Samstag, 26. Juni 2021

Spätbronzezeitliche Wallanlagen - Zwischen Schlesien, Prignitz und Ostsee

Das Königtum breitet sich nach Norden aus
- Innerhalb der ostgermanischen Stämme von Schlesien aus 
- Beleg: Der neuartige Bau von Wallanlagen (1200 bis 500 v. Ztr.)

Der Angriff des Großreiches aus dem Karpatenraum in der Zeit um 1300 v. Ztr. über die süddeutsche Bronzekultur hinauf gegen das Großreich der Nordischen Bronzekultur war von dem letzteren - unter anderem in der Schlacht an der Tollense - abgewehrt worden. Viele Heerscharen dieser Großreiche hatten sich in der Folgezeit in einer großen Zangenbewegungen nach Süden in den Mittelmeerraum bewegt und hatten dort den Seevölkersturm ausgelöst (St. gen. 10/2019).

Abb. 1: Hephaistos übergibt die von ihm geschaffenen Waffen an Thetis, die sie dem Achill übergeben wird, auf daß dieser damit seinen Freund Patroklos rächen könne (Wiki) - Griechische Vasenmalerei um 490 v. Ztr.

In den zurückbleibenden, ruhiger gewordenen Gesellschaften im mittleren und nördlichen Europa verliefen die kulturelle Entwicklungen womöglich auch weiterhin in einem ähnlichen Takt wie jene im zeitgleichen Griechenland der "Dunklen Jahrhunderte". Die Verbreitung der "Homerischen Heroengräber" von Dänemark über die Prignitz und Westpreußen bis hinunter nach Italien und Griechenland mag als ein Zeichen dieses Umstandes gelten.

Das Homerische Heroengrab bei Seddin in der Prignitz aus der Zeit um 800 v. Ztr. ist genauso angelegt wie jenes Grab, das - nach der Ilias - Achill für seinen Freund Patroklos angelegt hat. Dürfte es mehr Sinn als Unsinn sein, den europäischen Völkern jener Zeit auch sonst jenen hochherzigen Kriegergeist zuzusprechen, der in der "Ilias" von Homer so farbenprächtig festgehalten ist, in all den vielen Erzählungen von Krieg, Waffen und schönen Frauen?

In der Erzählung von der Trauer des Achill und der hilfreichen Thetis? (Abb. 1)

In der europäischen Mittelgebirgszone bildete sich aus der Urnenfelderkultur heraus die große Völkergruppe der hochherzigen Kelten (um im Duktus der Ilias zu bleiben) mit ihren - dann sicherlich ebenfalls hochherzig zu nennenden - Fürsten der sogenannten Hallstatt-Zeit. Über die Völkerburgen dieser edlen Kelten im heutigen Franken in der Zeit zwischen 1200 und 30 v. Ztr., über sie ist hier auf dem Blog schon ein kleiner, womöglich noch völlig unzureichender Überblick gegeben worden (1). In dem vorliegenden Beitrag richtet sich der Blick auf das zeitgleiche Geschehen nördlich der Mittelgebirge. Die Völkergruppe der germanischen Stämme formierte sich hier sowohl innerhalb der Lausitzer Kultur Schlesien wie innerhalb des Nordischen Kreises rund um den Ostseeraum. 

Gliederung:
I. Die Wallanlagen der Lausitzer Kultur: Von Breslau bis Ostpreußen
II. Die Wallanlagen des Nordischen Kreises: Vom Finow-Tal bis zur Ostsee
III. Anhang 1 bis 4

I. Die Wallanlagen der Lausitzer Kultur: Von Breslau bis Ostpreußen

Die Wallanlagen der Lausitzer Kultur (1000 bis 500 v. Ztr.)

Schon im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung mit der mitteleuropäischen Stadtgeschichte der Mittleren Bronzezeit (vor 1200 v. Ztr.) waren wir auf den Umstand gestoßen, daß Höhenburgen und Wallanlagen oft ungefähr in einem Abstand von etwa 30 Kilometern angelegt worden waren, jene Distanz, die an einem Tag mit Hilfe eines Rinderwagens überbrückt werden konnte.

Ein Blick auf die Karte aus Abbildung 3 gibt die groben Umrisse vor: Der Burgenbau breitete sich aus der Gegend des heutigen Breslau heraus, aus dem dortigen Zentrum der damaligen Lausitzer Kultur (1300-500 v. Ztr.) (Wiki) heraus nach Norden aus. Womöglich wird man bei genauerem Hinschauen wiederum grob einen Abstand dieser Burgen voneinander von etwa 30 Kilometern finden. Es handelt sich um jene Lausitzer Kultur, die nach der Südwanderung der Urnenfelderkultur zurück geblieben war und sich neu formiert hatte. Diese Lausitzer Kultur - so wird in der Forschung vermutet - ist von den Vorfahren der ostgermanischen Stämme getragen gewesen (Wiki):

Für eine (vor)germanische sprachliche Identität bzw. Ethnizität der Träger der Lausitzer Kultur spricht, daß das Verbreitungsgebiet dieser Kultur um die Zeitenwende von den (ost)germanischen Stämmen der Przeworsk-Kultur besiedelt war. Und es gibt keine Hinweise auf größere Wanderungsbewegungen in diesem Raum in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus.

Tacitus berichtet davon, daß die ostgermanischen Stämme Königsherrschaften besessen hätten.

Abb. 2: Der Eberswalder Goldschatz - Etwa 1000 oder 900 v. Ztr. (Wiki) - Dieser Goldschatz macht bewußt, daß die Kulturen der Spätbronzezeit im Übergangsbereich zwischen Lausitzer Kultur und Nordischer Bronzezeit den zeitgleichen Kulturen Mitteleuropas und des Mittelmeerraumes an Wohlstand, schönheitstrunkener "Prunkfreudigkeit" in nichts nachgestanden sind

Dies hätte einen Gegensatz zu den westgermanischen Stämmen dargestellt. Diese ostgermanischen Königsherrschaften hätten nicht zuletzt auf dem Besitz einer größeren Zahl von Sklaven beruht. Es wird keineswegs ausgeschlossen werden können, daß diese Herrschaftsform bis auf die Lausitzer Kultur zurück geht.

Der Reichtum des Eberswalder Goldschatzes aus dieser Zeit (Abb. 2), der alles übertrifft, was man diesbezüglich aus der südlicheren, zeitgleichen Hallstatt-Kultur gefunden hat - und der so durch und durch angemessen wirkt für einen "Homerischen Heroen" - er gibt sicherlich eine Andeutung von dem Reichtum, dem Wohlstand, dem Schönheitsinn, dem bunten kulturellen Leben, das wir in dieser Kultur und ihrer Aristokratie vorauszusetzen haben.

Solche Goldschalen waren wiederum "als Prestigeobjekte europäischer Eliten von der  iberischen  Halbinsel  bis  Skandinavien verbreitet" (Mehnert 2008, S. 44), es waren die Glanzstücke von Heroen. Außerdem finden sich in vielen Gräbern dieser Zeit Rasiermesser und Pinzetten, es findet sich eine große Vielfalt an Keramikformen, die zeigt, welche ausdifferenzierte Eßkultur vorauszusetzen ist: Terrinen, Kannen, Amphoren, Tassen, Schalen, Teller, Pokale .... (Mehnert 2008).

Und dabei ist noch gar nicht die Rede gewesen von der Vielfalt an Bronzewaffen - Schwerter, Schilde , die zu der häufigsten Fundgruppe dieser Kultur gehören. 

Keiner dieser Funde und Befunde steht im Widerspruch dazu, daß wir hier einfach das bunte, farbenprächtige Bild der "Ilias", das Denken und Handeln von Menschen wie in der "Ilias", daß wir Krieg mit Streitwagen, "helmbuschüberwehte", "hellumschiente" tapferen Helden, ihre rosenwangigen Frauen als edelgesinnte Menschen in dieser Reion vorauszusetzen haben. Wäre nicht auch jede andere Sichtweise langweiliger? Hat nicht jedes Volk Grund genug, von seinen Vorfahren so hochherzig zu denken wie nur immer möglich - schon gar, wenn ihm die Archäologie doch sogar aufzeigt, daß sie eben in Homerischen Heroengräbern begraben liegen?

Breslau als kulturelles Zentrum - Die Schwedenschanze und der Kapellenberg

Die Kernregion des Burgenbaus der Lausitzer Kultur lag in Schlesien, in der Gegend rund um Breslau und nördlich von Breslau (Abb. 3). Sollte es da nur Zufall sein, daß ausgerechnet auch der erste Lehrstuhlinhaber für prähistorische Archäologie in Deutschland ein Professor in Breslau war? Und daß er sich genau diese Burgen auch genauer angeschaut hat. Es handelte sich dabei um den Professor Johann Gustav Gottlieb Büsching (1783-1829) (Wiki). Dies war jener Professor, zu dem der Germanist Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der nachmalige Dichter der deutschen Nationalhymne, in einem gewissen Konkurrenzverhältnis stand.

 

Abb. 3: Ausbreitung des Burgenbaus aus Schlesien, aus der Gegend nördlich von Breslau heraus nach Norden (1200 bis 550 v. Ztr.) (aus 10)

Die Schwedenschanze und der Kapelleberg nahe dem westlichen Vorort von Breslau, nahe von Oswitz (siehe Abb. 4) veranlaßten die Menschen schon mindestens einhundert Jahre vor 1824, sich Gedanken über die heidnische Vorgeschichte dieser Region zu machen. Büsching veröffentlichte 1824 seine Schrift "Der heilige Berg und dessen Umgebungen in Oswitz". Er hat in ihr auch zahlreiche selbst verfaßte Gedichte zu diesem Berg und dessen Umgebungen veröffentlicht (Büsching 1824). Poesie und Wissenschaft gingen damals noch Hand in Hand miteinander. Wie dürften beide auch jemals voneinander getrennt werden, ohne daß einer von beiden unvollständig wäre! Aber erinnern wir uns: Ein Archäologe als Lehrstuhlinhaber und das lange vor Heinrich Schliemann. Wenn wir nicht an das fortschrittliche Schlesien des 19. Jahrhunderts denken, verkürzen wir sogar die Wissenschaftsgeschichte der deutschen Archäologie.

In einer Beschreibung der Sehenswürdigkeiten von Breslau, die ein Jahr später, 1825, veröffentlicht wurde, wird von der Entdeckung eines großen Gräberfeldes "hinter der Schwedenschanze" hundert Jahre zuvor beim Bau des Oderdammes berichtet. Und weiterhin (Nösselt, 1825, S. 419):

Als der jetzige Besitzer die Schwedenschanze zu Obstanlagen einrichtete, fand man beim Umgraben mehrere Altertümer aus Ton, auch Messer, Sporen und dergleichen. (...) Auch wurden zwei kleine Handmühlensteine gefunden und auf der einen Seite eine große Menge von Kohlen.

Der Verfasser rühmt - wie Büsching - die Aussicht auf der Schwedenschanze hinüber zu den Schlesischen Bergen. Er fährt fort (Nösselt 1825, S. 420):

Nach dem Besuche derselben pflegt man zu Fuß durch den, auch erst vom Besitzer mit Anlagen versehenen Wald nach dem heiligen Berge zu gehen. (...) Die Anlage einer Kapelle auf diesem Hügel geht in die früheste Zeit hinauf, und es ist nicht unwahrscheinlich, daß hier vor uralten Zeiten schon, vor Einführung des Christentums ein Götzentempel stand.

Genau um dieser Möglichkeit willen hatte sich auch Büsching so intensiv mit diesem Berg beschäftigt. Und diese Vermutung wird bis heute von den Breslauer Archäologen aufrecht erhalten (siehe gleich).

Abb. 4: Ausschnitt aus der Karte von aus der Zeit vor 1945 - Nach der Vergrößerung kann man die Lage der Schwedenschanze und des Kapellenberges nördlich des Ortsteiles Oswitz und östlich der Oder im Oswitzer Wald erkennen

Eine Rekonstruktion des Flußlaufes der Oder bei Breslau ergibt, daß sie in der Bronzezeit zwischen den beiden Anhöhen der Schwedenschanze und des Kapellenberges hindurch geflossen ist, die beide auf ihrem linken Flußufer lagen, und denen sie beiden - mit ihrem Flußufer - Schutz geboten hat (Gediga). Heute liegen beide Anhöhen längst rechts der Oder Noch die heutigen Forschungen zu der Schwedenschanze und zum Kapellenberg bei Oswitz stehen ganz in der Tradition der deutschen Forschungen und Überlegungen in Breslau seit 200 Jahren (Gediga, S. 147):

Schon in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts versuchten M. Jahn und E. Petersen in den Doppelburgen die kleineren Burgen als Sitze der ausgebildeten starken politischen Gewalten (E. Petersen) oder Fürstensitze und Kultplätze (M. Jahn) zu sehen. Als bestes Beispiel für diese Interpretationsversuche dienten die beiden Burgen in Breslau, die sogenannte Schwedenschanze und der Kapellenberg. Martin Jahn machte dabei auf die Tatsache aufmerksam, daß auf dem kleinen Burgberg - dem Kapellenberg, in Breslau-Oswitz seit dem 18. Jahrhundert eine Wallfahrtskapelle existiert und dieser ein Wallfahrtsort wurde, was auf eine gewisse kultische Tradition hinweisen mag. (...) Uhtenwoldt selbst analysierte die Lage der Burgen in Verbindung mit dem früheisenzeitlichen Besiedlungsbild, in welchem eine Herausbildung von bestimmten Zonen bzw. Konzentrationen der Besiedlung festgestellt werden kann. Die Burgen (,Fürstensitze‘) sind oft am Rande dieser Zonen situiert. Das schließt nach Uhtenwoldt nicht aus, daß diese Burgen ,Fürstensitze‘ und damit politische Mittelpunkte für Gesellschaftsstrukturen gewesen sind, die diese Besiedlungszonen widerspiegeln; aber durch ihre Lage bildeten die Burgen auch eine Kette von Wehranlangen.

Eine solche etwaige Randlage könnte auch vorausgesetzt werden bei der Römerschanze in Potsdam, bei dem Welickenberg nördlich von Neuruppin oder bei der Schwedenschanze bei Horst in der Nähe des Königsgrabes von Seddin (siehe unten). Da es zwischen Siedlungskammern wie der zwiscehn dem Königsgrab von Seddin und der von Neuruppin noch viel unbewohnte oder spärlicher besiedelte Regionen gab (etwa der rund um Wittstock) wird es auch noch möglich gewesen sein, Wallanlagen sozusagen als Fluchtburgen und vor durchziehenden Völkerscharen leichter zu "versteckenden" Heiligtümern anzulegen. Dennoch konnten sie zugleich auch Herrschaftszentren sein. Dies mag veranschaulicht werden durch Cäsars Bericht über die keltischen Stämme in Britannien 54 v. Ztr. (s. Anhang 1). Auch hier noch hat sich der König nach verlorenen Schlachten zurückgezogen, geradezu versteckt in "... eine unzugängliche Waldstelle, mit Wall und Graben gesichert ...." Cäsar fand sie, wie er berichtet, nur durch den Verrat abgefallener keltischer Stämme. Und das war nicht der einzige Fall, in dem Verstecke in Wäldern eine Rolle spielten im "Gallischen Krieg".

Die edegesinnte Aristokratie bei Breslau

Vielleicht kann so die Lage vieler Wallanlagen der Lausitzer Kultur und der Nordischen Bronzezeit leichter nachvollzogen werden. Sowohl die Schwedenschanze als auch der Kapellenberg bei Oswitz waren von Gräberfeldern begleitet. Das heißt, daß es sich bei ihnen durchaus nicht nur um Fluchtburgen gehandelt hat, sondern daß sie ständig bewohnt waren, daß dort Alltagsleben stattfand (Gediga, S. 153). Von der neueren Forschung wird die Lausitzer Kultur als eine Art "Außenstelle" der Hallstatt-Kultur betrachtet (Gediga, S. 155):

Neuere Untersuchungen verschiedener Fundstellen in Niederschlesien liefern uns ein ganz neues Bild zum Kulturmodell der frühen Eisenzeit. In vielerlei Hinsicht ähnelt es dem Kreis der Hallstattkultur. Wie bei der Hallstattkultur können wir auch in Schlesien konstatieren, daß wir es in der frühen Eisenzeit mit der Herausbildung einer führenden Schicht in der Gesellschaftsstruktur zu tun haben, deren besondere Position sich sowohl auf den Gräberfeldern als auch in den Siedlungen manifestiert. Auf den Gräberfeldern bestatteten die Mitglieder der hallstattzeitlichen ,Aristokratie‘ ihre Verstorbenen in einem eigenen, abgesonderten Bereich des Gräberfeldes. Die Gräber sind reich ausgestattet, viele davon sind Kammergräber mit aufwendigen Konstruktionen. Auch in den Siedlungen tritt die Führungsrolle der ,Aristokratie‘ zutage.

Eine Heilige Eiche auf dem Heiligen Berg bei Breslau

Auf dem Kapellenberg bei Breslau-Oswitz hat auch einstmals sicherlich eine Heilige Eiche gestanden, weshalb er ja schon seit Büsching in die Aufmerksamkeit der Archäologen getreten ist (Gediga, S. 156):

Der Hügel war seit 1257 im Besitz des Breslauer Klarenstifts, was nicht ohne Bedeutung für die Gründung einer Kapelle mit einer Wunderfigur der Mutter Gottes auf dem Berg sein sollte. Für das Jahr 1724 ist ein Wunder auf dem Berg überliefert: Ein Cantor vom St. Matthiaskloster in Breslau, einem dem Klarenstift benachbarten Ordensitz, soll auf wundersame Weise wieder gesundet sein. Seitdem ist der Kapellenberg bis heute als Wallfahrtsort bekannt. Cehak-Hołubowiczowa gab in ihrem Artikel den wichtigen Hinweis, daß die Mutter-Gottes-Figur schon vor dem besagten Wunder an einer alten Eiche bei dem Kapellenberg aufgehängt war und die Eichen schon in der heidnischen Religion der Slawen eine besondere Bedeutung besessen hätten. Die Vermutung, daß dieser Hügel bereits in heidnischer Zeit eine kultische Rolle besessen habe, läßt sich ihr zufolge wohl bis in die frühe Eisenzeit bestätigen. Die Anbringung der Mutter-Gottes-Figur an der Eiche sei demzufolge ein Beispiel für die Einbeziehung der heidnischen Tradition in die neue Religion, wie es im Zuge der Christianisierung der slawischen Gebiete häufig zu finden ist.

Das Verbreitungsgebiet der Lausitzer Kultur reichte auf ihrem Höhepunkt von ihrem Kernraum Schlesien bis in die Gegend des heutigen Potsdam im Nordwesten, bis ins Finowtal im Norden, bis über die Provinz Posen im Nordosten, bis nach Wolhynien und die Ukraine im Südosten und bis zur Donau im Süden. Es handelte sich bei ihr um die Nachbarkultur zur Nordischen Bronzezeit im Norden, zu der ja auch die Seddiner Gruppe in der Prignitz im nördlichen Brandenburg gezählt wird, und die sich auch nördlich des Finow-Tales im östlichen Brandenburg findet.

Die Kernregion des Burgenbaus der Lausitzer Kultur scheint sich rund um das Dorf Mönchmotschelnitz (Wiki) bei Winzig (Wiki) nördlich von Breslau zu gruppieren (s. Abb. 3).

Abb. 5: Spätbronzezeitliche Burganlagen - Königssitze mit Akropolis? - zwischen Prignitz (Seddin=Wolfshagen, Boltenmühle), Lossow und Pommern (aus 12)

Die Anregung zum Burgenbau für die nördlich gelegene Nordische Bronzezeit kam also sicherlich vom Süden. Und vielleicht ist sie getragen gewesen von einer stärker hierarchisch gegliederten Gesellschaftsordnung mit einem Königtum. Viele der Wallanlagen - wie die Schwedenschanze bei Horst (bzw. Wolfshagen) (s. Abb. 5) weisen ja auch ganz klar einen inneren Burgwall auf, der traditionellerweise Akropolis genannt wird, auch von Seiten der Archäologie. Akropolis heißt auf Deutsch "Heilige Burg".

Ausbreitung von Lossow an der Oder ....

"Lossow und Lebus - Ein Burgenpaar an der Oder?", so betitelten Archäologen einen neueren Aufsatz (10) Diese beiden Ortschaften liegen 18 Kilometer auseinander, beide am Westufer der Oder. In der Mitte von beiden liegt heute Frankfurt an der Oder, jeweils acht bis zehn Kilometer von den beiden spätbronzezeitlichen Burgen-Orten entfernt. In den 1970er und 1980er Jahren wurde fast direkt am westlichen Oderufer der Burgwall Lossow ausgegraben, der sich eindrucksvoll aus der Landschaft heraus hebt (siehe Google Bildersuche) (Wiki):

Die Geschichte der Burg beginnt mit der im 12. Jahrhundert v. Ztr. als befestigte Siedlung oberhalb der Steilen Wand, einer natürlichen Hochfläche des westlichen Oderlaufs. Vermutlich begann der Bau des Burgwalls im 10. Jahrhundert v. Ztr. Dies belegen Grabungen von technischen Anlagen zur Keramikherstellung. Bruchstückteile von Gußformen zeugen von handwerklicher Tätigkeit der Bronzeverarbeitung; Reste von Haus- und Wildtieren, Fischen und Pflanzen geben Auskunft über die Ernährungsgewohnheiten. Die Burg beherbergte bis zu 1800 Menschen. In der frühen Eisenzeit, ca. 800-600 v. Ztr., besiedelte die sogenannte Göritzer Gruppe das Gebiet. Der Burgwall wurde im 6. Jahrhundert v. Ztr. aufgegeben.

... über Lebus an der Oder (1000 v. Ztr.) ....

Zu Lebus lesen wir (Wiki): 

Die (heutige) Stadt liegt auf einem Bergrücken von 500 m Länge und 50-100 m Breite, der auch Reste alter Wehranlagen trägt und sich durch Querrinnen in den Turmberg, den Schlossberg und den Pletschenberg teilt. (...) Bereits aus der jüngeren Bronzezeit um 1000 v. Ztr. lassen sich erste Besiedlungsspuren feststellen, die sich über den gesamten Berg erstreckten. Diese Besiedlungsspuren wurden in der frühen Eisenzeit verstärkt und befestigt. Diese Anlagen wurden aber zur Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. aufgegeben.

Wenn wir also in heutigen Dörfern und Städten leben, leben wir oft noch direkt über jenen Orten, wo einstmals eine hochherzige, edelgesinnten Kultur von Homerischen Heroen gelebt hat. Dasselbe kann man beispielsweise auch bei dem Dorf Kirchmöser bei Brandenburg sehen, wo Siedlungen der jüngeren Bronzezeit direkt unter der heutigen modernen, bzw. mittelalterlichen Besiedlung liegen (Anhang 3). 

... und Buckow in der Märkischen Schweiz ...

Vierzig Kilometer nordwestlich von Lebus liegt - mitten in der Märkischen Schweiz - das Dorf Buckow. Die hier in 1,3 Kilometer Entfernung voneinander gelegenen zwei Wallanlagen wurden in slawischer Zeit genutzt - aber vermutlich gehen sie auf die Spätbronzezeit zurück. Die erste Wallanlage liegt in der Mitte des Dorfes, sie wird heute als Friedhof genutzt, in ihr steht auch die Kirche des Dorfes (Wiki):

Die eigentliche Burginnenfläche betrug etwa 40 mal 60 Meter, die Anlage war von einem breiten, flachen Graben umgeben, das Zugangstor lag im Norden und die Wallhöhe beträgt noch immer bis zu 4 m. (...) Bei Grabungen (...) in den 1960er Jahren um die Kirche herum, fanden sich u. a. Scherben mit Kammstrichverzierungen und Eichenpfähle, ob es sich um eine Niederungsburg als Adelssitz, Fluchtburg oder ein Heiligtum handelte, blieb ungeklärt.

Und (Wiki):

In südlicher Richtung, etwa 1300 m entfernt, befand sich ein weiterer Wall aus der gleichen Zeit, der ähnlich angelegt wurde und etwa 190 m Innendurchmesser hatte. (...) Die Bewirtschaftung der Felder sorgte in der Folgezeit dafür, daß große Teile derartig abgeflacht wurden, daß man den Wall als solchen kaum noch erkennen kann.

Somit hat man auch hier Grund, von einem Burgenpaar zu sprechen.

... bis Wriezen und Eichwerder im Oderbruch

20 Kilometer von Buckow nach Norden und 13 Kilometer westlich der Oder fanden sich in dem kleinen Oderbruch-Dorf Eichwerder bei Wriezen (Wiki) nicht nur zahlreiche Keramiköfen, sondern auch Tor- und Wallanlagen einer Befestigung aus der Zeit zwischen 1000 und 500 v. Ztr. (MOZ 2017):

Die Wallanlage ordnet (die Archäologin) Blandine Wittkopp der gleichen Epoche wie der bereits entdeckten Öfen zu - 1000 bis 500 Jahre vor Christus.

Neun Kilometer westlich von Eichwerder, in Rathsdorf bei Wriezen, ebenfalls im Oderbruch gelegen, fanden sich ebenfalls Hinweise auf Wallanlagen dieser Zeitstellung (FU Berlin). Womit man erneut Grund hätte, von einem "Burgenpaar" zu sprechen.

Abb. 6: Siedlungen der Jüngere Bronzezeit im östlichen Brandenburg - Orientiert an Gewässerverläufen und Seeufern (Mehner 2008)

Wenn wir also von Rathsdorf 26 Kilometer nach Norden wandern, gelangen wir nach Eberswalde und damit nicht nur an den Fundort des Eberswalder Goldschatzes, sondern auch in das Tal des Finow-Flüsschens, der in etwa die Grenze bildet gegenüber der spätbronzezeitlichen Kultur des Nordischen Kreises (siehe unten).

Die "Römerschanze" bei Potsdam

Die Lausitzer Kultur hat sich aber nach Westen auch bis in den Bereich des heutigen Potsdam ausgebreitet. Dort findet sich die sogenannte "Römerschanze bei Potsdam" (1250-550 v. Ztr.) (Wiki). Sie liegt an einer See-Enge zwischen dem Jungfernsee, dem Lehnitzsee, dem Krampnitzsee und dem Weißem See. Obwohl diese Wallanlage heute inmitten der Weltkulturerbestadt Potsdam liegt, inmitten einer Region voller Sehenswürdigkeiten, in Luftlinie nur vier Kilometer von dem 1913 errichteten Schlosses Cecilienhof entfernt, liegt sie doch noch heute an der entlegendsten Stelle, die denkbar ist.

Abb. 7: Die Lage der "Römerschanze" bei Potsdam - Zentral und zugleich völlig abgelegen und "versteckt" noch heute

1903 wurde ihr gegenüber der sogenannet "Nedlitzer Durchstich", der den viel befahrenen Hauptkanal des Wasserweges der Havel bildet. Und dennoch liegt sie weiter abgelegen. Diese Wallanlage wurde auf einem unzugänglichen Geländesporn angelegt (Wiki):

Eine erste Besiedlung des Platzes begann in der Hügelgräberbronzezeit und erstreckte sich kontinuierlich bis zum Ende der Hallstattzeit (...) (ca. 1250 bis 550 v. Chr.). (...) Die Wallburg kann der Lausitzer Kultur zugerechnet werden, die in der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit (1300 bis 500 v. Chr.) auf den heutigen Gebieten von Ostdeutschland, Polen, Teilen Tschechiens und der Slowakei und in Teilen der Ukraine bestand. Starke Brandschichten am Ende der Besiedlung im 6. Jahrhundert v. Chr. deuten auf eine Zerstörung beziehungsweise Brandkatastrophe. (...) Die Wallburg mit einer Ausdehnung von 175 m mal 125 m umfaßt circa zwei Hektar Fläche. Vom einst sechs Meter hohen Ringwall erhielt sich nach Abwaschung eine Resthöhe von etwa drei Metern. Die Fortifikation wies eine Bauphase in Holz-Erde-Technik auf. Bis zu 1.000 Mann fanden in ihr Platz. Von der Innenbebauung konnte ein Haus mit einer Grundfläche von 11,50 m mal 16,60 m freigelegt werden. 

Ob hier die Nachkommen der einstigen Seddiner Kultur in der Prignitz einen Kriegszug gen Süden unternommen hatten?

Abb. 8: Ausblick von der Wallanlage ("Römerschanze") bei Potsdam

Solche Dinge sind natürlich denkbar. 

Plauten bei Mehlsack in Ostpreußen (500 v. Ztr.)

Die Lausitzer Kultur breitete sich in einer frühen Phase bis nach West- und Ostpreußen aus, und zwar in Form der Kaschubischen und der Ermländisch-Masurische Gruppe der Lausitzer Kultur. Aus ersterer ging ab dem 7. Jahrhundert die "Pommerellische Gesichtsurnenkultur" (Wiki) hervor, aus letzterer die "Westbaltischen Hügelgräberkultur" (Wiki).

Nahe dem ostpreußischen Dorf Plauten (polnisch Pluty) (Wiki), das 13 Kilometer nordöstlich von Mehlsack (Wiki) und 55 Kilometer südlich von Königsberg liegt, wurde in der Zeit der "Westbaltischen Hügelgräberkultur" zwischen 500 bis 300 v. Ztr. eine Wallanlage errichtet und genutzt, so die Forschungen von polnischen Archäologen aus diesem Jahr (23, 24). Diese Wallanlagen wurden - das ist schon lange bekannt - als Prußen-Burg "Plut" (Ostpr) erneut von den heidnischen Pruzzen im 11. bis 13. Jahrhundert genutzt und sie wurden dann auch von dem Deutsche Ritterorden nach der Eroberung Preußens als Schutz gegen die Einfälle der heidnischen Litauer im 14. Jahrhundert wieder hergestellt.

Diese Wallanlage liegt im einstmals deutschen, katholischen Ermland. In den hier gelegenen Landkreisen Allenstein und Mehlsack war Nikolaus Kopernikus einige Zeit lang Adminstrator als einer der regierenden Domherren des Fürstenbistums Ermland.

II. Wallanlagen des Nordischen Kreises vom Finow-Tal bis zur Ostsee

Überschreiten wir das oben erwähnte Finow-Flüßchen Richtung Norden, gelangen wir aus dem Bereich der Lausitzer Kultur hinaus in den Bereich der Kultur des Nordischen Kreises. Daß der Goldschatz von Eberswalde ausgerechnet an dieser Kultur- und damit zugleich womöglich auch Sprachgrenze gefunden wurde, mag man vielleicht ein Hinweis sein auf die Produktivität, die sich aus dem Austausch zwischen diesen beiden Kulturekreisen ergeben haben könnte. In einer Studie zur jüngeren Bronzezeit des nördlichen Barnim und der südlichen Uckermark wird ausgeführt (Mehnert 2008):

Das untersuchte Areal liegt im Spannungsfeld der Lausitzer Kultur und des Nordischen Kreises. Typische Merkmale beider Kulturen schließen sich gegenseitig aus, so daß selbst innerhalb dieses relativ kleinen Raumes eine Grenzziehung möglich wird. So beschränken sich die Vorkommen von Pfahlbaubronzen und Hügelgräbern sowie die Beigabe von Waffe, Rasiermesser und Pinzette auf den Norden und Westen. Das Formenmaterial des im Südosten gelegenen Gräberfeldes Liepe 2 korrespondiert stark mit dem nahen Lausitzer Gräberfeld von Oderberg-Bralitz. (...) Einen großen Stellenwert innerhalb des Fundspektrums haben Keramikformen, die zum Formenschatz einer Zone gehören, die von Pommern über die Uckermark und das Spree-Havel-Gebiet bis zum Havelland reicht.

Das genannte Liepe (dicht beim berühmten Schiffshebewerk Niederfinow) liegt 14 Kilometer östlich von Eberswalde am Finow-Flüsschen. Acht Kilometer westlich von Eberswalde liegt Finofurt  (Mehnert 2008, S. 22, 57):

Die jungbronzezeitliche Siedlung  Finowfurt 1 (Kat.-Nr. 85)  liegt auf einem als „Burgwall“ bekannten Gelände an einem alten Übergang über den Finowfluß.

Stolzenhagen an der Oder

Von Liepe 20 Kilometer weiter nach Norden gelangen wir in den Bereich der Kultur des Nordischen Kreises zu dem Dorf Stolzenhagen an der Oder (Wiki):

Während der Bronzezeit entstand der am Rand des Odertales gelegene große Burgwall. Sein ovales Plateau von etwa 150 × 80 Metern deutet darauf hin, daß sich hier in jener Zeit eine bedeutende Anlage befand.

Burgruine Grimmitz

Und von Finowfurt 17 Kilometer nach Norden sind wir ebenfalls im Bereich der Kultur des Nordischen Kreises und erreichen die Burgruine Grimmitz. Sie war vermutlich ebenfalls schon in der Bronzezeit befestigt, denn (Mehnert 2008, S. 22, 57):

Von dem Gelände der spornartig den See überragenden mittelalterlichen Burg Grimnitz (Kat.-Nr. 113) sind bronzezeitliche Funde bekannt.

Von Grimmitz 14 Kilometer nach Norden und von Stolzenhagen zwanzig Kilometer nach Westen gelangt man nach Altkünkendorf. 

Schanzenburg bei Altkünkendorf

In der Nähe dieses Dorfes liegt im Wald zwischen zwei kleinen Seen - dem Großen Babersee und dem Buckowsee (offenbar entlang des Südufers des Buckowsees) - eine 350 Meter lange Wallanlage, die 1962 entdeckt - aber bis heute noch nicht abschließend sicher auf die Bronzezeit datiert - worden ist (Mehnert 2008, S. 22, 57):

Der Fundplatz Altkünkendorf 5 (Flurname: Schanzenburg) auf einer die Umgebung  überragenden Hügelkuppe zwischen zwei  kleinen Seen. Die bekannt gewordenen jungbronzezeitlichen Funde stammen aus dem Bereich der bisher nicht sicher datierten befestigten Anlage.

Die Höhensiedlung auf dem Weilickenberg bei Boltenmühle, bei Neuruppin

Weiter im Westen findet sich zwischen der Siedlungskammer des Königsrgrabes von Seddin und der Siedlungskammer rund um Potsdam noch eine weitere jungbronzezeitliche Siedlungskammer, nämlich diejenige rund um Neuruppin am Ruppiner See und am Rhin. Im Jahr 1960 wurde auf dem Weilickenberg bei Boltenmühle, 20 Kilometer nördlich von Neuruppin eine Höhensiedlung der jüngeren Bronzezeit ausgegraben von Seiten des Belziger Archäologen Dr. Fritz Horst (1936-1990) (13). Wenn man am See entlang zum beliebten Ausflugsrestaurant Boltenmühle fährt, liegen diese Wallanlagen linkerhand oben im Wald und man fährt fast zur Hälfte um sie herum (s. Abb. 8).

Abb. 8: Weilickenberg - Zwischen Kalksee und Tornowsee nahe der Boltenmühle (zwischen Rheinsberg und Neuruppin (Seen)

Auch diese Wallanlagen liegen sehr abgelegen zwischen zwei Seen. Über diese befestigte Siedlung zwischen Neuruppin und Rheinsberg erfahren wir (Wiki):

Bis 400 n. Chr. lebte hier der Germanenstamm der Semnonen, der höchstwahrscheinlich ein großes Heiligtum auf dem Weilickenberg oberhalb der Boltenmühle am Tornowsee verehrte.

Und (Tornowsee):

Der Weilickenberg erklimmt einen Höhe von 46 Metern über dem Wasserspiegel des Tornowsees. Dort weitet sich ein Plateau aus, auf dem heute Kutschpferde der Boltenmühle weiden. Archäologen fanden hier die Spuren einer befestigten Siedlung aus der jüngeren Bronzezeit, (...) wertvolle Funde, (...) so unter anderem ein Armring, eine Lanzenspitze und eine Fibel.

(s.a. Wiki). Und (H. Bierl, Archäologie-Führer 2006)(GB):

OT Gühlen-Glienicke 3,4 km südöstlich eine spätbronzezeitliche Befestigung auf dem Weilickenberg am Nordwestufer des Tornowsees südwestlich der Boltenmühle. Sie umschloß ein Areal von 12 ha. Abschnittsweise sind noch bis zu drei Wälle vorhanden. ...

1983 heißt es in einer heimatkundlichen Bestandsaufnahme über die bronzezeitliche Siedlungskammer rund um Neuruppin (Zühle/Ruppiner Land, 1983, S. 15) (GB):

Gräberfelder (...) kennen wir erst seit der Bronzezeit (1700 bis 550 v . u. Z.). Ihr früher Abschnitt wird durch ein Körpergrab der jüngeren Aunjetitzer Kultur von Gottberg repräsentiert. Die als Beigefäß mitgegebene Tasse zeigt Anklänge an mitteldeutsche Funde. (...) Es zeichnet sich im Neuruppiner Gebiet eine auffällige Konzentrierung frühbronzezeitlicher Funde ab. Aus der mittleren und jüngeren Bronzezeit sind neben Hort-, Gräber- und Einzelfunden auch erstmalig Siedlungen bekannt (z. B. Zühlen = A 4, Gottberg = C 16). Den bedeutendsten Fundplatz stellt die befestigte Höhensiedlung auf dem Weilikkenberg bei Boltenmühle aus der jüngeren Bronzezeit dar. Die Innenfläche wurde 1960 teilweise durch eine Ausgrabung untersucht. Die befestigte Siedlung bildete das wirtschaftliche und vermutlich auch politische Zentrum einer umliegenden Siedlungskammer. Daneben bestanden unbefestigte Siedlungen. Während der vorrömischen Eisenzeit (550 v. u. Z.) wurde das Ruppiner Land von den Stämmen der Jastorf-Kultur besiedelt. In ihnen sieht die archäologische Forschung die ältesten Germanen. Die meisten  Funde stammen aus Gräberfeldern. Die bereits seit der mittleren Bronzezeit gebräuchliche Leichenverbrennung übten auch die Germanen aus. Der Leichenbrand wurde zusammen mit Schmuck- und Trachtgegenständen, gelegentlich auch mit Produktionsinstrumenten und Waffen, in einem Tongefäß oder einem Behältnis aus organischem Material beigesetzt.  ... Jahrhundert setzt mit der Einwanderung slawischer Stämme eine erneute intensive Besiedlung des Ruppiner Landes ein, in dem, mit der Ruppiner Seenkette als Zentrum, der slawische Stamm der Zamcici lebte, wie aus einer Urkunde aus dem Jahr 948 hervorgeht. ....  ....

Die Forschung spricht sogar von ...

Jüngere Bronzezeit, Perioden (IV) / V (Stufe Boltenmühle-Schwanow der Rhin-Gruppe des Nordischen Kulturbereichs, 10.-8 . Jh . v . u . Z.)

Das Dorf Schwanow liegt fünf Kilometer östlich von Boltenmühle.

Die Schwedenschanze bei Horst bei Pritzwalk (800 v. Ztr.)

Zur Zeit der vielen Hügelgräber rund um das Königsgrab von Seddin (Wiki) gab es nun also auch sieben Kilometer östlich derselben, flußaufwärts des Elbe-Nebenflusses Dömnitz und von diesem umschlungen eine bronzezeitliche Befestigungsanlage mit Zangentor (Abb. 7).

Abb. 9: Die bronzezeitliche Wallanlage im Dömnitzbogen bei Pritzwalk, zwischen den Dörfern Horst und Neudorf

Diese Wallanlage an der Dömnitz umfaßte 3,5 Hektar und kann deshalb - rein von der Fläche her - mit Troja durchaus verglichen werden. Jedenfalls: Daß ein Ort geschichtliche "Größe" hat und behält, muß nicht unbedingt nur an meßbaren Daten liegen. 


Das größte Grab an den Wickolt'schen Tannen hatte einen Durchmesser von etwa 40 Meter (Minute 8:40). Außerdem befand sich hier das Grab Wickholt I mit schwerem Bronzeschmuck. Ein "Macht- und Reichtumszentrum".

Die spätbronzezeitlichen Burgen in Mecklenburg (1200 v. Ztr.)

Vom nördlichen Ausläufer der Urnenfelderkultur, der Lausitzer Kultur zwischen Saale, Brandenburg und Oder, breitete sich nach 1200 v. Ztr. der Burgenbau also bis nach Mecklenburg in das Gebiet des "Nordischen Kreises" hinaus aus. Dabei entstanden Höhenburgen mit einem Umriß von bis zu 20 Hektar, so nämlich eine solche Höhenburg in Rothemühl (Wiki), 40 Kilometer südlich von Anklam und Usedom, 60 Kilometer westlich von Stettin (7):

Bei den meisten der hier behandelten, bronzezeitlich einzuordnenden Anlagen handelt es sich um Höhenburgen. Eine erhöhte Lage auf Geländespornen ist typisch für Burgwälle der diskutierten Zeitstellung, sowohl im Lausitzer Kerngebiet als auch im Verbreitungsgebiet des Nordischen Kreises in Mecklenburg-Vorpommern, und bietet gute Voraussetzungen für Schutz und Verteidigung. Im Allgemeinen besitzen die Höhenburgen an den Seiten steile Abhänge, die allein bereits einen guten Schutz darstellen (Beispiele für Mecklenburg-Vorpommern: Basedow, Fahrenwalde, Kratzeburg, Willershusen). Die Wallführung und die Grundform der Anlagen hängen besonders bei Höhenburgen stark vom vorgegebenen Gelände ab. Die Erhebung kann von mehreren Niederungen oder Sümpfen umgeben sein, so daß der Zugang zur Wehranlage und somit zum Siedlungsplatz durch das Umland noch zusätzlich erschwert wird (zum Beispiel: Kratzeburg, Schlemmin, Willershusen).

Der letztere Umstand gilt insbesondere auch für die Schwedenschanze bei Horst. Viele der Burgen weisen - wie die der Lausitzer Kultur - Brandhorizonte auf, die auf das Ende oder eine vorübergehende Zerstörung der Großsiedlung verweisen können. 

Ein befestigtes Dorf südlich von Bromberg (748-620 v. Ztr.)

Zu dieser Kultur gehört beispielsweise das befestigte Dorf Biskupin (748-620 v. Ztr.) (Wiki), 50 Kilometer südlich von Bromberg an der Weichsel und 77 Kilometer nordöstlich von Posen gelegen. Es wurde seit 1933 von polnischen, seit 1940 von deutschen und seit 1945 wieder von polnischen Archäologen erforscht (Wiki):

Das Dorf bot etwa 1000 Bewohnern zusammen mit Rindern, Schweinen und Kleinvieh Platz. Das Dorf lag auf einer 6900 m² großen Insel im Biskupiner See und war auf Pfählen im See gebaut, mit Zugang über eine einzige Brücke sowie durch Boote. Dem feuchten Untergrund ist die Erhaltung eines großen Teils der hölzernen Bauten zu verdanken. Hölzernes Buhnenwerk sowie ein umlaufender Holz-Erde-Ringwall, dem hölzerne Innenbauten Halt verliehen, umgaben die Insel. Eine einzige Torgasse durchschnitt den Ringwall. Ein mit Holz befestigter Damm verband die Insel mit dem Seeufer. Die Siedlung selbst bestand aus etwas über 100 in Blockhausbauweise errichteten Holzhäusern, die in 13 parallelen Zeilen angeordnet waren. Zwischen den Häuserzeilen verliefen mit Bohlen belegte Straßen. Die Häuser waren gleich groß (8 × 9 m). Jedes besaß an der Südseite einen Vorraum, dazu einen (oft in eine größere und eine kleinere Abteilung unterteilten) Hauptraum mit steinernem Herd. Das Siedlungsbild läßt einheitliche Planung erkennen.

Übrigens wird auch für Südengland die Zeit der häufigsten Verbreitung von Höhensiedlungen datiert auf die Spätbronzezeit, 1200 bis 700 v. Ztr.., viele von ihnen bestanden aber auch bis in die Römische Kaiserzeit (25).

Anhang 1: Cäsars Bericht über die keltischen Stämme in Britannien

Aber bevor wir das tun, mag es sinnvoll sein, sich an das zu erinnern, was Julius Cäsar aus dem Jahr 54 v. Ztr. über die keltischen Stämme in Britannien berichtet. Als er mit seinen Legionen dorthin nämlich ein zweites mal übersetzte, um die dortigen Stämme zu unterwerfen, hatten diese sich unter der Leitung des Königs Cassivelanus darauf vorbereitet. Sie hatten zum Beispiel die Themse-Furt mit hölzernen Spießen bewehrt. Dennoch unterwarf Cäsar einen Stamm nach dem anderen. Dies fiel ihm um so leichter, als sie untereinander große Uneinigkeit aufwiesen und zuvor in einem fast regelmäßigen Krieg miteinander gestanden hatten. Die Unterworfenen verrieten ihm schließlich die Zuflucht des Cassivelanus. Darüber berichtet Cäsar in "Der Gallische Krieg":

"Von ihnen erfuhr ich, daß nicht weit davon der durch Wälder und Sümpfe geschützte feste Platz des Cassivelanus liege, in den Menschen und Vieh in beträchtlicher Menge gekommen seien. Einen festen Platz aber nennen die Britannier schon eine unzugängliche Waldstelle, die sie mit Wall und Graben sichern. Dorthin pflegen sie dann zu fliehen, um einem feindlichen Einfall auszuweichen."
Diese Worte scheinen es einem zu erleichtern, jene noch heute völlig abgelegen im Wald liegenden bronzezeitlichen Wallanalgen historisch einzuordnen, die sich in der Nähe zum Beispiel des Königsgrabes von Seddin aus der Zeit um 800 v. Ztr. im nördlichen Brandenburg, in der Prignitz gefunden haben, nämlich die Schwedenschanze an der Dömnitz bei Horst, bzw. bei Pritzwalk (2-5). Cäsar berichtet weiter:
"Ich marschierte mit den Legionen dorthin, fand den von Natur und durch Menschenhand befestigten Platz und suchte ihn von zwei Seiten zu bestürmen. Die Feinde verzögerten zwar ein wenig unseren Angriff, konnten ihm aber nicht standhalten und flohen auf einer Seite vom Platz. Dort fand man eine große Menge Viehs. Viele Feinde wurden auf der Flucht ergriffen und niedergemacht."

Wenn also eine so unzugängliche Waldstelle, die mit Wall und Graben gesichert worden war, die letzte Zuflucht eines Königs der Britannier bilden konnte, warum dann nicht auch die letzte Zuflucht jenes Königs, der im Königsgrab von Seddin begraben liegt? 

Denn auffallenderweise lebten diese britannische Stämme, die zum Teil vom heutigen Belgien aus die Themse aufwärts gesiedelt hatten, noch zu Cäsars Zeiten in vieler Hinsicht so wie man in Kontinental- und Südeuropa 800 Jahre zuvor gelebt hatte. So kämpften sie zum Beispiel noch mit Streitwagen. Cassivelanus benutzte diese Streitwagen nämlich für seine Guerilla-Taktik, um den Römern beim ausschwärmenden Requierieren von Getreide und Vieh Schaden zuzufügen. Cassivelanus mußte sich schließlich dennoch unterwerfen. 

Um 800 v. Ztr. fuhren solche Streitwagen aber auch durch das heutige Brandenburg, durch das heutige Sachsen, durch das Weichselland, durch Schlesien, Böhmen, an der Donau - eigentlich überall in Europa und im Mittelmeer-Raum.

Im südlichen England hat man die Örtlichkeiten vieler sogenannter "Oppida" dieser Zeitstellung erforscht. Und es haben sich auch mehrere Wallanlagen nördlich des heutigen London gefunden, die für den Ort des hier erwähnten befestigten Platzes des Cassivelanus infrage kämen. Dies gilt insbesondere für "Devil's Dyke" nahe dem Dorf Wheathampstead (Wiki). Aber gesichert ist diese Vermutung bis heute nicht. Ob sich solche Wallanlagen nicht auch mit Hilfe eiserner Nägel römischer Marschstiefel und ähnlicher Dinge sollten nachweisen lassen - so wie das in Deutschland inzwischen nicht selten gelungen ist?

***

In Brandenburger "Blättern für Heimatpflege" des 1925 einmal ein "Märkerlied" abgedruckt worden, das ein Lehrer Karl Neye aus Potsdam gedichtet hat, und an dessen erste Strophe man denken muß, wenn man es zu tun hat mit "... einer unzugänglichen Waldstelle, die mit Wall und Graben gesichert ist":

Hinter kampfgeschwärzten Mauern
blitzen Schwerter, Spieß und Schild;
faustgeballt im Röhricht kauern
Bauernhorden rauh und wild,
daß ihr Fluch ins Raubnest fege,
Sturmgebrüll der trutz'gen Schar:
Hie gut Brandenburg allewege!
Hie gut Brandenburg immerdar!
Erster Strophe eines "Märkerliedes", gedichtet und in Ton gesetzt von dem Lehrer Karl Neye, Potsdam, veröffentlicht in "Blätter für Heimatpflege, herausgegeben vom Lehrer- und Lehrerinnenverein Brandenburg (Havel) e.V., 3. Jahrgang, Nr. 5, Weihnachten 1925 (Schriftleitung Lehrer Erich Krebs).

Anhang 2: Der Archäologe Fritz Horst - Ein Wegbereiter

Der Belziger Archäologe Dr. Fritz Horst (1936-1990)  hat sich um die archäologische Erforschung der Bronzezeit des Landes Brandenburg zwischen Oder und Elbe sehr verdient gemacht. In dem Nachruf auf ihn heißt es (15):

Nach langer und schwerer Krankheit ist Dr. phil. Fritz Horst, Mitarbeiter ... am 8.4.1990 im Alter von 54 Jahren verstorben. Die nationale und internationale Ur- und Frühgeschichtsforschung hat einen aktiven Kollegen verloren, dessen Name vor allem mit der Erforschung der Bronzezeit verbunden bleiben wird. Fritz Horst wurde am 3.3.1936 in Belzig geboren; dort ging er auch zur Schule und beendete diese 1954 mit dem Abitur. ...

Der Titel seiner Doktorarbeit lautete 1966 "Die jüngere Bronzezeit im Havelgebiet". Für diese hatte er 1960 auch den Weilickenberg bei Boltenmühle bei Neuruppin erforscht (siehe oben) wie auch die bedeutende frühbronzezeitliche Siedlung direkt unter dem mittelalterlichen Dorfkern des heutigen Dorfes Kirchmöser. Wir lesen in diesem Zusammenhang über Fritz Horst (Geue):

Eine umfassendere Bearbeitung des Fundgutes der Jüngeren Bronzezeit erfolge erst 1966 mit der Dissertation von Fritz Horst an der Humboldt Universität Berlin. In dieser Arbeit  beschäftigte er sich mit den damals bekannte Burgwällen, Siedlungen und Gräberfeldern in dem Gebiet zwischen Elbe und Spree. Er unterstrich die Bedeutung der Keramik als Fundgattung  und versuchte diese typologisch und  chronologisch einzuordnen. Neben der Keramik untersuchte er aber auch die Metall-, Holz- und Steinerzeugnisse dieser Zeit. Am Ende gliederte er die Jüngere Bronzezeit in zwei Stufen, die er jeweils in einen älteren und einen jüngeren Horizont einteilte. Aufgrund von Fundkonzentrationen machte er am Ende seiner Arbeit dann Vorschläge zu einer möglichen Gruppeneinteilung für das Gebiet zwischen Altmark und Spree, wobei er sich hauptsächlich auf die von ihm definierte Elbe-Havel-Gruppe konzentrierte. (...) Bis zu seinem Tod im Jahre 1990 verfaßte er noch weitere Artikel, die sich hauptsächlich mit der Altmark und dem Havelgebiet  befaßten. Dabei untersucht er z. B. die von Ernst  Sprockhoff schon herausgestellte tiefgerillte Keramik, sowie die Frage nach einem Fernhandelszentrum bei Brandenburg in der Jüngeren Bronzezeit.

Anhang 3: Beispiel Kirchmöser bei Brandenburg

Interessanterweise fand sich bei einer kleineren Grabung im Jahr 2006 im Zusammenhang mit dem Bau einer Wasserleitung im Dorf Kirchmöser eine ähnliche spätbronzezeitliche Reihe von Steinpackungen, resp. Feuergruben wie jene entlang des spätbronzezeitlichen Königsgrabes von Seddin.

Abb. 10: Spätbronzezeitlichen Siedlungsfunde unter dem alten Dorfkern des Dorfes Kirchmöser bei Brandenburg (aus: Torsten Geue, Abb. 1)

Und zwar handelt es sich in Kirchmöser um (mindestens) acht Gruben direkt unter dem Straßenbett der Rathausstraße, und zwar in dieser auf halbem Weg zwischen der Ecke Friedhofstraße und der Ecke Gränertstraße) (Grabungs-Fläche II). Da sich hier noch keine Siedlungsfunde fanden, scheine sie sich noch vor der Ortschaft befunden zu haben, an ihrem westlichen Rand. Diese Art von Steinpackungs-/Feuergruben-Reihen haben ein charakteristisches Verbreitungsgebiet in Europa. Nach einer Arbeit von Jens-Peter Schmidt (Torsten Geue, S. 10f) ...

... liegen die meisten Fundplätze im nördlichen Deutschland, aber vor allem im dänischen und skandinavischen Raum konnte er eine Vielzahl neuer Plätze nachweisen und so das Bild  verdichten. Neben diesem Hauptschwerpunkt in der Verbreitung weist Fritz Horst auch auf einige Fundplätze weiter südlich in Hessen und östlich in Polen hin. Durch die höhere Anzahl an zur Verfügung stehenden Plätzen konnte Schmidt auch die zeitliche Einordnung der Gruben mit mehr absoluten Daten hinterlegen, als es Horst tun konnte. Diese Daten wurden mit Hilfe der 14C-Methode gewonnen und sie zeigen, daß die Brenn-/Feuergruben in etwa ab 950 v. Chr. in größerer Anzahl auftauchen und um 540 v. Chr. wieder fast verschwinden. Danach sind sie noch vereinzelt bis ins slawische Mittelalter nachweisbar anzutreffen. Zusammenfassend kann man sagen, daß die Hauptzeit ihres Auftretens in der jüngeren und jüngsten Bronzezeit liegt. Innerhalb dieser Zeit konnte Schmidt auch nachweisen, daß es zwei verschiedene Phasen für die Anordnung der Gruben gab. Die erste Phase liegt  ca. zwischen 950 und 750 v. Chr., und dort sind die Gruben meist linear in einer oder mehreren Reihen angeordnet. In der zweiten Phase zwischen 800 und 540 v. Chr. treten die Gruben dann meist ungeregelt ohne ein erkennbares Schema auf. Zwischen den beiden Phasen gibt es eine deutliche Überschneidung, die man durch unterschiedliche Laufzeiten in den einzelnen Fundplätzen erklären kann. Wenn man sich die Lage der Brenn-/ Feuergruben zu den Siedlungen betrachtet, stellten  sowohl  Horst  als  auch  Schmidt  fest, daß sie meist außerhalb des besiedelten Bereiches lagen. Vor  allem  die  Gruben aus der ersten Phase liegen meist, wie schon angesprochen, entlang einer bestimmten Höhenlinie zwischen einem Gewässer und  der jeweiligen Siedlung. Ihre Lage wird meist auch mit einer möglichen Deutung ihrer Funktion in Verbindung gebracht. Seit dem überregionalen Bekanntwerden dieser Gruben in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde von verschiedenen Forschern die Hypothese vertreten, daß es sich um „Kultfeuerstellen“ oder „Opferplätze“ gehandelt hat. Diese sollen im Zusammenhang mit  bronzezeitlichen  Riten stehen, die außerhalb der Siedlung stattfanden. Vor allem die Anordnung in Reihen mit einem regelmäßigen Abstand zwischen  den  Gruben wird als Hinweis in diese Richtung gesehen.

Für das spätbronze- und früheisenzeitliche Kirchmöser wird zusammenfassuend festgestellt (Geue, S. 19):

Das gefundene Gefäßspektrum verweist auf enge Kontakte in den Bereich der Lausitzer  Kultur,  sowie  Verbindungen in die Saalemündungsgruppe und eventuell nach  Südwestdeutschland. Die gefundenen Brenn-/ Feuergruben lassen auch auf Verbindungen in den Bereich des nordischen Kreises schließen. Diese Beziehungen sowohl nach Norden als auch nach Süden lassen sich durch die Lage Kirchmösers am Randbereich der Lausitzer Kultur und des nordischen Kreises erklären. Fritz Horst ordnet diesen Raum aufgrund der Metalltypen, der Stein- und Knochengeräte und der Grabformen formal noch dem nordischen Kreis zu, aber er sagt auch, daß die Keramik sehr stark aus dem Süden beeinflußt ist.

Abb. 11: Reihenförmig angeordnete Steinpackungen/Feuergruben in Kirchmöser (sie ähneln denen am Königsgrab von Seddin, ihnen wird kultische Bedeutung zugesprochen) (aus Geue)

Anhang 4: Die Spätgeschichte des Streitwagens

Als Anhang noch ein kleiner Einblick in die Spätzeit der "Weltgeschichte des Streitwagens". Nach 700 v. Ztr. kommen nämlich Streitwagen im Allgemeinen außer Gebrauch. Auch für die Nordische Bronzezeit sind Streitwagen - über Felszeichnungen - nachgewiesen (Wiki):

Es gibt zahlreiche Felszeichnungen der Nordischen Bronzezeit, die Streitwagen darstellen.
Original: There are numerous petroglyphs from the Nordic Bronze Age that depict chariots. One petroglyph, drawn on a stone slab in a double burial from c. 1000 BC, depicts a biga with two four-spoked wheels.

Für die anderen, südlicheren, östlicheren und westlicheren Regionen sind sie oft in Form von Wagengräbern (Wiki) nachgewiesen (wobei zu beachten ist, was auf Wikipedia noch nicht zur Darstellung gekommen ist, daß die Bestattungssitte der Rinderwagen-Gräber, verbreitet bis hoch nach Dänemark durch Trichterbecher- und Kugelamphorenkultur, der Bestattungssitte der Pferde-gezogenen Streitwagen voraus gegangen ist). Über die Darstellung der Pferde-gezogenen Streitwagen in der "Ilias" ist zu erfahren (Wiki):

In der Ilias werden Streitwagen vielerorts erwähnt; nach neuesten Forschungen stellt die im Epos dargestellte Gefechtstechnik der Streitwagen das Endstadium des Streitwageneinsatzes im Kampf dar. Er kann nicht mehr im Angriff in geschlossenen Verbänden eingesetzt werden, findet aber in Phasen hochbeweglicher Kampfführung noch ein eingeschränktes Einsatzspektrum, das auffallende Parallelen zur Gefechtstechnik und Taktik heutiger Kampffahrzeuge aufweist. Im Lelantinischen Krieg (710-650 v. Ztr.) wurde der Streitwagen bereits durch die Kavallerie im Kampfeinsatz verdrängt. Der Streitwagen wurde also in der Ägäis von der mykenischen Epoche bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. als Kampffahrzeug eingesetzt.

Die "Ilias" hält also eine Kampfform in schriftlicher Form fest, die schon kurze Zeit nach der Niederschrift der Ilias - zumindest in der Ägäis - außer Gebrauch gekommen ist. Belege dafür, daß die germanischen Stämme der Römischen Kaiserzeit Streitwagen benutzt haben, finden sich bislang nicht. Womöglich war die Benutzung dieser Streitwagen auch schon in früheren Jahrhunderten bei den Germanen nicht ganz so häufig wie bei Kelten, Griechen oder Römern. Wir erfahren vielmehr (Wiki):

Im Gegensatz zu ihren westlichen, keltischen Nachbarn ist die Benutzung des Streitwagens von den frühen Germanen nicht aufgegriffen worden.
Original: Unlike their western Celtic neighbors, the use of chariots was not picked up by the early Germans.

Die Germanen Skandinaviens und Norddeutschlands scheinen also wie die Griechen die Benutzung des Streitwagens spätestens ab dem 8. Jahrhundert v. Ztr. aufgegeben zu haben. Bis August 2017 hat sich auch auf dem Schlachtfeld an der Tollense um 1300 v. Ztr. die Benutzung von Streitwagen nicht nachweisen lassen (9):

Die Muskelansätze an den Knochen einiger Kämpfer lassen darauf schließen, daß sie viel geritten sind. Die Pferde aus dem Tollensetal könnten also die bislang ältesten bekannten Reitpferde in Mecklenburg-Vorpommern sein. (...) Südlich der Alpen wurden Pferde in der Bronzezeit vor zweirädrige Streitwagen gespannt eine wichtige Neuerung der Kriegstechnik. Für den Konflikt im Tollensetal fehlen Hinweise auf Streitwagen.

Die Kelten haben Streitwagen allerdings noch bis 100 v. Ztr. benutzt. Über ihre "Esseda" genannten Streitwagen ist zu erfahren (Wiki):

Die keltischen Esseda waren die letzten in Schlachten eingesetzten Streitwagen. Auf dem europäischen Festland wurden sie zwischen 700 und 100 v. Ztr. genutzt, in Britannien und Irland sogar bis 200 n. Ztr.

Selbst Pferde sollen die Germanen der Römischen Kaiserzeit nur wenige gehabt haben wie der Historiker Todd nach Tacitus berichtet (Wiki). 

Die berühmte Hallstatt-Kultur (Wiki) im Alpenraum, die zeitgleich zu den Homerischen Heroengräbern von Seddin bis in die Ägäis um 800 v. Ztr. bestanden hat, kennt noch recht häufig Streitwagen-Gräber.

/ Ergänzt um Ausführungen 
zu (10-20): 18/19.8.21 /

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  1. Bading, Ingo: Die mächtigen Völkerburgen Mitteleuropas 1200 bis 30 v. Ztr. - Einige stichprobenartige Einblicke in die Geschichte der Kelten, März 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen.html
  2. L. K.: Schwedenschanze - befestigte Anlage am unteren Lauf der Dömnitz - Besiedelt seit über 3.000 Jahren. http://www.landkreis-prignitz.de/de/zu-gast-im-landkreis/tourismus/zao/zao_schwedenschanze.php
  3. Koenigsgrab Seddin Ein Monument der Bronzezeit 2, 2019, https://youtu.be/2p8XlppYoVQ. [Ausgrabungen in den Wickolt'schen Tannen bei Seddin, ab Minute 8:05; Schwedenschanze bei Horst, ab Minute 10:20-12:19] 
  4. Archäologie in Brandenburg, 2020, 2021, https://vimeo.com/563831666
  5. Bading, Ingo: Im Troja der Prignitz, 1.8.2019, https://youtu.be/Qn6m-1Bk5zQ.
  6. Funde in Eichwerder auf 1200 Stücke angewachsen (MOZ 2017)
  7. Dräger, Jana: Jungbronze- und früheisenzeitliche Burgwälle in Mecklenburg-Vorpommern. 2011, https://www.academia.edu/32264883/Jungbronze-_und_fr%C3%BCheisenzeitliche_Burgw%C3%A4lle_in_Mecklenburg-Vorpommern. (kürzere Fassung der Magisterarbeit, siehe folgende Literaturangabe)
  8. Dräger, Jana: Bronzezeitliche Burgen in Mecklenburg-Vorpommern. Forschungsstand und Perspektiven. Magisterarbeit, Universität Greifswald (Lehrstuhl Professor Terberger) 2011,  https://www.academia.edu/32410459/Bronzezeitliche_Burgen_in_Mecklenburg-Vorpommern_Magisterarbeit.
  9. Henning Lipski, Beatrix Schmidt: Blutiges Gold. Macht und Gewalt in der Bronzezeit. Begleitheft zur Sonderausstellung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Schwerin, Stand: August 2017 (Docplayer
  10. Dräger, Jana: Hinter hohen Wällen ... Spätbronzezeitliche Burgen als Folge gesellschaftlicher Umbrüche in Nordostdeutschland? 80. Tagung des Nordwestdeutschen Verbandes für Altertumsforschung Hansestadt Lübeck, September 2013 DOI: 10.13140/RG.2.2.24770 (Researchgate)
  11. Bogusław Gediga: Einige Bemerkungen über das Problem der ‚Lausitzer‘ Doppelburgen in Polen. In: Ines Beilke-Voigt, Oliver Nakoinz (Hrsg.): Enge Nachbarn. Doppel- und Mehrfachburgen in der Bronzezeit und im Mittelalter, mittelalterliche Doppelstädte. Berlin Studies of the Ancient Word 47, 2017 (pdf)
  12. Oliver Nakoinz, Jutta Kneisel, Ines Beilke-Voigt, Jana Dräger: Befestigungen der Bronze- und Eisenzeit zwischen Marburg und Uppsala. In: Ines Beilke-Voigt, Oliver Nakoinz (Hrsg.): Enge Nachbarn. Doppel- und Mehrfachburgen in der Bronzezeit und im Mittelalter, mittelalterliche Doppelstädte. Berlin Studies of the Ancient Word 47, 2017 (Researchgate)
  13. Fritz Horst: Ausgrabungen auf dem jungbronzezeitlichen Burgwall von Gühlen-Glienicke (Boltenmühle), Kr. Neuruppin, 1960, Ausgrabungen und Funde, Band 6, 1961, S. 125-133
  14. Dietrich Zühlke: Ruppiner Land: Ergebnisse der heimatkundlichen Bestandsaufnahme in den Gebieten von Zühlen, Dierberg, Neuruppin und Lindow. Band 37 von "Werte der deutschen Heimat". Akademie-Verlag, 1981 (GB)
  15. Fritz Horst zum Gedenken. In: Ethnographisch-archäologische Zeitschrift, 1990, S. 548 (GB
  16. Geue, Torsten: Die jungbronzezeitliche  Siedlung bei Kirchmöser, Stadt Brandenburg. Bachelorarbeit. (Zweitgutachter Wolfram Schier) 2010 (Bericht von einer Grabung aus dem Jahr 2006) (pdf
  17. Raschke, Georg: Schwedenschanze und Kapellenberg von Breslau-Oswitz. Ein Führer zu den urgeschichtlichen Burgen und Fundstellen. Filser-Verlag, Augsburg, 1929 
  18. Hermann Uhtenwoldt: Die Burgverfassung in der Vorgeschichte und Geschichte Schlesiens. Priebatsch, Breslau 1938
  19. Nösselt, Friedrich: Breslau und dessen Umgebungen - Beschreibung alles Wissenswürdigsten für Einheimische und Fremde. Breslau 1825 (GB)
  20. Büsching, Johann Gustav Gottlieb: Der Heilige Berg und dessen Umgebungen in Oswitz. Breslau 1824, https://fbc.pionier.net.pl/details/nnxqxwd
  21. Mehner, Andreas: Die jüngere Bronzezeit zwischen Finowtal und Angermünder Eisrandlage. In: R. Bräunig; A. Mehner: Studien zum Siedlungswesen der Jungbronzezeit und der Älteren Römischen Kaiserzeit in Brandenburg. Studien zur Archäologie Europas 9 (Bonn 2008), 9-129 [Forschungsstand von 2002] (Academia).
  22. A.  Gleinig  -  H.  Gebhardt, Vermessung ortsfester Bodendenkmale am Beispiel der Schanzenburg im Biosphärenreservat Schorfheide/Chorin. Diplomarbeit TFH Berlin, FB III (Berlin 2005) (Yumpu)
  23. https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/festung-des-deutschordens-entdeckt/ 
  24. https://scienceinpoland.pap.pl/en/news/news%2C88888%2Cteutonic-era-castle-built-site-prehistoric-settlement-say-archaeologists.html
  25. Lorrae Campbell: The Origins of British Hillforts: A  comparative study of Late Bronze  Age hillfort origins in the Atlantic  West. Diss. University of Liverpool, February 2021 (pdf

Donnerstag, 17. Juni 2021

Blonde Menschen in Pommern - Ab 3.000 v. Ztr.

Ein Ganggrab der Kugelamphoren-Kultur

Das Dorf Kerschkow in Pommern (Wiki) (poln. Kierzkowo) liegt 137 Kilometer östlich vom Ostseebad Neuwasser in Pommern (1), 75 Kilometer östlich von Stolp in Pommern und 40 Kilometer westlich der Halbinsel Hela in der Danziger Bucht. Das Dorf liegt fünf Kilometer vom Ostseestrand entfernt. Hier haben polnische Archäologen der Universität Posen auf einem Hügel am Kerschkower See ein 35 Meter langes Gangrab ausgegraben, das in die Zeit 3.000 bis 2.800 v. Ztr. datiert wird. Es ist das die Zeit, als die Siedlung von einheimischen Jägern und Fischern in Neuwasser in Pommern aufgegeben wird (1). Von solchen Gangräbern sind inzwischen mehrere in Pommern und Westpreußen erforscht worden (Wiki):

Die meisten der (...) Ganggräber liegen in trapezoiden Einfassungen und sind auf Nordkujawien konzentriert. Sie sind mit Stein- und Erdhügeln bedeckt und werden der Kugelamphorenkultur zugerechnet, die in ihrem Verbreitungsgebiet westlich der Oder allerdings durch den Bau von Steinkisten bekannt wurde. Ein Ganggrab könnte auch die stark gestörte „Stelle 27“ auf dem Gräberfeld von Łupawa (Ort und Fluß) in Pommern sein. Untersucht wurden bisher nur die Anlagen von "Strzelce Dolne" (dt. Nieder Strelitz, in der Woiwodschaft Bydgoszcz), wo sich zwei Ganggräber in einer Einfassung finden und Kierzkowo (dt. Kerschkow, in der Woiwodschaft Kujawsko-Pomorskie).

Insgesamt konnten zwei Frauen und sechs männliche Individuen unter den sehr unzusammenhängend und kleinteilig aufgefundenen Knochenresten identifiziert werden (2). Es fanden sich unter anderem die Knochen von zwei 50 bis 60 Jahre alten Schwestern, sowie jeweils einer ihrer Söhne, die beide höchstens 20 Jahre alt geworden waren, sowie einer der Väter dieser Söhne. Drei der Begrabenen hatten blaue Augen, helle, braune bis blonde Haare und helle Haut (2). Gene für davon abweichende phänotypische Merkmale wurden in diesem Grab nicht gefunden.

Abb. 1: Das 35 Meter lange Ganggrab bei Kerschkow am Kerschkower See in Pommern (aus: 2)

Man mag dieses Forschungsergebnis erstaunlich finden. Denn mehrheitlich waren diese Menschen ja immer noch anatolisch-neolithischer Herkunft. Und sie sollen außerdem - nach Studien bis 2017 - 25 % Herkunftsanteil westeuropäischer Jäger und Sammler aufgewiesen haben (3). Beide Herkunftsgruppen wiesen - nach bisherigen archäogenetischen Erkenntnissen - mehrheitlich andere phänotypische Merkmale auf. Diese neue Studie macht keine Angaben zu diesen Herkunftsanteilen (2).

Abb. 2: Das 35 Meter lange Ganggrab bei Kerschkow am Kerschkower See in Pommern (aus: 2)

Die hier Bestatteten konnten als Erwachsene rohe Milch nicht verdauen, obwohl es viele Hinweise darauf gibt, daß sie Milchprodukte konsumierten (2). Diesen Umstand findet man ja inzwischen für viele archäologische Kulturen. Der Anteil der Menschen, die die angeborene Fähigkeit besitzen, als Erwachsene rohe Milch verdauen können, hat erst während der Bronze- und Eisenzeit in Europa zugenommen (4). Die Menschen haben also zuvor vor allem Milchprodukte verzehrt in Form von Jogurth und Käse. Das ist leichter zu verdauen als rohe Milch. 

Für die Zeit um 2.800 v. Ztr. hat man an der Oberen Weichsel schon vor zwei Jahren Hinweise für gewaltsame Auseinandersetzungen in der Kugelamphoren-Kultur gefunden (5). 

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  1. Bading, I.: Ostseehandelsschiffahrt lange vor dem Ackerbau - Ein ausgestorbenes Fischervolk in Pommern 5.000 bis 3.000 v. Ztr. - Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ostsee-handels-schifffahrt-lange-vor.html
  2. S Vai, MA Diroma, C Cannariato, A Budnik, M Lari, David Caramelli, Elena Pilli: How a Paleogenomic Approach Can Provide Details on Bioarchaeological Reconstruction: A Case Study from the Globular Amphorae Culture. In: Genes, 2021, 12, 910. https://doi.org/10.3390/genes12060910
  3. Bading, Ingo: 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  4. Bading, Ingo:  "Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren - Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  5. Bading, I.: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/05/2800-v-ztr-die-einheimischen-bauern.html

Montag, 14. Juni 2021

Östlich der Karpaten - Die Cucuteni-Kultur - Der "Deutsche Kreis"

Woher stammt der Name "Cucuteni-Tripolje-Kultur"?

In einem neuen Video des Bloginhabers wurden Inhalte der Artikel hier auf dem Blog seit Anfang Mai über die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr. zusammenfassend referiert (1). Allerdings wurden auch unveröffentlichte Inhalte referiert. Und diese Inhalte sollen im vorliegenden Blogartikel zusätzlich noch zugänglich gemacht werden.

Denn - wie schon im Video erwähnt - die Frage stellt sich: Cucuteni-Tripolje-Kultur - woher kommen die Namen für diese Kultur? Indem man dieser Frage nachgeht, bekommt man noch einige neue Eindrücke von dieser Kultur und der sonstigen Geschichte ihres - wenig bekannten - geographischen Verbreitungsraumes.

Abb. 1: Blick von der "Deutschen Burg" bei "Târgu Neamț" ("Deutscher Markt") am Neamț (Deutscher Fluß) "im "Deutschen Kreis" in den Ostkarpaten (Wiki) - Es war dies ein Kernraum des Siedlungsgebietes der Cucuteni-Kultur. Dieser Ort liegt 40 Kilometer nördlich der Kreisstadt des "Deutschen Kreises", nämlich von Kreuzburg an der Bistritz

"Cucuteni"

Zunächst also der erste Teil des Doppelnamens. Die Ortschaft Cucuteni (Wiki) (2):

Sie liegt im Kreis Iași in Rumänien. Dort wurden die ersten Objekte entdeckt, die mit dieser Kultur in Verbindung gebracht worden sind. Cucuteni liegt in der Nähe der Stadt Iași, einem der ältesten Zentren der Kultur und der höheren Bildung in Rumänien (sie besitzt die älteste Universität des Landes). Dort gibt es eine große akademische Gemeinschaft. 1884 besuchte einer dieser akademisch Gebildeten von Iași, der Volkskundler und Lehrer Teodor T. Burada, den Siedlungshügel nahe des Dorfes Cucuteni. Während seines Besuches grub er wundervolle Keramik und Terracotta-Figurinen aus den Ruinen.
The culture was initially named after the village of Cucuteni, located in Iași County, Romania, where the first objects associated with it were discovered. Cucuteni is close to the city of Iași, which is one of the centres of culture and higher education in Romania (having the oldest university in the country), including a large academic community. In 1884, one of these Iaşi scholars, the folklorist and teacher Teodor T. Burada, visited the tell (hill-shaped ruins) located next to the village of Cucuteni. During his visit he unearthed some beautiful pottery and terracotta figurines from the ruins.

Es handelt sich hier um die historische Landschaft des westlichen Moldawien. Cucuteni liegt zwischen Sereth und Pruth, 27 Kilometer östlich des Sereth und 65 Kilometer westlich des Pruth. Sie liegt also im Kernraum der einstigen Cucuteni-Tripolje-Kultur. Sie liegt 180 Kilometer westlich von Chisinau, der Hauptstadt Moldawien, der lebenslangen Wirkungsstätte der moldavischen Archäologen Vladimir Dergachev.

Wie man auf Google Maps entdecken kann, liegt 80 Kilometer westlich von Cucuteni auch die Stadt Kreuzburg an der Bistritz (Wiki) (Abb. 2). Die Bistritz ist ein rechter Nebenfluß des Sereth. Dieser deutsche Name einer rumänischen Stadt läßt aufhorchen und genauer hinschauen. Rumänisch wird Kreuzburg interessanterweise "Piatra Neamț" genannt. Und das wiederum ist zu übersetzen mit "Deutschstein", und zwar benannt nach dem hohen bewaldeten Berg, der die Stadt dominiert (Abb. 2). Kreuzburg, bzw. Deutschstein ist nun - interessanterweise - auch die Kreisstadt eines rumänischen Landkreises, der Kreis Neamț (Wiki) benannt ist, also "Deutscher Kreis". Über diesen Kreis am östlichen Rande der Ostkarpaten lesen wir (Wiki):

Die über tausend Jahre hinweg existierende Cucuteni-Kultur ist im "Deutschen Kreis" mit einer bemerkenswerten Zahl von Siedlungen vertreten - ungefähr 150. In archäologischen Grabungen sind wichtige Museums-Sammlungen spätneolithischer Lebenszeugnisse ergraben worden.
The Cucuteni culture, whose development lasted approximately one thousand years (...) was attested in the territory of Neamţ county by a remarkable number of settlements (approx. 150), archaeological diggings unearthing important museum collections of Aeneolithic artifacts. 

40 Kilometer weiter nördlich - 60 Kilometer westlich von Cucuteni - liegt im Schutze einer Burg, die vom Deutschen Ritterorden begründet worden ist, die Stadt "Târgu Neamț" (Wiki, engl) - was mit "Deutscher Markt" zu übersetzen ist - am Fluß "Neamț", was mit "Deutscher Fluß" zu übersetzen ist (Abb. 1). Er mündet 13 Kilometer weiter im Osten in den Sereth, in den auch - weiter südlich - die Bistritz mündet.

Abb. 2: Kreuzburg an der Bistritz, Rumänisch "Piatra Neamt" ("Deutschstein") (Wiki) - Die Kreisstadt des Deutschen Kreises

Diese Ortsbezeichnungen machen einem bewußt, daß im Mittelalter nicht nur in Siebenbürgen Deutsche siedelten (Wiki):

Entsprechend der päpstlichen Bulle von 1232 - errichtete der Deutsche Orden aus dem Burzenland zwischen 1211 und 1225 auf der Ostseite der Karpaten ein castrum muntissimum, das später als diese Burg identifiziert wurde. 

Es wurde an diesem Ort auch ein eindrucksvolles mittelalterliches Kloster errichtet (Wiki):
Sächsische Siedler überquerten die Karpaten von Bistritz aus und errichteten eine Marksiedlung. (...) Niamtz war eine deutsche Siedlung des 13. Jahrhunderts, als der Deutsche Ritterorden Einfälle von Siebenbürgen aus gegen die Cumanen in Moldawien unternahm.
Saxon colonists crossed the Carpathians from the Bistrița area and built a commercial township. Some Romanian historians (...) consider that Târgu Neamț was probably a German settlement from the 13th century, when the Teutonic Order made incursions from Transylvania against the Cumanic peoples that were living in Moldavia.

In diesem Zusammenhang kann man sich auch daran erinnern, daß Deutsche in der Bukowina angesiedelt worden sind im 18. und 19. Jahrhundert, also rund zum Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina. Diese liegt 140 Kilometer nördlich von "Târgu Neamț"/"Deutscher Markt". Es sind das alles Gebiete, die im Mittelalter zum Fürstentum Moldau gehörten (Wiki):

Bereits seit dem 14. Jahrhundert lebte eine kleine Gruppe deutscher Handwerker und Kaufleute im Fürstentum Moldau. Sie verschwand aufgrund der Assimilation durch die Csango im Verlauf des 17. Jahrhunderts vollständig. 

Csango sind eine ungarische Volksgruppe, die ebenfalls in die Bukowina ausgewandert waren. Auch die Bukowina war Jahrtausende zuvor von der Cucuteni-Tripolje-Kultur besiedelt worden (Wiki). Der langjährige Leiter des bedeutenden Herder-Instituts in Marburg war Bukowina-Deutscher und hat 1955 in Hamburg über Geschichte des Deutschtums im Fürstentum Moldau promoviert (3). Er heißt Hugo Weczerka (1930-2. April 2021) (Wiki) und ist am 2. April dieses Jahres mit 91 Jahren in Marburg gestorben. Das 1950 begründete Herder-Institut in Marburg hat sich die Erforschung der Geschichte der deutschen Ostgebiete östlich des Bayerischen Waldes und der Oder, sowie der deutschen Volksgruppen in Ostmittel- und Osteuropa zur Aufgabe gemacht. Seine Bedeutung kann gar nicht überschätzt werden. Denn welch ein riesiges, 1941 bis 1945 untergegangenes kulturelles Erbe bewahrt es.

Tripolje

Tripolje ist heute ein Dorf 40 Kilometer südlich von Kiew am rechten Ufer des Dnjepr (Wiki):

Am Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte in seiner Umgebung der Archäologe Wikentij Chwoika die Reste einer großen Siedlung der Cucuteni-Tripolje-Kultur und grub sie aus. Die Siedlung existierte um 4800-4500 v. Chr. und zählte etwa 10.000 bis 20.000 Einwohner. Sie war damit für damalige Verhältnisse eine Großstadt.

Aber mehr noch (Wiki):

Auf dem Territorium der Ortschaft liegen die Überreste der erstmals 1032 in den Annalen Jaroslaws des Weisen erwähnten, befestigten Siedlung der Kiewer Rus Trepoli. In Trypillja befindet sich ein Museum mit zahlreichen Funden der Cucuteni-Tripolje-Kultur und späterer Epochen.

Von dem kulturellen Habitus her, der sich in der Keramik, in den Figurinen, in den Göttinnen-Figuren wiederspiegelt (4), kann die Cucuteni-Tripolje-Kultur wohl als eine der unverfälschtesten Forsetzungen der Kultur der Bandkeramik angesehen werden. Während die kulturelle Tradition der Bandkeramik in Europa sonst schon um 4.900 v. Ztr. abbricht, bzw. sich stärker wandelt, scheint sie sich am Ostrand der Karpaten zwar einesteils ebenfalls gewandelt zu haben. Dort scheint aber der kultureller Habitus der Bandkeramik, der "Geist" der Bandkeramik, insbesondere auch der Fleiß der Bandkeramiker bei der Bodenbearbeitung noch am ehesten weiter geführt worden zu sein.

Insbesondere auch scheint die Cucuteni-Tripolje-Kultur ebenso von jenem "zivilisatorischen" Siedlergeist beseelt gewesen zu sein, der die Bandkeramik so einzigartig gemacht hatte, der ihr die höchste Siedlungsdichte vor dem Frühmittelalter in Mitteleuropa ermöglicht hat. Ebenso fortschritttlich wie die Bandkeramik innerhalb der europäischen Geschichte im Frühneolithikum war dementsprechend die Cucutein-Tripolje-Kultur im Mittel- und Spätneolithikum. 

Und sie wies ein deutlich zäheres Leben auf als die Bandkeramik, ein deutlich zäheren Überlebenswillen und eine deutlich zähere Überlebenfähigkeit, indem sie bei aller "Konservativität" doch auch viel Anpassungsfähigkeit und Umformungsfähigkeit aufgewiesen hat.

Das Video, auf das wir uns hier beziehen (4), ist gut geeignet, um den kulturellen Habitus, den Gesamteindruck, "Geist" dieser Kultur auf sich wirken zu lassen. Das Thema "Symbole" wird in diesem Video - das aus dem Umfeld der Anastasia-Bewegung zu stammen scheint - deutlich überstrapaziert. Und das erinnert immer wieder einmal sehr deutlich an okkultes, verdummendes Denken. Aber man darf das Video gerne an bestimmten Stellen anhalten - oder sich wiederholt ansehen -, um diese herrliche, natürlich auch fremde Bilderwelt, die der wissenschaftlichen Literatur und Museen entnommen ist, auf sich wirken lassen.

Mit diesem Video wird für eine Sache Werbung gemacht mit Hilfe von Inhalten, die nicht Inhalte der Sache sind, für die mit ihnen Werbung gemacht wird. 

Aber welche reiche kulturelle und geschichtliche Vergangenheit die für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer völlig unbekannten, riesigen Gebiete östlich der Karpaten aufweisen. Hier darf der Blick des Historikers, des Kunsthistorikers, des Kulturhistorikers, des Archäologen und des Geographen wirklich noch lange und mit Andacht verweilen.

_________

  1. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends, 13.6.2021, https://youtu.be/F27yn4zLVsw?t=110
  2. Ancient Cucuteni civilization on Romania current territory, Blurallis 15.02.2010, https://youtu.be/onY1QIv1Fro.  
  3. Hugo Weczerka: Das mittelalterliche und frühneuzeitliche Deutschtum im Fürstentum Moldau von seinen Anfängen bis zu seinem Untergang (13.-17. Jahrhundert). Hamburg 1955, (Hamburg, Universität, Dissertation, 1955, maschinenschriftlich; Druck: (=Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission. Band 4, Oldenbourg, München 1960).
  4. Zeichen der Cucuteni-Tripolje Kultur, ALLATRA, 25.05.2020, https://youtu.be/vt1fQumZs_8
  5. ceramica cucuteni (Offenbar nachgebildete Keramik - keine Museumsstücke!), 25.05.2013, https://youtu.be/cADbkg0V5Rw

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