Dienstag, 14. September 2021

Die Goten - Ihre Gene blieben erhalten - Sprache und Kultur schwanden dahin

Erste Einblicke von Seiten der Archäogenetik

Amalaswintha (gest. 535) (Wiki) war die Tochter Theoderichs des Großen (451/456-526) (Wiki). Der oströmisch-griechische Geschichtsschreiber Prokop schildert sie als ebenso weise und weitblickend wie ihren Vater (1). Da ihr Sohn erst 10 Jahre alt war als Theoderich starb, führte sie für ihn die Regentschaft. Doch sie hatte es mit einem rauhen gotischen Adel zu tun, der an ihr kritisierte, daß sie ihren Sohn nicht zum Krieger, sondern zum Gelehrten erziehen würde. Was für eine Schande, dieser rauhe gotische Adel. Waren Goten denn immer nur zum Kriegführen geboren? Theoderich und Amalaswintha dachten - offenbar - weiter. Aber diese Haltung konnte sich bei den Goten nicht dauerhaft durchsetzen.

Abb. 1: Römische Grenzsicherung am Donau-Limes (Wiki) - Singidunum (heute: Belgrad)

Mit diesen Geschehnissen stehen wir mitten in dem Spannungsfeld zwischen zerstörerischen und aufbauenden Kräften in der Weltgeschichte. In einer Kultur, in der Bildung, Lernen, Erwerben von Fähigkeiten und Kenntnissen handwerklicher und geistiger Art, Arbeiten, Studieren einen Wert für sich darstellt, werden die Menschen durch die Arbeit zivilisiert. In einer Gesellschaft, in der die beliebste und angesehendste Tätigkeit die Kriegsführung ist und in der das Leben von Gütern und Luxus, die auf dem Erfolg in der Kriegsführung beruhen, übermütig macht, werden leichter die zerstörerischen Kräfte der Welt- und Völkergeschichte aktiviert. Aus der Geschichte der germanischen Völker der Völkerwanderungszeit kann man über dieses Spannungsfeld viel lernen.

Möchte man das alles eigentlich genauer wissen? Was ist Völkerwanderung anderes als einerseits Leben von Raub und andererseits Imperialismus? Aber haben die "zivilisierteren" Römer es denn anders gemacht? Waren nicht auch sie fortlaufend mit Raub, Ausbeutung und Imperialismus beschäftigt? Auf beiden Seiten - sowohl auf Seiten der Römer wie auf Seiten der Germanen - gab es aufbauende und zerstörende Kräfte in ihren Kulturen. Ganz offensichtlich waren die aufbauenden Kräfte auf Seiten der Römer zu jener Zeit deutlicher ausgeprägt als auf Seiten der Germanen. Erst ab dem Frühmittelalter wurden auch die Germanen "weiser" und investierten nach und nach mehr Energie in den Erwerb von Fähigkeiten und Kenntnissen anstatt in die Kriegsführung. Nach und nach. Das Leitwort "Ora et Labora", das in den zeitgleichen Klöstern gelebt wurde, wies den Weg. "Bete und arbeite". Ob diese Entwicklung schon als erfolgreich abgeschlossen genannt werden kann, das sei freilich dahin gestellt.

Denn auch mit einem bloß oberflächlichen, halbherzigen Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten ist es ja nicht getan, wenn es gilt, die aufbauenden Kräfte in der Völkergeschichte zu fördern.

Es befällt einen so viel Trauer, wenn man blühende Völker - wie die Goten, wie die Wandalen - in den Untergang ziehen sieht. Und warum? Weil sie lieber als Krieger lebten, denn als Gelehrte. Und von wem wurden sie besiegt? Von Gelehrten, die zugleich Krieger waren, oft sehr tapfere Krieger. So wie schon Sokrates. Das nämlich waren die Kaiser, Feldherren, Offiziere und Beamten des byzantinischen Reiches: Gelehrt und tapfer. Die Goten aber waren in der Regel "nur" tapfer. In der Regel waren deshalb die gebildeten Krieger des römischen Reiches den ungebildeten Goten oder Wandalen um einen Schritt voraus in der Klugheit und Sorgfalt ihrer Kriegsführung, mehr nicht. Aber das reichte ja schon. Amalaswintha und ihr Vater Theoderich hatten weiter geblickt als die meisten ihrer gotischen Stammesverwandten. Wie so oft aber, wo "Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet" (Schiller), gingen die Menschen lieber sehenden Auges in der Untergang. Wie anders wollte man die weiteren Schicksale der Ostgoten in Italien kennzeichnen, auf die wir im folgenden nicht weiter eingehen wollen.

Aber wir stehen mitten in der Geschichte der Goten, wenn wir uns diese Lebensproblematik der Amalaswintha verdeutlichen. Die germanischen Völker nördlich der Alpen, die von diesem Spannungsfeld eher verschont geblieben sind, da sie niemals so sehr von Raub, Imperialismus und Krieg lebten wie die germanischen Völker südlich der Alpen, in ihnen bebte das erschütternde Geschehen, das mit der Völkerwanderung verbunden war, dennoch nach.

Das älteste Sprachdokument in althochdeutscher Sprache, das berühmte Hildebrandslied (Wiki), handelt von dem Lebensschicksal des Heermeisters Theoderichs des Großen, Hildebrand, der seinen Sohn Hadubrand, in die Heimat zurückkehrend nach 60 Jahren Kriegerleben, im Zweikampf erschlägt:
"Ik gihorta dat seggen,
dat sih urhettun ænon muotin,
Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem.
sunufatarungo iro saro rihtun."

Das blieb den Germanen nördlich der Alpen in Erinnerung: Der Krieg als Unheil. Der Vater erschlägt den Sohn. Und Dietrich von Bern selbst (Theoderich) erschlägt die Nibelungen - am Hof des Hunnenkönigs Attila unter Zustimmung der Königin Kriemhilde. Die Sage hat den Untergang der Nibelungen in die Lebenszeit von Personen gelegt, die erst lebten, als das Burgunderreich in Worms schon zerschlagen war. Aber Pannonien und Dalmatien, die Kernräume der Geschichte der Goten des 4. und 5. Jahrhunderts, sowie das Personal der dort handelnden Könige und Heerführer blieben im Gedächtnis.

Da die Goten lieber Krieg führten, als sich das Lesen und Schreiben beibringen zu lassen, wissen wir gar zu viel nicht über ihr vorhergehendes Leben an der Unteren Donau, über ihr Leben in Dakien, in Thrakien, in Mösien, Dalmatien und Pannonien. Ihr Leben dort überspannt immerhin inhaltsreiche 200 Jahre. Und noch einmal viele Jahrhunderte lebten sie davor im Nordschwarzmeer-Raum. Wir wissen von ihnen nur, was bei den römischen und griechischen Geschichtsschreibern festgehalten worden ist. Und auch diese berichten über die Goten fast immer nur über Krieg, Eroberung, Unterwerfung.

Ein Dokument freilich friedlicher, zivilisatorischer Arbeit hat sich aus dem gotischen Kulturkreis erhalten. Das älteste Sprachdokument germanischer Sprachen. Es entstand in der Provinz Mösien, im heutigen nördlichen Bulgarien, in Nikopolis an der Unteren Donau, das die Goten schon 249 so eifrig belagert hatten: die Gotenbibel des Gotenbischofs Wulfila. Ausgerechnet eines der inhaltlich und moralisch flachsten, wirrsten und unheilvollsten Textdokumente, die je in der Geschichte der Völker eine Rolle gespielt haben, und die erst wenige Jahrhunderte zuvor zusammen gestellt worden waren, ausgerechnet diese wurden in die gotische Sprache übersetzt! 

Die Weltgeschichte schlägt wahrlich Kapriolen. Nicht die "Ilias", nicht Platon, nicht Sokrates, nicht Aristoteles. Nein: Die Bibel.

Kein Wunder, daß noch Shakespeare, Schiller, Goethe, Lessing und Wieland mit dem Eindruck lebten und starben, daß wir Nordeuropäer von "Barbaren" abstammen. Kein Wunder. Wahrlich: Barbarisch, dieses Geschehen. 

Aus Kriegern werden - - - "Bibelkundige".

Merkst Du etwas, später nord- und mitteleuropäischer Nachfahre? Was wir Germanen und Indogermanen für eine Geschichte hinter uns haben?

Was hat diese Geschichte damit vor? Wo will sie damit hin?

Wohin könnten sie damit hinauswollen?

Die Neigungen, die Bildung und der Weiblick von Theoderich und Amalaswintha hatten noch weit über bloße Bibelkunde hinaus gewiesen - soweit wir das heute nachvollziehen können. Am Hof Theoderichs des Großen bewegten sich nicht nur Priester, nein, vor allem auch Philosophen. Nur allzu bald sollte das ganz anders werden im "Abendland". Soweit etwas grundlegendere, einleitende Überlegungen.

Die Mittlere und Untere Donau in der Spätantike

Die Mittlere und Untere Donau - dies ist der Raum, in dem der Hof des Hunenkönigs Attila lag, hier wurde der Gotenkönig Theoderich der Große geboren, hier fand sich 1837 der Goldschatz von Pietroasa (Abb. 2 und 3). Hier vollzog sich - der bedeutendsten Sage des deutschen Mittelalters nach - der Untergang der Nibelungen.

All das und vieles mehr spielte sich ab innerhalb der römischen Provinzen Pannonien (Wiki), Dalmatien (Wiki), Mösien und Dakien, sowie jenseits der Grenzen dieser Provinzen, jenseits des sogenannten "Donau-Limes" (Wiki). Es waren dies die "illyrischen Provinzen" (Wiki) des Römischen Reiches. Es waren wirtschaftlich wohlhabende, reiche Länder. Seit dem 3. Jahrhundert v. Ztr. waren sie von den Römern erobert und unterworfen worden. Noch zur Zeit des Arminius um 9 n. Ztr. gab es in Illyrien schwere Aufstände gegen die Römerherrschaft. Aber in der Zeit danach hört man von keinem Widerstand mehr.

Abb. 2: Ein Stück aus dem gotischen Goldschatz von Pietroasa (Nationalmuseum für Rumänische Geschichte, Bukarest) (Wiki) - aus der Zeit um 350 oder 450 n. Ztr. - In der Mitte thronend vielleicht Nerthus, um sie herum gruppiert andere germanische Gottheiten, allerdings in griechischer Kunstauffassung (Wiki), alle in friedlichen Zusammenhängen, ohne Waffen, vielleicht hergestellt in einer griechischen Stadt an der Nordküste des Schwarzen Meeres, wo auch noch skythischer Kunstgeschmack weiter lebte

Das zeitgleiche Geschehen und Schicksal germanischer Völker in Nordafrika, in Spanien, in Frankreich - es ist in Vergessenheit geraten, hallt nicht oder viel weniger in Sagen des deutschen Mittelalters wieder. Zu wenige Krieger waren von ihren Kriegsdiensten von dort aus in die Heimat nördlich der Alpen zurück gekehrt, so wie noch der Fürst von Planing, begraben bei Bad Kreuznach am Mittleren Rhein mit seinem herrlichen, prächtigen vergoldeten Spangenhelm und mit einer Münze des byzantinischen Kaisers Leo I. (457-474 n. Ztr.) (Wiki) im Mund (13-15) (Abb. 7). Entdeckt im Jahr 1939 bei Kanalarbeiten. Krieger seines Schlages, die zum Teil weit herum gekommen sein mögen als Verbündete großer Heerführer oder im Dienste irgendeines Gefolgschaftsführers, zum Beispiel auch eines gotischen Heerführers wie Theoderich, Krieger seines Schlages und Männer ihres Gefolges werden alle Sagen, Geschichten und Heldenlieder nach Norden gebracht haben, die aus dieser Zeit überliefert sind.

Neue Erkenntnisse

Ausgerechnet zu diesen illyrischen Provinzen, zu Pannonien, Dalmatien, Mösien und Dakien ist in diesem Sommer 2021 in Vorveröffentlichung eine erste archäogenetische Längsschnitt-Studie erschienen zum ersten Jahrtausend (nach der Zeitreichnung) in diesem Raum (2). 90 Skelette aus den Gräberfeldern der Römerstädte Viminatium an der Donau (Wiki), "Timacum Minus" (Wiki), 200 Kilometer südlich von Viminatium und Mediana (Wiki), noch einmal 60 Kilometer südlich von "Timacum Minus" wurden für diese Studie neu ausgewertet.

Ebenso ist in den letzten zehn Jahren eine spannende, völlig neue Schriftquelle zur Geschichte der Goten in diesem Raum von Seiten der Wissenschaft erschlossen worden. Nämlich Fragmente der Geschichte der Gotenkriege ("Scythia"), die der Kaiser Decius (190-251) (Wiki) geführt hat, und zwar aus der Feder eines zeitgleichen griechischen Militärbefehlshabers und Historikers, nämlich von Dexippus von Athen (210-275) (Wiki). Welche wohlüberlegten Gedankengänge von Seiten des Decius in diesen Text-Fragmente überliefern sind im Angesicht der Überschwemmung der illyrischen Provinzen, sowie Griechenlands durch die Goten schon im Jahr 249. Auch berichten sie von der Verteidigungsbereitschaft Griechenlands und Athens.

Von Viminatium bis Naissus - Drei Römerstädte

Doch zunächst zur Archäogenetik: 52 von den genannten 90 untersuchten Skelette stammen aus der römischen Grenzfestung Viminatium (Wiki), südwestlich des Donau-Ufers gelegen, also am rechten Ufer der Donau. Hier verlief der Donau-Limes und Viminatium war die bedeutendste Grenzfestung aller illyrischen Provinzen. Sie lag 90 Kilometer südöstlich des Militärlagers Singidunum, der heutigen Stadt Belgrad (Abb. 1). Schon in keltischer Zeit war Viminatium - wie die meisten Römerstädte dieses Raumes besiedelt. Auch auf dem größten der Gräberfelder von Viminatium finden sich Gräber aus keltischer Zeit (2, Anhang). Viminatium gilt aufgrund seiner Größe als das "Pompeji Serbiens".

Viminatium war die Hauptstadt der Provinz Ober-Mösien. An diesem Ort waren zwei römische Legionen stationiert. An diesem Ort überquert die "Pannonische Straße", vom heutigen Ungarn her kommend, die Donau, um südlich der Donau das Schwarze Meer und Konstantinopel zu erreichen, die Hauptstadt des oströmischen Reiches (2, Anhang). Hier in Viminatium befindet sich - zum Beispiel - das Mausoleum des römischen Kaisers Hostilian (gest. 251). Hier auch fanden wesentliche politische Verhandlungen im Zusammenhang mit den "Gotenkriegen" des 4. Jahrhunderts statt. 

Weitere 18 untersuchte Skelette stammen aus "Timacum Minus" (Wiki), eine Befestigung und dörfliche Siedlung aus der Römischen Kaiserzeit, 200 Kilometer südlich von Viminatium (G-Maps). 

Die restlichen Skelette stammen aus der Kaiservilla Mediana (Wiki), noch einmal 60 Kilometer südlicher gelegen, nahe der römischen Stadt Naissus (Wiki).

Die untersuchten Skelette von Viminatium sind vier Gräberfeldern entommen, die rund um die Stadt angeordnet waren. Den Grabbeigaben nach zu schließen, stammen die meisten dieser Gräber nicht von "Wohlhabenden", sondern von Mittelschichten und ärmeren Bevölkerungsschichten, allerdings gibt es auch Sakrophage von reicheren Bevölkerungsteilen. In diesen Skeletten spiegelt sich das Hereinströmen von Bevölkerungsteilen kaiserzeitlich-anatolischer Herkunft in die illyrischen Provinzen wieder, die sich mit der Herrschaft Roms ergeben hat, und deren Genetik sich mit dem Ende der Römerherrschaft interessanterweise auch wieder in diesem Raum verliert (2).

Auch die genannten Stadt Naissus hat es schon in keltischer Zeit gegeben. In ihr ist niemand geringerer geboren worden als Kaiser Konstantin der Große (280-337) (Wiki), jener Kaiser, der das Christentum im Römischen Reich zur privelegierten Reichsreligion, also quasi zur Staatsreligion erhoben hat. Konstantin hatte nun das genannte nahegelegene Mediana keineswegs etwa zu einem Kloster, sondern zu einer luxeriösen Kaiser-Villa umbauen lassen. Wozu auch soll man als Förderer des Christentums ins Kloster gehen, wird sich Konstantin gesagt haben. Vielleicht sagten ihm dies auch seine nun notwendig gewordenen "geistlichen Berater". Verschiedene seiner Nachfolger hatten sich in Mediana ebenfalls aufgehalten, darunter übrigens auch Kaiser Julian "der Abtrünnige", der letzte Heide auf dem römischen Kaiserthron. Das war im Jahr 361. Ganz zuletzt hielt sich Kaiser Constantius III. im Jahr 425 daselbst auf. 442, nach den Einfällen der Hunnen unter Attila, ist diese Residenz dann ganz aufgegeben worden. Fluch über sie und jenen Kaiser, der das Christentum im ganzen südlichen Europa zur Staatsreligion erhoben hat.

Wenn man bedenkt: Schon 249 gab es einen ersten schwerwiegenden Goteneinfall in diesen Provinzen. Aber das im Sterben und in der Agonie liegende Römische Reich hatte noch so viel Kraft, seinen Untergang um 200 Jahre hinaus zu zögern.

In der genannten Kaiservilla nun bestatten um 400 n. Ztr. Menschen aus den Stammesverbänden der Goten zwei ihrer Verstorbenen (2, Anhang). Die Schädel dieser Bestatteten wiesen die typischen Schädeldeformierungen auf, wie sie schon oft in den östlichen Völkerwanderungsvölker gefunden worden sind. Diese Schädeldeformierung (Schädelverlängerung, -streckung), die auf Bandagierungen des Kopfes vom Babyalter an zurück gehen, ist von den Goten als Sitte von den Hunnen (oder von den Sarmaten?) übernommen worden. Auch in einigen Germanen-Gräbern von Viminatium findet sich diese Sitte (2, Anhang). Vielleicht handelt es sich bei ihnen um jene westgotischen Völker und ihre Verbündeten, die, bedrängt vom Hunnensturm und nach Annahme des Christentums hinter den Donau-Limes Zuflucht nehmen durften und dort als Bundesgenossen des oströmischen Kaisers angesiedelt wurden, bzw. dabei auch gerne gewaltsam zur Landnahme schritten.

Die Genetik dieser Skelette paßt zur Genetik von Goten. Ein kleiner genetischer Anteil in ihnen ist sarmatischer Herkunft (siehe unten), das heißt, die Vermischung mit Sarmaten könnte schon mehrere Jahrhunderte zuvor stattgehabt haben. Außerdem haben sie sich - offenbar schon in der ersten Generation - mit Einheimischen vermischt (2). 

Soweit uns das bislang überblickbar ist, ist von den germanischen Völkern der Völkerwanderungszeit keinerlei heiratsmäßige Abgrenzung zu der unterworfenen Bevölkerung im Mittelmeer-Raum bekannt geworden, weder aus den Schriftquellen, noch auch aus der Archäogenetik. Somit wird man, wenn in Schriftquellen von "Goten" die Rede ist, sehr oft voraussetzen müssen, daß sie zwar gotische Sprache gesprochen und Kultur gelebt haben, daß sie aber auch schon zur Hälfte mit der einheimischen Bevölkerung illyrischer Abstammung (die Genetiker sprechen von "eisenzeitlicher Balkan-Abstammung") vermischt haben können.

Abb. 3: Gottheiten der Goten im Nordschwarzmeer-Gebiet, alle ohne Waffen und in friedlichen Zusammenhängen dargestellt auf der goldenen Schale von Pietroasa (Wiki) (siehe Abb. 2) - Anklänge an skythische Hirtenkultur werden ebenso sichtbar wie die Bedeutung von Vögeln und Fischen; ein Zitherspieler ist dargestellt, zu seinen Füßen Pegasus (Baldur/Apollon) - Unter den 16 Figuren finden sich vier Frauen (zur genaueren Betrachtung vergrößern!)

20 n. Ztr. - Die Jazygen

Die neue archäogenetische Studie weckt ein ganz neues Interesse für die Geschichte der Goten, Hunnen und Sarmaten in den illyrischen Provinzen. Sie gibt Anlaß, sich die geschichtlichen Vorgänge zunächst der Jahrhunderte langen Reichsverteidigung gegen die "Barbaren" und schließlich dann der germanischen Völkerwanderung in diesem Raum etwas genauer anzuschauen. Auf Youtube finden sich überraschend viele Vorträge von Gelehrten zur Geschichte der Goten, insbesondere auf einer Tagung der Katholischen Akademie Bayern in München im Februar 2020 gehalten, die man sich hierzu gerne noch einmal anhören darf, weil man hier sehr kenntnisreiche Menschen reden hört (Beispiel: 3). Auch die Manuskripte dieser Vorträge liegen vor (3).

Mit Verweis auf diese Vorträge können wir uns hier auf das Referieren einiger wesentlicher Eckdaten beschränken. Die Geschichte dieses Raumes in dieser Zeit ist außerordentlich reich und für einige Geschichtsphasen und Regionen vergleichsweise gut durch römische Geschichtsschreiber und sonstige Quellen dokumentiert, für andere Geschichtsphasen und Regionen liegt sie dagegen sehr weitgehend im Dunkeln.

Der Sarmaten-Stamm der Jazygen (Wiki) weicht um 20 n. Ztr. vor den Goten aus. Diese hatten - nach der antiken Gotengeschichte (1) - die Völker in Pommern und Danzig vertrieben oder unterworfen und sich dasselbst angesiedelt, und waren von dort nach und nach über die Jahrzehnte und Jahrhunderte bis hinunter in die Ukraine gekommen, wo sie wiederum - die jeweils einheimischen Stämme unterworfen und/oder vertrieben haben. Die Jazygen siedeln - mit römischer Befürwortung - in der ungarischen Tiefebene. Die Römer erhoffen sich in den sarmatischen Reiterkriegern Verbündeten gegen das kriegerische Grenzvolk der Daker zu gewinnen.

Der in einem freundlichen Verhältnis zu den Römern stehende Quaden-König Vannius wurde König auch der Jazygen. Es entwickelten sich gute Beziehungen zwischen den Quaden und den Jazygen. Jahrhunderte lang sollten diese halten. Womöglich waren es gerade diese freundschaftlichen Beziehungen, über die so viele östliche Kulturelemente (Odins-Glaube?, skythischer Tierstil?, Spangenhelm? etc. pp.) in die westliche, germanische Welt Eingang gefunden haben. Denn die Quaden hinwiederum unterhielten ja auch gute Beziehungen zu Markomannen und Hermunduren im Norden. Immerhin waren es ja die Quaden und ihr König Marbod erst kurz zuvor gewesen, die die Grundlagen für den Sieg des Arminius bei Kalkriese gelegt hatten (4).

Auch Sauromaten wurden die Jazygen genannt. Plinius nennt sie "Serboi". Zu den Ursprüngen des Volksnamen der Serben gibt es viele Theorien, eine stützt sich auf diesen Umstand. Wenig später teilte sich dann in der heutigen Ukraine das Volk der Goten, nämlich in Ost- und Westgoten. 

249 - Kaiser Decius gegen Ostrogotha und Kniva

Auch die Westgoten breiteten sich - im Gefolge der Jazygen - bis zur Donau aus (Wiki):

238 brach der sogenannte „Gotensturm“ los: Die Goten begannen erste Angriffe auf römisches Gebiet und eroberten die südlich der Donau gelegene Stadt Histros, während die Karpen in die Provinz Moesia inferior (Niedermösien) einfielen.

Der Völkername Karpen steht in Bezug zu den Karpaten und dürfte einen Unterstamm der Daker darstellen. Sie haben sich oft mit unterschiedlichen germanischen Stämmen gegen die Römer verbündet (Wiki):

An der Donau bedrohten unter anderem die Goten und Sarmaten den römischen Balkanraum. In den 250er und 260er Jahren unternahmen Goten, Heruler und Boraner Plünderungszüge bis nach Griechenland und (per Schiff) in das nördliche Kleinasien.

Einer der Befehlshaber der römischen Verteidigungsmaßnahmen in Griechenland gegen die Goten war der oben schon erwähnte Dexippus von Athen (210-275) (Wiki). Er war ein bedeutender Geschichtsschreiber, allerdings sind nur wenige Fragmente seiner Werke erhalten. 2007/2009 wurden in Wien neue, aufsehenerregende Fragmente seines Werkes "Scythia" ("Gotenkriege") entdeckt (3). Die Entdeckerin war die slowakische Philologin Jana Grusková (Uni Bratislawa). Diese Fragmente werden gerade nach und nach veröffentlicht und erforscht (5-10). Eine zusammenfassende Veröffentlichung in Buchform steht noch aus. Das Werk ist auf Griechisch verfaßt (5):

2007 bis 2009, während eines Forschungsprojektes der Österreichischen Akademie der Wissenschaften über griechische Palimpsesten der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien, entdeckte Jana Grusková Fragmente eines unbekannten antiken Textes auf acht Seiten eines mittelalterlichen (byzantinischen) Manuskriptes aus dem 11. Jahrhundert und identifizierte sie als herstammend wahrscheinlich von Dexippus' Scythia.

Der römische Kaiser Decius (190-251) (Wiki) stammte selbst aus der Provinz Pannonien. Auf Wikipedia ist schon der aktuelle, detailliertere Forschungsstand zu seinem Gotenkrieg eingearbeitet, der sich aus der Auswertung der Fragmente ergibt. Dort wird ausgeführt (Wiki):

Während seiner kurzen Regierungszeit war Decius vor allem mit wichtigen Militäroperationen gegen die Goten beschäftigt, die die Donaugrenze seit einiger Zeit bedrängten (...). Diese hatten nach dem Abzug der Truppen 249 die Donau überquert und die Provinzen Moesia und Thracia (Thrakien) überrannt. (...) Decius sammelte ein Heer und zog zusammen mit seinem Sohn und Mitkaiser Herennius persönlich gegen die Feinde (sein jüngerer Sohn Hostilian blieb in Rom). Die Goten wurden von Decius offenbar bei der Belagerung von Nikopolis an der Donau überrascht. Bei seiner Annäherung überquerten sie das Balkangebirge und griffen Philippopolis an. Decius folgte ihnen, aber eine schwere Niederlage bei Beroë, dem heutigen Stara Sagora, machte es ihm unmöglich, Philippopolis zu retten, das in die Hand der Goten fiel, die die Stadt mit verheerender Grausamkeit behandelten. Ihr Kommandeur Priscus erklärte sich selbst zum Kaiser unter gotischem Schutz. Ein neuer Pergamentfund (aus den sogenannten Scythica Vindobonensia und wohl aus dem Werk des Dexippos stammend) offenbart auch den Anführer dieser Goten, einen gotischen Heerführer namens Ostrogotha. Die Belagerung von Philippopolis hatte Anzahl und Kräfte der Goten aber dermaßen erschöpft, daß sie anboten, ihre Beute und ihre Gefangenen unter der Bedingung freien Abzugs auszuliefern. Aber Decius war es endlich gelungen, sie einzukesseln, und nun hoffte er, ihren Rückzug abzuschneiden und einen entscheidenden Sieg zu erringen. Er weigerte sich zu verhandeln. Das letzte Gefecht, in dem die Goten mit dem Mut der Verzweiflung kämpften, fand auf dem sumpfigen Boden der Dobrudscha bei Abrit(t)us (Schlacht von Abrittus) oder Forum Trebonii statt.  Jordanes (6. Jahrhundert) berichtet in seiner Gotengeschichte, daß Decius’ Sohn Herennius schon zu Beginn der Schlacht von einem Pfeil getötet wurde, und der Kaiser daraufhin ausrief: "Lasst uns niemanden betrauern; der Tod eines Soldaten ist kein großer Verlust für den Staat." (Jordanes, Getica 18,101) (...) Die römische Armee wurde in dieser Schlacht aufgrund taktischer Fehler vernichtet und Decius erschlagen.

Mit blutigen Kriegen betreten die Goten die Bühne der Geschichte. Philippopolis (Wiki) ist heute die zweitgrößte Stadt Bulgariens (Plowdiw). Hier wurde 1967 die Paläoontologin Madelaine Böhme geboren, die dort inmitten eines großen antiken Erbes aufwuchs (wie sie in Interviews berichtet). Philippopolis liegt in der Thrakischen Ebene, 250 Kilometer südlich von Nikopolis an der Donau (Wiki). Sie gehört heute ebenfalls zu Bulgarien (G-Maps). Philippopolis war 341 v. Ztr. von Philipp, dem Vater Alexanders des Großen, erobert und nach ihm benannt worden. Sie war zwischendurch aber immer wieder auch die Residenzstadt der thrakischen Könige. 72 v. Ztr. wurde sie von den Römern erobert und bildete die Hauptstadt der Provinz Thrakien. 116 n. Ztr. wurde hier ein Theater erbaut, das immer noch sehr gut erhalten ist, und in dem alljährlich Aufführungen stattfinden (Wiki).

Abb. 4: Der Gotenkrieg 250/51 (Wiki)

Zur gleichen Zeit waren die Goten in Griechenland selbst eingefallen (5):

Ein weiteres Fragment berichtet von Männern, die aus allen Teilen Griechenlands zum strategisch wichtigen Thermopylen-Paß strömen, um einen weiteren "Barbaren"-Angriff abzuwehren. In der Ansprache an die Truppen zieht ein römischer Beamter explizit Parallelen zur legendären Schlacht bei den Thermopylen um 480 vor Christus zwischen Griechen und Persern.  

Der Originaltext des diesbezüglichen Fragments ist bislang folgendermaßen rekonstruiert und lautet in Übersetzung:

… Thrakien und Makedonien. Und sie plünderten das gesamte dortige Gebiet und griffen darüber hinaus mit ihrer gesamten Streitmacht Thessalonike im Sturm an und versuchten so, die Stadt einzunehmen. Als aber die Verteidiger auf der Mauer sich mutig zur Wehr setzten, die Abteilungen durch ihre Vielzahl abwehrend, und nichts gemäß ihren Erwartungen [d. h. der Skythen] voranging, da heben sie die Belagerung auf. Und der Meinung der meisten folgend, zogen sie mit dem Heer nach Athen und nach Achaia, wegen des Rufs der goldenen und silbernen Weihegaben und der Prozessionsgeräte in den griechischen Heiligtümern; denn sie hatten gehört, daß die Gegend dort sehr reich sei. Als der Anmarsch der Skythen den Griechen gemeldet wurde, kamen sie  bei den Thermopylen zusammen und machten sich daran, sie bei den dortigen Engstellen am Durchmarsch zu hindern. Manche brachten Speere mit sich, andere Äxte, wieder andere erzbeschlagene und an der Spitze eisenbewehrte Spieße, und das, was ein jeder an Bewaffnung zur Verfügung hatte. Und als sie versammelt waren, setzten sie die Quermauer instand und kümmerten sich mit großem Eifer um die Bewachung. Die Gegend schien auch sonst die größte Sicherheit zu bieten, weil der Weg, der in den Teil Griechenlands innerhalb der Thermopylen führt, durch die Schwierigkeit des Geländes eng und unwegsam ist: Das Meer bei Euböa erstreckt sich nämlich sehr weit und macht damit das Gebiet nahe den Bergen wegen des Sumpfes ... für einen Einfall äußerst ungeeignet, und daran schließt sich das Oitagebirge an und macht so durch die Enge der Felsen die Gegend für Fußheer und Reiterei äußerst schwer zu durchqueren. Zu gewählten Führern des gesamten Krieges wurden von den Griechen erklärt: Marianos, der vom Kaiser zum Statthalter des innerhalb der Thermopylen liegenden Griechenlands ausgewählt worden war, und neben ihm Philostratos aus Athen, ein Mann von besonderen Rede- und Geistesgaben, und Dexippos, der zum fünften Mal die Arché bei den Böotern innehatte. Es schien das Günstigste zu sein, sie [d. h. die Griechen] durch eine Rede zu ermutigen und ihnen die Tapferkeit ihrer Vorfahren ins Gedächtnis zu rufen, damit sie den ganzen Krieg couragierter angingen und nicht in der Bewachung nachließen, sei es daß der feindliche Angriff auf die Mauer durch die versammelte Streitmacht, sei es daß er längere Zeit hindurch erfolge. Und als sie sich versammelt hatten, sprach Marianos, dem aufgrund seines Ranges das Privileg zu reden eingeräumt wurde, folgendermaßen: "Griechen! Der Beweggrund, aus dem ihr euch versammelt habt - unsere Rettung -, und die Gegend, in der ihr euch aufgestellt habt, sind beide in hohem Maße dazu angetan, die Erinnerung an vollbrachte Leistungen zu erwecken. Denn auch eure Vorfahren haben, wenn sie an diesem Ort kämpften, nie den Kampf um die Freiheit Griechenlands verloren. In den Perserkriegen haben sie sich nämlich auf das Beste geschlagen und im sogenannten Lamischen Krieg und auch dann wieder, als sie Antiochos, den Herrscher Asiens, in die Flucht schlugen, schon auf Seiten der damals herrschenden Römer. Gewissermaßen wie vom Schicksal, nach Willen irgendeiner Gottheit, war und ist den Griechen in diesem Ort in den Kämpfen gegen die Barbaren Glück zugewiesen und enden euere eigenen militärischen Unternehmungen hier schon seit langer Zeit in Erfolg. Zuversicht könnt ihr nun schöpfen einerseits aus eurer eigenen Heeresmacht, andererseits aus der natürlichen Befestigung des Geländes, durch die ihr euch den Gegnern auch bei den früheren Angriffen als Furcht erweckend erwiesen habt. Aus diesen Gründen ist meiner Ansicht nach auch die Zukunft keineswegs hoffnungslos, da ich gut weiß, daß ... zum besseren ..."

Es ist doch erstaunlich, wenn eine vom Text her so umfangreiche Quelle nach Jahrtausenden wieder zum Vorschein kommt. Trotz dieser Verteidigungsbemühungen konnten die Goten bis nach Athen vordringen (Wiki).

269 - Kaiser Claudius Gothicus besiegt die Goten bei Naissus

An der Mündung des Dnjestr hatten die Goten eine Schwarzmeerflotte erbaut, mit Hilfe derer sie Thessaloniki belagert hatten (Wiki).

Abb. 5: Goteneinfälle im oströmischen Reich im 3. Jahrhundert (Wiki)

Eigentlich in allen weiteren Jahrzehnten hielten die Goten und andere germanische Völker das byzantinische Reich in Atem. Immer wieder unternahmen sie Einfälle in das Reich, sowohl zu Lande wie zur See. Das mutet nicht anders an als die Einfälle der Wikinger im Frankenreich und in Britannien im 9., 10. und 11. Jahrhundert. 269 wurden die Goten bei Naissus von Kaiser Claudius Gothicus geschlagen (Wiki). Erst nach solchen Siegen des Kaisers Claudius Gothicus (268-270) zerfiel die große Allianz der germanischen Völker unter Kniva wieder.

290 - Dakien wird "Gotenland"

Um 290 siedeln die westgotischen Terwingen (Wiki) in der Provinz Dakien, nördlich der Unteren Donau, in einem Gebiet, das ab dieser Zeit - bis zum Hunnensturm 375 - also grob hundert Jahre lang "Gothia" genannt wurde, "Gotenland". Viele Goten traten hier zum arianischen Christentum über, das sich in dieser Zeit unter den germanischen Völker auszubreiten begann, unter anderem auch durch die versklavte Bevölkerung, die die Goten von ihren Kriegszügen innerhalb des byzantinischen Reiches mitbrachten. 

Dreißig Jahre später schon, 325, erhob der schon genannte Kaiser Konstantin (280-337) (Wiki), der aus Naissus stammte, die christliche Religion zur priveligierten Religion im Römischen Reich. 332 war er es auch, der die Goten in einer Schlacht besiegte und mit ihnen einen Vertrag abschloß.

370 - "Arm und unkriegerisch" - Die ersten Christen bei den Goten

Noch einmal 40 Jahre und eine Generation später lebte der Gotenbischof Wulfila (311-383) (Wiki). Er hatte - sicherlich typisch für die damaligen Verhältnisse - einen gotischen Vater und auch nichtgotische Vorfahren, die aus Kapadokien in der zentralen Türkei stammten und die 257 von den Goten verschleppt worden waren. Dieser Umstand paßt auch sehr gut zu der Genetik, die in Viminatium gefunden wurde (2). Dort allerdings ging in jener Zeit der kaiserzeitlich-anatolische genetische Anteil zurück und verschwand in den folgenden Jahrhunderten (siehe unten). Seinen Zeitgenossen galt Wulfila als Gote. Er war als Missionsbischof an der Unteren Donau tätig, lebte wohl vor allem in Nikopolis an der Donau und sollte dort die Goten zum Christentum bekehren. Zu diesem Zweck übersetzte er die Bibel ins Gotische, es entstand die berühmte Wulfilabibel. Dazu formte er die germanische Runenschrift, das Futhark zu einer flüssigeren Schrift um.

Von den heidnischen Goten wurde Wulfila aber vertrieben. Sie wollten, daß ihre - in den Augen von Jacob Grimm: herrliche - Sprache in jenen heidnischen Zusammenhängen gesprochen wurde, in denen sie entstanden war, nicht in christlichen. Wulfila fand Aufnahme in der Provinz Mösien (in Nordbulgarien). Er und seine mit ihm vertriebenen "Kleingoten" wurden bei Nikopolis angesiedelt. Jordanes schreibt in seiner Gotengeschichte über sie (3):

„Es gab auch noch andere Goten, die sogenannten Kleingoten, ein unzähliges Volk. Ihr Priester und oberster Bischof war Wulfila, der ihnen auch die Buchstaben erfunden haben soll. Heutzutage bewohnen sie in Mösien die Gegend von Nikopolis am Fuß des Emimontus, ein zahlreiches, aber armes und unkriegerisches Volk, das an nichts reicher ist als an Herden aller Art, an Triften für das Vieh und Holz im Wald; das Land hat wenig Weizen, ist aber reich an anderen Fruchtarten. Von Weinpflanzungen aber wissen sie nicht einmal, daß es anderswo solche gibt, und sie kaufen sich den Wein aus der Nachbarschaft. Meist aber trinken sie Milch.“

Womöglich waren es also auch bei den Goten zunächst vor allem Unterschichten, die sich vom Christentum angesprochen fühlten. Aber auch diese bauen wenig Getreide an und leben vornehmlich von der Viehzucht. - Im übrigen versuchte Wulfila auf Bischofssynoden, dem bei den germanischen Völkern üblichen arianischen Christentum gegenüber dem bei den Römern vorherrschenden katholischen Christentum Freiräume zu erhalten. Er starb schließlich in Konstantinopel. Interessant ist auch folgende Aussage (3):

Philostorgios berichtet, Wulfila habe bewußt die alttestamentarischen Bücher der Könige nicht übersetzt, da die Goten ohnehin kriegerisch seien und in dieser Hinsicht keines weiteren Zuspruchs bedürften.

367 begann Kaiser Valens von Konstantinopel aus einen Krieg gegen die Goten in Dakien, weil diese einen Usurpator auf dem Kaiserthron mit Truppen unterstützt hatten. Im Stammesrat wählten die Goten Athanarich (gest. 381) (Wiki) zu ihrem König. Er wich den in Dakien eindringenden Römern aus, die das Land verwüsteten, bevor sie wieder abzogen.

Große Überschwemmungen brachten die Goten 368 in große Not, weshalb sie zu Verhandlungen mit den Römern bereit waren. Athanarich traf sich mit Kaiser Valens dazu auf einem Boot in der Mitte der Donau.

372 bis 376 kam es zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen bei den Goten, weil sich Athanarich gegen das Christentum stellte, ein Gegenkönig Fridigern sich aber für dasselbe erklärte und Unterstützung bei Kaiser Valens fand. 

Die Hunnen (Wiki) haben 374 die Wolga überschritten und zwischen Wolga und Kaukasus das dortige Reich der Alanen zerschlagen. 375 zerschlugen sie das Reich der Goten (Greutungen) unter König Ermanarich in der heutigen Ukraine. Ermanarich beging infolge dessen Selbstmord. Viele Greutungen flohen vor den Hunnen nach Westen.

Zwischen Dnjestr und Sereth lebten damals die Westgoten, deren Verbreitungsgebiet sich bis nach Dakien im Balkan erstreckte.

376 bis 382 - Ein erneuter Gotenkrieg

376 begann Athanarich mit Verteidigungsmaßnahmen gegen die Hunnen im Osten. Die Hunnen besiegten Athanarich in einer Schlacht zwischen Sereth und Pruth. Den Christen im Volk der Goten, sowie jenen, die sich aus diesem Anlaß taufen ließen, gelang es, bei Kaiser Valens den Übergang über die Donau zu erreichen, um sich in den Schutz des Römischen Reiches zu begeben. 200.000 Menschen wurden von der römischen Donauflotte über die Donau gesetzt. 

Athanarich hingegen floh mit seinen Getreuen in ein von den Geschichtsschreibern "Caucaland" (Wiki) genanntes Gebiet, das von den meisten Forschern mit Höhenlagen der Karpaten identifiziert wird. Zumindest die ältere Forschung hatte mehrheitlich angenommen, daß der Schatz von Pietroasa bei dieser Gelegenheit auf Befehl des Athanarich in die Erde gelangt ist (Wiki). Da Athanarich wenige Jahre später in Konstantinopel gestorben und begraben worden ist (siehe gleich), hatte der Schatz womöglich leicht in Vergessenheit geraten können.

376 stehen also die Hunnen am linken Ufer der Donau, überschreiten diese aber nicht und machen sich den Römern gegenüber kaum bemerkbar. Bei den Hunnen kam es immer wieder auch zu inneren Streitigkeiten. Am ehesten noch wurden Hunnen von den Römern dann als Hilfstruppen angestellt. Ihr Herrschaftszentrum befand sich in der ungarischen Tiefebene, in der Nähe der Donau, womöglich nahe des heutigen Budapest, des antiken Aquincum (Wiki).

378 werden die Römer dann in der Schlacht von Adrianopel (Wiki) im Nordwesten der Türkei von den Goten vernichtend geschlagen, nachdem es kurz zuvor noch Friedensverhandlungen hatte geben sollen, die aber von übereifrigen römischen Soldaten unterlaufen wurden, indem diese angriffen. Kaiser Valens fand den Tod. Es handelte sich bei dieser Schlacht nach Einschätzung der Geschichtsschreibung um den größten germanischen Sieg über Römer seit Kalkriese im Jahre 9 n. Ztr..

Athanarich wurde 380 aus Caucaland vertrieben und suchte ebenfalls Schutz hinter der Donau. 381 wurde er vom Kaiser ehrenvoll in Konstantinopel empfangen, wo er zehn Tage später überraschend starb und ein Staatsbegräbnis erhielt.

Kaiser Theodosius und Gratian trafen sich 382 in Viminatium. Dort war auch die römische Donauflotte stationiert. Im gleichen Jahr erhielten die Terwingen einen Föderatenvertrag, mit dem der "Gotenkrieg" (Wiki) beendet wurde, und wodurch die Westgoten zu Unterstützern des oströmischen Kaisertums wurden. 

Vielleicht ist während dieser Kriege der im Stil üppige, ja schwülstige Goldschatz von Pietroasa der Goten im heutigen Rumänien (Wiki) auf der nördlichen Donau-Seite versteckt worden und zurück geblieben. Vielleicht stammte er von König Athanarich. Es scheint aber noch ungeklärt zu sein, ob dieser Schatz nicht doch eher aus der Mite des 5. statt aus der Mitte des 4. Jahrhunderts stammt. Sollte letzteres der Fall sein, wären noch andere Zusammenhänge zu unterstellen, in denen dieser Schatz versteckt worden ist. Es wäre dann im Zeitalter von Atilla und Odoaker gewesen oder aus der Zeit der drei Brüder, die die dortigen Goten beherrschten (Valamir, Thiudimir und Vidimir, darunter der Vater Theoderichs).

Abb. 6: Als Adler geformte Fibel, Trinkschale (Wiki) - Weitere Teile des Goldschatzes von Pietroasa, vermutlich aus der Zeit um 350 oder 450 n. Ztr. - "Das Motiv des Adlers wurde von den Ostgoten aus der skytho-sarmatischen Kunst übernommen, es geht auf reiternomadische Vorstellungen vom Adler  als höchster Gottheit zurück." (Thü. Land.mus.) - So großer Fibel-Schmuck wurde von Männern und Frauen durchaus auch an der Schulter getragen, etwa auch von Justinian I. (Wiki) (siehe auch: a, b)

395 begannen die bisher immer sehr erfolgreich verteidigten Grenzen des römischen Reiches infolge des vielfachen Einfalls fast aller germanischer Völker und auch der Hunnen auf den Limes zu bröckeln. In dieser Zeit nutzten die Römer neben germanischen auch hunnische Hilfsvölker, um andere Germanenstämme oder um Hunnen abzuwehren.

425 bis 454 - Flavius Aëtius inmitten tobender Kämpfe

Einer der letzten bedeutenden Vertreter der römischen Balkan-Provinzen war in dieser Zeit der römische Heermeister Flavius Aëtius (390-454) (Wiki). Mütterlicherseits stammte er aus adliger italischer Familie. Auch schon sein Vater war weströmischer Heermeister gewesen. Als solcher war er von Soldaten in Gallien erschlagen worden. Wüste Zeiten, in denen Aëtius aufgewachsen ist - und kein gutes Omen!

Aëtius hat einen Teil seiner Jugend als Geisel bei den Westgoten verbracht. Dies geschah wohl in den Jahren zwischen 405 bis 408 als die Goten in Thrakien lebten und bis nach Norditalien eindrangen, wo sie hinwiederum geschlagen wurden. Später hat er Jahre als Geisel bei den Hunnen verbracht, wahrscheinlich die Jahre 411 bis 414. Er konnte also schon in früher Jugend viele Erfahrungen sammeln.

Flavius Aëtius ist in dieser Zeit insbesondere ein Freund des Hunnenkönigs Ruga (gest. 434) (Wiki) geworden, des Onkels und Vorgängers von König Attila. Ruga hatte sich durch Kriegszüge in Thrakien Tributleistungen des Kaiserhofes in Konstantinopel erzwungen. 

War in dieser Zeit aufgrund irgendwelcher Umstände der Goldschatz von Pietroasa vergraben worden? Pietroasa liegt 250 Kilometer nordöstlich von Belgrad auf halbem Wege von Belgrad an der Donau nach Siebenbürgen. Es liegt grob auch auf dem Weg von Wien nach dem damaligen Konstantinopel (heute Istanbul) (1.600 Kilometer), und zwar nach einem Drittel des Weges (G-Maps). Bei seiner Entdeckung im Jahr 1837 bestand er aus etwa 22 Gegenständen. Nur 12 Gegenstände - in einem Gesamtgewicht von 19 Kilogramm - konnten von den damaligen Behörden noch sichergestellt werden konnten, der Rest war schon an Hehler verkauft worden. In dem Schatz befanden sich insgesamt vier Gold-Fibeln, darunter drei Adler-Fibeln (s. Abb. 5) (Wiki):

Aus der Beschreibung, die die Endecker von den gefundenen Objekten gaben, ergab sich, daß ein weiteres Paar verloren gegangen war. (...) Als Befestigung der bestickten Gewänder von Königen oder Stammesfürsten wurden sie als Beiwerk zu großen Feierlichkeiten getragen, wo sie durch ihre majestätische Erscheinung den Luxus erhöhten. (...) Bei den zehn verlorenen Gegenständen soll es sich um vier Halsketten gehandelt haben, von denen zwei aus Edelsteinen bestanden, eine mit einer Inschrift, eine kleine Brosche, die paarweise zu der erhaltenen paßte, ein Kelch ähnlich einem Weinkelch, ein einfacher schmuckloser Topf und zwei Armreifen mit Edelsteinen.

Zu gleicher Zeit war der Bruder des Hunnenkönigs Rua, Oktar, gegen die damals mächtigen Burgunder bei Worms in den Krieg gezogen.

Aëtius heiratete dann die Tochter eines anderen weströmischen Heermeisters. Um zu einem Bündnis mit den Hunnen zu gelangen, hat Aëtius ihnen die Provinz Pannonien abgetreten. 425 zog er dann in innerrömischen Streitigkeiten mit einem starken hunnischen Heer nach Italien. In Gallien kämpfte Aëtius gegen die Westgoten und die Franken.

430 - Macht und Untergang der Burgunder

430 besiegten dann die Burgunder, deren Reichszentrum in Worms lag, die Hunnen. Die Hunnen waren durch den Tod von Oktar führerlos geworden. 

Die Freundschaft des Aëtius zu Ruga verschaffte Aëtius Ansehen bei einem Teil der hunnischen Völkerschaften über den Tod des Ruga hinaus. Und dieses Ansehen wurde dann zu einem stabilen Faktor in seinem Leben in den Wirren der Völkerwanderung.

Mit Hilfe hunnischer Hilfstruppen konnte Aëtius 436 das Burgunderreich in Worms vernichten. Diese Vorgänge bildeten den Ausgangspunkt der Nibelungensage, die aber in der Sage mit "eindrucksvollen" Personen verbunden worden sind, die dann erst eine Generation später lebten. So übrigens arbeitet die Erinnerung auch in Bezug auf Erlebnisse im persönlichen Leben. Nämlich daß Erlebnisse, die erst durch nachfolgendes Geschehen als besonders "eindrucksvoll" bewertet werden, vermengt werden mit jenen nachfolgenden Ereignissen (weil sie so "eindrucksvoll" sind), obwohl sie eigentlich schon zuvor geschehen waren. (Dies hat der Verfasser dieser Zeilen selbst erlebt beim Lesen von Tagebuch-Einträgen aus seiner Jugendzeit über Erlebnisse, die auf mehrere Jahre verteilt waren, obwohl sie in der Erinnerung auf ein Ereignis zusammen gezogen worden waren.) 

Zur Zeit des Untergangs des Burgunderreiches bei Worms spielte König Atilla - historisch gesehen - noch gar keine Rolle. In der Sage scheint also Ruga mit Atilla verwechselt worden zu sein. Und das Ende der Burgunder wird an den Hof des Königs Atilla verlegt, obwohl es in ihrem eigenen Land stattfand. Von einem "freundschaftlichen" Zug der Burgunder an den Hof des Hunnenkönigs die Donau hinab wissen die römischen Geschichtsschreiber nichts. Er ist aber schließlich dennoch denkbar für irgendeinen Zeitpunkt. Allerdings lebte auch der Gotenkönig Theoderich, der "Dietrich von Bern" der Sage, eine Generation nach dem Untergang der Burgunder, möglicherweise sicherlich auch zeitweise am Hof des Hunnenkönigs. Vielleicht wird auch diese Gestalt mit einem Goten verwechselt, der eine Generation vor Theoderich lebte. Es wäre vielleicht einmal sehr spannend, die heutigen Ergebnisse der Forschungen darüber wie menschliche Erinnerung arbeitet, an einer Erklärung der Entstehung dieser Sagen zu erproben. (Oder vielleicht ist das schon irgendwo geschehen?)

Aëtius war dann jedenfalls auch verantwortlich für die Ansiedlung der übriggebliebenen Burgunder im Rhonetal, wo sie ab 443 als Puffer gegen die Alemannen und Westgoten dienen sollten. Davon weiß dann die Sage hinwiederum gar nichts mehr.

... Und noch mal zurück zur Archäogenetik

Die Angehörigen all dieser germanischen Stammesverbände, die sich vor, aber insbesondere während und nach den Gotenkriegen, in dem Land rechts der Donau angesiedelt haben, werden in der neuen archäogenetischen Studie folgendermaßen charakterisiert (2):

Wir stellen beginnend ab dem 4. Jahrhundert eine neue genetische Herkunftskomponente fest in Mediana, auf dem Slog-Gräberfeld von Timacum Minus, sowie in Viminacium ... Eine Gruppierung von 10 Individuen von diesen drei Gräberfeldern sind in der Hauptkomponenten-Analyse von der eisenzeitlichen Balkan-Genetik (Kelten) verschoben in Richtung antiker mittel-nord-europäischer Genetik und in Richtung der Genetik heutiger dortiger Populationen. ... Diese Gruppe leitet sich aus zwei Haupt-Ursprüngen ab: Etwa 38 % einheimische eisenzeitliche Balkan-Genetik (...) und 50 % mittel-nord-europäische Genetik (ähnlich einem zeitgleichen langobardischen Gräberfeld in Ungarn). ... Ein beträchtlicher Herkunftsanteil (etwa 14 %) leitet sich von zeitgleichen nomadischen Steppengruppen her (Späte Sarmaten der östlichen pontisch-kaspischen Steppe) ab ... Zwei Individuen von dem Pecine-Gräberfeld bei Viminacium trugen 43 % eisenzeitliche Balkangeetik und 57 % Späte Sarmatische Genetik in sich. .... 5 von 7 Männern besaßen mittelnordeuropäische und Steppen-Y-Chromosmen, die es auf dem Balkan zuvor nicht gegeben hatte ....
We also observe new ancestry during this period at Mediana, Slog necropolis at Timacum Minus and Viminacium (mostly at Pecine and Vise Grobalja necropoli), as early as the 4th century CE. A cluster of 10 individuals from these necropoli is shifted in PCA from the Balkans Iron Age-related cluster toward Central/Northern European ancient and present-day populations (Figure 1B). This group which we refer to as Central/Northern European cluster, could be modeled as deriving from two main sources: ∼38% related to the local Balkans Iron Age substratum (we use the Balkans Iron Age-related cluster as a proxy for this type of ancestry) and 50% Central/Northern European ancestry (we use as a proxy individuals from a roughly contemporaneous Langobard-associated cemetery in Hungary 25). To obtain a fitting model, a significant proportion of ancestry (∼14%) related to contemporaneous nomadic steppe groups (proxied in our analysis by Late Sarmatians from the Eastern Pontic-Caspian steppe 26) is also needed (Figure 2; Supplementary section 12.6). This is even more evident in two individuals from the Pecine necropolis in Viminacium (referred to as Steppe cluster), who could be modelled as deriving ∼43% of ancestry from the Balkans Iron Age-related cluster and 57% ancestry from Late Sarmatian-related Steppe groups (Figure 2; Supplementary section 12.7). Y-chromosome lineages also provide evidence for gene-flow, as 5 of 7 males in the Central/Northern European and Steppe cluster belonged to two lineages not found in the Balkans earlier: haplogroup I1 with a strong Northern European distribution and haplogroup R1a-Z645, common in the Steppe during the Iron Age and early 1st millennium CE.

Nun ist die Anwesenheit von Germanen südlich der Donau ab dem 4. Jahrhundert, insbesondere ab 376 also auch von Seiten der Archäogenetik festzustellen, und zwar gleich auch mit einem vergleichsweise einheitlichen genetischen Bild, das sich über mehr als 200 Kilometer von der Donau aus nach Süden bis Naissus zieht. Nur die 57 % sarmatische Genetik fällt da etwas heraus. Aus ihnen kann abgelesen werden, daß hier Sarmaten gesiedelt haben, die erst vergleichsweise spät sich mit lokaler Bevölkerung vermischt hat, aufgrund welcher Umstände auch immer. 

Immerhin konnten die Sarmaten, die von Schnurkeramiker-Populationen aus der Gegend südlich des Ural abstammten, wo sie lange vergleichsweise "zurückgezogen" gelebt hatten, die sich dann aber mit und nach dem Untergang der Skythen weit verbreiteten, zwischen nördlichem China und Britannien, immerhin mußten diese, wenn sie ihre kulturelle und sprachliche Identität als vergleichsweise kleine kriegerische Gruppen über so weite, kulturell unterschiedliche Räume hinweg erhalten haben wollten bis ins 4. Jahrhundert, über lange Zeiträume hinweg auch endogam gelebt haben.

Wie wir gesehen haben, sind die Goten schon um 0 v/n. Ztr. auf die sarmatischen Stammesverbände nördlich des Schwarzen Meeres gestoßen. Sie haben sie verdrängt, mit ihnen Bündnisse geschlossen und es hat - wie hier die Genetik ebenfalls zeigt - offenbar schon recht bald Heiraten mit den Sarmaten gegeben. Im weiteren Verlauf haben sich Goten und Sarmaten zu beiden Seiten der Donau mit der dort einheimischen ländlichen Bevölkerung vermischt, nicht aber mit der städtischen, die genetisch anatolischer Herkunft war, und deren Genetik sich in dieser Zeit allmählich im Balkanraum "verliert" (2). Vermutlich, so die Studie (2), weil die Menschen in den ländlichen Regionen viel mehr Kinder hatten als die verbliebenen Menschen in den - verarmten - Römerstädten (die ja dann auch allmählich zumindest zum Teil zu Ruinen-Landschaften herabsanken).

441 - Der Hunnenkönig Attila

441 wurde Viminacium vom Hunnenkönig Attila (gest. 453) (Wiki) zerstört. Nachdem Attila die oströmischen Provinzen ausgeplündert hatte und die Hunnen den Bosporus nicht hatten überschreiten können, wandten sie sich gegen Westen. 

451 zog Attila nach Gallien.

Dort kam es im gleichen Jahr zur berühmten Schlacht auf den Katalaunischen Feldern. 

453 starb Attila. Das Hunnenreich brach auseinander.

454 wurde Aëtius eigenhändig von Kaiser Valentinian in Rom - während einer Audienz - erschlagen. Aëtius, so wird berichtet, rechnete dem Kaiser die Steuereinnahmen und die Finanzlage vor. Solche Ereignisse könnten es natürlich auch gewesen sein, die in die deutschen Sagen eingeflossen sind. Schließlich wurden diese von den Germanenstämmen oft sehr nah miterlebt.

Ein Jahr später wurde dann auch Valentinian seinerseits durch Anhänger des Aëtius erschlagen.

Abb. 7: Theoderich im Feldherrnmantel mit langem, gotisch getragenen Haar, Oberlippenbart, seine rechte Hand zur Ansprache erhoben. In der linken Hand ist die Siegesgöttin (Victoria) auf einem Globus zu sehen. Die Aufschrift lautet: Rex Theodericus Pius Princ(eps) i(nvictu)s (Medaillon, gefunden in Morro d’Alba (Wiki), an der Ostküste Italiens, nahe Ancona

454 - Die Brüder Valamir, Thiudimir und Vidimir in Pannonien

Wie stand es nun zu dieser Zeit um die Goten? Die Althistorikerin Verena Epp gibt in ihrem im Februar 2020 in München gehaltenen Vortrag einen sehr gedrängten, aber aufregenden Überblick über die Geschichte der Goten zu dieser Zeit. Was für ein vielfältiges Geschehen (16; 8'39 bis 23'55):

Bedroht vom Hunnenzug nach Westen hatten die Goten Ende des 4. Jahrhunderts nur die Wahl, sich dem Imperium Romanum oder dem Reitervolk zu unterwerfen. Aus der Gruppe, die sich für das Imperium entschied, entstanden die Goten Alarichs und aus diesen die Westgoten. Aus den Goten unter hunnischer Oberhoheit entstanden die Goten Valamirs und seiner beiden Brüder, Thiudimir und Vidimir, aus deren jahrzehntelangen Rivalitäten um die Führung der gesamten gens schließlich die Gruppe um Theoderich, des Sohnes von Thiudimir, letztlich zufällig als Sieger hervorging.

So faßt Verena Epp die Vorgänge einleitend zusammen. Sie berichtet weiter (16):

Nach dem Fehlschlag ihres Gallien-Feldzuges und dem plötzlichen Tod König Attilas 453 ließ die Macht der Hunnen auf dem Balkan nach, so daß verschiedene gentile Gruppen es 454 wagten, um ihre Unabhängigkeit zu kämpfen. Am Fluß Nedao in Pannonien kam es zur Schlacht, in der ostgotische Gruppen auf Seiten der Unterlegenen kämpften. Sie mußten Zuflucht im  Imperium Romanum suchen, und das heißt bei Ostrom, denn Ravenna hatte sich seit der Mitte des 5. Jh. aus diesem Gebiet zurückgezogen. Kaiser Markian gestattete König Valamir die Ansiedlung seiner Gruppe in Pannonien als römische Föderaten. Sie erhielten die pannonischen Provinzen zwischen Sirmium und Vindobona und waren für die Bewachung der Grenze zwischen ost- und  weströmischem Machtbereich zuständig - eine heikle Aufgabe, bei der man leicht zwischen die Fronten geraten konnte.
Die Goten siedelten entsprechend ihrer gentilen Dreigliederung in drei Bereichen: im Westen siedelte Thiudimir, in der Mitte der jüngste Bruder Vidimir, im Osten Valamir als der tatkräftigste, der den am meisten bedrohten Grenzabschnitt überwachte. Insgesamt dürften die drei über etwa 18.000 Krieger verfügt haben. (...)
Während der westliche Reichsfeldherr Rikimer die gens aus Noricum zu verdrängen suchte, verfolgte Konstantinopel die Strategie, sich mit den außerhalb des Imperiums siedelnden Föderaten gegen die Goten zu verbünden. Eine unübersichtliche und stets prekäre politische Gemengelage war die Folge, in  der ethnisch heterogene Gefolgschaftsgruppen einzelner gentiler Fürsten vom Ostkaiser phasenweise gegen Zahlungen in Dienst genommen und anschließend wieder bekriegt wurden. 
Als Reaktion auf diesen Wankelmut unterstrichen die gotischen Föderaten ihre Forderungen nach Subsidien 460 mit Raubzügen nach Ostillyrien. Unter  diesem Druck schloß Kaiser Leo I. umgehend mit dem Amalerkönig Valamir ein Bündnis, welches mit der Vergeiselung seines Neffen Theoderich, des späteren Großen, bekräftigt wurde, der in  der Folge zehn prägende Jahre in der politischen und kulturellen Weltmetropole Konstantinopel verbrachte. Im Gegenzug halfen die gotischen Föderaten  dem Ostreich sogar im Jahr 469, den Sohn Attilas, Dengizich, zu besiegen und zu töten. (...)
Kaiser Leo I. schickte 471 die inzwischen 18jährige Vertragsgeisel Theoderich an die gens zurück. Dieser übernahm das Gebiet seines inzwischen gefallenen Onkels Valamir, während sein Vater Thiudimir König aller pannonischen Goten wurde. Der Sohn jedoch profilierte sich in der Folge, ohne den Vater einzuweihen, durch eigene Kriegszüge gegen die Sarmaten, er eroberte Singidunum, das heutige Belgrad, ohne es an Konstantinopel zurückzugeben (...). Damit  brachte sich Theoderich als potentieller  Kandidat für das Königtum der gesamten gens ins Spiel. Von diesem Zeitpunkt an datierte er später auch den  Beginn seiner eigenständigen Königsherrschaft, so bei der Feier der Tricennalien im Jahr 500.

Außerordentlich verrückt und kennzeichnend das weitere Geschehen (16):

Jordanes berichtet, daß die Goten Theoderichs (...) aus Mangel an Beutemöglichkeiten in ihrem Umfeld und aus Friedensmüdigkeit („hominibus, quibus dudum bella alimonia prestitissent, pax coepit esse contraria“) Thiudimir „cum magno clamore“ aufgesucht und gefordert hätten, er möge sie wohin auch immer in den Krieg führen

So nahmen dann Thiudimir und sein Sohn Naissus und Stobi ein und marschierten ins Illyricum, wo sie Heraclea und Larissa plünderten. 474 starb Theoderichs Vater. Als gotischer Heerführer wurde von Seiten des Kaisers in Konstantinopel Strabon gefördert, der in Konkurrenz zu Theoderich trat. Als sie aber nicht - wie erwünscht - Krieg miteinander führten, rief der Kaiser die Bulgaren gegen die Goten ins Land. Strabon (16) ...

... schlug sie zurück und marschierte Richtung Konstantinopel. Strabon war kurz vor dem Ziel, alleiniger  Gotenkönig zu werden - wenn nicht, ja wenn nicht 481 ein Reitunfall sein Leben jäh beendet hätte. Er wurde von einem noch nicht zugerittenen Pferd aus dem Sattel geschleudert und stürzte im Fallen so unglücklich auf eine Lanzenspitze, daß er kurz darauf seinen Verletzungen erlag.
Theoderich und die zunächst in Pannonien und dann in Mösien siedelnden Goten waren die Gewinner dieses Unglücks. Der überlebende Theoderich band die Gefolgsleute seines toten Gegners an sich und ermordete höchst selbst den Sohn seines Rivalen, Rekitach, und zwar mit Wissen des Kaisers. Er durchbohrte ihn, als dieser nichtsahnend vom  Bad in der Vorstadt Bonophatianae zu  einem Fest ging, eigenhändig mit dem Schwert. Anschließend startete er eine Eroberungsaktion in Griechenland, deren Verwüstungen (Kaiser) Zenon dazu zwangen, ihm endlich die gewünschten Vertragsbedingungen zu gewähren. Er wurde wieder magister militum und patricius, zum Konsul für das Jahr 484 designiert sowie mit Uferdakien und Teilen Mösiens ausgestattet.
Das wechselseitige Misstrauen zwischen gotischem Heerführer und Kaiser war damit keineswegs ausgeräumt. In  den Jahren 486 und 487 kam es zum offenen Schlagabtausch: Zenon stachelte erneut die Bulgaren gegen die Goten auf, Theoderich marschierte auf Konstantinopel, besetzte wichtige Vororte und unterbrach die Wasserversorgung der Stadt, deren Topographie er aus der Zeit seiner Geiselhaft bestens kannte. Zenon mußte ihm daraufhin die immer noch in Geiselhaft gehaltene Schwester Amalafrida zurückgeben und er zog nach Thrakien ab.
Doch ihm war klar, daß er im Ostreich keine sichere Perspektive für sich  und seine Leute hatte, da der Kaiser  keine militärische Dominanz der Goten im Ostreich dulden würde. Als der Konflikt zwischen Zenon und dem italischen Königreich unter dem Skiren Odoaker einsetzte, ergriff Theoderich daher die Chance, sich vertraglich als Stellvertreter des Kaisers nach Italien entsenden zu lassen, um dort „praeregnare“, die Herrschaft auszuüben, bis der Kaiser selbst in diese Region kommen würde.

Es ist sicherlich wichtig, diese ganze frühe Geschichte des Lebens von Theoderich und der von ihm geführten Goten zu kennen, wenn man ihre weitere Geschichte in Italien dann angemessen einordnen will.

454 bis 468 - Der Heermeister Marcellinus in Dalmatien

Soweit die Geschehnisse in Pannonien. Was aber geschah zeitgleich in Dalmatien? Der hier befehlende Marcellinus (gest. 468) (Wiki) war ein guter Freund des Aëtius gewesen. Marcellinus stammte aus einer Honoratiorenfamilie in Dalmatien und sagte sich nach der Ermordung des Aëtius vom weströmischen Reich los. Er errichtete in Dalmatien einen eigenen Herrschaftsbereich. Marcellinus war kein Christ. Er war vielmehr ein eifriger Anhänger der alten heidnischen Kulte. Er pflegte die Freundschaft zu heidnischen Philosophen. Außerdem soll er sich als Wahrsager betätigt haben. Das alles noch einhundert Jahre nach der Regierungszeit des Kaisers Julian des Abtrünnigen, der ja ähnliche Einstellungen an den Tag gelegt hatte.

Militärisch entwickelte sich Marcellinus zu einem kompetenten Truppeführer, der seine Soldaten stets gut ausrüstete. Marcellinus stellte sich später wieder in den Dienst des weströmischen Kaisers und kämpfte gegen die Wandalen in Sizilien und Sardinien. An der Eroberung von Karthago jedoch scheiterte er. 468 wurde auch er von einem seiner Offiziere auf Sizilien ermordet. 

Kaum eine führende Gestalt dieser Zeit scheint nicht durch Mord ihr Leben beendet zu haben. Julius Nepos (430 bis 480) (Wiki), ein Neffe des Marcellinus, wurde dessen Nachfolger in Dalmatien. Der Kaiser in Konstantinopel gab ihm eine seiner Nichten zur Frau und sandte ihn mit einem Heer nach Italien. 474 nahm Julius Nepos in Rom den Kaisertitel an. Er wurde aber 475 von einem konkurrierenden Heermeister wieder aus Italien vertrieben. Er floh zurück nach Dalmatien.

476 bis 493 - Odoaker in Italien

476 riß Odoaker (433 bis 493) (Wiki) in Italien die Herrschaft an sich. Er wurde König von Italien. Odoaker stammte mütterlicherseits aus dem germanischen Volksstamm der Skiren (Wiki). Diese lebten schon 200 v. Ztr. am Schwarzen Meer und gelangten im Verband des Heeres der Hunnen nach Westen. Sein Vater hinwiederum scheint thüringischer Herkunft gewesen zu sein. Er hatte im Dienst des Hunnenkönigs Attila gestanden. An dessen Hof war Odoaker auch aufgewachsen. (Womöglich hat die Nibelungensage diesen Vater des Odoaker mit dem erst später lebenden Theoderich verwechselt.)

Odoaker diente im weströmischen Heer und stellte sich 476 an die Spitze von Meuterern, die ihn zum König wählten. Er übernahm die Herrschaft in Italien, sandte aber den kaiserlichen Ornat nach Konstantinopel und unterstellte sich damit formell dem oströmischen Kaiser. Das weströmische Kaisertum endete damit zwar. Die römische Verwaltung blieb allerdings erhalten.

Odoaker vergab Land an Heruler, Skiren und Thüringer. Allerdings verfolgte Odoaker andere Germanen auch mit "Haß" wie es im Hildebrandslied heißt. So den Hildebrand, angenommenerweise den Heermeister des Königs Theoderich, der nach Osten floh und 60 Jahre außer Landes weilte (Wiki).

488 bis 526 - Theoderich

488 zog Theoderich dann mit seinem Volk, Goten und verbündeten Rugiern aus Noricum - etwa 100.000 Menschen, darunter 20.000 Kriegern - nach Italien. Pannonien blieb unter seiner Herrschaft. Von 490 bis 493 belagerte Theoderich Ravenna. Dorthin hatte sich Odoaker geflüchtet. Nach dem Friedensschluß ermordete Theoderich Odoaker und übernahm die Alleinherrschaft in Italien.

Zwischen 500 und 550 lebte der Geschichtsschreiber Jordanes (Wiki), der selbst gotischer Abstammung war und als Sekretär des römischen Heermeisters von Thrakien tätig gewesen war. Er schrieb in Konstantinopel die einzige vollständig überlieferte Geschichte der Goten, allerdings auf der Grundlage einer nicht überlieferten Goten-Geschichte, die 520 im Auftrag von Theoderich dem Großen in Italien verfaßt worden war von Seiten des römischen Senators Cassiodor. 

Kaiser Maurice

582 wurde Viminacium durch die Awaren zerstört. 599 konnten die Awaren in einer Schlacht besiegt werden. Die Awaren sind aber wieder eine andere Geschichte. Sie waren im Kern vermutlich ein Turkvolk aus dem Inneren Asiens.

 

Abb. 8: Spangenhelm aus dem Fürstengrab bei Planig bei Bad Kreuznach, 520 n. Ztr. - Teil der byzantinischen Offiziersausstattung - Hier auf dem Umschlagbild von "Deutsche Heldensagen", hrsg. von E. Mudrak (Verlag Ensslin & Laiblin, Reutlingen) - Seit 1955 in mehr als 30 Auflagen erschienen

2021 - Die Archäogenetik erforscht die Goten

Es sei noch zitiert, wie die Ergebnisse der genannten archäogenetischen Studie in der Zusammenfassung benannt werden (2):

  • Unsere Analysen decken große Bevölkerungsbewegungen aus Anatolien heraus auf während der Römischen Kaiserzeit, ähnlich dem Geschehen, das zu gleicher Zeit in Rom zu beobachten ist; sogar einzelne Fälle von Menschen aus dem östlichen Afrika.
  • Zwischen ungefähr 250 und 500 n. Ztr. stellen wir einen Gen-Zufluß aus dem Mittleren und Nördlichen Europa fest, der auch Einmischungen eisenzeitlicher Steppen-Gruppen in sich birgt.
  • Individuen des 10. Jahrhunderts n. Ztr. tragen nordosteuropäische Genetik in sich, die vielleicht in Beziehung stehen zu slawischsprachigen Völkern, die genetisch zu über 20 % der Herkunft der heutigen Völker auf dem Balkan beigetragen haben. 
  • Originaltext:
    • Our analyses reveal large scale-movements from Anatolia during Imperial rule, similar to the pattern observed in Rome, and cases of individual mobility from as far as East Africa.
    • Between ca 250-500 CE, we detect gene-flow from Central/Northern Europe harboring admixtures of Iron Age steppe groups.
    • Tenth-century CE individuals harbored North-Eastern European-related ancestry likely associated to Slavic-speakers, which contributed >20% of the ancestry of today's Balkan people.

Die Ausbreitung der kaiserzeitlichen, anatolischen Genetik in den Balkanraum war, wie wir gleich hören werden, historisch gesehen nur "vorübergehender" Art. Die Studie stellt für die Völkerwanderungszeit fest (2):

Das genetische Erbe der eisenzeitlichen Völker des Balkans lebte in vermischter Form in späteren Gruppen, einschließlich der heutigen fort, während das nahöstliche (anatolische) genetische Erbe vermutlich abebbte zugunsten der nördlichen und osteuropäischen Herkunft. Eine Erscheinung, die ähnlich auch in der Stadt Rom selbst beobachtet werden konnte. Dieses Ergebnis unterstützt die Hypothese, daß jene Individuen, die genetisch Teil der kosmopolitischen Bevölkerung des Römischen Reiches waren, vornehmlich in den kaiserzeitlichen Städten und Großstädten lebten und daß sie über die Zeit hinweg demographisch von den Populationen auf dem Lande ersetzt worden sind durch höhere Geburtenzahlen oder durch Völker ohne so großen nahöstlichen genetischen Einfluß.
Original: The legacy of Balkans Iron Age groups persists in admixed form in later groups including present-day Balkan populations (see below), whereas the Near Eastern-related ancestral legacy eventually ebbed in favor of Northern/Eastern European-related ancestry, similar to the patterns observed in the city of Rome itself . These findings support the hypothesis that such individuals were part of a cosmopolitan group comprising a large proportion of individuals in Imperial towns and cities who over time were demographically overwhelmed by populations in the countryside or by faster reproductive rates of rural or populations without as much Near Eastern influence.

Aus dem zehnten Jahrhundert sind zwei Individuen sequenziert worden, die eineiige Zwillinge waren, und die genetisch aus dem südwestlichen Europa (also wohl doch: Spanien) (!) stammten.

Sicherlich ein auffallender Befund, der noch auf eine plausible historischen Erklärung und Einordnung wartet. Das 10. Jahrhundert ist die Zeit des Beginns der Wiedereroberung Spaniens von Norden aus durch die christlich-abendländische Ritterschaft (Wiki).

... Und die Urheimat der Slawen? - Im Nordosten Europas?

In dieser Zeit war ein neuer Y-chromosomaler Haplotyp nach Serbien gekommen, der zuvor, in der Völkerwanderungszeit dort nicht zu finden war. Auch hatte sich die Genetik noch einmal Richtung nordöstlichem Europa verschoben. Die Menschen stammten zu 56 % von eisenzeitlicher Balkan-Genetik ab und zu 44 % von eisenzeitlicher nordosteuropäischer Genetik. In der Studie heißt es (2):

Die Slawen, die die Balkanländer während des 6. Jahrhunderts plünderten, und die sich in dieser Region im 6. Jahrhundert ansiedelten, hatten einen langfristigen kulturellen Einfluß, der sich in den slawischen Sprachen widerspiegelt, die in dieser Region heute gesprochen werden, einschließlich Serbisch, Kroatisch, Montenegrinisch, Bosnisch, Slowenisch, Makedonisch und Bulgarisch. Sogar die heutigen Menschen der Peloponnes tragen einen kleinen aber bemerkenswerten Anteil slawischer genetischer Herkunft in sich. Aber die Urheimat der slawischen Völker und das Ausmaß ihres demographischen Einflusses innerhalb der Region ist bislang noch nicht gut verstanden.
The Slavs, who raided the Balkans during the 6th century and settled in the region in the 7th century, had a particularly long-lasting cultural impact, reflected in the Slavic languages widely spoken in the region today including Serbian, Croatian, Montenegrin, Bosnian, Slovenian, Macedonian, and Bulgarian. Even present-day Peloponnesians (southern tip of the Balkan Peninsula) carry a small yet significant amount of Slavic-related ancestry, but the ultimate origin of Slavic speakers and the degree of demographic impact in the region is not yet well understood.

Sogar auf dem griechischen Festland und den ägäischen Inseln findet die Studie 30 %, bzw. 7 bis 20 % dieser genetischen Herkunftsgruppe. Offenbar gelingt es mit dieser Studie immer noch nicht, diese genetische Herkunftsgruppe genauer zeitlich und örtlich einzugrenzen außer sie als grob "eisenzeitlich nordosteuropäisch" zu benennen.

Seit jener Zeit ist das genetische Erbe der Goten und der anderen ostgermanischen und sarmatischen Völker auf dem Balkan bis heute erhalten geblieben. Ihre reiche Vielfalt an Sprachen, ihre reiche Vielfalt an Kultur - dahingeschmolzen vor dem heißen Atem der Völkergeschichte.

_____________

  1. Jordanes und Prokop: Geschichte der Goten, https://archive.org/details/diegeschichtschr0507weimuoft/page/n5/mode/2up
  2. Cosmopolitanism at the Roman Danubian Frontier, Slavic Migrations, and the Genomic Formation of Modern Balkan Peoples Inigo Olalde, Pablo Carrion, Ilija Mikic, Nadin Rohland, Shop Mallick, Iosif Lazaridis, Miomir Korac, Snezana Golubovic, Sofija Petkovic, Natasa Miladinovic-Radmilovic, Dragana Vulovic, Kristin Stewardson, Ann Marie Lawson, Fatma Zalzala, Kim Callan, Zeljko Tomanovic, Dusan Keckarevic, Miodrag Grbic, Carles Lalueza-Fox, David E. Reich bioRxiv 2021.08.30.458211; veröffentlicht 31.8.2021, doi: https://doi.org/10.1101/2021.08.30.458211 This article is a preprint and has not been certified by peer review 
  3. Wolfram, Herwig: Die Anfänge der Goten und die Scythica Vindobonensia, Katholische Akademie in Bayern, 26.2.2020. Einführungsvortrag zu der Veranstaltung" Die Goten in der Geschichte Europas - Vermittler zwischen Antike und Mittelalter". Sonderheft 4/2020, Historische Tage 2020, Manuskript: https://www.kath-akademie-bayern.de/dokumentation/debatten/debatte/die-goten-in-der-geschichte-europas.html; Programm: https://www.kath-akademie-bayern.de/veranstaltungen/veranstaltungen/veranstaltung/2020-die-goten-in-der-geschichte-europas.html;  siehe auch AUDIO-Kanal, 26.03.2020, https://youtu.be/0C9g1u66Aog.
  4. Bading, Ingo: Ein Zauderer legte die Grundlagen für den Sieg bei Kalkriese 9 n. Ztr., 4.9.21, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/09/ein-zauderer-legte-die-grundlagen-fur.html
  5. Grusková, Jana: Dexippos Vinbonensis, https://www.oeaw.ac.at/scythica-vindobonensia/
  6. Zwischen den Zeilen gelesen, 2014, https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/zwischen-den-zeilen-gelesen-2710/
  7. Günther Martin, Jana Grusková: „Dexippus Vindobonensis“(?). Ein neues Handschriftenfragment zum sog. Herulereinfall der Jahre 267/268, Wiener Studien 2014, S. 101-120, doi:10.1553/wst127s101 (Academia
  8. Günther Martin, Jana Grusková: “Scythica Vindobonensia” by Dexippus(?): New Fragments on Decius’ Gothic Wars. In: Greek, Roman and Byzantine Studies, 2014, S. 228-254, https://grbs.library.duke.edu/article/view/15071
  9. Fritz Mitthof/Gunther Martin/Jana Grusková (Hrsg.): Empire in Crisis: Gothic Invasions and Roman Historiography. Beiträge einer internationalen Tagung zu den Wiener Dexipp-Fragmenten (Dexippus Vindobonensis), Wien, 3.-6. Mai 2017. Holzhausen, Wien 2020 (Tyche - Supplementband 12). X  (608 S.) (E-Book, als pdf frei verfügbar)
  10. Ulrich  Huttner : Rezension zu 9. In: Plekos 23 , 2021, 139-159 (URL:  http://www.plekos.uni-muenchen.de/2021/r- empire_in_crisis .pdf)(Rezension: DocPlayer)
  11. Bading, Ingo: Turkvölker, Indogermanen, Sarmaten und Hunnen - Zwischen Mongolei und Kaukasus  Die Geschichte der Völker in der Mongolei und rund um das Altai-Gebirge, 7.11.2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/11/turkvolker-indogermanen-sarmaten-und.html
  12. Wolfram, Herwig: Die Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts.1990 (G-Books
  13. Fürst von Planig, https://rlp.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=2892
  14. Panholzer, Torsten: Geschichte von Planig und der Pfarrei St. Gordianus, https://bistummainz.de/pfarrei/bad-kreuznach-st-gordianus/geschichte/geschichte-von-planig-und-pfarrei/
  15. Deutsches Historisches Museum: Spangenhelm vom Typ Baldenheim aus dem 6. Jahrhundert  - Wissenswertes aus vergangenen Epochen, 2020, https://www.facebook.com/Wissenswertes.aus.vergangenen.Epochen/photos/a.1834901409885617/3766696410039431/
  16. Verena Epp: Ostgotische Gruppen als Beutegenossen und Föderaten auf dem Balkan (454-488). Vortrag gehalten auf einer Tagung der Katholischen Akademie in Bayern, München, Februar 2020, https://youtu.be/RX_QnkVYfKQ; Manuskript: https://www.kath-akademie-bayern.de/dokumentation/debatten/debatte/die-goten-in-der-geschichte-europas.html

Samstag, 4. September 2021

Ein Zauderer legte die Grundlagen für den Sieg bei Kalkriese 9 n. Ztr.

Wurden die Grundlagen für den Sieg bei Kalkriese 9 n. Ztr. nördlich von Wien gelegt?
- Dort hatte ein germanischer König gegen zwölf römische Legionen standgehalten. Durch seine ruhige Haltung hatte er das germanische Selbstbewußtsein gestärkt und die römische Aufmerksamkeit eingeschläfert.

War es also die starke aber zurückhaltende Stellung des Markomannen-Königs Marbod nördlich von Wien, die zu dem Widerstand auch des Cherusker-Fürsten Arminius gegen die Römer bei Kalkriese ermutigte und ihn erst ermöglichte? Schuf die starke Stellung Marbods wichtige Voraussetzungen für die Siege des Arminius ab 9 n. Ztr.? Muß derjenige eine größere geschichtliche Perspektive mit berücksichtigen, der zu einer richtigen Einordnung der Schlacht von Kalkriese 9 n. Ztr. gelangen will? 

- Sind also nicht nur die stürmischen Naturen wichtig für Widerstand (Arminius), sondern auch die vorsichtigeren Zauderer (Marbod)?

1. Eine Quaden-Fürstin bei Halle

Eine Prinzessin aus der Gegend nördlich von Wien heiratet einen Fürsten aus der Gegend von Halle (1, 2).

Abb. 1: Die Hermunduren östlich von Halle, die Quaden nördlich von Wien

Es geschieht dies aus Dankbarkeit für die Befreiung ihres Vaterlandes aus der Herrschaft der Römer. Die Prinzessin stammt aus dem Germanenstamm der Quaden, die nördlich der Donau leben, der Fürst ist ein Hermundure. Die Krieger Hermunduren hatten geholfen, den Stamm der Quaden von der Römerherrschaft zu befreien.

Im Vorgeschichtlichen Museum Halle ist die Urne dieser Quaden-Prinzessin und ihre Grabbeigaben ausgestellt. Sie sind 2006 in der Nähe von Halle entdeckt und ausgegraben worden (Wiki). Harald Meller, Leiter des Museums, erzählt die Geschichte dieser Prinzessin, soweit sie rekonstruiert werden kann (1).

Man ist verleitet, über diese Geschichte einen Roman zu schreiben. Was für eine Szenerie. Und immerhin scheint diese Geschichte ja sogar versöhnlicher geendet zu haben als die Geschichte von Arminius und Thusnelda, die sich nur wenige Jahrzehnte zuvor abgespielt hatte. Diese Quaden-Prinzessin und ihr Ehegemahl lebten im selben Jahrhundert wie die Arminius und Thusnelda. Und mit dieser Geschichte erhalten wir deshalb einen weiteren, vergleichsweise tiefen Blick in all das, was in dieser Zeit menschlich und politisch "möglich" war. Wir erhalten einen tieferen Blick hinein, wie Menschen damals dachten und handelten, welche Leidenschaften sie antrieben, welcher Stolz sie erfüllte, von welcher Klugheit sie sich leiten ließen.

Doch um diesen Dingen nachzugehen, muß zunächst geklärt werden: Wer waren denn diese Quaden? Wer waren denn jene Markomannen, zu deren Stammesverband die Quaden zählten? Was hatten sie bis zu jener Zeit erlebt als diese Geschichte sich zutrug? Immerhin (Wiki):

Es handelt sich um das bislang reichste Frauengrab der frühen Römischen Kaiserzeit in der gesamten Germania magna.

Der Wert des Goldschmuckes, mit dem zusammen diese Fürstin bei Halle bestattet worden ist, beträgt die Summe des Soldes, den ein einzelner römischer Legionär seine ganze Dienstzeit hindurch verdienen konnte (1). Muß es da nicht doch viel Vorgeschichte gegeben haben? War dies womöglich noch eine Frau vom Schlage der Thusnelda - sozusagen?

Das Urnengräberfeld, in dem die Urne dieser Quaden-Fürstin gefunden wurde, besteht aus 560 Gräbern. Sie sind datiert auf die Zeit 85 v. bis 90 n. Ztr. (Wiki). Die Markomannen haben also 175 Jahre in der angrenzenden Siedlung gelebt. Das ist eine vergleichsweise lange Zeit. Da man immer von so vielen "Wanderungen" von den Germanen hört, ist es doch auch wichtig, sich auch einmal klar zu machen, wie viel Kontinuität es bei ihnen - auch - gegeben hat. Die Markomannen dieses Gräberfeldes könnten aber gut und gerne auch schon 58 v. Ztr. an den Kriegszügen des Ariovist bis über den Rhein gegen Cäsar teilgenommen haben (Wiki).

2. Ein germanischer König nördlich von Wien

Und indem wir den genannten Fragen nachgehen, wird uns erst bewußt, wie stark die Geschichte der Stämme an der Donau mit der Geschichte von Arminius und Thusnelda sogar sehr konkret verwoben war. Die Fürstin Thusnelda uns diese Quaden-Fürstin werden wohl zumindest dem Hörensagen nach voneinander gewußt haben.

Die Geschichte der Quaden (Wiki) an der Donau ist im Grunde ebenso begeisternd wie die Geschichte der Cherusker im Teutoburger Wald, also nahe des Wiehengebirges bei Kalkriese. Der König der Quaden ist Marbod (30 v.-37 n. Ztr.) (Wiki), der König zugleich der Markomannen. Er hat - vermutlich - in der Nähe von Wien nördlich der Donau seine Stadt Maroboudon (Wiki) errichtet. Ein römischer Historiker hält über Marbod fest:

"Er besaß einen kühnen Geist und war mehr von seiner Abkunft als von seinen geistigen Fähigkeiten her ein Barbar."

Welch hohes Lob in den arroganten Worten dieses Römers! Lassen wir es einmal gelten. Diese Aussage wird tatsächlich durch das zurückhaltende Agieren des Marbod zwischen den Fronten der allzu streitbaren Germanen auf der einen Seite und der allzu eroberungslustigen Römer auf der anderen Seite bezeugt. Marbod bewahrte sich lange Zeit eine trotzige Unabhängigkeit sowohl gegenüber den Römern wie gegenüber der Rom-feindlichen Partei unter den Germanen. Darüber ist zu erfahren (Wiki):

5 n. Ztr. erstreckte sich Marbods Reich bis an die mittlere Elbe und umfaßte dort die Semnonen, "also genau jenen Stamm, der sich Tiberius nicht unterwerfen wollte. […] Die Schwierigkeiten (der Römer) an der Elbe rührten eindeutig daher, daß die Elbgermanen im Markomannenkönig einen Rückhalt fanden." Am östlichen Ufer der Elbe versammelten sich zunehmend elbgermanische, von Marbod abhängige Truppen. Daher ordnete Augustus an, das Marbodreich als den letzten großen Machtblock in Germanien zu unterwerfen.

Eine riesige Heermacht wurde zusammengezogen, um das Marbod-Reich zu zerschlagen. Ein Aufstand in Pannonien ließ es dazu aber dann doch nicht kommen. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus berichtet, Marbod habe später geprahlt (Wiki):

"Von zwölf Legionen unter Führung des Tiberius angegriffen, habe ich den Ruhm der Germanen unversehrt erhalten."

Es wird immerhin deutlich, daß durch diese Vorgänge das Selbstbewußtsein der Germanen, die erlebt hatten, wie ganz Gallien unter die Herrschaft der Römer geraten war, deutlich gesteigert worden sein könnte. Man spürt womöglich auch, daß Marbod eine "Vorlage" geschaffen hatte, als Vorbild gewirkt hatte, dem dann andere Germanenfürsten nachstreben, nacheifern konnten. Er hatte womöglich dadurch andere Germanenfürsten zu noch mehr Widerstand ermutigt. Die Semnonen sind ein Germanen-Stamm, der damals an der Mittleren Elbe und im Havelland lebte. Ihr berühmtes, viel gesuchtes Stammesheiligtum könnte nahe der Boltenmühle nördlich von Neuruppin gelegen haben, wo im Wald große Wallanlagen gefunden wurden (3). Aber das nur nebenbei.

Erst 8 n. Ztr. war der Pannonische Aufstand niedergeschlagen worden. Anstatt aber nun gegen Marbod zu ziehen, zog - kaum zu glauben: Varus im Jahre 9 n. Ztr. mit drei Legionen in mehr oder weniger friedlicher Absicht in ein Sommerlager an die Weser. 

Der Rest, der folgte, ist Weltgeschichte.

So schnell kann es gehen. Von ganz oben nach ganz unten.

Aber erst wenn man diese Vorgeschichte rund um Marbod kennt, wird einem bewußt, daß es die stolze Stellung des Marbod war, die auch die anderen Germanenstämme dazu ermutigte, sich gegen die Römer zu stellen. Und daß sich die Römer dazu - geradezu "wie auf einem Tablet" - darreichten mit ihrem friedlichen Sommerlager an der Weser: Insgesamt wird auch sogar die Ursache für diesen Umstand in der friedlichen, zurückhaltenden Haltung des Marbod gelegen haben. Denn er hatte ja noch nicht einmal den Pannonischen Aufstand dafür genutzt, um den Römern in den Rücken zu fallen. Diese Haltung dürfte die Römer dazu veranlaßt haben, zumindest das linkselbische Germanien, das man sich ja schon seit bald zwanzig Jahren abhängig gemacht hatte und mit Durchzugsmärschen kennen gelernt hatte, mehr oder weniger für sicherer zu halten als es damals - von der Psychologie her - tatsächlich war. 

3. Die Markomannen werden zum Bündnis gegen Rom aufgefordert

Arminius sandte nach der Schlacht bei Kalkriese 9 n. Ztr. das Haupt des Varus an Marbod, um ihn zu einem Bündnis zu bewegen. Aber nun wieder eine entscheidende Weichenstellung: Marbod sandte das Haupt weiter nach Rom. Er wollte es sich mit den Römern keineswegs so stark verderben wie es die Cherusker getan hatten. Ob das von seiner Seite aus eine "kluge" Maßregel war? Sorgte er, daß sein Ansehen in der germanischen Welt sank, wenn er sich zu eindeutig auf die Seite des Arminius stellte? War er sich, der den Römern an der Donau direkt gegenüber stand, der militärischen Kräfteverhältnisse deutlicher bewußt, als die Cherusker, die hinter ihren Bergen weit entfernt vom Rhein lebten - ?

Unglaublich tapfer spielt sich dann das weitere Leben des Armnius (17 v. bis 21 n. Ztr.) (Wiki) vor unseren Augen ab. Er vergab den Römern nichts. Er lieferte ihnen eine Schlacht nach der anderen. Erst dieser hartnäckige Widerstand nach der Varus-Schlacht bewirkte, daß die Römer längerfristig auf eine Eroberung des rechtsrheinischen Germanien verzichteten. Nicht eine einzelne erfolgreiche Schlacht, auch nicht die bloß "kluge", hinhaltende Haltung des Marbod waren dafür entscheidend geworden. Nein, es hat Gründe, daß Arminius - und nicht Marbod - der Held der germanischen Sagenwelt geworden ist.

Aber es kommt noch krasser: Marbod stellte sich im weiteren Verlauf gegen Arminius. Es ist zu lesen (Wiki):

In den Jahren 9 bis 16 n. Ztr. gehörten zu den Verbündeten des Arminius neben den Cheruskern die Brukterer, die Usipeter, Chatten, Chattuarier, Tubanten, Angrivarier, Mattiaker und Lander. Im Frühjahr 17 n. Ztr. kam es zu einer Schlacht gegen Marbod, aus dessen Machtbereich die Semnonen und Langobarden zu Arminius übergelaufen waren. Dagegen ging Inguiomer, der Onkel des Arminius, zu Marbod über. Marbod wurde von Arminius besiegt und mußte sich nach Böhmen zurückziehen.

Was für ein Schicksal, das Schicksal des Arminius, der nun auch noch mit dem mächtigen Marbod Krieg führen muß. Und was für ein Lebensende. Ermordet, vier Jahre später - im Jahr 21 n. Ztr. - von den eigenen Verwandten, von Verwandten auch noch, die diesen Mord zuvor den Römern angeboten hatten.

Noch heute wirkt diese Sagengestalt in den Seelen der nachlebenden Deutschen nach. Denn das ist uns ins kulturelle Gedächtnis geschrieben: Der Stoß des Hagen in den Rücken des Siegfried. Er wird immer wieder möglich sein. So weiß es ein dumpfes Ahnen aller Deutschen. Verrat lauert immer wieder. Und die verwundbare Stelle, die das Lindenblatt übrig gelassen hat beim Bad im Drachenblut, nämlich des Kampfes gegen Rom, dieses Lindenblatt ist die "Achillesferse" der Deutschen.

4. Ein König wird gestürzt, ein zweiter ermordet

Marbod ist - von der Sagenwelt her gesehen - "vergessen". Er sprach die Herzen der germanischen Krieger - offenbar - nicht so an wie die Taten des Arminius. Sich in starker militärischer Haltung nur hinhaltend aus den Kräftebewegungen der Weltgeschichte "heraus zu halten", spricht tapfere Herzen in Germanien offenbar nicht so stark an als sich aktiv gegen den Feind zu stellen. Eine solche von Marbod eingenommene Haltung wäre vermutlich auch ohne den Arminius auf die Dauer nicht die richtige Haltung gewesen - aus Sicht des freien Germaniens, um sich gegen Rom behaupten zu können. Es bedurfte sicher dazu leidenschaftlicherer Aufwallungen.

Marbods "Klugheit" brachte ihn dazu, nicht den offenen Widerstand mit den Römern von sich aus zu suchen. Die Gallierkriege werden allen Germanen noch zur Genüge in den Knochen gesteckt haben. Und man möchte so manche Berechtigung sehen für Marbods Klugheit. Gerade im Angesicht dieser Klugheit wird es großer Leidenschaften bedurft haben, um anders zu entscheiden, um so zu entscheiden wie Arminius.

Marbod war also in sehr geschwächter Stellung aus seiner Schlacht gegen Arminius zurück gekehrt. Schnell entschied sich dann die Weltgeschichte gegen ihn (Wiki):

Ein vom Markomannenkönig einst vertriebener Adliger, Catualda, der zu den Gotonen geflüchtet war, kam jetzt mit einem größeren Truppenaufgebot zurück und gewann andere markomannische Adlige durch Bestechung für seine Unterstützung. So konnte Catualda den Königssitz und die Festung von Marbod erobern. Dieser suchte sein Heil in der Flucht über die Donau nach Noricum zu den Römern, doch wurde er von Tiberius nicht für eine Rückkehr militärisch unterstützt. Stattdessen bezeichnete der Monarch Marbod in einer Senatsrede als größere Bedrohung als einst Pyrrhos I. und Antiochos III. für Rom, solange der Markomanne noch über sein Volk geherrscht hatte. (...) Der Kaiser war aber zum Angebot eines sicheren Geleits zur Grenze zurück oder eines würdigen Asyls in Italien bereit. Marbod entschied sich für letzteres und wurde in Ravenna festgesetzt, wo er 18 Jahre später starb.

Was für ein Schicksal. Selbst ein sicheres Geleit zur Grenze schlug Marbod aus. So sehr hatte er an Ansehen in seinem Volk verloren.

Ob Tiberius dennoch nicht ganz Unrecht hatte? Vielleicht war es gerade die zurückhaltende, "kluge", abwartende Politik des Marbod gewesen, die die Römer sich so furchtbar hatte täuschen lassen über die Germanen. Die Römer mußten sich offene Freunde oder Feinde wünschen. Aber nicht einen solchen machtvollen und zugleich "undurchsichtigen" König. Und in diesem Sinne könnte es durchaus Gründe geben, Marbod in ehrendem Gedächtnis zu behalten: Er galt den Römern als zu gefährlich, als daß sie sich für seine Wiedereinsetzung stark machen wollten. Diesen Ruhm darf Marbod durchaus für sich beanspruchen. Wer wohl wollte ihm diesen Ruhm absprechen?

Wer weiß denn überhaupt, ob es Marbod selbst war, der von sich aus den Krieg mit Arminius gesucht hat? Seiner Klugheit hätte es doch wohl besser angestanden, einen solchen Krieg zu vermeiden. Womöglich gab es eine romfreundliche Partei in seinem Volk, der gegenüber er sich nicht durchsetzen konnte in dieser Frage. Römische Bestechungsgelder haben damals in vielerlei Hinsicht eine Rolle gespielt. Man wird sagen dürfen: Eine ähnliche Rolle wie die persischen Bestechungsgelder beim Freiheitskampf der Griechen gegen die Perser.

5. Ein römerfreundlicher König wird gestürzt (50 n. Ztr.)

Das weitere müssen wir nur referieren, um die geschichtlichen Zusammenhänge zu zeigen zu jener Quaden-Fürstin, mit der dieser Aufsatz eingeleitet worden ist. Auch der genannte Catualda hat sich nur kurz an der Macht halten können (Wiki):

Vannius (19-50 n. Ztr.), der erste namentlich bekannte Quadenkönig, wurde darauf von Drusus dem Jüngeren als römischer Klientelkönig der Quaden und Markomannen eingesetzt. Zu Beginn seiner Herrschaft war er bei seinem Volk beliebt und geachtet, doch entwickelte er sich später zu einem Tyrannen. Vannius' Neffen (Schwestersöhne) Sido und Vangio verbündeten sich im Jahr 50 n. Ztr. mit Vibillius, dem König der Hermunduren, gegen ihn. Vannius wandte sich mehrmals an Kaiser Claudius, der ihm militärische Unterstützung verweigerte, jedoch Publius Atellius Hister, den Statthalter von Pannonien, anwies, Vannius aufzunehmen und zu schützen. Die Truppen des Vannius (Quaden als Infanterie und Jazygen als Kavallerie) waren zu schwach gegen die zahlreichen Feinde (Lugier, Hermunduren u. a.), so daß er sich an einem befestigten Platz verschanzte. Im Kampf verwundet, mußte er mit seinen Anhängern zur Donau fliehen, wo Schiffe bereit lagen. In Pannonien wurde ihnen Land im Gebiet des Leithagebirges zugewiesen. Seine Neffen und Nachfolger Sido und Vangio teilten das Königtum und verhielten sich den Römern gegenüber loyal. Zunächst waren sie beim Volk beliebt, doch entwickelten auch sie sich zu verhaßten Despoten.

Vannius hat also beachtliche 30 Jahre lang die Quaden regiert. Unter ihm wuchs jene Prinzessin auf, von der einleitend die Rede war, und die nach 50 n. Ztr. einen Markomannen-Prinzen heiratete und 50 Kilometer südlich des heutigen Halle in einer großen Markomannen-Siedlung lebte und dort schließlich - vermutlich etwa 40 Jahre später - begraben wurde. War es eine Schwester von Sido und Vangio? War sie mit Vibilius verheiratet worden? Oder mit einem Bruder oder nahen Verwandten des Vibilius?

Die Menschen, die die Quaden-Prinzessin bei Halle bestatteten, gaben das Gräberfeld 90 n. Ztr. auf. Vielleicht zogen sie weiter nach Süden, in das heutige Thüringen (Wiki).

Übrigens liest sich die Geschichte der römischen Provinz Pannonien (Wiki), in deren Grenzbereich die Quaden lebten, auch sonst sehr spannend. Womöglich kommen wir in künftigen Beiträgen auf diese Geschichte noch einmal zurück, zumal auch die neueste archäogenetische Studie aus dem Labor von David Reich mit der Geschichte dieses Raumes befaßt ist.

__________________

  1. Meller, Harald: Die Prinzessin von Profen.  Landesmuseum für Vorgeschichte Halle, Staffel 10, Folge 2, 07.07.2021, https://youtu.be/iz2yDrDTejg.
  2. Harald Meller, Ralf Schwarz: Die "Prinzessin von Profen". Eine quadische Königstochter besiegelt in der Ferne die germanische Bündnispolitik, in: Matthias Wemhoff, Michael Rind (Hrsg.): Bewegte Zeiten - Archäologie in Deutschland, Petersberg 2018, S. 114f. (Ausstellungskatalog). (Academia.edu)
  3. Bading, Ingo: Spätbronzezeitliche Wallanlagen - Zwischen Schlesien, Prignitz und Ostsee, 26. Juni 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen_2.html
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