Dienstag, 13. April 2021

Unsere Vorfahren - Sie haben Fisch gegessen

Und zwar sehr viel 
Nämlich die Urindogermanen
- Thema hier: Meeresforelle und Lachs in der Völkergeschichte 
- Außerdem: Das einstige "Lachsargument" in der Indogermanen-Forschung 

Eine neue Studie ist soeben erschienen darüber, wie sich Völker ernähren müssen, deren Hauptnahrungsbestandteil in dem mageren, proteinreichen Fleisch des Lachs-Fisches besteht (1). Das Ergebnis der Studie ist, daß sie auf jeden Fall auch noch fettreiche andere Nahrungsbestandteile zusätzlich brauchen. Denn zu viel einseitige Ernährung mit Lachs-Fleisch wäre für sich genommen eine zu proteinreiche Nahrung (1). Dies birgt nach Meinung der Autoren Schlußfolgerungen in sich für die bisherigen völkerundlichen, wirtschaftsgeschichtlichen und archäologischen Annahmen hinsichtlich der Bededutung des Lachs-Fisches in der Völkergeschichte. Es wäre noch zu überprüfen, ob dies auch für die Kaspische Meeresforelle gilt .... Denn sie scheint der "Lachs" unserer indogermanischen Vorfahren gewesen zu sein.

Abb. 1: Die natürlichen Wanderungsbewegungen des Atlantischen Lachses (aus: 3)

Der (Atlantische) Lachs gilt auch bei uns in Deutschland schon seit vielen Jahrhunderten als eine Delikatesse. Schon 1865 wurde in der damals weit verbreiteten "Gartenlaube" geschrieben (2):

Wer von den Hunderttausenden der Leserinnen und Leser der Gartenlaube wird nicht mit innerem Wohlbehagen an manches saftige Gericht eines marinirten, geräucherten oder gebratenen Lachses denken, jenes seltsam erzogenen Kindes der Wasser, dessen röth­liches Fleisch uns hungrigen Sterblichen oft so einladend, so delicat und so poetisch entgegenlächelt.

Der Atlantische Lachs (Abb. 1) ist Ende des 19. Jahrhunderts im nördlichen Kontintental-Europa - vornehmlich in den Niederlanden, in Deutschland und im Baltikum, sowie in Südengland - durch die Industrialisierung und die intensivierte Bewirtschaftung der Flüsse ausgestorben (Abb. 2).

Bis dahin hatte er alle deutschen Flüße bewandert (Wiki). Und es gibt wohl bezüglich fast aller deutschen Flüssen heute Wiederansiedlungsbemühungen hinsichtlich des Atlantischen Lachses (s. z.B. 4-6).

Abb. 2: Die natürlichen Wander- und Brutregionen des Atlantischen Lachses - Rot die Regionen, in denen er ausgestorben ist (aus 4)

Der Lachs gehörte schon in früheren Jahrhunderten zu den teuren Fischarten. In der deutschen Sprache heißt der Fluß-aufwärts wandernde Lachs "Salm". Und nach diesem Namen sind auch manche Haus- und Straßennamen in Ortschaften am Rhein benannt. "Salm" (Wiki) ist abgeleitet von Lateinisch "Salmo". Diese Benennung "Salmon" (Wiki) hat auch im Englischen heute das vormalige mittelenglische Wort "Lax" verdrängt.

Die eingangs genannte Studie lenkt nun aber auch die Aufmerksamkeit auf den Umstand, daß es viele traditionell lebende Völker und Stämme gegeben haben muß, in denen der Fischfang, nicht zuletzt auch der Lachs-Fang eine große Rolle spielte und spielt, nicht nur in Nordwest-Amerika, sondern auch in Europa. Am besten erforscht diesbezüglich sind natürlich heute die Indianer Nordwest-Amerikas (Wiki). Sie konnten mit dem Lachs-Fang und der Bevorratung von Lachs für die Wintermonate ihre Bevölkerungsgröße deutlich vergrößern. Dies kam auch in bekannten Volksfesten wie dem "Potlach" (Wiki) zum Ausdruck.

Angesichts des einstigen anzunehmenden Lachs-Reichtums in den Flüssen, die in den Atlantik, in die Nord- und Ostsee münden, wird man annehmen dürfen, das der Lachs für viele Völker der westeuropäischen und der osteuropäische Jäger und Sammler eine nicht unbeträchtliche Nahrungsgrundlage darstellte. Das spiegelt sich auch in der chemischen Zusammensetzung der Knochen spätmesolithischer Menschen an der Atlantikküste wieder (8). Für Irland sind umfangreichere Fisch-Fangvorrichtungen für die Zeit 4.100 bis 3.700 v. Ztr. archäologisch nachgewiesen (9). Auch Lachs-Greten sind an verschiedenen Ausgrabungsorten nachgewiesen worden (siehe Google Scholar "Mesolithic, Salmon").

Abb. 3: Verbreitungsgebiet der Kaspischen Forelle, des "Lachses" unserer Vorfahren (?) (aus: 10)

Die Kaspische Meeresforelle - War sie der "Lachs" unserer indogermanischen Vorfahren ...?

Der Name "Lachs" ist nun interessanterweise ein urindogermanisches Wort (Wiki). Und dieses Wort hat in der Indogermanistik zwischen den 1880er und 1950er Jahren eine nicht geringe Rolle gespielt hinsichtlich der Erörterung der Urheimat der Indogermanen. Darüber gibt es erfreulicherweise einen ausführlichen Wikipedia-Artikel. Die diesbezüglichen Auseinandersetzungen sind unter dem Begriff "Lachsargument" in die Wissenschaftsgeschichte eingegangen (Wiki):

Die Sprachvergleichung deutete auf einen Mangel an indogermanischen Fischnamen. Selbst ein einheitliches indogermanisches Wort für Fisch, der lateinisch piscis, in Sanskrit mátsya-, griechisch ichthýs und altslawisch ryba hieß, fehlte offenbar. Beides machte eine Herkunft der Indogermanen aus einem fischarmen eurasischen Steppen- oder Waldgebiet plausibel. Für den Lachs (Salmo salar) jedoch enthielten die Nachschlagewerke, die seit den 1870er Jahren erschienen, umfangreicher werdende Zusammenstellungen ähnlicher Bezeichnungen in den germanischen, baltischen und slawischen Sprachen. 

Auf Wikipedia ist natürlich in diesen Worten schon implizit der heutigen Forschungsstand vorweg genommen: Womöglich hat der Fischfang im Urvolk der Indogermanen keine große Rolle gespielt, auch wenn es an den Ufern der Mittleren Wolga lebte. Womöglich.

Aber der genannte Umstand, daß es in vielen indogermanischen Sprachen das Wort "Lachs" gibt, wurde in der Forschung bis in die 1950er Jahre als Argument herangezogen dafür, daß die Urheimat der Indogermanen an der Ostsee gelegen haben müsse. Im Verlauf der Jahrzehnte wurde das Wort Lachs dann von den indogermanischen Sprachwissenschaftlern auch in indogermanischen Sprachen wie dem Tocharischen (!), dem Ossetischen und dem Altindischen gefunden.

Seit den 1970er Jahren hält man nun die Vermutung für plausibel, daß mit "Lachs" von den Urindogermanen auch - oder sogar ursprünglicher - Unterarten der Lachs- oder Meerforelle (Salmo trutta trutta) benannt worden sind (Englisch "brown trout"), die in den Flüssen zum Kaspischen und zum Schwarzen Meer verbreitet sind (also auch in der Wolga), ebenso wie im Kaukasus (Abb. 3). Auch bezüglich dieser Wander-Fische gibt es Wiederansiedlungsbemühungen (10). 

Es wäre somit plausibel, daß die Lachsforelle schon von unseren Vorfahren, den Urindogermanen an der Mittleren Wolga, ihren osteuropäischen Jäger/Sammler-Vorfahren und ihren kaukasisch-neolithischen bäuerlichen Vorfahren im Kaukasus gefischt worden ist. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht ist diesbezüglich aber noch vieles ungesichert:

Bei den im Kaukasus und um das Schwarze und Kaspische Meer auftretenden Unterarten der Meerforelle handelt es sich um die Schwarzmeer-Forelle (Salmo trutta labrax) und die Kaspische Forelle (Salmo trutta caspius). Welcher dieser Fische von den ur-indoeuropäischen Sprechern als *loḱs- oder ähnlich bezeichnet wurde, ist ungewiß.

Die Kaspische Forelle weist nach einer genetischen Studie aus dem Jahr 2016 in der Mittleren Wolga und im Unteren Ural nur eine sehr geringe genetische Vielfalt auf und kann diesbezüglich auf Populationen aus dem nördlichen Iran, also dem Bereich des südlichen Kaspischen Meeres zurück geführt werden (11). Dies könnte bedeuten, daß sie auch in der Wolga zeitweise ausgestorben war.

Omega3-Fettsäuren enthält der Lachs ja sehr viel (Wiki). Leinöl und andere pflanzliche Öle enthalten sie auch. Diese Omega3-Fettsäuren sollen mancherlei positive Wirkung im menschlichen Körper entfalten. Vieles davon ist aber wissenschaftlich noch keineswegs besonders gut abgesichert (Wiki). Auch die Massentierhaltung des Lachses wirft viele Umweltprobleme auf, er gilt inzwischen als "das Schwein des Meeres".

Was "verschweinert" der moderne Mensch eigentlich nicht in seiner elendig großen Ehrfurchtlosigkeit vor der Natur?

Unsere Vorfahren haben viel Fisch gegessen

Auf jeden Fall gibt es doch mancherelei Grund, die Beziehung unserer Vorfahren an der Mittleren Wolga zu Fischen im Augen zu behalten. Und indem wir noch fragen, finden wir schon Antworten. Für Skelette der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga um 4.750 v. Ztr. wurde 2018 anhand ihrer chemischen Zusammensetzung festgestellt (12):

Dies ist Hinweis auf einen beträchtlichen Anteil an Fisch im Ernährungssystem der Population, die im Spätneolithikum die Region der Mittleren Wolga bewohnte.
This is an indication of a substantial portion of the fish component in the dietary system of the population inhabiting the Middle Volga region in the Eneolithic. Schulting and Richards (2016) came to the same conclusion.

Schon eine Studie aus dem Jahr 2016 war zu demselben Ergebnis gekommen (13). Thomas Terberger und Kollegen haben schon 2013 für archäologische Kulturen an der Oberen Wolga ähnliche Untersuchungen vorgenommen (14).

_______________________

  1. How ancestral subsistence strategies solve salmon starvation and the “protein problem” of Pacific Rim resources Shannon Tushingham, Loukas Barton, Robert L. Bettinger. American Journal of Physical Anthropology First published: 08 April 2021 https://doi.org/10.1002/ajpa.24281
  2. Theodor Kirchhoff: Die Indianer beim Lachsfang. In: Die Gartenlaube, Heft 48, 1865, S. 760-762, https://de.wikisource.org/wiki/Die_Indianer_beim_Lachsfang
  3. Geisler, Eva, 2006, https://docplayer.org/62808887-Gliederung-steckbriefe-ausgewaehlter-fischarten.html
  4. Why aren’t there more Atlantic salmon (Salmo salar)? Donna L. Parrish, Robert J. Behnke, Stephen R. Gephard,Stephen D. McCormick, and Gordon H. Reeves, 1998 (pdf
  5. Historisch: Lachsfang auf der Weser in Hameln. Die Weser July 17, 2017 | Author: Teresa Lenz, https://silo.tips/download/historisch-lachsfang-auf-der-weser-in-hameln-die-weser
  6. Der Elblachs. Ergebnisse der Wiedereinbürgerung in Sachsen. November 2003, Publisher: Sächsische Landesanstalt für LandwirtschaftEditor: Sächsische Landesanstalt für Landwirtschaft, Gert Füllner, Matthias Pfeifer, Jens Geisler, Klaus Kohlmann (Researchgate)
  7. https://www.salmoncomeback.org/de/context/
  8. Stable isotope evidence for similarities in the types of marine foods used by Late Mesolithic humans at sites along the Atlantic coast of Europe. MP Richards, REM Hedges - Journal of Archaeological Science, 1999, https://doi.org/10.1006/jasc.1998.0387
  9. Late Mesolithic fish traps from the Liffey estuary, Dublin, Ireland. M McQuade, L O'Donnell - Antiquity, 2007 ( researchgate
  10. Final Report of Coldwater Fishes Research Center Project. August 2013, Project: Production and evaluation of Viral Nervous Necrosis (Caspian Sea serotype), Jalil Zorriehzahra, Shahram Abdolmaleki, Behroz Bahramian, Saltanat Najjar Lashgari (Researchgate)
  11. Marić, S., Askeyev, O., Askeyev, A., Monakhov, S., Yanybaev, N., Askeyev, I., Galimova, D. and Snoj, A. (2016), Lack of mtDNA variation among remote middle Volga and upper Ural brown trout suggests recent and rapid recolonization. J. Appl. Ichthyol., 32: 948-953. https://doi.org/10.1111/jai.13126
  12. Shishlina, N. I., J. Van Der Plicht, and M. A. Turetsky. "The Lebyazhinka burial ground (Middle Volga Region, Russia): new 14C Dates and the reservoir effect." Radiocarbon 60.2 (2018): 681
  13. Schulting RJ, Richards MP. 2016. Stable isotopeanalysis of Neolithic to Late Bronze Age popula-tions in the Samara Valley. In: Anthony DW,Brown  DR,  Khokhlov  AA,  Kuznetsov  PF,Mochalov OD, editors.Bronze Age Landscape inthe Russian Steppes. The Samara Valley Project.p 281–320 (Academia)
  14. PiezonkaH., KostylevaE., ZhilinM. G., DobrovolskayaM., & Terberger T. (2013). Flesh or fish? First results of archaeometric research of prehistoric burials from Sakhtysh IIa, Upper Volga region, Russia. Documenta Praehistorica, 40, 57-73. https://doi.org/10.4312/dp.40.6
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