Freitag, 15. Dezember 2023

An der mittleren Donau - Die Goten sterben aus, unter den Awaren kommt es zur Zuwanderung der Slawen

Sind Goten und Sarmaten auf dem Balkan genetisch ausgestorben?

2021 war eine Studie zur Archäogenetik des Balkans aus dem Labor von David Reich als Vorab-Veröffentlichung erschienen (2). Erst jetzt, zwei Jahre später ist sie endgültig und abschließend veröffentlicht worden (1). Waren für die vorläufige Studie im Jahr 2021 noch 70 Skelette sequenziert worden (Stgen2021), sind es nun für die endgültige Studie 136 Skelette aus dem Mittleren Donauraum, von der Adria-Küste und aus Griechenland (1). Durch die Verdoppelung der ausgewerteten Menschenfunde scheinen die Schlußfolgerungen noch einmal an Präzision gewonnen zu haben. Die Studie selbst ist vor der Veröffentlichung dementsprechend noch einmal sehr weitgehend umgeschrieben worden. 

Abb. 1: Ein Stück aus dem Goldschatz der Goten von Pietroasa (Nationalmuseum für Rumänische Geschichte, Bukarest) (Wiki) - aus der Zeit um 350 oder 450 n. Ztr. - In der Mitte thronend vielleicht Nerthus, um sie herum gruppiert andere germanische Gottheiten, allerdings in griechischer Kunstauffassung (Wiki) - Alle in friedlichen Zusammenhängen, ohne Waffen, vielleicht hergestellt in einer griechischen Stadt an der Nordküste des Schwarzen Meeres, wo auch noch skythischer Kunstgeschmack nachwirkte 

Da es in der Vorab-Studie nicht ausdrücklich verneint worden war, waren wir hier auf dem Blog - womöglich aufgrund von Wunschdenken - davon ausgegangen (Stgen2021), daß die Genetik der Goten in den heutigen Bevölkerungen auf dem Balkan weiter fortbestehen würde. Eine solche Möglichkeit wird in der jetzigen Studie aber nun ausdrücklich verneint (1).

Die Goten - Militärdienst und Raub statt Aneignung von Bildung

Zum Schicksal der Genetik der Goten und der Sarmaten auf dem Balkan, also zum Schicksal der "mittel-/nordeuropäischen Herkunft" der Goten und der "eisenzeitlich pontisch-kasachischen Herkunft" der Sarmaten heißt es jetzt (1):

Unerwartet ist, daß mittel-/nordeuropäische und (eisenzeitlich) pontisch-kasachische Herkunft nach 700 n. Ztr. (auf dem Balkan) verschwunden ist (95 %-KI für die Summe dieser beiden Abstammungsanteile = 0 %–3 %) (Abbildung 4A; Daten S2, Tabelle 6). Obwohl die relativ geringe Differenzierung zwischen mittel-/nordeuropäischen und osteuropäischen Vorfahren dazu hätte führen können, daß kleine Teile der mittel-/nordeuropäischen Herkunft fälschlicherweise als osteuropäische Herkunft eingestuft wurde, wird dieses Ergebnis bei 24 Männern in unserer Stichprobe, die nach 700 n. Ztr. lebten, zusätzlich gestützt durch das völlige Fehlen (Daten S1, Abschnitt 2) von Y-chromosomalen Linien, die eindeutig in Verbindung standen mit mittel-/nordeuropäischer und pontisch-kasachischer Herkunft (I1, R1b-U106 und R1a-Z93) (95 %-KI für die Häufigkeit dieser Haplogruppen = 0 %–12 %). Obwohl dieses Fehlen auf eine nicht bekannte Stichprobenverzerrung zurückzuführen sein könnte, deutet es doch darauf hin, daß die Bevölkerungsgröße der einwandernden mittel-/nordeuropäischen Gruppen im Vergleich zur lokalen Bevölkerung aus der Eisenzeit begrenzt gewesen sein könnte und/oder daß selektive demographische Prozesse - Abwanderung, unterschiedliche Sterblichkeit aufgrund von Urbanismus oder Militärdienst - dazu führten, daß es zu keiner dauerhaften demographischen Nachwirkung dieser Gruppen gekommen ist.
It is also unexpected to find that Central/North European and Pontic-Kazakh Steppe ancestries vanished after 700 CE (95% CI for the sum of these two ancestry proportions = 0%–3%) (Figure 4A; Data S2, Table 6). Although the relatively small differentiation between Central/North European and Eastern European ancestries could have resulted in the misassignment of small proportions of Central/North European ancestry as Eastern European ancestry, this result is supported by the complete absence (Data S1, section 2) of Y chromosome lineages clearly associated with Central/North European and Pontic-Kazakh Steppe ancestry (I1, R1b-U106, and R1a-Z93) in the 24 men in our transect who lived after 700 CE (95% CI for the frequency of those haplogroups = 0%–12%). Although this absence could reflect unknown sampling bias, it suggests that the population size of incoming Central/North European groups may have been limited as compared with the local Iron Age population and/or that selective demographic processes - out-migration, differential mortality due to urbanism or military service - acted to prevent a long-lasting demographic impact of these groups.

Will heißen: Die Goten und Sarmaten wären auf dem Balkan genetisch ausgestorben. Sie hätten dort bis zum Mittelalter keine Nachkommen hinterlassen.

Abb. 2: Zu den Thrakern, Dakern usw., die genetisch den antiken Griechen nahestanden (links: "Aegean BA-IA") (nur 8 % Steppengenetik) kamen Sarmaten ("Pontic-Kazakh-Steppe"), Goten ("CNE Early Medieval") und Slawen ("CEE Early Medieval") - Die heutigen Balkan-Bevölkerungen (hell hinterlegt) sind ohne den Beitrag von Goten und Sarmaten erklärbar (aus 1) 

Vermutlich waren sie - ähnlich wie später slawische Stämme - in vergleichsweise kleinen Gruppen und Stammesverbänden in die Karpaten und über die Donau gekommen. Bedeutende Volksteile sind dann aber ja tatsächlich weiter in die Königreiche der Goten in Italien und Spanien abgewandert oder haben sich sonst im Militärdienst für den Kaiser von Konstantinopel oder für eigene Stammeszwecke aufgerieben. 

Zum Beispiel scheint ja das Aneignen der Bildung des Mittelmeer-Raumes, das Theoderich der Große und seine Tochter Amalaswintha zu fördern versuchten, in weiten Teilen des gotischen Adels für unmännlich erachtet worden zu sein - wie es in den Berichten heißt (Stgen2021). Was mit dazu geführt haben wird, das rasche Ende der Goten in Italien (und auch auf dem Balkan) zu besiegeln. 

Waren die "Goten" in Italien und Spanien gar nicht mehr vorwiegend skandinavischer Herkunft?

Ergänzung 21.3.24: In einer neuen Studie aus März 2024 wird dieses Ergebnis bestätigt (4):

Die späteren Personen, die mit den ursprünglich ostgermanischsprachigen Gruppen, den ukrainischen Ostgoten und den Westgoten von Iberia, in Verbindung gebracht wurden, scheinen meistens Einheimische zu sein (...). Zwei Ausnahmen bilden Goten aus Iberien, deren genetische Herkunft auf die nordöstlich-südöstliche Ostseeküste hindeutet (von denen einer eine nordeuropäische Y-Haplogruppe trägt), was auf einen Ursprung in Nordosteuropa, aber nicht speziell in Ostskandinavien schließen läßt. Diese Abstammung umfaßt Populationen, die mit der Ausbreitung der slawischen Bevölkerung in Polen, Ungarn und der Tschechischen Republik in Zusammenhang stehen und mit der aus Nordosteuropa stammenden baltischen Vorfahren aus der Bronzezeit in Zusammenhang stehen. Mit den aktuell zur Verfügung stehenden Daten ist eine genauere Bestimmung des Ausgangspunktes der slawischen Völkerwanderungen noch nicht möglich.
Most later individuals associated with the originally East Germanic-speaking groups, the Ukrainian Ostrogoths and the Visigoths of Iberia, appear to be locals (Supplementary Note 6.9.6). Two exceptions are from Goths from Iberia, who genetically fall on the Northeast-Southeast Baltic cline (one of which carries a Northern European Y haplogroups), suggesting an origin in North East Europe, but not Eastern Scandinavia specifically. This cline includes populations related to the spread of Slavic populations in Poland, Hungary and the Czech Republic and are to be related to the Baltic Bronze Age ancestry originating in North East Europe. With the current sampling, determining a more precise homeland of the Slavic migrations is not yet possible.

Das heißt, die Ost- und Westgoten, die nach Italien zugewandert waren und später nach Spanien, waren gar nicht mehr vorwiegend skandinavischer Herkunft. Sie sprachen zwar noch die gotische Sprache und identifizierten sich mit der gotischen Stammestradition, was auf schnellere kulturelle Anpassungsprozesse an die gotische Kultur bei den Vorfahren dieser Menschen hindeutet. 

Interessant auch, daß sich schon unter ihnen Menschen finden, die die spätere, typisch slawische genetische Herkunft aufweisen. Womit schon ein Blick geworfen wird auch auf die Fragen der weiteren Ausführungen dieses Blogartikels. (Ergänzung Ende)

Soweit zu dem Schicksal der Goten und Sarmaten in Dalmatien und in den Ländern an der Mittleren und Unteren Donau. 

Unter den Großreichen von Turk-Völkern organisiert sich die slawische Völkerwelt

Wie haben sich danach die Völker Osteuropas im Frühmittelalter "formiert"? Wie entstanden sie? Wir lesen dazu im Diskussionsteil der Studie (1):

Bei der überwiegenden Mehrheit der Individuen in unserem Datensatz nach 700 n. Ztr. (n = 49), stellen wir ein klares Signal eines osteuropäischen Genflusses fest. Nach historischen und archäologischen Erkenntnissen ist es wahrscheinlich mit der Ankunft slawischsprachiger Populationen verbunden. Aufgrund einer Lücke in unserem Untersuchungsmaterial zwischen 500 und 700 n. Ztr. können wir den genauen Zeitpunkt der frühesten Ankunft nicht bestimmen. Die Entdeckung von Individuen mit vollständiger osteuropäischer Abstammung im 8. und 9. Jahrhundert deutet eher auf einen langen Prozeß hin, der viele Generationen umfaßt, anstatt auf ein kurzlebiges Migrationsereignis.
We document a clear signal of Eastern European-related gene flow in the vast majority of individuals in our dataset after 700 CE (n = 49), likely associated with the arrival of Slavic-speaking populations according to historical and archaeological evidence. Due to a gap in our sampling between 500 and 700 CE, we cannot determine the exact timing of the earliest arrivals, but the detection of individuals with full Eastern European ancestral origin during the 8th and 9th centuries points to a long process encompassing many generations rather than a short-lived migration event.

Was geschah in diesen Jahrhunderten zwischen 500 und 700 n. Ztr. in den Ländern der Mittleren Donau? Punktuell hat es dazu hier auf dem Blog in den letzten Jahren schon den einen oder anderen Einblick gegeben:

  • Wir behandelten die Ethnogenese der Hunnen als Vermischung von Altai-Skythen mit Mongolen und Han-Chinesen (Stgen2021).  Aus den Hunnen ("Xiongnu") gingen nach und nach weitere Turk-Völker hervor:
  • Die Wolgabulgaren und Bulgaren (Stgen2021),
  • die Chasaren, die Awaren und 
  • die Ungarn (abgeleitet von "Oghuren"). 

Bis auf die Landnahme-Ungarn, die eine finno-ugrische Sprache sprachen, handelte es sich bei allen anderen Völkern, vermutlich insbesondere auch bei den ursprünglichen Hunnen um Turkvölker. Und so wie die umfangreiche Völkerverschiebung der Wolga-Bulgaren und Bulgaren im Frühmittelalter stattfand vom Ile-Fluß (im Siebenstromland) östlich von Alma-Ata in Kasachstan bis an die Wolga bei Samara (Stgen2021), so kann man sich offenbar auch die Völkerverschiebung der slawischen Völker vorstellen - und zwar immer im Windschatten oder als Vorhut -  als Grenz-Völker, als Vasallen-Völker, als Landnahme-Völker -  von anderen Völkern, insbesondere der Bulgaren, der Chasaren und der Awaren. Wir schrieben (Stgen2021):

582 n. Ztr. wurde Viminacium durch die Awaren zerstört. 599 konnten die Awaren in einer Schlacht besiegt werden. (...) Sie waren im Kern vermutlich ein Turkvolk aus dem Inneren Asiens.

Wir hatten 2022 aus einer Studie zitiert (Stgen2022):

  • Während des 5. Jahrhunderts eroberte das von den Xiongnu stammende Hunnen-Reich Osteuropa und vereinnahmte die vormaligen Bewohner; das Rouran-Khaganat entstand auf dem früheren Xiongnu-Territorium.
  • Während der Mitte des 6. Jahrhunderts eroberte das Awaren-Khaganat das Territorium des früheren Hunnen-Reiches und vereinnahmte seine vormaligen Bewohner.

Wir schrieben über die Chanten und Mansen in Westsibirien (Stgen2022):

500 n. Ztr., in der Zeit der beginnenden Awaren-Herrschaft, die nach ihrer Niederlage 552 n. Ztr. gegen die Türk gen Westen zogen, wichen die Chanten und Mansen entlang dieses langen Flußlaufes nach Norden aus und nahmen im Norden die Lebensweise der Rentier-Hirten, der Fischer und Jäger an.

Ein solches Ausweichen von Völkern und Stämmen kann ja auch sonst angenommen werden. Wir zitierten schon 2020 aus einer Studie (Stgen2020):

Die slawische Ausbreitung (...) ging einher mit großen, organisierten Völkerschaften, die mit komplexen Staaten zu tun hatten so wie das Awaren-Khaganat und das Byzantinische Reich.

Und wir zitierten 2022 (Stgen2022):

  • Vor der Ankunft der Awaren war der westliche Teil des Karpatenbeckens von den Römern besetzt, der östliche Teil desselben von den Sarmaten (etwa 1 bis 400 n. Ztr.).
  • Die Römer wurden durch das kurzlebige Reich der Hunnen ersetzt (400 bis 455 v. Ztr.) und durch mehrere germanisch-sprachige Gruppen: Goten und Langobarden in Pannonien, Gepiden entlang der Tisza (400 bis 568).
  • 567/68 zerstörten die Langobarden das Königreich der Gepiden und zogen nach Italien, während 
  • die Awaren das Karpatenbecken und seine einheimische Bevölkerung eroberten (Pohl, 2018).

Die slawische Völkerwelt formierte und organisierte sich somit im Rahmen der Großreiche von Turk-Völkern und bestanden dann bis heute fort, während jene Turk-Völker, von denen diese Großreiche getragen und organisiert gewesen waren - die Hunnen, Bulgaren, Awaren und Landnahme-Ungarn - heute in den meisten Teilen genetisch, sprachlich und kulturell längst wieder untergegangen sind.

Hunnen, Bulgaren, Chasaren, Awaren

Hoch begabte kriegerische Völker gingen unter, Bauern-Völker bestanden weiter.

Ein erstaunlicher, nein erschütternder Vorgang.

Aber so findet sich heute auch die Ethnogenese der Kroaten auf Wikipedia dargestellt (Wiki). Sie werden aufgrund archäologischer Forschungen abgeleitet von der frühmittelalterlichen Penkovka-Kultur in der heutigen Ukraine (Wiki). Wir lesen da (Wiki):

Die Awaren, auch bekannt als awarisch-bulgarische, bulgarische oder türkische Theorie (zum Ursprung der Kroaten), stammt aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als John Bagnell Bury und Henri Grégoire die Ähnlichkeit zwischen der kroatischen Legende von fünf Brüdern (und zwei Schwestern) und der bulgarischen Legende von Kubrats fünf feststellten Söhne. (...) 
Die(se) antiprimordialistische Theorie wurde 1978 von Otto Kronsteiner weiter entwickelt. Er versuchte zu beweisen, daß die frühen Kroaten eine obere Kaste awarenischen Ursprungs waren, die sich im 7. und 8. Jahrhundert mit dem slawischen Adel vermischte und ihre awarische Sprache aufgab. (...)
Diese Theorie wurde dann von Walter Pohl weiterentwickelt. Er wies auf den Unterschied zwischen der Tradition der Tradition bäuerlicher Fußsoldaten (Slawen) und der Tradition nomadischer Reitersoldaten (Awaren) hin, verneinte jedoch nicht, daß die Situation manchmal genau umgekehrt war und die Quellen oft nicht zwischen Slawen und Awaren unterschieden. Er teilte zunächst die Meinung von Bury über die Namen und Legenden von Kubrat und Chrobatos, sowie über die Erwähnung zweier Schwestern, die als zusätzliche Elemente interpretiert wurden, die sich der Allianz „über die mütterliche Linie“ anschlossen, und stellte fest, daß die Symbolik der Zahl Sieben häufig bei Steppenvölkern vorgefunden wird. Pohl bemerkte, daß das Verdienst von Kronsteiner darin bestehe, daß er statt der bisher üblichen „ethnischen“ Ethnogenese eine „soziale“ vorgeschlagen habe. Somit wäre der kroatische Name kein Ethnonym, sondern eine soziale Bezeichnung für eine Gruppe von Elitekriegern unterschiedlicher Herkunft, die über die eroberte slawische Bevölkerung an der Grenze des Awar-Khaganats herrschten. Die Bezeichnung wurde schließlich zu einem Ethnonym, das die slawischen Gruppen definierte. Die These vom Grenzvolk ist allerdings nur teilweise stimmig, denn obwohl die Kroaten im Zusammenhang mit dem Khaganat erwähnt wurden, befanden sie sich größtenteils außerhalb und nicht innerhalb seiner Grenzen. Er unterstützte weder Kronsteiners Ableitung noch hielt er die Etymologie für wichtig, da es unmöglich sei, die ethnische Herkunft der „ursprünglichen Kroaten“, d. h. der sozialen Kategorien, die den Titel „Hrvat“ trugen, festzustellen.
Avar, also known as Avar-Bulgarian, Bulgarian or Turkic theory, dates to the late 19th and early 20th century when John Bagnell Bury and Henri Grégoire noted the similarity between Croatian legend of five brothers (and two sisters) with Bulgarian legend of Kubrat's five sons. (...) The anti-primordialist theory was later developed by Otto Kronsteiner in 1978. He tried to prove that early Croats were an upper caste of Avar origin, which blended with Slavic nobility during the 7th and 8th centuries and abandoned their Avar language. (...) 
The theory was further developed by Walter Pohl. He noted the difference between infantry-agricultural (Slavic) and cavalry-nomadic (Avar) tradition, but did not negate that sometimes the situation was exactly the opposite, and often sources did not differentiate Slavs and Avars. He initially shared the Bury's opinion on the Kubrat's and Chrobatos' name and legends, and the mention of two sisters interpreted as additional elements which joined the alliance "by the maternal line", and noted that the symbolism of the number seven is often encountered in the steppe peoples. Pohl noted that the Kronsteiner's merit was that, instead of the previously usual "ethnic" ethnogenesis, he proposed a "social" one. As such, Croatian name would not be an ethnonym, but a social designation for a group of elite warriors of diverse origin which ruled over the conquered Slavic population on the Avar Khaganate's boundary, the designation eventually becoming an ethnonym imposed to the Slavic groups. The assertion about the boundary is only partly true because although the Croats were mentioned on the line of Khaganate they were mostly outside and not inside the boundaries. He did not support Kronstenier's derivation, nor consider the etymology important as it is impossible to establish the ethnic origin of "original Croats", i.e. the social categories which carried the title of "Hrvat".

Hier stoßen wir auf einen vielleicht ganz guten Einblick  in die Forschungsarbeit von Walter Pohl, einen Einblick, den wir an anderer Stelle so noch nicht gefunden haben. Wir erhalten auch einen Einblick in die Verhältnisse zur Zeit des Awaren-Khaganats und die unsichere Quellenlage dazu. Insgesamt werden durch solche Ausführungen jedenfalls allzu allgemein gehaltene Angaben auf dem deutschen Wikipedia zu dem selben Thema ergänzt (Wiki).

Zu fragen wäre unter solchen Aspekten dann aber immer noch, wann und von wo die Slawen in die Ukraine gekommen sind. Denn zwischen der Ukraine und dem Baltikum bleibt ja geographisch nicht mehr allzu viel Spielraum. Und wir finden uns womöglich tatsächlich - zu unserer eigenen Überraschung - wieder in den - bezüglich dieses Themas - schon viel beschworenen: Pripjetsümpfen (Wiki). 

Umfangreiche Zuwanderung von Slawen

Während es jedenfalls 2021 in der Zusammenfassung der archäogenetischen Studie noch hieß (2):

Personen aus dem 10. Jahrhundert n. Ztr. hatten nordosteuropäische Vorfahren, die wahrscheinlich in Verbindung stehen mit slawischsprachigen Menschen, was mehr als 20 % der Vorfahren der heutigen Balkanvölker ausmacht.
Tenth-century CE individuals harbored North-Eastern European-related ancestry likely associated to Slavic-speakers, which contributed >20% of the ancestry of today’s Balkan people. 

heißt es nun im Jahr 2023 in der Zusammenfassung zu dieser Frage (1):

Nach dem Ende der römischen Herrschaft stellen wir fest, daß in großem Umfang Individuen hinzukamen, die den modernen slawischsprachigen Populationen Osteuropas genetisch ähnlich waren und 30-60 % der Herkunft der Balkanvölker ausmacht, was eine der größten Bevölkerungsveränderungen in Europa während der Völkerwanderungszeit darstellte, deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind.
Following the end of Roman control, we detect the large-scale arrival of individuals who were genetically similar to modern Eastern European Slavic-speaking populations, who contributed 30%-60% of the ancestry of Balkan people, representing one of the largest permanent demographic changes anywhere in Europe during the Migration Period.

Es würde sich also um eine sehr umfangreiche Zuwanderung von slawischen Völkerschaften um und ab 700 v. Ztr. handeln, die sich weitgehend im Dunkeln der Geschichte vollzogen zu haben scheint, da die spärlichen Schriftdokumente dazu nur sehr unklaren Aussagen zuzulassen scheinen und viele Interpretationen ermöglichen. 

Thraker und Daker leben genetisch nach ihrer Unterwerfung weiter

Aber gehen wir zeitlich noch einmal fünfhundert Jahre zurück. Die von den Römern unterworfenen Völker auf dem Balkan - wie unter anderem die Daker und die Thraker - lebten nach dieser Studie auch unter der Römer-Herrschaft in genetischer Kontinuität fort (1):

Etwa die Hälfte der 45 Individuen zwischen 1 und 250 n. Ztr. können (...) genetisch modelliert und erklärt werden allein durch eisenzeitliche Balkan-Gruppen (Abbildung 2A) und zeichnen sich durch eine hohe Häufigkeit (5 von 10) der Y-chromosomalen Linie E-V13 aus (Daten S1, Abschnitt 2), von der angenommen wird, daß sie von der Bronze- bis zur Eisenzeit auf dem Balkan eine Ausbreitung erlebte. Bei diesen Individuen, die aus römischen Städten wie Viminacium, Tragurium (Trogir) und Mursa (Osijek) stammen, handelt es sich also nachweislich um direkte Nachkommen lokaler eisenzeitlicher Balkan-Bevölkerungsgruppen.
Around half of the 45 individuals between 1 and 250 CE can be fitted with qpAdm models featuring only Balkan Iron Age groups (Figure 2A) and are characterized by a high frequency (5 out of 10) of Y chromosome lineage E-V13 (Data S1, section 2), which has been hypothesized to have experienced a Bronze-to-Iron Age expansion in the Balkans. These individuals, sampled from Roman towns such as Viminacium, Tragurium (Trogir), and Mursa (Osijek), are consistent with being direct descendants of local Balkan Iron Age populations.

Die Römer aus Italien haben zwar die Donauländer militärisch erobert und kulturell romanisiert. 

Antike Griechen, nicht Römer wanderten in die Donauländer zu 

Aber sie hinterließen dort - erstaunlicherweise - so gut wie keine italische Genetik. In der neuen archäogenetischen Studie heißt es dazu (1):

Herkunftsbeiträge von Populationen italischer Abstammung sind nicht nachweisbar. Roms kultureller Einfluß auf die mittlere Donau war tiefgreifend, aber unsere Ergebnisse deuten darauf hin, daß er nicht mit einer groß angelegten Bevölkerungszuwanderung aus der Metropole einherging, zumindest nicht durch die Nachkommen der mittelitalischen Bevölkerung aus der Eisenzeit. Das Römische Reich stimulierte jedoch den demografischen Wandel auf dem Balkan. In dieser frühen Periode fallen 1/3 der Individuen (15 der 45) jenseits der bisherigen genetischen Balkan-Verteilung in PCA (Abbildungen 1C und S4), aber nahe an die Menschen aus dem Nahen Osten, und es kann modelliert werden, daß ihre Herkunft vorwiegend von römischen/byzantinischen Bevölkerungsgruppen aus Westanatolien stammt, in einem Fall aus nordlevantinischen Gruppen.
Ancestry contributions from populations of Italian descent are not detectable. Rome’s cultural impact on the Middle Danube was deep, but our findings suggest that it was not accompanied by large-scale population movement from the metropole, at least by the descendants of central Italian Iron Age populations. The Roman Empire did, however, stimulate demographic change in the Balkans. In this early period, 1/3 of the individuals (15 of the 45) fall beyond the Balkan clines in PCA (Figures 1C and S4) but close to Near Easterners and can be modeled as deriving their ancestry predominantly from Roman/Byzantine populations from western Anatolia and, in one case, from Northern Levantine groups.

In das eroberte Gebiet wanderten also Menschen aus dem östlichen Mittelmeerraum ein, also von Griechenland her, die recht bald ein Drittel der Bevölkerung und seiner genetischen Herkunft stellten. Dann wird auch verständlich warum in diesem Reichsteil in vielen Teilen mehr griechisch als römisch gesprochen worden ist. 

Daß an den Küsten der Adria schon Jahrhunderte vorher griechische Kolonialstädte gegründet worden waren - oft lange bevor die Römer dorthin gekommen sind, hatten wir letztes Jahr schon einmal in einem Blogartikel aufgearbeitet im Nachgang zu einer Reise nach Istrien. Herrliche Kunstwerke kamen durch die Griechen bis in die nördliche Adria (Stgen2022). Aber mehr noch (1):

Eine sehr starke demographische Verschiebung in Richtung Anatolien ist im gleichen Zeitraum auch in Rom und Mittelitalien erkennbar und zeigt, daß die Fernmobilität plausibel von den großen östlichen städtischen Zentren des Reiches wie Ephesus, Korinth oder Byzanz/Konstantinopel ausgeht, und unsere Ergebnisse zeigen, daß diese Migranten einen großen demographischen Einfluß nicht nur auf die Reichshauptstadt, sondern auch auf andere große Städte an der nördlichen Peripherie des Reiches hatten.
A very strong demographic shift toward Anatolia is also evident in Rome and central Italy during the same period and demonstrates long-distance mobility plausibly originating from the major eastern urban centers of the Empire such as Ephesus, Corinth, or Byzantium/Constantinople, and our results show that these migrants had a major demographic impact not only on the Imperial capital but also on other large towns on the Empire’s northern periphery.

Und diese antik-griechische Genetik des östlichen Mittelmeerraumes besteht - über das Mittelalter hinweg - in heutigen Balkanvölkern zu etwa 23 % fort. 

Wir hatten auch schon einen ausführlichen Blogartikel hier auf dem Blog veröffentlicht zur Unterwerfung der Daker in Siebenbürgen im Jahr 112 n. Ztr.. Denn ein Bildbericht dieses Krieges findet sich auf der Trajanssäule in Rom (Stgen2021). Man sieht auf ihnen Sarmaten als Verbündete der Daker (mit ihren typischen Schuppenpanzern und Spangenhelmen), man sieht aber vor allem traumatisierte, unterworfene Menschen dargestellt. Genetisch-demographisch haben die Daker und andere einheimische Völker diese Unterwerfung offenbar aber doch vergleichsweise gut überstanden.

Die Zuwanderung der Slawen ab 700 n. Ztr.

Abschließend noch einmal zurück zur Zuwanderung der Slawen während der Awaren-Herrschaft ab 700 n. Ztr. (1):

Die heutigen Serben, Kroaten, Bulgaren und Rumänen weisen eine ähnliche Herkunftszusammensetzung auf wie Individuen nach 900 n. Ztr. an Orten wie Timacum Minus, Tragurium oder der Rudine-Nekropole in Viminacium mit 50–60 % osteuropäischer Abstammung vermischt mit Herkunft eisenzeitlicher Balkanpopulationen und in einigen Fällen auch mit einem kaiserzeitlich-anatolischen Beitrag (Abbildung 4B; Daten S2, Tabelle 8), was auf eine erhebliche Bevölkerungskontinuität in der Region über die letzten 1.000 Jahre hindeutet. Das osteuropäische Signal nimmt in den südlicheren heutigen Populationen deutlich ab, ist jedoch immer noch in Populationen auf dem griechischen Festland (30–40 %) und sogar auf den Ägäischen Inseln (4–20 %) vorhanden. Dies bestätigt die Beobachtungen von PCA (Abbildungen 1C und 3A) und frühere genetische Studien und läßt auf einen erheblichen demographischen Einfluß auf die südliche Balkanhalbinsel und die Ägäis schließen.
Present-day Serbs, Croats, Bulgarians, and Romanians yielded a similar ancestral composition as ancient individuals after 900 CE at sites such as Timacum Minus, Tragurium, or Rudine necropolis at Viminacium, with 50%–60% Eastern European-related ancestry admixed with ancestry related to Iron Age Balkan populations and in some cases also a Roman Anatolian contribution (Figure 4B; Data S2, Table 8), implying substantial population continuity in the region over the last 1,000 years. The Eastern European signal significantly decreases in more southern modern groups, but it is still present in populations from mainland Greece (30%–40%) and even the Aegean islands (4%–20%). This confirms the observations from PCA (Figures 1C and 3A) and previous genetic studies, suggesting a substantial demographic impact in the southern Balkan Peninsula and the Aegean.

Mit den Slawen hat sich der Steppengenetik-Anteil in Griechenland, der während der Antike bei acht Prozent lag, erhöht. Er ist noch im heutigen Griechenland höher als während der Antike. Das ist ein Umstand, den man gar nicht genug auf sich wirken lassen kann. Denn er wirft das meiste an Interpretationen über den Haufen, die es in den letzten Jahrhunderten zum Wesen der antiken Griechen gegeben hat, insbesondere von Seiten der materialistischen "Rasseforscher" der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die mit ihren Interpretationen dem Wesen der antik-griechischen Kultur viel weniger nahekamen als das noch zur Zeit der Klassik um 1800 - etwa in der Person von Friedrich Hölderlin - der Fall gewesen war. 

Nachtrag (22.1.2023): Auch die Alanen, die im Norden des Kaukasus siedelten, könnten schon vor oder während des Mittelalters dort genetisch ausgestorben sein (3).

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  1. Inigo Olalde, Pablo Carrion, Ilija Mikic, ..., Miodrag Grbic, Carles Lalueza-Fox, David Reich: A genetic history of the Balkans from Roman frontier to Slavic migrations. Cell 186, December 7, 2023, 5472–5485, https://doi.org/10.1016/j.cell.2023.10.018
  2. Inigo Olalde, Pablo Carrion, Ilija Mikic, Nadin Rohland, Shop Mallick, Iosif Lazaridis, Miomir Korac, Snezana Golubovic, Sofija Petkovic, Natasa Miladinovic-Radmilovic, Dragana Vulovic, Kristin Stewardson, Ann Marie Lawson, Fatma Zalzala, Kim Callan, Zeljko Tomanovic, Dusan Keckarevic, Miodrag Grbic, Carles Lalueza-Fox, David E. Reich: Cosmopolitanism at the Roman Danubian Frontier, Slavic Migrations, and the Genomic Formation of Modern Balkan Peoples, bioRxiv 2021.08.30.458211; veröffentlicht 31.8.2021, doi: https://doi.org/10.1101/2021.08.30.458211 This article is a preprint and has not been certified by peer review
  3. E.K. Khusnutdinova, N.V. Ekomasova, M.A. Dzhaubermezov, L.R. Gabidullina, Z.R. Sufianova, I.M. Khidiyatova, A.V. Kazantseva, S.S. Litvinov, A.Kh. Nurgalieva, D.S. Prokofieva Distribution of Haplogroup G-P15 of the Y-Chromosome Among Representatives of Ancient Cultures and Modern Populations of Northern Eurasia // OM&P. 2023. №4. URL: https://cyberleninka.ru/article/n/distribution-of-haplogroup-g-p15-of-the-y-chromosome-among-representatives-of-ancient-cultures-and-modern-populations-of-northern (дата обращения: 22.01.2024).
  4. Steppe Ancestry in western Eurasia and the spread of the Germanic Languages. By Hugh McColl (...) Kristian Kristiansen, Martin Sikora and Eske Willerslev. bioRxiv. posted 14 March 2024 (Biorxiv)

Dienstag, 5. Dezember 2023

Waldweide im Böhmischen Paradies - Schafe im Neolithikum, Schweine in der Bronzezeit

Waldweide in der Vorgeschichte
- Sediment-DNA - Neue Erkenntnismöglichkeiten in der Archäogenetik
- Hatten die Indogermanen eine besondere Vorliebe für Schweinefleisch?
- Im "Böhmischen Paradies" südlich des Sudentenlandes 

Innerhalb von Dörfern, Weilern oder Siedlungsstellen, sowie deren unmittelbarer Umgebung können - über die Jahrtausende hinweg - mehrheitlich andere Tiere gehalten worden sein als in weiter entfernt gelegenen Triften (DWB) und Wäldern. Letztere sind über die Jahrtausende hinweg oft vor allem auch als "Waldweide" (Wiki) genutzt worden. So zum Beispiel noch bis ins späte 19. Jahrhundert hinein zur "Eichelmast" (Wiki). 

Abb. 1: Der Felsüberhang im Böhmischen Paradies, genannt "Großes Mammut" ("Velký Mamuťák" [VM]) im Jahr 2017 - Seit Jahrtausenden gern aufgesucht von Tier und Mensch (aus: Resg2021)

Ein eindrucksvolles Beispiel von Überresten solcher Eichelmast stellen beispielsweise die "Schwanheimer Eichen" (Wiki) im Südwesten von Frankfurt am Main dar. Naturdenkmäler wie die "Schwanheimer Eichen" gibt es in vielen Teilen Deutschlands und Europas. Dem Autor dieser Zeilen sind sie erstmals in Schwanheim bewußter begegnet.

Sediment-DNA

Mit welchen Tieren die Wälder in früheren Jahrtausenden "beweidet" wurden, kann gegebenenfalls mit der Erforschung von Sediment-DNA (Wiki) geklärt werden. Sie ist eines der neuesten Forschungsfelder im Bereich der Archäogenetik. Sie weist Überschneidungen auf mit der ebenfalls sehr neuen Erforschung von "Umwelt-DNA" (Wiki). Diese Forschungsrichtungen sind alle ermöglicht worden durch die enorme Beschleunigung und kostengünstige Vereinfachung der Sequenzierung von DNA-Material in den letzten 25 Jahren. 

Die Erforschung vieler Bodenschichten unter einem Felsüberhang in Nordböhmen, im abgelegenen sogenannten "Böhmischen Paradies" (Wiki) inmitten der "Pschichraser Felsen" (Wiki) verdeutlicht die Erkenntnismöglichkeiten dieses neuen Forschungsbereiches (1).*) Es handelt sich um einen Felsüberhang namens "Velký Mamuťák" (VM) zu Deutsch "Großes Mammut" (s.a. Fb2023) (s. Abb. 1) (1):

VM sticht hervor aufgrund seiner günstigen Erhaltungsbedingungen für organische Materialien und aufgrund seiner tiefreichenden archäologischen Schichtenfolge, die alle bedeutenden Epochen umfassen vom Mesolithikum bis zur Gegenwart.
VM is remarkable for its exceptional organic preservation, and deep occupation layers spanning all significant periods from the Mesolithic to the present.

Der Felsübergang liegt im dichten Wald und Naturschutzpark eineinhalb Kilometer nördlich des Dorfes Branžež (Wiki) (GMaps), wie gesagt inmitten der "Pschichraser Felsen" (s.a. Yt2023), 16 Kilometer südlich der Burg Waldstein (Wiki), 60 Kilometer südlich von Zittau im Landkreis Görlitz in Sachsen (Abb. 2).

Abb. 2: Von Zittau über Reichenberg und Liebenau nach Turnau und südlich davon ins "Böhmische Paradies" mit seinem vielen Wald und seinen Felsformationen - Im Osten liegt Schlesien (Grafschaf Glatz) und Österreichisch-Schlesien, im Westen liegt das Egerland

In derselben Region gibt es viele sehenswerte Burgruinen und Felsen, deshalb der Name "Böhmisches Paradies". 

Waldweide mit Ziegen in der Bandkeramik

Es ist wichtig, sich bewußt zu machen, daß Böhmen zur Kernregion der frühneolithischen Bandkeramik-Kultur gehörte (Abb. 3) (2). Die Kultur der Bandkeramik scheint nun eine solche Waldweide - zumindest in so vergleichsweise abgelegenen Gebieten wie im Böhmischen Paradies - anders genutzt zu haben als die späteren Gesellschaften und Kulturen der Bronzezeit. Wir lesen als Forschungsergebnis (1):

Unsere Ergebnisse bei Velký Mamuťák (VM) unterstreichen, daß die vollständige Verbreitung der ganzen Artenbandbreite von Viehhaltung in Wäldern erst im späten Neolithikum statthatte, während man sich bei den anfänglichen Management-Praktiken auf Schafe (Ovis) konzentrierten. Vor allem stellen wir bezüglich der vorherrschenden Arten (mit denen die Waldweide genutzt wurde), einen allmählichen Übergang fest von Schafen zu Schweinen bis zur Späten Bronzezeit. Dies korreliert mit der mittelholozänen Transformation der Waldstruktur und kann möglicherweise die Folge dieser Verschiebung der Waldsukzessionsmuster sein, des Nährstoffmangels und der Habitatkonnektivität.
Our results at VM support the understanding that the full expansion of herding to forested ecoregions did not take place until the Late Neolithic, with initial management practices focused on sheep (Ovis). Importantly, we identify a gradual change in dominant species from sheep to pigs (Sus) by the Late Bronze Age. This correlates with the mid-Holocene transformation of forest structure and can potentially be the consequence of this shift in forest succession patterns, nutrient depletion, and habitat connectivity.

Mit dem letzteren Satz könnte auf Überweidung verwiesen sein. 

Der beigegebenen Grafik (Abb. 4) ist zu entnehmen, daß die Forscher Hinweise auf Ziegenhaltung an dem Felsüberhang schon ab 5.000 v. Ztr., also in der Hochzeit der Bandkeramik, finden:

Ziege oder möglicherweise Steinbock (Capra sp.) erscheinen als einziges Taxon in der frühneolithischen Schicht um 5.000 v. Ztr..
Goat or possibly ibex (Capra sp.) appears as the only taxon in the Early Neolithic layer (∼7.0 kyr BP).

Die Bandkeramiker also, die den Urwald in Mitteleuropa rodeten, zogen offenbar vor allem mit Ziegen in die Wälder.

Abb. 3: Dichte frühneolithische, bandkeramische Besiedlung Nordböhmens und des mittleren Sudetenlandes (aus: "The Neolithic Site of Hrdlovka", 2019) (Resg)

Die Forscher stellen für die Waldweide folgende vorherrschende Tierarten in Nordböhmen je nach Zeitepoche fest (siehe Abbildung 4):

  1. Bandkeramik (Frühneolithikum): Ziegen
  2. Mittelneolithikum: Unterbrechung der Waldweide (haben wieder mehr Jäger und Sammler in der Region gelebt???)
  3. frühes Spätneolithikum: Schafe, Rinder, Ziegen, Schweine - Bewuchs: Ahorn (Acer) und Ulme (Ulmus)
  4. spätes Späthneolithikum: Schafe, Schweine, Rinder - Bewuchs: Taubnessel (Lamium) 

Eine Verringerung der Siedlungsdichte im Mittelneolithikum ist für die Region Nordböhmens auch anderweitig festgestellt worden (2). 

Hat es im übrigen während der Endphase des Spätneolithikums eine Überweidung und Übernutzung der Wälder vor allem durch Schafe gegeben, so daß an dem genannten Felsüberhang schließlich vorwiegend Taubnesseln gewachsen sind (die für Schafe sogar giftig sind, wie es im Text heißt)? 

Waldweide mit Schweinen in der Bronzezeit

Wir folgen weiter den Angaben der Abbildung 4:

  1. Frühbronzezeit: Schweine, Schafe, Rinder, sowie auch Ziegen und Menschen - Bewuchs: Weizen (Triticum) (!), Fichten (Picea), Ulmen, Eichen und anderes
  2. Mittelbronzezeit: Schweine, Schafe, Rinder - Bewuchs: Buche (Fagus), Ahorn (Acer)
  3. Spätbronzezeit: nur Schweine

Womöglich ist erkennbar, daß solche Felsen vor allem im Frühneolithikum besonders vielfältig genutzt wurden. Schnurkeramiker haben auch in Oberfranken beispielsweise den abgelegeneren "Hohlen Fels" genutzt, in seiner Nähe gesiedelt und am Felsen auch wilde Pferde bestattet. 

Der Umbruch vom Spätneolithikum zur Bronzezeit geht - wie in vielen Beiträgen hier auf dem Blog behandelt - einher mit dem genetischen und kulturellen Umbruch der Ausbreitung der Indogermanen über ganz Europa hinweg, also mit den genannten Schnurkeramikern und Glockenbecherleuten. 

Von nun an tritt das Schwein bis zur Bronzezeit immer mehr in den Vordergrund was Waldweide betrifft. So daß sich die Frage anschließt: Haben die Indogermanen etwa eine besondere Vorliebe für Schweinefleisch gehabt? Für "Borstenvieh und Schweinespeck"?

Abb. 4: Tier-DNA im Sediment unter dem Felsüberhang über die Jahrtausende hinweg (aus 1)

Daß in der Bronzezeit Schweine in der Waldweide eine viel größere Rolle spielen als im Neolithikum, könnte ja womöglich ein grundlegenderes Kennzeichen der Epoche der europäischen Bronzezeit sein.

Die Bedeutung der Schweinehaltung tritt ja auch noch - zumindest für die Region um Hallstatt in Oberösterreich - während der Eisenzeit hervor, als über das Dachstein-Gebirge hinweg Schweinefleisch samt Salz in größeren Mengen Richtung Süden gehandelt wurde (s. Fb2023). Womöglich war Schweinehaltung die kostengünstigere Variante der Tierhaltung bei den steigenden Bevölkerungszahlen in ganz Europa in der Spätbronzezeit.

Abb. 5: Der Felsübergang liegt inmitten der "Pschichraser Felsen" (Wiki), im Wald eineinhalb Kilometer nördlich des Dorfes Branžež (Wiki) (GMaps)

Man darf gespannt sein, ob sich diese ersten Ergebnisse einer ganz neuen Forschungsrichtung künftig bestätigen werden, und ob solche Forschungsergebnisse insgesamt künftig zu einem deutlich detaillierten Bild der Wirtschaftsweise der jeweiligen Gesellschaft beitragen werden.

Wo liegt das "Böhmische Paradies"?

Abschließend noch einiges zur räumlichen und zeitgeschichtlichen Einordnung der Region des "Böhmischen Paradieses": Von Zittau in Sachsen nach Turnau in Böhmen sind es 55 Kilometer. Auf dem Weg fährt man durch den einstigen deutsch-österreichischen Gerichtsbezirk Reichenberg (Wiki). Dessen Bevölkerung bestand bis 1945 zu 91 % aus Deutschen. 

Hauptort des Bezirkes war Reichenberg (Wiki). Auf dem genannten Weg liegt auch die bis 1945 deutsche Stadt Liebenau (Wiki). Sie gehörte ebenfalls zum Bezirk Reichenberg. Südlich von Liebenau verlief ab 1938 - nach dem Godesberger Abkommen - die Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Resttschechien, bzw. ein halbes Jahr später die Grenze zum "Protektorat Böhmen und Mähren". Südlich dieser Grenze lebten zwar seit dem Mittelalter auch Deutsche. Auch die dortigen mittelalterlichen Städte, Dörfer und Burgen sind oft von Deutschen gegründet und bewohnt worden. Zumindest in der Neuzeit (insbesondere seit den Hussitenkriegen) bildeten sie aber in diesen Regionen nicht mehr die Bevölkerungsmehrheit. 

Jedenfalls wenige Kilometer südlich dieser Grenze liegt - grob auf dem Weg Richtung Prag - das "Böhmische Paradies" (Wiki), und zwar südlich eines Hauptortes dieser Region, nämlich Turnau in Böhmen. Über die deutsche Besiedlung des Bezirkes Reichenau als mittlerer Teil des Sudentenlandes lesen wir (Wiki):

Die Gegend um Reichenberg gewann im 13. Jahrhundert an Bedeutung, als deutsche Siedler das bislang kaum bewohnte Gebiet erschlossen und die Wälder im Bereich des alten Handelsweges vom Zentrum Böhmens zur Ostsee rodeten. Die älteste belegte Siedlung der Gegend neben der Johanniterkommende von Böhmisch Aicha ist Friedland, von wo aus die Fürsten, denen unter anderem auch Reichenberg unterstand, jahrhundertelang herrschten.

Friedland liegt 25 Kilometer nördlich von Reichenberg, Böhmisch Aicha liegt acht Kilometer westlich von Liebenau. Friedland ist durch den Feldherrn Wallenstein bekannt geworden, der zum "Herzog von Friedland" ernannt worden war, weil sich die Jesuiten so sehr freuten über seine militärischen Erfolge bei der Rekatholisierung Deutschlands.

Durch diese Gegend zogen im Jahr 1866 auch die preußischen Truppen in die Schlacht von Königgrätz 70 Kilometer weiter südlich. 

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*) Schon im Mai dieses Jahres hatten wir uns mit einer Studie aus dieser neuen Forschungsrichtung beschäftigt (2). Wir hatten im Entwurf einen Blogartikel verfaßt, der den Titel tragen sollte "Auferstanden aus dem Dreck". Aber ob die Erkenntnisse der von uns behandelten Studie schon ausreichend tragfähig waren, wagten wir nicht zu beurteilen. Deshalb ist dieser Blogartikel bis heute unveröffentlicht geblieben.

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  1. Early Pastoralism in Central European Forests: Insights from Ancient Environmental Genomics. Giulia Zampirolo, Luke Earl Holman, Rikai Sawafuji, Michaela Ptáková, Lenka Kovaiková, Petrída, Petr Pokorný, Mikkel Winther Pedersen and Matthew Walls. bioRxiv. posted 3 December 2023, http://biorxiv.org/content/early/2023/12/03/2023.12.01.569562?ct=ct.
  2. Pere Gelabert, Susanna Sawyer, Anders Bergström, Ashot Margaryan, Thomas C. Collin, Tengiz Meshveliani, Anna Belfer-Cohen, David Lordkipanidze, Nino Jakeli, Zinovi Matskevich, Guy Bar-Oz, Daniel M. Fernandes, Olivia Cheronet, Kadir T. Özdoğan, Victoria Oberreiter, Robin N.M. Feeney, Mareike C. Stahlschmidt, Pontus Skoglund, Ron Pinhasi, Genome-scale sequencing and analysis of human, wolf, and bison DNA from 25,000-year-old sediment, Current Biology, Volume 31, Issue 16, 2021, Pages 3564-3574.e9, https://doi.org/10.1016/j.cub.2021.06.023. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0960982221008186)
  3. Rolandstouren: Felsenstadt Příhrazy im Böhmischen Paradies in Tschechien / Příhrazské skály / Český ráj ( Yt2023)

Freitag, 17. November 2023

Die Völker Sibiriens - Der Nebel über ihrer Herkunft lichtet sich

Die Urheimat der Jenissei-Sprachen: Sie lag westlich des Baikalsee's
- Die Urheimat der finno-ugrischen Sprachfamilie: Sie lag östlich des Baikalsees und in Nordost-Sibirien

Die Abfolge der Völkerwelt in Sibirien - in den letzten 40.000 Jahren war sie kaum weniger komplex, in ihr fanden kaum weniger Bevölkerungsumwälzungen (genetische "Austausch"-Vorgänge) statt als in Europa während des gleichen Zeitraumes. 

Abb. 1: Eine Frau der Keten am Jenissei - In ihrem Zelt während sie Fische auf Stöcken brät - Aufgenommen von Fritjof Nansen bei Turuchansk (Wiki) - Die Keten sind das letzte Volk der Jenissei-Sprachen, das als solches bis heute in genetischer und sprachlicher Kontinuität fortbesteht

Überraschenderweise sind die Völker, die vor der Bronzezeit in Sibirien lebten, heute genetisch so gut wie ausgestorben - genau so wie in Europa. Das gilt für die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler (der hälftigen Vorfahren der Indogermanen) ebenso wie für die Völkergruppe der westsibirischen Jäger und Sammler.

Jene Völker, die in den letzten Jahrhunderten und Jahrtausenden in Sibirien leben, lebten und leben zwar von ihrer Lebensweise her oft recht ähnlich den Fischern, Jägern und Sammler vor der Bronzezeit und während des Mesolithikums. Denn das Klima ist ja der Landwirtschaft bekanntermaßen nicht besonders günstig. Trotzdem sind die heutigen Völker Sibiriens sprachlich und genetisch in der Regel erst vergleichsweise spät entstanden und haben sich erst seit der Bronzezeit in Sibirien und Nordosteuropa ausgebreitet. Dabei haben sie die Völker der zuvor genannten Völkergruppen verdrängt und ersetzt.

Das geschah womöglich deshalb, weil Sibirien entlang seiner gesamten Süd- und Westgrenze an Völker grenzte, in denen Ackerbau betrieben wurde und wird. 

Die "Urheimat" jener Völker- und Sprachfamilien, die es heute in Sibirien und Nordosteuropa noch gibt, lag nun zumeist ganz im Osten von Sibirien. Und zwar einerseits in der Region rund um den Baikal-See und andererseits in Nordost-Sibirien. Die erstere Urheimat war die der Jenissei-Sprachfamilie (einer "paläosibirischen" Sprachfamilie), die zweitgenannte Urheimat war die der finno-ugrischen Sprachfamilie.     

Abb. 2: Die Paläosibirier 16.000 bis 8.000 v. Ztr. (aus 1)

Am Ende der Eiszeit lebten in Sibirien Völker, die von den Genetikern "Ancient Eurasian" genannt werden, erforscht anhand von Menschenfunden am Jenissei bei Afontova Gora, datiert auf 16.000 v. Ztr.. Dort trat auch zum ersten mal in der Menschheitsgeschichte die blonde Haarfarbe auf (siehe frühere Blogartikel hier auf dem Blog).

In Nordostsibirien lebte dann eine Population, die von den Genetikern "Ancient Paleosiberians" genannt wird. Von diesen "Ancient Paleosiberians" stammen auch die Ureinwohner Nordamerikas ab. Ihr Verbreitungsgebiet erstreckte sich im Süden bis an die Ufer des Baikal-Sees (Abb. 2). 

Am Amur-Fluß schließlich lebte eine Population, die den größten Teil der Herkunft bildet, die noch die heutigen Mongolen in sich tragen, und die auch zur Ethnogenese der Koreaner und anderer Völker beigetragen hat. Das dortige kleine Volk der Ultschen hat sich bis heute als eines der wenigen sibirischen Völker eine ursprüngliche mesolithische Genetik unvermischt bewahrt. 

3.400 v. Ztr. - Urheimat der Jenissei-Völker westlich des Baikal-See

Ab 3.400 v. Ztr. entstand dann am Westufer des Baikalsee's das Urvolk der Völker der Jenissei-Sprachen (Wiki). Aber erst ab 1100 v. Ztr. breiteten sich die Völker dieser Sprachgruppe bis zum Oberen Jenissei aus. Auch die meisten der Jenissei-Sprachen sind heute ausgestorben - bis auf die Sprache der Keten (Wiki, engl) (Abb. 1). 

Wenn wir es recht verstehen,  gehörten aus genetischer Sicht auch die Vorfahren der heutigen Jakuten in Nordost-Sibirien, die erst vor 400 Jahren eine Turksprache angenommen haben, ursprünglich zu den Jenissei-Völkern. Erst in den letzten 400 Jahren gaben sie ihre Sprache zugunsten von Jakutisch auf. Genetisch gehören sie aber - soweit wir das verstehen - zu den Jenissei-Völkern.

Der Begriff "paläosibirisch" wird von Genetikern und Sprachforschern unterschiedlich verwendet. Da die Genetiker zeitlich viel weiter zurück blicken können als die Sprachforscher, und da sie mehr "Umbrüche" feststellen als die Sprachforscher, gehören für sie "paläosibirische" Völker einer deutlich früheren Zeitepoche an als bei den Sprachforschern. Die eben genannten Jenissei-Sprachen, die sich vermutlich vom Westufer des Baikalsees aus ausgebreitet haben, werden von den Sprachforschern zu den "paläosibirischen Sprachen" gerechnet. Diese dürfen aber nicht mit den "Palaeosiberians" der Genetiker verwechselt werden. Über die "paläosibirischen Sprachen" - die nach dem neuesten Kenntnisstand eher zeitlich jung anmuten, da das Urvolk derselben "erst" ab 3.400 v. Ztr., alsoim Spätneolithikum westlich des Baikalsees lebte - lesen wir (Wiki):

Sie sind die Reste mehrerer alteingesessener Sprachfamilien, die bereits vor der Einwanderung der turkischen, tungusischen und uralisch-samojedischen Ethnien nach Nord- und Ostsibirien dort ansässig waren. (...) Innerhalb der letzten 400 Jahre nahmen Gruppen von Sprechern paläosibirischer Sprachen allmählich das Jakutische oder andere turkische und tungusische Sprachen an. Die zur uralischen Sprachfamilie gehörenden samojedischen Sprachen haben die Sprachen heute ausgestorbener jenisseischer Stämme absorbiert.

Mit "uralisch-samojedische Ethnien" sind hier im übrigen Völker der finno-ugrischen Sprachfamilie angesprochen. Die hier genannten Umstände machen also darauf aufmerksam, daß sich in der Genetik der heutigen Jakuten die Genetik von Menschen findet, die vormals Jenissei-Sprachen gesprochen haben. 

2.500 v. Ztr. - Die Urheimat der finno-ugrischen Sprachgruppe liegt in Nordostsibirien

In Nordost-Sibirien hingegen, wo heute die Jakuten leben, entstand ab 2.500 v. Ztr. das Urvolk der uralischen Völker mit der "Nganasan-Herkunft" ("Yakutia_LNBA") (1). Diese Herkunft findet sich heute in Nordost-Sibirien gar nicht mehr - sondern hier finden  sich heute - wie gesagt - Jakuten, die  vormals Sprecher von Jenissei-Sprachen waren und auch deren Genetik in sich tragen. Die Nganasan-Herkunft ("Yakutia_LNBA") findet sich dafür aber heute noch in  Mittelsibirien bei den Nganasanen und weiter westlich überall in der uralischen und finno-ugrischen Völkerfamilie. Denn mit ihr hat sich die uralische und die finno-ugrische Sprachgruppe nach Westen ausgebreitet. Ab 2.200 v. Ztr. findet sich diese am Oberen Jenissei (also bevor sich dort die Jenissei-Sprachen vom Westufer des Baikalsees ab 1100 v. Ztr. ausbreiteten). In einer neuen archäogenetischen Studie heißt es dazu (1):

Bis zur Mitte des Holozäns entstanden in Ostsibirien durch die Vermischung dieser frühen nordostsibirischen Population mit Populationen aus dem Landesinneren Ostasiens und aus dem Einzugsgebiet des Amur zwei unterschiedliche Populationen, die eine wichtige Rolle spielten bei der Entstehung späterer Völker. Die Herkunft der ersten Population, Cis-Baikal-Spätneolithikum-Bronzezeit (Cisbaikal_LNBA), findet sich im Wesentlichen nur bei Jenissei-sprachigen Völkern und solchen, von denen bekannt ist, daß sie sich mit diesen vermischt haben.
Die Herkunft aus der zweiten, benannt "Jakutien im Spätneolithikum-Bronzezeit" (Yakutia_LNBA) ist eng mit den heutigen Uralisch-sprachigen Völkern verbunden. Wir zeigen, wie sich die Yakutia_LNBA-Abstammung von einem ostsibirischen Ursprung vor ca. 4.500 Jahren, zusammen mit Unterklassen der Y-Chromosomen-Haplogruppe N, die bei heutigen Uralsprechern häufig vorkommen, nach West- und Zentralsibirien in Gemeinschaften ausbreitete, die mit der Seima-Turbino-Metallurgie in Verbindung stehen: mehrere fortschrittliche Bronzegußtechniken, die sich explosionsartig über ein riesiges Gebiet Nord-Eurasiens vor ca. 4.000 Jahren ausbreiteten. Allerdings war die Herkunftzusammensetzung der 16 Individuen aus der Seima-Turbino-Zeit - der frühesten, die von Fundorten mit dieser Metallurgie untersucht wurden - ansonsten sehr vielfältig. Sie bestand teilweise aus der Herkunft indoiranischsprachiger Herdenhalter und mehrerer Jäger-Sammler-Populationen aus weit voneinander entfernten Regionen Eurasiens. Unsere Ergebnisse stützen Theorien, die darauf hindeuten, daß frühe Uralisch-Sprecher zu Beginn ihrer Ausbreitung nach Westen an der Ausbreitung der metallurgischen Traditionen der Seima-Turbino beteiligt waren, und legen nahe, daß sowohl kulturelle Übernahme als auch demographische Ausbreitung bei der Verbreitung der materiellen Kultur der Seima-Turbino eine Rolle spielten.

So heißt es in der Zusammenfassung (im "Abstract"). Hier wird ein unglaublich spannender Befund dargestellt, für den sich unter anderem auch der Filmemacher und Staatspräsident Lennart Meri sehr interessieren würde, wenn er denn heute noch leben würde. Er hat mehrere spannende Dokumentationen über die Geschichte der finno-ugrischen Völkergruppe erstellt (s. Stgen2022). Daß diese ursprünglich aus Nordost-Sibirien stammt, war - soweit man sehen kann - bislang noch nicht im Horizont der Sprachforscher und Völkerkundler (siehe "Proto-Uralic homeland" [Wiki]).

Hier auf dem Blog waren wir ja schon mehrmals auf die Archäogenetik der Völker der uralischen Sprachgruppe gestoßen (Stgen2018Stgen2019Stgen2022). Aber erst scheint die Forschung zu einer Klärung ihrer Urheimat zu kommen.

Bevor die Indogermanen nach Sibirien kamen

Aber gehen wir noch einmal einen Schritt zurück. In der Erläuterung zur Abb. 3 heißt es (1):

Tafel B zeigt die Herausformung des (genetischen) FSHG-Gradienten vor ca. 10.000 Jahren und die Bildung der Population an ihrem östlichen Ende (Transbaikal_EMN) durch Vermischung von Vorfahren des Amur-Flusses und ostasiatischer Binnenvorfahren. 

Die "ostasiatischen Binnenvorfahren" werden den  Vorfahren der Han-Chinesen nahegestanden haben. Dazu wäre weiter zu erläutern: In Sibirien besaßen die Menschen früher Keramik als in Europa. Sie besaßen schon Keramik, obwohl sie ansonsten noch weitgehend als Fischer, Jäger und Sammler lebten. Denn die früheste Keramik breitete sich von Japan aus nach Westen bis zur Ostsee aus, schon in der Zeit, bevor sich Keramik mit der anatolisch-neolithischen Völkergruppe von Anatolien aus nach Europa ausbreitete. 

Abb. 3: Die osteuropäischen und westsibirischen Fischer, Jäger und Sammler vor 4.000 v. Ztr. ("FSHG-Cline") (aus: 1)

Die Menschen in Sibirien und Nordosteuropa lebten trotzdem - wie schon einleitend gesagt - viel länger als Fischer, Jäger und Sammler als die Menschen in Europa. Auch die mesolithischen Ursprungsvölker hielten sich hier länger.

Wir sehen dann in der Zeit vor 4.000 v. Ztr. Populationen westlich des Baikal-See's ("Cis-Baikal") und östlich des Baikal-See's ("Transbaikal"), wir sehen Populationen in der Mongolei, in Nordchina, am Amur-Fluß und in Nordost-Sibirien (s. Abb. 3). Und wir sehen, wie Nordchina und die Transbaikal-Population genetisch Einfluß nehmen auf die Population in der Mongolei. 

Und wir sehen wie die Transbaikal-Population genetisch Einfluß nimmt auf die Population in Nordostsibirien, um die Nganasan-Herkunft der finno-ugrischen Völkergruppe, die Herkunftsgruppe "Yakutia_LNBA" zu bilden. Wobei die Bezeichnung "Yakutia" hier nur als geographischer Begriff zu verstehen ist. Die Jakuten, die heute in Nordost-Sibirien leben, haben ja bis vor 400 Jahren Jenissei-Sprachen gesprochen. Es wäre unseres Erachtens vielleicht besser gewesen, wenn die Forscher ihre Herkunftsgruppe "Nordost-Sibirien_LNBA" genannt hätten. Denn "Jakutien" weckt in diesem Zusammenhang ja eigentlich falsche Assoziationen. 

2.500 v. Ztr. - Die Indogermanen kommen nach Sibirien

Die ersten Indogermanen der Afanasiewo-Kultur kamen schon um 4000 v. Ztr. nach Sibirien und an die Nordgrenze Chinas (Shirenzigou, Dsungarei). Das war die erste Welle der indogermanischen Ostausbreitung.

Ab 2.500 v. Ztr. und später kommen neue indogermanische Völker nicht nur nach Armenien und Griechenland, nicht nur auf die britischen Inseln und nach Finnland, sondern auch nach Nordosteuropa, nach Westsibirien und in das Altai-Gebirge (s. Abb. 4: Europa_LNBA/Steppe_LNBA). Das war die zweite Welle der indogermanischen Ostausbreitung, mit der auch die "Arier" nach Nordindien kamen (s. Stgen2020). Man darf annehmen, daß die Indogermanen dort mit einem ähnlichen kriegerischen, herrschaftlichen Gestus auftraten wie zeitgleich in Armenien und in Griechenland. Genauer gesagt: Man darf annehmen, daß sie dort ähnlich als erbarmungslose "Kopfjäger" unterwegs waren wie um dieselbe Zeit in Armenien und wie noch später bei den Kelten (Stgen2023).

Die Indogermanen vermischten sich mit den einheimischen Fischer-, Jäger- und Sammler-Völkern. Daraus entstand um 2.000 v. Ztr. nicht nur das Seima-Turbino-Phänomen, das schon angesprochen worden ist und das uns noch beschäftigen wird. Daraus entstanden unter anderem um 1.400 v. Ztr. auch die Vorfahren der heutigen Chanten und Mansen, sowie die Vorfahren des Landnahme-Volkes der Ungarn (Stgen2022), sowie - aus genetischer Sicht - die Vorfahren der Baschkiren.

Da die Chanten und Mansen eine finno-ugrische Sprache sprechen, muß davon ausgegangen werden, daß sich die finno-ugrisch-sprachigen Vorfahren der Chanten, Mansen und Landnahme-Ungarn bis 1.400 v. Ztr. schon bis in die Region südlich des Ural ausgebreitet hatten, das nämlich ist die Region der Ethnogenese der Vorfahren der Chanten, Mansen und Landnahme-Ungarn. Was für ein tiefer Blick in die bisherige Dunkelheit der sehr differenzierten Völkergeschichte Sibiriens. Über die Chanten und Mansen und ihre genetischen Verwandten, die Nganasanen hatten wir schon letztes Jahr geschrieben (Stgen2022):

Es handelt sich bei den Nganasanen um eine andere Herkunftsgruppe als jene, von denen die Mongolen abstammen. Die ursprüngliche Herkunftsgruppe der Mongolen wird am ehesten durch das Volk der Ultschen am Amur-Fluß repräsentiert. Dem äußeren Erscheinungsbild nach finden sich aber sowohl bei Nganasanen wie bei Ultschen "mongolische" (sprich "asiatische") Gesichtszüge. Ob es also zwischen beiden Herkunftsgruppen trotz der vermutlich langen Isolation voneinander in Mesolithikum dennoch auch deutlichere genetische Gemeinsamkeiten gibt, wäre noch einmal gesondert zu klären. Die Genetiker scheinen jedenfalls diese beiden Herkunftsgruppen aufgrund Jahrtausende langer Isolation voneinander in Eiszeit, Mesolithikum und Neolithikum gut unterscheiden zu können.

Die hier umrätselten Zusammenhänge werden durch die neue archäogenetische Studie nun genauer aufgeklärt (1). Die Nganasanen-Herkunftsgruppe stammte ursprünglich aus der Region östlich des Baikal und war damit den Vorfahren der Mongolen am Amur-Fluß eng benachbart.

In der Erläuterung zu Abb. 4 heißt es nun (1):

Tafel C zeigt die Entstehung von Cisbaikal_LNBA und Yakutia_LNBA in genetischen Austauschvorgänge in den Regionen Cis-Baikal und Nordostsibirien im mittleren Holozän, sowie die genetische Vielfalt von Individuen aus der Seima-Turbino-Zeit ∼4,0 kya. 

Die finno-ugrischen Völker vermischten sich also mit den Indogermanen und dienten sich diesen auch sehr bald als Mischbevölkerungen an, die sich auf Bronzeverarbeitung spezialisiert hatten. Die Archäologen sprechen vom "Seima-Turbino-Phänomen" (2.300 bis 1.700 v. Ztr.) (Wiki). Mit diesen Bronze-Handwerkern könnte sich die uralische (bzw. finno-ugrische) Sprachgruppe über die nunmehr indogermanisch geprägte Völkerwelt hinweg bis an die Ostsee ausgebreitet haben, wobei kulturelle Weitergabe dieser besonderen Techniken ebenso infrage kommt wie Weitergabe vom Vater auf den Sohn, also gemeinsam mit genetischer Herkunft. 

Abb. 4: Die Indogermanen kommen nach Nordosteuropa und Sibirien - Die Bronzegießer der Seima-Turbino-Kultur bilden eine finno-ugrische Gruppe multiethnischer Herkunft

Dieses Geschehen, sowie weitere Fragestellungen werden in einer neuen archäogenetischen Studie aus dem Labor von David Reich untersucht anhand der Genetik von vorgeschichtlichen  Skeletten aus einer Region zwischen Baikalsee und Ural, darunter auch solche, die in Zusammenhang stehen mit dem "Seima-Turbino-Phänomen" (2.300 bis 1.700 v. Ztr.), das für die Mittlere Bronzezeit zu finden ist zwischen dem Tarim-Becken im Osten und der Ostsee im Westen. Dabei fällt neues Licht auf die Geschichte der "paläosibirischen" Jenissei-Völker vom oberen und mittleren Jenissei. Außerdem wird eine Ursprungsregion der uralischen (finno-ugrischen) Sprach- und Völker-Familie aufgedeckt, der - soweit uns übersehbar - bislang von kaum einem Forscher angenommen worden war (s. Wiki). Beider Urheimat lag in der Region des Baikal-See's. Es heißt dazu im Diskussionsteil der Studie (1):

Jakutien_LNBA-Abstammung könnte sich in Epochen menschlicher Mobilität ausgebreitet haben, die mit der prähistorischen Verbreitung der uralischen Sprachen in Zusammenhang standen in gleicher Weise wie das Auftreten der Jamnaja/Steppen_EMBA-Herkunft korreliert ist mit (demographischen) Ausbreitungsbewegungen, die für die Ausbreitung der indogermanischen Sprachen verantwortlich waren (...). Ebenso könnte die Cisbaikal_LNBA-Herkunft mit der Verbreitung von Jenissei-Sprachen in Zusammenhang stehen.
Yakutia_LNBA ancestry may have spread in episodes of human mobility that were associated with the prehistoric dispersal of Uralic languages, in the same way that the appearance of Yamnaya/Steppe_EMBA ancestry may be correlated with migrations responsible for the expansion of the Indo-European languages (a “tracer-dye”). Likewise, Cisbaikal_LNBA ancestry may be connected to the spread of Yeniseian languages.

Und (1):

Die aktive Teilhabe mehrerer sozialer Gruppen, die genetisch und kulturell unterschiedlich waren, bildete einen wesentlichen Teil des ST-Phänomens - eine Schlußfolgerung, die mit dem übrigen Inventar in ST-Gräberfeldern übereinstimmt, wie etwa Keramik (die Ähnlichkeiten aufweist mit derjenigen, die von westsibirischen Sammlern hergestellt wurden, sowie derjenigen der Waldsteppen rund um den Tatarka-Hügel), Artefakte aus Feuerstein, Knochen oder Jade (die Ähnlichkeiten aufweisen mit denen, die von Kulturen im äußersten Nordosten Sibiriens und vom Baikalsee hergestellt wurden) und Metallgegenstände aus Nicht-ST-Traditionen (die möglicherweise in der Sintashta-Kultur und insbesondere in den eng verwandten Abashevo-Kulturen entstanden sind). Diese drei Quellen materieller Kultur entsprechen sehr genau jenen drei bedeutendsten genetischen Herkunftsgruppen in unserem Datensatz.
Active participation of multiple social groups that were genetically and culturally distinct was an essential part of the ST phenomenon itself—a conclusion consistent with the rest of the inventory found in ST necropolises, such as pottery (which displays similarities to that produced by West Siberian foragers 61,62,69,78 and that of the forest-steppes around Tatarka Hill 56), artifacts of flint, bone, or jade (which displays similarities to those produced by cultures of far Northeast Siberia and Lake Baikal), and metal items from non-ST traditions (which may have been produced in the Sintashta and especially the closely-related Abashevo cultures) 61,62,69,78. These three sources of material culture closely parallel the three major genetic ancestries in our sample.

Womöglich waren die einheimischen Völker, die schon zwei Jahrtausende früher erstmals mit kulturellen Auswirkungen etwa der Oasen-Kultur an den Nordhängen des Tianshan in Berührung gekommen waren oder mit Indogermanen der Ost-Ausbreitungsbewegung, besonders fasziniert von besonderen Bronzeguß-Techniken und entwickelten sie nach und nach weiter und entwickelten so ein "Alleinstellungsmerkmal", ein "Spezialistentum", das sie für die damaligen indogermanischen Gesellschaften quasi unentbehrlich machte. 

Abb. 5: Eine Gruppe von Keten am Jenissei, aufgenommen von Fritjof Nansen 1913 (Wiki)

Und dabei kam es zur Vermischung der drei genannten Herkunftsgruppen, der finno-ugrischen Nganasan-Herkunft, der westsibirischen Jäger-Sammler-Herkunft und der indogermanischen Herkunft der Abashevo-Kultur. Ein aufregendes Geschehen.

In einer Filmdokumentation des Jahres 2010 wird dargestellt wie beispielsweise noch heute die besonderen Fertigkeiten der Keten im Kanu-Bau von zugezogenen russischen Fischern, Jägern und Fallenstellern gerne genutzt werden (2). Wir lesen außerdem (1):

Bei dem ST-Phänomen haben wir es zu tun mit dem plötzlichen Auftreten sehr ähnlicher Bronze-Gegenstände, die mit fortschrittlichen Techniken hergestellt worden sind, und die sich sehr schnell (etwa innerhalb eines Jahrhunderts oder so) in viele Kulturen hinein verbreitet haben, die über eine weite Spanne von Nordeurasien verbreitet waren, nämlich von China bis zur Ostsee.
The ST phenomenon refers to the sudden appearance of a very similar suite of bronze artifacts manufactured with advanced casting techniques that spread rapidly (in a century or so) into many cultures spanning a vast region of Northern Eurasia, from China to the Baltic Sea. Archaeologists credit this trans-cultural phenomenon for the introduction of metallurgy into Eastern Eurasia and the dissemination of advanced casting methods for tin bronze into Europe.

Aber gehen wir noch einmal erneut zeitlich einen größeren Schritt zurück: Keramik hat sich - wie oben schon erwähnt - erstmals von Ostasien aus über ganz Osteuropa bis an die Ostsee ausgebreitet. 

Die osteuropäischen und die westsibirischen Jäger und Sammler - Ausgestorben

Diese ältesten Keramik-Kulturen der Waldsteppe gehörten der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler an. Im Text der Studie finden wir noch folgende Erläuterung der Abbildung 4 des vorliegenden Beitrages (1):

Wenn wir vom westlichen Ende des Gradienten der Jäger und Sammler der Waldsteppe ausgehen, finden wir zunächst Jäger und Sammler zwischen der Ostsee und dem Ural. Im Westen werden sie der frühneolithischen Elshanka-Kultur zugerechnet. Es folgen die spätneolithische Kammkeramik-/Ljalowo-Kultur und die äneolithischen Volosovo-Kulturen (im Osten) bis hin zu den Kulturen des Samara-Äneolithikums, des Kama-Mündungs-Äneolithikums und des äneolithischen Urals. Diese alle weisen überwiegend osteuropäische Jäger-Sammler-Herkunft (EHG) auf zusammen mit geringen Anteilen an WHG-Herkunft. Das steht in Übereinstimmung mit Erkenntnissen früherer Studien. 
Starting from the western end of the e Forest-Steppe Hunter-Gatherer (FSHG) cline, hunter gatherers from the Baltic to the Urals, attributed to (in the west) the Early Neolithic Elshanka, Late Neolithic Pit-Comb Ware/Lyalovo, and Eneolithic Volosovo cultures, and (in the east) to the Samara Eneolithic, Kama Estuary Eneolithic and Eneolithic Ural cultures, have mostly EHG-related ancestry, with low levels of WHG-related ancestry, in line with previous findings. 

Hier auf dem Blog haben wir der Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler schon einen ausführlichen und umfangreichen Blogartikel gewidmet, in den auch viele neuere archäologische Erkenntnisse eingeflossen sind (Stgen2021). Ein ähnlicher Beitrag über die Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler scheitert vermutlich zunächst einmal an fehlenden russischen Sprachkenntnissen, obwohl sie einen ähnlich umfangreichen Beitrag verdient hätte. Denn diese Völkergruppe stellte die eine Hälfte der Vorfahren des Urvolkes der Indogermanen. Mit der hier behandelten Studie haben wir jedenfalls ein weiteres Puzzle-Teil für einen solchen Beitrag.

Ergänzung (2.12.23): 6000 v. Ztr. gab es östlich des Ural, also im damaligen Gebiet der osteuropäischen Jäger und Sammler, schon komplexe Gesellschaften, die ihre Siedlungen mit Wällen und Palisaden umgaben (Antiquity2023, ScMag2023). Dieser Umstand läßt ggfs. auch einen Blick werfen auf den Ursprung der Indogermanen an der Mittleren Wolga.

Abb.: Von Palisaden umgebene, feste Siedlungen um 6.000 v. Ztr. östlich des Ural (aus:(Antiquity2023)  

Östlich des Ural finden wir dann schon erste ausgeprägtere Mischbevölkerungen zwischen a) der Völkergruppe der osteuropäischen Jäger und Sammler, b) der Völkergruppe der westsibirischen Jäger und Sammler, bzw. des Tarim-Beckens und c) derjenigen des Baikalsees (1):

In Populationen östlich des Ural, die dem Tobol- und Mittelirtysch-Frühneolithikum zugehören und dem nachfolgenden Kreis der äneolithischen westsibirischen Kulturen, die Kammkeramik benutzen, mischte sich EHG-Abstammung mit Ancient North Eurasian-(ANE-)Herkunft, sowie mit geringen Mengen ostasiatischer Herkunft. Diese Populationen gleichen genetisch Individuen, die der benachbarten Botai-Kultur aus Nordkasachstan zugeschrieben werden (~5,4–5,1 kya).
Eastwards across the Urals, in populations of the Tobol and Middle Irtysh Early Neolithic and of the succeeding circle of Eneolithic West Siberian cultures using Comb-Pit Ware pottery, EHG ancestry admixed with ANE ancestry and low levels of East Asian ancestry. These populations are genetically similar to adjacent Botai-attributed individuals from northern Kazakhstan (~5.4-5.1 kya).

Wie dann weiter ausgeführt wird, ist die hier genannte, sehr alte ANE-Herkunft mit großer Wahrscheinlichkeit über die Zwischenstufe der Tarim-Herkunftsgruppe in die hier erörterten Populationen hinein gekommen, so wie wir das auch selbst schon in einem früheren Blogbeitrag angesprochen hatten.

Abb. 6: Ultschen - Fotografiert von Fritjof Nansen im Jahr 1913 - Die Ultschen leben in genetischer und kultureller Kontinuität seit dem Mesolithikum in der Gegend des Amur-Flusses - ein genetischer Ausnahmefall - Sie repräsentieren eine wichtige Ausgangspopulation bei der Ethnogenese sibirischer Völker

Dann heißt es weiter (1):

Individuen weiter östlich, vom Fuße des Altai und vom Oberen Ob, aus der Kuznetsk-Altai-Kultur, die das Frühe Neolithikum und das Eneolithikum überspannt (von Grabungsorten wie Firsovo-11, Tuzovskie-Bugry-1 and Ust’-Isha), können modelliert werden als eine Zwei-Wege-Vermischung von ANE und ostasiatischer Genetik. Dies setzt sich fort mit Individuen von neolithischen Siedlungen am Oberen Jenissei und aus dem Tal des Kan-Flusses (Siedlungen ohne klare kulturelle Zuschreibung), in denen die ANE-Herkunft zurück geht und die ostasiatische Herkunft zunimmt. Der Gradient erstreckt sich weiter bis zur Kitoi-Kultur der Baikal-Region durch die zuvor erörterte Cisbaikal_EN-Population hindurch, um auszulaufen in der Transbaikal_EMN-Population, die fast vollständig ostasiatische Herkunft aufweist.
Further east, individuals from the Altai foothills and the upper Ob, from the Kuznetsk-Altai culture spanning the Early Neolithic and Eneolithic (from sites such as Firsovo-11, Tuzovskie-Bugry-1 and Ust’-Isha), can be modeled as two-way admixtures of ANE and East Asian ancestry. This continues into individuals from Neolithic sites of the Upper Yenisei and Kan River Basin from sites without clear cultural attribution, where ANE ancestry declines and East Asian ancestry increases. The gradient extends into the Kitoi culture of the Baikal region, through the previously discussed Cisbaikal_EN population, to terminate in the Transbaikal_EMN population that is almost completely East Asian in ancestry.

Aber die ANE-Abstammung ist definiert durch ein sehr altes Individuum vom Unteren Jenissei (16.000 v. Ztr.), so daß sich die Forscher fragen, ob die hier behandelte, in viel späterer Zeit erneut vorgefundene Herkunft nicht aus anderer Quelle stammen könnte. Sie schreiben (1):

Es ist vorgeschlagen worden, daß Populationen, die genetisch mit Tarim_EMBA verwandt sind, in Zentralasien vor dem Aufkommen der Herdenhaltung während der Bronzezeit lebten; die Abstammung aus dieser Quelle könnte zu FSHG-Populationen in Westsibirien beigetragen haben, was unsere Ergebnisse erklären könnte, ein Szenario, das durch die kürzliche Entdeckung eines Individuums mit diesem hypothetischen Profil aus dem mesolithischen Tadschikistan noch plausibler wird. Daher könnten sich zwei Quellen in die ANE-reichen Populationen im Zentrum der FSHG-Kline eingemischt haben: eine Tarim_EMBA-ähnliche Population aus Zentralasien und eine Population wie die des späteren Kusnezk-Altai-Neolithikums der Altai-Region.
It has been suggested that populations genetically related to Tarim_EMBA lived in Central Asia before the arrival of pastoralism during the Bronze Age; ancestry from this source may have contributed to FSHG populations in West Siberia, explaining our results, a scenario made even more plaubsible by the recent discovery of an individual with this hypothesized profile from Mesolithic Tajikistan. Therefore, two sources may have admixed into the ANE-rich populations in the center of the FSHG cline: a Tarim_EMBA-like population from Central Asia, and a population like that of the later Kuznetsk-Altai Neolithic of the Altai region.

So die Studie.

Abb. 7: Die finno-ugrische Sprachfamilie vor der Ausbreitung der Russen im Mittelalter und in der Neuzeit

Als Erläuterung heißt es zur Abb. (1):

Tafel D zeigt den genetischen Gradienten zwischen westeurasischer Abstammung und Jakutien_LNBA, der von heutigen Ural-Populationen gebildet wird, zusammen mit allen Standorten, an denen heutige Populationen mit Cisbaikal_LNBA-Abstammung zu finden sind (graue Punkte mit schwarzem Ring), zusammen mit den geografischen Standorten von zwei Individuen aus der späten Bronzezeit/frühen Eisenzeit (graue Punkte mit gelben Ringen) mit >90 % Cisbaikal_LNBA-Abstammung.

Die Keten (auch "Ostjaken" genannt) lebten ursprünglich vor allem am Mittel- und Oberlauf des Jenissei. Sie lebten im Wesentlichen von dem Fischfang im Jenissei und von der Jagd an Land. Interessanterweise gab es bei den Keten einen ähnlichen Bärenkultur wie bei den Chanten und Mansen. Wir lesen (Wiki):

Wie bei anderen Völkern im Norden von Eurasien gehört zur Tradition der Keten ein Bärenkult. Ein Bär gilt als Ahn, weil in ihm die Seele eines verstorbenen Menschen steckt. Bei einem getöteten Bären wird nach bestimmten körperlichen Merkmalen gesucht, um herauszufinden, wessen Seele er beherbergte. Außerdem existiert die Vorstellung, der Bär habe hellseherische Fähigkeiten, er könne die menschliche Sprache verstehen und sogar Gedanken erraten. Deswegen wandten laut dem Bericht einer 1905 bis 1908 durchgeführten Forschungsexpedition die Keten eine Beschwichtigungsformel an, wenn sie einen Bären bei der Jagd umstellt hatten: „‚Sei nicht böse, Großvater! Komm zu uns als Gast.‘ Erst dann schlägt man ihn tot.“ Weitere Rituale waren beim Zerlegen des Bärenfleisches zu beachten, so durfte etwa kein Blut auf die Erde tropfen. Für den Schädel eines getöteten Bären wurde ein eigenes Bretterhäuschen errichtet. Der finnische Sprachwissenschaftler Kai Donner beschreibt ein Bärenfest, an dem er 1912 teilnahm, bei dem eine mit feuchter Holzkohle auf Birkenrinde gemalte Bärenfigur im Mittelpunkt stand.

Schon letztes Jahr hatten wir in einem Blogartikel-Entwurf Ausführungen festgehalten, die wir hier noch als Anhang bringen wollen.

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