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Dienstag, 19. Januar 2021

Die Generation Hoimar von Ditfurth

Ein wesentlicher Abschnitt der Wissenschaftsgeschichte

In einem Beitrag von vor einem Monat stellten wir die Wissenschaftsvermittlung durch den Fernsehmoderator und Buchautor Hoimar von Ditfurth (1921-1989) (Wiki, priv. Ditfurth-SeiteGoogle Scholar) als einen Orientierungspunkt dar in einer Gesellschaft, die immer mehr im "Delta der Beliebigkeit" (P. Sloterdijk) zu versumpfen scheint (1). Was sind eigentlich die Gründe dafür, daß diese so gut als Orientierungspunkt gelten kann? Dieser Wissenschaftvermittlung liegt, so wird uns bei etwas genauerer Beschäftigung mit seinem Leben noch einmal deutlich, eine fest umrissene wissenschaftlich-philosophische Grundhaltung zugrunde.

Und diese kann in letzter Instanz auf die Evolutionäre Erkenntnistheorie von Konrad Lorenz zurück geführt werden. Dieser breite Horizont scheint fast allen Menschen, die im deutschsprachigen Raum Wissenschaftsvermittlung seither betrieben haben, mehr oder weniger zu fehlen, bzw. scheint er nicht deutlich genug in die Grundhaltung eingeflossen zu sein. Dieser Horizont selbst schon kann nur mit Ehrfurcht vor den Erkenntnismöglichkeiten des Menschen verbunden sein, ebenso mit Ehrfurcht vor den prinzipiellen Grenzen dieser Erkenntnismöglichkeiten.

 

Abb. 1: Hoimar von Ditfurth

Indem uns diese Gedanken einmal erneut klar werden, wird auch die Frage in uns wach, wie sich diese wissenschaftlich-philosophische Grundhaltung im Leben Hoimar von Ditfurths eigentlich geformt hat. Wenn man es genau betrachtet, eigentlich aus Enttäuschung über die wenigen beruflichen Möglichkeiten, die sich ihm angesichts der von ihm angestrebten Hochschullehrer-Laufbahn Ende der 1950er Jahre eröffneten.

Der Lebensweg des Hoimar von Ditfurth scheint deshalb keineswegs ein irgendwie geradliniger oder repräsentativer zu sein. Ursprünglich strebte von Ditfurth nämlich eine "ganz banale" Hochschullehrer-Laufbahn an einer Universitätsklinik an. Da er hier aber nicht weiter kam, wechselte er 1959 "in die Industrie". Und zwar als erkennbar wurde, daß in seinem Bereich - der Psychiatrie - für ihn so bald kein Lehrstuhl in Deutschland frei werden würde. In der Industrie, als leitender Angestellter bei Boehringer-Mannheim, kam er dann - eher durch Zufall oder weil die dort arbeitenden Menschen "wacher" waren als im akademischen Bereich - in persönliche Berührung mit dem berühmten Verhaltensforscher Konrad Lorenz.

Wie Hoimar von Ditfurth für eine gar zu "banale" Hochschullehrer-Laufbahn verloren ging

von Ditfurth arbeitete nämlich an der Entwicklung von Medikamenten gegen Schizophrenie, an sogenannten "Neuroleptika". 1961 war man auf der Suche nach geeigneten Versuchstieren, um von den Chemikern neu entwickelte Stoffe an ihnen auszuprobieren. von Ditfurth schreibt (2, S. 328):

Professor Johann-Daniel Achelis, der ideenreiche Leiter unserer Forschungsabteilung, hatte noch einen anderen höchst interessanten Einfall. Das Neuartige der Neuroleptika bestehe offenbar doch, so erklärte er mir eines Tages, in der Tatsache, daß diese Stoffgruppe im Unterschied zu allen dahin bekannten Narkotika nicht zuerst an der Hirnrinde angreife (worauf deren bewußtseinstrübende Wirkung zurückzuführen sei), sondern daß sie, gleichsam "unter Umgehung der Hirnrinde", direkt auf die daruntergelegenen, tieferen Zentren des Hirnstammes wirkten. ...

Nebenbei bemerkt, ist hier einer der Grundgedanken seines späteren Buches "Der Geist fiel nicht vom Himmel" angesprochen. Weiter im Zitat (2, S. 328):

... Und da gebe es nun im Max-Planck-Institut Seewiesen, in der Nähe des Starnberger Sees, einen gewissen Professor Lorenz, Konrad mit Vornamen, der die neue Forschungsdisziplin der "tierischen Verhaltensphysiologie" begründet habe. Ich hatte davon 1961 noch nie etwas gehört. (...) Diese angeborenen Verhaltens- oder Instinktprogramme, so fuhr er fort, seien allem Anschein nach im Stammhirn lokalisiert. Daher denke er, Achelis, an die Möglichkeit, daß sich die neuroleptische Wirkung chemischer Substanzen bei Tieren dadurch zu erkennen geben könnte, daß sie die von den Seewiesener Wissenschaftlern genau beschriebenen Verhaltensweisen unterdrückten oder beeinflußten, ohne die Tiere zu narkotisieren. Jetzt war ich fasziniert. Der Einfall erscheint mir noch heute hervorragend.

Über Telefon wurde der Kontakt mit Konrad Lorenz hergestellt, der von Ditfurth zum persönlichen Besuch in Seewiesen einlud (2, S. 328):

Der persönliche Kontakt zu dem von mir verehrten Lorenz und mehreren seiner Mitarbeiter blieb über die Zeit des dienstlichen Anlasses hinaus bestehen. (...) Mein seit dieser Zeit nie mehr erlahmtes Interesse für Evolutionsforschung und Evolutionstheorie geht auf den persönlichen Kontakt mit Lorenz zurück und die verschwenderische Fülle von Anregungen, die ich diesem geistvollen und liebenswerten Mann verdanke.

Was für schöne Worte. Nach so manchen menschlichen Enttäuschungen im akademischen Bereich, von denen von Ditfurth zuvor berichtet hatte, muß das Erlebnis mit Konrad Lorenz um so hervorstechender gewirkt haben.

Als Jahrgang 1921 gehörte von Ditfurth zu jenen Jahrgängen, die während des Zweiten Weltkrieges unter den Männern die höchsten Verluste aufzuweisen hatte. von Ditfurth hatte nach seinem Abitur im Jahr 1939 in Potsdam Medizin an der Universität Berlin studiert. Von August 1941 bis Februar 1942 war er dann nach der vorschriftsmäßigen Ableistung des Arbeitsdienstes und der militärischen Grundausbildung für ein halbes Jahr auf "Frontbewährung" als Soldat an den Nordabschnitt der Ostfront geschickt worden. Auch er hatte dabei die damalige Erfahrung seiner Generation von mangelnder Winterbekleidung gemacht, beißender Kälte, der unberechenbaren Gefahr russischer Scharfschützen und vieler ähnlicher Dinge mehr. Nach einem als "unendlich" erlebten halben Jahr wurde er abgelöst. Er arbeitete dann als Sanitätssoldat in mehreren Lazaretten.

Ab Anfang 1943 wurde er dann von der Wehrmacht für das weitere Medizin-Studium an der Universität Hamburg freigestellt. Für die damals noch erwarteten, neuen deutschen Kolonien, so schreibt von Ditfurth, wollte man ausgebildete Ärzte in Bereitschaft haben. Deshalb sei er vom Kriegsdienst für das Studium freigestellt worden, in Hamburg auch noch in den Endtagen des Krieges, während die zeitgleichen Berliner Medizinstudenten in den dortigen Endkämpfen noch zum Einsatz kamen und hohe Verluste hatten. 1946 promovierte von Ditfurth dann in Hamburg zum Doktor der Medizin.*)

Von 1948 bis 1960, also vom 27. bis zum 39. Lebensjahr war er dann als Assistenzarzt an der Universitätsklinik Würzburg tätig, insbesondere in der dortigen Nervenklinik. 1949 heiratete er (2, S. 278). Vier Kinder gingen aus der Ehe hervor. In Würzburg verbrachte er eine wissenschaftlich anregende Zeit, so schreibt er. Aber sein eigentliches Leben hätte doch erst viel später begonnen.

Immerhin, schon in dieser Zeit hat er vereinzelt Aufsätze allgemeineren Charakters veröffentlicht, etwa in der Zeitschrift "Deutsche Rundschau" von 1947 den Aufsatz "Vom Ebenbild Gottes zum Homo sapiens - Wandlungen menschlichen Selbstverständnisses". Oder im Wochenmagazin "Zeit" 1950 den Aufsatz "Liebe, Haß und Hunger ferngesteuert - Die Entdeckung biologischer Grundlagen freien Verhaltens" (Dith.). Schon hier also war die Tendenz erkennbar, den Tunnelblick des Fachwissenschaftlers zu vermeiden und die Augen weit über eine breitere Landschaft des Wissens wandern zu lassen.

1958 wurde er Facharzt für Nerven- und Geisteskrankheiten, 1959 habilitierte er sich. Dann war er - wie schon gesagt aufgrund der Aussichtslosigkeit, in Deutschland bald einen Lehrstuhl bekommen zu können - in die Industrie gegangen.

1961 - Die Zeitschrift "Naturwissenschaft und Medizin" wird begründet

1960 wurde er Leiter des pharmako-psychiatrischen Forschungslaboratoriums des Pharmakonzerns Boehringer in Mannheim. Und wie schon geschildert, hat er in diesen beruflichen Zusammenhängen Konrad Lorenz persönlich kennenlernen können. Es ist doch kaum zu bezweifeln, daß es dieser Anregung durch Konrad Lorenz bedurfte, daß aber dann mehr auch nicht mehr nötig war, um die entscheidende Wende in seinem Leben einzuleiten: Da sich bald herausstellte, daß in der Entwicklung von Neuroleptika keine großen Fortschritte mehr zu erwarten waren, schaute sich von Ditfurth nach neuen Wirkungsmöglichkeiten um. Und nun kam er auf die Idee, die seinem Begabungsspektrum am nächsten kam, er schlug seinem Konzern vor, eine moderne wissenschaftliche Zeitschrift zu begründen. Diese Idee kam an. 1961 wurde die Zweimonats-Zeitschrift "Naturwissenschaft und Medizin (n+m)" gegründet, eine Zeitschrift für Ärzte des Pharmakonzerns Boehringer. Sehr bald machte sie sich einen Namen bis weit in den akademischen Bereich hinein. Sie (Wiki) ...

... war eine „grundsätzlich neuartige Zeitschrift“, die dem Arzt neben medizinischen Themen auch grundlegende oder aktuelle Themen aus allen Gebieten der Naturwissenschaft „in allgemeinverständlicher Form“ nahe bringen wollte. (...) Die Zeitschrift veröffentlichte Originalartikel von anerkannten wissenschaftlichen Autoren aus dem In- und Ausland. Im ersten Heft schrieb der Zoologe und Verhaltensforscher Konrad Lorenz „Über die Wahrheit der Abstammungslehre“, in Heft 2.1964 schrieb der US-amerikanische Chemiker, Biochemiker und Nobelpreisträger Melvin Calvin „Über die Entstehung des Lebens auf der Erde“. Jedes Heft enthielt auch einen medizinischen Beitrag für Allgemeinmediziner mit Fortbildungscharakter.

Von Ditfurth erläutert (2, S. 333):

Es half sehr, daß Konrad Lorenz für das erste Heft (ich konnte den Autoren für diese Ausgabe ja noch kein sichtbares Beispiel präsentieren!) auf meinen Wunsch einen brillanten Aufsatz "Über die Wahrheit des Abstammungslehre" beisteuerte, der in den folgenden Jahren von den verschiedensten Verlagen (und unter den verschiedensten Titeln) mehrfach nachgedruckt wurde. 

In den Folgejahren kamen nach und nach weitere namhafte Autoren dazu (2, S. 333):

Das Eis war gebrochen. Die Auflage der Hefte mußte wegen zahlreicher Nachfragen laufend erhöht werden. Schon nach kurzer Zeit wurde "n+m" nicht nur von den Ärzten gelesen, sondern auch von Chemikern, Biologen und anderen Naturwissenschaftlern an vielen Universitäten und Instituten. Boehringer konnte mit der Resonanz zufrieden sein. Für meine berufliche Entwicklung sind die Jahre der redaktionellen Arbeit an dieser Zeitschrift von entscheidender Bedeutung gewesen.

Ein angefragter Beitrag über die Relativitätstheorie mußte nicht nur übersetzt, sondern um der Verständlichkeit willen auch gründlich umgearbeitet werden, wozu sich von Ditfurth Hilfe von fachwissenschaftlicher Seite holte:

Seitdem weiß ich, was es mit der Relativitätstheorie auf sich hat!

Das etwa zeitgleiche Angebot, Mitglied der Geschäftsführung in der Firma Boehringer zu werden, schlug er - nach einem Jahr Probe - trotz eines damit verbundenen, ansehnlichen Gehaltes aus (2, S. 336):

Es ist der glücklichste Entschluß, den ich in meinem Leben, wenn auch unter Bangen, getroffen habe. (...) Jetzt begann für mich mein eigentliches Leben, relativ spät - ich war schon fast fünfzig Jahre alt -, nach langen Lehr- und Wanderjahren.

Von 1963 bis 1967 hielt Hoimar von Ditfurth viele Rundfunk-Vorträge, vornehmlich für den WDR. Diese wiesen schon die ganze Breite der Themen auf, die für Hoimar von Ditfurth so kennzeichnend ist, nämlich von der Astrophysik über die biologischen Wissenschaften bis hin zur Psychiatrie und bis zur Kultur- und Technikgeschichte (Rundfunk). Dieselbe thematische Breite findet sich in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift wieder. 1964 kam in dieser einer der wichtigsten Schüler von Konrad Lorenz zu Wort, nämlich Wolfgang Wickler.

1964 fand auf Einladung der Forschungsabteilung der Firma Boehringer Mannheim (also Hoimar von Ditfurths) im Rahmen der "Starnberger Gespräche" eine Tagung statt, die dem Thema Angst gewidmet war. Das Schlußwort dieser Tagung sprach damals übrigens, man höre und staune: Jürgen Habermas (Dith.). 1968 leitete von Ditfurth im Rahmen der "Starnberger Gespräche" eine zweite solche Tagung, auf der unter anderem auch der Lorenz-Schüler Klaus E. Großmann, heute Regensburg. Er ist Ehemann von Karin Großmann. Dieses Ehepaar hat der Autor dieser Zeilen selbst noch in Seewiesen auf einer Soziobiologie-Tagung kennen und schätzen gelernt.

In der Zeitschrift kam 1968 ein weiterer Lorenz-Schüler, nämlich Otto Koenig zu Wort. Und so kamen eben auch andere bedeutende Forscher aus allen Bereichen der Naturwissenschaft mit Beiträgen zur Geltung.

1970 schrieb er über die Blindheit nur geisteswissenschaftlich gebildeter Menschen im Wochenmagazin "Der Spiegel" (3). (Der Aufsatz ist in dem Sammelband "Unbegreifliche Realität" von 1987 enthalten.) Im Jahr 1970 kam bei Hoffmann und Campe in Hamburg auch sein erstes Buch heraus "Kinder des Weltalls", das, wie von Ditfurth schreibt, einen unerwartet großen Erfolg hatte.

1971 - Die Sendereihe "Querschnitt" wird begründet

Wichtig war es aber auch, im Fernsehen ein zweites wirtschaftliches Standbein zu haben (Dith.):

Seit 1964 produzierte Hoimar von Ditfurth beim WDR-Fernsehen in größeren Abständen einige populärwissenschaftliche Sendungen, die - wie er selber sagte - "in den Sendehäusern und bei den Zuschauern ganz gut angekommen waren". Trotzdem wurden ihm beim WDR die von ihm vorgeschlagenen sechs Sendungen pro Jahr nicht eingeräumt. Deshalb nahm Hoimar von Ditfurth Kontakt mit dem ZDF auf und bekam innerhalb kurzer Zeit einen Vertrag für eine zweimonatlich auszustrahlende wissenschaftliche Sendereihe. So konzipierte und moderierte Hoimar von Ditfurth von 1971 bis 1983 die populärwissenschaftliche Sendereihe Querschnitte, eine der bekanntesten Wissenschaftssendungen des deutschen Fernsehens überhaupt (bis zu 10 Millionen Zuschauer). Anfangs hieß die Sendung Querschnitt (Singular) wurde aber später in Querschnitte (Plural) umbenannt.

Die erste und die elfte Folge dieser Sendereihe sind derzeit frei im Internet zugänglich (4, 5) und heute noch so sehenswert und begeisternd wie damals (1). Mit wie einfachen Mitteln hat Hoimar von Ditfurth einen Millionenpublikum wesentliche wissenschaftliche Zusammenhänge nahe gebracht. Das geht einem emotional sehr nahe. Denn es wird erkennbar: Es bedarf keines umfangreichen Bombastes von - mit neuester Technik hergestellten  -"Animationen", um für Wissenschaft zu begeistern. Dafür sind ganz andere Zutaten notwendig. Und diese sind hier vorhanden: Kein langes Palaver, gleich mitten in die Sache hinein. Auch gar nicht lange bei einzelnen Themen verweilen, stringent weiter gehen. Und ähnliche Dinge mehr.

Im November 1971 handelte eine Folge "Über die Entstehung eines Sterns". Das war ja auch der Themenbereich seines ersten Buches gewesen. Zwei Wochen später hieß eine Folge "Urmeer in unseren Adern". In dieser wurde dem gleichen Gedanken Ausdruck verliehen, den der Delbrück-Schüler Gerold Adam in Konstanz in seiner Antrittsvorlesung zu jener Zeit zum Ausdruck brachte, nämlich daß Blut letztlich verdünntes Meerwasser ist (6). 

1972 - Das "Mannheimer Forum" wird begründet

Zeitlich parallel dazu wurde ab 1972 die herausgegebene wissenschaftliche Konzern-Zeitschrift in das ebenso bedeutende Jahrbuch "Mannheimer Forum" (Wiki) umgewandelt. von Ditfurth war nun längst nicht mehr leitender Angestellter des Konzerns. Auch dieses Jahrbuch begann wieder mit einem Beitrag von Konrad Lorenz ("Wissenschaft, Ideologie und das Selbstverständnis unserer Gesellschaft. Kritische Anmerkungen zur "empty organism"-Doktrin der behavioristischen Schule"). Im selben Jahrbuch findet sich ein Beitrag des Lorenz-Schülers Bernhard Hassenstein und einer des Begründers der Biophysik, nämlich von Max Delbrück. Außerdem findet sich ein Beitrag des bedeutenden britischen Archäologen James Mellaart. Wie begeisternd es doch ist, die Treffsicherheit des Hoimar von Ditfurth zu beobachten darin, einige der wirklich bedeutendsten damaligen Vertreter der  jeweiligen Fachbereiche für Beiträge auszuwählen.

Im nächsten Jahr kommt im Jahrbuch Manfred Eigen zu Wort. Im darauffolgenden der Psychologe Hans Jürgen Eysenck. Im darauffolgenden Jahr Karl R. Popper. 

Im September 1973 geht Hoimar von Ditfurth in einer Folge der Sendereihe "Querschnitte" der Frage nach "Wie wahrscheinlich ist außerirdisches Leben?". (Antwort damals vermutlich: sehr wahrscheinlich.) Ein Jahr später erscheinen die Sendungen in Buchform. Im Inhaltsverzeichnis erhalten wir einen Überblick zu dem Inhalt dieser letztgenannten Sendung (Dith.):

Planet auf Bahn - Kanäle auf dem Mars - Überraschende Funkbilder - Das neue Marsrätsel - Höllische Zustände auf der Venus - Rahmenbedingungen für das Leben - Wie wahrscheinlich war irdisches Leben? - Automatische Lebenssuche - Ein Dorf in der Milchstraße.

Zu diesem Thema gibt es natürlich heute schon wieder einen ganz anderen Kenntnisstand. Im selben Buch findet sich das tief philosophische Kapitel (Dith.):

Mimikry: Verstand ohne Gehirn - Die älteste Methode, sich unsichtbar zu machen - Anpassungskünstler auf dem Meeresboden - Auffallen um jeden Preis - Wer blufft, braucht keinen Stachel - Wie entsteht Mimikry? - Der rettende Augenblick - Wölfe im Schafspelz - Mimikry in der Werbung.

Die Frage, wie Mimikry entsteht, ist bis heute nicht wirklich klar (7). Ein weiteres Kapitel behandelt die damalige Intelligenzforschung (Dith.):

Gedanken über Intelligenz - Intelligenztests bei Kindern - Schulzeugnis und Intelligenz - Lese- und Rechtschreibschwäche - Hirnströme als Intelligenzmesser - Intelligenztests bei Erwachsenen - Der Intelligenzquotient - Künstliche Intelligenz - Ererbt oder anerzogen? - Affen in der Schule - Intelligenzunterschiede schon bei Geburt? - 1,3-Liter-Denkmaschine.

Ob auch hier schon jene berühmte Minnesota-Studie zur Zwillingsforschung des Forschers Bouchard behandelt ist, auf die der Autor dieser Zeilen erstmals hingewiesen wurde durch eine begeisternde Querschnitt-Sendung (siehe unten), stehe dahin. Mit aktuellerem Interesse (Stichwort: sogenanntes "False-Memory-Syndrom") wird man vielleicht auch noch einmal gerne in das Kapitel hineinschauen (Dith.):

Künstliche Erinnerungen - Angeborene Erfahrungen - Die Grundlagen der Instinkte - Erworbene Erfahrungen - Erinnerungen aus der Spritze - Dunkelangst - chemisch geschrieben - Sprachkurse durch Injektion? - Gedächtnis und Erfahrung.

1975 erschien der Aufsatzband "Evolution", in dem viele wertvolle Aufsätze aus der Zeitschrift (unter anderem von Lorenz, Wickler, Dobzhansky, König) einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. von Ditfurth schreibt in der Einleitung zu diesem Buch (Dith.):

Den Anfang macht Konrad Lorenz mit einem seinerzeit stark beachteten Aufsatz "Über die Wahrheit der Abstammungslehre", der wahrscheinlich besten und umfassendsten Darstellung dessen, was "Darwinismus" eigentlich ist, die es heute in deutscher Sprache gibt. Den Autor, der durch zahlreiche, auch populäre, Veröffentlichungen bekannt wurde und für seine verhaltensphysiologischen Untersuchungen 1973 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde, braucht man kaum vorzustellen.

Immerhin, 15 Jahre zuvor hatte Hoimar von Ditfurth diesen Autor noch gar nicht gekannt, obwohl er damals Hochschullehrer für Psychiatrie werden wollte ... Und zu dem Dobzhansky-Aufsatz schreibt er:

"Sind alle Menschen gleich erschaffen?" Mit dieser Frage stellt sich der Verfasser, international renommierter Genetiker an der University of California, dem provozierenden Widerspruch zwischen der moralischen Forderung nach der Gleichberechtigung aller Bewohner dieses Planeten und der unbestreitbaren Tatsache ihrer genetischen Verschiedenheit.

1976 erschien dann das so außerordentlich wichtige Buch "Der Geist fiel nicht vom Himmel", ein Buch, das der Autor dieser Zeilen einstmals 1995 im Doktoranten-Seminar des weltoffenen Professors August Nitschke (1926-2019) (Wiki) in Stuttgart vorgestellt hat. Der Autor dieser Zeilen suchte damals einen Weg aus der Zeitgeschichtsforschung, in der er seine Magisterarbeit erarbeitet hatte, hinüber in den Bereich der "Historischen Anthropologie", der er - auch mit diesem Referat - ein naturwissenschaftliches Fundament zu geben bestrebt war, ein Unterfangen allerdings, das noch heute, 25 Jahre später, keine gar zu auffallenden Fortschritte gemacht hat.

Fortschritte in diesem Bereich würden auch ein umfangreicheres emotionales Engagement erfordern, da unsere Gesellschaft noch heute nicht wirklich auf solche Fundamente hin ausgerichtet ist. Sondern - wie eingangs betont - im "Delta der Beliebigkeit" zu versinken geradezu bestrebt ist. Ja, der Autor dieser Zeilen muß sich das in Erinnerung rufen. Deshalb schreibt er diesen Beitrag. Die "Generation Hoimar von Ditfurth" hat ein Erbe hinterlassen, dem gerecht zu werden als echte Herausforderung angesehen werden kann. Die Errungenschaften der "Generation Hoimar von Ditfurth" wirken auf vielfältigen Wegen hinein in das Leben und Schicksal der auf ihr folgenden Wissenschaftler-Generation, ob letztere nun gewillt ist, sich das bewußt zu machen oder ob sie eher gewillt ist, das Wissen darum zu verdrängen und zu ignorieren.

Es sind vor allem die von der vorhergehenden Generation erarbeiteten Erkenntnismöglichkeiten, die so stark nach zweierlei Richtung hin wirken. -

Im Januar 1977 behandelt eine Folge der Sendereihe "Querschnitte" das Thema "Vom Ursprung des Denkens". Womöglich wurden hier Grundgedanken der Evolutionären Erkenntnistheorie nach Konrad Lorenz behandelt, also des grundlegendsten Selbstverständnisses der Wissenschaftsvermittlung durch Hoimar von Ditfurth.

1978 - Die Sendung über Zwillingsforschung wird ausgestrahlt

Am 1. Februar 1978, einem Mittwoch, wird im ZDF in der Sendereihe "Querschnitte" die Folge 41 ausgesendet mit dem Titel "Diktatur der Gene". Damals war der Autor dieser Zeilen 12 Jahre alt und er kann sich sehr gut an den starken Eindruck erinnern, den diese Sendung, die im Familienkreis angesehen wurde, auf ihn gemacht hat. Es wurde über getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge berichtet, die im Rahmen der Minnesota-Zwillingsstudie von Professor Bouchard erforscht wurden. Und es wurden hier eindrucksvollste Beispiele angeführt. Es wäre schön, wenn diese Sendung der Öffentlichkeit frei zur Verfügung stünde. Sie enthält Erkenntnisse, die auch heute noch "umstürzend" genannt werden können.

Im selben Jahr kam ein zweiter Buchband mit den Inhalten der Querschnitt-Sendungen auf den Markt. Ein Kapitel darin ist wiederum mit einem bis heute hoch aktuellen Thema befaßt (Dith.):

Unsterblichkeit wird nicht geboten. Probleme der Alternsforschung - Wie alt wurden die Römer? - Leben die Großen länger? - Das Hayflick-Phänomen - Unsterblichkeit ist tödlich - Biochemischer Müll - Fehler oder Programm - Eingriff in die Teilungsuhr - Teure Altersbremsen - Tiefgekühlte Abwehrzellen - Im Falle der Unsterblichkeit.

Hoimar von Ditfurth hat sich in diesen Jahren nicht nur mit Erich von Däniken angelegt - in seiner Sendung über die Pyramiden, in der er ihn sogar ausführlicher zu Wort kommen läßt (8) - sondern auch mit den Astrologen. Im Zusammenhang damit kam es sogar zu Gerichtsverfahren. Es ist übrigens immer herrlich, wenn man sieht, wie von Ditfurth über all die Psi- und "Parawissenschaften" spricht. In seiner Generation war diesbezüglich die Welt noch einigermaßen in Ordnung und versandete noch nicht im Delta der Beliebigkeit, sondern bewahrte sich klare Urteile.

1978 erschien ein weiterer Aufsatzband, in dem nicht nur der bedeutende Schweizer Biologe Adolf Portmann zu Wort kam, sondern auch - neuerlich - Wolfgang Wickler, Konrad Lorenz, sowie - zum ersten mal - I. Eibl-Eibesfeldt, Georg G. Simpson und andere bedeutende Evolutionsforscher (Dith.). Auch der Botaniker Karl Mägdefrau kam zu Wort mit dem Aufsatz "Die Geschichte der Pflanzen". Es war das das Thema der mündlichen Prüfung im Fach Botanik im Ersten Staatsexamen gewesen, das sich der Autor dieser Zeilen dafür wählte, weil er damals - und bis heute - unglaublich fasziniert war von diesem Thema, insbesondere schon damals von den auffälligen "Konvergenten Evolutionen" zwischen Pflanzen und Tieren im Bereich der Fortpflanzung, die zu erwähnen selbst Simon Conway Morris bislang nicht wagte (unseres Wissens nach).

1979 bricht Hoimar von Ditfurth im "Spiegel" eine Lanze für die Evolutionäre Erkenntnistheorie (10).

1978/79 kommt im "Mannheimer Forum" der Paläontologe Heinrich K. Erben zu Wort. 1980/81 der Chemiker und Nobelpreisträger Ilya Prigogine, der Erforscher Komplexer Systeme (Chaostheorie). Im Jahrbuch von 1983/84 kam dann der schon erwähnte, so wichtige US-amerikanische Zwillingsforscher Thomas J. Bouchard auch in Schriftform im "Mannheimer Forum" zu Wort ("Genetische Aspekte menschlicher Individualität", über dessen Minnesota-Projekt Hoimar von Ditfurth ja schon 1978 eine Querschnitt-Sendung gemacht hatte. Im gleichen Heft kommen der britische Astrophysiker Paul C. Davies und der deutsche Ägyptologe Jan Assmann zu Wort. Kann man mehr "klingende" Namen, die für ein breiteres Spektrum wissenschaftlicher Themen stehen, an einem Ort zusammen bringen als es Hoimar von Ditfurth damals tat? Wohl kaum. Dieses Jahrbuch "Mannheimer Forum" steht noch heute einzigartig da in der Wissenschaftslandschaft.

Im englischsprachigen Bereich gibt es bis heute "Science" und "Nature" und "Scientific American" und "New Scientist". Im deutschsprachigen Bereich gab es - einstmals - das "Mannheimer Forum". An dieses "Mannheimer Forum" reichen alle heutigen Veröffentlichungen von "Spektrum der Wissenschaft" oder "Bild der Wissenschaft" nicht wirklich heran, so wie die Sendungen des Harald Lesch niemals an die Sendungen des Hoimar von Ditfurth heranreichen werden. Es fehlt hier einfach immer die eingangs angesprochene angemessene wissenschaftlich-philosophische Grundhaltung. Die genannten deutschsprachigen Publikationen sind thematisch so aufgestellt, als würden sie zwar in der Regel Technik- und Wissenschafts-Interessierte befriedigen wollen, nur allzu selten aber Philosophie-Interessierte. - Dieser Umstand kann einem viel zu denken geben.

Im nächsten Jahrbuch antwortete dann der deutsche Humangenetiker Friedrich Vogel auf den Bochard-Artikel des Vorjahres. Damals gab es noch keine gar zu krassen halben oder Dreiviertel-Tabus gegenüber der modernen Erforschung angeborener Intelligenz- und Verhaltensunterschiede. 1985/86 kommt im Mannheimer Forum Max Delbrück sogar ein zweites mal zu Wort. Max Delbrück war übrigens von derselben wissenschaftlich-philosophischen Grundhaltung geprägt wie Hoimar von Ditfurth, wie Konrad Lorenz.

1981 - "Wir sind nicht nur von dieser Welt"

Auf Wikipedia wird dann über den Umgang Hoimar von Ditfurths mit den für die Wissenschaft nicht mehr zugänglichen Bereichen der Welt, also für die nicht vollständig rational erfaßbare Welt - unter Verweis auf das Ditfurth-Buch "Wir sind nicht nur von dieser Welt" (1981) - folgendes Wertvolle ausgeführt (Wiki):

Er sah sowohl im Kosmos selbst als auch in der Psyche gleichsam Hinweise auf eine nicht mehr wissenschaftlich zugängliche, sich „dahinter verbergende Wirklichkeit“, für die er den religiösen Begriff des „Jenseits“ benutzte. Ein weiterer Ausgangspunkt für diese Hypothese, die er als solche auch kennzeichnete, waren für ihn die Erkenntnisse der Relativitätstheorie und der Quantenphysik (...). Ditfurth ging davon aus, daß sich hinter unserer erkennbaren und erlebbaren Welt eine jenseitige, „transzendentale Wirklichkeit“ befinde, die (...) auf die erkennbare Wirklichkeit einwirken könne.

Das sind starke Sätze. Sie gelten auch für Konrad Lorenz und für viele andere, die neben wissenschaftlichen Interessen außerdem noch philosophische Interessen aufweisen. Eine ähnliche Grundhaltung findet sich dementsprechend dann auch in dem zwei Jahre später veröffentlichten Buch von Konrad Lorenz wieder, nämlich in "Der Abbau des Menschlichen". Die "Generation Hoimar von Ditfurth" - erst in ihr formte sich - einigermaßen abschließend - das Weltbild der Zukunft.

1984 - Sind wir doch allein im All?

1984 setzt sich Hoimar von Ditfurth im "Spiegel" mit der These des deutschen Paläontologen Heinrich K. Erben (1921-1997) auseinander, daß wir allein im All wären (10). Erben war zu einer gegensätzlichen Einschätzung diesbezüglich als von Ditfurth gelangt. Und bei dieser Gelegenheit sieht man zum ersten mal, daß Hoimar von Ditfurth auch ganz schön angefressen schreiben konnte. Die letzten Worte lauten hier (10):

"Die Antwort der Evolutionsbiologie", wie der Untertitel es verheißt? Wohl kaum. Eher die Antwort eines Mannes, der sich entsetzlich geärgert hat und dessen Argumente von den Spuren dieses Ärgers tiefer gezeichnet sind, als ihnen gut tut.

Womöglich schreibt Hoimar von Ditfurth hierbei aber auch über sich selbst? Schon zu Anfang dieser Buchbesprechung hatte er geschrieben (10):

Mein anfängliches Vergnügen wich nach wenigen Kapiteln indessen zunehmendem Verdruß. Nicht deshalb, weil ich das Pech habe, zu den vom Autor vehement attackierten Fürsprechern der "exobiologischen Hypothese" zu gehören. (...) Verdrießlich stimmte mich die Lektüre vielmehr wegen eines zentralen Widerspruchs der Argumentation und wegen einer das ganze Buch durchtränkenden polemischen Attitüde, die so überzogen ist, daß der Autor sich damit selbst im Wege steht. 

Womöglich hat Hoimar von Ditfurth sogar recht. Aber man sieht schon: Diese bis heute ungeklärte Frage hat da zwei Männer der Wissenschaft - gleichen Jahrgangs!!!! - ganz schön umgetrieben in "Ärger und Verdruß".

Aber wenn man die Aufsätze von Hoimar von Ditfurth im "Spiegel" insgesamt liest, wird einem erst bewußt, daß man Aufsätze von solchem Niveau im "Spiegel" eigentlich zu keinem Zeitpunkt in den letzten 40 Jahren bewußt gelebten Lebens erwartet hatte, weil man sie - sonst - dort auch so gut wie nie erlebt hat. Was für ein riesiges, hohes Niveau im Vergleich zu dem sonstigen Schund, den man in solchen Zeitschriften in der Regel antrifft für - sogenanntes - "Bildungsbürgertum".

Die Generation Hoimar von Ditfurth

Fassen wir zusammen: Die Generation von "Hoimar von Ditfurth" wollte noch das für sich klären, was damals zu klären war. Nämlich die grundlegende Verhältnisse, wie menschliche Erkenntnis zustande kommt, und wie das Zustandekommen zu deuten ist, die Frage, ob es eine real existierende Außenwelt gibt und in welchem Verhältnis das innere Erleben des Menschen zu dieser real existierenden Außenwelt steht. Mit der "Generation von Hoimar von Ditfurth" waren diese Fragen dann eigentlich geklärt.

Heute wird - soweit übersehbar - in der Philosophie nur noch selten bestritten, daß es eine real existierende Außenwelt gibt.

Die nachfolgenden Generationen tun nun aber so, als hätten sie keine großen Rätselfragen mehr an die Natur oder an das Wesen der menschlichen Erkenntnis zu richten. Hoimar von Ditfurth suchte noch die Auseinandersetzung mit der Evolutionären Erkenntnistheorie von Konrad Lorenz und war in höchstem Maße erstaunt über das damit verbundene Weltbild. Heute wird es in Nebensätzen so nebenhin abgetan, daß diese Fragen einigermaßen abschließend "geklärt" wären.

Ein Zweig, der heute von Philosophen als besonders wichtig angesehen und behandelt wird, ist die "Philosophie des Geistes" (Wiki), die Frage nach der Natur des menschlichen Bewußtseins und des menschlichen, geistigen Lebens in seinem Verhältnis zur körperlichen, materiellen Welt. Es fragt sich, ob hier nicht im Wesentlichen Scheinprobleme erörtert werden. Dasselbe gilt für all die sprachanalytischen Ansätze, deren Zielrichtung man schon in den Schriften von Werner Heisenberg klar kritisiert findet. Denn schon Werner Heisenberg hat darauf hingewiesen, daß ein naturwissenschaftlicher Sachverhalt, der mathematisch klar ist, deshalb noch lange nicht in der menschlichen Sprache ebenso klar "zur Sprache" gebracht werden kann.

Viele in diesem Beitrag angerissenen Gedankengänge sollen in künftigen Beiträgen fortgesetzt und vertieft werden. Ja, das kann gesagt werden, daß dieser Blog es als seine Aufgabe ansieht, den Geist der "Generation Ditfurth" lebendig zu erhalten, damit aus ihm heraus neue Höhen wissenschaftlicher und philosophischer Erkenntnisse gewonnen werden können.

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*) Sein Erinnerungs-Buch (2) enthält übrigens eine Fülle von Beobachtungen und moralischen Bewertungen zu Fragen von Politik und Zeitgeschichte rund um das Dritte Reich und seine Folgen. Diese Teile des Buches scheinen selbst schon wieder vom Zeitgeist des Jahres 1989 angehaucht zu sein und deshalb heute in vielen Aspekten auch schon wieder überholt zu sein. Um ihrer willen ist das Buch jedenfalls gewiß nicht sonderlich lesenswert, enthalten sie doch nur die üblichen Allgemeinplätze, die man als anpassungswilliger und anpassungsbereiter Deutscher seiner Generation äußern sollte, wenn man berufliche Nachteile vermeiden wollte. Nur selten wird an diesem Lack gekratzt, etwa wenn von Ditfurth das "Erbe des Neandertalers" anhand der angeborenen Emotionen der Gruppensolidarität erörtert, die bezüglich des gesellschaftlichen Ansehens des Soldaten im Kampfeinsatz während des Zweiten Weltkrieges natürlich auch in Deutschland und in seiner eigenen Familie abrufbar waren, und die dafür sorgten, daß er als Student in dieser Zeit immer ein wenig das Gefühl eines schlechten Gewissens zurück behielt dafür, daß er studierte statt an der Front zu stehen. Darüber Rechenschaft abzulegen, ist immerhin redlich. Ob er als wissenschaftlich gebildeter US-Amerikaner, Brite oder Russe diese Emotionen der Gruppensolidarität aber mehr oder weniger abwertend als "Erbe des Neandertalers" charakterisiert hätte, wird doch stark infrage gestellt werden dürfen.

/ Begonnen: 10.12.2020 /

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  1. Bading, Ingo: Überlegungen zur Glaubwürdigkeitskrise der modernen Wissernschaft - "911 aus der Sicht der Physik" und "Covid 19 aus der Sicht der Medizin"  Was haben beide miteinander zu tun?, 2.12.2020, https://studgenpol.blogspot.com/2020/12/911-aus-der-sicht-der-physik-und-covid.html.
  2. Ditfurth, Hoimar von: Innenansichten eines Artgenossen. Meine Bilanz. dtv München 1989 
  3. Ditfurth, Hoimar von: Amoklauf eines Einäugigen - Besprechung des Buchs "Adam und der Affe" von Peter Bamm. In: Der SPIEGEL Nr. 05, 1970, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45226360.html.
  4. Ditfurth, Hoimar von: Eine Reise in die Vergangenheit. 1. Folge der Sendereihe "Querschnitt durch die Wissenschaft", eine Produktion des ZDF, Erstausstrahlung 18.1.1971, https://youtu.be/j6EfZseJIfk, https://youtu.be/MY9KeM5B1MA, https://youtu.be/m9QgnbLZHpI, https://youtu.be/dbhwCTX0xz8.
  5. Ditfurth, Hoimar von: Pflanzen - die heimlichen Herrscher, 11. Folge der Sendereihe "Querschnitt durch die Wissenschaft", ZDF, Erstausstrahlung 6.11.1972, https://youtu.be/Q2krQTBnCcg.
  6. Adam, Gerold: Die Steuerung des Ionentransportes durch die Zellmembran. Druckerei u. Verlagsanst. Konstanz Universitätsverl. Konstanz 1970
  7. Bading, Ingo: "Epigenetik und die Evolution der Instinkte", 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/10/sind-instinkte-durch-punktmutationen.html
  8. Ditfurth, Hoimar von: Das Geheimnis der Pyramiden. Sendereihe "Querschnitte", 1976, https://youtu.be/t_t7tTZuJGc.
  9. Ditfurth, Hoimar von: An der Grenze zwischen Geist und Biologie - Besprechung des Buchs "Biologie der Erkenntnis" von Rupert J. Riedl. In: Der SPIEGEL Nr. 40, 1979, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-39868836.html.
  10. Ditfurth, Hoimar von: Der Mensch - einzig denkendes Wesen im All? - Besprechung des Buchs "Intelligenz im Kosmos?" von Heinrich K. Erben. In: Der SPIEGEL Nr. 27, 1984, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13508110.html.

Mittwoch, 20. Mai 2020

Wie wir durch Sitzen unser Leben verlängern

Hockt euch auf den Boden!
"Wie wir durch Sitzen unser Leben verlängern können - Unsere Körper sind evoluiert dafür, Pausen zu machen. Jedoch kann das Sitzen auf Stühlen und Sofas langfristige Schäden hervorrufen. Wir zeigen, wie Sie ihre Gesundheit verbessern können, indem sie die Art ihres Sitzens ändern."
("How changing the way you sit could add years to your life - Our bodies evolved to take rest breaks, but sitting on chairs and couches can cause long-term damage. Here’s how to change the way you sit and boost your health.")

So titel der "New Scientist", um die Öffentlichkeit mit den neuesten Forschungsergebnissen vertraut zu machen (5). Wir sollen nicht mehr auf Stühlen sitzen, sondern auf dem Boden.

Abb. 1: Der Schiffsführer Pa-Anch-Ra, Statue, Ägypten, etwa 650–633 v. Ztr. (Wiki)

"Sitzen, Schwätzen und die Evolutionsbiologie der menschlichen Inaktivität" - so lautet der Titel jener Forschungsstudie, auf die diese Gedanken zurück gehen. In ihr heißt es einleitend (1):

Ethnografische Daten legen nahe, daß menschliche Jäger und Sammler viel Zeit mit Ausruhen und Inaktivität verbringen. Jäger und Sammler bleiben dabei vergleichsweise unberührt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. (...) Die Menschen sitzen bei ihnen typischerweise nicht auf Stühlen, wenn sie inaktiv sind, sondern hocken, knien oder sitzen mit Unterbrechungen in anderer Form. Und das erfordert in geringfügigem Maße Muskelaktivität. Und das reduziert möglicherweise die negativen physiologischen Folgen der Inaktivität. Deshalb ist es möglich, daß die Zeitdauer, die inaktiv verbracht wird, weniger wichtig ist als die Intensität der Inaktivität (z.B. was die Muskelaktivität betrifft).
Some ethnographic data suggests human foragers engage in large amounts of rest and inactivity (24⇓–26), and foraging populations remain relatively free from CVD (5, 6, 22, 27). While inactivity may be more common than assumed in these populations, people living in small-scale foraging societies may practice styles of inactivity distinct from those seen in urban populations. For example, individuals do not typically sit in chairs when inactive, but instead, squat, kneel or otherwise sit with interruptions that require low-intensity muscle activity, potentially reducing the negative physiological impact of inactivity (28⇓–30). Thus, it is possible that time spent inactive is not as important as the intensity (i.e., muscular effort) of inactivity.

In der dann vorgestellten Bewegungs-Studie an dem Jäger- und Sammler-Volk der Hadza in Ostafrika wird als Ergebnis präsentiert, daß diese beim Sitzen 20 bis 30 % mehr Muskelaktivität aufweisen als wir, obwohl sie ebenso lang den ganzen Tag über sitzen. Und dies beruht nur auf einem einzigen Grund: Sie sitzen, hocken oder kauern auf dem Boden und nicht auf höheren "Sitzgelegenheiten" wie Stühlen, Bänken oder Liegen (1-4). Dies wird in der Studie als Ursache benannt dafür, daß die Angehörigen dieses Volkes gesünder sind als wir modernen Zivilisationsmenschen, obwohl sie sich über den Tag hinweg keineswegs sonderlich mehr bewegen als wir.

Abb. 2: Titel "New Scientist", 15.7.20

Sie jagen oder sammeln am Tag etwa nur eine gute Stunde lang. In dieser Zeit sind sie durchaus sehr gut in Bewegung. Ansonsten aber sitzen sie herum. Sie schwatzen miteinander, singen, erzählen, Neudeutsch: sie "gammeln", bzw. "chillen". Sie sind also etwa dieselbe Zeit am Tag körperlich "inaktiv" wie der moderne  Büromensch auch. (Denn aufgrund der nachhaltigen Arbeitsrationalisierungen der vielen letzten Jahrzehnte kehrt in der Dienstleistungsgesellschaft der Mensch zunehmend mehr zu der museintensiven Lebensweise unserer Jäger-Sammler-Vorfahren "zurück".)

Die Studie spricht deshalb - schon in ihrem Titel - von einer "Evolutionsbiologie der menschlichen Inaktivität". Der gedankliche Hintergrund ist, daß Inaktivität und Ruhepausen im Tierreich von der Evolution im allgemeinen durchaus als vorteilhaft "bewertet" werden, zumindest aber nicht als nachteilig. Tiere können bekanntlich sehr gut faulenzen. (Und diesem Umstand ist ja sogar von so manchem Philosophen so manche Bedeutung zugesprochen worden.)

Noch während des Lesens von Wissenschaftsberichten über diese Studie (2-4) ist man - schlechten Gewissens - versucht, den fast schon vergessenen Gymnastikball als Sitzgelegenheit herbei zu holen oder den Schaukelhocker (den mancher rücken-geplagte Mensch sich schon angeschafft haben mag). Bis einem bewußt wird, daß diese Studie ja eigentlich von etwas ganz anderem spricht.

Sie spricht schlicht von einem "Auf-dem-Boden-Hocken".

Abb. 3: "Der sitzende Schreiber" - Ägyptische Kalksteinstatue, um 2.500 v. Ztr. (Wiki)

Also von einem solchen "Auf-dem-Boden-Hocken" wie es für die Menschen des Neolithikums, der Bronzezeit und in vielen Regionen (zum Beispiel in Asien) auch noch in späteren Epochen ganz selbstverständlich war, bzw. ist. 

Soll das also auch für uns moderne Menschen heißen: Lagerfeuer-Romantik ist angesagt? Nun ausnahmsweise am Schreibtisch? Hocken ist angesagt, um aktiv zu bleiben? Vielleicht auch den sogenannten "Palaeochair" benutzen? Sitzen üben wie die Asiaten?

Was für ein Unsinn eigentlich, so schießt es einem durch den Kopf, daß die Asiaten in den letzten hundert Jahren überhaupt westliche Stühle eingeführt haben. Wer so sitzt, wie unsere Vorfahren, hat seine Bein- und sonstige Muskulatur um 20 bis 30 % mehr aktiviert als wenn er auf Stühlen sitzt.

Und ein wenig Eigenrecherche führt zu dem Ergebnis: Das Alte Ägypten ist eine der ältesten Schriftkulturen der Erde. In seiner Kunst scheinen Menschen fast ebenso oft auf dem Boden sitzend dargestellt worden zu sein wie auf Stühlen oder Bänken sitzend. So werden etwa Angehörige so angesehener Berufsstände wie dem der Schreiber oder auch der Schiffsführer spätestens ab 2.500 v. Ztr. in Gedenksteinen und Stelen auf dem Boden sitzend in Erinnerung gehalten (Abb. 1, 3, 4, 7). Sie strahlen auch wenn sie auf dem Boden sitzen, oft ruhige Würde und Stolz aus.

Abb. 4: Hockender Schreiber, Sakkara, 2.500 v. Ztr. (Kunst)

Solche Kunstwerke darf man gerne lange auf sich wirken lassen.

Auch in den vorhergehenden früh- und mittelneolithischen Hochkulturen des Mittelmeer- und Donauraumes wurden die Menschen oft auf dem Boden sitzend dargestellt (Abb. 5). Warum sollte man solche Kunstwerke auf sich wirken lassen? 

Nun, womöglich ist es an der Zeit, sich als moderner Zivilisationsmensch diese Frühstadien der kontemplativen, sitzenden, lesenden, schreibenden und arbeitenden Lebensweise erneut zum Vorbild zu nehmen.

Abb. 5: Zwei Terrakotta-Figuren aus einem Grab bei Cernavodǎ an der Donau, 200 Kilometer nördlich von Warna am Schwarzen Meer. Sie entstammen der rumänisch-bulgarischen Hamangia-Kultur aus der Zeit zwischen 5.500 und 4.700 v. Ztr. (Wiki)

Weg also mit den Stühlen. Aus Asien ist das ja schon lang bekannt. Die Stichworte lauten hier: "Asian Squat" (Wiki), Asiatische oder "Tiefe" Hocke. Auch vom japanischen "Fersensitz" ist die Rede ("Seiza") (Wiki).

Allerdings sollten gerade auch diese Hocke und dieser Fersensitz nicht übertrieben werden: Asiaten, die in dieser Ruhehaltung länger als eine Stunde ihres Tages zubringen, haben in höherem Alter deutlich mehr Knieprobleme. ("There is increased incidence of knee osteoarthritis among squatters who squat for hours a day for many years.")

Es gibt viele Asiaten, die das deutlich länger als eine Stunde am Tag machen, wobei sich Frauen in Asien häufiger in diese Haltung begeben als Männer. Und solche Menschen haben deutlich mehr Knieprobleme - nach einer Studie aus dem Jahr 2007.

Abb. 6: "Hockender Flötenspieler" von Arnold Kramer von 1910/1911 (Wiki)

Aber immerhin gibt es ja noch zahlreiche andere Sitzformen auf dem Boden als diese Hocke. 

Der Autor dieser Zeilen hat also gleich seinen Schreibttisch auf Bodenhöhe erniedrigt und Tage der Computerarbeit auf dem Boden verbracht. (Die Zeit des Homeoffice während des Lockdowns im April war dafür gut geeignet.) Nach dem ersten ganzen Tag, den er auf dem Boden verbracht hat, hat er Muskelkater in Körperregionen gehabt, in denen er sonst noch nie einen gehabt hat.

In der Tat also, Muskeln werden dabei aktiviert!

Abb. 7: Die Hockende Figur von Bes, Ägypten um 600 v. Ztr.

Runter auf den Boden mit Euch, also, mit uns Zivilisationsmenschen. 

Man ducke sich, man kauere sich hin! 

Wer das praktisch übt, wird zunächst das Gefühl haben, daß selbst das Denken in Kauerposition ein anderes ist. Man hat das Gefühl, im Sitzen auf einem Stuhl klarer und stringenter denken zu können als in Kauerposition. Aber die in diesem Beitrag gebrachten altägyptischen Skulpturen sollten einen eigentlich eines anderen belehren. 

Sie zeigen: Auch auf dem Boden ist würdevolles und vergeistigtes Sein möglich.

Abb. 8: "Kauernde Venus", Kupferstich von Albrecht Altdorfer, um 1525/30 (Kunst)

Ergänzung 2.7.2020: Bei der nachträglichen Suche nach ansprechenden Bebilderung dieses Beitrages wird uns bewußt, daß in der Kunst auf dem Boden "Hockende(r)", "Sitzende(r)", "Kauernde(r)" vergleichsweise häufig dargestellt sind (Abb. 1, 3 bis 10). 

Womöglich wäre einmal eine Auswertung sinnvoll dazu, in welcher Häufigkeit der Mensch in welcher Sitzposition von Seiten der Künstler - je nach Kultur und Zeitepoche - dargestellt ist. Womöglich würde eine solche Auswertung noch mancherlei Schlußfolgerungen und neue Hypothesenbildungen ermöglichen.

Als eine erste Arbeitshypothese drängt sich der Gedanke auf, daß der Mensch als Kauernder und Hockender von den Künstlern häufiger dargestellt ist als er - in der modernen Zivilisation - tatsächlich während des Tages eine solche Sitzhaltung einnimmt. Womöglich ließe diese Auswertung zum Beispiel Schlußfolgerungen zu in Hinsicht auf angeborene menschliche Schönheitspräferenzen zu, die aus der Jäger-Sammler-Zeit bis heute fortwirken könnten. 

Es mag das aber auch daran liegen, daß der menschliche Körper, auf dem Boden sitzend, für einen Künstler viel spannender darzustellen ist, womöglich einfach deshalb, weil auch mehr Muskeln angespannt sind.

Abb. 9: Hockende Frau, Kreidelithographie von Käthe Kollwitz, 1921

Es sind aber noch viele andere Arbeitshypothesen und Schlußfolgerungen in Zusammenhang mit solchen quantitativen Auswertungen denkbar. 

Deutlich wird auch gleich auf den ersten Blick, daß der Stuhl in der Menschheitsgeschichte anfangs eher die Funktion eines "Thrones" gehabt hat. Indem man auf einem Stuhl sitzt, überragt man jene, die auf dem Boden hocken oder sitzen. 

Auch findet man aufschlußreiche Kunstwerke unter Suchworten wie "sitting" und "neolithic" (s. Abb. 5).

Abb. 10: Hockender Somali von Georg Kolbe, Bronze, 1915/1926 (Kolbe)

Zu den Künstlern, die den Menschen gerne in hockender oder kauernder Position dargestellt haben, gehören etwa Michelangelo, Auguste Rodin, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Ernst Barlach, Egon Schiele, Fritz Klimsch, Aristide Maillol. Das sind nur die Künstler, auf die wir als erste aufmerksam werden. Es wird noch viele andere geben.

Kulturen, die den Menschen gerne auf dem Boden sitzend darstellten, waren zum Beispiel die Alten Ägypter, die Olmeken, sowie die früh- und mittelneolithischen Kulturen des Mittelmeerraumes.

In der Kunst der antiken Griechen findet man hingegen nur sehr selten auf dem Boden sitzende Menschen dargestellt. Hier dominieren auf Stühlen oder Liegen sitzende Menschen (6). Die Geschichte des Sitzens kann also künftig um das eine oder andere Kapitel erweitert werden (6).

Vorsicht! Knieschäden vermeiden!

Nachtrag 7.11.2021: Der Autor dieser Zeilen hat sich die "Lehren" dieses Blogartikels sofort vom Zeitpunkt der Veröffentlichung an zu Herzen genommen. Er hat ein Jahr lang die Zeit vor dem Bildschirm in der Regel verbracht, indem er auf dem Boden saß. Die Muskulatur wird dabei herrlich aktiviert. Das spürte er jeden Tag. 

Aaaaaber: Vorsicht! Was oben von Knieschäden schon berichtet worden ist, bestätigte sich etwa nach einem Jahr Auf-dem-Boden-Sitzen nur allzu eindrucksvoll. Seit etwa vier Monaten hat der Autor dieser Zeilen langwierige Schmerzen im rechten Knie, besonders wenn es stark angewinkelt wird - so wie er das ein Jahr lang offenbar viel zu häufig beim Sitzen getan hat. Deshalb hat er das Sitzen auf dem Boden sofort wieder aufgegeben. Die Schmerzen im Knie lassen allerdings nur sehr, sehr langsam nach, trotz Schonung. 

Weiterer Nachtrag 19.11.2021: Inzwischen sind die Schmerzen im Knie schon deutlich weniger geworden. Deshalb faßt der Autor wieder Mut zum Sitzen auf dem Boden. Aber ab jetzt mit der Lehre im Hinterkopf: Auf dem Boden sitzen ist gut. Doch sollte man es dabei künftig einigermaßen konsequent vermeiden, die Knie anzuwinkeln, bzw. sich so auf die Knie zu setzen, daß dadurch das Kniegelenk belastet wird.

Weiterer Nachtrag 26.9.2922: Aufgabe wäre weiterhin, eher in Bodennähe zu sitzen, dabei aber auf jeden Fall die Knie zu schonen. So richtige Routine hat der Verfasser dieser Zeilen seit der Erfahrung vor einem Jahr dafür nicht mehr gewonnen. Knie-schonend auf dem Boden zu sitzen, scheint noch schwerer zu sein, als sich überhaupt dazu durchzuringen, sich dauerhafter auf dem Boden nieder zu lassen.

_____________
  1. Sitting, squatting, and the evolutionary biology of human inactivity David A. Raichlen, Herman Pontzer, Theodore W. Zderic, Jacob A. Harris, Audax Z. P. Mabulla, Marc T. Hamilton, Brian M. Wood Proceedings of the National Academy of Sciences Mar 2020, 117 (13) 7115-7121; first published March 9, 2020, DOI: 10.1073/pnas.1911868117, https://www.pnas.org/content/117/13/7115.abstract?etoc
  2. https://www.spektrum.de/news/lieber-hocken-statt-sitzen/1711786
  3. https://www.welt.de/kmpkt/article206589271/Trotzdem-fit-Jaeger-und-Sammler-sitzen-so-viel-herum-wie-wir-aber-anders.html
  4. https://www.fitbook.de/health/statt-sitzen-warum-wir-alle-haeufiger-hocken-sollten
  5. Herman Pontzer, David Raichlen: How changing the way you sit could add years to your life. New Scientist, 15 July 2020, https://www.newscientist.com/article/mg24732913-000-how-changing-the-way-you-sit-could-add-years-to-your-life/ 
  6. Eickhoff, Hajo: Himmelsthron und Schaukelstuhl Die Geschichte des Sitzens. Carl Hanser, 1993

Freitag, 4. Oktober 2019

Das Prignitz-Museum für Vorgeschichte in Heiligengrabe

Ein bedeutender Ort der wissenschaftlichen Germanenkunde vor 1945

Im aktuellen Newsletter der deutschen Gesellschaft für Ur- und Frühgeschichte wird die folgende Fragestellung etwas verklausuliert formuliert (DGFU Newsletter, 3.10.2019):
Wie stellen die Archäologie als Wissenschaft und die archäologische Denkmalpflege sicher, daß der Nutzen archäologischer Erkenntnisse der Allgemeinheit zugute kommt?
Es geht also darum, daß eine Popularisierung der in den letzten Jahrzehnten gewonnenen reichen archäologischen Erkenntnisse zur Geschichte der Menschheit weltweit und zur Geschichte der Völker Europas so gut wie gar keinen Eingang in die Allgemeinbildung gefunden haben bis heute, daß die Archäologie weiterhin im "Elfenbeinturm der Wissenschaft" verschanzt bleibt und nicht auf das Geistesleben des Volkes austrahlt, schon gar nicht auf sein religiöses Leben. Sogar von Seiten der "Vereinten Nationen" gibt es seit 2016 hier vorgegebene Zielsetzungen, gegen die fortlaufend verstoßen wird, so wird im weiteren - wiederum ein wenig verklausuliert - formuliert:
Inwieweit trägt die praktische archäologische Denkmalpflege zu einer nachhaltigen Entwicklung im Sinne der der Vereinten Nationen bei? Gemeint sind die das Kulturelle Erbe betreffenden Aspekte von Ziel 11, "Nachhaltige Städte und Gesellschaften". Für Schweden hat dies Ulrika Söderström untersucht, und sie kommt -  so faßt das Rezensent Raimund Karl zusammen, "zu dem unangenehmen Ergebnis, daß [die schwedische Archäologie] das nur in einem sehr geringen Ausmaß tut, wenn überhaupt." Söderströms Arbeit weise kleine Lücken auf, so Karl, sei aber von hoher Bedeutung: "Insbesondere ihre Analyse der Diskrepanz, die zwischen den der schwedischen archäologischen Denkmalpflege gesetzlich zugewiesenen Aufgaben, zur nachhaltigen, partizipativen und inklusiven gesellschaftlichen Entwicklung beizutragen, und der tatsächlichen Praxis im Bereich des archäologischen Dienstleistungsbetriebs besteht, ist treffsicher und ebenso wichtig wie unbequem zu lesen." Generell stellt Karl die Frage: "Welchen Nutzen haben archäologische Erkenntnisse wirklich, für wen sind sie nützlich und wie stellt die Archäologie als Wissenschaft und die archäologische Denkmalpflege sicher, daß dieser Nutzen auch tatsächlich der Allgemeinheit und nicht nur ein paar wenigen Archäologen zugute kommt? Mit diesen Fragen hat sich unser Fach tatsächlich bislang viel zu wenig beschäftigt."
Karl, R. (2019). Rezension zu: Söderström, U. (2018). Contract Archaeology and Sustainable Development. Between Policy and Practice. (LNU Licentiate No. 19). Växjö: Linnaeus University Press. Archäologische Informationen 42, Early View, online publiziert 26. Sept. 2019. https://dguf.de/fileadmin/AI/ArchInf-EV_Karl2.pdf
United Nations: Sustainable Development Goals (2016): https://www.un.org/sustain abledevelopment/sustainable-development-goals/

Um hier Menschen und Wissenschaftlern gedanklich ein wenig auf die Sprünge zu helfen, sei in diesem Beitrag von einem sehr populären archäologischen Museum und von sehr populärer archäologischer Museumsarbeit aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Brandenburg berichtet. Es handelt sich um eine solche, die völlig in Vergessenheit geraten ist, nämlich von dem Prignitz-Museum für Vorgeschichte in Heiligengrabe.

Zwei Kilometer entfernt von der A24 von Berlin nach Hamburg, auf halbem Weg zwischen Wittstock und Pritzwalk liegt das Kloster Heiligengrabe (Wiki). Es gilt als das besterhaltene Kloster des Landes Brandenburg. Obwohl mit seinen vielen Gebäuden noch heute idyllisch und ruhig gelegen, ist es verkehrsmäßig dennoch gut angebunden. Das mittelalterliche Frauenkloster der Zisterzienser und das nachmittelalterliche säkularisierte Damenstift dienten bis 1945 zunächst als eine Versorgungsanstalt für unverheiratete weibliche Angehörige der adligen Familien des Landes, insbesondere auch der verarmten Familien unter ihnen. Von solchen gab es zum Beispiel nach den Schlesischen Kriegen Friedrichs des Großen sehr viele. Dennoch war die gesellschaftliche Stellung dieser Stiftsdamen Jahrhunderte lang sehr hoch (1, S. 422):

Das Stift galt als vornehm. Seine Leiterin, die Äbtissin, hatte einen hohen Rang am preußischen Hof. Sie hatte den gleichen Rang wie die Oberhofmeisterin der Prinzessinnen und wie die Hofdamen der Kronprinzessin. Sie rangierte vor den Ehefrauen der Obersten. Auch die Stiftsdamen waren hoffähig und hatten eine herausgehobene Stelle in der Hofrangordnung, mit größerem Ansehen, als es unverheirateten Frauen sonst zukam. Sie folgten den Ehefrauen der Majore.

So ging es also zu in Brandenburg und Deutschland vor der Revolution Ende des Jahres 1918. Die Leistungen jener "vorbürgerlichen" Elite des Landes, die 1918 und 1945 entmachtet wurde, werden noch deutlich bei der Begründung und Entwicklung des Prignitz-Museums in Heiligengrabe zwischen 1909 und 1945.


Abb. 1: Bronzezeitliche Germanen - Gemälde von Wilhelm Petersen

In diesem Damenstift wurde nämlich im Jahr 1909 ein sehr bedeutendes vorgeschichtliches Museum, das Prignitz-Museum, eingerichtet. Anfangs wurde es ganz bescheiden nur "Heimat-Museum" genannt. Das ist preußischer Geist: "Mehr sein als scheinen." Aber diese Namensgebungsollte nicht darüber hinweg täuschen, daß dieses Museum bis zu seiner Plünderung und Vernichtung durch die sowjetische Armee im Jahr 1945 als eines der fortschrittlichsten seiner Art in Deutschland - und damit in der Welt galt. Im heutigen Damenstift wird nun seit 1997 erneut ein Museum aufgebaut. Es wird dabei - natürlich - auch versucht, an das große Erbe jenes Museums, wie es bis 1945 bestanden hat, anzuknüpfen und dabei auch die Bedeutung des früheren Museums ins Bewußtsein zu rücken (2) (Abb. 1, 4-10). Anerkennenswerter Weise wird dieses Anliegen insbesondere verfolgt in der inzwischen 11-jährigen Arbeit der Heiligengraber Kuratorin, der Kunsthistorikerin Sarah Romeyke (geb. 1970) (Lukas Verlag). Auch ein "Verein zur Entwicklung des Kultur- und Museumsstandortes Kloster Stift zum Heiligengrabe e.V.", der von Seiten der Gemeinde und von Gewerbetreibenden in Heiligengrabe gegründet worden ist, unterstützt sie dabei.

Die heutige von Sarah Romeyke konzipierte, seit Mai 2017 bestehende Dauerausstellung gibt nun überraschenderweise überall von der großen Begeisterung Kunde, mit der Sarah Romeyke der vergessenen, großen Bedeutung, die dieses Museum einmal in früheren Jahrzehnten hatte, auf vielen Ebenen nachgeht. Diese Bedeutung faßte sie einmal im Jahr 2015 in einem Interview (mit der "Märkischen Allgemeinen Zeitung") folgendermaßen zusammen (MAZ 2015):

Die Ausstrahlung und Bedeutung der Heiligengraber Sammlung war bereits kurz nach seiner Gründung 1909 sehr groß. Die Gründer Paul Quente und Äbtissin Adolphine von Rohr verstanden es binnen kürzester Zeit, zusammen mit dem Museumsverein im Stift eine wissenschaftlich anerkannte Plattform für die vor- und frühgeschichtliche Forschung in der Ostprignitz zu installieren. Dutzende von Grabungen in der Region, die wissenschaftliche Auswertung in den Fachjournalen, die Herausgabe einer eigenen Zeitschrift und die Präsentation der Objekte in der Heiligengraber Museumssammlung waren Bestandteile einer fundierten und überregional geachteten Arbeit des Museums.

Mit größerem Nachdruck kann auf die vormalige Arbeit dieses Museums kaum hingewiesen werden. Ein Jahr später sagte sie (derselben Zeitung) (MAZ 2016):

Es ist die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Mehr als 7000 Fundstücke befanden sich einst in den alten Inventarlisten vom Heimatmuseum im Kloster Stift zum Heiligengrabe. 1947 wurde das Museum aufgelöst. Die Sammlung wurde teilweise von den umliegenden Museen in Kyritz, Pritzwalk und Wittstock übernommen und im Laufe der Jahrzehnte auch an andere Orte verlagert. Gut 1250 Objekte konnten in den letzten Monaten im Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologischen Landesmuseum in Wünsdorf (Teltow-Fläming) identifiziert und Heiligengrabe zugeordnet werden. Die Suche geht noch weiter.
Abb. 2: Die 1512 errichtete Heiliggrab- oder Blut-Kapelle (nicht die Stiftskirche!) in Heiligengrabe hat 1904 durch Kaiser Wilhelm II. eine prächtige innere Ausstattung (s. Wiki) erhalten. Sie stellt den eigentlichen Wallfahrtsort in der Klosteranlage dar. Der Legende nach wurde sie über einem Hinrichtungsplatz (Galgenberg) erbaut. - Ein kleiner Ausschnitt aus der recht großen und geschlossenen architektonischen Klosteranlage samt weitläufigen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. - Eigenes Foto.

Und es ist zu erfahren (Ausstellung):

Im Februar 2015 erhielt das Museum den von der Ostdeutschen Sparkassenstiftung ausgelobten „Initiativpreis“ für ein innovatives Konzept zur Aufarbeitung der Geschichte des ehemaligen archäologischen und prähistorischen Heimatmuseums (1909-1947) in Heiligengrabe sowie die Erforschung des Verbleibs seiner Sammlung. Die ersten Ergebnisse dieser Arbeit werden nunmehr im Obergeschoß des Kreuzgangs gezeigt, wo das Heimatmuseum bis 1947 untergebracht war. (...) Die Ausstellung verdeutlicht, daß die Sammlung einst ein Spiegel der Anteilnahme ganzer Bevölkerungsschichten an der Museumsarbeit war und sich großenteils aus deren immensen Sammeleifer speiste. Besonderes Augenmerk der Ausstellung liegt dabei auch auf den ideologisch belasteten Beweggründen der einstigen Initiatoren des Museums. Mit der Analyse dieser Zusammenhänge zwischen Museumsarbeit und politischen Gegebenheiten der Kaiserzeit und des Nationalsozialismus wird zugleich auf ein schwieriges Stück Vergangenheit der eigenen Institution verwiesen.

Die Räume, in denen die Ausstellung vor 1945 und auch heute eingerichtet worden sind, dienten schon den Stiftsdamen des Mittelalters zur Kontemplation und zum In-sich-Gehen (Museum):

Seit Mai 2017 ist hier nun, inmitten der Abtei, die neu konzipierte und gestaltete Dauerausstellung zur Klostergeschichte zu sehen. Der ebenfalls inzwischen für Besucher erschlossene obere südliche Kreuzgang, welcher in mittelalterlicher Zeit als Verbindung zwischen Abtei und Nonnenempore diente sowie ein wichtiger Ort der Kontemplation für die geistliche Frauengemeinschaft war, ist der Geschichte des ehemaligen Heimatmuseums gewidmet, das hier von 1909 bis 1947 seinen Platz hatte.
Und (Bokelmann/Flyer):
Die Ausstellung wurde unterstützt durch das Ministerim für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Brandenburg.

Arbeitet sich nun der Besucher, angestoßen durch die Anregungen in dieser Dauerausstellung (2) in die Geschichte dieses Museums ein, steht er immer wieder vor sehr bewegendem, ja, mitunter erschütterndem Geschehen, vor einer ganzen Reihe von Lebensschicksalen jener Menschen, die sich um den Aufbau dieses Museums verdient gemacht hatten, und die Anteil erwecken, nein, mehr noch: Vor einer ganzen Geistesrichtung der deutschen Geschichte, deren man sich heute kaum noch bewußt ist, die kaum moch wahrgenommen wird, kaum noch zur Kenntnis genommen wird: der wissenschaftlichen Germanenkunde vor 1945, die getragen war von der Begeisterung für eine Lebensweise unserer Vorfahren, der Germanen, und mit der - stillschweigend oder offen ausgesprochen - eine Begeisterung verbunden sein konnte für eine Alternative zum als veraltet und muffig empfunden Christentum des beginnenden 20. Jahrhunderts, auch einer neuen fast religiös aufgeladenen Heimatverbundenheit aus dieser Begeisterung heraus.

Das neue "Heilige Land" für die Deutschen sollte - nach dem Verständnis der Gestalter dieses Heimat- und Vorgeschichtsmuseums - nicht mehr Palästina sein, nicht mehr Jerusalem und der Berg Sinai, sondern - in diesem Fall - die Prignitz, die eigene großartige Heimat.

Und die Vorgeschichte der Prignitz bietet ja heute, hundert Jahre später, im Grunde noch viel mehr Anlaß, Begeisterung zu wecken, da heute ein viel umfangreicheres, reichhaligeres Bild von dieser Vergangenheit gezeichnet werden kann, als das zwischen der Zeit der Gründung und der bewußten, aus atheistischen und ideologie-gesteuerten Motiven gespeisten Vernichtung dieses Museums hatte gezeichnet werden können (Wiki). Um diesen Reichtum deutlich zu machen, hat das heutige Brandenburgische Landesamt für Denkmalpflege und Archäologische Landesmuseum (BLDAM) in der Prignitz entlang "Zentraler Archäologischer Orte", entlang sogenannter "Leuchttürme der Landesgeschichte" einen "Archäologischen Pfad" eingerichtet (Landkreis Prignitz). Dieser wird sicher im Sinne der eingangs genannten Zielsetzungen der "Vereinten Nationen" des Jahres 2016 sein. Für diesen wurde auch eine eigene Broschüre erstellt (pdf). Von den betroffenen Gemeinden ist zur weiteren kulturellen, musealen und touristischen Erschließung eine "Prignitzer Erklärung" unterzeichnet worden. All das sind Bestrebungen, die jene des einstigen Prignitz-Museums in Heiligengrabe fortsetzen, auch ohne daß ausdrücklich an diese angeknüpft wird. Der große allgemeine kulturelle Aufbruch jedoch hin zu einer neuen Anteilnahme für unsere vorchristliche Vergangenheit, den es da seit 1909 in Heiligengrabe in wissenschaftlicher und wissenschaftsnaher Tätigkeit gegeben hat, letztlich hin zu einer neuen "Religion", dieser kulturelle Aufbruch ist heute freilich weder in der Prignitz noch in Deutschland überhaupt, weder in der Wissenschaft noch über sie hinaus spürbar.

Aber würde ein solcher nicht zur "nachhaltigen Entwicklung" unserer Gesellschaft in bedeutendem Maße beitragen? Sollten deshalb nicht auch Archäologen fragen, wie sie einem solchen Aufbruch entgegenarbeiten können oder - noch besser - entgegen arbeiten können. Warum auch sollten wir die Prignitz heute nicht mehr als "Heiliges Land" ansehen? Warum soll es keinen tiefen, begeisternden und bewegenden Gegenwartsbezug von - angeblich - verquastetem archäologischen Wissen geben?

Die Archäologie der Prignitz - Nur ein kurzer Überblick zum heutigen Wissensstand

Um hier wenigstens einen groben Überblick zu geben, wovon der genannte "Archäologische Pfad" Kunde geben will, soll erst einmal nur einigen nüchternen, wissenschaftliche Fakten das Wort überlassen bleiben wie sie heute zur Allgemeinbildung gehören könnten: Zwischen 3.300 und 3.100 v. Ztr. haben Menschen der Trichterbecherkultur, die um 4.300 v. Ztr. entstanden war, nahe des Dorfes Melle bei Lenzen an der Elbe ein Großsteingrab errichtet (Wiki). Es ist als einziges von mehreren dieser Gegend übrig geblieben. Die Menschen der Trichterbecherkultur, des ersten seßhaften Bauernvolkes in diesem Raum, waren nach den neuesten Ergebnissen der Archäogenetik zu 80 % anatolisch-neolithischer und zu 20 % einheimischer Abstammung. Sie stammten also vorwiegend von den mitteleuropäischen Bandkeramikern und deren Nachfolgekulturen ab. Zur Zeit der Errichtung dieses Grabes war sogar schon die Benutzung des Rades in Form von Rinderwagen gebräuchlich geworden. Das Rind trug Zugkraft auch bei der Feldbestellung ging vermutlich auch - nach neuesten Forschungen - zur Ausformung komplexerer gesellschaftlicher und staatlicher Strukturen bei, vielleicht vergleichbar den traditionellen Fürstentümern Indiens, wo ja noch bis heute Rinderwagen eine Rolle spielen.

Ab 2.500 v. Ztr. breiteten sich die indogermanischen Schnurkeramiker - aus dem Weichselraum kommend, bzw. letztlich aus der Chwalynsk-Kultur an der Mittleren Wolga um 4.500 v. Ztr. her kommend - über die Prignitz bis nach Skandinavien aus. Sie breiteten jene Muttersprache und Genetik über ganz Europa aus, die noch heute dort vorherrschen. Wir stammen noch heute von diesen Indogermanen ab. Unsere Gene stammen zu 70 bis 80 % von den Schnurkeramikern ab, der Rest unserer Gene stammt von den anatolisch-neolithischen Bauern, die vor den Schnurkeramikern hier lebten, sowie von den letzten Fischern, Jägern und Sammlern, die vor der Trichterbecherkultur in Nordeuropa lebten - vermutlich 30.000 Jahre lang in genetischer Kontinuität. Um 2.200 herum ging aus den Schnurkeramikern in Nordeuropa die Nordische Bronzezeit und - im Mittleren Elberaum - die bedeutende Aunjetitzer Kultur hervor. Aus der Aunjetitzer Kultur ging später in kultureller und genetischer Kontinuität die große Völkergruppe der Kelten hervor. Aus der Nordischen Bronzezeit ging die große Völkergruppe der Germanen hervor. In welchen Zusammenhängen die Menschen und Volksstämme der Prignitz mit der Schlacht im Tollensetal (Wiki) im nahegelegenen Mecklenburg um 1250 v. Ztr. standen, deren Überreste erst seit zehn Jahren erforscht werden, werden vermutlich künftige Forschungen noch klären.

Aber als eines der spätesten, bedeutenden Zeugnisse der Bronzezeit mit ihren Handelsbeziehungen bis in den Mittelmeerraum gilt das "Königsgrab von Seddin" (Wiki) aus der Zeit um 820 v. Ztr., 16 Kilometer westlich von Pritzwalk. Es kann nach neuesten Forschungen in Zusammenhang gestellt werden mit den sogenannten "Homerischen Heroengräbern", für die man einheitliche archäologische Hinweise von Dänemark über die Provinz Posen (heute Polen) bis nach Griechenland findet, und die in sehr genauer Übereinstimmung stehen mit Begräbniszeremonien wie sie in der "Ilias" von Homer beschrieben werden (Begräbnis des Patroklos). Der Horizont, der sich hier eröffnet, würde auf ungeteilte Begeisterung der Begründer des Prignitz-Museums des Jahres 1909 stoßen wie wir gleich noch sehen werden.

Abb. 3: Das Königsgrab von Seddin 1899 (Herkunft: Stadtmuseum Berlin)

In der Eisenzeit und während der Römerzeit lebten die Vorfahren der Alemannen im Elberaum, ebenso die Vorfahren der Langobarden - beide Völker vermutlich aus Jütland kommend. An diese schlossen sich in der östlichen Prignitz als weiterer germanischer Volksstamm die Semnonen an. Es sind dies alles Völkerschaften, die als sogenannte "elbgermanische" Stämme zusammen gefaßt werden (Wiki). Die Langobarden wanderten in der Völkerwanderung ab 375 n. Ztr. von der Prignitz aus über das Mittelelbe-Saalegebiet Richtung Süden (Helmut Schröcke 2003, S. 30, GB):

In der Prignitz nördlich der Elbe wurden Gräberfelder nach 400 nicht mehr belegt und bis 600 war der Siedlungsabbruch fast vollständig. Die Funde aus der Prignitz zeigen Ähnlichkeiten zu den nach 400 im Mittelelbe-Saalegebiet beginnenden Brandgräbern.

Germanen und Römer hatten - von Norden und Süden kommend - die Kelten in Süddeutschland überlagert, nun überlagerten die Germanen - von Norden kommend - die Römer nicht nur in Süddeutschland, sondern im gesamten Mittelmeerraum. Für solches Wissen um die Vorgeschichte begeistern sich in der Prignitz - und auch sonst - die Menschen nun schon seit mehr als hundert Jahren wie im folgenden zu zeigen sein wird.

"Der treue Kossinnaschüler Paul Quente"

Der junge Landschaftsmaler Paul Quente (1887-1915) war es vor allem, der die Anregung gegeben hat zur Gründung des Heimatmuseums in Heiligengrabe. Er war auch sein erster Museumsleiter. Er hat es ab 1909, ab seinem 22. Lebensjahr, aufgebaut. Schon im Oktober 1915 - mit 28 Jahren - ist er als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg - am legendären Hartmannsweilerkopf im Elsaß - gefallen. Diese fünf Jahre Tätigkeit reichten, um eine Institution zu begründen, die noch Jahrzehnte lang erfolgreich weiter arbeiten und deren Arbeit bis heute weiter wirken sollte. Kein Wunder, daß auf ihn bewegte Nachrufe in Fachzeitschriften erschienen (Prähistorischen Zeitschrift 1915, S. 84):

Paul Quente 1887-1915, der Gründer und Leiter des Kloster-Museums zu Heiligengrabe (Prignitz), starb am 15. Oktober 1915 den Heldentod für das Vaterland. Die Vorgeschichteforschung verliert in ihm einen Jünger, dessen Bestrebungen ...
Oder (Zeitschrift für Ethnologie, Bd. 47, 1915, S. 427):
Gestorben ist ferner der Kunstmaler Paul Quente, der Begründer des Prignitz-Museums in Heiligengrabe, den Mitgliedern der Gesellschaft durch seine Ausgrabungen in Dahlhausen und anderen Orten der Prignitz und durch seine Veröffentlichungen in der Prähistorischen Zeitschrift bekannt. Er fiel als Kriegsfreiwilliger im Garde-Schützen-Bataillon. Der Gesellschaft gehörte er seit dem Jahre 1909 an.

Was für ein helles, kurz aufstrahlendes und deshalb bewegendes Lebenslicht steht schon gleich am Anfang dieses Museums. Ist dieses Lebensschicksal nicht wie ein Symbol? Und erinnert es nicht an jenes - vielleicht noch ungleich bedeutungsvollere - nämlich das des Hölderlin-Forschers Norbert von Hellingrath (1888-1916) (Wiki)? Auch dieser hat schon als ganz junger Mensch Wesentlichstes für das das Verständnis des deutschen Dichters und Philosophen Friedrich Hölderlin geleistet - so als ob er geahnt hätte, daß ihm dafür nur wenig Lebenszeit verbleiben würde. Und auch er trug mit seinen Hölderlin-Forschungen maßgeblich zu dem nichtchristlichen religiösen Aufbruch in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei. Und ähnlich auch Paul Quente. Seinen Namen liest man in der heutigen Ausstellung zunächst nur im flüchtigen Vorübergehen. Erst wenn man sich auf sein Lebensschicksal einläßt, gewinnt der Name Bedeutung. Quente ist in Weißenfels an der Saale geboren worden. Er hat zu den vielen Menschen damals in Deutschland gehört, die sich von führenden Archäologen wie Gustaf Kossinna (1849-1931) (Wiki) für die Vorgeschichte hatten begeistern ließen. Mit 19 Jahren schon, 1906, hat er vorgeschichtliche Funde an Sammlungen abgegeben (Mainzer Zeitschrift 1906, S. 87, GB):

Wir erhielten: Aus Deutschland: Spätpaläolithische und frühneolithische Feuersteinobjekte von Rügen, zum Teil geschenkt von Herrn Kunstmaler Paul Quente in Heiligengrabe bei Techow i. d. Prignitz.
Paul Quente besuchte Vorlesungen von Gustaf Kossinna in Berlin. Er wurde sein "treuer Schüler". Im Jahr 1910 hat er 23 Gräber ausgegraben (Matthes 1929, S. 114). In der "Politisch-Anthropologischen Monatsschrift für prakische Politik, für Politische Bildung und Erziehung auf Biologischer Grundlage" hieß es (Band 10, 1912 S. 499, GB):
Entdeckung eines Langobardenfriedhofs in der Mark. Bei Dahlhausen in der Prignitz hat Paul Quente vor kurzem ein großes Gräberfeld entdeckt, über das er in der „Neuen Prähistorischen Zeitschrift“ berichtet.
Diese Ausgrabungen wurden in vielen wissenschaftlichen Kreisen zur Kenntnis genommen (Jahresbericht über die Erscheinungen auf dem Gebiete der germanischen Philologie, Band 33, 1913, S. 24, GB):
Paul Quente, Das langobardische urnenfeld von Dahlhausen in der Prignitz. Prähist. zs. 3, 156-162. - im nördlichsten teile des gräberfeldes fand sich auch die verbrennungsstätte (Ustrina) als 6 1/2 m langer und 2 2/3 m breiter steingepflasterter platz. ....

1913 begründete Paul Quente die "Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe". Diese "Mitteilungen" sind bis zum Jahr 1940 erschienen. In einer Studie über diese "Mitteilungen" aus dem Jahr 2011 heißt es zusammenfassend (Czubatynski 2011):

Die von 1913 bis 1940 in unregelmäßiger Folge erschienene Zeitschrift ist neben den Heimatkalendern und den Prignitzer Volksbüchern das einzige in der Prignitz gedruckte Periodikum, das sich der Geschichtsforschung im engeren Sinne gewidmet hat. Insofern ist die Zeitschrift nicht nur für die kulturelle Arbeit im Kloster Heiligengrabe ein außerordentlich wichtiges Zeitzeugnis, sondern - freilich nur mit großer Vorsicht - auch als Vorläufer der „Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Prignitz“ zu betrachten. Angesichts des nach dem Krieg fast völlig zerstörten Heiligengraber Museums besitzt die Zeitschrift heute einen unzweifelhaft hohen dokumentarischen Wert. (...) Der „Verein zur Förderung der Heimatforschung und des Heimatmuseums für die Prignitz in Heiligengrabe“ (so die Selbstbezeichnung auf dem ersten Jahrgang der Zeitschrift) stieß offensichtlich auf ein sehr breites Interesse. In den Vereinsnachrichten von 1914 (siehe unten Nr. 036, S. 12) konnte die Stiftsdame und Schriftführerin Meta von Goddenthow mitteilen, daß der Verein über 800 (!) Mitglieder hat. 

In den auch aufgeführten Inhaltsverzeichnissen dieser Zeitschrift läßt sich das vielfältige Wirken von Paul Quente recht gut nachvollziehen (Czubatynski 2011). 1914 hat Quente erneut eine Ausgrabung vorgenommen (s. Matthes 1929, S. 178). 1914 heißt es dann in der von Gustaf Kossinna seit 1909 herausgegebenen "Mannus - Zeitschrift für Vorgeschichte" (Wiki) (S. 389):

Es folgten zwei Vorträge von Paul Quente - Heiligengrabe über die Ostprignitz, deren erster sämtliche geschlossenen "Funde aus der Bronzezeit der Ostprignitz" vorführte, während der andere unter dem Titel "Die letzten vorwendischen Germanen östlich der Elbe" die Prignitzer Urnengräber des 4. - 6. (?) nachchristlichen Jahrhunderts behandelte. Den Beschluß der Sitzung machte ein Vortrag von Professor Kossinna.
Im Jahr 1914 ist auch ein "Heimat- und Museums-Verein in Heiligengrabe" gegründet worden. 1936 ist in "Mannus" noch einmal die Aufbauarbeit von Paul Quente in Heiligengrabe erwähnt:
In Heiligengrabe war schon vor dem Kriege durch die aufopfernde Sammel- und Forschungstätigkeit des Kunstmalers und treuen Kossinnaschülers Paul Quente und unter der hochherzigen Förderung der damaligen Äbtissin, Frau v. Rohr ....
Im selben Jahr erinnerte auch der deutsche Archäologe Hans Reinerth, der Nachfolger Gustaf Kossinnas, in der Zeitschrift "Germanen-Erbe" (GB):
Paul Quente, der Gründer des Heimatmuseums Heiligengrabe, war der erste, der den wirklich erhabenen Charakter dieses durch die Vorgeschichte gestalteten Landschaftsbildes erkannte.

Man merkt diesen Worten deutlich an, welch großer Anspruch in damaliger Zeit der Vorgeschichtsforschung zugesprochen wurde. Man hatte ein neues "Heiliges Land" gefunden. Und warum sollte ein solcher Gegenwartsbezug nicht auch heute möglich sein? Am Königsgrab von Seddin in der heutigen Deutung eines "Homerischen Heroengrabes" ist dieser Gegenwartsbezug als Anregung für einen neuen religiös-kulturellen Aufbruch besonders nahe.

Adolphine von Rohr als Förderin des Museums

Der junge Paul Quente hat die damalige Äbtissin des Stiftes Heiligengrabe, Adolphine von Rohr (1855-1923) (Wiki), für den Aufbau eines Museums begeistern können. Allein aufgrund der Begeisterungsfähigkeit dieser Äbtissin hatte es so schnelle Fortschritte gegeben in der Entwicklung seiner Pläne. Diese Äbtissin war 1909 52 Jahre alt. Es wird deutlich, wie gut damals zwei unterschiedliche Generationen aufeinander abgestimmt arbeiten konnten in der Verfolgung wesentlicher kultureller und wissenschaftlicher Bestrebungen.

Wer war diese Äbtissin? Auch in ihrem Lebensschicksal spielt der Krieg und der Tod im Krieg keineswegs eine unwesentliche Rolle. Sie war die Tochter des preußische Generals von Gersdorff. Ihr Vater war, als sie selbst 15 Jahre alt war, 1870 in der Schlacht von Sedan gefallen. Natürlich steht, wer sin solchen Lebenszusammenhängen steht, anders im Leben als wer das nicht tut oder wer sie gleichgültig vergißt (so wie das nach 1945 weithin üblich geworden ist in Deutschland). Treue Aufopferung für das Vaterland war damals etwas Selbstverständliches in den Völkern Europas. Aus dieser treuen Aufopferung lebte auch eine Fülle kultureller und religionsähnlicher Bestrebungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Fünf Jahre später heiratete Adolphine einen Herrn von Rohr. Sie erlebte eine Totgeburt. 1892 ist ihr Ehemann an Typhus gestorben. Nach dem Tod ihres Ehemannes hat Adolphine Krankenpflege-Kurse besucht und war als Hofdame bei der Fürstenfamilie von Waldeck tätig. Es steht dann auf Wikipedia über eine erneute Wendung in ihrem Leben (Wiki):

1899 ernannte Kaiser Wilhelm II. Adolphine von Rohr gegen heftige Einwände des Klosterkonvents, der an ihrer früheren Verheiratung Anstoß nahm, zur Äbtissin von Heiligengrabe. (...) Als Äbtissin setzte sie sich für eine Rückbesinnung auf die sozialen Aufgaben eines Damenstifts ein und förderte insbesondere die schulische und berufliche Ausbildung junger mittelloser Mädchen. Kaiser Wilhelm, der sie schätzte und unterstützte, besuchte sie im Kloster und verlieh ihr 1901 den Äbtissinnenstab. Sie setzte unter anderem die Anerkennung der Schule als „Höhere Mädchenschule“ im Jahr 1908 durch. Neben ihren sozialen Bemühungen unterstützte sie auch heimatkundliche Forschungen und half mit bei der Gründung eines heimatkundlichen Museums im Südflügel der Abtei im Jahr 1909. Sie erwirkte zum Ende des Ersten Weltkrieges beim "Staatskommissar für die Regelung der Wohlfahrtspflege in Preußen" die Genehmigung für den Verkauf von Druckschriften der Vaterländischen Verlags- und Kunstanstalt, Inhaber: Verein für Berliner Stadtmission, Berlin, zur "Unterstützung der Kriegswaisen in der Erziehungsanstalt des Klosters Heiligengrabe (Prignitz)."

Machen wir uns vielleicht an diesem Lebensgang den folgenden Umstand bewußt: Fast alle Überlieferungen heidnisch-germanischen Geisteslebens, die unmittelbar auf uns gekommen sind - etwa die Island-Sagas oder altdeutsche Heldenlieder - sind von christlichen Klerikern im Mittelalter aufgezeichnet worden. Diese fühlten eine Liebe und Verehrung gegenüber diesem heidnischen Erbe und Geistesgut. Und eine solche Liebe und Verehrung gegenüber heidnischer Vorgeschichte lebte - allzu offensichtlich - auch in so mancher evangelischen Äbtissin und in anderen Stiftsdamen, die in jener Zeit in Heiligengrabe lebten und wirkten. Ihr Wirken trug offenbar maßgeblich zur Entwicklung des damals neu gegründeten Heimatmuseums Heiligengrabe bei.

Ein monotheistischer Eifer, der mit Kälte, Gleichgültigkeit, Befremdung oder gar Haß dem Heidentum der eigenen Vorfahren gegenüber steht, ist hier in Heiligengrabe jedenfalls nicht erkennbar. Wohl uns, daß wir Menschen sehen und keine Hassenden.

Es kommt einem heute fast fremd vor, daß sich betont dem Christentum verbundene Stiftsdamen für die Erforschung und geradezu andächtige Beschäftigung mit der heidnischen Vorgeschichte einsetzen. Es darf allerdings berücksichtigt bleiben: Vor 1914 war das Christentum allseits in der Mehrheit der Deutschen noch so stark gefestigt, daß überzeugte konservative Christen sich - quasi - ohne Sorge um den Glauben der ihnen Anvertrauten mit Liebe und Andacht der Pflege der Erinnerung an heidnisches Glaubensleben in Deutschland widmen konnten. Ein - im Grunde - eigenartiges Geschehen, zumindest aus heutiger Sicht. Es darf uns bewegen, uns Heutige, die wir vielleicht immer noch auf der Suche sind nach erfüllenden Lebensinhalten jenseits jene ernüchternden bolschewistischen oder ernüchternden kapitalisitischen Materialismus, die mit Hilfe von Soldatenstiefeln und Fernbombern im Jahr 1945 von Ost und West nach Deutschland hinein getragen worden sind.

Abb. 4: Die "Volkshochschule" der Prignitz

Auf einer heutigen Museumstafel wird über die "Spuren einer verlorenen Museumssammlung" aufschlußreich berichtet (Abb. 4). Daß die germanische Vorgeschichtsforschung ihren Antrieb "aus dem Wettbewerb mit Frankreich" erhalten habe - wie auf dieser Wandtafel zu lesen steht (Abb. 4), scheint sehr wenig durchdacht formuliert worden zu sein. Deutschland, das sich mit Recht als führende Kulturnation Europas sah, hatte es damals wirklich nicht nötig, kulturell in "Wettbewerb mit Frankreich" zu treten. Eher schon war es weithin im 19. Jahrhundert zur Abwendung vom orientalischen Christentum gekommen und man suchte - in Auseinandersetzung mit den eigenen vorchristlichen Vorfahren - neue Orientierungen zu gewinnen. Dabei gab es - natürlich - auch eine Abwendung von den bis dahin hoch gehaltenen Werten der antiken Mittelmeer-Kulturen und der romanisch-sprachigen Völkerwelt. In Frankreich wurden zur gleichen Zeit eher die Kelten - aber durchaus auch die germanischen Franken (siehe Graf Gobineau und andere) - erforscht. Ansonsten aber enthält die Museumstafel wertvolle Auskünfte.

Der Archäologe Jörg Lechler in Heiligengrabe 1920 bis 1923



Abb. 5: Der deutsche Archäologe Jörg Lechler

Wissenschaftlicher Leiter des Museums seit 1920 war ein weiterer "Kossinnaschüler", nämlich der deutsche Archäologe Dr. Jörg Lechler (1894-1969). Dieser hat einige der volkstümlichsten archäologischen Bücher der 1930er Jahre verfaßt, so vor allem das begeisternde Buch "5000 Jahre Deutschland". Jörg Lechler kam vom heute noch bedeutenden Museum für Vorgeschichte in Halle und hielt enge Zusammenarbeit mit diesem aufrecht, ebenso natürlich mit Gustaf Kossinna. Solange es das Prignitz-Museum gab - bis 1945 -, wurde in Deutschland ungeteilte Begeisterung für die germanische Vorgeschichte gefördert.

Abb. 6: "5000 Jahre ..."

Die Biographie des Archäologen Dr. Jörg Lechler (1894-1969) ist sehr spannend. Ernst Propst hat über sie berichtet (1) (zu ihm eigenes Literaturverzeichnis):

Er studierte in Berlin und Halle/Saale. 1913 bis 1918 grub er das Gräberfeld auf dem Sehringsberg bei Helmsdorf aus. 1923 bis 1924 war er Assistent am Tell-Halaf-Museum in Berlin und von 1924 bis 1935 Archäologe in der Prignitz. Ab 1936 lebte er in Detroit (USA), wo er bis 1965 am Art Institute der Wayne University arbeitete. Lechler prägte 1925 den Begriff Helms­dorfer Gruppe.

In dieser Kurzbiographie fällt der Ortsname Heiligengrabe kein einziges mal. Deshalb hat auch der Autor dieser Zeilen, der bislang nur diese Kurzbiographie gelesen hatte, von dem bedeutungsvollen Wirken Jörg Lechlers in Heiligengrabe bislang nichts ahnen können. Überhaupt: Die ganze wissenschaftliche Kossinna-Schule, so wird einem hier bewußt, scheint nach 1945 von der nachlebenden Archäologen-Generation tief, ganz, ganz tief in den Boden der Vergessenheit gestampft worden zu sein, so daß es heute - beispielsweise - für einen Jörg Lechler noch nicht einmal einen Wikipedia-Artikel gibt und man - selbst als viel belesener und wissenschaftsnaher Mensch so wie der Autor dieser Zeilen - auffallend wenig über sie bislang hat in Erfahrung bringen können. Daß man also mehr durch Zufall in die Ausstellung in Heiligengrabe geraten muß, um von diesem begeisternden Wirken früherer Archäologen-Generationen etwas zu erfahren. 1923 leitete Jörg Lechler einen Aufsatz ein mit den Worten (GB):

Das Heimatmuseum in Heiligengrabe (Prignitz) bringt dem Altmeister der deutschen Dorfgeschichte diesen kleinen Beitrag als Zeugnis dafür, wie "gute Taten fortzeugend Gutes gebären müssen".
Um welchen Altmeister es sich hier handelt, wäre noch interessant zu erfahren. Jörg Lechler hat sein weiteres Leben in den USA verbracht und ist auch dort gestorben, nämlich in Detroit (Nova Welt):
Er gilt als einer der Pioniere der Bronzezeit, die den Namen einer in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreiteten Stufe, Kultur oder Gruppe der Bronzezeit in die Fachliteratur eingeführt haben.
Abb. 7: Jörg Lechler

Eine vorläufig zu ihm (mit Hilfe von Justbooks und Google Bücher) zusammengestellte Bibliographie (4-14) spiegelt wohl sein Wirken schon recht deutlich wieder. Lechler hat sich in den 1930er Jahren vor allem durch populärwissenschaftliche Bücher einen Namen gemacht. Noch heute eindrucksvoll zu lesen ist sein Buch "5.000 Jahre Deutschland", das den archäologischen Forschungsstand des Jahres 1935 sehr eindrucksvoll wiedergibt und an ein breites Publikum gerichtet ist. Ein vergleichbares Buch über den heutigen archäologischen Kenntnisstand könnte kaum genannt werden. Es müßte heute - nach der C14-Revolution in der modernen Archäologie in den 1950er Jahren und nach der Ancient-DNA-Revolution seit 2015 - benannt werden "8.000 Jahre Deutschland" (sofern - wie 1935 - mit einem solchen Titel die Geschichte seßhafte Kulturen in Mitteleuropa gekennzeichnet sein sollte). 1939 veröffentlichte Jörg Lechler auch - sehr, sehr fortschrittlich - ein Buch über die vorkolumbianische Entdeckung Amerikas. Auf diesem Gebiet ist Jörg Lechler erst in den letzten Jahren und Jahrzehnten von der Wissenschaft, die diese These lange mit Stirnrunzeln angesehen hat, im vollsten Umfang bestätigt worden (Wiki). So altbacken und "überdreht" war man also in den 1930er Jahren keineswegs. Nehmt das, Ihr deutschen Hasser Eurer eigenen, herrlichen, deutschen Wissenschaftsgeschichte. Über sein Buch heißt es (Justbooks):

Dr. Lechler stieß bei seinen Forschungen auf Verbindungen von Wikingern und Moslems, woraus sich ein Fragenzusammenhang ergab, der sich zwischen Portugal, Grönland und  Vinland um die vorkolumbianische Entdeckung Amerikas spannt.

Was für ein weiter Blick! Von wegen "germanozentrisches Weltbild". 1983 erschien das schöne Buch von Jörg Lechler "5000 Jahre Deutschland - Germanisches Leben in 700 Bildern" im Nachdruck erneut. Auf Jörg Lechler sind wir schon 2012 in anderem Zusammenhang aufmerksam geworden (18, 19).

Abb. 8: In den 1930er Jahren viel gelesene archäologische Bücher von Gustaf Kossinna, seinem Schüler Jörg Lechler und anderen

Über die vom Museum, bzw. seinem Trägerverein herausgegebene Zeitschrift  heißt es für die frühen 1920er Jahre (Czubatynski 2011):

In dem einzigen, 1924 veröffentlichten Mitgliederverzeichnis wurden noch 317 Personen aufgeführt - eine aus heutiger Sicht immer noch erstaunlich große Zahl. Auch wenn die Zeitschrift auf dünne Hefte schrumpfte, so hatte man es doch durch zähe Arbeit und große Opferbereitschaft geschafft, das Erscheinen trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise nicht einstellen zu müssen. Schon allein diese Tatsache muß als großes Verdienst des Vereins gewürdigt werden.
Der Museumsleiter Jörg Lechler hat in dieser Zeitschrift archäologische Themen behandelt und (Czubatynski 2011):
Als eifrigste Autorin ist übrigens mit 69 von 267 Beiträgen die Stiftsdame Annemarie von Auerswald zu nennen. (...) Im übrigen legte der Verein offenbar besonderen Wert auf die Einbeziehung möglichst breiter Bevölkerungsschichten. Dies hatte freilich zur Folge, daß (ähnlich wie in den Heimatkalendern) zahlreiche Aufsätze von geringem Umfang gedruckt wurden, die für die wissenschaftliche Diskussion von relativ geringem Wert waren.

Tja, und das schreibt derselbe Autor, der sich so erstaunt zeigt über die hohe Mitgliederzahl des damaligen Vereins. Ob es wohl zwischen beiden Umständen Zusammenhänge gibt? Wer Wissenschaft popularisieren will, muß populäre Beiträge bringen, das scheint schwer verständlich zu sein. Aber ist Wissenschaft nur für die Wissenschaft da - oder für das Volk, die Gesellschaft, die sie ermöglichen? Vielleicht hatte das Museum Heiligengrabe schon in den 1920er Jahren mehr verstanden als noch heute so mancher heimatkundliche Verein ... ? In der heutigen Ausstellung wird auf der Wandtafel "Wurzeln in der Tiefe, Wipfel im Licht" diesbezüglich ein ganz anderer Ton angeschlagen (2; Min. 4:44):

Das schon weithin bekannte Museum wurde als "Träger der Heimatverbundenheit" gesehen und entwickelte sich in den 1920er Jahren zu einem Zentrum der prähistorischen Forschung in Brandenburg. Heiligengrabe bildete den praktischen und ideellen Stützpunkt für die archäologische Landesaufnahme, deren Ergebnisse 1929 von Walter Matthes (...) im Band "Urgeschichte der Ostprignitz" publiziert wurden.

Der deutsche Archäologe Prof. Walter Matthes

1929 also sollte der Archäologe und Anthroposoph Walter Matthes (1901-1997) (Wiki) die noch heute als bedeutsam bewertete Überblicksdarstellung "Urgeschichte des Kreises Ostprignitz" herausbringen. Er war zeitweise in Neuruppin zur Schule gegangen und von 1925 bis 1928 mit der Durchführung der archäologischen Landesaufnahme des Landkreises Ostprignitz betraut worden. Seit 1932 arbeitete Matthes dann im "Reichsbund für Deutsche Vorgeschichte" des Archäologen Hans Reinerth mit. 1934 wurde er dann Professor für Vorgeschichte an der Universität Hamburg. Diese Professur behielt er bis 1969 inne. Während des Zweiten Weltkrieges gehörte er zur Vorgeschichtsabteilung des Stabes Rosenberg und forschte dabei in Frankreich, Rußland und Italien.

Wie für fast alle mit der deutschen Vorgeschichte verbundenen Menschen vor 1945 war auch die Verbundenheit von Matthes mit dem Nationalsozialismus fast selbstverständlich. Nur Jörg Lechler geriet offensichtlich schon vor 1945 in Zwiespalt. Er war mit einer Jüdin verheiratet, die sich 1936 das Leben genommen hat. Womöglich war dies auch ein Anstoß dafür, daß Lechler eine Professur in den USA übernahm und dann bis an sein Lebensende nur noch für Besuche nach Deutschland kam.



Abb. 9: Ein heidnisches Erntedankfest in Heiligengrabe im September 1933 - Mädchen - offensichtlich der evangelischen Stiftsschule - tragen nachgefertigen Bronzeschmuck - ein frühes Beispiel von Reenactment (offenbar angestoßen und organisiert von Jörg Lechler, der darüber dann auch eine Schrift heraus brachte)

1933 gab Jörg Lechler die kleine Schrift "Das Heimatfest in Heiligengrabe am 10. Scheiding 1933" heraus. Zu dem Heimatfest war auch der neue Gauleiter Kube erschienen und es war von 18.000 Menschen besucht worden. Eindrucksvoll findet sich auf der Titelseite (Abb. 9) dargestellt quasi ein heidnisches, vorgeschichtliches, bronzezeitliches Erntedankfest. Mädchen - wahrscheinlich der evangelischen Stiftsschule in Heiligengrabe - tragen nachgefertigen Bronzeschmuck. Fortschrittlichstes "Reenactment" im Jahr 1933. Aber es stand natürlich in - aus heutiger Sicht - "falschen" ideologischen Zusammenhängen, deshalb dürfen wir uns heute darüber nicht so ungeteilt freuen wie sich die Menschen damals darüber gefreut haben. Oder doch? Wir wissen es nicht so genau, was eine geistig verrottete, bigotte Meinungsdiktatur in Deutschland uns heute dazu - gegebenenfalls wieder mit Tritten und Schlägen - einbleut.


Abb. 10: Die Stiftsdame und Museumsleiterin Annemarie von Auerswald (1876-1945)

Die Archäologin Annemarie von Auerswald in Heiligengrabe 1909 bis 1945

Die Stiftsdame Annemarie von Auerswald (1876-3.3.1945) (Wiki) war ab 1909 Mitarbeiterin am Prignitz-Museum Heiligengrabe, 1924 bis 1926 war sie dann wissenschaftliche Hilfsarbeiterin am Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin und 1933 bis 1945 war sie dann Leiterin des Museums in Heiligengrabe. Hören wir nun noch einmal im Zusammenhang eine Darstellung der Arbeit des Museums in Heiligengrabe in dieser Zeit (Werner von Kieckersbusch, Chronik Heiligengrabe, S. 468f):

Die Sammlung wuchs sehr schnell zu einem höchst wertvollen Denkmal der märkischen, insbesondere der Prignitzer Vergangenheit. Unter der sachverständigen Conventualin Annemarie von Auerswald fanden in der näheren und weiteren Umgebung zahlreiche Ausgrabungen statt, die äußert wertvolle und interessante Funde zeitigten. Urnen, Skelette, Waffen, Schmuckgegenstände usw. aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit kamen ans Tageslicht und fanden in dem Museum den ihnen gebührenden Platz. Auch zahlreiche Erinnerungsstücke an die Schlacht von Wittstock wurden hier untergebracht. (...) Unter Beteiligung weiter Kreise der Prignitz wurde im Jahre 1914 ein "Heimat- und Museums-Verein in Heiligengrabe" gegründet, der die Pflege und Mehrung des Museumsgutes übernahm und ein eigenes Mitteilungsblatt herausgab. (...) Es ist höchst bedauerlich, daß die wertvolle Sammlung im Mai 1945 bei der Besetzung durch die Russen restlos vernichtet und ausgeplündert wurde.
Immerhin (Wiki):
Teile des musealen Bestandes konnten von Albert Guthke, der 1936 bis 1941 als Assistent im Heimatmuseum Heiligengrabe tätig war, 1946/47 aufgearbeitet und in den Bestand des 1954 von ihm gegründeten Heimatmuseums Pritzwalk überführt werden. Weitere Exponate wurden auf die umliegenden, neu gegründeten Kreismuseen der Region verteilt.
Ein wesentlicher Bestandteil der Sammlung war übrigens das sogenannte "Hungertuch von Heiligengrabe" (Kieckersbusch, S. 468f):
Das Glanzstück der Sammlung war das sogenannte "Hungertuch", eins der kostbaren alten Kulturgüter der Prignitz. Sehr wahrscheinlich stammt das Tuch (Größe: 3,50 m lang, 1,50 m hoch) aus dem 13. Jahrhundert. In der Mitte war der thronende Christus in der Mandorla dargestellt und zu beiden Seiten in zwei übereinander laufenden Streifen die ganze Heilsgeschichte. Der Reichtum der Erfindung, die zeichnerische Geschicklichkeit und die überaus sorgsame Nadelarbeit machte dieses Stück besonders kostbar. Das Tuch war im Jahre 1888 von dem Lehrer Meyer in der zum Patronat von Heiligengrabe gehörenden Kirche Breitenfeld beim Reinemachen ganz zerdrückt, verstaubt und zerschlissen im Müll gefunden worden. Er verwahrte das ehrwürdige Stück hinter dem Altar, wo es im Jahre 1911 von Paul Quente wieder ans Tageslicht gebracht wurde.
Dieses Hungertuch war auch dem Archäologen Jörg Lechler bedeutsam geworden. Dieser hatte ja mit einer Arbeit über das Hakenkreuz als archäologisches Symbol promoviert. Und in "5000 Jahre Deutschland" schrieb er (S. 211) (zitiert hier nach Google-Bücher-Ausschnitt):
... dies das Hakenkreuz als Sinnbild Wodans bei den Germanen charakterisierte, so auf dem Hungertuch in Heiligengrabe in der Mark Brandenburg (Abb. 683).
Er geht noch weitere Beispiele durch, die, so Lechler, zeigen (S. 211),
wie stark die Kirche es für eine Notwendigkeit erachtete, die heidnischen Symbole mit christlichen Werten zu erfüllen.

"Die heidnischen Symbole mit christlichen Werten erfüllen" - was alles mit diesen wenigen Worten gesagt ist. Geschieht das nicht seit 2000 Jahren und heute mehr als je: daß wertvolle nicht-monotheistische Entwicklungen mit monotheistischen oder sonstigen okkulten Werten erfüllt werden und damit praktisch "gehijackt" werden, "übernommen" werden und in eine ganz andere Richtung weiter geführt werden als es ihnen ursprünglich innelag? Annemarie von Auerswald hat Sachbücher veröffentlicht, hervorgehend aus ihrer wissenschaftlichen Arbeit (2), ebenso Romane im völkischen Geist der damaligen Zeit. Ob sie heute in ihrer Gänze noch lesbar sind, stehe dahin. 1940 etwa veröffentlichte sie die Erzählung "Die Tochter vom Gerwartshof". Darüber heißt es in einer Rezension (Stef. Cramme 2004):

Die Buchkarte eines ehemaligen Exemplars der Volksbücherei Köln trägt die Annotation "Anschauliche Darstellung altgermanischen Lebens zur Zeit der Völkerwanderung. Für Mädchen geeignet".

Die Handlung der Erzählung und die vermittelten Werte entsprechen dem Zeitgeist Ende der 1930er Jahre. Es geht um die Bewahrung und Gewinnung von Siedlungsland, ebenso wie um die Bewahrung von Rassereinheit. Und es geht um das gute und schlechte Werben von Männern um ein junges Mädchen und ihre Reaktionen darauf.

"Dienen lerne beizeiten das Weib" - Im adligen Mädcheninternat in Heiligengrabe

Das Damenstift Heiligengrabe hat auch ein Mädcheninternat betrieben. Ziel desselben war es in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, die Mädchen zu Hauslehrerinnen und Gouvernanten auszubilden, um sie wirtschaftlich unabhängiger zu machen als sie es sonst wären (Ortrud Wörner-Heil, S. 420). Erziehungsideal war noch in der Vorkriegszeit jenes "Dienen lerne beizeiten das Weib" aus Goethes Hermann und Dorothea, ein Ideal, gegen das sich eine völkische Reformerin wie Mathilde Ludendorff (1877-1966) schon in ihrer Jugend empört hatte, und gegen das sich schon während des Ersten Weltrkieges auch die Internatsschülerinnen in Heiligengrabe begannen aufzulehnen. So etwa die nachmalig bekannter gewordene Wagner-Enkelin Friedelind Wagner (1918-1991) (Wiki). Auch eine Tisa von Schulenburg ist in den 1930er Jahren in Heiligengrabe am Damenstift zur Schule gegangen. Ihren 1983 veröffentlichten Erinnerungen an diese Zeit gab sie den Titel "Des Kaisers weibliche Kadetten". Als solche wurden die Schülerinnen des Internats jedenfalls angesprochen, wenn damit - bis auf einen asketischen Lebenswandel - nur wenig konkreten Inhalte verbunden sein konnten. Aus der Sicht sprühlebendiger Jugend schreibt sie in ihren Erinnerungen über die Stiftsdamen (zit. n. Ortud Wörner-Heil, S. 422):

Die alten Damen in den Häuschen schienen uns unvorstellbar alt, verhutzelt, seltsam.

Nun, es ist zu berücksichtigen, daß ein solches Damenstift ja immer auch Altersheim war. Und wenn die Stiftsdamen noch Anfang des 20. Jahrhunderts eine vom Kaiser eingesetzte, vormals verheiratete Äbtissin ablehnten eben nur deshalb, weil sie schon einmal verheiratet war, so darf man doch vermuten, daß sich an diesem Stift auch unglaublicher christlich-moralischer Unrat halten konnte. Ansonsten hätte man ja ein solches Zusammenleben von Jung und Alt durchaus auch als etwas Fortschrittliches empfunden können. Daß aber überhaupt adlige evangelische Damen praktisch wie katholische Nonnen lebten, ist ja insgesamt eine etwas merkwürdige Erscheinung. Somit gab es im Damenstift Heiligengrabe offensichtlich beides: Sprühende Lebendigkeit und Fortschrittlichkeit einerseits ebenso wie eingetrockneter, christlicher Obskurantismus andererseits. Aber die Vorgeschichtsforschung und der Erste Weltkrieg scheinen doch manche frische Luft in die moralisch stickige Klosterluft gebracht zu haben. Wird doch für die Zeit nach 1918 als Beispiel für Themenstellungen von Schulaufsätzen genannt (Ortrud Wörner-Heil, S. 427):

"Was kann ich tun zur Wiederbelebung des deutschen Geistes?"
Nun, wirklich eine Frage, die man noch heute - oder gerade heute - als elementar empfinden kann, und die man wohl nur sinnvoll wird beantworten können jenseits aller christlichen Muffigkeit. Die Internatsschülerin Elsbeth von Oppen besuchte das adlige Mädcheninternat bis 1920, sie (Ortrud Wörner-Heil, S. 424)
erlebte eine Welt der Unruhe und des Umbruchs. sie erlebte den erzieherischen vaterländischen Geist im Krieg, der nach dem Krieg bei vielen - Lehrkräften wie auch Mitschülerinnen - als nationale Wiedergeburt neue Zielrichtung fand. Sie erlebte aber auch aufmüpfige Mitschülerinnen, die nicht mehr des Kaisers Kadetten sein wollten und außerdem verstörte, von der Kriegsniederlage und der Revolution erschütterte Stiftsdamen.
Merkwürdig genug wäre es, wenn die Stiftsdamen nicht verstört und erschüttert gewesen wären. Aber auffallend genug, daß eine solche Erscheinung heute, wo es ebenfalls genug Anlaß für Verstörung und Erschütterung über die Schicksale unseres deutschen Vaterlandes gibt, quasi als "ungewöhnlich" charakterisiert werden kann. Auch
hatten sie sich schon vorher empört gezeigt über das "Dienen lerne beizeiten das Weib" aus Goethes Hermann und Dorothea. (...) Tisa von der Schulenburg nahm sich Lily Braun (...), die aus ihrer Standeswelt ausgebrochen war, zu ihrem Vorbild.

Die mit einem Juden verheiratete Adelstochter und Sozialdemokratin Lily Braun war kennezeichnender Weise gerade in jener hier behandelten Zeit eine Freundin der nachmaligen Lebensreformerin Mathilde Ludendorff geworden (s. Lebenserinnerungen der letzteren). Es wird also sehr deutlich, daß sich diese Mädchen und das zugehörige Damenstift in einem Spannungsverhältnis bewegten, in einem Orienterungsfeld bewegten, in dem sich viele Möglichkeiten eröffneten, ein Spannungsfeld, aus dem heraus die Gesellschaft bis heute zu keinem neuen Konsens, zu keiner neuen Lösung gefunden hat - es sei denn in Form von Gedankenlosigkeit und Geschichtsvergessenheit. Aber das ist keine "Lösung".

Das Fotoarchiv des Stiftes Heiligengrabe umfaßt Zeitdokumente der Jahre 1880 bis 2000, in ihm sind auch Fotografien vom erwähnten - wegweisenden - Heimatfest aus dem September 1933 enthalten, weshalb um so mehr angenommen werden kann, daß an dem damaligen "Reenactment" die Stiftsschülerinnen Anteil genommen haben. An Inhalten des Archivs werden aufgezählt (Fotoerbe):

Zahlreiche Porträtaufnahmen von Äbtissinnen, Stiftsdamen, Stiftsschülerinnen, Stiftshauptmännern und -pröpsten aus der Zeit der Stiftsschule von ca. 1880 - 1945/ (1997);
Ansichten von Bauten (Abtei, Kirche, Kapelle, Friedhof, Damenplatz, Klostergelände und Wirtschaftgebäude); Innenansichten von der Abtei, Kirche und Kapelle; Landschaftsaufnahmen von der Umgebung Heiligengrabes;
Kaiserbesuch (Wilhelm II. in Heiligengrabe 1903); zahlreiche Aufnahmen vom Alltag und Schulleben der Höheren Mädchenschule in Heiligengrabe (Klassenzimmer, alle Klassenzüge, Lehrerinnen/Stiftsdamen; Ausflüge/Klassenfahrten;
Heimatfest 10.9.1933 in Heiligengrabe; private Fotos z.T. aus dem Nachlaß einzelner Stiftsschülerinnen; Innenaufnahmen u. Eingangssituation (Abteiinnenhof) vom ehemaligen Heiligengraber Heimatmuseum (1909-1945);
als professionelle Fotografen sind in einigen Fällen nachweisbar Max Zeisig (Perleberg), Albert Schwarz (Hoffotograf, Berlin), Paul Donnerhack (Atelier Wittstock/Pritzwalk/Meyenburg), L. Haase und Comp. Berlin (Königl. Hoffotogr.) etc.
Die Fotos stammen z.T. aus dem Nachlaß ehemaliger Stiftsdamen und -schülerinnen; aus dem Depositum des Stiftsarchivs; auch Schenkung Sammlung Nora Neese und „Verein ehemaliger Heiligengraberinnen“; darunter ganze Fotoalben aus dem Privatbesitz ehemaliger Schülerinnen; kein Ankauf. Benutzung: Einsichtnahme nur nach vorheriger Absprache möglich; Bestand z.T. nur eingeschränkt zugänglich; Veröffentlichungen nur nach Genehmigung  [Quelle: Mitteilung des Museums Kloster Stift zum Heiligengrabe, 30.03.2011]

In dem "Reenactment" von heidnischen bronzezeitlichen Frauen im September 1933 darf man - wenn man möchte - durchaus ebenfalls Auflehnung sehen gegen das bigott-christliche Erziehungsziel "Dienen lerne des Weib", wissen doch die heidnischen isländischen Sagas und die heidnische Edda, die dem Geist der Nordischen Bronzezeit sicherlich näher stehen als alles orientalische Christentum von einer ganz anderen seelischen Haltung von Frauen zu berichten als sie in Goethes Hermann und Dorothea wiederzufinden ist.


Abb. 11: Albert Guthke (entnommen: Pawelka, ‎Foelsch, ‎Rehberg: Städte der Prignitz, 2004, S. 83, GB)

Albert Guthke - Er sammelte die Reste ein

Nachdem Annemarie von Auerswald im März 1945 gestorben war, blieb das weitere Schicksal der vorgeschichtlichen Sammlung von Heiligengrabe mit dem Namen Albert Guthke (1900-1981) (Wiki) verbunden:

Er stammte aus einer alteingesessenen Bauernfamilie aus Dahlhausen, einem Ortsteil von Heiligengrabe in der Prignitz. Diese Herkunft war für Albert Guthke prägend.
Prägend, so darf man vermuten, weil ja ebendort eine der frühen Ausgrabungen von Paul Quente stattgefunden hatte, die Guthke als Jungen beeindruckt haben mag (s.o.). Guthke (Wiki)
studierte 1919 bis 1926 Deutsch, Geschichte und Philosophie. (...) 1936 bis 1941 war er tätig als Assistent im „Heimatmuseum für die Prignitz“ im Kloster Stift zum Heiligengrabe unter der Leitung von Annemarie von Auerswald.

Wahrscheinlich ist er im Mai 1945 - wie so viele damals - mit seiner Familie über die Elbe geflüchtet, denn weiter heißt es (Wiki):

1945 bis 1946 als Museumspfleger am Museum Lüneburg, anschließend als Museumsleiter in Kyritz und schließlich in Pritzwalk. 1954 bis 1958 studierte er an der Fachschule für Heimatmuseen in Köthen und Weißenfels. 1946 bis 1960 lebten er und seine Familie in Dahlhausen und ab 1960 in Pritzwalk. Nachdem zum Ende des Zweiten Weltkrieges das „Heimatmuseum für die Prignitz“ im Kloster Stift zum Heiligengrabe geschlossen und die ehemals reiche ur- und frühgeschichtliche Sammlung fast völlig vernichtet worden war, arbeitete Albert Guthke die Reste des musealen Bestandes 1946/47 auf und überführte sie in den Bestand des 1954 von ihm gegründeten Heimatmuseums Pritzwalk, weil ein Wiedererstehen eines Ostprignitz-Museums im kirchlichen Stift Heiligengrabe politisch nicht erwünscht war. Er wirkte als Leiter des Heimatmuseums bis zum Ruhestand im Jahr 1972. Dabei leistete er einen Beitrag zur Erforschung der Prignitz mit der Herausgabe von wissenschaftlicher Veröffentlichungen, insbesondere der zweibändigen Schriftenreihe "Prignitz-Forschungen" (Pritzwalk, 1966 und 1971). 

/ Diese vorliegende Darstellung soll in allen Teilen künftig noch ergänzt werden. /


/Zuerst erschienen auf Preußenblog, 23.7.2019,
hier neu mit der einleitenden Aktualisierung /
_________________________________________
  1. Ortrud Wörner-Heil: Adelige Frauen als Pionierinnen der Berufsbildung: Die ländliche Hauswirtschaft und der Reifensteiner Verband. Kassel University Press 2010 (GB
  2. Bading, Ingo: Das Prignitz-Museum für Vorgeschichte in Heiligengrabe - Kurze Videoaufnahmen, 23.7.2019, https://youtu.be/Bov71hLty_k, 2. Teil: https://youtu.be/IrbDUahATmA
  3. Quente, Paul: Das langobardische Urnenfeld von Dahlhausen (um 200-500 nach Chr.) Prignitzer Volksbücher, Heft 39, 1913
  4. Quente, Paul. Ein germanisches Dorf bei Kyritz. In: Mannus 1914, S. 97ff (GB)
  5. Matthes, Walter: Urgeschichte des Kreises Ostprignitz. C. Kabitzsch, Leipzig 1929 (GB)
  6. Matthes, Walter: Die Germanen in der Prignitz zur Zeit der Völkerwanderung im Spiegel der Urnenfelder von Dahlhausen, Kuhbier und Kyritz. Nach den Arbeiten von Paul Quente, Georg Girke und Jörg Lechler. Dem Gedächtnis Paul Quentes gewidmet. C. Kabitzsch, 1931 (138 S.) (GB)
  7. Matthes, Walter: Die nördlichen Elbgermanen in spätrömischer Zeit. Untersuchungen über Kulturhinterlassenschaft und ihr Siedlungsgebiet unter besonderer Berücksichtigung brandenburgischer Urnenfriedhöfe. C. Kabitzsch, 1931 (114 S.)
  8. Werner von Kieckersbusch: Chronik des Klosters zum Heiligengrabe - Von der Reformation bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Verfaßt bis 1949, veröffentlicht: Lukas-Verlag 2008 (GB), S. 468 
  9. Czubatynski, Uwe: Die Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Prignitz 11 (2011), S. 129ff (pdf)
  10. Koch, Julia Katharina: Frauen in der Archäologie - eine lexikalisch-biographische Übersicht. In: Jana Esther Fries, Doris Gutsmiedl-Schümann (Hrsg.): Ausgräberinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Ausgewählte Porträts früher Archäologinnen im Kontext ihrer Zeit. 2013 (GB), S. 260
  11. Hans Joachim Bodenbach: Der Archäologe Walter Matthes als Erforscher der Ostprignitz. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Prignitz, [ehemaliger Landkreis Ostprignitz], Bd. 15 (2015)
  12. Romeyke, Sarah: Vom Nonnenchor zum Damenplatz. 700 Jahre Kloster und Stift zum Heiligengrabe, Kultur- und Museumsstandort Heiligengrabe Bd. 1, Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte 2009 
  13. Romeyke, Sarah: Preußens Töchter. Die Stiftskinder von Heiligengrabe 1847–1945, Kultur- und Museumsstandort Heiligengrabe Bd. 5,  Lukas Verlag für Kunst- und Geistesgeschichte 2015 (GB)
  14. Ruch, Christamaria: Sarah Romeyke spricht über den Initiativpreis für das Museum im Kloster Stift zum Heiligengrabe - Auf den Spuren einer verlorenen Sammlung. In: Märkische Allgemeine Zeitung, 7.2.2015, https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Sarah-Romeyke-spricht-ueber-den-Initiativpreis-fuer-das-Museum-im-Kloster-Stift-zum-Heiligengrabe
  15. Ruch, Christamaria: Museum in Heiligengrabe - Neue Ausstellung wird im Kloster vorbereitet. In: Märkische Allgemeine, 21.03.2016, https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Neue-Ausstellung-wird-im-Kloster-vorbereitet
  16. Ruch, Christamaria: Neue Dauerausstellung im Kloster Stift Heiligengrabe. In: Märkische Allgemeine Zeitung, 17.05.2017, https://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Neue-Dauerausstellung-im-Kloster-Stift
  17. o.V.: Zur Geschichte des Museums. https://klosterstift-heiligengrabe.de/kloster/kloster anlage/museum
  18. Bokelmann, Christine: Museum im Kloster Stift zum Heiligengrabe. Flyer o.D. [nach 2015] 

Jörg Lechler

  1. Propst, Ernst: Kurzbiographie des Archäologen Jörg Lechler. Archäologie-News, 26.9.2005
  2. Lechler, Jörg: Vom Hakenkreuz. Die Geschichte eines Symbols. Mit Geleitwort von [Hans] Hahne. Curt Kabitzsch-Verlag, Leipzig  1921 (= Vorzeit. Nachweise und Zusammenfassungen aus dem Arbeitsgebiet der Vorgeschichtsforschung, Band 1) (Justbooks) (27 S. Text, 351 Abb. = 89 S.); 2. erw. u. vermehrte Auflage 1934,  https://archive.org/ stream/VomHakenkreuz/Vom%20  Hakenkreuz#page/n0/mode/2up; Woher kommt das Hakenkreuz? Geschichte des Symbols und internationale Verbreitung. "Faksimileausgabe der beiden gesuchten Werke von J. Lechler 'Vom Hakenkreuz. Die Geschichte eines Symbols' und W. Scheuermann 'Woher kommt das Hakenkreuz' aus den Jahrer 1921/1933. Verlag Roland Faksimile, Bremen 2001 (104 S.)
  3. Lechler, Jörg: [Dorfgeschichte Ostprignitz] In: Mannus: Zeitschrift für Vorgeschichte, C. Kabitzsch (A. Stuber's Verlag), 1923, S. 36 (GB)
  4. Lechler, Jörg: Der Paläontologe. In: Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe 7/1925, S. 23f
  5. Lechler, Jörg: Enis Errettung - Eine lehrhafte und doch gruselige Geschichte aus der Steinzeit Mitteldeutschlands. In: Mitteilungen des Heimat- und Museumsvereins in Heiligengrabe 9/1926, S. 1ff
  6. Lechler, Jörg: Das Gräberfeld auf dem Sehringsberge bei Helmsdorf. Verlag Curt Kabitzsch, Leipzig  1927 (66 S.) (Google Bücher)
  7. Kossinna, Gustaf: Altgermanische Kulturhöhe. Leipzig EA 1927 (seit der 4. Auflage 1934 mit Bildern versehen von Jörg Lechler)
  8. Lechler, Jörg: Das Heimatfest in Heiligengrabe am 10. Scheiding 1933. Heiligengrabe 1933
  9. Lechler, Jörg: Vor 3000 Jahren. Ein frühgermanisches Kulturbild. Brehm 1934; Volk und Wissen Band 5. Stenger, Erfurt 1939 (31 S.) (Google Bücher)
  10. Gautier, Emile F. und Jörg Lechler (Hrsg.): Geiserich, König der Wandalen. Die Zerstörung einer Legende.  Societäts-Verlag, Frankfurt/Main 1934, 1940 (365 S.)
  11. Lechler, Jörg: Germanische Vorgeschichte. Band 137 der Stoffsammlung für die Arbeit der Albert-Forster-Schule, bzw. für die Schulungsarbeit der Deutschen Angestelltenschaft. Verlag Hauptamt f. Schulung d. Dt. Angestelltenschaft, Albert-Forster-Schule, 1934, 1935 (51 S.)
  12. Lechler, Jörg: Sinn und Weg des Hakenkreuzes. In: Der Schulungsbrief, Dezember 1935 (hrsg. vom  Reichsschulungsamt der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront) (41 S.); engl. unter "Meaning and Path of the Swastika" (o.J.) 
  13. Lechler, Jörg: Ein germanisches Kultfest vor 3000 Jahren. Erläuterung zu dem Anschauungsbilde "Germanische Sonnenwendfeier (Bronzezeit)" (Bilder zur deutschen Vorgeschichte Nr. 8) Wachsmuth, 1935 (21 S.)
  14. Lechler, Jörg: "Heil!", in: Der Schulungsbrief, hrsg. v. Reichsschulungsamt der NSDAP und der Deutschen Arbeitsfront, Berlin, April 1936, 3. Jg., 4. F., S. 129
  15. Andree, Julius; Weinert, Hans; Lechler, Jörg: Das Werden der Menschheit und die Anfänge der Kultur. Mit 348 Textbildern und 7 Beilagen. Deutsches Verlagshaus Bong & Co.,  Berlin/Leipzig,  [1936] (404 S.)
  16. Lechler, Jörg: 5000 Jahre Deutschland. Eine Führung in 700 Bildern durch die deutsche Vorzeit und germanische Kultur. Verlag C. Kabitzsch 1937 (217 S.) (Google Bücher);  Faks. d. Ausg. v. 1937 mit dem Untertitel "Germanisches Leben in 700 Bildern" im Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, 3. Aufl. 1983 (Amaz.)
  17. Lechler, Jörg: Die Entdecker Amerikas vor Columbus. Mit einem Beitrag von Edward F. Gray, Genralkonsul a. D.. Verlag Curt Kabitzsch, Leipzig 1939 (118 S.); Faksimile-Verlag / Bremen 1992 (= Forschungsreihe Historische Faksimiles)
  18. Bading, Ingo: Nur bruchstückhaft bekannt - Aufsätze Mathilde Ludendorffs vor 1927. Studiengruppe Naturalismus, 10.6.2012, https://studiengruppe.blogspot .com/2012/06/die-nur-bruchstuckhaft-bekannten.html
  19. von Kemnitz, Mathilde: Das Hakenkreuz. In: Der Weltkampf. Monatsschrift für die Judenfrage aller Länder, 1. Jg., Folge 5, Oktober 1924 (Hrsg. von Alfred Rosenberg), S. 25 - 29 (Scribd)
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