Freitag, 14. Juni 2024

Wir Kelten - Zu 55 % tragen wir die Herkunft der romanisierten Kelten Süddeutschlands noch heute in uns

Die Ethnogenese der Deutschen aus Sicht der Archäogenetik 
- Die Deutschen südlich des Mains tragen 55 % genetische Herkunft der einstigen romanisierten Kelten in sich
- Wir Deutschen südlich des Mains

Heute sehen wir hinauf zu einst mächtigen keltischen Fürstensitzen und Völkerburgen. Möge die Erinnerung an sie in Franken weiter leben oder in Schwaben. Oft sind sie umgeben von terrassierten Wiesen-, sprich einstigen Ackerflächen, was zeigt, wie hoch die Besiedlungsdichte einst schon war.

Abb. 1: Sterbender Gallier, antike Marmor-Statue, in den Kapitolinischen Museen in Rom. Das Werk ist die römische Kopie eines Originals, das etwa um 230/220 v. Ztr., vermutlich in Bronze entstand - Fotografiert von Burkhard Mücke (Wiki)

Wir wandern auf den alten keltischen Handelswegen von Völkerburg zu Völkerburg, wie sie da etwa in 30 Kilometer Abstand voneinander im ganzen süddeutschen und Alpen-Raum miteinander vernetzt waren. Und wir trauern über all die untergegangenen Völker, die hier einst lebten (Stgen2021). Wir ahnten aber bisher gar nicht, in welchem Umfang wir ja sogar selbst die Nachfahren all dieser einstigen keltischen Völker sind.  

Ein Deutscher südlich des Mains trägt etwa 55 % genetische Herkunft der Kelten in sich - und damit Herkunft der Glockenbecher-Leute, von denen die Kelten abstammen. Als die germanischen Stämme der Bajuwaren und Alemannen um 500 n. Ztr. nach Süddeutschland kamen, stießen sie hier vor allem auf romanisierte Kelten. Diese Menschen waren schon seit fünfhundert Jahren sprachlich und kulturell romanisiert. Vor allem auch religiös hatten ihre Vorfahren 500 Jahre zuvor eine Art religiöse Umkehrung aller Werte erlebt (Stgen2021). Kriegerisch wie die Kelten waren, hatten sie aber auch Heilungswissen für jene Traumatisierungen, zu denen es in heftigen kriegerischen Auseinandersetzungen kommen kann (Stgen2024). Ob dieses Heilungswissen fortlebte nach der Romanisierung mag in Zweifel stehen. Ihrer Herkunft nach waren aber die keltoromanischen Menschen in Süddeutschland und im Alpenraum gar keine "Römer". Sie waren Kelten. 

Die Kelten sind also gar nicht alle in den Mittelmeerraum gezogen und dort "gestorben und verdorben" wie wir uns das auch hier auf dem Blog bislang vorgestellt hatten. Es waren offenbar immer nur Teile der Kelten, die über die Alpen gezogen sind, den Balkan hinunter, die bis nach Anatolien übergesetzt sind, die nach Südfrankreich gezogen sind, bis nach Spanien, bis nach Italien wanderten. Nein, viele blieben in ihrer Heimat, auch wenn die einst mächtigen Völkerburgen aufgegeben worden waren. Und ihre genetische Herkunft lebt in uns weiter.

Eine neue archäogenetische Studie

Anfang des Monats ist eine neue archäogenetische Studie erschienen. Ihr Titel - „Hinweise auf die Erbfolge unter den frühen Eliten der Kelten in Mitteleuropa“ (1) - deutet mit keinem Akzent an, daß sie - wie nebenbei - nicht nur die Ethnogenese der süddeutschen Kelten, sondern auch der nachfolgenden, heutigen Deutschen in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz behandelt, bzw. klärt.

Vorweg sei erwähnt: Die Hallstatt-Zeit datiert auf 800 bis 450 v. Ztr.. Sie scheint sich - laut dieser Studie (siehe unten) - unter kulturellen und auch geringen genetischen Einflüssen aus dem Raum südlich der Alpen gebildet zu haben. Auf sie folgte dann die La-Tène-Zeit zwischen 450 und 15 v. Ztr. (Wiki). Die La-Tène-Kultur mit ihren Viereckschanzen (Wiki), das waren die historischen Kelten. 

Interessanterweise scheint nun die Ethnogenese der Kelten der La-Tène-Zeit - nach den Ergebnissen dieser Studie - einher gegangen zu sein mit einem geringen Zustrom von Menschen aus der norddeutschen Tiefebene, und zwar sowohl ins böhmische Becken hinein wie nach Süddeutschland hinein (1). Offenbar haben sich diese Menschen germanischer Herkunft aber schnell innerhalb der keltischen Umgebung an die keltische Kultur und Sprache angepaßt.

Jenen keltisch-germanischen Mischvölkern zur Zeit Cäsars, von denen wir über die römischen Geschichtsschreiber wissen, sind also schon andere Austausch-Prozesse zwischen den beiden Kulturräumen voraus gegangen. Über die römischen Geschichtsschreiber und aus anderen Quellen wissen wir von Mischvölkern zwischen Kelten und Germanen insbesondere am Nieder- und Mittelrhein. Als Beispiele werden genannt die Belger, Condruser, Eburonen und Menapier (Wiki), ebenso die Treverer. Wir lesen dazu (Altwege):

Auf keinen Fall stimmt die Behauptung, daß der Rhein die kulturelle Grenze zwischen dem keltischen und germanischen Gebiet darstelle, da sowohl östlich davon keltische als auch westlich davon germanische Gruppierungen siedelten. Während es sich in Gallien um keltische Stämme und bei den nordöstlich des Rheins wohnenden Stämmen um Germanen handelte, müssen wir in der Übergangszone an der Mosel, Rhein und Donau von einer Mischbevölkerung (u.a. Menapier, Nervier, Eburonen, Treverer, Triboker) ausgehen.

Offenbar kann ähnliches auch über den Main gesagt werden. Ein Zeugnis dafür liefert nun die Herkunft eines Menschen, der in einem Fürstengrab neun Kilometer entfernt von der berühmten keltischen Heuneburg in der Schäbischen Alp bestattet worden war, nämlich innerhalb der sogenannten "Alten Burg" (Wiki). Diese "Alte Burg" stellte offenbar ein rituelles Zentrum dar. Hier lag ein Fürst begraben (benannt "LAN001"), der den Ergebnissen dieser Studie nach von der Nordseeküste stammte. Damit stand dieser im Gegensatz zur Herkunft der meisten Kelten der vorhergehenden Hallstatt- und der zeitgleichen La-Tène-Kultur, die nämlich durch die Genetik der Glockenbecher-Leute bestimmt war wie wir erst neulich hier auf dem Blog behandelt haben (Stgen2024).

Abb. 2: In diesen Ausmaßen wird sich laut dem Archäologen Markus Schußmann die keltische Stadt Menosgada vor mehr als 2000 Jahren auf dem Staffelberg bei Bad Staffelstein in Oberfranken etwa erstreckt haben. (Foto: Ronald Rinklef/Grafik: Michael Haller) (InFranken)

Wir lesen nun konkreter dazu (1):

Die meisten Hallstatt-Individuen entsprechen einem Modell, wonach ihre gesamte Herkunft derjenigen der Menschen des mittelbronzezeitlichen Lech-Tales gleicht - mit Ausnahme der zuvor beschriebenen südlichen Ausreißer MBG004, MBG016 und des nördlichen Ausreißers LAN001 von der Alten Burg (...). LAN001 hat den Großteil seiner Herkunft aus einer nördlicheren europäischen Quelle, die derjenigen der Bevölkerung der Bronze- und Eisenzeit in den Niederlanden und in Sachsen-Anhalt am nächsten stand (...), was auch mit seinen erhöhten δ18O-Werten übereinstimmt, die eine küstennahe nordwesteuropäische oder mitteldeutsche Herkunft belegen.
Most Hallstatt individuals fit a model of receiving all of their ancestry from Germany_Lech_MBA, with the exception of previously described southern outliers MBG004, MBG016 and northern outlier LAN001 from Alte Burg (Supplementary Table 2.8). LAN001 received the majority of his ancestry from a more northern European source, most closely related to the Bronze and Iron Age population of the Netherlands and Saxony-Anhalt (Supplementary Tables 2.9 and 2.11), which is also consistent with his elevated δ18O values supporting a coastal northwestern European or Central German origin.

Die weiteren Ausführungen klären dann aber ganz überraschend grundsätzlich die Ethnogenese der Deutschen überhaupt, insbesondere derjenigen in Süddeutschland, in Österreich und der Schweiz während des Frühmittelalters. Fast jeder der folgenden Sätze enthält dazu Grundlegendes (1): 

Die Ankunft von Personen mit eher nordeuropäischer Abstammung während der La-Tène-Zeit kann auch in veröffentlichten Daten aus der nahegelegenen Tschechischen Republik beobachtet werden, wo wir einzelne Herkunfts-Komponenten analysierten mithilfe von "supervised clustering" (...) und eine bisher unbeschriebene Ausdifferenzierung des Genpools in Bezug auf nordeuropäische Abstammung im Übergang von der Hallstatt- zur La-Tène-Zeit feststellten (...). In Süddeutschland (hier Baden-Württemberg und Bayern) weitet sich der nordeuropäische Zustrom (später) zu einem großen genetischen Umbruch zwischen der Eisenzeit und dem Frühmittelalter aus (...). Dies wird deutlich in Form eines starken Rückgangs der anatolisch-neolithischen Herkunft und eines erheblichen Wiederanwachsens der Steppenabstammung zusammen mit einer neuerlichen Ausdifferenzierung des Genpools. Während die Hallstatt-Bevölkerung die höchste genetische Verwandtschaft mit den heutigen Franzosen, Spaniern und Belgiern zeigte, weisen die frühmittelalterlichen (alemannischen und bayerischen) Bevölkerungen Süddeutschlands die größte genetische Ähnlichkeit mit den heutigen Dänen, Norddeutschen, Niederländern und Skandinaviern auf (...) und sind genetisch nicht von den Gruppen aus der Eisenzeit und dem Mittelalter in Norddeutschland und Skandinavien zu unterscheiden. (...) Durch die Zuwanderung aus Norddeutschland gelangten Vorfahren mit geringer anatolisch-neolithischer Herkunft nach Süddeutschland, was zu einem Anstieg des durchschnittlichen nordeuropäischen Herkunftsanteils von 2,8 % während der Eisenzeit auf 62,5 % im Frühmittelalter führte.
The arrival of individuals of more northern European ancestry during the La Tène period can also be observed in published data from the nearby Czech Republic42, where we analysed individual ancestry components using supervised clustering (Supplementary Fig. 5.8d) and detect a previously undescribed diversification of the gene pool with respect to northern European ancestry from the Hallstatt to the La Tène period (two-sided F test; F = 0.20174, numerator d.f. 15, denominator d.f. 60, P = 0.001). In southern Germany (here Baden-Württemberg and Bavaria) the northern European influx broadens to a major genetic turnover between the Iron Age and the Early Middle Ages (Fig. 4c and Supplementary Note 5). It is illustrated by a sharp decrease of EEF ancestry and a substantial resurgence of Steppe-related ancestry together with a re-diversification of the gene pool (Supplementary Figs. 4.4, 4.5 and 5.2). While the Hallstatt population showed highest genetic affinity to present-day French, Spanish and Belgians, the early medieval (Alemannic and Bavarian) populations of southern Germany47,48 exhibit closest resemblance to present-day Danish, northern Germans, Dutch and Scandinavians (Supplementary Fig. 5.4) and are genetically indistinguishable from Iron Age and Medieval groups in northern Germany and Scandinavia. (,,,) Migration from northern Germany introduced EEF-depleted ancestry to southern Germany, resulting in a rise of the median northern European ancestry from 2.8% during the Iron Age to 62.5% during the Early Middle Ages.

Germanen aus Nordeuropa spielten bei der Ethnogenese der Kelten um 450 v. Ztr. also genetisch eine gewisse, aber nicht ausschlaggebende Rolle. Während der Römerzeit betrug die germanische genetische Herkunft etwa 8 % (siehe gleich). Die germanische genetische Herkunft stellte dann aber ab dem Frühmittelalter in Süddeutschland 62 % der gesamten Herkunft. Das heißt, die Herkunft der Glockenbecherleute und Kelten betrug im Frühmittelalter in den damals kulturell dominierenden Bevölkerungsteilen in Süddeutschland nur noch 38 %. Wobei allerdings vor allem Menschen der germanischen Reihengräberfelder untersucht worden sein werden und frühmittelalterliche Menschen in Rückzugsräumen, etwa in Höhenlagen der Mittelgebirge (Schwarzwald, Schwäbische Alp etc.) bislang weniger in den Fokus der Wissenschaft getreten sein werden. Daß es sie aber gegeben haben muß, wird gleich noch deutlich werden. Weiter heißt es (1):

Daten aus der Römerzeit und der späten Eisenzeit aus Bayern und Thüringen deuten darauf hin, daß Teile des Genpools der frühen Eisenzeit in Süddeutschland erst im vierten oder fünften Jahrhundert n. Ztr. betroffen waren (wobei die nordeuropäische Herkunft in diesen Proben im Durchschnitt 8 % nicht überschritt). Im Allgemeinen scheint dieser Wechsel Teil einer größeren Bevölkerungsbewegung zu sein, die dazu Beitrug, daß in der frühmittelalterlichen Bevölkerung Englands, Ungarns, Italiens und Spaniens nordeuropäische Herkunft hinzu kam.
Roman and Late Iron Age data from Bavaria and Thuringia indicate that parts of the early Iron Age gene pool in southern Germany were not affected until the fourth or fifth century CE (with northern European ancestry not exceeding a median of 8% in these samples). In general, this turnover seems to be part of a larger movement of people, contributing northern European ancestry to the early medieval populations of England, Hungary, Italy and Spain.

Damit ist gesagt, daß die keltische Genetik in Süddeutschland, also südlich des Limes auch noch zur Zeit des Römischen Reiches vorherrschend blieb. Es gab dort auch etwa 8 % Herkunft aus dem germanischen, nordeuropäischen Raum. Der grundlegende Wandel kam erst durch die germanische Völkerwanderung ab 375 n. Ztr. zustande, vergleichbar den zeitgleichen Vorgängen in den anderen genannten europäischen Ländern. Wie richtig unser Hinweis auf bislang nicht untersuchte frühmittelalterliche Bevölkerungen in Rückzugräumen in Süddeutschland war, zeigen die dann folgenden Ausführungen (1):

Die Herkunft der meisten heutigen Deutschen liegt auf der Mitte zwischen der Herkunft der hallstattzeitlichen und frühmittelalterlichen süddeutschen Cluster, was auf ein Wiederanwachsen der stärker von anatolisch-neolithisch Herkunft bestimmten Abstammung insbesondere in Süddeutschland schließen läßt.
Most present-day Germans fall between the Hallstatt and early medieval southern German clusters, suggesting a resurgence of EEF-enriched ancestry, especially in southern Germany.

Die keltische Herkunft nahm also wieder von 38 % auf 55 % zu. Darin mag sich widerspiegeln, daß es wichtige Bevölkerungsteile gab, die durch die germanischen Reihengräberfelder gar nicht repräsentiert wurden (1):

Dies zeigt sich auch in den uniparental weitergegebenen Y-Chromosomen. Wir stellen fest, daß der Hallstatt-Y-Chromosom-Genpool von den Linien R1b-M269 und G2a-P303 dominiert wird, wobei die Unterhaplogruppe G2a-L497 37 % der Haplotypen in der Stichprobe ausmacht (...). Interessanterweise stellen wir fest, daß Personen mit Haplogruppe G2a-L497 (z. B. MBG017, MBG016 und HOC004) deutlich mehr südeuropäische Vorfahren aufweisen als Personen mit Haplogruppe R1b-M269 (z. B. HOC001, APG001 und MBG003) (...). Obwohl G2a im heutigen Europa nördlich der Alpen äußerst selten ist, erreicht G2a-L497 immer noch seinen höchste Häufigkeit im Gebiet des ehemaligen West-Hallstattkreises, nämlich Ostfrankreich, Süddeutschland und der Schweiz sowie Norditalien, was einen weiteren Beweis für ein Überleben oder Wiederaufleben der Hallstatt-Herkunft aus der Eisenzeit in diesen Regionen darstellt
This is also indicated by uniparental Y-chromosome evidence. We find that the Hallstatt Y-chromosome gene pool is dominated by R1b-M269 and G2a-P303 lineages, with subhaplogroup G2a-L497 accounting for 37% of the haplotypes in the sample (Supplementary Table 1.1). Interestingly, we find that individuals with haplogroup G2a-L497 (for example, MBG017, MBG016 and HOC004) exhibit significantly more southern European ancestry than individuals carrying haplogroup R1b-M269 (for example, HOC001, APG001 and MBG003) (two-sided Welch two-sample t-test; t = 2.878, d.f. 13.812, P = 0.0123). Although G2a is exceedingly rare in present-day Europe north of the Alps, G2a-L497 still peaks in the area of the former West-Hallstattkreis, namely eastern France, southern Germany, and Switzerland53 as well as northern Italy, thus providing additional evidence for a survival or resurgence of Hallstatt Iron Age ancestry in those regions. 

Es heißt dann weiter (1):

Die meisten heutigen Deutschen können als Drei-Wege-Mischung von Herkunft aus der süddeutschen Frühen Eisenzeit (54,5 ± 2%), Herkunft aus dem römerzeitlichen Norddeutschland (33,8 ± 2,5%) und einer dritten, nordosteuropäischen Quelle (hier bronzezeitliches Lettland, 11,7 ± 1,2%) modelliert werden, die eine weitere Einmischung darstellt, die erst nach dem ersten Vermischungsereignis eingeführt wurde und möglicherweise mit slawischsprachigen Bevölkerungen zusammenhängt, die im Mittelalter nach Ostdeutschland einwanderten.
Most present-day Germans can be modelled as three-way admixture between SGermany_EIA (54.5 ± 2%), NGermany_Roman (33.8 ± 2.5%) and a third, northeastern European source (here Latvia_BA, 11.7 ± 1.2%) representing further admixture introduced after the initial admixture event, potentially connected to Slavic-speaking populations migrating into eastern Germany during the Middle Ages.

Das hieße, die Herkunft der heutigen Menschen in Süddeutschland würde sich folgendermaßen zusammen setzen:

  • 55 % keltisch
  • 34 % germanisch und 
  • 12 % slawisch.

Das haben wir Süddeutschen, Österreicher und Schweizer nun davon. Wir sind genetisch viel keltischer, als wir bislang angenommen hatten. Immerhin bleiben uns 34 % germanische Herkunft!!! All das dürfte sich in Norddeutschland und Nordeuropa deutlich anders verhalten.

Hier wird übrigens vorausgesetzt, daß sich eine typisch slawische Herkunft ausgerechnet im bronzezeitlichen Lettland gefunden hätte. Lettisch ist aber keine slawische, sondern eine baltische Sprache. War die Herkunft von Balten und Slawen gar nicht so unterschiedlich? Die Geschichte Ostmitteleuropas aus Sicht der Archäogenetik wird sicher in näherer Zukunft abschließender geklärt werden.

Ansonsten wartet die neue Studie mit der Klärung von Verwandtschaftsverhältnissen innerhalb der reichsten Fürstenfamilien der süddeutschen Kelten auf - reich gemessen an der Ausstattung der Fürstengräber. Verwandtschaft über die mütterliche Linie über weitere Regionen Südwestdeutschlands hinweg spielte hier eine unerwartete Rolle. Es finden sich auch Fürsten mit Kindern bestattet, mit denen sie genetisch gar nicht verwandt waren. Hatten sie Pflegekinder aufgenommen? Spielte das Stellen von Geiseln eine Rolle (wie es auch in germanischer Zeit eine so wesentliche Kulturpraktik war)?

Einheiraten aus der Region südlich der Alpen spielten bei der Ausbildung dieser süddeutschen, keltischen Fürstenelite ebenfalls eine Rolle (1):

Die frühe keltische Elite dieser Netzwerke entstand aus einem langfristigen populationsgenetischen Prozeß der fortwährenden Vermischung mit koexistierenden Gruppen in Südeuropa, die zuvor weniger Genfluß von Steppenpopulationen erfahren hatten. In diesem Zusammenhang betonen wir unsere Entdeckung, daß die früheste Elitebestattung in der Region aus dem zentralen Grab des Magdalenenbergs aus dem Jahr 616 v. Ztr. sowie seine Verwandten Hinweise auf eine Abstammung südlich der Alpen aufweisen, was auf eine führende Rolle dieser Verbindung bei der anfänglichen Entstehung der frühkeltischen Hallstattkultur hindeuten könnte. Kulturelle Verbindungen über die Alpen hinweg bleiben auch in der materiellen Kultur dieser Elitegräber über Jahrhunderte hinweg erhalten. Die komplexen politischen Strukturen zerfielen jedoch im fünften und vierten Jahrhundert v. Ztr. und wurden schließlich aufgegeben. Genetische Ausreißer aus dieser und früher veröffentlichten Studien legen nahe, daß anschließend auf dem Höhepunkt der keltischen Migrationen im vierten und dritten Jahrhundert v. Ztr. nicht nur „Kelten“ wanderten, sondern daß zumindest eine begrenzte Anzahl von Menschen aus dem nördlichen Mitteleuropa die südliche Zone der Latène-Kultur und sogar Norditalien erreichte, möglicherweise in Verbindung mit historisch bezeugten Völkern wie den Kimbern und Teutonen.
The early Celtic elite of these networks emerged from a long-term population genetic process of ongoing admixture with coexisting groups in southern Europe who previously experienced less gene flow from Steppe-related populations38,42. In this context, we highlight our finding that the earliest elite burial in the region from the central grave of the Magdalenenberg at 616 BCE, as well as his relatives, show evidence of ancestry from South of the Alps, which might suggest a leading role of this connection in the initial formation of the early Celtic Hallstatt culture. Cultural links across the Alps are also preserved in the material culture of these elite graves throughout centuries10,12,39. However, the complex political structures disintegrated in the fifth and fourth century BCE and were ultimately abandoned. Genetic outliers from this and previously published studies suggest that, subsequently, at the height of the Celtic migrations during the fourth and third century BCE, not only ‘Celts’ migrated, but at least a limited number of people from northern central Europe reached the southern zone of the La Tène culture and even northern Italy74, possibly associated with historical entities like the Cimbri and Teutones.

Südlich der Alpen lebten Keltenstämme, die den ihnen südlich benachbarten Etruskern und Römern allerhand Sorgen bereiteten und eine nicht unbeträchtliche Rolle in der Frühgeschichte Roms spielen (Wiki), insbesondere im Jahr 387 v. Ztr. (Wiki), als der keltische Feldherr Brennus sieben Monate lang Rom belagerte (Wiki), und als die berühmten schnatternden Gänse die Römer vor einem nächtlichen Überfall aus das Kapitol warnten. Die Römer kauften sich von der Belagerung frei (Wiki):

Der Legende nach warfen die Römer bei der Auswägung dieses Lösegelds Brennus vor, falsche Gewichte zu benutzen. Daraufhin soll Brennus mit den Worten „Vae victis!“ (dt. „Wehe den Besiegten!“) zusätzlich noch sein Schwert in die Waagschale geworfen haben, so daß diese nun noch mehr Gold zahlen mußten. Der Ausspruch wurde sprichwörtlich und wurde später etwa von Plautus und Plutarch zitiert. Der materielle Schaden für den römischen Staat war weitaus geringer als der immaterielle. Das Selbstbewusstsein war erschüttert; die Keltenangst blieb auf Jahrhunderte hinaus ein wichtiger Faktor in der römischen Außenpolitik.

Ja, ja, damals - als "wir" Kelten die standhaften, erzfesten Römer zum Erzittern brachten. Was für Zeiten. Wenn doch heute endlich einmal wieder die Gänse schnattern würden - und die Menschen zum Aufwachen bringen würden ....   

_______

  1. Gretzinger, J., Schmitt, F., Mötsch, A. et al., Wolfram Schier, Dirk Krausse, Johannes Krause & Stephan Schiffels: Evidence for dynastic succession among early Celtic elites in Central Europe. Nat Hum Behav (2024). https://doi.org/10.1038/s41562-024-01888-7, Published 03 June 2024

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