Samstag, 15. Mai 2021

Die Wälder an der Wolga - Die Heimat von uns Indogermanen

Die Wolgaplatte zwischen Wolga und Don
- Einige erste Eindrücke zu ihrer Natur und zu ihrer Geschichte
- Denn: Auf ihr begann die Geschichte der Indogermanen

Versetzen wir uns in die Zeit der Entstehung des Volkes der Indogermanen, in die Zeit 4.700 v. Ztr. in die Gegend an der Mittleren Wolga. Die meisten Völker auf der Erde leben - wie seit Jahrzehntausenden - als Fischer, Jäger und Sammler. Etwa so wie die Indianer Nordamerikas noch im 19. Jahrhundert. Sie verehren die Natur, die Sonne, die Jahreszeiten, geheimnisvolle Naturkräfte. Sie kennen aber auch schon erste hölzerne Götterfiguren (s. Holzidol von Shigir). Der Schamanismus spielt eine nicht geringe Rolle. Auch damit verbundene "Zauberstäbe", die zugleich Herrscherstäbe sind, Symbole von Macht und Einfluß.

Abb. 1: Blick über den Nationalpark Chwalynsk (Wiki), die Urheimat der Indogermanen

In unbekannten, fernen Ländern kommt eine völlig neue Dynamik in die Völkerwelt durch die Entstehung von Ackerbau und Viehzucht. Dies geschieht am Oberlauf von Euphrat und Tigris, am Gelben Fluß und am Jangtse, ggfs. auch am Indus. Über viele Jahrhunderte und Jahrtausende weiß kein Mensch, der an der Mittleren Wolga lebt, davon. 

Aber mit diesen zunächst weit entfernten Kulturen geht eine immens höhere Bevölkerungsdichte einher. Diese vielen Menschen organisieren sich über Arbeitsteilung selbst. Bei Streit muß es aber auch Richtende geben, "Richter", Ratsversammlungen. Es kommt bald dazu, daß einige Menschen mehr Macht über andere haben als andere. Bald gibt es in diesen Völkern Herrscher, Despoten, die eine Stadt regieren, die Einfluß ausüben, und die von zentralen religiösen Orten aus das Land regieren.

Und diese Völker haben Kinder. Viele Kinder. Sehr viele. Ab 6.500 v. Ztr. breiten sie sich über den gesamten heutigen Iran bis in das Kaukasus-Gebirge hinein aus. 6.500 v. Ztr. fangen diese Menschen im südlichen Kaukasus an, Wein anzubauen. In riesigen Keramik-Bottichen lagern und verarbeiten sie ihn. Diese Völker breiten sich bis rund um das Kaspische Meer aus, bis an den Aral-See, bis an den Nordrand Indiens. Mächtige, große Häuser bauen sie, Langhäuser (etwa die Kelteminar-Kultur).

Abb. 2: Blick vom Nationalpark von Chwalynsk hinüber zur Wolga (Tursar)

Die Völker an der Mittleren Wolga gehen der Jagd und dem Fischfang nach wie seit Jahrhunderten.

Parallel zu der Ausbreitungsbewegung im Iran breiten sich Bauernvökler nicht nur über das ganze Mittelmeer aus, sondern auch über den ganzen Balkan hinweg. Im Wiener Becken entsteht aus dieser Ausbreitungsbewegung heraus - durch 7 % Einmischung von einheimischen Jägern und Sammlern (vor allem von Männern) - ein neues Volk, die "Bandkeramiker". Sie breiten sich als solche nicht nur über ganz Mitteleuropa bis zur Kanalküste aus, sondern auch um die Karpaten herum bis nach Bessarabien, bis in die Ukraine. Mächtige große Häuser bauen sie, Langhäuser.

Rhone-aufwärts breiten sich die Mittelmeer-Bauernvölker ebenfalls aus, vermischen sich von Anfang an noch deutlich häufiger mit einheimischen Menschen, wiederum vor allem mit den Männern derselben.

Daß in fernen Gegenden neue Völker entstanden sind, bekommen die Menschen an der Mittleren Wolga inzwischen vermutlich durch Fernhandels-Reisende mit, die mit Booten vom Kaspischen Meer aus die Wolga aufwärts fahren. Auch an der Mittleren Wolga lernt man die Technik kennen, aus Lehm Keramik-Gefäße herzustellen. Man hat sie - wohl - von nordöstlichen Völkern übernommen.

Es ist das aber noch eine Zeit, in der noch keine von Tieren gezogenen Wagen gibt, etwa Rinder-Wagen. Das Pferd wird noch über viele Jahrhunderte hinweg nicht domestiziert sein. Kleine wilde Pferde sind an der Mittleren Wolga bei Chwalynsk als Jagdwild sehr beliebt. Sie werden deshalb künftig auch in der Kunst der Indogermanen Darstellungen finden. Der Mensch bewegt sich aber sonst zu Fuß fort. Oder mit Booten. Die Fischer bringen reichen Fischfang von ihren Fahrten hinaus auf die Wolga ans Ufer. 

Abb. 3: Zepter-Typen des Volkes der Urindogermanen - Rechts unten der "Chwalynsk-Konstantinowsk-Typ", rechts oben der spätere "Archarovo-Typ", links die spätesten "Casimcea-Suworowo-Typen" (aus 1, S. 39)

Aber um 4.900 v. Ztr. ist in Mitteleuropa die große einheitliche Bauernkultur der Bandkeramik schon wieder in Regionalkulturen zerfallen. Die dortigen einheimischen Jäger-Sammler-Völker haben an Macht gewonnen, in Kriegen mit den Bandkeramikern raubten sie ihnen die Frauen, zeugten mit ihnen Kinder, übernehmen nach und nach auch - in Abwandlung - ihre Kultur und eroberten als junge, aufstrebende Völker die alten Siedlungsgebiete der Bandkeramiker. (So kann man sich die Entstehung der Rössener Kultur, der Badener Kultur und vieler anderer Kulturen auf dem vormaligen Siedlungsgebiet der Bandkeramik vorstellen.) Es entstanden die großen mittelneolithischen Regionalkulturen Europas, in denen der genetische Herkunftsanteil der Einheimischen deutlich höher - bei 20 bis 30 % - gegenüber dem bei den Bandkeramikern. Und diese Kulturen bilden schon Königreiche aus, in diesen Kulturen finden wir schon einen Hochadel. Und zwar bis hinauf nach Irland.

Und aus einem ähnliche Vorgang heraus ist nun auch das Volk der Urindogermanen an der Wolga entstanden.

Vom Kaspischen Meer aus breiten sich die Ackerbau-treibenden Kulturen auf beiden Seiten der Wolga nach Norden aus. Sie leben von der Rinder-, Schafs- und Ziegenhaltung. Sicher auch vom Fischfang. Sie werden von regionalen Herrschern regiert. Sie haben religiöse Zentren.

Abb. 4: Höhenzug im Nationalpark Chwalynsk (aus: 4) (nversia.ru)

Der "Indianerstamm" an der Mittleren Wolga bei Chwalynsk, von dessen Nachkommen alle späteren Europäer abstammen sollten, reagiert auf diese Ausbreitung in Richtung seines eigenen Territoriums eines Volkes, das eine so viel größere Bevölkerungsdichte aufweist als sein eigenes Volk so wie fast alle "Indianerstämme" reagieren: Mit freundlicher, distanzierter Neugier, mit Reserviertheit, mit Handelsaustausch, aber auch mit Aggression, mit Frauenraub. Die neue Lebensweise stellt die alte Lebensweise infrage. Die Menschen in der Gegend von Chwalynsk fühlen sich ziemlich bald heraus gefordert von den Zuwanderern.

So wie auch sonst häufig bei der Begegnung von Fischer-, Jäger- und Sammler-Völkern mit Ackerbau-treibenden Kulturen in Europa fühlen sich die Einheimischen den Zuwanderern überlegen. Während die Zuwanderer durch große Menschenzahlen "punkten", "punkten" die Einheimischen durch Tapferkeit, Kühnheit und Mut, durch die Gewandtheit und die Instinkte des Jägers. Bei einzelnen Streitereien merken die Menschen des kleinen Indianervolkes am Ufer der Wolga und in den Bergen von Chwalynsk, daß sie den Menschen der zuwandernden Herdenhalter weit überlegen sind. Es entstehen erste Abhängigkeitsverhältnisse, erste Herrschaftsverhältnisse. Diese machen den Männern der Chwalynks-Kultur Mut, ja, machen sie übermütig.

Die Männer der Chwalynsk-Kultur beginnen einen Jahrhunderte langen Eroberungskampf gegen die Eindringlinge aus dem Süden, nach und nach erobern sie immer weitere Gebiete ihres vergleichsweise schon recht dicht besiedelten Territoriums. Ja, sie breiten sich aus bis an die Ufer des Unterlaufs des Don und bis an den Nordrand des Kaukasus-Gebirges! Herrisch und stolz regieren sie jetzt ein großes Reich. Sie errichten - sich als Zeichen ihrer Herrschaft - riesige Grabhügel, Kurgane. Sie errichten - wie gleichzeitig in Europa - erste Königreiche.

Und schon bald, sehr, sehr bald richtet sich der Blick der Indogermanen noch viel weiter nach Westen. Er richtet sich in Richtung der wohlhabenden Gegenden einer frühen Stadtkultur, der Cucuteni-Tripolje-Kultur an der Donau und an der Donaumündung, in Bessarabien, in Siebenbürgen, in der Westukraine. Diese Krieger der Indogermanen trauen sich alles zu. Diese großen Reiche werden - einstmals - ihnen gehören .... Und ihre Nachkommen werden noch viel, viel weiter ziehen ....

Der Forschungsstand von 1985 - Zur Tierzepter-Forschung

1985 hielten Archäologen der Balkanländer ein Symposion ab. Auf diesem referierte der sowjetische Archäologe Dmitrji Telegin (1)*):

Sogenannte Zepter spielen bei Aufklärung der Frage des Zusammenhanges zwischen den Steppenkulturen des nordpontischen Gebietes, des Niederdonau-Gebietes und der Balkankulturen gewöhnlich eine wichtige Rolle. Diese waren über ein großes Territorium von der Wolga bis zur Unteren Donau hin verbreitet. Es sind jetzt insgesamt mehr als 30 Funde bekannt. Den Besonderheiten der Form und Griffbefestigungsmittel nach haben Fachleute (...) unter diesen Erzeugnissen zwei Gruppen (solche mit Tülle und solche mit Knöpfchen) unterschieden, sowie einige Typen und Untertypen. Im weiteren wird es nur noch um Zepter mit Knöpfchen gehen (...). Unter den letzteren unterscheiden wir drei Haupttypen: A. Casimcea-Suworowo; B. Archara und C. Chwalynsk-Konstantinowsk (s. Abb. 1).

Tüllen, das sei hier zum Verständnis eingeschoben, sind die rohrförmigen Teile eines Werkzeuges, in denen ein Stiel befestigt werden kann. Von Tüllen sind die Streitäxte der Indogermanen gekennzeichnet, bzw. ihre Vorformen, die ebenfalls nur Symbolcharakter hatten, Zepter-Charakter hatten, so wie die hier behandelten sonstigen Tierkopfzepter auch. Dem weiteren Text ist dann zu entnehmen, daß es sich bei der letztgenannten Stadt um Konstantinowsk (Константиновск) am Unterlauf des Don (Wiki , russ) handelt. Diese Stadt ist von Chwalynsk aus per Fußweg - über Saratow - nach 900 Kilometern zu erreichen (Abb. 5).

Abb. 5: Der Weg von Chwalynsk an der Wolga nach Konstantinowsk am Don - 900 Kilometer, über die sich Urheimat der Indogermanen erstreckt (aus Google Maps)

Nach 900 Kilometern. Das ist ein Weg einmal quer durch die Bundesrepublik Deutschland, und zwar von der Nordsee bis zu den Alpen. Über diese Entfernung hinweg hätte sich also die früheste Stufe der Stil-Entwicklung der indogermanischen Tierkopfzepter noch gar nicht verändert. Es wäre immer der hier genannte Typ C gewesen, in Abbildung 3 rechts unten. 

Ein Gebiet mindestens von der Größe Deutschlands muß man also überblicken, wenn man sich einen Eindruck verschaffen will von der den ersten Jahrhunderten der Geschichte des Volkes der Urindogermanen.

Der Unterlauf des Don mit Konstantinowsk gehörte über viele Jahrhunderte zum Donkosaken-Gebiet. Konstantinowsk selbst ist ein Zusammenschluß der Kosaken-Staniza Wedjornikowskaja und der - bereits im 17. Jahrhundert gegründeten - Staniza Babskaja (Abb. 6). Der sowjetische Archäologe Telegin führte 1985 weiter aus (1, S. 39f):

Zepter des Casimcea-Suworowo-Typs sind von der Herstellungstechnik und dem Formenausdruck die vollkommensten. Auf Grund des wunderbaren Fundes von Suworowo kann man zweifellos einen Pferdekopf erkennen. Zepter vom Typ Archara unterscheiden sich durch ihre zusammengedrängte Form und eine etwas andere Ausprägung. A. Häusler vergleicht sie mit den Funden von Entenfiguren aus Knochen in Grabstätten zwischen Dnepr und Wolga.

Gewiß hat man in den Flußläufen der Wolgaplatte zwischen Wolga und Don auch Enten gejagt. Gewiß. Und weiter (1):

Zepter vom Typ Chwalynsk und Konstantinowsk unterscheiden sich davon durch ihre primitive Ausführung. Aufgrund dieser Figuren ist es schwer, die Tierart genau zu bestimmen. Aus der Tabelle 1 ...

(hier Abb. 7)

ist deutlich zu sehen, daß alle drei Zepter-Typen in den Steppen Osteuropas - aber auch westlich des Dnjepr, wo hauptsächlich ackerbautreibende Stämme lebten - bekannt waren. Alle Pferdekopf-Zepter vom Typ Casimcea-Suworowo - mit einer Ausnahme (Terkli-Mekteb) - sind nur westlich vom Dnjepr, hauptsächlich auf dem Balkan und im Niederdonaugebiet gefunden worden. Umgekehrt finden sich Zepter vom Typ Chwalynsk-Konstantinowo vor allem zwischen Dnjepr und Wolga. Obwohl die meisten Zepter, darunter auch entwickelte Typen (A, B) westlich vom Dnjepr gefunden worden sind, sind alle Forscher der Meinung, daß diese Gegenstände in den Ackerbau-Kulturen dieser Regionen fremd sind und hierher infolge östlicher Steppen-Invasion gelangt sind. Wenn man die Tatsache berücksichtigt, daß die überwiegende Mehrheit der untersuchten Gegenstände (wenn nicht alle) als Pferdedarstellungen zu deuten sind, und daß das ursprüngliche Verbreitungsgebiet dieser Tiere - wie schon erwähnt - die Steppen Osteuropas waren, dann kann diese Schlußfolgerung der Forscher als berechtigt gelten. Zepterfunde in Gräberstätten-Komplexen vom Typ Chwalynsk an der Wolga und Siedlungen vom Typ Konstantinowsk am Nieder-Don zeugen davon, daß diese Erzeugnisse in den Steppen Osteuropas zum ersten mal bei den Pferdezüchtern des Srednji-Stog-Chwalynsk erschienen.

Mit diesen Ausführungen deutet sich an, daß man schon 1985 die Tierkopf-Zepter-Typen von der Wolga als die ursprünglichsten ansehen konnte und auch begonnen hat, sie als die ursprünglichsten anzusehen.

Abb 6: Konstantinowsk am Don 1913 (Wiki) - Hier siedelten schon sehr früh Urindogermanen, die von der Wolga bei Chwalynsk kamen, tausend Kilometer weiter nördlich

Daraus jedoch abzuleiten, daß Chwalynsk an der Wolga die engere Urheimat der Indogermanen gewesen sein könnte, so weit wagte man sich in den ausformulierten Schlußfolgerungen noch nicht vor.

Die im Zitat erwähnte Srednji-Stog-Kultur (Wiki) war im übrigen nach heutigem Kenntnisstand die Zwischenstufe zwischen der vorhergehenden Chwalynsk- und der nachfolgenden Jamnaja-Kultur. Die Kulturen waren im Wesentlichen von dem selben Volk getragen .Nach neuesten Forschungen kannte die Srednji-Stog-Kultur noch keine domestizierten Pferde - wie das lange in der Forschung angenommen worden und unterstellt worden war (Wiki).  

Abb. 7: Zepter-Typen nach Regionen gegliedert (aus 1)

Nach der" Tabelle 1" in Abb. 7 gehört zur Region der ersten Phase der Entwicklung der Tierkopfzepter auch: Rostow am Don, Igren und Kodatschok. Leider sind die Ortsnamen - wie auch sonst in diesem Text - nicht alle leicht zuzuordnen solchen, die man dann auch im Internet finden kann (wegen der vielen unterschiedlichen Möglichkeiten, das russische Alphabet und russische Ortsnamen in lateinische Buchstaben und westliche Art, Ortsnamen zu schreiben, umzuschreiben). Rostow am Don liegt von Konstantinowsk aus gesehen noch einmal 150 Kilometer den Don abwärts kurz vor dem Mündungs-Delta desselben. Igren wird dann jene Stadt sein, die 400 Kilometer weiter westlich von Rostow am Dnjepr liegt. Also auch noch einmal 400 Kilometer weiter nach Westen hatte sich das Urvolk der Indogermanen schon allein in der ersten Stil-Phase dieser Zepter-Entwicklung ausgebreitet.

Suworowo (Wiki) liegt 35 Kilometer nordwestlich von Warna im heutigen Bulgarien. Dem Stil nach wird das hier gefundene Zepter ja jüngerer Zeitstellung sein, obwohl die Indogermanen ja sehr früh auch nach Warna gekommen sind und dort in die Königsfamilie eingeheiratet haben (9).

Abb. 8: Gebiet der Donkosaken-Armee 1918 bis 1920 (Wiki)

Wir schreiben diesen ganzen Aufsatz, da das so wichtige Buch von Dergachev zu diesem Thema bislang nur in Russisch vorliegt und wir uns die Informationen, die es enthalten wird, mühsam aus einer solchen älteren Publikation zusammen suchen. Dieser vorliegende Aufsatz soll nur eine weitere Aufforderung sein dahingehend, daß der Buchtext von Dergachev auch im Westen zugänglich sein sollte (siehe vorletzter Blogbeitrag).

Insgesamt kann mit diesen Ausführungen jedenfalls auch gesagt werden, daß sich ein Teil des frühen Ausbreitungsgebietes des Urvolkes der Indogermanen mit dem Rückzugsgebiet jener Donkosaken-Armee (Wiki) deckt (Abb. 8 und 9), von wo aus diese 1918 bis 1920 die Bolschewiki in Moskau bekämpft hat, bekanntlich erfolglos. (Während zeitgleich die Freikorps in Deutschland erfolgreich waren im Bekämpfen der Errichtung von Sowjetrepubliken in München und anderwärts.)

Abb. 9: Die Aufstellung der roten und weißen Armeen und die Plänen der weißen Armee zur Eroberung Moskaus - der so genannten "Moskau-Offensive" (Sommer 1919) (Wiki)

Dieses Gebiet umfaßte den Einzugsbereich des Don, darunter auch den des Nebenflusses des Don, der Medwediza (Медведица) (Wiki). Womöglich ist die Medwediza ein ähnlich wichtiger Fluß in Bezug auf die engere Urheimat der Indogermanen wie die Wolga. Die Medwediza fließt über weite Strecken hinweg westlich parallel zur Wolga durch die Urheimat der Indogermanen hindurch.

Zusammenstoß von Vegatationszonen auf engstem Raum - Rund um Chwalynsk

In Kasan an der Wolga gibt es ein Archäologisches Institut, von dem aus 1997 Ausgrabungen in Chwalynsk unternommen worden sind (2).**) Sie betrafen zwar Funde der Bronzezeit. Es wurden aber auch allgemeinere Überlegungen angestellt - jeweils mit Bezug zur Bronzezeit (2): 

Entsprechend den naturräumlichen Gegebenheiten von Wald-, Waldsteppen- und Steppenzone, die im mittleren Wolgagebiet, wie sonst nirgends, auf engstem Raum aneinander grenzen, lebten jene Bevölkerungen als Nomaden, Halbnomaden und als seßhafte Viehzüchter.

Und - wiederum mit Bezug zur Bronzezeit und der Epochen seither (2):

Das Untersuchungsgebiet stellte in früheren Zeiten eine wichtige Kontakt- bzw. Übergangszone dar. Dazu trug vor allem der Flußlauf der Wolga bei. Hier trafen Bevölkerungen aufeinander, die sich in vielfältiger Weise voneinander unterschieden, so u. a. in der Sprache, in der Wirtschaft und im geistigen Leben. Dazu sind finnische, ugrische, slawische, baltische, türkische und andere Stämme zu zählen.

Außerdem heißt es (2):

Neuere Untersuchungen an Knochenfunden aus neolithischen Siedlungen (z. B. Dubowskaja III) deuten auf das Vorkommen von Haustierarten im Untersuchungsgebiet bereits im 6. Jt. v. Chr. hin.

Ob der Fundort Dubowskaja deckungsgleich ist mit dem Ort Dubowka (Wiki) an der Wolga, 50 Kilometer nördlich von Wolgograd, muß vorerst offen bleiben, ist aber nicht unwahrscheinlich. In Dubowka befand sich ein Todeslager für die deutschen Kriegsgefangenen nach der Schlacht von Stalingrad (3).

Im weiteren sollen noch einige Ausführungen folgen, die uns etwas genauer mit den geographischen Gegebenheiten der Urheimat der Indogermanen bekannt machen können.

Das Hügelland der "Wolgaplatte"

Die Westseite der Mittleren Wolga wird "Bergseite" genannt, die Ostseite "Wiesenseite". Die Bergseite, manchmal mit wunderschönen Klippen und Steilhängen, die zum Wolgaufer abfallen, bildet nun den Ostrand der sogenannten Wolgaplatte, der "Wolgahöhen". Dies ist ein Hügelland, das bis zu 375 Meter hoch ansteigt. Es liegt zwischen Nischni Nowgorod im Norden und Wolgograd (Stalingrad) im Süden. Es erstreckt sich über 1000 Kilometer, also nochmals über eine ähnliche Distanz wie die von der Nordgrenze bis zur Südgrenze der Bundesrepublik Deutschland. Zu beachten ist, daß sich das frühe Ausbreitungsgebiet der Urindogermanen nur über die südliche Hälfte der Wolgaplatte erstreckt (Wiki):

Das mittelgebirgsartige Landschaftsbild der Wolgaplatte ist gekennzeichnet durch hügelige und bergige Bereiche, in die sich kleinere und größere Flüsse eingegraben haben. (...) Während die Wolgaplatte nur recht wenig besiedelt ist, befinden sich große Städte am Rand des Höhenzugs und am Ufer der Wolga. Dies sind unter anderem (von Norden nach Süden) Kasan, Uljanowsk, Saransk, Pensa, Sysran, Saratow und Wolgograd.

Mit Bildersuche zu dem russischen Suchwort "Приволжская возвышенность" (Wolgaplatte) (Wiki) kann man Landschaftsaufnahmen finden, über die man sich mit dieser - im westlichen Europa sicherlich wenig bekannten - Region der Erde vertraut machen kann.(Nur der südlichste Teil dieser Gegend wurde beispielsweise 1942 beim deutschen Vormarsch Richtung Stalingrad [heute Wolgograd] erreicht.)

Abb. 10: Die "Wolgaplatte" - Ein Hügelland westlich des Mittellaufs der Wolga - Zwischen Nischni Nowgorod im Norden und Wolgograd (Stalingrad) im Süden

Interessanterweise durchzieht das Wolga-Hochland - wie schon angeklungen war - die drei großen Klimazonen Rußlands und der Ukraine, nämlich das Mischwald-Gebiet, das Wald-Steppe-Gebiet und die Steppe (Abb. 12).

Der Nationalpark Chwalynsk

Noch konkreter können wir uns an die Urheimat der Indogermanen heran tasten über eine Beschäftigung mit dem Nationalpark Chwalynsk (russ. "Хвалынский национальный парк") (Wiki, russ). Er wurde 1994 - als einer von bislang über 60 Nationalparks Rußlands - errichtet. Er erstreckt sich von Norden nach Süden über eine Länge von etwa 30 Kilometer (Abb. 11). Er selbst und sein Umland muß nach den hier auf dem Blog schon referierten neuesten Erkenntnissen als die engere - bis engste - Urheimat der Indogermanen angesehen werden. Der Naturpark gehört - ob seiner Schönheit und geographischen Vielfalt - zu den 20 meistbesuchten Naturkparks von Rußland (4).

Man ist erstaunt zu erfahren, daß sich der Charakter der Landschaft um Chwalynsk herum nicht wesentlich zu unterscheiden scheint von dem Charakter der Landschaft deutscher Mittelgebirge.

Abb. 11: Der Nationalpark Chwalynsk - rot umrandet (nasledie.sgu.ru)

Erst hundert Kilometer weiter südlich bei Saratow wird die Gegend merklich trockener. Das gilt aber noch nicht für die Gegend rund um Chwalynsk.

Charakteristisch - und als Unterschied zu jeder beliebigen Region in deutschen Mittelgebirgen - dürften für die Wolgahöhen bei Chwalynsk allerdings gelten die herrlichen Ausblicke von ihnen hinab zu dem mächtigen Strom der Wolga (Abb. 2, 14, 15, 17).

Abb. 12: Vegetationszonen entlang der Wolga (die in das Kaspische Meer mündet): Mischwald (temperate forest) und Steppe, hier die Ponto-Kaspische Steppe (Wiki)

Außerdem kündigen sich in der Landschaft des Naturparks Chwalynsk einige deutlich steppenartige Züge an, an denen erkennbar wird, daß wir uns hier schon in der Nähe der Vegetationsgrenze zur Steppe hinüber befinden. Auf großen Übersichtskarten wird diese Landschaft sowieso schon der Steppe zugerechnet (s. Abb. 12).

Und zwar der großen Ponto-Kaspischen Steppe (der "Pontokapis") (Wiki). 

Abb. 13: Der Nationalpark von Chwalynsk (Tursar)

Landschaftseindrücke vom Naturpark Chwalynsk kann man sammeln etwa auf Wiki Commons (Wiki), auf diversen anderen Internetseiten (z.B. Tursar) oder auch nur mit Bildersuche zu dem Suchwort "Хвалынский национальный парк" (Nationalpark Chwalynsk).

Abb. 14: Nationalpark von Chwalynsk - Blick zur Wolga im Herbst (Tursar)

Auch einige Videos sind zugänglich. Sie verschaffen womöglich sogar noch den direktesten Zugang und Eindruck zu dieser Landschaft. Sie zeigen: Man kann dort mit der Familie genauso schön wandern wie bei uns in Deutschland (5, 6). Auch sind die Berge bei Chwalynsk im Winter Skigebiet, eine Ski-Liftanlage ist in einem der Videos im Hintergrund gut zu sehen.

Von Chwalynsk an der Wolga bis zum nächsten südlichen Ort an der Wolga (der auf Google Maps verzeichnet ist) Alexejewka (Алексеевка Oblast Saratow Russland 412761) - sind es 25 Kilometer. Etwas länger in nord-südlicher Ausdehnung ist der Nationalpark Chwalynsk (Wiki, russ). Auf dem englischen Wikipedia lesen wir zu ihm (Wiki):

Der Nationalpark Chwalynsk (russisch: Хвалынский) umfaßt das erhöhte Plateau der Kalkberge der Wolgaplatte entlang des Westufers der Wolga. Es ist mit gemischten Eichen-Linden- und Kiefern-Wäldern bedeckt. (...) Der Nordrand liegt etwa zehn Kilometer westlich von Chwalynsk. (...) Der höchste Berg Belenkaya besteht fast nur aus Kalk und ist 369 Meter hoch. Es gibt fünf weitere Berge, die höher als 250 Meter hoch sind. Die Berge im Park sind fast vollständig mit Bergwald bedeckt. (...) Der Winter (...) bringt etwa 33 Zentimeter Schnee mit sich. (...)
Über 90 % der Parkfläche bestehen aus Wald. (...) Unterirdische Wasserläufe kommen immer wieder als Quellen an die Oberfläche. Unterschiedliche Biotope werden von Kiefern gebildet, sowie von Wasserscheiden-Wäldern, von kleinen Bächen und Senken und von unterschiedlichen Typen von Waldrändern und Steppen-Gebieten (...)
Da der Naturpark an viele Ökozonen grenzt - an Mischwald, halbtrockene Steppe, die Wolga, Berge, Wiesen und Flußtäler - birgt er eine große Vielfalt von Lebensräumen. Die Biotop-Vielfalt birgt deshalb auch eine große Zahl unterschiedlicher Pflanzen und Tiere in sich, von denen viele selten oder vom Aussterben bedroht sind. Kleine Säugetiere sind häufig, einschließlich Hasen, Biber, Füchse und Wölfe. ... Die Wälder bestehen vorwiegend aus Eichen (40 %), Linden (30 %) und Kiefern (21 %).
Khvalynsky National Park (Russian: Хвалынский) encompasses a raised plateau of chalk hills of the Volga Uplands, covered in mixed oak-linden and conifer forests, along the west side of the Volga River. (...) The northern end is about 10 km west of the city of Khvalynsk, and about 200 km northeast of Saratov on the Volga. About 25,524 hectares (63,071 acres; 255 km2; 99 sq mi) in size, Khvalynsky is spread over three sections. The park was officially formed in 1994. (...) The highest mountain (Belenkaya, almost entirely of chalk) is 369 meters in altitude, and there are five other mountains over 250 meters in height. The mountains in the park are mostly covered with upland forest trees. (...) Winters last from late November to early April, with an average of 33 cm of snow. (...)
Over 90% of the park is forest land. (...) Underground water frequently comes to the surface in springs. Habitats include pine and watershed forests, small rivers and hollows, and various types of forest edge and steppe. (...)
Because Khvalynsky borders many ecological zones - forest, semi-arid steppe, the Volga, mountain, meadows, and stream valleys - it has a complex variety of habitats. These varied habitats supports a large number of different plants and animals, many of which are rare or endangered. Small mammals are common, including hares, beavers, foxes, and wolves. Among reptiles are the common European adder (vipera berus), and indicator of complex habitat.  Predatory birds include White-tailed Eagles, Ospreys, and the endangered Saker Falcon. (...)
The forest-forming trees are predominantly oak (40%), linden (30%) and pine (21%). (...)
In the town of Khalynsk to the northeast of the park is a local history museum.
Abb. 15: Der Nationalpark von Chwalysnk - Blick zur Wolga (Tursar)

Auf dem russischen Wikipedia finden wir dazu ergänzend (Wiki):

Zahlreiche Schluchten und Täler - wie den Bogdaniha-Trakt, den Dolgaya-Berg, die Ogurtsovo, die Tyurin-Dol-Schlucht, die Fedorovsky-Dol, die Rukav usw. - teilen das Gebiet in eine Reihe von Wassereinzugsgebieten niedrigerer Ordnung mit Gipfeln wie dem Berg Kalka (285 m), dem Berg Belenkaya (345 m), dem Berg Tashi (309 m), dem Berg Bogdaniha (237 m), dem Berg Barminskaya (340 m), sowie den Hügel Mordovskaya (267 m) in der Nähe des Dorfes Uljanino.

Abb. 16: Gewässer im Nationalpark von Chwalynsk (Tursar)

Wandert man die Wolga von Chwalynsk aus nach Süden, kommt man nach 90 Kilometern, also nach drei Tagesmärschen nach Wolsk (Wiki) an der Wolga.


Abb. 17: Umland von Chwalynsk - Blick zur Wolga (Tursar)

In Wolsk wurde der deutsche Landschaftsmaler der Romantik Konstantin von Kügelen geboren, weil sein Vater, der Landschaftsmaler Karl von Kügelen 1809 beim Einmarsch Napoleons von St. Petersburg aus nach Wolsk ausgewichen ist und dort an der Akademie unterrichtet hat. Daß Karl von Kügelen von der dortigen Gegend in jener Zeit (1809 bis 1815) Werke geschaffen hätte, ist einstweilen nicht bekannt. Er hatte insbesondere im Auftrag des Zaren die Krim bereist und dort Altertümer künstlerisch erfaßt. Auf dem russischen Wikipedia lesen wir zu Wolsk (Wiki):

Hier wurden bereits 1918 die ersten Freiwilligen für die Wolga-Flottille rekrutiert. Die Rote Flottille der Hafenarbeiter von Wolsk waren an der Niederlage der Weißen Garde in der Nähe von Wolsk, Balakowo, Chwalynsk und Sysran beteiligt.

Es sind hier schicksalsschwere Ereignisse angedeutet.

Abb. 18: Nördlich von Saratow mündet der Fluß Tereschka von Westen her in die Wolga (Fotografin: Elena Kiseleva) (W)

In Wolsk bestanden während des Zweiten Weltkrieges und danach zwei Lager für deutsche Kriegsgefangene.

Abb. 19: Das einstmals deutsche Wolgadorf Schilling, gelegen am rechten Ufer der Wolga, südlich von Saratow, Foto A. Baschkatow (Enz. d. Russlddt)

Wolsk gehört schon zum Regierungsbezirk (Oblast) Saratow (Wiki, engl, russ). Dessen Hauptstadt Saratow liegt zweihundert Kilometer südwestlich von Chwalynsk. Im Regierungsbezirk Saratow befanden sich seit 1763 die wolgadeutschen Siedlungsgebiete. Und hier wurde 1920 auch die erste deutsche Sowjetrepublik gegründet, nämlich die der Wolgadeutschen. Sie sollte Vorbild sein für zu schaffende Sowjetrepubliken in Bayern, dem Rheinland, in Sachsen, Preußen und anderwärts. Denn das Ziel der kommunistischen Revolution war die Weltrevolution und hierbei zunächst: Deutschland. Während es den Weißgardisten und der Kosakenarmee am Don in diesen Jahren nicht gelang, diese Sowjetrepublik in Moskau und an der Wolga zu stürzen, waren die deutschen Freikorps damit zur gleichen Zeit in Deutschland noch erfolgreicher.

Abb. 20: Am Unterlauf der Wolga - nördlich von Saratow größtenteils links von ihr, südlich von Saratow größtenteils rechts von ihr - lebten 300 Jahre lang die Wolgadeutschen

Schicksalsschwere Jahre und Ereignisse.

130 Kilometer südlich von Chwalynsk befindet sich das nördlichste der seit 1763 gegründeten 100 wolgadeutschen Dörfer der ersten Generation des sich von dort über 150 Kilometer zu beiden Seiten der Wolga erstreckenden Siedlungsgebietes der Wolgadeutschen (Wiki).

Abb. 21: Das einstige Mariental an der Wolga - Südlich von Saratow - Blick nach Westen auf die (rechte) Bergseite der Wolga

Schaffhausen wurde 1767 gegründet (Rusdt).

Abb. 22: Mariental an der Wolga, Foto: Tino Künzel

Die Wolgadeutschen besiedelten also ab 1763 einen frühen Ausbreitungsraum des Urvolkes der Indogermanen. Zur Zeit ihrer Ansiedlung in der Mitte des 18. Jahrhunderts galt das von ihnen besiedelte Gebiet fast - aufgrund der schwierigen klimatischen Verhältnisse der dortigen Steppe - als "menschenleer".

Abb. 23: Blick vom rechten Ufer der Wolga, 130 Kilometer südlich von Saratow - Die "Klippen des Stepan Rasin" (eines sehr berüchtigten und "legendären" Kosaken-Atamans und Wolga-Piraten)

Wegen der damals noch dort ihr Unwesen treibenden Räuberbanden konnten sie Siedler sich nur in größeren Gruppen außerhalb der Dörfer bewegen. Während des Aufstandes von Pugatschow wurden viele hundert Siedler von den Kirgisen entführt und zum Teil auf dem Sklavenmarkt von Samarkand verkauft.

Abb. 24: An der Dreschmaschine - Ein wolgadeutsches Dorf vor 1914

Saratow war ursprünglich einer der Hauptsitze der "Goldenen Horde", die im Mittelalter das Russische Reich schwer bedrängte. 1590 erbauten die Russen hier eine erste Grenzfestung gegen die Reitervölker in der Steppe.

"Die Deutschen stammen aus dem Walde ...."

Insgesamt gesagt: Die Beziehung der Deutschen zum Wald war immer schon eine ganz Besondere (Wiki). Die Deutschen, so wurde schon vom manchen gesagt, "kamen aus dem Walde und vieles an ihnen ist noch Wald". Und nun erfahren wir: Unsere ursprünglichsten Vorfahren, die ersten, die unsere Sprache, das Urindogermanische sprachen, stammten - offenbar - auch aus Wäldern. Aus den Wäldern bei Chwalynsk an der Wolga. Aber wir erfahren zugleich: Sehr schnell und sehr früh schon in ihrer Geschichte verließen sie auch die Gegenden geschlossener riesiger Wälder, drangen nach Süden in Steppengebiete vor. Vielleicht ist es auch dieses Spannungsfeld ihrer Seele, das Spannungsfeld zwischen Wald und Steppe, das ihnen ihre große Wandelfreudigkeit, Veränderungsfreudigkeit in die Seele gelegt hat.

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*) Zitate sprachlich überarbeitet, da schlecht ins Deutsche übersetzt; der Stadtname "Konstantinova" des Originals wird hier in der gebräuchlichen Form als "Konstantinowsk" angeführt.
**) Aïda G. Petrenko, ln-t Jazika, Liter, Jstorii, odtel Archdologii, ul. Lobacevskogo 2131, 420111 Kazan, Tatarstan Rossija, Russia.

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  1. Telegin, Dmitrij J.: Über kulturelle Kontakte zwischen der neo-ähneolithischen Bevölkerung des nordpontischen Gebietes und der Balkan-Donauregion. In: Dragoslav Srejović, Nikola Tasić (Hg.): Hügelbestattung in der Karpaten-Donau-Balkan-Zone während der äneolithischen Periode. Internationales Symposium in Donji Milanovac, 1985, Belgrad 1987, S. 37ff, https://books.google.de/books?id=2BiBAAAAMAAJ
  2. Petrenko, Aïda G.: Reste von Haustieren in Gräbern des Mittleren Wolgagebietes. Anthropozoologica 25 (1997): 525-529
  3. Der Todesmarsch nach Dubowka 1943, http://www.tonbildfilmarchiv.de/stalingrad/stalingrad-dubowka.htm
  4. Irina Filippova: Der Khvalynsky-Nationalpark gehört zu den 20 meistbesuchten Naturschutzgebieten in Rußland, 14. Mai 2020, https://nversia.ru/news/hvalynskiy-nacionalnyy-park-voshel-v-top-20-samyh-poseschaemyh-zapovednikov-rossii/
  5. Национальный парк "Хвалынский". Заповедный край, 29.07.2013, https://youtu.be/wSqHxQZVj88.
  6. Национальный парк "Хвалынский", 18.07.2013, https://youtu.be/W2IcVfunQZ8.
  7. Künzel, Tino: Der letzte Sommer von Mariental an der Wolga - 75 Jahre Deportation der Wolgadeutschen, 27.6.2016, https://mdz-moskau.eu/75-jahre-deportation-der-wolgadeutschen/
  8. Schreiber, Steven H.: Norka, 2020, https://www.norkarussia.info/homesites.html
  9. Anthony, David: The Horse, the Wheel and Language, 2007, https://archive.org/stream/horsewheelandlanguage/horsewheelandlanguage_djvu.txt  

Sonntag, 9. Mai 2021

Das Fundament Europas - In einer Umbruchszeit wurde es gelegt (3.500 bis 2.700 v. Ztr.)

Multiethnische Großreiche und ihre großräumigen Kriegszüge

Seit zwei Jahren warten wir darauf, daß endlich die archäogenetische Studie zur Urheimat der Indogermanen von der Arbeitsgruppe rund um David Reich veröffentlicht wird.

Auf die Ergebnisse derselben hatte der US-amerikanische Archäologe David Anthony schon vor zwei Jahren in einem Aufsatz hingewiesen (siehe voriger Blogbeitrag). Wir haben deshalb in den letzten Tagen einen namhaften deutschen Archäologen auf diesem Forschungsgebiet angeschrieben und erfahren, daß bezüglich dieser Thematik "einige Publikationen gerade in Arbeit sind". Außerdem aber soll ein großer Aufsatz des US-amerikanischen Archäologen David Anthony zur Thematik kurz vor der Publikation in einer führenden archäologischen Zeitschrift stehen. Auf der Academia-Seite von David Anthony werden wir dazu zwar noch nicht fündig. Wir stoßen dort aber auf einen schon im Januar 2021 eingestellten Aufsatz, der ebenfalls viel Neues für uns enthält (1). Dieser Aufsatz soll im vorliegenden Blogbeitrag ausgewertet werden.

Abb. 1: Die Eroberung der Cucuteni-Tripolje-Kultur in der heutigen Ukraine und in Siebenbürgen durch die Indogermanen bildete den Ausgangspunkt für die Ausbreitung der Indogermanen nach Norden, Westen, Süden und Osten (aus siehe: 11)

Er ist mit der Frage befaßt: Wie kann man sich den Modus der Ausbreitung der Indogermanen über Europa hinweg während der vielen Jahrhunderte des Spätneolithikums und der Frühbronzezeit genauer vorstellen? 

Diese Frage spielt ja ebenfalls in Diskussionen rund um das Buch von Vladimir Dergachev von 2007 eine Rolle (s.a.: 2). Und auch der oft so treffende Metaphern verwendende deutsche Archäologe Volker Heyd hatte zu diesem Thema 2016 einen größeren Aufsatz veröffentlicht (3). Der Aufsatz von David Anthony kann aber - wiederum aufgrund neuer archäogenetischer Erkenntnisse - mit sehr viel konkreterem aufwarten als dies bislang in der Forschung möglich gewesen ist.



Anthony schreibt in seiner Studie (Anthony 2021) (1):

Einer der bemerkenswertesten Aspekte der Ausbreitung der Jamnaja-Kultur nach Mitteleuropa hinein war der Umstand, daß Menschen, die vornehmlich der einwandernden Schnurkeramik-Kultur angehörten und Menschen der örtlichen Kugelamphoren-Kultur genetisch getrennt voneinander blieben über Jahrhunderte hinweg (Wang et. al. 2018), indem sie sich in unterschiedlichen Teilen derselben Landschaft ansiedelten (Czebreszuk and Szmyt 2011; Machnik 1999).
One of the remarkable aspects of the Yamnaya migrations into central Europe was that  people of the largely-immigrant-descended Corded Ware and mostly local Globular Amphorae cultures remained genetically quite distinct for centuries (Wang et al. 2018) while occupying different parts of the same landscape (Czebreszuk and Szmyt 2011; Machnik 1999).

Tatsächlich paßt diese Erkenntnis hervorragend zu den Eindrücken, die wir zum kulturellen Umbruch auf der jütländischen Halbinsel in Zusammenhang mit der dortigen Zuwanderung der Kugelamphoren-Kultur um 3.000 v. Ztr. in den letzten Jahren gesammelt hatten (4), und die wir in diesen Blogbeitrag unten noch einmal übernehmen wollen. Es schien uns schon dort, als ob ein großes Heer in die jütländische Halbinsel zugewandert sei, das sich aus unterschiedlichen kulturellen, ethnischen Gruppen zusammen setzte, die dann auch in unterschiedlichen Gegenden der jütländischen Halbinsel mehr oder weniger getrennt voneinander angesiedelt wurden, zum Teil neben noch verbliebenen einheimischen Bevölkerungen (4).

Jahrhundertelange Parallel-Gesellschaften

Es erinnert uns dies an die Herkunftsregionen bestimmter entscheidender Fundgegenstände auf dem Schlachtfeld der Tollense in Mecklenburg (1300 v. Ztr.), die auch einesteils aus dem südöstlichen und andernteils aus dem westlichen Mitteleuropa stammten, also aus zwei unterschiedlichen kulturellen Großregionen. Daraus hatte sich ein kriegerisches Szenario gegeben, das wir anhand einer Studie des dänisch-schwedischen Archäologen Kristian Kristiansen in einem Blogartikel umrißhaft gezeichnet hatten (Titel: "Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte")(5).

Weiterhin häufen sich in den letzten Jahren Hinweise darauf, daß wir es schon im Mittelneolithikum in ganz Europa mit Königreichen, mit einem Hochadel, mit staatlichen Strukturen und mit Großreichen zu tun haben könnten (6-8).

Es könnte also schon ab dem Mittelneolithikum Großreiche gegeben haben, die Stämme unterschiedlicher kultureller und genetischer Herkunft (oder unterschiedlicher Herkunftsanteile) unter ihrer Herrschaft vereinigten. Dabei könnte die ethnische Herkunft des Herrschers oder der Herrscher-Familie zweitrangig gewesen sein für die mittelfristigen populationsgenetischen Auswirkungen, die sich einerseits aus internen Auseinandersetzungen innerhalb dieser Großreichen, wie auch aus expansiven Eroberungszüge derselben nach außen hin mit sich bringen konnten.

Damit soll gesagt werden: Indogermanische Söldner (genauer: Söldner mit "Steppen-Genetik") können unter einer Herrscherfamilie anatolisch-neolithischer Herkunft gedient haben wie umgekehrt Söldner anatolisch-neolithischer Herkunft unter einer indogermanischen Herrscherfamilie gedient haben können. Und bekanntlich konnten indogermanische Adelsfamilien schon sehr früh auch in anatolisch-neolithische Adelsfamilien einheiraten (zum Beispiel bei den Herrschern von Varna am Schwarzen Meer um 4.500 v. Ztr.), wodurch es zu unterschiedlichen Herkunftsanteilen in den nachfolgenden Generationen in diesen Herrscherfamilien kommen konnte.

Ethnien leben auf engem Raum zusammen, ohne sich zu vermischen

Zu dieser Beobachtung würde passen, daß die Archäologen ja auch in Mitteldeutschland (z.B. in Hessen) schon seit Jahrzehnten so verwunderlicher Weise ein ihnen bislang so rätselhaftes, vergleichsweise enges, paralleles, "verzahntes" Nebeneinanderher-Existieren von Angehörigen der Schnurkeramik-Kultur und Angehörigen der Glockenbecher-Kultur beobachtet haben. Noch eine Studie von 2016 "raunt" diesbezüglich dunkel von einem "dialektischen Verhältnis" zwischen beiden Kulturen, ohne dieses "Verhältnis" verständlich und eingängig erklären zu können (9). Ein solches oft friedliches Nebeinander-Siedeln unterschiedliche Stämme, die auch über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg voneinander kulturell und genetisch getrennt bleiben, kann ja insbesondere in Großreichen unter einem Großkönig sehr gut möglich sein und ist in diesen nicht selten - historisch bezeugt - verwirklicht worden.*)

Auch zum Beispiel auf der Halbinsel Krim kann noch in der Antike mittels der Archäologie und der antiken Schriftquellen beobachtet werden (10), wie hier über die Jahrhunderte hinweg neben den griechischen Stadtstaaten, also den griechischen Kolonien an der Küste im Inland sich skythische Stämme ansiedeln konnten, regiert von einem König der Skythen, die im Austausch ebenso wie im Krieg mit diesen Städten stehen könnten. Und es kann beobachtet werden, wie die Skythen in der Endzeit von den Sarmaten dabei entweder militärisch unterstützt oder militärisch besiegt werden konnten, was beides auch eine Ansiedlung von Sarmaten auf der Halbinsel Krim mit sich bringen konnte. Damit hatte man dann mindestens drei Herkunftsgruppen, die auf der Halbinsel Krim gleichzeitig in der Antike nebeneinander lebten. Wobei die Fernhandels-Verbindungen zum Beispiel der Sarmaten - bis nach China hinein und bis nach Ägypten - noch einmal ganz andere sein konnten als die zuvor am Ort ansässigen Einwohner (10).

Jedenfalls: In solchen Großreichen kann dann auch über die Jahrhunderte hinweg die ethnische Zugehörigkeit der herrschenden Schicht und des Königshauses unterschiedlicher Art sein. Man kann hier gerne auch an die Endzeit des römischen Reiches denken. Kaiser und Heerführer provinzialrömischer Herkunft wechselten ab mit Heerführern germanischer Herkunft, die sich schließlich von ihren Stämmen auch zu Königen ausrufen lassen konnten und die entweder die Oberherrschaft des oströmischen Kaisers in Byzanz durch Steuer- und Tributzahlungen anerkannt haben - oder auch nicht. Was jeweils Folgen haben konnte - oder auch nicht.

Auch in der Endzeit des römischen Reiches gab es Schwerpunkte für die Ansiedlung germanischer Stämme auf provinzialrömischen Gebiet.

Und ähnliche Ansiedlungsmuster scheinen sich auch in der Auseinandersetzung der indogermanischen Steppen-Hirtenvölker mit der ihnen westlich gelegenen, reichen Cucuteni-Tripolje-Kultur ergeben zu haben (3, 11): Indogermanische Stämme wurden innerhalb des Siedlungsgebietes der Bauern- und Stadt-Kulturen angesiedelt und lebten mehr oder weniger friedlich neben den einheimischen Bauern. Natürlich konnten die angesiedelten Krieger auch als Söldner genutzt werden zu Kriegen zwischen einzelnen bäuerlichen Teilstämmen (Fürstentümern, Städten) der Cucuteni-Tripolje-Kultur. Und natürlich konnte sich durch ihre Ansiedlung über die Jahrhunderte hinweg auch die vorherrschende Wirtschaftsweise der bäuerlichen Kultur selbst ändern, von schwerpunktmäßigem Ackerbau zu schwerpunktmäßiger Herdenhaltung (11). Auch konnte sich die Kultur durch erste Einmischungen der Zuwanderer sowohl genetisch und kulturell neu formieren (11). Das brauchte dann aber - über die Jahrhunderte hinweg - nicht die letzte Zuwanderung gewesen sein.

Ähnliches ist nun also auch für einen inzwischen gut erforschten, frühen Siedlungsraum der schnukeramischen Kultur zu beobachten, nämlich für die Landschaft Kujawien (Wiki). Diese liegt südlich der Weichsel zwischen den nachmaligen Städten Bromberg, Thorn und Leslau (Włocławek). Und diese Landschaft sollte auch noch in späteren Jahrtausenden ein Kernraum der Siedlungstätigkeit von zuwandernden Völkern werden (zum Beispiel der Goten oder der Wikinger). Die Landschaft liegt in den einstigen deutschen Provinzen Westpreußen und Posen und wurde nach 1200 zusätzlich zu der dort einheimischen polnischen Bevölkerung auch von Deutschen besiedelt. Die Provinzen wurden mal vom Deutschen Ritterorden beherrscht (bis 1466), mal vom polnischen König (bis 1772), mal vom König von Preußen (bis 1918). Die Ethnien lebten in den genannten Jahrhunderten dennoch meistens friedlich nebeneinander.*) So womöglich auch schon zwei unterschiedliche Ethnien in diesem Raum im Spätneolithikum. Vielleicht haben ja die Vorfahren der Polen seit jener Zeit des Spätneolithikums bis heute in genetischer und sprachlicher Kontinuität in diesem Raum gelebt. Anthony jedenfalls schreibt über die Zeit um 3.000 v. Ztr. (1):

Die Zuwanderer brachten eine neue Wirtschaftsweise mit sich. In die Landschaft Kujawien konnten die Archäologen infolge des Baus von Autobahnen und Gasleitungen umfangreiche Untersuchungen vornehmen. Die Schnurkeramik brachte hierher ein größeres Ausmaß von Siedlungsmobilität als eine solche jemals zuvor daselbst bestanden hatte (Czebreszuk and Szmyt 2011: Fig.11). Die Kontinuität von Siedlungen ist bewertet worden anhand des Zählens von drei Kategorien von Merkmalen: Bodenvertiefungen (Pfostenlöcher, Gruben), Tierknochen und Keramikscherben. Die kurzzeitigen Schnurkeramik-Siedlungen hatten weniger Bodenvertiefungen, weniger Tierknochen und deutlich weniger Keramikscherben pro Quadratmeter als jede vorhergehende oder jede nachfolgende archäologische Kultur, einschließlich der zeitgleichen und genetisch unterschiedlichen Kugelamphoren-Kultur, die die Landschaft Kujawien mit den Schnurkeramik-Herdenhaltern teilte.
A new economy also was imported by the migrants. In the Kujavia region in Poland, where large surface areas were stripped by archaeologists in connection with highway and pipeline construction, the Corded Ware economy introduced a higher level of settlement mobility than had existed before (Czebreszuk and Szmyt 2011: Fig.11). Settlement stability was measured by counting three classes of material culture: pit features, animal bones, and pottery sherds. Ephemeral Corded Ware settlement sites had fewer pit features, fewer animal  bones, and markedly fewer pottery sherds per square meter than any previous or succeeding archaeological culture, including the contemporary and genetically distinct Globular Amphorae culture, which shared the Kujavia landscape with the Corded Ware pastoralists.

Anthony weiter (1):

Das Volk der Schnurkeramiker war genetisch unterschiedlich, führte ein neues Ausmaß von Herdenhalter-Mobilität in dieser Landschaft ein, es beanspruchte andere Teile der Landschaft und es blieb während des ersten Drittels des dritten Jahrtausends v. Ztr. größtenteils über Jahrhunderte hinweg von den meisten der einheimischen Gemeinschaften getrennt.
The Corded Ware population was genetically distinct, it introduced a new level of pastoral mobility to this region of Poland, it claimed a different part of the topography, and it remained largely separate from most of the local communities for centuries during the early third millennium BCE.

Die Schnurkeramiker hätten sich vom Karpatenbecken aus in die Berge der Slowakei Richtung Norden ausgebreitet (1):

Archäogenetische Gesamtgenom-Sequenzierungen bezeugen, daß die Heiratsnetzwerke der einwandernden Schnurkeramiker und der örtlichen Kugelamphoren-Kultur über 500 Jahre hinweg getrennt voneinander blieben, obwohl sie in derselben Gegend lebten.
Whole genomes testify that immigrant Corded Ware and local Globular Amphorae mating networks remained largely distinct and separate for 500 years while they shared the same landscapes.

Diese neuen Angaben lasse in der Tat tief in die Geschichte blicken. Sie eröffnen Perspektiven auf das, was in der Zeit des Spätneolithikums und der Bronzezeit möglich gewesen ist. Und zu diesen Ausführungen paßt geradzu nahtlos das, was wir schon in einem früheren Blogartikel (4) veröffentlicht hatten, was aber thematisch genau auch in diesen Blogartikel hinein paßt. Es soll hier auch noch einmal eingestellt sein.

Völker im Umbruch auf der dänischen Halbinsel - als Beispiel

Vor zehn Jahren hatten wir unseren Artikel "3.100 v. Ztr. - Der Rinderwagen in der Weltgeschichte" veröffentlicht über damals neu gedeutete Rinderwagen-Gräber in Norddänemark. Dort hatten wir in einer Nebenbemerkung festgehalten (8):

Wagenräder als Grabgut kennt die "Majkop-Kultur" am Westkaukasus schon zwischen 3.700 und 3.000 v. Ztr.. (...) Die neue Studie läßt sogar die Vermutung verschiedener Forscher anklingen, daß die parallelen Erscheinungen von Wagengräbern zwischen Westkaukasus und Norddänemark ähnlich wie die nachfolgende Ausbreitung der Indogermanen (...) auf großflächigen kulturellen oder sogar bevölkerungsmäßigen Ausbreitungsbewegungen beruht haben könnte. 

Zu unserer Überraschung findet sich inzwischen in einer neuen archäologischen Studie, daß diese Rinderwagen-Gräber in Dänemark zeitgleich auftreten mit der Schnurkeramik-Kultur, also mit den Indogermanen (12):

Um 3.100 v. Ztr. breitet sich das Kugelamphoren-Phänomen mit seiner eigenen groben Keramik, Äxten, Dechsel-Typen ebenso wie Rindergräbern vom Südosten ins nördliche Jütland aus. Zur selben Zeit entwickelt sich das Phänomen der Einzelgrabkultur, räumlich verteilt in unterschiedlicher Intensität mit seinen eigenen Formen sozialer Organisation und seinen eigenen Symbolen sowie mit der Betonung auf einem zweiten Monumenten-Boom oder vielleicht auch auf der Rolle von Kriegern.
In 3100 BCE, the Globular Amphora phenomenon, with its own coarse ware, axe and adze types, as well as cattle burials, spreads from southeast to northern Jutland. At the same time, the phenomenon of the SGC develops, spatially in different intensities, with  its own forms of social organization and its own symbols, such as emphases on a second  monumental boom or perhaps on the role of warriors.

Im Süden der dänischen Halbinsel tritt diese Einzelgrabkultur ab 2.950 v. Ztr. auf, im Norden der dänischen Halbinsel ab 2.750 v. Ztr. (Abb. 1).

Der Begriff "Dunkle Jahrhunderte" (Wiki) wird auf eine Phase der Geschichte Griechenlands zwischen 1200 und 800 v. Ztr. angewendet. Für diese Zeit nach dem "Seevölkersturm" beobachten Archäologen fundarme Jahrhunderte in Griechenland. Diese Jahrhunderte markieren dort den Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit, den Untergang des mykischen und die Entstehung des klassischen Griechenland. Ähnliche "Dunkle Jahrhunderte" werden nun auch im Zusammenhang der Zuwanderung der Indogermanen nach dem heutigen Norddeutschland und Dänemark festgestellt (12):

Neue Studien über die Umweltveränderungen, das Ausmaß der Bewaldung, die Zahl der Großbauten (Monumente) und allgemein über den wirtschaftlichen Wandel haben eine Periode aufscheinen lassen zwischen 3.100 und 2.800 v. Ztr., in der keine neuen Monumente errichtet werden, und in der ein Rückgang des menschlichen Einflusses auf die Landschaft sowohl im nördlichen Deutschland als auch im südlichen Teil der dänischen Halbinsel festzustellen ist.
Original: New studies on environmental change, the degree of opening up of the land, the quantities of monuments, and economic change have shown a period between ca. 3100 and 2800 BCE without monumental building activity and a decrease in human impact on the environment in northern Germany and the southern part of  the Cimbrian peninsula.

Fast ein ähnlicher Vorgang wie er nach 3.500 v. Ztr. für die Cucuteni-Tripolje-Kultur festzustellen is.!

Auf diesen "Hiatus", bzw. Bevölkerungsrückgang in Europa während der Zeit der Ankunft der Indogermanen wird neuerdings auch von Seiten des Archäogenetikers Johannes Krause in seinem inhaltsreichen Buch "Die Reise unserer Gene" hingewiesen (13). Genau in diese Zeit der "Dunklen Jahrhunderte" fällt nun das Auftreten eines (neuen) Keramiktyps, der schon in den 1950er Jahren nahe des dänischen Ortes Store Valby gefunden wurde. Er wird deshalb "Store Valby Keramik" genannt. Diese Keramik war in ganz Dänemark, ebenso in Ostholstein ("Wagrien") und bis nach Dithmarschen verbreitet.


Abb. 2: Chronologische Einordnung der "Store-Valby-Übergangsgesellschaften auf der dänischen Halbinsel (aus: 19)

Dieser Keramiktyp wird in einer neuen Studie deutscher Archäologen als Keramiktyp der Zeit des Übergangs, der Zeit der "Dunklen Jahrhunderte des Nordens" gekennzeichnet. Und man glaubt, mit diesem fehlenden Puzzleteil nun die Kulturabfolge in diesem Raum noch genauer zeitlich, räumlich und kulturell einordnen zu können (s. Abb. 2). Dabei ist zu berücksichtigen, daß in nördlichen Teilen der jütländischen Halbinsel bis 2.700 v. Ztr. interessanterweise sogar noch die Grübchenkeramik-Kultur ("Pitted Ware Societies"; Abb. 2) fortbestand, also die Kultur jenes Jahrzehntausende Jahre alten Volkes westeuropäischer Jäger, Sammler und Fischer, das sich für den westlichen Ostseeraum hier mit seinen letzten Rückzugsorten bis zur Ausbreitung der Indogermanen hielt. (Etwas später ging dieses Volk auch im östlichen Ostseeraum unter.) Das Ergebnis der Studie lautet nun für die Viehzucht und ackerbautreibenden Kulturen (12):

In der Zeit 3.100 bis 2.900 v. Ztr. hatten die Menschen Zugang zu Keramik der Trichterbecherkultur, der Kugelamphorenkultur und der (regionalen) Store Valby-Keramik.
In  the  period 3100-2900 BCE, people could have had access to Bundsø/Lindø, Globular Amphora and Store Valby ceramics. 

Das könnte heißen, daß in dieser Zeit der "Landnahme" Menschen ganz unterschiedlicher kultureller und ggfs. auch genetischer Herkunft neben einander lebten. Im weiteren Verlauf, in der Zeit von 2.900 bis 2.600 v. Ztr. kam zu der soeben beschriebenen, schon vorhandenen Keramik noch die Keramik der Schnurkeramiker dazu (in Abb. 1 "Single Grave Societies", sprich Einzelgrab-Kultur). Die kulturellen Spuren der Kugelamphorenkultur verlieren sich aber hinwiederum nach 2.700 v. Ztr. im Norden ebenso wie die der Grübchenkeramik-Kultur. Nur die Kultur der Schnurkeramik bleibt übrig.

Unsere Frage, bzw. Vermutung, bzw. Deutung: War das etwaige Großreich der Kugelamphoren-Kultur von den Indogermanen aus dem Osten erobert worden, haben diese Indogermanen Teile des Heeres des Großreiches der Kugelamphoren-Kultur in ihr eigenes Heer aufgenommen und haben wurden während der Landnahme auf der dänischen Halbinsel unterschiedlichen Heeresteilen unterschiedliche Siedlungsräume zugeordnet? Das ist jedenfalls das, was sich uns in diesen Zusammenhängen schemenhaft andeutet.

2.800 v. Ztr. - Die Indogermanen sind da

Erst als also die Indogermanen ab 2.800 v. Ztr. als Schnurkeramiker - womöglich in großen Heerzügen gemeinsam mit Kriegern der Kugelamphoren-Kultur - den westlichen Ostseeraum erobern, verlieren sich dort die kulturellen und genetischen Spuren der großartigen Völkergruppe der westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler, die sich dort lange als Ertebolle-Kultur (Wiki) und zuletzt als Grübchenkeramische Kultur ("pitted ware culture") (Wiki) gehalten hatte.

Zu dieser Zeit brachten die Schnurkeramiker den Ackerbau auch nach Finnland, also in den östlichen Ostseeraum. 

Es deutet inzwischen immer mehr darauf hin, daß hier sowohl in Form der anatolisch-neolithischen Trichterbecher- und Kugelamphoren-Kultur wie auch auf Seiten der Indogermanen staatliche Strukturen vorlagen, wie sie am ehesten in der Eisenzeit "Altitaliens" greifbar werden, das heißt, mit einer kriegerischen Adelsschicht, die sich Steinstelen als Grabsteine setzte, freien "Patriziern" und dem einfachen Volk, sowie auch Sklaven und Kriegsgefangene.

2.700 v. Ztr. - Die letzten einheimischen Fischer auf Gotland nehmen die indogermanische Streitaxt-Kultur an

Auf der Insel Gotland haben zwischen 3.300 v. Ztr. und 2.700 v. Ztr. Menschen der bäuerlichen Trichterbecherkultur gelebt, die mehrheitlich anatolisch-neolithischer genetischer Herkunft waren. Im Verlauf des Untergangs dieser bäuerlichen Trichterbecherkultur durch die Zuwanderung der Schnurkeramischen Kultur von Süden her bis nach Dänemark hinein, wurde diese Kultur ab 2.700 v. Ztr. noch einmal ersetzt von jenem im skandinavischen Raum schon viel länger einheimischen Fischer-Volk mesolithischer, genetischer Herkunft. Es war dies das Volk der Grübchenkeramischen Kultur. Was für ein verrückter Vorgang!

Die Archäologen hatten nämlich schon länger beobachtet, daß diese Grübchenkeramische Kultur auf Gotland zwischen 2.900 und 2.500 v. Ztr. etwa zur Hälfte Grabsitten und Grabausstattungen jener indogermanischen Streitaxt-Kultur angenommen hatte, die sich in dieser Zeit rund um den Ostsee-Raum ausgebreitet hat. Eine archäogenetische Studie von 25 Skeletten der Insel Gotland aus dem Juni 2020 zeigt nun auf, daß die dortigen Menschen der Grübchenkeramischen Kultur, die teilweise mit Streitäxten und in Hockerstellung begraben wurden, aus genetischer Sicht von skandinavischen Fischer-, Jäger und Sammler-Populationen abstammen (14) (Abb. 3). Vielleicht waren diese Menschen als "Verbündete" des Königs oder Fürsten der Streitaxt-Kultur sehr bewußt von anderen Gegenden her um- und auf Gotland angesiedelt worden.


Abb. 3: Die kulturell von der Streitaxt-Kultur beeinflußten Grübchenkeramischen Gräber auf Gotland (rote und orangene Dreiecke) waren genetisch identisch mit sonstigen Grübchenkeramischen Gräbern in Skandinavien. Insgesamt standen diese letzten Jäger und Sammler Skandinaviens genetisch den westeuropäischen Jägern und Sammlern näher als den osteuropäischen (aus: 14).

Zwölf der von der Insel Gotland sequenzierten Skelette waren jedenfalls in der typischen Rückenlage der Grübchenkeramischen Kultur bestattet, elf dieser Skeletten waren in der typischen Hockerlage der Streitaxt-Kultur bestattet. Letzteren war auch eine entsprechende typische Streitaxt beigegeben worden. Alle diese Skelette wiesen aber einheitliche, einheimische mesolithische, skandinavische Genetik auf. Trotz ihrer Streitaxt-Grabkultur hatten alle diese Menschen sich vornehmlich von Meerestieren ernährt, was untypisch ist für die Herdenhalter der Streitaxt-Kultur (14).

Manches spricht dafür, daß diese kulturell von der Streitaxt-Kultur überformten Menschen auf Gotland aus dem 3. Jahrtausend v. Ztr. als die geschichtlich letzten Vertreter der einstmals so großen Völkergruppe der westeuropäischen Jäger und Sammler angesprochen werden können (4). Aber das ist nicht Thema des vorliegenden Blogbeitrages. 

Sein Thema ist: Alte Völker gehen, neue Völker kommen. Dadurch wird die Kultur und Genetik Europas in einer solchen Weise umgeformt wie sie dann in den Grundzügen bis heute weiter bestanden hat, ohne daß es seither noch einmal zu einer sehr großen, europaweiten Umwälzung gekommen wäre.

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*) Zum Beispiel in den ehemals deutschen Provinzen Westpreußen und Posen hat es ein solches Zusammenleben mehrerer Ethnien auf engem Raum über 800 Jahre hinweg gegeben, ähnlich in Siebenbürgen oder im Sudentenland.

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  1. Anthony, David: Migration, ancient DNA, and Bronze Age pastoralists from the Eurasian steppes. In: Daniels, Megan (ed.), Homo Migrans: Modeling Mobility and Migration in Human History. Albany: SUNY-Press, IEMA Distinguished Monograph Series. In press, Januar 2021 (Academia
  2. Dergačev, V. A. Kulturelle und historische Entwicklungen im Raum zwischen Karpaten und Dnepr. Zu den Beziehungen zwischen frühen Gesellschaften im nördlichen Südost-und Osteuropa. na, In: B Hänsel, J Machnik: Das Karpatenbecken und die osteuropäische Steppe: Nomadenbewegungen und Kulturaustausch in den vorchristlichen Metallzeiten (4000–500 v. Chr.),  Rahden/Westf, 1998 (im Internet offenbar nicht verfügbar)
  3. Heyd, Volker M. (2016). Das Zeitalter der Ideologien: Migration, Interaktion & Expansion im prähistorischen Europa des 4. und 3. Jahrtausend v. Chr.. In: M. Furholt, R. Grossmann, & M. Szmyt (Eds.), Transitional Landscapes? The 3rd Millennium BC in Europe: Proceedings of the International Workshop "Socio-Environmental Dynamics over the Last 12.000 Years: the Creation of Landscapes III (15th-18th April 2013)" in Kiel. (Vol. 292, pp. 53-85). (Universitatsforschungen zur Prahistorischen Archaologie; Vol. 292). Bonn: Habelt (freies pdf)
  4. Bading, Ingo:  Die westeuropäischen Fischer, Jäger und Sammler - Eine großartige europäische Völkergruppe - Ihre Geschichte und ihr Ende, 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/06/die-westeuropaischen-jager-und-sammler.html
  5. Bading, Ingo: Der große europäische Krieg, der zum Seevölkersturm führte, 18. Oktober 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/volker-und-groreiche-in-bewegung-europa.html 
  6. Bading, Ingo:  Königreiche im Elb-Saale-Gebiet - Seit dem Mittelneolithikum und in der Bronzezeit Herrschaftszentren und Reiche, 9-2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/07/das-fruhbronzezeitliche-konigreich-im.html
  7. Bading, Ingo:  "Eine dynastische Elite in der Megalithkultur" Europas (3.500 v. Ztr.) - Waren die Megalith-Gräber Grablegen von Großkönigen? - Königsdynastien und ihre Städte im europäischen Mittelneolithikum (4200 bis 3100 v. Ztr.), 6/2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/05/die-hausmaus-breitete-sie-sich-mit-dem.html
  8. Bading, Ingo:  3.100 v. Ztr.: Der Rinderwagen in der Weltgeschichte - Prozessionen an Königsgräbern lassen um 3.100 v. Ztr. staatliche Strukturen in Norddänemark erkennen, 2010, https://studgendeutsch.blogspot.com/2010/10/3100-v-ztr-der-rinderwagen-in-der.html
  9. Ralph Großmann: Das dialektische Verhältnis von Schnurkeramik und Glockenbecher zwischen Rhein und Saale (= Universitätsforschungen zur Prähistorischen Archäologie. Band 287 = Human Development in Landscapes. Band 8). Habelt, Bonn 2016 (freies pdf)
  10. Zuhar', Vitalij M.: Späte Skythen und Sarmaten. In: Rolle, Renate; Müller-Wille, Michael; Schietzel, Kurt (Hrsg.): Gold der Steppe - Archäologie der Ukraine. [Archäologisches Landesmuseum der Christian-Albrechts-Universität Schleswig und Archäologisches Institut der Akademie der Wissenschaften der Ukrainischen SSR Kiev. In Zusammenarbeit mit dem Seminar für Ur- und Frühgeschichte der Georg-August-Universität Göttingen und dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität Kiel, Wachholtz, Neumünster 1991, S. 209-214
  11. Bading, Ingo:  Die Indogermanen kommen nach Siebenbürgen (3500 v. Ztr.), 12-2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-indogermanen-foderaten-fruher.html
  12. Brozio, Jan Piet et al. The Dark Ages in the North? A transformative phase at 3000–2750 BCE in the western Baltic: Brodersby-Schönhagen and the Store Valby phenomenon. Journal of Neolithic Archaeology, [S.l.], v. 21, p. 103–146, dec. 2019. ISSN 2197-649X. Available at: <http://www.jna.uni-kiel.de/index.php/jna/article/view/181>. Date accessed: 19 dec. 2019. doi: https://doi.org/10.12766/jna.2019.6.
  13. Krause, Johannes: Die Reise unserer Gene. Eine Geschichte über uns und unsere Vorfahren. Propyläen Berlin 2019 
  14. The Neolithic Pitted Ware culture foragers were culturally but not genetically influenced by the Battle Axe culture herders. Alexandra Coutinho, Torsten Günther, Arielle R. Munters, Emma M. Svensson, Anders Götherström, Jan Storå, Helena Malmström, Mattias Jakobsson. American Journal of Physical Anthropology, First published: 04 June 2020 https://doi.org/10.1002/ajpa.24079, https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1002/ajpa.24079?campaign=wolearlyview.

Dienstag, 4. Mai 2021

"Pferde, Zepter, Krieg" (2007) - Das Buch, das die Urheimat der Indogermanen entdeckte

- Valentin Dergachiov - Der Entdecker der Urheimat der Indogermanen
Ein Archäologe der Republik Moldau, bzw. aus Bessarabien
 - Sein Buch ist bislang nur in russischer Sprache erschienen

Vorbemerkung (7.5.2021): Von sehr kundiger Seite wird uns mitgeteilt, daß viele der Beobachtungen des moldavischen Archäologen Valentin Dergachev, auf die in unserem vorliegenden Aufsatz hingewiesen wird, ihre Gültigkeit gerade unter Berücksichtigung der neuesten Daten der Archäogenetik behalten werden. Dazu werden bald, so ist zu hören, neue wissenschaftliche Aufsätze erscheinen.

Nicht der schlechteste Ort, um die Ur- und Frühgeschichte der Indogermanen zu erforschen, ist - offenbar - die Region Bessarabien (Wiki). Sie liegt im Norden der Mündung der Donau in das Schwarze Meer (s. Abb. 1). Warum? Eine der frühesten Ausbreitungsbewegungen der Indogermanen von der Mittleren Wolga aus richtete sich auf die reichen spätneolithischen Stadtkulturen nördlich des Schwarzen Meeres. Diese lagen in der heutigen Ukraine, im heutigen Bessarabien und im heutigen Siebenbürgen (1). Es war dies die berühmte und legendäre Cucuteni-Tripolje-Kultur (5.000-3.000 v. Ztr.) (Wiki), die erste Stadtkultur Europas. In ihrem Zentrum lag Bessarbien (s. Abb 1).

Abb. 1: Die deutschen Siedlungsgruppen in der Bukowina, in Siebenbürgen, in Bessarabien und in der Dobrudscha bis 1939

Die Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki) entstand nach und aus dem Untergang der Linearbandkeramik. Sie entwickelte sich zeitlich parallel zur Frühgeschichte der Indogermanen an der Mittleren Wolga. Beide Kulturen dehnten sich über zwei Jahrtausende hinweg aus, die eine nach Osten, die andere nach Süden und Westen - bis schließlich die eine Kultur von der anderen "durchsetzt" wurde (23), überlagert wurde, und bis schließlich die Indogermanen das gesamte Gebiet der Cucuteni-Tripolje-Kultur "übernahmen" und dort eine andere Kultur und Lebensweise ausformten als zuvor dort bestanden hat.

Abb. 1a: Der Schwerpunkt, das Zentrum der Siedlungen der Cucuteni-Tripolje-Kultur 4.500 bis 3.500 v. Ztr. lag eindeutig in Bessarabien (aus: 10)

Heute lebt im genannten Bessarabien (bzw. in der Republik Moldau) jener Archäologe, der diese Entwicklungen seit Jahrzehnten intensiv erforscht. Und er hat schon im Jahr 2007 das bis heute wichtigste - wenngleich bis heute völlig unbekannt gebliebene - Buch zur Ur- und Frühgeschichte der Indogermanen heraus gebracht hat, nämlich der moldavische Archäologe Valentin Anisimovich Dergachev (geb. 1943) (Abb. 2). Sein in russischer Sprache geschriebenes Buch trägt den Titel, der auf Deutsch zu übersetzen ist mit (2): "Zepter, Pferde und Krieg - Studien zur Verteidigung der Ausbreitungs-Theorie von M. Gimbutas". Wenn es jemals ein in russischer Sprache geschriebenes Buch gab, dessen Erscheinen in deutscher Sprache möglichst bald zu wünschen wäre, dann dieses. (Wenn es nicht anders geht, dann gerne auch auf Englisch ...)

Hatten wir doch schon vor zwei Jahren hier auf dem Blog - aufgrund neuester archäogenetischer Erkenntnisse - gejubelt (3):

Es ist "amtlich" - Das Urvolk der Indogermanen war die Chwalynsk-Kultur.

Und war es doch dieses Buch von Dergachev, das genau dieses Erkenntnis schon zwölf Jahre früher - allein aufgrund archäologischer Forschung - gewonnen hatte. Hatten wir auch dieses damals neueste und umwerfendste Forschungsergebnis der Archäogenetik nur einer inoffiziellen "Vorab"-Veröffentlichung des Archäologen David Anthony entnommen (3), so war dieses Forschungsergebnis dennoch grundlegend um umwerfend.

Abb. 2: Valentin Dergachev (Dergachyov, Dergaciov) (geb. 1943) - Entdecker der engeren Urheimat der Indogermanen

Und so erstaunt natürlich, daß die offizielle Veröffentlichung der wissenschaftlichen Daten, die damals benannt worden waren, soweit uns bekannt immer noch aussteht (aber: siehe Vorbemerkung!). Wo doch sonst die Archäogenetiker in den letzten Jahren immer "Schlag auf Schlag" die neuesten Erkenntnisse veröffentlicht hatten. Es muß angesichts des Zögern der Archäogenetiker (David Reich und seiner Kollegen) jedenfalls nicht wundern, daß der Name Valentin Dergachev auch zwei Jahre nach Bestätigung der Urheimat (Wiki) der Indogermanen durch die Archäogenetik immer noch keinen Klang bekommen hat, keine Bekanntheit erlangt hat, weder in der engeren Fachwelt, noch in einer weiteren, aufgeklärteren Öffentlichkeit. 

Zum Beispiel auf Wikipedia-Artikeln wie "Kurgan-Kultur" (Wiki) oder "Urheimat" (Wiki) werden zwar (auf dem ersteren) die Inhalte des zeitgleich erschienenen Buches seines US-amerikanischen Kollegen David Anthony breit referiert, der Name Dergachev fällt aber nirgendwo. Das gilt sogar für den russischsprachigen Artikel zur Chwalynsk-Kultur (Wiki) (der auch sonst allerhand Veraltetes zu enthalten scheint). Auch in einem lesenswerten Aufsatz des von uns inzwischen recht geschätzten Archäologen Volker Heyd aus dem Jahr 2016 zur Thematik findet sich kein Hinweis auf das Buch von Dergachev. Der Archäologe Dergachev hat auch noch keinen eigenen Wikipedia-Artikel.

Auf dem englischsprachigen Wikipedia finden sich Wissenschafsartikel von V. Dergarchev zur Zeit nur auf Artikeln zur Cucuteni-Tripolje-Kultur (Wiki), zu den Skythen (Wiki) und Saken (Wiki) zitiert. Und dies ist noch 15 Jahre nach Erscheinen seines Buches so. Das ebenfalls 2007 erschienene Buch des US-amerikansichen Archäologen David Anthony hat seither hingegen viel, viel mehr Aufmerksamkeit erlangt.

Indem wir 2019 versuchten, über die uns bis dahin völlig unbekannte - selbst dem Namen nach unbekannte - Chwalynsk-Kultur Erkundigungen einzuziehen, stießen wir - dankenswerter Weise - wenigstens auf einen Beitrag im Internet, in dem wir umfassender aufgeklärt wurden. Es handelte sich dabei um einen Beitrag des spanischen Archäogenetik-Bloggers Dr. Carlos Quiles (3). In diesem wurden - soweit uns bekannt erstmalig und bislang auch letzmalig im Internet (abgesehen von unserem eigenen Blog) - Inhalte der Buchveröffentlichung von Dergachev aus dem Jahr 2007 referiert.

Horcht auf, Verleger und Übersetzer. In diesem Buch liegt die bislang detaillierteste Studie zur Entstehungs- und Frühgeschichte des Volkes der Indogermanen vor. Alle Bücher, die zuvor zu diesem Thema erschienen sind, sind diesem Buch gegenüber veraltet. Es ist die Entstehungsgeschichte jenes Volkes der Weltgeschichte, das so ziemlich in dieser am meisten "Wirbel" hervorgerufen hat in den letzten fünftausend Jahren. Es sei also wiederholt: Wenn es ein Buch gibt, das übersetzt werden sollte, dann dieses.

Ein Buch, das wissenschaftliche Vorgänger veraltet aussehen läßt

Während die schon im Untertitel genannte berühmte amerikanisch-litauische Archäologin Marija Gimbutas (1921-1994)(Wiki) seit 1956 bis zu ihrem Lebensende im Jahr 1994 Studien darüber veröffentlicht hatte, daß sich die Urheimat der Indogermanen in der sogenannten Kurgan-Kultur (Wiki) der Ukraine wiederfinden würde, eine These, die letztlich bis 2015 als umstritten, weil letztlich ungeklärt galt, während zugleich im Jahr 2007 der US-amerikanische Archäologe David Anthony die These von Marija Gimbutas zwar mit Hilfe neuerer archäologischer Erkenntnisse stützte, ohne aber die engere Urheimat der Indogermanen nun konkreter eingrenzen und benennen zu können, hat im gleichen Jahr 2007 Dergachev genau das letztere getan. Er hat den Ausgangspunkt aller indogermanischen Ausbreitungsbewegungen in seinem Buch benannt, nämlich: die Chwalynsk-Kultur.

Und zwar hat er in seinem Buch die Urheimat und frühe Ausbreitung der Indogermanen identifiziert - wie schon am Titel erkennbar - anhand der räumlichen Verbreitung und phasenweisen stilistischen Veränderungen von Tierkopf-Zeptern im Nordkaukaus- und Nordschwarzmeer-Raum über 2000 Jahre hinweg (3, 4). (2016 hat dieses Thema der Archäologe Volker Heyd zwar auch aufgegriffen, aber nur für den Karpatenraum und ohne Hinweis auf das Buch von Dergachev [23].) Diese Tierkopf-Zepter stellen damit für die Archäologie ein wesentliches kulturelles Merkmal des Urvolkes der Indogermanen dar, fast noch wichtiger als die Keramik.

Wir haben über diese Zepter hier auf dem Blog auch schon zwei Beiträge veröffentlicht (4, 5). Aber das Thema ist damit natürlich erst angerissen, noch lange nicht ausgeschöpft. Insbesondere zur Beziehung der Kultur des Urvolkes der Indogermanen zu ihrer engeren Urheimat, der Übergangszone von Waldsteppe und Steppe kann jetzt sehr viel neue Forschung unternommen werden.

Abb. 3: Nationalmuseum für die Geschichte der Republik Moldau in Kischinau, gegründet 1983 - Das Gebäude war zuvor Jungen-Gymnasium und Militärmuseum - Hier arbeitet Dergachev

Weiterhin hat Dergachev in seinem Buch sehr ausführlich die Häufigkeit der Knochen - etwaig - domestizierter Pferde in dem genannten geographischen Großraum behandelt, sowie  die damit einhergehenden Pferde-Darstellungen in der Kunst der Indogermanen. (Es ist aber wohl zu betonen, daß die Domestizierung des Pferdes für das 5. Jahrtausend v. Ztr. strittig ist, daß es aber stattdessen aufgrund von häufigen Rinderwagen-Gräbern gute Belege dafür gibt, daß der Rinderwagen eine nicht geringe Rolle in der Frühgeschichte der Indogermanen gespielt hat. (Der Rinderwagen war schon Thema anderer Beiträge hier auf dem Blog.)

Dergachev lebt und arbeitet also - wie schon angedeutet - in der Hauptstadt von Bessarabien, genauer gesagt der Republik Moldau (auch: Moldawien) (Wiki). Und das ist Kischinau (Wiki). Nebenbei sei erwähnt: In Bessarabien  lebten bis 1939, bis zum Anschluß an die Sowjetunion durch den damaligen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, auch knapp 100.000 "Bessarabien-Deutsche" (s. Abb. 1). Sie bildeten dort knapp drei Prozent der Bevölkerung. (Zum Beispiel waren auch die Eltern des Bundespräsidenten Horst Köhler Bessarbien-Deutsche.) Die Mehrheit der Menschen in Bessarabien, bzw. in der Republik Moldau sprachen aber schon damals - und sprechen auch heute noch - als Muttersprache Rumänisch. So anzunehmenderweise auch Vladimir Dergachev. Im Zusammenhang mit der russischen Minderheit im Land gibt es auch heute noch eine Nationalitätenkonflik in der Republik Moldau (der "Transnistrien-Konflikt").**)

In Kischinau befindet sich eine Universität, sowie das Nationalmuseum für die Geschichte von Moldawien (Wiki, Homepage). Zu diesem gehört das Museum für Archäologie und Ethnographie. In diesem arbeitet Dergachev. Als seine Adresse wurde 2007 in einem Aufsatz im "Journal of Human Genetics" angegeben:

V. Dergachev
Institute of Archaeology and Ethnography,
Academy of Sciences of Moldova,
Banulescu-Bodoni str. 35,
2012 Kishinev, Moldova

An diesem Institut hat Dergachev die genannte archäologische Studie zur Urheimat (und frühen Ausbreitung) der Indogermanen erarbeitet. Es finden sich auch interessante Videos über die Forschungsarbeit dieses Museums, in denen auch Dergachev zu Wort kommt, allerdings wieder nur in russischer Sprache (21).

Unser Fragen und Forschen hier auf dem Blog geht ja immer weiter. Vor einem halben Jahr hatten wir noch einige wichtige, neu bekannt gewordene Details zur Ethnogenese der Indogermanen zwischen Mittlerer Wolga und Kaukausus hinzufügen können, vornehmlich aus archäogenetischer Sicht (6). Indem wir aber nun erst kürzlich auf das "Lachsargument" in der Indogermanen-Forschung aufmerksam wurden, tauchten neuerlich sehr konkrete Fragen rund um die Urheimat der Indogermanen auf (7), die uns nun verstärkt nach den Inhalten des Buches von Dergachev fragen lassen.

In diesem Zusammenhang fällt unter anderem auf, daß das Siedlungsgebiet der Wolgadeutschen seit 1763 nur hundert Kilometer südlich von Chwalynsk liegt, also sich geographisch völlig zu überschneiden scheint mit einem Teil der Urheimat der Indogermanen. Da in vielen Darstellungen zur Geschichte der Wolgadeutschen keine Sprachhürde zu überwinden ist, wir aber aus ihnen auch noch viel über die Urheimat der Indogermanen erfahren können, sollen zu ihrer Geschichte noch weitere Blogartikel erarbeitet werden.

Um nun die Geographie des Siedlungsgebietes der Urindogermanen so genau wie möglich kennenlernen, eingrenzen und bestimmen zu können, möchte man sich etwas intensiver mit den Arbeiten von Dergachev beschäftigen, nicht zuletzt auch mit den darin enthaltenen Verbreitungskarten. Man stößt dabei aber auf fast unüberschreitbare Sprachhindernisse. Das meiste scheint Dergachev auf Russisch veröffentlicht zu haben.*)

Auf seinem Academia-Account (Academia) hat Dergachev die mehr als 400 Seiten seines Buches von 2007 vollständig eingestellt. Frei herunterladbar für jene, die dort einen (kostenfreien) Account besitzen (... oder die uns anschreiben). ;-)  

1. Teil - Cucutenni-Tripolje

Immerhin, das Inhaltsverzeichnis dieses Buches ist schon ins Englische übersetzt:

Abb. 4: "Zepter, Pferde, Krieg" (2007) - Inhaltsverzeichnis, Seite 1 (1)

Der erste Teil des Buches ist benannt: "Über die Ausbreitungs-Theorie von M. Gimbutas und die Wiederspiegelung derselben im Datenmaterial zur Cucuteni-Tripolje-Kultur". Vielleicht decken sich die Inhalte dieses ersten Buchteiles mit seinem im Jahr 2000 auf Englisch erschienen Aufsatz "Two Studies in Defence of Migration Concept", der immerhin auf Englisch erschienen ist (14), aber noch nicht frei zugänglich im Internet zu sein scheint, auch nicht auf der Academia-Seite von Dergachev. Die Zusammenfassung dieses Aufsatzes lautet (14):

In den letzten Jahren war eine Tendenz zur völligen Ablehnung der Theorie von M. Gimbutas zur Ausbreitung von herdenhaltenden Gesellschaften vom südöstlichen Europa nach Westen zu beobachten, jene Theorie, die von der Mehrheit der Fachleute ansonsten akzeptiert worden war. Dieser Aufsatz ist die Antwort des Autors auf diese Entwicklung. (...) Um die Theorie von M. Gimbutas zu überprüfen, (...) schlägt der Autor die Analyse von vier weitgehend unabhängigen archäologischen Datenbeständen vor, die mit der Entwicklung der Vorcucuteni-Cucuteni-Tripolje-Kultur verbunden sind (Entwicklung der Siedlungen, befestigte Siedlungen, Ortsnamenskunde von Siedlungen und Funde von Pfeilspitzen). Eine chronologische und geographische Analyse dieser Daten bringt den Autor zu der Schlußfolgerung, daß M. Gimbutas richtig lag darin, daß die Träger dieser Gesellschaft in der Phase Cucuteni A-Tripolje B1 eine Katastrophe erlebten, und daß diese unbedingt in Verbindung stand mit der Ausbreitung von Herdenhaltern von Osten her.
The recent years have seen a marked trend to fully reject M. Gimbutas’ concept of migration of early stockbreeding societies from the south-eastern Europe to the West, the concept that used to be accepted by majority of specialists. The article is the author’s response to this recent trend. It questions adequacy of methods of analysis and interpretation of archaeological records. The author advocates strict observance of rigid research procedures. To prove M. Gimbutas’ perspectives, following the declared principles the author proposes an analysis of four relatively independent categories of records, connected with development of Precucuteni-Cucuteni-Tripolje culture (development of settlement, fortified settlements, toponymy of settlements and arrowheads). A chronological and space analysis of these qualities lead the author to conclude that M. Gimbutas was right in that the bearers of this cultural society did suffer a catastrophe at the stage of Cucuteni A – Tripolje B1, and that this catastrophic impact was definitely connected with migration of stockbreeders from the east.

Auch im ersten Teil seines Buches von 2007 geht es Dergacev um die Theorien zum Untergang der Cucuteni-Tripolje-Kultur. Diese haben interessanterweise in der Wissenschaft 2019 Widerspruch gefunden (1) (siehe unten). Über jene Teile der Auseinandersetzung, die auf Englisch veröffentlicht sind, kann man also schon viele wichtige Inhalte dieses Buches erfahren.

Wichtiger ist dabei insbesondere, daß sich im Fundmaterial kulturelle Hinterlassenschaften der Indogermanen finden, über die man diese Indogermanen genauer kennenlernen kann, und von denen man allgemeinere Schlüsse ableiten kann. Es wird von Dergachev also erst die "Dynamik in der Entwicklung der Cucuteni-Tripolje-Kultur" behandelt (I.3.2), es werden Hinweise auf Kriegsführung in ihr erörtert (I.3.5) und es werden dann behandelt "Visitenkarten ungebetener Gäste" (I.3.6), also kulturelle Hinterlassenschaften der Indogermanen und Überreste von Waffen, bzw. Pfeilspitzen. Es wird also angenommen, daß die Indogermanen "ungebeten" ins Land gekommen seien (was sicherlich auch noch einmal zu erörtern wäre).

2. Teil - Zepter

Im zweiten Teil wird unglaublich detailliert die - wenn man es recht versteht, 2000 Jahre andauernde - Geschichte der Tierkopfzepter im nordpontischen Raum nachgezeichnet, und zwar zunächst, indem die bisherige Wissenschaftsgeschichte zum Thema referiert wird.

Abb. 5: "Zepter, Pferde, Krieg" (2007) - Inhaltsverzeichnis, Seite 2

Soweit erkennbar, bedeutet das Wort "Pommes" in diesem Inhaltsverzeichnis (bei Quiles "pommel") "Knauf", also der stilisierte "Kopf" der hier behandelten "Zepter", bzw. Tierkopf-Zepter. Spannend ist ja auch, daß es unter diesen Zeptern ein solches in Form eines Fischkopfes gibt. Auch damit würde noch einmal verdeutlicht, daß die Verbindung der Urindogermanen zu Fischen nicht eine gar zu lose gewesen sein kann, also das "Lachsargument" auch von hierher noch einmal neu überdacht werden sollte (8).

3. Teil - Pferde

Abb. 6: "Zepter, Pferde, Krieg" (2007) - Inhaltsverzeichnis, Seite 3

Im dritten Teil wird dann die Geschichte der Pferde im Urvolk der Indogermanen behanselt. Dem Inhaltsverzeichnis kann man entnehmen, daß Carlos Quiles schon die wesentlichsten Inhalte referiert haben könnte (3, 4). Mit den Pferdeknochen hat sich zur gleichen Zeit auch David Anthony in seinem Buch von 2007 sehr gründlich beschäftigt. Ob Dergachev noch einen differenzierteren Blick auf die Zusammenhänge gewähren kann als Anthony, kann von uns vorderhand nicht gesagt werden. 

Abb. 7: Dergaciov, 75 Jahre alt, 2018

Untergang der Cucuteni-Tripolje-Kultur - Sind die Steppenvölker schuld?

Erst während der Recherche zu diesem Artikel wurden wir darauf aufmerksam, daß eine von uns hier auf dem Blog schon im Jahr 2019 ausgewertete Studie (1, 10) in ihrer Datenbasis zu nicht geringen Teilen auf dem von Dergachev zusammen gestellten Datenmaterial beruhte, nur daß diese Studie zu einer anderen Gesamteinschätzung gekommen ist als er selbst in seinem Buch von 2007. Wie schon einleitend erwähnt, geht es in dieser Studie um die großartigen Cucuteni-Tripolje-Kultur in der Ukraine und in den Karpaten, auf die wir auch schon in einem früheren Blogartikel ausführlicher eingegangen waren (9). Während Dergachev nun eher vermutete, daß kriegerische Zuwanderung der Indogermanen von Osten her diese Kultur zerstört habe, wurde in der Studie von 2019 ein anderer argumentativ Standpunkt untermauert, nämlich daß es eher interne Ursachen für den Niedergang der Cucutenni-Tripolje-Kultur gegeben hätte (10):

Die Tatsache, daß in der letzten Phase des Spätneolithikums (3.500 bis 3000 v. Ztr.) die Siedlungen (der Cucuteni-Tripolje-Kultur) erneut mit Verteidigungsanlagen versehen worden sind, ist gedeutet worden entweder als Antwort auf äußere oder auf innere Bedrohungen, wobei Dergachev (2007) die Position eingenommen hat, daß es sich um eine Antwort auf eine neue Welle von Völkern aus der Steppe gehandelt habe. Wir nehmen die entgegen gesetzte Position ein, nämlich daß diese Entwicklungen durch eine bedeutsame sozio-ökonomische Umwandlung der Späten Tripolye-Bevölkerung angetrieben wurde. Die klar identifizierte Verlagerung vom Ackerbau hin zu Herdenhaltung und zur Zunahme von Austausch zwischen befreundeten Gemeinschaften rief die Entstehung von miteinander konkurrierenden, sich auflösenden Fürstentümern hervor (nach Earle und Kristiansen, 2010).
Original: The resumption of settlement fortification during the Terminal Eneolithic (3500–3000 BCE) has been framed either in response to “external” or “internal” threats, with Dergachev (2007) taking the position that this was in response to a new wave of population from the steppe. We take the opposite position, that such developments were spurred on by significant socio-economic transformation of the Late Tripolye population. The clearly identified shift from agriculture to stock-breeding and increase in exchange between related communities caused the formation of competitive, dispersed chiefdoms (after Earle and Kristiansen, 2010).

Diese Studie wird man sich nach dem Wissen um die Bedeutung der Studie von Dergachev, auf die hier Bezug genommen wird, noch eimal mit ganz neuem Interesse ansehen. Wie immer auch die hier erörterte Frage geklärt werden wird - vielleicht handelte es sich um eine Kombination von beiden Vorgängen - uns ist hier zunächst nur wichtig festzustellen, daß Dergachev nicht nur der Entdecker der engeren Urheimat und damit des Ortes der Ethnogenese der Indogermanen ist, sondern zugleich auch eine wichtige wissenschaftliche Position zum Untergang der Cucuteni-Tripolje-Kultur einnimmt und dazu auch umfangreiche Datensätze der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat.

Beide geschichtliche Vorgänge können also mehr im Zusammenhang miteinander behandelt werden und gesehen werden als uns das bislang hier auf dem Blog bewußt gewesen ist.

Abschließend: Es wäre wirklich sehr erfreulich, wenn dieses Buch von Dergachev in deutscher oder englischer Sprache zugänglich gemacht würde. Es wäre dies vermutlich sogar sehr notwendig.

Unsere bisherige, noch sehr unvollständige Zusammenstellung der wissenschaftlichen Arbeiten von Dergachev (11-22) soll künftig noch vervollständigt werden.

___________

*) Noch problematischer stellten sich für uns zu Anfang die unterschiedlichen Schreibweisen des Namens von Dergachev dar. Wir mußten lange suchen, bis wir einigermaßen eine Übersicht gewinnen konnten über seine wissenschaftlichen Arbeiten. Erst als wir eine Übersicht neuerer seiner Arbeiten auf der Internetseite der Nationalbibliothek der Republik Moldau (IBN) fanden, kamen wir weiter. Denn hier wird sein Name anders geschrieben als bislang gedacht: Valentin Dergaciov. Und indem wir nun mit dieser Schreibweise weiter recherchierten, fanden wir seinen zuvor von uns ergebnislos gesuchten Academia-Account! Auf diesem schreibt er seinen eigenen Namen als: Valentin Dergachyov (Academia). 

**) Was wir erst im Nachgang erfahren, ist der Umstand, daß die Republik Moldau zwar früher einer der wohlhabendsten Sowjetrepubliken, heute aber das ärmste Land Europas ist und daß inzwischen ein Viertel bis zur Hälfte der Bevölkerung abgewandert ist nach Rußland oder in europäische Staaten. Als verantwortlich dafür wird die hohe Korruption im Land angesehen. Auf Wikipedia heißt es (Wiki):

Vor seiner Unabhängigkeit Anfang der 1990er Jahre war die Republik Moldau eine der wohlhabendsten Sowjetrepubliken. Seit 1992 hat sich infolge des ungelösten Transnistrien-Konflikts die wirtschaftliche Lage drastisch verschlechtert.

Mehr dazu:

_________

  1. Bading, Ingo: Die Indogermanen kommen nach Siebenbürgen (3500 v. Ztr.) Neue Forschungen aus Genetik und Archäologie  - Anhang: Allgemeinere Überlegungen zu Geschichte und Wesen des Indogermanischen, 25. Dezember 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/12/die-indogermanen-foderaten-fruher.html
  2. Dergachev, V. A.: О скипетрах, о лошадях, о войне: этюды в защиту миграционной концепции М.Гимбутас (On sceptres, on horses, on war: Studies in defence of M. Gimbutas’ migration concepts), 2007 (Scribd
  3. Bading, Ingo: Es ist "amtlich" - Das Urvolk der Indogermanen war die Chwalynsk-Kultur um 4.500 v. Ztr. an der Mittleren Wolga - Der US-amerikanische Archäologe David Anthony hat am 1. August über den neuesten Forschungsstand informiert, 4. August 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/es-ist-amtlich-das-urvolk-der.html
  4. Quiles, Carlos: About Scepters, Horses, and War: on Khvalynsk migrants in the Caucasus and the Danube, 2018, https://indo-european.eu/2018/07/about-scepters-horses-and-war-on-khvalynsk-migrants-in-the-caucasus-and-the-danube/
  5. Bading, Ingo: Tierkopfszepter, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/10/tierkopfszepter-der-indogermanen.html
  6. Bading, Ingo:  Elchkopfstäbe, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/elchkopfstabe-sind-sie-die-vorlaufer.html
  7. Bading, Ingo: Die Urindogermanen - "Allem Anfang wohnt ein Zauber inne" Neue Schlaglichter aus der Forschung zur Ethnogenese der Indogermanen, 30. Oktober 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/10/die-urindogermanen-allem-anfang-wohnt.html
  8. Bading, Ingo: Das "Lachsargument" in der Indogermanen-Forschung, 13.4.2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2021/04/unsere-vorfahren-sie-haben-fisch.html
  9. Bading, Ingo: Kossinna lacht!, November 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  10. Harper, T. K., Diachenko, A., Rassamakin, Y. Y., & Kennett, D. J. (2019). Ecological dimensions of population dynamics and subsistence in Neo-Eneolithic Eastern Europe. Journal of Anthropological Archaeology, 53, 92-101. https://doi.org/10.1016/j.jaa.2018.11.006
  11. Dergachev V.A. Metallicheskie serpy pozdnej bronzy Vostochnoj Evropy (übersetzt: Metal sickles of the Late Bronze Age in Eastern Europe). 1971 
  12. Valentin Anisimovich Dergachev: Bestattungskomplexe der späten Tripolje-Kultur (Materialien zur allgemeinen und vergleichenden Archäologie)(Herausgegeben von der Kommision f. Allgemeine u. Vergleichende Archäologie d. Deutschen Archäologischen Instituts). Zabern, Mainz 1991 
  13. Dergačev, V. A. Kulturelle und historische Entwicklungen im Raum zwischen Karpaten und Dnepr. Zu den Beziehungen zwischen frühen Gesellschaften im nördlichen Südost-und Osteuropa. na, In: B Hänsel, J Machnik: Das Karpatenbecken und die osteuropäische Steppe: Nomadenbewegungen und Kulturaustausch in den vorchristlichen Metallzeiten (4000–500 v. Chr.),  Rahden/Westf, 1998 (im Internet offenbar nicht verfügbar)
  14. V Dergachev, A Sherratt, O Larina: Recent results of Neolithic research in Moldavia (USSR). In: Oxford Journal of archaeology, March 1991 https://doi.org/10.1111/j.1468-0092.1991.tb00001.x 
  15. V. A. Dergachev (Kishinev, Moldova): Two Studies in Defence of Migration Concept. Stratum Plus. 2000. № 2, 188-236 (Stratum)
  16. V A Dergachev: Die äneolithischen und bronzezeitlichen Metallfunde aus Moldavien. F. Steiner, Stuttgart 2002
  17. Valentin A. Dergachev, Pavel M. Dolukhanov (2007) The Neolithization of the north Pontic area and the Balkans in the context of the Black Sea floods. In: Yanko-Hombach V., Gilbert A.S., Panin N., Dolukhanov P.M. (eds) The Black Sea Flood Question: Changes in Coastline, Climate, and Human Settlement. Springer, Dordrecht. https://doi.org/10.1007/978-1-4020-5302-3_21
  18. Population history of the Dniester–Carpathians: evidence from Alu markers. Alexander Vazari …, R Cojocaru, Y Roschin, C Glavce, V Dergachev… - Journal of human genetics, 2007 
  19. Searching for the origin of Gagauzes: Inferences from Y‐chromosome analysis. Alexander Varzari, Vladimir Kharkov, Wolfgang Stephan, Valentin Dergachev, Valery Puzyrev, Elisabeth H. Weiss, Vadim Stepanov. In: American Journal of Human Biology, Volume 21, Issue 3  First published: 23 December 2008
  20. Savantul Valentin Dergaciov: La 75 de ani (Zum 75. Geburtstag). 6.4.2018, http://ich.md/?p=3096
  21. Dergaciov Valentin: The Maykop-novosvobodnaya-Banyabik type axes. Stratum plus Nr. 2 / 2019 Disponibil online 3 December, 2019  
  22. Video über die Cucuteni-Tripolje-Kultur, Stratum plus. Archaeology & Anthropology, 2018; enthält auch Interviews mit V. Dergachev (Minuten 22:20 und 26:20), https://www.facebook.com/watch/?v=1571738719528837
  23. Heyd, Volker M. (2016). Das Zeitalter der Ideologien: Migration, Interaktion & Expansion im prähistorischen Europa des 4. und 3. Jahrtausend v. Chr.. In: M. Furholt, R. Grossmann, & M. Szmyt (Eds.), Transitional Landscapes? The 3rd Millennium BC in Europe: Proceedings of the International Workshop "Socio-Environmental Dynamics over the Last 12.000 Years: the Creation of Landscapes III (15th-18th April 2013)" in Kiel. (Vol. 292, pp. 53-85). (Universitatsforschungen zur Prahistorischen Archaologie; Vol. 292). Bonn: Habelt (freies pdf)
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