Krankenschwester und Königin
"Helden des Willens" heißt ein Buch, auf das man in einer Bücher-Telefonzelle stoßen kann und das man ja einmal mitnehmen kann (1). Erschienen in erster Auflage 1928, in zweiter Auflage 1933. Vorsatz-Bild der zweiten Auflage: "Reichskanzler Adolf Hitler". Eine recht willkürlich anmutende Zusammenstellung von Lebensbildern. Das erste Kapitel über den deutschen Philosophen Johann Gottlieb Fichte liest sich gar nicht so ungut. Also kann man ja mal ein bisschen weiter stöbern in diesem Buch.
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| Abb. 1: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) |
Und man könnte sich festlesen in einer Lebensbeschreibung der Königin Eleonore von Bulgarien (1860-1917) (Wiki), einer geborenen Prinzessin von Reuß aus Niederösterreich. Diese Prinzessin war doch in Weltgegenden unterwegs, auf die wir hier auf dem Blog eigentlich erst seit der Beschäftigung mit der Archäogenetik aufmerksam geworden sind, nämlich einmal in der Mandschurei zwischen Sibirien, Korea und China und zum anderen am Rhodopen-Gebirge zwischen Bulgarien im Norden und Nordmazedonien im Süden.
Viele Details aus dieser Lebensbeschreibung finden sich so auch noch gar nicht auf Wikipedia. Die Lebensinhalte der Eleonore von Reuß ergaben sich vor allem durch ihre verwandtschaftliche Nähe zur Zarenfamilie in Rußland.
1908 heiratete Eleonore mit 47 Jahren (!) den Fürsten Ferdinand I., den nachmaligen König von Bulgarien (1861-1948) (Wiki). Auf dem bulgarischen Wikipedia ist darüber verzeichnet (Wiki):
1907 wandte sich Ferdinand I. an Großfürstin Maria Pawlowna mit der Bitte, ihm eine neue Gemahlin vorzuschlagen, die wenig Aufmerksamkeit erwarte und sich wohltätigen Zwecken widme. Die Großfürstin schlug ihre Cousine ersten Grades, Eleonora Reuß-Köstritz, vor. (...) Die Ehe zwischen Eleonore und Ferdinand war rein formaler Natur und Ferdinand hegte keinerlei Gefühle für seine neue Gemahlin. Bezeichnenderweise bestand Ferdinand selbst darauf, daß die beiden während ihres Besuchs bei König Carol I. von Rumänien, der während ihrer Flitterwochen stattfand, getrennte Schlafzimmer erhielten.
Wie Eleonore selbst über eine so wundervolle Ehe dachte, ist vorderhand nicht bekannt. Wenn wir unserem Buch folgen, hat sich Eleonore womöglich bemüht, den positiven Seiten ihres neuen Ehegatten Beachtung zu schenken.
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| Abb. 2: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) |
Diese werden sogar ein wenig übertrieben dargestellt (1, S. 167):
König Ferdinand, den man den bedeutendsten Geist unter den europäischen Herrschern seiner Zeit genannt hat, zeichnet sich durch eine außergewöhnliche wissenschaftliche Bildung und einen geläuterten ästhetischen Geschmack aus.
Wenn dieser König schon der bedeutendste Geist gewesen wäre, dann würde das womöglich doch mehr über die anderen europäischen Herrscher aussagen als über ihn. Wie auch immer. Die Frauenzeitschrift "Die Bunte" wußte 2016 folgendes über diese Ehe (Bunte2016):
Wenn man Ferdinand und Eleonora einmal zusammen sehen könnte, seien Spannungen zwischen ihnen nicht zu ignorieren gewesen. Während er sich seiner Frau abweisend gegenüber zeigte, habe sie es mit stoischer Ruhe ertragen.
Insgesamt hat man den Eindruck, daß diese Ehe auch für Eleonore eher eine "Zweckehe" gewesen sein könnte, bekam sie doch durch diese einen Wirkungskreis, wie sie ihn sich zuvor immer ersehnt hatte.
Man sieht Eleonore ja schon auf dem Verlobungsbild nicht lächeln (Abb. 13). Womöglich hat das damals von einer 47-Jährigen auch niemand mehr erwartet. Damalige Frauen des Hochadels haben in Bezug auf Ehen manches mitmachen müssen.
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| Abb. 3: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) |
Immerhin (Wiki) ...
... gewann Eleonore schnell die Zuneigung von Ferdinands Stiefkindern und des gesamten bulgarischen Volkes.
Unsere Buchautorin Clara Ebert-Stockinger schreibt über die drei Stiefkinder von Eleonore (1):
Diese hingen denn auch bald mit schwärmerischer Liebe an ihrer zweiten Mutter.
In unserem Buch heißt es über Eleonore (1):
Sie nahm die Werbung an und sprach mit großer Freude von den ernsten Aufgaben, die sie den verwaisten Kindern des Fürsten gegenüber und als Mutter eines ganzen Volkes zu erfüllen haben würde.
Auch aus diesen Worten geht keine große Erwartung gegenüber der geschlossenen Ehe hervor. Eleonore reizte offenbar insbesondere der große Wirkungskreis in Bulgarien, der sich ihr durch diese Heirat eröffnete.
Leitung des russischen Lazarett-Wesens in der Mandschurei (1904)
Denn sie war - wie womöglich unsere Buchautorin - gelernte Krankenschwester. Sie hatte 1904 im Russisch-japanischen Krieg die Leitung des Lazarett-Wesens auf dem asiatischen Kriegsschauplatz inne gehabt und hatte in der Zeit danach an ihre Freundin geschrieben (zit. n. 1):
Ich sehne mich nach meiner Arbeit zurück. Ich vermag es nicht mehr, hier in der Stille meine Tage zu verbringen. Ich muß in großem Stile arbeiten und schaffen können und helfen, das Elend zu lindern. Hier kommt mir alles so klein und eng vor nach der unbegrenzten Größe Sibiriens und nach den Mitteln, mit welchen ich meine Ziele erreichen konnte.
Was uns an dem Leben von Eleonore von Reuß interessiert, ist, wie schon gesagt, daß sie sich in abgelegenen Gegenden bewegte, auf die wir schon verschiedentlich hier auf dem Blog zu sprechen gekommen waren. So heißt es über den von ihr geleitete Lazarettzug im Jahr 1904 (1, S. 165):
Sie führte den Zug wiederholt vom Baikalsee durch die Mandschurei nach Charbin.
Siehe dazu die Karte in Abbildung 4. Harbin (Wiki) (Charbin) ist eine der größten Städte der Mandschurei. Von den sechs Millionen Einwohnern sind heute 93 Prozent Chinesen und 4,6 Prozent Mandschu. Die genannte Strecke gehört zum östlichen Teil der Transsibirischen Eisenbahn (Wiki), bzw. zu einer Nebenstrecke derselben.
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| Abb. 4: Die Bahnstrecke vom Baikalsee nach Charbin / Harbin in der Mandschurei (Wiki) |
Kurz einiges zu diesem Krieg: Rußland hatte Port Arthur 1897 für 25 Jahre gepachtet als Hafen. Gleichzeitig verstärkte es seinen Einfluß in Korea, das sich diesem Einfluß auch öffnete, und zwar als Gegengewicht gegen Japan (Wiki):
Am 13. Januar 1904 forderte der japanische Botschafter in St. Petersburg die Anerkennung der japanischen Vorherrschaft in Korea im Gegenzug für die Erklärung Japans, daß die Mandschurei außerhalb ihres Einflußbereichs liege. Die russische Regierung rechnete nicht mit einem Krieg und ordnete das Verhalten der japanischen Diplomatie als Bluff ein.
Am 9. Februar 1904 griff Japan Port Arthur mit Kriegsschiffen an. Anhand der folgenden Karte kann der Ablauf des Krieges in groben Zügen nachvollzogen werden.
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| Abb.: 5 Der japanisch-russische Krieg im Jahr 1904 |
Der Hauptteil der Russischen Pazifikflotte war in Port Arthur versammelt. In mehreren japanischen Angriffen konnte diese Pazifikflotte ausgeschaltet werden, zuletzt als die Reste dieser Flotte nach Wladiwostok ausbrechen wollten.
Die Russen hatten nun viel zu wenige Landstreitkräfte in Ostasien stationiert. Ein Nachziehen von Truppen über die Transsibirische Eisenbahn in nachhaltiger Stärke würde sechs Monate dauern. Diesen Umstand nutzten die japanischen Landstreitkräfte aus, die bei Inchon im heutigen Korea (heutiger Flughafen) gelandet wurden und dann über Seoul nach Norden vorstießen.
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| Abb. 6: Japanische Batterie auf den Höhen von Chusanp, 1904 |
Der Fluß Yalu war von russischen Truppen nur unzureichend mit Streitkräften besetzt. In einer Durchbruchschlacht wurden die Russen besiegt und die Japaner stießen von dort einerseits nach Süden, nach Port Arthur durch, um diesen Hafen zu belagern und drangen andererseits nach Norden vor bis Wladiwostok, das von den Japanern von der Seeseite her belagert wurde.
Schließlich kam es zum Friedensschluß. Korea blieb Japan als Einflußsphäre zugesprochen. Japan erhielt außerdem die Südhälfte der Halbinsel Sacchalin.
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| Abb. 7: Blick über ein Feldlager japanischer Truppen in der Mandschurei, 1904 |
Aufgrund der Niederlage Rußlands bracht 1905 in Moskau und entlang der Transsibirischen Eisenbahn die Revolution aus. Vermutlich eine "Probemobilmachung" der Arbeiterklasse für die vorgesehene künftige Revolution, in der dann endgültig die Macht übernommen werden sollte.
Im Frühjahr 1906 kehrte Eleonore von Reuß aus diesen Revolutionswirren in ihre Heimat nach Niederösterreich zurück. Sie schrieb am 9. April 1906 an ihren vormaligen Mitarbeiter Dr. Colmers (1, S. 165):
Jetzt habe ich Heimweh da hinaus, denn wenn es auch wohtuend für mich ist, zu Hause zu sein, so sehne ich mich doch nach meiner Arbeit, meinen Kranken, dem Lärm, dem Sturm, dem Sonnenschein der Mandschurei. Mit dem Friedensschluß fing übrigens unsere Mühsal erst recht an, mit den Bahn- und Poststreiks usw. Sieben Wochen währte unsere letzte Reise von Bangupocinokre, und erst in den letzten Tagen des Januar kamen wir mit unseren Kranken in Petersburg an. Fast in ganz Sibirien der Aufstand, in Kpnenopekr, Ruma, Irkutsk, überall Brand, Mord und Totschlag, das damals im Sommer so berühmte Bjogubemokr ein rauchender Trümmerhaufen.
Das sind alles Lebensinhalte dieser Eleonore, die in den nachmaligen Stürmen des Ersten Weltkrieges völlig in Vergessenheit gerieten.
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| Abb. 8: Russische Artilleriestellung am Dolinskypas, 1904 |
Aufgrund dieser doch nicht uninteressant zu lesenden Darstellung fragen wir nach der Autorin, nach Clara Ebert-Stockinger (1863-1949) (Wiki). Sie hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Bücher über Kinderpflege, Kindererziehung, Hauswirtschaft und fleischlose Ernährung veröffentlicht. Aber sie strebte über diesen Lebenskreis hinaus. 1928 veröffentlichte sie dann als 65-Jährige unser Buch, das gewiß eine ungewöhnliche Zusammenstellung von Biographien darstellt, an deren Ende dann auch noch ausgerechnet diejenige Adolf Hitlers gestellt ist.
Ihre Schrift "Die Mutterschaft" erschien in erster Auflage vor 1917. Denn das Vorwort zu ihr war von Anna Fischer-Dückelmann (1856-1917) (Wiki) verfaßt worden (Eb), die schon 1890 bis 1896 als eine der ersten Frauen in der Schweiz Medizin studiert hatte, und die 1901 ihr Buch heraus gegeben hatte "Das Geschlechtsleben des Weibes", das 1902 in siebter und 1910 in zehnter Auflage erschienen ist. Wir erfahren über Fischer-Dückelmann (Wiki):
1900 und 1901 veröffentlichte sie ihre Bestseller "Das Geschlechtsleben des Weibes" und "Die Frau als Hausärztin", für die Fischer-Dückelmann auch kritisiert wurde - vor allem wegen ihrer liberalen Einstellung zu Sexualität und Verhütung. Sie schrieb zum Beispiel: „Die Frau ist keine willenslose Geburtenmaschine mehr.“ Und auch: „Ebenbürtigkeit des Weibes ist der Schlüssel zu einem neuen Liebeshimmel!“
In der Tradition dieser Fischer-Dückelmann stand dann etwa auch eine Mathilde Ludendorff, vorherige von Kemnitz, als sie vor dem Ersten Weltkrieg Medizin studierte und als sie 1919 ihr Buch heraus brachte "Das Weib und seine Bestimmung".
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| Abb. 9: Lazarettzug Anfang des 20. Jahrhunderts (Geo2026) |
Und in der Tradition dieser Fischer-Dünckelmann scheint nun auch Clara Ebert-Stockinger gestanden zu sein. Ihre Schrift "Die Mutterschaft" ist 1929 in siebter Auflage erschienen und war dann "ärztlich bearbeitet" worden von ihrer Tochter Dr. med. Anna Ebert, einer Fachärztin für Kinderheilkunde. Und 1928 folgte dann das Buch "Helden des Willens".
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| Abb. 10: Der Beginn der Russischen Revolution im Jahr 1905 - Die Schüsse auf dem Palastplatz am 22. Januar - Gemälde von Ivan Alexeyevich Vladimirov (Kd) |
Zurück zu Eleonore, inzwischen Königin von Bulgarien. Bulgarien war dann Teilnehmer an den Balkankriegen 1912/13, erst Bündnispartner gegen das Osmanische Reich, dann Kriegsgegner seiner vorherigen Bündnispartner.
Der beiden Balkankriege 1912/13
Diese Balkankriege haben viel von jenen Massakern an der Zivilbevölkerung vorweg genommen, die dann bei Kriegsende 1945 vor allem die deutsche Zivilbevölkerung in ganz Ost- und Ostmitteleuropa erleiden mußte. Vor dem Hintergrund der Kriegsgreuel der Balkankriege nehmen sich die Greuel an den Deutschen im Jahr 1945 nicht mehr als ganz so "außergewöhnlich" aus (5).
Sind solche Kriegsgreuel hervor gerufen durch "slawische Mentalität", so fragt man sich unwillkürlich. Oder handelt es sich um ein allgemein menschliches, bzw. unmenschliches Phänomen?
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| Abb. 11: Die Barrikaden von Presnya, einem Stadtteil von Moskau im Dezember 1905 - Gemälde von Ivan Vladimirov (Wiki) |
Clara Ebert-Stockinger gibt eine eindrucksvolle Darstellung der Ereignisse (1, S. 170f):
Der zweite Balkankrieg wurde gegen Bulgarien entschieden und ihre Stammesgenossen in Mazedonien und Thrazien bekamen die furchtbare Hand der erbarmungslosen Sieger zu fühlen. Was nicht massakriert wurde und nur irgenwie konnte, ließ Hof und Heimat im Stich und flüchtete nach Bulgarien. Sofia war das Ziel und die Hoffnung all dieser unglücklichen Flüchtlinge, deren Zahl mehr als 130.000 betrug. Auf drei Wegen strömten sie der Hauptstadt zu, über Palanka-Küstendiel und über Dumaja und Dunica. Der dritte Strom kam aus Thrazien. Besonders dieser Zug der Flüchtlinge war ein wahrer Zug des Grauens. Hinter sich hatten sie die Feinde, vor sich die Mauer des Rhodope-Gebirges, durch das nur ein einziges Tor, das Kresnadefilee, nach Bulgarien führte. (...) Im Kresnatal stand die bulgarische Armee, um dieses Einbruchstor gegen die anstürmenden Griechen zu verteidigen. (...) Das Kresnatal ist ein großes Kindergrab.
Clara Ebert-Stockinger schreibt fast so, als wäre sie selbst dabei gewesen (1, S. 172):
Wenn möglich noch schlimmer war die Not der Flüchtlinge aus der Türkei und aus Gallipoli, wo die dort ansässigen Bulgaren nach Abzug der bulgarischen Armee der Rachsucht der Baschi-Boschuks ausgeliefert waren. Halb nackt kamen sie in Varna an, mit blutenden Füßen, die Cholera und die schwarzen Blattern im Gefolge. Über siebentausend kranke, halb verhungerte Menschen mußte das kleine Varna aufnehmen. Auf den Straßen lagen die Kinder und starben zu Dutzenden.
Königin Eleonore hatte erneut das Lazarett-Wesen unter sich, war überall vor Ort und kümmerte sich um alles.
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| Abb. 12: Die Riviera von Genua - Es wird vermutet, daß dieses Gemälde von Eleonore von Reuß stammt, denn auf der Rückseite des Rahmens heißt es: "Peint par S. A. La Princesse Reuß Koostritz" (Kastern2025) |
In ihrer Jugend könnte sie auch gemalt haben. Jedenfalls wird ihr ein Gemälde im Kunsthandel zugesprochen (Abb. 12).
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| Abb. 13: Eleonore von Bulgarien (1860-1917) als Verlobte im Jahr 1908 |
Königin Eleonore starb 1918, ihr Ehemann mußte wenig später abdanken und verbrachte seine letzten drei Lebensjahrzehnte in Coburg. Dort starb er 1948.
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- Clara Ebert-Stockinger: Königin Eleonore. In: Helden des Willens. Lebenswerke aus neuerer Zeit. Verlag von Strecker und Schröder, Stuttgart, 2. Auflage 1933 (EA 1928), S. 162-177
- Fischer-Dückelmann, Anna: Das Geschlechtsleben des Weibes – Eine physiologisch-soziale Studie mit ärztlichen Ratschlägen. Berlin 1900. (19. Auflage. 1919) (Archiv)
- Fischer-Dückelmann, Anna: Der Geburtenrückgang - Ursachen und Bekämpfung vom Standpunkt des Weibes. Stuttgart 1914
- Manuel Opitz: Hospital auf Schienen - Wie ein Medizinerehepaar mit Lazarettzügen an die Front fuhr. 14. April 2026 (Geo2026)
- Katrin Boeckh: Die Balkankriege 1912/13 - Kriegsführung, Kriegsgräuel, Kriegsopfer (Osmikon)









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