Dienstag, 23. November 2021

Genetische Risiko-Veranlagung für Covid 19 - In Indien

Meine Gene, Teil 12

Jüngst wurde wieder einmal über einen neu entdeckten, angeborenen Häufigkeitsunterschied für Krankheitsverläufe bei Menschen unterschiedlicher geographischer Herkunftsräume berichtet (1-3). Diesmal geht es um Covid19. Träger einer bestimmten Variante eines bestimmten Haplotyps (SNPedia) haben unter 60 Jahren ein doppelt so hohes Risiko, an Covid19 zu sterben als Träger einer anderen Variante desselben (1-3).

Symbolbild: Intensivstation (hier in Sao Paolo) (Wiki)

Da möchte man ja eigentlich gleich in seinem eigenen Gen-Datensatz und in denen seiner Angehörigen schauen, mit welchem Risiko man da bei jedem einzelnen zu rechnen haben könnte.*)

Aber leider finden wir dieses SNP ("rs17713054") weder in den uns verfügbaren familiären Gen-Datensätzen bei 23andme, noch in den uns verfügbaren Datensätzen, die von MyHeritage sequenziert wurden. Die große, allseits gelobte und propagierte Internetseite von 23andme, die ja immerhin seit Herbst letzten Jahres Zeit dafür gehabt hat, bringt uns zu dem Suchwort "rs17713054" gar kein Ergebnis. Wieder einmal ein Hinweis darauf, daß die Qualität der Dienstleistungen dieser - sicherlich nicht unnützlichen Firma - doch auch leicht überschätzt werden können.

Immerhin geben viele Nutzer auf der Graswurzel-Seite OpenSNP die für sie sequenzierten Basen bei diesem SNP an (4). Die meisten dortigen Nutzer sind - unserer Erfahrung nach - europäischer Herkunft. Und die von uns dort in schnellem Überblick ausgewertete Zufalls-Stichprobe ergibt 16 Nutzer mit der harmlosen Variante GG, vier Nutzer mit der Risiko-Variante AG und einen Nutzer mit der Risiko-Variante AA (4).

Abb.: Weltweite Häufigkeitsverteilung der angeborenen Risikovariante für Covid19 ("rs17713054") (aus 1)

Der Begründer der Archäogenetik, Svaante Pääbo vom Max Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig, war es, der vor einem Jahr auf dieses SNP erstmals in einer Nature-Studie hingewiesen hat (1). Er, der das Genom der Neandertaler einstmals sequenziert hat, führt aus, daß wir die ursprüngliche Version (AA) und zugleich Risiko-Variante vom Neandertaler geerbt haben. Und er führt dann weiter aus (1):

Der ursprüngliche Neandertaler-Haplotyp tritt in Südasien mit einer Allel-Häufigkeit von 30 %, in Europa mit einer Allel-Häufigkeit von 8 %, unter gemischten Amerikanern mit einer Allel-Häufigkeit von 4 % und in noch geringerer Allel-Häufigkeit in Ostasien auf. ... 50 % der Menschen in Südasien tragen mindestens eine Kopie des Risikohaplotyps, während 16 % der Menschen in Europa und 9 % der vermischten Amerikaner mindestens eine Kopie des Risikohplotyps tragen. Die höchste Häufigkeit tritt in Bangladesch auf, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung mindestens eine Kopie des Neanderthaler-Risikohaplotyps aufwiest und wo 13 % für diesen Haplotypen homozygot sind.
The Neanderthal core haplotype occurs in south Asia at an allele frequency of 30%, in Europe at an allele frequency of 8%, among admixed Americans with an allele frequency of 4% and at lower allele frequencies in east Asia (Fig. 3). In terms of carrier frequencies, we find that 50% of people in South Asia carry at least one copy of the risk haplotype, whereas 16% of people in Europe and 9% of admixed American individuals carry at least one copy of the risk haplotype. The highest carrier frequency occurs in Bangladesh, where more than half the population (63%) carries at least one copy of the Neanderthal risk haplotype and 13% is homozygous for the haplotype.

Natürlich stellt sich natürlich die Frage, warum dieser Haplotyp für den Neanderthaler vorteilhaft war, aber weder für seine parallel lebenden Zeitgenossen in Afrika, noch für den zeitgleichen Denisova-Menschen in Asien. Pääbo und Koautor schreiben dazu (1):

Es ist bemerkenswert, daß dieser Neanderthaler-Risikohaplotyp mit einer Häufigkeit von 30 % in Südasien vorkommt, während er in Ostasien so gut wie gar nicht vorkommt. Dieser große Unterschied in den Allel-Häufigkeiten zwischen Süd- und Ostasien ist ungewöhnlich und legt nahe, daß er in der Vergangenheit einer Selektion unterworfen war. Tatsächlich haben frühere Studien nahegelegt, daß der Neanderthaler-Haplotyp in Bangladesch positiv selektiert worden ist. Zur Zeit können wir über die Gründe nur spekulieren - eine Möglichkeit ist Schutz gegen anderen Krankheitserreger.
It is notable that the Neanderthal risk haplotype occurs at a frequency of 30% in south Asia whereas it is almost absent in east Asia (Fig. 3). This extent of difference in allele frequencies between south and east Asia is unusual (P = 0.006, Extended Data Fig. 5) and indicates that it may have been affected by selection in the past. Indeed, previous studies have suggested that the Neanderthal haplotype has been positively selected in Bangladesh. At this point, we can only speculate about the reason for this—one possibility is protection against other pathogens.

Es könnte auch sein, daß es in der Vergangenheit in Ostasien Selektionsfaktoren gegeben hat, aufgrund deren diese Risikovariante dort bis heute nicht überlebt hat, schreibt Pääbo.

Auffällig ist auch, daß diese Risikovariante heute in Südostasien ähnlich häufig verbreitet ist wie in Indien, obwohl dort doch die Menschen ansonste eher Denosva-Herkunftsanteile in sich tragen, keine Neandertaler-Herkunftsanteile.

Es könnte sich auch die Frage stellen, ob es nicht noch mehr solcher angeborenen Risikovarianten für Covid 19 gibt weltweit. Aber es scheint sicher zu sein, daß die hier behandelte Variante für die größten angeborenen Unterschiede weltweit verantwortlich ist diesbezüglich.

Wichtig ist uns zunächst einmal auch: Menschen afrikanischer Herkunft, die sonst bezüglich von Krankheiten eher häufiger Risiko-Varianten in sich tragen, wären in diesem Fall nicht von der Humanevolution benachteiligt worden.

Also noch einmal: Dieser Haplotyp fand sich in Neandertalern aus Kroatien, er fand sich nicht bei Denisova-Menschen in Asien (1).

Eigentlich sollte man doch jetzt seine Gene auf diese Risiko-Variante nach-sequenzieren können. Dem Bloginhaber ist vorderhand nicht bekannt, ob das irgendeine Firma anbietet. MyHeritage und 23andme hatten diese Variante ja bisher nicht auf dem Schirm.

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*) Aus diesem Grund gehört dieser Blogartikel in die von uns im Jahr 2011 hier auf dem Blog begonnene Blogartikel-Serie "Meine Gene". Der letzte dazu erschienene Blog-Artikel war Teil 11. Er ist im Oktober 2019 erschienen (10/2019). 

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  1. Zeberg/Pääbo, Svaante: The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neanderthals, Nature, 30.9.2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2818-3 
  2. Identification of LZTFL1 as a candidate effector gene at a COVID-19 risk locus, Nature Genetics, 4. November 2021, https://www.nature.com/articles/s41588-021-00955-3
  3. Podbregar, Nadine: Covid-19: Risiko-Genvariante erhöht Sterberisiko 15. November 2021, https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/covid-19-risiko-genvariante-erhoeht-sterberisiko/
  4. https://opensnp.org/snps/rs17713054

Freitag, 19. November 2021

Die Indogermanen kommen nach Spanien (2.350 bis 2.200 v. Ztr.)

Eine neue archäogenetische Studie

Zu Spanien ist eine neue archäogenetische Studie von Archäogenetikern und Archäologen rund um Wolfang Haack und Roberto Risch erschienen (1). Koautoren sind - unter vielen anderen - Johannes Krause und David Reich. Der archäologische Teil ist sehr deutlich inspiriert von dem deutschen Archäologen Roberto Risch, von dem und dessen Forschungen man sich ein sehr gutes Bild machen kann in einem Interview, das der Archäologe Harald Meller letztes Jahr mit ihm geführt hat (2). Es dürfte zur Einführung in die Thematik dieses Blogartikels außerordentlich gut geeignet sein, weil Roberto Risch darin wirklich für seine Forschungen begeistern kann.

Abb. 1: Der Goldschatz von Villena, um 1000 v. Ztr. (Wiki) - Er wurde zwar im Gebiet der vorhergehenden El Argar-Kultur gefunden, gehört allerdings schon in die Zeit nach dem Ende derselben. Spannend ist, daß er ein Pendant findet im zeitgleichen Eberswalder Goldschatz der Lausitzer Kultur in Brandenburg

Im archäologischen Textteil der Studie wird der Forschungsstand zur Archäologie Spaniens vor und nach Beginn der Bronzezeit sehr treffend kurz und knapp auf den Punkt gebracht (1). Man spürt aus dem Text heraus den Geist von Roberto Risch. Wir referieren in freier Übersetzung:

3.300 bis 2.800 v. Ztr. erlebt die südliche Hälfte der iberischen Halbinsel ein exzeptionelles demographisches Wachstum. Eine Vielfalt an monumentalen Siedlungen und Grabanlagen entsteht, Kupfermetallurgie ist weit verbreitet, die Herstellung und der Austausch einer Vielzahl ausgefeilter symbolischer Güter kennzeichnet diese Zeit (also Schmuck und Prestigegüter). Diese Zeit ist charakterisiert durch eine große Vielfalt an Siedlungstypen, wobei befestigte Siedlungen ebenso auftreten wie solche, die durch Gräben umschlossen sind, sogenannte "Megasites". Von diesen hatten einige 100 Hektar Fläche überschritten. Sie alle waren dem Glockenbecher-Horizont in Spanien zeitlich voraus gegangen (1).*) Auch Fernhandel, zum Beispiel mit Afrika ist betrieben worden.

Wir erinnern uns, daß wir uns hier auf dem Blog im August mit der zeitgleichen Kultur der Patron-Händler-Elite der Monte Claro-Keramik auf Sardinien beschäftigt haben (3). Von dieser könnte man sich sicherlich gut vorstellen, daß sie im Austausch stand mit diesen prosperierenden "Megasites" auf der iberischen Halbinsel. Womöglich wären vielerlei religiöse Vorstellungen, Ordnungsstrukturen des Gemeinwesens auf der iberischen Halbinsel und auf Sardinien jener Zeit miteinander in Parallele zu setzen, wodurch beide kulturelle Räume Licht aufeinander werfen können. Wir haben es noch mit zum Teil sehr archaischen religiösen Vorstellungen und Kulten zu tun.

Abb. 2: Das Golddiadem von Caravaca, 1500 v. Ztr. - Aus der Endzeit der El Argar-Kultur (Wiki)

Ab 2.300 v. Ztr., so hatten wir ausgeführt, war die Glockenbecher-Kultur auf Sardinien für die dortige einheimische Monte-Claro-Elite außerordentlich desaströs aufgetreten (3). Die vormalige Elite wurde in abgelegene Rückzugsorte in die Berge vertrieben, verschanzte sich dort hinter Zyklopenmauern und läßt archäologisch verschiedene Stadien der Verelendung erkennen (3). All das geschah dort allerdings, ohne daß die Träger der Glockenbecher-Kultur zugleich auch ihre Steppen-Genetik schon zu jenem Zeitpunkt auf der Insel Sardinien hinterlassen hätte (3). Womöglich kamen sie also zunächst nur als Verbündete der einheimischen Aufständischen nach Sardinien und diese Aufständischen glichen sich kulturell an die Glockenbecher-Kultur an. Aber der Großteil der Krieger der Glockenbecher-Kultur könnte nach dem Sturz der vormaligen Elite auf Sardinien das Land dann auch wieder - vielleicht gemäß zuvor geschlossener Verträge - verlassen zu haben (3).

Ganz anders nun das Geschehen auf der iberischen Halbinsel, das ungefähr zeitgleich vor sich gegangen sein könnte. Die ältesten Individuen mit Steppengenetik können dort auf 2.200 v. Ztr. eingegrenzt werden (1). Da die Einmischung aber schon früher geschehen sein muß, gehen die Forscher von einem Einmischungszeitraum von 2.350 bis 2.200 v. Ztr. aus (1).

Populationsaustausch

Das Geschehen auf der iberischen Halbinsel ist also klar nicht nur durch einen kulturellen Wandel, sondern auch durch einen Populationsaustausch gekennzeichnet. Dieser war schon in früheren Studien festgestellt worden (4, 5) und bestätigt sich in dieser neuen (1). Er zeigt sich in der Omnipräsenz von Steppen-Herkunft in allen Individuen nach 2.200 v. Ztr. (1).**) Die Männer der iberischen Halbinsel tragen ab diesem Zeitpunkt alle den Y-chromosomalen Haplotypen R1b-P312.

Hier kann also ähnliches geschehen sein wie auf Sardinien. Die vormaligen Bevölkerungen wurden erschlagen, insbesondere die Männer. Oder sie wurden in Rückzugsräume vertrieben, wo sie verelendeten und bald keinen Nachwuchs mehr hinterlassen konnten. Die gefangen genommenen Frauen wurden sicherlich - wie auch sonst üblich - als Zweit- und Drittfrauen unter den siegreichen indogermanischen Kriegern verteilt. Aus den Kindern dieser Beziehungen entstanden die neuen Stämme und Völker auf der iberischen Halbinsel.

Mit diesem Bevölkerungsaustausch ist auf der iberischen Halbinsel der Niedergang von "Megasites" wie Los Millares verbunden (1). Gleichzeitig entstehen im Südosten der Halbinsel Höhenburgen sehr viel kleinerer Größe (weniger als 1,5 Hektar) (1). Und parallel zur Mittelmeer-Küste entsteht dort in dieser Zeit - aus einer Kernregion heraus - die El-Argar-Kultur (Wiki) (1). Typische Glockenbecher-Keramik fehlt in dieser. Manche (späteren) kulturelle Züge derselben weisen auf Einflüsse aus dem Nahen Osten (!), andere kulturelle Züge weisen auf Einflüsse aus Europa nördlich der Pyrenäen. Die Forscher fassen zusammen (1):

Bemerkenswerterweise geht dem Hereinkommen einer neuen genetischen Herkunft nicht in allen Regionen der Halbinsel derselbe soziale Wandel parallel. (...) Darin zeigt sich, daß das Hereinkommen von Steppen-Herkunft in die Halbinsel ein längere Zeiten überdauernder Prozeß war, der um 2.400 v. Ztr. in den nördlichen und mittleren Regionen begann, von wo sich die Steppen-Herkunft dann über 300 Jahre hinweg südwärts ausbreitete.
Notably, the arrival of new genetic ancestry is not paralleled by the same social changes in all regions of Iberia. (...) This shows that while the genetic contribution of steppe-related ancestry to Iberia was a long-term process starting around 2400 cal BCE in the northern and central regions, from where it spread southward over ~300 years.

Die vorbronzezeitlichen Bevölkerungen Südspaniens waren noch durch eine kleine "Goyet-Herkunftskomponente" gekennzeichnet. Auf diese waren wir auch schon mehrmals hier auf dem Blog zu sprechen gekommen (6, 7). Sie stammte von nacheiszeitlichen mesolithischen Jägern und Sammlern, die in Spanien vor dem Neolithikum einheimisch waren, und die in der Eiszeit einstmals die große europäische Magdalenien-Kultur gestellt hatte. Diese Herkunftskomponente hatte sich in Südspanien in kleinen Anteilen bis zur Kupferzeit gehalten, verschwindet nun aber mit Beginn der Bronzezeit in Südspanien vollständig. Daraus schlußfolgern die Forscher, daß es in Südspanien einen umfangreicheren Bevölkerungsaustausch gegeben haben wird als in Nordspanien. Sie vermuten, daß die Misch-Bevölkerungen, die sich im nördlichen und mittleren Spanien durch das Hereinkommen der Steppen-Genetik gebildet hatten, die Bevölkerungen in Südspanien völlig ersetzt haben (1).

Die iranisch-neolithische Herkunftskomponente

In aufwendigen Modellierungen beschäftigen sich die Forscher mit einer außerdem feststellbaren kleinen iranisch-neolithischen Herkunftskomponente in der bronzezeitlichen El Argar-Bevölkerung (1). Diese könnte sich entweder in kleineren Anteilen über den Mittelmeerraum während der vorbronzezeitlichen Kupferzeit bis in die südspanische Bevölkerung ausgebreitet haben. Das würde ja, so möchten wir meinen, auch gut zu jener internationalen Händler-Elite auf Sardinien passen, die ja ebenfalls ihre Herkunft - scheinbar - nicht in Sardinien selbst gehabt zu haben scheint, und die Handelskontakte zum östlichen Mittelmeerraum aufrecht erhielt (2). Wie die Ausbreitung der iranisch-neolithischen Genetik im Mittelmeer-Raum (über die minoische Kultur auf Kreta hinweg) während der Kupferzeit konkreter zustande gekommen ist, wird sicherlich überhaupt künftig noch genauer zu klären sein. Darüber hat es ja hier auf dem Blog auch schon manche Mutmaßungen gegeben.

Weiterhin besteht aber auch die Möglichkeit, daß die Glockenbecher-Leute, die die El Argar-Kultur begründeten, diesen iranisch-neolithischen Herkunftsanteil von den Inseln des Mittelmeeres (Sardinien, Mallorca oder Menorca) nach Spanien mitgebracht haben können. Zwischen diesen beiden Alternativen kann in dieser Studie noch nicht endgültig entschieden werden (1).

Erstaunlicherweise stellt die Studie fest, daß es trotz des umfangreichen genetischen Austausches beim Übergang zur Bronzezeit keine nennenswerten Häufigkeitsverschiebungen im Phänotyp gegeben habe, also unter anderem in der Haut-, Haar- und Augenfarbe (1). 

Wie unseren früheren Beiträgen zu Spanien zu entnehmen ist, war diese erste indogermanische Zuwanderung am Beginn der Bronzezeit keineswegs der letzte genetische Umbruch in Spanien (4). Wie dem genannten Interview entnommen werden kann, können manche Grabinhalte des Fürstengrabes von Leubingen in Sachsen-Anhalt mit Funden der El Argar-Kultur in Spanien in Parallele gesetzt werden (2), so daß auch aus solchen Parallelen heraus ein besseres Verständnis der gesamteuropäischen Zusammenhänge jener Zeit möglich werden könnte.

Mindestens zwei mal haben sich große Völkerschaften aus dem mitteleuropäischen Raum heraus gen Südwesten auf den Weg gemacht und haben dann weite Teile Spaniens erobert. Erst die Glockenbecher-Kultur und dann die Kelten. Was für ein aufregendes Geschehen in Zeiten, aus denen uns keinerlei Schriftdokumente über dieses Geschehen Kunde geben können. Eines Geschehens indes, dessen Umrisse jetzt nach und nach immer besser erkennbar werden.

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*) Original (1): "Signs of social and economic turnover are particularly marked in the southern half of the Iberian Peninsula (8), where the CA is associated with exceptional demographic growth, a diversity of monumental settlements and funerary structures, widespread copper metallurgy, and a sophisticated, large-scale manufacture and exchange of symbolic goods, among others [e.g., (9, 10)]. Moreover, this period is characterized by a diversity of settlement types, including fortified sites, ditched enclosures, and so-called megasites, some of which exceeded 100 ha in size (e.g., Valencina de la Concepción and Marroquíes Bajos) and all of which were formed at around 3300 to 2800 BCE, therefore predating the Bell Beaker horizon."
**) (1): "The beginning of the Bronze Age [Early Bronze Age (EBA)] in Iberia (2200 to 1550 cal BCE) marks a clear population turnover, suggested by both the omnipresence of steppe-related ancestry in all individuals directly postdating 2200 BCE." 

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  1. Genomic transformation and social organization during the Copper Age–Bronze Age transition in southern Iberia. Vanessa Villalba-Mouco, Camila Oliart, Cristina Rihuete-Herrada, .... Iñigo Olalde, .... David Reich, Johannes Krause, ... Roberto Risch and Wolfgang Haak, Science Advances, 17 Nov 2021, Vol 7, Issue 47, DOI: 10.1126/sciadv.abi7038, https://www.science.org/doi/10.1126/sciadv.abi7038
  2. Harald Meller trifft Roberto Risch - Neue Forschungen zur europäischen Frühbronzezeit. Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, 21.12.2020, https://youtu.be/rhaqmH8Caq0.
  3. Bading, Ingo: Rebellen und Könige - Die Indogermanen, 8/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/08/indogermane-sein-heit-revoluzzer-sein.html
  4. Bading, Ingo: 3/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/spaniens-vorgeschichte-neue.html
  5. Bading, Ingo: 10, 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/10/die-einheimischen-manner-des.html
  6. Bading, Ingo: Völkergeschichte des europäischen Mittelneolithikums - Sie wird komplexer, 6/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/06/volkergeschichte-des-europaischen.html
  7. Bading, Ingo: 6/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/06/die-ursprungsvolker-europas.html

Mittwoch, 17. November 2021

Tiere betreiben "Social Distancing"

Selbstloser Dienst am Gemeinwohl
- Neue Erkenntnisse zur Immun-Gruppenpsychologie

Schon bei Ameisen und bei vielen anderen Tierarten ziehen sich einzelne erkrankte Tiere aus der Gemeinschaft zurück. Die Gemeinschaft grenzt sich nach außen ab, weil in anderen Gemeinschaften andere Krankheitskeime vorherrschen als in der eigenen. Gemeinschaften jedoch, die sich zu sehr abgrenzen, können sich gegebenenfalls nicht schnell genug an neue Krankheitskeime anpassen und sterben massenhaft dahin. Das bekannteste Beispiel ist Mittelamerika im 16. Jahrhundert.

Aber ein solches Geschehen kann es natürlich auch zu anderen Zeiten in der Weltgeschichte gegeben haben. Manche Archäogenetiker schreiben der Pest im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Indogermanen eine solche Rolle zu. Auf jeden Fall gibt es eine Risikovariante dafür, an Covid 19 zu sterben (SNPedia). Die Hälfte aller Inder besitzt sie, in Ostasien aber gibt es diese Risikovariante aber kaum und bei Menschen europäischer Herkunft nur zu etwa 8 Prozent (6-9). Das könnte daran liegen, daß diese Risikovariante (die nur vom Neandertaler stammt - nicht vom Denisova-Menschen, nicht vom anatomisch modernen Menschen aus Afrika) schon in früheren Epidemien in Asien und z.T. in Europa "ausgerottet" worden ist.

Durch solches Geschehen, bzw. in Auseinandersetzung mit solchem Geschehen sind im Tierreich schon früh Verhaltensinstinkte evoluiert worden. Über einen neuen Artikel in der Zeitschrift "Science" (1) wird in "Bild der Wissenschaft", bzw. "Natur" berichtet (2):

Wie Tiere auf Distanz gehen - Social Distancing in der Natur - Anhand von Beispielen zeigen Forscher auf, wie verbreitet die verschiedenen Formen des Social Distancings bei Tieren sind und welche Parallelen sowie Unterschiede es dabei zum menschlichen Verhalten gibt. Welche Formen des Abstandhaltens es gibt..

Damit wird auf ein Thema aufmerksam gemacht, das wir hier auf dem Blog schon vor 13 Jahren aufgegriffen hatten (3, 4), und an das wir uns durch diesen Artikel wieder erinnern. Nämlich daß die Gruppenpsychologie des Menschen und sein sonstiges Verhalten mitgeleitet sind von der Gefahr von sich ausbreitenden Krankheiten.

Mandrill (Wiki)

Ein erster Hinweis dafür ist, daß schwangere Frauen, geleitet durch das Vertrauenshormon Oxytocin auf "Fremde", "fremdartige Menschen" stärker reagieren als wenn sie nicht schwanger sind. Menschen aus fernen Ländern können Träger von Krankheitskeimen sein, an die die Körper einheimischer Menschen nicht angepaßt sind. Und schwangere Frauen sind diesbezüglich noch einmal besonders gefährdet.

Es ist naheliegend, daß die Gruppenpsychologie schon seit Jahrtausenden darauf - unbewußt oder bewußter - selektiert worden ist und reagiert, unter anderem auch mit Ethnozentrismus, mit Bezogenheit auf die eigene Gruppe und mit Abgrenzung von anderen Gruppen, also mit: "Social Distancing". Wir lesen (1):

Mandrills (eine in Gruppen lebende Halbaffen-Art) gehen strategisch mit ihrem Distanzierungsverhalten um: Sie meiden kranke Artgenossen, doch sie erhöhen manchmal ihr Infektionsrisiko, indem sie sich weiterhin um infizierte Verwandte kümmern.
Es wird ausgeführt, daß sich nicht nur Menschen, sondern auch kranke Tiere - zum Beispiel Fledermäuse - aus dem sozialen Umfeld zurückziehen, wenn sie krank werden. Gerade sozial lebende Tiere, insbesondere in komplexen Gesellschaften scheinen hier besonders eindrucksvolle Abwehr-Mechanismen ausgebildet zu haben (2):

Eine Parallele dazu ist von Ameisen bekannt: Bei manchen Arten verlassen kranke Individuen gezielt die Gemeinschaft. Diese Reaktionen betrachten die Forscher als einen selbstlosen Dienst für das Gemeinwohl: Die aktive Selbstisolation schützt den Rest der Kolonie vor einer Ansteckung. Bei Bienen ist hingegen ein Beispiel für den Fall dokumentiert, bei dem die gesunden Individuen gezielt für Distanz zu den Kranken sorgen, um die Gemeinschaft zu schützen. Durch bestimmte Anzeichen können die Insekten manche Erkrankungen bei ihren Stockgenossen erkennen und reagieren dann recht rabiat: Die Infizierten werden aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

 / Entwurf: 10.3.21 /

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  1. Infectious diseases and social distancing in nature | Science (sciencemag.org)Sebastian Stockmaier, Nathalie Stroeymeyer, Eric C. Shattuck, Dana M. Hawley, Lauren Ancel Meyers, Daniel I. Bolnick, Science Mag., 5.3.2021
  2. Wie Tiere auf Distanz gehen - Social Distancing in der Natur, 8.3.2021, https://www.wissenschaft.de/umwelt-natur/social-distancing-in-der-natur/
  3. Bading, Ingo: Studium generale: Beeinflussen Krankheitsgefahren die Gruppen- und Religionspsychologie? (studgendeutsch.blogspot.com), 5.8.2008
  4. Bading, Ingo: Studium generale: Der „infizierte Volkskörper“, die „kranke Kirche“ (studgendeutsch.blogspot.com), 8.8.2008
  5. Hannes Rusch, Charlotte Störmer: An Evolutionary Perspective on War Heroism, 2015, https://www.militairespectator.nl/thema/ethiek/artikel/evolutionary-perspective-war-heroism
  6. Zeberg/Pääbo, Svaante: The major genetic risk factor for severe COVID-19 is inherited from Neanderthals, Nature, 30.9.2020, https://www.nature.com/articles/s41586-020-2818-3 
  7. Identification of LZTFL1 as a candidate effector gene at a COVID-19 risk locus, Nature Genetics, 4. November 2021, https://www.nature.com/articles/s41588-021-00955-3
  8. Podbregar, Nadine: Covid-19: Risiko-Genvariante erhöht Sterberisiko 15. November 2021, https://www.wissenschaft.de/gesundheit-medizin/covid-19-risiko-genvariante-erhoeht-sterberisiko/
  9. https://opensnp.org/snps/rs17713054 

Montag, 15. November 2021

Die Manschurei - Die Urheimat der Turkvölker, der Japaner und Koreaner

Die Amur-Fluß-Herkunftskomponente

Die Mandschu (Wiki) im Nordosten Chinas (Wiki), genauer gesagt in der Mandschurei (Wiki) waren einst ein stolzes Reitervolk (Abb. 1). Ihre Hauptstadt war Mukden, heute "Shengyang" (Wiki), gelegen am Westlichen Liao-Fluß (Wiki) in der Provinz Liaoning (Wiki, ch). Die Mandschu standen im Bündnis - oder führten Krieg - mit den Mongolen im Westen oder mit den Chinesen im Süden. Sprachlich und kulturell waren sie nicht unbedeutend beeinflußt von den Koreanern im Süden. 

Abb. 1: Ein Mandschu-Offizier der Qing-Armee, spätes 17. Jahrhundert (Wiki)

Ab 1644 eroberten die Mandschu China und übernahmen mit der mandschurischen Qing-Dynastie (Wiki) die dortige Kaiserherrschaft. Sie endete erst 1911. Und als der japanische General Ishiwara Kanji (1889-1949) (Wiki), ein Bewunderer des deutschen Generalstabes und insbesondere des Generals Erich Ludendorffs, 1931 militärisch die Manschurei besetzte und sich hier bemühte, einen "Musterstaat" zu begründen, wurde als Staatsoberhaupt ein letzter Vertreter dieser Qing-Dynastie herbei geholt und eingesetzt. In einer Fernsehdokumentation des Jahres 2012 erhält man einen guten Einblick und Überblick zur bewegten und nicht unbedeutenden Politik rund um die Mandschurei im 20. Jahrhundert (1).

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts war die Quing-Dynastie sehr glanzvoll gewesen und auf der Höhe ihrer Zeit. China blühte wirtschaftlich und kulturell. Mehrere Kaiser dieser Dynastie waren Gelehrte, interessierten sich für Wissenschaft, Astronomie und viele andere Wissensbereiche, ließen - selbst Landfremde - Jesuiten ins Land kommen, um Anschluß zu finden an die geistigen Entwicklungen im Fernen Westen. 

Im Kaiserpalast der Quing-Dynastie in Peking wurde nur bis zum Ende des 17. Jahrhunderts Mandschurisch (Wiki) gesprochen. Ursprünglich hatten sich die Mandschu zwar getrennt halten wollen von den Chinesen, die sie unterworfen hatten. Sie bewohnten dazu zum Beispiel eigene Stadtteile. Dennoch kam es bald zu Mischehen der Mandschu mit Chinesen. Und damit kam es zur Aufgabe der Mandschurischen Sprache. Heute spricht kaum noch einer der zehn Millionen Mandschu in China Mandschurisch. Die zahlenmäßig viel geringeren Mandschu ließen sich kulturell "aufsaugen" von der chinesischen Mehrheitsgesellschaft, an deren kulturellen Reichtum sie Anteil nahmen.

Abb. 2: Felsregion in der Manschurei, gelegen im Bingyu-Tal (Wiki), 300 Kilometer südlich der Hauptstadt Shengyang

Im Juni 2021 waren wir hier auf dem Blog das erste mal auf die These gestoßen, daß die Urheimat der Turkvölker in der Mandschurei gelegen haben könne (2). Die gegenwärtig bedeutendste Vertreterin dieser Theorie ist die belgische Sprachforscherin Martine Robbeets (Wiki). Sie arbeitet am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena unter ihrer bisherigen Direktorin, der kanadischen Archäologin Nicole Boivin (geb. 1970) (Wiki, MPG).

Wirbel am Max Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena

Rund um dieses bislang wissenschaftlich unglaublich produktive Institut gibt es zur Zeit sehr viel Wirbel. Vor wenigen Wochen sind gegen Boivin Vorwürfe öffentlich geworden (3). Als Direktorin ist sie in der Folge deshalb von Seiten der Max Planck-Gesellschft abgesetzt worden, eine Entscheidung, die sie inzwischen angenommen hat (3). Sie wird aber weiter eine eigene Forschungsgruppe am Institut leiten. Die Zukunft des Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena ist derzeit aber ungeklärt, da die beiden anderen Direktoren - aufgrund von Reibereien mit Boivin - schon im letzten Jahr samt ihrer beiden Institute nach Leipzig umgezogen waren (3) und die geplante Neuausrichtung des Instituts durch Boivin durch die letzten Vorgänge in weiteren Teilen hinfällig geworden sein dürfte. Die Zukunft dieses Instituts, an dem in den letzten Jahren einige der aufsehenerregendsten Forschungen weltweit gemacht worden sind, ist derzeit also ungeklärt.

Womöglich ist es sinnvoll, von diesen Hintergründen zu wissen. Denn die neue Studie von Robbeets (4-6), die mit ihrem Erscheinungsort, dem Puplikationsorgan "Nature", ihrer These eine ganz neue Sichtbarkeit verschafft hat, kommt einem nach mancherlei Richtung "unabgeschlossen", "unfertig" vor, fast wie ein "Schnellschuß". Hätte man womöglich zunächst einmal einfach noch mehr Daten sammeln sollen, bevor man die These dieser Arbeit so prominent in "Nature" vertritt? Natürlich muß in Rechnung gestellt werden, daß die Forscher auch unter "Publikationsdruck" stehen. 

Die neue Studie - unabgeschlossen?

Jedenfalls hätte man sich detailliertere Darstellungen in vielen Bereichen gewünscht, insbesondere zur These, daß - aus archäogenetischer Sicht - auch die Urheimat der Turkvölker in der Mandschurei gelegen habe. Dazu werden nämlich offenbar gar keine Ausführungen gebracht (!). Aber dies wäre ja der entscheidenste Teil dieser These. Denn daß die Urheimat der anderen Sprachgruppen (Tungusisch, Koreanisch, Japanisch und Mongolisch) in der Mandschurei gelegen haben kann, ist ja im Grunde nichts weniger als naheliegend. 

Mark Hudson, einer der wichtigsten Mitarbeiter an dieser Studie, geht bezeichnenderweise in seiner Twitter-Zusammenfassung der Studie auf die "großen Thesen" derselben gar nicht ein. Er benennt viel mehr Neuerkenntnisse mehr lokaler Art rund um die Geschichte Japans, die diese Studie mit sich gebracht hat (6). Seine Begeisterung darf man für nachvollziehbar halten. Sie bezieht sich aber nicht auf die große These der Studie selbst. Diese These ist aber immerhin inzwischen auch schon auf Wikipedia verzeichnet (Wiki):

Neuere Theorien (2012) gehen davon aus, daß die Urheimat der Turkvölker in der südwestlichen Mandschurei lag.

Bestechend ist dieser These allemal. Nicht zuletzt auch deshalb, weil eine alternative Urheimat der Turkvölker noch weniger gut begründet werden kann als hier. Aber immerhin dürfte in diesen Themenbereich auch gehören, was ganz neu in die Aufmerksamkeit erst vor wenigen Wochen geriet, daß nämlich die berühmten Tarim-Mumien gar nicht westlicher, indogermanischer genetischer Herkunft zu sein scheinen, sondern einer ganz eigenen, einheimischen, lokalen Herkunftsgruppe anzugehören zu scheinen, die mit der hier auf dem Blog schon öfter angesprochenen westsibirischen Herkunftskomponente in engem Zusammenhang steht (7 - siehe in den Kommentaren). Diese Herkunftsgruppe dürfte immerhin ebenfalls viel mit der Frühgeschichte der Turkvölker zu tun gehabt haben. Aber genau diesbezüglich ist für uns vieles noch ungeklärt, was auch in der neuen Studie gar nicht behandelt wird. 

In unserem Artikel vom Juni nannten wir ja schon die weiten Regionen, über die hinweg sich die Turkvölker ausgebreitet haben von ihrer Urheimat am Westlichen Liao-Fluß ausgehend (G-Maps).

Daß nun aber das Amur-Gebiet und die Mandschurei schon sehr früh Innovationszentren waren, wird bezeugt durch den Umstand, daß hier die älteste Keramik der Menschheit gefunden wurde (8) (nach derzeitigem Forschungsstand) (Wiki): 

Die ältesten Tongefäße der Welt stammen aus dem östlichen Sibirien, dem Amur-Gebiet und sind durch Beschleuniger-Daten der vegetabilen Magerung auf 15.000 BP datiert. Keramikgefäße sind auch aus der mesolithischen Jomon-Kultur Japans nachgewiesen und datieren um 13.000 v. Chr.. Die Kenntnis der Töpferei verbreitete sich durch Wildbeuter-Kulturen weiter nach Korea sowie in die Mandschurei, ohne daß dies mit einer neolithischen Wirtschaftsweise einherging.

Die Technik der Keramikherstellung scheint sich hier ausgebreitet zu haben und von hier aus auch bis zur Ostsee (8), ohne daß sich mit dieser Technik zugleich eine bestimmte genetische Herkunftsgruppe mit ausgebreitet hätte (nach derzeitigem Forschungsstand).

Wir haben uns hier auf dem Blog im letzten Jahr schon in verschiedenen Beiträgen zu den Herkunftsgruppen der Chinesen, Japaner, Koreaner und Mongolen Gedanken gemacht (9-11). Wir lernten dabei wohl schon, daß man keine der behandelten Studien als allzu abschließenden Forschungsstand erachten sollte. Dazu sind ihre Angaben untereinander noch - zumindest äußerlich - zu widersprüchlich und dazu ist die Zahl der in Ostasien sequenzierten Menschenfunde immer noch zu klein - zumindest im Vergleich zu der in Europa.

Die Honshan-Kultur (4.700 bis 2.900 v. Ztr.)

Immer wieder ging es in den Studien aber auch um die besondere Rolle der vorgeschichtlichen Völkerschaften, die im Neolithikum und in der Bronzezeit am Westlichen Liao-Fluß, also in der Mandschurei lebten (9-11). Sehr früh breitete sich die (chinesische) Herkunftsgruppe vom Gelben Fluß in kleineren Anteilen (sprich: nicht unvermischt) sogar bis zum Amur-Fluß aus. Deshalb scheinen die Völkerschaften der Mandschurei im Neolithikum und in der Bronzezeit immer Mischvölker zu sein der Amur-Herkunftsgruppe mit der Herkunftsgruppe vom Gelben Fluß - zu jeweils unterschiedlichen Anteilen. Dieser Umstand scheint sich durch die ganze Geschichte seit Beginn der Seßhaftigkeit in dieser Region zu ziehen. Mal überwiegt die nördliche Herkunftsgruppe genetisch in der Mandschurei, mal die südliche.

Abb. 3: Jade-Kunst der Hongshan-Kultur (12)

Die große und bedeutende mittelneolithische Kultur in der Mandschurei ist die Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) (Wiki). Sie weist eine erstaunliche kulturelle Kontinuität von 2000 Jahren auf. In ihrer fast "überaffektierten" Kunst, etwa in ihren Jade-Objekten (Bilder), mutet sie fast schon wie eine exzentrische Spätphase einer Hochkultur an, der deshalb viel Vorgeschichte vorangegangen sein muß (nämlich im Frühneolithikum). Wie in Europa handelte es sich bei den Kulturen des Mittelneolithikums in der Manschurei und in China um Königreiche mit einem Beamten-Hochadel. Die damaligen Königreiche in China und in der Manschurei standen schon im Mittelneolithikum in einem einem reicheren kulturellen Austausch-Verhältnis miteinander.

Manche archaischen Züge der Hongshan-Kultur könnten sich leichter in Parallele setzen zu dem zeitgleichen Stadium der Kulturentwicklung in Europa. Andere, eher phantastische und exzentrische Züge der Kunst der Hongshan-Kultur wirken aber schon viel "weiter entwickelt" als die zeitgleiche Kunst in Europa. Auch beispielsweise exzentrische Tier-Mensch-Figuren, schwangere Frauen, kopulierende Menschenpaare sind keine seltenen Themen der Jade-Kunst der Hongshan-Kultur (12, 13). Bei ihnen denkt man eher an Hochkulturen wie die zeitgleichen im Vorderen Orient (Uruk, Ägypten etc.) oder den späteren Hochkulturen im Mittleren Amerika.

Der eindrucksvolle Kopfschmuck der Könige mittelneolithischer Kulturen weltweit

Vergleiche der Hongshan-Kultur mit anderen vorgeschichtlichen, komplexen Gesellschaften (Königreichen) - etwa in Amerika - sind schon 2006 in einer Studie gemacht worden. Dabei ist insbesondere auch die eindrucksvolle Tempel- und Grab-Anlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (Wiki) ausgewertet worden (14). Dort ist an zentraler Stelle ein König begraben worden, der einen eindrucksvollen Kopfschmuck getragen hat (14). Fast drängt es sich bei einem solchen Kopfschmuck auf, ihn in Parallele zu setzen zu dem Kopfschmuck indogermanischen Kriegergräber aus der Zeit um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga, in Giurgiulești in Moldavien und in Warna Rumänien (15). Und bei solchen Parallelen möchte man ja fast einmal einen Beitrag schreiben über solch eindruckvollen Kopfschmuck als Kennzeichen einer bestimmten Phase der Kulturentwicklung der Menschheit in verschiedenen Teilen der Erde.

Schließlich kennen wir solch eindruckvollen Kopfschmuck ja auch aus traditionellen Fürstentümern in Indonesien und in ganz Süd- und Südostasien. Der Mensch hat sich die exzentrischsten Formen von Kopfschmuck im Verlauf seiner Kulturgeschichte ausgedacht, um Könige, Fürsten und Anführer innerhalb der Gemeinschaft als besondere Personen hervor zu heben.

Abb. 4: Der Anführer des Naga-Stammes der Konyak, 2011 mit dem traditionellen Kopfschmuck aus Wildschweinz-Zähnen (Wiki) - Ähnlich darf man sie die Anführer und Könige im Mittelneolithikum auch in Europa und sonst in Asien vorstellen

Ein Beispiel hierfür wäre etwa der Stamm der Nias (Wiki) auf der Insel Nias (Wiki) in Indonesien. Hierbei handelt es sich um ein Volk offenbar austronesischer Abstammung, also ursprünglich von Taiwan herstammend. Sie stellten ja auch - wie im Mittelneolithikum in Europa üblich - große Steine als Andenken an verstorbene Anführer auf (St. gen. 12/2019) und gleichen auch in vielem sonst den Kulturen des Mittelneolithikums in vielen Teilen der Welt. Von ihnen wird gesagt, sie wären "Kopfjäger" gewesen. Vermutlich darf man sich aber bei dieser Bezeichnung nicht gar so "Wildes" vorstellen. Sondern man sollte sich einfach einmal klar machen, daß auch unsere germanischen und keltischen Vorfahren - bekanntermaßen - "Kopfjäger" waren. Auch die Römer waren dies - wie man noch auf der Trajansäule in Rom besichtigen kann. Stolz wurden - wie dort dargestellt - den römischen Feldherren die Köpfe getöteter feindlicher Krieger während und nach der Schlacht präsentiert. Mit "Kopfjäger" etwas gar zu "Primitives" zu verbinden, führt also vermutlich eher in die Irre. Schon 2007 haben wir uns hier auf dem Blog mit den Naga, Kopfjägern im Nordosten Indiens beschäftigt (16).

Die stolzen Nias sind zwischen 1875 und 1910 unter niederländischer Kolonialherrschaft von dem deutschen Missionar Heinrich Sundermann (1849-1919) (Wiki) "glorreich" - sehr, sehr "glorreich" zum Protestantismus bekehrt worden. Daß ihm seine "glorreiche" Tätigkeit nicht die Seele zerrissen hat, zeugt einmal mehr von der seelischen Abgestumpftheit von Christen im Angesicht traditioneller Kulturen wie sie zweitausend Jahre Christentum weltweit hervor gebracht hat. Die Nias lebten noch Ende des 19. Jahrhunderts in einem ähnlichen kulturellen und beseelten Reichtum wie die Menschen des Mittelneolithikums in Europa und China.

Die Nias gehörten schon im Mittelalter zu indonesischen Königreichen und führten regen Handel mit der umliegenden Inselwelt. Weitere Beispiele für Kopfschmuck, der in Parallele gesetzt werden könnte zu solchen im Mittelneolithkum oder der Bronzezeit findet man durch Bildersuche mit dem Suchwort "headress" in Verbindung mit verschiedenen anderen Suchworten ("traditional", "asia", "prehistory" etc.), bzw. entsprechend auch mit deutschen Suchworten ("Kopfschmuck" etc.). Das könnte Thema eines künftigen Blogbeitrages sein.

Der Hongshan-Kultur wird in der Geschichte Koreas eine große Rolle zugesprochen. Immerhin ist durch sie der Hirse-Anbau nach Korea eingeführt worden. Trotzdem wird von Seiten eines finnischen Korea-Spezialisten in einer Arbeit aus dem Jahr 2020 sehr selbstbewußt diese These als "Pseudohistorie" abgetan (14). Dabei behauptet ja die neue Nature-Studie genau dasselbe und führt neue archäogenetische Belege dafür an (4) (siehe gleich). Jedenfalls wird durch diese Arbeit (14) deutlich, daß die Hongshan-Kultur schon seit den 1980er Jahren für das geschichtliche Selbstverständnis Koreas große Bedeutung hat. Vermutlich mit großem Recht.

Dreitausend Jahre Hirse-Anbau in der Manschurei - Ohne Expansion (7.000 bis 3.500 v. Ztr.)

Werfen wir nun mit diesem Vorwissen und diesen "Vorstudien" einen genaueren Blick in die neue Studie (4). Nach allen Daten, die von dieser zusammen getragen wurden, erfolgte die Domestikation der Rispenhirse ("broomcorn millet") im Tal des Westlichen Liao-Flusses, also in der Mandschurei um 7.000 v. Ztr. (4). Von dort breitete sich der Rispenhirse-Anbau dann aber erst mehr als dreitausend Jahre später (!), wir betonen: mehr als dreitausend Jahre später, nämlich um 3.500 v. Ztr. nach Korea aus. Und um 3.000 v. Ztr., kurz vor Ende der Hongshan-Kultur, breitete er sich auch nach Norden bis zum Amur-Fluß aus (4). Aber die hier genannten dreitausend Jahre sollten auch im Blickwinkel bleiben. Dreitausend Jahre sind eine lange Zeit. Und man fragt sich, warum es in dieser langen Zeit zu keiner Expansion gekommen ist.

Ursprünglich hatten die neolithischen Kulturen der Mandschurei nur den Hund und das Schwein domestiziert. Andere Haustiere besaßen sie am Anfang noch nicht (4). Die hier benannte demographische Ausbreitung nach Südosten und Norden nach 3.500 v. Ztr. ist archäologisch bezeugt durch die mitgeführten ähnlichen Keramikstile, durch ähnliche Steinwerkzeuge, durch ähnliche Hausbau- und Grabbau-Weisen (4).

Nach "Figure 3b" der Studie setzte sich nun die Herkunft der neolithischen Hongshan-Kultur in der Manschurei zusammen aus 60 % Amur-Fluß-Herkunft und 40 % Gelber Fluß-Herkunft. Die Gelbe Fluß-Herkunft breitete sich schon damals bis in die nördliche Mandschurei aus (in Angangxi 20 %) (4). 

In der Bronzezeit spricht man für die Mandschurei dann von der Xiajiadian-Kultur. Diese wird in die Frühe (Untere) (2000 bis 1500 v. Ztr.) (Wiki) und in die Spätere (Obere) Xiajiadian-Kultur (1000 bis 300 v. Ztr.) (Wiki) eingeteilt. Genetisch sehen wir, daß in der Frühen Bronzezeit bis zu 90 % Gelber Fluß-Herkunft in der Mandschurei anzutreffen sind. Das wäre also nach Zusammenbruch der Hongshan-Kultur. In der Späten Bronzezeit wäre sie dann wieder auf 40 % zurück gegangen. Zu dieser Genetik der hier lebenden Rispenhirse-Bauern der Hongshan-Kultur heißt es im Text weiterhin (4):

Wir besitzen zwar keine frühneolithischen Genome vom Westlichen Liao-Fluß. Es ist aber wahrscheinlich, daß die Amur-ähnliche Herkunft das ursprüngliche genetische Profil der eingeborenen vorneolithischen (oder späteiszeitlichen) Jäger und Sammler repräsentiert, die den Baikal, Amur, Primorye, die südöstlichen Steppen und den Westlichen Liao besiedelten, und die in dieser Region zum Ackerbau übergingen. Das widerspricht einer genetischen Studie diesen Jahres, die aus dem Nichtvorhandensein von genetischen Einflüssen vom Gelben Fluß in vorgeschichtlichen Genomen der Mongolei und vom Amur-Fluß glaubte ableiten zu können, daß die Genetik des Westlichen Liao mit der Transeurasischen Sprachfamilie nicht korrelieren würde.
Although we lack Early Neolithic genomes in the West Liao River, Amur-like ancestry thus is likely to represent the original genetic profile of indigenous pre-Neolithic (or late Palaeolithic) hunter-gatherers covering Baikal, Amur, Primorye, the southeastern steppe and West Liao, continuing in the early farmers from this region. This contradicts a recent genetic study, which concludes that the absence of Yellow River influence in ancient genomes from Mongolia and the Amur does not support the West Liao genetic correlate of the Transeurasian language family.

Damit soll gesagt sein: Im Gegensatz zu der anderen Studie traut man auch der Amur-Völkergruppe einen eigenständigen Übergang zum Ackerbau - ohne Einfluß von Seiten des Gelben Flusses zu. Das wäre immerhin nachvollziehbar. Warum das nun aber für wahrscheinlich gehalten wird, darüber wird an dieser Stelle nicht wirklich etwas gesagt. Aber diese Annahme ist natürlich wichtig, wenn man hier die Urheimat so viele ostasiatischer Sprachgruppen lokalisieren will, die nur wenig vom Chinesischen beeinflußt sind. 

Um 3.000 v. Ztr. kommen Indogermanen in diese Region

Über die Ankunft der Rinderwagen und westliche Getreidesorten mit sich führenden Indogermanen ab etwa 3.000 v. Ztr. in diesem Raum wird nun nur in den aller gröbsten, skizzenhaften Strichen das folgende ausgeführt (4):

Die Hauptkomponenten-Analyse zeigt einen allgemeinen Trend dahingehend, daß neolithische Individuen aus der Mongolei zu hohen Graden von der Amur-Herkunftsgruppe abstammen gemeinsam mit einem allmählich anwachsendem Genzufluß aus dem westlichen Eurasien von der Bronzezeit bis zum Mittelalter. Während die turksprachigen Xiongnu, Alt-Uiguren und Türken extrem vermischt ("zerstreut") sind, liegen die Mongolisch-sprachigen, eisenzeitlichen Xianbei der Amur-Herkunftsgruppe näher als dies für die Shiwei, Rouran, Khitan und die mittelmongolischen Khanate zwischen Antike und Mittelalter gilt.
The PCA (Extended Data Figs. 8–10) shows a general trend for Neolithic individuals from Mongolia to contain high Amur-like ancestry with extensive gene flow from western Eurasia increasing from the Bronze to Middle Ages. Whereas the Turkic-speaking Xiongnu, Old Uyghur and Türk are extremely scattered, the Mongolic-speaking Iron Age Xianbei fall closer to the Amur cluster than the Shiwei, Rouran, Khitan and Middle Mongolian Khanate from Antiquity and the Middle Ages.

Das ist das wenige, das zur Ausbreitung der Turkvölker gen Westen in dieser Studie ausgeführt wird. Genauer wird und mit neuen archäogenetischen Daten gefüttert wird die Ausbreitung der Hongshan-Genetik nach Korea beschrieben. Noch um 4.000 v. Ztr. habe es auf Korea nur Jomon-ähnliche genetische Herkunft gegeben, was die Forscher als Hinweis dafür werten, daß die Amur-Herkunftsgruppe die ursprünglichen Sprecher jener Sprache waren, von der auch Koreanisch (und Japanisch) abstammen. Nach Korea breitete sich diese Herkunftsgruppe also nur fünfhundert Jahre vor Ankunft der Indogermanen aus. Hinauf zum Amur-Fluß dann sogar erst während der Ankunft der ersten Indogermanen.

Es drängt sich natürlich überhaupt der Eindruck auf, daß die Indogermanen in diesem Raum in ein - der Tendenz nach - mehr statisches, aus Sicht von Europa womöglich "unbeweglicheres" Völkergefüge gerieten und in dieses allerhand neue Bewegung und Veränderungsbereitschaft hinein gebracht haben könnten. Diese Tendenz insbesondere mag zur Entstehung der Völkergruppe der Turkvölker geführt haben, die sich ja über fast ähnlich weite Strecken verbreitet hat wie die Indogermanen.

Wie die Hongshan-Genetik nach Korea kam (3.500 v. Ztr.)

Über neu sequenzierte Menschenfunde aus Korea, nämlich vier neolithische (Individuen von Ando, Yŏndaedo, Changhang und Yokchido) und einen bronzezeitlichen (Taejungni) heißt es dann (2):

Modellierungen (...) legen nahe, daß das neolithische Ando-Individuum vollständig abgeleitet werden kann von einer Herkunftsgruppe, die mit der Hongshan-Kultur verwandt war, während die Individuen von Yŏndaedo und Changhang modelliert werden können als Mischlinge der Jomon-Herkunftsgruppe mit einem hohen Anteil Hongshan-Herkunft. (...) Das Individuum von Yokchido an der Südküste Koreas besaß zu fast 95 % Jomon-Herkunft. (...) Das bronzezeitliche Individuum von Taejungni kann am besten modelliert werden als Späte Xiajiadian. Wir sehen deshalb einen in seinen Anteilen variierenden Jomon-Herkunftsanteil bei den neolithischen Koreanern, der danach über die Zeit hinweg allmählich verschwindet wie an seinem zu vernachlässigen Anteil in heutigen Koreanern erkennbar ist. Das Fehlen einer bedeutenden Jomon-Herkunftskomponente in Taejungni legt nahe, daß frühe Bevölkerungen ohne nachweisbare Jomon-Herkunft wie in den heutigen Koreanern sich in die Koreanische Halbinsel ausbreiteten zusammen mit Reisanbau, wobei sie neolithische Bevölkerungen mit einigem Jomoan-Anteil ersetzten. (...) Wir verbinden deshalb die Ausbreitung des Ackerbaus nach Korea mit unterschiedlichen Wellen von Amur- und Gelber Fluß-Gen-Zufluß, modelliert als Hongshan für die neolithische Einführung des Hirseanbaus und durch das Späte Xiajiadian für die bronzezeitliche Ergänzung mit Reisanbau.
The proximal qpAdm modelling (Supplementary Data 13) suggests that Neolithic Ando can be entirely derived from an ancestry related to Hongshan, whereas Yŏndaedo and Changhang can be modelled as an admixture of Jomon with a high proportion of Hongshan ancestry, although Yŏndaedo has only limited resolution (Supplementary Data 16, Fig. 3b). Yokchido, on the southern coast of Korea, contains nearly 95% Jomon ancestry. Although our genetic analysis cannot itself distinguish between possible East Asian ancestries for Bronze Age Taejungni, given the Bronze Age date it can be best modelled as Upper Xiajiadian; a possible minor Jomon admixture is not statistically significant (P = 0.228; Supplementary Data 16). We therefore observe a heterogeneous presence of Jomon ancestry in Neolithic Koreans (0–95%) and its eventual disappearance over time, as shown by a negligible Jomon contribution to present-day Koreans. The lack of a significant Jomon component in Taejungni indicates that early populations, without detectable Jomon ancestry linked to present-day Koreans, migrated to the Korean peninsula in association with rice farming, and replaced Neolithic populations with some Jomon admixture—although our genetic data currently do not have resolution to test this hypothesis, owing to limited sample size and coverage. We therefore associate the spread of farming to Korea with different waves of Amur and Yellow River gene flow, modelled by Hongshan for the Neolithic introduction of millet farming and by Upper Xiajiadian for the Bronze Age addition of rice agriculture.

Auch hier wird alles sehr gedrängt und knapp dargestellt. "Späte Xiajiadian" würde heißen: 40 % Gelber Fluß-Herkunftsanteil ähnlich wie bei der Hongshan-Kultur. Für Japan wird dann ausgeführt (4):

Unsere Ergebnisse legen umfangreiche Einwanderungen während der Bronzezeit von Korea nach Japan nahe.
Our results support massive migration from Korea into Japan in the Bronze Age.

Nach Korea würde diese Späte Xiajiadian-Ausbreitung um oder ab 1.300 v. Ztr. erfolgt sein. Und nach Japan dann - erstaunlicherseits - wohl erst in der Yayoi-Zeit (300 v. bis 300 n. Ztr.) (Wiki). Auch der lange Zeitraum, der dann noch einmal für die Ausbreitung nach Japan benötigt wurde, verdient sicherlich Beachtung. Auch das sind ja erneut fast: Dreitausend Jahre. An solchen Umständen werden womöglich doch erkennbar, mit was für konservativen, statischen Gesellschaften und Kulturen man es hier in Ostasien zu tun hat.

In der Studie werden die Verhältnisse noch einmal erneut anders dargestellt als wir das erst im September hier auf dem Blog referiert hatten (9): Schon die ersten - und auch spätere - Bauern, die sich nach Korea ausbreiteten, trugen zu 40 % Gelber Fluß-Herkunft in sich und zu 60 % Amur-Fluß-Herkunft. Und diesselbe Herkunft breiteten sie von dort dann auch nach Japan aus.

Aufgrund der nur sehr geringen Zahl von Menschenfunden, die hier pro archäologischer Kultur und pro Region hat sequenziert werden können, müssen all diese Aussagen noch mit vielen Vorbehalten und Fragezeichen versehen bleiben. Es deuten sich hier vage Tendenzen an. Aber ein wirklich exaktes, tiefenscharfes Bild - an das wir uns für Europa schon seit 2015 gewöhnt haben - ist das alles noch nicht.

Der ganze Artikel vertritt eine "große These" mit vergleichsweise wenigen Ausführungen zu derselben.

Die Mandschurei - das Land "jenseits des Shanhaiguan-Passes", das Land jenseits der Großen Mauer

Nun noch einiges, was man über die Manschurei und ihre Geschichte wissen sollte. Bei den Mandschu handelt es sich um das größte Volk der tungusischen Völkergruppe (Wiki). Die Hauptstadt der Manschurei ist Shenyang, früher auch Mukden oder Fengtian genannt. Der "Mukden-Zwischenfall" (Wiki) diente 1931 als Vorwand zur Eroberung der Mandschurei durch die Japaner (1). Die wichtigste Eisenbahnlinie der Region führt von Seoul über Mukden/Shenyang nach Peking. Die Provinz Liandong grenzt im Südosten an Korea, die Grenzregion ist sehr gebirgig. Es ist das ein Gebirge, das sich auch bis hinunter auf die Liaoning-Halbinsel zieht (Abb. 2). Nach Westen hin grenzt diese Provinz an die Innere Mongolei. Auch diese Grenzregion ist gebirgig. Zwischen diesen beiden gebirgigen Regionen liegt eine weitgehend flache, zum Teil auch fruchtbare Ebene, die vom Westlichen Liao-Fluß und anderen Flüssen durchflossen wird und die im 19. und 20 Jahrhundert Schauplatz mehrerer blutiger Kriege zwischen Japanern, Russen und Chinesen war (1).

Zur Zeit der japanischen Besatzung der Manschurei soll es hier den höchsten Lebensstandard in ganz China gegeben haben, da die Japaner so viel in die Entwicklung des Landes investierten. Japan wollte an der Mandschurei ein Beispiel seiner zivilisatorischen, kolonisatorischen Kraft geben. Halten wir noch fest, daß die Mandschu vor dem 17. Jahrhundert Jurchen (Wiki, engl) hießen. Die Jurchen waren ursprünglich sibirische Rentier-Jäger, die im Mittelalter andere Lebensweisen annahmen, beeinflußt durch die bäuerlichen Kulturen im Süden.

Im traditionellen China war die Mandschurei das Land "jenseits des Shanhaiguan-Passes" (Wiki). Das ist das Land - von Peking aus gesehen - "jenseits der Stadt Qinhuangdao", wo der genannte Shanhaiguan-Paß liegt. Dort quert nämlich die Straße von Peking nach Shengyang (Mukden) die Große Chinesische Mauer. Und diese gewaltige Mauer stößt hier ans Meer (Wiki):

Für Jahrhunderte bewachte der Posten die enge Passage zwischen dem nordöstlichen China und dem zentralen Ostchina. Im Laufe der chinesischen Geschichte hat der Paß deshalb immer wieder als Verteidigungsbollwerk gegen Stämme aus der Mandschurei gedient, so etwa gegen die Chitan, Jurchen und die Mandschu.

Auch noch im 20. Jahrhundert hat es an diesem Paß militärische Kämpfe gegeben.

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  1. Birolli, Bruno; Jenkins, Paul und andere: Ishiwara Kanji - Ein General bricht den Zweiten Weltkrieg vom Zaun. Arte Frankreich 2012, https://youtu.be/kmkfE4Z2spw.
  2. Bading, Ingo: Die Wolgabulgaren - Ein Schlüssel-Volk zur Geschichte der Turkvölker? 4.6.2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/06/die-wolgabulgaren-ein-schlussel-volk.html
  3. Curry, Andrew: Max Planck Institute demotes noted archaeologist, 28.10.2021, https://www.science.org/content/article/max-planck-institute-demotes-noted-archaeologist
  4. Robbeets, M., Bouckaert, R., Conte, M. et al. (Mark J. Hudson): Triangulation supports agricultural spread of the Transeurasian languages. Nature (2021), 10.11.2021, https://doi.org/10.1038/s41586-021-04108-8
  5. Bernard, Elena: Wie sich transeurasische Sprachen verbreiteten 10. November 2021, https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/wie-sich-transeurasische-sprachen-verbreiteten/
  6. Hudson, Mark J.: Several years in the making, 10.11.21, https://twitter.com/BarbarianNiche/status/1458473297306398722 
  7. Bading, Ingo: Die "Sechsunddreißig Königreiche der Westlichen Provinzen", 10/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/die-sechsunddreiig-konigreiche-der.html
  8. Bading, Ingo: Ostasiatische Gene, Keramik und Hirse breiten sich nach Westen aus (7.000 v. Ztr. und später), 2012, https://studgendeutsch.blogspot.com/2012/04/ostasiatische-gene-keramik-und-hirse.html
  9. Bading, Ingo:  Die Ethnogenese des chinesischen Volkes - Sie erfolgte offenbar (bis in historische Zeit hinein) autochthon, ohne größere Zuwanderung von auswärts, 27.3.2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/03/die-ethnogenese-des-chinesischen-volkes.html
  10. Bading, Ingo: Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen - Zwischen Mongolei und Kaukasus, 11/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/turkvolker-indogermanen-sarmaten-und.html
  11. Bading, Ingo: Die Japaner sind größtenteils Han-Chinesen - Genetisch gesehen Ab 300 n. Ztr. strömte die Han-chinesische Genetik nach Japan, 20.9.21, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/09/die-japaner-sind-grotenteils-han.html
  12. Anderson, David C.: Hongshan Jade Treasures: The Art Iconography And Authentication Of Carvings From China’s Finest Neolithic Culture, https://grahamhancock.com/andersond1/
  13. Anderson, David C.: Hongshan Culture’s obsession with sex; a motive for denial? February 22, 2018, http://grahamhancock.com/phorum/read.php?8,1138333
  14. Patterned variation in prehistoric chiefdoms. Robert D. Drennan, Christian E. Peterson Proceedings of the National Academy of Sciences Mar 2006, 103 (11) 3960-3967; DOI: 10.1073/pnas.0510862103
  15. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr., 5/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/die-indogermanen-des-5-jahrtausends-v.html
  16. Bading, Ingo: Kann der Kampf selbst eine Religion sein?, 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/06/kann-der-kampf-selbst-eine-religion.html
  17. Logie, Andrew. "Claiming the Lineage of Northeast Asian Civilization: The Discovery of Hongshan and the "Hongshan Turn" in Popular Korean Pseudohistory." Seoul Journal of Korean Studies, vol. 33 no. 2, 2020, p. 279-322. Project MUSE, doi:10.1353/seo.2020.0012. 
  18. Bading, Ingo: "Ludendorffs fernöstlicher" - buddhistisch-imperialistischer - "Freund", 5/2015, https://studiengruppe.blogspot.com/2015/05/ludendorffs-fernostlicher-buddhistisch.html

Sonntag, 14. November 2021

Über das Hören in der Vorgeschichte

Die "großen Ohren" der Kelten
- Einige Mutmaßungen zu ihrer religionsgeschichtlichen Einordnung
 
"Höret, ihr Menschen, höret -
auf das Wort der Weisheit,
auf die Stimme der Götter.
- Höret!"

"Er tat seinen Mund auf und sprach," lautet eine Formulierung, sie sich schon in den Dichtungen Babyloniens findet, und die dann später Eingang in das Alte Testament der Juden und deshalb auch der Christen gefunden hat (6, S. 215). Sprechen und damit auch Hören war in den Völkern der Vorgeschichte etwas Besonderes. Das macht diese kurze Formulierung deutlich. "Höret, was ich euch zu sagen habe," mag auch eine Formulierung gewesen sein, mit der in der Völkergeschichte Jahrtausende lang das Reden von Mensch zu Mensch eingeleitet worden ist. 

Abb. 1: Ein Hörender - Das Reinheimer Pferdchen (Saarland), 370 v. Ztr. (Replikat) (Wiki)

Für den vorgeschichtlichen Menschen war also - weitaus mehr als für den heutigen - sowohl das Sprechen wie das Hören ein Ereignis. Alles kulturelle Wissen wurde ja - so war dem Menschen der Vorzeit bewußt - über das Hören weiter gegeben an die nächste Generation. Auch die Gesänge etwa des Orpheus oder des Homer waren ja noch für die Ohren von Hörenden bestimmt, nicht für die Augen von Lesenden. Daher womöglich auch ihr "hoher Ton". Diese Gesänge wurden deklamiert, sie wurden vorgetragen, sie versetzten in eine andere, "gehobene" Erlebnis-Sphäre.

Auf einer der ältesten Darstellungen, die uns von Orpheus aus der Antike überliefert sind, sind alle Dargestellten als Hörende dargestellt (Abb. 3). Die Verehrung von Orpheus hat in der Antike eine ebenso große Rolle gespielt wie die Verehrung des Homer. Davon war in der Antike sogar eine ganze religionsgeschichtliche Bewegung getragen gewesen, auf die dann - deshalb - auch noch die Juden und Christen in aneignender oder polemischer Weise Bezug genommen haben. (Dazu künftig noch mehr hier auf dem Blog.) Und bekanntlich hörten auf Orpheus nicht nur die Menschen, nein, auch die Tiere, auch die Pflanzen, selbst die Steine bekamen Ohren - bei seinem Gesang.

Auch erinnere man sich an die getragenen, inhaltsschweren Worte (antik-)griechischer Tragödien. Das Sagen und das Hören - sie hatten Gewicht, sie waren voller Inhalt.

Und das Hören fand nicht nur von Mensch zu Mensch statt. Die Stimme der Götter wurde über das Hören vernehmlich. In der Ilias hören die Helden die Stimmen von Göttinen und Göttern. In der Bibel sprechen Gott, Engel und Teufel mit dem handelnden Personal. Sie raten ihnen zu, sie raten ihnen ab, sie drohen, sie verheißen, sie verdammen, sie belohnen. Etwas milder als in der Bibel findet das Gespräch zwischen Menschen und Göttern in der Edda statt. Auch in deutschen Heldensagen findet sich Vergleichbares: Der Held Siegfried "hört" die Stimmen der Vögel, nachdem er im Drachenblut gebadet hat. Dieser enge Austausch von Menschen und Göttern ist übrigens auch schon für Sargon von Akkad (2356 bis 2300 v. Ztr.) bezeugt (Wiki):

Die Sumerische Sargonlegende handelt davon, daß die Göttin Inanna beschlossen hat, daß Sargon König werden soll. So treten Vorzeichen dafür auf, daß der Mundschenk den regierenden Herrscher ablösen wird. Alle Gegenmaßnahmen, die Ur-Zababa ergreift, werden von der Göttin vereitelt. 

Eine Göttin greift hier ebenso selbstverständnlich in die Handlungen der Menschen ein - und ebenso entscheidend - wie noch über tausend Jahre später in der "Ilias", bzw. wie zweittausend Jahre später in der Bibel. Auch daß man sich im Zweifelsfall gegenüber verführerischen Gesängen, Reden und Ratschlägen schützen muß, die "Ohren verstopfen" muß, wußten schon die Menschen der Vorzeit und der Antike. Odysseus verstopfte sich die Ohren vor den Gesängen der Sirenen. Unter den germanischen Göttern war Loki derjenige, der "das meiste Übel riet".

Die großen Ohren des Keltenfürsten vom Glauberg, entdeckt 1994

Warum sollte es es angesichts dieser Bedeutung des Hörens für den vorgeschichtlichen Menschen eigentlich so verwunderlich sein, daß ein solches Hören auch einmal in vergleichsweise frühen Phasen der Kunst zur Darstellung gekommen ist (Beispiele: Abb. 1, 2)?*)

Abb. 2: Die Sandsteinfigur des Fürsten vom Glauberg in Mittelhessen, 500 v. Ztr. (Wiki)

Die "großen Ohren" der 1994 entdeckten Steinfigur des Keltenfürsten vom Glauberg in Mittelhessen aus der Zeit um 500 v. Ztr. (Wiki): Könnte es - endlich - eine etwas befriedigendere Erklärung geben für die wunderlich "großen Ohren" dieser Steinfigur? Womöglich sogar eine sehr gute, sehr befriedigende, einleuchtende, nun, auch naheliegende Erklärung?

Dem Wikipedia-Artikel zur sogenannten "Keltischen Blattkrone" (Wiki), mit dem diese Steinfigur - wie andere solche Steinfiguren ähnlicher Zeit - geschmückt zu sein scheint, ist nämlich zu entnehmen, daß eine besonders plausible Erklärung für diese Kopfbedeckung zwar noch keineswegs gefunden worden ist. Das war uns ja auch bekannt bekannt. Neuerdings finden wir aber auf dem Wikipedia-Artikel auch den - für uns neuen - Hinweis auf das "Reinheimer Pferdchen", das sich auf dem Deckel der "Reinheimer Kanne" findet, enthalten in einem keltischen Fürstinnengrab bei Reinheim im Saarland aus der Zeit um 370 v. Ztr. (Wiki). Und dieses Pferdchen nun - - - weist ebenfalls "große Ohren" auf (Wiki) (Abb. 1).

Dieser Befund ist eindrucksvoll.

Als wenn dieses Pferdchen nicht geradezu als ein Sinnbild für das Hören in der Vorgeschichte gelten könnte. Unser Gedanke: Vielleicht sind "große Ohren" einfach ein Zeichen dafür, daß eine mächtige Gottheit, mit der der Fürst in Verbindung steht, "alles hört" und deshalb - wie das Dichterpferd Pegasus - "inspiriert" ist, möglicherweise vor allem vom Rauschen der Blätter der Bäume Heiliger Haine.

Denn: Es werden ja auch Blätter in Zusammenhang mit diesem Kopfschmuck angedeutet und der Baumkult der Kelten ist ja auch sonst gut bekannt (3). Erst vor vier Wochen beschäftigten wir uns hier auf dem Blog mit den keltoromanischen Jupiter-Giganten-Säulen, in denen die Erinnerung an die vormalige, gut bezeugte Verehrung Heiliger Bäume durch die Kelten nachklingt (3).  

Ein Zeichen für "der Seherin Gesicht" .... ?

Weiterer Gedanke: Womöglich sind die großen Ohren ein Zeichen für der "Seherin Gesicht" (Wiki), die ja auch einen - - - Eschenbaum (Wiki) kennt. Und wie wunderbar, jetzt schon auf Wikipedia sehr schnell den Text der Edda-Übersetzung von Simrock aus dem Jahr 1876 zugänglich zu haben. Wir HÖREN (!!!) ihrer "Schau" (zit. n. Wiki) .....

Allen Edeln   gebiet ich Andacht,  
Hohen und Niedern   von Heimdalls Geschlecht;
Ich will Walvaters   Wirken künden,
Die ältesten Sagen,   der ich mich entsinne.

(...)
Eine Esche weiß ich,   heißt Yggdrasil,
Den hohen Baum netzt   weißer Nebel; 
Daher kommt der Tau,   der in die Täler fällt.
Immergrün steht er   am Brunnen der Urd.
 
Daher kommen Frauen,   vielwissende, 
Drei aus dem See   dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine,   die andre Werdandi: 
Sie schnitten Stäbe;   Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose,   das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen,   das Schicksal verkündend.
 
Allein saß sie außen,   da der Alte kam,
Der grübelnde Ase,   und ihr ins Auge sah.
Warum fragt ihr mich?   was erforscht ihr mich?
 
Alles weiß ich, Odin,   wo du dein Auge bargst:
In der vielbekannten   Quelle Mimirs.
Met trinkt Mimir   allmorgentlich
Aus Walvaters Pfand!   wißt ihr was das bedeutet?

Ihr gab Heervater   Halsband und Ringe
Für goldene Sprüche   und spähenden Sinn.
Denn weit und breit sah sie   über die Welten all.

Was für Worte. Was für eine gewaltige "Schau". Welch ein Geschenk, daß diese erhabene Schau an uns gekommen ist. An anderer Stelle in den Edda-Überlieferungen werden die Inhalte dieer Schau noch einmal in Prosa-Form weiterhgend erläutert (Wiki): 

... Da fragte Gangleri: Wo ist der Götter vornehmster und heiligster Aufenthalt? Har antwortete: Das ist bei der Esche Yggdrasils: da sollen die Götter täglich Gericht halten. Da fragte Gangleri: Was ist von diesem Ort zu berichten? Da antwortete Jafnhar: Diese Esche ist der größte und beste von allen Bäumen: seine Zweige breiten sich über die ganze Welt und reichen hinauf über den Himmel. Drei Wurzeln halten den Baum aufrecht, die sich weit ausdehnen: die eine zu den Asen, die andere zu den Hrimthursen, wo vormals Ginnungagap war; die dritte steht über Niflheim, und unter dieser Wurzel ist Hwergelmir und Nidhöggr nagt von unten auf an ihr. Bei der andern Wurzel hingegen, welche sich zu den Hrimthursen erstreckt, ist Mimirs Brunnen, worin Weisheit und Verstand verborgen sind. Der Eigner des Brunnens heißt Mimir, und ist voller Weisheit, weil er täglich von dem Brunnen aus dem Giallarhorn trinkt. Einst kam Allvater dahin und verlangte einen Trunk aus dem Brunnen, erhielt ihn aber nicht eher bis er sein Auge zum Pfand setzte. So heißt es in der Wöluspa:
Alles weiß ich, Odin,   wo dein Auge blieb: 
In der vielbekannten   Quelle Mimirs. 
Met trinkt Mimir   jeden Morgen 
Aus Walvaters Pfand:   wißt ihr was das bedeutet?  
Unter der dritten Wurzel der Esche, die zum Himmel geht, ist ein Brunnen, der sehr heilig ist, Urds Brunnen genannt: da haben die Götter ihre Gerichtsstätte; jeden Tag reiten die Asen dahin über Bifröst, welche auch Asenbrücke heißt. ....

Wir sehen hier, daß im germanischen Mythos der Gott Odin ein Auge lassen mußte, um "sehend" zu werden, um Weisheit zu erlangen. Wenn hier dem Auge eine solch große Bedeutung zugemessen worden ist, um allwissend zu werden - warum sollte dann nicht - in verwandten indogermanischen, kulturellen Zusammenhängen - auch dem Ohr eine große Rolle zugemessen worden sein beim Erlangen von Weisheit? Nebenbei sei erwähnt, daß dieser Welteneschen-Mythos auch in der Philosophie des 20. Jahrhunderts Deutung gefunden hat (5).

Abb. 3: Orpheus unter den Thrakern, Mitte 5. Jhdt. v. Ztr., Athen - Rotfigurige Vasenmalerei - Orpheus mit siebensaitiger Lyra dargestellt

Und sind dem Mythos in den weiteren Ausführungen nicht auch alle die Pferde - mit Namen - wichtig, auf denen die Götter zum Rat an der Weltenesche reiten? Nur Thor geht zu Fuß. Ach, und das "Reinheimer Pferdchen" ist ja auch ein Pferd (Abb. 1). Es lauscht mit dem Gesicht eines Menschen und den Ohren - womöglich - eines Gottes. Aber worauf? Worauf?

Wäre es nicht ein schöner Gedanke, mit den großen Ohren eines klugen Pferdes auf "der Seherin Gesicht" zu hören ....? In früheren Jahrtausenden fühlten sich die Menschen noch mehr mit den Tieren verbunden und sprachen ihnen heilige Bedeutung zu, den Pferden, den Vögeln. Aber was erfahren wir noch, wenn mit "big ears prehistory" und ähnlichen Worten suchen? Ausgerechnet im 6. Jahrhundert v. Ztr. beginnen mehrere griechische Völkerkundler und Geographen, zuerst Sylax, von "Panoti", von "Ohrenmenschen" zu berichten (Wiki):

Skylax schreibt den Panoti schaufelgroße Ohren zu, laut Ktesias reichen deren Ohren um den Rücken und bis zum Ellenbogen. Nach Megastehenes schlafen diese Menschen auch auf ihren Ohren. Spätere klassische Autoren wiesen den Panoti als Heimat eine Insel im nördlichen Ozean zu oder ließen sie in Skytien leben. 

Auch Plinius der Ältere schreibt von ihnen (Wiki). - - - Und 1994 graben deutsche Archäologen - grob gesehen in jenem "Skythien" - einen solchen ersten "Ohrenmenschen" aus - ? Könnte das möglich sein? Auf diese überraschende Übereinstimmung machte übrigens schon ein belgischer Arzt und Forschender 2005/2006 aufmerksam (4).

Ein Wikingerteppich aus dem Jahr 1270 n. Ztr.

Schauen wir uns noch ein wenig weiter um zu Darstellungen von inspirierten Menschen oder Göttern mit "großen Ohren", die - womöglich - in einen solchen Zusammenhang eingeordnet werden könnten. 1909 wurden fünf sehr alte Wandteppiche in einer schwedischen Kirche in Överhogdal gefunden (Wiki). Die Ortschaft liegt 430 Kilometer nördlich von Stockholm. Die Wandteppiche waren um das Jahr 1000 n. Ztr. herum entstanden, also in der Zeit der Christianisierung. Drei von ihnen scheinen in ihrer Mitte die Weltenesche darzustellen. Außerdem finden sich auf zwei dieser Wandteppiche Wikingerschiffe dargestellt und auf drei Wandteppichen unterschiedliche Gebäude: Kirchen, Versammlungsgebäude. Hirsche und Rentiere bilden die weiteren Inhalte der Darstellung (so wie auf berühmten skythischen Teppichen), vielleicht auch Fabelwesen (der achtbeinige Sleipnir?), sowie auch mehrere Reiter. Einer der Teppiche weist aber auch nur Muster auf.

1912 wurde dann aber in einer Kirche in Skog in Schweden, 230 Kilometer nördlich von Stockholm, ein Wandteppich aus der Zeit um 1270 n. Ztr. (Wiki) entdeckt, also aus dem Hochmittelalter und aus jener Zeit, in der christliche Gelehrte in Skandinavien die alten heidnischen Überlieferungen aufschrieben. Dieser Teppich ist vielleicht noch interessanter (Abb. 4).

Abb. 4: Möglicherweise Odin, Thor und Freya - Auf einem Wandteppich in Skog in Schweden, um 1270 n. Ztr.

In der Mitte dieses Wandteppichs scheinen zwei prächtigere Holzgebäude abgebildet zu sein, von denen das rechte einen Glockenturm darstellen dürfte (bekrönt von einem christlichen Kreuz, drei Figuren ziehen an den Glockenseilen). Im linken Gebäude stehen fünf Hauptfiguren, von denen zwei ebenfalls eine kleine Glocke mit einem Glockenseil läuten. Bei den Gebäuden könnte es sich um mittelalterliche skandinavische Stabkirchen handeln, um die sich die Gemeinden versammelt haben. Am Dach der Kirchen befinden sich Drachenköpfe. Die Gebäude scheinen umgeben zu sein von Hühnern. 

Links und rechts von diesem Mittelfeld scheinen größere Fabelwesen abgebildet zu sein, Löwen, Drachen oder Greifen, und zwar auf jeder Seite mindestens sieben, zwischen ihnen jeweils aber noch kleinere Fabelwesen mit denselben Umrissen. Zwischen den Fabelwesen stehen auch weitere menschliche Gestalten. Mit ihnen könnte man versucht haben, "Feinde" der Kirche darzustellen, die den Bestand der Kirche gefährden, vielleicht alte heidnische Kräfte (die ja damals im östlichen Bereich der Ostsee noch recht lebendig waren, übrigens).

Ganz links von den Fabelwesen stehen dann drei mythisch aussehende Gestalten, eine mit einem Beil, eine mit einer Streitaxt und eine dritte vielleicht  mit einer Spindel (?) (Abb. 1). Die Figur mit dem Beil hat nur ein Auge ... Zu ihren Füßen sind zwei Hunde abgebildet, im "Hintergrund" weitere kleinere Menschen und Tiere. Es gibt die Deutung, daß es sich um drei skandinavische Könige handeln könnte. Es gibt aber auch die Deutung, daß es sich um drei heidnische Götter - etwa: Odin, Thor und Freya (oder Freyr) - handeln könnte.

Was besonders auffällig erscheint: Bei allen dreien ist der Bereich der Ohren besonders hervorgehoben - durch irgend eine Art von Kopfschmuck, der nicht besonders leicht zu deuten und zu identifizieren ist. Etwa Hirschgeweihe wie sie - archäologisch vielfach bezeugt - von den mesolithischen Schamanen Nordeuropas und Osteuropas getragen worden sind?

Abb. 5: Tempel- und Grabanlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (links), sowie zentrales Grab mit  geschnitztem Jadeschmuck von einer anderen Tempel- und Grabanlage (rechts) (Archäologisches Institut von Lianoning, Shenjang 2004) (aus: 1)

Wer sich über die Bedeutung des Hörens für die religiöse Haltung im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit interessiert, ist vermutlich immer gut beraten, sich bildenerische Darstellungen der Heiligen Cäcilia (Wiki) aus dieser Zeit durchzusehen.

Sie gilt in christlicher Zeit als die Schutzpatronin der Musik. Wir finden zahllose Gemälde der Kunstgeschichte, in der sie als ein andächtiger, auf die Musik hörender Mensch dargestellt ist. Der religiöse Mensch ist hier vor allem ein hörender Mensch. Das Hören wird als der "innigste" aller Sinne empfunden, die Musik geht von allen Künsten am direktesten zum Herzen. Religiöse Erhebung heißt "stille werden", nach innen hören, heißt aufnahmebereit werden, heißt, "große Ohren" bekommen.

Aber noch ein weiteres kann uns die Kunstgeschichte lehren: Der am innigsten mit Gott verbundene Mensch ist auch kein Hörender mehr. Diesen Umstand mag man sich - zum Beispiel - an den Menschendarstellungen des genialen deutschen Bildhauers und Bildschnitzers Tilman Riemenschneider vor Augen führen: Die Sinne sind nicht mehr der "Weg zu Gott". Der Mensch ist nun schlicht Gott.

______________

*) Als Anmerkung sei noch dargestellt, auf welch wunderlichen Wegen wir zu diesem Gedanken überhaupt gekommen sind.  Da hatten wir uns mit der weltgeschichtlich womöglich nicht unbedeutenden Hongshan-Kultur (4.700-2.900 v. Ztr.) (Wiki) des Mittelneolithikums in der Mandschurei beschäftigt (St. gen. 15.11.2021). Hier wird neuerdings der ethnische, genetische und sprachliche Ursprung nicht nur der Koreaner, Japaner, Mongolen und Tungusen vermutet, sondern auch derjenige der Turkvölker. (Übrigens wären das ja auch jene Völker, die ja nicht selten für die Ausbreitung des Odins-Glaubens bis hin zu den germanischen Stämmen im Westen verantwortlich gemacht werden, gemeinsam mit den Sarmaten und Alanen.)
Dabei stoßen wir - wiederum eher nebenbei - auf eine Studie aus dem Jahr 2006, die auf die eindrucksvolle Tempel-, bzw. Grab-Anlage der Hongshan-Kultur bei Niuheliang (Wiki) aufmerksam macht (1). Ein dort an zentraler Stelle begrabener König hat einen eindrucksvollen Jade-Kopfschmuck getragen (1) (s. Abb. 5).
Bei dem Anblick dieses Königs drängt es sich fast auf, diesen Kopfschmuck in Parallele zu setzen zu dem Kopfschmuck des Urvolkes der Indogermanen wie er sich in indogermanischen Kriegergräbern - wie in Warna in Rumänien oder Giurgiulești in Moldavien - um 4.500 v. Ztr. zeigt (2). Und bei solchen Parallelen möchte man dann gerne einmal einen Beitrag schreiben über solchen eindruckvollen Kopfschmuck als Kennzeichen einer bestimmten, ursprünglicheren Phase der Kulturentwicklung der Menschheit, der Entwicklung gesellschaftlicher Komplexität in verschiedenen Teilen der Erde.
Während wir noch darüber nachsinnen, erinnern wir uns an die "großen Ohren" der 1994 entdeckten Steinfigur des Keltenfürsten vom Glauberg in Mittelhessen aus der Zeit um 500 v. Ztr. (Wiki). War das ein Ohrenschmuck?
Zum Thema "Kopfschmuck in der Vorgeschichte und Völkerkunde" bitte also noch künftige Beiträge hier auf dem Blog abwarten.

__________________

  1. Patterned variation in prehistoric chiefdoms. Robert D. Drennan, Christian E. Peterson Proceedings of the National Academy of Sciences Mar 2006, 103 (11) 3960-3967; DOI: 10.1073/pnas.0510862103, https://www.pnas.org/content/103/11/3960.
  2. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr., 5/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/05/die-indogermanen-des-5-jahrtausends-v.html
  3. Bading, Ingo:  Die Jupiter-Giganten-Säulen Ein eindrucksvolles Zeugnis der Religionspsychologie und Religionsgeschichte, 18/10/2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/10/die-jupiter-giganten-saulen.html
  4. Tainmont, T.: The Panoti and some other fantastic forms of macrotia. Presented at the meeting of the Royal Belgian Society of Ear, Nose, Throat, Head and Neck Surgery on 17 November 2005. In: B ENT, 2006 (pdf)
  5. Bading, Ingo: "Aus weiter Ferne komm ich her ...", Mai 2016, https://studiengruppe.blogspot.com/2016/05/aus-weiter-ferne-komm-ich-her.html
  6. Greßmann, Hugo (Hrsg.): Altorientalische Texte zum Alten Testament. 1909 (Archive); De Gruyter, Berlin 1926 (GB)
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