelnen genauer aufgefaßt sein mag. Er befürchtet, daß wir auf "eine geistesgeschichtliche Krise" zusteuern "mit unabsehbaren Folgen für die Gesellschaft". - - -
- - - Einer seiner interessantesten philosophischen Ausgangspunkte ist nun für ihn, daß mit dem Tod tatsächlich das einzelne menschliche Leben beendet ist, und daß sich daraus ein Konflikt für das menschliche Selbstverständnis ergibt. Dem "biologischen Imperativ", "dem verzweifelten Wunsch zu überleben" steht die "Sterblichkeit" nicht nur als "eine objektive Tatsache", sondern auch als "ein subjektiver Riss, eine offene Wunde in unserem Selbstmodell" gegenüber: "Die alten Teile" (der menschlichen Biologie) "stehen sozusagen im dauernden Widerstreit mit den neuen." - Ein wunderbares - und wohl - philosophisch sehr tiefes Bild! Man denkt hier sofort an August Weismanns Zweiteilung von "unsterblicher" Keimbahn und "sterblichem" Soma. Man denkt an die widerstreitenden Motive im persönlichen Leben: Einmal sehr stark von den Hormonausschüttungen der Fortpflanzungszellen getragen, die "nur" und "bloß" "leben" wollen und Leben weiter geben wollen. Und ein ander mal sehr stark von einem psychisch bewußten "Zustandsraum" (im Kopf) getragen, auf den Metzinger überraschenderweise ebenfalls noch umfassender zu sprechen kommt (s.u.).
Und Metzinger schreibt dann weiter: "In der Tat kann man uns als Wesen beschreiben, die die größte Zeit ihres Lebens mit dem Versuch zubringen, diesen Konflikt nicht mehr bewußt zu erleben. Vielleicht macht uns sogar gerade diese Eigenschaft unseres Selbstmodells religiös, denn das Selbstmodell ist im Grunde das Streben nach Unsterblichkeit." - - -
Dazu gäbe es viel zu sagen. Ein weiterer Gedanke Metzingers, den ich unwahrscheinlich spannend finde, steht dann am Ende, dort, wo er von der "unfaßbaren Tiefe unseres phänomenalen Zustandsraums" spricht: "... Das Potential unseres Erlebnisraums, die Anzahl der verschiedenen Bewußtseinszustände, die einem einzelnen menschlichen Wesen möglich sind, ist wesentlich größer, als wir ahnen. Unsere Individualität, die Einzigartigkeit unseres mentalen Lebens und vielleicht auch das, was wir traditionell als unsere "Würde" bezeichnet haben, hat viel damit zu tun, welchen Pfad wir durch unseren phänomenalen Zustandsraum nehmen."
Auch den Gedanken des zuletzt zitierten Satzes finde ich ungeheuer spannend. Man kann es auch so sagen: Reifungsprozesse im Gehirn lassen uns unterschiedliche Pfade durch das "Potential unseres Erlebnisraumes" gehen - oder auch nicht. - Aber ich habe mit diesen Zitaten nur wenige einzelne Gedanken herausgegriffen. Man muß den Aufsatz im Zusammenhang lesen, um festzustellen, was dieses neue "naturalistische Weltbild" alles an neuen Herausforderungen und philosophischen Deutungsmöglichkeiten mit sich bringt. Denn auch der Aspekt der Einzigartigkeit des Menschen im Universum und die Ursachen derselben werden von Metzinger thematisiert.
Freitag, 26. Januar 2007
Unser Leserbrief bei "Spektrum der Wissenschaft"
Nun ist also auch unser Leserbrief auf "Spektrum der Wissenschaft" veröffentlicht worden. (Wir berichteten darüber schon hier und hier.) Die meisten dort eingestellten Leserbriefe stehen der von Prof. Eckart Voland (Gießen) vertretenen These mit Recht skeptisch gegenüber - wenn auch aus oft sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Einstellungen heraus. Was mich wundert, ist, daß außer mir keiner der Leserbrief-Schreiber das Thema auf Augenhöhe des heutigen biologischen Kenntnis- und Diskussionstandes diskutiert. Deshalb hier noch einmal mein Text:
Leserbrief 22.01.2007
zu: Die FortschrittsillusionEs gibt Gegenpositionen und -argumente
von Ingo Bading, M.A., Frankfurt am Main
Dass es keinen Fortschritt in der Evolution gäbe, ist ein Gedanke, der vor allem von Stephen Jay Gould vertreten und popularisiert wurde. Richard Dawkins hat in seinem neuen Buch "Ancestors Tale" (letztes Kapitel und andere Kapitel des Buches) dazu inzwischen einen erheblich differenzierteren Standpunkt eingenommen. Er beruft sich dabei vor allem auch auf Simon Conway Morris' gewaltiges Buch "Life' Solution". Auch andere letzthin in "Nature" rezensierte Autoren verwerfen das Konzept von Gould inzwischen weit gehend.
Auch schon allein wenn man sich die Humanevolution auf dem Wissen der gegenwärtigen Zeit ansieht, könnte es sich herausstellen, dass Fortschritt KEINE Illusion ist. So scheint es doch offenbar seit 200 000 Jahren eine IQ-Evolution zu geben von einem durchschnittlichen IQ von etwa 65 (heutige Buschleute) zu einem durchschnittlichen IQ von etwa 115 (heutige aschkenasische Juden) mit einer Fülle von Zwischenstufen, die grob mit einem geographischen Nord-Süd-Gradienten korrelieren. (Siehe: http://www.gnxp.com/blog/2006/02/world-of-difference-richard-lynn-maps.php )Dass es solche gewichtigeren Gegenpositionen und -argumente GIBT, sollte zumindest im Artikel genannt werden.
Ingo Bading, M.A., Frankfurt am Main
ingo_34@yahoo.de
Donnerstag, 25. Januar 2007
"Und der Zukunft zugewandt ..."
Auf meinem alten Blog hatte ich kurz über ein Experiment bei "Spektrum der Wissenschaft" berichtet. Dort wird darüber diskutiert, ob der Fortschritt in der Evolution und Menschheitsgeschichte nicht letztlich immer nur eine "Illusion" sei. Inzwischen sind nun einige höchst lesenswerte Leserbriefe zu dem dort vorgestellten Artikel von Eckart Voland eingegangen und veröffentlicht. Hier eine Auswahl derjenigen, die sich mit meinen Meinungen so ziemlich decken.
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| Abb. 1: Simon Conway Morris 1996 (Royal Institution) |
Anna Reeves aus London schreibt ziemlich harsch:
"Wenn man von so falschen Annahmen ausgeht wie der Autor dieses Artikels, dann muss man natürlich auch zu so falschen Schlüssen kommen.Die biologische Evolution ist mit dem Hervorbringen von bewusstseinsfähigen Wesen zu Ende gegangen bzw. ist jetzt nicht mehr wichtig, und was nun begonnen hat, ist eine Evolution des Bewusstseins. Der Autor wird doch kaum abstreiten, dass er intelligenter ist als z.B. ein Neandertaler oder ein Affe. Aber nicht nur in Bezug auf pure Intelligenz haben wir uns weiterentwickelt, sondern auch in moralischer, emotionaler und spiritueller Hinsicht, und diese Entwicklung geht weiter.Der Autor begeht auch den Fehler, zu versuchen, die Biologie dort anzuwenden, wo sie nicht angebracht ist. Psychologie ist eine höhere Stufe der Emergenz als Biologie. Man kann sie nicht auf die Biologie reduzieren. Die Methoden und Ergebnisse einer niedrigeren Ebene sind nicht auf die einer höheren anwendbar.Ich würde dem Autor raten, das Buch von Ken Wilber, "Halbzeit der Evolution - Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein" zu lesen und dann den Artikel nicht zu veröffentlichen."
Ein Manfred Gotthalmseder sagt Bedenkenswertes:
"Im Ursprung dient unser Gehirn nur einer einzigen Sache, nämlich der Voraussicht. Jede geplante Handlung basiert auf einer vorgestellten Zukunft. Und tatsächlich sind wir in Hinsicht auf unsere Fähigkeit, Zukunft abzuschätzen und planend zu handeln, heute wesentlich weiter als einst. Man denke nur, welche komplexen Pläne heute technisch umgesetzt werden können. Auch die nötige Organisation ist eine Erkenntnisleistung.Da die noch nicht reale aber bereits vorgestellte Zukunft unser Verhalten bestimmt, und dieses wiederum auf die Zukunft wirkt, kann man auch sagen, dass unsere Freiheit mit unserer Vorstellungsfähigkeit wächst. Wir können uns zahlreichere Möglichkeiten erdenken mit Anforderungen umzugehen als je zuvor. Wenn wir heute schon wissen, dass uns in den kommenden Jahrzehnten ein Klimawandel droht, dann ist das nur dem Fortschritt, also unserer ständig wachsenden Voraussicht zu verdanken."
"In "The Great Chain of Being" lässt uns LOVEJOY erahnen, welche Weiterentwicklung unsere mentalen Aktivitäten in den Jahrhunderttausenden durch Vermehrung synaptischer Verschaltungen erlebt haben - denn physiko-chemisch unterscheiden sich unsere neuronalen Funktionen keineswegs von denen einfachster Lebewesen. Diese Entwicklung ist Fortschritt, keine Illusion. Mit KEN WILBER kann man statt von "Höherentwicklung" von hierarchischer Zunahme von Komplexität reden. Keineswegs geht die "Fortschrittsrhetorik ins Leere", wenn der selbstorganisierende Lebensprozess Komplexitätszunahme aufweist. Das Beispiel des Mäusegenoms trifft nicht, da die Zunahme sich auf die Vielfalt synaptischer Verschaltungen bezieht, die erst die Fülle mentaler Leistungen ermöglicht."Höherentwicklung" und "Fortschritt" dürfen nicht als semantische Tricks missbraucht werden, um Inhalte der Evolution zu desavouieren. (...) Eine Bewusstseinserweiterung auf breiter Basis als alleinige Chance zur Erhaltung allen Lebens auf dieser Erde würde ich als Fortschritt bezeichnen und denke keineswegs, dass sie der Evolution fremd wäre."
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