Hatten die Menschen der Lengyel-Kultur, bzw. der Jordansmühler Kultur daran Anteil, an der Ethnogenese der Trichterbecher-Kultur?
Die Trichterbecherkultur (4.300 bis 2.800 v. Ztr) (Wiki, engl) ist hier auf dem Blog bislang nur sehr stiefmütterlich behandelt worden (außer: Stg2026). Zu viele andere Themen waren uns bislang wichtiger gewesen.
Aufgrund einer neuen Studie sind wir gerade sehr erstaunt, was für eine Vielfalt an Keramik sich schon in der Trichterbecherkultur findet (1) (Abb. 1 bis 4) und wie formschön diese anzusehen ist. Diese vielfältigen Keramikformen datieren auf die Zeit nach 3.500 v. Ztr. und werden auf Einflüsse der Badener Kultur (3.500-2.700 v. Ztr.) (Wiki) aus dem Mittleren Donauraum zurück geführt (1). Indem wir aber von dieser neuen Studie ausgehen, machen wir uns nach und nach eine Fülle von Zusammenhängen klar, die am Ende darauf hindeuten, daß die Trichterbecher-Kultur tatsächlich - wie schon 1975 von einem dänischen Archäologen vermutet (Wiki) - in Kujawien an der Weichsel entstanden sein könnte (also in der ehemaligen deutschen Provinz Posen).
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| Abb. 1: Gefunden 2016 bei dem Dorf Slabencinek, gelegen 3,5 Kilometer nördlich von Hohensalza (Inowrocław) (Wiki) in Kujawien, 3.500 bis 3.350 v. Ztr. (das Dorf wurde auf Deutsch auch Ruppertshof genannt; poln. Sławęcinek) (aus 1) |
Der Leser mache sich also zunächst in diesem Blogartikel auf ein "Sammelsurium" von Themen gefaßt. Wir pflücken viele unaufällige "Erkenntnis-Blumen" am Wegesrand und geraten dabei unversehens zur etwaigen Klärung einer Frage, die den Bloginhaber schon seit mehreren Jahrzehnten umtreibt: Wo und wann entstand die Trichterbecher-Kultur?
Wir gehen die Dinge jedenfalls nach und nach durch so wie sie auch bei der Erarbeitung dieses Blogartikels in das Blickfeld gerieten: Die erwähnte Badener Kultur ist ab 3.500 v. Ztr. im Karpatenbecken entstanden. Mit ihr kam es - sozusagen - zu einem "Wiederaufleben", bzw. genauer: zu einer ersten Ausbreitung typischer (west-)europäischer, mittelneolithischer Bauerngenetik in das Karpatenbecken, ganz ohne die Beimischung von Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik. Diese Beimischung hatte in dieser Region sowohl in der vorhergehenden wie auch in der nachfolgenden Kultur gegeben (s. (Stg2021). Ebensowenig hat es in der Badener Kultur - natürlich - Steppengenetik gegeben. Denn diese Steppengenetik entstand in genau jener Zeit ab 3.300 v. Ztr. erst innerhalb der Jamnaja-Kultur am Mittleren Dnjepr.
Und nun noch ein weiterer Umweg, bevor wir zu dem spannendsten Ergebnis dieses Blogartikels kommen.
Wurden Rad und Wagen in der Cucuteni-Tripolje-Kultur erfunden?
In diesen Zeitraum fällt auch die Erfindung des Rades und des von Rindern gezogenen Wagens. Da diese Erfindung noch wichtiger ist als die Vielfalt der Gefäßformen, fühlen wir uns getrieben, uns zunächst mit diesem Thema zu beschäftigen. Vor fünfzehn Jahren waren wir einmal total fasziniert davon, daß Rinderwagen-Prozessionen in der Zeit um 3.100 v. Ztr. in Nordjütland von Archäologen hatten nachgewiesen werden können (Stg2010). Damals stand für uns die Kugelamphoren-Kultur (3.300 bis 2.800 v. Ztr.) im Vordergrund. Auch aus der Badener Kultur, so wird auf den ersten Blick erkennbar, gibt es vergleichsweise viele und eindrucksvolle Wagendarstellungen. Aber noch ältere Wagendarstellungen gibt es - einerseits aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine (Abb. 8) und andererseits aus der Trichterbecher-Kultur fünfzig Kilometer nordöstlich von Krakau (Abb. 3). 2012 wurden die Forschungen darüber von Seiten einer ungarischen Archäologin folgendermaßen zusammen gefaßt (2, S. 19):
Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Rad und Wagen höchstwahrscheinlich nicht aus Mesopotamien nach Europa gelangten. Es ist möglich, daß diese beiden Innovationen (...) aus dem Nordschwarzmeer-Raum stammen; die neuen Funde aus Nord- und Westeuropa aus dem späten Neolithikum legen jedoch die Vermutung nahe, daß Rad und Wagen gleichzeitig an verschiedenen Orten erfunden wurden. Dies würde die Unterschiede in Form und Stil erklären und warum ihnen in verschiedenen Gesellschaften und Glaubenssystemen Anatoliens und Europas unterschiedliche Funktionen zugeschrieben wurden.
Insgesamt ist die Frage nach dem Entstehungsort oder der Entstehungsregion von Rad und Wagen also offen. Und sie bleibt spannend. Aber der Zeitraum kann immer besser eingegrenzt werden. Nämlich auf die erste Hälfte des 4. Jahrtausends v. Ztr., grob ab 4.000 v. Ztr..
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Die ungarische Archäologin führt nämlich weiter aus (2, S. 22):
Abgesehen von den in der Steppe gefundenen Gefäßen mit Wagendarstellungen stammt die wohl bekannteste Darstellung eines Radfahrzeugs auf einem Keramikgefäß aus Bronocice in Polen (KRUK – MILISAUSKAS 1991, Abb. 3). Seine Entdeckung eröffnete ein neues Kapitel in der Erforschung europäischer Wagen. Das Gefäß konnte zuverlässig datiert werden: Radiokohlenstoffdatierungen ergaben, daß die Grube der Trichterbecherkultur, in der es gefunden wurde, älter ist als die Badener Kultur. Die eingeritzte Piktografie zeigt einen vierrädrigen Wagen mit einem rechteckigen Kasten. Auch die zentrale Zugstange ist abgebildet. In der Mitte ist ein weiteres Rad zu sehen, das nach Ansicht von Albert Lanting ein Ersatzrad oder ein heiliges Bild oder Objekt war (BAKKER et al. 1999, 784). Auch die Art der Zugvorrichtung konnte rekonstruiert werden (KRUK – MILISAUSKAS 1991, Abb. 2). Wir wissen, daß Rinder, vermutlich Ochsen, vor schwere Karren gespannt wurden, deren Achse sich mit dem Rad drehte, wie bei dem Fahrzeug auf dem Bronocice-Gefäß. Auch andere Symbole sind zu sehen (möglicherweise solche, die Wasser, Bäume oder Gebäude darstellen). Das Bronocice-Gefäß lieferte den eindeutigen Beweis, daß vierrädrige Fahrzeuge bereits lange vor dem Aufstieg der Baden-Kultur in Europa existierten (KRUK – MILISAUSKAS 1978, 1981, 1982, 1991, Abb. 3; BAKKER et al. 1999, Abb. 7).
Damit (Abb. 3) befinden wir uns also mitten in Geschehen rund um die Trichterbecher-Kultur.
| Abb. 3: Ein berühmtes Keramikgefäß aus Bronocice, gelegen fünfzig Kilometer nordöstlich von Krakau, 3.550 v. Ztr. (Wiki) - Gefunden 1975, Archäologisches Museum Krakau - Er wird auf die Zeit vor der Badener Kultur datiert |
Doch auch dies muß noch nicht der älteste, bisher vorliegende Nachweis von Rad und Wagen sein. Die ungarische Archäologin schreibt über die Zeit vor der "Boleraz-Phase", also vor der frühesten Phase der Badener-Kultur (2, S. 23f):
Ein weiterer kürzlich gemachter Fund bestätigte die Vertrautheit mit Räder-Wagen vor der Boleráz-Zeit: eine stilisierte Rinderfigur auf Rädern, eine ungewöhnliche Kombination aus einem Wagen auf vier massiven Rädern und einem daran gespannten Ochsen (...). Über dieses faszinierende Modell ist nur wenig bekannt, außer daß es irgendwo in der Ukraine gefunden wurde und vermutlich in die Zeit zwischen 3950 und 3650 v. Ztr. datiert werden kann (CUCUTENI TRYPILLIA, Kat.-Nr. U-102, 263).Another recent find too confirmed the familiarity with wheeled vehicles before the Boleráz period: a stylised cattle figurine set on wheels, a curious combination of a wagon rolling on four solid wheels and the oxen yoked to the wagon (Fig. 2. 1). Very little is known about this intriguing model save for the fact that it was found somewhere in the Ukraine and that it can probably be dated to the period between 3950 and 3650 BC (CUCUTENI TRYPILLIA, Cat. no. U-102, 263).
Die Abbildung dazu stellen wir - um ihrer Plumpheit willen! - ganz unten ein (s. Abb. 8). Denn wir fühlen uns beleidigt davon, daß ein solches "Kinderspielzeug" der älteste Hinweis auf Rad und Wagen sein soll (!). Aber wie auch immer. In diesem Zusammenhang ist nun immer auch zu erörtern die Entdeckung von Radspuren bei Flintbek bei Hamburg aus der Zeit um 3.400 v. Ztr. (UniKiel2017) (Wiki). Ähnlich wäre an das Galeriegrab von Züschen (Wiki) in Nordhessen zu erinnern mit seinen Wagendarstellungen. Es gehört der Wartbergkultur aus der Zeit zwischen 3.500 und 2.800 v. Ztr. an. Man sieht also, daß die Zeugnisse ab 3.500 v. Ztr. dichter werden, ebenso innerhalb der Badener Kultur (s. Abb. 7).
Jedenfalls: Schon an der Nutzung von Rinderwagen sollte - neben den Megalithgräbern der Elite - erkennbar sein, daß wir es europaweit und damit auch schon bei der Trichterbecher-Kultur mit sozial geschichteten Gesellschaften zu tun haben, Gesellschaften, die sich gliederten in Adel, Freie und Hörige, so wie sie erstmals ab 4.700 v. Ztr. im Pariser Becken und in der Bretagne entstanden waren und sich nach Osten ausgebreitet haben - zusammen mit "nichtmegalithischen Langgräbern" (s. Stg2025 und die beiden darauffolgenden Artikel).
Kujawien und seine Salzvorkommen - Von vielen mittelneolithischen Kulturen begehrt
Schon 1975 suchte ein namhafter dänischer Archäologie - wie gesagt - den Ursprung der Trichterbecher-Kultur nicht in Schleswig-Holstein, sondern in Kujawien an der Mittleren Weichsel (bis 1918 die deutsche Provinz Posen) (Wiki):
Die Trichterbecherkultur entstand in den südlichen Küstenregionen der Ostsee, vermutlich in Kujawien an der Weichsel, da sowohl die Bewohner von Barkær als auch eine weitere, frühe Siedlung, Stengade auf Langeland, einen Bestattungsbrauch mit großen Ähnlichkeiten aufwiesen. Sie war als Zweig der Michelsberger Kultur aus dem Süden dorthin gelangt.
Als Zweig der Michelsberger Kultur? In Kujawien? Da müssen wir erneut etwas weiter ausholen. Aber auf "Umwegen" macht man mitunter die tollsten Entdeckungen.
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| Abb. 4: Tasse aus einem jungsteinzeitlichen Großsteingrab in der Fischbeker Heide im Hamburger Stadtteil Neugraben-Fischbek (Wiki) - Archäologisches Museum Hamburg |
Auf Verbreitungskarten sehen wir zunächst, daß die Rössener Kultur (4790 bis 4550 v. Ztr.) (Wiki) sich vom Pariser Becken bis nach Kujawien und bis nach Böhmen ausgebreitet hat (als Auswirkung der "Französischen Revolution" von 4.700 v. Ztr.). Allerdings herrschte in Böhmen von 4.900 bis 4.300 v. Ztr. genetische Kontinuität ausgehend von den Bandkeramikern, und zwar in Form der Stichbandkeramik (Stg2021).
Die dann in Böhmen auf die Stichbandkeramik folgende Jordansmühler Kultur (Wiki), die von den Archäogenetikern schon charakterisiert worden ist (Stg2021), wird nun als eine Untergruppe der Lengyel-Kultur (5.000 bis 4.000 v. Ztr.) (Wiki) angesprochen (s.a. Abb. 8). Und indem wir uns diesen Umstand klar machen, kommt uns der Gedanke: Womöglich läßt sich daraus schlußfolgern, daß das genetische Profil der Jordansmühler Kultur auf die gesamte Lengyel-Kultur zutrifft (?). Dann hätte sich das genetische Profil der Jordansmühler Kultur, bzw. der Lengyel-Kultur womöglich von der Donau bis nach Kujawien ausgebreitet und (womöglich) dort dasjenige der Rössener Kultur ersetzt - oder aber es hätte sich dort mit Resten von Nachommen von Bandkeramikern vermischt. Ob von dieser Kultur dann Anregungen ausgingen zur Entstehung der Trichterbecher-Kultur? An dieser Stelle kam uns aber dieser Geistesblitz noch nicht. Wir lesen auf dem polnischen Wikipedia zur Lengyel-Kultur (Wiki):
Die Lengyel-Kultur war eine neolithische Kultur (ca. 5000–4000 v. Ztr.), hervorgegangen aus den Donaukulturen, benannt nach dem Dorf Lengyel in der Region Tolna bei Kaposvár in Ungarn. Ihre Fortsetzung war die Jordansmühler Kultur. Die Angehörigen dieser Kultur besiedelten Gebiete des heutigen Polens (Schlesien, Kleinpolen, die Warthe-Region und Kujawien), der Tschechischen Republik (Südmähren), der Westslowakei, Westungarns sowie angrenzende Teile Österreichs, Sloweniens und Kroatiens. In Polen vermischten sich Elemente der Lengyel-Kultur mit Elementen der Polgar-Kultur und bildeten so den sogenannten Lengyel-Polgar-Komplex.
Hier ist offenbar die Tiszapolgár-Kultur (4.500 bis 4.000 v. Ztr.) (Wiki) aus dem Karpatenbecken angesprochen. Da die Jordansmühler-Kultur durch Jäger-Sammler-Genetik der Karpaten geprägt ist (Stg2021) und damit vermutlich auch die Lengyel-Kultur, könnte dieser Umstand natürlich auch auf die Tiszapolgár-Kultur zutreffen, die ja den Karpaten sowieso am nächsten existierte.
Die nun im dänischen Wikipedia-Zitat genannte Michelsberger Kultur (4.400 bis 3.500 v. Ztr.) stammte erneut wohl aus der damaligen gesellschaftlichen Innovationsschmiede des Pariser Beckens und hat sich - wenn man sich Verbreitungskarten ansieht - in Böhmen zwar noch ein wenig über die Elbe ausgebreitet, aber keineswegs bis zur Oder oder über diese hinaus. Im Museum in Pilsen wird durchaus Keramik der Michelsberger Kultur gezeigt (Wiki). Aber die Archäogenetiker stellen im Gegensatz zu dieser Verbreitungskarte fest, daß ab 3.100 v. Ztr. auch in Böhmen Menschen mit Trichterbecher-Genetik siedeln (Stg2021). Auf eine Genetik, die mit der Michelsberger Kultur zusammen hängt, scheinen sie nicht gestoßen zu sein. Zumindest bislang nicht.
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| Abb. 5: Rindergespann aus Bythin (poln. Bytyń), 30 Kilometer westlich der Stadt Posen, Arsenische Bronze, 4. Jhtsd. v. Ztr., |
Aber uns fällt gerade noch ein Umstand auf: In der Trichterbecher-Genetik fanden die Archäogenetiker schon 2021 einen kleinen Anteil Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik (Stg2021). Ist das nicht doch ein Hinweis darauf, daß die Trichterbecher-Kultur in Kujawien entstanden sein könnte, bis wohin sich diese Karpaten-Jäger-Sammler-Genetik mit der Lengyel-Kultur, bzw. mit der Jordansmühler Kultur ausgebreitet haben könnte? Diese Frage läßt uns noch einmal in die Willerslev-Studie von 2024 hinein schauen. Und in der Tat: auch sie hatte überraschend hohe Übereinstimmungen des Jäger-Sammler-Herkunftsanteils der Trichterbecher-Leute ausgerechnet mit Jägern und Sammlern aus dem Karpatenraum gefunden (s. Stg2026, und darin die Abb. 2 und darin die 3. Grafik ganz rechts). Und sie hatte deshalb geschlußfolgert, daß der Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecher-Kultur "nichtlokaler" Herkunft sei. (Eine Schlußfolgerung, die uns vor einigen Monaten noch ganz unplausibel vorkam: Stg2026.)
Aber mit all dem rücken die Ergebnisse der archäogenetischen Böhmen-Studie von 2021 in ganz neue Zusammenhänge! Ebenso die Ergebnisse der Willerslev-Studie von 2024. In räumlich viel weitergehende als bislang - zumindest von uns - geschlußfolgert. Ob die Archäogenetiker und die Archäologen bezüglich dieser Frage schon aufeinander aufmerksam geworden sind? Wir sehen dafür bislang nirgendwo Hinweise.
Woher stammt der "nichtlokale" Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Trichterbecher-Kultur?
Doch nun zunächst zu dem ursprünglichen Ausgangspunkt zurück, zur Vielfalt der Keramikformen innerhalb der Späten Trichterbecher-Kultur ab 3.500 v. Ztr. In der genannten neuen Studie heißt über diese spätere Phase (1):
Dieses Gesamtbild änderte sich um 3650/3500 v. Ztr. grundlegend, als die Badener Kultur des Karpatenbeckens, die eine über die Kultur hinausgehende Ausgestaltung neuer gemeinsamer Werte und sozialer Möglichkeiten aufwies, sich über einen Großteil Mitteleuropas erstreckte und von den Trichterbecher-Bauern auf dem Gebiet des heutigen Polens mehr oder weniger selektiv übernommen wurde. In dieser Zeit war Europa durch ein Netzwerk von Austausch und sozialen Aktivitäten miteinander verbunden, das von Kleinpolen und Süddeutschland bis in die Ostalpenregion und von Südpolen, Mähren und der Slowakei über Ungarn bis nach Serbien reichte. Die alte Vorstellung von monumentaler Architektur wurde durch das Aufkommen neuer Einstellungen zum Tod und zur Bestattung, wie sie sich in Siedlungsbestattungen und Feuerbestattungen zeigten, in Frage gestellt. Die Siedlungen wurden nun zu Orten, an denen sich ritueller und häuslicher Bereich trafen und vermischten (...). Zentrale Hauptorte entwickelten sich zu Bezugspunkten für die benachbarten Weiler und prägten die sozialen und politischen Entwicklungen in der Region, wie beispielsweise an den Trichterbecher-Fundstätten Bronocice und Kałdus erkennbar ist.
Das hier erwähnte Bronocice liegt 50 Kilometer nordöstlich von Krakau. Dort wurde die schon behandelte frühe Rinderwagendarstellung gefunden (s. Abb. 3). Kaldus (Wiki) liegt 3 Kilometer südlich von Kulm, 40 Kilometer nördlich von Thorn am Ostufer der Weichsel (GMaps). In Kaldus wurde neben der hier erwähnten Trichterbecher-Siedlung auch eine befestigte Siedlung der Lausitzer Kultur und eine Wikinger-Siedlung ausgegraben (Wiki). Das von uns schon behandelte Dorf Unislaw (Prl2019) liegt 14 Kilometer südlich von Kaldus.
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| Abb. 6: Trichterbecher aus Skarp Salling, Dänemark (Wiki), 3.200 v. Ztr., Nationalmuseum Kopenhagen |
Wir lesen nun weiter über die spätere Phase der Trichterbecher-Kultur ab etwa 3.500 v. Ztr. (1):
Eine engere Kontaktzone entstand in Kleinpolen und Schlesien, wo die stilistischen Einflüsse der Badener Kultur besonders im Keramikrepertoire der Trichterbecher-Kultur deutlich ausgeprägt sind. Darüber hinaus läßt sich eine Kette von Verbindungen zwischen Baden und Trichterbecher-Kultur (der sogenannte "Badenisierungs-Prozeß") anhand der Fortschritte in Ackerbau und Tierhaltung nachvollziehen, insbesondere durch die Einführung neuer landwirtschaftlicher Techniken wie Düngung und Zugtierhaltung. Grundlegend für diesen Prozeß war die zunehmende Bedeutung tierischer Nebenprodukte, erkennbar an der Sterblichkeitsrate und dem Geschlechterverhältnis der Herden sowie an Keramikfunden mit Milchfetten und -proteinen, zusammen mit der weitverbreiteten Verwendung von konischen Spinnwirteln und anderem Webzubehör.
Weiter lesen wir (1):
Die zunehmenden Verbindungen zwischen den Regionen der Trichterbecher- und der Baden-Kultur förderten den Austausch von Luxusgütern wie Feuersteinäxten und makrolithischen, retuschierten Klingen sowie Metallen. Diese Objekte wurden von den lokalen Machteliten der Trichterbecher-Kultur in Polen als Mittel zur Manifestation ihrer jeweiligen sozialen und politischen Interessen angenommen. Die fortwährenden Impulse der Badener Kultur führten auch zur Entstehung gemeinsamer Konventionen für öffentliche Trinkrituale, bei denen verschiedene Keramikgefäße aus dem lokalen Repertoire der Trichterbecher-Kultur verwendet wurden, darunter Becher mit hornförmigen Henkeln (ansa lunata), weithalsige Becher, Gläser und Flaschen mit Kragen. Die materiellen Zeugnisse dieses Prozesses lassen sich nun bis zur Trichterbecher-Fundstätte Slabencinek in Kujawien, Zentralpolen, zurückverfolgen, wo ein Trinkgeschirr entdeckt wurde, das für Milchprodukte verwendet wurde. Das Trinkgeschirr und andere Funde der Fundstätte geben Einblicke in die sozialen und rituellen Aspekte der Verschmelzung von Elementen der Baden-Kultur mit den lokalen Gegebenheiten. Die Funde tragen auch zu unserem Verständnis des komplexen Zusammenspiels zwischen Milchwirtschaft, Trinkritualen und den frühesten Rinderwagen bei.
Das hier erwähnte Dorf Slabencinek (auch Ruppertshof; poln. Sławęcinek) liegt 3,5 Kilometer nördlich von Hohensalza (Inowrocław) (Wiki) und 40 Kilometer westlich von Thorn an der Weichsel. Es liegt im früheren Kreis Hohensalza (Wiki), dessen 75.000 Einwohner im Jahr 1905 zu 30% aus Deutschen und zu 70% aus Polen bestand. Die Stadt Hohensalza selbst hatte 1871 7429 Einwohner, davon waren 2000 evangelisch, 3750 katholisch und 1560 jüdisch (Wiki). 1910 waren von den 25.600 Einwohnern in Hohensalza 58% Polen (16.000 Katholiken, 8400 Evangelische, 951 Juden; 2051 Militärpersonen). Der Anteil der Deutschen = Evangelischen war also auch hier recht hoch. Dieser Umstand tritt leicht in den Hintergrund. Die hier seit Jahrhunderten lebenden Deutschen, die mitgeholfen hatten, das Land wirtschaftlich auf die Höhe zu bringen, wurden schon zwischen 1919 und 1939 systematisch aus ihrer Heimat verdrängt.
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| Abb. 7: Rekonstruktion eines tönernen Wagens der Badener Kultur mit Scheibenrädern von Szigetszentmárton (Ungarn), nach 3.500 v. Ztr. (Museum) |
Aber zurück ins Mittelneolithikum: Anhand der Trichterbecher-Gefäße von Slabencinek gelang der Nachweis, daß in ihnen Milchprodukte konsumiert worden sind (Arch2023). Und das, obwohl die angeborene Laktoseintoleranz bei Erwachsenen zu dieser Zeit vorherrschend war, wie man inzwischen sicher durch die Archäogenetik weiß. Das heißt, daß es sich bei den konsumierten Milchprodukten um verarbeitete Milchprodukte gehandelt haben muß, um Milchprodukte wie Kefir, Jogurth oder ähnliche.
Uns wird bei Erarbeitung dieses Blogartikels erst bewußt, wie sehr es sogar für den rein wissenschaftlichen Fortschritt schädlich ist, daß wir Deutschen die Heimat von einem Viertel unserer Vorfahren (insgesamt gesehen) so ganz und gar aus den Augen verloren haben. Schon rein für das Verständnis vorgeschichtlicher, archäologischer Zusammenhänge ist das ein großer Fehler.
Soweit wir können, wollen wir künftig die Arbeiten polnischer Archäologen regelmäßiger im Auge behalten. Durch die Übersetzungenfunktionen bei der Nutzung des Internets ist dies auch immer leichter geworden.
Abschließend sei noch erwähnt: Das Dorf Bythin (poln. Bytyń) (Wiki) nahe dem Dorf Kazmierz (Wiki), wo ein bronzenes Rindergespann gefunden wurde (Abb. 5) liegt 30 Kilometer westlich der Stadt Posen, 17 Kilometer östlich der Stadt Pinne inmitten der vormalig deutschen Provinz Posen auf der Straße von Posen nach Küstrin an der Oder.
Ebenso sei festgehalten: In der ungarischen Stadt Kalasch (ungar. Budakalász) (Wiki, ungar) nahe von Budapest am rechten Donauufer fand man 1953 ein Wagenmodell (Wiki), das aus der Badener Kultur hervorgegangen ist, also auf die Zeit nach 3.500 v. Ztr. zu datieren ist.
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| Abb. 8: Wagenmodell aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur |
Und ganz zum Schluß die bislang womöglich älteste Wagendarstellung der Welt, hervorgegangen aus der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der ersten Hälfte des 4. Jahrtausends v. Ztr. (Abb. 8).
Archäologen diskutieren die Urheimat der Trichterbecher-Kultur (2013 bis 2020)
Die Ausführungen oben forderten noch weitere Literatur-Recherchen heraus. Ergebnis: Nun gut, die Theorie, daß Kujawien die Urheimat der Trichterbecherkultur sein könnte, ist nicht neu. Wir lesen in einer Studie von 2013 (5):
... Die dritte Theorie geht von starken genetischen Verwandtschaftsverhältnissen zwischen der Trichterbecher-Kultur und der späten Lengyel-Kultur (der Brześć-Kujawski-Gruppe) in der Region Kujawien (Zentralpolen) aus. Sie stützt sich auf zwei sehr frühe C14-Datierungen aus den Fundstätten Sarnowo und Łącko in Kujawien (Zentralpolen) und weist auf Ähnlichkeiten in der Keramik- und Steingeräteproduktion zwischen der Brześć-Kujawski-Gruppe der Lengyel-Kultur und der sogenannten Sarnowo-Phase der Trichterbecher-Kultur hin (Domańska und Kośko 1974; Kośko 1980; 1981; Czerniak und Kośko 1993; Domańska 1995)....The third theory suggests strong genetic relationships of the FBC and late Lengyel culture (the Brześć Kujawski Group) of the Kuyavia region (central Poland). It relies on two very early C14 dates from the sites of Sarnowo and Łącko at Kuyavia (Central Poland) and suggested similarities in pottery and lithic production between the Brześć Kujawski Group of the Lengyel Culture and the socalled Sarnowo phase of the FBC (Domańska and Kośko 1974; Kośko 1980; 1981; Czerniak and Kośko 1993; Domańska 1995).
Das Wort "genetisch" darf hier wörtlich genommen werden. 2013 steckte die Archäogenetik noch in den Kinderschuhen. Man bezieht sich hier auf Studien der Lodscher Archäologin Lucyna Domańska (UniLodz)(Acad) (Resg). Und es wird weiter ausgeführt (5):
Die Anfänge der östlichen Gruppe der Trichterbecher-Kultur sowie eines der Hauptkonzepte zu deren Genese basieren auf einzelnen Radiokohlenstoffdatierungen von zwei polnischen Fundstätten in der Region Kujawien, nämlich Sarnowo und Łącko: 4420±50 cal. v. Ztr. (5570±60 v. Chr. – GrN-5035; Bakker et al. 1969) bzw. 4430±110 cal. v. Ztr. (5570±110 v. Chr. – Gd-6019; Domańska und Kośko 1983). In beiden Fällen sind diese Datierungen aufgrund der geringen Qualität und des umstrittenen stratigraphischen (und kulturellen) Kontextes der analysierten Holzkohle grundsätzlich zweifelhaft (Bakker et al. 1969; Domańska und Kośko 1983; Nowak 2009, 263–266; Rybicka 2011). Ohne auf Details einzugehen (siehe dazu beispielsweise Nowak 2009, S. 263–266), erfüllen die Proben nicht die modernen Standards für die Radiokohlenstoffdatierung, und die Ergebnisse der C14-Analyse von Sarnowo und Łącko müssen als unzuverlässig verworfen werden. Dies ist symptomatisch dafür, daß für die gesamte östliche Gruppe der FBC nur zwei so frühe Datierungen vorliegen und es an weiteren Radiokohlenstoff- (oder anderen) Datierungen mangelt, die älter als etwa 4000 v. Chr. sind. Tatsächlich besteht eine Lücke von etwa 400 Kalenderjahren, und verläßliche C14-Datierungen der stilistisch ältesten Phase der FBC stammen aus der Zeit um die Wende vom 5. zum 4. Jahrtausend v. Ztr. Dazu gehören Fundstätten wie Renice 5, datiert auf etwa 3800–3750 v. Ztr. (Poz-3182: 4995 ± 35 v. Ztr., Poz-31781: 4990 ± 35 v. Ztr., Poz-34215: 4975 ± 35 v. Ztr.; Rzepecki 2011, 49), Strzelce-Krzyżanna 56 – ca. Kaliber 3827-3740. Ztr. (Utc-8559: 4980±50 BP, Ki-6180: 4950±50 BP, Ki-6179: 5020±60 BP; Rzepecki 2004, 98, Tab. 18), Łojewo 35 – ca. 3868 cal Ztr (Gd-6265: 5080±90 BP; Rzepecki 2004, 98, Tab. 18), insbesondere Redecz Krukowy 20. Von dieser letzten Fundstätte datieren mehrere C14-analysierte Proben organischer Substanz, die direkt von Gefäßen entnommen wurden, die Siedlung der Sarnowo-Phase auf etwa 4050 v. Ztr. und 3500 v. Ztr., wobei die meisten Datierungen zwischen 4050 und 3850 v. Ztr. liegen (Papiernik 2012). Erwähnenswert ist, daß die neuen Datierungen aus Sarnowo ebenfalls direkt an Keramikfragmenten vorgenommen wurden. Diejenigen, die offenbar der frühesten Phase der FBC zuzuordnen sind, sind deutlich jünger als die oben genannte, zweifelhafte Datierung (ca. 3773 v. Chr., Ki-15742: 4940 ± 90 BP; ca. 3540 v. Chr., Ki-15743: 4790 ± 80 BP; Rybicka 2011). Zusammenfassend läßt sich nach den verfügbaren Daten der Beginn der ältesten Phase der FBC in Kujawien auf etwa 4000 v. Ztr. datieren.The beginnings of the Eastern Group of the FBC, as well as one of the main concepts on the genesis of the FBC, are based on single radiocarbon dates from two Polish sites in the Kuyavia region, namely Sarnowo and Łącko: 4420±50 cal. BC (5570±60 bp – GrN- 5035; Bakker et al. 1969) and 4430±110 cal. BC (5570±110 bp – Gd-6019; Domańska and Kośko 1983) respectively. In both cases these dates fundamentally doubtful because of the poor quality and controversial stratigraphic (and cultural) context of the analyzed charcoal (Bakker et al. 1969; Domańska and Kośko 1983; Nowak 2009, 263-266; Rybicka 2011). Without going into detail (for that see for instance Nowak 2009, 263-266), the samples do not meet modern standards for radiocarbon analysis and the results of C14 analysis from Sarnowo and Łącko have to be rejected as unreliable. This is symptomatic, that for whole of the Eastern Group of the FBC only two such early dates exist and there is a lack of other radiocarbon (or other) dates older than about 4000 cal. BC. In fact we have a hiatus of about 400 calendar years, and reliable C14 dates of the stylistically oldest phase of the FBC come from the turn of the 5th and 4th millennia cal. BC. These include sites such as Renice 5, dated at about 3800-3750 cal. BC (Poz-3182: 4995±35 BP, Poz-31781: 4990±35 BP, Poz-34215: 4975±35 BP; Rzepecki 2011, 49), Strzelce-Krzyżanna 56 – ca. 3827-3740 cal. BC (Utc-8559: 4980±50 BP, Ki-6180: 4950±50 BP, Ki-6179: 5020±60 BP; Rzepecki 2004, 98, tab. 18), Łojewo 35 – ca. 3868 cal BC (Gd-6265: 5080±90 BP; Rzepecki 2004, 98, tab. 18), and especially Redecz Krukowy 20. From this last site several C14 analyzed samples of organic matter sampled directly from vessels date the Sarnowo phase settlement in the range of 4050 and 3500 cal BC, with most of dates between 4050 and 3850 cal. BC (Papiernik 2012). It is worth mentioning that the new dates from Sarnowo are also made directly on pottery fragments. Those apparently belonging to the earliest FBC phase are much younger than the above cited doubtful date (ca. 3773 cal. BC, Ki-15742: 4940±90 BP; ca. 3540 cal. BC, Ki-15743: 4790±80 BP; Rybicka 2011). Summing up, according to accessible data the beginnings of the oldest phase of the FBC at Kuyavia can be dated to around 4000 cal. BC.
Und dann wird auf deutsch-polnische Ausgrabungen bei Neuwasser in Pommern Bezug genommen, denen wir hier auf dem Blog auch schon einen Artikel gewidmet hatten (Stg2017). Es wird ausgeführt (5):
Wichtige Erkenntnisse, die den Beginn der östlichen Gruppe der Trichterbecher-Kultur etwas weiter zurückdatieren, stammen aus den letzten Grabungskampagnen in Neuwasser (poln. Dąbki). Eine der Fundstellen (Nr. 38) der spätmesolithischen Siedlung barg eine faszinierende Ansammlung von mehreren hundert mesolithischen Feuersteinartefakten, Fragmenten typischer Spitzbodengefäße sowie zweier Trichterbecher und Abfallprodukte der Bernsteinscheibenherstellung (Abb. 12). Die Fragmente mesolithischer Gefäße gehören zu mindestens sechs Spitzbodengefäßen, die mit einer einzelnen Reihe kleiner Löcher unter dem Rand und Einkerbungen am Randrand verziert sind. Der Ton ist mit Granit gemagert. Beide Trichterbecher sind im „Sarnowo“-Stil gefertigt und weisen eine leicht S-förmige Gefäßform, eine Verzierung in Form einer einzelnen Reihe kleiner, unregelmäßiger Stempel unter dem Rand und – typisch für Kujawien – eine Magerung aus Schamotte auf (deutlich anders als die lokale, mineralische Magerung). Die ähnlichsten Funde sind beispielsweise Becher aus Sarnowo (Czerniak 1994, Abb. 25: 2, 5, 17). Ein an einer der Scherben haftendes Holzkohlefragment wurde mittels Radiokohlenstoffdatierung auf 4090±80 v. Ztr. (Poz-49886: 5250±40 BP) datiert.Important evidence that moves back the beginnings of the Eastern Group of the FBC slightly comes from the last seasons of research at Dąbki. One of the features (No. 38) at the late Mesolithic settlement produced an intriguing assemblage of a few hundred Mesolithic flint artefacts, fragments of typical pointed-bottom vessels and of two funnel beakers and waste from amber discs production (Fig. 12). The fragments of Mesolithic vessels belong to at least six pointed-bottom vessels decorated with a single row of small holes under the rim and indentions at the edge of the rim. The clay is granite tempered. Both funnel beakers are made in the “Sarnowo” style with a gently S-profiled vessel shape, decoration in the form of a single row of small irregular stamps below the edge of the rim and, typically for Kuyavia chamote temper (distinctively different from the local, mineral one). The closest analogies are for instance beakers from Sarnowo (Czerniak 1994, fig. 25: 2, 5, 17). A fragment of charcoal attached to one of the sherds has been radiocarbon dated to 4090±80 cal. BC (Poz-49886: 5250±40 BP).
Allgemeiner wird zu Neuwasser (Dąbki) ausgeführt (5):
Es besteht kein Zweifel, daß sich die Lebensweise der Trichterbecher-Gruppe in Neuwasser in den ersten Jahrhunderten nicht von der des späten Mesolithikums unterschied und auf intensiver Jagd, Sammeln und Fischfang beruhte. Aktuellen Daten zufolge gibt es eine kurze Besiedlungslücke von etwa 150-200 Kalenderjahren zwischen 3900 und 3700 v. Ztr.. Die letzte Phase der Trichterbecher-Siedlung wird auf etwa 3700–3600 v. Ztr. datiert; hier zeigen sich erste Spuren einer landwirtschaftlichen Wirtschaftsweise in Form von Getreidepollen im palynologischen Profil. Zahlreiche Importwaren, vorwiegend Keramikgefäße, belegen weitreichende und relativ systematische Beziehungen zu den bäuerlichen Gesellschaften des Donauraums von Beginn bis zum Ende der Besiedlung von Dąbki (Czekaj-Zastawny et al. 2011a; 2011b; 2011c), namentlich zur Linearbandkeramikkultur, zur Strichbandkeramikkultur, zur Lengyel-Kultur (insbesondere der Brześć-Kujawski-Gruppe) sowie zur Bodrogkeresztúr-Kultur der Ungarischen Tiefebene. Auch mit der westbaltischen Zone (Ertebølle-Kultur und FBC) wurden Beziehungen unterhalten.It is beyond doubt that for the first hundreds of years the subsistence of the FBC group at Dąbki did not change from that of the Late Mesolithic and was based on intensive hunting, gathering and fishing. According to current data there is a short hiatus in site occupation of about 150–200 calendar years, between 3900–3700 cal. BC. The last stage of the Funnel Beaker settlement is dated to about 3700–3600 cal. BC and here the first traces of a farming economy are visible in the form of cereal pollen in the palynological profile. Numerous imported goods, mainly pottery vessels, prove wide and relatively systematic relations with Danubian farming societies from the very beginning to the end of the settlement at Dąbki (Czekaj-Zastawny et al. 2011a; 2011b; 2011c), namely Linear Band Pottery Culture, Stroke Band Pottery Culture, Lengyel Culture (especially Brześć Kujawski Group) as well as the Bodrogkeresztúr culture of the Hungarian Plain. Relations were also maintained with the Western Baltic zone (Ertebølle Culture and FBC).
Man hat es also bei Neuwasser um 4.000 v. Ztr. nicht mit einer typischen Trichterbecher-Siedlung zu tun, sondern mit mesolithischen Fischern, Jägern und Sammlern, die in Austausch-Prozessen mit bäuerlichen Siedlungen stehen, bzw. ggfs. auch selbst Trichterbecher-Keramik herstellen.
Bei genauerer Überlegung kommt uns noch der Gedanke, daß zu klären wäre, wie der höhere Karpaten-Jäger-Sammler-Herkunftsanteil der Jordansmühler Kultur (bzw. der Lengyel-Kultur) bei der Entstehung der Trichterbecher-Kultur geringer werden konnte. Dies kann eigentlich nur durch Vermischung mit unvermischten Nachkommen der Bandkeramik-Kultur zustande gekommen sein. Vielleicht lebten solche noch in der Brester Kulter (poln. Brześć Kujawski-Kultur) in Kujawien um 4.300 v. Ztr.. Von dieser wird ja wiederholt gesagt, sie wäre aus der Bandkeramik vor Ort hervorgegangen.
Achtung, hier bahnt sich ein neuer Umweg an. Aber: Auf die Ausbreitung der Bandkeramik durch die Mährische Pforte hindurch nach Schlesien bis ins Wartheland und die Weichsel aufwärts bis nach Kujawien und bis ins Kulmer Land in Westpreußen werden wir in einem künftigen Blogartikel noch detaillierter zu sprechen kommen. Diese Ausbreitung bildete natürlich die Grundlage für alles, was auch im vorliegenden Blogartikel behandelt ist. Und auch diese Ausbreitung dürfte selbst vielen genuinen Bandkeramik-Kennern in Westeuropa nicht wirklich deutlich genug vor Augen stehen.
Die eben genannte Brester Kultur (Brześć Kujawski-Kultur) ist benannt nach der Stadt Brest (Wiki) (poln. Brześć Kujawski). Sie liegt erneut innerhalb der ehemaligen deutschen Provinz Posen. Sie liegt 13 Kilometer westlich von Włocławek an der Weichsel und 50 Kilometer südöstlich von Hohensalza (poln. Inowrocław) (GMaps). Während Hohensalza etwa in der Mitte der historischen Landschaft Kujawien (Wiki) liegt und Bromberg an der Weichsel im Norden, liegt Brest im südlichen Teil von Kujawien. (Erläutert sei außerdem noch einmal: Polnischer Seits wird diese Region an der Mittleren Weichsel "Großpolen" genannt im Gegensatz zu "Kleinpolen", das ist die Gegend rund um Krakau an der Oberen Weichsel liegt.) Brest wird deutscher Seits auch "Kujawisch Brest" genannt, die hiernach benannt Kultur wird aber in deutscher Sprache schlicht "Brester Kultur" genannt.
Den letzten Stand der rein archäologischen Diskussion zum Ursprung der Trichterbecherkultur an der nördlichen Siedlungsgrenze der Bauernkulturen zwischen Oder und Weichsel, zwischen Pommern und Kujawien (Abb. 8) scheint die Studie eines Danziger Archäologen aus dem Jahr 2018 zu repräsentieren (7). Diese sieht Pommersche Trichterbecher-Fundorte wie Dörsenthin (poln. Dzierżęcino) (Wiki) bei Köslin, gelegen 30 Kilometer südlich von Neuwasser (GMaps) oder Falkenwalde (poln. Tanowo), 14 Kilometer nördlich von Stettin in Pommern als repräsentativer an für "echte" Trichterbechersiedlungen als ausgerechnet Neuwasser an der Ostseeküste (7). Sicherlich mit Recht.
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- A first toast in Kuyavia: New evidence for drinking rituals in Neolithic Europe from Sławęcinek, Poland. By Łukasz Kowalski, Kamil Adamczak, Magdalena Kozicka ... Jessica Hendy. Praehistorische Zeitschrift, March 2026 (Resg)
- Bondár Mária: Prehistoric wagon models in the Carpathian Basin (3500-1500 BC). Archaeolingua. Series minor 32, Budapest 2012 (Resg)
- Burmeister, Stefan: Innovationswege - Wege der Kommunikation. Erkenntnisprobleme am Beispiel des Wagens im 4. Jt. v. Chr, in: Sv. Hansen u. J. Müller (Hrsg.), Sozialarchäologische Perspektiven: Gesellschaftlicher Wandel 5000–1500 v. Chr. zwischen Atlantik und Kaukasus. Archäologie in Eurasien 24 (Mainz 2011) 211–240 (Acad)
- EmanuelHe: Rad und Wagen. 8. Juli 2020 (UniMünchen)
- Agnieszka Czekaj-Zastawny, Jacek Kabacinski, and Thomas Terberger: The Origin of the Funnel Beaker Culture from a southern Baltic coast perspective. In: Kadrow S. and Włodarczak P. (eds.), Environment and subsistence - forty years after Janusz Kruk’s „Settlement studies…” (= Studien zur Archäologie in Ostmitteleuropa / Studia nad Pradziejami Europy Środkowej 11). Rzeszów, Bonn: Mitel & Verlag Dr. Rudolf Habelt GmbH, 2013, 409-428 (Acad)
- Ulrich Dirks: Ein Fundplatz der frühen Trichterbecherkultur in der Uckermark – Neumeichow 8. In: Schnitt durch die Jahrtausende - Die Ausgrabungen auf der Trasse der EUGAL in Brandenburg. Arbeitsberichte zur Bodendenkmalpflege in Brandenburg 34, Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum Wünsdorf 2020, S. 43ff (pdf)
- Lech Czerniak: The emergence of TRB communities in Pomerania. Prace i Mat. Muz. Łodz Ser. Arch. 47, 2016–2017 (2018), 103–130 (Acad)







