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Samstag, 9. November 2019

Indogermanische Genetik in Italien (2.100 v. Ztr. bis heute)

Römische Republik und Italienische Renaissance
- Welcher Zusammenhang besteht zwischen der Genetik einerseits und dem Aufblühen und dem Niedergang von Kultur andererseits?

Die Bevölkerungsgeschichte Mittelitaliens vom Mesolithikum bis heute ist aufgearbeitet worden (1). Dies geschah von Seiten einer archäogenetischen Forschungsgruppe um Jonathan Pritchard anhand der Typisierung von 127 archäologischen Skeletten, die in Rom und seinem Umland gefunden wurden. Man sehe sich die Abbildung 1 an: Hier werden die Forschungsergebnisse in kompakter Form dargestellt. Deutlich wird hier der indogermanische, genetische Einfluß auf die Hervorbringung

  1. der Römischen Republik und 
  2. der italienischen Renaissance

Abb. 1: Die Bevölkerungsgeschichte Mittelitaliens 7.000 v. Ztr. bis heute

Dies ist ablesbar insbesondere im Balken recht (B) (Abb. 1). Gehen wir das im einzelnen durch:

1. Anfangs leben in Italien - wie im übrigen West- und Mitteleuropa - westeuropäische Jäger und Sammler (WHG).

2. Ab 6.500 v. Ztr. breiten sich anatolisch-neolithische Bauern über Europa aus. (Die Forscher meinen aufzeigen zu können, daß sie auch schon einen kleinen Anteil iranisch-neolithischen genetischen Anteil in sich tragen. Das ist nicht unmöglich, fand sich aber in anderen Studien bisher nicht.)

3. Es gibt einige Individuen - vielleicht erst ab dem Mittelneolithikum, bei denen es - wie in Mitteleuropa - einen Anteil westeuropäischer Jäger-Sammler-Genetik gibt, der sich zumindest in Mitteleuropa vornehmlich ab dem Mittelneolithikum (wieder) ausbreitet. Es geschah das in Mitteleuropa nach dem Zusammenbruch der bevölkerungsdichten frühneolithischen Kulturen (Bandkeramik) und der Ethnogenese neuer extensiver wirtschaftender Völker während des Mittelneolithikums, z.T. aus Rückzugsräumen der ursprünglich einheimischen Bevölkerung heraus.

2.100 v. Ztr. - 20 Prozent Steppengenetik

4. Nach der Kupferzeit - also parallel zum Spätneolithikum in Mitteleuropa - erfolgt - grob um 2.500 v. Ztr. - der Einbruch der indogermanischen Völker (in Form der Glockenbecherkultur) auch in Italien (Wiki, engl). Diese indogermanische Genetik hält sich - offenbar trotz oder mit der etruskischen Kultur - konstant bis in die Zeit der Römischen Republik. Das sollte dem historisch Urteilenden zu denken geben. Und das dürfte schon eine der entscheidenderen Neuerkenntnisse dieser Studie sein. (Diese hatte man aber auch schon aus der zu 80 % hellen Haarfarbe bei den Menschendarstellungen auf den Wandgemälden von Pompeji ablesen können (3) [Wiki]. Dieser Umstand ist ja für das heutige Neapel so nicht mehr gegeben.)

Rückgang indogermanischer Genetik in der Frühen Kaiserzeit

5. In der Frühen Kaiserzeit geht der Anteil der indogermanischen Genetik (Steppengenetik) in Mittelitalien außerordentlich deutlich zurück. Das wird auf die vielen inneritalischen und Bürgerkriege zurück zu führen sein, vielleicht auch auf die außeritalischen Aktivitäten der Römer. Außerdem auch auf die zurückgehende Geburtenzahlen der im Wohlstand lebenden Römer. Genau so ist es auch schon in den 1950er Jahren anthropologisch beschrieben worden (3)*). Gleichzeitig breitet sich iranisch-neolithische Genetik in Italien aus, nämlich aus dem ostmediterranen Bereich heraus. Das dürfte u.a. auf den Sklavenhandel in dieser Zeit zurückzuführen sein. (Auch der u.a. schon in etruskischer Zeit auftretenden Herkunftsanteil von Bauern-Genetik aus Marokko, die sich in der Römischen Kaiserzeit verstärkt, könnte noch genauer nachgegangen werden.)

Der Anteil der indogermanischen Genetik ist in der Römischen Kaiserzeit sehr ungleichmäßig verteilt, bleibt aber auf deutlich niedrigerem Niveau als zuvor.

6. In der Spätantike wächst er dann zum Teil beträchtlich an. Das dürfte auf den Zuzug von Goten und Langobarden zurückzuführen sein. Im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit sehen wir die Anteile indogermanischer Genetik sehr ungleichmäßig in der Bevölkerung verteilt. Das könnte mit Heiratsschranken durch soziale Schichtung oder Stadt/Land-Unterschiede erklärt werden. (In der Renaissance-Kunst sehen wir ja auch noch verhältnismäßig viele hellhaarige Menschen.)

7. Aber bis zum 19. Jahrhundert herum scheinen Bevölkerungsteile mit diesem höheren Anteil indogermanischer Genetik weniger Nachkommenschaft in Mittelitalien hinterlassen zu haben. Auffallenderweise ging damit zugleich einher - bekanntlich - der Rückgang des Beitrags Italiens zu den kulturellen Errungenschaften der Menschheit (4). Mit all dem wird dem historisch Urteilenden viel zu denken gegeben. 

Ausbreitung von Nord- nach Mittelitalien - Innerhalb von 400 Jahren

Ergänzung (17.5.2021): Inzwischen ist eine weitere Studie zum Thema erschienen (5). In dieser wird die Ausbreitung des indogermanischen Steppen-Herkunftsanteils in Italien folgendermaßen beschrieben:

Auftauchend in der Frühen Bronzezeit - Italienische Glockenbecher (2195-1940 v. Ztr.), Italienische Remedello-Kultur (2134-1773 v. Ztr.), sowie Broion (1952-1752 v. Ztr.) - und über die Zeiten hinweg anwachsend in Individuen von Broion und Regina Margherita (1626-1497 v. Ztr.). Diese Funde bestätigen das Ankunftsdatum im nördlichen Italien um spätestens ∼2000 v. Ztr. und vier Jahrhunderte später sein Auftauchen in Mittelitalien.
Emerging in the Early BA (Italian Bell Beaker [I2478: 2195–1940 calBCE], Italian Remedello [RISE486: 2134–1773 calBCE], and Broion [BRC010: 1952–1752 calBCE (95.4%)]) and increasing through time in the individuals from Broion and Regina Margherita (GCP003: 1626–1497 calBCE [95.4%]). These samples confirm the date of arrival in Northern Italy to at least ∼2000 BCE and its presence in Central Italy by 4 centuries later.

Dies ist also der Zeitraum, in dem sich die italischen Stämme und Völker bildeten, nicht zuletzt das römische. Die hier genannte Remedello-Kultur bestand im Alpenraum und in Norditalien seit 3.400 v. Ztr.. Ihr gehörte auch der Ötzi an. Sie war unter anderem durch charakteristische Kupfer-Stabdolche gekennzeichnet. Auf Wikipedia steht (Wiki):

Zwischen 2500 und 2200 BC emigrieren Gruppen der Glockenbecherkultur in die nördliche Po-Ebene und beendeten die Phase der Remedello-Kultur.

 

 / Letzte Überarbeitung: 
20.3.2022 /
__________________
*) In einer Arbeit, die einstmals von Alfred Rosenberg angeregt worden war. Dazu ist zu bemerken: Wenn die Wissenschaft heute auf der Ebene der Erforschung des Seins zu ähnlichen Ergebnissen kommt wie die Wissenschaft vor 1945, heißt das noch lange nicht, daß auf der Ebene des "Sollens" und der Bewertungen sich "Geschichte wiederholen" müßte. Die Lehren von der Herrenrasse und von der Minderwertigkeit von "Untermenschen" sind in den 1930er Jahren sehr stark aus freimaurerischen ebenso wie katholischen ariosophischen Okkultlogen heraus befeuert worden, in denen viele führende Nationalsozialisten Mitglied waren. Viele solcher ariosophischer Okkultlogen gibt es heute immer noch - oder wieder. Diese stellen eine große Gefahr dar, auf die noch viel stärker das Augenmerk gerichtet werden sollte. So sollte beispielsweise der Tatsache nachgegangen werden, daß Werner Best, der dritte Mann hinter Himmler und Heydrich dem Skladenorden nahe stand, daß Himmler sich von Astrologen wie Wihelm Wulff beraten ließ und viele Dinge mehr auf dieser Linie.
__________________________
  1. Ancient Rome: A genetic crossroads of Europe and the Mediterranean  By Margaret L. Antonio, (...) Ron Pinhasi, Jonathan K. Pritchard, Science, 08 Nov 2019:708-714, https://science.sciencemag.org/content/366/6466/708 
  2. Khan, Razib: https://www.gnxp.com/WordPress/2019/11/07/syrian-orontes-has-long-since-dried-up-to-be-replaced-by-the-tiber-once-more/ 
  3. Günther, Hans F.K.: Lebensgeschichte des römischen Volkes. Verlag Hohe Warte 1957 
  4. Murray, Charles: Human Accomplishment, 2003 
  5. Saupe, T., Montinaro, F., Scaggion, C., Carrara, N., Kivisild, T., D’Atanasio, E., ... & Scheib, C. L. (2021). Ancient genomes reveal structural shifts after the arrival of Steppe-related ancestry in the Italian Peninsula. Current Biology, online 10.5.2021, https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982221005352.

Montag, 15. Oktober 2007

Hat wirtschaftlicher Erfolg eine genetische Grundlage?

Schon seit einigen Monaten werden in den USA die Thesen von Gregory Clark zur europäischen Wirtschaftsgeschichte und IQ-Evolution diskutiert. (s. z.B. Gene Expression) Nun hat sich auch die "Süddeutsche Zeitung" (Hubertus Breuer) an dieses Thema gewagt und bringt ein Interview mit Gregory Clark. (Süddt. Ztg.)

Das wird sicher manchen anregen, nun endlich einmal selbst in sein Buch hineinzuschauen. Sonst kann man sich kein Urteil bilden. Als Historiker jedenfalls ist Gregory Clark sehr unkonventionell und geht gedanklich unkonventionelle Wege, was wohl (fast) immer zu begrüßen ist. Die große Richtung seiner Gedanken stimmt, da sie mit den Erkenntnissen der modernen Human- und IQ-Genetik in Einklang stehen. Doch in den Einzelheiten bleibt noch viel des Diskutierenswerten übrig.

Die wesentlichen Neuerkenntnisse in der modernen, humangenetischen Forschungen formuliert Clark in folgenden Worten:
"Die Ökonomie" (also Wirtschaftswissenschaft) "tut gerne so, als wären die Menschen überall gleich. Aber das stimmt nicht. Im Laufe der Jahrtausende haben sich ihre Präferenzen geändert - und mit ihnen die Kultur. Und womöglich hat das tatsächlich eine genetische Grundlage.

SZ: Aber die bloße Möglichkeit, daß Gene eine Rolle spielen könnten, ist doch ein recht schwaches Argument." (Komischer Einwand, wo doch Hubertus Breuer schon selbst über Forschungen zur Human-Genetik berichtet hat, wenn man sich richtig erinnert.)
Schon vorher gab es folgende Wortwechsel zum selben Thema:
"SZ: Aber von bürgerlichen oder gar kapitalistischen Genen zu sprechen, ist doch starker Tobak.
Clark: Es ist nicht ausgeschlossen! Und es hat doch durchaus Sinn: Wir unterscheiden uns genetisch sicherlich von den Jäger-Sammler-Völkern unserer Vorzeit." (Genau.) "Unter ihnen gab es genetisch-kulturelle Variabilität" (genau), "und die besser Angepaßten setzten sich durch." (Genau: Siehe viele moderne humangenetische Erkenntnisse, etwa zur Erwachsenen-Milchverdauung, zur Malaria-Resistenz und so vielem anderen mehr.) "Warum sollte das nicht auch seit 1200 Jahren geschehen sein?" (Genau, bei den aschkenasischen Juden, die Clark nicht erwähnt, ist es in diesem Zeitraum ja auch geschehen.)
Gregory Clark spricht über Forschungsergebnisse zum Thema Geduld (d.h.: Bedürfnis-Befriedigungs-Aufschub), über die man, selbst wenn man sich damit schon ein wenig beschäftigt hat, nach diesen Worten noch mehr interessieren könnten. Eine Frage könnte sein: Ist menschliches "Zinsnehmen" im Wirtschaftsleben wirklich kausal in Verbindung zu setzen mit der menschlichen Fähigkeit zum Bedürfnis-Befriedigungs-Aufschub? Clark jedenfalls antwortet folgendermaßen:
"Ein Verhalten, das zweifellos genetisch beeinflußt ist, ist beispielsweise die Geduld. In der Ökonomie spielt sie als 'Zeitpräferenz' eine Rolle für die Zinsen. Wer eine hohe Zeitpräferenz hat, will alles sofort, wer dagegen eine niedrige hat, ist bereit zu warten. Wer keine Geduld hat, den muß man daher mit einem hohen Zinssatz locken, um Kapital zu investieren. Das Überraschende ist - im Laufe der Menschheitsgeschichte sinkt der Zinssatz stetig! Selbst während einer stabilen Phase im Reich der Sumerer im dritten Jahrtausend vor Christus mußten die Menschen 20 bis 25 Prozent Zins auf ein Silberdarlehen zahlen. Im mittelalterlichen England, einer stabilen Gesellschaft, lag der Zinssatz immer noch bei zehn bis zwölf Prozent. Darüber könnten wir heute nur frohlocken! Erst nach 1800 fallen die Zinsen auf unser heutiges Niveau. Der einzige plausible Grund dafür ist, daß Menschen auf den Gewinnanreiz mit unterschiedlicher Zeitpräferenz reagieren."
Also Koevolution von:
1. der genetisch veranlagten Fähigkeit zum Bedürfnis-Befriedigungs-Aufschub ("Geduld") und
2. dem Kulturmerkmal niedriger Zinssatz!
Das kann man für eine wahnsinnig verrückte These halten! Ich glaube sie - so auf den ersten Blick (und schon nach einigen Überlegungen) - nicht. Aber oft ist auch in ungewöhnlichen Thesen ein Wahrheitskern enthalten. Man muß sich dazu das Buch von Gregory Clark und die Belege für eine solche These unbedingt genauer anschauen. Was alles würde daraus folgen, wenn eine solche These stimmen würde? (!!!)

Im abschließenden Satz sagt Clark etwas, was man aber sicherlich zunächst schon zuverlässiger auf das Merkmal IQ denn auf das Merkmal Bedürfnis-Befriedigungs-Aufschub beziehen kann:

"SZ: Ihre Argumentation hat haarsträubende Konsequenzen für die Dritte Welt. Im Grunde läuft sie darauf hinaus, daß Armut und Not hausgemacht sind." (Nein, nicht "hausgemacht", sondern - letztlich - genetisch veranlagt, in Jahrhunderten mehr unbewußt als bewußt evoluiert. Also "Eugenik", ohne daß die Menschen sich bewußt gewesen wären, daß sie dieselbe praktizieren.)
"Clark: Ja, damit ein Land wirtschaftlich erfolgreich sein kann, muß es die Kultur und damit die Menschen ändern; das braucht Zeit. Sehen Sie sich die Republik Malawi an - politisch stabil, aber völlig verarmt. Oder die Aborigines in Australien, die nicht auf tausend Jahre Agrarwirtschaft zurückblicken können."
Clark behauptet, die europäischen Wirtschafts-Eliten (also das Bürgertum) hätten nicht nur ihre Ethik über Erziehung an die jeweils kommende Generation weitergegeben und ausgebreitet, sondern auch schlicht über ihre Gene, bzw. über ihre Kinderzahl. Seine Forschungen beschäftigten sich mit dem mittelalterlichen und neuzeitlichen England. Aus dem, was ich über die Historische Demographie Deutschlands weiß, möchte ich dazu zunächst folgendes sagen: Was klar für seine These spricht, ist meiner Meinung nach die oft in der Forschungsliteratur bestätigte Tatsache, daß die reichen Bauern auf dem Land mehr Kinder hatten als die armen Bauern und Tagelöhner. Daraus ist die Schlußfolgerung abgeleitet worden, daß auch die traditionelle Arbeiterschaft während der Industrialisierung im Wesentlichen nicht Nachkommen ursprünglich armer Bevölkerungsschichten waren, sondern der wohlhabenderen auf dem Land.

Nun könnte man vermuten, daß sich daraus über die Jahrhunderte ein gerichteter Selektionsprozeß ergäbe, WENN man nicht von den festen Erbregeln auf dem Land wüßte, nach denen schlicht meistens der älteste Sohn der Hoferbe war. Wie sich daraus ein lange fortwirkender Selektionsmechanismus ergeben soll, der auf Bedürfnis-Bedriedigungs-Aufschub (oder IQ) selektierte, erscheint mir noch mehr als fragwürdig.

Für das mittelalterliche und neuzeitliche Bürgertum in den deutschen Städten hinwiederum, in denen Kinderzahl (aufgrund von Siebung nach Schul- und Berufserfolg) sicherlich mehr nach IQ-Genen korreliert war, erscheint mir eine solche Vermutung jedoch noch zweifelhafter. Konkrete Fälle von Kinderzahlen in neuzeitlichen Städten, die deutlich über bestandserhaltende Geburtenraten hinausgehen, sind einem aus der Literatur doch nicht erinnerlich. Das europäische Bevölkerungswachstum hat sich doch im Wesentlichen immer vom Land aus vollzogen. In der Stadt Oppenheim am Rhein beispielsweise hat es deutliches Bevölkerungs-Wachstum aus sich selbst heraus zumindest in der Neuzeit nicht gegeben. Für französische Demographen (s. z. B. Pierre Chaunu "Die verhütete Zukunft") ist es vielmehr schon seit Jahrzehnten ein Gemeinplatz, daß das jahrhundertelange Wachstum der städtischen Bevölkerung vor allem durch den Zuzug vom Land geschehen ist, daß also auch die bürgerlichen, städtischen Schichten zu einem Großteil von den kinderreichen Familien auf dem stammen.

Nun werden sicherlich meistens eher die Intelligenteren der nachgeborenen Bauernsöhne und -töchter in die Städte abwandern als die weniger intelligenten. Aber ob das schon die Haupt-Erklärung auch für eine genetische Evolution sein könnten? Ich möchte es gewiß nicht ausschließen.

In jedem Fall wird die These von Gregory Clark dahingehend abgewandelt werden müssen, daß die demograpisch treibenden Kräfte der europäischen Wirtschaftsgeschichte und IQ-Evolution (zumindest in Deutschland) nicht das Stadtbürgertum, sondern die wohlhabenderen und kinderreichen Bauern und Bauersfrauen auf dem Land gewesen sind.

Aber selbst dann bleibt zu fragen, ob dies der Hauptmechanismus für die europäische IQ-Evolution gewesen sein wird. Daraus würde geschlußfolgert werden müssen, daß es ohne Bürgertum keine IQ-Evolution gegeben hätte. Aber auch schon für den gegenüber Europa durchschnittlich höheren IQ in China ist schon darauf hingewiesen worden, daß dort auch einfache Bauern auf dem Land einen nicht auffallend niedrigeren IQ haben als Stadtbewohner, daß deshalb Schriftgelehrtheit kein treibender Faktor für IQ-Evolution gewesen sein kann.

Ich selbst komme eigentlich immer mehr dazu anzunehmen, daß die europäische IQ-Evolution (und auch die ostasiatische?) schon lange vor dem Beginn der Seßhaftigkeit eingesetzt hat und durch sie gar nicht einmal besonders hat beschleunigt werden müssen. Sie wurde durch die oben beschriebenen Mechanismen vielleicht im wesentlichen nur noch stabilisiert. Es könnte sich auch einfach nur um selektive, populationsgenetische Flaschenhals-Ereignisse gehandelt haben, die schon lange vor der Seßhaftigkeit eingesetzt haben, und deren Ergebnisse dann über Jahrtausende hinweg nicht mehr wesentlich selektiv beeinflußt wroden sind. Es ist ja auch naheliegend, ein solches entscheidendes Flaschenhals-Ereignis für die Evolution des aschkenasischen IQ anzunehmen.

(Der Artikel hat eine Fülle von Leser-Kommentaren hervorgerufen, kann ich aber jetzt nicht durchsehen.)

Samstag, 19. Mai 2007

"Größter Schatzfund aller Zeiten" (1708)

Bei Titeln mit Superlative ist man ja meist erst mal skeptisch. 

Um so überraschender, wenn sie stimmen - entdeckt in einem 400 Jahre alten, im Atlantik gesunkenen Schiff (Spiegel):

... eine halbe Million Silbermünzen, hunderte Goldmünzen und Artefakte, deren Gesamtwert sich auf 500 Millionen Dollar beläuft.
Der Fundort ist noch geheim:
In der Region seien so viele Schiffe versunken, daß die Schatzsucher selbst noch keine Gewißheit über Nationalität, Größe und Alter des untergegangenen Schiffes hätten.
"Wir sind begeistert von der historischen Bandbreite der Münzen", sagte Stemm der "New York Times". "Sammler werden absolut elektrisiert sein, wenn sie die Qualität und Vielseitigkeit des Schatzes sehen."

Hier ist wirklich der gesamte Schatz drauf:

Ergänzung 10.7.2025: Inzwischen ist das Schiff identifiziert. Es handelt sich um das spanische Flagschiff "San José" (Wiki, engl), das 1708 von dem britischen Kriegsschiff "Expedition" im Seegefecht von Cartagena (Wiki) vor der Küste Kolumbiens in Brand geschossen worden ist, explodiert und gesunken ist (Wiki):

Eine gewisse Bekanntheit erlangte das Gefecht dadurch, daß mit ihm der Untergang der spanische Galeone San José verbunden ist, welche infolge eines (vermutlich) milliardenschweren Schatzes an Bord auch als der „heilige Gral der Schiffswracks“ bezeichnet wird. (...) 
In den folgenden zweieinhalb Stunden lieferten sich die San José und die Expedition ein erbittertes Artilleriegefecht, wobei die Geschützmannschaften auf dem spanischen Schiff aber dadurch behindert wurden, daß das Schiff voll beladen war und zahlreiche Personen an Bord hatte.
Gegen 19:30 Uhr und während bereits die Dämmerung hereinbrach - das spanische Flaggschiff hatte zu diesem Zeitpunkt bereits beträchtliche Schäden erlitten - näherte sich die Expedition in Enterabsicht der San José bis auf etwa 60 Meter und feuerte eine letzte Breitseite auf das spanische Führungsschiff ab. In der Folge kam es an Bord der San José zu einer Explosion in einer Pulverkammer - wobei bis heute ungeklärt ist, ob diese Folgeexplosion durch einen Zufallstreffer des britischen Schiffes oder einen Unfall an Bord des spanischen Schiffes verursacht wurde - und die überladene Galeone kenterte innerhalb weniger Minuten nach Backbord. Bedingt durch die Explosion und das schnelle Sinken konnten sich nur sehr wenige Menschen retten. Britische Boote, die die Untergangsstelle absuchten, konnten lediglich elf Überlebende bergen.

Es handelt sich bei diesem Geschehen um eine Episode des Spanischen Erbfolgekrieges (1701-1714) zwischen Spanien-Österreich (Habsburg) einerseits und Frankreich unter Ludwig XIV. andererseits. Österreich stieg durch diesen Krieg zur europäischen Großmacht und Großbritannien zu einer führenden Seemacht auf.

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