Donnerstag, 21. Mai 2026

Alemannen - Haben sie in England gesiedelt?!? (7. Jhdt. n. Ztr.)

Alemannen? Ja, Alemannen!
- England - Vor, während und nach der Römerzeit

Britische Archäogenetiker stoßen auf eine frühmittelalterliche Siedlungsbewegung, von der offenbar bislang kein Archäologe und Historiker etwas ahnte, nämlich eine Einwanderung von Alemannen nach England im 7. Jahrhundert (1).

Abb. 1: Symbolbild - Alemannische Krieger

In einer neuen archäogenetischen Studie untersuchen sie dieselben Zeiträume, die jüngst für Süddeutschland untersucht worden waren, allerdings diesmal für England. Zunächst berichten sie über Ergebnisse, die im Wesentlichen so erwartet worden waren. In der Zusammenfassung heißt es (1):

Wir fanden in der Eisenzeit einen Zusammenhang zwischen genetischer Verwandtschaft und matrilinearen Bestattungspraktiken, dieser endete mit der römischen Eroberung. Trotz dieser gesellschaftlichen Auswirkungen wiesen nur 20 % der Individuen aus der Römerzeit nachweisbare Vorfahren außerhalb Großbritanniens auf. Im Gegensatz dazu stellen wir ab dem 6. Jahrhundert n. Ztr. einen sich großflächig verbreitenden Zustrom von Vorfahren bei über 70 % der Individuen im südlichen "Angel-Sächsischen" Britannien fest bei gleichzeitig geringer lokaler Vermischung.

Also die bekannte angelsächsische Zuwanderung. Aber dann heißt es (1): 

Wir stellen eine bisher unterschätzte Heterogenität fest, wobei Abstammungen aus Mittel- und Südeuropa ab dem 7. Jahrhundert n. Ztr. an Bedeutung gewinnen.

Außerdem wird Bekanntes zur Wikingerzeit berichtet (1): 

Wir zeigen in vielen Kontexten mit Bezug zur Wikingerzeit eine deutliche skandinavische Abstammung nach, belegen aber gleichzeitig, daß die Auswirkungen der Wikingerzeit auf die britische Bevölkerung begrenzt waren.

Soweit die Zusammenfassung. Nun zu einigen Einzelheiten.

Matriarchale Strukturen bei den keltischen Stämmen Englands

Im Text der Studie wird detaillierter ausgeführt, daß die weiblichen Nachkommen der vorrömischen keltischen Stämme alle vor Ort blieben, und daß offenbar die Männer von auswärts einheirateten, daß aber insgesamt die Menschen weitgehend lokal unter sich heirateten und daß es keine weiträumigen überregionalen Heiratsverbindungen gegeben zu haben scheint (1).

Römische Zuwanderung in Städte und Militärzentren

Die außerbritische, "römische" Zuwanderung während der Römerzeit konzentrierte sich nach dieser Studie vornehmlich auf die Städte, Militärstandorte und auf - in dieser Studie: drei - römische Villen. Es handelte sich um Menschen aus dem Mittelmeerraum, aus Mittel- und Nordeuropa, sowie aus der osteuropäischen Steppe (höchstwahrscheinlich doch wohl Sarmaten). Vereinzelte von diesen Zuwanderern fanden sich auch im sonstigen ländlichen Raum (vielleicht erworbene Sklaven?).

Über die Zuwanderung der Angelsachsen nach 410 v. Ztr. wird nun einiges Neue berichtet. Sie erfolgte in der ersten Phase vorwiegend von der anderen Seite der Nordsee aus durch Angeln und Sachsen. In einer zweiten Phase jedoch erfolgte Zuwanderung aus Mitteleuropa. 

Kamen nach den Angelsachsen auch Alemannen nach England?

Letzteres ist neu (1):

Im 8. bis 10. Jahrhundert n. Ztr. nahm die Abstammung aus dem frühmittelalterlichen Britannien I jedoch ab. Viele Individuen wiesen stattdessen Abstammungen aus Mitteleuropa und in geringerem Maße auch aus Südeuropa auf. Bei einem Großteil dieser Individuen läßt sich modellieren, daß ihre Abstammung zu 100 % auf solche Regionen zurückzuführen ist. (...)
Die am besten passende mitteleuropäische Quelle (Eisenzeit/Römische Zeit/Spätantike Mitteleuropa III) besteht aus Individuen eines Friedhofs aus dem 4. Jahrhundert in Saarburg (heutiges Frankreich), der möglicherweise mit dem Alemannischen Reich in Verbindung steht. (...) Sie stimmt mit neueren Isotopenanalysen überein, die auf eine verstärkte, möglicherweise von Frauen vermittelte Migration aus dem Rheinland im 7. und 8. Jahrhundert n. Ztr. hindeuten.
However, from the 8th-10th centuries CE Early Medieval Britain I ancestry became less prevalent, with many individuals instead carrying ancestries associated with Central, and to a lesser extent Southern Europe, a large proportion of whom can be modelled as deriving 100% of their ancestry from such sources. (...)
The most common best-fitting Central European source (Iron Age/Roman/Late Antique Central Europe III) comprises individuals from a 4th century cemetery in Sarrebourg, present-day France, potentially linked to Alemannic Kingdom42. However, whilst this is the closest proximate source available it might not equate to the true source population (although it aligns with recent isotopic findings of increased, possibly female-mediated, movement from the Rhineland regions in the 7th and 8th centuries CE63).

Das hier erwähnte Saarburg (Wiki) ist eine Stadt in Lothringen. Sie liegt im Dreieck zwischen Straßburg im Osten und Nancy und Metz im Westen (Abb. 2).

Abb. 2: Alemannische Dialekte heute - Saarburg in Lothringen liegt oben links an der Sprachgrenze zwischen dem Französischen, Fränkischen und Alemannischen (Wiki)

Nach Wikipedia ist über das Alemannen-Reich des 4. und 5. Jahrhunderts nur wenig Sicheres bekannt.

Alemannische Expansion ab 455

Wir lesen (Wiki):

Ab 455 setzte eine West- und Ostexpansion von Alamannen nach Gallien und Noricum ein. (...) Archäologisch sind die Expansionen kaum nachzuvollziehen. (...) Aussagen darüber sind im Wesentlichen aus Schriftquellen erschlossen. Besiedlung durch alamannische Bevölkerungsgruppen oder auch nur zeitweise alamannische Oberherrschaft reichen nördlich bis in die Gegend um Mainz und Würzburg, südlich bis zu den Voralpen, östlich bis zum Lech bzw. entlang der Donau bis fast nach Regensburg, westlich bis an den Ostrand der Vogesen, jenseits der Burgundischen Pforte bis um Dijon sowie südwestlich im Schweizer Mittelland bis an die Aare.

496 jedoch wurden die Alemannen in einer Schlacht durch den Frankenkönig Chlodwig geschlagen. Chlodwig nahm danach den christlichen Glauben an (Wiki):

Die nördlichen alamannischen Gebiete kamen dadurch unter fränkische Herrschaft. Der Ostgotenkönig Theoderich gebot der fränkischen Expansion zunächst Einhalt, indem er die südlichen Teile Alamanniens unter ostgotisches Protektorat stellte und Flüchtlinge der besiegten Alamannen unter seinen Schutz nahm. Aber schon 536/537 überließ der von byzantinischen Truppen bedrängte Ostgotenkönig Witichis dem Frankenkönig Theudebert I. unter anderem Churrätien und das Protektorat über „die Alamannen und andere benachbarte Stämme“, um sich die Unterstützung der Merowinger zu erkaufen. Damit befanden sich alle Alamannen unter fränkischer Herrschaft. (...)
Man geht davon aus, daß fränkische Adlige an strategisch wichtigen Orten angesiedelt wurden, um die Kontrolle des Landes zu sichern. Das bestätigt sich in Grabfunden mit fremden Schmuck- und Waffenformen, die aus dem westfränkischen Raum oder dem Rheinland stammen. Auch Angehörige anderer Völker des Fränkischen Reiches wurden im alamannischen Gebiet angesiedelt, was sich bis heute in Ortsnamen wie Türkheim (Thüringer), Sachsenheim oder Frankenthal niedergeschlagen hat. Erst nach Einbeziehung ins Frankenreich wurde eine weitere Besiedlung bzw. Germanisierung der südlich angrenzenden romanischen Gebiete möglich. Nach den Erkenntnissen der neueren archäologischen Forschung hat die alamannische Siedlungstätigkeit in der heutigen Deutschschweiz nicht vor Ende des 6. Jahrhunderts eingesetzt.

Fluchtbewegungen und Umsiedlungen gab es im vormaligen Alemannen-Reich also durchaus. Die Alemannen stellten weiterhin einen Unruhe-Faktor im Frankenreich dar (Wiki):

746 beendete Karlmann einen Aufstand, indem er den gesamten alemannischen Adel auf dem Blutgericht von Cannstatt hinrichten ließ.

Das deutsche Wikipedia formuliert es nicht ganz so drastisch (Wiki):

Die relativ autonomen Herzöge des Frankenreichs versuchten oft, sich aus der Abhängigkeit vom fränkischen König zu lösen. So mußte dieser auch wiederholt gegen aufständische alamannische Herzöge ins Feld ziehen. Im sogenannten Blutgericht zu Cannstatt 746 wurde der Widerstand endgültig gebrochen.

Könnte es sein, daß es in solchen Zusammenhängen umfangreiche Abwanderungen der Alemannen nach England gab oder daß größere alemannische Bevölkerungsteile nach England umgesiedelt wurden - womöglich vor allem die Frauen und Kinder der hingerichteten Männer?

Die Alemannen hatten ja bis zum 2. Jahrhundert an der Elbe gesiedelt. Womöglich gab es im 7. Jahrhundert noch Erinnerungen an die frühere Nachbarschaft zwischen Alemannen und Sachsen, so da sich die Sachsen in England zur Aufnahme der alemannischen Flüchtlinge bereit erklärten? 

Daß es weiträumige Verbindungen gab zwischen England, Frankreich und Deutschland zeigt sich etwa im Leben des Bonifatius (673-755) (Wiki), der in England geboren worden war, in seinen Missionsbemühungen bei den Friesen ohne Erfolg war und der dann zwölf Jahre lang in Hessen, Thüringen und Bayern missionierte.   

______________

  1. Genomic history and selection in Roman and early medieval Britain. By Marina Silva, Thomas Booth, Kyriaki Anastasiadou, (...) Mark G. Thomas, Linus Girdland-Flink, Adrián Maldonado, Peter Heather, James C. Lee, Leo Speidel, Pontus Skoglund. bioRxiv 2026.04.28.721361; doi: https://doi.org/10.64898/2026.04.28.721361, preprint (bioRxiv2026)

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