Samstag, 26. Juni 2021

"... Eine unzugängliche Waldstelle, mit Wall und Graben gesichert ...."

Wallanlagen nach 1200 v. Ztr. - Nördlich der Mittelgebirge
- Vermutlich angelegt von den Vorfahren der West- und Ostgermanen

Nachdem hier auf dem Blog schon ein kleiner Überblick gegeben worden ist über Völkerburgen der Kelten im heutigen Franken aus der Zeit zwischen 1200 und 30 v. Ztr. (1), richtet sich der Blick gerne auch einmal auf das, was zeitgleich nördlich der deutschen Mittelgebirge diesbezüglich zu finden ist.

Aber bevor wir das tun, mag es sinnvoll sein, sich an das zu erinnern, was Julius Cäsar aus dem Jahr 54 v. Ztr. über die keltischen Stämme in Britannien berichtet. Als er mit seinen Legionen dorthin nämlich ein zweites mal übersetzte, um die dortigen Stämme zu unterwerfen, hatten diese sich unter der Leitung des Königs Cassivelanus darauf vorbereitet. Sie hatten zum Beispiel die Themse-Furt mit hölzernen Spießen bewehrt. Dennoch unterwarf Cäsar einen Stamm nach dem anderen. Dies fiel ihm um so leichter, als sie untereinander große Uneinigkeit aufwiesen und zuvor in einem fast regelmäßigen Krieg miteinander gestanden hatten. Die Unterworfenen verrieten ihm schließlich die Zuflucht des Cassivelanus. Darüber berichtet Cäsar in "Der Gallische Krieg":

"Von ihnen erfuhr ich, daß nicht weit davon der durch Wälder und Sümpfe geschützte feste Platz des Cassivelanus liege, in den Menschen und Vieh in beträchtlicher Menge gekommen seien. Einen festen Platz aber nennen die Britannier schon eine unzugängliche Waldstelle, die sie mit Wall und Graben sichern. Dorthin pflegen sie dann zu fliehen, um einem feindlichen Einfall auszuweichen."

Diese Worte scheinen es einem zu erleichtern, jene noch heute völlig abgelegen im Wald liegenden bronzezeitlichen Wallanalgen historisch einzuordnen, die sich in der Nähe zum Beispiel des Königsgrabes von Seddin aus der Zeit um 800 v. Ztr. im nördlichen Brandenburg, in der Prignitz gefunden haben, nämlich die Schwedenschanze an der Dömnitz bei Horst, bzw. bei Pritzwalk (2-5). 


Cäsar berichtet weiter:

"Ich marschierte mit den Legionen dorthin, fand den von Natur und durch Menschenhand befestigten Platz und suchte ihn von zwei Seiten zu bestürmen. Die Feinde verzögerten zwar ein wenig unseren Angriff, konnten ihm aber nicht standhalten und flohen auf einer Seite vom Platz. Dort fand man eine große Menge Viehs. Viele Feinde wurden auf der Flucht ergriffen und niedergemacht."

Wenn also eine so unzugängliche Waldstelle, die mit Wall und Graben gesichert worden war, die letzte Zuflucht eines Königs der Britannier bilden konnte, warum dann nicht auch die letzte Zuflucht jenes Königs, der im Königsgrab von Seddin begraben liegt? 

Denn auffallenderweise lebten diese britannische Stämme, die zum Teil vom heutigen Belgien aus die Themse aufwärts gesiedelt hatten, noch zu Cäsars Zeiten in vieler Hinsicht so wie man in Kontinental- und Südeuropa 800 Jahre zuvor gelebt hatte. So kämpften sie zum Beispiel noch mit Streitwagen. Cassivelanus benutzte diese Streitwagen nämlich für seine Guerilla-Taktik, um den Römern beim ausschwärmenden Requierieren von Getreide und Vieh Schaden zuzufügen. Cassivelanus mußte sich schließlich dennoch unterwerfen. 

Um 800 v. Ztr. fuhren solche Streitwagen aber auch durch das heutige Brandenburg, durch das heutige Sachsen, durch das Weichselland, durch Schlesien, Böhmen, an der Donau - eigentlich überall in Europa und im Mittelmeer-Raum.

Im südlichen England hat man die Örtlichkeiten vieler sogenannter "Oppida" dieser Zeitstellung erforscht. Und es haben sich auch mehrere Wallanlagen nördlich des heutigen London gefunden, die für den Ort des hier erwähnten befestigten Platzes des Cassivelanus infrage kämen. Dies gilt insbesondere für "Devil's Dyke" nahe dem Dorf Wheathampstead (Wiki). Aber gesichert ist diese Vermutung bis heute nicht. Ob sich solche Wallanlagen nicht auch mit Hilfe eiserner Nägel römischer Marschstiefel und ähnlicher Dinge sollten nachweisen lassen - so wie das in Deutschland inzwischen nicht selten gelungen ist?

Die Wallanlagen der Lausitzer Kultur (1000 bis 500 v. Ztr.)

Wie auch immer. Wer die bis heute vergleichsweise wenig erforschten bronzezeitlichen Wallanlagen im nördlichen Deutschland und nördlichen Europa verstehen und historisch einordnen will, wird gut daran tun, sich weiterhin zunächst einmal mit den schon etwas besser bekannten und erforschten Wallanlagen der zeitgleichen Lausitzer Kultur (1300-500 v. Ztr.) (Wiki) im mittleren Deutschland zu beschäftigen. Diese Lausitzer Kultur - so wird in der Forschung vermutet - ist von den Vorfahren ostgermanischer Stämme getragen gewesen (Wiki):

Für eine (vor)germanische sprachliche Identität bzw. Ethnizität der Träger der Lausitzer Kultur spricht, daß das Verbreitungsgebiet dieser Kultur um die Zeitenwende von den (ost)germanischen Stämmen der Przeworsk-Kultur besiedelt war. Und es gibt keine Hinweise auf größere Wanderungsbewegungen in diesem Raum in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends vor Christus.

Tacitus berichtet davon, daß die ostgermanischen Stämme - im Gegensatz zu den westgermanischen - Königsherrschaften besessen hätten, die nicht zuletzt auf dem Besitz einer größeren Zahl von Sklaven beruhte. Und es wird ja nicht ausgeschlossen sein, daß diese Herrschaftsform bis auf die Lausitzer Kultur zurück geht. Das Verbreitungsgebiet der Lausitzer Kultur reichte vom heutigen Potsdam im Nordwesten über die Provinz Posen im Nordosten, über Schlesien, Wolhynien und die Ukraine im Südosten bis zur Donau im Süden. Es handelt sich um die Nachbarkultur der Nordischen Bronzezeit im Norden, zu der ja auch die Seddiner Gruppe in der Prignitz im nördlichen Brandenburg gezählt wird.

Befestigtes Dorf südlich von Bromberg (748-620 v. Ztr.)

Zu dieser Kultur gehört beispielsweise das befestigte Dorf Biskupin (748-620 v. Ztr.) (Wiki), 50 Kilometer südlich von Bromberg an der Weichsel und 77 Kilometer nordöstlich von Posen gelegen. Es wurde seit 1933 von polnischen, seit 1940 von deutschen und seit 1945 wieder von polnischen Archäologen erforscht (Wiki):

Das Dorf bot etwa 1000 Bewohnern zusammen mit Rindern, Schweinen und Kleinvieh Platz. Das Dorf lag auf einer 6900 m² großen Insel im Biskupiner See und war auf Pfählen im See gebaut, mit Zugang über eine einzige Brücke sowie durch Boote. Dem feuchten Untergrund ist die Erhaltung eines großen Teils der hölzernen Bauten zu verdanken. Hölzernes Buhnenwerk sowie ein umlaufender Holz-Erde-Ringwall, dem hölzerne Innenbauten Halt verliehen, umgaben die Insel. Eine einzige Torgasse durchschnitt den Ringwall. Ein mit Holz befestigter Damm verband die Insel mit dem Seeufer. Die Siedlung selbst bestand aus etwas über 100 in Blockhausbauweise errichteten Holzhäusern, die in 13 parallelen Zeilen angeordnet waren. Zwischen den Häuserzeilen verliefen mit Bohlen belegte Straßen. Die Häuser waren gleich groß (8 × 9 m). Jedes besaß an der Südseite einen Vorraum, dazu einen (oft in eine größere und eine kleinere Abteilung unterteilten) Hauptraum mit steinernem Herd. Das Siedlungsbild läßt einheitliche Planung erkennen.

Wallanlagen im Oderbruch (1000 und 500 v. Ztr.)

13 Kilometer westlich der Oder und 63 Kilometer nordöstlich der Stadtmitte von Berlin fanden sich in dem kleinen Oderbruch-Dorf Eichwerder bei Wriezen (Wiki) nicht nur zahlreiche Keramiköfen, sondern auch Tor- und Wallanlagen einer Befestigung aus der Zeit zwischen 1000 und 500 v. Ztr. (MOZ 2017):

Die Wallanlage ordnet (die Archäologin) Blandine Wittkopp der gleichen Epoche wie der bereits entdeckten Öfen zu - 1000 bis 500 Jahre vor Christus.

Auch in Rathsdorf bei Wriezen, ebenfalls im Oderbruch gelegen, neun Kilometer westlich von Eichwerder fanden sich Hinweise auf Wallanlagen dieser Zeitstellung (FU Berlin).

Wallanlage an Havelseen bei Potsdam (1250-550 v. Ztr.)

Eine Wallanlage der Lausitzer Kultur fand sich ebenfalls bei Potsdam (nämlich die sogenannte "Römerschanze bei Potsdam") (1250-550 v. Ztr.) (Wiki). Sie wurde ab 1881 - in Luftlinie vier Kilometer - nördlich des heutigen Schlosses Cecilienhof in Postdam auf einem einstmals sicherlich recht unzugänglichen Geländesporn zwischen zwei Havel-Seen angelegt (Wiki):

Eine erste Besiedlung des Platzes begann in der Hügelgräberbronzezeit und erstreckte sich kontinuierlich bis zum Ende der Hallstattzeit (...) (ca. 1250 bis 550 v. Chr.). (...) Die Wallburg kann der Lausitzer Kultur zugerechnet werden, die in der späten Bronzezeit und der frühen Eisenzeit (1300 bis 500 v. Chr.) auf den heutigen Gebieten von Ostdeutschland, Polen, Teilen Tschechiens und der Slowakei und in Teilen der Ukraine bestand. Starke Brandschichten am Ende der Besiedlung im 6. Jahrhundert v. Chr. deuten auf eine Zerstörung beziehungsweise Brandkatastrophe. (...) Die Wallburg mit einer Ausdehnung von 175 m mal 125 m umfaßt circa zwei Hektar Fläche. Vom einst sechs Meter hohen Ringwall erhielt sich nach Abwaschung eine Resthöhe von etwa drei Metern. Die Fortifikation wies eine Bauphase in Holz-Erde-Technik auf. Bis zu 1.000 Mann fanden in ihr Platz. Von der Innenbebauung konnte ein Haus mit einer Grundfläche von 11,50 m mal 16,60 m freigelegt werden. 

Ob hier die Nachkommen der einstigen Seddiner Kultur in der Prignitz einen Kriegszug gen Süden unternommen hatten? Derartige Dinge sind natürlich denkbar.

Burgwall in Lossow an der Oder (1000-600 v. Ztr.)

90 Kilometer südwestlich von Berlin Mitte, 60 Kilometer südlich des schon erwähnten Wriezen im Oderbruch und acht Kilometer südlich des heutigen Frankfurt an der Oder wurde in den 1970er und 1980er Jahren fast direkt am westlichen Oderufer der Burgwall Lossow ausgegraben (Wiki):

Die Geschichte der Burg beginnt mit der im 12. Jahrhundert v. Chr. als befestigte Siedlung oberhalb der Steilen Wand, einer natürlichen Hochfläche des westlichen Oderlaufs. Vermutlich begann der Bau des Burgwalls im 10. Jahrhundert v. Chr. Dies belegen Grabungen von technischen Anlagen zur Keramikherstellung. Bruchstückteile von Gußformen zeugen von handwerklicher Tätigkeit der Bronzeverarbeitung; Reste von Haus- und Wildtieren, Fischen und Pflanzen geben Auskunft über die Ernährungsgewohnheiten. Die Burg beherbergte bis zu 1800 Menschen. In der frühen Eisenzeit, ca. 800-600 v. Chr., besiedelte die sogenannte Göritzer Gruppe das Gebiet. Der Burgwall wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. aufgegeben.

Eine Wallanlage der Seddiner Kultur (800 v. Ztr.)

Zur Zeit der vielen Hügelgräber rund um das Königsgrab von Seddin (Wiki) gab es nun also auch sieben Kilometer östlich derselben, flußaufwärts des Elbe-Nebenflusses Dömnitz und von diesem umschlungen eine bronzezeitliche Befestigungsanlage mit Zangentor.

Die Zitadelle von Troja (Wiki) am Skamander-Fluß in der heutigen Westtürkei umfaßte in der Mitte des 3. Jahrtausend knapp 1 Hektar Fläche, um 2.000 v. Ztr. herum 2 Hektar. Das Troja der Ilias umfaßte dann 5 Hektar Fläche.

Abb.: Die bronzezeitliche Stadtanlage im Dömnitzbogen zwischen den Dörfern Horst und Neudorf bei Pritzwalk

Diese Wallanlage an der Dömnitz umfaßte 3,5 Hektar und kann deshalb - rein von der Fläche her - mit Troja durchaus verglichen werden. Jedenfalls: Daß ein Ort geschichtliche "Größe" hat und behält, muß nicht unbedingt nur an meßbaren Daten liegen.

Das größte Grab an den Wickolt'schen Tannen hatte einen Durchmesser von etwa 40 Meter (Minute 8:40). Außerdem befand sich hier das Grab Wickholt I mit schwerem Bronzeschmuck. Ein "Macht- und Reichtumszentrum".

Burgen in Mecklenburg (1200 v. Ztr.)

Vom nördlichen Ausläufer der Urnenfelderkultur, der Lausitzer Kultur zwischen Saale, Brandenburg und Oder, breitete sich nach 1200 v. Ztr. der Burgenbau also bis nach Mecklenburg in das Gebiet des "Nordischen Kreises" hinaus aus. Dabei entstanden Höhenburgen mit einem Umriß von bis zu 20 Hektar, so nämlich eine solche Höhenburg in Rothemühl (Wiki), 40 Kilometer südlich von Anklam und Usedom, 60 Kilometer westlich von Stettin (7):

Bei den meisten der hier behandelten, bronzezeitlich einzuordnenden Anlagen handelt es sich um Höhenburgen. Eine erhöhte Lage auf Geländespornen ist typisch für Burgwälle der diskutierten Zeitstellung, sowohl im Lausitzer Kerngebiet als auch im Verbreitungsgebiet des Nordischen Kreises in Mecklenburg-Vorpommern, und bietet gute Voraussetzungen für Schutz und Verteidigung. Im Allgemeinen besitzen die Höhenburgen an den Seiten steile Abhänge, die allein bereits einen guten Schutz darstellen (Beispiele für Mecklenburg-Vorpommern: Basedow, Fahrenwalde, Kratzeburg, Willershusen). Die Wallführung und die Grundform der Anlagen hängen besonders bei Höhenburgen stark vom vorgegebenen Gelände ab. Die Erhebung kann von mehreren Niederungen oder Sümpfen umgeben sein, so daß der Zugang zur Wehranlage und somit zum Siedlungsplatz durch das Umland noch zusätzlich erschwert wird (zum Beispiel: Kratzeburg, Schlemmin, Willershusen).

Der letztere Umstand gilt insbesondere auch für die Schwedenschanze bei Horst. Viele der Burgen weisen - wie die der Lausitzer Kultur - Brandhorizonte auf, die auf das Ende oder eine vorübergehende Zerstörung der Großsiedlung verweisen können. 

***

Ein Dichter hat einmal ein Lied über die Zeit der mittelalterlichen Kriege gegen das Raubrittertum in Brandenburg geschrieben. An dessen Zeilen mag man denken, wenn man es zu tun hat mit "... einer unzugänglichen Waldstelle, die mit Wall und Graben gesichert ist":

Hinter brandgeschwärzten Mauern 
...                                             ...,
faustgeballt im Dickicht kauern
Bauernhorden schwarz und wild.
Daß der Fluch ins Raubnest fege,
Sturmgebrüll der trutz'gen Schar
"Hie guet Brandenburg allewege,
hie guet Brandenburg, immerdar!"

(Nur der Erinnerung nach zitiert. Der vollständige Text muß noch einmal aus einer alten Heimat-Zeitschrift der 1920er Jahre herausgesucht werden.) 

Anhang: Die Spätgeschichte des Streitwagens

Als Anhang noch ein kleiner Einblick in die Spätzeit der "Weltgeschichte des Streitwagens". Nach 700 v. Ztr. kommen nämlich Streitwagen im Allgemeinen außer Gebrauch. Auch für die Nordische Bronzezeit sind Streitwagen - über Felszeichnungen - nachgewiesen (Wiki):

Es gibt zahlreiche Felszeichnungen der Nordischen Bronzezeit, die Streitwagen darstellen.
Original: There are numerous petroglyphs from the Nordic Bronze Age that depict chariots. One petroglyph, drawn on a stone slab in a double burial from c. 1000 BC, depicts a biga with two four-spoked wheels.

Für die anderen, südlicheren, östlicheren und westlicheren Regionen sind sie oft in Form von Wagengräbern (Wiki) nachgewiesen (wobei zu beachten ist, was auf Wikipedia noch nicht zur Darstellung gekommen ist, daß die Bestattungssitte der Rinderwagen-Gräber, verbreitet bis hoch nach Dänemark durch Trichterbecher- und Kugelamphorenkultur, der Bestattungssitte der Pferde-gezogenen Streitwagen voraus gegangen ist). Über die Darstellung der Pferde-gezogenen Streitwagen in der "Ilias" ist zu erfahren (Wiki):

In der Ilias werden Streitwagen vielerorts erwähnt; nach neuesten Forschungen stellt die im Epos dargestellte Gefechtstechnik der Streitwagen das Endstadium des Streitwageneinsatzes im Kampf dar. Er kann nicht mehr im Angriff in geschlossenen Verbänden eingesetzt werden, findet aber in Phasen hochbeweglicher Kampfführung noch ein eingeschränktes Einsatzspektrum, das auffallende Parallelen zur Gefechtstechnik und Taktik heutiger Kampffahrzeuge aufweist. Im Lelantinischen Krieg (710-650 v. Ztr.) wurde der Streitwagen bereits durch die Kavallerie im Kampfeinsatz verdrängt. Der Streitwagen wurde also in der Ägäis von der mykenischen Epoche bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. als Kampffahrzeug eingesetzt.

Die "Ilias" hält also eine Kampfform in schriftlicher Form fest, die schon kurze Zeit nach der Niederschrift der Ilias - zumindest in der Ägäis - außer Gebrauch gekommen ist. Belege dafür, daß die germanischen Stämme der Römischen Kaiserzeit Streitwagen benutzt haben, finden sich bislang nicht. Womöglich war die Benutzung dieser Streitwagen auch schon in früheren Jahrhunderten bei den Germanen nicht ganz so häufig wie bei Kelten, Griechen oder Römern. Wir erfahren vielmehr (Wiki):

Im Gegensatz zu ihren westlichen, keltischen Nachbarn ist die Benutzung des Streitwagens von den frühen Germanen nicht aufgegriffen worden.
Original: Unlike their western Celtic neighbors, the use of chariots was not picked up by the early Germans.

Die Germanen Skandinaviens und Norddeutschlands scheinen also wie die Griechen die Benutzung des Streitwagens spätestens ab dem 8. Jahrhundert v. Ztr. aufgegeben zu haben. Bis August 2017 hat sich auch auf dem Schlachtfeld an der Tollense um 1300 v. Ztr. die Benutzung von Streitwagen nicht nachweisen lassen (9):

Die Muskelansätze an den Knochen einiger Kämpfer lassen darauf schließen, daß sie viel geritten sind. Die Pferde aus dem Tollensetal könnten also die bislang ältesten bekannten Reitpferde in Mecklenburg-Vorpommern sein. (...) Südlich der Alpen wurden Pferde in der Bronzezeit vor zweirädrige Streitwagen gespannt eine wichtige Neuerung der Kriegstechnik. Für den Konflikt im Tollensetal fehlen Hinweise auf Streitwagen.

Die Kelten haben Streitwagen allerdings noch bis 100 v. Ztr. benutzt. Über ihre "Esseda" genannten Streitwagen ist zu erfahren (Wiki):

Die keltischen Esseda waren die letzten in Schlachten eingesetzten Streitwagen. Auf dem europäischen Festland wurden sie zwischen 700 und 100 v. Ztr. genutzt, in Britannien und Irland sogar bis 200 n. Ztr.

Selbst Pferde sollen die Germanen der Römischen Kaiserzeit nur wenige gehabt haben wie der Historiker Todd nach Tacitus berichtet (Wiki). 

Die berühmte Hallstatt-Kultur (Wiki) im Alpenraum, die zeitgleich zu den Homerischen Heroengräbern von Seddin bis in die Ägäis um 800 v. Ztr. bestanden hat, kennt noch recht häufig Streitwagen-Gräber.

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  1. Bading, Ingo: Die mächtigen Völkerburgen Mitteleuropas 1200 bis 30 v. Ztr. - Einige stichprobenartige Einblicke in die Geschichte der Kelten, März 2021, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/08/die-machtigen-volkerburgen.html
  2. L. K.: Schwedenschanze - befestigte Anlage am unteren Lauf der Dömnitz - Besiedelt seit über 3.000 Jahren. http://www.landkreis-prignitz.de/de/zu-gast-im-landkreis/tourismus/zao/zao_schwedenschanze.php
  3. Koenigsgrab Seddin Ein Monument der Bronzezeit 2, 2019, https://youtu.be/2p8XlppYoVQ. [Ausgrabungen in den Wickolt'schen Tannen bei Seddin, ab Minute 8:05; Schwedenschanze bei Horst, ab Minute 10:20-12:19] 
  4. Archäologie in Brandenburg, 2020, 2021, https://vimeo.com/563831666
  5. Bading, Ingo: Im Troja der Prignitz, 1.8.2019, https://youtu.be/Qn6m-1Bk5zQ.
  6. Funde in Eichwerder auf 1200 Stücke angewachsen (MOZ 2017)
  7. Dräger, Jana: Jungbronze- und früheisenzeitliche Burgwälle in Mecklenburg-Vorpommern. 2011, https://www.academia.edu/32264883/Jungbronze-_und_fr%C3%BCheisenzeitliche_Burgw%C3%A4lle_in_Mecklenburg-Vorpommern. (kürzere Fassung der Magisterarbeit, siehe folgende Literaturangabe)
  8. Dräger, Jana: Bronzezeitliche Burgen in Mecklenburg-Vorpommern. Forschungsstand und Perspektiven. Magisterarbeit, Universität Greifswald (Lehrstuhl Professor Terberger) 2011,  https://www.academia.edu/32410459/Bronzezeitliche_Burgen_in_Mecklenburg-Vorpommern_Magisterarbeit.
  9. Henning Lipski, Beatrix Schmidt: Blutiges Gold. Macht und Gewalt in der Bronzezeit. Begleitheft zur Sonderausstellung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern. Schwerin, Stand: August 2017 (Docplayer)

Donnerstag, 17. Juni 2021

Blonde Menschen in Pommern - Ab 3.000 v. Ztr.

Ein Ganggrab der Kugelamphoren-Kultur

Das Dorf Kerschkow in Pommern (Wiki) (poln. Kierzkowo) liegt 137 Kilometer östlich vom Ostseebad Neuwasser in Pommern (1), 75 Kilometer östlich von Stolp in Pommern und 40 Kilometer westlich der Halbinsel Hela in der Danziger Bucht. Das Dorf liegt fünf Kilometer vom Ostseestrand entfernt. Hier haben polnische Archäologen der Universität Posen auf einem Hügel am Kerschkower See ein 35 Meter langes Gangrab ausgegraben, das in die Zeit 3.000 bis 2.800 v. Ztr. datiert wird. Es ist das die Zeit, als die Siedlung von einheimischen Jägern und Fischern in Neuwasser in Pommern aufgegeben wird (1). Von solchen Gangräbern sind inzwischen mehrere in Pommern und Westpreußen erforscht worden (Wiki):

Die meisten der (...) Ganggräber liegen in trapezoiden Einfassungen und sind auf Nordkujawien konzentriert. Sie sind mit Stein- und Erdhügeln bedeckt und werden der Kugelamphorenkultur zugerechnet, die in ihrem Verbreitungsgebiet westlich der Oder allerdings durch den Bau von Steinkisten bekannt wurde. Ein Ganggrab könnte auch die stark gestörte „Stelle 27“ auf dem Gräberfeld von Łupawa (Ort und Fluß) in Pommern sein. Untersucht wurden bisher nur die Anlagen von "Strzelce Dolne" (dt. Nieder Strelitz, in der Woiwodschaft Bydgoszcz), wo sich zwei Ganggräber in einer Einfassung finden und Kierzkowo (dt. Kerschkow, in der Woiwodschaft Kujawsko-Pomorskie).

Insgesamt konnten zwei Frauen und sechs männliche Individuen unter den sehr unzusammenhängend und kleinteilig aufgefundenen Knochenresten identifiziert werden (2). Es fanden sich unter anderem die Knochen von zwei 50 bis 60 Jahre alten Schwestern, sowie jeweils einer ihrer Söhne, die beide höchstens 20 Jahre alt geworden waren, sowie einer der Väter dieser Söhne. Drei der Begrabenen hatten blaue Augen, helle, braune bis blonde Haare und helle Haut (2). Gene für davon abweichende phänotypische Merkmale wurden in diesem Grab nicht gefunden.

Abb. 1: Das 35 Meter lange Ganggrab bei Kerschkow am Kerschkower See in Pommern (aus: 2)

Man mag dieses Forschungsergebnis erstaunlich finden. Denn mehrheitlich waren diese Menschen ja immer noch anatolisch-neolithischer Herkunft. Und sie sollen außerdem - nach Studien bis 2017 - 25 % Herkunftsanteil westeuropäischer Jäger und Sammler aufgewiesen haben (3). Beide Herkunftsgruppen wiesen - nach bisherigen archäogenetischen Erkenntnissen - mehrheitlich andere phänotypische Merkmale auf. Diese neue Studie macht keine Angaben zu diesen Herkunftsanteilen (2).

Abb. 2: Das 35 Meter lange Ganggrab bei Kerschkow am Kerschkower See in Pommern (aus: 2)

Die hier Bestatteten konnten als Erwachsene rohe Milch nicht verdauen, obwohl es viele Hinweise darauf gibt, daß sie Milchprodukte konsumierten (2). Diesen Umstand findet man ja inzwischen für viele archäologische Kulturen. Der Anteil der Menschen, die die angeborene Fähigkeit besitzen, als Erwachsene rohe Milch verdauen können, hat erst während der Bronze- und Eisenzeit in Europa zugenommen (4). Die Menschen haben also zuvor vor allem Milchprodukte verzehrt in Form von Jogurth und Käse. Das ist leichter zu verdauen als rohe Milch. 

Für die Zeit um 2.800 v. Ztr. hat man an der Oberen Weichsel schon vor zwei Jahren Hinweise für gewaltsame Auseinandersetzungen in der Kugelamphoren-Kultur gefunden (5). 

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  1. Bading, I.: Ostseehandelsschiffahrt lange vor dem Ackerbau - Ein ausgestorbenes Fischervolk in Pommern 5.000 bis 3.000 v. Ztr. - Ausgrabungen in Neuwasser in Hinterpommern seit 2003, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/07/ostsee-handels-schifffahrt-lange-vor.html
  2. S Vai, MA Diroma, C Cannariato, A Budnik, M Lari, David Caramelli, Elena Pilli: How a Paleogenomic Approach Can Provide Details on Bioarchaeological Reconstruction: A Case Study from the Globular Amphorae Culture. In: Genes, 2021, 12, 910. https://doi.org/10.3390/genes12060910
  3. Bading, Ingo: 2017, https://studgendeutsch.blogspot.com/2017/11/kossinna-lacht-er-lacht-und-lacht-und.html
  4. Bading, Ingo:  "Polygenetische Risiko-Faktoren" vor 1.000 Jahren - Die Nachfahren der Wikinger blieben sich genetisch gleich in Skandinavien bist heute, 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/07/polygenetische-risiko-faktoren-vor-1000.html
  5. Bading, I.: 2019, https://studgendeutsch.blogspot.com/2019/05/2800-v-ztr-die-einheimischen-bauern.html

Montag, 14. Juni 2021

Östlich der Karpaten - Die Cucuteni-Kultur - Der "Deutsche Kreis"

Woher stammt der Name "Cucuteni-Tripolje-Kultur"?

In einem neuen Video des Bloginhabers wurden Inhalte der Artikel hier auf dem Blog seit Anfang Mai über die Indogermanen des 5. Jahrtausends v. Ztr. zusammenfassend referiert (1). Allerdings wurden auch unveröffentlichte Inhalte referiert. Und diese Inhalte sollen im vorliegenden Blogartikel zusätzlich noch zugänglich gemacht werden.

Denn - wie schon im Video erwähnt - die Frage stellt sich: Cucuteni-Tripolje-Kultur - woher kommen die Namen für diese Kultur? Indem man dieser Frage nachgeht, bekommt man noch einige neue Eindrücke von dieser Kultur und der sonstigen Geschichte ihres - wenig bekannten - geographischen Verbreitungsraumes.

Abb. 1: Blick von der "Deutschen Burg" bei "Târgu Neamț" ("Deutscher Markt") am Neamț (Deutscher Fluß) "im "Deutschen Kreis" in den Ostkarpaten (Wiki) - Es war dies ein Kernraum des Siedlungsgebietes der Cucuteni-Kultur. Dieser Ort liegt 40 Kilometer nördlich der Kreisstadt des "Deutschen Kreises", nämlich von Kreuzburg an der Bistritz

"Cucuteni"

Zunächst also der erste Teil des Doppelnamens. Die Ortschaft Cucuteni (Wiki) (2):

Sie liegt im Kreis Iași in Rumänien. Dort wurden die ersten Objekte entdeckt, die mit dieser Kultur in Verbindung gebracht worden sind. Cucuteni liegt in der Nähe der Stadt Iași, einem der ältesten Zentren der Kultur und der höheren Bildung in Rumänien (sie besitzt die älteste Universität des Landes). Dort gibt es eine große akademische Gemeinschaft. 1884 besuchte einer dieser akademisch Gebildeten von Iași, der Volkskundler und Lehrer Teodor T. Burada, den Siedlungshügel nahe des Dorfes Cucuteni. Während seines Besuches grub er wundervolle Keramik und Terracotta-Figurinen aus den Ruinen.
The culture was initially named after the village of Cucuteni, located in Iași County, Romania, where the first objects associated with it were discovered. Cucuteni is close to the city of Iași, which is one of the centres of culture and higher education in Romania (having the oldest university in the country), including a large academic community. In 1884, one of these Iaşi scholars, the folklorist and teacher Teodor T. Burada, visited the tell (hill-shaped ruins) located next to the village of Cucuteni. During his visit he unearthed some beautiful pottery and terracotta figurines from the ruins.

Es handelt sich hier um die historische Landschaft des westlichen Moldawien. Cucuteni liegt zwischen Sereth und Pruth, 27 Kilometer östlich des Sereth und 65 Kilometer westlich des Pruth. Sie liegt also im Kernraum der einstigen Cucuteni-Tripolje-Kultur. Sie liegt 180 Kilometer westlich von Chisinau, der Hauptstadt Moldawien, der lebenslangen Wirkungsstätte der moldavischen Archäologen Vladimir Dergachev.

Wie man auf Google Maps entdecken kann, liegt 80 Kilometer westlich von Cucuteni auch die Stadt Kreuzburg an der Bistritz (Wiki) (Abb. 2). Die Bistritz ist ein rechter Nebenfluß des Sereth. Dieser deutsche Name einer rumänischen Stadt läßt aufhorchen und genauer hinschauen. Rumänisch wird Kreuzburg interessanterweise "Piatra Neamț" genannt. Und das wiederum ist zu übersetzen mit "Deutschstein", und zwar benannt nach dem hohen bewaldeten Berg, der die Stadt dominiert (Abb. 2). Kreuzburg, bzw. Deutschstein ist nun - interessanterweise - auch die Kreisstadt eines rumänischen Landkreises, der Kreis Neamț (Wiki) benannt ist, also "Deutscher Kreis". Über diesen Kreis am östlichen Rande der Ostkarpaten lesen wir (Wiki):

Die über tausend Jahre hinweg existierende Cucuteni-Kultur ist im "Deutschen Kreis" mit einer bemerkenswerten Zahl von Siedlungen vertreten - ungefähr 150. In archäologischen Grabungen sind wichtige Museums-Sammlungen spätneolithischer Lebenszeugnisse ergraben worden.
The Cucuteni culture, whose development lasted approximately one thousand years (...) was attested in the territory of Neamţ county by a remarkable number of settlements (approx. 150), archaeological diggings unearthing important museum collections of Aeneolithic artifacts. 

40 Kilometer weiter nördlich - 60 Kilometer westlich von Cucuteni - liegt im Schutze einer Burg, die vom Deutschen Ritterorden begründet worden ist, die Stadt "Târgu Neamț" (Wiki, engl) - was mit "Deutscher Markt" zu übersetzen ist - am Fluß "Neamț", was mit "Deutscher Fluß" zu übersetzen ist (Abb. 1). Er mündet 13 Kilometer weiter im Osten in den Sereth, in den auch - weiter südlich - die Bistritz mündet.

Abb. 2: Kreuzburg an der Bistritz, Rumänisch "Piatra Neamt" ("Deutschstein") (Wiki) - Die Kreisstadt des Deutschen Kreises

Diese Ortsbezeichnungen machen einem bewußt, daß im Mittelalter nicht nur in Siebenbürgen Deutsche siedelten (Wiki):

Entsprechend der päpstlichen Bulle von 1232 - errichtete der Deutsche Orden aus dem Burzenland zwischen 1211 und 1225 auf der Ostseite der Karpaten ein castrum muntissimum, das später als diese Burg identifiziert wurde. 

Es wurde an diesem Ort auch ein eindrucksvolles mittelalterliches Kloster errichtet (Wiki):
Sächsische Siedler überquerten die Karpaten von Bistritz aus und errichteten eine Marksiedlung. (...) Niamtz war eine deutsche Siedlung des 13. Jahrhunderts, als der Deutsche Ritterorden Einfälle von Siebenbürgen aus gegen die Cumanen in Moldawien unternahm.
Saxon colonists crossed the Carpathians from the Bistrița area and built a commercial township. Some Romanian historians (...) consider that Târgu Neamț was probably a German settlement from the 13th century, when the Teutonic Order made incursions from Transylvania against the Cumanic peoples that were living in Moldavia.

In diesem Zusammenhang kann man sich auch daran erinnern, daß Deutsche in der Bukowina angesiedelt worden sind im 18. und 19. Jahrhundert, also rund zum Czernowitz, der Hauptstadt der Bukowina. Diese liegt 140 Kilometer nördlich von "Târgu Neamț"/"Deutscher Markt". Es sind das alles Gebiete, die im Mittelalter zum Fürstentum Moldau gehörten (Wiki):

Bereits seit dem 14. Jahrhundert lebte eine kleine Gruppe deutscher Handwerker und Kaufleute im Fürstentum Moldau. Sie verschwand aufgrund der Assimilation durch die Csango im Verlauf des 17. Jahrhunderts vollständig. 

Csango sind eine ungarische Volksgruppe, die ebenfalls in die Bukowina ausgewandert waren. Auch die Bukowina war Jahrtausende zuvor von der Cucuteni-Tripolje-Kultur besiedelt worden (Wiki). Der langjährige Leiter des bedeutenden Herder-Instituts in Marburg war Bukowina-Deutscher und hat 1955 in Hamburg über Geschichte des Deutschtums im Fürstentum Moldau promoviert (3). Er heißt Hugo Weczerka (1930-2. April 2021) (Wiki) und ist am 2. April dieses Jahres mit 91 Jahren in Marburg gestorben. Das 1950 begründete Herder-Institut in Marburg hat sich die Erforschung der Geschichte der deutschen Ostgebiete östlich des Bayerischen Waldes und der Oder, sowie der deutschen Volksgruppen in Ostmittel- und Osteuropa zur Aufgabe gemacht. Seine Bedeutung kann gar nicht überschätzt werden. Denn welch ein riesiges, 1941 bis 1945 untergegangenes kulturelles Erbe bewahrt es.

Tripolje

Tripolje ist heute ein Dorf 40 Kilometer südlich von Kiew am rechten Ufer des Dnjepr (Wiki):

Am Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte in seiner Umgebung der Archäologe Wikentij Chwoika die Reste einer großen Siedlung der Cucuteni-Tripolje-Kultur und grub sie aus. Die Siedlung existierte um 4800-4500 v. Chr. und zählte etwa 10.000 bis 20.000 Einwohner. Sie war damit für damalige Verhältnisse eine Großstadt.

Aber mehr noch (Wiki):

Auf dem Territorium der Ortschaft liegen die Überreste der erstmals 1032 in den Annalen Jaroslaws des Weisen erwähnten, befestigten Siedlung der Kiewer Rus Trepoli. In Trypillja befindet sich ein Museum mit zahlreichen Funden der Cucuteni-Tripolje-Kultur und späterer Epochen.

Von dem kulturellen Habitus her, der sich in der Keramik, in den Figurinen, in den Göttinnen-Figuren wiederspiegelt (4), kann die Cucuteni-Tripolje-Kultur wohl als eine der unverfälschtesten Forsetzungen der Kultur der Bandkeramik angesehen werden. Während die kulturelle Tradition der Bandkeramik in Europa sonst schon um 4.900 v. Ztr. abbricht, bzw. sich stärker wandelt, scheint sie sich am Ostrand der Karpaten zwar einesteils ebenfalls gewandelt zu haben. Dort scheint aber der kultureller Habitus der Bandkeramik, der "Geist" der Bandkeramik, insbesondere auch der Fleiß der Bandkeramiker bei der Bodenbearbeitung noch am ehesten weiter geführt worden zu sein.

Insbesondere auch scheint die Cucuteni-Tripolje-Kultur ebenso von jenem "zivilisatorischen" Siedlergeist beseelt gewesen zu sein, der die Bandkeramik so einzigartig gemacht hatte, der ihr die höchste Siedlungsdichte vor dem Frühmittelalter in Mitteleuropa ermöglicht hat. Ebenso fortschritttlich wie die Bandkeramik innerhalb der europäischen Geschichte im Frühneolithikum war dementsprechend die Cucutein-Tripolje-Kultur im Mittel- und Spätneolithikum. 

Und sie wies ein deutlich zäheres Leben auf als die Bandkeramik, ein deutlich zäheren Überlebenswillen und eine deutlich zähere Überlebenfähigkeit, indem sie bei aller "Konservativität" doch auch viel Anpassungsfähigkeit und Umformungsfähigkeit aufgewiesen hat.

Das Video, auf das wir uns hier beziehen (4), ist gut geeignet, um den kulturellen Habitus, den Gesamteindruck, "Geist" dieser Kultur auf sich wirken zu lassen. Das Thema "Symbole" wird in diesem Video - das aus dem Umfeld der Anastasia-Bewegung zu stammen scheint - deutlich überstrapaziert. Und das erinnert immer wieder einmal sehr deutlich an okkultes, verdummendes Denken. Aber man darf das Video gerne an bestimmten Stellen anhalten - oder sich wiederholt ansehen -, um diese herrliche, natürlich auch fremde Bilderwelt, die der wissenschaftlichen Literatur und Museen entnommen ist, auf sich wirken lassen.

Mit diesem Video wird für eine Sache Werbung gemacht mit Hilfe von Inhalten, die nicht Inhalte der Sache sind, für die mit ihnen Werbung gemacht wird. 

Aber welche reiche kulturelle und geschichtliche Vergangenheit die für einen durchschnittlichen Mitteleuropäer völlig unbekannten, riesigen Gebiete östlich der Karpaten aufweisen. Hier darf der Blick des Historikers, des Kunsthistorikers, des Kulturhistorikers, des Archäologen und des Geographen wirklich noch lange und mit Andacht verweilen.

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  1. Bading, Ingo: Die Indogermanen des 5. Jahrtausends, 13.6.2021, https://youtu.be/F27yn4zLVsw?t=110
  2. Ancient Cucuteni civilization on Romania current territory, Blurallis 15.02.2010, https://youtu.be/onY1QIv1Fro.  
  3. Hugo Weczerka: Das mittelalterliche und frühneuzeitliche Deutschtum im Fürstentum Moldau von seinen Anfängen bis zu seinem Untergang (13.-17. Jahrhundert). Hamburg 1955, (Hamburg, Universität, Dissertation, 1955, maschinenschriftlich; Druck: (=Buchreihe der Südostdeutschen Historischen Kommission. Band 4, Oldenbourg, München 1960).
  4. Zeichen der Cucuteni-Tripolje Kultur, ALLATRA, 25.05.2020, https://youtu.be/vt1fQumZs_8
  5. ceramica cucuteni (Offenbar nachgebildete Keramik - keine Museumsstücke!), 25.05.2013, https://youtu.be/cADbkg0V5Rw

Donnerstag, 10. Juni 2021

Lebendgebärende Landschnecken!

Gibt es uns und unsere Lebendigkeit nur, weil sie "nützlich" ist?

Daß einige Landschnecken-Arten lebendgebärend sind, wer wußte das wohl bisher? Außer einigen Eingeweihten? Die Wissenschaft hat sich verschworen, um uns diese wesentliche Erkenntnis vorzuenthalten. Aber die Bernstein-Forschung bringt es an den Tag (1, 2). 

Und damit kann zur Allgemeinbildung ein weiteres Beispiel für Konvergenz (Wiki) - nämlich ein solches im Rahmen der für die Evolution so wichtige Eigenschaft "lebendgebärend" (Wiki) - hinzugefügt werden. Das heißt, die lang gewordene Liste von Fällen konvergenter Evolution, die sich die Wissenschaft seit etwa 2003 bewußt macht und die sich auch angefangen hat, philosophisch zu deuten (3), ihr wäre hiermit ein weiterer Fall hinzuzufügen. (Bisherige Blogbeiträge zum Thema: konvergente Evolution.)

Abb.: Im Bernstein entdeckt: Eine lebendgebärende Landschnecke (aus 2)

Solche lebendgebärenden Landschnecken gab es schon in der Kreidezeit vor 80 Millionen Jahren, also in jener Zeit, in der auch die ersten - lebendgebärenden - Säugetierarten auf der Erde lebten.

Unsere Vermutung: Die Tendenz der Natur, auf etwas hinaus zu wollen, das sehr deutlich zu umschreiben und zu charakterisieren ist (und das Simon Conway Morris erstmals auch so charakterisiert hat) (s. konvergente Evolution), ist immer schwerer zu übersehen für die Wissenschaft.

Die Natur wollte nicht nur eierlegende Reptilien auf dieser Erde, sie wollte Lebewesen, die sich als Eltern einige Zeit - später viele Jahre - um ihren Nachwuchs kümmern, sie wollte also auf eines der Grundcharakteristika alles Humanen hinaus. Unbewußt natürlich. (Denn welches Bewußtsein hätte das wollen sollen?)

Aber die Forscher haben auch gleich Nützlichkeits-Erwägungen parat, warum die Lebensform lebendgebärend bei den Landschnecken nicht ausgestorben ist. Das mutet ein wenig willkürlich an angesichts des Herrlichen, das mit der Lebensform "lebensgebärend" alles sonst noch so verbunden ist. Das mutet so an, als ob Wissenschaftler von ihrem eigenen Leben und Familienleben völlig absehen würden und könnten, wenn sie an Natur und Evolution denken.

Und als wäre das eine Gesamterklärung. Seit Charles Darwin glauben Biologen, daß Lebensformen nur deshalb entstehen, weil sie nützlich sind. Das ist freilich ein wenig absurd. Aber irgendwann werden das ja vielleicht - sogar! - einmal Biologen verstehen. Daß das reichlich absurd ist. Nämlich die Annahme, daß Leben und die Vielfalt der Lebensformen auf dieser Erde nur deshalb entstehen würden, "damit" sie nicht aussterben.

In der Studie heißt es (2):

Man weiß, daß die Lebensform "lebendgebärend" über 160 mal im Tierreich evoluiert ist, einschließlich bei Knochenfischen .... Amphibien, Säugetieren und ... Reptilien ebenso wie in zahllosen Gruppen von Wirbellosen. Eine Voraussetzung für sie ist die Befruchtung innerhalb des Körpers.
Viviparity is known to have evolved over 160 times in the animal kingdom, including boney fishes, cartilaginous fishes, amphibians, mammals and squamate reptiles as well as in numerous invertebrate groups for which internal fertilization is a precondition (Blackburn, 1999).

Wir werden hier gleich noch auf einen weiteren bedeutsamen Umstand aufmerksam gemacht: Daß innere Befruchtung Voraussetzung für die Lebensform "lebendgebärend" ist, daß also eine innigere Vereinigung beider Eltern-Lebewesen notwendig ist. Eine innigere als daß sonst so bei der bloß "äußeren Befruchtung" notwendig ist. Ob auch hier die Tendenz der Natur auf etwas hinaus wollte? Oder ob es auch diese Lebensform nur deshalb gibt, damit sie nicht ausstirbt? Weil sie zugleich "nützlich" ist? 

Oder wollte die Natur womöglich auf hier noch auf wesentlich andere Dinge mehr hinaus? Immerhin könnten ja auch in diesem Fall die Forscher einmal - so nebenbei - ihr eigenes Leben betrachten ....

... Und Genom-Vergleiche ... ?

Und weitere Frage: Ob nicht über Genom-Vergleiche verschiedener Schneckenarten der Ursprung der Eigenschaft "lebendgebärend" in der Stammesgeschichte auch in die Kreide-Zeit zu verorten ist? Oder womöglich noch weiter unten im Stammbaum? In einer früheren Erdepoche? Das wäre doch sehr spannend zu erfahren. Darüber aber findet sich in der Studie - soweit wir sehen - vorerst nichts. 

Da aber schon Blütenpflanzen (Angiospermen) und Säugetiere so merkwürdig zeitlich parallel zueinander evolutiert sind - was beides mit einer intensivierten Sorge um die Nachkommenschaft einher geht - ob solche Gleichzeitigkeiten dann nicht auch auf Wirbellose erweitert werden können? Man möchte meinen, daß in diesem Bereich ein nächster Schritt der Erkenntnisgewinnung in der Forschung liegt. Nämlich: Wie zeitverschoben oder gleichzeitig die konvergente Evolution von Merkmalen stattfindet. 

Anders gefragt: Eilen Organismen-Gruppen anderen voraus in der Evolution von bestimmten Merkmalen? Vor drei Jahren war uns auffällig geworden, daß auch der Übergang von der solitären Lebensweise bei Insekten zu der Lebensform "Helfer am Nest", wodurch es dann zur Staatenbildung kam, sich in der Kreidezeit vollzogen hat (4). Die Staatenbildung der Termiten könnte dem aber schon im Jura voraus geeilt sein, zur Zeit erster eierlegender Säugetiere (4). Damals hatten wir auch festgehalten (4):

Man möchte das Sozialleben der Termiten übrigens aus menschlicher und männlicher Sicht - bei aller weiter fortbestehenden Fremdheit - das "sympathischste" aller staatenbildenden Insekten nennen. Denn Königin und König leben nach ihrem Hochzeitsflug lebenslang zusammen, das heißt, die Königin ersetzt nicht ein lebendes Männchen durch eine Samenbank wie das bei den anderen staatenbildenden Insekten der Fall ist. Und auch in den Arbeiterkasten kommen Tiere beider Geschlechter zum Zuge. Da wird also nicht gegen männliche Tiere "diskriminiert" wie das sonst unter den staatenbildenden Insekten der Fall ist.

Vielleicht deutet sich in diesem Umstand auch ein Grundgesetz der Evolution an: In Frühstufen der Evolution einer bestimmten Eigenschaft zeigt sich diese bestimmte Eigenschaft "vollkommener" als über viele nachfolgende Stufen dieser Eigenschaft hinweg. 

... Und die Schuppenkriechtiere ....

Ergänzung, 2.7.2021. Wissenschaft erstaunt immer wieder. Wie schnell die oben von uns noch schnöde beiseite getanenen "Nützlichkeits-Erwägungen" vielmehr dennoch zum Erkenntnisfortschritt beitragen können. Und zwar hier bei der Erforschung der Evolution der Schuppenkriechtiere (Wiki) ("Squamata"), zu denen alle Schlangen und Echsen - und beispielsweise auch das Chamäleon - gehören (5):

... Am häufigsten ist die Lebensform Lebendgebärend bei Eidechsen und Schlagen evoluiert. Obwohl die heutigen lebendgebärenden Arten unter den Schuppenkriechtieren ("squamatae") weltweit im Allgemeinen in kälteren Klimazonen leben, ist es nicht bekannt, ob die Lebensform Lebendgebärend in erster Linie als Reaktion auf kaltes Klima evoluiert ist. (...) Wir zeigen, daß stabile, langanhaltende, kühle klimatische Bedingungen korreliert sind mit Übergängen zur Lebensform Lebendgebärend über alle Schuppenkriechtier-Arten hinweg. ....
Live-bearing young (viviparity) is a major evolutionary change and has evolved from egg-laying (oviparity) independently in many vertebrate lineages and most abundantly in lizards and snakes. Although contemporary viviparous squamate species generally occupy cold climatic regions across the globe, it is not known whether viviparity evolved as a response to cold climate in the first place. Here, we used available published time-calibrated squamate phylogenies and parity data on 3,498 taxa. We compared the accumulation of transitions from oviparity to viviparity relative to background diversification and a simulated binary trait. Extracting the date of each transition in the phylogenies and informed by 65 my of global palaeoclimatic data, we tested the nonexclusive hypotheses that viviparity evolved under the following: (a) cold, (b) long-term stable climatic conditions and (c) with background diversification rate. We show that stable and long-lasting cold climatic conditions are correlated with transitions to viviparity across squamates. This correlation of parity mode and palaeoclimate is mirrored by background diversification in squamates, and simulations of a binary trait also showed a similar association with palaeoclimate, meaning that trait evolution cannot be separated from squamate lineage diversification. We suggest that parity mode transitions depend on environmental and intrinsic effects and that background diversification rate may be a factor in trait diversification more generally.

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  1. Kreidezeitliche Schnecken-Lebendgeburt 9. Juni 2021, https://www.wissenschaft.de/erde-klima/kreidezeitliche-schnecken-lebendgeburt/
  2. Adrienne Jochum, Tingting Yu, Thomas A. Neubauer, Mother snail labors for posterity in bed of mid-Cretaceous amber, Gondwana Research, Volume 97, 2021, Pages 68-72, https://doi.org/10.1016/j.gr.2021.05.006. (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1342937X21001453
  3. Conway Morris, Simon: Jenseits des Zufalls. Wir Menschen im einsamen Universum. Berlin University Press, 2008, (um wichtige Eingangs-Kapitel gekürzte deutsche Fassung von: "Life’s Solution: Inevitable humans in a Lonely Universe". Cambridge University Press, 2003)
  4. Bading, Ingo: Altruismus und Tierstaaten - In welchen Erdepochen evoluierten sie in der jeweiligen Tiergruppe? Datierungen anhand der Fossilgeschichte und der Genomvergleiche, 15. Februar 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/02/altruismus-und-tierstaaten-in-welchen.html
  5. Recknagel, H., Kamenos, N. A., & Elmer, K. R. (2021). Evolutionary origins of viviparity consistent with palaeoclimate and lineage diversification. Journal of Evolutionary Biology, 00, 1– 10. https://doi.org/10.1111/jeb.13886  
  6. Bininda-Emonds, O., Cardillo, M., Jones, K. et al. The delayed rise of present-day mammals. Nature 446, 507–512 (2007). 29.3.2007, https://doi.org/10.1038/nature05634
  7. Bading, Ingo: Säugetier-Evolution - Berichterstattung erweckt falschen Eindruck, 2007, https://studgendeutsch.blogspot.com/2007/04/sugetier-evolution-berichterstattung.html
  8. Bading, Ingo: Die lange Evolution der frühen Säugetiere, 2008, https://studgendeutsch.blogspot.com/2008/01/die-lange-evolution-der-frhen-sugetiere.html
  9. Bading, Ingo: 2016, Plazentatiere - Sie entstanden erst unmittelbar vor Aussterben der Dinosaurier, https://studgendeutsch.blogspot.com/2016/08/plazentatiere-sie-entstanden-erst.html
  10. Bading, Ingo:  Ein Blick in das innere Getriebe der Evolution - Das Wiederaufblühen des Lebens nach Massenaussterben auf der Erde kann zeitlich immer genauer nachvollzogen werden, 2020, https://studgendeutsch.blogspot.com/2020/01/ein-blick-in-das-innere-getriebe-der.html

Freitag, 4. Juni 2021

Die Wolgabulgaren - Ein Schlüssel-Volk zur Geschichte der Turkvölker?

Woher kam die "zivilisatorische Kraft" der Wolgabulgaren?

Wer sich mit der Geschichte der Wolga beschäftigt - wie wir hier auf dem Blog seit einigen Monaten - der wird irgendwann auch auf das frühmitteltalterliche Reich der turksprachigen Wolgabulgaren (Wiki) stoßen. Und er wird erstaunt sein, was die russischen Archäologen in den letzten Jahrzehnten in der Gegend der großen Wolgaschleife von Samara an der Mittleren Wolga und noch weiter nördlich davon über das Reich der Wolgabulgaren heraus bekommen haben (1):

Das erste Jahrtausend war eine Zeit großen Wandels in der Waldsteppen-Zone, und zwar hinsichtlich von Bevölkerung, Ackerbau-Technologien, Sozialstruktur und Siedlungsweise. Die Region der Mittleren Wolga durchlief einen Wandel von einer unbewohnten, vornehmlich bewaldeten Landschaft der ersten Jahrhunderte n. Ztr. zu einer stark entwaldeten, bebauten Landschaft des Staates der Wolga-Bulgaren des 11. Jahrhunderts n. Ztr..
The first millennium CE was a time of major changes in population, agricultural technologies, social structure, and settlement patterns in the forest-steppe zone. The MiddleVolga region underwent a transition from a non-populated, mainly-forested landscape of first centuries CE to a highly deforested agricultural landscape of the Volga Bulgarian state by the 11th century CE. 

Was für ein erstaunliches Geschehen. Während man die Westwanderungen der Turkvölker bislang vornehmlich mit Zerstörung von großen Reichen, Völkern und Kulturen in Verbindung gebracht hatte, entdeckt man hier etwas ganz anderes. Wenn man sich nun eine Weile mit diesem Reich der Wolgabulgaren beschäftigt hat (mehr zu ihnen weiter unten), versteht man etwas besser, wie viel Grund ein russisches Staatsoberhaupt hat - wie vor einigen Jahren geschehen - dem UNESCO-Weltkulturerbe der Wolga-Bulgaren an der Wolga einen Besuch abzustatten.*)  

Abb. 1: Vom Ile-Fluß zur Wolga (Wiki) - Ist der Ile im Siebenstromland  östlich von Alma-Ata in Kasachstan der Ort der Ethnogenese der Wolgabulgaren?

Aber zunächst noch einmal zurück zu Grundsatzfragen: Das Puzzlespiel rund um ein Verständnis der Entstehung der spätantiken und frühmittelalterlichen Steppenvölker am Nordrand des chinesischen Kulturraumes aus den vorherigen skythischen indogermanischen Reitervölkern dasselbst - und damit einer großen, sich im Frühmittelalter formierenden Völkerwelt zwischen China und Atlantik - wird sicher bald besser geklärt sein als es dies seit Jahrzehnten und Jahrhunderten der Fall war.

Denn so wie die Urheimat der Indogermanen seit 2019 geklärt ist, wird sicher auch bald die Urheimat der Turksprachen-Völker geklärt sein. Und zwar wiederum durch die Archäogenetik. Soeben ist uns dazu aber ein neues Puzzle-Teilchen in die Hand gefallen, vielleicht ein "Schlüssel-Teilchen", nämlich zur Frühgeschichte der Bulgaren und damit auch der Wolgabulgaren. Unser Kennenlernen der spannende Geschichte der Wolgabulgaren an der Mittleren Wolga sensibilisierte uns nämlich für eine neue archäogenetische Studie, die zumindest ein frühes Stadium der bulgarischen Genetik und Sprache im Siebenstromland (nördlich des Tarimbeckens), bzw. in der chinesischen Provinz Gansu lokalisiert, nämlich bei einem Volk, das die chinesischen Chroniken die "Wusun" genannt haben (2). 

Abb. 1a: Ausbreitung des Hirse-Anbaus im nordöstlichen Asien im 4. Jahrtausend v. Ztr. mit möglichen sprachlichen Korrelaten. Die Pfeile zeigen rekonstruierte Sprachverzweigungen mit Daten, die mit der Ausbreitung des Hirse-Anbaus korrespondieren. Karte von J. Uchiyama (aus: 6)
 

Zwischen Gansu und Wolga - Wo liegt Urheimat der Bulgaren?

Mit dieser neuen Studie kommen wir vielleicht der Urheimat der Turksprachen näher. Dazu finden wir im Wikipedia-Artikel zur Geschichte der Turksprachen die folgende Angabe (Wiki):

Einige neuere Theorien gehen davon aus, daß die Urheimat der Turksprachen in der südwestlichen Mandschurei liegt.

Ergänzung 25.7.21: Dies setzt auch eine neue Studie zur Spät-Jomn-Zeit Japans voraus (Abb. 1a) (6).

Ob sich das durch die Archäogenetik bewahrheiten wird, wollen wir an dieser Stelle weder verneinen noch bejahen. Wir wollen nur festhalten: Die südwestliche Manschurei (z.B. die Stadt Jinzhou) liegt noch einmal knapp 2000 Kilometer östlich der schon genannten Provinz Gansu (z.B. mit der Stadt Baiyin). Und das schon genannte Siebenstromland (z.B. die Stadt Ili, Xinjiang, China) nördlich des Tarimbeckens liegt wiederum grob 2000 Kilometer im Nordwesten der Provinz Gansu. Damit wäre zunächst einmal sehr grob auch das innere Verbreitungsgebiet der monglischen Sprachen umrissen. Die mongolischen und die Turksprachen - und damit auch die damit verbundenen Völker - haben sich in diesem Raum in der Spätantike in jedem Fall gegenseitig beeinflußt (Wiki):

Die Turksprachen haben viele Lehnwörter aus den iranischen Sprachen, vor allem dem Sogdischen sowie dem Persischen, übernommen. Das Sogdische war die weit verbreitete dominante Sprache in Zentralasien und entlang der Seidenstraße nach China, bevor sie durch später eindringende Turksprachen ersetzt wurde. Umgekehrt wurden auch die iranischen Sprachen, auch das Neupersische, von den Turksprachen beeinflußt. Einige Lehnwörter wurden auch aus den chinesischen Sprachen übernommen. So zeigen die Turksprachen frühen Sprachkontakt mit sinitischen (chinesischen) Sprachen auf, bevor die Westwanderung einsetzte.

Als früheste Abspaltung von allen übrigen Turksprachen sind nun die oghurischen Sprachen identifiziert (Wiki):

Die oghurischen Sprachen (kurz Bolgar-Türkisch) sind ein Zweig der Turksprachen. Er umfaßt heute nur noch die tschuwaschische Sprache mit etwa einer Million Muttersprachlern. Historische Sprachen dieses Zweigs sind Chasarisch † und Bolgarisch † (Donau-Bolgarisch und Wolga-Bolgarisch). Umstritten ist die Klassifikation des Hunnischen und des Awarischen. Hyun Jin Kim vermutet jedoch, daß beide eine oghurische Sprache waren.

Hierzu der Hinweis, daß die heutigen Bulgaren in Bulgarien zwar dem Namen und der Herkunft nach Bulgaren sind, daß sie aber schon im Mittelalter ihre bulgarische Turksprache aufgegeben haben und seither eine slawische Sprache sprechen. Die Tschuwassen an der Mittleren Wolga stammen aber höchstwahrscheinlich von den Wolga-Bulgaren ab und haben sich auch ihre ursprüngliche Sprache bewahrt. Auf dem englischen Wikipedia ist dazu festgehalten (Wiki):

Der erste Zweig, der sich von der Sprachfamilie der Turksprachen abzweigt, sind die Oghur-Sprachen, die beträchtliche Unterschiede gegenüber anderen Turksprachen aufzeigen, von denen alle anderen auf einen späteren gemeinsamen Vorfahren zurückzuführen sind ....
The first to branch off from the Turkic family, the Oghur languages show significant divergence from other Turkic languages, which all share a later common ancestor. Languages from this family were spoken in some nomadic tribal confederations, such as those of the Onogurs or Ogurs, Bulgars and Khazars. Some scholars consider Hunnic a similar language and refer to this extended grouping as Hunno-Proto-Bulgarian.

Und (Wiki):

Es besteht kein Konsens unter Sprachhistorikern ....: Repräsentiert die Oghurische eine archaische Turksprache vor dem Lautwechsel in der Zeit zwischen 100 und 400 n. Ztr. und war es schon damals eine getrennte Sprache? ...
There is no consensus among linguists on the relation between Oghur and Common Turkic and several questions remain unsolved: Are they parallel branches of Proto-Turkic (3000-500 BC) and, if so, which branch is more archaic? Does Oghur represent Archaic Turkic before phonetic changes in 100-400 AD and was it a separate language? The separation into Oghur r-dialects and Oghuz z-dialects is dated to the 2nd millennia BC.

Jedenfalls: Als zuerst die Hunnen, später die Wolgabulgaren, die Chasaren, die Awaren und die Ungarn - abgeleitet von "Oghuren" - gen Westen abgewandert sind, sind Turkvölker zurück geblieben. Und aus den letzteren Turkvölkern sind dann alle übrigen heutigen Turksprachen hervorgegangen.

Abb. 2: Westliche Indogermanen (Skythen) (rot-gelb-blau) haben sich mit westlichen Nordasiaten (grün) vermischt (Botai-Kultur/Mongolen). Allerdings weisen die Wusun und Kangju - als vermutete Proto-Bulgaren - eine größere iranisch-neolithische Herkunft auf (dunkelrote Balken) (20 bis 40 %), so daß für sie die Marghiana-Kultur als weitere Herkunftskomponente angenommen werden muß (aus: 3, Ext. Data) (Nature)

Eine neue bulgarische archäogenetische Studie (2021)

In einer neuen genetischen Studie wurde nach dem Ursprung des genetischen Profils der heute lebenden Bulgaren gefahndet. Und zwar sowohl in den verfügbaren archäogenetischen Datenbanken wie in den verfügbaren genetischen Datenbanken zu heute lebenden Menschen. (Die Studie ist erst im Preprint erschienen. Sie hat noch kein Review-Verfahren durchlaufen.) In ihr heißt es (2):

Wir berichten von einer beträchtlichen zentralasiatischen Herkunftskomponenten sowohl innerhalb der heutigen Bulgaren wie in der frühmittelalterlichen Saltovo-Mayaky-Kultur (dem Chasaren-Reich). Das Vorhandensein einer kupferzeitlichen iranischen Herkunftskomponente und einer Wusun-Herkunftskomponente in heutigen Bulgaren ist eine Überraschung und wirft ein Licht sowohl auf die Ausbreitungs-Route wie die ethnischen Ursprünge der Proto-Bulgaren. (...) Wir identifizieren die zentralasiatischen Wusun-Stämme als die Träger dieser Herkunftskomponente. (...) Wir schlagen vor, daß Stämme, die in Beziehung zu den Wusun standen, eine Rolle gespielt haben (oder sogar das Rückgrat gebildet haben) von dem, was als Völkerwanderung der Hunnen nach Europa während des 3. und 5. Jahrhunderts bekannt geworden ist. (...) Wir kommen zu dem Ergebnis, daß die heutigen Bulgaren keine Herkunft der antiken Thraker in sich tragen. Die antiken Thraker teilen mehr SNPs mit heutigen Griechen und sogar mit heutigen Isländern als mit heutigen Bulgaren.
We report the presence of significant Central Asian ancestry in both contemporary Bulgarians and in early medieval population from SMC (Saltovo Mayaky Culture). The existence of Chalcolithic Iran (Hajj Fruz) and Wusun related ancestral component in contemporary Bulgarians comes as a surprise and sheds light on both migration route and ethnic origins of ProtoBulgarians. We interpret these results as an evidence for a Central Asian connection for the tribes, constituting the population of SMC and Kubrats Old Great Bulgaria in Pontic steppe from 6th and 7th century AD. We identify Central Asian Wusun tribes as carriers of this component on the base from the results from f3 and D statistics. We suggest that Wusun related tribes must have played role (or might have even been the backbone) in what became known as the Hunnic migration to Europe during 3rd 5th century AD. Same population must have taken part in the formation of the SMC (Saltovo Mayaki Culture) and Great Old Bulgarian during 6th 9th century AD in Pontic Caspian steppe. We also explore the genomic origins of Thracians and their relations to contemporary Europeans. We conclude that contemporary Bulgarians do not harbor Thracian-specific ancestry, since ancient Thracian samples share more SNPs with contemporary Greeks and even contemporary Icelanders than with contemporary Bulgarians.

Die hier genannte frühmittelalterliche Saltovo-Maryaky-Kultur (700-950 v. Ztr.) (Wiki) zwischen Don und Dnjepr (der einstigen Urheimat der Indogermanen) wird mit dem Reich der turksprachigen Chasaren (Wiki) identifiziert, dem Nachbarreich der Wolgabulgaren. Über die Saltovo-Maryaky-Kultur heißt es (Wiki):

Ihre Kultur war ein Schmelztigel von Völkern verschiedener Herkunft: Onoguren, Chasaren, Petschenegen, Ungarn, Alanen und Slawen.
Their culture was a melting pot of Onogur, Khazar, Pecheneg, Magyar, Alan, and Slavic influences.

Die frühen Bulgaren sind hier unter die Onoguren subsummiert. Sie lebten außerdem sowohl im Norden wie im Osten des damaligen Chasaren-Reiches. In der neuen Studie ist jedenfalls vor allem die Rede von der (1): 

... unerwarteten Wusun-Komponente in den heutigen Bulgaren ...
Surprisingly, the 3-populations test for admixture revealed an unexpected Wusun component in contemporary Bulgarians, as the top result. (...) They however strongly suggest Wusun admixture in contemporary Bulgarians and point to Wusun tribes as carriers of the Iran Chalcolithic component, which we identified in contemporary Bulgarians. (...) We suggest possible relation between the migration of Proto-Bulgarians or Hunnic migration from Central Asia and the Wusun related component in contemporary Bulgarians. We detected same Wusun related component to a lesser extend in multiple populations from Eastern and Southestern Europe (not reported in this survey), which raises the question if Wusun tribes formed the backbone of Hunnic migration in Europe.

Wer aber zum Teufel sind denn nun die "Wusun"?

Abb. 3: Das Siebenstromland am Ili zwischen Kasachstan und China (Wiki)

Die Völker der Wusun (Wiki) und Kangju (Wiki) im Siebenstromland (Wiki) waren schon 2018 in einer archäogenetischen Studie untersucht worden (2, 3) (Abb. 2). Das Siebenstromland liegt im Norden des Tarimbeckens und im Westen der Dsungarei im heutigen Kasachstan (Wiki):

Das im Wesentlichen mit Wüstenvegetation bedeckte Siebenstromland wird als Winterweide genutzt, nur im Nordwesten, im Bereich des wasserreichen Ili, wird Bewässerungsfeldbau betrieben. Die Vorgebirge sind bis in 2000 Meter Höhe von lichtem Laubwald, darüber von Nadelwald bedeckt. 

Zu seiner Geschichte ist zu erfahren (Wiki):

Im 4. und 3 Jhrd. v. Ztr. begründeten hier die iranischen Saken (Skythen) ihren ersten Staat, dessen Zentrum das Siebenstromland bildete. In der Mitte des 6. Jahrhunderts unterwarfen turksprachige Nomaden das Siebenstromland, Zentral-Kasachstan und das (südlicher gelegene) Khorezem.
In the VI-III vv. BC. e. the Iranian Sakas (Scythians) established their first state, whose center was in Zhetysu. In the mid 6th century, the Turkic nomads subordinated Zhetysu, Central Kazakhstan, and Khorezm.

Völker und Reiche der "Zentralen Steppe"

Zur Archäologie und Geschichte der Region der "Zentralen Steppe", zu der das Siebenstromland gehört, wird in einem Wikipedia-Artikel ausgeführt (Wiki):

Seit 1000 v. Ztr. sprachen alle Völker der westlichen und zentralen Steppe iranische (also indogermanische) Sprachen. Seit 500 n. Ztr. breiteten sich von der Mongolei aus Turksprachen aus und ersetzten die meisten der iranischen Sprachen.
From about 1000 BC all the known peoples of the western and central steppe spoke Iranian languages. From about 500 AD the Turkic languages expanded from Mongolia and replaced most of the Iranian languages.

Vor 200 v. Ztr. lebten in diesem Bereich also die indogermanischen Saken, die sich schon mit lokalen einheimischen Bevölkerungen vermischt hatten, auch mit Nachkommen der iranisch-neolithischen Marghinana-Kultur. Spätestens ab 162 v. Ztr. kam es zu einer Abfolge von Völkerschaften im Siebenstromland und dabei zu einem Untergang der Völker indogermanischer Herkunft (Wiki):

Yuezhi (c. 162-132 v. Ztr.): Ursprünglich hatten die Yuezhi die größte Macht in der chinesischen Provinz Gansu und in der Mongolei. Um 162 v. Ztr. wurden sie von den Xiongnu nach Westen verdrängt. Sie siedelten sich im Ili-Tal an, wobei sie die dortigen Saken verdrängten. Um 132 v. Ztr. wurden sie von den Wusun verdrängt. Sie wanderten nach Süden und bildeten später als Kushan einen bedeutenden Staat in Baktrien.  
Wusun, c. 133 BC-100 v. Ztr.: Die Wusun kamen von Gansu und vertrieben die Yuezhi aus dem Ili-Tal. Um 80 v. Ztr. hatten sie auch Macht im Tarim-Becken. Nach 100 n. Ztr. ging ihre Macht zurück und sie verschwinden aus den historischen Quellen. 
Xiongnu (c. 40 v. Ztr. - c. 155 n. Ztr.): Nachdem die nördlichen Xiongnu von den Chinesen Richtung Westen verdrängt wurden, besetzten sie die Dsungarei und das Siebenstromland, vielleicht etwas nördlich von den Wusun. Die Xianbei, von denen sie besiegt worden sind, könnten ebenso diese Gebiete eingenommen haben. (...)
Göktürken (c. 558-657): Die Goktürken gründeten das erste turksprachige Reich und waren die ersten, die die östliche und zentrale Steppe gleichzeitig beherrschten. (...) 552 eroberten sie die Mongolei, 558 erreichten sie die Wolga und 571 erreichten sie den Oxus. Um 603 trennte sich das westliche Turk-Khaganat von dem östlichen Khaganat in der Mongolei. Um 657 wurden sie von den Chinesen geschlagen.
Yuezhi (c. 162-132 BC): The Yuezhi were originally a major power in Gansu and Mongolia. Around 162 BC, driven west by the Xiongnu, they settled in the Ili valley, driving out the Sakas. About 132 BC they were driven out by the Wusun and moved south and later formed a major state in Bactria as the Kushans.
Wusun, (c. 133 BC-100 AD): The Wusun from Gansu drove the Yuezhi out of the Ili valley. By c. 80 BC they had some power in the Tarim basin. After 100 AD they declined and gradually disappear from the records.
Xiongnu (c. 40 BC-c. 155 AD): When the Northern Xiongnu were driven west by the Chinese they occupied Dzungaria and Semirechye, perhaps somewhat north of the Wusun. The Xianbei who defeated them may also have reached this area. (...)
Gokturks (c. 558-657): The Gokturks became the first Turkic-speakers to found an empire and the first to rule both the eastern and central steppe (the only other case being the Mongols). In 552 they took over Mongolia, c. 558 they reached the Volga and c.  571 they reached the Oxus. By 603 the Western Turkic Khaganate had definitely split from the Eastern Khaganate in Mongolia. Circa 657 they were defeated by the Chinese.

Wir haben es hier also mit einer Abfolge von turksprachigen Völkern zu tun - Hunnen (Xiongnu), Bulgaren (Wusun, Kanju) und Göktürken (ebenfalls Bulgaren?), die trotz ähnlicher Sprachen genetisch unterschiedliche Herkunftskomponenten in sich getragen haben (können).

Abb. 4: Vom Ile-Fluß zur Wolga - Hier das Wolga-Ufer bei Bolgar, in der Nähe der Hauptstadt der Wolgabulgaren (Wiki)

Unter dem Dach der turksprachigen Völker konnten Völker ganz unterschiedlicher Eigenart, Sprache, Kultur und Herkunft "weiter" existieren. Deshalb konnten die Turksprachen auch von den Sprachen dieser Völker - insbesondere der Sogder - beeinflußt werden. Menschen ganz unterschiedlicher kultureller und genetischer Herkunft wurden unter das Dach der Turksprachen eingegliedert und konnten unter diesem Dach ggfs. auch unterschiedliche Lebensweisen weiter führen. Unter den Wusun (Prot-Bulgaren) werden am Ile-Fluß auch Menschen gelebt haben, die zuvor eine seßhafte skythische, bzw. iranisch-neolithische Kultur gelebt hatten, die dann aber eine Turksprache angenommen haben, und die ihre zivilisatorische Kraft noch einmal entfalteten als sie unter anderem als Wolgabulgaren ein fast unbesiedeltes, bewaldetes Land bäuerlich aufsiedelten.

Waren die "Wusun" das Urvolk der Bulgaren?

Über die Wusun war also die interessante Angabe gemacht worden, daß sie einen höheren Anteil iranisch-neolithischer Genetik in sich trugen als die übrigen östlichen (asiatischen) Skythen. In der 2018-Studie hieß es über sie (4, S. 3): 

Wir vermuten deshalb, daß die Wusu-n und Kangju-Gruppen Nachfahren jener bronzezeitlichen Herdenhalter waren, die im Austausch mit der Zivilisation des "Baktrien-Marghiana-Archäologischen Komplexes"  im südlichen Usbekistan und im östlichen Turkmenistan standen.
We therefore suspect that the Wusun and Kangju groups are descendants of Bronze Age pastoralists that interacted with the civilization of the Bactria-Margiana archaeological complex in southern Uzbekistan and eastern Turkmenistan.

Und womöglich hat sich dieses kulturelle und genetische Erbe dahingehend ausgewirkt, daß die Bulgaren das Land an der Wolga so dicht besiedeln "konnten" und dort eben nicht nur als Herdenhalter auftraten. Zunächst noch einmal allgemeiner zu den Wusun/Bulgaren (4): 

Die weite Verbreitung von Turksprachen vom nordwestlichen China, der Mongolei und Sibirien im Osten bis in die Türkei und Bulgarien im Westen setzt großräumige Ausbreitungsbewegungen aus der Urheimat in der Mongolei seit ungefähr 2000 Jahren voraus. Die Verzweigung innerhalb der Turksprachen setzt mehrere Ausbreitungswellen voraus. (...) Die ostasiatisch(/westsibirische) Ausbreitungsbewegung, die mit den Xiongnu beginnt, stimmt gut mit der Hypothese überein, nach der als Hauptsprache der Xiongnu-Gruppen eine frühe Turksprache gesprochen worden ist. Spätere Ausbreitungen von Ostasiaten(/Westsibiriern) Richtung Westen finden eine gute sprachliche Entsprechung in dem Einfluß des Mongolischen auf Turksprachen und auf das Iranische in dem letzten Jahrtausend.
The wide distribution of the Turkic languages from Northwest China, Mongolia and Siberia in the east to Turkey and Bulgaria in the west implies large-scale migrations out of the homeland in Mongolia since about 2,000 years ago. The diversification within the Turkic languages suggests that several waves of migration occurred and, on the basis of the effect of local languages, gradual assimilation to local populations had previously been assumed. The East Asian migration starting with the Xiongnu accords well with the hypothesis that early Turkic was the major language of Xiongnu groups. Further migrations of East Asians westwards find a good linguistic correlate in the influence of Mongolian on Turkic and Iranian in the last millennium.

Eine westsibirische genetische Herkunftskomponente war 2018 noch nicht von einer nordostasiatischen ("mongolischen") genetischen Herkunftskomponente bei den Turkvölkern/Hunnen unterschieden worden. Deshalb fügen wir hier im Text noch in Klammern die entsprechenden Ergänzungen ein. Wie sich die offenen - und offenbar noch nicht abschließend geklärten - Fragen rund um die westsibirische Herkunftskomponente schließlich klären werden, dazu wird man vielleicht noch künftige archäogenetische Studien abwarten müssen.

Ansonsten ist natürlich festzuhalten, daß auch die Wolgabulgaren genetisch zu etwa einem Drittel bis zur Hälfte indogermanischer Herkunft waren.

Abb. 5: Vom Ile-Fluß zur Wolga - Hier Kreuzfahrtschiffe am Wolga-Ufer in Bolgar (Wiki)

Die kulturelle Vielfalt der Wolga-Bulgaren

Nach 600 n. Ztr. entstand jedenfalls zwischen Wolga und Don das Großbulgarische Reich (Wiki). Es wies ein ähnlich blühendes wirtschaftliches und kulturelles Leben auf wie das zeitgleiche Byzanz, das zeitgleiche Arabien oder wie die zeitgleiche Wikinger-Kultur in Schweden. Vom Asowschen Meer aus breiteten sich die Stämme der Bulgaren in fast alle Richtungen aus. 

Einer der Stämme wanderte die Wolga aufwärts und siedelte sich an der Mittleren Wolga an. Ihre Hauptstadt wurde Bolgar (Wiki) an der Wolga, 250 Kilometer nördlich von Samara, eine Stadt, deren mittelalterliche Ruinen 2014 zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden sind. Ein blühendes Leben brachten die Wolga-Bulgaren in diese Region (Wiki):

Vor allem aus arabischen Quellen stammen die zeitgenössischen Berichte über den Handel in Bolgar. Bolgar wurde mit arabischen Geldanleihen zu einem wichtigen Handelszentrum ausgebaut. Gehandelt wurden Pelze, Sklaven, Honig, Tierhäute die als Teppiche Verwendung fanden, Bernstein, Walrosszähne, Wachs und Getreide. Sie belegen die engen Verbindungen des Reiches der Wolgabulgaren mit Mittelasien. Auch russische Händler kamen zum Handeln nach Bolgar. Trotz des Handels mit Arabien blieben bei den slawischen und bulgarischen Bevölkerungsteilen dennoch alttürkische Sitten und Bräuche des Tengrismus erhalten. So blühte durch die Arabisch-Bulgarische Verquickung in Bolgar Wissenschaft und Kultur auf. Zu Anfang des 11. Jahrhunderts erhielt die Stadt eine Mauer aus Eichenholz.  Die archäologische Hinterlassenschaft auf dem Burgwall in Bolgar läßt für das 10.–12. Jahrhundert eine Burgstadt mit weitreichenden Fernhandelsverbindungen nach Ost und West sowie Niederlassungen von fremden Kaufleuten (aus Armenien, der Rus und Donaubulgarien) erkennen. Die hier gefundenen silbernen und kupfernen Münzen tragen teilweise arabische, teilweise kufische Schrift und sind zum Teil schön geprägt. Des Weiteren sind noch viele Grabsteine mit tatarischen, arabischen und armenischen Inschriften und Bildwerken, sowie alte Waffen, Münzen und Gerätschaften aller Art erhalten.

Die Stadt wurde 1361 von der Goldenen Horde zerstört. Vom russischen Staat wird ihr kulturelles Erbe gepflegt. Viele seit dem Mittelalter verfallene Ruinen der Stadt - orthodoxe Kirchen, Moscheen, Minarette, Friedhöfe etc. - sind heute wieder hergestellt worden. Weiter lesen wir (Wiki):

Wolgabulgarien nahm unter Khan Alamusch (Almush, Almas, Almış reg. 895–925) um 922 den Islam an (vgl. Ibn Fadlan) und entwickelte sich bald zu einer bedeutenden Handelsmacht, die insbesondere den Fernhandel (Luxusprodukte) zwischen der Kiewer Rus und den islamischen Ländern im Süden vermittelte. Diplomatische Beziehungen reichten unter Ibrahim (reg. 1006–1025) um 1024 bis Chorasan. Man betrieb in dem dicht besiedelten Land erfolgreich Ackerbau und gründete mehrere Städte wie Bolgar (beim heutigen Kasan), die Moscheen, Karawansereien und öffentliche Bauten besaßen. Zahlreiche Dörfer und kleine Festungen werden verzeichnet. 


Abb. 6: Blick auf die Ruinen von Bolgar an der Wolga (Real.Vre.)

Die heute noch fortbestehenden Tschuwaschen (Wiki), die die einzige, noch lebendige bulgarische Sprache sprechen, sind - mit großer Wahrscheinlichkeit - Nachkommen der Wolgabulgaren (Wiki):

Gleichzeitig haben sie in ihrer traditionellen Kultur viele Gemeinsamkeiten mit den eine wolgafinnische Sprache sprechenden Mari (Tschermissen) und anderen Bevölkerungsgruppen der Wolga-Ural-Region.

In Bulgarien nämlich haben die Bulgaren ihre eigene ursprüngliche Turksprache aufgegeben. Sie sprechen heute eine slawische Sprache. Der arabische Reisende Ibn Fadlān nahm an einer Gesandtschaft 922 nach Bolgar zu den Wolgabulgaren teil. Er (Wiki)

hinterließ eine detaillierte Beschreibung des Reiches der Wolgabulgaren, seines Herrscherhofes, seiner gesellschaftlichen und religiösen Verhältnisse und Stammesverbände. Darin bezeichnet er deren Herrscher Almysch, Sohn des Sälkäy, als „König der Saqāliba“, ein arabischer Begriff, der auf den griechischen Namen für Slawen zurückgeht. Die Ausdrücke „König der Slawen“ und „König der Bulgaren“ fallen abwechselnd in Ibn Fadlans Berichten. Im Reich der Wolgabulgaren im 7.-13. Jahrhundert lebten damals aber noch keine slawischen Stammesverbände, sondern nur die turksprachigen Stämme der Wolgabulgaren und autochthone finno-ugrische Stämme. Der Name Almysch und die Namen vieler anderer überlieferter Herrscher und Teilstämme sind deutlich turksprachiger Herkunft. Der Umstand wird heute allgemein so erklärt, daß Ibn Fadlān, wie auch mehrere andere arabische Autoren dieser Zeit, die Bezeichnung Saqāliba nicht als eindeutigen linguistischen Begriff, sondern als geographische Sammelbezeichnung für Bewohner Ostmittel-, Südost- und Osteuropas verwendeten.

Damit soll nur ein kurzer Einblick gegeben worden sein in diese faszinierende mittelalterliche Völkerwelt.

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*) Wobi hier nur das repräsentative Handeln eines Staatsoberhauptes positiv eingeordnet wird. Daß ein Politiker wie Wladimir Putins, an dessen Händen das Blut des grausamen Völkermords an den Tschetschenen niemals abzuwischen sein wird, sich mit solchen Dingen einen "seriösen" Anstrich geben will, ist nachvollziehbar - aber letztlich reine Augenwischerei. Bei der westliche Politiker und Medien ständig in der nachlässigsten, sprich empörendsten Weise mitmachen.

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  1. Vyazov L.A., Ershova E.G., Ponomarenko E.V., Gajewski K., Blinnikov M.S., Sitdikov A.G. (2019) Demographic Changes, Trade Routes, and the Formation of Anthropogenic Landscapes in the Middle Volga Region in the Past 2500 Years. In: Yang L., Bork HR., Fang X., Mischke S. (eds) Socio-Environmental Dynamics along the Historical Silk Road. Springer, Cham. https://doi.org/10.1007/978-3-030-00728-7_19, https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-030-00728-7_19
  2. Svetoslav Stamov: Significant (Z|-4|) admixture signal with a source from ancient Wusun observed in contemporary Bulgarians. bioRxiv. posted 2 June 2021, http://biorxiv.org/content/early/2021/06/02/2021.06.02.446576?ct=ct
  3. Bading, Ingo: Söhne der Sonne - Die Indogermanen Asiens, Juli 2018, https://studgendeutsch.blogspot.com/2018/07/sohne-der-sonne-die-indogermanen-asiens.html
  4. Damgaard et. al. 2018 (Eske Willerslev): 137 ancient human genomes from across the Eurasian steppes. Nature Magazine, 9. Mai 2018, https://www.nature.com/articles/s41586-018-0094-2
  5. Timur Rakhmatullin: ''Raw materials came from the Baltic states'' - The secret of amber workshop in Bolgar, 15.03.2019, https://realnoevremya.com/articles/3385-the-secret-of-amber-workshop-in-bolgar
  6. Hudson, M.J., Bausch, I.R., Robbeets, M. et al. Bronze Age Globalisation and Eurasian Impacts on Later Jōmon Social Change. J World Prehist 34, 121–158 (2021), Published07 July 2021      Issue DateJune 2021. https://doi.org/10.1007/s10963-021-09156-6
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