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Dienstag, 23. November 2021

Genetische Risiko-Veranlagung für Covid 19 - In Indien

Meine Gene, Teil 12

Jüngst wurde wieder einmal über einen neu entdeckten, angeborenen Häufigkeitsunterschied für Krankheitsverläufe bei Menschen unterschiedlicher geographischer Herkunftsräume berichtet (1-3). Diesmal geht es um Covid19. Träger einer bestimmten Variante eines bestimmten Haplotyps (SNPedia) haben unter 60 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, an Covid19 zu sterben als Träger einer anderen Variante desselben (1-3).

Symbolbild: Intensivstation (hier in Sao Paolo) (Wiki)

Da möchte man ja eigentlich gleich in seinem eigenen Gen-Datensatz und in denen seiner Angehörigen schauen, mit welchem Risiko man da bei jedem einzelnen zu rechnen haben könnte.*)

Aber leider finden wir dieses SNP ("rs17713054") weder in den uns verfügbaren familiären Gen-Datensätzen bei 23andme, noch in den uns verfügbaren Datensätzen, die von MyHeritage sequenziert wurden. Die große, allseits gelobte und propagierte Internetseite von 23andme, die ja immerhin seit Herbst letzten Jahres Zeit dafür gehabt hat, bringt uns zu dem Suchwort "rs17713054" gar kein Ergebnis. Wieder einmal ein Hinweis darauf, daß die Qualität der Dienstleistungen dieser - sicherlich nicht unnützlichen Firma - doch auch leicht überschätzt werden können.

Immerhin geben viele Nutzer auf der Graswurzel-Seite OpenSNP die für sie sequenzierten Basen bei diesem SNP an (4). Die meisten dortigen Nutzer sind - unserer Erfahrung nach - europäischer Herkunft. Und die von uns dort in schnellem Überblick ausgewertete Zufalls-Stichprobe ergibt 16 Nutzer mit der harmlosen Variante GG, vier Nutzer mit der Risiko-Variante AG und einen Nutzer mit der Risiko-Variante AA (4).

Abb.: Weltweite Häufigkeitsverteilung der angeborenen Risikovariante für Covid19 ("rs17713054") (aus 1)

Der Begründer der Archäogenetik, Svaante Pääbo vom Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, war es, der vor einem Jahr auf dieses SNP erstmals in einer Nature-Studie hingewiesen hat (1). Er, der das Genom der Neandertaler einstmals sequenziert hat, führt aus, daß wir die ursprüngliche Version (AA) und zugleich Risiko-Variante vom Neandertaler geerbt haben. Und er führt dann weiter aus (1):

Der ursprüngliche Neandertaler-Haplotyp tritt in Südasien mit einer Allel-Häufigkeit von 30 %, in Europa mit einer Allel-Häufigkeit von 8 %, unter gemischten Amerikanern mit einer Allel-Häufigkeit von 4 % und in noch geringerer Allel-Häufigkeit in Ostasien auf. ... 50 % der Menschen in Südasien tragen mindestens eine Kopie des Risikohaplotyps, während 16 % der Menschen in Europa und 9 % der vermischten Amerikaner mindestens eine Kopie des Risikohplotyps tragen. Die höchste Häufigkeit tritt in Bangladesch auf, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung mindestens eine Kopie des Neanderthaler-Risikohaplotyps aufwiest und wo 13 % für diesen Haplotypen homozygot sind.
The Neanderthal core haplotype occurs in south Asia at an allele frequency of 30%, in Europe at an allele frequency of 8%, among admixed Americans with an allele frequency of 4% and at lower allele frequencies in east Asia (Fig. 3). In terms of carrier frequencies, we find that 50% of people in South Asia carry at least one copy of the risk haplotype, whereas 16% of people in Europe and 9% of admixed American individuals carry at least one copy of the risk haplotype. The highest carrier frequency occurs in Bangladesh, where more than half the population (63%) carries at least one copy of the Neanderthal risk haplotype and 13% is homozygous for the haplotype.

Natürlich stellt sich natürlich die Frage, warum dieser Haplotyp für den Neanderthaler vorteilhaft war, aber weder für seine parallel lebenden Zeitgenossen in Afrika, noch für den zeitgleichen Denisova-Menschen in Asien. Pääbo und Koautor schreiben dazu (1):

Es ist bemerkenswert, daß dieser Neanderthaler-Risikohaplotyp mit einer Häufigkeit von 30 % in Südasien vorkommt, während er in Ostasien so gut wie gar nicht vorkommt. Dieser große Unterschied in den Allel-Häufigkeiten zwischen Süd- und Ostasien ist ungewöhnlich und legt nahe, daß er in der Vergangenheit einer Selektion unterworfen war. Tatsächlich haben frühere Studien nahegelegt, daß der Neanderthaler-Haplotyp in Bangladesch positiv selektiert worden ist. Zur Zeit können wir über die Gründe nur spekulieren - eine Möglichkeit ist Schutz gegen anderen Krankheitserreger.
It is notable that the Neanderthal risk haplotype occurs at a frequency of 30% in south Asia whereas it is almost absent in east Asia (Fig. 3). This extent of difference in allele frequencies between south and east Asia is unusual (P = 0.006, Extended Data Fig. 5) and indicates that it may have been affected by selection in the past. Indeed, previous studies have suggested that the Neanderthal haplotype has been positively selected in Bangladesh. At this point, we can only speculate about the reason for this—one possibility is protection against other pathogens.

Es könnte auch sein, daß es in der Vergangenheit in Ostasien Selektionsfaktoren gegeben hat, aufgrund deren diese Risikovariante dort bis heute nicht überlebt hat, schreibt Pääbo.

Auffällig ist auch, daß diese Risikovariante heute in Südostasien ähnlich häufig verbreitet ist wie in Indien, obwohl dort doch die Menschen ansonste eher Denosva-Herkunftsanteile in sich tragen, keine Neandertaler-Herkunftsanteile.

Es könnte sich auch die Frage stellen, ob es nicht noch mehr solcher angeborenen Risikovarianten für Covid 19 gibt weltweit. Aber es scheint sicher zu sein, daß die hier behandelte Variante für die größten angeborenen Unterschiede weltweit verantwortlich ist diesbezüglich.

Wichtig ist uns zunächst einmal auch: Menschen afrikanischer Herkunft, die sonst bezüglich von Krankheiten eher häufiger Risiko-Varianten in sich tragen, wären in diesem Fall nicht von der Humanevolution benachteiligt worden.

Also noch einmal: Dieser Haplotyp fand sich in Neandertalern aus Kroatien, er fand sich nicht bei Denisova-Menschen in Asien (1).

Eigentlich sollte man doch jetzt seine Gene auf diese Risiko-Variante nach-sequenzieren können. Dem Bloginhaber ist vorderhand nicht bekannt, ob das irgendeine Firma anbietet. MyHeritage und 23andme hatten diese Variante ja bisher nicht auf dem Schirm.

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*) Aus diesem Grund gehört dieser Blogartikel in die von uns im Jahr 2011 hier auf dem Blog begonnene Blogartikel-Serie "Meine Gene". Der letzte dazu erschienene Blog-Artikel war Teil 11. Er ist im Oktober 2019 erschienen (10/2019). 

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  1. Zeberg/Pääbo, Svaante: The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neanderthals, Nature, 30.9.2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2818-3 
  2. Identification of LZTFL1 as a candidate effector gene at a COVID-19 risk locus, Nature Genetics, 4. November 2021, https://www.nature.com/articles/s41588-021-00955-3
  3. Podbregar, Nadine: Covid-19: Risiko-Genvariante erhöht Sterberisiko 15. November 2021, https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/covid-19-risiko-genvariante-erhoeht-sterberisiko/
  4. https://opensnp.org/snps/rs17713054

Mittwoch, 20. Mai 2020

An das Leben in einer - einheitlichen - Rasse angepaßt: Der Mensch

Gesichter anderer Rassen werden vom Gehirn nicht als individuelle Gesichter verarbeitet

Dieser Umstand wird aufgezeigt durch aktuelle Studien im Bereich der Hirnforschungen (1, 2): Das Gehirn strengt sich von sich aus an, Menschen (Gesichter) der eigenen Rasse individuell zu erkennen. Sieht es ein Gesicht aus der eigenen Rasse ein zweites mal, aktiviert es nur noch Hirnareale zur "Wiedererkennung", nicht mehr zur erstmaligen Neuerkennung eines individuellen Gesichtes.

Abb. 1: Menschliche Gesichter unterschiedlicher Rassen: Hausa man from Northern Nigeria ; man of Asian descent; Yali tribesman in the Baliem Valley; shaman in the Amazon rainforest; Icelander; San man (Wiki)

Anders ist es, wenn das Gehirn Menschen einer anderen Rasse sieht. Es ordnet die Gesichter derselben dann von vornherein unter "Wiedererkennung" ein - nämlich eben dieser Rasse. Und es bemüht sich - von sich aus - erst einmal nicht weiter um individuelle Unterscheidungen (nämlich ob es sich um das Gesicht dieses oder jenes Menschen innerhalb einer anderen Rasse handelt).

Ein wenig auffällig ist, daß in einem deutschsprachigen Artikel über diese Forschungen anstelle des Begriffes "Rasse" - wie in der Originalstudie - der Begriff "Ethnie" verwendet wird. Diese Begriffsverwendung ist aber ganz klar so unscharf, daß man sich wundert, daß das so gemacht wird. Denn in der Studie geht es ja eben nicht um Menschen unterschiedliche Ethnien, die einer einzigen Rasse angehören (zum Beispiel um Tschechen, Franzosen und Deutsche), sondern um Menschen unterschiedlicher Rassen.

Es dürfte sehr unwahrscheinlich sein, daß das Gehirn auf der Ebene sehr subtilen Gesichtsunterschiede zwischen Ethnien ebenso arbeitet wie auf der Ebene der Gesichtsunterscheidungen zwischen Rassen, die ja auf sehr grober Ebene stattfinden können.

Aber "Neusprech" ist offenbar der Redaktion von "Spektrum der Wissenschaft" so wichtig, daß dies offenbar auch gerne einmal auf Kosten der wissenschaftlichen Korrektheit geschehen kann.

Die Tatsache, daß Altruismus (Hilfsbereitschaft) und sozialer Zusammenhalt in multikulturellen Wohnumfeldern geringer ausgeprägt ist als in einheitlichen kulturellen Wohnumfeldern ist ja von Seiten der Soziologie schon gut erforscht worden (etwa von Seiten Robert Putnam, dargestellt in seinem Buch "Bowling alone"). Mit diesen neuen Studien gibt es einige - von vielen denkbaren - neue Daten zur evolutionären Erklärung dieser Sachverhalte.

Damit gibt es weitere Hinwiese dafür, daß Menschen und Gehirne im allgemeinen mit einem Zusammenleben unterschiedlicher Rassen innerhalb derselben Gesellschaft mehr gefordert sind als in Gesellschaften, in denen die Menschen alle derselben Rasse angehören. Und das Gehirn ist darauf ausgelegt, es sich möglichst "einfach" und "sparsam" zu machen im sozialen Zusammenleben.
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  1. Human face-selective cortex does not distinguish between members of a racial outgroup Niv Reggev, Kirstan Brodie, Mina Cikara, Jason P. Mitchell eNeuro 18 May 2020, ENEURO.0431-19.2020; DOI: 10.1523/ENEURO.0431-19.2020, https://www.eneuro.org/content/early/2020/05/18/ENEURO.0431-19.2020
  2. Janosch Deeg: Gesichter unterscheiden: Dem Gehirn erscheinen fremde Ethnien "bekannter", 19.05.2020, https://www.spektrum.de/news/dem-gehirn-erscheinen-fremde-ethnien-bekannter/1735892

Montag, 12. November 2018

Die sibirischen Mammutjäger der Eiszeit - Sie sind genetisch ausgestorben

Nach der Eiszeit wanderten ostasiatische Völker in Sibirien ein

Eine neue Ancient-DNA-Studie aus Dänemark von der Forschungsgruppe rund um Eske Willerslev (1) wirft Licht auf die Geschichte der Völker in Nordsibirien, einem der entlegensten Orte der Weltgeschichte, und zwar seit der erstmaligen Besiedlung durch anatomisch moderne Menschen.

Mammutjäger der Eiszeit in Sibirien

38.000 v. Ztr. wanderten anatomisch moderne Menschen nach Europa ein und der Neandertaler starb aus. In diesen Zeitraum wird von der Forschung auch die genetische Trennung der Vorfahren der heutigen Ostasiaten von den heutigen Europäern eingeordnet.

Abb. 1: Einritzung eines Mammuts auf eine Stück Elfenbein - von dem Fundort Mal'ta am Baikalsee in Sibirien, deposits at Lake Baikal, Siberia

Spätestens knapp zehntausend Jahre später, 30.000 v. Ztr. lebten auch in Nordsibirien Menschen. Ihr entdeckter Siedlungsort wird von der Wissenschaft "Yana RHS" genannt (Wiki). Die Knochen von zwei männlichen Individuen dieses Siedlungsortes wurden vor Kurzem entdeckt und ihre Gene sequenziert (1). Ihren Menschentyp nennt die Wissenschaft nun "Frühe Nordsibirier" (ANS = "Ancient North Siberians"). Diese "Frühen Nordsibirier" können genetisch interessanterweise schon grob zu einem Viertel als früh-ostasiatisch und zu drei Vierteln als früh-(west-)europäisch angesprochen werden. Dabei weist ihre mitochondriale (also weibliche) DNA westeuropäische Jäger-Sammler-Haplotypen auf, ihre Y-chromosomale DNA Haplotypen wie sie für das heutige Asien und die Ureinwohner Amerikas typisch sind.

Die Forscher vermuten, daß dieses Volk, bzw. diese Stammesgruppe schon recht früh nach der Aufspaltung der Europäer und Asiaten sich seinerseits abgespalten hat, um sich nach Mittelasien und Sibirien (auch rund um den Baikalsee) auszubreiten.

In Nordsibirien konnten Menschen auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit (LGM = Last Glacial Maximum) nicht überleben. Dieser Höhepunkt wird in den Zeitraum zwischen 21.000 bis 15.000 v. Ztr. datiert. Allerdings sind genetisch recht ähnliche Menschen wie die "Frühen Nordsibirier" schon 2014 (2) für die Zeit von 22.000 v. Ztr. am Baikalsee nachgewiesen und untersucht worden (am heute benannten Siedlungsort Mal'ta von derselben dänischen Forschungsgruppe) (siehe auch Abb. 1) (Wiki). Diese waren bislang sehr allgemein als Menschentyp "Ancestral North Eurasian" (ANE) angesprochen worden ("Nordeurasischer Vorfahrentyp"). Aber es scheint sich jetzt mit den neuen Funden von Yana in Nordsibirien anzudeuten, daß diese gar nicht Vorfahren der Europäer und Asiaten sind, sondern eine eigene Stammes-, bzw. Völkergruppe zwischen beiden bildeten. Als dieser Menschentyp selbst scheint diese Völkergruppe nicht bis heute fortgelebt zu haben, sondern ist ersetzt worden von anderen Völkern, die im folgenden zu behandeln sind.

Völker in Sibirien nach der Eiszeit bis heute

8.000 v. Ztr. lebten auf der nordsibirischen Halbinsel Kolyma wieder Menschen, deren Knochen ebenfalls vor kurzem gefunden und sequenziert wurden (1), und die von der Wissenschaft "Frühe Paläosibirier" (AP = Ancient Paleosibirians) benannt werden (s.a. Wiki). Diese Menschen wiesen genetische Verwandtschaft zu den Ostasiaten auf und sie bildeten die recht direkten Vorfahren einiger Völker, die noch heute in Sibirien leben und als "Paläosibirier" zusammen gefaßt werden. Es handelt sich um Rentierzüchter und Walfänger wie die Korjaken (Wiki) und die  Itelmenen (Wiki), also damit um Völker, die genetische Kontinuität seit 10.000 Jahren aufweisen, die uralte Völker sind. Sie weisen damit eine ähnliche genetische Kontinuität auf wie noch die heutigen Völker des Levanteraumes, deren einstige direkte Vorfahren erstmals zur seßhaften Lebensweise und zum Ackerbau übergingen.

Die Wissenschaftler vermuten, daß die "Frühen Paläosibirier" auf Kolyma und die amerikanischen Ureinwohner beide von einer Refugium-Bevölkerung der süd-östlichen Beringstraße abstammen, wo die Menschen den Höhepunkt der letzten Eiszeit überstehen konnten. Darauf führen sie die genetische Verwandtschaft beider Völkergruppen zurück. Insbesondere die Inuit (Eskimo) und die NaDene Nordamerikas weisen enge genetische Verwandtschaft mit den Paläosibiriern auf.

Zwischen 9.000 v. Ztr. und 2.000 v. Ztr. wanderten in Nordsibirien dann zusätzlich noch Völker ein, die die Wissenschaftler "Neusibirier" nennen ("Neosibirians"). Von diesen stammen heute die meisten Ureinwohner Sibiriens ab. Offenbar weisen sie eine gegenüber den Altsibirern modernere ostasiatische Genetik auf.

Damit deutet sich selbst für eine so abgelegene Gegend wie Nordsibirien eine wechselvolle Völkergeschichte an.

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  1. Martin Sikora et. al. (Eske Willerslev): The population history of northeastern Siberia since the Pleistocene. bioRxiv preprint first posted online Oct. 22, 2018 doi: http://dx.doi.org/10.1101/448829
  2. Maanasa Raghavan et. al. (Eske Willerslev): Upper Palaeolithic Siberian genome reveals dual ancestry of Native Americans. Nature, 2.1.2014, Vol. 505, doi:10.1038/nature12736

Sonntag, 28. Oktober 2018

Rasseunterschiede im weiblichen Geburtskanal

Sie sind größer als bei anderen Körperteilen

Zu einer neuen Studie über Rasseunterschiede im weiblichen Geburtskanal wird berichtet (1):

Etwa 300.000 Frauen sterben jährlich weltweit durch Geburtskomplikationen. Ein großes Problem sei der menschliche Kopf, wie Betti erklärte: "Aufgrund der Enge muß das Kind eine Reihe von Rotationen vollführen, um den Geburtskanal zu passieren".

In Lehrbüchern ist aber nur die europäische Form der Rotationen beschrieben, nicht die Form der Rotationen, die bei den Frauen in Afrika, Asien oder Amerika vollführt werden.

Abb. 1 Artunterschiede im weiblichen Geburtskanal - Schimpansen, Australopithecus, Mensch (Grafik von ArchaeoMouse [Wiki])

Diese Nichtbeachtung der Rasseunterschiede durch die Geburtshilfe könnte viele zusätzliche Geburtskomplikationen weltweit mit sich gebracht haben, wie vermutet wird. Weiterhin ist zu erfahren (2):

Frauen aus der Subsahara in Afrika und einige asiatische Bevölkerungsgruppen haben sehr schmale, aber relativ tiefe (von vorne nach hinten gemessen) Geburtskanäle, so Betti und Manica. Die Ureinwohner Amerikas dagegen verfügen über sehr breite Kanäle. Außerdem sind die oberen Kanäle von Europäerinnen oval geformt, was man bei den anderen Populationen nicht findet. Ein weiteres Ergebnis der Studie (...) lautet: Je weiter man sich von Afrika entfernt, desto geringer ist die Variabilität der Geburtskanalform. Soll heißen, daß man in Afrika sehr viele sehr unterschiedliche Formen findet, während sich die Becken der Frauen in Europa, Asien und bei den amerikanischen Ureinwohnerinnen sehr ähnlich sind.

Gemeint ist: Vergleichsweise sehr ähnlich jeweils untereinander auf dem jeweiligen Kontinent. Dieser Befund scheint einesteils auf die Wirkung von Gründer- und Flaschenhalspopulationen bei der Entstehung der jeweils neuen Menschentypen in Nordafrika, Europa, Asien und Amerika zurückgeführt werden zu können. Andererseits könnte die größere innerkontinentale Vielfalt in Afrika auch darauf hinweisen, daß der Selektionsdruck auf irgendeine Art von Geburtskanal gar nicht so groß gewesen zu sein braucht. Das hatte man weithin in der Forschung bislang ganz anders angesehen. Die Forscherinnen finden - zum Beispiel - auch keinen Zusammenhang der Form des Geburtskanals beispielsweise mit der vorherrschenden Temperatur.

Ob hier tatsächlich Anpassungen an irgendetwas vorliegt oder es sich um eine eher "natürliche", selektionsneutrale Vielfalt der Formen handelt, scheint noch nicht klar zu sein. Sicher ist aber (3):

Die Unterschiede in der Beckenform sind deutlich größer als jene der Kopfgröße oder der Extremitäten.

Ich könnte mir ja denken, daß die Form des Geburtskanals einfach auch von der übrigen Körperstatur des jeweiligen Menschentyps abhängt. Sicherlich ist das in der traditionellen Physischen Anthropologie so auch schon vermutet worden. Das heißt, die Form des Geburtskanals ist davon abhängig, daß Buschleute insgesamt grazil gebaut sind, ebenso Ostasiaten, während Europäer und Bantu-Afrikaner insgesamt größer und robuster gebaut sind. Es sei noch einmal die wesentlichste Erkenntnis im Wortlaut der Originalstudie zitiert (4):

Sub-saharische afrikanische Populationen sind insgesamt charakterisiert durch einen tieferen Geburtskanal in Blickachse des Körpers, während Populationen amerikanischer Ureinwohner das andere Extrem aufweisen mit einem eher seitlich-ovalen Geburtskanal (quer zur Blickachse des Gesichts). Asiatische und europäisch-nordafrikanische Populationen zeigen demgegenüber eher eine Morphologie, die zwischen diesen beiden Extremen angesiedelt ist.
Original: Sub-Saharan African populations are overall characterized by a deeper birth canal in the anterior-posterior direction, throughout the three planes (inlet, midplane, and outlet), while Native American populations fall at the other extreme of variation with a more transversally wide canal. Asian and European/North African populations show an intermediate morphology.

Allerhand neue Befunde, die zu weiterer Ursachenforschung aufrufen. Wir alle - außer den Kaiserschnitt-Babies - sind einmal diesen Weg gegangen.

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  1. Weltweit verschiedene Geburtskanäle bergen Gefahren für das Kind, 26.10.2018, https://www.bluewin.ch/de/news/wissen-technik/geburtskanaele-von-frauen-je-nach-herkunft-sehr-unterschiedlich-164436.html
  2. Neue Studie rüttelt an der alten Theorie vom Geburtsdilemma. Oktober 2018, http://antropus.de/Becken-und-Geburtskanal-sind-keine-Anpassung-an-den-aufrechten-Gang.artikel
  3. Stallmach, Lena: Die Evolution lässt einem gebärenden Becken womöglich doch mehr Spielraum. Oktober 2018, https://www.nzz.ch/wissenschaft/wirkt-die-evolution-einem-gebaerfreudigen-becken-doch-nicht-entgegen-ld.1430676
  4. Lia Betti, Andrea Manica: Human variation in the shape of the birth canal is significant and geographically structured. Published 24 October 2018.DOI: 10.1098/rspb.2018.1807, http://rspb.royalsocietypublishing.org/content/285/1889/20181807

Freitag, 26. September 2014

Helle Haut und Augen evoluierten in Nordeuropa schon vor dem Ackerbau

Die Gene von neun vorgeschichtlichen europäischen Skeletten sind neu sequenziert und ausgewertet worden

In der "Nature"-Folge vom 18. September findet sich ein neuer Forschungsartikel zur genetischen Geschichte von uns Europäern (1). Die Genetiker haben die erhaltene Gene von neun Skeletten sequenziert: Aus einem männlichen Jäger-Sammler-Skelett aus einer Höhle bei Loschbour in der Luxemburger Gegend aus der Zeit um 6.000 v. Ztr., aus sieben zumeist männlichen Fischer-Jäger-Sammler-Skeletten (vermutlich) der Ertebolle-Kultur in Motala in Schweden um 6.000 v. Ztr. und aus einem weiblichen Skelett der bäuerlichen Linearbandkeramik um 5.000 v. Ztr. aus der Stuttgarter Gegend. In der Auswertung bezieht sich die Studie auch auf die schon zuvor erforschten Gene eines Jäger-Sammler-Skelettes aus La Brana in Spanien etwa derselben Zeitstellung.

Abb. 1: Grafik aus der Studie(1)  - Erläuterung: Onge (Andamanen), Karitiana (brasilianische Ureinwohner), ANE (früheste Nordeurasier), WHG (westeuropäische Jäger-Sammler), EEF (frühe europäische Bauern), MA1 (schwedische Jäger-Sammler) (Nature)
Die Studie hält fest, dass die Fischer, Jäger und Sammler um 6.000 v. Ztr. in Schweden - ebenso wie die mitteleuropäischen Bauern tausend Jahre später - schon jene Gene für helle Haut hatten, wie wir sie auch heute noch in Europa haben - nicht aber die anderen erforschten Skelette.

Die Studie hält außerdem fest, dass die Besitzer der schwedischen Skelette - ebenso wie die Jäger-Sammler in Luxemburg und in Spanien - hellfarbige Augen hatten. Während die Bauern in der Stuttgarter Gegend tausend Jahre später braune Augen hatten. Die Jäger-Sammler in der Luxemburger Gegend hatten dunkle Haare wie die auf sie folgenden Bauern tausend Jahre später. Schon aus diesen wenigen Forschungsergebnissen wird deutlich, welche historische Bevölkerungsvielfalt es im historischen Längs- und Querschnitt allein in Europa in der Humanevolution innerhalb von etwa 2000 Jahren gegeben hat!

Die Forscher weisen auch auf volksspezifische Gene zur Stärke-Verdauung in den von ihnen erforschten Skeletten, bzw. Völkern hin.

Was die Studie nicht ausreichend herausstellt, was aber schon in früheren Studien dargelegt wurde und auch hier auf dem Blog behandelt wurde, ist der Umstand, dass alle hier erforschten Völker - die Mesolithiker Luxemburgs und Schwedens (Ertebolle-Kultur) wie auch die Bandkeramiker - im wesentlichen als ausgestorben angesehen werden müssen. Wenn wir Europäer heute ähnliche Gene wie sie haben, dann aufgrund von Selektions-Ereignissen in Flaschenhals-Populationen während der Ethnogenese der nachfolgenden Völker während und nach dem Aussterben der vorhergehenden und in Vermischung mit diesen. Selektions-Ereignissen, die dazu führten, dass kulturell oder sonstig vorteilhafte Gene ausgestorbener Völker in nachfolgenden Völkern beibehalten wurden, während kulturell oder sonstig unvorteilhafte Gene verloren gingen. (Zum Verständnis der dabei stattfindenden Selektionsprozesse sei an das Konzept der Gen-Kultur-Koevolution erinnert.)

Deshalb scheint uns der Forschungsansatz dieser Studie, den "Anteil" der Gene von Vorgänger-Bevölkerungen in unseren eigenen Genen benennen zu wollen, nicht besonders weiterführend zu sein. Vielmehr wäre doch herauszuarbeiten, was eigentlich das Neue zum Beispiel an der Genetik jener Trichterbecher-Kultur darstellte, von der wir zu nicht geringen Teilen abstammen im Vergleich zu den hier erforschten Völkern und was dann weiterhin die Schnurkeramiker dem noch hinzugefügt haben, die ja, wie schon früher hier auf dem Blog behandelt, einen nicht geringen Einfluss auf unsere heutige Genetik in Europa genommen haben.

Wie die Grafik in Abbildung 1 zeigt, geht es der Studie aber auch darum, die Genetik der späten Mesolithiker und frühen Neolithiker Mittel- und Nordeuropas in Bezug zu setzen zur neu erkannten Genetik der sibirischen Eiszeit-Jäger am Baikalsee ("Ancient north Eurasien"), die schon im vorletzten Beitrag Thema war. Die Gene der letzteren finden sich sowohl bei den südamerikanischen Ureinwohnern wie den Karitiana, wie auch in der Ertebolle-Kultur an der Ostsee, wie auch in uns, nicht aber in Luxemburger Jäger-Sammlern und in den Linearbandkeramikern. Auch trugen die ausgestorbenen Linearbandkeramiker noch Gene der ersten europäischen Eiszeitjäger in sich ("basal Eurasien"), die die Luxemburger Jäger-Sammler nicht in sich trugen. Nun, die Ethnogenese der Bandkeramiker vollzog sich ja auch am Plattensee durch Vermischung einheimischer Jäger-Sammler mit aus dem Balkanraum zugewanderten Bauern.

Aber ich glaube wie gesagt, dass man die in dieser Grafik aufgezeigten Zusammenhänge nicht zu wichtig nehmen sollte, da unser Kenntnisstand was das Aussterben von Völkern und nachfolgende Ethnogenese betrifft, eigentlich schon viel weiter ist.

Abb. 2: Titelblatt von "Nature", 18.9.2014
Dass nun dieser Artikel auf der Titelseite der "Nature"-Ausgabe beworben wird mit dem Wort "Melting Pot" (s. Abb. 2) ist natürlich wieder einmal mehr den ideologischen Vorgaben des Zeitgeistes als den Forschungsergebnissen der Wissenschaft geschuldet. Wie hätten denn diese ganzen in der Studie benannten genetischen Unterschiede zwischen den Völkern entstehen können, wenn es immer nur genetische "Einschmelzungen" und keinerlei geographische und kulturelle genetische Abgrenzungen gegeben hätte (z.B. auch Heiratsgrenzen)? Und was hätten denn letztere bitteschön mit "Melting Pot" zu tun? Die Humanevolution kennt doch allzu offensichtlich immer beide Tendenzen: Kurzzeitige Vermischungen durch vorheriges Aussterben und Neuzuwanderung bei der Ethnogenese einerseits und längerfristigere genetische Bevölkerungs-Stabilität ohne großartige neue Vermischungen andererseits. (Das Volk der Bandkeramiker etwa lebte in Mitteleuropa 800 Jahre lang ungestört und ganz ohne weitere Vermischungen.) All das ist etwa auch gut aufzeigbar an der Ethnogenese der aschkenasischen Juden vor etwa tausend oder fünfzehnhundert Jahren im deutschsprachigen Europa an der Grenze von der Antike zum Mittelalter und seitherige ziemlich strikte rein kulturelle Heiratsgrenzen nicht nur gegenüber den europäischen "Wirtsvölkern", sondern sogar gegenüber dem Ausgangsvolk, den sephardischen Juden.

Die Sarrazin-Debatte geht weiter ....

In der gleichen "Nature"-Ausgabe findet sich übrigens auch eine Rezension zu drei neuen Büchern zum Thema Rassen, Völker und Genetik in der menschlichen Humanevolution und Geschichte (18. September 2014) (2). 

- Einmal wieder ein Blick gefällig, ob sich seit dem Jahr 2000, seit der "Mondlandung" in der modernen Humangenetik und der damit verbundenen vielen Neuerkenntnisse hinsichtlich der evoluierten genetischen (Begabungs-)Unterschiede zwischen Völkern und Rassen etwas geändert hat in der Wissenschafts-Berichterstattung über diese?

Aber nicht doch! Bitte schrauben Sie die Erwartungen nicht zu hoch, lieber Leser. Das bedeutendste besprochene Buch stammt von dem verdienten Leiter der Wissenschaftsredaktion der "New York Times" Nicholas Wade. Wade berichtet schon seit Jahren - spätestens seit seinem hervorragenden und empfehlenswerten Buch "Before the Dawn" - über dieses Thema, vor allem auch immer wieder in seiner Zeitung, der größten Tageszeitung der Welt.

Aber Vorsicht. Mit diesem Thema und seiner "angemessenen" Aufarbeitung in der Wissenschafts-Berichterstattung sind viele Machtinteressen verbunden, gewaltige Machtinteressen. Sich weltweit erstreckende. Denn: Wenn Menschenrassen "real" sind, biologisch zu erforschende Phänomene sind, oh Gott, oh Gott, muss dann nicht unser ganzes Denken über Menschen, Völker und Rassen auf eine neue Grundlage gestellt werden? Stehen dann nicht mehr als hundert Jahre Zeitgeschichte, "making the world safe for democracy" infrage? Rüttelt das nicht an den weltanschaulichen Grundlagen des derzeitigen "Systems", das - zum Beispiel - bedingt, wie jüngst auf unserem Parallelblog ausgeführt, dass Kinderschänder-Ringe in demokratisch gewählten Parlamenten der westlichen Welt Jahrzehnte lang nicht verfolgt werden?

Und dementsprechend: Was für ein Hauen und Stechen einmal erneut nur in dieser kleinen Besprechung in der bedeutendsten Wissenschaftszeitschrift der Welt. Wer menschliche Rasse als biologische Realität ansieht (die sogenannten "Rasse-Realisten"), dem werden hier - das ist, glaube ich neu! - ideologische Scheuklappen unterstellt!!! Wer das nicht tut, der wird als "Ideologie-frei" beschrieben! Dabei war es doch bislang umgekehrt! Einmal eine ganz neue Masche, wie es scheint, eine Masche nur, die dann gar nicht konsequent durchgehalten wird ...

Wie sehr da die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden, gibt der Rezensent im Grunde genommen selbst zu, wenn er über - - - "Optimisten" (!!!) Sätze schreibt wie die folgenden (3; Hervorheb. n. i. Orig.):
The completion of the draft human­ genome sequence in 2000 led some opti­mists to forecast the end of race (one of them, Craig Venter, wrote the foreword to Yudell’s book), but use of the term in the biomedical literature has actually increased since then. For clinicians, race is a matter of pragma­tism. Although each of us is genetically and epigenetically unique, our ancestry leaves footprints in our genomes. Consequently, clinicians use familiar racial categories such as ‘black’ or ‘Ashkenazi Jewish’ as crude mark­ers of genotypes, in a step towards individual­ized medicine. For them, the reality of race is immaterial; diagnosis and treatment are what count.
Die Biomedizin benutzt zwar ständig die Kategorien Rasse und genetische Herkunft, Abstammung in ihren Untersuchungen, um den Menschen helfen zu können, weil eben menschlichen Gruppen - wie schon oben einmal erneut gesehen - seit vielen hundert, tausend oder zehntausend Jahren nicht mehr miteinander geheiratet haben - aufgrund kultureller und/oder geographischer Entfernung, weshalb sie in diesen hunderten, tausenden und zehntausenden Jahren - jeweils ganz unterschiedlich genetisch evoluiert sind, wodurch die so wertvolle genetische Vielfalt weltweit entstanden ist. Aber trotzdem sind Rasse und Herkunft, so diese Rezension - "immateriell"!!!! Man lasse sich dieses Wort einmal auf der Zunge zergehen! "Immateriell". Gene, die helle oder dunkle Haut hervorrufen, die Erwachsenen-Rohmilchverdauung hervorrufen, die Intelligenz-Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Zwillingspaaren, Geschwistern, Völkern und Rassen hervorrufen, sogar solche, die erst tausend Jahre alt sind (nämlich zum Beispiel die zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden) sind - immateriell. Bravo! Ganz hervorragende Wissenschaftsberichterstattung in der bedeutendsten Wissenschaftszeitschrift der Welt.

Völker und Rassen - Die "immateriellen" genetischen Unterschiede zwischen ihnen

Aber warum erklären wir dann menschliche Rassen und Völker nicht gleich zu "übernatürlichen Akteuren"?! So wie es ja die Okkultgläubigen schon lange gemacht haben. Oder etwa zu Bewohnern von Alpha Centauri!? - Nein, Scherz beiseite: Hier gibt wieder einmal ein (nur "immaterieller"?) "Genosse Stalin" die ideologische Linie vor. Weiter nichts. Ideologie und Streben nach Machterhalt - andere Gründe gibt es nicht für diese leicht durchschaubare Schizophrenie.

Während nun Wade - laut dieser Rezension und wie man es aus vielen seiner Publikationen kennt - über Wissenschaft schreibt, schreiben die beiden anderen besprochenen Autoren über - Wissenschaftsgeschichte! Das macht sich doch hübsch. Einmal erneut werden breit Eugenik und Nationalsozialismus ausgebreitet. Unbedingt notwendig. - Ich betrachte dieses Schwarz-Weiß-Malen allmählich als verbrecherisch. Es ist doch offensichtlich, dass derjenige, der so in Schwarz-Weiß malt wie hier einmal wieder geschehen, eigentlich die heutige Generation von Menschen auf dieser Erde unfähig machen will, sich mit dem Thema der genetischen Völker- und Rassenunterschiede human und differenziert auseinander zu setzen auf der Augenhöhe des Menschlichen unserer Zeit. Er tut so, als gäbe es nur zwei Alternativen: Entweder "Rasse-Realismus" konsequenterweise verbunden mit Völkermord (!) (und - selbstredend - Krieg) ODER die "schöne neue Welt" der bloß "immateriellen" Rassen, dieser bloßen "sozialen Konstrukte", deren Überwindung erforderlich ist, damit die Menschen endlich alle soooo friedlich zusammen leben können, wie sie es ja heute schon weltweit tun - nicht wahr, lieber Leser? Wenn nur nicht ständig diese Ewiggestrigen in die Naturwissenschaft etwas hineininterpretieren wollten, was sich doch so gaaaaaar nicht in ihr findet.

Die Leute sollen auch auf diesem Gebiet für so blöd und entmoralisiert verkauft werden, wie sie auch sonst von unserer Unterhaltungsindustrie für dummblöd und entmoralisiert verkauft werden. Was hier der Tiefstand ist, ist eben der Umstand, dass es sich um eine hoch anerkannte und sonst auch hoch anzuerkennenden Naturwissenschafts-Zeitschrift handelt. Nun gut, in den letzten Worten der Rezension scheint dem dann doch wieder etwas Tribut gezollt worden zu sein, denn schließlich klingen sie dann wohl doch wieder etwas differenzierter (2; Hervorh. n. i. O.):
A full-throated, intellectually rigorous anti-racism must critically assess both biological and cultural evidence about race. It must acknowledge that no work on race science can be free of ideology — and, precisely for that reason, it must not place historical actors before a moral green screen showing an image of contemporary values. Rather, it must set the stage for each scene with meticulous, empathetic historical detail. Such work would allow the scientific study of 'racial superiority' — inherently grounded in subjectivity and bias — to fall on its own sword.
Dem ist nun hinwiederum vollständig zuzustimmen. Denn die heutige Wissenschaft weiß längst, dass jedes Volk und jede Rasse seine eigene "rassische Überlegenheit" aufweist gegenüber allen anderen Rassen und Völkern. Jedes hat in seiner Einzigartigkeit seine eigenen hervorragenden Begabungen, kulturell und/oder genetisch weitergegeben. Keines ist mehr- oder minderwertig. Und jetzt? Geht jetzt die Welt unter, wenn wir uns auf diese Linie einigen? Natürlich nicht.

Das wichtigste Fachbuch erschien letztes Jahr in überarbeiteter Neuauflage

Von noch größerem Interesse aber dürfte sein, dass das grundlegendste humangenetische Fachbuch, das 2003 erstmals die "kopernikanische Wende" auf dem Gebiet der Humangenetik in Bezug auf das Thema "Völker und Genetik" in breitester Form zur Darstellung gebracht hatte, schon letztes Jahr eine gründlich überarbeitete Neuauflage erfahren hat (3), die angesichts des raschen Fortschritts in der Forschung auch dringend notwendig geworden war. Darauf werden wir hier auf dem Blog noch zurückkommen, heißt es doch schon im Klappentext:
.... The only textbook to integrate genetic, archaeological, and linguistic perspectives on human evolution, and to offer a genomic perspective, reflecting the shift from studies of specific regions of the genome towards comprehensive genomewide analyses of human genetic diversity ...
Dieses Buch vor allem wohl sollte auch Thilo Sarrazin gründlich studieren für seinen kommenden Bestseller auf der Linie von "Deutschland schafft sich ab".
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  1. Iosif Lazaridis u.a.: Ancient human genomes suggest three ancestral populations for present-day Europeans. Nature, 18.9.14
  2. Nathaniel Comfort: Under the skin. The enduring trend of misrepresenting race. Nature, 18.9.14, S. 306f
  3. Mark Jobling, Edward Hollox u.a.: Human Evolutionary Genetics. Origins, Peoples and Disease. Taylor & Francis Ltd., 2nd edition, revised, 3. Juli 2013

Montag, 20. April 2009

Evoluierte der Mensch in unterschiedlichen Rassen zum Menschen?

Ende der 1970er Jahre, kurz bevor die Genetiker (vor allem Allan C. Wilson) mit ihrer "mitochondrialen Eva" und ihrem "Y-chromosomalen Adam" zu erkennen begannen, daß der "anatomisch moderne Mensch", also alle heute lebenden Menschen, ursprünglich aus Afrika stammen, ist diese so genannte "Out-of-Africa"-These von dem Hamburger Anthropologen Günter Bräuer nur schon allein aufgrund umfangreicher und sorgfältiger Untersuchungen an afrikanischen Schädelfunden und deren behutsamer, anthropologischer Beurteilung formuliert worden. Darüber berichtet Bräuer neuerlich in einer seiner jüngsten Veröffentlichungen, wobei er die damaligen Erkenntnisse in Bezug setzt zum heutigen wissenschaftlichen Kenntnis- und Diskussionsstand. (1, frei zugänglich)

Günter Bräuer (siehe Bild links) ist Schüler der Mainzer Anthropologin Ilse Schwidetzky und hatte aufgrund dessen eine solide anthropologische Ausbildung, die ihm auch erst das frühe und innovative Aufstellen der "Out-of-Africa"-These ermöglichte. (Siehe auch: idw)

Günter Bräuer formulierte als einer der ersten die "Out-of-Africa"-These

Die von Günter Bräuer erstmals aufgestellte "Out-of-Africa"-These ist inzwischen durch viele hunderte genetischer Studien bestätigt und erhärtet worden. Bräuer konnte sie aufstellen, weil er Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen afrikanischen und außerafrikanischen Schädelfunden (des späten afrikanischen Homo erectus, des frühen und späten archaischen Homo sapiens, des afrikanischen und eurasischen anatomisch modernen Homo sapiens der letzten Eiszeit, sowie des Neandertalers) miteinander verglich. Auch nachdem diese besser datiert hatten werden können als in früheren Jahrzehnten, wie er schreibt. (1)

Die Studien von Bräuer, auch die neueste (1), lesen sich immer sehr spannend. Denn es gibt wohl heute international nur wenige Anthropologen, die zu der Thematik der Menschwerdung in Afrika genauere Detailkenntnisse und ein umfangreicheres Überblickswissen aufweisen als Bräuer. Bräuer beschreibt auch in der genannten jüngsten Veröffentlichung (1) wieder sorgfältig, genau und aus Detailerkenntnis heraus die anatomischen, evolutiven Prozesse, die sich zwischen 600.000 und 60.000 Jahren vor heute in Afrika - parallel zum Entstehen und Aussterben des klassischen Neandertalers in Europa - abgespielt haben. Er beschreibt dabei den Prozess der Menschwerdung aus anatomischer Sicht als einen mosaik-artigen, fließenden Übergangsprozeß, der mehrere hunderttausend Jahre dauerte, nicht als einen abrupten Bruch. Er unterscheidet dabei insbesondere frühe archaische Homo sapiens und schon evolutiv weiterentwickelte späte archaische Homo sapiens, die dann um 200.000 Jahre vor heute den Übergang zum anatomisch modernen Jetztmenschen vollzogen.

Kein abrupter Bruch bei der Menschwerdung vor 200.000 Jahren erkennbar (aus anatomischer Sicht)

Zur innerafrikanischen, geographischen Variabilität der Schädelfunde des anatomisch moderenen Menschen hat sich Bräuer fast immer nur sehr zurückhaltend oder gar nicht geäußert. - Neben anderen Forschern ist diese Frage (siehe auch: Stud. gen. 1, 2, 3) nun eine Forschungsgruppe um den Wiener Anthropologen Gerhard W. Weber einmal auf's Neue angegangen (2). (Siehe auch idw, ORF, Pressetext, Uni Wien, G. Weber) Die Forschungsgruppe kommt zu dem Ergebnis, daß sowohl der Homo erectus als auch der Neandertaler einheitlichere anatomische Merkmale aufwiesen als schon der frühe anatomisch moderne Mensch, und daß schon der frühe Mensch in Afrika vor 200.000 Jahren eine ähnliche anatomische Variabilität (Vielfalt) aufwies, wie sie auch heute noch weltweit in den Menschenrassen wiederzufinden ist.

Das würde heißen, daß Menschsein immer schon gleichbedeutend war auch mit genetischer und anatomischer Gruppenvielfalt - und zwar als eine recht einzigartige Sache, nämlich im Gegensatz zum "Neandertaler-Sein" und auch im Gegensatz zum Sein des Homo erectus. Daß der Jetztmensch - auch schon der frühe afrikanische - größere anatomische Gruppenvielfalt aufweist als die Menschenaffen, dürfte zunächst auch einfach nur an der größeren geographischen Verbreitung schon allein innerhalb Afrikas liegen. Aber Neandertaler und Homo erectus wiesen ähnlich weite geographische Verbreitungsgebiete auf, eben ohne eine vergleichbare anatomische Gruppenvielfalt auszubilden. Vor 200.000 Jahren könnte also bei der Entstehung des Jetztmenschen und seines großen Gehirns sich auch psychisch etwas geändert haben, das in Richtung auf die Evolution unterschiedlicher Menschenrassen hinwirkte. Dafür gibt es ja auch aus vielen anderen Forschungsbereichen inzwischen viele Hinweise, die diese Erkenntnis bestätigen und bekräftigen.

Jedenfalls: Was Günter Bräuer zu solchen neuen Studien - aus seinem Kenntnisstand heraus - zu sagen hat, würde einen schon interessieren.


ResearchBlogging.org1. Bräuer, G. (2008). The origin of modern anatomy: By speciation or intraspecific evolution? Evolutionary Anthropology: Issues, News, and Reviews, 17 (1), 22-37 DOI: 10.1002/evan.20157
2.
Gunz, P., Bookstein, F., Mitteroecker, P., Stadlmayr, A., Seidler, H., & Weber, G. (2009). Early modern human diversity suggests subdivided population structure and a complex out-of-Africa scenario Proceedings of the National Academy of Sciences, 106 (15), 6094-6098 DOI: 10.1073/pnas.0808160106

Samstag, 31. Januar 2009

Körpergröße von Chinesen und Europäern aufgrund ganz unterschiedlicher Gene evoluiert?

Zierliche Asiaten, hochwüchsige Europäer. Wer einmal Asien bereist hat, weiß, wie frappierend hier oft die Unterschiede sein können, wie man dort "herausragen" kann aus der Menge. Am frappierendsten sind die Unterschiede, wenn man in Asien alten Leuten begegnet. Auf Stühlen, die man selbst schon als "Kinderstühle" empfindet, baumeln ihnen noch die Füße herunter! Das muß man wohl erlebt haben, bevor man es glaubt.

Diese "Mitsubishi-Nationen", bei denen gerade auch die traditionellen Wohnhäuser unglaublich klein und winzig anmuten. Und dabei können sie so fröhlich und nett sein, diese alten Leute.

In den letzten Jahren sind viele jener Gene gefunden worden, die ethnische und rassische Unterschiede in den unterschiedlichsten Körpermerkmalen hervorrufen. Und auf "Studium generale" haben wir immer wieder einmal über den einen oder anderen Fall berichtet. Erinnert sei an Riech-Gene, (Bitterstoff-)Geschmacks-Gene, Verdauungs-Gene (Alkohol-Unverträglichkeit, Rohmilch-Verdauung und anderes), erinnert sei an Gene, die Augen-, Haar- und Hautfarbe bestimmen. Erinnert sei an Verhaltens-Gene (etwa ADHS oder MAOA), ebenso wie an erste diesbezüglich entdeckte Gehirnwachstums-Gene. Eine wachsende Anzahl von Krankheits-Genen und Krankheitsverteidigungs-Genen sind in diesem Zusammenhang ebenfalls zu nennen.

Von Gensequenzen, die die ethnischen und rassischen Unterschiede in der Körpergröße hervorrufen, waren bislang noch keine oder nur wenige bekannt. Man hätte auch denken können, daß das die gleichen Gene tun, nur eben einmal etwas stärker (länger in der Wachstumsphase), ein ander mal etwas weniger (kürzer in der Wachstumsphase) stark abgelesen. Aber eine neue chinesische Studie, im November letzten Jahres veröffentlicht in "Human Genetics", glaubt aufzeigen zu können, daß auch (!) die genetische Verschaltung der Körpergröße zwischen Europäern und Asiaten keineswegs so ähnlich zu sein scheint, wie man bloß aufgrund des äußeren Augenscheins doch hätte vermuten können und wie es tatsächlich auch vermutet worden ist. (1)

Abb. 1: Zur Illustration:
Typische Körpergrößen-Unterschiede zwischen (vielen) Europäern und (den meisten) Asiaten

Da der Text im Diskussionsteil der genannten neuen Studie sehr dicht formuliert ist, sei er hier in einer längeren Passage weitgehend kommentarlos zitiert, auch ohne daß der Methodenteil an dieser Stelle weiter diskutiert wird:
... The present study along with other genetic studies on stature suggests that there are ethnic specific loci regulating variation of stature. Direct evidences may come from:

First, the MAFs (minor allel frequencies) for a cluster of SNPs significantly associated with stature in the present study have evidently ethnic diverence between in Chinese and in Caucasian;

Second, most of loci identified in previous GWAS (genome wide association) studies in Caucasian (Gudbjartsson et al. 2008; Lettre et al. 2008; Sanna et al. 2008; Weedon et al. 2007, 2008) do not overlap their associations in Chinese. Moreover, the MAFs reported from the dbSNP public database (http://www.ncbi.nlm.nih.gov/SNP/) for most of these SNPs are evidently different; particularly, the alleles with minor frequency for six SNPs (e.g., rs10946808, rs4794665) are different between Caucasian and Chinese;

Third, most of the linkage regions identified in previous GWLS studies can not be confirmed by the present association results.

On the other hand, indirect evidences may also support this. It is wellknown that the stature in Caucasian is apparently higher than in Chinese, probably suggesting a different genetic background to determinate stature. Some phenotypes (such as bone) closely related to stature are clearly under ethnicspecific genetic determination (Dvornyk et al. 2005; Dvornyk et al. 2003; Lei et al. 2006, 2003).

For example, five candidate genes (Dvornyk et al. 2005) were tested for their contribution of ethnicity to bone mineral density variation in Caucasian and Chinese. The frequencies and distribution patterns of SNPs of some prominent bone candidate genes were different between Caucasian and Chinese (Lei et al. 2003). The above observed inconsistencies between the two ethnic populations may be partially attributed to ethnic difference in genetic background that may play an important role in genetic determination of stature. (...)

In conclusion, the present study reported the Wrst GWAS for adult stature in Chinese population which was often neglected by genetics community.
Abb. 2: Zur Illustration: Körpergrößenunterschiede zwischen Europäer und Asiaten

Also nicht nur Körpergrößen-Gene, sondern auch Gene, die die Knochenbeschaffenheit bestimmen, unterscheiden sich zwischen Chinesen und Europäern. Von wegen also: Ein "bischen" größer oder kleiner wäre von der Evolution mit weitgehend den gleichen Genen verschaltet worden. Keineswegs! Obwohl man ein solches Merkmal eigentlich vom äußeren her gesehen als sehr ähnlich zwischen Europäern und Asiaten hätte vermuten können - zumal wenn man die Asiaten mit kleinwüchsigeren Europäern vergleicht - scheint es im Innern dieser Menschen doch nicht so ähnlich zuzugehen. Frappierend!

Um so breiter und präziser die ganze Vielfalt von bekannten Genen aufgeführt, aufgelistet werden kann, die in unterschiedlichen menschlichen Populationen auf der Erde unterschiedlich evoluieren und funktionieren, um so eher wird man es für wahrscheinlich halten können, daß auch noch Merkmalsbereiche, deren genetische Verschaltung bislang nicht so genau bekannt geworden ist, ähnlich unterschiedlich verschaltet sind. Es wäre ja auch sehr merkwürdig, wenn Körper und Psyche unabhängig voneinander evoluiert wären und evoluieren würden.

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  1. Shu-Feng Lei, Tie-Lin Yang, Li-Jun Tan, Xiang-Ding Chen, Yan Guo, Yan-Fang Guo, Liang Zhang, Xiao-Gang Liu, Han Yan, Feng Pan, Zhi-Xin Zhang, Yu-Mei Peng, Qi Zhou, Li-Na He, Xue-Zhen Zhu, Jing Cheng, Yao-Zhong Liu, Christopher J. Papasian, Hong-Wen Deng (2008). Genome-wide association scan for stature in Chinese: evidence for ethnic specific loci Human Genetics, 125 (1), 1-9 DOI: 10.1007/s00439-008-0590-9

Sonntag, 31. August 2008

Wurde "der Mensch" in Afrika in getrennten Populationen zum Menschen?

Achtung! Siehe Aktualisierung dieses Blogartikels - vom 2.7.2013 - ganz am Ende desselben.

Die hier vor kurzem behandelte neueste genetische Studie zur Entstehung des anatomisch modernen Menschen und seiner weltweiten Populationen schon in Afrika selbst vor 200.000 Jahren (1) habe ich mir noch einmal genauer angeschaut und will hier ausführlicher aus ihr zitieren.

Abb.: "Out of Africa" (Quelle: Wikip.)


Eine neue Studie jenseits von mitochondrialer und Y-chromosomaler "molekularer Uhr"

In der Einleitung heißt es ganz allgemein über die bisherigen Untersuchungen menschlicher Haplotypen nach dem Prinzip der "molekularen Uhr":
The haplotypes found on different continents tend to represent only a subset of African variants. These observations suggest a long lasting subdivision of the African population prior to the out-of-Africa expansion (Harding and McVean 2004). Such population structure could have arisen 200 Kya or even earlier (Falush et al. 2003; Harris and Hey 1999; Labuda et al. 2000) and thus be older than the first modern human fossils.
Es wird nun aber weiter der sehr bedeutsame Umstand ausgeführt, daß die zeitliche Auflösung bei Untersuchungen von mitochondrialen und Y-chromosomalen Haplotypen zu gering wäre, um Aussagen zu menschlichen Populationsstrukturen machen zu können, die älter sind als 200.000 Jahren vor heute in Afrika. Auf dem X-Chromosom liegende Gensequenzen werden hierfür nun aber als besonders geeignet angesehen, weil sie den Zeitrahmen, der bisher durch nur väterlich oder nur mütterlich vererbte Haplotypen untersucht werden konnte, um das Dreifache vergrößern würden. Die Forscher schreiben:
DXS1238 is an unusually informative complex microsatellite located in the middle of a very large dystrophin gene on Xp21. Because of its location in a highly recombining region, far from other genes, we can assume that its presumably neutral evolution (Nachman and Crowell 2000) was not affected by selection acting on neighboring loci.
Es ist überraschend, daß hier also offenbar eine ganz neue Herangehensweise an die Stammbaum-Forschung nach dem Prinzip der "molekularen Uhr" eingeschlagen wird. Es handelt sich also überraschenderweise offenbar nicht nur um eine beliebige neue Studie zum out-of-Africa-Modell, sondern sie geht die damit verbundenen Fragen auf neuen, bisher nicht eingeschlgenen Wegen an. Also wirklich ein Grund, sie sich genauer anzuschauen. Weiter heißt es:
Here we present an exhaustive analysis of DXS1238 variants sequenced in 600 X-chromosomes from around the world. Among Sub-Saharan Africans we find DXS1238 lineages that are older than MRCA (= most recent common ancestor) of mtDNA and earliest human fossils. These lineages are relatively common, but were not included in the out-of-Africa expansion, indicating substantial genetic subdivision of the ancestral human population(s) within Africa. This either suggests an early emergence of our species, before 200 Kya, or substantial flow of genes associated with the transformation to modern humans between isolated African populations prior to range expansion. The data also indicate an associated out-of-Africa bottleneck followed by founder effects related to colonization of different continents.
Lange Zeiträume innerafrikanischer, isolierter Evolution von Haplotypen, bevor der Mensch - z.T. dann mit diesen - Afrika verließ

Aus dem Diskussions-Teil:
The non-African lineages also included new haplogroup variants that must have arisen relatively early, given their wide geographic distribution. This suggests conditions favoring genetic variation, implying a relatively long time period, large population size or both, prior to the geographic dispersal over all continents. (...) The contemporary African diversity thus appears to be a mosaic, representing contributions from distinct lineages that have had a chance to evolve independently for substantial periods of time. The age estimates of these lineages suggest that ‘‘structured’’ history of the ancestral human population in Africa extends deep into the evolutionary past, well before the colonisation of other continents. In other words, our data provide evidence of a structured African population subdivided into subpopulations carrying distinct lineages and evolving in isolation prior to the successful colonization of other continents by a subpopulation(s). (...) Some ancient lineages that are rare or non-existent in the present day-Africa also appear in non-African populations (e.g. Zietkiewicz et al. 2003). This provides additional support for the notion that H. sapiens emerged from a number of genetically distinct subpopulations oscillating between South Africa and Levant over long periods of time before moving to Eurasia. (...)
Die Frage, die sich mir nun stellt, wäre: Blieben diese isolierten Populationen auch nach der Auswanderung aus Afrika isoliert in der Weise, daß die einen ("Negroide"?, "Australide") nach den Andamanen-Inseln usw./Australien, die anderen (Asiaten) nach Asien und die dritten (Europäer) nach Europa wanderten? Daß es also grundsätzlich alle diese drei oder mehr Populationen schon getrennt in Afrika selbst gegeben hat? Oder war es im wesentlichen eine in Afrika isolierter lebende Population, von der sich alle außerafrikanischen Populationen gleichmäßig und gleichermaßen ableiten? Wenn ich es recht sehe, läßt sich aufgrund der derzeitigen Forschungsergebnisse darauf noch keine klare Antwort geben. Es könnte tatsächlich sein, daß alle außerafrikanischen Populationen von mehr oder weniger einer einzigen ursprünglich "nordafrikanischen" Population abstammen. Oder interpretiere ich damit diese Studie falsch? Vielleicht ist die Frage auch gar nicht so wichtig, da die lokale Humanevolution in den Kontinenten selbst erst zu den entscheidenen heute bekannten Charakteristika der Menschenrassen führten? Aber lesen wir hier weiter:
The earliest fossils displaying modern characteristics, found in Herto and Omo Kibbish in Ethiopia, Klassies River Mouth in South Africa or in Skhul and Qafzeh in Israel, indicate that humans inhabited widely disparate regions within Africa and the Middle East as early as *195 Ky to less than *100 Ky ago. The periods of arid climate preceded and followed the warming of interglacial maximum *120 Ky ago that could have favoured fragmentation of the population, promoting their independent evolution and distinct adaptations within smaller groups (Harding and McVean 2004). The characteristics of the human fossils from Herto from 160 Kya led to the proposition of classifying them into a distinct subspecies (White et al. 2003). In other words, these data suggest the existence of distinct human populations within Africa itself. (...)
Konvergente menschliche Gehirnevolution vor 200.000 Jahren in isolierten innerafrikanischen Populationen?

In dem letzten Absatz des Artikels wird die These desselben noch einmal sehr differenziert formuliert, wobei es richtig sein wird, genau zu lesen:
The existence of population genetic structure that we provide evidence for is thus consistent with documented anatomical variation of early fossils of modern humans. However, if the cognitive transition to modern humans occurred more recently than the origin of population structure, it necessarily follows that genes associated with this transformation spread via gene flow between populations. It had to occur however before or at least at the same time as the out-of-Africa and within Africa expansion. However, if such a transition occurred earlier (Mellars 2006), our data suggest that the genetic exchange between different populations was restricted for a considerable time, pointing to a possibility that in spite of subsequent anatomical variation, H. sapiens as a species could have already emerged in Africa between 300 and 200 thousand years ago, before the mitochondrial DNA and well before the Y-chromosome most recent common ancestors.
Übersetzt:
Wenn die Gehirn-Evolution, die zu den modernen Menschen führte, später stattgefunden hat als der Ursprung der (in der Studie festgestellten) Populations-Struktur, dann folgt notwendigerweise daraus, daß Gene, die mit dieser Gehirn-Evolution verbunden sind, sich über Gen-Fluß zwischen den Populationen verteilt haben.
- Zwischenfrage: Warum "notwendigerweise"? Vielleicht weil man der Meinung ist, daß heute kein anatomisch moderner Mensch mehr auf dem kognitiven Niveau eines Neandertalers steht. Dem wird man dann sicherlich zustimmen müssen. Dennoch scheinen die Forscher die Möglichkeit konvergenter Evolution bei der Gehirnevolution des Menschen mit diesem Begriff "notwendigerweise" gar nicht in Rechnung zu stellen. - Doch weiter:
Wenn jedoch eine solche Gehirn-Evolution viel früher stattgefunden hat, dann würden unsere Daten nahelegen, daß der genetische Austausch zwischen unterschiedlichen Populationen für eine beträchtliche Zeit beschränkt war, was auf die Möglichkeit hinweisen würde, daß H. sapiens trotz späterer anatomischer Vielfalt als eine Art in Afrika schon vor 300.000 oder 200.000 Jahren entstanden sein könnte vor der mitochondrialen DNA und vor dem Y-Chromosom des jüngsten gemeinsamen Vorfahren aller Menschen.
Man hat das Gefühl, daß hier sehr spannende Wege in der Forschung eingeschlagen wurden, die noch manches aufsehenerregende Ergebnis bringen könnten. Es scheint als könne ein immer differenzierteres und detaillierteres Bild menschlicher Humanevolution in Afrika vor 200.000 Jahren gezeichnet werden. Man darf gespannt sein, was sich auf diesem Gebiet in der Forschung weiterhin tun wird und ob die durch diesen Artikel aufgeworfenen Fragen im weiteren definitiver werden gelöst werden können.

Ergänzung/Aktualisierung 2.7.2013

Aus mir nicht ganz nachvollziehbaren Gründen hält sich dieser Artikel schon über lange Zeiträume hinweg als einer der "beliebtesten" dieses Blogs. Warum auch immer. Wie sich die Forschungen zum Thema dieses Blogartikels im einzelnen in den letzten Jahren weiterentwickelt haben, habe ich nicht mehr so genau verfolgt.

Allerdings gibt mir heute ein neuer PNAS-Artikel zur frühesten Besiedlung der Küsten rund um den Indischen Ozean einiges zu denken auch zur Thematik dieses alten Blogartikels. Nämlich: Wie soll man sich das eigentlich konkret vorstellen, daß Jäger-Sammler-Gruppen, die über lange Jahrhunderte hinweg in einer bestimmten Region in Afrika evoluiert sind - also sagen wir mal konkreter und wahrscheinlicher: irgendwo in Nordafrika - nun mit einem mal quasi vollständig nach einem anderen Kontinent abgewandert sein sollen? Und zwar ohne in Afrika selbst Nachkommen zu hinterlassen? Sind derartige Formen von "Völkerwanderungen" für Jäger-Sammler-Gesellschaften eigentlich überhaupt plausibel? Ich denke, eher nicht. Denn die einzelnen Menschen und Kleinfamilien leben doch viel zu weit verteilt, um als gemeinsame größere Gruppe zu agieren oder jemals agiert zu haben. Wenn also kleinere (Familien-)Gruppen abgewandert sind, haben sie nächste Verwandte immer in der Region selbst zurück gelassen. So wie das auch bekannt ist von der frühen Besiedelung des amerikanischen Kontinents von Gruppen in der Region des Baikal-Sees aus.

Deshalb kann ich mir eigentlich nur vorstellen, daß sich die genetischen Veränderungen erst ergeben haben während der Abwanderung und danach. Nicht schon in Afrika selbst.

(ursprünglich veröffentlicht 2.12.2007, ergänzt 2.7.2013)
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ResearchBlogging.org
  1. Vania Yotova, Jean-François Lefebvre, Oleksiy Kohany, Jerzy Jurka, Roman Michalski, David Modiano, Gerd Utermann, Scott M. Williams, Damian Labuda (2007). Tracing genetic history of modern humans using X-chromosome lineages Human Genetics, 122 (5), 431-443 DOI: 10.1007/s00439-007-0413-4

Lebten Adam und Eva in einem anderen "Paradies" als Klaus und Elisabeth?

Von einem möglicherweise spannenden Forschungsergebnis wird in der Dezember-Ausgabe von "Human Genetics" berichtet. (Schon seit 7. August online vorveröffentlicht.) (1) Kanadische und internationale Forscher haben die evolutionäre Geschichte eines Abschnittes im Dystrophin-Gen untersucht, das auf dem über die weibliche Linie vererbten X-Chromosom liegt. Immer mehr wird derzeit und künftig die evolutionäre Geschichte einzelner Gene untersucht, statt ganzer Genome (oder für "repräsentativ" gehaltener Abschnitte von Genomen). Dadurch häuft sich immer mehr Datenmaterial an, das zu einem sehr differenzierten Bild der Humanevolution führt oder führen könnte.

Adam und Eva - Deckengemälde in der Sixtinischen Kapelle in Rom von Michelangelo
Die Forscher glauben, die Abspaltung der Hälfte der in Afrika vorkommenden Gensequenzen dieses Abschnittes auf einen Zeitraum datieren zu können, der VOR der Entstehung des "anatomisch modernen Menschen" vor etwa 250.000 bis 200.000 Jahren in Afrika liegt. Daraus würde sich natürlich ein sehr differenziertes Bild der Entstehung des "anatomisch modernen Menschen" ergeben. Man könnte vermuten, daß es dabei in Afrika (geographische?) "Populations-Strukturierungen" mit wenig genetischem Austausch untereinander gegeben hat (also "Isolate") schon VOR Entstehung des anatomisch modernen Menschen, und zwar "Strukturierungen", die dann auch danach durch Vermischung niemals verwischt worden sind.

Anders ausgedrückt: "Lokale Humanevolution" in getrennten Populationen hätte es schon in Afrika selbst gegeben VOR Entstehung des anatomisch modernen Menschen und nicht erst mit seiner Aufspaltung auf unterschiedliche Kontinente. Hier die Zusammenfassung des Aufsatzes:

Genetic variability of the compound interrupted microsatellite DXS1238, in intron 44 of the dystrophin gene, provides evidence for a complex structure of the ancestral population that led to the emergence of modern humans. We sequenced DXS1238 in 600 X-chromosomes from all over the world. Forty four percent of African-specific chromosomes belong to the ancestral lineage that did not participate in the out-of-Africa expansion and subsequent colonization of other continents. Based on the coalescence analysis these lineages separated from those that contributed to the out-of-Africa expansion 366 ± 136 thousands years ago (Kya). Independently, the analysis of the variance in the repeat length and of the decay of the ancestral alleles of the two DXS1238 repeats, GT and GA, dates this separation at more than 200 Kya. This suggests a complex demographic history and genetic structure of the African melting pot that led to the emergence of modern humans and their out-of-Africa migration. The subsequent subdivisions of human populations among different continents appear to be preceded by even more structured population history within Africa itself, which resulted from a restricted gene flow between lineages allowing for genetic differences to accumulate. If the transition to modern humans occurred during that time, it necessarily follows that genes associated with this transformation spread between subpopulations via gene flow. Otherwise, in spite of subsequent anatomical variation, Homo sapiens as a species could have emerged in Africa already between 300 and 200 Kya, i.e. before the mitochondrial DNA and well before the Y-chromosome most recent common ancestors.
Diese Abspaltung der derzeit 44 % der "Afrika-spezfischen" Genom-Sequenzen wird also auf 366.000 Jahre zurück datiert. Das würde heißen: Die unterschiedliche Entstehung von Menschenrassen (bzw. von afrikanischen und außerafrikanischen Rassen) hätte schon vor jenem Ereignis stattgefunden, das so allgemein als evolutionäre "Menschwerdung" bestimmt wird. Das Menschsein der Afrikaner könnte dann eher das Ergebnis konvergenter Evolution sein, als das Ergebnis gemeinsamer Evolution von allen übrigen Menschen auf dieser Erde.

Noch deutlicher: Im "Paradies" lebten nicht nur Adam und Eva, sondern auch Klaus und Elisabeth. Und - grob - 44 % der südsaharischen Afrikaner stammen von Adam und Eva, der Rest der Menschheit von Klaus und Elisabeth ab. Der "letzte gemeinsame Vorfahre" von Adam, Eva, Klaus und Elisabeth wäre ein biologisches Wesen gewesen, das der evolutionären Stufe des "archaischen Homo sapiens" zuzurechnen wäre, sagen wir grob ein Wesen, das der evolutionären Stufe des Neandertalers entspricht. Und der Sündenfall (= die Menschwerdung?) hätte bei beiden Paaren unabhängig voneinander stattgefunden. Und der Gott von Adam und Eva könnte ein anderer gewesen sein als der von Klaus und Elisabeth. Und bei Klaus und Elisabeth war es vielleicht gar nicht die Schlange und der Apfel, sondern ... -

Vorsicht ist natürlich hochgradig geboten. Es handelt sich hier um ein ganz einzelnes Forschungsergebnis. Trotzdem noch einmal der Kernsatz der Zusammenfassung:
"The subsequent subdivisions of human populations among different continents appear to be preceded by even more structured population history within Africa itself."
Sind also Afrikaner und Außerafrikaner auf unterschiedlichen evolutionären Wegen "Mensch" geworden? Die gleiche Forschungsstudie wird nochmals behandelt im nachfolgenden Blogartikel. (Dort auch eine Aktualisierung vom 2.7.2013.)

(ursprünglich veröffentlicht 27.11.2007)
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ResearchBlogging.org
  1. Vania Yotova, Jean-François Lefebvre, Oleksiy Kohany, Jerzy Jurka, Roman Michalski, David Modiano, Gerd Utermann, Scott M. Williams, Damian Labuda (2007). Tracing genetic history of modern humans using X-chromosome lineages Human Genetics, 122 (5), 431-443 DOI: 10.1007/s00439-007-0413-4

Samstag, 19. Juli 2008

Zehn Gebote zum Umgang mit dem Thema Rasse und Genetik

ResearchBlogging.org
Eine Forschungsgruppe aus Stanford hat "Zehn Gebote" formuliert zum Umgang mit dem Thema Rasse und Genetik (Genome Biology, New Scientist, Dienekes). Ein Thema, das sich immer mehr in den Vordergrund der Wissenschaft drängt, seit das menschliche Genom vollständig entziffert ist und man in diesem die vielen Bereiche "lokaler", "jüngster" Humanevolution in ihm findet, die bis heute weiter gegangen ist, die also nicht - wie noch Konrad Lorenz im wesentlichen vor Jahrzehnten angenommen hat, seit der Eiszeit stehen geblieben ist.

Genetisch sind die meisten Menschen heute auf der Erde heute zumindest seßhafte "Bauern", keine "Jäger und Sammler" mehr. (Das heißt, sie sind genetisch an seßhafte, bäuerliche Lebensweise angepaßt, zudem lokal unterschiedlich auf der Erde, nicht vornehmlich auf eine Lebensweise von Jäger und Sammlern.)

Eine neue Etappe erreicht im Umgang mit diesem Thema?

Für Menschen, die sich schon länger mit dieser Thematik beschäftigen (wie das hier auch auf "Studium generale" geschieht), enthalten die zehn Gebote nichts wirklich Neues. Aber für die, die sich an diese "brenzlige" Thematik bisher nicht so recht werden herangewagt haben, werden diese "Zehn Gebote" sicherlich künftig einen neuen, aktualisierten Referenzrahmen für die Diskussion darstellen können.

Man muß sie genau lesen, um zu merken, welche inneren Spannungen da zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Positionen offenbar zu überwinden waren. Es waren Geistes- wie Naturwissenschaftler beteiligt. Das bringen auch die abschließenden Sätze des "New Scientist" zum Ausdruck:

The Stanford group didn't always agree when coming up with these ideas. Predictably enough, the biomedical scientists tended to think of race in neutral, clinical terms; the social scientists and scholars of the humanities argued that concepts of race cannot be washed clean of their cultural and historical legacies.

But both groups, according to the letter, recognise the power of the gene in the public imagination and the historical dangers of its misrepresentation as deterministic and immutable.

Umstritten wird sicherlich weiterhin vieles sein. Zum Beispiel der folgende Satz zu Punkt 5:
Trying to use genetic differences between groups to show differences in intelligence, violent behaviors or the ability to throw a ball is an oversimplification of much more complicated interactions between genetics and environment.
Aha, der ist auch im "New Scientist", der hier grade zitiert wurde, anders, einfacher formuliert als im Originalartikel. Jedenfalls drückt man sich auch bei diesem Thema schon längst viel zurückhaltender aus als das lange Jahrzehnte vollbrüstig und selbstsicher geschehen war. Während man früher schlicht sagte: "Es gibt hier keine Zusammenhänge mit der Genetik," sagt man jetzt: "Die Zusammenhänge mit der Genetik sind kompliziert." Das sind sie ja immer! Aber daß sie so schlankweg geleugnet würden, daß diese Zusammenhänge bestehen, daß tut heute offenbar niemand mehr. Das sollte als ein bedeutender Umstand festgehalten werden.

Wie umgehen mit genetischen Gruppenunterschieden?

Wesentlich bleibt immer das erste formulierte Gebot, daß einzelne Erbmerkmale nicht über den Wert eines Menschen als Mensch oder einer Gruppe als menschliche Gruppe bestimmen. Dieser Satz ist ungeheuer wesentlich. Da ist sogar der Originalartikel noch besser als der Satz im "New Scientist":

We believe that there is no scientific basis for any claim that the pattern of human genetic variation supports hierarchically organized categories of race and ethnicity.

"Wir glauben ..." finde ich da recht schwach formuliert und zeigt einmal aufs Neue, wie sehr da jetzt und künftig offenbar Menschen ins Schlingern kommen können. Da muß die Gesellschaft, wie Steven Pinker schon vor zwei Jahren sagte, höllisch aufpassen, denn es geht hier nach Pinker um die "gefährlichsten wissenschaftliche Erkenntnis der nächsten zehn Jahre".

Wir müssen viel grundlegender anfangen und darüber nachdenken, ob nicht ein humaner Umgang mit der Andersartigkeit anderer Menschen überhaupt das Humanum an sich ist. Denn daß wir alle "anders" sind und daß wir alle zu lernen haben, mit Andersartigkeit umzugehen, auch mit unserer eigenen im Vergleich zu der anderer, das ist es ja gerade, was uns Menschen vielleicht erst wirklich zu Menschen macht, wenn uns dies wirklich in humanem Sinne gelingt.

Merkwürdig übrigens, daß Devin Powell beim "New Scientist" so geradeheraus die oft recht verschlüsselten Zehn Gebote in kürzeres und leichter verständliches Englisch umformuliert. Vielleicht haben ihm dabei auch Wissenschaftler geholfen, die an der Standfordgruppe selbst beteiligt waren und über die Sprache dieser vielen, gar zu verschlüsselt formulierten "Zehn Gebote" unzufrieden waren.

Man darf gespannt sein, ob und wie das Thema von der Wissenschafts-Berichterstattung am Montag in den Medien aufgegriffen wird.

(Ergänzung Anfang September: Es wurde nirgends darüber berichtet. Zumindest fiel einem nichts auf. Das könnte man als ein sehr "billiges", wenn nicht verantwortungsloses Umgehen mit der "gefährlichsten wissenschaftlichen Entdeckung der nächsten zehn Jahre" ansehen.)

Sandra Lee, Joanna Mountain, Barbara Koenig, Russ Altman, Melissa Brown, Albert Camarillo, Luca Cavalli-Sforza, Mildred Cho, Jennifer Eberhardt, Marcus Feldman, Richard Ford, Henry Greely, Roy King, Hazel Markus, Debra Satz, Matthew Snipp, Claude Steele, Peter Underhill (2008). The ethics of characterizing difference: guiding principles on using racial categories in human genetics Genome Biology, 9 (7) DOI: 10.1186/gb-2008-9-7-404

Dienstag, 3. Juni 2008

In neuer Weise über das "Rasse-Konzept" reden - Entwicklungen bei den "liberalen Linken"

Reden über das, "was jeder weiß" ... - zumindest als Humangenetiker heute

Im britischen "Prospect Magazine" bespricht der britische Sprachwissenschaftler Mark Pagel zwei neue Bücher über die derzeitigen Entwicklungen in der Humangenetik (via Globalclashes und Google News Alert) und Schlußfolgerungen, die aus diesen zu ziehen sind. Es handelt sich um Entwicklungen, die auch hier auf "Studium generale" schon vielfach thematisiert worden sind, und die den "Menschen, das Gruppenwesen" auch aus Sicht der Humangenetik und der Evolutionären Psychologie in den Mittelpunkt stellen, bzw. den Menchen als Angehörigen einer religiösen oder ethnischen Gemeinschaft.

Mark Pagel war St. gen. schon früher positiv aufgefallen, einmal als Erforscher von Sprachstammbäumen (siehe hier), außerdem durch seinen Beitrag im diesjährigen "Weltfragezentrum" von "The Edge" mit dem Titel "Wir unterscheiden uns mehr als wir gedacht haben" (gemeint ist wiederum: genetisch) (hier).

Und dies ist auch der Tenor seiner neuen Rezension, in der er sich auf der Linie des britischen Anthropologen Robin Dunbar bewegt, der sich über diese Thematik ebenfalls schon Gedanken gemacht hat (ebenso wie Richard Dawkins und viele andere) (siehe viele frühere St. gen.-Beiträge):
If we measure large numbers of genetic markers from populations around the world and then use them to form clusters, we get back groupings that bear a striking resemblance to what have conventionally been recognised as the major racial groups on the planet: Europeans and western Asians, Africans, people from the Americas, eastern Asians, and Australasians.
Und weiter:
To deny what everybody knows and to swap the word race for something less politically charged like "group" is just an act of self-denial and certainly no more accurate than the dreaded "r" word. It is also patronising — I would like to think we are all grown up enough to accept the facts and ready ourselves for the deluge to come. I say deluge because the more we measure, the more genetic differences we find among populations; and no kinds of difference can be absolutely ruled out (to be clear, there is no reason to expect Caucasians will do well out of this). We may in future need a language, and maybe even a new ethics, to discuss the new genetics.
"Wir liegen noch in unseren Windeln" - evolutionär gesehen

Das ist exakt der Standpunkt, den auch "Studium generale" vertritt. Alles, was hier gesagt wird, trifft den Nagel so deutlich auf den Kopf, daß es hier möglichst vollständig zitiert werden soll:
Why go on about these differences? Because they tell us something startling about our species. (...) We are a very young species. At about 100,000 to 150,000 years old, maybe less, we have just flickered into an existence that could go on—if we are an average species—for 8-10m years. We are not yet out of our nappies. Without going into the details, there are only two ways we could have amassed the genetic differences we have while still in this toddlerhood. One is that different races have been good at keeping to themselves since we spread around the world after walking out of Africa 70,000 years ago. Physical separation would have allowed many random differences to accumulate between groups. But this could only have occurred if inter-group migration were very low. It could also reflect active avoidance, something suggested by the growing sense among anthropologists that human history can best be understood as constant attempts by different group to annihilate each other.

The second way humanity could have achieved its genetic variation would be if natural selection has acted strongly on human populations, promoting different traits in different groups. I say "strongly" because the differences have been produced in a short time, and natural selection has had to work against the homogenising influences of migration and interbreeding. This is why we can be sure that when we see so-called "adaptive" differences, they tell us we are staring at people who have been selected to be very good at some challenge their environment throws at them, be it conserving heat, protecting the eyes from wind-blown sand, fighting off malaria or being able to digest milk proteins. These are not accidental differences.

Moreover, even after the ravages brought by the waves of expanding agriculturalists beginning about 10,000 years ago, followed more recently by the great imperial conquests of the last 800 to 900 years, humans still speak about 7,000 distinct languages. You don't get that by hanging out with each other.

So we are a species with a short but intense history of living in relatively isolated groups. (...) Our co-operation allows us to have a division of labour and exchange—someone mends the fishing nets while another collects coconuts—and the specialisation this allows is almost certainly responsible for our rapid spread around the world.

No other species does anything like this. The co-operative hunting seen among male chimpanzees is largely done among bands of (genetic) brothers. Ants co-operate, and they are capable of raising sophisticated armies, and of deploying them in complex ways against other ant armies. But ants are effectively genetic clones of each other and so don't mind giving aid or even their lives to help the collective.

Co-operation among unrelated humans is a different matter. (...) Humans have evolved sensitive mechanisms to discriminate between people likely to share their co-operative values from those that do not.

Trust, the topic of Marek Kohn's book of the same name, is what arises from this discrimination—and Kohn rightly recognises that trust promotes both self-interest and the common good.
Es folgen noch weitere Erörterungen.
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