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Freitag, 19. Juni 2026

50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien

Um 2.000 v. Ztr. 
Die anatolischen indogermanischen Sprachen haben sich ab 4.300 v. Ztr. als Kura-Araxes-Kultur vom südlichen Kaukasus aus über Anatolien ausgebreitet
- Die indogermanischen Vorfahren der späteren Armenier kamen ab 2.400 v. Ztr. über den Kaukasus, die indogermanischen Vorfahren der späteren Perser kamen zeitgleich nach Persien
- Um 2.000 v. Ztr. findet sich ein Mensch mit 50 % Jamnaja-Herkunft im südlichen Kurdistan, bzw. in Mesopotamien (Bakr Awa) 

Wenn man den Indogermanen auf ihren Ausbreitungen folgt bis nach Mesopotamien, taucht man in eine einem Europäer völlig fremde Welt ein, in die Welt des gnadenlosen orientalischen Despotismus, etwa eines akkadischen Königs vom Schlage Sargon von Akkad.

Abb. 1: Gefangener, gefesselt an einen Nasenring, vielleicht Angehöriger eines Nomadenstammes im Zagros-Gebirge (Gutäer oder Lulubi) - Aus der Zeit des Akkadischen Reiches - Die Gutäer sollten das von Sargon von Akkad begründete Reich ab 2.150 v. Ztr. vernichten und für 75 Jahre fortsetzen - Fragment einer Vase, möglicherweise aus Uruk (2350–2000 v. Ztr.), heute Louvre, Paris (Wiki)

Aber jene Indogermanen der Jamnaja- und Trialeti-Kultur, die ab 2.400 v. Ztr. Armenien eroberten, ebenso wie sie zeitgleich Griechenland oder Persien eroberten, waren selbst sehr gnadenlos im Umgang mit ihren Feinden. Zeitgleich eroberten die Glockenbecher-Leute England, was zu einem Aussterben der dortigen einheimischen Bevölkerung führte. Vielleicht ist der in Abbildung 1 dargestellte Gefangene eines akkadischen Königs schon ein Angehöriger jener indogermanischen Stämme, die etwa um 2.000 v. Ztr. im Zagros-Gebirge und im heutigen südlichen Kurdistan festgestellt werden. 

Denn eine neue archäogenetische Studie weist auf die erste Ankunft von Indogermanen in Mesopotamien ab etwa 2.000 v. Ztr. hin (1) (s.a. Eupedia).

Um die folgenden Ausführungen zu verstehen, macht es Sinn, noch einmal nachzuvollziehen, was über die Ankunft der Jamnaja, über die zweite Welle der indogermanischen Ausbreitung südlich des Kaukasus und in Armenien seit 2022 (Stg2022) und 2023 bekannt ist. Im Jahr 2023 hatten wir dazu ursprünglich zusammenfassend festgehalten (Stg2023):

2.300 v. Ztr. - 28 % Steppengenetik kommt (erneut) in den Südkaukasus und sinkt bis in die Eisenzeit auf die Hälfte ab.

Auch damals schon war die Steppengenetik anhand des Anteils der osteuropäischen Jäger-Sammler-Herkunft festgestellt worden - so wie auch in der vorliegenden neuen Studie (siehe unten) (1). 

Abb. 2: Die umrandeten Individuen sind die neu sequenzierten aus Bakr Awa (Mesopotamien) - Der linke hellblaue Herkunftsanteil ist der osteuropäische Jäger-Sammler-Anteil - Dieser beträgt beim obersten Individuum offenbar etwa 18 %, hoch gerechnet ergäbe das - wenn wir es recht verstehen - grob 50 % Jamnaja-Genetik in diesem Individuum (aus 1) (Hellbraun=Levante-, grau=Anatolische, orange=Zagros-, grün=Kaukasus-Herkunft)

Allerdings sind inzwischen wesentliche Neuerkenntnisse hinzu gekommen: Der Herkunftsanteil der osteuropäischen Jäger und Sammler macht zwar beim frühen Urvolk der Indogermanen um 4.500 v. Ztr., bei der Chwalynsk-Kultur, etwa 50% aus, bei dem späten Urvolk der Indogermanen ab 3.300 v. Ztr., bei der Jamnaja-Kultur, macht er allerdings nur noch etwa 35 % aus (Stg2024). Wenn man also in irgendeiner Region und Zeitepoche der Weltgeschichte den Anteil an Jamnaja-Herkunft innerhalb eines Individuums hochrechnen will ausgehend von dem osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil, dann muß man den osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteil nicht mit 2 multiplizieren (wie bei den Nachkommen der Chwalynsk-Kultur), sondern mit 2,857 (100% geteilt durch 35%). Den oben aus unserem Beitrag von 2023 entnommenen Satz haben wir im Zuge der Erarbeitung des vorliegenden Beitrages inzwischen korrigiert, denn 14 % muß nicht mal 2, sondern mal 2,857 genommen werden. Und dann lautet das Ergebnis:

2.300 v. Ztr. - 40 % Steppengenetik kommen (erneut) in den Südkaukasus und sinken bis in die Eisenzeit auf 20 % ab.

In Mesopotamien werden aber in der neuen Studie in einem Individuum aus der Zeit um 2000 v. Ztr. sogar 18 % osteuropäische Jäger-Sammler-Genetik festgestellt (s. Abb. 2) (1). Wenn diese 18% x 2,857 genommen werden, erhalten wir 51,4 %, also grob um die 50 % Jamnaja-Herkunft. Und daraus leiten wir den Titel des vorliegenden Beitrages ab!

Nebenbemerkung: Wir werden aufgrund dieser Neueinschätzung des osteuropäischen Jäger-Sammler-Anteils als Teil der Jamnaja-Herkunft viele Beiträge hier auf dem Blog umschreiben müssen, in vielen wird sich dadurch der Steppengenetik-Anteil erhöhen, etwa auch der der antiken Griechen von acht auf etwa zwölf Prozent.  

Abb. 3: 900 Kilometer von Jerewan in Armenien nach Bakr Awa (GMaps),

Die genannte 50 % Jamnaja-Herkunft in Mesopotamien kommt also dadurch zustande, daß zu den 18 % hellblaue osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft in Abbildung 2 noch so viel Kaukasus- (grüne) und anatolische (graue) Herkunfts-Anteile hinzu gerechnet werden müssen, daß man mit ihnen auf etwa 50 % kommt.

Die anderen 50 % bestehen aus denselben Kaukasus- (grün) und anatolischen (grau) Herkunftsanteilen, allerdings findet sich in dieser zweiten Hälfte auch noch Levante- und Zagros-Herkunft (orange und hellbraun). Diese zweite Hälfte ist grob die Herkunftszusammensetzung der Menschen, die vor der Ankunft der Indogermanen südlich des Kaukasus gelebt haben.

Damit ist das wichtigste Ergebnis der neuen Studie (1) schon bennannt. Nun noch weitere Erläuterungen und Hintergründe zu dieser Studie.

Tell-Hügel Bakr Awa

Es sind 17 Menschenfunde aus dem Tell-Hügel Bakr Awa (Wiki) im südlichen Kurdistan untersucht worden.

Bakr Awa liegt im mittleren Mesopotamien, im heutigen östlichsten Irak, 327 Kilometer nördlich von Bagdad (GMaps) und 900 Kilometer südlich von Jerewan (GMaps), der heutigen Hauptstadt von Armenien, jener Region, aus der die Indogermanen gekommen sein können. (Sie können aber auch aus dem Zagros-Gebirge gekommen sein, siehe unten.) Bakr Awa liegt außerdem 1400 Kilometer südlich von Wladikawkas am nördlichen Fuß des Kaukasus (GMaps) (Abb. 4), wo ungefähr der Ausgangspunkt der Ausbreitungsbewegung der Indogermanen mit ihren neuartigen Streitwagen und domestizierten Pferde vermutet werden kann.

Der Tell-Hügel Bakr Awa wird schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Zuletzt hatten viele unwissenschaftliche Plünderungen stattgefunden. 2010 wurde deshalb von Archäologen der Universität Heidelberg eine weitere Grabung vorgenommen. Die dabei gemachten Menschenfunde sind nun in einem australischen archäogenetischen Labor ausgewertet worden. Wir lesen in der Studie (1):

Osteuropäische Jäger und Sammler (EEHG) - eine mesolithische Jäger-und-Sammler-Metapopulation aus dem heutigen Westrußland, die als genetischer Referenzpunkt für spätere, mit der pontisch-kaspischen Steppe assoziierte Abstammungskomponenten dient [38, 49, 50] (siehe Zusatzdatei 2: Daten S6 für die einbezogenen Individuen) – sowie Abstammungskomponenten, die mit Jägern und Sammlern der südlichen Levante (sLevant_HG) in Verbindung stehen, erwiesen sich als wesentliche Faktoren für die genetische Struktur der Individuen von Bakr Awa. Die höchsten EEHG-Anteile finden sich bei den Individuen A22037 und A22039 aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA); in der Hauptkomponentenanalyse (PCA) bilden sie ein Cluster mit Populationen aus dem Südkaukasus. Demgegenüber weisen A22038 (EMBA) und A22040 (mittlere Bronzezeit, archäologisch uneindeutige Datierung) einen etwas geringeren EEHG-Anteil auf und gruppieren sich mit Individuen aus der nordwestlichen Zagros-Region. Das Individuum A22052 aus der mittleren Bronzezeit, das in der PCA mit Populationen der südlichen Levante gruppiert, weist einen der höchsten geschätzten Anteile an sLevant_HG-assoziierter Abstammung auf - selbst im Vergleich zu bronzezeitlichen Individuen aus der südlichen Levante.
Eastern European Hunter-Gatherer (EEHG) – a Mesolithic hunter-gatherer meta-population from present-day western Russia who serve as an ancestral proxy for later Pontic-Caspian Steppe￾related ancestry [38,49,50] (see Additional file 2: Data S6 for included individuals) – and southern Levantine  Hunter-Gatherer (sLevant_HG)-related ancestries emerged as primary drivers of genetic structure among Bakr  Awa individuals. The highest EEHG proportions occur in Early to Middle Bronze Age (EMBA) individuals  A22037 and A22039, who cluster with southern Caucasus populations in PCA, while A22038 (EMBA) and  A22040 (Middle Bronze Age, archaeologically ambiguous dating) show slightly lower EEHG ancestry and  cluster with individuals from the northwestern Zagros mountains region. The Middle Bronze Age individual  A22052, clustering with southern Levantine populations in PCA, possesses one of the largest estimates of  sLevant_HG-related ancestry, even among southern Levantine Bronze Age individuals.

Die Akkader und andere semitischen Stämme bringen also Levante-Herkunft nach Bakr Awa. Das könnten - unter anderem - die semitischen Akkader gewesen sein. Zuvor aber lebten hier schon Nachkommen der Jamnaja-Leute.

Abb. 4: 1400 Kilometer von Wladikawkas bis nach Bakr Awa in Kurdistan (GMaps)

Aus den weiteren Ausführungen im Text und im Anhang wird deutlich, daß die Zeitangabe "Früh- und Mittebronzezeit" sich auf die Zeit nach 2.000 v. Ztr. bezieht, also auf die Zeit, in der Armenien und der südlichen Kaukasus von den Jamanja-Leuten in Form der Trialeti-Kultur grausam erobert worden ist ebenso wie das zeitgleiche Griechenland und das zeitgleiche Persien. In der Studie wird in folgendem Zitat ein noch etwas weiterer Bogen gespannt (1):

Während die mit EEHG assoziierte Komponente der kaukasischen Abstammung erstmals Mitte bis Ende des 5. Jahrtausends v. Ztr. (6.450–5.951 ka BP) in Areni-1 auftrat [47], verschwand sie in der frühen südkaukasischen Kura-Araxes-Kultur, um Mitte des 3. Jahrtausends v. Ztr. mit der Ausbreitung von Jamnaja-Individuen aus den eurasischen Steppen erneut aufzutreten [20,38,53]. Zudem wurde die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) als genetischer Marker identifiziert, der Populationen mit Bezug zu Jamnaja in Armenien mit solchen im nordwestlichen Zagros-Gebirge - einschließlich Hasanlu - verbindet [20,38,52]. Im Einklang mit diesem Muster zeigte unsere qpAdm-Analyse, daß der Anteil der Jamnaja-Cluster-Abstammung bei Individuen aus der Zeit nach der Kura-Araxes-Kultur (Bronzezeit im Südkaukasus sowie Bronze- und Eisenzeit im nordwestlichen Zagros) am höchsten war (Zusatzdatei 1: Abb. S5). Bemerkenswert ist, daß von den beiden Ausreißern in der Kaukasus-PCA-Analyse aus Bakr Awa das Individuum A22037 einen Jamnaja-Cluster-Abstammungsanteil am oberen Ende des für den Südkaukasus typischen Bereichs aufweist, während A22039 im mittleren Bereich liegt. Darüber hinaus trägt A22037 - der einzige männliche Vertreter unter diesen Ausreißern aus der frühen bis mittleren Bronzezeit (EMBA), datiert auf ca. 2112–1800 v. Ztr. - ebenfalls die Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) (Zusatzdatei 2: Daten S1), was einen weiteren Beleg für seine Verbindung zur kaukasischen Abstammung mit Jamnaja-Bezug liefert.
Initially appearing in Areni1 in the mid-late 5th millennium BCE (6.450–5.951 ka BP) [47], the EEHG-related component of Caucasus ancestry disappeared in the early southern Caucasian Kura-Araxes culture, only to reappear in the mid-third millennium BCE with the expansion of Yamnaya-related individuals from the Eurasian steppes [20,38,53]. In addition, the Y-chromosome R-Z2103 (R1b) haplogroup has been identified as a genetic marker linking Yamnaya-related populations in Armenia to those in the northwestern Zagros, including Hasanlu [20,38,52]. Consistent with this pattern, our qpAdm analysis showed YamnayaCluster ancestry was highest among post-Kura-Araxes southern Caucasus Bronze Age and northwestern Zagros Bronze and Iron Age individuals (Additional file 1: Fig. S5). Notably, of the two Bakr Awa Caucasus-PCA outliers, A22037 possesses YamnayaCluster ancestry at the upper end of the southern Caucasus range, while A22039 falls in the middle. Moreover, A22037 – the only male among the EMBA outliers, dating to c. 2112-1800 BCE – also carries the R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (Additional file 2: Data S1), providing additional evidence for his connection to Yamnaya-related Caucasus ancestry.

Aus dem hohen Jamnaja-Herkunftsanteil bei A22037 könnte geschlußfolgert werden, daß sich die Indogermanen, die sich vom Südkaukasus aus nach Süden bis Bakr Awa ausgebreitet haben, sozusagen "ohne Zwischenstationen" bis dorthin ausgebreitet haben. Ab jener Zeit treten in Nordmesopotamien und im Zagros-Gebirge viele Stammes- und Völkernamen auf, denen gegenüber zumindest zum Teil indogermanische Herkunftsbezüge erörtert werden. Am klarsten sind diese Bezüge bei den Hethitern (wohl hervor gegangen aus der Kura-Araxes-Kultur), sowie bei den Mittanni und bei den Kassiten. Bei den letzteren beiden könnte es sich - grundsätzlich - auch um Nachkommen der Trialeti-Kultur handeln so wie - offenbar - das früheste indogermanische Individuum in Bakr Awa.   

Die Vorfahren der nachmaligen Meder und Perser im Zagros-Gebirge scheinen ebenfalls etwa ab 2.400 v. Ztr. nach Persien vorgedrungen zu sein - so wie die Vorfahren der Armenier (als Trialeti-Kultur) nach Armenien. Und auch vom Zagros-Gebirge aus hat es offenbar eine indogermanische Ausbreitung nach Nordwesten bis nach Bakr Awa gegeben. 

Die Stontium-Isotopen-Analyse des Zahnschmelzes des Individuums A22037 ergab, daß dieses - entgegen der archäogenetischen Analyse - im Zagros-Gebirge aufgewachsen ist. Es ist also auch denkbar, daß sich die indogermanischen Vorfahren der heutigen Armenier bis in das Zagros-Gebirge ausgebreitet haben und von dort dann nach Bakr Awa gekommen sind. Im Diskussionsteil heißt es (1):

Das Auftreten von mit der Jamnaja-Kultur assoziierten Abstammungskomponenten aus dem Südkaukasus bei zwei Individuen (A22037, A22039) aus der Zeit um 2000 v. Ztr. - sowie in geringerem Maße bei A22038 und A22040 - fällt zeitlich mit dem wachsenden Einfluß der Hurriter nach dem Sturz des Akkadischen Reiches durch die Gutäer (ca. 2150 v. Ztr.) zusammen. Eines dieser Individuen - der männliche Jugendliche A22037 - weist zudem die mit der Jamnaja-Kultur assoziierte Y-Chromosomen-Haplogruppe R-Z2103 (R1b) auf (A22039 ist weiblich); diese Haplogruppe tritt mit hoher Frequenz bei Männern der eisenzeitlichen Fundstätte Hasanlu im nordwestlichen Zagros-Gebirge auf [52, 62] (10 der 14 Männer, denen eine Y-Chromosomen-Haplogruppe zugeordnet werden konnte, gehören zur Gruppe R1b).
Frühere Untersuchungen haben Mobilitätsverbindungen zwischen Hasanlu und dem Südkaukasus aufgezeigt, belegt durch gemeinsame Abstammungsanteile von europäischen Jägern und Sammlern (EHG) sowie eine hohe Frequenz der Y-Chromosomen-Haplogruppe R1b [52]. 
The appearance of Yamnaya-related southern Caucasus ancestry in two individuals (A22037, A22039) dating to approximately 2000 BCE - and to a lesser degree A22038 and A22040 - coincides with expanding Hurrian influence after the Gutian overthrow of the Akkadian empire (ca. 2150 BCE). One of those individuals - the adolescent male A22037 - also carries the Yamnaya associated R-Z2103 (R1b) Y-chromosome haplogroup (A22039 is female), which is at high frequency in males from the northwestern Zagros Iron Age site of Hasanlu [52,62] (10 of the 14 males for which a Y chromosome haplogroup can be assigned are R1b).
Previous research has identified mobility connections between Hasanlu and the southern Caucasus, evidenced by shared European hunter-gatherer (EHG) ancestry and a high frequency of the R1b Y-chromosome haplogroup [52].

Das bezieht sich auf jene Studie, die wir hier auf dem Blog ebenfalls schon ausgewertet hatten (Stg2022). Auch der hier erwähnte Fundort Hasanlu im Nordwest-Iran war von uns erwähnt worden und die dazu gehörige Einordnung der damaligen Forscher, die die Ansicht vertraten, daß die Perser und Meder erst im ersten Jahrtausend v. Ztr. in den Iran zugewandert wären. Weiter lesen wir (1):

Mittels eines konservativen Ansatzes, der auf zwei stabilen Isotopensystemen basiert, konnten wir als wahrscheinlichsten Herkunftsort für A22037 ein Gebiet östlich von Bakr Awa im Zagros-Gebirge identifizieren. Allerdings ist diese Zuordnung aufgrund der relativ einheitlichen Verteilung bioverfügbarer Strontium-Isotopenverhältnisse in Südwestasien sowie des Einflusses des Trinkwassers auf die δ18O-Werte mit einer gewissen Unsicherheit behaftet. Da es sich zudem um eine Einzelbeobachtung handelt, deutet sie nicht auf eine großflächige Migration zwischen dem Zagros-Gebirge und dem Gebiet jenseits des Tigris (Transtigris) hin; sie liefert jedoch Hinweise auf eine bislang unbekannte Verbindung zwischen diesen Regionen, was möglicherweise die genetischen Gemeinsamkeiten zwischen dem Südkaukasus und Bakr Awa erklären könnte.
Trotz der begrenzten Datenlage deuten frühere Studien darauf hin, daß eisenzeitlichen Individuen aus den Kerngebieten des Urartäer-Reiches nahe dem Vansee Abstammungsanteile von osteuropäischen Jägern und Sammlern (EHG) fehlten [52]; allerdings weicht ein bemerkenswertes weibliches Individuum aus Çavuştepe (761-479 cal v. Ztr.) von diesem Muster ab, da es einen hohen Anteil an mit der Jamnaja-Kultur assoziierter Abstammung aufweist (siehe auch Zusatzdatei 1: Abb. S5). Vielmehr legen die Autoren nahe, daß Individuen innerhalb der hurro-urartäischen Sprachfamilie tatsächlich mit einem stärkeren Anteil an Abstammung aus der Levante in Verbindung gebracht werden könnten [52]. Während unsere multidisziplinären Ergebnisse (genetische, isotopische, archäologische und textliche Daten) zusätzliche Erkenntnisse zur Frage der Art und Weise der hurritischen Expansion nach Ostmesopotamien liefern, ist das zugrundeliegende demografische Modell, das den Südkaukasus, Ostanatolien und das Zagros-Gebirge mit Mesopotamien verknüpft, zweifellos komplex. Um dieses Modell vollständig zu klären und in den breiteren archäologischen und historischen Kontext einzuordnen, sind für künftige Forschungsarbeiten umfangreiche Probenahmen an Populationen der Bronze- und Eisenzeit in Mesopotamien, Ostanatolien und dem Zagros-Gebirge erforderlich.
Notably, when utilizing a conservative dual-stable-isotope approach, we identified the most parsimonious recent origin of A22037 as east of Bakr Awa in the Zagros mountains. However, the relatively uniform distribution of bioavailable strontium isotope ratios across Southwest Asia and the influence of drinking water on δ18O values assign some degree of uncertainty to this assignment. Moreover, as this is a single observation, it does not indicate large-scale migration between the Zagros and Transtigirs; however, it offers some evidence of an unknown degree of Zagros-Transtigris connectivity, potentially explaining the ancestry links between the southern Caucasus and Bakr Awa.
Despite limited data, previous research indicates that Iron Age individuals from the Urartian Kingdom's core regions near Lake Van lacked Eastern European hunter-gatherer (EHG) ancestry [52]; though, a notable female outlier from Çavuştepe (761–479 calBCE) deviates from this pattern by possessing a large fraction of Yamnaya-related ancestry (also see Additional file 1: Fig. S5). Rather, the authors propose that individuals within the Hurro-Urartian language family may actually be associated with greater Levantine-related ancestry [52]. While our multidisciplinary results (genetic, isotopic, archaeological, and textual) provide additional data surrounding the question of the nature of the Hurrian expansion into eastern Mesopotamia, the underlying demographic model connecting the southern Caucasus, eastern Anatolia, and the Zagros with Mesopotamia is undoubtedly complex. To fully elucidate this model and integrate it within the broader archaeological and historical context, future research will require extensive sampling across Bronze and Iron Age populations in Mesopotamia, eastern Anatolia, and the Zagros mountains.

Ein komplexes Geschehen, wobei unter anderem nicht klar ist, welcher Sprach- und Herkunftsgruppe die Gutäer, die die Akkader für 75 Jahre unterworfen haben, eigentlich zuzuordnen sein sollen (Wiki). Da werden weitere Forschungen abgewartet werden müssen.

Wie wir finden, wird auf der Plattform X zur Einordnung dieser Studie ganz richtig ausgeführt (Kvali,14.6.26):

Neue DNA-Analysen aus Bakr Awa deuten darauf hin, daß die indogermanische Präsenz in der Bronzezeit weiter südlich reichte als bisher angenommen. Die jüngsten Proben aus Bakr Awa belegen eine starke genetische Verbindung zur Trialeti-Kultur im südöstlichen Kaukasus. Die Trialeti-Bevölkerung sprach zumindest teilweise Indogermanisch – vermutlich auch frühe proto-armenische Gruppen. Besonders interessant ist, daß alte DNA bereits gezeigt hat, daß diese Bevölkerungsgruppen eine größere genetische und möglicherweise auch sprachliche Reichweite hatten, als ihre archäologischen Funde vermuten ließen. Eine Probe aus dem späten 3. Jahrtausend v. Ztr. in der Nähe des Urmia-Sees wies dasselbe genetische Profil auf wie die Bewohner des Kerngebiets der Trialeti-Kultur. Die neuen Daten aus Bakr Awa legen nun nahe, daß diese Gruppen noch weiter nach Süden zogen. Das Zagrosgebirge könnte für sie attraktiv gewesen sein und ihnen geeignete Bedingungen für eine nomadische Lebensweise geboten haben. Dies trägt zu dem wachsenden Bild bei, daß indogermanisch verwandte Bevölkerungsgruppen im bronzezeitlichen Nahen Osten mobiler waren und ein größeres Verbreitungsgebiet erreichten, als bisher angenommen.

Und wir fragen abschließend noch einmal die KI "Welches war das erste indogermanische Volk in Mesopotamien?" und erhalten die folgende Antwort:

Das erste historisch faßbare indogermanische (indoeuropäische) Volk mit direktem Einfluß in Mesopotamien waren die Hethiter. Die indoarische Oberschicht des Mitanni-Reiches in Nordmesopotamien und die mutmaßlich indogermanisch beeinflußte Führungsschicht der Kassiten in Babylonien folgten kurz darauf.
Die Besiedlung und der Einfluß im Detail:
Die Hethiter (ab ca. 1650 v. Chr.): Ihr Kerngebiet lag im heutigen Anatolien, doch unter König Muršili I. unternahmen sie spektakuläre Feldzüge nach Mesopotamien und zerstörten um 1595 v. Chr. die Stadt Babylon. Ihre Sprache (das Hethitische) ist der älteste belegte Zweig der indogermanischen Sprachfamilie.
Das Volk der Mitanni (ca. 1500-1300 v. Chr.): Im Norden Mesopotamiens und in Syrien etablierte sich dieses Reich. Die breite Bevölkerung sprach Hurritisch, aber die herrschende Oberschicht (die Maryannu) war indogermanischer/indoarischer Herkunft. Sie führten die Streitwagen-Kriegskunst ein und verehrten Götter wie Mitra und Indra (bekannt aus dem indischen Sanskrit).
Die Kassiten (ca. 1531-1155 v. Chr.): Sie eroberten nach dem hethitischen Überfall Babylon und herrschten dort über 300 Jahre. Ihre eigentliche Sprache war zwar nicht indogermanisch, jedoch trugen viele ihrer Könige und der Adel nachweislich indogermanische/indoarische Namen.
Wichtiger historischer Kontext:
Die allerersten Hochkulturen Mesopotamiens wie die Sumerer oder Akkader waren keine Indogermanen. Erstere sprachen eine isolierte Sprache, letztere gehörten zu den semitischen Völkern. Die Indogermanen wanderten erst später als Eroberer, Eliten und Einwanderer aus den eurasischen Steppen in den Nahen Osten ein.

Viele Fragen müssen einstweilen noch offen bleiben. 

Anhang: Was steht im Supplement der Studie?

Im Anhang wird noch über die Geschichte von Bakr Awa ausgeführt (1, Suppl.):

Der östliche Teil der Unterstadt wurde erst in der Frühbronzezeit besiedelt; dort stieß man in mehreren tiefen Sondagen unmittelbar unter Schichten aus dem frühen 3. Jahrtausend v. Ztr. auf den gewachsenen Boden. Die Keramik aus diesen Schichten umfaßte Fragmente der sogenannten „Scarlet Ware“, einer für die Frühdynastische Zeit in der Diyala-Region und dem benachbarten Luristan charakteristischen Ware (1).
Die Schichten des späten 3. Jahrtausends sind durch Architektur mit Steinfundamenten gekennzeichnet. Die Keramik weist Ähnlichkeiten hinsichtlich Form und Verzierung zur akkadischen Zeit auf, doch wurden auch Fragmente der lokalen „Bakr Awa Painted Ware“ (BAPW) in Kontexten des 22. bis 19. Jahrhunderts v. Ztr. gefunden.
Während der späten Früh- und der Mittelbronzezeit entwickelte sich der Ort zu einer wohlhabenden Stadt, die fest in die überregionalen Austauschnetzwerke der Ur-III-, Isin-Larsa- und frühen altbabylonischen Zeit eingebunden war.
The eastern part of the lower town had not been settled until the Early Bronze Age, where in several deep soundings, virgin soil was reached directly below layers of the early 3rd millennium BC. The pottery from these layers included fragments of Scarlet Ware, a characteristic of the Early Dynastic period in the Diyala Region and neighboring Luristan (1).
Layers of the late 3rd millennium are characterized by architecture with stone foundations. Pottery has analogies to shapes and decorations of the Akkadian period, but fragments of the local Bakr Awa Painted Ware (BAPW) were found in contexts of the 22nd to 19th century BC as well. During the late Early and Middle Bronze Age, the site became a prosperous city, well embedded within trans-regional exchange networks of the Ur III, Isin-Larsa, and early Old Babylonian periods. 

Die beiden frühesten Menschenfunde mit indogermanischer Genetik werden auf 2.000 v. Ztr. datiert (1, Suppl):

Übergangsphase von der späten Frühbronzezeit zur frühen Mittelbronzezeit (EMBA) [um 2000 v. Ztr.]
Bestattung BA1314
Erdgrab
• A22037 (BA1314/001):
Das Grab enthielt die Überreste eines Jugendlichen (14-15 Jahre alt). Der Erhaltungszustand war gut; vorhanden waren der Schädel, der Brustkorb sowie die oberen und unteren Extremitäten. Lineare Schmelzhypoplasien deuten auf Streßphasen während der Kindheit hin. Gleiches gilt für die Arthrose am zweiten Halswirbel.
Bestattung BA1348/1387
Sekundärbestattung, Entsorgung?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
Die Grube enthielt eine vermischte Ansammlung menschlicher Überreste. Das Fundensemble umfaßte Elemente des Schädel- und des postkranialen Skeletts, darunter Knochen des Brustkorbs sowie der oberen und unteren Extremitäten. Ausgewählte Schädel stammen von zwei erwachsenen Individuen, deren Überreste in der Ansammlung nachgewiesen wurden. Aufgrund der Vermischung der Funde lassen sich die pathologischen Veränderungen am postkranialen Skelett nicht eindeutig einem der beiden Individuen zuordnen. Bei beiden Individuen wurde Karies an den Prämolaren festgestellt. Zu den postkranialen Befunden zählen arthrotische Veränderungen an der rechten Hüftpfanne (Acetabulum).
Transitional late Early Bronze Age - early Middle Bronze Age (EMBA) [around 2000 BC] (...)
Burial BA1314
Earth grave
• A22037 (BA1314/001):
The grave contained the remains of an adolescent (14–15 years old). The preservation was good, with the skull, thorax, and both upper and lower limbs present. Linear enamel hypoplasia indicates stress episodes during childhood. Similarly, the osteoarthritis of the second cervical vertebra.
Burial BA1348/1387
Secondary burial, disposal?
• A22038 (BA1348/001A):
• A22039 (BA1348/001B):
The pit contained a commingled assemblage of human remains. The assemblage contained elements of cranial and post-cranial skeleton, with bones of the thorax, upper and lower limbs present. Selected skulls represent two adult individuals whose remains were found in the assemblage. Due to the commingled nature of the assemblage, the pathological changes of the post-cranial skeleton cannot be ascribed to one or other individual. Evidence of caries was found on the premolars of both individuals. Post-cranial lesions include osteoarthritic changes of the right acetabulum.

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  1. Williams, M.P., Fetner, R., Souilmi, Y. et al. Mesopotamian ancient DNA reveals Iron Age integration of heterogeneous Bronze Age genetic ancestries following resettlement. Genome Biol (2026). https://doi.org/10.1186/s13059-026-04145-4, Published 12 June 2026 (GenomeBio2026)

Freitag, 29. Mai 2026

Krasse IQ-Unterschiede zwischen den Völkern Westeurasiens - Zwischen 6000 und 2000 v. Ztr.

In den Völkern Westeurasiens standen tausende von Genorten in den letzten 8000 Jahren unter gerichteter Selektion
Ergänzendes zum letzten Blogartikel

Vorbemerkung: Ach, Ihr armen deutschen Archäologen. Jetzt müßt Ihr irgendwann auch noch "The Bell Curve" (Wiki) lesen oder Richard Lynn lesen (gnxp2006), um zu verstehen, was für Prozesse Ihr da schon seit vielen Jahrzehnten erforscht. Ihr werdet irgendwann auch noch zu Evolutionären Anthropologen umschulen müssen. Keiner von euch wollte das, gewiß nicht. Nein. Aber jetzt könnt ihr dem bald gar nicht mehr ausweichen. Dieser Blog möchte euch herzliches Beileid wünschen anläßlich des Untergangs so vieler Weltbilder, die ihr gerade miterlebt. Nun, es gibt einen Trost: Das Gerücht vom Absterben veralteter Weltbilder spricht sich manchmal nur verzweifelt "Schnecken-haft" herum. Im Zeitlupen-Tempo. Insofern sind solche Beileidwünsche sicherlich noch etwas verfrüht. Womöglich wißt ihr noch gar nicht, wer gestorben ist. Womöglich wißt ihr noch gar nicht, welch große Trauerzeit auf euch zukommt ... 

Abb. 1: Angeborene Eigenschaften verschaltet an nur einem einem Genort - Gerichtete Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)

Jedenfalls: Während der Durchschnittsmensch - und damit auch der Durchschnitts-Archäologe - aufgrund der öffentlich-rechtlichen Desinformation mehrheitlich immer noch der diffusen Meinung anhängt, Intelligenz und Schulerfolg wären vornehmlich abhängig von Umwelteinflüssen und Lern-Anstrengungen, ist innerhalb der Wissenschaft längst klar, daß die Intelligenz-Unterschiede zwischen den Menschen zu 80 % erblich sind und - - - daß sie in den letzten 10.000 Jahren eine erhebliche evolutionäre Entwicklung durchlaufen haben - zusammen mit unglaublich vielen anderen angeborenen Eigenschaften. Und daß sie deshalb auch sehr deutlich unterschiedlich auf Völker verteilt sind oder sein können, sowohl in der Geschichte wie in der Gegenwart.

Wenn damit keine Weltbilder zusammen krachen - - - womit, bitteschön, sollen sie denn dann noch zusammen krachen?

Weltbilder krachen zusammen

Die neueste und sehr revolutionäre "Nature"-Studie zu diesem Thema (1) haben wir schon behandelt anhand eines Interviews von David Reich (Stg26), sowie anhand einer Parallel-Studie von Davide Piffer (Stg26a). Im vorliegenden Beitrag blicken wir noch einmal in den Text selbst der Reich-Studie hinein, sowie in ihre Abbildungen (Abb. 1 bis 3) und und lassen am Ende noch einige Zitate der Wissenschaftsberichterstattung über diese Studie auf uns wirken. In der Studie heißt es unter der Zwischenüberschrift "Hundreds of cases of directional selection" (1):

Wir fanden Hinweise auf 479 unabhängige Loci (410 unter Ausschluß der HLA-Region). (...) Die tatsächliche Zahl der unter Selektion stehenden Loci dürfte wahrscheinlich weitaus höher liegen. (...) Wir identifizierten 7.689 Nicht-HLA-Loci, was auf mehr als 3.800 unabhängige Selektionsereignisse hindeutet. (...) Downsampling-Analysen zeigten, daß weitere Erhöhungen der Zahl der auszuwertenden Archäogenome die Anzahl der detektierten Loci voraussichtlich weiter erhöhen werden, wobei Menschen, die vor mehr als 8.000 Jahren lebten, den größten zusätzlichen Nutzen bringen (werden Extended Data 1d,e).
We found evidence of 479 independent loci (410 excluding the HLA region). (...) The actual number of loci under selection is likely to be much larger. Using a threshold of |X| > 3.61 (FDR = 50%), we identified 7,689 non-HLA loci, implying more than 3,800 independent episodes of selection. (...) Downsampling analyses showed that further increases in sample size are expected to increase the number
of detected loci further, with people living more than 8,000 years ago providing the most added power (Extended Data Fig. 1d,e).

Gehen wir die angeborenen Eigenschaften in der Reihenfolge durch, in der sie als Grafiken in der Studie präsentiert werden (siehe hier Abb. 1 bis 3). 

Zunächst werden 36 angeborene Eigenschaften behandelt, die nur an einem einzigen Genort verschaltet sind, der schon für sich genommen erhebliche phänotypische Auswirkungen hat (Abb. 1 und 2). (Hierbei handelt es sich also nicht um "Small-Effect"-Gene, sondern um Gene mit erheblicher Auswirkung. Es handelt sich um "monogen" verschaltete Eigenschaften.)

Beispiele: Zöliakie, Tuberkulose, helle Pigmentierungen

In Abbildung 1a sehen wir, daß es Zöliakie (Glutenunverträglichkeit) (Wiki) vor 2000 v. Ztr. in Westeurasien gar nicht gab und ihre Häufigkeit dann stetig bis heute angestiegen ist. Man fragt sich, welcher selektive Vorteil damit einher gegangen sein soll. Auf Wikipedia finden wir dazu zunächst keine Hinweise. In Abbildung 1c sehen wir, daß glattes Haar und die Neigung zu Glatzenbildung in den letzten 4000 Jahren deutlich zugenommen hat (oder soll das bedeuten: daß sie deutlich zurück gegangen ist?). Die Tuberkulose-Wahrscheinlichkeit lag bei den Jamnaja ab 3.300 v. Ztr. sehr hoch und erreichte bis 2000 v. Ztr. in Westeurasien - also seit und nach ihrer Ausbreitung - ihren Höhepunkt. Wir erwähnen hier nicht alles in den Abbildungen Präsentierte. Das kann der Leser sich das ja selbst vervollständigen durch eigene Durchsicht. 

Verschiedene Genorte, die mit heller Haut- und Haarfarbe in Verbindung stehen, waren bei der anatolisch-neolithischen Herkunft und bei der Jamnaja-Herkunft vergleichsweise häufig und ihre Häufigkeiten sind in den Völkern Westeurasiens dann seit der Vermischung der beiden Vorfahrengruppen miteinander bis heute stetig weiter gestiegen (Abb. 1 j-q).

Abb. 2: Angeborene Eigenschaften verschaltet an nur einem einem Genort - Gerichtete Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)

In Abb. 2s und t finden sich die gerichteten Selektionstrends von zwei weiteren Erbvarianten für Zöliakie dargestellt.

Noch mal erläutert: Was heißt "Polygenic Score"?

In Abb. 3 werden dann angeborene Eigenschaften behandelt, die an viele Genorten mit Small-Effekt-Genen verschaltet sind, für die also ein "polygenic Score" erstellt werden muß. Im nächsten Zitat werden wir noch hören, daß insbesondere psychische angeborene Eigenschaften polygenetisch verschaltet sind.

Oben links ist der Rückgang der Häufigkeit von dunkler Hautfarbe in Westeurasien dargestellt, dann der Rückgang von Fettleibigkeit. In der zweiten Reihe ist dargestellt der Rückgang einer erblichen Variante der Schizophrenie. Von der waren die anatolisch-neolithischen Bauern schon recht gut durch Selektion "kuriert", aber die europäischen Jäger und Sammler und die Jamnaja noch nicht. Für die Interpretation dieses Sachverhaltes gibt es sicherlich sehr, sehr unterschiedliche Ansätze. Im Text der Studie wird in diesem Zusammenhang noch mal das Prinzip des "polygenic Score" recht treffend erklärt (1):

Wir stellen eine negative polygenetische Selektion fest gegen Allele, die heute mit Psychosen wie der bipolaren Störung (γ = −0,63 ± 0,13) und der Schizophrenie (γ = −0,74 ± 0,12; Abb. 4) assoziiert sind. (...) Psychische Eigenschaften weisen qualitativ andere genetische Architekturen auf als Merkmale des Blut-, Immun- und Entzündungssystems; sie zeichnen sich durch eine höhere Zahl modulierender Genorte aus, die zugleich durchschnittlich jeweils für sich genommen geringere Auswirkungen auf den Phänotyp haben.
We detected negative polygenic selection against alleles associated  today with psychoses such as bipolar disorder (γ =%−0.63 ± 0.13) and  schizophrenia (γ =%−0.74 ± 0.12; Fig.4). (...) Brain traits have qualitatively  different genetic architectures from blood–immune–inflammatory  traits, with a higher proportion of sites modulating them and smaller effect sizes on average per allele.

In der untersten Reihe ist die Gehgeschwindigkeit dargestellt, die bei den europäischen Jägern und Sammlern deutlich geringer war als bei Bauern und Steppenhirten. Wenn wir das recht in Erinnerung haben, steht dieses angeborene Merkmal in Zusammenhang mit der Intelligenz. Die angeborene Intelligenz folgt dann. Das ist ja schon im letzten Blogartikel behandelt worden. Dann folgen noch die Selektionstrends für "polygenic Scores" für Haushaltseinkommen und Bildungshöhe ("years of schooling"), die beide einen Zusammenhang mit der Intelligenz aufweisen. Im Text der Studie heißt es dazu (1):

Schließlich beobachteten wir Selektionssignale für Allelkombinationen, die heute mit drei korrelierten Verhaltensmerkmalen assoziiert sind: Ergebnisse in Intelligenztests (zunehmendes γ = 0,74 ± 0,12), Haushaltseinkommen (zunehmendes γ = 1,12 ± 0,12) und Zahl der Schuljahre (zunehmendes γ = 0,63 ± 0,13). Diese Signale sind allesamt hochgradig polygen; wir müßten 449 bis 1.056 Loci eliminieren, damit die Signale nicht mehr signifikant wären (Extended Data, Fig. 10). Die Signale werden maßgeblich durch Selektion aus der Zeit vor etwa 2.000 Jahren bestimmt, woraufhin γ gegen null tendiert (Extended Data, Fig. 9).
We finally observed signals of selection for combinations of alleles that today are associated with three correlated behavioural traits: scores on intelligence tests (increasing γ = 0.74 ± 0.12), household income (increasing γ = 1.12 ± 0.12) and years of schooling (increasing γ = 0.63 ± 0.13). These signals are all highly polygenic, and we have to drop 449–1,056 loci for the signals to become non-significant (Extended Data Fig. 10). The signals are largely driven by selection before approximately 2,000 years )*, after which γ tends towards zero (Extended Data Fig. 9).

Der letzte Satz geht über sehr entscheidende Schwankungen in der Evolution der angeborenen Intelligenz viel zu schnell hinweg. Ansonsten werden ausgesprochene Intelligenzforscher (wie David Becker oder Heiner Rindermann in Deutschland) noch allerhand mehr dazu sagen können, warum die drei Kurven dennoch nicht völlig identisch sind. Das sind, soweit wir sehen, Detailfragen, denen wir an dieser Stelle erst einmal nicht weiter nachgehen wollen. (David Becker hat sich auf Facebook [Fb] zu dieser Nature-Studie noch nicht geäußert, womöglich wird er das ja künftig noch tun ...)

Da steht wohl eine etwas gründlichere Beschäftigung mit der modernen Intelligenz-Forschung an ... 

Weiter heißt es dazu (1):

Bei der Interpretation von Signalen polygener Adaption sind gewisse Vorbehalte angebracht – insbesondere in Hinsicht auf die drei genetisch korrelierten Merkmale: Ergebnisse in Intelligenztests, Haushaltseinkommen und Schuljahre. Diese Merkmale sind lediglich für moderne Gesellschaften relevant und wären in schriftlosen Gesellschaften - also während des weitaus größten Teils des Zeitraums, in dem Selektion wirksam war - gar nicht meßbar gewesen.
There are caveats when interpreting signals of polygenic adaptation, especially for the three genetically correlated traits of scores on intelligence tests, household income and years of schooling. These traits are only relevant to modern societies and would have been unmeasurable in preliterate societies over the vast majority of the period during which selection acted.

Uns ist nicht klar, was die Autoren bei diesem Satz reitet. Intelligenz ist sehr wohl in allen bekannten Gesellschaften weltweit relevant - auch in ihrem Unterschied zum Beispiel zu den Neandertalern und so weiter. Es ist manchmal ein bisschen merkwürdig, auf was für ein banales Niveau sich Wissenschaftler herablassen können, nur um ja nicht zu sehr irgendwelche ideologischen Scheuklappen infrage zu stellen. Wozu gibt es die "Social-Brain"-Theorie von Robin Dunbar und unzähligen anderen, wenn Gehirngröße und damit korrelierte Intelligenz nicht über den gesamten Stammbaum der Tiere hinweg "relevant" wäre und damit natürlich auch für menschliche "schriftlose" Kulturen.

Abb. 3: Angeborene Eigenschaften mit gerichteter Selektion zwischen 8000 vor heute und heute (aus 1)

Soweit uns bekannt, gibt es im übrigen auch Intelligenztests für Menschen ohne Lesefähigkeit. Für die Buschleute in Südafrika ist ja auch eine durchschnittliche angeborene Intelligenz festgestellt worden (z.B. ausgewertet von Richard Lynn [gnxp2006]). Es wird an vielen Stellen deutlich, daß David Reich und Mitarbeiter bewußt oder unbewußt so tun, als bräuchten sie sich mit der modernen Intelligenzforschung gar nicht weiter zu beschäftigen und als wäre es wissenschaftlich seriös, unter Nichtbeachtung derselben solche Aussagen zu tätigen. Weiter heißt es (1):

Die Interpretationsschwierigkeiten werden dadurch noch verstärkt, daß jene Allele, die die Häufigkeit von Merkmalen im Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes senken, in hohem Maße mit jenen korreliert sind, die zu höheren Werten bei den Merkmalen Schuljahre, Haushaltseinkommen und Intelligenz beitragen (Extended Data Fig. 13). Schließlich gibt es Hinweise darauf, daß sich diese Selektionsdrücke im Laufe der Zeit gewandelt haben57 – so etwa in Island im vergangenen Jahrhundert, wo eine signifikante Selektion zugunsten einer Verringerung des Prädiktors „Schuljahre“ stattfand; ein Trend, der im Gegensatz zu der von uns festgestellten langfristigen Zunahme steht.
The difficulty of interpretation is enhanced by the fact that the alleles driving down the frequency of type 2 diabetes-related traits are highly correlated to those contributing to the increased scores for years of schooling, household income and intelligence (Extended Data Fig. 13). Finally, there is evidence of change in these selection pressures over time57, for example, in Iceland in the past century in which there was significant selection to decrease the predictor of years of schooling, opposite to the long-term increase that we detected.

Letzterer Umstand ist hochgradig relevant.

"Die bedeutendste Arbeit meiner letzten zehn Jahre"

Nun noch ein Blick in die Wissenschaftsberichterstattung. David Reich wird im "Science Magazine" zitiert mit den Worten (ScMa26):

„Dies ist die bedeutendste Arbeit, an der ich seit zehn Jahren beteiligt war. … Sie löst endlich das Versprechen alter DNA ein, über die (menschliche) Biologie ebenso viel aussagen zu können wie über die (menschliche) Geschichte.“

Und (ScMa26):

"Das Genom ist voller Signale", sagt Reich. Er beobachtet "eine Phase ungewöhnlich intensiver … und gleichzeitig schwankender natürlicher Selektion - die Häufigkeit von Varianten steigt sprunghaft an und sinkt dann wieder."

Und der Hauptautor Ali Akbari wird zitiert mit den Worten (ScMa26):

"Das (menschliche) Genom stand in den letzten 10.000 Jahren unter enormem Selektionsdruck. Unsere Lebensweise hat sich grundlegend verändert, und das spiegelt sich in unserem Genom wider, das versucht, sich anzupassen."

Nun, es handelt sich sicherlich um ein Wechselspiel, nicht nur die Kultur wirkt auf die Gene zurück, sondern die Gene wirken auch auf die Kultur zurück.

Gen-Kultur-Koevolution - Seit Lumbsden/Wilson (1981)

Das wird schon seit Jahrzehnten unter dem Stichwort "Gen-Kultur-Koevolution" (Wiki) behandelt. Edward O. Wilson und Charles Lumbsden hatten schon 1981 und 1983 in ihren Büchern "Genes, Mind and Culture - The Coevolutionary Process" und "Promethean Fire - Reflections on the Origin of Mind" (letzteres ist auch auf Deutsch erschienen) eine solche Gen-Kultur-Koevolution erörtert. Sie hatten dabei die Möglichkeit erörtert, daß sich wesentliche neue Erbvarianten innerhalb von tausend Jahren innerhalb eines Volkes durchsetzen könnten. Genau diese bislang nur theoretisch formulierte Hypothese wird nun doch offensichtlich durch die Archäogenetik in der Empirie bestätigt. (Sie wurde übrigens auch schon bestätigt zum Beispiel durch den IQ-Unterschied zwischen aschkenasischen und sephardischen Juden, da die aschkenasischen Juden ja nur 1000 Jahre alt sind.) Auf Wikipedia wird zu diesem Buch ausgeführt, daß es diese Theorie begründet hat, aber ... (Wiki):

Das erste war "Genes, Mind and Culture" von Charles Lumsden und E. O. Wilson. Dieses Buch skizzierte eine Reihe mathematischer Modelle, die darlegten, wie die genetische Evolution die Selektion kultureller Merkmale begünstigen könnte und wie kulturelle Merkmale ihrerseits die Geschwindigkeit der genetischen Evolution beeinflussen könnten. Obwohl es das erste veröffentlichte Buch war, das beschrieb, wie Gene und Kultur koevolvieren könnten, hatte es verhältnismäßig geringen Einfluß auf die weitere Entwicklung der Dual Inheritance Theory. Einige Kritiker waren der Ansicht, daß ihre Modelle zu stark auf genetischen Mechanismen fußten – auf Kosten kultureller Mechanismen. Auch die Kontroversen um Wilsons soziobiologische Theorien könnten die nachhaltige Wirkung dieses Buches geschmälert haben.
The first was Charles Lumsden and E.O. Wilson's Genes, Mind and Culture. This book outlined a series of mathematical models of how genetic evolution might favor the selection of cultural traits and how cultural traits might, in turn, affect the speed of genetic evolution. While it was the first book published describing how genes and culture might coevolve, it had relatively little effect on the further development of DIT.[80] Some critics felt that their models depended too heavily on genetic mechanisms at the expense of cultural mechanisms.[81] Controversy surrounding Wilson's sociobiological theories may also have decreased the lasting effect of this book.

Nun, daß die "genetischen Mechanismen" keineswegs als zu stark einschätzt worden waren von Lumsden und Wilson wird nun durch die Archäogenetik klar. Da gibt es jetzt allerhand "Stoff", um auch das Konzept der Gen-Kultur-Koevolution völlig neu anzugehen. 

Im "Science Magazine" wird dann aber erneut die irrtümliche Aussage getätigt (ScMa26):

Frühere Studien zur menschlichen Evolution, die sich größtenteils auf die Analyse der DNA moderner Menschen stützten, kamen zu dem Schluß, daß unsere Genome in den letzten Zehntausenden von Jahren relativ stabil waren. Das liegt daran, daß moderne Bevölkerungsgruppen wie Westeuropäer, Afrikaner und Ostasiaten eine beträchtliche genetische Ähnlichkeit aufweisen, was darauf hindeutet, daß seit der Trennung der Menschen auf diesen Kontinenten nicht viel Evolution stattgefunden hat.

Daß hier nur Bezug genommen wird auf einige wenige, ausgewählte Studien, während hier offensichtlich ein großer Teil der Forschung der letzten 25 Jahre ignoriert wird, darauf hatten wir schon im letzten Blogartikel hingewiesen. Allein die immensen IQ-Unterschiede zwischen den Völkern in der heutigen Zeit sind ein Hinweis darauf, daß diese grundsätzlich auch schon innerhalb der letzten 10.000 Jahre vorgelegen haben müssen. Das letzte Zitat ist also eine krasse Irreführung. Seit 2018 liegt ja auch der polygenetische "Score" für Intelligenz vor, so daß auch anhand dessen aufgezeigt werden kann (und sicherlich aufgezeigt worden ist und wird), daß - zum Beispiel - Ostasiaten durchschnittlich eine höhere durchschnittliche Intelligenz aufweisen als Europäer (und so weiter). (Dazu unten gleich mehr.) Es wird auch eine, ein wenig naive Frage angeführt wie die folgende (ScMa26):

"Diese Studie ist das Ergebnis fast zehnjähriger intensiver Arbeit, aber sie kratzt erst an der Oberfläche", sagt die Harvard-Evolutionsbiologin Annabel Perry, eine weitere Co-Autorin. "Im Neolithikum gab es noch keine Hochschulbildung, also welches Merkmal veränderte sich tatsächlich? Dies ist eine Aufforderung an die Forschung, diese Zusammenhänge genauer zu untersuchen."

Offensichtlich ist eine solche Naivität gesund für eine Karriere an der Elite-Universität Harvard. Das ist eine Aussage, die mal eben so viele Jahrzehnte IQ-Forschung völlig ignoriert. Da möge sie mal weiter an der Oberflächen kratzen an der Harvard University. Bloß keinen Spaten nehmen und tiefer graben ...

Es gibt schon weitere, neue Studien .... 

Es wird aber auch noch folgender Hinweis gegeben (ScMa26):

Reich hofft, daß zukünftige Forschungen diese Fragen in anderen Teilen der Welt untersuchen werden. Mehrere kürzlich veröffentlichte Preprints - darunter einer von einigen der Autoren der Nature-Studie - deuten darauf hin, daß ähnliche Dynamiken auch in anderen Populationen wirkten.

Eine hier genannte Studie schaut sich die Intelligenz-Unterschiede zwischen Europäern und Asiaten an (Biorxiv4/26), stellt also die Frage, die wir oben schon stellten. Ebenso gibt es eine weitere Völker-vergleichende Studie (Biorxiv1/26).  Abschließend heißt es (ScMa26):

Auch in anderen Zeiträumen könnten rasche evolutionäre Veränderungen stattgefunden haben, die jedoch nicht untersucht wurden oder werden können. „Der spannendste Zeitraum dürfte die Zeit zwischen 1.800.000 und 300.000 Jahren vor unserer Zeit sein, als sich das Gehirn der Homininen verdreifachte und der moderne Mensch entstand“, sagt er (David Reich). „Uns fehlen diese Daten.“

Jetzt gräbt David Reich endlich wieder tief und stellt die richtigen Fragen. Mit ebenso spannenden Fragen wird er in einem anderen Bericht zitiert (TheBrief):

„Inwieweit werden wir ähnliche Muster in Ostasien sehen oder in Ostafrika oder bei den Ureinwohnern Mesoamerikas und der zentralen Anden?“

Die wissenschaftliche Revolution, die im Jahr 2000 begann, unter anderem mit dem Aufsatz von Charles Murray "Deeper into the Brain" (AEI2000), diese Revolution wird jetzt, 26 Jahre später, offenbar Mainstream-Forschung.

... Und was sagt die deutschsprachige Wissenschaftspresse?

Ergänzung 4.6.26: Auch die deutsche Wissenschafts-Presse hat die hier behandelten Forschungsergebnisse aufgegriffen. Unter dem Titel "Hoher Anpassungsdruck prägte menschliches Genom - Rote Haare, Glatze, Intelligenz" heißt es beim ORF und in österreichischen Regionalzeitungen unter anderem (ORF26, NOEN26, BVZ26):

Auch in den Daten ausmachen lassen sich den Autoren zufolge Gruppen an Genveränderungen, die (...) im Heute ihren Trägern im Durchschnitt ein etwas besseres Abschneiden bei Intelligenztests, ein tendenziell höheres Einkommen oder längeres Verweilen in Ausbildungssystemen bescheren.

Nunja, "etwas besseres Abschneiden" ist nicht "ganz" richtig. Aber gut. Das ist - soweit wir das überblicken - der einzige deutschsprachige Artikel, der auch das Thema Intelligenz wenigstens erwähnt. Aber man muß schon sehr genau danach suchen. Die "Frankfurter Rundschau schreibt unter dem Titel "Evolution des Menschen hat in den letzten 10.000 Jahren massiv an Tempo zugelegt" (FRd26):

Bislang kannten Forschende nur etwa 21 Beispiele für sogenannte gerichtete Selektion – jene Form der natürlichen Auslese, bei der sich vorteilhafte Genvarianten in einer Population durchsetzen. Die neue Studie identifiziert nun 479 solcher Genvarianten, die sich in Westeurasien seit dem Ende der Eiszeit verbreitet oder zurückgebildet haben.

Das Thema Intelligenz wird nicht erwähnt. Das Schweizer Nachrichtenportal "20min" titelt: "Immer mehr Rothaarige - dafür sorgt die natürliche Selektion" (20min26, l'ess26). Intelligenz wird nicht erwähnt. Die Bildzeitung titelt "Rothaarige werden immer mehr - Evolutionsvorteil" (Bild26). Intelligenz wird nicht erwähnt. SmartUpNews titelt "Evolution läuft weiter: Studie zeigt, wie sich der Mensch heute noch verändert" (Smart26). Derselbe Artikel ist unter einem "Rote Haare"-Titel auch im "Focus" erschienen (Focus26). Intelligenz wird in beiden Artikeln nicht erwähnt. 

Wie lautet der Fachbegriff? - - - "Lückenpresse"? 👀 👀 👀

Hinter einer Zahlschranke verbergen sich die Beiträge in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ26) ("Von der letzten Eiszeit bis heute - So entwickelt sich der Mensch evolutionär weiter"), in der Süddeutschen Zeitung und im Schweizer Tagesanzeiger (SdtZtg26, TAnz26) ("Der Mensch hat sich in den vergangenen 10 000 Jahren schneller verändert als gedacht") sowie in "Spektrum der Wissenschaft" (SpdWis2026) ("Auch der moderne Mensch unterliegt natürlicher Selektion") (übrigens nicht in der Papier-Ausgabe dieser Zeitschrift enthalten, bislang). 

Es finden sich vereinzelt auch wissenschaftsnahe Autoren im deutschsprachigen Raum abseits des Mainstream, die das Thema aufgreifen. An dieser Stelle sei nur einer heraus gegriffen. Auf ihn stoßen wir im Zusammenhang mit dieser Recherche zum ersten mal, nämlich der X-Autor Dieter Kief. Er wiederholt auf seinem (offenbar nur wenig von anderen verfolgten) Accout - zumindest in den letzten Monaten - anhand von Studien und Daten sein Mantra "Sarrazin hat recht" (in Bezug auf die Erblichkeit der Intelligenz und der Ungleichverteilung dieser Intelligenz auf Völker). Und er bezieht sich unter anderem auf den US-amerikanischen Journalisten Steve Sailer, den wir hier auf dem Blog schon vor zwanzig Jahren als kenntnisreich und lehrreich entdeckt hatten. Am 4. Mai 2026 bezieht sich Kief (X4.5.26) auf einen Beitrag von Steve Sailer vom 16. April 2026 (Sailer2026).

Die Zusammenhänge, die Sailer herausarbeitet, hatten wir ja auch schon versucht anzudeuten. Aber macht es Sinn, auf zwanzig oder auch nur fünfzehn Jahre alten Diskussionen so herumzureiten wie es hier geschieht? Das ist nicht die Art, mit der hier auf dem Blog mit diesen Themen umgegangen wird. Dieter Kief wird auf X aktuell offenbar kaum gelesen. Aber wir "folgen" ihm dort jetzt mal probehalber.*)

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*) Es findet sich auch noch ein einstündiger Podcast über die Akbari/Reich-Studie (Butales26) - aber soweit wir das beim kurzen Reinhören feststellen können, nur auf sehr niedrigem intellektuellen Niveau.

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  1. Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026(pdf)

Sonntag, 24. Mai 2026

Die ersten Ackerbauern - Sie brachten den heutigen hohen IQ nach Europa

Die "allgegenwärtige" gerichtete Selektion in den Völkern Westeurasiens hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen  

Der Archäogenetiker David Reich nennt die neueste Studie, die er zusammen mit Mitarbeitern heraus gebracht hat (1) die bedeutendste, an der er im letzten Jahrzehnt beteiligt gewesen ist (ScienceMag). 

Abb. 1: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Intelligenz in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)  

Seine Studie handelt von denselben Themen und bringt ähnliche Ergebnisse wie sie akademische "Abweichler" wie der Italiener Davide Piffer und der Däne Emil Kirkegaard schon 2024 publiziert hatten (Stg26). Wir selbst hatten damals einen Blogartikel über die Ergebnisse ihrer Studie verfaßt, zögerten aber bis heute mit seiner Veröffentlichung. Erst nachdem nun dieselben Erkenntnisse auch von einem so angesehenen "Mainstream-Wissenschaftler" wie David Reich veröffentlicht werden, glauben wir die Sicherheit zu besitzen, daß Piffer und Kirkegaard ebenfalls schon solide gearbeitet hatten. Die Erkenntnisse der beiden waren uns aber vor zwei Jahren ein wenig zu kraß erschienen, als daß wir allein auf der Grundlage ihrer Studie schon unser Weltbild ändern wollten (Stg26). Jetzt aber sind wir dazu bereit, bzw. müssen wir dazu bereit sein.

David Reich tut allerdings jetzt so, als wären er und seine Mitarbeiter die ersten, die auf diese Ergebnisse gekommen wären. Ganz offensichtlich unterschlägt er bewußt die Veröffentlichungen von Piffer und Kirkegaard, die er in seiner Studie nicht zitiert (1). Piffer hat darüber bei "Nature" Beschwerde eingelegt, der Reich-Mitarbeiter Iosif Lazaridis hat ihm gegenüber auf Twitter versucht, vermittelnde Worte zu finden, konnte aber nicht wirklich überzeugen damit.*)

Polygenic Score und Archäogenetik

In beiden Studien geht es darum, die Methoden und Erkenntnisse rund um die Erforschung der "polygenic scores" an heutigen Menschen auf die archäogenetisch gewonnenen Genome anzuwenden. Die Thematik der "polygenic scores" wurde durch ein Buch von Robert Plomin im Jahr 2018 öffentlich bekannt (Stg2018): Die meisten angeborenen Eigenschaften und Begabungen des Menschen werden "polygenetisch" vererbt, daß heißt, sie sind an vielen hunderten, tausenden oder zehntausenden, für sich genommen "Small-Effect-Genen" im Genom verschaltet und man kann deshalb angeborene Eigenschaften und Begabungen des Menschen erst dann aus dem Genom auslesen, wenn dieser Umstand berücksichtigt wird und dafür riesengroße Datensätze analysiert werden. Die Analyse so großer Datensätze ist erst durch die gesteigerten Computer-Leistungen möglich geworden, die inzwischen erreicht worden sind.

Die US-amerikanische Psychologin Kathryn Paige Harden hat dann noch einen drauf gesetzt und 2021 in ihrem Buch versucht, die Bedeutung der neuen Erkenntnisse für Schule und Erziehung einzuordnen (Wiki). Denn mit dem polygenic score ist jetzt grundsätzlich schon ab Geburt eines Kindes voraussagbar, welchen Schulabschluß es erwerben wird und in welcher Einkommensklasse es beruflich höchstwahrscheinlich unterwegs sein wird. Unter diesem Aspekt stellt sich die Frage, welche Aufgabe dann eigentlich die Schule noch hat. 

Aber nun zurück zu David Reich. Wenn man ohne gar zu viel Vorbereitung hinein schaut in die neue Studie von David Reich oder wenn man Berichterstattung über sie liest, kommt einem das alles ein bisschen zu abstrakt vor und es wird einem nicht so leicht augenfällig, eingängig und klar, warum gerade diese Studie so bedeutend sein soll und wo überhaupt ihre wesentlichsten Erkenntnisse liegen. Man hat den Eindruck, hier würde über eine wissenschaftliche Fachsprache insgesamt mehr vernebelt als geklärt, zumindest für Leute, die nicht unmittelbar "vom Fach" sind.

Aber in dem in den vorliegenden Blogartikel eingebundenen, ausführlichen Interview, das vor zwei Wochen veröffentlicht wurde (2), erläutert David Reich seine Studie sehr gut nachvollziehbar. Die Studie ist betitelt (1):

"Die Archäogenetik deckt für das gesamte westliche Eurasien allgegenwärtige, gerichtete Selektion auf"
("Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia")

Westliches Eurasien deshalb, weil bislang nur für diesen Erdteil ausreichende archäogenetische Daten verfügbar sind (10.000 bis 16.000 Genome aus der Nacheiszeit, dem Neolithikum, der Bronzezeit und der Eisenzeit). "Gerichtet" heißt hier: "nicht zufällig", kein zufälliges "Driften" von angeborenen Eigenschaften. Damit ist gemeint: Bestimmte angeborene Eigenschaften weisen im zeitlichen Verlauf in ihrer Häufigkeit und Verbreitung eine "Richtung" auf, sozusagen eine "zielgerichtete" Entwicklung: Am Anfang sind im westlichen Eurasien die meisten Menschen dunkelhäutig, am Ende hellhäutig(er) (Abb. 2). Am Anfang haben sie eine niedrigere angeborene Intelligenz, am Ende eine höhere (Abb. 1). Hier hat sich also eine "gerichtete" Entwicklung vollzogen dadurch, daß hellhäutige und intelligente Menschen mehr Nachkommen hatten als dunkelhäutige ("Selektion"). Und genau so sind wir heutigen Europäer entstanden. Und nun ist im Titel außerdem noch von "allgegenwärtig" die Rede. Damit ist gemeint: Signale von solcher gerichteten Selektion sind "allgegenwärtig" in den menschlichen Genomen in dem untersuchten Erdteil und in allen darin untersuchten Zeiträumen (Nacheiszeit, Neolithikum, Bronzezeit, Eisenzeit und heute). Damit ist gemeint: Hautfarbe und Intelligenz sind bei weitem nicht die einzigen angeborenen Eigenschaften, die in diesem Erdteil und in diesen Zeiträumen "gerichtete Selektion" erfahren haben.

Abb. 2: Die Veränderungen des "polygenic Score" für Hautfarbe in den letzten 10.000 Jahren in Westeurasien - grün = Jäger und Sammler, orange = anatolisch-neolithische Bauern, lila = indogermanische Steppengenetik (nach 1, aus 2)

Dieser Blog hat einen großen Teil der archäogenetischen Erkenntnisse, die auf diesem Blog seit etwa 2018 referiert werden, dadurch verstanden, daß wir uns einfach Vorträge oder Interview's von David Reich gründlich angeschaut haben, ggfs. auch zu wiederholten Malen. (Ebenso vergleichbare Beiträge von Johannes Krause und vereinzelt auch von anderen.) Wir finden, insbesondere David Reich spricht ein klares, gut verständliches Englisch und er kann hinreißend gut, klar und verständlich erklären. Außerdem ist er durchweg begeistert. Womit er zusätzlich sehr viel Anteilnahme weckt. So auch in diesem Video.

David Reich - Die Nützlichkeit von Vorträgen und Interviews seinerseits

Das Thema erfordert allerdings schon allerhand Konzentration, um alles zu verstehen. Und da so schnell gesprochen wird in diesem Video, ist es hilfreich, die englischsprachigen (oder deutschsprachigen) Untertitel anzustellen, um mitlesen zu können. Für uns stellt sich aber als noch hilfreicher heraus, sich nach ersten Eindrücken dem Video über das Transkript anzunähern, das verfügbar ist, und das man automatisch auf Deutsch übersetzen lassen kann. Mit diesem arbeiten wir im folgenden zumeist (Transkript).

Es wird beim Zusehen in diesem Video und beim Lesen des Transkripts aber schnell klar, daß das, was David Reich hier als "wissenschaftliche Revolution" des Jahres 2026 hinstellt, auch von Seiten des Verfassers dieser Zeilen schon seit 2005 behandelt wird, etwa unter Stichworten wie "jüngste Humanevolution" oder "jüngstselektierte Gene" oder "lokale Humanevolution" (3). Schon 2003 etwa war das Wort aufgekommen von "Lewontin's Fallacy", nämlich von dem Fehlschluß (andere nennen es einen bewußten, wissenschaftlichen Betrug), zu sagen daß die genetischen Unterschiede zwischen Völkern gering wären im Vergleich zu den genetischen Unterschieden zwischen einzelnen Menschen.

Neu ist das ganze Thema also nicht.

Als Zeugnis dafür, daß das Thema nicht neu ist, mag auch unser Buchprojekt "10.000 Jahre Humanevolution" gelten, das wir 2007 im Entwurf und mit ausführlichem Literaturverzeichnis veröffentlicht haben (3). Liest man insbesondere englischsprachige Kommentare auf Twitter oder anderwärts zu der neuen Studie von David Reich, ist das auch viele anderen wissenschaftsnahen Menschen bewußt. Dieser Umstand hat sich längst herum gesprochen. In unserem Buchmanuskript konnten wir zahllose namhafte Autoren benennen, die seit dem Jahr 2000 über diesen Paradigmenwechsel sprachen.

Um den Grundgedanken unseres damaligen Buchprojektes noch einmal heraus zu stellen: Ausgangspunkt war, daß zum Beispiel Konrad Lorenz immer davon gesprochen hatte, wir seien "Steinzeit-Menschen, die Düsenjäger fliegen" (oder "Mammutjäger in der Metro" - oder ähnliche Metaphern). Dabei war die Wissenschaftler-Generation von Konrad Lorenz noch davon ausgegangen, daß es kaum oder wenig Evolution seit der Steinzeit gegeben hätte. Man wußte es damals eben auch gar nicht besser.

David Reich tut in seinem Interview so, als wäre davon auch noch seine Wissenschaftlergeneration ausgegangen. Da gibt er sich gewiß ahnungsloser als er war und ist. Die Erkenntnisse, von denen ich in meinem Buchprojekt 2007 spreche, und die bis dahin breit in der Wissenschaft und Öffentlichkeit behandelt worden waren (siehe dortiges Literaturverzeichnis) (3), wurden nur immer und immer wieder "klein geredet", da man den Menschen aus ideologischen Gründen möglichst als "unbeschriebenes Blatt" charakterisieren wollte, und da man von unterschiedlicher "gerichteter Evolution" von angeborenen Eigenschaften in unterschiedlichen Erdteilen und Völkern schon einmal gar nichts wissen wollte. Warum sonst auch gelten so sauber arbeitende Wissenschaftler wie Piffer und Kirkegaard als "Abweichler"? Jetzt erfahren wir aber durch David Reich: Die Mainstream-Wissenschaft kommt auf keine anderen Ergebnisse als sie in diesem Sinne seit etwa dem Jahr 2000 und dem Jahr 2018 immer schon behandelt worden waren.

Über diesen Umstand geht David Reich also "husch husch" hinweg und gibt sich völlig naiv. Diese Naivität nehmen wir ihm nicht wirklich ab. Aber wir sind ihm deshalb nicht gar zu böse. Wir lernen grade wieder so viel Neues, daß wir dieser angeblichen "Naivität" gar keine so große Beachtung schenken wollen. Gott ja, es gibt Schlimmeres!, möchte man ausrufen. Wir sind ja wirklich schon allerhand gewohnt. Johannes Krause zum Beispiel hat bezüglich solcher Dinge über viele Jahre hinweg eine solche Naivität an den Tag gelegt, daß man sie ihm sogar abnehmen mußte als wirklich ehrlich gemeinte. Deshalb kleiner Tipp am Rande: Gib dich naiv, junger Akademiker, dann machst du am ehesten Karriere.

Seit der vollständige Sequenzierung des menschlichen Genoms im Jahr 2000 fand man also schon zunehmend mehr Hinweise dafür,

  1. daß die menschliche Intelligenz evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  2. daß die menschliche Verhaltensgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  3. daß die menschliche Verdauungsgenetik evoluierte und deshalb unterschiedlich auf Völker verteilt ist,
  4. daß die menschliche Immunabwehr evoluierte und unterschiedlich auf Völkerr verteilt ist ....

... und so weiter, und daß sich deshalb Völker weltweit in ihrem Spektrum angeborener Eigenschaften und Begabungen sehr deutlich unterscheiden. Der herzensgute Bestseller-Autor Steven Pinker, der sich so gut mit Jeffrey Epstein verstand im Rahmen von "The Edge" und anderwärts, nannte genau diese "Idee" ja im Jahr 2005 schon die "gefährlichste Idee der nächsten zehn Jahre", nämlich daß sich Völker hinsichtlich ihrer angeborenen Eigenschaften und Begabungen unterscheiden könnten (Edge). - Für wen eigentlich "gefährlich"?, möchte man im Nachhinein fragen. Für Bestrebungen eines Jeffrey Epstein und seiner Leute? Ach Gott, was fragen wir wieder naiv. .... Boah. Schnell weiter im Text ...

David Reich erzählt nun, daß die ersten archäogenetischen Studien, die diese genannte westeurasische Evolution zwischen Nacheiszeit und heute zu erfassen suchten auf der Ebene der Archäogenome, nur erstaunlich wenig Signale gefunden haben, die darauf hindeuteten, daß hinsichtlich bestimmter "polygenetischer Scores" (Eigenschaften, Begabungen) Evolution stattgefunden hätte. Der Grund dafür war, daß es noch nicht genügend sequenzierte Genome aus dem Neolithikum, der Bronze- und Eisenzeit gegeben hatte. Er nennt diesbezüglich eine Studie aus der Forschungsgruppe um Eske Willerslev (Stg19) und bezieht sich dabei auch auf andere Studien (Stg22).

Seither ist die Datengrundlage aber aufgrund der exponentiell steigenden Zahl sequenzierter, archäologisch gewonnener Genome viel umfangreicher geworden.

Die Bronzezeit - Ist sie wichtiger für die gerichtete Selektion als das Neolithikum?

Die meiste gerichtete Selektion in Westeurasien hat nach David Reich nun vermutlich nicht bei der Einführung des Ackerbaus stattgefunden, sondern in der Bronzezeit (so wird er gleich im Eingangssatz zum Interview angeführt). Die Bronzezeit (2) ...

"... war die Zeit, in der die Genfrequenzen für alles - von der Immunfunktion über das Körperfett bis hin zur Intelligenz - am stärksten schwankten,"

faßt der Interviewer zusammen. Und weiter (2):

"Im Laufe der letzten 10.000 Jahre hat die Selektion den genetischen Prädiktor für die kognitive Leistungsfähigkeit um etwa eine volle Standardabweichung erhöht - der größte Teil davon vor 4.000 bis 2.000 Jahren."

Hier ist von einer Standardabweichung die Rede. Das ist also eine Erhöhung der angeborenen Intelligenz von etwa 80 oder 85 (wie man sie in Afrika und bei schwarzafrikanischen US-Amerikanern findet) auf 95 oder 100 (wie man sie bei heutigen Europäern findet).

David Reich stellt es noch einmal heraus, daß die Archäogenetik zwar mit wenigen sequenzierten Menschenfunden schon unglaublich viel über den Ablauf der Völkergeschichte heraus bekommen konnte, daß diese wenigen Genome aber nicht ausreichten dafür festzustellen, in welchen Bereichen des Genoms angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten sich im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektiert, bzw. entwickelt hatten.

Das liegt daran, daß man mit den Genen eines einzigen Menschen zwar zugleich die Gene eines ganzen Volkes vor Augen hat. Jeder Mensch trägt die Gene seines Volkes in sich. Wenn man also ein einzelnes Genom aus der Vergangenheit sequenziert, sequenziert man damit zugleich das Genom eines ganzen Volkes. David Reich drückt das - etwas zurückhaltender, verschleiernder - folgendermaßen aus (2):

Die DNA einer einzelnen Person liefert eine enorme Menge an Informationen über die Geschichte. Denn die DNA einer Person repräsentiert nicht nur eine einzelne Person, sondern viele. Sie enthält die DNA der Eltern, der vier Großeltern, der acht Urgroßeltern, der sechzehn Ururgroßeltern und so weiter. Geht man in der Zeit zurück, so tragen Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende von Vorfahren zu den heutigen Menschen bei.

Ja, er hätte es auch kürzer ausdrücken können: Wenn ich ein einzelnes Individuum an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. sequenziere, sehe ich in seinem Genom zugleich sein ganzes Volk, das sich als solches von allen anderen Völkern derselben Zeit auf kennzeichnende Weise unterscheidet. Man kann deshalb schon mit vergleichbar wenigen Genomen aus verschiedenen Regionen und Zeit-Epochen vergleichsweise umfangreich und zugleich detailliert und in den meisten Fällen völlig überraschend die gesamte Völkergeschichte Eurasiens nachvollziehen. Und zwar in den meisten Fällen in einer Weise, wie sie niemand zuvor erwartet hatte oder niemand zuvor zumindest mit dieser abschließenden Sicherheit hätte behaupten können.

Wenn man aber nun schauen will, wie sich angeborene Eigenschaften und Fähigkeiten im Verlauf der Geschichte in bestimmte Richtungen hin selektierten, entwickelten (auf der Ebene von Individuen und Völkern), reichen solche vereinzelte, "repräsentative" "Stichproben" nicht mehr aus. Man braucht einen viel größeren Datensatz (2):

Um ein hochauflösendes Bild der Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu erhalten, benötigt man sehr große Stichproben, wirklich sehr viele Personen. Das stand uns bis vor wenigen Jahren nicht zur Verfügung. Die Motivation für die Studie, über die wir heute sprechen, und die Arbeit, die hoffentlich in den kommenden Jahren von mehreren Forschungsgruppen durchgeführt wird, liegt darin, daß wir nun endlich über diese Zahlen verfügen. Wir können die Daten analysieren, um die Frequenzveränderungen im Zeitverlauf zu untersuchen.

Gibt es keine genetischen Unterschiede zwischen Ostasien und Europa? 

Dann sagt David Reich wieder etwas so vergleichsweise Komisches (2):

Es gibt jedoch fast keine genetischen Veränderungen, deren Häufigkeit sich zwischen Europäern und Ostasiaten zu 100 % unterscheidet.

Diese Aussage ist ein sogenannter Non-Starter. Sie mag ja formal durchaus richtig sein, aber sie verwischt, bzw. macht dabei zugleich geradezu unsichtbar die wesentlichsten Tatbestände.*) Mit 100 % ist die Latte sehr hoch gelegt. Sehr große angeborene Häufigkeitsunterschiede zwischen Ostasiaten und Europäern gibt es aber trotzdem. Man frage doch nur ChatGPT. Es zählt für uns die folgenden Beispiele auf:

Merkmal / GenvarianteOstasienEuropaBemerkung
ALDH2-Defizienzca. 25–45 %<1 %Ursache des häufigen „Asian Flush“
Schnelles ADH1B-Allel (Alkoholabbau)ca. 60–90 %ca. 5–20 %Beschleunigt Bildung von Acetaldehyd
Laktasepersistenzca. 5–20 %ca. 70–95 %Besonders hoch in Nordeuropa
EDAR-Variante V370Aca. 80–95 %<5 %Assoziiert mit dickem, glattem Haar
ABCC11-Polymorphismus (trockener Ohrenschmalz)ca. 80–95 %ca. 1–5 %Sehr klarer Populationsunterschied
Epikanthische Lidfaltehäufig, grob 50–90 %selten, meist <10 %Kein einzelnes „Gen“, sondern polygen
Sehr dichter Bartwuchs bei Männerneher seltendeutlich häufigerSchwer exakt zu quantifizieren
Helle Hautvarianten SLC24A5niedrig bis moderatoft >90 %Sehr stark in Europa verbreitet
Schaufelzähne („shovel incisors“)ca. 80–95 %ca. 10–20 %Häufig verwendetes anthropologisches Merkmal

So schnell kann man Aussagen von David Reich mit ChatGPT bloßstellen. Da wird also sehr schnell deutlich, daß die Aussage von David Reich die tatsächlichen Verhältnisse zum Teil kraß verwischt, und daß diese Aussage damit fast schon wieder eine Täuschung ist. Nein, nicht 100 % Unterschiede - aber 95 % Unterschiede gibt es in einigen angeborenen Eigenschaften, Genvarianten zwischen Europa und Asien durchaus!!!

Und das ist - wie gesagt - nicht erst seit heute bekannt, sondern Wissen darüber sammelt sich spätestens seit dem Jahr 2000 immer mehr an. Der geneigte Leser kann mit Hilfe der hier genannten Stichworte schnell die Dinge weiter verfolgen (zum Beispiel auf ChatGPT). ChatGPT benennt hier nur Körpermerkmale, aber bezüglich von psychischen Merkmalen könnten ebenfalls Beispiele angeführt werden. Eine für ADHS mitverantwortliche Variante, die in siebenfacher Wiederholung im Genom vorkommt, gibt es in China fast gar nicht, während sie in anderen Völkern eine sehr deutliche Häufigkeit hat. Ebenso hatten wir für das COMT-Sensibilitäts-Gen hier auf dem Blog schon vergleichsweise hohe Häufigkeitsunterschiede zwischen Völkern erörtert (Stg2019). Und damit kann sehr schnell abgeleitet werden, daß wesentliche kulturelle Merkmale und Begabungsprofile von Völkern in Europa und Ostasien sich auch aufgrund solcher Häufigkeitsunterschiede so markant voneinander unterscheiden. Deshalb stimmt es auch nicht, wenn David Reich sagt (2): 

Die seit 40.000 oder 50.000 Jahren vergangene Zeit ist auf einer evolutionären Zeitskala so kurz, daß es im Durchschnitt nur geringe genetische Unterschiede zwischen diesen beiden Gruppen gibt.

Aber im nächsten Satz widerspricht er der eben getätigten Äußerung sowieso gleich wieder (2):

Wenn jedoch natürliche Selektion stattgefunden hat, beispielsweise um Menschen an einem bestimmten Ort zu helfen, Alkohol oder Milch besser zu verdauen, könnte man erwarten, daß eine Mutation extrem häufig auftritt.

Es ist nicht nur zu erwarten, sondern längst bekannt, lieber Herr Reich.

Beispiele: Tuberkulose, Hämochromatose, pflanzlich dominierte Ernährung ...

Es werden dann Beispiele durchgegangen. Immun-Gene weisen die höchsten Selektions-Hinweise auf. Eine Genvariante, die im Zusammenhang mit Tuberkulose steht, wird behandelt. Diese Gen-Variante war 1000 v. Ztr. am häufigsten in Europa verbreitet und ist danach in ihrer Häufigkeit bis heute wieder sehr deutlich zurück gegangen. Die genauen Gründe dafür sind bislang noch nicht bekannt. Vielleicht war es eine andere Krankheit, so meint der Interviewer, der gegenüber diese Genvariante einen Überlebensvorteil bot. Reich will das nicht ausschließen als Möglichkeit. Reich:

Die TYK2-Variante, die mit einem erhöhten Tuberkulose-Risiko und einem erhöhten Risiko für Multiple Sklerose einhergeht, nahm vor der Bronzezeit deutlich zu und kehrte sich dann vor 2.000 bis 3.000 Jahren um. In Nordeuropa ist dieser Prozeß extrem stark ausgeprägt, mit sehr starker positiver und negativer Selektion. In Südeuropa hingegen ist er nur geringfügig und die negative Selektion nicht sehr stark. Auch die Hämochromatose, eine pathogene Eisenablagerung, die in Europa Probleme verursacht, hat sich um diesen Zeitraum herum umgekehrt.

Beiden typisch nordeuropäischen Erbkrankheiten habe ich schon in meinem Buch-Entwurf von 2007 Kapitel gewidmet (3). Durch diese neuen Ergebnisse kann man sich nun neue Gedanken machen, warum diese Erbkrankheiten in Nordeuropa noch heute so auffallend häufig sind. Es werden auch Hinweise gefunden für einen vermehrten Verzehr von pflanzlichen Nahrungsmitteln gegenüber fleischbasierter Nahrung. Der Interviewer fragt (2):

FADS1, das dabei hilft, pflanzliche Fettsäuren in langkettige Fettsäuren umzuwandeln, die der Körper benötigt: Das ist natürlich wichtig, wenn man von einer fleischbasierten Ernährung als Jäger und Sammler zu einer getreidebasierten Ernährung übergeht. Das ist auch ein Aspekt, den Sie, glaube ich, vor 5.000 bis 3.000 Jahren als besonders selektionsbedürftig identifiziert haben. Was ist also der Grund dafür? Warum ist die Bronzezeit in Bezug auf all diese verschiedenen Merkmale, die Sie beobachten, so besonders?

Reich antwortet (2):

Diese FADS1/2-Variante ist also eine Anpassung an Vegetarier bzw. Fleischesser. Bereits in früheren Arbeiten hatte Ian Mathieson, mit dem ich 2015 zusammengearbeitet habe, diese Variante als stark selektiert identifiziert. Sie ist tatsächlich uralt. Man findet Kopien davon auch bei archaischen Menschen.

Die Völker weltweit unterscheiden sich schon seit vielen Jahrzehntausenden darin, ob sie vorwiegend pflanzliche oder tierliche Nahrung zu sich nehmen. Für beide Möglichkeiten müssen im Genom Anpassungsmöglichkeiten vorliegen. David Reich sagt allgemein über die genetischen Veränderungen während der Bronzezeit in Europa im Vergleich zu denen während des Übergangs zum Ackerbau (2):

Diese Beobachtung, daß es sich um einen Wendepunkt handelt, verrät uns etwas darüber, wann die Menschen, zumindest in diesem Teil der Welt, gezwungen waren, eine Lebensweise einzuschlagen, die sich so stark von der ihrer Vorfahren als Jäger und Sammler unterschied, daß sich der Organismus enorm anpassen mußte. Möglicherweise war der Grad dieser Umstellung beim Übergang in die Bronzezeit qualitativ größer als derjenige, der beim anfänglichen Übergang zum Ackerbau stattfand. Das ist überraschend, denn unser vereinfachtes Bild läßt uns annehmen, daß der große Wandel im Ackerbau liegt. Doch die biologischen Daten zeigen, daß unser Genom viel stärker auf diese Ereignisse reagiert, die vor 5.000 Jahren stattfanden.

So völlig durchgängig kann ich ihm diese Aussage nicht abnehmen. Schließlich zeigen seine Daten, daß schon die Bandkeramiker einen IQ hatten wie wir heute. Da ist also das Wichtigste durchaus schon beim Übergang zum Ackerbau passiert, nicht erst in der Bronzezeit. Freilich, durch die mittelneolithische Vermischung mit den Restbevölkerungen von Jägern und Sammlern in Europa und durch die spätneolithische Vermischung mit indogermanischer Steppengenetik war der IQ offenbar zunächst noch einmal wieder bis etwa 2000 v. Ztr. gesunken, um dann in der Spätbronzezeit fast wieder heutige Werte zu erreichen, um danach aber wieder abzusinken (s. Abb. 1). Nun gut.

Beispiel Pigmentierung

Reich weiter (2):

Nehmen wir zum Beispiel die Pigmentierung, die in unseren Daten das stärkste Indiz für Selektion eines komplexen Merkmals ist. Man betrachtet genetische Mutationen, die bekanntermaßen die Pigmentierung beeinflussen. Addiert man ihre Wirkung über die gesamte DNA - es sind Dutzende oder Hunderte -, so findet man heraus, wann die natürliche Selektion am stärksten war. Dieser Zeitraum liegt tatsächlich vor 2.000 bis 4.000 Jahren. 

Ja, die Evolution der hellen Hautfarbe verlief offenbar stetiger als die Evolution des IQ in der europäischen Völkergeschichte (Abb. 2).

Beispiel Intelligenz

Reich weiter (2):

Die Daten zeigen deutlich, daß die Auswirkungen der Migration enorm sind. Betrachtet man beispielsweise die Entwicklung kognitiver Leistungsfähigkeit – die Ergebnisse von Intelligenztests bei weißen Briten heute – und vergleicht sie mit den entsprechenden Prädiktoren bei Menschen in der Antike, so liegt der Schätzwert für die Jäger und Sammler Europas drei Standardabweichungen unter dem heutigen Durchschnitt. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Oben war noch von einer Standardabweichung die Rede, jetzt wird sogar von drei Standardabweichungen gesprochen. Wenn es also heute bei Europäern einen IQ von 100 gibt ebenso wie bei den ersten Ackerbauern Europas, den Bandkeramikern, dann hätte es bei den europäischen Jägern und Sammlern vor dem Neolithikum einen IQ von 55 gegeben. Das entspricht dem IQ der Buschleute in Südafrika von heute und ist noch niedriger als der IQ der Bantu-Völker in Afrika. Das können wir auf den ersten Blick so nicht für glaubhaft halten. Hat sich Reich hier versprochen? Auch Piffer und Kirkegaard hatten 2024 nur eine Stanardabweichung Unterschied festgestellt, nicht drei. Reich weiter über die europäische IQ-Evolution (2):

Dann sieht man einen gewaltigen Sprung zu den Bauern, deren Werte im Mittel bei null liegen. Das ist Migration. Man sieht, daß diese beiden Gruppen unterschiedliche Ausgangswerte für diese Merkmale hatten. Die Steppenhirten haben einen niedrigeren Ausgangswert.

Also die Bandkeramiker hatten schon einen IQ von 100 so wie wir heute. Wie kraß. Und die Jamnaja, die Indogermanen der zweiten Ausbreitungswelle ab 3.300 v. Ztr. hatten einen IQ von 85. Also so hoch wie die heutigen Afroamerikaner in den USA. Das kommt uns ebenfalls sehr kraß unterschiedlich vor. Reich weiter (2):

Man beobachtet im Laufe der Zeit enorme Schwankungen im Prädiktor dieses Merkmals. Das beweist keine Selektion, sondern lediglich Migration. Unser Test zeigt aber Folgendes: Gibt es neben diesen migrationsbedingten Schwankungen einen konsistenten Effekt der natürlichen Selektion, der das Merkmal über alle Orte und Zeiten hinweg in dieselbe Richtung beeinflußt? Genau das untersuchen wir.

So ganz wie nebenbei tritt hier zu Tage, welche krassen angeborenen Intelligenz-Unterschiede es zwischen Völkern schon im Neolithikum und in der Bronzezeit gegeben hat. Solche angeborenen Intelligenz-Unterschiede zwischen Völkern gibt es heute immer noch und sie waren unter anderem Gegenstand der Sarrazin-Debatte des Jahres 2010. 

Der Interviewer stellt dann sehr uninformierte Vermutungen über die Evolution des IQ in den Raum. Diese übergehen wir hier. Beide geben sich in ihren "Vorannahmen" zu all diesen Themen rührend naiv. So als hätte es - zum Beispiel - die "Bell Curve"-Debatte des Jahres 1994 (Wiki) nie gegeben, in der es ebenfalls um die angeborenen Intelligenzunterschiede zwischen heutigen Völkern und Abstammungsgruppen ging. Der Interviewer ist völlig fachfremd. Dem nehme ich diese Naivität ab. Bei David Reich scheint sie mir ein wenig gar zu deutlich durchgestylt zu sein, nämlich: um nicht gleich die volle Breitseite des akademischen Gegenwindes auf sich zu ziehen. Offenbar denkt er sich, die neuen Erkenntnisse könnten sich in die Wissenschaft geradezu unbemerkt einschleichen. Aber all das soll aktuell für uns nicht im Vordergrund stehen, wir wollen ihm das hier nicht gar zu sehr anrechnen, denn aktuell ist so viel anderes so viel wichtiger. Es gilt, erst einmal den neuen Forschungsstand nachzuvollziehen und dem bisherigen Wissen zuzuordnen.

Auch wie David Reich die IQ-, bzw. Educational Attainment- (EA-)Voraussage sonst einordnet, scheint uns keineswegs dem Stand der heutigen Intelligenz-Forschung zu entsprechen. Da der IQ mit so vielen anderen Merkmalen des Lebensverlaufs korreliert, meint er, ihm könnte auch ein anderer Faktor als der IQ selbst zugrunde liegen, etwa die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub. Es sei das hier nur erwähnt. Wir glauben viel eher, daß höherer IQ auch Belohungsaufschub erleichtert. Aber all das ist für uns hier gar nicht das Thema.

Sehr spannend ist der Hinweis, daß die IQ-Evolution in China und Europa auf denselben polygenetic Score's zu beruhen scheint, so sagt Reich. Das darf man sicherlich als bemerkenswert empfinden. Denn es hätte ja auch sein können, daß die ostasiatische Intelligenz noch eine sozusagen "ganz andere" ist als die europäische. Aber nein, sie folgt offenbar denselben genetischen Verschaltungen. Das, was sich zwischen Europa und Ostasien unterscheidet, sind eher angeborene und muttersprachlich geprägte Neigungen hinsichtlich Individualismus versus Kollektivisimus oder hinsichtlich Veränderungsfreude oder Beharrungsfreude (hinsichtlich: erfinden oder kopieren) und so weiter. Und natürlich weisen die Ostasiaten einen um 5 IQ-Punkte höheren IQ auf als die Europäer. Womöglich wird man dennoch sagen können und müssen, daß es sich bei der IQ-Evolution in Ostasien und Europa um konvergente Evolution handelt.***)

War Intelligenz ein gesellschaftlicher Wert? Im Neolithikum? In der Bronzezeit?

Reich meint, in der "Ilias" oder im "Alten Testament", die in Zeiten entstanden, als der IQ am höchsten war, hätte Intelligenz als Wert keine Rolle gespielt, viel eher hätten Schönheit eine Rolle gespielt oder andere Werte. Wir sehen hier eine Inkonsistenz in der Argumentation. Schon die Bandkeramiker hatten einen vergleichbar hohen IQ. Wie soll der denn dann zustande gekommen sein? Ist nicht schlicht der Grad der gesellschaftlichen Arbeitsteilung, der schon bei den Bandkeramikern sehr hoch gewesen sein wird, ein ausschlaggebender Faktor? Den Befund, daß die (Spät-)Bronzezeit so wesentlich für die europäische IQ-Evolution gewesen sei, hatten wir zuvor für uns selbst während der Lektüre schon folgendermaßen eingeordnet: 

In der Bronzezeit gab es erste "Währungen" (Ösenhalsringe und anderes), es mußte also gezählt und gerechnet werden. Es gab spezialisiertes Handwerk. Bronze-Schmiede stellten Bronze-Waffen her, sie stellten Bronze-Schmuck her, bronzene Musikinstrumente. Überhaupt gab es einen Musikinstrumenten-Bau. Es gab ein Töpferhandwerk. Es gab Nah- und Fernhandel mit Rindern, Schweinen, Getreide, Gemüse, Obst, Fischen. Es gab Fischer, es gab Jäger. Die Kochkunst verfeinerte sich. Importwaren wurden über hunderte von Kilometern transportiert. Es gab spezialisierte Handwerker in der Textilherstellung. Es gab spezialisierte Handwerker in der Herstellung von Streitwagen und anderen Transportmitteln. Es gab Goldschmiede, die die steilen, hohen Goldhüte herstellten. Der Ackerbau wurde verbessert. Der höchste Gott der Kelten war noch in römischer Zeit der Gott Merkur, der Gott des Handels, des Handwerks und der Kunstfertigkeit. Das berichtet noch Cäsar von ihnen (Stg26). Von Sängern wurden lange Dichtungen vorgetragen, vergleichbar der Ilias des Homer - die längsten Zeiträume ganz ohne Verschriftlichung. Zuhören war heilig bei den Kelten und in vielen anderen vorgeschichtlichen Völkern (Stg24). Aufmerksames Zuhören und Merken (Kurz- und Langzeitgedächtnis) fällt ja vermutlich um so leichter, um so intelligenter man ist. Wir sehen insbesondere in der Spätbronzezeit ein intensives Bevölkerungswachstum nicht nur in Griechenland, sondern wir sehen "Terrassierungen" in ganz Mitteleuropa bis hinauf nach England. All solche Vorgänge werden bezüglich der IQ-Evolution zu berücksichtigen sein.

Die ganze Thematik, die der Interviewer mit Reich diskutiert, wird schon seit Jahrzehnten diskutiert. Vor diesem Hintergrund wirken die Erörterungen im Interview erneut eher naiv. Lange hatte man ja vermutet, daß die IQ-Evolution in China durch die konfuzianische Beamten-Elite voran getrieben worden sei. Sie erfolgte aber in allen Bevölkerungsschichten, insbesondere auf dem Land bei den Bauern, auch ganz ohne konfuzianische Gelehrsamkeit. Ebenso auch in Europa. Es müssen also deutlich allgemeinere Faktoren in Betracht gezogen werden. Für Europa in der Frühen Neuzeit gilt jedenfalls: Die reichsten Bauern haben immer die meisten Kinder gehabt. Das hat Eckart Voland in seiner Krummhörn-Studie festgestellt und das ist für viele andere Regionen Deutschlands und Europas ebenfalls festgestellt worden. Und genau über solche Mechanismen wird IQ-Evolution womöglich auch sonst zustande gekommen sein.

Und es ist zusätzlich zu sagen: Wohlstands-Unterschiede aufgrund höherer Intelligenz waren erst in solchen arbeitsteiligen Gesellschaften möglich, die solche Wohlstands-Unterschiede eben ermöglichten aufgrund ihrer arbeitsteiligen Differenzierung. 

Viele weitere Teile des Interviews erscheinen uns zu spekulativ, als daß sie hier von uns weiter behandelt werden müßten. Es wird etwa erörtert, daß sich vergleichbare gerichtete Selektion bei den Menschen, die vor 100.000 oder vor 50.000 Jahren in Afrika gelebt haben, nicht gegeben hätte. Aber sind denn die aktuell vorliegenden archäogenetischen Daten überhaupt ausreichend, um eine solche Behauptung aufstellen zu können? Wir glauben nicht. Und schließlich hat der Autor dieser Zeilen schon in seinem Buchentwurf von 2007 Gene genannt, die heute alle Menschen tragen, und die in dem genannten Zeitraum in Afrika erst entstanden sind. Also diese Erörterungen sind uns alle zu spekulativ und auch zu widersprüchlich und außerdem auch ein wenig zu naiv.

Stattdessen wird zum Beispiel gar nicht die so wesentliche Frage erörtert, wo denn der hohe IQ der europäischen Ackerbauern überhaupt herkommt und wie dieser evoluiert ist oder evolutiert sein könnte. Das wäre doch eine viel spannendere Frage. Aber dazu fehlen David Reich und ebenfalls dem Interviewer ausreichende wissenschaftliche Hintergrundinformationen aus fünfzig Jahren IQ-Forschung ebenso wie - etwa - aus fünfzig Jahren Forschung zum Präkeramikum und Keramikum im Fruchtbaren Halbmond und sodann zum Neolithikum in Anatolien, im Mittelmeerraum und in Mitteleuropa. Man könnte mutmaßen, daß schon die ersten Ackerbauern Anatoliens denselben IQ hatten wie die Bandkeramiker und daß dieser IQ während des vorhergehende Präkeramikums und Keramikums im Fruchtbaren Halbmond evoluiert ist. Ich könnte mir vorstellen, daß er schon im PPNB ("vorkeramische Neolithikum B") erreicht worden ist um etwa 7000 v. Ztr.. Diese Gesellschaft war damals jedenfalls durchaus schon ausreichend arbeitsteilig ausdifferenziert.

Mit diesem Blogartikel soll ein erster Einstieg in diese neue, spannende Thematik gegeben sein. Vielleicht müssen wir uns künftig den Forschungsartikel selbst (1) auch noch einmal gründlicher anschauen.

Ansonsten: Ergänzung, 29.5.26 - Jetzt ist es endlich so weit: Ein Jahresabonnement bei Davide Piffer ist von Seiten des Bloginhabers abgeschlossen (DavidePiffer). Denn der Mann ist unwahrscheinlich fleißig und testet ständig neue Theorien anhand archäogenetischer Daten. Da kommt man zwar kaum hinterher - aber man sollte es vermutlich!

Anhang

*) Piffer schrieb am 16. April, ein Tag nach der Veröffentlichung der Reich-Studie einen Beitrag, warum er die Vorgehensweise des Nichtzitierens seiner thematisch sehr weitgehend deckungsgleichen Vorstudie für wissenschaftlich unredlich hält (Piffer). Einen Tag später, am 17. April, zwei Tage nach der Veröffentlichung der Reich-Studie schrieb er auf Twitter (Tw):

Reichs Team tut jetzt so, als ob seine Veröffentlichung ein Paradigmenwechsel wäre, und als ob niemand zuvor solche Ergebnisse veröffentlicht habe (falsch). Reich hat sich auch meine Idee angeeignet, daß diese Ergebnisse der Standardansicht widersprechen würden, nach der es über die letzten 100.000 Jahre keine Selektion gegeben habe, die ich hier kritisiert habe ...
Reich's team is now framing their publication as a paradigm shift, nobody had published such results before (wrong). Reich also appropriated my idea that these results challenge the standard view of no selection over 100K years, which I criticized here ...

... und er gibt dann den Hinweis auf einen Blogartikel vom Dezember 2025 (Piffer2025). Er spricht von Plagiat:

Die Ergebnisse, die sie in ihrem Plagiat darstellen, stammen allerdings größtenteils aus Fachzeitschriften, die mit Peer Review veröffentlichen.
The findings they plagiarized are mostly in peer reviewed journals though.

Piffer erhält für seine Aussage viel Zustimmung auf Twitter. Was ein Kommentator dort schreibt, ging uns genauso (Tw): 

Ich bin mir ziemlich sicher, daß ich bereits durch die Lektüre von Piffer wußte - lange bevor diese Studie erschien -, daß die anatolisch-neolithischen Bauern den höchsten Polygenic Score für Intelligenz aufwiesen. Die Griechen der ägäischen Bronzezeit wiesen einen hohen Anteil an anatolisch-neolithischer Bauernherkunft auf.
I’m pretty sure I knew the EEF had highest PGs for intelligence from reading Piffer way before this paper came out. Bronze Age Aegean Greeks have a lot of EEF.

Diese Bemerkung hat inzwischen 3.500 Likes, mehr als der Ausgangs-Beitrag von Piffer selbst. Diese 3.500 sind jene, die die Arbeit von Piffer ebenso verfolgen wie der vorliegende Blog.

Der griechische Archäogenetiker Iosif Lazaridis versuchte schließlich, sozusagen zwischen Piffer und David Reich zu vermitteln und argumentiert, daß jeder Autor selbst würde entscheiden können, welche vorherigen Arbeiten er zitiert und welche nicht (Tw). Nun gut, zumindest von Großmut zeugt die Haltung von David Reich in dieser Frage nicht. Am 18. April schreibt Piffer (Tw):

Würde ein Maler eine Kopie Ihres Werkes anfertigen, dann aber so tun, als hätte er ein eigenständiges Werk geschaffen, weil Ihr Pinselstrich „mangelhaft“ gewesen sei, dann können wir das getrost Betrug nennen. Wenn ich in der Wissenschaft „methodische Mängel“ vorschiebe, um dasselbe Modell und dieselben Ergebnisse zu ignorieren, die ich selbst nutze und gewinne, dann liegt nichts anderes vor als ein Plagiat mit Doktortitel.
If a painter copies your composition but denies credit because your brushwork was "inadequate," we call it a scam. In science, using "methodological inadequacy" to ignore the same model and results is just plagiarism with a PhD.

Am 28. und 30. April bringt er Kritiken an der David Reich-Studie heraus (Pfiffer2) (die wir noch nicht verstehen). Und er schreibt am 30. April auf Twitter (Tw):

Vor zwei Wochen habe ich mich wegen der Problematik des Nichtzitierens durch Akbari et al. an Nature gewandt. Die Herausgeber haben nun geantwortet: Sie prüfen den Fall. Wollen wir sehen, was dabei herauskommt.
Two weeks ago I escalated the Akbari et al. citation issue to Nature. Editors have now responded: they’re reviewing it. Let’s see where this goes. 
**) In der Studie selbst heißt es: "Frühere Arbeiten haben gezeigt, daß klassische „Hard Sweeps“ - durch die vorteilhafte Mutationen bis zur Fixierung getrieben werden – über den weiten Zeitraum der menschlichen Evolution hinweg selten waren." ("Previous work has shown that classic hard sweeps driving advantageous mutations to fixation have been rare over the broad span of human evolution.") Vielleicht bezieht sich darauf diese 100%-Angabe. Aber auch diese Aussage ist insgesamt irreführend.
***) Tatsächlich heißt es auch in der Folgestudie zur Evolution derselben Eigenschaften und Begabungen in Europa und Ostasien ausgehend von vorhergehenden Jäger-Sammler-Populationen (bioRxiv2026): 
"Unsere Ergebnisse legen nahe, daß die von dieser Vorfahren-Population ererbten Varianten - sobald sie der Landwirtschaft, der Weidewirtschaft, modernen Pathogenen sowie den Lebensweisen ausgesetzt waren, die mit dem Leben in größeren staatlichen Gesellschaften einhergehen - sowohl in West- als auch in Ost-Eurasien weiterhin dieselbe Entwicklungstendenz zeigten; dies spiegelt wahrscheinlich eine konvergente Evolution wider, die der Anpassung an die neuen Anforderungen nahrungsproduzierender Lebensweisen und des Lebens in hoher Bevölkerungsdichte diente."
"Our results suggest that once exposed to agriculture, pastoralism, modern pathogens, and the lifestyles that come with living in larger state societies, the variants inherited from this ancestral population continued moving in the same direction in both West and East Eurasia, likely reflecting convergent evolution to adapt to the new requirements of food producing lifestyles and living at high-density."

____________

  1. Akbari A, Perry A, Barton AR, Kariminejad M, Gazal S, Li Z, Zeng Y, Mittnik A, Patterson N, Mah M, Zhou X, Price AL, Lander ES, Pinhasi R, Rohland N, Mallick S, Reich D (2026) Ancient DNA reveals pervasive directional selection across West Eurasia. Nature, 15.4.2026 (Nature2026)
  2. Dwarkesh Patel: David Reich - Bronze Age shock, the Neanderthal puzzle, & the sudden spread of farming. Dwarkesh Podcast, 08.05.2026 (Yt2026) (Transkript)
  3. Bading, Ingo: 200.000 Jahre Humanevolution. Manuskript 2007 (Resg2007)

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